PRIMS Full-text transcription (HTML)
Ahnung und Gegenwart.
Ein Roman
Mit einem Vorwort von de la Motte Fouque´.
Nürnberg,bei Johann Leonhard Schrag. 1815.

Vorwort.

Der Verfaſſer hatte dieſen Roman vollendet, ehe noch die Franzoſen im letzten Kriege Ru߬ land betraten. Eine nothwendig fortlaufende Berührung des Buches mit den öffentlichen Begebenheiten verhinderte damals den Druck deſſelben. Später faßte die gewaltige Zeit den Dichter ſelbſt, er focht in den Reihen der Vaterlandsretter rühmlich mit, und alle ſeine Muſſe, Gedanken und Kräfte wandten ſich auf den gemeinſchaftlichen Zweck. Nach¬ her meinte er, es ſeye der Zeitpunkt einer allgemeinen Theilnahme für dieſen Roman vielleicht inzwiſchen verſtrichen.

1 *IVVorwort.

Ich war und bin nicht dieſer Meinung; auch ſchien es mii nicht wohlgethan, die Fä¬ den dieſer Geſchichte in die neueſten Ereigniſſe herüber zu ſpinnen, oder auch prophetiſche Ausſichten auf die erfolgte Weltbefreyung mit Abſichtlichkeit darin aufzuſtellen. Die Ganzheit der ſo ächt lebendigen und wahr¬ haften Dichtung hätte darunter gelitten; ſie wäre nicht geblieben, was ſie iſt: ein ge¬ treues Bild jener gewitterſchwülen Zeit, der Erwartung, der Sehnſucht und Verwir¬ rung.

Der Verfaſſer gieng in meine Anſichten ein, und giebt den Roman daher wörtlich und ohne die geringſte Aenderung ſo, wie er ihn damals aufgeſchrieben hatte. In ſeinen Mittheilungen hierüber an mich finden ſich unter Anderm folgende denkwürdige Worte:

Es lieben edle Gemüther, ſich mitten aus der Freude nach den überſtandenen Drangſalen zurückzuwenden, nicht um hoch¬VVorwort. müthig über ſich ſelbſt zu erſtaunen, wie ſie ſeitdem ſo Großes vollbracht, ſondern um ſich noch einmal mit jenem heiligen Zürnen, jenem gerüſteten Ernſte der Bedrängniß zu erfüllen, der uns im Glücke eben ſo noth thut, als im Unglück. Dieſen weihe ich das Buch als ein Denkmal der ſchuldgedrückten Vergangenheit.

Alle Kräfte, die in uns aufgewacht, ſchlummerten oder träumten ſchon damals. Aber Roſt frißt das Eiſen. Die Sehnſucht hätte ſich langſam ſelbſt verzehrt, und die Weisheit nichts ausgeſonnen, hätte ſich der Herr nicht endlich erbarmt, und in dem Brande von Moskau die Morgenröthe eines großen herrlichen Tages der Erlöſung ange¬ zündet. Und ſo laßt uns Gott preiſen, Je¬ der nach ſeiner Art! Ihm gebührt die Ehre, uns ziemet Demuth, Wachſamkeit und from¬ mer, treuer Fleiß.

VIVorwort.

Dieſen Kernworten, wie aus dem In¬ nerſten und Beſten meiner Seele geſprochen, weiß ich nichts hinzuzufügen, als den herzli¬ chen Wunſch: möchten ſie und das ganze ju¬ gendlich friſche Dichterwerk unſern theuern Landsleuten nach Verdienſt lieb werden und bekannt.

Geſchrieben am 6. Januar, 1815.

La Motte Fouque´.

Erſtes Buch.

Erſtes Kapitel.

Die Sonne war eben prächtig aufgegangen, da fuhr ein Schiff zwiſchen den grünen Bergen und Wäldern auf der Donau herunter. Auf dem Schif¬ fe befand ſich ein luſtiges Häufchen Studenten. Sie begleiteten einige Tagereiſen weit den jungen Grafen Friedrich, welcher ſo eben die Univerſi¬ tät verlaſſen hatte, um ſich auf Reiſen zu begeben. Einige von ihnen hatten ſich auf dem Verdecke auf ihre ausgebreitete Mäntel hingeſtreckt und würfel¬ ten. Andere hatten alle Augenblick neue Burgen zu ſalutiren, neue Echo's zu verſuchen, und waren daher ohne Unterlaß beſchäftigt, ihre Gewehre zu laden und abzufeuern. Wieder andere übten ihren Witz an allen, die das Unglück hatten am Ufer vorüberzugehen, und dieſe aus der Luft gegriffene Unterhaltung endigte dann gewöhnlich mit luſtigen Schimpfreden, welche wechſelſeitig ſo lange fortge¬ ſezt wurden, bis beide Partheyen einander längſt nicht mehr verſtanden. Mitten unter ihnen ſtand Graf Friedrich in ſtiller, beſchaulicher Freude. Er war größer als die andern, und zeichnete ſich durch ein einfaches, freyes, faſt altritterliches An¬ ſehen aus. Er ſelbſt ſprach wenig, ſondern ergözte10 ſich vielmehr ſtill in ſich an den den Ausgelaſſenhei¬ ten der luſtigen Geſellen; ein gemeiner Menſchen¬ ſinn hätte ihn leicht für einfältig gehalten. Von beiden Seiten ſangen die Vögel aus dem Walde, der Wiederhall von dem Rufen und Schießen irrte weit in den Bergen umher, ein friſcher Wind ſtrich über das Waſſer, und ſo fuhren die Studenten in ihren bunten, phantaſtiſchen Trachten wie das Schiff der Argonauten. Und ſo fahre denn, friſche Ju¬ gend! Glaube es nicht, daß es einmal anders wird auf Erden. Unſere freudigen Gedanken wer¬ den niemals alt und die Jugend iſt ewig.

Wer von Regensburg her auf der Donau hin¬ abgefahren iſt, der kennt die herrliche Stelle, wel¬ che der Wirbel genannt wird. Hohe Bergſchluften umgeben den wunderbaren Ort. In der Mitte des Stromes ſteht ein ſeltſam geformter Fels, von dem ein hohes Kreutz Troſt - und Friedenreich in den Sturz und Streit der empörten Wogen hinab¬ ſchaut. Kein Menſch iſt hier zu ſehen, kein Vogel ſingt, nur der Wald von den Bergen und der furchtbare Kreis, der alles Leben in ſeinen uner¬ gründlichen Schlund hinabzieht, rauſchen hier ſeit Jahrhunderten gleichförmig fort. Der Mund des Wirbels öffnet ſich von Zeit zu Zeit dunkelblickend, wie das Auge des Todes. Der Menſch fühlt ſich auf einmal verlaſſen in der Gewalt des feindſeli¬ gen, unbekannten Elements, und das Kreutz auf dem Felſen tritt hier in ſeiner heiligſten und grö߬ ten Bedeutung hervor. Alle wurden bey dieſem11 Anblicke ſtill und athmeten tief über dem Wellen¬ rauſchen. Hier bog plötzlich ein anderes fremdes Schiff, daß ſie lange in weiter Entfernung verfolgt hatte, hinter ihnen um die Felſenecke. Eine hohe, junge, weibliche Geſtalt ſtand ganz vorn auf dem Verdecke und ſah unverwandt in den Wirbel hinab. Die Studenten waren von der plötzlichen Erſcheinung in dieſer dunkelgrünen Oede überraſcht und brachen einmüthig in ein freudiges Hurrah aus, daß es weit an den Bergen hinunterſchallte. Da ſah das Mädchen auf einmal auf, und ihre Augen begegne¬ ten Friedrichs Blicken. Er fuhr innerlichſt zu¬ ſammen. Denn es war, als deckten ihre Blicke plötzlich eine neue Welt von blühender Wunder¬ pracht, uralten Erinnerungen und niegekannten Wünſchen in ſeinem Herzen auf. Er ſtand lange in ihrem Anblick verſunken, und bemerkte kaum, wie indeß der Strom nun wieder ruhiger geworden war und zu beiden Seiten ſchöne Schlöſſer, Dör¬ fer und Wieſen vorüberflogen, aus denen der Wind das Geläute weidender Heerden herüber¬ wehte.

Sie fuhren ſo eben an einer kleinen Stadt vorüber. Hart am Ufer war eine Promenade mit Alleen. Herren und Damen giengen im Sonntags¬ putze ſpazieren, führten einander, lachten, grüßten und verbeugten ſich hin und wieder, und eine luſti¬ ge Muſik ſchallte aus dem bunten, fröhlichen Schwalle. Das Schiff, worauf die ſchöne Unbe¬ kannte ſtand, folgte unſeren Reiſenden immerfort12 in einiger Entfernung nach. Der Strom war hier ſo breit und ſpiegelglatt wie ein See. Da ergriff einer von den Studenten ſeine Guitarre, und ſang der Schönen auf dem andern Schiffe drüben luſtig zu:

Die Jäger zieh'n in grünen Wald
Und Reiter blitzend über's Feld,
Studenten durch die ganze Welt,
So weit der blaue Himmel wallt.
Der Frühling iſt der Fleudenſaal,
Viel tauſend Vöglein ſpielen auf,
Da ſchallt's im Wald bergab, bergauf:
Grüß 'dich, mein Schatz, viel tauſendmal!

Sie bemerkten wohl, daß die Schöne allezeit zu ihnen herüberſah, und alle Herzen und Augen waren wie friſche junge Seegel nach ihr gerichtet. Das Schiff näherte ſich ihnen hier ganz dicht. Wahrhaftig, ein ſchönes Mädchen! riefen einige, und der Student ſang weiter:

Viel rüſt'ge Burſche ritterlich,
Die fahren hier in Stromes Mitt ',
Wie wilde ſie auch ſtellen ſich,
Trau' mir, mein Kind, und fürcht 'dich nit!
Querüber über's Waſſer glatt
Laß werben deine Aeugelein,
Und der dir wohlgefallen hat,
Der ſoll dein lieber Buhle ſeyn.

Hier näherten ſich wieder die Schiffe einander. Die Schöne ſaß vorn, wagte es aber in dieſer Nähe nicht aufzublicken. Sie hatte das Geſicht auf13 die andere Seite gewendet, und zeichnete mit ihrem Finger auf dem Boden. Der Wind wehte die Töne zu ihr herüber, und ſie verſtand wohl alles, als der Student wieder weiter ſang:

Durch Nacht und Nebel ſchleich 'ich ſacht',
Kein Lichtlein brennt, kalt weht der Wind,
Riegl 'auf, riegl' auf bey ſtiller Nacht,
Weil wir ſo jung beyſammen ſind!
Ade nun, Kind, und nicht geweint!
Schon gehen Stimmen da und dort,
Hoch über'n Wald Aurora ſcheint,
Und die Studenten reiſen fort.

So war es endlich Abend geworden, und die Schiffer lenkten an's Ufer. Alles ſtieg aus, und begab ſich in ein Wirthshaus, das auf einer An¬ höhe an der Donau ſtand. Dieſen Ort hatten die Studenten zum Ziele ihrer Begleitung beſtimmt. Hier wollten ſie morgen früh den Grafen verlaſſen und wieder zurückreiſen. Sie nahmen ſogleich Be¬ ſchlag von einem geräumigen Zimmer, deſſen Fen¬ ſter auf die Donau hinausgiengen. Friedrich folgte ihnen erſt etwas ſpäter von den Schiffen nach. Als er die Stiege hinauf gieng, öffnete ſih ſeitwärts eine Thüre, und die unbekannte Schöne, die auch hier eingekehrt war, trat eben aus dem erleuchteten Zimmer. Beyde ſchienen über einander erſchrocken. Friedrich grüßte ſie, ſie ſchlug die Augen nieder und kehrte ſchnell wieder in das Zim¬ mer zurück.

