PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Einleitung in die Geiſteswiſſenſchaften.
[II][III]
Einleitung in die Geiſteswiſſenſchaften.
Verſuch einer Grundlegung für das Studium der Geſellſchaft und der Geſchichte
Erſter Band.
[figure]
Leipzig,Verlag von Duncker & Humblot.1883.
[IV][V]

An den Grafen Paul Yorck von Wartenburg.

In einer unſerer erſten Unterhaltungen entwickelte ich Ihnen den Plan dieſes Buches, welches ich damals noch als Kritik der hiſtoriſchen Vernunft zu bezeichnen wagte. In den ſchönen Jahren ſeitdem habe ich des einzigen Glückes genoſſen, auf der Grundlage der Verwandtſchaft der Ueberzeugungen in oft täglichem Geſpräch gemeinſam zu philoſophiren. Wie könnte ich ausſondern wollen, was der Gedankenzuſammenhang, welchen ich vorlege, Ihnen verdankt? Nehmen Sie, da wir nun räum - lich getrennt worden ſind, dies Werk als ein Zeichen unwandel - barer Geſinnung. Der ſchönſte Lohn der langen Arbeit, in welcher es entſtand, wird mir der Beifall des Freundes ſein.

[VI][VII]

Inhalt.

Seite

Erſtes einleitendes Buch.

Ueberſicht über den Zuſammenhang der Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes, in welcher die Nothwendigkeit einer grundlegenden Wiſſenſchaft dargethan wird.

  • 1. Abſicht dieſer Einleitung in die Geiſteswiſſenſchaften3
  • 2. Die Geiſteswiſſenſchaften ein ſelbſtändiges Ganze, neben den Naturwiſſenſchaften5
  • 3. Das Verhältniß dieſes Ganzen zu dem der Naturwiſſenſchaften17
  • 4. Die Ueberſichten über die Geiſteswiſſenſchaften26
  • 5. Ihr Material30
  • 6. Drei Klaſſen von Ausſagen in ihnen32
  • 7. Ausſonderung der Einzelwiſſenſchaften aus der geſchichtlich-geſell - ſchaftlichen Wirklichkeit34
  • 8. Wiſſenſchaften der Einzelmenſchen als der Elemente dieſer Wirk - lichkeit35
  • 9. Stellung des Erkennens zu dem Zuſammenhang geſchichtlich-geſell - ſchaftlicher Wirklichkeit44
  • 10. Das wiſſenſchaftliche Studium der natürlichen Gliederung der Menſchheit ſowie der einzelnen Völker49
  • 11. Unterſcheidung von zwei weiteren Klaſſen von Einzelwiſſenſchaften52
  • 12. Die Wiſſenſchaften von den Syſtemen der Kultur61
    • Die Beziehungen zwiſchen den Syſtemen der Kultur und der äußeren Organiſation der Geſellſchaft. Das Recht65
    • Die Erkenntniß der Syſteme der Kultur. Sittenlehre iſt eine Wiſſenſchaft von einem Syſtem der Kultur73
  • 13. Die Wiſſenſchaften der äußeren Organiſation der Geſellſchaft80VIIIInhalt.
    • Seite
    • Die pſychologiſchen Grundlagen80
    • Die äußere Organiſation der Geſellſchaft als geſchichtlicher That - beſtand88
    • Die Aufgabe der theoretiſchen Darſtellung der äußeren Organi - ſation der Geſellſchaft95
  • 14. Philoſophie der Geſchichte und Sociologie ſind keine wirklichen Wiſſenſchaften108
  • 15. Ihre Aufgabe iſt unlösbar.
    • Beſtimmung der Aufgabe der Geſchichtswiſſenſchaft im Zu - ſammenhang der Geiſteswiſſenſchaften116
  • 16. Ihre Methoden ſind falſch130
  • 17. Sie erkennen nicht die Stellung der Geſchichtswiſſenſchaft zu den Einzelwiſſenſchaften der Geſellſchaft137
  • 18. Wachſende Ausdehnung und Vervollkommnung der Einzelwiſſen - ſchaften141
  • 19. Die Nothwendigkeit einer erkenntnißtheoretiſchen Grundlegung für die Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes145

Zweites Buch.

Metaphyſik als Grundlage der Geiſteswiſſenſchaften. Ihre Herrſchaft und ihr Verfall.

Erſter Abſchnitt.

Das mythiſche Vorſtellen und die Entſtehung der Wiſſenſchaft in Europa.

  • Erſtes Kapitel. Die aus dem Ergebniß des erſten Buches ent - ſpringende Aufgabe153
  • Zweites Kapitel. Der Begriff der Metaphyſik. Das Problem ihres Verhältniſſes zu den nächſtverwandten Erſcheinungen158
  • Drittes Kapitel. Das religiöſe Leben als Unterlage der Metaphyſik. Der Zeitraum des mythiſchen Vorſtellens167
  • Viertes Kapitel. Die Entſtehung der Wiſſenſchaft in Europa177
  • Fünftes Kapitel. Charakter der älteſten griechiſchen Wiſſen - ſchaft182

Zweiter Abſchnitt.

Metaphyſiſches Stadium in der Entwicklung der alten Völker.

  • Erſtes Kapitel. Verſchiedene metaphyſiſche Standpunkte werden erprobt und erweiſen ſich als zur Zeit nicht entwicklungsfähig187
  • IX
  • Seite
  • Zweites Kapitel. Anaxagoras und die Entſtehung der mono - theiſtiſchen Metaphyſik in Europa197
  • Drittes Kapitel. Die mechaniſche Weltanſicht durch Leukipp und Demokrit begründet. Die Urſachen ihrer vorläufigen Macht - loſigkeit gegenüber der monotheiſtiſchen Metaphyſik212
  • Viertes Kapitel. Zeitalter der Sophiſten und des Sokrates. Die Methode der Feſtſtellung des Erkenntnißgrundes wird ein - geführt218
  • Fünftes Kapitel. Plato225
    • Fortſchritt der metaphyſiſchen Methode225
    • Die Lehre von den ſubſtantialen Formen des Kosmos tritt in die monotheiſtiſche Metaphyſik ein229
    • Die Begründung dieſer Metaphyſik der ſubſtantialen Formen. Ihr monotheiſtiſcher Abſchluß234
  • Sechſtes Kapitel. Ariſtoteles und die Aufſtellung einer ab - geſonderten metaphyſiſchen Wiſſenſchaft242
    • Die wiſſenſchaftlichen Bedingungen242
    • Die Sonderung der Logik von der Metaphyſik und ihre Be - ziehung auf dieſelbe247
    • Aufſtellung einer ſelbſtändigen Wiſſenſchaft der Metaphyſik251
    • Der metaphyſiſche Zuſammenhang der Welt253
    • Metaphyſik und Naturwiſſenſchaft262
    • Die Gottheit als der letzte und höchſte Gegenſtand der Meta - phyſik265
  • Siebentes Kapitel. Die Metaphyſik der Griechen und die geſellſchaftlich geſchichtliche Wirklichkeit271
    • Schranken der griechiſchen Geiſteswiſſenſchaft271
    • Stadium der Zurückführung der geſellſchaftlichen Ordnung auf göttliche Stiftung274
    • Das Naturrecht der Sophiſten als eine atomiſtiſche Meta - phyſik der Geſellſchaft und die Gründe ſeiner Unfruchtbarkeit276
    • Die politiſche Wiſſenſchaft der ſokratiſchen Schule. Der ideale Staat Platos. Die vergleichende Staatswiſſenſchaft des Ariſtoteles284
  • Achtes Kapitel. Zerſetzung der Metaphyſik im Skepticismus. Die alten Völker treten in das Stadium der Einzelwiſſen - ſchaften296
    • Der Skepticismus297
    • Die nachariſtoteliſche Metaphyſik und ihr ſubjektiver Charakter305
    • Die Selbſtändigkeit der Einzelwiſſenſchaften309
XInhalt.

Seite

Dritter Abſchnitt.

Metaphyſiſches Stadium der neueren Völker.

  • Erſtes Kapitel. Chriſtenthum, Erkenntnißtheorie und Meta - phyſik315
  • Zweites Kapitel. Auguſtinus322
    • Die Väter323
    • Auguſtinus326
  • Drittes Kapitel. Die neue Generation von Völkern und ihr metaphyſiſches Stadium338
  • Viertes Kapitel. Erſter Zeitraum des mittelalterlichen Denkens345
    • Die Theologie und die Dialektik als ihr Werkzeug346
    • Die Antinomie zwiſchen der Vorſtellung des allmächtigen und allwiſſenden Gottes und der Vorſtellung der Freiheit des Menſchen353
    • Die Antinomien in der Vorſtellung Gottes nach ſeinen Eigen - ſchaften362
  • Fünftes Kapitel. Die Theologie wird mit der Naturer - kenntniß und der ariſtoteliſchen Wiſſenſchaft vom Kosmos ver - knüpft369
    • Die Naturerkenntniß der Araber und ihr ariſtoteliſcher Standpunkt371
    • Uebertragung auf das Abendland378
  • Sechſtes Kapitel. Zweiter Zeitraum des mittelalterlichen Denkens381
    • 1. Abſchluß der Metaphyſik der ſubſtantialen Formen382
    • 2. Die verſtandesmäßige Begründung der transſcendenten Welt385
      • Die Schlüſſe auf das Daſein Gottes385
      • Die Beweiſe für die Unſterblichkeit der Seele395
    • 3. Innerer Widerſpruch der mittelalterlichen Metaphyſik, der aus der Verknüpfung der Theologie mit der Wiſſen - ſchaft vom Kosmos entſpringt402
      • Charakter der ſo entſtehenden Syſteme402
      • Antinomie zwiſchen der Vorſtellung des göttlichen In - tellekts und der Vorſtellung des göttlichen Willens403
      • Antinomie zwiſchen der Ewigkeit der Welt und ihrer Schöpfung in der Zeit412
      • Dieſe Antinomien können in keiner Metaphyſik aufge - löſt werden415
  • XI
  • Seite
  • Siebentes Kapitel. Die mittelalterliche Metaphyſik der Ge - ſchichte und Geſellſchaft418
    • Das Reich immaterieller Subſtanzen418
    • Aufſtellung eines metaphyſiſchen Zuſammenhangs in demſelben422
    • Der religiöſe Vorſtellungskreis429
    • Der weltliche Vorſtellungskreis434

Vierter Abſchnitt.

Die Auflöſung der metaphyſiſchen Stellung des Menſchen zur Wirklichkeit.

  • Erſtes Kapitel. Die Bedingungen des modernen wiſſenſchaft - lichen Bewußtſeins446
  • Zweites Kapitel. Die Naturwiſſenſchaften457
    • Die Metaphyſik des Alterthums und Mittelalters wird durch die Naturwiſſenſchaften aufgelöſt458
    • Die mechaniſche Naturerklärung iſt weder eine neue Meta - phyſik noch kann ſie als Ausgangspunkt einer ſolchen be - nutzt werden464
    • Der Rückſtand aus der naturwiſſenſchaftlichen Erklärung im freien Bewußtſein der Gedankenmäßigkeit des Weltzu - ſammenhangs und des Lebens in der Natur473
  • Drittes Kapitel. Die Geiſteswiſſenſchaften475
    • Die metaphyſiſche Konſtruktion der Geſellſchaft und der Ge - ſchichte wird aufgelöſt durch die Analyſis in der Wiſſen - ſchaft des Einzelmenſchen478
    • in den Einzelwiſſenſchaften der Geſellſchaft481
    • in der auf dieſe gegründeten Geſchichtswiſſenſchaft484
    • Rückſtand aus den Geiſteswiſſenſchaften im freien Bewußtſein von dem Meta-Phyſiſchen der Menſchennatur und des Lebens489
  • Viertes Kapitel. Schlußbetrachtung über die Unmöglichkeit der metaphyſiſchen Stellung des Erkennens491
    • Der logiſche Weltzuſammenhang als Ideal der Metaphyſik491
    • Der Widerſpruch der Wirklichkeit gegen dies Ideal und die Unhaltbarkeit der Metaphyſik499
    • Die Bänder des metaphyſiſchen Weltzuſammenhangs können von dem Verſtand nicht eindeutig beſtimmt werden507
    • Eine inhaltliche Vorſtellung des Weltzuſammenhangs kann nicht erwieſen werden512
[XII]

Berichtigungen und Zuſätze.

S. 206 Zeile 12. Es iſt mir werthvoll, in den memoires de l’in - stitut Bd. XXIX S. 176 ff., Martin, hypothèses astronomiques des plus anciens philosophes de la Grèce étrangers à la notion de la sphéricité de la terre dieſe Kombination, welche ich ſeit einer Reihe von Jahren in meinen Vorleſungen vorgetragen, zu finden.

S. 347 Anm. Z. 4 lies et ſtatt Et.

[XIII]

Vorrede.

Das Buch, deſſen erſte Hälfte ich hier veröffentliche, verknüpft ein hiſtoriſches mit einem ſyſtematiſchen Verfahren, um die Frage nach den philoſophiſchen Grundlagen der Geiſteswiſſenſchaften mit dem höchſten mir erreichbaren Grad von Gewißheit zu löſen. Das hiſtoriſche Verfahren folgt dem Gang der Entwicklung, in welcher die Philoſophie bisher nach einer ſolchen Begründung gerungen hat; es ſucht den geſchichtlichen Ort der einzelnen Theorien innerhalb dieſer Entwicklung zu beſtimmen und über den vom hiſto - riſchen Zuſammenhang bedingten Werth derſelben zu orientiren; ja aus der Verſenkung in dieſen Zuſammenhang der bisherigen Entwicklung will es ein Urtheil über den innerſten Antrieb der gegenwärtigen wiſſenſchaftlichen Bewegung gewinnen. So bereitet die geſchichtliche Darſtellung die erkenntnißtheoretiſche Grundlegung vor, welche Gegenſtand der anderen Hälfte dieſes Verſuchs ſein wird.

Da hiſtoriſche und ſyſtematiſche Darlegung ſo einander er - gänzen ſollen, erleichtert es wol die Lektüre des geſchichtlichen Theils, wenn ich den ſyſtematiſchen Grundgedanken andeute.

Am Ausgang des Mittelalters begann die Emanzipation der Einzelwiſſenſchaften. Doch blieben unter ihnen die der Geſellſchaft und Geſchichte noch lange, bis tief in das vorige Jahrhundert hinein, in der alten Dienſtbarkeit der Metaphyſik. Ja die an - wachſende Macht der Naturerkenntniß hatte für ſie ein neuesXIVVorrede.Unterwürfigkeitsverhältniß zur Folge, das nicht weniger drückend war als das alte. Erſt die hiſtoriſche Schule dies Wort in einem um - faſſenderen Sinne genommen vollbrachte die Emanzipation des geſchichtlichen Bewußtſeins und der geſchichtlichen Wiſſenſchaft. In derſelben Zeit da in Frankreich das im ſiebzehnten und achtzehnten Jahrhundert entwickelte Syſtem der geſellſchaftlichen Ideen als Na - turrecht, natürliche Religion, abſtrakte Staatslehre und abſtrakte po - litiſche Oekonomie in der Revolution ſeine praktiſchen Schlüſſe zog, da die Armeen dieſer Revolution das alte, ſonderbar verbaute und vom Hauch tauſendjähriger Geſchichte umwitterte Gebäude des deutſchen Reiches beſetzten und zerſtörten, hatte ſich in unſerem Vaterlande eine Anſchauung von geſchichtlichem Wachsthum, als dem Vorgang in dem alle geiſtigen Thatſachen entſtehen, ausge - bildet, welche die Unwahrheit jenes ganzen Syſtems geſellſchaft - licher Ideen erwies. Sie reichte von Winkelmann und Herder durch die romantiſche Schule bis auf Niebuhr, Jakob Grimm, Savigny und Böckh. Sie wurde durch den Rückſchlag gegen die Revolution verſtärkt. Sie verbreitete ſich in England durch Burke, in Frankreich durch Guizot und Tocqueville. Sie traf in den Kämpfen der europäiſchen Geſellſchaft, mochten ſie Recht, Staat oder Religion angehen, überall mit den Ideen des achtzehnten Jahrhunderts feindlich zuſammen. Eine rein empiriſche Betrach - tungsweiſe lebte in dieſer Schule, liebevolle Vertiefung in die Beſonderheit des geſchichtlichen Vorgangs, ein univerſaler Geiſt der Geſchichtsbetrachtung, welcher den Werth des einzelnen That - beſtandes allein aus dem Zuſammenhang der Entwicklung be - ſtimmen will, und ein geſchichtlicher Geiſt der Geſellſchaftslehre, welcher für das Leben der Gegenwart Erklärung und Regel im Studium der Vergangenheit ſucht und dem ſchließlich geiſtiges Leben an jedem Punkte geſchichtliches iſt. Von ihr iſt ein Strom neuer Ideen durch unzählige Kanäle allen Einzelwiſſenſchaften zu - gefloſſen.

