PRIMS Full-text transcription (HTML)
Geſchichte der Wiſſenſchaften in Deutſchland.
Neuere Zeit.
Zwölfter Band. Geſchichte der Zoologie.
München. Verlag von R. Oldenbourg.1872.
Geſchichte der Zoologie
München. Verlag von R. Oldenbourg. 1872.
[V]

Vorwort.

Das Thierreich nimmt in der den Menſchen umgebenden Natur eine ſo hervorragende Stelle ein, daß die Geſchichte der Kenntniß des - ſelben, die Entwickelung einer Wiſſenſchaft von den Thieren ohne ein Eingehen auf die Stellung, welche der allgemeine Culturzuſtand dem Menſchen den Thieren gegenüber anweiſt, nicht zu geben iſt. Die Möglichkeit des Auftretens beſtimmter wiſſenſchaftlicher Fragen hängt hiervon und damit von dem Culturzuſtande ſelbſt ab. Die Geſchichte der Zoologie iſt nur aus einer allgemeinen Geſchichte der Cultur zu ver - ſtehn. Dies wird um ſo deutlicher, je weiter man ſich rückwärts nach Zeiten hin bewegt, welchen mit den Unterſuchungs - und Beobachtungs - mitteln auch die ſpeciellen leitenden Geſichtspunkte fehlten. Es mußte daher in der vorliegenden Darſtellung eingehende Rückſicht auf die Cul - turgeſchichte genommen und zu zeigen verſucht werden, wie dieſelbe all - mählich jene ſpecielleren Ideen entſtehn ließ. Es war dies eine, zwar fruchtbare, aber durch kaum irgend eine nennenswerthe Vorarbeit er - leichterte Unterſuchung.

Es könnte trotzdem vielleicht befremden, daß von dem für die Ge - ſchichte der Zoologie in neuerer Zeit beſtimmten Raume ein reichliches Drittel dem Alterthum und Mittelalter gewidmet iſt. Und doch bedarf dies wohl kaum der Rechtfertigung. Denn abgeſehen davon, daß das Wiederaufleben der Wiſſenſchaft nicht mit dem Eintritte der ſogenanntenVIVorwort.neuern Zeit zuſammen, ſondern bereits in das dreizehnte Jahrhundert fällt, konnte eine Darſtellung der nicht bloß für die Geſchichte der Zoo - logie wichtigen Erſcheinungen, welche jenen Wendepunkt in der Cultur - geſchichte auszeichnen, nicht ohne eingehende Unterſuchung der noch weiter zurückliegenden Aeußerungen wiſſenſchaftlichen Lebens gegeben werden. Wenn auch der Entwickelung der Vorſtellungen von einzelnen Thieren, der Anſichten vom Leben und Treiben ſpecieller Formen, welche häufig den Inhalt allgemeiner Anſchauungen bedingt haben, nach dem Plane der vorliegenden Geſammtſchilderung nicht nachgegangen werden konnte, ſo durfte doch eine ausführliche Beſprechung der Lehr - und Unterrichtsmittel und Schriftwerke aus früherer Zeit, welche die Continuität jener zum großen Theile erhalten haben, um ſo weniger vermieden werden, als gerade dieſer Seite der Geſchichte der eigenen Wiſſenſchaft von den Fachmännern ſo gut wie gar keine Aufmerkſamkeit geſchenkt worden iſt. Es mag hier beiſpielsweiſe nur an die Zoologie der Araber und an den Phyſiologus erinnert werden. Jene kennt man auch heute meiſt nur aus den von Bochartund einigen wenigen Andern gegebenen Auszügen; dieſer war wohl den Philologen in einzelnen Bearbeitungen bekannt, doch dürfte es auch für die Zoologen nicht unwichtig ſein zu ſehn, wie eine kleine Anzahl nicht einmal kritiſch und vorurtheilsfrei zuſammengeſtellter Angaben ein volles Jahrtauſend hindurch den allgemeinen Anforderungen an ein populäres Thierbuch genügt zu haben ſcheint. Es galt hier aber nicht bloß den Fachgenoſſen Auskunft über im Ganzen wohl an Entdeckungen unfruchtbare Jahr - hunderte zu geben. Man begegnet gleich in den erſten Werken der neueren Zeit einer Menge höchſt eigenthümlicher Anſchauungen und wunderbarer Mittheilungen, welche für den Fortſchritt nicht unweſent - liche Momente aus dem Zuſtande der Wiſſenſchaft in jener Zeit ſelbſt nicht, wohl aber aus ihrer Vorgeſchichte zu erklären ſind. Da dieſe in einer allgemeinen Culturgeſchichte des Mittelalters höchſtens andeutungs - weiſe berührt werden könnten, durfte die Schwierigkeit, den rothenVIIVorwort.Faden auch durch ein ſonſt ſteriles Jahrtauſend zu verfolgen nicht ge - ſcheut werden. Viele befreundete Männer habe ich, und in keinem Falle vergebens, um Rath und Auskunft gebeten. Ob ich das mir Dargebotene überall richtig verwandt habe, vermag ich ſelbſt nicht zu entſcheiden. Sollten die früheren Jahrhunderte des Mittelalters für die Geſchichte der Thierkunde heller geworden ſein, ſo verdanke ich es vorzüglich ihrer Hülfe.

Noch weniger bedarf es einer Darlegung der Gründe, weshalb die Geſchichte nicht bis auf das letzte Jahrzehnt fortgeführt worden iſt. Was die Gegenwart bewegt und ihren wiſſenſchaftlichen Gährungen als Ferment dient, kann wohl auf ſeine Quellen und auf ſeinen Zu - ſammenhang mit dem allgemeinen Culturfortſchritt unterſucht, aber nicht hiſtoriſch dargeſtellt werden. Erleichtert wurde der Abſchluß durch den Umſtand, daß durch das Erſcheinen des Darwin 'ſchen Werkes über den Urſprung der Arten, welches faſt genau mit dem leider für die Wiſſenſchaft zu früh erfolgten Tode Johannes Müller'szuſammen - fiel, eine neue Periode der Geſchichte der Zoologie anhebt. Mitten in der Geburtszeit derſelben drin ſtehend iſt es dem Jetztlebenden ſchwerer, als es ſpäteren Hiſtorikern werden wird, mit ruhiger Objectivität die weſentlichen von den unweſentlichen Momenten zu ſcheiden, die mannich - fachen Ueberſtürzungen, zu denen das plötzlich ſo unendlich erweiterte Geſichts - und Arbeitsfeld verführt hat, von den haltbaren, den Sturm des Meinungsſtreites überdauernden wirklichen Fortſchritten zu ſondern.

Die moderne Naturforſchung hat ſich bis jetzt einer hiſtoriſchen Behandlung ihrer eignen Vorzeit wenig geneigt gezeigt. Wie ihr aber das Bewußtſein, daß ſie nur eine Entwickelungsſtufe in dem Fortgange der betreffenden Ideen darſtellt, den directen Vortheil bringt, daß ſie dieſe, wie früheren Keimen entſprungen, ſo auch weiterer Ausbildung fähig erkennt und daß ſie durch Einſicht in das Entwickelungsgeſetz derſelben zu weiteren Schritten geführt wird, ſo würde mancher StreitVIIIVorwort.mit andern Geiſtesrichtungen eine mildere Form annehmen, wenn der von der andern Seite ſo ſcharf betonten Nothwendigkeit einer Pflege idealiſtiſcher Bedürfniſſe durch geſchichtliche Unterſuchungen Rechnung getragen würde, welche ja ſowohl durch die Methode als auch durch die zu erlangenden Reſultate jenem Zuge zum Idealismus ſo ausnehmend Vorſchub leiſten. Wie hier der Geſchichte im Allgemeinen wohl einſt noch eine weitere Rolle zufallen dürfte, ſo ſollten die, den geiſtigen Fort - ſchritt ſo weſentlich mit beſtimmenden Naturwiſſenſchaften zeigen, daß ſie außer durch ihren poſitiven Inhalt auch durch die Behandlungs - weiſe ihrer eigenen Entwickelung fördernd auf die Entwickelung der Cultur zu wirken im Stande ſind.

IX

Inhalt.

VorwortS. V.

Einleitung.

Die verſchiedenen Seiten einer wiſſenſchaftlichen Betrachtung des Thierreichs, S. 1. Kenntniß der thieriſchen Formen, Syſteme; Kenntniß des thieriſchen Baues, Morphologie, S 2. Verhältniß des Thierreichs zur Erdoberfläche, Geſchichte des Thierreichs, S. 5.

Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.

Die Urzeit. S. 9. 1 ) Sprachliche Begründung einer den Urvölkern eigenen Thierkenntniß, früheſte Hausthiere, S. 10. 2 ) Eintritt der Thiere in den religiöſen Vorſtellungskreis, S. 15. 3 ) Alter und Verbreitung der Thierfabel, geographiſche Färbungen derſelben, S. 18. 4 ) Litterariſche Quellen der vorclaſſiſchen Zeit: Bibel, indiſche Litteratur, ägyptiſche und aſiatiſche Bildwerke, S. 22.

Das claſſiſche Alterthum, S. 26. Griechen und Römer, S. 26. Beob - achtungsmittel und Methode, S. 29. Unterſchied von Pflanze und Thier, S. 31. 1 ) Kenntniß der Thierformen. Fehlen des Begriffs thieriſcher Arten, S. 32, und einer wiſſenſchaftlichen Nomenclatur, S. 34. Hausthiere, S. 35. Ueberſicht nach den Claſſen, S. 39. Menſch, S. 44; Wirbelthiere, S. 46; Wir - belloſe Thiere, S. 53. 2 ) Kenntniß des thieriſchen Baues, S. 56. Die älteren griechiſchen Naturphiloſophen, S. 58. Ariſtoteles, S. 63; die nachari - ſtoteliſche Zeit, S. 72. 3 ) Verſuche zur Syſtematik, S. 76. Ariſtoteles, S. 77. Plinius, S. 85. 4 ) Anſichten über das Verhältniß der Thiere zur Erdoberfläche. Geographiſche Verbreitung, S. 88. Foſſile Thiere, S. 89.

Ausgang des Alterthums, S. 89.

Die Zoologie des Mittelalters.

Periode des Stillſtands bis zum zwölften Jahrhundert, S. 96. Kirchlicher Einfluß: Mönchthum und Macht der Kirche; Unterricht, S. 99. Boë - thius, Caſſiodor, Marcianus Capella, S. 104. Iſidorvon Sevilla, S. 105.

Der Phyſiologus. Elementarbuch der Zoologie, S. 108; Verbreitung deſſelben, S. 109. Die erwähnten Thiere, S. 118. Entſtehung, S. 139, Ge - ſchicke des Buches, S. 143. Symboliſche Zoologie, S. 144.

Stand des Wiſſens und der Cultur am Ende des zwölften Jahrhunderts, S. 145. Höhe der päbſtlichen Gewalt, S. 146. RealismusXInhalt.und Nominalismus, S. 148. Scholaſtik, S. 148. Reformatoriſche Verſuche S. 150. Franziskaner und Dominikaner, S. 150.

Zoologie der Araber, S. 151. Culturhiſtoriſche Charakteriſtik der Araber, S. 151. Originalarbeiten, S. 158. Ueberſetzungen, S. 170. Ariſtotelesund Plinius, S. 175. Apolloniusvon Tyana, S. 176.

Das dreizehnte Jahrhundert, S. 178. Erweiterung der ſpeciellen Thier - kenntniß, S. 178. Reiſen; Marco Polo, S. 195. Wiederauftritt des Ariſtoteles, S. 201. Michael Scotusund Wilhelm von Moerbeke, S. 208. Die drei Hauptwerke des dreizehnten Jahrhunderts: Thomasvon Cantimpré, S. 211; Albertder Große, S. 223; Vincenzvon Beauvais. S. 238.

Weitere Zeichen einer litterariſchen Thätigkeit, S. 242. Bartholomäus Anglicus, S. 245.

Ausgang des Mittelalters, S. 247. Conradvon Megenberg, S. 248. Jacobvon Maerlandt, S. 251. Univerſitäten, S. 254. Humanismus, S. 255. Buchdruck, S. 257. Entdeckungsfahrten, S. 257.

Die Zoologie der Neuern Zeit.

Periode der encyklopädiſchen Darſtellungen.

Allgemeine Charakteriſtik des Zeitraums, S. 259. Syſtematik: E. Wot - ton, S. 265. Verbreitete Anſchauungen vom Thierreich, S. 268. Adam Lonicer, S. 271.

Geſammtdarſtellungen: C. Gesner, S. 274. Ul[.]Aldrovandi, S. 288. J. Jonſtonus, S. 297. Handbücher: J. Sperling, S. 305. Bibli - ſche Zoologie: H. H. Frey, S. 310. Wolfg. Franz, S. 312; Sam. Bochart, S. 315. Die Zoologie in der allgem. Litteratur, S. 317. Abbildungen, S. 318.

Erweiterung der ſpeciellen Thierkenntniß, S. 321. Reiſen, S. 322. Amerika: Oviedo, Acoſta, Hernandez, S. 324. Marcgravund Piſo, S. 326. Oſt-Indien: Bontius, S. 330. Afrika: Joh. Leo, Prosper Al - pinus, S. 331. Mittelmeerküſten: P. Belon, S. 332. Nord-Europa: Ol. Magnus, S. 335; S. von Herberſtein, S. 336. Fauniſtiſches: S. 337.

Arbeiten über einzelne Claſſen und Formen, S. 339. Säuge - thiere, S. 340. Vögel, S. 347; Schlangen, S. 354; Fiſche, S. 355. Mollus - ken, S. 368. Inſecten, S. 369. Würmer, S. 372. Foſſile Formen, S. 374.

Zootomiſche und vergleichend-anatomiſche Leiſtungen, S. 376. Volcher Coiter, S. 377. Fabricius ab Aquapendente, S. 379. Severino, S. 381. Thom. Willis, S. 383.

Periode der Syſtematik.

Allgemeine Charakteriſtik des Zeitraumes, S. 386.

Fortſchritte der Anatomie: Einführung des Mikroſkops, S. 392. Malpighi, S. 394; Leeuwenhoek, S. 399; Swammerdam, S. 400; Redi, S. 403. Blaes, S. 406; Valentini, S. 406.

Gründung der naturwiſſenſchaftlichen Akademien, S. 407. XIInhalt.Academia Naturae Curiosorum, S. 409; Royal Society, S. 413; Académie des Sciences, S. 415. Französische Provincialakademien, S. 417; Akademien in Berlin, Petersburg, Stockholm, Kopenhagen, Bologna, S. 418.

Localnaturgeſchichten, S. 420. Pflege der Muſeen und Thiergärten, S. 422. Duverney, Meryund Perrault, S. 424. An - zeichen des Fortſchritts, S. 425. Walter Charleton, S. 426.

John Ray, S. 428. Franc. Willughby, S. 430. Arbeiten Ray's, S. 431. Martin Liſter, S. 447. Die Zeit von Raybis Klein, S. 449. Jak. Theod. Klein, S. 472.

Karl von Linné, S. 492. Seine Verdienſte, S. 497; ſein Syſtem, S. 503. Anregungen, welche die Zoologie Nicht-Syſtematikern verdankt: Buffon, S. 522; Bonnet, S. 526. De Mailletund Robinet, S. 527.

Erweiterung der Thierkenntniß durch Reiſen und Faunen, S. 528. Zoogeographie, S. 534.

Peter Simon Pallas, S. 535.

Fortbildung der Syſtematik; M. J. Briſſon, S. 539. J. Her - mann, S. 542. Phyſikotheologie, S. 543.

Fortſchritte der Kenntniß einzelner Claſſen: Menſch, S. 544. Säugethiere, S. 546. Vögel, S. 549. Reptilien und Amphibien, S. 551. Fiſche, S. 553. Mollusken, S. 555. Gliederthiere, S. 557. Würmer, S. 561. Polypen, S. 562. Infuſorien, S. 564. Foſſilien, S. 565.