14

Unterdeß hatten ſich die luſtigen Geſellen in ihrer Stube ſchon ausgebreitet. Da lagen Jacken, Hüte, Federbüſche, Tabackspfeifen und blanke Schwerdter in der bunteſten Verwirrung umher, und die Aufwärterinn trat mit heimlicher Furcht unter die wilden Gäſte, die halbentkleidet auf Bet¬ ten, Tiſchen und Stühlen, wie Soldaten nach ei¬ ner blutigen Schlacht, gelagert waren. Es wurde bald Wein angeſchaft, man ſezte ſich in die Run¬ de, ſang und trank des Grafen Geſundheit. Friedrich'n war heute dabey ſonderbar zu Mu¬ the. Er war ſeit mehreren Jahren dieſe Lebens¬ weiſe gewohnt, und das Herz war ihm jedesmal aufgegangen, wie dieſe freye Jugend ihm ſo keck und muthig in's Geſicht ſah. Nun, da er von dem allem auf immer Abſchied nehmen ſollte, war ihm wie einem, der von einem luſtigen Maskenballe auf die Gaſſe hinaustritt, wo ſich alles nüchtern fortbewegt wie vorher. Er ſchlich ſich unbemerkt aus dem Zimmer und trat hinaus auf den Balkon, der von dem Mittelgange des Hauſes über die Do¬ nau hinausgieng. Der Geſang der Studenten, zu¬ weilen von dem Geklirre der Hieber unterbrochen, ſchallte aus den Fenſtern, die einen langen Schein in das Thal hinaus warfen. Die Nacht war ſehr finſter. Als er ſich über das Geländer hinauslehn¬ te, glaubte er neben ſich athmen zu hören. Er langte nach der Seite hin und ergriff eine kleine, zarte Hand. Er zog den weichen Arm näher an ſich, da funkelten ihn zwey Augen durch die Nacht an. Er erkannte an der hohen Geſtalt ſogleich das15 ſchöne Mädchen von dem andern Schiffe. Er ſtand ſo dicht vor ihr, daß ihn ihr Athem berührte. Sie litt es gern, daß er ſie noch näher an ſich zog, und ihre Lippen kamen zuſammen. Wie hei¬ ßen Sie? fragte Friedrich endlich. Roſa, ſagte ſie leiſe und bedeckte ihr Geſicht mit beyden Hän¬ den. In dieſem Augenblicke gieng die Stubenthür auf, ein verworrener Schwall von Licht, Tabacks¬ dampf und verſchiedenen toſenden Stimmen quoll heraus, und das Mädchen war verſchwunden, ohne daß Friedrich ſie halten konnte.

Erſt lange Zeit nachher gieng auch er wieder in ſein Zimmer zurück. Aber da war indeß alles ſtill geworden. Das Licht war bis an den Leuchter ausgebrannt, und warf, manchmal noch aufflackernd, einen flüchtigen Schein über das Zimmer und die Studenten, die zwiſchen Trümmern von Tabacks¬ pfeiffen, wie Todte, umherlagen und ſchliefen. Friedrich machte daher die Thüre leiſe zu, und begab ſich wieder auf den Balkon hinaus, wo er die Nacht zuzubringen beſchloß. Entzückt in allen ſeinen Sinnen, ſchaute er da in die ſtille Gegend hinaus. Fliegt nur, ihr Wolken, rief er aus, rauſcht nur und rührt euch recht, ihr Wälder! Und wenn alles auf Erden ſchläft, ich bin ſo wach, daß ich tanzen möchte! Er warf ſich auf die ſteinerne Bank hin, wo das Mädchen geſeſſen hatte, lehnte die Stirn an's Geländer und ſang ſtill in ſich ver¬ ſchiedene alte Lieder, und jedes gefiel ihm heut beſſer und rührte ihn neu. Das Rauſchen des16 Stromes und die ziehenden Wolken ſchifften in ſeine fröhlichen Gedanken hinein; im Hauſe waren längſt alle Lichter verlöſcht. Die Wellen plätſcherten im¬ merfort ſo einförmig unten an den Steinen, und ſo ſchlummerte er endlich träumend ein.

Zweites Kapitel.

Als die erſten Strahlen der Sonne in die Fenſter ſchienen, erhob ſich ein Student nach dem andern von ſeinem harten Lager, riß das Fenſter auf und dehnte ſich in den friſchen Morgen hinaus. Auch Friedrich befand ſich wieder unter ihnen; denn eine Nachtigall, welche die ganze Nacht uner¬ müdlich vor dem Hauſe ſang, hatte ihn drauſſen geweckt, und die kühle, der Morgenröthe voraus¬ fliegende, Luft in die wärmere Stube getrieben. Singen, Lachen und muntere Reden erfüllten nun bald wieder das Zimmer. Friedrich überdachte ſeine Begebenheit in der Nacht. Es war ihm, als erwachte er aus einem Rauſche, als wäre die ſchö¬ ne Roſa, ihr Kuß und alles nur ein Traum ge¬ weſen.

Der Wirth trat mit der Rechnung herein. Wer iſt das Frauenzimmer, fragte Friedrich, die geſtern Abends mit uns angekommen iſt? Ichkenne17kenne ſie nicht, antwortete der Wirth, aber eine vornehme Dame muß ſie ſeyn, denn ein Wagen mit vier Pferden und Bedienten hat ſie noch lange vor Tagesanbruch von hier abgeholt. Friedrich blickte bey dieſen Worten durch s offene Fenſter auf den Strom und die Berge drüben, welche heute Nacht ſtille Zeugen ſeiner Glückſeligkeit geweſen waren. Jezt ſah da draußen alles anders aus, und eine unbeſchreibliche Bangigkeit flog durch ſein Herz.

Die Pferde, welche die Studenten hierher be¬ ſtellt hatten, um darauf wieder zurückzureiten, harr¬ ten ihrer ſchon ſeit geſtern unten. Auch Frie¬ drich hatte ſich ein ſchönes, munteres Pferd ge¬ kauft, auf dem er nun ganz allein ſeine Reiſe fort¬ ſetzen wollte. Die Reiſebundel daher nun ſchnell zuſammengeſchnürt, die langen Sporen umgeſchnallt und alles ſchwang ſich auf die rüſtigen Klepper. Die Studenten beſchloßen, den Grafen noch eine kleine Stre[c][k]e landeinwärts zu geleiten, und ſo ritt denn der ganze bunte Trupp in den heitern Morgen hinein. An einem Kreuzwege hielten ſie endlich ſtill und nahmen Abſchied. Lebe wohl, ſag¬ te einer von den Studenten zu Friedrich'n, du kommſt nun in fremde Länder, unter fremde Men¬ ſchen, und wir ſehen einander vielleicht nie mehr wieder. Vergiß uns nicht! Und wenn du einmal auf deinen Schlöſſern hauſeſt, werde nicht wie alle andere, werde niemals ein trauriger, vornehmer, ſchmunzelnder, bequemer Philiſter! Denn, bey218meiner Seele, du warſt doch der beſte und bravſte Kerl unter uns allen. Reiſe mit Gott! Hier ſchüttelte jeder dem Grafen vom Pferde noch ein¬ mal die Hand und ſie und Friedrich ſprengten dann in entgegengeſezten Richtungen von einander. Als er ſo eine Weile fortgeritten war, ſah er ſie noch einmal, wie ſie eben, ſchon fern, mit ihren bunten Federbüſchen über einen Bergrücken fortzo¬ gen. Sie ſangen ein bekanntes Studentenlied, deſſen Schlußchor:

In's Horn, in's Horn, in's Jägerhorn!

der Wind zu ihm herüber brachte. Ade, ihr rüſti¬ gen Geſellen, rief er gerührt; Ade, du ſchöne, freye Zeit! Der herrliche Morgen ſtand flammend vor ihm. Er gab ſeinem Pferde die Sporen, um den Tönen zu entkommen, und ritt, daß der friſche Wind an ſeinem Hute pfiff.

Wer Studenten auf ihren Wanderungen ſah, wie ſie frühmorgens aus dem dunkeln Thore aus¬ ziehen und den Hut ſchwenken in der friſchen Luft, wie ſie wohlgemuth und ohne Sorgen über die grüne Erde reiſen, und die unbegränzten Augen an blauem Himmel, Wald und Fels ſich noch er¬ quicken, der mag gern unſern Grafen auf ſeinem Zuge durch das Gebirge begleiten. Er ritt jezt langſam weiter. Bauern ackerten, Hirten trieben ihre Heerden vorüber. Die Frühlingsſonne ſchien warm über die dampfende Erde, Bäume, Gras und Blumen äugelten dazwiſchen mit blitzenden Tropfen, unzählige Lerchen[ſchwirrten] durch die laue Luft. 19Ihm war recht innerlichſt fröhlich zu Muthe. Tau¬ ſend Erinnerungen, Entwürfe und Hoffnungen zo¬ gen wie ein Schattenſpiel durch ſeine bewegte Bruſt. Das Bild der ſchönen Roſa ſtand wieder ganz lebendig in ihm auf, mit aller Farbenpracht des Morgens gemahlt und geſchmückt. Der Son¬ nenſchein, der laue Wind und Lerchenſang verwirr¬ te ſich in das Bild, und ſo entſtand in ſeinem glücklichen Herzen folgendes Liedchen, das er im¬ merfort laut vor ſich herſang:

Grüß 'euch aus Herzensgrund:
Zwey Augen hell und rein,
Zwey Röslein auf dem Mund,
Kleid blank aus Sonnenſchein!
Nachtigall klagt und weint,
Wollüſtig rauſcht der Hain,
Alles die Liebſte meynt:
Wo weilt ſie ſo allein?
Weil's draußen finſter war,
Sah ich viel hellern Schein,
Jezt iſt es licht und klar,
Ich muß im Dunkeln ſeyn.
Sonne nicht ſteigen mag,
Sieht ſo verſchlafen drein,
Wünſchet den ganzen Tag,
Daß wieder Nacht möcht 'ſeyn.
Liebe geht durch die Luft,
Holt fern die Liebſte ein;
Fort über Berg und Kluft!
Und Sie wird doch noch mein!
2 *20

Das Liedchen gefiel ihm ſo wohl, daß er ſeine Schreibtafel herauszog um es aufzuſchreiben. Da er aber die flüchtigen Worte anfieng bedächtig auf¬ zuzeichnen und nicht mehr ſang, mußte er über ſich ſelber lachen und löſchte alles wieder aus.