Aber die hiſtoriſche Schule hat bis heute die inneren SchrankenXVVorrede.nicht durchbrochen, welche ihre theoretiſche Ausbildung wie ihren Einfluß auf das Leben hemmen mußten. Ihrem Studium und ihrer Verwerthung der geſchichtlichen Erſcheinungen fehlte der Zu - ſammenhang mit der Analyſis der Thatſachen des Bewußtſeins, ſonach Begründung auf das einzige in letzter Inſtanz ſichere Wiſſen, kurz eine philoſophiſche Grundlegung. Es fehlte ein geſundes Verhältniß zu Erkenntnißtheorie und Pſychologie. Daher kam ſie auch nicht zu einer erklärenden Methode, und doch vermögen ge - ſchichtliches Anſchauen und vergleichendes Verfahren für ſich weder einen ſelbſtändigen Zuſammenhang der Geiſteswiſſenſchaften aufzu - richten noch auf das Leben Einfluß zu gewinnen. So verblieb es, als nun Comte, St. Mill, Buckle von Neuem das Räthſel der geſchichtlichen Welt durch Uebertragung naturwiſſenſchaftlicher Prinzipien und Methoden zu löſen verſuchten, bei dem unwirkſamen Proteſt einer lebendigeren und tieferen Anſchauung, die ſich weder zu entwickeln noch zu begründen vermochte, gegen eine dürftige und niedere, die aber der Analyſe Herr war. Die Oppoſition eines Carlyle und anderer lebensvoller Geiſter gegen die exakte Wiſſenſchaft war in der Stärke des Haſſes wie in der Gebundenheit der Zunge und Sprache ein Zeichen dieſer Lage. Und in ſolcher Unſicher - heit über die Grundlagen der Geiſteswiſſenſchaften zogen ſich die Einzelforſcher bald auf bloße Deſkription zurück, bald fanden ſie in ſubjektiver geiſtreicher Auffaſſung Genüge, bald warfen ſie ſich wieder einer Metaphyſik in die Arme, welche dem Vertrauensvollen Sätze verſpricht, die das praktiſche Leben umzugeſtalten die Kraft haben.

Aus dem Gefühl dieſes Zuſtandes der Geiſteswiſſenſchaften iſt mir der Verſuch entſtanden, das Prinzip der hiſtoriſchen Schule und die Arbeit der durch ſie gegenwärtig durchgehends beſtimmten Einzelwiſſenſchaften der Geſellſchaft philoſophiſch zu begründen und ſo den Streit zwiſchen dieſer hiſtoriſchen Schule und den ab - ſtrakten Theorien zu ſchlichten. Mich quälten bei meinen Arbeiten Fragen, die wol jeder nachdenkliche Hiſtoriker, Juriſt oder Poli -XVIVorrede.tiker auf dem Herzen hat. So erwuchſen in mir von ſelber Be - dürfniß und Plan einer Grundlegung der Geiſteswiſſenſchaften. Welcher iſt der Zuſammenhang von Sätzen, der gleicherweiſe dem Urtheil des Geſchichtsſchreibers, den Schlüſſen des Nationalöko - nomen, den Begriffen des Juriſten zu Grunde liegt und deren Sicherheit zu beſtimmen ermöglicht? Reicht derſelbe in die Me - taphyſik zurück? Giebt es etwa eine von metaphyſiſchen Begriffen getragene Philoſophie der Geſchichte oder ein ſolches Naturrecht? Wenn das aber widerlegt werden kann: wo iſt der feſte Rückhalt für einen Zuſammenhang der Sätze, der den Einzelwiſſenſchaften Verknüpfung und Gewißheit giebt?

Die Antworten Comte’s und der Poſitiviſten, St. Mill’s und der Empiriſten auf dieſe Fragen ſchienen mir die geſchicht - liche Wirklichkeit zu verſtümmeln, um ſie den Begriffen und Me - thoden der Naturwiſſenſchaften anzupaſſen. Die Reaktion hiergegen, deren geniale Vertretung der Mikrokosmos Lotzes iſt, ſchien mir die berechtigte Selbſtändigkeit der Einzelwiſſenſchaften, die frucht - bare Kraft ihrer Erfahrungsmethoden und die Sicherheit der Grundlegung einer ſentimentaliſchen Stimmung zu opfern, welche die für immer verlorene Befriedigung des Gemüths durch die Wiſſenſchaft ſehnſüchtig zurückzurufen begehrt. Ausſchließlich in der inneren Erfahrung, in den Thatſachen des Bewußtſeins fand ich einen feſten Ankergrund für mein Denken, und ich habe guten Muth, daß kein Lefer ſich der Beweisführung in dieſem Punkte entziehen wird. Alle Wiſſenſchaft iſt Erfahrungswiſſenſchaft, aber alle Erfahrung hat ihren urſprünglichen Zuſammenhang und ihre hierdurch beſtimmte Geltung in den Bedingungen unſeres Be - wußtſeins, innerhalb deſſen ſie auftritt, in dem Ganzen unſerer Natur. Wir bezeichnen dieſen Standpunkt, der folgerecht die Un - möglichkeit einſieht, hinter dieſe Bedingungen zurückzugehen, gleich - ſam ohne Auge zu ſehen oder den Blick des Erkennens hinter das Auge ſelber zu richten, als den erkenntnißtheoretiſchen; die moderne Wiſſenſchaft kann keinen anderen anerkennen. Nun aber zeigte ſichXVIIVorrede.mir weiter, daß die Selbſtändigkeit der Geiſteswiſſenſchaften eben von dieſem Standpunkte aus eine Begründung findet, wie die hiſtoriſche Schule ſie bedarf. Denn auf ihm erweiſt ſich unſer Bild der ganzen Natur als bloßer Schatten, den eine uns ver - borgene Wirklichkeit wirft, dagegen Realität wie ſie iſt beſitzen wir nur an den in der inneren Erfahrung gegebenen Thatſachen des Bewußtſeins. Die Analyſis dieſer Thatſachen iſt das Centrum der Geiſteswiſſenſchaften, und ſo verbleibt, dem Geiſte der hiſto - riſchen Schule entſprechend, die Erkenntniß der Prinzipien der geiſtigen Welt in dem Bereich dieſer ſelber, und die Geiſtes - wiſſenſchaften bilden ein in ſich ſelbſtändiges Syſtem.

Fand ich mich in ſolchen Punkten vielfach in Uebereinſtimmung mit der erkenntnißtheoretiſchen Schule von Locke, Hume und Kant, ſo mußte ich doch eben den Zuſammenhang der Thatſachen des Bewußtſeins, in dem wir gemeinſam das ganze Fundament der Philoſophie erkennen, anders faſſen, als es dieſe Schule gethan hat. Wenn man von wenigen und nicht zur wiſſenſchaftlichen Ausbil - dung gelangten Anſätzen, wie denen Herder’s und Wilhelm von Humboldt’s abſieht, ſo hat die bisherige Erkenntnißtheorie, die empiriſtiſche wie die Kant’s, die Erfahrung und die Erkenntniß aus einem dem bloßen Vorſtellen angehörigen Thatbeſtand erklärt. In den Adern des erkennenden Subjekts, das Locke, Hume und Kant konſtruirten, rinnt nicht wirkliches Blut, ſondern der ver - dünnte Saft von Vernunft als bloßer Denkthätigkeit. Mich führte aber hiſtoriſche wie pſychologiſche Beſchäftigung mit dem ganzen Menſchen dahin, dieſen, in der Mannichfaltigkeit ſeiner Kräfte, dies wollend fühlend vorſtellende Weſen auch der Erklärung der Erkenntniß und ihrer Begriffe (wie Außenwelt, Zeit, Subſtanz, Urſache) zu Grunde zu legen, ob die Erkenntniß gleich dieſe ihre Begriffe nur aus dem Stoff von Wahrnehmen, Vorſtellen und Denken zu weben ſcheint. Die Methode des folgenden Verſuchs iſt daher dieſe: jeden Beſtandtheil des gegenwärtigen abſtrakten, wiſſen - ſchaftlichen Denkens halte ich an die ganze Menſchennatur, wieXVIIIVorrede.Erfahrung, Studium der Sprache und der Geſchichte ſie erweiſen und ſuche ihren Zuſammenhang. Und ſo ergiebt ſich: die wichtigſten Beſtandtheile unſeres Bildes und unſerer Erkenntniß der Wirk - lichkeit, wie eben perſönliche Lebenseinheit, Außenwelt, Individuen außer uns, ihr Leben in der Zeit und ihre Wechſelwirkung, ſie alle können aus dieſer ganzen Menſchennatur erklärt werden, deren realer Lebensprozeß am Wollen, Fühlen und Vorſtellen nur ſeine verſchiedenen Seiten hat. Nicht die Annahme eines ſtarren a priori unſeres Erkenntnißvermögens, ſondern allein Entwicklungsgeſchichte, welche von der Totalität unſeres Weſens ausgeht, kann die Fragen beantworten, die wir alle an die Philoſophie zu richten haben.

Hier ſcheint ſich das hartnäckigſte aller Räthſel dieſer Grund - legung, die Frage nach Urſprung und Recht unſerer Ueberzeugung von der Realität der Außenwelt zu löſen. Dem bloßen Vorſtellen bleibt die Außenwelt immer nur Phänomen, dagegen in unſerem ganzen wollend fühlend vorſtellenden Weſen iſt uns mit unſerem Selbſt zugleich und ſo ſicher als dieſes äußere Wirklichkeit (d. h. ein von uns unabhängiges Andere, ganz abgeſehen von ſeinen räumlichen Beſtimmungen) gegeben; ſonach als Leben, nicht als bloßes Vorſtellen. Wir wiſſen von dieſer Außenwelt nicht kraft eines Schluſſes von Wirkungen auf Urſachen oder eines dieſem Schluß entſprechenden Vorganges, vielmehr ſind dieſe Vorſtellungen von Wirkung und Urſache ſelber nur Abſtraktionen aus dem Leben unſeres Willens. So erweitert ſich der Horizont der Er - fahrung, die zunächſt nur von unſren eigenen inneren Zuſtänden Kunde zu geben ſchien; mit unſerer Lebenseinheit zugleich iſt uns eine Außenwelt gegeben, ſind andere Lebenseinheiten vorhanden. Doch wieweit ich dies erweiſen kann und wieweit es dann ferner überhaupt gelingt, von dem oben bezeichneten Standpunkte aus einen geſicherten Zuſammenhang der Erkenntniſſe von der Geſellſchaft und Geſchichte herzuſtellen, muß dem ſpäteren Urtheil des Leſers über die Grundlegung ſelber anheimgegeben bleiben.

Ich habe nun eine gewiſſe Umſtändlichkeit nicht geſcheut, umXIXVorrede.den Hauptgedanken und die Hauptſätze dieſer erkenntnißtheoretiſchen Grundlegung der Geiſteswiſſenſchaften mit den verſchiedenen Seiten des wiſſenſchaftlichen Denkens der Gegenwart in Beziehung zu ſetzen und dadurch mehrfach zu begründen. So geht dieſer Verſuch zuerſt von der Ueberſicht über die Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes aus, da in ihnen der breite Stoff und das Motiv dieſer ganzen Arbeit liegt, und er ſchließt von ihnen rückwärts (erſtes Buch). Dann führt der vorliegende Band die Geſchichte des philoſophiſchen Denkens, das nach feſten Grundlagen des Wiſſens ſucht, durch den Zeitraum hindurch, in welchem ſich das Schickſal der meta - phyſiſchen Grundlegung entſchied (zweites Buch). Der Beweis wird verſucht, daß eine allgemein anerkannte Metaphyſik durch eine Lage der Wiſſenſchaften bedingt war, die wir hinter uns gelaſſen haben, und ſonach die Zeit der metaphyſiſchen Begründung der Geiſtes - wiſſenſchaften ganz vorüber iſt. Der zweite Band wird zunächſt dem geſchichtlichen Verlauf in das Stadium der Einzelwiſſen - ſchaften und der Erkenntnißtheorie nachgehen und die erkenntniß - theoretiſchen Arbeiten bis zur Gegenwart darſtellen und beurtheilen (drittes Buch). Er wird dann eine eigene erkenntnißtheoretiſche Grundlegung der Geiſteswiſſenſchaften verſuchen (viertes und fünftes Buch). Die Ausführlichkeit des hiſtoriſchen Theils iſt nicht nur aus dem praktiſchen Bedürfniß einer Einleitung, ſondern auch aus meiner Ueberzeugung von dem Werth der geſchichtlichen Selbſtbe - ſinnung neben der erkenntnißtheoretiſchen hervorgegangen. Dieſelbe Ueberzeugung ſpricht ſich aus in der ſeit mehreren Generationen anhaltenden Vorliebe für die Geſchichte der Philoſophie ſowie in Hegel’s, des ſpäteren Schelling und Comte’s Verſuchen, ihr Syſtem hiſtoriſch zu begründen. Die Berechtigung dieſer Ueberzeugung wird auf dem entwicklungsgeſchichtlichen Standpunkt noch augen - ſcheinlicher. Denn die Geſchichte der intellektuellen Entwicklung zeigt das Wachsthum deſſelben Baumes im hellen Lichte der Sonne, deſſen Wurzeln unter der Erde die erkenntnißtheoretiſche Grund - legung aufzuſuchen hat.

XXVorrede.

Meine Aufgabe führte mich durch ſehr verſchiedene Felder des Wiſſens, ſo wird mancher Irrthum mir nachgeſehen werden müſſen. Möchte das Werk auch nur einigermaßen ſeiner Aufgabe entſprechen können, den Inbegriff von geſchichtlichen und ſyſte - matiſchen Einſichten zu vereinigen, deren der Juriſt und der Po - litiker, der Theologe und der geſchichtliche Forſcher als Grundlage für ein fruchtbares Studium ihrer Einzelwiſſenſchaften bedürfen.

Dieſer Verſuch erſcheint, bevor ich eine alte Schuld durch die Vollendung der Biographie Schleiermacher’s abgetragen habe. Nach dem Abſchluß der Vorarbeiten für die zweite Hälfte der - ſelben ergab ſich bei der Ausarbeitung, daß die Darſtellung und Kritik des Syſtems von Schleiermacher überall Erörterungen über die letzten Fragen der Philoſophie vorausſetzten. So wurde die Biographie bis zum Erſcheinen des gegenwärtigen Buches zurückge - legt, welches mir dann ſolche Erörterungen erſparen wird.

Berlin, Oſtern 1883.

Wilhelm Dilthey.

[1]

Erſtes einleitendes Buch.

Ueberſicht über den Zuſammenhang der Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes, in welcher die Nothwendigkeit einer grundlegenden Wiſſenſchaft dargethan wird.

Uebrigens hat ſich bisher die Wirklichkeit der treu ihren Geſetzen nachforſchenden Wiſſenſchaft immer noch viel erhabener und reicher enthüllt, als die äußerſten Anſtrengungen mythiſcher Phantaſie und metaphyſiſcher Speculation ſie auszumalen wußten.
Helmholtz.
Dilthey, Einleitung. 1[2][3]

I. Abſicht dieſer Einleitung in die Geiſteswiſſenſchaften.

Seit Bacon’s berühmtem Werke ſind Schriften, welche Grund - lage und Methode der Naturwiſſenſchaften erörtern und ſo in das Studium derſelben einführen, insbeſondere von Naturforſchern verfaßt worden, die bekannteſte unter ihnen die von Sir John Herſchel. Es erſchien als ein Bedürfniß, denen, welche ſich mit der Geſchichte, der Politik, Jurisprudenz oder politiſchen Oekonomie, der Theologie, Literatur oder Kunſt beſchäftigen, einen ähnlichen Dienſt zu leiſten. Von den praktiſchen Bedürfniſſen der Geſell - ſchaft, von dem Zweck einer Berufsbildung aus, welche der Geſellſchaft ihre leitenden Organe mit den für ihre Aufgabe nothwendigen Kenntniſſen ausrüſtet, pflegen diejenigen, welche ſich den bezeichneten Wiſſenſchaften widmen, an ſie heranzutreten. Doch wird dieſe Berufsbildung nur in dem Verhältniß den Ein - zelnen zu hervorragenderen Leiſtungen befähigen, als ſie das Maß einer techniſchen Abrichtung überſchreitet. Die Geſellſchaft iſt einem großen Maſchinenbetrieb vergleichbar, welcher durch die Dienſte unzähliger Perſonen in Gang erhalten wird: der mit der iſolirten Technik ſeines Einzelberufs innerhalb ihrer Ausgerüſtete iſt, wie vortrefflich er auch dieſe Technik inne habe, in der Lage eines Arbeiters, der ein Leben hindurch an einem einzelnen Punkte dieſes Betriebs beſchäftigt iſt, ohne die Kräfte zu kennen, welche ihn in Bewegung ſetzen, ja ohne von den anderen Theilen dieſes Betriebs und ihrem Zuſammenwirken zu dem Zweck des Ganzen eine Vorſtellung zu haben. Er iſt ein dienendes Werkzeug der Geſellſchaft, nicht ihr bewußt mitgeſtaltendes Organ. Dieſe Ein -1*4Erſtes einleitendes Buch.leitung möchte dem Politiker und Juriſten, dem Theologen und Pädagogen die Aufgabe erleichtern, die Stellung der Sätze und Regeln, welche ihn leiten, zu der umfaſſenden Wirklichkeit der menſchlichen Geſellſchaft kennen zu lernen, welcher doch, an dem Punkte, an welchem er eingreift, ſchließlich die Arbeit ſeines Lebens gewidmet iſt.

Es liegt in der Natur des Gegenſtandes, daß die Einſichten, deren es zur Löſung dieſer Aufgabe bedarf, in die Wahrheiten zurückreichen, welche der Erkenntniß ſowol der Natur als der geſchichtlich geſellſchaftlichen Welt zu Grunde gelegt werden müſſen. So gefaßt begegnet ſich dieſe Aufgabe, die in den Bedürfniſſen des praktiſchen Lebens gegründet iſt, mit einem Problem, welches der Zuſtand der reinen Theorie ſtellt.

Die Wiſſenſchaften, welche die geſchichtlich-geſellſchaftliche Wirk - lichkeit zu ihrem Gegenſtand haben, ſuchen angeſtrengter als je zuvor geſchah ihren Zuſammenhang untereinander und ihre Be - gründung. Urſachen, die in dem Zuſtande der einzelnen poſitiven Wiſſenſchaften liegen, wirken in dieſer Richtung zuſammen mit den mächtigeren Antrieben, die aus den Erſchütterungen der Geſellſchaft ſeit der franzöſiſchen Revolution entſpringen. Die Erkenntniß der Kräfte, welche in der Geſellſchaft walten, der Urſachen, welche ihre Erſchütterungen hervorgebracht haben, der Hilfsmittel eines ge - ſunden Fortſchritts, die in ihr vorhanden ſind, iſt zu einer Lebens - frage für unſere Civiliſation geworden. Daher wächſt die Be - deutung der Wiſſenſchaften der Geſellſchaft gegenüber denen der Natur; in den großen Dimenſionen unſeres modernen Lebens vollzieht ſich eine Umänderung der wiſſenſchaftlichen Intereſſen, welche der in den kleinen griechiſchen Politien im 5. und 4. Jahr - hundert vor Chriſto ähnlich iſt, als die Umwälzungen in dieſer Staatengeſellſchaft die negativen Theorien des ſophiſtiſchen Natur - rechts und ihnen gegenüber die Arbeiten der ſokratiſchen Schulen über den Staat hervorbrachten.