Vergleichende Anatomie: P. Camper, S. 566; A. von Haller, S. 567; L. Spallanzani, S. 568; C. F. Wolff, S. 568; J. Hunter, S. 568; F. Vicq d'Azyr, S. 569. Thierſeelenkunde, S. 570.

Auftreten wiſſenſchaftlicher Zeitſchriften, S. 571.

Periode der Morphologie.

Allgemeine Charakteriſtik des Zeitraums, S. 573.

Die deutſche Naturphiloſophie, S. 576. Schelling, S. 576; Oken, S. 579; Schubert, Burbach, C. G. Carus, S. 589. Goethe, S. 589.

Fortbildung der vergleichenden Anatomie. Kielmeyer, S. 592. Geoffroy-Saint-Hilaire, S. 593. G. Cuvier, S. 597. Bichat, S. 603. Blu - menbach, S. 603. Döllinger, Burbach, G. Fiſcher, S. 604. Tiedemann, Bo - janus, S. 605. C. G. Carus, S. 605. J. Fr. Meckel, S. 606. Rudolphi, E. H. Weber, S. 609. Blainville, S. 610.

Die Lehre von den thieriſchen Typen, S. 612. Lamarck, S. 612. G. Cuvier, S. 614. Blainville, S. 615. C. E. von Baer, S. 616.

Entwicklungsgeſchichte, S. 619. Oken, S. 620; Pander, S. 621; C. E. von Baer, S. 622; H. Rathke, S. 625. Entdeckung des Säugethiereies, S. 628; Furchung, S. 629.

Zellentheorie, Th. Schwann, S. 629.

Morphologie und vergleichende Anatomie, S. 633; Rathke, S. 635; Joh. Müller, S. 635; Rich. Owen, S. 638. Savigny, S. 641. M. Sars, S. 643. Generationswechſel, S. 644. Handbücher, S. 646.

XIIInhalt.

Paläontologie, S. 647.

Erweiterung der Thierkenntniß durch Reiſen und Faunen, S. 651. Expeditionen der Franzoſen, S. 652, der Engländer, S. 653, der Ruſſen, S. 654, der Deutſchen, S. 655, der Schweden, S. 656, der Nordamerikaner, S. 656. Specielle Reiſen und Faunen, S. 656. Süd-Amerika, S. 656. Nord-Amerika, S. 658. Auſtralien, S. 660. Süd-Aſien, S. 660. Afrika, S. 661. Europa, S. 663. Zoogeographie, S. 664.

Fortbildung des Syſtems, S. 666. Syſteme nach einzelnen Organen, S. 669. Naturphiloſophiſche Syſteme, S. 672. Weitere Begründung der Typen, S. 676.

Fortſchritte der Kenntniß einzelner Claſſen, S. 680. Proto - zoen, S. 680. Coelenteraten, S. 684. Echinodermen, S. 687. Würmer, S. 688. Arthropoden, S. 693. Mollusken, S. 698. Wirbelthiere, S. 702. Menſch, S. 714.

Hiſtoriſche Zoologie, S. 717.

Entwickelung der Thierwelt, S. 720. Lamarck, S. 721. F. S. Voigt, S. 723, Et. Geoffroy St. Hilaire, S. 724, Darwin, S. 725.

Schlußbemerkungen, S. 727.

Nachträge und Verbeſſerungen.

Da der Druck dieſes Bandes ſchon vor dem Kriege begonnen, aber in Folge dieſes ſowie einer längern Erkrankung des Verf. unterbrochen wurde, können noch folgende Verbeſſerungen gegeben werden.

S. 20. Anm. 21. Ueber Klagen gegen Thiere ſ. noch Menabréa, de l'origine des jugements contre les animaux, in Mém. Soc. acad. Savoie. T. XII. 1846.

S. 32. Anm. 33. Die zweite Auflage von Wackernagel's Voces anima - lium iſt inzwiſchen erſchienen.

S. 37. Anm. 44. Meine Anſicht unterſtützt eine Angabe Geſner's, welcher (Hist. animal. lib. I. p. 215) Μελίτη für die Inſel Meledabei Raguſa hält.

S. 105. Z. 7 v. o. l. Werk ſtatt Schrift.

S. 125. Aehnliches von dem was hier der Phyſiologus vom Biber erzählt, führt Rafael. Volaterranus(teste Gesner, Quadruped. p. 838) von Poëphagus (Yak?) an: praescindit sibi sponte caudam.

S. 193. Von der Baumgans handelt noch ausführlich Bonanni, Recreatio mentis et oculi. Romae 1684. p. 96.

S. 281. Die hier erwähnte Schrift von Mich. Herroder Herusiſt gedruckt: Gründlicher Underricht, wahrhaffte und eygentliche Beſchreibung wunderbarlicher ſeltzſamer Art, Natur, Krafft und Eygenſchafft aller vierfüſſigen Thier u. ſ. w. Straßburg, 1546, gedruckt bei Balth. Beck. Das Buch iſt ſelten.

[1]

Einleitung.

Es iſt nicht anders zu erwarten, als daß der Menſch, welcher mitten in die belebte Natur hineingeſtellt ſich als Theil derſelben fühlen mußte, ſchon ſehr früh die Formen der Thiere, ihr Leben und Treiben, ihr Vorkommen und ihre Verbreitung mit der größten Aufmerkſamkeit und Hingebung betrachtet hat. Mag die Thierwelt ihm in ihren leichter bezwingbaren Gliedern Mittel zur Befriedigung ſeiner materiellen Be - dürfniſſe wie Nahrung und Kleidung dargeboten haben, oder mögen die Thiere, welche nicht an den Boden gebannt, neben voller Freiheit der Bewegung, die Gewalt der Stimme haben und zur Seite des Menſchen als mitthätige Geſchöpfe in dem Stillleben einer gleichſam leidenden Pflanzenwelt auftreten 1) J. Grimm, Einleitung zum Reinhart Fuchs. S. I., ihn durch die Mannichfaltigkeit ihrer Lebensäußerungen zum neugierigen Beobachten oder auch zur Ab - wehr ihrer Angriffe angeregt haben, immer werden ſich zu Worten füh - rende Begriffe gebildet haben, welche entweder den ſinnlichen Eindrücken entſprechend oder über dieſe hinausgehend zu den früheſten Beſitzthü - mern des Bewußtſeins gehörten. Es wird dies ſchon in Zeiten ge - ſchehen ſein, wo nur wenig andere Beziehungen, wie etwa die des Menſchen zum Menſchen, der Familienglieder zu einander, dem Vor - ſtellungskreis des Menſchen begrifflich eingereiht waren.

Dürfen wir den Urſprung einer Wiſſenſchaft in die Zeit des erſten Bekanntwerden mit dem Gegenſtande derſelben ſetzen, dann iſt die Zoo - logie wenn nicht die älteſte doch eine der älteſten Wiſſenſchaften. Frei - lich enthält ſie zunächſt nichts als Kenntniſſe einzelner Thierformen, V. Carus, Geſch. d. Zool. 12Einleitung.welche unverbunden und nur zufälligen Erfahrungen entſprungen wa - ren. Doch iſt das, was wir aus den in der Sprache niedergelegten Er - gebniſſen jener anfänglichen Bekanntſchaft mit den Thieren abzuleiten im Stande ſind, auch für rein zoologiſche Fragen von wiſſenſchaftlichem Werthe.

In Folge des gegen ſpätere Zeiten ungleich innigeren Anſchluſſes an die Natur, von welcher den Menſchen weder Verweichlichung und Verfeinerung der Sitten noch Beſchäftigung mit nicht ſtreng zu ihr Ge - hörigem geſchieden hatte, entwickelte ſich allmählich ein nicht bloß äußer - liches Vertrautſein mit dem Leben der Thiere. Wie der Menſch bei Thie - ren gemüthliche Aeußerungen, Neigungen und Abneigungen, häusliches oder geſelliges Leben beobachtete, Erſcheinungen, welche dem von und an ihm ſelbſt Gefühlten und Erlebten wenn auch nicht dem Inhalte doch der Form nach ähnlich waren, ſo trat die Veranlaſſung wohl nicht unbe - gründet an ihn heran, ähnliche äußere Wirkungen auch auf ähnliche innere Urſachen zurückzuführen und die bei Thieren geſehenen Regun - gen geiſtigen Lebens mit einem ſeiner Seelenthätigkeit entſprechenden Maßſtab zu meſſen. Miſchte auch die Einbildungskraft ein reichliches Theil völlig Unhaltbaren der Geſammtheit des richtig Beobachteten zu, ſo gehören doch die über das Seelenleben einzelner Thiere gewonnenen Kenntniſſe zu dem Werthvollſten, was uns die ſchöne ſagenreiche Ur - zeit, als noch die Thiere ſprachen , überliefert hat. Auch hiervon hat eine Geſchichte der Zoologie manches Bedeutungsvolle aufzunehmen.

Führte ſo die erſte Bekanntſchaft mit Thieren zu einer Kenntniß der äußeren Geſtalt derſelben und derjenigen ihrer Eigenſchaften, welche weſentlich die Art ihres Verhältniſſes zum Menſchen beſtimmten, ſo konnte das gliedernde und ordnende Denkvermögen dem ſich immer reicher entfaltenden Bilde des Thierlebens gegenüber nicht hierbei bloß ſtehen bleiben. Wie ſchon die Sprache in ihren Bezeichnungen für die verſchiedenen Thiere keine Namen für Einzelweſen, ſondern Geſammt - ausdrücke für ſämmtliche gleichgeſtaltete, gleichgefärbte, gleichlebende Thiere ſchuf, ſo wurden dieſelben allmählich zu der Bedeutung erwei - tert, daß ſie gewiſſermaßen als Fächer zur Aufnahme neuer, nach und nach in die Erfahrung des Menſchen eintretender Thiere dienen konn -3Einleitung.ten. Es entſtanden Worte wie Vogel, Fiſch, Wurm u. ſ. w., welche urſprünglich, d. h. durch die zu ihrer Bildung benutzten Wurzeln, an hervorſtechende Eigenthümlichkeiten gewiſſer Thiere erinnernd allmäh - lich zu Namen für Thiergruppen wurden, zuweilen ſelbſt mit Verluſt ihrer erſten Bedeutung. Aber auch dieſe faſt unbewußte, jedenfalls nicht wiſſenſchaftlich beabſichtigte Sammlung des Gleichen und Aehn - lichen unter gemeinſame Bezeichnungen konnte dem Bedürfniß einer bewußten Anordnung nicht genügen. Dieſes mußte aber eintreten, ſo - bald Thiere bekannt wurden, welche ſich nicht ohne weiteres in das ſprachlich entwickelte Fachwerk fügen wollten. Vielleicht ſind einige der von Alters her als fabelhaft bezeichneten Thiere als ſolche anzuſehen, für welche in der Sprache noch keine Gattungsbezeichnungen vorhan - den waren.

Dieſem ſelben Drange, in die Mannichfaltigkeit des Geſehenen nicht bloß Ordnung zu bringen ſondern auch Sinn, entſprangen die bis in unſere Zeit hineinreichenden Verſuche das Thierreich einzutheilen oder zu claſſificiren. Der Wunſch, die Menge der Geſtalten überſicht - lich und ſo zu ordnen, daß Bekanntes leicht zu erkennen, Unbekanntes bequem unterzubringen ſei, führte zu der Form von Syſtemen, welche wir mit mehr oder weniger Recht künſtliche nennen. Iſt auch nicht zu verkennen, daß manche Verſuche, derartige Gebäude aufzuführen, äußerſt ſinnreich waren, ſo kommt doch in das Syſtem ſelbſt erſt da - durch wahrer Sinn, daß nicht willkürlich einzelne Merkmale vorweg zu Eintheilungsgründen gemacht werden und nach ihnen die Stellung des Thieres beſtimmt wird, ſondern daß die Thiere nach allen ihren Eigen - thümlichkeiten und Beziehungen unterſucht und mit einander verglichen werden.

Von größter Bedeutung iſt hierbei das Eintreten eines Wortes zur Bezeichnung des Verhältniſſes der Thiere zu einander, welches in einzelnen Ableitungen allerdings wohl ſchon bald in die Sprachweiſe der Schulphiloſophie übergieng und damit ſeine anfängliche Bedeutung in Vergeſſenheit treten ließ, welches aber dennoch ſowohl dem Syſteme Sinn, als der auffallenden Aehnlichkeit vieler Thiere Erklärung brachte, das Wort Verwandtſchaft . Bei den Alten beherrſchte das1*4Einleitung.Sinnliche den Gedanken; die Speculation ſchloß ſich daher der Form ſtarr an. Doch konnte ſie ſich der Leitung durch den Sprachgebrauch nicht entziehen; und dieſer führte durch ſo eine bedeutungsvolle Reihe von Worten, wie Gattung , Gattungsgenoſſen , verwandt 2)Wenn noch bei Homerγένος άνϑρώπων, βοῶν u. ſ. f. die auf gemein - ſamer Zeugung ruhende Geſammtheit einzelner Formen bezeichnet, ſo wird von Herodotan γένος zur Bezeichnung der Familienſippſchaft erweitert, woraus ſich allmählich der Begriff der Verwandtſchaft im Allgemeinen entwickelte Es erhalten daher die γένη μέγιστα, die συγγενεῖα, die μορφἠ συγγενετικἡ des Ariſtoteleseinen Sinn, welcher unſerem naturhiſtoriſchen Ausdruck verwandt um ſo mehr entſpricht, als ja auch uns die Bedeutung des Wortes Gattung bei Ausſprache und Leſung deſſelben kaum mehr gegenwärtig iſt. Vor den Griechen fand ſich nichts dem ähnliches. Den alten Indern fehlte der Ausdruck für dieſen weiteren Grad der Zuſammengehörigkeit. Die Sanskritworte kula und gotra laſſen keinen gemeinſa - men Urſprung durchblicken, und gâti, welches der Wurzel nach zu γένος gehört, wird nur im philoſophiſchen Sinne gebraucht., auf die Muthmaßung oder wohl nur unbewußte Ahnung einer Zuſammen - gehörigkeit ähnlicher Thierformen in einem Sinne, welcher erſt in neueſter Zeit Quell für viele anregende und fördernde Betrachtungen geworden iſt.

Mit der Erkennung und Unterſcheidung der Thiere gieng aber von Anfang an eine Reihe von Beobachtungen Hand in Hand, welche nicht wie jene allein auf das Aeußere, ſondern vorzüglich auf die innere Zu - ſammenſetzung des Thierkörpers gerichtet waren. Zunächſt kam es wohl nur darauf an, die zur Befriedigung der wichtigſten Bedürfniſſe des Menſchen brauchbaren Theile kennen und irgendwie kunſtgerecht ſondern zu lernen. Dem ſein Vieh oder ſein Wild abbalgenden und ausweidenden Hirten und Jäger folgte bald der Haruſpex, welcher zwar die Eingeweide und das Blut der Thiere3)auch der Menſchen bei den Cimbern, ſ. Strabo, 7, 2: ἐκ δὲ τοῦ προ - χεομένου αἵματος εἰς τὸν κρατῆρα μαντείαν τινὰ ἐποιοῦντο, nämlich aus dem Blute geſchlachteter Gefangenen. Weiſſagung aus den Eingeweiden Erſchlage - ner findet ſich noch im frühen Mittelalter. nur um die Geheimniſſe der Zukunft befragte, durch die Uebung ſeines Handwerks aber doch eine allgemeine Kenntniß ihrer Form und Lagerung erlangen mußte. Da - bei konnte denn die auffallende Aehnlichkeit mancher Thiere mit einander5Einleitung.nicht entgehen. Was anfangs nur zufällig gefunden wurde, gab Ver - anlaſſung zum ſpäter beabſichtigten, wenn auch noch nicht planvollen Suchen. Das Ziel, was man hier verfolgte, war die Begründung der auf anderem Wege erlangten Eintheilung der Thiere. So erweiterte zunächſt die Thieranatomie den Kreis der bei Anordnung der Thier - gruppen verwerthbaren Merkmale.