Der Mittag war unterdeß durch die kühlen Waldſchluften faſt unvermerkt vorübergezogen. Da erblickte Friedrich mit Vergnügen einen hohen, bepflanzten Berg, der ihm als ein berühmter Be¬ luſtigungsort dieſer Gegend anempfohlen worden war. Farbige Luſthäuſer blickten von dem ſchattigen Gipfel ins Thal herab. Rings um den Berg her¬ um wand ſich ein Pfad hinauf, auf dem man vie¬ le Frauenzimmer mit ihren bunten Tüchern in der Grüne wallfahrten ſah. Der Anblick war ſehr freundlich und einladend. Friedrich lenkte daher ſein Pferd um, und ritt mit dem fröhlichen Zuge hinan, ſich erfreuend, wie bey jedem Schritte der Kreis der Ausſicht ringsum ſich erweiterte. Noch angenehmer wurde er überraſcht, als er endlich den Gipfel erreichte. Da war ein weiter, ſchöner und kühler Raſenplatz. An kleinen Tiſchchen faſſen im Freyen verſchiedene Geſellſchaften umher und ſpei߬ ten in luſtigem Geſpräch. Kinder ſpielten auf dem Raſen, ein alter Mann ſpielte die Harfe und ſang. Friedrich ließ ſich ſein Mittagmahl ganz allein in einem Sommerhäuschen bereiten, das am Abhange des Berges ſtand. Er machte alle Fenſter weit auf. ſo daß die Luft überall durchſtrich, und er von al¬ len Seiten die Landſchaft und den blauen Himmel ſah. Kühler Wein und hellgeſchliffene Gläſer blink¬21 ten von dem Tiſche. Er trank ſeinen fernen Freun¬ den und ſeiner Roſa in Gedanken zu. Dann ſtell¬ te er ſich an's Fenſter. Man ſah von dort weit in das Gebirge. Ein Strom gieng in der Tiefe, an welchem eine hellglänzende Landſtraße hinablief. Die heißen Sonnenſtrahlen ſchillerten über dem Thale, die ganze Gegend lag unten in ſchwüler Ruhe. Drauſſen vor der offenen Thüre ſpielte und ſang der Harfeniſt immerfort. Friedrich ſah den Wolken nach, die nach jenen Gegenden hinausſegel¬ ten, die er ſelber auch bald begrüßen ſollte. O Le¬ ben und Reiſen, wie biſt du ſchön! rief er freu¬ dig, zog dann ſeinen Diamant vom Finger und zeichnete den Nahmen Roſa in die Fenſterſcheibe. Bald darauf wurde er unten mehrere Reuter ge¬ wahr, die auf der Landſtraße ſchnell dem Gebirge zu vorüberflogen. Er verwandte keinen Blick da¬ von. Ein Mädchen hoch und ſchlank, ritt den an¬ dern voraus und ſah flüchtig mit den friſchen Au¬ gen den Berg hinan, gerade auf den Fleck, wo Friedrich ſtand. Der Berg war hoch, die Ent¬ fernung und Schnelligkeit groß; doch glaubte ſie Friedrich mit Einem Blicke zu erkennen, es war Roſa. Wie ein plötzlicher Morgenblick blizte ihm dieſer Gedanke fröhlich über die ganze Erde. Er bezahlte eiligſt ſeine Zeche, ſchwang ſich auf ſein Pferd, und ſtolperte ſo ſchnell als möglich den ſich ewig windenden Bergpfad hinab; ſeine Blicke und Gedanken flogen wie Adler von der Höhe voraus. Als er ſich endlich bis auf die Straße hinausgear¬ beitet hatte und freyer Athem ſchöpfte, war die22 Reuterinn ſchon nicht mehr zu ſehen. Er ſezte die Sporen tapfer ein und ſprengte weiter fort. Ein Weg gieng links von der Straße ab in den Wald hinein. Er erkannte an der friſchen Spur der Roßeshufe, daß ihn die Reuter eingeſchlagen hat¬ ten. Er folgte ihm daher auch. Als er aber eine große Strecke ſo fortgeritten war, theilten ſich auf einmal wieder drey Wege nach verſchiedenen Rich¬ tungen und keine Spur war weiter auf dem härte¬ ren Boden zu bemerken. Fluchend und lachend zu¬ gleich vor Ungeduld, blieb er nun hier eine Weile ſtillſtehen, wählte dann gelaſſener den Pfad, der ihm der anmuthigſte dünkte, und zog langſam weiter.

Der Wald wurde indeß immer dunkler und dichter, der Pfad enger und wilder. Er kam end¬ lich an einen dunkelgrünen, kühlen Platz, der rings von Felſen und hohen Bäumen umgeben war. Der einſame Ort gefiel ihm ſo wohl, daß er vom Pfer¬ de ſtieg, um hier etwas auszuruhen. Er ſtreichelte ihm den gebogenen Hals, zäumte es ab und ließ es frey weiden. Er ſelbſt legte ſich auf den Rü¬ cken und ſah dem Wolkenzuge zu. Die Sonne neig¬ te ſich ſchon und funkelte ſchräge durch die dunkeln Wipfeln, die ſich leiſerauſchend hin und her beweg¬ ten. Unzählige Waldvögel zwitſcherten in luſtiger Verwirrung durcheinander. Er war ſo müde, er konnte ſich nicht halten, die Augen ſanken ihm zu. Mitten im Schlummer kam es ihm manchmal vor, als höre er Hörner aus der Ferne. Er hörte den Klang oft ganz deutlich und näher, aber er konnte23 ſich nicht beſinnen und ſchlummerte immer wieder von neuem ein.

Als er endlich erwachte, erſchrack er nicht we¬ nig, da es ſchon finſtere Nacht und alles um ihn her ſtill und öde war. Er ſprang erſtaunt auf. Da hörte er über ſich auf dem Felſen zwey Männer¬ ſtimmen, die ganz in der Nähe ſchienen. Er rief ſie an, aber niemand gab Antwort und alles war auf einmal wieder ſtill. Nun nahm er ſein Pferd beym Zügel und ſetzte ſo ſeine Reiſe auf gut Glück weiter fort. Mit Mühe arbeitete er ſich durch die Rabennacht des Waldes hindurch und kam endlich auf einen weiten und freyen Bergrücken, der nur mit kleinem Geſträuch bewachſen war. Der Mond ſchien ſehr hell, und der plötzliche Anblick des freyen, gränzenloſen Himmels erfreute und ſtärkte recht ſein Herz. Die Ebne mußte ſehr hoch liegen, denn er ſah ringsumher eine dunkle Runde von Bergen unter ſich ruhen. Von der einen Seite kam der einförmige Schlag von Eiſenhämmern aus der Ferne herüber. Er nahm daher ſeine Richtung dorthin. Sein und ſeines Pferdes Schatten, wie er ſo fortſchritt, ſtrichen wie dunkle Rieſen über die Haide vor ihm her und das Pferd fuhr oft ſchnau¬ bend und ſträubig zuſammen. So, ſagte Frie¬ drich, deſſen Herz recht weit und vergnügt war, ſo muß vor vielen hundert Jahren den Rittern zu Muthe geweſen ſeyn, wenn ſie bey ſtiller, nächtli¬ cher Weile über dieſe Berge zogen und auf Ruhm und große Thaten ſannen. So voll adelicher Ge¬ danken und Geſinnungen mag mancher auf dieſe24 Wälder und Berge hinuntergeſehen haben, die noch immer daſtehen, wie damals. Was müh'n wir uns doch ab in unſeren beſten Jahren, lernen, polieren und feilen, um uns zu rechten Leuten zu machen, als furchteten oder ſchämten wir uns vor uns ſelbſt, und wollten uns daher hinter Geſchick¬ lichkeiten verbergen und zerſtreuen, anſtatt daß es darauf ankäme, ſich innerlichſt nur recht zuſammen¬ zunehmen zu hohen Entſchließungen und einem tu¬ gendhaften Wandel. Denn wahrhaftig, ein ruhi¬ ges, tapferes, tüchtiges und ritterliches Leben iſt jezt jedem Manne, wie damals, vonnöthen. Jedes Weltkind ſollte wenigſtens jeden Monat Eine Nacht im Freyen einſam durchwachen, um einmal ſeine eitlen Mühen und Künſte abzuſtreifen und ſich im Glauben zu ſtärken und zu erbauen. Wie bin ich ſo fröhlich und erquickt! Gebe mir Gott nur die Gnade, daß dieſer Arm einmal was Rech¬ tes in der Welt vollbringe!

Unter ſolchen Gedanken ſchritt er immer fort. Der Fußſteg hatte ſich indeß immer mehr und mehr geſenkt, und er erblickte endlich ein Licht, das aus dem Thale heraufſchimmerte. Er eilte darauf los und kam an eine elende, einſame Waldſchenke. Er ſah durch das kleine Fenſter in die Stube hinein. Da ſaß ein Haufen zerlumpter Kerls mit bärtigen Spitzbubengeſichtern um einen Tiſch und trank. In allen Winkeln ſtanden Gewehre angelehnt. An dem hellen Kaminfeuer, das einen gräßlichen Schein über den Menſchenklumpen warf, ſaß ein altes25 Weib gebückt, und zerrte, wie es ſchien, blutige Därme an den Flammen auseinander. Ein Grau¬ ſen überfiel den Grafen bey dem ſcheußlichen An¬ blick, er ſezte ſich raſch auf ſein Pferd und ſpreng¬ te querfeldein.

Das Rauſchen und Klappen einer Waſſermühle beſtimmte ſeine Richtung. Ein ungeheurer Hund empfieng ihn dort an dem Hofe der Mühle. Friedrich und ſein Pferd waren zu ermattet, um noch weiter zu reiſen. Er pochte daher an die Hausthüre. Eine rauhe Stimme antwortete von innen, bald darauf gieng die Thüre auf, und ein langer, hagerer Mann trat heraus. Er ſah Frie¬ drich'n, der ihn um Herberge bath, von oben bis unten an, nahm dann ſein Pferd und führte es ſtillſchweigend nach dem Stalle. Friedrich gieng nun in die Stube hinein. Ein Frauenzimmer ſtand drinnen und pickte Feuer. Er bemerkte bey den Blitzen der Funken ein junges und ſchönes Mäd¬ chengeſicht. Als ſie das Licht angezündet hatte, be¬ trachtete ſie den Grafen mit einem freudigen Er¬ ſtaunen, das ihr faſt den Athem zu verhalten ſchien. Darauf ergriff ſie das Licht und führte ihn, ohne ein Wort zu ſagen, die Stiege hinauf in ein geräumiges Zimmer mit mehreren Betten. Sie war barfuß und Friedrich bemerkte, als ſie ſo vor ihm hergieng, daß ſie nur im Hemde war und den Buſen faſt ganz bloß hatte. Er ärgerte ſich über die Frechheit bey ſolcher zarten Jugend. Als ſie oben in der Stube waren, blieb das Mädchen26 flehen und ſah den Grafen furchtſam an. Er hielt ſie für ein verliebtes Ding. Geh, ſagte er gut¬ müthig, geh ſchlafen, liebes Kind. Sie ſah ſich nach der Thüre um, dann wieder nach Frie¬ drich'n. Ach, Gott! ſagte ſie endlich, legte die Hand aufs Herz und gieng zaudernd fort. Frie¬ drich'n kam ihr Benehmen ſehr ſonderbar vor, denn es war ihm nicht entgangen, daß ſie beym Hinaus¬ gehen an allen Gliedern zitterte.

Mitternacht war ſchon vorbey. Friedrich war überwacht und von den verſchiedenen Begeg¬ niſſen viel zu ſehr aufgeregt, um ſchlafen zu kön¬ nen. Er ſetzte ſich an's offene Fenſter. Das Waſ¬ ſer rauſchte unten über ein Wehr. Der Mond blickte ſeltſam und unheimlich aus dunkeln Wolken, die ſchnell über den Himmel flogen. Er ſang:

Er reitet Nachts auf einem braunen Roß,
Er reitet vorüber an manchem Schloß:
Schlaf 'droben, mein Kind, bis der Tag erſcheint,
Die finſtre Nacht iſt des Menſchen Feind!
Er reitet vorüber an einem Teich,
Da ſtehet ein ſchönes Mädchen bleich
Und ſingt, ihr Hemdlein flattert im Wind,
Vorüber, vorüber, mir graut vor dem Kind!
Er reitet vorüber an einem Fluß,
Da ruft ihm der Waſſermann ſeinen Gruß,
Taucht wieder unter dann mit Geſaus,
Und ſtille wird's über dem kühlen Haus.
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Wann Tag und Nacht in verworrenem Streit,
Schon Hähne krähen in Dörfern weit,
Da ſchauert ſein Roß und wühlet hinab,
Scharret ihm ſchnaubend ſein eigenes Grab.