5Der Name Geiſteswiſſenſchaft erläutert.

II. Die Geiſteswiſſenſchaften ein ſelbſtändiges Ganze, neben den Naturwiſſenſchaften.

Das Ganze der Wiſſenſchaften, welche die geſchichtlich-geſell - ſchaftliche Wirklichkeit zu ihrem Gegenſtande haben, wird in dieſem Werke unter dem Namen der Geiſteswiſſenſchaften zuſammengefaßt. Der Begriff dieſer Wiſſenſchaften, vermöge deſſen ſie ein Ganzes bilden, die Abgrenzung dieſes Ganzen gegen die Naturwiſſenſchaft kann endgültig erſt in dem Werke ſelber aufgeklärt und begründet werden; hier an ſeinem Beginn ſtellen wir nur die Bedeutung feſt, in welcher wir den Ausdruck gebrauchen werden und deuten vorläufig auf den Thatſacheninbegriff hin, in welchem die Ab - grenzung eines ſolchen einheitlichen Ganzen der Geiſteswiſſenſchaften von den Wiſſenſchaften der Natur gegründet iſt.

Unter Wiſſenſchaft verſteht der Sprachgebrauch einen Inbegriff von Sätzen, deſſen Elemente Begriffe d. h. vollkommen beſtimmt, im ganzen Denkzuſammenhang conſtant und allgemeingültig, deſſen Verbindungen begründet, in dem endlich die Theile zum Zweck der Mittheilung zu einem Ganzen verbunden ſind, weil entweder ein Beſtandtheil der Wirklichkeit durch dieſe Verbindung von Sätzen in ſeiner Vollſtändigkeit gedacht oder ein Zweig der menſchlichen Thätigkeit durch ſie geregelt wird. Wir bezeichnen daher hier mit dem Ausdruck Wiſſenſchaft jeden Inbegriff geiſtiger Thatſachen, an welchem die genannten Merkmale ſich vorfinden und auf den ſonach insgemein der Name der Wiſſenſchaft ange - wendet wird: wir ſtellen dem entſprechend den Umfang unſerer Aufgabe vorläufig vor. Dieſe geiſtigen Thatſachen, welche ſich geſchichtlich in der Menſchheit entwickelt haben, und auf die nach einem gemeinſamen Sprachgebrauch die Bezeichnung von Wiſſen - ſchaften des Menſchen, der Geſchichte, der Geſellſchaft übertragen worden iſt, bilden die Wirklichkeit, welche wir nicht meiſtern, ſondern zunächſt begreifen wollen. Die empiriſche Methode fordert, daß an dieſem Beſtande der Wiſſenſchaften ſelber der Werth der einzelnen Verfahrungsweiſen, deren das Denken ſich hier zur6Erſtes einleitendes Buch.Löſung ſeiner Aufgaben bedient, hiſtoriſch-kritiſch entwickelt, daß an der Anſchauung dieſes großen Vorganges, deſſen Subjekt die Menſchheit ſelber iſt, die Natur des Wiſſens und Erkennens auf dieſem Gebiet aufgeklärt werde. Eine ſolche Methode ſteht in Gegenſatz zu einer neuerdings nur zu häufig gerade von den ſo - genannten Poſitiviſten geübten, welche aus einer meiſt in natur - wiſſenſchaftlichen Beſchäftigungen erwachſenen Begriffsbeſtimmung des Wiſſens den Inhalt des Begriffes Wiſſenſchaft ableitet, und von ihm aus darüber entſcheidet, welchen intellektuellen Beſchäf - tigungen der Name und Rang einer Wiſſenſchaft zukomme. So haben die Einen, von einem willkürlichen Begriff des Wiſſens aus, der Geſchichtſchreibung, wie ſie große Meiſter geübt haben, kurzſichtig und dünkelhaft den Rang der Wiſſenſchaft abgeſprochen; die Anderen haben die Wiſſenſchaften, welche Imperative zu ihrer Grundlage haben, gar nicht Urtheile über Wirklichkeit, in Erkennt - niß der Wirklichkeit umbilden zu müſſen geglaubt.

Der Inbegriff der geiſtigen Thatſachen, welche unter dieſen Begriff von Wiſſenſchaft fallen, pflegt in zwei Glieder getheilt zu werden, von denen das eine durch den Namen der Naturwiſſenſchaft bezeichnet wird; für das andere iſt, merkwürdig genug, eine all - gemein anerkannte Bezeichnung nicht vorhanden. Ich ſchließe mich an den Sprachgebrauch derjenigen Denker an, welche dieſe andere Hälfte des globus intellectualis als Geiſteswiſſenſchaften bezeichnen. Einmal iſt dieſe Bezeichnung, nicht am wenigſten durch die weite Verbreitung der Logik J. St. Mill’s, eine gewohnte und allge - mein verſtändliche geworden. Alsdann erſcheint ſie, verglichen mit all den anderen unangemeſſenen Bezeichnungen, zwiſchen denen die Wahl iſt, als die mindeſt unangemeſſene. Sie drückt höchſt unvollkommen den Gegenſtand dieſes Studiums aus. Denn in dieſem ſelber ſind die Thatſachen des geiſtigen Lebens nicht von der pſycho-phyſiſchen Lebenseinheit der Menſchennatur getrennt. Eine Theorie, welche die geſellſchaftlich-geſchichtlichen Thatſachen beſchreiben und analyſiren will, kann nicht von dieſer Totalität der Menſchennatur abſehen und ſich auf das Geiſtige einſchränken. Aber der Ausdruck theilt dieſen Mangel mit jedem anderen, der7Die Geiſteswiſſenſchaften ein ſelbſtändiges Ganze.angewandt worden iſt; Geſellſchaftswiſſenſchaft (Sociologie), mora - liſche, geſchichtliche, Cultur-Wiſſenſchaften: alle dieſe Bezeich - nungen leiden an demſelben Fehler, zu eng zu ſein in Bezug auf den Gegenſtand, den ſie ausdrücken ſollen. Und der hier gewählte Name hat wenigſtens den Vorzug, den centralen Thatſachenkreis angemeſſen zu bezeichnen, von welchem aus in Wirklichkeit die Einheit dieſer Wiſſenſchaften geſehen, ihr Umfang entworfen, ihre Abgrenzung gegen die Naturwiſſenſchaften, wenn auch noch ſo unvollkommen, vollzogen worden iſt.

Der Beweggrund nämlich, von welchem die Gewohnheit aus - gegangen iſt, dieſe Wiſſenſchaften als eine Einheit von denen der Natur abzugrenzen, reicht in die Tiefe und Totalität des menſch - lichen Selbſtbewußtſeins. Unangerührt noch von Unterſuchungen über den Urſprung des Geiſtigen, findet der Menſch in dieſem Selbſtbewußtſein eine Souveränität des Willens, eine Verant - wortlichkeit der Handlungen, ein Vermögen, Alles dem Gedanken zu unterwerfen und Allem innerhalb der Burgfreiheit ſeiner Perſon zu widerſtehen, durch welche er ſich von der ganzen Natur abſondert. Er findet ſich in dieſer Natur in der That, einen Aus - druck Spinoza’s zu gebrauchen, als imperium in imperio1)Sehr genial drückt Pascal dies Lebensgefühl aus: Pensées Art. I. Toutes ces misères prouvent sa grandeur. Ce sont misères de grand seigneur, misères d’un roi dépossédé. (3) Nous avons une si grande idée de l’âme de l’homme, que nous ne pouvons souffrir d’en être méprisés, et de n’être pas dans l’estime d’une âme‘ (5) [Oeuvres Paris 1866 I, 248, 249). . Und da für ihn nur das beſteht, was Thatſache ſeines Bewußtſeins iſt, ſo liegt in dieſer ſelbſtändig in ihm wirkenden geiſtigen Welt jeder Werth, jeder Zweck des Lebens, in der Herſtellung geiſtiger Thatbeſtände jedes Ziel ſeiner Handlungen. So ſondert er von dem Reich der Natur ein Reich der Geſchichte, in welchem, mitten in dem Zuſammenhang einer objektiven Nothwendigkeit, welcher Natur iſt, Freiheit an unzähligen Punkten dieſes Ganzen aufblitzt; hier bringen die Thaten des Willens, im Gegenſatz zu dem mechaniſchen Ablauf der Naturveränderungen, welcher im Anſatz Alles was in ihm erfolgt ſchon enthält, durch ihren Kraft -8Erſtes einleitendes Buch.aufwand und ihre Opfer, deren Bedeutung des Individuum ja in ſeiner Erfahrung gegenwärtig beſitzt, wirklich etwas her - vor, erarbeiten Entwicklung, in der Perſon und in der Menſch - heit: über die leere und öde Wiederholung von Naturlauf im Bewußtſein hinaus, in deren Vorſtellung als einem Ideal geſchichtlichen Fortſchritts die Götzenanbeter der intellektuellen Ent - wickelung ſchwelgen.

Vergeblich freilich hat die metaphyſiſche Epoche, für welche dieſe Verſchiedenheit der Erklärungsgründe ſich ſofort als eine ſubſtantiale Verſchiedenheit in der objektiven Gliederung des Welt - zuſammenhangs darſtellte, gerungen, Formeln für die objektive Grundlage dieſes Unterſchieds der Thatſachen des geiſtigen Lebens von denen des Naturlaufs feſtzuſtellen und zu begründen. Unter allen Veränderungen, welche die Metaphyſik der Alten bei den mittelalterlichen Denkern erfahren hat, iſt keine folgenreicher ge - weſen, als daß nunmehr, im Zuſammenhang mit den alles be - herrſchenden religiöſen und theologiſchen Bewegungen, inmitten deren dieſe Denker ſtanden, die Beſtimmung der Verſchiedenheit zwiſchen der Welt der Geiſter und der Welt der Körper, alsdann der Beziehung dieſer beiden Welten zu der Gottheit, in den Mittel - punkt des Syſtems trat. Das metaphyſiſche Hauptwerk des Mittel - alters, die Summa de veritate catholicae fidei des Thomas, entwirft von ſeinem zweiten Buche ab eine Gliederung der ge - ſchaffenen Welt, in welcher die Weſenheit (eessentia quidditas) von dem Sein (esse) unterſchieden iſt, während in Gott ſelber dieſe beiden eins ſind1)Summa c. gent. (cura Uccellii, Romae 1878) I, c. 22. vgl. II, c. 54.; in der Hierarchie der geſchaffenen Weſen weiſt es als ein oberſtes nothwendiges Glied die geiſtigen Sub - ſtanzen nach, welche nicht aus Materie und Form zuſammenge - ſetzt, ſondern per se körperlos ſind: die Engel; von ihnen ſcheidet es die intellektuellen Subſtanzen oder unkörperlichen ſubſiſtirenden Formen, welche zur Completirung ihrer Species (nämlich der Spe - cies: Menſch) der Körper bedürfen, und entwickelt an dieſem Punkte eine Metaphyſik des Menſchengeiſtes, im Kampf gegen die arabiſchen9Metaphyſiſche Begründung ihrer Selbſtändigkeit.Philoſophen, deren Einwirkung bis auf die letzten metaphyſiſchen Schriftſteller unſerer Tage verfolgt werden kann1)Lib. II, c. 46 sq. ; von dieſer Welt unvergänglicher Subſtanzen grenzt es den Theil des Geſchaffenen ab, welcher in der Verbindung von Form und Materie ſein Weſen hat. Dieſe Metaphyſik des Geiſtes (rationale Pſychologie) wurde dann, als die mechaniſche Auffaſſung des Naturzuſammenhangs und die Corpuscularphiloſophie zur Herrſchaft gelangten, von anderen hervorragenden Metaphyſikern zu derſelben in Beziehung geſetzt. Aber jeder Verſuch ſcheiterte, auf dem Grunde dieſer Subſtanzenlehre mit den Mitteln der neuen Auffaſſung der Natur eine haltbare Vorſtellung des Verhältniſſes von Geiſt und Körper auszubilden. Entwickelte Descartes auf der Grundlage der klaren und deutlichen Eigenſchaften der Körper als von Raum - größen ſeine Vorſtellung der Natur als eines ungeheuren Mechanis - mus, betrachtete er die in dieſem Ganzen vorhandene Bewegungs - größe als conſtant: ſo trat mit der Annahme, daß auch nur eine einzige Seele von außen in dieſem materiellen Syſtem eine Be - wegung erzeuge, der Widerſpruch in das Syſtem. Und die Un - vorſtellbarkeit einer Einwirkung unräumlicher Subſtanzen auf dies ausgedehnte Syſtem wurde dadurch um nichts verringert, daß er die räumliche Stelle ſolcher Wechſelwirkung in Einen Punkt zuſammen - zog: als könne er die Schwierigkeit damit verſchwinden machen. Die Abenteuerlichkeit der Anſicht, daß die Gottheit durch immer ſich wiederholende Eingriffe dies Spiel der Wechſelwirkungen unterhalte, der anderen Anſicht, daß vielmehr Gott als der geſchickteſte Künſtler die beiden Uhren des materiellen Syſtems und der Geiſterwelt von Anfang an ſo geſtellt, daß ein Vorgang der Natur eine Em - pfindung hervorzurufen, ein Willensakt eine Veränderung der Außenwelt zu bewirken ſcheine, erwieſen ſo deutlich als möglich die Unverträglichkeit der neuen Metaphyſik der Natur mit der über - lieferten Metaphyſik geiſtiger Subſtanzen. So wirkte dieſes Pro - blem als ein beſtändig reizender Stachel zur Auflöſung des metaphyſiſchen Standpunktes überhaupt. Dieſe Auflöſung wird ſich10Erſtes einleitendes Buch.vollſtändig in der ſpäter zu entwickelnden Erkenntniß vollziehen, daß das Erlebniß des Selbſtbewußtſeins der Ausgangspunkt des Subſtanzbegriffes iſt, daß dieſer Begriff aus der Anpaſſung dieſes Erlebniſſes an die äußeren Erfahrungen, welche das nach dem Satze vom Grunde fortſchreitende Erkennen vollzogen hat, ent - ſpringt und ſo dieſe Lehre von den geiſtigen Subſtanzen nichts als eine Rückübertragung des in einer ſolchen Metamorphoſe aus - gebildeten Begriffs auf das Erlebniß iſt, in welchem ſein Anſatz urſprünglich gegeben war.

An die Stelle des Gegenſatzes von materiellen und geiſtigen Subſtanzen trat der Gegenſatz der Außenwelt, als des in der äußeren Wahrnehmung (sensation) durch die Sinne Gegebenen, zu der Innenwelt, als dem primär durch die innere Auffaſſung der pſychiſchen Ereigniſſe und Thätigkeiten (reflection) Dargebotenen. Das Problem empfängt ſo eine beſcheidenere, aber die Möglichkeit empiriſcher Behandlung einſchließende Faſſung. Und es machen ſich nun angeſichts der neuen beſſeren Methoden dieſelben Erleb - niſſe geltend, welche in der Subſtanzenlehre der rationalen Pſycho - logie einen wiſſenſchaftlich unhaltbaren Ausdruck gefunden hatten.

Zunächſt genügt für die ſelbſtändige Conſtituirung der Geiſtes - wiſſenſchaften, daß auf dieſem kritiſchen Standpunkt von den - jenigen Vorgängen, die aus dem Material des in den Sinnen Gegebenen, und nur aus dieſem, durch denkende Verknüpfung ge - bildet werden, ſich die anderen als ein beſonderer Umkreis von Thatſachen abſondern, welche primär in der inneren Erfahrung, ſonach ohne jede Mitwirkung der Sinne, gegeben ſind, und welche alsdann aus dem ſo primär gegebenen Material innerer Erfahrung auf Anlaß äußerer Naturvorgänge formirt werden, um dieſen durch ein gewiſſes dem Analogieſchluß in der Leiſtung gleich - werthiges Verfahren untergelegt zu werden. So entſteht ein eigenes Reich von Erfahrungen, welches im inneren Erlebniß ſeinen ſelbſtändigen Urſprung und ſein Material hat, und das demnach naturgemäß Gegenſtand einer beſonderen Erfahrungs - wiſſenſchaft iſt. Und ſo lange nicht Jemand behauptet, daß er den Inbegriff von Leidenſchaft, dichteriſchem Geſtalten, denkendem11Auflöſung derſelben. Kritiſche Begründung.Erſinnen, welchen wir als Göthe’s Leben bezeichnen, aus dem Bau ſeines Gehirns, den Eigenſchaften ſeines Körpers abzuleiten und ſo beſſer erkennbar zu machen im Stande iſt, wird auch die ſelbſtändige Stellung einer ſolchen Wiſſenſchaft nicht beſtritten werden. Da nun was für uns da iſt, vermöge dieſer inneren Erfahrung beſteht, was für uns Werth hat oder Zweck iſt, nur in dem Erlebniß unſres Gefühls und unſres Willens uns ſo gegeben iſt: ſo liegen in dieſer Wiſſenſchaft die Prinzipien unſers Erkennens, welche darüber beſtimmen, wiefern Natur für uns exiſtiren kann, die Prinzipien unſeres Handelns, welche das Vorhandenſein von Zwecken, Gütern, Werthen erklären, in dem aller praktiſche Ver - kehr mit der Natur gegründet iſt.