Das ſich immer mehr vertiefende Nachdenken über die den Men - ſchen täglich umgebenden, aber doch mit einem ſo dichten Schleier ver - hüllten Erſcheinungen des Lebens mußte allmählich zu Verſuchen füh - ren, das Beſtändige aus der Maſſe des Wechſelnden auszuſcheiden, Formen und Leiſtungen der Thierkörper auf gemeinſame Grundverhält - niſſe zurückzuführen, überhaupt das nachzuweiſen, was man trotz der ſcheinbaren Willkür des beweglichen Lebendigen Geſetzmäßigkeit in und an ihm nennen zu dürfen glaubte. Auch hier trat eine der täglichen Erfahrung entſpringende Mahnung an den Beobachter. Der regel - mäßige Ablauf der Lebensvorgänge wurde häufig geſtört; gewaltſame Eingriffe oder langſam wirkende Urſachen führten Krankheiten des Menſchen und ſeiner Thiere herbei; es traten angeborene Fehler und Misbildungen auf. Allem dieſen Abhülfe zu ſchaffen wurde von denen erwartet, welchen Beruf und Gewerbe, erſt ſpäter ausdrücklich darauf gerichtete Beſchäftigung Bekanntſchaft mit dem Körper des Menſchen und der Thiere einbrachten. So trat die Lehre vom Leben und die Wiſſenſchaft von den Trägern deſſelben in Abhängigkeit von der Krank - heits - und Heilungslehre, ein Verhältniß, deſſen Innigkeit zu lockern zwar vorübergehend verſucht wurde, deſſen Löſung aber zum Nachtheil beider Theile noch nicht völlig erfolgt iſt. Sicher iſt, daß entſcheidende Wendepunkte zum Fortſchritt dahin fallen, wo ſich die Vertreter der Naturwiſſenſchaften als freie Forſcher der Verbindung mit der Medi - cin entſchlugen.

Es mußte von vornherein einleuchten, daß die frei beweglichen Thiere ihre Wohnplätze nach Umſtänden wechſeln, daß ſie wandern konnten. Als aber die Weidethiere, nach Abnutzung der alten, neue Weideſtätten aufſuchten und ihnen die Raubthiere nachzogen, fand man bald auch fremde Thierformen am neuen Ort. Nicht ohne Einfluß auf6Einleitung.die Anſichten über die Verbreitung der Thiere waren die wohl ſchon lange vor Hippokratesbeobachteten Einwirkungen der Luft, des Waſſers und der Ortslage auf die belebten Weſen. Man fand, daß nicht Alles überall gedeihen konnte; Pflanzen wie Thiere hatten ihre beſtimmten Verbreitungsgrenzen. Zu Urkund deſſen wurden Naturſchil - derungen ferner Länder durch Erwähnung der eigenthümlichen fremdar - tigen Thiere belebt. Doch gelangte man erſt ſpät zum Nachweiſe eines geſetzlichen Verhaltens der Vertheilung der Thiere auf beſtimmte Bezirke. Natürlich mußte die Entwicklung richtiger Anſichten über dieſen Gegenſtand hindern, daß man noch nicht die natürlichen Beziehun - gen der verſchiedenen Thierformen zu einander und zur umgebenden Pflanzenwelt würdigte, und daß beim Mangel einer genügenden Kennt - niß der Erdform und - oberfläche auch die hieraus fließenden Bedingun - gen für das Leben einzelner Thiergruppen unbekannt bleiben mußten.

Daß Ueberreſte von Thieren in Steinen eingeſchloſſen oder zu Stein geworden vorkommen, konnte ſelbſtverſtändlich erſt gefunden werden, als großartige Bauten Steinbrüche in Betrieb ſetzen ließen oder der Bergbau die Eingeweide der Erde zu durchwühlen begann. Zuweilen mag es wohl ſchon bei Brunnengrabungen ſich ergeben ha - ben, daß die Erdrinde Knochen und Muſcheln birgt. Von zufälligen, in noch älteren Zeiten gemachten Funden ſolcher Zeugen vergangener Ge - ſchlechter in loſem Geröll oder beim Pflügen hat ſich keine ſichere Kunde erhalten. Als Geſteinsmaſſen reichlicher erſchloſſen, Geſchiebe emſiger durchſucht wurden, dienten die hier entdeckten Verſteinerungen entweder zur Stütze beſonderer Anſichten über die Bildung der Erd - rinde, oder ſie wurden, von der Einbildungskraft mit allem Reize des Wunderbaren geſchmückt, zu abenteuerlichen Erzählungen über vorge - ſchichtliches Leben benutzt, oder als Naturſpiele bewundert. Daß die verſteinerten Thiere mit den jetzt lebenden in ein großes Syſtem gehö - ren, daß ſie mit den letzteren verwandt ſind, lernte man erſt ſpät ein - ſehen. Und der neueſten Zeit hängt noch als Mahnung an alte Ver - gangenheit die ungerechtfertigte Arbeitstheilung an, welche die Unter - ſuchung foſſiler Pflanzen und Thiere der Geologie zuweiſt. Kann auch dieſe in einzelnen Fällen kaum beſſere Merkzeichen für einzelne Schichten7Einleitung.aufſtellen, als deren organiſche Einſchlüſſe, ſo kann die Zoologie wegen der ihr eigen angehörigen Aufgabe einer Geſchichte des Thierreichs des eingehendſten Befaſſens mit ausgeſtorbenen Formen ebenſowenig ent - rathen, als ein genaues Eindringen in die Natur der foſſilen Formen ohne Beherrſchung der vergleichend-anatomiſchen Einzelheiten mög - lich iſt.

Das Thierreich bietet hiernach der wiſſenſchaftlichen Betrachtung verſchiedene Seiten dar. Anfänglich verbunden wurden ſie ſpäter ein - zeln unterſucht; es bildeten ſich beſondere Lehren. Dieſe ſind dann ſämmtlich eine Zeit lang getrennt gewachſen und haben ihre beſondere Geſchichte. Wie aber die aufeinanderfolgenden Verſuche, die verſchiede - nen einzelnen Thierformen in vollſtändige Syſteme zu bringen, den jedesmaligen Stand des zoologiſchen Wiſſens in ſeiner Geſammtheit repräſentiren, wie die Kenntniß des thieriſchen Baues und der thieri - ſchen Form im weitern Sinne zur Entwickelung der thieriſchen Mor - phologie, die Kenntniß der geographiſchen Verbreitung der Thiere zur Aufklärung des Verhältniſſes der Thiere zur Oberfläche der Erde und zu allem dem, was auf ihr ſich findet, wie endlich das Bekanntwerden mit verſteinerten Thierformen zu einem Einblick in den Zuſammenhang der Thierwelten verſchiedener Erdalter und dadurch zu einer Geſchichte des nun wieder zur Einheit verbundenen Thierreichs führte, ſo ſind dieſe verſchiedenen Theile unſeres Wiſſens von den Thieren eben nicht als unverbindbare, auseinander ſtrebende Zweige, ſondern als die zum Stamm einer einheitlichen Wiſſenſchaft zuſammentretenden Wurzeln zu betrachten.

Undankbar wäre es, ſollte bei dem erfreuenden Blick auf die jetzige Ausbildung der Zoologie nicht der Hülfe gedacht werden, welche die Schweſterwiſſenſchaften ihr geleiſtet haben. Nirgend wohl iſt die Schwierigkeit, zäh eingewurzelten Vorurtheilen entgegenzuarbeiten, ſo groß als wo es ſich um Erklärungen von Lebensvorgängen handelt, beſonders wenn dieſe Vorgänge zu den immer noch räthſelhaften, aber deshalb doch nicht als Wunder zu betrachtenden Geſtaltungen führen, wie ſie ſowohl in der Entwickelungsgeſchichte einzelner Thierformen, als in dem ganzen Bildungsgange der Thierwelt vorliegen. In nicht8Einleitung.geringerem Grade weigert ſich die geiſtige und ſittliche Trägheit, dem ſtreng folgerichtigen Denken auf das Gebiet jener nicht materiellen aber von körperlichen Grundlagen ausgehenden Bewegungserſcheinungen zu folgen, welche gemeinhin als ſeeliſche bezeichnet durch Eintreten des freien Willens wie großer Abſtractionsfähigkeit zwar vorläufig einer ins Einzelne gehenden Erklärung ausweichen, aber doch untrennbar mit den übrigen Theilvorgängen des Lebens verbunden ſind. Incon - ſequent war es, den jetzt ſchon rechnen und meſſen könnenden Natur - wiſſenſchaften die Erlaubniß zur Anwendung metaphyſiſcher Begriffe zuzugeſtehen, und den nach dem Bedürfniß etwas erweiterten Gebrauch ſolcher den Unterſuchungen über die belebte Natur verweigern zu wollen. In allem dieſem hilft verwandter Fächer Rath und Beiſpiel; an ihnen erſtarkt die Methodik auch zur Bewältigung noch dunkler Fragen. Der Zoologie liegt wegen der Natur ihres Gegenſtandes die Gefahr nahe, von dem Hülfsmittel allgemeiner Annahmen, deren ſich indeß auch an - dere Wiſſenſchaften nicht entſchlagen, einen zu reichlichen Gebrauch zu machen4)» Man is prone to become a deductive reasoner; as soon as he obtains principles which can be traced to details by logical consequence, he sets about forming a body of science, by making a system of such reasonings «. Whewell, History of the induct. Scienc. 3. ed. Vol. I. p. 115. . Wie ihr aber hier die ſtrenger vom Einzelnen zum Allge - meinen fortſchreitenden Wiſſenſchaften Lehren geben, können dieſe um - gekehrt von der Wiſſenſchaft der lebenden Natur lernen, daß es außer Zahl und Maß noch andere Erkenntnißquellen gibt, durch welche die Vielheit auf eine Einheit, das Mannichfaltige auf ein Geſetz geführt wird. So ſchürzen ſich auch über dem Thierreich von neuem die Bande, welche vorübergehend zwar gelockert, aber je länger deſto inniger die verſchiedenen auf Erforſchung der Natur gerichteten Beſtrebungen zu einer einzigen Naturwiſſenſchaft vereinigen.

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Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.

Die Urzeit.

Wie im Mittelalter die Zoologie da wiſſenſchaftlich zu werden be - ginnt, wo daſſelbe den von den Griechen erworbenen, von den Arabern behüteten Schatz von Thatſachen zu heben verſucht, ſo konnte auch das claſſiſche Alterthum keine Wiſſenſchaft von den Thieren entſtehen laſſen, ohne daß hier wiederum eine einfache und anſpruchsloſe Kenntniß von Thieren vorausgegangen wäre. Ueberall geht ja dem Naturwiſſen eine Naturbetrachtung voraus, welche, vor jeder Verwerthung des Geſehe - nen zu Nutz und Frommen einer nur in ſich ſelbſt Zweck und Befrie - digung findenden Wiſſenſchaft, je nach den geiſtigen und körperlichen Bedürfniſſen des Menſchen nutzbringend zu machen verſucht wird.

Den Anſtoß zu einer wiſſenſchaftlichen Behandlung gibt der erſte Verſuch, eine beobachtete Erſcheinung zu erklären. Von der eigenthüm - lichen Natur des Betrachteten hängt es ab, ob eine Erklärung ſchon früher oder erſt ſpäter verlangt und demgemäß verſucht wird. Bei den ſinnvoll ſogenannten Natur - vorgängen waren die dieſelben als ſolche auszeichnenden Bewegungen das Auffallendere, ſich nicht von ſelbſt Er - gebende, daher zunächſt der Erklärung Bedürftige. Hier verſuchte ſich daher ſchon früh Scharfſinn und Witz in Aufſtellung von Deutungen und Lehrſätzen. Die Thierwelt bot vor Allem Mannichfaltigkeit der Form dar; dieſe verſuchte man aufzufaſſen; die an den Thieren beo - bachteten Bewegungen wurden aus ihrer Menſchenähnlichkeit erklärt1)Die Beurtheilung der Thiere, ihres Lebens, ihres Baues u. ſ. w. geſchah noch bis in die neuere Zeit im Anſchluß an das vom Menſchen her Bekannte. Wie. 10Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.Während daher bei andern Naturwiſſenſchaften ſchon die früheſten über - lieferten Zeugniſſe darauf ausgehen, etwa Bewegungserſcheinungen, wie Stromlauf, Blitz und Donner, Fall und ähnliches zu erklären oder wenigſtens Anſichten über derartige meiſt nur theilweis und unvoll - ſtändig beobachtete Vorgänge zu entwickeln, überhaupt aber Allgemei - nes hinzuſtellen, hebt die Zoologie damit an, Thierformen zu unter - ſcheiden und zu beſchreiben. Selbſtverſtändlich kann dies in den früheſten Zeiten nichts mehr geweſen ſein als die Thiere zu benennen.

1. Sprachliche Begründung älteſter Thierkenntniß.

Auf dem Beſtande der Kenntniß einzelner Thiere erhebt ſich die ſpätere wiſſenſchaftliche Betrachtung derſelben. Es iſt daher für die früheſte Geſchichte der Zoologie von Wichtigkeit zu unterſuchen, welche Thiere den Culturvölkern zuerſt bekannt wurden. Da die Semiten für dieſe Seite des Naturwiſſens durchaus nicht begründend, kaum för - dernd eingreifen, ſind die für die neuere Wiſſenſchaft überhaupt allein maßgebenden Indogermanen oder Arier hierauf zu befragen. Aus den Thiernamen, welche in ihren Wurzeln oder thematiſchen Formen den verſchiedenen ariſchen Sprachen gemeinſam ſind, deren Träger alſo den Ariern vor ihrer Trennung bereits bekannt geweſen ſein müſſen, erge - ben ſich Hinweiſe nicht bloß auf urſprüngliche geographiſche Verbrei - tung einzelner Thiere und deren etwaige Veränderungen, ſondern auch auf den Urſprung der Hausthiere. Nach beiden Richtungen hin ver - dient der Gehalt der älteſten Sprachen an Thiernamen von der Ge - ſchichte der Thiere ſorgfältiger geprüft zu werden2)Eine Vergleichung ſämmtlicher im Wortſchatz einer Sprache enthaltener Thiernamen, welche nicht in eine Geſchichte der Zoologie, ſondern in eine Geſchichte der Thierwelt gehört, würde auch außer den oben erwähnten Vortheilen noch an - dere bieten, ſo das kürzere oder längere Zuſammenbleiben einzelner Völker und da -. Es ergibt ſich1) Ariſtotelesdies damit begründet, daß er ſagt (Hist. Animal. I, 6): δ ἄν - θρωπος τῶν ζῴων γνωριμώτατον ἡμῖν ἐξ ἀνάγκης ἐστίν, ſo war die verglei - chende Anatomie urſprünglich nichts als eine Vergleichung des Baues einzelner Thiere mit dem des Menſchen. Die vergleichende Pſychologie ſteht noch auf dieſem Standpunkte, wenn ſie danach fragt, ob gewiſſe Theile der menſchlichen Pſyche ſich bei Thieren finden.111. Sprachliche Begründung älteſter Thierkenntniß.ferner wieder aus dem geographiſchen Verhalten der Thiere, welche hierbei genannt werden, nicht bloß eine Hindeutung auf den vermuth - lichen Urſitz der Völker, ſondern, was hier zunächſt in Betracht kommt, es ſtellt ſich darin der Kern dar, um welchen ſich bei der ſpäteren Ent - wickelung die weiteren zoologiſchen Kenntniſſe anſammelten3)Den erſten Verſuch zu einer ſolchen Zuſammenſtellung machte A. W. von Schlegelin ſeiner Indiſchen Bibliothek, Bd. 1. 1823. S. 238, Ueber Thierna - men. Außer Curtius, Griechiſche Etymologie, ſind zu vergleichen: Kuhn, Zur älteſten Geſchichte der indogermaniſchen Völker. Programm. Berlin, 1845, abgedruckt in Weber's Indiſchen Studien, Bd. 1. S. 321. Förſtemann, Sprachlich-naturhiſtoriſches, in: Kuhn's Zeitſchr. für vergleich. Sprachforſchung, 1. Jahrg. 1852. S. 491. 3. Jahrg. 1854. S. 43. J. Grimm, Geſchichte der deutſchen Sprache, S. 28 u. flgde (Namen des Viehs). Pictet, Les Origines indo-européennes ou les Aryas primitifs. Paris, 1859. I. Partie, p. 329-410. M. Müller, Chips from a German Workshop. Vol. II. p. 42. (1. ed.). Bruno Kneiſel, Culturzuſtand der indogermaniſchen Völker vor ihrer Trennung. Pro - gramm. Naumburg, 1867. Bacmeiſter, Urſprung der Thiernamen, in: Aus - land, 1866, S. 924. 997. 1867, S. 91. 472. 507. 1133. Ueber Hausthiere ſ. auch Link, Urwelt und Alterthum, 1. Bd. 2. Aufl. S. 369 u. flgde..