Er mochte ohngefähr eine Stunde ſo geſeſſen haben, als der große Hund unten im Hofe ein Paarmal anſchlug. Bald darauf kam es ihm vor, als hörte er drauſſen mehrere Stimmen. Er horch¬ te hinaus, aber alles war wieder ſtill. Eine Un¬ ruhe bemächtigte ſich ſeiner, er ſtand vom Fenſter auf, unterſuchte ſeine geladenen Taſchenpiſtolen und legte ſeinen Reiſeſäbel auf den Tiſch. In dieſem Augenblicke gieng auch die Thüre auf, und mehrere wilde Männer traten herein. Sie blieben erſchro¬ cken ſtehen, da ſie den Grafen wach fanden. Er erkannte ſogleich die fürchterlichen Geſichter aus der Waldſchenke und ſeinen Hauswirth, den langen Müller, mitten unter ihnen. Dieſer faßte ſich zu¬ erſt und drückte unverſehens eine Piſtol nach ihm ab. Die Kugel prellte neben ſeinem Kopfe an die Mauer. Falſch gezielt, heimtükiſcher Hund! ſchrie der Graf auſſer ſich vor Zorn und ſchoß den Kerl durch's Hirn. Darauf ergriff er ſeinen Säbel, ſtürzte ſich in den Haufen hinein und warf die Räuber, rechts und links mit in die Augen gedrück¬ tem Hute um ſich herumhauend, die Stiege hinun¬ ter. Mitten in dem Gemetzel glaubte er das ſchö¬ ne Müllermädchen wieder zu ſehen. Sie hatte ſel¬ ber ein Schwerdt in der Hand, mit dem ſie ſich hochherzig, den Grafen vertheidigend, zwiſchen die Verräther warf. Unten an der Stiege endlich, da28 alles, was noch laufen konnte, Reißaus genommen hatte, ſank er, von vielen Wunden und Blutverlu¬ ſte ermattet, ohne Bewußtſeyn nieder.

Drittes Kapitel.

Als Friedrich wieder das erſtemal die Augen aufſchlug und mit geſunden Sinnen in der Welt umherſchauen konnte, erblickte er ſich in einem un¬ bekannten, ſchönen und reichen Zimmer. Die Mor¬ genſonne ſchien auf die ſeidenen Vorhänge ſeines Bettes; ſein Kopf war verbunden. Zu den Füßen des Bettes kniete ein ſchöner Knabe, der den Kopf auf beyde Arme an das Bett gelehnt hatte und ſchlief.

Friedrich wußte ſich in dieſe Verwandlungen nicht zu finden. Er ſann nach, was mit ihm vor¬ gegangen war. Aber nur die fürchterliche Nacht in der Waldmühle mit ihren Mordgeſichtern ſtand leb¬ haft vor ihm, alles übrige ſchien wie ein ſchwerer Traum. Verſchiedene fremde Geſtalten aus dieſer lezten Zeit waren ihm wohl dunkel erinnerlich, aber er konnte keine unterſcheiden. Nur eine einzige un¬ gewiſſe Vorſtellung blieb ihm lieblich getreu. Es war ihm nemlich immer vorgekommen, als hätte ſich ein wunderſchönes Engelsbild über ihn geneigt, ſo daß ihn die langen, reichen Locken rings umga¬29 gaben, und die Worte, die es ſprach, flogen wie Muſik über ihn weg.

Da er ſich nun recht leicht und neugeſtärkt ſpürte, ſtieg er aus dem Bette und trat ans Fen¬ ſter. Er ſah da, daß er ſich in einem großen Schloſſe befand. Unten lag ein ſchöner Garten; alles war noch ſtill, nur Vögel flatterten auf den einſamen, kühlen Gängen, der Morgen war über¬ aus heiter.

Der Knabe an dem Bette war indeß auch auf¬ gewacht. Gott ſey Dank! rief er aus Herzens¬ grunde, als er die Augen aufſchlug und den Gra¬ fen aufgeſtanden und munter erblickte. Friedrich glaubte, ſein Geſicht zu kennen, doch konnte er ſich durchaus nicht beſinnen, wo er es geſehen hatte. Wo bin ich? fragte er endlich erſtaunt. Gott ſey Dank! wiederholte der Knabe nur, und ſah ihn mit ſeinen großen, fröhlichen Augen noch immer un¬ verwandt an, als könnte er ſich gar nicht in die Freude finden, ihn wirklich wieder hergeſtellt zu ſehen. Friedrich drang nun in ihn, ihm den Zuſammen¬ hang dieſer ganzen ſeltſamen Begebenheit zu ent¬ wirren. Der Knabe beſann ſich einen Augenblick und erzählte dann: Geſtern früh, da ich eben in den Wald gieng, ſah ich Dich blutig und ohne Le¬ ben am Wege liegen. Das Blut floß über den Kopf, ich verband die Wunde mit meinem Tuche ſo gut ich konnte. Aber das Blut drang durch und floß immerfort, und ich verſuchte alles vergebens, um es zu ſtillen. Ich lief und rief nun in meiner30 Angſt rings im Walde umher und betete und wein¬ te dann wieder dazwiſchen, da ich mir gar nicht mehr zu helfen wußte. Da kam auf einmal ein Wagen die Straße gefahren. Eine Dame erblickte uns aus demſelben und ließ ſogleich ſtillhalten. Die Bedienten verbanden die Wunde ſehr geſchickt. Die Dame ſchien ſehr verwundert und erſchrocken über den Umſtand. Darauf nahm ſie uns beyde mit in den Wagen und führte uns hierher auf ihr Schloß. Die Gräfinn hat beynahe die ganze Nacht hindurch hier am Bette gewacht. Friedrich dachte an das Engelsbild, das ſich wie im Traume über ſein Geſicht geneigt hatte, und war noch ver¬ wirrter, als vorher. Aber wer biſt denn Du? fragte er darauf den Knaben wieder. Ich habe keine Aeltern mehr, anwortete dieſer, und ſchlug verwirrt die Augen nieder, ich gieng eben über Land, um Dienſte zu ſuchen. Friedrich faßte den Furchtſamen bey beyden Händen: willſt du bey mir bleiben? Ewig, mein Herr! ſagte der Knabe mit auffallender Heftigkeit.

Friedrich kleidete ſich nun völlig an und ver¬ ließ ſeine Stube, um ſich hier umzuſehen und über ſein Verhältniß in dieſem Schloſſe auf irgend eine Art Gewißheit zu erlangen. Er erſtaunte über das Altfränkiſche der Bauart und der Einrichtung. Die Gänge waren gewölbt, die Fenſter in der dicken, dunkeln Mauer alle oben in einen Bogen zugeſpizt und mit kleinen, runden Scheiben verſehen. Wun¬ derſchöne Bilder von Glas füllten oben die Fenſter¬31 bogen, die von der Morgenſonne in den bunteſten Farben brannten. Alles im ganzen Hauſe war ſtill. Er ſah zum Fenſter hinaus. Das alte Schloß ſtand von dieſer Seite an dem Abhange eines hohen Berges, der, ſo wie das Thal, unten mit Schwarz¬ wald bedeckt war, aus welchem die Klänge einſa¬ mer Holzhauer heraufſchallten. Gleich am Fenſter über der ſchwindlichten Tiefe war ein Ritter, der ſein Schwerdt in den gefalteten Händen hielt, in Rieſengröße, wie der ſteinerne Roland, in die Mauer gehauen. Friedrich glaubte jeden Augen¬ blick, das Burgfräulein, den hohen Spitzenkragen um daß ſchöne Geſicht, werde in einem der Gänge heraufkommen. In der ſonderbarſten Laune gieng er nun die Stiege hinab und über eine Zugbrücke in den Garten hinaus.

Hier ſtanden auf einem weiten Platze die ſon¬ derbarſten, fremden Blumenarten in phantaſtiſchem Schmucke. Künſtliche Brunnen ſprangen, im Mor¬ genſcheine funkelnd, kühle hin und wieder. Da¬ zwiſchen ſah man Pfauen in der Grüne weiden und ſtolz ihre tauſendfarbigen Räder ſchlagen. Im Hintergrunde ſaß ein Storch auf einem Beine und ſah melankoliſch in die weite Gegend hinaus. Als ſich Friedrich an dem Anblicke, den der friſche Morgen prächtig machte, ſo ergözte, erblickte er in einiger Entfernung vor ſich einen Mann, der hin¬ ter einem Spaliere an einem Tiſchchen ſaß, das voll Papiere lag. Er ſchrieb, blickte manchmal in die Gegend hinaus, und ſchrieb dann wieder emſig32 fort. Friedrich wollte ausweichen, um ihn nicht zu ſtören, aber es war nur der einzige Weg und der Unbekannte hatte ihn auch ſchon erblickt. Er gieng daher auf ihn zu und grüßte ihn. Der Schreiber mochte eine lange Unterhaltung befürch¬ ten. Ich kenne Sie wahrhaftig nicht, ſagte er halb ärgerlich, halb lachend, aber wenn Sie ſelbſt Alexander der Große wären, ſo müßt 'ich Sie für jezt nur bitten, mir aus der Sonne zu gehen. Friedrich verwunderte ſich höchlichſt über dieſen unhöflichen Diogenes und ließ den wunderlichen Ge¬ ſellen ſitzen, der ſogleich wieder anfieng zu ſchrei¬ ben.

Er kam nun an den Ausgang des Gartens, an den ein luſtiges Wäldchen von Laubholz ſtieß. An dem Saume des Waldes ſtand ein Jägerhaus, das ringsum mit Hirſchgeweihen ausgeziert war. Auf einer kleinen Wieſe, welche vor dem Hauſe mitten zwiſchen dem Walde lag, ſaß ein ſchönes, kaum fünfzehnjähriges Mädchen auf einen, wie es ſchien, ſo eben erlegtem Rehe, ſtreichelte das todte Thierchen und ſang:

Wär 'ich ein muntres Hirſchlein ſchlank,
Wollt' ich im grünen Walde geh'n,
Spazieren geh'n bey Hörnerklang,
Nach meinem Liebſten mich umſeh'n.

Ein junger Jäger, der ſeitwärts an einem Baume gelehnt ſtand und ihren Geſang mit dem Waldhorne begleitete, antwortete ihr ſogleich nach derſelben Melodie:

Nach33
Nach meiner Liebſten mich umſeh'n
Thu 'ich wohl, zieh' ich früh von hier,
Doch Sie mag niemals zu mir geh'n
Im dunkelgrünen Waldrevier.

Sie ſang weiter:

Im dunkelgrünen Waldrevier,
Da blizt der Liebſte roſenroth,
Gefällt ſo ſehr dem armen Thier,
Das Hirſchlein wünſcht, es läge todt.

Der Jäger antwortete wieder:

Und wär 'das ſchöne Hirſchlein todt,
So möcht' ich länger jagen nicht;
Scheint über'n Wald der Morgenroth:
Hüt ', ſchönes Hirſchlein, hüte dich!

Sie.

Hüt 'ſchönes Hirſchlein, hüte dich!
Spricht's Hirſchlein ſelbſt in ſeinem Sinn,
Wie ſoll ich, ſoll ich hüten mich,
Wenn ich ſo ſehr verliebet bin?

Er.

Weil ich ſo ſehr verliebet bin,
Wollt 'ich das Hirſchlein, ſchön und wild,
Aufſuchen tief im Walde d'rinn
Und ſtreicheln, bis es ſtille hielt.

Sie.