Die tiefere Begründung der ſelbſtändigen Stellung der Geiſteswiſſenſchaften neben den Naturwiſſenſchaften, welche Stellung den Mittelpunkt der Conſtruktion der Geiſteswiſſenſchaften in dieſem Werke bildet, vollzieht ſich in dieſem ſelber ſchrittweiſe, indem die Analyſis des Geſammterlebniſſes der geiſtigen Welt, in ſeiner Unvergleichbarkeit mit aller Sinnenerfahrung über die Natur, in ihm durchgeführt wird. Ich verdeutliche hier nur dies Problem, indem ich auf den zweifachen Sinn hinweiſe, in welchem die Un - vergleichbarkeit dieſer beiden Thatſachenkreiſe behauptet werden kann: entſprechend empfängt auch der Begriff von Grenzen des Naturerkennens eine zweifache Bedeutung.

Einer unſrer erſten Naturforſcher hat dieſe Grenzen in einer vielbeſprochenen Abhandlung zu beſtimmen unternommen, und ſo - eben dieſe Grenzbeſtimmung ſeiner Wiſſenſchaft näher erläutert1)Emil Du Bois-Reymond, über die Grenzen des Naturerkennens. 1872. Vgl.: Die ſieben Welträthſel. 1881.. Denken wir uns alle Veränderungen in der Körperwelt in Be - wegungen von Atomen aufgelöſt, die durch deren conſtante Cen - tralkräfte bewirkt wären, ſo würde das Weltall naturwiſſenſchaftlich erkannt. Ein Geiſt von dieſer Vorſtellung von Laplace geht er aus , der für einen gegebenen Augenblick alle Kräfte kennte, welche in der Natur wirkſam ſind, und die gegenſeitige Lage der12Erſtes einleitendes Buch.Weſen, aus denen ſie beſteht, wenn ſonſt er umfaſſend genug wäre, um dieſe Angaben der Analyſis zu unterwerfen, würde in der - ſelben Formel die Bewegungen der größten Weltkörper und des leichteſten Atoms begreifen 1)Laplace, Essai sur les probabilités. Paris 1814. p. 3. . Da die menſchliche Intelligenz in der aſtronomiſchen Wiſſenſchaft ein ſchwaches Abbild eines ſolchen Geiſtes iſt, bezeichnet Du Bois-Reymond die von Laplace vorge - ſtellte Kenntniß eines materiellen Syſtems als eine aſtronomiſche. Von dieſer Vorſtellung aus gelangt man in der That zu einer ſehr deutlichen Auffaſſung der Grenzen, in welche die Tendenz des naturwiſſenſchaftlichen Geiſtes eingeſchloſſen iſt.

Es ſei geſtattet eine Unterſcheidung in Bezug auf den Begriff der Grenze des Naturerkennens in dieſe Betrachtungsweiſe einzu - führen. Da uns die Wirklichkeit, als das Correlat der Erfahrung, in dem Zuſammenwirken einer Gliederung unſerer Sinne mit der inneren Erfahrung gegeben iſt, entſpringt aus der hierdurch be - dingten Verſchiedenheit der Provenienz ihrer Beſtandtheile eine Unvergleichbarkeit innerhalb der Elemente unſerer wiſſenſchaftlichen Rechnung. Sie ſchließt die Ableitung von Thatſächlichkeit einer beſtimmten Provenienz aus der einer anderen aus. So gelangen wir von den Eigenſchaften des Räumlichen doch nur vermittelſt der Fakticität der Taſtempfindung, in welcher Widerſtand erfahren wird, zu der Vorſtellung der Materie; ein jeder der Sinne iſt in einen ihm eigenen Qualitätenkreis eingeſchloſſen; und wir müſſen von der Sinnesempfindung zu dem Gewahren innerer Zu - ſtände übergehen, ſollen wir eine Bewußtſeinslage in einem ge - gebenen Moment auffaſſen. Wir können ſonach die Data in der Unvergleichlichkeit, in welcher ſie in Folge ihrer verſchiedenen Pro - venienz auftreten, eben nur hinnehmen; ihre Thatſächlichkeit iſt für uns unergründlich; all unſer Erkennen iſt auf die Feſtſtellung der Gleichförmigkeiten in Aufeinanderfolge und Gleichzeitigkeit einge - ſchränkt, gemäß denen ſie nach unſrer Erfahrung in Beziehungen zu einander ſtehen. Dies ſind Grenzen, welche in den Bedingungen unſeres Erfahrens ſelber gelegen ſind, Grenzen, die an jedem13Beſtimmung der Aufgabe derſelben.Punkte der Naturwiſſenſchaft beſtehen: nicht äußere Schranken, an welche das Naturerkennen ſtößt, ſondern dem Erfahren ſelber immanente Bedingungen deſſelben. Das Vorhandenſein dieſer im - manenten Schranken der Erkenntniß bildet nun durchaus kein Hinderniß für die Funktion des Erkennens. Bezeichnet man mit Begreifen eine völlige Durchſichtigkeit in der Auffaſſung eines Zuſammenhangs, ſo haben wir es hier mit Schranken zu thun, an welche das Begreifen anſtößt. Aber, gleichviel ob die Wiſſen - ſchaft ihrer Rechnung, welche die Veränderungen in der Wirklich - keit auf die Bewegungen von Atomen zurückführt, Qualitäten unterordne oder Bewußtſeinsthatſachen: falls dieſe ſich ihr nur unterwerfen laſſen, bildet die Thatſache der Unableitbarkeit kein Hinderniß ihrer Operationen; ich vermag ſo wenig einen Ueber - gang von der bloßen mathematiſchen Beſtimmtheit oder der Be - wegungsgröße zu einer Farbe oder einem Ton als zu einem Be - wußtſeinsvorgang zu finden; das blaue Licht wird von mir durch die entſprechende Schwingungszahl ſo wenig erklärt, als das ver - neinende Urtheil durch einen Vorgang im Gehirn. Indem die Phyſik es der Phyſiologie überläßt, die Sinnesqualität blau zu erklären, dieſe aber, welche in der Bewegung materieller Theile eben auch kein Mittel beſitzt, das Blau hervorzuzaubern, es der Pſychologie übergiebt, bleibt es ſchließlich, wie in einem Vexirſpiel, bei der Pſychologie ſitzen. An ſich aber iſt die Hypotheſe, welche Qualitäten in dem Vorgang der Empfindung entſtehen läßt, zu - nächſt nur ein Hilfsmittel für die Rechnung, welche die Verände - rungen in der Wirklichkeit, wie ſie in meiner Erfahrung gegeben ſind, auf eine gewiſſe Claſſe von Veränderungen innerhalb der - ſelben, welche einen Theilinhalt meiner Erfahrung bildet, radicirt, um ſie für den Zweck der Erkenntniß gewiſſermaßen auf Eine Fläche zu bringen. Wäre es möglich, beſtimmt definirten That - ſachen, welche in dem Zuſammenhang der mechaniſchen Naturbe - trachtung eine feſte Stelle einnehmen, conſtant und beſtimmt definirte Bewußtſeinsthatſachen zu ſubſtituiren und nunmehr gemäß dem Syſtem von Gleichförmigkeiten, in welchem die erſteren Thatſachen ſich befinden, das Eintreten der Bewußtſeinsvorgänge ganz im14Erſtes einleitendes Buch.Einklang mit der Erfahrung zu beſtimmen: alsdann wären dieſe Bewußtſeinsthatſachen ſo gut dem Zuſammenhang des Natur - erkennens eingeordnet, als es irgend Ton oder Farbe ſind.

Gerade hier macht ſich aber die Unvergleichbarkeit ma - terieller und geiſtiger Vorgänge in einem ganz anderen Verſtande geltend und zieht dem Naturerkennen Grenzen von einem durchaus anderen Charakter. Die Unmöglichkeit der Ableitung von geiſtigen Thatſachen aus denen der mechaniſchen Naturordnung, welche in der Verſchiedenheit ihrer Provenienz gegründet iſt, hindert nicht die Einordnung der erſteren in das Syſtem der letzteren. Erſt wenn die Beziehungen zwiſchen den Thatſachen der geiſtigen Welt ſich als in der Art unvergleichbar mit den Gleichförmigkeiten des Naturlaufs zeigen, daß eine Unterordnung der geiſtigen That - ſachen unter die, welche die mechaniſche Naturerkenntniß feſtgeſtellt hat, ausgeſchloſſen wird: dann erſt ſind nicht immanente Schranken des erfahrenden Erkennens aufgezeigt, ſondern Grenzen, an denen Naturerkenntniß endigt und eine ſelbſtändige, aus ihrem eigenen Mittelpunkte ſich geſtaltende Geiſteswiſſenſchaft beginnt. Das Grundproblem liegt ſonach in der Feſtſtellung der beſtimmten Art von Unvergleichbarkeit zwiſchen den Beziehungen geiſtiger That - ſachen und den Gleichförmigkeiten materieller Vorgänge, welche eine Einordnung der erſteren, eine Auffaſſung von ihnen als von Eigen - ſchaften oder Seiten der Materie ausſchließt und welche ſonach ganz anderer Art ſein muß als die Verſchiedenheit, die zwiſchen den einzelnen Kreiſen von Geſetzen der Materie beſteht, wie ſie Mathematik, Phyſik, Chemie und Phyſiologie in einem ſich immer folgerichtiger entwickelnden Verhältniß von Unterordnung dar - legen. Eine Ausſchließung der Thatſachen des Geiſtes aus dem Zuſammenhang der Materie, ihrer Eigenſchaften und Geſetze wird immer einen Widerſpruch vorausſetzen, der zwiſchen den Be - ziehungen der Thatſachen auf dem einen und denen der Thatſachen auf dem andern Gebiet bei dem Verſuch einer ſolchen Unterord - nung eintritt. Und dies iſt in der That die Meinung, wenn die Unvergleichbarkeit des geiſtigen Lebens an den Thatſachen des Selbſtbewußtſeins und der mit ihm zuſammenhängenden Ein -15Der wahre Begriff der Grenzen der Naturerkenntniß.heit des Bewußtſeins, an der Freiheit und den mit ihr verbundenen Thatſachen des ſittlichen Lebens aufgezeigt wird, im Gegenſatz gegen die räumliche Gliederung und Theilbarkeit der Materie ſowie gegen die mechaniſche Nothwendigkeit, unter welcher die Leiſtung des einzelnen Theils derſelben ſteht. So alt beinahe, als das ſtrengere Nachdenken über die Stellung des Geiſtes zur Natur, ſind die Verſuche einer Formulirung dieſer Art von Unvergleich - barkeit des Geiſtigen mit aller Naturordnung, auf Grund der That - ſachen von Einheit des Bewußtſeins und Spontaneität des Willens.

Indem dieſe Unterſcheidung von immanenten Schranken des Erfahrens einerſeits, von Grenzen der Unterordnung von That - ſachen unter den Zuſammenhang der Naturerkenntniß andrerſeits in die Darlegung des berühmten Naturforſchers eingeführt wird, empfangen die Begriffe von Grenze und Unerklärbarkeit einen genau definirbaren Sinn, und damit ſchwinden Schwierigkeiten, welche in dem von dieſer Schrift hervorgerufenen Streit über die Grenzen der Naturerkenntniß ſich ſehr bemerkbar gemacht haben. Die Exiſtenz immanenter Schranken des Erfahrens entſcheidet in keiner Weiſe über die Frage nach der Unterordnung von geiſtigen Thatſachen unter den Zuſammenhang der Erkenntniß der Materie. Wird, wie von Häckel und anderen Forſchern geſchieht, ein Ver - ſuch vorgelegt, durch die Annahme eines pſychiſchen Lebens in den Beſtandtheilen, aus denen der Organismus ſich aufbaut, eine ſolche Einordnung der geiſtigen Thatſachen unter den Natur - zuſammenhang herzuſtellen, dann beſteht zwiſchen einem ſolchen Verſuch und der Erkenntniß der immanenten Schranken alles Er - fahrens ſchlechterdings kein Verhältniß von Ausſchließung; über ihn entſcheidet nur die zweite Art von Unterſuchung der Grenzen des Naturerkennens. Daher iſt auch Du Bois-R. zu dieſer zweiten Unterſuchung fortgegangen, und hat ſich in ſeiner Beweis - führung ſowol des Arguments von der Einheit des Bewußtſeins als des anderen von der Spontaneität des Willens bedient. Sein Beweis, daß die geiſtigen Vorgänge aus ihren materiellen Be - dingungen nie zu begreifen ſind 1)Er beginnt: über die Grenzen, Aufl. 4. S. 28., wird folgendermaßen geführt. 16Erſtes einleitendes Buch.Bei vollendeter Kenntniß aller Theile des materiellen Syſtems, ihrer gegenſeitigen Lage und ihrer Bewegung bleibt es doch durch - aus unbegreiflich, wie einer Anzahl von Kohlenſtoff -, Waſſerſtoff -, Stickſtoff -, Sauerſtoff-Atomen nicht ſollte gleichgiltig ſein, wie ſie liegen und ſich bewegen. Dieſe Unerklärbarkeit des Geiſtigen bleibt ganz ebenſo beſtehen, wenn man dieſe Elemente nach Art der Monaden ſchon einzeln mit Bewußtſein ausſtattet, und von dieſer Annahme aus kann das einheitliche Bewußtſein des Individuums nicht erklärt werden1)a. a. O. 29. 30. vgl. Räthſel 7. Dieſe Argumentation iſt übrigens nur ſchlußkräftig, wenn der atomiſtiſchen Mechanik ſozuſagen metaphyſiſche Giltigkeit beigelegt wird. Zu ihrer von Du Bois-R. berührten Geſchichte kann auch die Formulirung bei dem Claſſiker der rationalen Pſychologie, Mendelsſohn, verglichen werden. Z. B. Schriften (Leipzig 1880) I, 277: 1) Alles was der menſchliche Körper vom Marmorblock Verſchiedenes hat, läßt ſich auf Bewegung zurückführen. Nun iſt die Bewegung nichts Anderes, als die Veränderung des Orts oder der Lage. Es leuchtet in die Augen, daß durch alle möglichen Ortsveränderungen in der Welt, ſie mögen noch ſo zuſammengeſetzt ſein, kein Wahrnehmen dieſer Ortsveränderungen zu er - halten ſei. 2) Alle Materie beſteht aus mehreren Theilen. Wenn die ein - zelnen Vorſtellungen ſo in den Theilen der Seele iſolirt wären wie die Gegenſtände in der Natur, ſo wäre das Ganze nirgends anzutreffen. Wir würden die Eindrücke verſchiedener Sinne nicht vergleichen, die Vorſtellungen nicht gegeneinanderhalten, keine Verhältniſſe wahrnehmen, keine Beziehungen erkennen können. Hieraus iſt klar, daß nicht nur zum Denken, ſondern zum Empfinden Vieles in Einem zuſammenkommen muß. Da aber die Materie niemals ein einziges Subjekt wird u. ſ. w. Kant entwickelt dieſen Achilles aller dialektiſchen Schlüſſe der reinen Seelenlehre als zweiten Paralogismus der transſcendentalen Pſychologie. Bei Lotze wurden dieſe Thaten des beziehenden Wiſſens als nicht zu überwältigender Grund, auf welchem die Ueberzeugung von der Selbſtändigkeit eines Seelen - weſens ſicher beruhen kann , in mehreren Schriften (zuletzt Metaphyſik 476) ent - wickelt und bilden die Grundlage dieſes Theils ſeines metaphyſiſchen Syſtems.. Schon ſein zu beweiſender Satz enthält in dem nie zu begreifen einen Doppelſinn, und dieſer hat im Beweis ſelber ein Hervortreten zweier Argumente von ganz ver - ſchiedener Tragweite neben einander zur Folge. Er behauptet ein - mal, daß der Verſuch, aus materiellen Veränderungen geiſtige Thatſachen abzuleiten (der gegenwärtig als roher Materialismus verſchollen iſt, und nur noch in der Weiſe der Aufnahme pſychi - ſcher Eigenſchaften in die Elemente gemacht wird), die immanente17Verhältniß dieſes Ganzen zu dem der Naturwiſſenſchaften.Schranke alles Erfahrens nicht aufzuheben vermag: was ſicher iſt, aber nichts gegen die Unterordnung des Geiſtes unter das Natur - erkennen entſcheidet. Und er behauptet alsdann, daß dieſer Verſuch an dem Widerſpruch ſcheitern muß, welcher zwiſchen unſerer Vor - ſtellung der Materie und der Eigenſchaft der Einheit, die un - ſerem Bewußtſein zukommt, beſteht. In ſeiner ſpäteren Polemik gegen Häckel fügt er dieſem Argument das andere hinzu, daß unter ſolcher Annahme ein weiterer Widerſpruch zwiſchen der Art, wie ein materieller Beſtandtheil im Naturzuſammenhang mechaniſch bedingt iſt, und dem Erlebniß der Spontaneität des Willens entſteht; ein Wille (in den Beſtandtheilen der Materie), der wollen ſoll, er mag wollen oder nicht und das im geraden Verhältniß des Produktes der Maſſen und im umgekehrten des Quadrates der Entfernungen iſt eine contradictio in adjecto1)Welt-Räthſel S. 8..

III. Das Verhältniß dieſes Ganzen zu dem der Naturwiſſenſchaften.

Jedoch in einem weiten Umfang faſſen die Geiſteswiſſen - ſchaften Naturthatſachen in ſich, haben Naturerkenntniß zur Grundlage.