Ungemein merkwürdig iſt es, daß die Thiere, welche noch heute als Hausthiere werthvoll und zum Theil unentbehrlich ſind, auch die am älteſten bekannten waren. Schon das Wort Vieh iſt ſelbſt ein altes (Sanskrit paçu, griech. πῶν, latein. pecus, gothiſch faihu, fihu). Das Rind geht in verſchiedenen Alters - und Geſchlechtsnamen, welche zuweilen wechſeln, durch die meiſten hierhergehörigen Sprachen (ſo: Skrt. go, griech. βοῦς, lat. bos, hochdeutſch chuo, Kuh; Skrt. ukshan, lat. vacca, goth. auhsan, hd. Ochs; Skrt. sthûra, griech. und lat. taurus, hd. Stier). Das Schaf, deſſen ariſche Urbenen - nung uns verloren gegangen iſt, heißt Skrt. avi, griech. ὄϊς, latein. ovis; im Gothiſchen heißt ein Schafſtall noch avistr; das hochdeutſche Aue wird nur dialektiſch für Lamm gebraucht. Die Bezeichnungen für Ziege haben ſich geſpalten; möglicherweiſe ſtanden ſie, bei der ſo2)mit deren Urgeſchichte aufklären oder wenigſtens neben anderen Beweismitteln auf - klären helfen, z. B. die längere Verbindung der ſlaviſchen mit den indiſchen oder perſiſchen Stämmen, wie ſie bereits Kuhnangedeutet hat (Indiſche Studien von Weber, 1. Bd. S. 324 Anm.). Eine ſolche Unterſuchung könnte indeß nur von zwei zu dieſem Zwecke ſich verbindenden Forſchern, einem Sprachforſcher und Na - turforſcher ausgeführt werden.12Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.äußerſt nahen Verwandtſchaft von Schaf und Ziege, in gleichem Ver - hältniß zu dem Namen avi oder ὄϊς, wie die Geſchlechtsbezeichnung der Rinder zu go oder vielleicht zu paçu. Es führt Skrt. aga nur auf αἴξ und litt. ožys; latein. hoedus hängt mit goth. gaitei, hd. Geis zu - ſammen, Skrt. chaga mit hd. Ziege. Dagegen geht das Schwein gleichmäßig durch; Skrt. sû-kara (d. h. ein Thier, welches macht), griech. ὗς, lat. sus, hd. Sau und Schwein. Ueberall bekannt war auch der Hund, deſſen hochdeutſcher Name auf lat. canis, griech. κύων, Skrt. çvan zurückführt. Das Pferd, deſſen jetzt geläufiger deutſcher Name dem baſtardirten unſchönen parafredus entſprang, heißt im Skrt. açu, griech. ἴππος, lat. equus, nach den Geſetzen der Lautverwand - lung verſchiedener Formen deſſelben Wortes, welches auch noch im Gothiſchen wiedergefunden wurde. Für den gleichfalls zur Urzeit ſchon gezähmten Eſel fehlt die zu dem griech. ὄνος (für ὀσνος) gehörige Sanskritform4) Pictetführt (a. a. O. S. 355) eine Sanskritform für Eſel an, khara, welche in das Perſiſche, Kurdiſche, Afghaniſche, Oſſetiſche u. ſ. f. übergegangen ſein ſoll. Benfeywill ὄνος, asinus auf eine ſemitiſche Stammform zurückführen, die in der hebräiſchen Bezeichnung für Eſelin, athon, noch erkennbar ſei.; aus dieſem leiten ſich asinus und gothiſch asilu, hd. Eſel ab. Vom Hausgeflügel iſt nur ſicher, daß die Gans (Skrt. hansa, griech. χήν, latein. mit erweitertem Stamm anser, wie engl. gander, hd. Gans) ein urbekanntes Thier iſt. Ob die Ente ein gleich hohes Al - terthum beanſpruchen kann, iſt zweifelhaft5)Skrt. âti (anti) bedeutet zwar einen Waſſervogel und hiermit ſcheint anas und Ente zuſammenzuhängen; νῆσσα führt aber auf νήχω. Das im Amarako - ſcha als Ente aufgeführte kâdamba iſt wohl Ausgangsform für κόλυμβος, viel - leicht columba, welchem möglicherweiſe das deutſche Lumme anzuſchließen iſt. Als Taucher (vom Hinabſtürzen) iſt vielleicht die den Römern erſt ſpäter bekannt ge - wordene Taube von dieſen mit dem griechiſchen Namen, gewiſſermaßen als Luft - taucher benannt worden. Das goth. dubo, hd. Taube, ſteht noch unvermittelt da. V. Hehnführt es (in dem unten beim Huhn anzuführenden Werke, S. 245) auf Adj. daubs, taub, ſtumm, blind, düſterfarbig, wie πέλεια auf πελός, πελίος u. ſ. f. zurück..

Befremdend iſt es, wenn nun zu den nicht gezähmten aber dem Menſchen ſonſt näher tretenden Thieren übergegangen werden ſoll, daß zwar der Name für den ſüßen Honig (Skrt. madhu, griech. μέθυ,131. Sprachliche Begründung älteſter Thierkenntniß.übertragen Meth), aber nicht für das ſo früh bewunderte Honig ſam - melnde Inſect Allgemeingut geworden iſt6)Skrt. bhramara führt auf βρέμω, Bremſe; druṇa Skrt. kann nicht Drohne ſein; Imme iſt griech. ἔμπις, lat. apis; auch Biene ſchließt ſich vielleicht an apis. . Dagegen iſt es ein an - heimelnder Gedanke, daß auch unſern Urſtammvätern jene zudringlichen kleinen Diebe nicht gefehlt haben, zu deren Verfolgung im Laufe der Thiergeſchichte bereits ein Thier ein früheres abgelöſt hat. Das Sans - kritwort mûsh wird griech. μυς, bleibt latein. mus und iſt das hd. Maus. Die Katze hat erſt ſpäter die Rolle der Mäuſevertilgerin übernommen, obſchon ſie bereits in Indien altbekannt war7)catus und Katze ſtammen aus einer ſemitiſchen Quelle. (vgl. indeß den Artikel Katze von Hildebrandin Grimm's Wörterbuch, 5. Bd.). Das gewöhn - lich als Katze gedeutete αἴλουρος iſt Mustela foina, der Hausmarder, wie Rolle - ſton nachgewieſen hat (Journ. of Anat. and Physiol. Vol. II. (2. Ser. ) 1867, p. 47. 437. Die ägyptiſche Katze erhielt ſpäter den Namen von ihrem Vorgänger in den griechiſchen Häuſern, γαλῆ.. Den Mäuſen als läſtige Begleiter des Menſchen nicht unähnlich iſt die Fliege oder Mücke zu erwähnen, welche durch musca, griech. μυῖα, Skrt. makshika ihr hohes Alterthum (wenn auch in dieſem Falle natürlich nicht in einer nachweisbar beſtimmten Art) beſtätigt8)Gleich alt iſt vielleicht der Floh (ψύλλα, pulex, Floh) und die Laus, für deren Eier (Niſſe) der Name in denſelben Sprachen ſich findet.. Auch der Aus - druck für das Gewürm im Allgemeinen iſt alt: Skrt. kṛmi wird ἕλμις, vermis, goth. vaurmi, hd. Wurm (littauiſch noch kirminis).

Von wilden Thieren iſt zunächſt des Bären zu gedenken, deſſen jetziger hochdeutſcher Name zwar andern Urſprung hat9)ſ. Grimm's deutſches Wörterbuch Bd. 1. u. d. W., welcher aber durch Skrt. ṛksha, griech. ἄρκτοσ, latein. ursus, celtiſch art, auf die urſprünglich weite Verbreitung hinweiſt. Während der Bär von An - fang an erkannt wurde und keiner Verwechſelung mit andern großen Thieren unterlag, ſcheint ſich die Reihe von Namen für Wolf und Fuchs trotz ihres ſpätern Gegenſatzes früher noch vermiſcht zu haben. Von dem Stamm vṛka, zerreiſſen im Skrt., iſt durch griech. λύκος das latein. lupus, andrerſeits hircus, dann aber (wohl auch ἀλώπηξ und) vulpes, Wolf abzuleiten. Ein hohes Alter hat auch der Biber zu14Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.beanſpruchen, deſſen hochdeutſcher Name durch fiber auf Skt. babhru, braun (auch ein Thiername) führt. Für die Schlange weiſt vielleicht noch unſer Unke auf anguis und hängt wie Aal, anguilla, ἔγχελυς, mit griech. ἔχις und Skrt. ahi zuſammen, während ein anderes Sans - kritwort sarpa zu griech. ἕρπετον, lat. serpens, wäliſch sarff führt. Wenn dieſem Verzeichniß noch der Otter (Skrt. udras, griech. ὕδρα, Waſſerſchlange, litt. udra, ahd. Otter), der Kuckuck oder Gauch (Skrt. kokila, griech. κόκκυξ, lat. cuculus) und der Rabe (Skrt. kâravas, griech. κόραξ, lat. corvus, goth. hraban) angeſchloſſen wird, ſo vervollſtändigt ſich das Bild des den Ariern geläufigen Thier - lebens ſo ziemlich. Da natürlich hier keine Etymologie der Thiernamen gegeben werden kann und ſoll, darf nur noch daran erinnert werden, daß eine nicht unbedeutende Anzahl ſolcher, mehreren zum ariſchen Stamm gehörigen Sprachfamilien gemeinſam iſt, während einzelne Thiere, wie z. B. der Elch (Skrt. ṛc̣as, griech. und lat. alces, ahd. elaho), erſt ſpäter einen im ariſchen Wurzelvorrath ſich findenden Na - men erhielten. Eine Unterſuchung derartiger Verhältniſſe nach den oben genannten Geſichtspunkten dürfte ſehr lohnend werden. Hier mag nur Folgendes noch eine Stelle finden.

Es fällt auf, daß in der obigen Liſte manche Thiere fehlen, welche man gern als älteſte Geſellen des Menſchen oder als Mitbewohner der früheſten Höfe betrachten möchte und deren Vorhandenſein an den Stätten der erſten Wohnſitze gemuthmaßt wird. Das Huhn, deſſen Stammform man jetzt mit Recht in dem indiſchen Gallus bankiva ſieht, war zwar den Alten bekannt. Doch fehlt es nicht bloß im alten Teſtamente, ſondern auch im Homerund Heſiod; erſt bei den griechi - ſchen Lyrikern erſcheint es der gewöhnlichen Annahme zufolge, noch ſicherer bei den Tragikern und Komikern, ebenſo mit der bei letzteren auftretenden Bezeichnung im neuen Teſtament. Die Namen gehen aber nirgends zuſammen; meiſt liegt Nachahmung des Krähens den Namen des Hahns zu Grunde10)Das Wort ὄργις, welches bei den Lyrikern gewöhnlich für Huhn genom - men wird, vielleicht aber nur kleinere Vögel bezeichnet (ſo z. B. Alkman, 24. Fragm. ὥστ᾿ ὄρνιθες 〈…〉〈…〉 ρακος ὑπερπταμέυω; ähnlich bei Alkaeos, 27. Frag -. Eigenthümlich iſt endlich, daß das Kamel152. Eintritt der Thiere in den religiöſen Vorſtellungskreis.für deſſen Bezeichnung alte, mehreren ariſchen Völkergruppen gemein - ſame Wörter ſich finden ſollen11) Pictet, Origines indo-europ. p. 382 flgde., ſeinen ſemitiſchen Namen, welcher in Indien mit Hülfe einer Volksethymologie dem Sanskrit angepaßt und von den meiſten übrigen Sprachen faſt unverändert aufgenommen wurde12)Aus dem arabiſchen Gamal wurde Skrt. krâmela, im Anſchluß an die Wurzel kram, ſchreiten. Im Gothiſchen heißt das Kamel ulbandus und wird dieſes offenbar mit Elefant identiſche Wort gewöhnlich als Beweis dafür vor - gebracht, daß Namen großer Thiere oft ineinander überlaufen. Es ſchließt ſich gelſ. olfend., ahd. olpenta an. Sprachlich iſt es nicht möglich, hiervon die Namen für den Elefant, angelſächſ. ylpend, ahd. helfant, und das ſlaviſche Wort für Ka - mel, velblud oder verbud, zu trennen. Ulfilasbraucht dies Wort bei der Stelle Marc. 10, 25, es iſt leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe . Nun gibt es zwar eine chaldäiſche Redensart: einen Elefanten durch ein Nadelöhr bringen (Buxtorf, Lex. Chald. Talmud. s. v. phila, citirt von Schleusner, Nov. Lex. graeco-latin. in N. T. 4. ed. Tom I. s. v. κάμηλ᾿ος; weitere Belege ſ. in dem unten erwähnten Aufſatz von Caſſel S. 16). Dieſe könnte Ulfilasbekannt geweſen ſein und die Verwechſlung veranlaßt haben. Doch benutzt er das Wort ulbandus auch Marc. 1, 6, und dies, ſowie der ſlaviſche Name für das Kamel werden hierdurch nicht erklärt Es wurde alſo der Name wirklich übertragen, wie es auch ſonſt noch vorkommt. So heißt der Moſchus, deſſen Namen im Skrt. durch das Wort mushka, Hode, gegeben iſt, doch hier kasturi nach dem in Kleinaſien bekannteren Biber; ſ. Laſſen, Indiſche Alterthumskunde 1. Bd. 2. Aufl. S. 368. Ueber den Namen des Elefanten ſ. die vor dem Aufblühen der wiſſenſchaftlichen Etymologie geſchriebenen Bemerkungen von A. W. von Schlegelin ſeiner In - diſchen Bibliothek, Bd. 1. 1823. S. 241. Ueber den gothiſchen Namen des Ka - mels ſ. auch den (freilich etymologiſch nicht ganz kritiſchen) Aufſatz von P. Caſſel, Ulbandaos. Sonderabdruck aus den Märkiſchen Forſchungen Bd. IX. (1866)., auch in den germaniſchen Sprachen wieder erhalten hat, nachdem im Mittelalter der Name des Elefanten dafür eingetreten war.