Ja, ſtreicheln bis es ſtille hielt,
Falſch locken ſo in Stall und Haus!
Zum Wald ſpringt's Hirſchlein frey und wild
Und lacht verliebte Narren aus.
334

Hiebey ſprang ſie von ihrem Rehe auf, denn Pferde, Hunde, Jäger und Waldhornsklänge ſtürzten auf einmal mit einem verworrenen Getöſe, aus dem Walde heraus und verbreiteten ſich bunt über die Wieſe. Ein ſehr ſchöner, junger Mann in Jägerkleidung, und das Halstuch in einer un¬ ordentlichen Schleife herabhängend, ſchwang ſich vom Pferde und eine Menge großer Hunde ſpran¬ gen von allen Seiten freundlich an ihm herauf. Friedrich erſtaunte beym erſten Blick über die große Aehnlichkeit, die derſelbe mit einem älteren Bruder hatte, den er ſeit ſeiner Kindheit nicht mehr geſehen, nur daß der Unbekannte hier friſcher und freudiger anzuſehen war. Dieſer kam ſogleich auf ihn zu. Es freut mich, ſagte er, Sie ſo munter wieder zu finden. Meine Schweſter hat Sie unterwegs in einem ſchlimmen Zuſtande getrof¬ fen und geſtern Abends zu mir auf mein Schloß gebracht. Sie iſt heute noch vor Tagesanbruch wie¬ der fort. Laſſen Sie es ſich bey uns gefallen, Sie werden luſtige Leute finden. Während ihm nun Friedrich eben noch für ſeine Güte dankte, brach¬ te auf einmal der Wind aus dem Garten oben mehrere Blätter Papier, die hoch über ihre Köpfe weg nach einem nahe gelegenen Waſſer zuflatterten. Hinterdrein hörte man von oben eine Stimme: halt, halt, halt auf! rufen, und der Menſch, den Friedrich im Garten ſchreibend angetroffen hatte, kam eilends nachgelaufen. Leontin, ſo hieß der junge Graf, dem dieſes Schloß gehörte, legte ſchnell ſeine Büchſe an und ſchoß das unbändige35 Papier aus der Luft herab. Das iſt doch dumm, ſagte der Nachſetzende, der unterdeß athemlos an¬ gelangt war, da er die Blätter, auf welche Verſe geſchrieben waren, von den Schroten ganz durch¬ löchert erblickte. Das ſchöne Mädchen, das vorher auf der Wieſe geſungen hatte, ſtand hinter ihm und kikkerte. Er drehte ſich geſchwind herum und woll¬ te ſie küſſen, aber ſie entſprang in das Jägerhaus und guckte lachend hinter der halbgeöffneten Thüre hervor. Das iſt der Dichter Faber, ſagte Leontin, dem Grafen den Nachſetzenden vorſtellend. Friedrich erſchrack recht über den Nahmen. Er hatte viel von Faber geleſen; manches hatte ihm gar nicht gefallen, vieles andere aber wieder ſo ergriffen, daß er oft nicht begreifen konnte, wie derſelbe Menſch ſo etwas Schönes erfinden könne. Und nun, da der wunderbare Menſch leibhaftig vor ihm ſtand, betrachtete er ihn mit allen Sinnen, als wollte er alle die Gedichte von ihm, die ihm am beſten gefallen, in ſeinem Geſichte ableſen. Aber da war keine Spur davon zu finden.

Friedrich hatte ſich ihn ganz anders vorge¬ ſtellt, und hätte viel darum gegeben, wenn es Leontin geweſen wäre, bey deſſen lebendigem, erquicklichen Weſen ihm das Herz aufgieng. Herr Faber erzählte nun lachend, wie ihn Friedrich in ſeiner Werkſtatt überraſcht habe. Da ſind Sie ſchön angekommen, ſagte Leontin zu Frie¬ drich'n, denn da ſizt Herr Faber wie die Löwinn3 *36über ihren Jungen, und ſchlägt grimmig um ſich. So ſollte jeder Dichter dichten, meynte Frie¬ drich, am frühen Morgen, unter freyem Himmel, in einer ſchönen Gegend. Da iſt die Seele rüſtig, und ſo wie dann die Bäume rauſchen, die Vögel ſingen und der Jäger vor Luſt in ſein Horn ſtößt, ſo muß der Dichter dichten. Sie ſind ein Natu¬ raliſt in der Poeſie, entgegnete Faber mit einer etwas zweydeutigen Miene. Ich wünſchte, fiel ihm Leontin ins Wort, Sie ritten lieber alle Morgen mit mir auf die Jagd, lieber Faber. Der Morgen glüht Sie wie eine reizende Geliebte an, und Sie klecken ihr mit Dinte in das ſchöne Geſicht. Faber lachte, zog eine kleine Flöte her¬ vor und fieng an darauf zu blaſen. Friedrich fand ihn in dieſem Augenblicke ſehr liebenswürdig.

Leontin trug dem Grafen an, mit ihm zu ſeiner Schweſter hinüberzureiten, wenn er ſich ſchon ſtark genug dazu fühlte. Friedrich willigte mit Freuden ein, und bald darauf ſaßen beyde zu Pfer¬ de. Die Gegend war ſehr heiter. Sie ritten eben über einen weiten grünen Anger. Friedrich fühl¬ te ſich bey dem ſchönen Morgen recht in allen Sin¬ nen geneſen, und freute ſich über den anmuthigen Leontin, wie das Pferd unter ihm mit geboge¬ nem Halſe über die Ebne hintanzte. Meine Schwe¬ ſter, ſagte Leontin unterweges, und ſah den Gra¬ fen mit verſtecktem Lachen immerfort an, meine Schweſter iſt viel älter als ich, und, ich muß es nur im Voraus ſagen, recht häßlich. So! ſagte37 Friedrich, langſam und gedehnt, denn er hatte heimlich andere Erwartungen und Hoffnungen ge¬ hegt. Er ſchwieg darauf ſtill; Leontin lachte und pfiff ein luſtiges Liedchen. Endlich ſah man ein ſchönes, neues Schloß ſich aus einem großen Park luftig erheben. Es war das Schloß von Leontins Schweſter.

Sie ſtiegen unten am Eingange des Parkes ab und giengen zu Fuß hinauf. Der Garten war ganz im neueſten Geſchmacke angelegt. Kleine, ſich ſchlängelnde Gänge, dichte Gebüſche von[ausländi¬ ſchen] Sträuchern, dazwiſchen leichte Brücken von weiſſem Birkenholze luftig geſchwungen, waren recht artig anzuſchauen. Zwiſchen mehreren ſchlan¬ ken Säulen traten ſie in das Schloß. Es war ein großes, gemahltes Zimmer mit hellglänzendem Fu߬ boden; ein kryſtallener Luſter hieng an der Decke und Ottomannen von reichen Stoffen ſtanden an den Wänden umher. Durch die hohe Glasthüre überſah man den Garten. Niemand, da es noch früh, war in der ganzen Reihe von prachtvollen Gemächern, die ſich an dieſes anſchloſſen, zu ſehen. Die Mor¬ genſonne, die durch die Glasthüre ſchien, erfüllte das ſchöne Zimmer mit einem geheimnißvollen Hell¬ dunkel und beleuchtete eben eine Guitarre, die in der Mitte auf einem Tiſchchen lag. Leontin nahm dieſelbe und begab ſich damit wieder hinaus. Friedrich blieb in der Thür ſtehen, während Leontin ſich draußen unter die Fenſter ſtellte, in die Saiten griff und ſang:

38
Frühmorgens durch die Winde kühl
Zwey Ritter hergeritten ſind,
Im Garten klingt ihr Saitenſpiel,
Wach 'auf, wach' auf, mein ſchönes Kind!
Ringsum viel 'Schlöſſer ſchimmernd ſteh'n,
So ſilbern geht der Ströme Lauf,
Hoch, weit rings Lerchenlieder weh'n,
Schließ' Fenſter, Herz und Aeuglein auf!

Friedrich war gar nicht begierig, die alte Schöne kennen zu lernen, und blieb ruhig in der Thüre ſtehen. Da hörte er oben ein Fenſter ſich öffnen. Guten Morgen, lieber Bruder! ſagte eine liebliche Stimme. Leontin ſang:

So wie du biſt, verſchlafen heiß,
Laß allen Putz und Zier zu Haus,
Tritt nur herfür im Hemdlein weiß,
Siehſt ſo gar ſchön verliebet aus.

Wenn du ſo garſtig ſingſt, ſagte oben die lieb¬ liche Stimme, ſo leg 'ich mich gleich wieder ſchlafen. Friedrich erblickte einen ſchneeweißen, vollen Arm im Fenſter und Leontin ſang wieder:

Ich hab 'einen Fremden wohl bey mir,
Der lauert unten auf der Wacht,
Der bittet ſchön dich um Quartier,
Verſchlafnes Kind, nimm dich in Acht!

Friedrich trat nun aus ſeinem Hinterhalte hervor und ſah mit Erſtaunen ſeine Roſa im Fenſter. Sie war in einem leichten Nachtkleide und dehnte ſich eben mit aufgehobenen Armen in den friſchen Morgen hinaus. Als ſie ſo unverhofft39 Friedrich'n erblickte, ließ ſie mit einem Schrey die Arme ſinken, ſchlug das Fenſter zu und war verſchwunden.

Leontin gieng nun fort, um ein neues Pferd der Schweſter im Hofe herumzutummeln und Friedrich blieb allein im Garten zurück.

Bald darauf kam die Gräfin Roſa in einem weißen Morgenkleide herab. Sie hieß den Grafen mit einer Schaam willkommen, die ihr unwiderſteh¬ lich ſchön ſtand. Lange, dunkle Locken fielen zu beyden Seiten bis auf die Schultern und den blen¬ dendweißen Buſen hinab. Die ſchönſte Reihe von Zähnen ſah man manchmal zwiſchen den vollen ro¬ then Lippen hervorſchimmern. Sie athmete noch warm von der Nacht; es war die prächtigſte Schönheit, die Friedrich jemals geſehen hatte. Sie giengen nebeneinander in den Garten hinein. Der Morgen blizte herrlich über die ganze Gegend, aus allen Zweigen jubelten unzählige Vögel. Sie ſezten ſich in einer dichten Laube auf eine Raſen¬ bank. Friedrich dankte ihr für ihr hülfreiches Mitleid und ſprach dann von ſeiner ſchönen Donau - Reiſe. Die Gräfin ſaß, während er davon erzähl¬ te, beſchämt und ſtill, hatte die langen Augen¬ wimper niedergeſchlagen, und wagte kaum zu ath¬ men. Als er endlich auch ſeiner Wunde erwähnte, ſchlug ſie auf einmal die großen ſchönen Augen auf, um die Wunde zu betrachten. Ihre Augen, Locken und Buſen kamen ihm dabey ſo nahe, daß ſich ihre Lippen faſt berührten. Er küßte ſie auf den rothen40 Mund und ſie gab ihm den Kuß wieder. Da nahm er ſie in beyde Arme und küßte ſie unzähligemal und alle Freuden der Welt verwirrten ſich in dieſen einen Augenblick, der niemals zum zweytenmale wiederkehrt. Roſa machte ſich endlich los, ſprang auf und lief nach dem Schloſſe zu. Leontin kam ihr eben von der anderen Seite entgegen, ſie rann¬ te in der Verwirrung gerade in ſeine ausgebreiteten Arme hinein. Er gab ihr ſchnell einen Kuß und kam zu Friedrich'n, um mit ihm wieder nach Hauſe zu reiten.

Als Friedrich wieder drauſſen im Freyen zu Pferde ſaß, beſann er ſich erſt recht auf ſein gan¬ zes Glück. Mit unbeſchreiblichem Entzücken betrach¬ tete er Himmel und Erde, die im reichſten Mor¬ genſchmucke vor ihm lagen. Sie iſt mein! rief er immerfort ſtill in ſich, ſie iſt mein! Leontin wie¬ derholte lachend die Beſchreibung von der Häßlich¬ keit ſeiner Schweſter, die er vorhin beym Herritt dem Grafen gemacht hatte, jagte dann weit vor¬ aus, ſezte mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und Kühnheit über Zäune und Gräben und trieb allerley Schwänke.