Dächte man ſich rein geiſtige Weſen in einem aus ſolchen allein beſtehenden Perſonenreich, ſo würde ihr Hervortreten, ihre Erhaltung und Entwicklung, wie ihr Verſchwinden (welche Vorſtellungen man auch von dem Hintergrund ſich bilde, aus welchem ſie hervorträten und in den ſie wieder zurücktreten wür - den), an Bedingungen geiſtiger Art gebunden ſein; ihr Wohlſein wäre in ihrer Lage zur geiſtigen Welt gegründet; ihre Verbindung untereinander, ihre Handlungen aufeinander würden ſich durch rein geiſtige Mittel vollziehen und die dauernden Wirkungen ihrer Handlungen würden rein geiſtiger Art ſein; ſelbſt ihr Zurück -Dilthey, Einleitung. 218Erſtes einleitendes Buch.treten aus dem Reich der Perſonen würde in dem Geiſtigen ſeinen Grund haben. Das Syſtem ſolcher Individuen würde in reinen Geiſteswiſſenſchaften erkannt werden. In Wirklichkeit entſteht ein Individuum, wird erhalten und entwickelt ſich auf Grund der Funktionen des thieriſchen Organismus und ihrer Beziehungen zu dem umgebenden Naturlauf; ſein Lebensgefühl iſt wenigſtens theilweiſe in dieſen Funktionen gegründet; ſeine Eindrücke ſind von den Sinnesorganen und ihren Affektionen ſeitens der Außen - welt bedingt; den Reichthum und die Beweglichkeit ſeiner Vor - ſtellungen und die Stärke ſowie die Richtung ſeiner Willensakte finden wir vielfach von Veränderungen in ſeinem Nervenſyſtem abhängig. Sein Willensantrieb bringt Muskelfaſern zur Ver - kürzung und ſo iſt ſein Wirken nach außen an Veränderungen in den Lageverhältniſſen der Maſſentheilchen des Organismus ge - bunden; dauernde Erfolge ſeiner Willenshandlungen exiſtiren nur in der Form von Veränderungen innerhalb der materiellen Welt. So iſt das geiſtige Leben eines Menſchen ein nur durch Abſtrak - tion loslösbarer Theil der pſycho-phyſiſchen Lebenseinheit, als welche ein Menſchendaſein und Menſchenleben ſich darſtellt. Das Syſtem dieſer Lebenseinheiten iſt die Wirklichkeit, welche den Gegen - ſtand der geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wiſſenſchaften ausmacht.

Und zwar iſt der Menſch als Lebenseinheit, vermöge des doppelten Standpunktes unſerer Auffaſſung (gleichviel welcher der metaphyſiſche Thatbeſtand ſei), ſo weit inneres Gewahrwerden reicht, als ein Zuſammenhang geiſtiger Thatſachen, ſo weit wir dagegen mit den Sinnen auffaſſen, als ein körperliches Ganze für uns da. Inneres Gewahrwerden und äußere Auffaſſung finden niemals in demſelben Akte ſtatt und daher iſt uns die Thatſache des geiſtigen Lebens nie mit der unſeres Körpers zugleich gegeben. Hieraus ergeben ſich mit Nothwendigkeit zwei verſchiedene, nicht in einander aufhebbare Standpunkte für die wiſſenſchaftliche Auffaſſung, welche die geiſtigen Thatſachen und die Körperwelt in ihrem Zu - ſammenhang, deſſen Ausdruck die pſycho-phyſiſche Lebenseinheit iſt, erfaſſen will. Gehe ich von der inneren Erfahrung aus, ſo finde ich die geſammte Außenwelt in meinem Bewußtſein gegeben,19Die pſycho-phyſiſche Lebenseinheit.die Geſetze dieſes Naturganzen unter den Bedingungen meines Bewußtſeins ſtehend und ſonach von ihnen abhängig. Dies iſt der Standpunkt, welchen die deutſche Philoſophie an der Grenze des achtzehnten und unſeres Jahrhunderts als Transſcendental - Philoſophie bezeichnete. Nehme ich dagegen den Naturzuſammenhang, ſo wie er als Realität vor mir in meinem natürlichen Auffaſſen ſteht, und gewahre in die zeitliche Abfolge dieſer Außenwelt ſowie in ihre räumliche Vertheilung pſychiſche Thatſachen mit eingeordnet, finde ich von dem Eingriff, welchen die Natur ſelber oder das Experiment macht und welcher in materiellen Veränderungen be - ſteht, wann dieſe an das Nervenſyſtem herandringen, Veränderungen des geiſtigen Lebens abhängig, erweitert Beobachtung der Lebens - entwicklung und der krankhaften Zuſtände dieſe Erfahrungen zu dem umfaſſenden Bilde der Bedingtheit des Geiſtigen durch das Körperliche: dann entſteht die Auffaſſung des Naturforſchers, welcher von außen nach innen, von der materiellen Veränderung zur geiſtigen Veränderung vorandringt. So iſt der Antagonismus zwiſchen dem Philoſophen und dem Naturforſcher durch den Gegenſatz ihrer Ausgangspunkte bedingt.

Wir nehmen nun unſeren Ausgangspunkt in der Betrach - tungsweiſe der Naturwiſſenſchaft. Sofern dieſe Betrachtungsweiſe ſich ihrer Grenzen bewußt bleibt, ſind ihre Ergebniſſe unbeſtreitbar. Sie empfangen nur von dem Standpunkt der inneren Erfahrung aus die nähere Beſtimmung ihres Erkenntnißwerthes. Die Natur - wiſſenſchaft zergliedert den urſächlichen Zuſammenhang des Natur - laufes. Wo dieſe Zergliederung die Punkte erreicht hat, an welchen ein materieller Thatbeſtand oder eine materielle Veränderung regel - mäßig mit einem pſychiſchen Thatbeſtand oder einer pſychiſchen Veränderung verbunden iſt, ohne daß zwiſchen ihnen ein weiteres Zwiſchenglied auffindbar wäre: da kann eben nur dieſe regelmäßige Beziehung ſelber feſtgeſtellt werden, das Verhältniß von Urſache und Wirkung kann aber auf dieſe Beziehung nicht angewandt werden. Wir finden Gleichförmigkeiten des einen Lebenskreiſes regelmäßig mit ſolchen des anderen verknüpft und der mathematiſche Begriff der Funktion iſt der Ausdruck dieſes Verhältniſſes. Eine Auffaſſung2*20Erſtes einleitendes Buch.deſſelben, vermöge deren der Ablauf der geiſtigen neben dem der körperlichen Veränderungen mit dem Gange von zwei gleichgeſtellten Uhren vergleichbar wäre, iſt mit der Erfahrung ſo gut im Einklang als eine Auffaſſung, welche nur Ein Uhrwerk als Erklärungsgrund annimmt, unbildlich, welche beide Erfahrungskreiſe als verſchiedene Erſcheinungen Eines Grundes betrachtet. Abhängigkeit des Geiſtigen vom Naturzuſammenhang iſt alſo das Verhältniß, welchem gemäß der allgemeine Naturzuſammenhang diejenigen materiellen That - beſtände und Veränderungen urſächlich bedingt, welche für uns regelmäßig und ohne eine weitere erkennbare Vermittlung mit geiſtigen Thatbeſtänden und Veränderungen verbunden ſind. So ſieht das Naturerkennen die Verkettung der Urſachen bis zu dem pſycho-phyſiſchen Leben hin wirken: hier entſteht eine Veränderung, an welcher die Beziehung des Materiellen und Phyſiſchen ſich der urſächlichen Auffaſſung entzieht, und dieſe Veränderung ruft rück - wärts in der materiellen Welt eine Veränderung hervor. In dieſem Zuſammenhang ſchließt ſich dem Experiment des Phyſiologen die Bedeutung der Struktur des Nervenſyſtems auf. Die verwirrenden Erſcheinungen des Lebens werden in eine klare Vorſtellung der Ab - hängigkeiten zerlegt, in deren Verfolg der Naturlauf Veränderungen bis an den Menſchen heran führt, dieſe alsdann durch die Pforten der Sinnesorgane in das Nervenſyſtem dringen, Empfindung, Vor - ſtellen, Gefühl, Begehren entſtehen und auf den Naturlauf zurück - wirken. Die Lebenseinheit ſelbſt, welche mit dem unmittelbaren Ge - fühl unſeres ungetheilten Daſeins uns erfüllt, wird in ein Syſtem von Beziehungen aufgelöſt, die zwiſchen den Thatſachen unſeres Be - wußtſeins und der Struktur ſowie den Funktionen des Nerven - ſyſtems empiriſch feſtgeſtellt werden können: denn jede pſychiſche Aktion zeigt ſich nur vermittelſt des Nervenſyſtems mit einer Veränderung innerhalb unſeres Körpers verbunden, und eine ſolche iſt ihrerſeits nur vermittelſt ihrer Wirkung auf das Nerven - ſyſtem von einem Wechſel unſerer pſychiſchen Zuſtände begleitet.

Aus dieſer Zergliederung der pſycho-phyſiſchen Lebenseinheiten entſpringt nun eine deutlichere Vorſtellung der Abhängigkeit der - ſelben von dem ganzen Zuſammenhang der Natur, innerhalb deſſen21Die Zerlegung derſelben.ſie auftreten, wirken und aus dem ſie wieder zurücktreten, und ſomit auch des Studiums der geſellſchaftlich-geſchichtlichen Wirklich - keit von der Naturerkenntniß. Hiernach kann der Grad von Be - rechtigung feſtgeſtellt werden, der den Theorien von Comte und Herbert Spencer über die Stellung dieſer Wiſſenſchaften in der von ihnen aufgeſtellten Hierarchie der Geſammtwiſſenſchaft zu - kommt. Wie dieſe Schrift die relative Selbſtändigkeit der Geiſteswiſſenſchaften zu begründen verſuchen wird, ſo hat ſie als die andere Seite der Stellung derſelben im wiſſenſchaftlichen Geſammtganzen das Syſtem von Abhängigkeiten zu entwickeln, vermöge deſſen ſie durch die Naturerkenntniß bedingt ſind, und ſonach in dem Aufbau, welcher in der mathematiſchen Grund - legung anhebt, das letzte und höchſte Glied bilden. Thatſachen des Geiſtes ſind die oberſte Grenze der Thatſachen der Natur, die Thatſachen der Natur bilden die unteren Bedingungen des geiſtigen Lebens. Eben weil das Reich der Perſonen oder die menſchliche Geſellſchaft und Geſchichte die höchſte unter den Erſcheinungen der irdiſchen Erfahrungswelt iſt, bedarf ſeine Erkenntniß an unzähligen Punkten die des Syſtems von Vorausſetzungen, welche für ſeine Entwicklung in dem Naturganzen gelegen ſind.

Und zwar iſt der Menſch, gemäß ſeiner ſo dargelegten Stellung im cauſalen Zuſammenhang der Natur, von dieſer in einer zwiefachen Beziehung bedingt.

Die pſycho-phyſiſche Einheit, ſo ſahen wir, empfängt, vermittelt durch das Nervenſyſtem, beſtändig Einwirkungen aus dem all - gemeinen Naturlauf und ſie wirkt wieder auf ihn zurück. Nun liegt es aber in ihrer Natur, daß die Wirkungen, welche von ihr ausgehen, vornehmlich als ein Handeln auftreten, welches von Zwecken geleitet wird. Für dieſe pſycho-phyſiſche Einheit kann alſo einerſeits der Naturlauf und ſeine Beſchaffenheit in Bezug auf die Geſtaltung der Zwecke ſelber leitend ſein, andrerſeits iſt er für dieſelbe als ein Syſtem von Mitteln zur Erreichung dieſer Zwecke mitbeſtimmend. Und ſo ſind wir ſelbſt da, wo wir wollen, wo wir auf die Natur wirken, eben weil wir nicht blinde Kräfte ſind, ſondern Willen, welche ihre Zwecke überlegend feſtſtellen,22Erſtes einleitendes Buch.von dem Naturzuſammenhang abhängig. Demnach befinden ſich die pſycho-phyſiſchen Einheiten in einer doppelten Abhängigkeit dem Naturlauf gegenüber. Dieſer bedingt einerſeits von der Stellung der Erde im kosmiſchen Ganzen ab als ein Syſtem von Urſachen die geſellſchaftlich-geſchichtliche Wirklichkeit, und das große Problem des Verhältniſſes von Naturzuſammenhang und Freiheit in dieſer Wirklichkeit zerlegt ſich für den empiriſchen Forſcher in unzählige Einzelfragen, welche das Verhältniß zwiſchen Thatſachen des Geiſtes und Einwirkungen der Natur betreffen. Andrerſeits aber entſpringen aus den Zwecken dieſes Perſonenreiches Rück - wirkungen auf die Natur, auf die Erde, welche der Menſch in dieſem Sinne als ſein Wohnhaus betrachtet, in dem ſich ein - zurichten er thätig iſt, und auch dieſe Rückwirkungen ſind an die Benutzung des naturgeſetzlichen Zuſammenhanges gebunden. Alle Zwecke liegen dem Menſchen ausſchließlich innerhalb des geiſtigen Vorgangs ſelber, da ja nur in dieſem etwas für ihn da iſt; aber der Zweck ſucht ſeine Mittel in dem Zuſammenhang der Natur. Wie unſcheinbar iſt oft die Veränderung, welche die ſchöpferiſche Macht des Geiſtes in der Außenwelt hervorgebracht hat: und doch ruht in dieſer allein die Vermittlung, durch welche der ſo geſchaffene Werth auch für Andere da iſt. So ſind die wenigen Blätter, welche, als ein materieller Rückſtand tiefſter Gedanken - arbeit der Alten in der Richtung der Annahme einer Bewegung der Erde, in die Hand des Copernikus kamen, der Ausgangspunkt einer Revolution in unſrer Weltanſicht geworden.

An dieſem Punkte kann eingeſehen werden, wie relativ die Abgrenzung dieſer beiden Claſſen von Wiſſenſchaften von einander iſt. Streitigkeiten, wie ſie über die Stellung der allgemeinen Sprachwiſſenſchaft geführt wurden, ſind unfruchtbar. An den beiden Uebergangsſtellen, welche von dem Studium der Natur zu dem des Geiſtigen führen, an den Punkten, an welchen der Naturzuſammenhang auf die Entwicklung des Geiſtigen einwirkt, und an den anderen Punkten, an welchen derſelbe von dem Geiſtigen Einwirkung empfängt oder auch die Durchgangsſtelle für die Einwirkung auf anderes Geiſtige bildet, vermiſchen ſich23Auf ſie gegründete Beſtimmung des Verhältniſſes.überall Erkenntniſſe beider Claſſen. Erkenntniſſe der Naturwiſſen - ſchaften vermiſchen ſich mit denen der Geiſteswiſſenſchaften. Und zwar verwebt ſich in dieſem Zuſammenhang, gemäß der zwie - fachen Beziehung, in welcher der Naturlauf das geiſtige Leben bedingt, die Erkenntniß der bildenden Einwirkung der Natur häufig mit der Feſtſtellung des Einfluſſes, welchen dieſelbe als Material des Handelns ausübt. So wird aus der Erkenntniß der Natur - geſetze der Tonbildung ein wichtiger Theil der Grammatik und der muſikaliſchen Theorie abgeleitet, und wiederum iſt das Genie der Sprache oder Muſik an dieſe Naturgeſetze gebunden, und das Studium ſeiner Leiſtungen iſt daher bedingt durch das Verſtändniß dieſer Abhängigkeit.

Es kann an dieſem Punkte weiter eingeſehen werden, daß die Erkenntniß der Bedingungen, welche in der Natur liegen und von der Naturwiſſenſchaft entwickelt werden, in einem breiten Umfang die Grundlage für das Studium der geiſtigen Thatſachen bilden. Wie die Entwicklung des einzelnen Menſchen, ſo iſt auch die Aus - breitung des Menſchengeſchlechts über das Erdganze und die Ge - ſtaltung ſeiner Schickſale in der Geſchichte durch den ganzen kosmiſchen Zuſammenhang bedingt. Kriege bilden z. B. einen Hauptbeſtandtheil aller Geſchichte, da dieſe als politiſche es mit dem Willen von Staaten zu thun hat, dieſer aber in Waffen auftritt und ſich durch dieſelben durchſetzt. Die Theorie des Kriegs hängt aber in erſter Linie von der Erkenntniß des Phyſiſchen ab, welches für die ſtreitenden Willen Unterlage und Mittel darbietet. Denn mit den Mitteln der phyſiſchen Gewalt verfolgt der Krieg den Zweck, dem Feinde unſeren Willen aufzuzwingen. Dies ſchließt in ſich, daß der Gegner auf der Linie bis zur Wehrloſigkeit, welche das theoretiſche Ziel des als Krieg bezeichneten Aktes der Gewalt bildet, zu dem Punkte hingezwungen werde, an welchem ſeine Lage nach - theiliger iſt als das Opfer, das von ihm gefordert wird, und nur mit einer nachtheiligeren vertauſcht werden kann. In dieſer großen Rechnung ſind alſo die für die Wiſſenſchaft wichtigſten, ſie zumeiſt beſchäftigenden Zahlen die phyſiſchen Bedingungen und Mittel, während über die pſychiſchen Faktoren ſehr wenig zu ſagen iſt.

24Erſtes einleitendes Buch.