2. Eintritt der Thiere in den religiöſen Vorſtellungskreis.

Der lebendige unbefangene Sinn der jugendlichen inmitten der Naturwunder aufwachſenden Menſchheit konnte ſich nun aber durch10)ment), gehört mit unſerm Aar, angelſächſ. earn, ſlav. orl, zur Skrtwurzel ar, ſich erheben. Es iſt hier alſo ein auch ſonſt nicht ſeltener Wechſel in der Bedeutung ein - getreten. Ueber das Huhn in der Bibel ſ. Bochart, Hierozoicum; Tom. II. lib. I. cap. 16. Ueber das Haushuhn ſ. auch Victor Hehn, Culturpflanzen und Hausthiere in ihrem Uebergang aus Aſien nach Griechenland und Italien, ſo - wie in das übrige Europa. Berlin 1870, S. 225.16Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.eine bloße Formbekanntſchaft mit den Thieren um ſo weniger befriedigt fühlen, als dieſe keine charakterloſen Bewohner des Feldes und Wal - des waren, ſondern die werkthätige Kraftanſtrengung, den Scharfſinn und in nicht geringem Maße die innere Theilnahme des Menſchen her - ausforderten. Wie auch jetzt noch, trotzdem daß die wiſſenſchaftliche Forſchung überall den Schein zerſtört hat und der alte Glaube an die götterbeſeelte Natur längſt gebrochen iſt , die in dem Gefühle der Zu - ſammengehörigkeit wurzelnde Befreundung mit der Natur und ihren Heimlichkeiten eine Wahrheit iſt, ſo mußte in Zeiten, wo die Berüh - rung des Menſchen mit der Natur eine äußerſt innige war, auch das Thierleben in nähere Verbindung mit den übrigen Naturvorgängen treten. Die Thiere waren nicht bloß der Ausdruck der Bewegung in der irdiſchen Natur, ſie bezeichneten nicht allein durch ihr Auftreten und Verſchwinden den Wechſel der Jahreszeiten u. ſ. f., die in Folge engern Zuſammenlebens ſorgfältiger beobachteten Sitten, das ſich über - haupt weiter erſchließende Leben der Thiere bot auch der dichteriſchen Einbildungskraft, welche in allen Zeiten und Breiten das beſtändige Werden in der Natur mit einem erſten Gewordenen in Verbindung zu bringen verſuchte, reichlichen Stoff zur Belebung jetzt als todt erkann - ter, ſtarren Geſetzen gehorchender Vorgänge dar. Werden nun aber die Naturerſcheinungen als perſönliche göttliche Weſen oder als von ihnen ausgehend gedacht, ſo liegt es nahe, zwiſchen dem Thier, in dem ſich eine natürliche Fähigkeit am energiſchſten und kräftigſten zu erken - nen gibt, und der verwandten Naturerſcheinung eine tiefere Beziehung ſich zu denken; das Thier wird zum Ausdruck der Naturerſcheinung, zum Träger oder Begleiter ihrer Gottheit; es wird leicht auch zu deren Bilde. 13) Laſſen, Indiſche Alterthumskunde 1. Bd. 2. Aufl. S. 346.. So kommt es, daß es außer der jüdiſchen Schöpfungsſage wohl kaum eine Urform religiöſer Vorſtellungskreiſe gibt, in welcher nicht auf eine oder die andere Weiſe Thiere als Träger, Begleiter, Sinnbilder der Gottheiten erſcheinen. Zur Erklärung dieſer Verbindung ſcheinbar gar nüchterner, doch im Grunde tief poetiſcher Verkörperun - gen gewiſſer Ideen mit den höchſten ſittlichen und geiſtigen Vorſtellungen172. Eintritt der Thiere in den religiöſen Vorſtellungskreis.braucht man nicht einen urſprünglich hohen, ſpäter verlornen Entwicke - lungszuſtand der Naturwiſſenſchaften bei den Urvölkern anzunehmen, wie es ſeit Creuzer hier und da nur zu bereitwillig ohne jeglichen Nachweis geſchah.

Ein Beweis dafür, daß der Eintritt von Thieren in allgemeine kosmogoniſche oder mythologiſche Bilder erſt nach der Trennung der Urvölker, erſt nach weiterer Entwickelung einzelner derſelben erfolgte, liegt in der geographiſchen Färbung derartiger Sagen, wogegen ſich ge - wiſſe gemeinſame Züge aus der Zeit des urſprünglichen Zuſammen - lebens erhalten haben mögen. Es finden ſich daher in denſelben neben den urbekannten Hausthieren nur Thiere, welche in ihrem Vorkommen gewiſſen Ländern oder gewiſſen Breiten eigen ſind. Beiſpielsweiſe mag hier nur auf Einzelnes hingewieſen werden. Die Inder ließen ihre Welt von vier Elefanten getragen ſein, welche wiederum auf einer Rie - ſenſchildkröte ſtanden; dagegen wurden die Flüſſe Nahrung ſpendenden Kühen verglichen. Lakſchmi, Viſchnu’s Frau, hat als Symbol eine Kuh. Dieſem Zeichen der völlig unterworfenen Hausthierwelt ſtehen die im Gefolge Çiva’s ebenſo wie des griechiſchen Dionyſos erſchei - nenden Löwen und Panther gegenüber als Symbol weiterer Gewalt über wilde Naturkräfte. Den Sonnenwagen Mithra’s wie des grie - chiſchen Helios ziehen Roſſe; ebenſo reitet Wuotan der nordiſche Zeus auf einem Roſſe, während Donar in einem von zwei Böcken gezogenen Wagen fährt. Den Wagen des Freyr, des nordiſchen Gottes der Sonne, zieht ein Eber; doch auch ihm als Gott der Fruchtbarkeit war die Kuh geweiht. Dem Ormuzd und Zeus war der Adler, dem Don - nergott Donar das Rothkehlchen heilig. Während in ſüdlichen Bildern der Löwe erſcheint (Sphinx als Löwenleib mit Menſchenkopf, nemäi - ſcher Löwe u. a.), läßt die nordiſche Mythologie das Ende der Welt dadurch hereinbrechen, daß ein Wolf die Sonne, ein anderer den Mond verſchlingt. Dagegen war die Gans (Schwan) ſowohl bei den In - dern der Göttin der Rede, bei den Römern der Juno geweiht, als ſie bei den Griechen die Gabe der Weiſſagung und des Geſanges er - hielt, ebenſo wie ſie auch bei den alten Deutſchen als weiſſagender Vogel galt. So finden ſich denn in den religiöſen Stammſagen der V. Carus, Geſch. d. Zool. 218Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.Menſchheit zahlreiche, hier nur in Andeutungen zu berührende Hin - weiſe auf die Tiefe des Eindrucks, welchen die Thierwelt auf das em - pfängliche Gemüth des Menſchen gemacht hat14)Für Weiteres verweiſe ich auf Jac. Grimm’s Deutſche Mythologie 3. Aufl. 2. Bd. S. 620-660. ferner: A. Baſtian, Das Thier in ſeiner mytho - logiſchen Bedeutung. in: Baſtian u. Hartmann’s Zeitſchrift für Ethnologie. 1. Jahrg. 1. Heft. 1869. S. 45-66.. Gemeinſam iſt indeß dieſem mythologiſchen Auftreten der Thiere, daß ſie hier gewiſſermaßen nur in ihrer Geſammterſcheinung verwerthet werden, ohne überall eine eingehendere Beſchäftigung mit allen kleinen Zügen ihres Weſens durch - ſcheinen zu laſſen.

3. Alter und Verbreitung der Thierfabel.

Wird ſich auch nicht läugnen laſſen, daß die als Attribute von Gottheiten oder als lebendige Abbilder von Naturgewalten mit einer weihevollen Stimmung betrachteten Thiere ebenſo wie die Opferthiere einen beſtimmten Einfluß auf das zoologiſche Bewußtſein des Men - ſchen, wenn der Ausdruck geſtattet iſt, geäußert haben werden, ſo iſt in der Thierfabel ein ungleich bedeutungsvollerer Schatz wirklicher Beobachtungen enthalten, welcher nicht bloß das Thier nach der allge - meinen Wirkung ſeiner Erſcheinung und ſeines Auftretens in der Natur darſtellt, ſondern auf eine häufig in’s Einzelne gehende Kenntniß ſeiner körperlichen und beſonders ſeiner geiſtigen Eigenſchaften hinweiſt.

Zwar liegt auch der Thierfabel, und namentlich der weiter ent - wickelten Form derſelben, dem Thierepos, jene poetiſche Anſchmiegung an alles Natürliche zu Grunde, welche in dem reizvollen, dem menſch - lichen ähnlich wechſelvollen Leben der Thiere einen wirklichen Hinter - grund und ſtets neue Nahrung fand15)Vergl. L. Uhland, Schriften zur Geſchichte der Dichtung und Sage 3. Bd. (Alte hoch - und niederdeutſche Volkslieder. 2. Bd. Abhandlung.) Stuttgart, 1866.. Es lebte ja für die dichteriſche Einbildungskraft der Menſchen die ganze Natur. Der Wald ſelbſt wurde in der finniſchen Götterlehre zu einer Perſon, Tapio. Die Thiere des Waldes ſtehen unter dem Schutze oder auch der Zucht be -193. Alter und Verbreitung der Thierfabel.ſonderer Perſonen, des Thiermanns, zuweilen der Thiermutter (zu welcher der junge Sämung kommt), auch der Wolfsmutter. Weiter verbinden ſich dann beſtimmte Thiere mit einzelnen Naturerſcheinun - gen. So kommt nach einem Eddaliede der Wind, der über das Waſſer fährt den Menſchen unſichtbar, von den Schwingen des Jötun Hräs - velg, der in Adlersgeſtalt an des Himmels Ende ſitzt. Die Jahreszei - ten, das Wechſelnde in der unbelebten Natur, werden an das Erſchei - nen und Verſchwinden der Thiere geknüpft, am häufigſten beſtimmter. Der Kuckuck kündet das Jahr16)Bei Alkman heißt der κηρύλος, dort identiſch mit ἀλκύων dem Eis - vogel: ἁλυπόρφυρος εἴαρος ὄρνις; 21. Fragm. Die Schwalbe erſcheint als Früh - lingsbote in den χελιδονίσματα und ſelbſt in Vaſenbildern.; ihm folgt bei uns die Nachtigall, während in England, wo die Nachtigall ſeltner iſt, der Kuckuck feſter gehalten wird. Den Winter über herrſcht die Eule.

Am nächſten berührt uns aber hier das Verhältniß des Menſchen zu den Thieren. Manche Thiere werden für edler gehalten, als andre, daher auch für würdiger bekämpft zu werden. So iſt vor Allen bei den alten Deutſchen der Bär der Heldenwaffe kampfgerecht. Aehnlicher Ehre wird indeß auch der Eber theilhaft, ſowohl in Deutſchland(Sieg - fried) als in England(Guy von Warwick), vielleicht im Zuſammen - hange mit dem der Freya geweihten Eber des nordiſchen Heidenthums. Dieſer wird zum Juleber, deſſen Kopf früher in Oxford zum Weih - nachtsfeſte in feierlicher Proceſſion hereingetragen wurde17)Caput apri defero reddens laudes domino. Sandy, Christmas Carols, LIX, 19. . Auf ein - gehendere Beobachtungen ſind manche der den Thieren beigegebenen Eigenſchaftsworte zurückzuführen18)Am reichlichſten iſt mit ſolchen bereits im Alterthum die Nachtigall ver - ſehen; nur aus den griechiſchen Lyrikern mag z. B. angeführt werden: λιγυφθόγ - γος, ἰμερόφωνος, πολυκώτιλος, χλωραύχην u. ſ. w. Freilich werden bei Alk - man auch die Rebhühner (κακκαβῖδες) γλυκυστόποι genannt. 60. Fragm..

Die Beziehungen wurden aber noch inniger dadurch, daß man ſich die Thiere menſchenähnlich mit Charakter, Geiſt und Sprache aus - gerüſtet vorſtellte. Wie durch ein Mißgeſchick ſind die Thiere nachher verſtummt oder halten vor den Menſchen, deren Schuld gleichſam dabei2 *20Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.wirkte, ihre Sprache zurück 19In der bereits angeführten außerordentlich ſchönen Einleitung J. Grimm's zu ſeiner Ausgabe des Reinhart Fuchs p. V. . Beſonders hören und verſtehen die Vögel menſchlicher Sprache Laut und Sinn; ſie reden ihr eigen La - tein , was nur geſcheidte Leute verſtehn20Deſſen rühmt ſich Alkman, 61. Fragm. : οἰδα δ᾿ ὀρνίχων νόμως πάντων.. Am reichſten iſt der Rabe und die Nachtigall bedacht. Sprachen aber die Thiere, ſo mußten ſie auch denken und fühlen wie Menſchen. Ergötzlich ſind die Thierhoch - zeiten, bedeutungsvoller die Streitigkeiten zwiſchen ihnen und den Men - ſchen oder unter einander. Hier erſcheinen ſie vor menſchlichem Rich - ter21)Klagen gegen Thiere ſind vom 8. bis 18. Jahrhundert wiederholt erhoben und Prozeſſe mit allen Regeln der Kunſt angeſtrengt worden. Eine Zuſammenſtel - lung ſolcher gibt Berriat de Saint Prix, Rapport et Recherches sur les procès et jugemens relatifs aux animaux in: Mém. de la Soc. Roy. des An - tiquaires de France. Tom. 8. Paris, 1829, p. 403-450. In England ſcheint ſich dieſer Gebrauch noch weiter herab erhalten zu haben; ſ. Allgem. deutſche Straf - rechtszeitung 1861. S. 32. Weitere Litteratur über dieſen culturhiſtoriſch intereſſan - ten Gegenſtand ſ. in Geib, Lehrb. d. deutſchen Strafrechts. Bd. 2. S. 197 und Oſenbrüggen, Studien zur deutſchen u. ſchweizer. Rechtsgeſchichte. Schaffhau - ſen, 1868. VII. Die Perſonificirung der Thiere. S. 139. oder auch vor thieriſchem (ſo Wolf und Pfaſſe vor dem Bären). Auch werden Thiere mit dem Banne belegt.

Auch Thierfabel und Thierſage muß durch die Vorſtellung an Be - deutſamkeit gewinnen, daß ihr ein Gemeingut zu Grunde liege, das ſeit früheſter Zeit ſtammverwandten Völkern, ohne nachweisbare Uebergänge von einem auf das andere, zugehöre . Die früheſte erhaltene Form dieſes gemeinſamen Sagenkreiſes, deſſen urſprüngliche Kraft und Fülle nirgend mehr anzutreffen iſt, bietet Indien dar. Doch entſpricht dieſelbe ver - muthlich nicht der reinen älteſten Geſtalt. Denn wenn auch im Pant - ſchatantra und Hitopadeſa, ebenſo wie in den aus erſterem entnomme - nen Fabeln des Mahabharata Thiere redend und handelnd eingeführt werden, ſo treten dieſelben hier nur als willkürlich gewählte Bilder auf. Es werden ihnen menſchliche Rede und Handlungsweiſe zugeſchrieben, um irgend eine Lehre zu verſinnlichen, aber ohne daß dabei an die Ei - genartigkeit des Thieres gedacht würde, ſo z. B. in der Erzählung von213. Alter und Verbreitung der Thierfabel.den beiden Fiſchen, deren Namen ſchon, Vorſicht und Schlauheit, die allegoriſche Bedeutung verrathen; der Hauptzweck der Fabel iſt ein didaktiſcher. Reiner hat ſich die individualiſirende, an die entſprechende Charakteriſtik einzelner Thiere anſchließende Form bei den Griechen er - halten. Erſcheint auch die Wahl einzelner Thiere in früheren Fällen noch willkürlich, wie bei der Fabel vom Habicht und der Nachtigall, welche in den Erga des Heſiod(V. 200-210) erzählt wird, ſo finden ſich doch hier ſchon Thiere, welche mit ihrer ganzen Eigenthümlichkeit erſcheinen und von nun an zu Haupthelden des auf anderm Boden erwachſenden Thierepos werden.