Als ſie bey Leontins Schloſſe ankamen, hör¬ ten ſie ſchon von ferne ein unbegreifliches, verwor¬ renes Getös. Ein Waldhorn raßte in den unbän¬ digſten, falſcheſten Tönen, dazwiſchen hörte man ei¬ ne Stimme, die unaufhörlich fortſchimpfte. Da hat gewiß wieder Faber was angeſtellt, ſagte Leon¬ tin. Und es fand ſich wirklich ſo. Herr Faber47 hatte ſich nemlich in ihrer Abweſenheit niedergeſezt, um ein Waldhornecho zu dichten. Zum Unglück fiel es zu gleicher Zeit einem von Leontins Jägern ein, nicht weit davon wirklich auf dem Waldhorn zu blaſen. Faber ſtörte die nahe Muſik, er rief daher ungeduldig dem Jäger zu, ſtille zu ſeyn. Dieſer aber, der ſich, wie faſt alle Leute Leon¬ tins, über Herrn Faber von jeher ärgerte, weil er immer mit der Feder hinter'm Ohr ſo erbärmlich ausſah, gehorchte nicht. Da ſprang Faber auf und überhäufte ihn mit Schimpfreden. Der Jäger, um ihn zu übertäuben, ſchüttelte nun ſtatt allen Antwort einen ganzen Schwall von verworrenen und falſchen Tönen aus ſeinem Horne, während Fa¬ ber, im Geſichte überroth vor Zorn, vor ihm ſtand und geſtikulirte. Als der Jäger jezt ſeinen Herrn erblickte, endigte er ſeinen Spaß und gieng fort. Faber'n aber hatte indeß, ſo boshaft er auch aus¬ ſah, ſchon längſt der Zorn verlaſſen; denn es wa¬ ren ihm mitten in der Wuth eine Menge witziger Schimpfwörter und komiſcher Grobheiten in den Sinn gekommen, und er ſchimpfte tapfer fort, ohne mehr an den Jäger zu denken, und brach end¬ lich in ein lautes Gelächter aus, in das Leontin und Friedrich von Herzen mit einſtimmten.

Am Abend ſaſſen Leontin, Friedrich und Faber zuſammen an einem Feldtiſche auf der Wie¬ ſe am Jägerhauſe und aßen und tranken. Das Abendroth ſchaute glühend durch die Wipfel des Tannenwaldes, welcher die Wieſe ringsumher ein¬42 ſchloß. Der Wein erweiterte ihre Herzen und ſie waren alle drey wie alte Bekannte mit einander. Das iſt wohl ein rechtes Dichterleben, Herr Fa¬ ber, ſagte Friedrich vergnügt. Immer doch, hub Faber ziemlich pathetiſch an, höre ich das Leben und Dichten verwechſeln. Aber, aber, be¬ ſter Herr Faber, fiel ihm Leontin ſchnell ins Wort, dem jeder ernſthafte Diſkurs über Poeſie die Bruſt zuſammenſchnürte, weil er ſelber nie ein Urtheil hatte. Er pflegte daher immer mit Witzen, Radottements, dazwiſchen zu fahren, und fuhr auch jezt, geſchwind unterbrechend, fort: ihr verwechſelt mit euren Wortwechſeleyen alles ſo, daß man am Ende ſeiner ſelbſt nicht ſicher bleibt. Glaubte ich doch einmal in allem Ernſte, ich ſey die Weltſeele, und wußte vor lauter Welt nicht, ob ich eine See¬ le hatte oder umgekehrt. Das Leben aber, mein beſter Herr Faber, mit ſeinen bunten Bildern, verhält ſich zum Dichter, wie ein unüberſehbar weitläufiges Hyerogliphenbuch von einer unbekannten, lange untergegangenen Urſprache zum Leſer. Da ſitzen von Ewigkeit zu Ewigkeit die redlichſten, gut¬ müthigſten Weltnarren, die Dichter, und leſen und leſen. Aber die alten, wunderbaren Worte der Zeichen ſind unbekannt und der Wind weht die Blät¬ ter des großen Buches ſo ſchnell und verworren durcheinander, daß einem die Augen übergeh'n. Friedrich ſah Leontin groß an, es war etwas in ſeinen Worten, das ihn ernſthaft machte. Fa¬ ber aber, dem Leontin zu ſchnell geſprochen zu haben ſchien, ſpann gelaſſen ſeinen vorigen Diſkurs43 wieder an: Ihr haltet das Dichten für eine gar ſo leichte Sache, weil es flüchtig aus der Feder fließt, aber keiner bedenkt, wie das Kind, vielleicht vor vie¬ len Jahren ſchon in Luſt empfangen, dann wie in Mutterleibe mit Freuden und Schmerzen ernährt und gebildet wird, ehe es aus ſeinem ſtillen Hauſe das fröhliche Licht des Tages begrüßt. Das iſt ein langweiliges Kind, unterbrach ihn Leontin munter, wäre ich ſo eine ſchwangere Frau, als Sie da ſagen, da lacht 'ich mich gewiß, wie Philine, vor dem Spiegel über mich ſelber zu Tode, eh' ich mit dem erſten Verſe niederkäme. Hier erblickte er ein Paket Papiere, das aus Fabers Rocktaſche hervorragte; eines davon war: an die Deut¬ ſchen, überſchrieben. Er bat ihn, es ihnen vor¬ zuleſen. Faber zog es heraus und las es. Das Gedicht enthielt die Herausforderung eines bis zum Tode verwundeten Ritters an alle Feinde der deut¬ ſchen Ehre. Leontin ſowohl als Friedrich er¬ ſtaunten über die Gediegenheit und männliche Tiefe der Romanze und fühlten ſich wahrhaft erbaut. Wer ſollte es glauben, ſagte Leontin, daß Herr Faber dieſe Romanze zu eben der Zeit verfertiget hat, als er Reißaus nahm, um nicht mit gegen die Franzoſen zu Felde zieh'n zu dürfen. Faber nahm darauf ein anderes Blatt zur Hand und las ihnen ein Gedicht vor, in welchem er ſich ſelber mit höchſt komiſcher Laune in dieſem ſeinen feigherzigen Widerſpruche darſtellte, worin aber mitten durch die luſtigen Scherze ein tiefer Ernſt wie mit gro¬ ßen, frommen Augen ruhend und ergreifend hin¬44 durchſchaute. Friedrich'n gieng jeder Vers die¬ ſes Gedichtes ſchneidend durch's Herz. Jezt wurde es ihm auf einmal klar, warum ihm ſo viele Stel¬ len und Einrichtungen in Fabers Schriften durch¬ aus fremd blieben und mißfielen.

Dem einen iſt zu thun, zu ſchreiben mir gegeben,

ſagte Faber, als er ausgeleſen hatte. Poetiſch ſeyn und Poet ſeyn, fuhr er fort, das ſind zwey ſehr verſchiedene Dinge, man mag dagegen ſagen, was man will. Bey dem lezteren iſt, wie ſelbſt unſer großer Meiſter Göthe eingeſteht, immer et¬ was Taſchenſpielerey, Seiltänzerey u. ſ. w. mit im Spiele. Das iſt nicht ſo, ſagte Friedrich ernſt und ſicher, und wäre es, ſo möchte ich niemals dichten. Wie wollt ihr, daß die Menſchen eure Werke hochachten, ſich daran erquicken und erbauen ſollen, wenn ihr euch ſelber nicht glaubt, was ihr ſchreibt und durch ſchöne Worte und künſtliche Ge¬ danken Gott und Menſchen zu überliſten trachtet? Das iſt ein eitles, nichtsnutziges Spiel, und es hilft euch doch nichts, denn es iſt nichts groß, als was aus einem einfältigen Herzen kommt. Das heißt recht dem Teufel der Gemeinheit, der immer in der Menge wach und auf der Lauer iſt, den Dolch ſelbſt in die Hand geben gegen die göttliche Poeſie. Wo ſoll die rechte, ſchlichte Sitte, das treue Thun, das ſchöne Lieben, die deutſche Ehre und alle die alte herrliche Schönheit ſich hinflüchten, wenn es ihre angebohrnen Ritter, die Dichter, nicht wahr¬45 haft ehrlich, aufrichtig und ritterlich mit ihr mey¬ nen? Bis in den Tod verhaßt ſind mir beſonders jene ewigen Klagen, die mit weinerlichen Sonetten die alte ſchöne Zeit zurückwinſeln wollen, und, wie ein Strohfeuer, weder die Schlechten verbrennen, noch die Guten erleuchten und erwärmen. Denn wie wenigen möchte doch das Herz zerſpringen, wenn alles ſo dumm geht, und habe ich nicht den Muth, beſſer zu ſeyn, als meine Zeit, ſo mag ich zerknirſcht das Schimpfen laſſen, denn keine Zeit iſt durchaus ſchlecht. Die heiligen Märtyrer, wie ſie, laut ihren Erlöſer bekennend, mit aufgehobenen Ar¬ men in die Todesflammen ſprangen das ſind des Dichters ächte Brüder und er ſoll eben ſo fürſtlich denken von ſich, denn ſo wie ſie den ewigen Geiſt Gottes auf Erden durch Thaten ausdrückten, ſo ſoll er ihn aufrichtig in einer verwitterten, feindſeligen Zeit durch rechte Worte und göttliche Erfindungen verkünden und verherrlichen. Die Menge, nur auf weltliche Dinge erpicht, zerſtreut und träge, ſizt gebückt und blind drauſſen im warmen Sonnenſchei¬ ne und langt rührend nach dem ewigen Lichte, das ſie niemals erblickt. Der Dichter hat einſam die ſchönen Augen offen; mit Demuth und Freudigkeit betrachtet er, ſelber erſtaunt, Himmel und Erde, und das Herz geht ihm auf bey der überſchwengli¬ chen Ausſicht, und ſo beſingt er die Welt, die, wie Memnons Bild, voll ſtummer Bedeutung, nur dann durch und durch erklingt wenn ſie die Aurora eines dichteriſchen Gemüthes mit ihren verwandten Strahlen berührt. Leontin fiel hier dem Gra¬46 fen freudig um den Hals. Schön, beſonders zulezt ſehr ſchön geſagt, ſagte Faber, und drückte ihm herzlich die Hand. Sie meynen es doch alle beyde nicht ſo, wie ich, fühlte und dachte Friedrich betrübt.

Es war unterdeß ſchon dunkel geworden und der Abendſtern funkelte vom heiteren Himmel über den Wald herüber. Da wurde ihr Geſpräch auf eine luſtige Art unterbrochen. Die kleine Marie, die am Morgen mit dem Jäger auf der Wieſe ge¬ ſungen, hatte ſich nemlich als Jägerburſche angezo¬ gen. Die Jäger jagten ſie auf der Wieſe herum, ſie ließ ſich aber nicht erhaſchen, weil ſie, wie ſie ſagte, nach Tabaksrauch röchen. Wie ein geſcheuch¬ tes Reh kam ſie endlich an dem Tiſche vorüber. Leontin fieng ſie auf und ſezte ſie vor ſich auf ſeinen Schooß. Er ſtrich ihr die Haare aus den munteren Augen und gab ihr aus ſeinem Glaſe zu trinken. Sie trank viel und wurde bald ungewöhn¬ lich beredt, daß ſich alle über ihre liebenswürdige Lebhaftigkeit erfreuten. Leontin fieng an, von ihrer Schlafkammer zu ſprechen und andere leicht¬ fertige Reden vorzubringen, und als er ſie endlich auch küßte, umklammerte ſie mit beyden Armen heftig ſeinen Hals. Friedrich'n ſchmerzte das ganze loſe Spiel, ſo ſehr es auch Faber'n gefiel, und er ſprach laut von Verführen. Marie hüpf¬ te von Leontins Schooß, wünſchte allen mit ver¬ ſchmizten Augen eine gute Nacht und ſprang fort ins Jägerhaus. Leontin reichte Friedrich'n47 lächelnd die Hand und alle drey ſchieden von einan¬ der, um ſich zur Ruhe zu begeben. Faber ſagte im Weggehen: ſeine Seele ſey heut ſo wach, daß er noch tief in die Nacht hinein an einem angefan¬ genen, großen Gedichte fortarbeiten wolle.