Und zwar haben die Wiſſenſchaften des Menſchen, der Geſellſchaft und der Geſchichte einmal die der Natur zu ihrer Grundlage, ſofern die pſycho-phyſiſchen Einheiten ſelber nur mit Hilfe der Biologie ſtudirt werden können, alsdann aber, ſofern das Mittel, in dem ihre Entwicklung und ihre Zweckthätigkeit ſtattfindet, auf deſſen Beherr - ſchung alſo dieſe letztere ſich zu einem großen Theile bezieht, die Natur iſt. In der erſteren Rückſicht bilden die Wiſſenſchaften des Organis - mus ihre Grundlage, in der zweiten vorwiegend die der anorganiſchen Natur. Und zwar beſteht der ſo aufzuklärende Zuſammenhang ein - mal darin, daß dieſe Naturbedingungen Entwicklung und Vertheilung des geiſtigen Lebens auf der Erdoberfläche beſtimmen, alsdann darin, daß die Zweckthätigkeit des Menſchen an die Geſetze der Natur gebunden und ſo durch ihre Erkenntniß und Benutzung bedingt iſt. Daher zeigt das erſtere Verhältniß nur Abhängigkeit des Menſchen von der Natur, das zweite aber enthält dieſe Abhängig - keit nur als die andere Seite der Geſchichte ſeiner zunehmenden Herrſchaft über das Erdganze. Derjenige Theil des erſteren Verhält - niſſes, welcher die Beziehungen des Menſchen zu der umgebenden Natur einſchließt, iſt von Ritter einer vergleichenden Methode unterworfen worden. Glänzende Blicke, wie beſonders ſeine vergleichende Schätzung der Erdtheile nach der Gliederung ihrer Umriſſe, ließen eine in den Raumverhältniſſen des Erdganzen feſtgelegte Prädeſtination der Univerſalgeſchichte ahnen. Die folgenden Arbeiten haben dieſe bei Ritter als Teleologie der Univerſalgeſchichte gedachte, von einem Buckle in den Dienſt des Naturalismus gezogene Anſchauung doch nicht beſtätigt: an die Stelle der Vorſtellung einer gleichmäßigen Abhängigkeit des Menſchen von den Naturbedingungen tritt die vorſichtigere Vorſtellung, daß das Ringen der geiſtig-ſittlichen Kräfte mit den Bedingungen der todten Räumlichkeit bei den ge - ſchichtlichen Völkern, im Gegenſatz zu den geſchichtsloſen, das Verhältniß von Abhängigkeit beſtändig vermindert hat. Und ſo hat auch hier eine ſelbſtändige, die Naturbedingungen zur Er - klärung benutzende Wiſſenſchaft der geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wirklichkeit ſich behauptet. Das andere Verhältniß aber zeigt mit der Abhängigkeit, welche durch die Anpaſſung an die Bedingungen25Abhängigkeit und Herrſchaft des Menſchen.gegeben iſt, die Bewältigung der Räumlichkeit durch den wiſſen - ſchaftlichen Gedanken und die Technik ſo verbunden, daß die Menſchheit in ihrer Geſchichte eben vermittelſt der Unterordnung die Herrſchaft erringt. Natura enim non nisi parendo vincitur1)Baconis aphorismi de interpretatione naturae et regno hominis. Aph. 3. .

Das Problem des Verhältniſſes der Geiſteswiſſenſchaften zu der Naturerkenntniß kann jedoch erſt als gelöſt gelten, wenn jener Gegenſatz, von dem wir ausgingen, zwiſchen dem trans - ſcendentalen Standpunkt, für welchen die Natur unter den Be - dingungen des Bewußtſeins ſteht, und dem objektiv empiriſchen Standpunkt, für welchen die Entwicklung des Geiſtigen unter den Bedingungen des Naturganzen ſteht, aufgelöſt ſein wird. Dieſe Aufgabe bildet eine Seite des Erkenntnißproblems. Iſolirt man dies Problem für die Geiſteswiſſenſchaften, ſo erſcheint eine für Alle überzeugende Auflöſung nicht unmöglich. Die Bedingungen derſelben würden ſein: Nachweis der objektiven Realität der inneren Erfahrung; Bewahrheitung der Exiſtenz einer Außenwelt; alsdann ſind in dieſer Außenwelt geiſtige Thatſachen und geiſtige Weſen kraft eines Vorgangs von Uebertragung unſeres Inneren in dieſelbe da; wie das geblendete Auge, das in die Sonne geblickt hat, ihr Bild in den verſchiedenſten Farben, an den verſchiedenſten Stellen im Raume wiederholt: ſo vervielfältigt unſre Auffaſſung das Bild unſres Innenlebens und verſetzt es in mannigfachen Abwandlungen an verſchiedene Stellen des uns um - gebenden Naturganzen; dieſer Vorgang läßt ſich aber logiſch als ein Analogieſchluß von dieſem originaliter uns allein un - mittelbar gegebenen Innenleben, vermittelſt der Vorſtellungen von den mit ihm verketteten Aeußerungen, auf ein verwandten Er - ſcheinungen der Außenwelt entſprechend Verwandtes, zu Grunde Liegendes darſtellen und rechtfertigen. Was immer die Natur an ſich ſelber ſein mag, das Studium der Urſachen des Geiſtigen kann ſich daran genügen laſſen, daß jedenfalls ihre Erſcheinungen als Zeichen des Wirklichen, daß die Gleichförmigkeiten in ihrem Zu - ſammenſein und ihrer Folge als ein Zeichen ſolcher Gleichförmig -26Erſtes einleitendes Buch.keiten in dem Wirklichen aufgefaßt und benutzt werden können. Tritt man aber in die Welt des Geiſtes und unterſucht die Natur, ſofern ſie Inhalt des Geiſtes, ſofern ſie als Zweck oder Mittel in den Willen eingewoben iſt: für den Geiſt iſt ſie eben, was ſie in ihm iſt, und was ſie an ſich ſein mag, iſt hier ganz gleich - gültig. Genug daß er ſo, wie ſie ihm gegeben iſt, auf ihre Geſetz - mäßigkeit in ſeinen Handlungen rechnen und den ſchönen Schein ihres Daſeins genießen kann.

IV. Die Ueberſichten über die Geiſteswiſſenſchaften.

Es muß verſucht werden, dem, welcher in das vorliegende Werk über die Geiſteswiſſenſchaften eintritt, einen vorläufigen Ueberblick über den Umfang dieſer anderen Hälfte des globus intellectualis zu geben, und vermittelſt deſſelben die Aufgabe des Werkes zu beſtimmen.

Die Wiſſenſchaften des Geiſtes ſind noch nicht als ein Ganzes conſtituirt; noch vermögen ſie nicht einen Zuſammenhang aufzu - ſtellen, in welchem die einzelnen Wahrheiten nach ihren Abhängig - keitsverhältniſſen von anderen Wahrheiten und von der Erfahrung geordnet wären.

Dieſe Wiſſenſchaften ſind in der Praxis des Lebens ſelber er - wachſen, durch die Anforderungen der Berufsbildung entwickelt und die Syſtematik der dieſer Berufsbildung dienenden Fakultäten iſt daher die naturgewachſene Form des Zuſammenhangs derſelben. Wurden doch ihre erſten Begriffe und Regeln zumeiſt in der Aus - übung der geſellſchaftlichen Funktionen ſelber gefunden. Ihering hat nachgewieſen, wie juriſtiſches Denken durch eine im Rechts - leben ſelber ſich vollbringende bewußte geiſtige Arbeit die Grund - begriffe des römiſchen Rechts geſchaffen hat. So zeigt auch die Analyſe der älteren griechiſchen Verfaſſungen in ihnen die Nieder - ſchläge einer bewundernswürdigen Kraft bewußten politiſchen27Die Encyklopädien der Berufswiſſenſchaften.Denkens auf Grund klarer Begriffe und Sätze. Der Grundgedanke, welchem gemäß die Freiheit des Individuums in ſeinem Antheil an der politiſchen Gewalt gelegen iſt, dieſer Antheil aber gemäß der Leiſtung des Individuums für das Ganze durch die ſtaatliche Ordnung geregelt wird, iſt zuerſt für die politiſche Kunſt ſelber leitend geweſen, danach von den großen Theoretikern der ſokratiſchen Schule nur in wiſſenſchaftlichem Zuſammenhang entwickelt wor - den. Der Fortgang zu umfaſſenden wiſſenſchaftlichen Theorien lehnte ſich dann vorwiegend an das Bedürfniß einer Berufsbildung der leitenden Stände an. So entſprangen ſchon in Griechenland aus den Aufgaben eines höheren politiſchen Unterrichts in dem Zeit - alter der Sophiſten Rhetorik und Politik, und die Geſchichte der meiſten Geiſteswiſſenſchaften bei den neueren Völkern zeigt den herrſchenden Einfluß deſſelben Grundverhältniſſes. Die Literatur der Römer über ihr Gemeinweſen empfing ihre älteſte Gliederung dadurch, daß ſie in Inſtruktionen für die Prieſterthümer und die einzelnen Magiſtrate ſich entwickelte1)Mommſen, röm. Staatsrecht I, 3 ff.. Daher iſt ſchließlich die Syſtematik derjenigen Wiſſenſchaften des Geiſtes, welche die Grund - lage der Berufsbildung der leitenden Organe der Geſellſchaft ent - halten, ſowie die Darſtellung dieſer Syſtematik in Encyklopädien aus dem Bedürfniß der Ueberſicht über das für ſolche Vorbildung Erforderliche hervorgegangen, und die natürlichſte Form dieſer Encyklopädien wird, wie Schleiermacher meiſterhaft an der Theo - logie gezeigt hat, immer die ſein, welche mit Bewußtſein von dieſem Zwecke aus den Zuſammenhang gliedert. Unter dieſen ein - ſchränkenden Bedingungen wird der in die Geiſteswiſſenſchaften Eintretende in ſolchen encyklopädiſchen Werken einen Ueberblick über einzelne hervorragende Gruppen dieſer Wiſſenſchaften finden2)Für den Zweck einer ſo bedingten Ueberſicht über einzelne Gebiete der Geiſteswiſſenſchaften kann auf folgende Encyklopädien verwieſen werden: Mohl, Encyklopädie der Staatswiſſenſchaften, Tübingen 1859. Zweite um - gearbeitete Aufl. 1872 (dritte 1881 Titelaufl.). Vergl. dazu Ueberſicht und Beurtheilung anderer Encyklopädien in ſeiner Geſchichte und Literatur der Staatswiſſenſchaften Bd. I, 111 164. Warnkönig, juriſtiſche Encyklopädie oder organiſche Darſtellung der Rechtswiſſenſchaft. 1853. Schleiermacher,.

28Erſtes einleitendes Buch.

Verſuche, ſolche Leiſtungen überſchreitend, die Geſammt - gliederung der Wiſſenſchaften zu entdecken, welche die geſchichtlich - geſellſchaftliche Wirklichkeit zum Gegenſtande haben, ſind von der Philoſophie ausgegangen. Sofern ſie von metaphyſiſchen Prinzipien her dieſen Zuſammenhang abzuleiten verſuchten, ſind ſie dem Schickſal aller Metaphyſik anheimgefallen. Einer beſſeren Methode bediente ſich ſchon Bacon, indem er mit dem Problem einer Er - kenntniß der Wirklichkeit durch Erfahrung die vorhandenen Wiſſen - ſchaften des Geiſtes in Beziehung ſetzte und ihre Leiſtungen wie ihre Mängel an der Aufgabe maß. Comenius beabſichtigte in ſeiner Panſophia aus dem Verhältniß der inneren Abhängigkeit der Wahrheiten von einander die Stufenfolge, in welcher ſie im Unter - richt auftreten müſſen, abzuleiten, und wie er ſo im Gegenſatz gegen den falſchen Begriff der formalen Bildung den Grundgedanken eines künftigen Unterrichtsweſens (das leider auch heute noch Zu - kunft iſt) entdeckte, hat er durch das Prinzip der Abhängigkeit der Wahrheiten von einander eine angemeſſene Gliederung der Wiſſen - ſchaften vorbereitet. Indem Comte die Beziehung zwiſchen dieſem logiſchen Verhältniß von Abhängigkeit, in welchem Wahrheiten zu einander ſtehen, und dem geſchichtlichen Verhältniß der Abfolge, in welchem ſie auftreten, der Unterſuchung unterwarf: ſchuf er die Grundlage für eine wahre Philoſophie der Wiſſenſchaften. Die Con - ſtitution der Wiſſenſchaften der geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wirklich - keit betrachtete er als das Ziel ſeiner großen Arbeit und in der That brachte ſein Werk eine ſtarke Bewegung in dieſer Richtung hervor; Mill, Littré, Herbert Spencer haben das Problem des Zuſammen - hangs der geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wiſſenſchaften aufgenommen1)Eine Ueberſicht der Probleme der Geiſteswiſſenſchaften nach dem inneren Zuſammenhang, in welchem ſie methodiſch zu einander ſtehen, und in welchem folgerecht ihre Auflöſung herbeigeführt werden kann, findet man entworfen in: Auguste Comte, Cours de philosophie positive 1830 1842, vom vierten bis ſechſten Bande. Seine ſpäteren Werke, welche einen veränderten Standpunkt enthalten, können einem ſolchen Zweck nicht dienen.. 2)kurze Darſtellung des theologiſchen Studiums. Zuerſt Berlin 1810. Zweite umgearbeitete Ausg. 1830. Böckh, Encyklopädie und Methodologie der philo - logiſchen Wiſſenſchaften, herausgegeben von Bratuſchek. 1877.29Gliederungen nach dem Verhältniß der Abhängigkeit der Wahrheiten.Dieſe Arbeiten gewähren dem in die Geiſteswiſſenſchaften Eintre - tenden eine ganz andere Art von Ueberblick als die Syſtematik der Berufsſtudien. Sie ſtellen die Geiſteswiſſenſchaften in den Zuſammenhang der Erkenntniß, ſie faſſen das Problem der - ſelben in ſeinem ganzen Umfang, und nehmen die Löſung in einer die ganze geſchichtlich - geſellſchaftliche Wirklichkeit umfaſſen - den wiſſenſchaftlichen Conſtruktion in Angriff. Jedoch, erfüllt von der unter den Engländern und Franzoſen heute herrſchenden ver - wegenen wiſſenſchaftlichen Bauluſt, ohne das intime Gefühl der geſchichtlichen Wirklichkeit, welches nur aus einer vieljährigen Be - ſchäftigung mit derſelben in Einzelforſchung ſich bildet, haben dieſe Poſitiviſten gerade denjenigen Ausgangspunkt für ihre Arbeiten nicht gefunden, welcher ihrem Prinzip der Verknüpfung der Einzel - wiſſenſchaften entſprochen hätte. Sie hätten ihre Arbeit damit be - ginnen müſſen, die Architektonik des ungeheuren, durch Anfügung beſtändig erweiterten, von innen immer wieder veränderten, durch Jahrtauſende allmälig entſtandenen Gebäudes der poſitiven Geiſtes - wiſſenſchaften zu ergründen, durch Vertiefung in den Bauplan ſich verſtändlich zu machen, und ſo der Vielſeitigkeit, in welcher dieſe Wiſſenſchaften ſich thatſächlich entwickelt haben, mit geſundem Blick für die Vernunft der Geſchichte gerecht zu werden. Sie haben1)Der bedeutendſte Gegenentwurf des Syſtems der Wiſſenſchaften iſt von Herbert Spencer. Dem erſten Angriff auf Comte in Spencer, Essays, first series, 1858 folgte die genauere Darlegung in: the classification of the sciences, 1864 (vergl. die Vertheidigung Comte’s in Littré, Auguste Comte et la philosophie positive). Die ausgeführte Darſtellung der Gliederung der Geiſteswiſſenſchaften giebt nunmehr ſein Syſtem der ſynthetiſchen Phi - loſophie, von welchem die Prinzipien der Pſychologie zuerſt 1855 erſchienen, die der Sociologie ſeit 1876 hervortreten (mit Beziehung auf das Werk: De - scriptive Sociology), der abſchließende Theil, die Prinzipien der Ethik (von welchem er ſelber erklärt, daß er ihn für denjenigen halte, für welchen alle vorhergehenden nur die Grundlage bilden ſollen ) in einem erſten Bande 1879 die Thatſachen der Ethik behandelt. Neben dieſem Verſuch einer Conſtitution der Theorie der geſellſchaftlich-geſchichtlichen Wirklichkeit iſt noch der von John Stuart Mill bemerkenswerth; er iſt enthalten im ſechſten Buch der Logik, das von der Logik der Geiſteswiſſenſchaften oder der moraliſchen Wiſſenſchaften handelt, und in der Schrift: Mill, Auguste Comte and Positivism. 1865.30Erſtes einleitendes Buch.einen Nothbau errichtet, der nicht haltbarer iſt, als die verwegenen Speculationen eines Schelling und Oken über die Natur. Und ſo iſt es gekommen, daß die aus einem metaphyſiſchen Prinzip ent - wickelten Geiſtesphiloſophien Deutſchlands, von Hegel, Schleiermacher und dem ſpäteren Schelling, den Erwerb der poſitiven Geiſtes - wiſſenſchaften mit tieferem Blick verwerthen, als die Arbeiten dieſer poſitiven Philoſophen es thun.

Andere Verſuche einer umfaſſenden Gliederung auf dem Gebiet der Geiſteswiſſenſchaften ſind in Deutſchland von der Ver - tiefung in die Aufgaben der Staatswiſſenſchaften ausgegangen, wodurch freilich eine Einſeitigkeit des Geſichtspunktes bedingt iſt1)Den Ausgangspunkt bildeten die Discuſſionen über den Begriff der Geſellſchaft und die Aufgabe der Geſellſchaftswiſſenſchaften, in denen eine Ergänzung der Staatswiſſenſchaften geſucht wurde. Den Anſtoß gaben L. Stein, Der Socialismus und Communismus des heutigen Frankreich, zweite Aufl. 1848, und R. Mohl, Tüb. Zeitſchr. für Staatsw. 1851. Fortgeführt in ſeiner Geſchichte und Literatur der Staatswiſſenſchaften Bd. I, 1855 S. 67 ff. : Die Staatswiſſenſchaften und die Geſellſchafts - wiſſenſchaften. Wir heben zwei Verſuche der Gliederung als beſonders bemerkenswerth hervor: Stein, Syſtem der Staatswiſſenſchaft, 1852, und Schäffle, Bau und Leben des ſocialen Körpers, 1875 ff..

Die Geiſteswiſſenſchaften bilden nicht ein Ganzes von einer logiſchen Conſtitution, welche der Gliederung des Naturerkennens analog wäre; ihr Zuſammenhang hat ſich anders entwickelt und muß wie er geſchichtlich gewachſen iſt nunmehr betrachtet werden.