Es wäre überflüſſig, hier mehr zu thun, als an Reineke Fuchs zu erinnern, welcher zwar nicht ausſchließlich deutſch, aber doch in deut - ſchen Grenzgebieten entſtanden iſt. Wichtig iſt, daß in etwas anderer Form einzelne Züge ſchon früher ſprüchwörtlich verbreitet waren22)Manches erinnert hierbei an die naturwüchſige Derbheit unſerer heutigen, beſonders niederdeutſchen Sprüchwörter; ſo eins der Skolien des Alkaios (16. Fragm. ): Geradezu muß der Freund ſein und keine Schliche machen, ſagte der Krebs und packte die Schlange mit der Scheere . Andre Redensarten ſind gelegent - lich verwendbare Bruchſtücke aus Fabeln geweſen; ſo τέττιγες χαμόθεν ᾄδωσιν des Steſichoros, oder τέττιγα δ̕ εἴληφας πτεροῦ des Archilochos und das πόλλ̕ οἰδ̕ ἀλώπηξ deſſelben., noch wichtiger, daß durch die Verſchiedenheit der Länder, in denen die Sagen ſpielen, auch in die dramatis personae einige Verſchiedenheit kommt. So hat J. Grimmnachgewieſen, daß die deutſche Vorſtel - lung im zehnten Jahrhundert das Königthum über die Thiere nicht dem Löwen, ſondern dem heimiſchen Bären beilegte, welcher entſprechend auch im finniſchen Epos Kalevala eine hervorragende Stellung ein - nimmt. Ferner ſind in der indiſchen Fabel Schakale Stellvertreter des Fuchſes, wenn auch nicht mit gleich treuer Charakterzeichnung. Im Hitopadeſa wird der Eſel in eine Tigerhaut geſteckt. Es gehen aber auch in den ſpäteren occidentaliſchen Thierfabeln Wolf und Fuchs häufig durcheinander, wie ihre Namen23)So enthalten die Narrationes des Odo de Ciringtonia (Shirton) eine Fabel von Iſegrimms Begräbniß, nicht Reinekes ( Grimm, Reinhart Fuchs, Ein - leitung, p. CCXXI, und Lemcke's Jahrb. für romaniſche u. engl. Literatur, 9. Bd.. Zu bemerken iſt endlich, daß nicht22Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.bloß große auffallende, ſondern auch kleine Thiere beachtet wurden. Dies beweiſt ſchon das Auftreten von Cicaden, Grillen u. ſ. w., es ſpricht auch der Froſchmäuſekrieg dafür. Doch iſt derſelbe, wie wohl auch manche Fabel in den arabiſchen und perſiſchen Sammlungen, mo - derner ganz zu geſchweigen, nicht dem urſprünglichen Sagenkreis ange - hörig geweſen, ſondern im Anſchluß an vorgefundene Muſter ſpäter abſichtlich nachgedichtet worden.

4. Schriftquellen der vorclaſſiſchen Zeit.

Mit den letzterwähnten Stücken des ganzen Fabel - und Sagen - kreiſes betreten wir einen andern Boden. Bis jetzt konnte aus ſprach - licher Uebereinſtimmung und aus dem Durchgehen gewiſſer Sagen, dem Inhalt oder der Form nach, auf eine urſprünglich vorhanden ge - weſene gemeinſame Thierkenntniß geſchloſſen werden. Mit dem Auftre - ten des Schriftthums eröffnen ſich andere Quellen. Jedenfalls erhält damit die geſchichtliche Betrachtung einen andern Hintergrund. Die Entwickelung der Wiſſenſchaft, deren Vorbedingung, die Kenntniß der wiſſenſchaftlich zu behandelnden Gegenſtände, bisher in allen Zweigen eines Sprach - und Volksſtammes zu ſuchen war, knüpft ſich nun be - ſtimmter an einzelne Völker, deren Cultur mittelſt der Schriftſprache der anderer Stämme vorauszueilen befähigt wurde. Dies iſt aber nicht der einzige hier in Betracht zu ziehende Umſtand. Es kann die Thier - kenntniß ſich ja auch durch andere, mit den Fortſchritten eines Volkes zuſammenhängende Verhältniſſe erweitert haben. Vor Allem können die Verkehrswege ausgedehnter geworden, damit eine größere Zahl von Thieren in den Vorſtellungskreis einzelner Völker eingetreten ſein. Dabei werden geographiſche Lage und damit in Zuſammenhang ſtehende Naturerſcheinungen beſtimmend gewirkt haben. So hat z. B. das regelmäßige Abwechſeln der Nordwinde auf dem rothen Meere und der23)1868. S. 133). Am letztgenannten Orte, welcher die Narrationes in der Ausgabe des H. Oeſterley enthält, findet ſich S. 139 unter Nr. XXI eine Fabel, wo ſich der Fuchs, nicht der Wolf, in eine Schafhaut ſteckt, um Schafe und Lämmer beſſer erwürgen zu können.234. Schriftquellen der vorclaſſiſchen Zeit.Südweſt-Monſune auf dem indiſchen Meere vom April bis October mit dem Nordoſt-Monſun und den Südwinden auf dem rothen Meere vom October bis April den Verkehr der Aegypter, Hebräer, Araber mit Indien weſentlich erleichtert und die Bekanntſchaft des Weſtens mit manchen Erzeugniſſen Indiens ſchon früh ermöglicht. Aber un - gleich wichtiger iſt, daß ja erſt mit der Schriftſprache die Möglichkeit eintritt, das zu überliefern, was eigentliche Wiſſenſchaft ausmacht: die Verbindung der ſinnlichen Erfahrung mit ſpeculativen Denkpro - ceſſen, durch welche die einzelnen mit der Beobachtung ſich ergebenden Thatſachen zu einem wohlgegliederten, der Natur dieſer Thatſachen ent - ſprechende allgemeine Geſetze entwickelnden einheitlichen Ganzen ver - bunden werden. Wenn es daher auch in einzelnen Fällen von Inter - eſſe, ja für das hiſtoriſche Verſtändniß gewiſſer Erſcheinungen geboten ſein kann, neben dem Hinweis auf das mit der Ausbreitung des Men - ſchen auch reichlicher zufließende zoologiſche Material, auf den genaueren Beſtand an bekannten Thierformen oder auf einzelne ſolche näher ein - zugehen, ſo kann es von nun an im Allgemeinen nicht mehr darauf ankommen, durch Mittheilung vollſtändiger Verzeichniſſe der von ein - zelnen Schriftſtellern erwähnten Thiere den Umfang ihrer Thierkennt - niß zu belegen. Der Fortſchritt der Zoologie hängt nicht von der Zahl der bekannten Arten, ſondern von der Auffaſſung der thieriſchen For - men ab. Doch ſind jene Verzeichniſſe und die Deutungen der in ihnen vorkommenden Thiernamen für eine Geſchichte der Thiere von Werth.

Nach dem eben Geſagten wird man inmitten der an Ausdehnung beſtändig zunehmenden Litteratur dort vorzüglich nach dem rothen Faden zu ſuchen haben, an dem ſich die Wiſſenſchaft fortſpinnt, wo unbeein - flußt von Nebenzwecken die Erforſchung der thieriſchen Natur ſelbſt zum Zwecke erhoben wird. Dies wird nur dann erſt möglich, wenn nicht bloß die allgemeine Bildung einer Nation auf Gegenſtände einzu - gehen Intereſſe gewinnt, welche nicht mit den täglichen Bedürfniſſen des Lebens und Treibens in directem Zuſammenhange ſtehen, ſondern beſonders, als der geſteigerte Wohlſtand eines Volkes es erlaubte, einen Theil des baaren Capitalbeſtandes, gewiſſermaßen als Ueber - ſchuß, vorläufig unproductiv zu verwenden, ſei es im Leben einzelner,24Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.erſt allmählich zu einem beſondern Stand erſtehender Gelehrten, ſei es durch Gründung rein wiſſenſchaftlicher Unterrichtsanſtalten24)Auf dieſe Abhängigkeit der Entwickelung wiſſenſchaftlichen Lebens vom Wohlſtand haben bereits Tennemann (Geſchichte der Philoſophie, Bd. 1. S. 30), neuerdings auch H. Th. Buckle (History of civilization in England. Vol. I. Chapt. II. Leipzig, 1865, S. 38) aufmerkſam gemacht..

Wie ſich dies im Mittelalter bewahrheitet, wo nur die andern Beſtrebungen zugewendeten religiöſen Körperſchaften den Beſtand des Wiſſens zu bewahren die Fähigkeit und, wie man dann gern ſagt, die Aufgabe hatten, bis zunächſt ſie die Neubelebung auch der Naturwiſ - ſenſchaften fördern halfen, ſo gilt dies in gleich ſtrenger Weiſe für das frühe Alterthum. Enthalten auch ohne Zweifel die religiös-poetiſchen Bücher ſowohl der Inder als der Hebräer, ebenſo die großen epiſchen Dichtungen manchen Zug, welcher auf eine nähere Bekanntſchaft mit der Natur der Thiere ſchließen läßt, ſo ſind doch naturwiſſenſchaftliche Betrachtungen ihnen fremd. Die hohe Achtung und religiöſe Ehrfurcht, mit welcher die Bibel angeſehen wird, hat es häufig veranlaßt, von ihr aus die Geſchichte beginnen zu laſſen. Sieht man aber von der Er - währung einer Anzahl von Thieren ab, ſo kann man aus ihr höchſtens ein Urtheil über die Naturanſchauung der alten Hebräer ſich bilden. In der moſaiſchen Schöpfungsgeſchichte werden die Thiere zwar in verſchiedenen Gruppen aufgeführt, wie: kleine Waſſerthiere, größere Waſſerthiere, Vögel, vierfüßige Thiere, Gewürm, ebenſo bei der noachi - ſchen Fluth. Indeß ſoll dies ſelbſtverſtändlich kein Verſuch zu einer Eintheilung der Thiere ſein im Sinne eines zoologiſchen Syſtems. Der Theilung der Thiere in reine und unreine, bei welcher das Wie - derkäuen und die geſpaltenen Klauen erwähnt werden (3. Moſ. 11. Cap.) liegt theils alter Gebrauch, theils wahrſcheinlich jene dem Alterthum charakteriſtiſche Auffaſſung des Unterſchieds zwiſchen Menſchen und Thier zu Grunde, welche in einer weiteren Entwickelung zu jener wun - derbaren Annahme der Seelenwanderung führt. Fehlen auch in der Bibel Anklänge an die Fabeln und Sagen, welche ſich mehr oder we - niger eng an Beobachtungen des Thierlebens anſchließen, ſo iſt ſie doch reich an Bildern und Gleichniſſen, deren Ausgangspunkte Thiere ſind;254. Schriftquellen der vorclaſſiſchen Zeit.und einzelne Schilderungen (ſo z. B. die des Schlachtroſſes im Buche Hiob, 39, 19-25) gehören zu den poetiſchſten und lebendigſten Stücken morgenländiſcher Dichtung, die auf uns gekommen ſind.

In ähnlicher Weiſe enthält die Schrift des älteſten indiſchen Lexi - kographen, des Amarakoſha, wo man dem Charakter der übrigen in - diſchen Litteratur nach noch am eheſten Andeutungen einer wiſſenſchaft - lichen Behandlungsweiſe des Gegenſtandes begegnen zu können ver - muthen möchte, eine Aufzählung von Thiernamen in gewiſſen Gruppen, welche indeſſen nicht nach Eigenthümlichkeiten der Thiere ſelbſt, ſondern nach ihren verſchiedenen Beziehungen zum Menſchen beſtimmt ſind, alſo ebenſowenig wie die Thiergruppen der Bibel einer Eintheilung des Thierreichs im Sinne eines Syſtems entſprechen. Unmittelbar hinter den Nahrungsmitteln führt Amara-ſinha als Hausthiere das Rind, das Kamel, die Ziege, das Schaf, den Eſel auf; dann unter den Werkzeugen des Krieges den Elefanten und das Pferd. Dann folgen wilde Thiere, unter welchen das Schwein, der Büffel und der Yak (deſſen Schweif ſeit uralter Zeit im Gebrauche war), die Katze und die Taube neben Löwe, Tiger, Panther, Hyäne ſtehen. Der Hund wird beim Jäger erwähnt. Den Beſchluß bilden Luxusthiere, Affen, Pfauen, Papageyen, der Kokila u. a.25)Vgl. Amarakosha, publié par A. Loiseleur-Deslongchamps. Paris, 1839. P. 1. und Laſſen, Indiſche Alterthumskunde 1. Bd. 2. Aufl. S. 348, 367, 368.. Im Uebrigen verdiente wohl auch die indiſche Litteratur, ſoweit die ungemein ſchwierige Chronologie es ge - ſtattet, in Bezug auf eine Geſchichte der Thiere einmal ſorgfältig durch - gearbeitet zu werden. Um hier nur beiläufig an Einzelnes zu erinnern: es ergibt ſich, daß z. B. die Bekanntſchaft mit dem Lack-Inſecte und der Perlmuſchel ſehr alt iſt, daß man den Byſſus der Steckmuſchel ſchon ſehr früh zu Geweben verwendete; u. a.26) Laſſen, a. a. O. 3. Bd. S. 46 u. a. O..

Endlich iſt wenigſtens einer hinweiſenden Erwähnung nicht ganz unwerth, daß uns in den ägyptiſchen und aſiatiſchen Bildwerken die älteſten bildlichen Darſtellungen von Thieren begegnen, welche freilich ohne irgend welche zoologiſche Nebengedanken ganz andern Zwecken zu26Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.dienen hatten, aber für die Wiedererkennung und Beſtimmung mancher von Schriftſtellern des Alterthums erwähnten Thiere nicht ganz ohne Bedeutung ſind. Bei einer Beſprechung der Urzeit konnte eine Berüh - rung thiergeſchichtlicher mit zoologiſch-hiſtoriſchen Geſichtspunkten nicht vollſtändig vermieden werden. Mit dem ſelbſtändigen Auftreten der Zoo - logie als Wiſſenſchaft erhalten die Arbeiten über Geſchichte der Thiere, in welche ſich bis jetzt leider Philologen und Zoologen getheilt haben, ihre beſondere Stellung.

Das claſſiſche Alterthum.