Als Friedrich in ſein Schlafzimmer kam, ſtellte er ſich noch eine Weile ans offene Fenſter. Von der andern Seite des Schloſſes ſchimmerte aus Fabers Zimmer ein einſames Licht in die ſtille Gegend hinaus. Fabers Fleiß rührte den Grafen, und er kam ihm in dieſem Augenblicke als ein höheres Weſen vor. Es iſt wohl groß, ſagte er, ſo mit göttlichen Gedanken über dem weiten, ſtillen Kreis der Erde zu ſchweben. Wache, ſinne und bilde nur fleiſſig fort, fröhliche Seele, wenn alle die anderen Menſchen ſchlafen! Gott iſt mit dir in deiner Einſamkeit und Er weiß es allein, was ein Dichter treulich will, wenn auch kein Menſch ſich um dich bekümmert. Der Mond ſtand eben über dem alterthümlichen Thurme des Schloſ¬ ſes, unten lag der ſchwarze Waldgrund in ſtum¬ mer Ruhe. Die Fenſter giengen nach der Gegend hinaus, wo die Gräfin Roſa hinter dem Walde wohnte. Friedrich hatte Leontins Guitarre mit hinaufgenommen. Er nahm ſie in den Arm und ſang:

Die Welt ruht ſtill im Hafen,
Mein Liebchen, gute Nacht!
Wann Wald und Berge ſchlafen,
Treu 'Liebe einſam wacht.
48
Ich bin ſo wach und luſtig,
Die Seele iſt ſo licht,
Und eh 'ich liebt', da wußt 'ich
Von ſolcher Freude nicht.
Ich fühl 'mich ſo befreyet
Von eitlem Trieb und Streit,
Nichts mehr das Herz zerſtreuet
In ſeiner Fröhlichkeit.
Mir iſt, als müßt 'ich ſingen
So recht aus tiefſter Luſt
Von wunderbaren Dingen,
Was niemand ſonſt bewußt.
O könnt 'ich alles ſagen!
O wär' ich recht geſchickt!
So muß ich ſtill ertragen,
Was mich ſo hoch beglückt.

Viertes Kapitel.

Friedrich gab Leontins Bitten, noch län¬ ger auf ſeinem Schloſſe zu verweilen, gern nach. Leontin hatte nach ſeiner raſchen, fröhlichen Art bald eine wahre Freundſchaft zu ihm gefaßt, und ſie verabredeten miteinander, einen Streifzug durch das nahe Gebirge zu machen, das manches Sehens¬ werthe enthielt. Die Ausführung dieſes Planes blieb indeß von Tage zu Tage verſchoben. Bald war das Wetter zu nebligt, bald waren die Pferdenicht49nicht zu entbehren oder ſonſt etwas Nothwendiges zu verrichten, und ſie mußten ſich am Ende ſelber eingeſtehen, daß es ihnen beyden eigentlich ſchwer fiel, ſich, auch nur auf wenige Tage, von ihrer hieſigen Nachbarſchaft zu trennen. Leontin hatte hier ſeine eignen Geheimniſſe. Er ritt oft ganz ab¬ gelegene Wege in den Wald hinein, wo er nicht ſelten halbe Tage lang ausblieb. Niemand wußte, was er dort vorhabe, und er ſelber ſprach nie da¬ von. Friedrich dagegen beſuchte Roſa faſt täg¬ lich. Drüben in ihrem ſchönen Garten hatte die Liebe ihr tauſendfarbiges Zelt aufgeſchlagen, ihre wunderreichen Fernen ausgeſpannt, ihre Regenbo¬ gen und goldenen Brücken durch die blaue Luft ge¬ ſchwungen, und rings die Berge und Wälder, wie einen Zauberkreis, um ihr morgenrothes Reich gezo¬ gen. Er war unausſprechlich glücklich. Leontin be¬ gleitete ihn ſehr ſelten, weil ihm, wie er immer zu ſagen pflegte, ſeine Schweſter wie ein gemahlter Frühling vorkäme. Friedrich glaubte von jeher bemerkt zu haben, daß Leontin bey aller ſeiner Leb¬ haftigkeit doch eigentlich kalt ſey, und dachte dabey: was hilft dir der ſchönſte gemahlte oder natürliche Frühling! Aus dir ſelber muß doch die Sonne das Bild beſcheinen, um es zu beleben.

Zu Hauſe auf Leontins Schloſſe wurde Frie¬ drichs poetiſcher Rauſch durch nichts geſtört; denn was hier Faber Herrliches erſann und fleiſſig auf¬ ſchrieb, ſuchte Leontin auf ſeine freye, wunderliche Weiſe in's Leben einzuführen. Seine Leute moch¬450ten alle fortleben, wie es ihnen ihr friſcher, guter Sinn eingab; das Waldhorn irrte faſt Tag und Nacht in dem Walde hin und her, dazwiſchen ſpuckte die eben erwachende Sinnlichkeit der kleinen Marie wie ein reizender Kobold, und ſo machte dieſer ſeltſame, bunte Haushalt dieſen ganzen Auf¬ enthalt zu einer wahren Feenburg. Mitten in dem ſchönen Feſte blieb nur ein einziges Weſen einſam und Antheillos. Das war Erwin, der ſchöne Kna¬ be, der mit Friedrich auf das Schloß gekommen war. Er war allen unbegreiflich. Sein einziges Ziel und Augenmerk ſchien es, ſeinen Herrn, den Grafen Friedrich, zu bedienen, welches er bis zur geringſten Kleinigkeit aufmerkſam, emſig und gewiſſenhaft that. Sonſt miſchte er ſich in keine Geſchäfte oder Luſt der anderen, erſchien zerſtreut, immer fremd, verſchloſſen und faſt hart, ſo lieblich weich auch ſeine helle Stimme klang. Nur manch¬ mal bey Veranlaſſungen, die oft allen gleichgültig waren, ſprach er auf einmal viel und bewegt, und jedem fiel dann ſein ſchönes, ſeelenvolles Geſicht auf. Unter ſeine Seltſamkeiten gehörte auch, daß er niemals zu bewegen war, eine Nacht in der Stube zuzubringen. Wenn alles im Schloſſe ſchlief und drauſſen die Sterne am Himmel prangten, gieng er vielmehr mit der Guitarre aus, ſezte ſich gewöhnlich auf die alte Schloßmauer über dem Waldgrunde und übte ſich dort heimlich auf dem Inſtrumente. Wie oft, wenn Friedrich manch¬ mal in der Nacht erwachte, brachte der Wind ein¬ zelne Töne ſeines Geſanges über den ſtillen Hof zu51 ihm herüber, oder er fand ihn frühmorgens auf der Mauer über der Guitarre eingeſchlafen. Leon¬ tin nannte den Knaben eine wunderbare Laute aus alter Zeit, die jezt niemand mehr zu ſpielen ver¬ ſtehe.

Eines Abends, da Leontin wieder auf einem ſeiner geheimnißvollen Ausflüge ungewöhnlich lange ausblieb, ſaſſen Friedrich und Faber, der ſich nach geſchehener Tagesarbeit einen fröhlichen Feyer¬ abend nicht nehmen ließ, auf der Wieſe um den runden Tiſch. Der Mond ſtand ſchon über dem dunkeln Thurme des Schloſſes. Da hörten ſie plötz¬ lich ein Geräuſch durch das Dickicht brechen und Leontin ſtürzte auf ſeinem Pferde, wie ein gejagtes Wild, aus dem Walde hervor. Todtenbleich, athemlos, und hin und wieder von den Aeſten blu¬ tig geriſſen, kam er ſogleich zu ihnen an den Tiſch und trank haſtig mehrere Gläſer Wein nacheinander aus. Friedrich'n erſchütterte die ſchöne, wüſte Geſtalt. Leontin lachte laut auf, da er bemerkte, daß ihn alle ſo verwundert anſahen. Faber drang neugierig in ihn, ihnen zu erzählen, was ihm be¬ gegnet ſey. Er erzählte aber nichts, ſondern ſagte ſtatt aller Antwort: ich reiſe fort in's Gebirge, wollt ihr mit? Faber ſagte überraſcht und un¬ entſchloſſen, daß ihm jezt jede Störung unwillkom¬ men ſey, da er ſo eben an dem angefangenen gro¬ ßen Gedichte arbeite, ſchlug aber endlich ein. Frie¬ drich ſchwieg ſtill. Leontin, der ihm wohl anſah, was er meyne, entband ihn ſeines alten Verſpre¬4 *52hens ihn zu begleiten; er mußte ihm aber dagegen geloben, ihn auf ſeinem Schloſſe zu erwarten. Sie blieben nun noch einige Zeit beyeinander. Aber Leontin blieb nachdenklich und ſtill. Seine beyden Gäſte begaben ſich daher bald zur Ruhe, ohne zu wiſſen, was ſie von ſeiner Veränderung und ra¬ ſchem Entſchluſſe denken ſollten. Noch im Weggeh'n hörten ſie ihn ſingen:

Hinaus, o Menſch, weit in die Welt,
Bangt dir das Herz in krankem Muth!
Nichts iſt ſo trüb in Nacht geſtellt,
Der Morgen leicht macht's wieder gut.

Am Morgen frühzeitig blickte Friedrich aus ſeinem Fenſter. Da ſah er Leontin ſchon unten auf der Waldſtraſſe auf das Schloß ſeiner Schweſter zureiten. Er eilte ſchnell hinab und ritt ihm nach.