V. Ihr Material.

Das Material dieſer Wiſſenſchaften bildet die geſchichtlich-ge - ſellſchaftliche Wirklichkeit, ſo weit ſie als geſchichtliche Kunde im Bewußtſein der Menſchheit ſich erhalten hat, als geſellſchaftliche, über den gegenwärtigen Zuſtand ſich erſtreckende Kunde der Wiſſenſchaft zugänglich gemacht worden iſt. So unermeßlich dieſes Material iſt, ſo iſt doch ſeine Unvollkommenheit augen -31Natur des Materials der Geiſteswiſſenſchaften.ſcheinlich. Intereſſen, welche dem Bedürfniß der Wiſſenſchaft keineswegs entſprechen, Bedingungen der Ueberlieferung, welche in keiner Beziehung zu dieſem Bedürfniß ſtehen, haben den Beſtand unſerer geſchichtlichen Kunde beſtimmt. Von der Zeit ab, in welcher, um das Lagerfeuer verſammelt, Stammes - und Kriegs - genoſſen von den Thaten ihrer Helden und dem göttlichen Ur - ſprung ihres Stammes erzählten, hat das ſtarke Intereſſe der Mitlebenden aus dem dunklen Fluſſe des gewöhnlichen menſchlichen Lebens Thatſachen emporgehoben und bewahrt. Das Intereſſe einer ſpäteren Zeit und geſchichtliche Fügung haben darüber ent - ſchieden, was von dieſen Thatſachen auf uns gelangen ſollte. Geſchichtſchreibung, als eine freie Kunſt der Darſtellung, faßt einen einzelnen Theil dieſes unermeßlichen Ganzen zuſammen, der des Intereſſes unter irgend einem Geſichtspunkt werth erſcheint. Dazu kommt: die heutige Geſellſchaft lebt ſozuſagen auf den Schichten und Trümmern der Vergangenheit; die Niederſchläge der Kulturarbeit in Sprache und Aberglaube, in Sitte und Recht, wie andererſeits in materiellen Veränderungen, die über Auf - zeichnungen hinausgehen, enthalten eine Ueberlieferung, welche in unſchätzbarer Weiſe die Aufzeichnungen unterſtützt. Auch über ihre Erhaltung hat doch die Hand der geſchichtlichen Fügung entſchieden. Nur an zwei Punkten beſteht ein den Anforderungen der Wiſſen - ſchaft entſprechender Zuſtand des Materials. Der Verlauf der geiſtigen Bewegungen in dem neueren Europa iſt in den Schriften, welche ſeine Beſtandtheile ſind, mit einer zureichenden Vollſtändig - keit erhalten. Und die Arbeiten der Statiſtik geſtatten für den engen Zeitraum und den engen Bezirk von Ländern, innerhalb deren ſie zur Anwendung gekommen ſind, einen zahlenmäßig feſt - geſtellten Einblick in die von ihnen umfaßten Thatſachen der Ge - ſellſchaft: ſie ermöglichen, der Kunde des gegenwärtigen Zuſtandes der Geſellſchaft eine exakte Grundlage zu geben.

Die Unanſchaulichkeit in dem Zuſammenhang dieſes uner - meßlichen Materials kommt zu dieſer Lückenhaftigkeit, ja hat nicht wenig dazu beigetragen, die letztere zu ſteigern. Als der menſch - liche Geiſt die Wirklichkeit ſeinen Gedanken zu unterwerfen begann,32Erſtes einleitendes Buch.wandte er ſich zuerſt, von Staunen angezogen, dem Himmel ent - gegen; dieſe Wölbung über uns, die auf dem Rund des Horizontes zu ruhen ſcheint, beſchäftigte ihn: ein in ſich verbundenes räum - liches, den Menſchen ſtets und überall umgebendes Ganze; ſo war die Orientirung im Weltgebäude der Ausgangspunkt wiſſen - ſchaftlicher Forſchung, in den öſtlichen Ländern wie in Europa. Der Kosmos der geiſtigen Thatſachen iſt nicht dem Auge in ſeiner Unermeßlichkeit ſichtbar, ſondern nur dem ſammelnden Geiſte des Forſchers; in irgend einem einzelnen Theile tritt er hervor, wo ein Gelehrter Thatſachen verbindet, und prüft und feſtſtellt: im Inneren des Gemüthes baut er ſich dann auf. Eine kritiſche Sichtung der Ueberlieferungen, Feſtſtellung der Thatſachen, Samm - lung derſelben bildet daher eine erſte umfaſſende Arbeit der Geiſtes - wiſſenſchaften. Nachdem die Philologie eine muſtergiltige Technik an dem ſchwierigſten und ſchönſten Stoff der Geſchichte, dem claſ - ſiſchen Alterthum, herausgebildet hat, wird dieſe Arbeit theils in unzähligen Einzelforſchungen geleiſtet, theils bildet ſie einen Beſtandtheil von weiter reichenden Unterſuchungen. Der Zu - ſammenhang dieſer reinen Deſcription der geſchichtlich-geſellſchaft - lichen Wirklichkeit, wie er auf dem Grunde der Phyſik der Erde, angelehnt an die Geographie, die Vertheilung des Geiſtigen und ſeiner Unterſchiede auf dem Erdganzen in Zeit und Raum zu beſchreiben zum Ziel hat, kann ſeine Anſchaulichkeit immer nur durch Zurückführung auf klare räumliche Maße, Zahlenverhältniſſe, Zeitbeſtimmungen, durch die Hilfsmittel graphiſcher Darſtellung empfangen. Bloße Sammlung und Sichtung des Materials geht hier in eine gedankenmäßige Bearbeitung und Gliederung deſſelben allmälig über.

VI. Drei Claſſen von Ausſagen in ihnen.

Die Geiſteswiſſenſchaften, wie ſie ſind und wirken, kraft der Vernunft der Sache, die in ihrer Geſchichte thätig war (nicht wie die kühnen Architekten, die ſie neu bauen wollen, wünſchen), ver -33Drei Claſſen von Ausſagen in den Geiſteswiſſenſchaften.knüpfen in ſich drei unterſchiedene Claſſen von Ausſagen. Die einen von ihnen ſprechen ein Wirkliches aus, das in der Wahr - nehmung gegeben iſt; ſie enthalten den hiſtoriſchen Beſtandtheil der Erkenntniß. Die anderen entwickeln das gleichförmige Ver - halten von Theilinhalten dieſer Wirklichkeit, welche durch Abſtrak - tion ausgeſondert ſind: ſie bilden den theoretiſchen Beſtandtheil derſelben. Die letzten drücken Werthurtheile aus und ſchreiben Regeln vor: in ihnen iſt der praktiſche Beſtandtheil der Geiſtes - wiſſenſchaften befaßt. Thatſachen, Theoreme, Werthurtheile und Regeln: aus dieſen drei Claſſen von Sätzen beſtehen die Geiſtes - wiſſenſchaften. Und die Beziehung zwiſchen der hiſtoriſchen Richtung in der Auffaſſung, der abſtrakt-theoretiſchen und der praktiſchen geht als ein gemeinſames Grundverhältniß durch die Geiſteswiſſen - ſchaften. Die Auffaſſung des Singularen, Individualen bildet in ihnen (da ſie die beſtändige Widerlegung des Satzes von Spinoza: omnis determinatio est negatio ſind) ſo gut einen letzten Zweck als die Entwicklung abſtrakter Gleichförmigkeiten. Von der erſten Wurzel im Bewußtſein bis zur höchſten Spitze iſt der Zuſammenhang der Werthurtheile und Imperative unabhängig von dem der zwei erſten Claſſen. Die Beziehung dieſer drei Aufgaben zu einander im denkenden Bewußtſein kann erſt im Verlauf der erkenntniß - theoretiſchen Analyſis (umfaſſender: der Selbſtbeſinnung) ent - wickelt werden. Jedenfalls bleiben Ausſagen über Wirklichkeit von Werthurtheilen und Imperativen auch in der Wurzel geſondert: ſo entſtehen zwei Arten von Sätzen, die primär verſchieden ſind. Und zugleich muß anerkannt werden, daß dieſe Verſchiedenheit innerhalb der Geiſteswiſſenſchaften einen doppelten Zuſammenhang in denſelben zur Folge hat. Wie ſie gewachſen ſind enthalten die Geiſteswiſſen - ſchaften neben der Erkenntniß deſſen was iſt das Bewußtſein des Zu - ſammenhangs der Werthurtheile und Imperative, als in welchem Werthe, Ideale, Regeln, die Richtung auf Geſtaltung der Zukunft verbunden ſind. Ein politiſches Urtheil, das eine Inſtitution verwirft, iſt nicht wahr oder falſch, ſondern richtig oder un - richtig, inſofern ſeine Richtung, ſein Ziel abgeſchätzt wird; wahr oder falſch kann dagegen ein politiſches Urtheil ſein, welchesDilthey, Einleitung. 334Erſtes einleitendes Buch.die Beziehungen dieſer Inſtitution zu anderen Inſtitutionen erörtert. Erſt indem dieſe Einſicht für die Theorie von Satz, Ausſage, Urtheil leitend wird, entſteht eine erkenntniß-theoretiſche Grundlage, die den Thatbeſtand der Geiſteswiſſenſchaften nicht in die Enge einer Erkenntniß von Gleichförmigkeiten nach Analogie der Naturwiſſen - ſchaft zuſammendrängt und ſolchergeſtalt verſtümmelt, ſondern wie ſie gewachſen ſind, begreift und begründet.

VII. Ausſonderung der Einzelwiſſenſchaften aus der geſchichtlich - geſellſchaftlichen Wirklichkeit.

Die Zwecke der Geiſteswiſſenſchaften, das Singulare, In - dividuale der geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wirklichkeit zu erfaſſen, die in ſeiner Geſtaltung wirkſamen Gleichförmigkeiten zu erkennen, Ziele und Regeln ſeiner Fortgeſtaltung feſtzuſtellen, können nur vermittelſt der Kunſtgriffe des Denkens, vermittelſt der Analyſis und der Abſtraktion erreicht werden. Der abſtrakte Ausdruck, in welchem von beſtimmten Seiten des Thatbeſtandes abgeſehen wird, andere aber entwickelt werden, iſt nicht das ausſchließliche letzte Ziel dieſer Wiſſenſchaften, aber ihr unentbehrliches Hilfsmittel. Wie das abſtrahirende Erkennen nicht die Selbſtändigkeit der anderen Zwecke dieſer Wiſſenſchaften in ſich auflöſen darf: ſo kann weder die geſchichtliche, die theoretiſche Erkenntniß noch die Ent - wicklung der die Geſellſchaft thatſächlich leitenden Regeln dieſes abſtrahirenden Erkennens entrathen. Der Streit zwiſchen der hiſtoriſchen und der abſtrakten Schule entſtand, indem die ab - ſtrakte Schule den erſten, die hiſtoriſche den anderen Fehler be - ging. Jede Einzelwiſſenſchaft entſteht nur durch den Kunſtgriff der Herauslöſung eines Theilinhaltes aus der geſchichtlich-geſell - ſchaftlichen Wirklichkeit. Selbſt die Geſchichte ſieht von den Zügen im Leben der einzelnen Menſchen und der Geſellſchaft, welche in der von ihr darzuſtellenden Epoche denen aller anderen Epochen35Ausſonderung der Einzelwiſſenſchaften.gleich ſind, ab; ihr Blick iſt auf das Unterſcheidende und Singulare gerichtet. Hierüber kann ſich der einzelne Geſchichtſchreiber täuſchen, da aus einer ſolchen Richtung des Blickes ſchon die Auswahl der Züge in ſeinen Quellen entſpringt; aber wer die wirkliche Leiſtung deſſelben mit dem ganzen Thatbeſtand der geſellſchaftlich - geſchichtlichen Wirklichkeit vergleicht, muß es anerkennen. Hieraus ergiebt ſich der wichtige Satz, daß jede einzelne Wiſſenſchaft des Geiſtes nur relativ, in ihrer Beziehung zu den anderen Wiſſen - ſchaften des Geiſtes mit Bewußtſein erfaßt, die geſellſchaftlich - geſchichtliche Wirklichkeit erkennt. Die Gliederung dieſer Wiſſen - ſchaften, ihr geſundes Wachsthum in ihrer Beſonderung iſt ſonach an die Einſicht in die Beziehung jeder ihrer Wahrheiten auf das Ganze der Wirklichkeit, in der ſie enthalten ſind, ſowie an das ſtete Bewußtſein der Abſtraktion, vermöge deren dieſe Wahrheiten da ſind, und des begränzten Erkenntnißwerthes, der ihnen gemäß ihrem abſtrakten Charakter zukommt, gebunden.

Nun kann vorgeſtellt werden, welche die fundamentalen Zer - legungen ſind, vermöge deren die einzelnen Wiſſenſchaften des Geiſtes ihren ungeheuren Gegenſtand zu bewältigen verſucht haben.

VIII. Wiſſenſchaften der Einzelmenſchen als der Elemente dieſer Wirklichkeit.

Die Analyſis findet in den Lebenseinheiten, den pſycho - phyſiſchen Individuis die Elemente, aus welchen Geſellſchaft und Geſchichte ſich aufbauen, und das Studium dieſer Lebenseinheiten bildet die am meiſten fundamentale Gruppe von Wiſſenſchaften des Geiſtes. Den Naturwiſſenſchaften iſt der Sinnenſchein von Körpern verſchiedener Größe, die ſich im Raume bewegen, ſich ausdehnen und erweitern, zuſammenziehen und verringern, in welchen Veränderungen der Beſchaffenheiten vorgehen, als Ausgangs - punkt ihrer Unterſuchungen gegeben. Sie haben ſich nur langſam3*36Erſtes einleitendes Buch.richtigeren Anſichten über die Conſtitution der Materie genähert. In dieſem Punkte beſteht ein viel günſtigeres Verhältniß zwiſchen der geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wirklichkeit und der Intelligenz. Dieſer iſt in ihr ſelber die Einheit unmittelbar gegeben, welche das Element in dem vielverwickelten Gebilde der Geſellſchaft iſt, während daſſelbe in den Naturwiſſenſchaften erſchloſſen werden muß. Die Subjecte, an welche das Denken die Prädicirungen, durch die alles Erkennen ſtattfindet, nach ſeinem unweigerlichen Geſetz heftet, ſind in den Naturwiſſenſchaften Elemente, welche durch eine Zertheilung der äußeren Wirklichkeit, ein Zerſchlagen, Zerſplittern der Dinge nur hypothetiſch gewonnen ſind; in den Geiſteswiſſenſchaften ſind es reale, in der inneren Er - fahrung als Thatſachen gegebene Einheiten. Die Naturwiſſenſchaft baut die Materie aus kleinen, keiner ſelbſtändigen Exiſtenz mehr fähigen, nur noch als Beſtandtheile der Molecüle denkbaren Elementartheilchen auf; die Einheiten, welche in dem wunderbar verſchlungenen Ganzen der Geſchichte und der Geſellſchaft aufeinander wirken, ſind Individua, pſycho-phyſiſche Ganze, deren jedes von jedem anderen unterſchieden, deren jedes eine Welt iſt. Iſt doch die Welt nirgend anders als eben in der Vorſtellung eines ſolchen Individuums. Dieſe Unermeßlichkeit eines pſycho-phyſiſchen Ganzen, in der ſchließlich die Unermeßlichkeit der Natur nur enthalten iſt, läßt ſich an der Analyſis der Vorſtellungswelt verdeutlichen, als in welcher aus Empfindungen und Vorſtellungen eine Einzel - anſchauung ſich aufbaut, dann aber, aus welcher Fülle von Ele - menten ſie auch beſtehe, als ein Element in die bewußte Ver - knüpfung und Trennung der Vorſtellungen eintritt. Und dieſe Singularität eines jeden ſolchen einzelnen Individuums, das an irgend einem Punkte des unermeßlichen geiſtigen Kosmos wirkt, läßt ſich, gemäß dem Satz: individuum est ineffabile, in ſeine einzelnen Beſtandtheile verfolgen, wodurch ſie erſt in ihrer ganzen Bedeutung erkannt wird.

Die Theorie dieſer pſycho-phyſiſchen Lebenseinheiten iſt die Anthropologie und Pſychologie. Ihr Material bildet die ganze Geſchichte und Lebenserfahrung und gerade die Schlüſſe aus dem37Die Wiſſenſchaften des Einzelmenſchen.Studium der pſychiſchen Maſſenbewegungen werden in ihr eine ſtets wachſende Bedeutung erlangen. Die Verwerthung des ganzen Reichthums der Thatſachen, welche den Stoff der Geiſteswiſſenſchaften überhaupt bilden, iſt der wahren Pſychologie ſowohl mit den Theorien, von denen demnächſt zu ſprechen ſein wird, als mit der Geſchichte gemeinſam. Alsdann aber iſt feſt - zuhalten: außerhalb der pſychiſchen Einheiten, welche den Gegen - ſtand der Pſychologie bilden, giebt es überhaupt keine geiſtige Thatſache für unſere Erfahrung. Da nun die Pſychologie keines - wegs alle Thatſachen in ſich ſchließt, welche Gegenſtand der Geiſteswiſſenſchaften ſind, oder (was daſſelbe iſt) welche die Erfahrung uns an pſychiſchen Einheiten auffaſſen läßt: ſo ergiebt ſich hieraus, daß die Pſychologie nur einen Theilinhalt deſſen, was in jedem einzelnen Individuum vorgeht, zum Gegenſtande hat. Sie kann daher nur durch eine Abſtraction von der Ge - ſammtwiſſenſchaft der geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wirklichkeit aus - geſondert und nur in beſtändiger Beziehung auf ſie entwickelt werden. Wohl iſt die pſycho-phyſiſche Einheit dadurch in ſich ge - ſchloſſen, daß für ſie nur Zweck ſein kann, was in ihrem eigenen Willen geſetzt iſt, nur werthvoll, was in ihrem Gefühl ſo gegeben iſt, nur wirklich und wahr, was als gewiß, als evident vor ihrem Bewußtſein ſich bewährt. Aber dieſes ſo geſchloſſene, im Selbſt - bewußtſein ſeiner Einheit gewiſſe Ganze iſt andrerſeits nur in dem Zuſammenhang der geſellſchaftlichen Wirklichkeit hervorgetreten; ſeine Organiſation zeigt es als von außen Einwirkung empfangend und nach außen zurückwirkend; ſeine ganze Inhaltlichkeit iſt nur eine inmitten der umfaſſenden Inhaltlichkeit des Geiſtes in der Geſchichte und Geſellſchaft vorübergehend auftretende einzelne Ge - ſtalt; ja der höchſte Zug ſeines Weſens iſt es, vermöge deſſen es in etwas lebt, das nicht es ſelber iſt. Der Gegenſtand der Pſycho - logie iſt alſo jederzeit nur das Individuum, welches aus dem lebendigen Zuſammenhang der geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wirk - lichkeit ausgeſondert iſt, und ſie iſt darauf angewieſen, die all - gemeinen Eigenſchaften, welche pſychiſche Einzelweſen in dieſem Zuſammenhang entwickeln, durch einen Vorgang von Abſtraktion38Erſtes einleitendes Buch.feſtzuſtellen. Den Menſchen, wie er, abgeſehen von der Wechſel - wirkung in der Geſellſchaft, gleichſam vor ihr iſt, findet ſie weder in der Erfahrung noch vermag ſie ihn zu erſchließen: wäre das der Fall, ſo würde der Aufbau der Geiſteswiſſenſchaften ſich un - gleich einfacher geſtaltet haben. Selbſt der ganz enge Umkreis unbeſtimmt ausdrückbarer Grundzüge, welche wir geneigt ſind dem Menſchen an und für ſich zuzuſchreiben, unterliegt dem un - geſchlichteten Streit hart aneinanderſtoßender Hypotheſen.