Die Stellung der Culturvölker des claſſiſchen Alterthums über - haupt ſowohl zur Natur als beſonders zum Thierreich intereſſirt hier nicht ſo ſehr wie ihr allmähliches Erfaſſen der Naturkörper als Gegen - ſtände wiſſenſchaftlicher Betrachtung. Griechen und Römer tragen zwar in geiſtiger Hinſicht ein ſie beide in ziemlich gleicher Weiſe von den Neueren unterſcheidendes Gepräge. Schon die wenigen oben ange - führten Stellen griechiſcher Schriftſteller zeigen, daß die Naturan - ſchauung der Alten jener poetiſchen gemüthlichen Vertiefung in die Na - tur nicht ermangelte, welche man ſo gern erſt den modernen Völkern, beſonders den Deutſchen zuſchreibt. Sehr ſchön ſagt Goethe27)Werke, 37. Bd. (Winkelmann) S. 20. Man vergleiche hiermit das jedenfalls zu einſeitig ausgebeutete Urtheil Schiller's (Ueber naive und ſentimen - taliſche Dichtung) Werke, Ausg. in 12 Bdn. Stuttgart, 1847. 12. Bd. S. 178. Von Neueren ſ. A. von Humboldtim Kosmos, 2. Bd. S. 6-25. Motz, Ueber die Empfindung der Naturſchönheit bei den Alten. Leipzig, 1865. In letzter Schrift wird die ungerechtfertigte Aeußerung Gervinus ': Das Alterthum kannte keine Freude an der Natur (Geſchichte der deutſchen Dichtung. 4. Ausg. Bd. 1. S. 132) ebenſo widerlegt, wie die von unrichtigen Vorausſetzungen aus - gehende Abhandlung von Pazſchke, über die homeriſche Naturanſchauung, Stettin, 1849. Gerechter iſt das Programm von E. Müller, Ueber Sophokleiſche Naturanſchauung. Liegnitz, 1842.; Wirft ſich der Neuere faſt bei jeder Betrachtung in's Unendliche, um zuletzt,27Das claſſiſche Alterthum.wenn es ihm glückt, auf einen beſchränkten Punkt wieder zurückzukeh - ren: ſo fühlten die Alten ohne weitern Umweg ſogleich ihre einzige Behaglichkeit in den lieblichen Grenzen der ſchönen Welt . Doch zeich - nete die Griechen eine ſchärfer bewahrte Individualiſirung, eine glück - liche Bewahrung vor einer Alles ebnenden und ausgleichenden Einför - migkeit ſtaatlicher Einrichtungen, vor Allem eine Phantaſie aus, welche, wie überall die Erzeugerin des Schaffens, auch des wiſſenſchaftlichen, ohne ſich durch nüchterne Rückſichtnahme auf praktiſche Zwecke ge - fangen nehmen zu laſſen, die Erſcheinungen der umgebenden Welt zu deuten und zu ordnen unternahm. Dies konnte und mußte für die Auf - nahme rein wiſſenſchaftlicher Arbeiten nur förderlich wirken. Fehlte es auch den Römern nicht an Objectivität, dem andern Bedingniß wiſſen - ſchaftlicher Thätigkeit, ſo gieng der hieraus entſpringende Vortheil durch die Nüchternheit ihrer Anſchauung von Welt, Staat und Volk wieder verloren. Daß bei den Griechen kein geſchloſſener Prieſterſtand vor - handen war, welcher ſich im ausſchließlichen Beſitz alles Wiſſens und beſonders der ſich zunächſt mit religiöſen Vorſtellungen verbindenden Geheimniſſe der Natur zu ſein rühmen durfte, daß ſich dagegen die Bürger geiſtig frei regen konnten, war eine weitere Urſache ihres frühen Erhebens zu wiſſenſchaftlicher Höhe. Denn wenn auch die etruskiſche Prieſterherrſchaft nicht direct als ſolche in die römiſche Verfaſſung über - gieng, ſo fehlte doch der freie Bürgerſtand, welcher in Griechenland das Aufblühen von Gewerb - und Kunſtthätigkeit, von Handel und Wiſſen - ſchaft begünſtigte. Daß eine Lostrennung der rein wiſſenſchaftlichen Betrachtung von praktiſchen Bedürfniſſen, welche jene zwar erſt mög - lich gemacht, aber nicht bedingt hatten, nur dann durchzuführen war, als ſich ein Gelehrtenſtand herausgebildet hatte, welcher die wiſſenſchaft - liche Erkenntniß zu ſeinem eigentlichen Zwecke erhob, wurde bereits an - gedeutet28)Nach Welcker (die Heſiodiſche Theogonie, S. 73) hat ſich ein Gelehrten - ſtand erſt ſeit Pherekydes, dem erſten Proſaſchriftſteller (ungefähr 544 v. Chr.) herauszubilden begonnen..

War es demnach natürlich, daß das vorzugsweiſe organiſatoriſche Talent der Römer durch griechiſche Cultur ſich befruchten laſſen mußte,28Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.um die Blüthen einer höheren, aber immerhin mehr auf das Formale gerichteten geiſtigen Entwickelung zu entfalten (wie ja Spuren griechi - ſchen Einfluſſes weit in das italiſche Alterthum hinaufreichen), ſo war es ebenſo erklärliche Folge der ſich ſtetig ausbreitenden römiſchen Herr - ſchaft, daß mit der Einwirkung ihrer centraliſirenden und gleichmachen - den ſtaatlichen Methode auch das Geiſtesleben der im Weltreich der Römer aufgehenden Griechen andere Richtungen einſchlug. Charakte - riſtiſch für die alexandriniſche Zeit iſt, daß hier wie im Mittelalter Rhetorik, Grammatik und Dialektik in Verbindung mit Muſik und Geometrie die Lehrgegenſtände wurden, welche der Jugend den Eintritt in die gebildete Welt verſchafften. Es iſt kein Wunder, daß unter jenen Verhältniſſen auch die wiſſenſchaftliche Thierkunde, deren Gründung in einer ſo überaus glänzenden Weiſe erfolgt war, ſtill ſtand. War es ja doch nur möglich geweſen von einer ſolchen zu ſprechen, als das ſelbſtändige Intereſſe freier nach reinem Wiſſen ſtrebender Männer die Beſchäftigung mit nicht ſtreng zunftmäßigen Gegenſtänden geſtattet hatte. Hierzu kommt noch die dem alexandriniſchen Zeitalter eigene Richtung der grammatikaliſchen Behandlung der Gegenſtände, welche, verbunden mit der Sorge für die Erhaltung älterer Schriften ſelbſt die ſtrengere Fachlitteratur zu didaktiſchen Zwecken umzumodeln begann und im Ganzen, wir möchten ſagen, eine Scholaſtik des Alterthums hervorrief. Ferner laſſen ſich die fabelhaften Angaben, welche vom ſpätern Alterthum an ſich durch das ganze Mittelalter hindurchziehen, vielleicht nicht mit Unrecht auf die Sammlungen von Wundern, Para - doxen und überhaupt Merkwürdigkeiten aller Art zurückführen, welche jene Zeit hervorbrachte.

Im eigentlichen Sinne des Wortes Gründer der Zoologie iſt Ariſtoteles, indem er zum erſtenmale alle zu ſeiner Zeit oder we - nigſtens ihm bekannten hierher gehörigen Thatſachen ſammelte, ordnete und zu einem Syſtem verband. Sein Einfluß auf die Weiterentwicke - lung der Zoologie war indeß während des Alterthums nicht nachhaltig. Hat er auch wie kaum Jemand vor und nach ihm mächtig dazu beige - tragen, die allgemeinen Anſchauungen der gebildeten Welt umzugeſtal - ten, ſo wäre es doch eben verkehrt, in ihm ſchon Andeutungen einer29Das claſſiſche Alterthum.Naturwiſſenſchaft im modernen Sinne zu ſuchen. Er konnte ſich als Individuum dem Einfluſſe ſeiner Zeit nicht entziehen und wirkte nur wie alle großen Individualitäten aus dem nationalen Zeitgeiſte heraus auf ihn zurück. Der Werth der Ariſtoteliſchen Arbeiten ſoll am Ende dieſes Abſchnittes bezeichnet werden. Es iſt zunächſt zu unterſuchen, wie ſich die einzelnen Seiten des zoologiſchen Wiſſens während des Al - terthums entwickelt und zu einander geſtellt haben.

Faſt iſt es überflüſſig darauf hinzuweiſen, wie unvollkommen die Hülfsmittel der Beobachtung bei den Alten waren. Wenn auch in ſpä - teren römiſchen Zeiten Piscinen, Aviarien und andere derartige Samm - lungen lebender Thiere angelegt und unterhalten wurden, ſo werden doch nur ſelten Vorrichtungen zur Aufbewahrung und Beobachtung be - ſonderer Thierarten, beſonders kleinerer erwähnt. Nur die Bienen ha - ben hier wohl eine Ausnahme gemacht. Ariſtoteleserwähnt Mehreres über Beobachtungen an Bienen; ſo gedenkt er z. B. des Bauens in ihnen dargebotene leere Stöcke u. a.29)Histor. Anim. IX, 40. 166 ( Aubertund Wimmer). Doch haben die Bienen ihrer ökonomiſchen und techniſchen Bedeutung wegen eine eigne Stellung. Es wurde ja auch der Honig vielfach zur Aufbewahrung von Leichen, Früchten, Purpurſaft, Arzneimitteln u. dergl. benutzt30) Plinius, Hist. nat. XXIX, 4. Auch erwähnt er VII, 3 die Aufbewah - rung eines Hippocentaurs in Honig. Salz erwähnt er XXXI, 9 u. 10., um ſie vor Fäulniß zu ſchützen. Länger erhielt ſich das ſchon früh hierzu benutzte Wachs in dieſem Gebrauch, durch welches Mittel z. B. die im Grabe des Numa gefundenen Bücher nach fünfhundert Jahren noch friſch er - halten gefunden worden ſein ſollen31)Livius, XI, 29. Plinius, hist. nat. XIII, 13. Noch im vorigen Jahr - hundert wurden die Leichen der Könige von England in mit Wachs durchtränkte Zeuge eingewickelt.. Kannten aber auch ferner die Alten im Salz eine fäulnißwidrige Subſtanz, ſo fehlten ihnen doch alle bequemen Conſervirungsmethoden. Die Beobachtungen an ſeltneren, nicht friſch getödteten größeren, oder kleineren weichen und zerfließlichen Thieren, welche in dem ſüdlichen Klima ſchneller Zerſetzung unterlagen, konnten daher nur ſehr oberflächliche oder zufällige ſein. Mit dieſer30Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.Unkenntniß von Mitteln zur zweckmäßigen Aufbewahrung von Natur - gegenſtänden hängt auch der Mangel an Naturalienſammlungen zuſam - men. Gewiß erregten die als Weihgeſchenke in Tempel geſtifteten Merkwürdigkeiten die Aufmerkſamkeit und wurden wohl auch gelegent - lich zur wiſſenſchaftlichen Betrachtung benutzt. Doch hatten derartige Anſammlungen wunderlicher Dinge kaum eine Bedeutung als Hülfs - mittel des Studium. Eben ſo hülflos waren die Alten kleinen und kleinſten Gegenſtänden gegenüber. Es fehlten ihnen nicht bloß die feinen Werkzeuge zum Feſthalten, Zergliedern u. ſ. w., ſondern beſonders kannten ſie keine Mittel zur Vergrößerung des zu Unterſuchenden. Sie mußten daher über die feinere Zuſammenſetzung größerer eben ſo wie über die Form, ja Exiſtenz kleinſter Thiere im Dunkel bleiben.

Eng mit dieſem Fehlen von Beobachtungsmitteln hängt der Man - gel einer ſtreng durchführbaren Methodik zuſammen, welcher die alten Naturforſcher nicht über ein gewiſſes Ziel hinaus gehen ließ. Stellte auch Ariſtotelesdie Erfahrung an die Spitze der Erkenntnißquellen und verſchob er dem entſprechend das Urtheil über eine Erſcheinung bis dahin, wo die Erfahrungen vollſtändiger ſein würden, ſo erhob ſich doch die in formaler Hinſicht ſo bewundernswerthe Speculation nicht bis zur völligen Freiheit von den Feſſeln der durch die Erfahrung ver - anlaßten Verbalbezüge. Und wo ſich die Philoſophie über die ſyſtema - tiſirende Form erhob, wo es ſich darum handelte, zuſammengeſetzte Erſcheinungen in ihre einzelnen Momente aufzulöſen und zu erklären, trat jener der ganzen Weltanſchauung zu Grunde liegende Anthropo - morphismus vor, welcher ja auch der Ausgangspunkt der Teleologie iſt. Daß ſich den Forſchern des Alterthums die Thatſachen nicht in immer reinerer Form und reichlicher darboten, daß die Kunſt des Experimen - tirens bei ihnen noch nicht oder kaum exiſtirte, verhinderte die Bildung von Ideen, welche der jedesmal in Betracht kommenden Gruppe von Thatſachen angemeſſen waren, wie es Whewell richtig bezeichnete. Natürlich traf dies aber alle Naturwiſſenſchaften. Aber gerade die ge - ringere Entwickelung der verwandten Wiſſenszweige ließ auch die Zoo - logie nicht zur Aufſtellung von allgemein bedeutungsvollen Fragen kommen.

31Das claſſiſche Alterthum.

Es iſt nicht ohne Intereſſe zu ſehen, wie ſchon bei Ariſtotelesdie Frage nach dem Unterſchiede zwiſchen Thier und Pflanze berührt wird. Bei - den gemeinſam iſt das Leben; doch iſt ſelbſt der Uebergang von den unbelebten Körpern zu den Pflanzen nur allmählich. Im Ganzen er - ſcheinen die Pflanzen den andern Körpern gegenüber beſeelt, den Thie - ren gegenüber unbeſeelt zu ſein. Von allen belebten Weſen unterſcheidet ſich aber das Thier allein durch die Empfindung; willkürliche Bewe - gung iſt nicht nothwendig bei allen Thieren. Ueber die Natur mancher Seegewächſe kann man zweifelhaft ſein, ob ſie pflanzlich oder thieriſch iſt. Die hier gemeinten ſind aber nicht die ſpäter ſogenannten Zoophy - ten (wenn ſchon der Ariſtoteliſche Zweifel der Bildung dieſer Gruppe zu Grunde lag), ſondern Schalthiere (Pinna, Solen). Auch die Asci - dien, ſagt Ariſtoteles, kann man mit Recht pflanzlich nennen, da ſie, wie die Pflanzen, keine Ausſcheidung (Excremente) von ſich geben .32)Die Hauptſtellen des Ariſtotelesſind: De anima, cap. 2 u. 3. Hist. anim. VIII, 1. 4-8. (Aub. u. Wimm.). De gener. anim. I, 23. 103 (Aub. u. Wimm.). De part. anim. IV, 5. 681 a, b. . Man ſieht, wie Ariſtoteleshier in denſelben Fehler verfallen iſt, wie faſt alle Neueren. Der ſprachlich überlieferte Ausdruck Pflanze wurde als ein ſolcher aufgefaßt, welcher eine von der Natur gegebene Claſſe von Körpern decken müſſe. Daſſelbe trat für die Späteren mit dem Begriff der Art ein. Statt zu unterſuchen, ob etwas dem Wort ent - ſprechendes Unveränderliches oder feſt Abgeſchloſſenes in der Natur vorhanden ſei, und dann beim Mangel eines ſolchen die Freiheit der Natur zu wahren und bloß künſtlich nach dem Stande der Kenntniſſe dem Ausdrucke einen Inhalt anzuweiſen, glaubte man das Wort als das Symbol eines in der Natur liegenden Geheimniſſes betrachten zu müſſen, welches man doch noch entſchleiern zu können hoffte.

Weniger Schwierigkeit als die Grenzbeſtimmung des Thierreichs gegen die Pflanzen hin machte die Abgrenzung deſſelben nach oben. Ariſtotelesſowohl als Pliniusgehen bei ihren Schilderungen von oben nach unten. Erſterer ſagt ausdrücklich, daß man von dem Bekannteſten ausgehen müſſe; und der Menſch ſei das bekannteſte Thier. In allen ſeinen Schriften, wo von anatomiſchen oder entwickelungsgeſchichtlichen32Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.Verhältniſſen die Rede iſt, beginnt er mit dem Menſchen. Aehnlich be - ginnt Pliniusdas auf die Beſchreibung des Menſchen folgende Buch mit den Worten: Wir gehen nun zu den übrigen Thieren über . Doch iſt beiden und mit ihnen natürlich dem ganzen Alterthum der Menſch der Mittelpunkt der ganzen Schöpfung, von göttlicher Natur ( Ariſto - teles), um deſſen willen die Natur alles Uebrige erzeugt zu haben ſcheint ( Plinius).

1. Kenntniß thieriſcher Formen.

Alle fruchtbringenden wiſſenſchaftlichen Wahrheiten ſind allgemei - ner Art. Sie werden entweder inductiv gefunden oder divinatoriſch er - faßt; in beiden Fällen ruhen ſie auf dem beſtätigenden Zeugniß einzel - ner Thatſachen. Die elementarſte Art ſolcher Thatſachen bietet für die Zoologie die Kenntniß einzelner Thierformen dar. Es wurde im An - fang der vorliegenden Darſtellung zu zeigen verſucht, wie die Beweiſe für die Kenntniß einzelner Thiere ſchon in der Sprache niedergelegt ſind. In gleicher Weiſe ſind noch ſpäter und bis jetzt, ohne Rückſicht auf wiſſenſchaftliche Geſichtspunkte zu nehmen, in beſtändiger Folge neue Thierformen aufgeführt, entweder nur beiläufig erwähnt oder mehr oder weniger ausführlich geſchildert worden. Es gieng ja auch im Alterthum, wie es noch heutzutage der Fall iſt, die oberflächliche Be - kanntſchaft mit mancherlei neuen Thieren einem bewußten fachgemäßen Einordnen des über ſie Erfahrenen in den Kreis der bereits vorhandenen ſyſtematiſcheren zoologiſchen Kenntniſſe voraus33)Einen weitern auch ſprachlich intereſſanten Beleg über die populäre Kennt - niß der Thiere geben die Ausdrücke über Thierſtimmen. Siehe hierüber die Schrift von Wackernagel, Voces animalium, deren erneute Herausgabe der Tod des Verfaſſers wohl leider vereitelt hat. Nicht berückſichtigt hat Wackernageleine reiche Sammlung von Ausdrücken in: Fr. Guil. Sturziiopuscula nonnulla. Lipsiae, 1825 (8) p. 131-228. Bei Sturzfehlt: IsidorusHispal., de sonitu avium (auch anderer Thiere) Opera ed. Areval. Rom. 1801. Tom. IV. Etymol. p. 523. Vincent. Bellovac., Specul. natur. lib. XXIII. cap. VI. Physiologus syrus ed. Tychsen. p. 128. Aretin, Beiträge VII. S. 257, aus einem Freiſinger, jetzt Münchner Codex des 11. Jahrhund. Auszüge aus griechiſchen Handſchriften gibt: Iriarte, Regiae Biblioth. Matritensis Codices graeci. Tom. I. p. 306-314, 371 u. a. O. Ueber die Bezeichnung der Thierſtimmen in der Bibel und.

331. Kenntniß thieriſcher Formen.

Leicht ſcheint es uns jetzt, ein Thier zu benennen. Alljährlich füllen ſich die Liſten unſerer Klaſſen und Ordnungen immer mehr mit den Namen neuer Thiere. Zwei Umſtände mußten aber den Alten ſchon die wiſſenſchaftliche Bezeichnung ihnen als neu erſcheinender, ebenſo wie der bereits länger bekannten Thiere erſchweren, in ähnlicher Weiſe wie ſie uns die Wiedererkennung der von den Alten gemeinten Thiere oft unmöglich machen. Es fehlte ihnen der Begriff der naturwiſſen - ſchaftlichen Art und eine ſtreng durchführbare Nomenclatur. Was das erſtere betrifft, ſo kommt in den alten Schriftſtellern nicht einmal ein Wort vor, welches ausnahmslos den Begriff einer Gruppe einander in den wichtigſten Beziehungen ähnlicher Thiere ausdrückte, gleichviel ob dabei an beſondere Merkmale für die Zugehörigkeit zu einer ſolchen zu denken ſei oder nicht. Man hat vielfach das ariſtoteliſche Eidos , welchem, freilich ſehr verflacht, die Species des Pliniusentſpricht, für den die neuere Art bezeichnenden Ausdruck oder wenigſtens für deren Vorläufer anſehen zu dürfen geglaubt. Doch iſt dies ſicher unrichtig. Die beiden Ausdrücke Genos und Eidos werden von Ariſtotelesnur im ſtreng logiſchen Sinne einer Ueber - und Unterordnung ge - braucht, ſo daß ein Eidos wiederum zu einem Genos wird, ſobald es mehrere Unterabtheilungen, welche dann wieder Eidos heißen, umfaßt, wie auch umgekehrt ein Genos zu einem Eidos herabſinkt, ſobald es von einer höheren Abtheilung aufgenommen wird, die dann Genos ge - nannt wird. Am deutlichſten wird dieſe Anwendungsweiſe und die Un - möglichkeit, unter einem Eidos auch nur annähernd etwas an unſere Art erinnerndes zu vermuthen, dadurch, daß Ariſtoteleszuweilen ein Eidos dem andern unterordnet. Pliniusſchließt ſich ganz an Ariſtote - lesan, ohne deſſen Schärfe der Unterordnung überall durchblicken zu laſſen34)Vergl. Spring, Ueber die naturhiſtoriſchen Begriffe von Gattung, Art und Abart. Leipzig, 1838. S. 10. J. B. Meyer, Ariſtoteles 'Thierkunde. Ber - lin, 1855. S. 348. ſ. auch Ariſtoteles, Hist. anim. I, 6. 33 (A. u. W.): τῶν δὲ λοιπῶν ζῴων οὐκέτι τὰ γένη μεγάλα οὐ γάρ περιέχει πολλὰ. Auch eine Charakteriſirung dieſes Eidos, wie etwa durch33)dem Talmud ſ. Lewyſohn, Zoologie des Talmud § 38. S. 23. § 520. S. 366 (aus dem zweiten Targum zu Eſther 1, 2). V. Carus, Geſch. d. Zool. 334Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.Fähigkeit fruchtbarer Begattung, fehlt bei den Schriftſtellern der claſ - ſiſchen Zeit. Es werden Begattungen verwandter und nicht verwandter Thiere angenommen und deren Erzeugniſſe beſchrieben, ohne auch nur das geringſte Bedenken durchſchimmern zu laſſen, daß außer der zu verſchiedenen Körpergröße noch ein anderartiges Hinderniß beſtehen könnte35)Solchen Kreuzungen gegenüber hießen die Individuen einer Art ὁμογενῆ (ſo bei der Maulthiererzeugung, Hist. anim. VI, 23. 161); der hier zu Grunde liegende Gedanke wird aber nicht weiter verfolgt. De gener. anim. II, 4. 53 ſagt Ariſtotelesgeradezu: μίγνυται δὲ ὧν ... τὰ μεγέ〈…〉〈…〉 η τῶν σωμάτων μὴ πολὺ διέστηκεν. Ueber indiſche Hunde ſ. Hist. anim. VIII, 28, 167. und de gener. anim. II, 7. 118. . So entſpringen z. B. die indiſchen Hunde einer Begattung des Tigers (nach einer andern Stelle des Ariſtoteleseines hundeähn - lichen Thieres) mit dem Hunde, der Rhinobatis einer Begattung der Rhine mit der Batis u. ſ. f.

Eine wiſſenſchaftliche Nomenclatur kannten die Alten ebenſowenig. Ihre Namengebung war die populäre. Dies wird bewieſen durch das Vorhandenſein einmal mehrerer Namen in einer und derſelben Sprache für ein Thier, dann verſchiedener Bezeichnungen für verſchiedne Alters - zuſtände eines und deſſelben Thieres36)Derartige Synonyme ſind γλάνος und ὕαινα, λάταξ und κάστωρ, Apus und Cypselus u. ſ. w. Die verſchiedenen Alterszuſtände des Thunfiſches haben bei Ariſtotelesund Pliniusverſchiedene Namen.. Die Namen werden von keiner irgendwie ausführlichen Beſchreibung eingeführt, ſondern als durch den Volksgebrauch bekannt vorausgeſetzt. Die zugehörigen Thiere können daher nur nach den ſich meiſt an verſchiedenen Stellen finden - den Angaben über einzelne Eigenſchaften derſelben wiedererkannt wer - den. Wie ſehr dies die Beſtimmung der Thiere erſchwert, wird noch ſpäter zu erwähnen ſein. Selbſt bei der Bezeichnung größerer ſyſte - matiſcher Einheiten verfuhr Ariſtotelesnicht ſtreng nach Grundſätzen.

34)εἴδη ἓν εἰδος. u. a. Pliniusſpricht z. B. X, 8. 9 von dem genus accipi - trum und wenige Blätter ſpäter X, 19. 22 ſagt er nunc de secundo genere di - camus, quod in duas dividitur species, oscines et alites, wo jedenfalls die letzt - erwähnten Species weitere Abtheilungen bezeichnen als das erſtere Genus.

35Hausthiere der Griechen und Römer.

Hausthiere der Griechen und Römer.

Natürlich gieng die Thierkenntniß zunächſt von den Hausthie - ren aus. Wenn jetzt der Verſuch gemacht werden ſoll, einen kurzen Ueberblick über die von den claſſiſchen Schriftſtellern erwähnten For - men der Hausthiere zu geben, ſo kann es nicht der Zweck deſſelben ſein, in größter Vollſtändigkeit eine Geſchichte der Raſſen zuſammenzuſtellen. Vielmehr ſoll nur im Allgemeinen auf das hinſichtlich der Formkennt - niß Wichtigſte hingewieſen werden.

Was zunächſt das Rind betrifft, ſo werden außer dem gewöhn - lichen Hausrind, deſſen Raſſe indeß ſchwer zu beſtimmen ſein dürfte, von ſeinen nächſten Verwandten noch das Buckelrind, und zwar bei Ariſtote - lesals ſyriſches, bei Pliniusals ſyriſches und kariſches, und der Wiſent, bonasus und bison, erwähnt. Zu letzterem tritt bei Pliniusnoch der Ur oder Auerochs. Beide haben auch den Büffel gekannt. Den Yak, über welchen orientaliſche Angaben noch weiter zurückreichen, erwähnt Aelian(XV, 14). Natürlich fehlt es (abgeſehen von den hier nicht in Betracht kommenden ökonomiſchen Angaben) auch beim Rinde nicht an Fabeln; ſo erzählt Aelian(XVI, 33), daß in Phönicien die Kühe ſo groß ſeien, daß die Menſchen, um nur beim Melken das Euter erreichen zu können, auf eine Bank ſteigen müſſen. Von Schafen erwähnt be - kanntlich Herodotfettſchwänzige aus Arabien, deren Schwänze man auf kleine nachgeſchleppte Wagen band37)Daſſelbe erzählt Ruſſellin der Natural History of Aleppo. S. 52; auch wird das Gleiche in der Miſchna (Sabbat. 5, 4) und bei deren Commentato - ren zu dieſer Stelle erwähnt.. Auch Ariſtotelesführt dick - und dünnſchwänzige, kurz - und langwollige Raſſen auf. Bei Pliniuskommt der Muſimon vor (VIII, 49. 75), welchen ſpäter Iſidorvon Sevilla als Baſtard von Ziege und Widder deutet. Unter den An - gaben über Ziegen finden ſich ſolche über langohrige in Syrien und über Ziegen in Lycien ( Ariſtoteles) oder Phrygien ( Varro), welche ge - ſchoren werden wie Schafe. Waren auch die Kamele keine Hausthiere bei den Griechen ſelbſt, ſo geſchieht doch ihrer ausgedehnten Benutzung im Orient häufig Erwähnung und zwar ſowohl des Kamels als des3*36Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.Dromedars. Später wurden ſie eingeführt und in größerer Zahl gehalten38)Nach Aurelius Victor(Caes. 41) war der UſurpatorCalocerusauf Zypern Aufſeher der kaiſerlichen Dromedare, magister pecoris camelorum (335 n. Chr.)..

Von Einhufern waren den Alten das Pferd, der Eſel, der Kulan und Dſchiggetai bekannt. Unter den Pferden rühmt Ariſtotelesbe - ſonders die niſäiſchen ihrer Schnelligkeit wegen (Hist. anim. IX, 50. 251). Gleichen Vorzug ſchreibt Aelianden libyſchen zu, welche außer - dem gar keine Pflege bedürften oder genöſſen (de nat. anim. III, 2). Ob die von Archilochos angeführten neunſtreifigen magneſiſchen und prieniſchen Eſel39)Μάγνης ἐννεάμυκλος ὄνος; 183. Hartung überſetzt (die griech. Ly - riker) mit neun Wülſten ; es ſind aber jedenfalls die Streifen gemeint. beſonders ausgezeichnete Raſſen waren, iſt nicht zu entſcheiden. Im Verhältniß zu den übrigen Säugethieren kleine Eſel erwähnt Ariſtotelesvon Epirus, wogegen Eſel ihrer Empfindlichkeit gegen Kälte wegen weder in Skythien noch am Pontus vorkommen ſollen. Ungemeine Schnelligkeit, aber dann plötzliches Ermüden ſchil - dert Aelian(XIV, 10) von den mauritaniſchen Eſeln. Wildeſel (onager, jetzt Kulan) kommen bei Xenophon, Varro, Pliniusund Aelianvor. Auf den Dſchiggetai bezieht man den Ausdruck Hemionus (Halbeſel) bei Ariſtoteles(Hist. anim. VI, 24. 163), worunter er indeß an an - dern Stellen die Baſtarde von Pferden und Eſeln, alſo faſt ſynonym mit Oreus , verſteht. Die Kreuzung des Pferdes mit dem Eſel zur Erzeugung der in manchen Beziehungen jenen beiden an Brauchbarkeit vorzuziehenden Maulthieren und Mauleſeln iſt jedenfalls ſehr alt, doch nur bei den Ariern, den Semiten war ſie verboten. Anakreon ſchreibt ihre Erfindung den Myſiern zu40)ἱπποθόρον δὲ Μυσοὶ εὗρον μῖξιν ὄνων (πρὸς ἴππους) 35. Fragm.. Aelianerzählt, daß in den großen Heerden wilder Pferde und Eſel Indiens die Stuten häufig Eſelhengſte zuließen und gutlaufende braune Maulthiere erzeugten (XVI, 9). Ari - ſtotelesmacht noch keinen Unterſchied zwiſchen Maulthier (von Eſel - hengſt und Pferdeſtute) und Mauleſel (von Pferdehengſt und Eſelin), ſondern bezeichnet beide mit Oreus oder Hemionus . Er meint aber,37Hausthiere der Griechen und Römer.daß ſich die Jungen in ihrer Form nach der Mutter richten41)Hist. anim. VI, 23. 162. Im Gegenſatz hierzu führt Columella (9. Cap.) an, daß die Zucht meiſt nach dem Vater arte., muß alſo doch die Unterſchiede bemerkt haben. Später heißt Maulthier mu - lus, Mauleſel hinnus (burdo bei Iſidorvon Sevilla). Als Ginnos (hinnus) bezeichnet Ariſtotelesdas Product von Maulthier und Stute. Fruchtbare Maulthiere erwähnt Plinius(VIII, 44. 69), doch ohne Zu - verläſſigkeit.

Bekannt iſt, daß Schweine ſchon in den älteſten griechiſchen Zeiten gehalten wurden. Beſondere Reſultate einer ſorgfältigen Zucht, für welche Columella Anweiſung gibt, ſind nicht weiter bekannt gewor - den. Doch erwähnt Barro Schweine in Gallien, welche ſo fett ſeien, daß ſie ſich nicht mehr ſelbſt von der Stelle bewegen können. Einhufige Schweine führt Ariſtotelesals in Päonien und Illyrien vorkommend an (Hist. anim. II, 1. 17). Den Babyruſſa ſchildert Plinius.

Die Sagen vom kalydoniſchen und erymantiſchen Eber führen mit ihren Jagdabenteuern auf das zuletzt noch zu erwähnende Hausſäuge - thier, den Hund. Als gute Jagdhunde führt Ariſtotelesdie lakoniſchen Hunde an42)vielleicht dieſelbe Raſſe, welche Simonides als κύων Ἀμυκλαίος erwähnt., welche aus einer Kreuzung des Fuchſes mit dem Hunde hervorgegangen ſein ſollen. Die moloſſiſchen Hunde ſind theils Jagd -, theils gute Wächterhunde. Ob das Malteſerhündchen43)κυνίδιον μελιταῖον. Hist. anim. IX, 6. 50. Aelian, de nat. anim. XVI, 6. des Ariſtote - les, welcher Name bei ſpäteren Schriftſtellern wiederkehrt (z. B. Pli - nius, Aelian), dieſelbe oder eine ähnliche Raſſe iſt, welche Linnéals Canis familiaris melitaeus aufführt, iſt, da ſowohl Beſchreibung als genauere Angaben über das eigentliche Vaterland fehlen, kaum zu be - ſtimmen44) Aubertund Wimmer( Ariſtot.Thierkunde, I. S. 72) glauben mög - licherweiſe an Canis Zerda denken zu dürfen, welcher über Malta aus Afrika ge - bracht worden wäre. Der Name Μελίτη kommt aber öfter vor, und es liegt daher wohl näher, an eine griechiſche Raſſe kleiner Schoßhunde zu denken.. Außer der erwähnten Kreuzung von Hund und Fuchs (und früher von Hund und Tiger oder vielleicht Schakal) gedenkt Ari - ſtotelesnoch der Kreuzungen zwiſchen Hund und Wolf, und zwar läßt38Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.er die aus beiden