Hier kann alſo ſofort ein Verfahren abgewieſen werden, welches den Aufbau der Geiſteswiſſenſchaften unſicher macht, indem es in die Grundmauern Hypotheſen einfügt. Das Verhältniß der Individualeinheiten zur Geſellſchaft iſt von zwei entgegengeſetzten Hypotheſen aus konſtruktiv behandelt worden. Seitdem dem Naturrecht der Sophiſten Plato’s Auffaſſung des Staats als des Menſchen im Großen gegenübertrat, befehden ſich dieſe beiden Theorien, ähnlich wie die atomiſtiſche und die dynamiſche, in Be - zug auf die Conſtruktion der Geſellſchaft. Wol nähern ſie ſich einander in ihrer Fortbildung, aber die Auflöſung des Gegenſatzes iſt erſt möglich, wenn die conſtruktive Methode, die ihn hervor - brachte, verlaſſen wird, wenn die einzelnen Wiſſenſchaften der geſellſchaftlichen Wirklichkeit als Theile eines umfaſſenden analy - tiſchen Verfahrens, die einzelnen Wahrheiten als Ausſagen über Theilinhalte dieſer Wirklichkeit aufgefaßt werden. In dieſem analytiſchen Gang der Unterſuchung kann die Pſychologie nicht, wie durch die erſte dieſer Hypotheſen geſchieht, als Darſtellung der anfänglichen Ausſtattung eines von dem geſchichtlichen Stamme der Geſellſchaft losgelöſten Individuums entwickelt werden. Haben doch z. B. die Grundverhältniſſe des Willens wol den Schauplatz des Wirkens in den Individuen, aber nicht den Erklärungsgrund. Eine ſolche Iſolirung und dann eine mechaniſche Zuſammenſetzung von Individuen, als Methode der Conſtruktion der Geſellſchaft, war der Grundfehler der alten naturrechtlichen Schule. Die Einſeitig - keit dieſer Richtung iſt immer wieder bekämpft worden durch eine entgegengeſetzte Einſeitigkeit. Dieſe hat, gegenüber einer mechaniſchen Zuſammenſetzung der Geſellſchaft, Formeln entworfen, welche die39Anthropologie und Pſychologie.Einheit des geſellſchaftlichen Körpers ausdrücken und ſo der an - deren Hälfte des Thatbeſtandes genugthun ſollten. Eine ſolche Formel iſt die Unterordnung des Verhältniſſes des Einzelnen zum Staat unter das Verhältniß des Theils zum Ganzen, welches vor dem Theil iſt, in der Staatslehre des Ariſtoteles; iſt die Durchführung der Vorſtellung vom Staat als einem wohlgeord - neten thieriſchen Organismus bei den Publiciſten des Mittelalters, welche von bedeutenden gegenwärtigen Schriftſtellern vertheidigt und näher ausgebildet wird; iſt der Begriff einer Volksſeele oder eines Volksgeiſtes. Nur durch den geſchichtlichen Gegenſatz haben dieſe Verſuche, die Einheit der Individuen in der Geſellſchaft einem Begriff unterzuordnen, eine vorübergehende Berechtigung. Der Volksſeele fehlt die Einheit des Selbſtbewußtſeins und Wirkens, welche wir im Begriff der Seele ausdrücken. Der Begriff des Organismus ſubſtituirt für ein gegebenes Problem ein anderes, und zwar wird vielleicht, wie ſchon J. St. Mill bemerkt hat, die Auflöſung des Problems der Geſellſchaft früher und vollſtändiger gelingen als die des Problems des thieriſchen Organismus; ſchon jetzt aber kann die außerordentliche Verſchiedenheit dieſer beiden Arten von Syſtemen, in denen zu einer Geſammtleiſtung einander gegenſeitig bedingende Funktionen zuſammengreifen, gezeigt werden. Das Verhältniß der pſychiſchen Einheiten zur Geſellſchaft darf ſo - nach überhaupt keiner Conſtruktion unterworfen werden. Kate - gorien, wie Einheit und Vielheit, Ganzes und Theil, ſind für eine Conſtruktion nicht benutzbar: ſelbſt wo die Darſtellung ihrer nicht entbehren kann, darf nie vergeſſen werden, daß ſie in der Erfahrung des Individuums von ſich ſelber ihren lebendigen Ur - ſprung gehabt haben, daß ſonach durch keine Rückanwendung mehr an dem Erlebniß, welches das Individuum ſich ſelber in der Geſellſchaft iſt, aufgeklärt werden kann, als die Erfahrung für ſich zu ſagen im Stande iſt.

Der Menſch als eine der Geſchichte und Geſellſchaft vorauf - gehende Thatſache iſt eine Fiction der genetiſchen Erklärung; der - jenige Menſch, den geſunde analytiſche Wiſſenſchaft zum Object hat, iſt das Individuum als ein Beſtandtheil der Geſellſchaft. Das40Erſtes einleitendes Buch.ſchwierige Problem, welches Pſychologie aufzulöſen hat, iſt: analy - tiſche Erkenntniß der allgemeinen Eigenſchaften dieſes Menſchen.

So aufgefaßt, iſt Anthropologie und Pſychologie die Grund - lage aller Erkenntniß des geſchichtlichen Lebens, wie aller Regeln der Leitung und Fortbildung der Geſellſchaft. Sie iſt nicht nur Vertiefung des Menſchen in die Betrachtung ſeiner ſelbſt. Ein Typus der Menſchennatur ſteht immer zwiſchen dem Geſchicht - ſchreiber und ſeinen Quellen, aus denen er Geſtalten zu pul - ſirendem Leben erwecken will; er ſteht nicht minder zwiſchen dem politiſchen Denker und der Wirklichkeit der Geſellſchaft, welcher dieſer Regeln ihrer Fortbildung entwerfen will. Die Wiſſenſchaft will nur dieſem ſubjektiven Typus Richtigkeit und Fruchtbarkeit geben. Sie will allgemeine Sätze entwickeln, deren Subject dieſe Individualeinheit iſt, deren Prädikate alle Ausſagen über ſie ſind, welche für das Verſtändniß der Geſellſchaft und der Geſchichte fruchtbar werden können. Dieſe Aufgabe der Pſychologie und An - thropologie ſchließt aber in ſich eine Erweiterung ihres Umfangs. Ueber die bisherige Erforſchung der Gleichförmigkeiten des geiſtigen Lebens hinaus muß ſie typiſche Unterſchiede deſſelben erkennen, die Einbildungskraft des Künſtlers, das Naturell des handelnden Menſchen der Beſchreibung und Analyſis unterwerfen und das Studium der Formen des geiſtigen Lebens durch die Deſcription der Realität ſeines Verlaufs, ſowie ſeines Inhaltes ergänzen. Hierdurch wird die Lücke ausgefüllt, welche in den bisherigen Syſtemen der geſellſchaftlich-geſchichtlichen Wirklichkeit zwiſchen der Pſychologie einerſeits, der Aeſthetik, Ethik, den Wiſſenſchaften der politiſchen Körper ſowie der Geſchichtswiſſenſchaft andrerſeits exiſtirt: ein Platz, der bisher nur von den ungenauen Generali - ſationen der Lebenserfahrung, den Schöpfungen der Dichter, Darſtellungen der Weltmänner von Charakteren und Schickſalen, unbeſtimmten allgemeinen Wahrheiten, welche der Geſchichtſchreiber in ſeine Erzählung verwebt, eingenommen war.

Die Aufgaben einer ſolchen grundlegenden Wiſſenſchaft kann die Pſychologie nur löſen, indem ſie ſich in den Grenzen einer deſcriptiven Wiſſenſchaft hält, welche Thatſachen und Gleichförmig -41Die Biographie.keiten an Thatſachen feſtſtellt, dagegen die erklärende Pſychologie, welche den ganzen Zuſammenhang des geiſtigen Lebens durch gewiſſe Annahmen ableitbar machen will, von ſich reinlich unter - ſcheidet. Nur durch dieſes Verfahren kann für die letztere ein ge - naues, unbefangen feſtgeſtelltes Material gewonnen werden, welches eine Verification der pſychologiſchen Hypotheſen geſtattet. Vor Allem aber: nur ſo können endlich die Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes eine Grundlegung erhalten, die ſelber feſt iſt, während jetzt auch die beſten Darſtellungen der Pſychologie Hypotheſen auf Hypotheſen bauen.

Wir ziehen das Ergebniß für den Zuſammenhang dieſer Darlegung. Der einfachſte Befund, welchen die Analyſis der geſellſchaftlich-geſchichtlichen Wirklichkeit abzugewinnen vermag, liegt in der Pſychologie vor; ſie iſt demnach die erſte und elementarſte unter den Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes; dem entſprechend bilden ihre Wahrheiten die Grundlage des weiteren Aufbaues. Aber ihre Wahrheiten enthalten nur einen aus dieſer Wirklichkeit ausgelöſten Theilinhalt und haben daher die Beziehung auf dieſe zur Voraus - ſetzung. Demnach kann nur vermittelſt einer erkenntniß-theoretiſchen Grundlegung die Beziehung der pſychologiſchen Wiſſenſchaft zu den anderen Wiſſenſchaften des Geiſtes und zu der Wirklichkeit ſelber, deren Theilinhalte ſie ſind, aufgeklärt werden. Für die Pſycho - logie ſelber aber ergiebt ſich aus ihrer Stellung im Zuſammen - hang der Geiſteswiſſenſchaften, daß ſie als deſcriptive Wiſſenſchaft (ein in der Grundlegung näher zu entwickelnder Begriff) ſich unterſcheiden muß von der erklärenden Wiſſenſchaft, welche, ihrer Natur nach hypothetiſch, einfachen Annahmen die Thatſachen des geiſtigen Lebens zu unterwerfen unternimmt.

Die Darſtellung der einzelnen pſycho-phyſiſchen Lebenseinheit iſt die Biographie. Das Gedächtniß der Menſchheit hat ſehr viele Individualexiſtenzen des Intereſſes und der Aufbewahrung würdig befunden. Carlyle ſagt einmal von der Geſchichte: weiſes Erinnern und weiſes Vergeſſen, darin liegt Alles . Das Singulare des Menſchendaſeins ergreift eben, nach der Gewalt, mit der das Individuum die Anſchauung und die Liebe anderer Individuen42Erſtes einleitendes Buch.zu ſich hinreißt, ſtärker als irgend ein anderes Object oder irgend eine Generaliſation. Die Stellung der Biographie innerhalb der allgemeinen Geſchichtswiſſenſchaft entſpricht der Stellung der An - thropologie innerhalb der theoretiſchen Wiſſenſchaften der geſchichtlich - geſellſchaftlichen Wirklichkeit. Daher wird der Fortſchritt der Anthropologie und die wachſende Erkenntniß ihrer grundlegenden Stellung auch die Einſicht vermitteln, daß die Erfaſſung der ganzen Wirklichkeit eines Individualdaſeins, ſeine Naturbeſchreibung in ſeinem geſchichtlichen milieu, ein Höchſtes von Geſchichtſchreibung iſt, gleichwerthig durch die Tiefe der Aufgabe jeder geſchichtlichen Darſtellung, die aus breiterem Stoff geſtaltet. Der Wille eines Menſchen, in ſeinem Verlauf und ſeinem Schickſal, wird hier in ſeiner Würde als Selbſtzweck erfaßt, und der Biograph ſoll den Menſchen sub specie aeterni erblicken, wie er ſelbſt ſich in Momenten fühlt, in welchen zwiſchen ihm und der Gottheit Alles Hülle, Gewand und Mittel iſt und er ſich dem Sternen - himmel ſo nahe fühlt, als irgend einem Theil der Erde. Die Biographie ſtellt ſo die fundamentale geſchichtliche Thatſache rein, ganz, in ihrer Wirklichkeit dar. Und nur der Hiſtoriker, der ſo - zuſagen von dieſen Lebenseinheiten aus die Geſchichte aufbaut, der durch den Begriff von Typus und Repräſentation ſich der Auf - faſſung von Ständen, von geſellſchaftlichen Verbänden über - haupt, von Zeitaltern zu nähern ſucht, der durch den Begriff von Generationen Lebensläufe aneinander kettet, wird die Wirklichkeit eines geſchichtlichen Ganzen erfaſſen, im Gegenſatz zu den todten Abſtraktionen, die zumeiſt aus den Archiven entnommen werden.

Iſt die Biographie ein wichtiges Hilfsmittel für die weitere Entwicklung einer wahren Realpſychologie, ſo hat ſie andrerſeits in dem dermaligen Zuſtande dieſer Wiſſenſchaft ihre Grundlage. Man kann das wahre Verfahren des Biographen als Anwendung der Wiſſenſchaft der Anthropologie und Pſychologie auf das Problem, eine Lebenseinheit, ihre Entwicklung und ihr Schickſal lebendig und verſtändlich zu machen, bezeichnen.

Regeln perſönlicher Lebensführung haben zu allen Zeiten einen weiteren Zweig der Literatur gebildet; einige der ſchönſten43Die phyſiologiſche Pſychologie.und tiefſten Schriften aller Literatur ſind dieſem Gegenſtande ge - widmet. Sollen ſie aber den Charakter der Wiſſenſchaft erlangen: ſo führt eine ſolche Beſtrebung zurück in die Selbſtbeſinnung über den Zuſammenhang zwiſchen unſerer Erkenntniß von der Wirk - lichkeit der Lebenseinheit und unſerem Bewußtſein von den Beziehungen der Werthe zu einander, welche unſer Wille und unſer Gefühl im Leben finden.

An der Grenze der Naturwiſſenſchaften und der Pſychologie hat ſich ein Gebiet von Unterſuchungen ausgeſondert, welches von ſeinem erſten genialen Bearbeiter als Pſychophyſik bezeichnet wor - den iſt und welches ſich durch das Zuſammenwirken hervorragender Forſcher zu dem Entwurf einer phyſiologiſchen Pſychologie er - weitert hat. Dieſe Wiſſenſchaft ging davon aus, ohne Rückſicht auf den metaphyſiſchen Streit über Körper und Seele die that - ſächlichen Beziehungen zwiſchen dieſen beiden Erſcheinungsgebieten möglichſt genau feſtſtellen zu wollen. Der neutrale, in der äußerſten hier denkbaren Abſtraktion verbleibende Begriff der Funktion in ſeiner mathematiſchen Bedeutung wurde hierbei von Fechner zu Grunde gelegt, und Feſtſtellung der beſtehenden ſo in zwei Rich - tungen darſtellbaren Abhängigkeiten als das Ziel dieſer Wiſſen - ſchaft feſtgehalten. Den Mittelpunkt ſeiner Unterſuchungen bildete das Funktionsverhältniß zwiſchen Reiz und Empfindung. Will jedoch dieſe Wiſſenſchaft die Lücke, welche zwiſchen Phyſiologie und Pſychologie beſteht, vollſtändig ausfüllen, will ſie alle Berührungs - punkte des körperlichen und pſychiſchen Lebens umfaſſen und zwiſchen Phyſiologie und Pſychologie die Verbindung ſo voll - ſtändig und wirkſam als möglich herſtellen: dann findet ſie ſich genöthigt, dieſe Beziehung in die umfaſſende Vorſtellung des urſächlichen Zuſammenhangs der geſammten Wirklichkeit einzu - ordnen. Und zwar bildet die einſeitige Dependenz pſychiſcher That - ſachen und Veränderungen von phyſiologiſchen den Hauptgegenſtand einer ſolchen phyſiologiſchen Pſychologie. Sie entwickelt die Ab - hängigkeit des geiſtigen Lebens von ſeiner körperlichen Unterlage; unterſucht die Grenzen, innerhalb deren eine ſolche Abhängigkeit nachweisbar iſt; ſtellt alsdann auch die Rückwirkungen dar, welche44Erſtes einleitendes Buch.von den geiſtigen Veränderungen zu den körperlichen gehen. So verfolgt ſie das geiſtige Leben, von den Beziehungen, welche zwiſchen der phyſiologiſchen Leiſtung der Sinnesorgane und dem pſychiſchen Vorgang von Empfindung und Wahrnehmung ob - walten, zu denen zwiſchen dem Auftreten, Verſchwinden, der Ver - kettung der Vorſtellungen einerſeits, der