Als er auf Roſa's Schloſſe ankam, fand er Leontin im Garten in einem lauten Wortwechſel mit ſeiner Schweſter. Leontin war nemlich hergekom¬ men, um Abſchied von ihr zu nehmen. Roſa hat¬ te aber kaum von ſeinem Vorhaben gehört, als ſie ſogleich mit aller Heftigkeit den Gedanken ergriff mitzureiſen. Das laß ich wohl bleiben, ſagte Leon¬ tin, da ſchnüre ich noch heut mein Bündel und reit 'euch ganz allein davon. Ich will eben als ein Ver¬ zweifelter weit in die Welt hinaus, will mich, wie Don Quixote, im Gebirge auf den Kopf ſtellen und einmal recht verrückt ſeyn, und da fällt's euch ge¬ rade ein, hinter mir drein zu zotteln, als reisten wir nach Karlsbad oder Pyrmont, um mich jedes¬53 mal fein natürlich wieder auf die Beine zu bringen und zurecht zu rücken. Kommt mir doch jezt meine ganze Reiſe vor, wie eine Armee, wo man vorn blitzende Schwerter und wehende Fahnen, hinter¬ drein aber einen langen Schwanz von Wägen und Weibern ſieht, die auf alten Stühlen, Betten und anderem Hausgeräth ſitzen und plaudern, kochen, handeln und zanken, als wäre da vorn eben alles nichts, daß einem alle Luſt zur Kourage vergeht. Wahrhaftig, wenn du mitziehſt, meine weltliche Roſa, ſo laſſe ich das ganze herrliche, tauſendfar¬ bige Rad meiner Reiſevorſätze fallen, wie der Pfau, wenn er ſeine proſaiſchen Füße beſieht. Roſa, die ſein Wort von allem verſtanden hatte, was ihr Bruder geſagt, ließ ſich nichts ausreden, ſondern beharrte ruhig und feſt ihrem Entſchluſſe, denn ſie gefiel ſich ſchon im Voraus zu ſehr als Amazone zu Pferde und freute ſich auf neue Spek¬ takel. Friedrich, der eben hier dazu kam, ſchüt¬ telte den Kopf über ihr hartes Köpfchen, das ihm unter allen Untugenden der Mädchen die unleidlich¬ ſte war. Noch tiefer aber ſchmerzte ihn ihre Hart¬ näckigkeit, da ſie doch wußte, daß er nicht mitrei¬ ſe, daß er es nur um Ihretwillen ausgeſchlagen habe, und ihn wandelte heimlich die Luſt an, ſel¬ ber allein in alle Welt zu gehen. Leontin, der, wie auf etwas ſinnend, unterdeß die beyden ver¬ liebten Geſichter angeſehen hatte, lachte auf einmal auf. Nein, rief er, wahrhaftig, der Spaß iſt ſo größer! Roſa, du ſollſt mitreiſen, und Faber und Marie und Erwin und Haus und Hof. Wir wollen54 ſanft über die grünen Hügel wallen, wie Schäfer, die Jäger ſollen die ungeſchlachten Hörner zu Hauſe laſſen und Flöte blaſen. Ich will mit bloßem Hal¬ ſe geh'n, die Haare blond färben und ringeln, ich will zahm ſeyn, auf den Zehen gehen und immer mit zugeſpiztem Munde leiſe liſpeln: o theuerſte, ſchöne Seele, o mein Leben, o mein Schaf! Ihr ſollt ſehen, ich will mich bemühen, recht mit An¬ ſtand luſtig zu ſeyn. Dem Herrn Faber wollen wir einen Strohhut mit Lillabänder auf das dicke Ge¬ ſicht ſezen und einen langen Stab in die Hand ge¬ ben, er ſoll den Zug anführen. Wir andern wer¬ den uns zuweilen zum Spaß im grünen Hayne ver¬ irren, und dann über unſer hartes Trennungsloos aus unſeren ſpaßhaften Schmerzen ernſthafte Sonet¬ te machen. Roſa, die von allem wieder nur ge¬ hört hatte, daß ſie mitreiſen dürfe, fiel hier ihrem Bruder unterbrechend um den Hals und that ſo ſchön in ihrer Freude, daß Friedrich wieder ganz mit ihr ausgeſöhnt war. Es wurde nun verabre¬ det, daß ſie ſich noch heute Abend auf Leontins Schloſſe einfinden ſollen, damit ſie alle Morgen frühzeitig aufbrechen könnten, und ſie ſprang fröh¬ lich fort, um ihre Anſtalten zu treffen.

Als Friedrich und Leontin wieder nach Hauſe kamen, begann lezterer, der ſeinen geſtrigen Schreck faſt ſchon, ganz wieder vergeſſen zu haben ſchien, ſogleich mit vieler Luſtigkeit zuſammenzurufen, Be¬ fehle auszutheilen und überall Allarm zu ſchlagen, um, wie er ſagte, das Zigeunerleben bald von allen Seiten aufzurühren. Roſa traf, wie ſie es ver¬55 ſprochen hatte, gegen Abend ein und fand auf der Wieſe bey Mondenſchein bereits alles in der bun¬ teſten Bewegung. Die Jäger putzten ſingend ihre Büchſen und Sattelzeug, andere verſuchten ihre Hörner, Faber band ganze Ballen Papier zuſam¬ men, die kleine Marie ſprang zwiſchen allen leicht¬ fertig herum.

Alle begaben ſich heute etwas früher als ge¬ wöhnlich zur Ruhe. Als Friedrich eben einſchlum¬ merte, hörte er drauſſen einige volle Akkorde auf der Laute anſchlagen. Bald darauf vernahm er Erwins Stimme. Das Lied, das er ſang, rührte ihn wun¬ derbar, denn es war eine alte, einfache Melodie, die er in ſeiner Kindheit ſehr oft, und ſeitdem nie¬ mals wieder gehört hatte. Er ſprang erſtaunt an's Fenſter, aber Erwin hatte ſo eben wieder aufgehört. Das Licht aus Roſa's Schlafzimmer am anderen Flügel des Schloſſes war erloſchen, der Wind dreh¬ te knarrend die Wetterfahne auf dem Thurme, der Mond ſchien außerordentlich hell. Friedrich ſah Erwin wieder wie ſonſt mit der Guitarre auf der Mauer ſitzen. Bald darauf hörte er den Knaben ſprechen; eine durchaus unbekannte, männliche Stim¬ me ſchien ihm von Zeit zu Zeit Antwort zu geben. Friedrich verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit, aber er konnte nichts verſtehen, auch ſah er niemand auſ¬ ſer Erwin. Nur manchmal kam es ihm vor, als lange ein langer Arm über die Mauer herüber nach dem Knaben. Zulezt ſah er einen Schatten von dem Knaben fort längſt der Mauer hinuntergehen. Der Schatten wuchs beym Mondenſchein mit jedem56 Schritte immer höher und länger, bis er ſich end¬ lich in Rieſengröße in den Wald hinein verlohr. Friedrich lehnte ſich ganz zum Fenſter hinaus, aber er konnte nichts unterſcheiden. Erwin ſprach nun auch nicht mehr und die ganze Gegend war todtenſtill. Ein Schauer überlief ihn dabey. Sollte dieſe Erſcheinung, dachte er, Zuſammenhang haben mit Leontins Begebenheiten? Weiß vielleicht dieſer Knabe um ſeine Geheimniſſe? Ihm fiel dabey ein, daß ſich ſein ganzes Geſicht lebheft verändert hat¬ te, als Faber heute noch einmal Leontins geſtrigen unbekannten Begegniſſes erwähnte. Beynahe hätte er alles für einen überwachten Traum gehalten, ſo ſeltſam kam es ihm vor, und er ſchlief endlich mit ſonderbaren und abentheuerlichen Gedanken ein.

Fuͤnftes Kapitel.

Als draußen Berg und Thal wieder licht wa¬ ren, war der ganze bunte Trupp ſchon eine Stunde weit von Leontins Schloſſe entfernt. Der ſonder¬ bare Zug gewährte einen luſtigen Anblick. Leontin ritt ein unbändiges Pferd allen voraus. Er war leicht und nachläſſig angezogen, und ſeine ganze Geſtalt hatte etwas Ausländiſches. Friedrich ſah durchaus deutſch aus. Faber dagegen machte den allerſeltſamſten und abentheuerlichſten Aufzug. Er57 hatte einen runden Hut mit ungeheuer breiten Krempen, der ihn, wie ein Schirm, gegen die Son¬ ne und Regen zugleich ſchüzen ſollte. An ſeiner Seite hieng eine dickangeſchwollene Taſche mit Schreibtafeln, Büchern und anderem Reiſegeräth herab. Er war wie ein fahrender Skolaft anzuſehen. Roſa ritt mitten unter ihnen ein ſchönes, frommes Pferd auf einem weiblichen engliſchen Sattel. Ein langes grünes Reitkleid, von einem goldenen Gürtel zuſammengehalten, ſchmiegte ſich an ihre vollen Glieder, ein blendendweiſſer Spitzkragen umſchloß das ſchöne Köpfchen, von dem hohe Federn in die Morgenluft nickten. Zu ihrer Begleitung hatte man die kleine Marie beſtimmt, die ihr als Jägerknabe folgte. Auch Erwin ritt mit und hatte die Guitar¬ re an einem himmelblauen Bande umgehangen. Hinterdrein kamen mehrere Jäger mit wohlbepackten Pferden.

Sie zogen eben über einen freyen Berggrücken weg. Die Morgenſonne funkelte ihnen fröhlich ent¬ gegen. Roſa blickte Friedrich aus ihren großen Augen ſo friſch und freudig an, daß es ihm durch die Seele gieng. Als ſie auf den Gipfel kamen, lag auf einmal ein unüberſehbar weites Thal im Morgenſchimmer unter ihnen. Viktoria! rief Leon¬ tin fröhlich und ſchwang ſeinen Hut. Es geht doch nichts über's Reiſen, wenn man nicht dahin oder dorthin reist, ſondern in die weite Welt hinein, wie es Gott gefällt! Wie uns aus Wäldern, Bergen, aus blühenden Mädchengeſichtern, die von lichten Schlöſſern grüßen, aus Strömen und alten58 Burgen das noch unbekannte, überſchwengliche Le¬ ben ernſt und fröhlich anſieht! Das Reiſen, ſag¬ te Faber, iſt dem Leben vergleichſam. Das Leben der Meiſten iſt eine immerwährende Geſchäftsreiſe vom Buttermarkt zum Käſemarkt; das Leben der Poe¬ tiſchen dagegen ein freyes, unendliches Reiſen nach dem Himmelreich. Leontin, deſſen Widerſpruchsgeiſt Faber jederzeit unwiderſtehlich anregte, ſagte dar¬ auf: Dieſe reiſenden Poetiſchen ſind wieder den Paradießvögeln zu vergleichen, von denen man fälſchlich glaubt, daß ſie keine Füße haben. Sie müſſen doch auch herunter und in Wirthshäuſern einkehren, und Vettern und Baſen beſuchen, und, was ſie ſich auch für Zeug einbilden, das Fräulein auf dem lichten Schloſſe iſt doch nur ein dummes, höchſtens verliebtes, Ding, das die Liebe mit ihrem bischen brennbaren Stoffe eine Weile in die Lufte treibt, um dann deſto jämmerlicher, wie ein aus¬ geblaſener Dudelſack, wieder zur Erde zu fallen, auf der alten, ſchönen, trozigen Burg findet ſich auch am Ende nur noch ein kahler Landkavalier u. ſ. w. Alles iſt Einbildung. Du ſollteſt nicht ſo reden, entgegnete Friedrich. Wenn wir von einer inneren Freudigkeit erfüllt ſind, welche, wie die Morgenſonne, die Welt überſcheint und alle Begebenheiten, Verhältniſſe und Kreaturen zur ei¬ genthumlichen Bedeutung erhebt, ſo iſt dieſes freu¬ dige Licht vielmehr die wahre göttliche Gnade, in der allein alle Tugenden und große Gedanken ge¬ deihen, und die Welt iſt wirklich ſo bedeutſam, jung und ſchön, wie ſie unſer Gemüth in ſich ſelber an¬59 ſchaut. Der Mißmuth aber, die träge Niederge¬ ſchlagenheit und alle dieſe Entzauberungen, das iſt die wahre Einbildung, die wir durch Gebeth und Muth zu überwinden trachten ſollen, denn dieſe verdirbt die urſprüngliche Schönheit der Welt. Iſt mir auch recht, erwiederte Leontin luſtig. Graf Friedrich, ſagte Faber, hat eine Unſchuld in ſeinen Betrachtungen, eine Unſchuld. Ihr Dichter, fiel ihm Leontin haſtig ins Wort, ſeyd alle euerer Unſchuld über den Kopf gewachſen, und, wie ihr eure Gedichte ausſpendet, ſagt ihr immer: da iſt ein prächtiges Kunſtſtück von meiner Kindlich¬ keit, da iſt ein beſonders wohleingerichtetes Stück von meinem Patriotismus oder von meiner Ehre! Friedrich erſtaunte, da Leontin ſo keck und hart ausſprach, was er, als eine Läſterung aller Poeſie, ſich ſelber zu denken niemals erlauben mochte.

Roſa hatte unterdeß über dem Geſpräche meh¬ reremal gegähnt. Faber bemerkte es und da er ſich jederzeit als ein galanter Verehrer des ſchönen Ge¬ ſchlechtes auszeichnete, ſo trug er ſich an, zu allge¬ meiner Unterhaltung eine Erzählung zum Beſten zu geben. Nur nicht in Verſen, rief Roſa, denn da verſteht man doch alles nur halb. Man rückte da¬ her näher zuſammen, Fabern in die Mitte neh¬ mend, und er erzählte folgende Geſchichte, während ſie zwiſchen den waldigten Bergen langſam fort¬ zogen:

Es war einmal ein Ritter. Das fängt ja an, wie ein Mährchen, unterbrach ihn Roſa. 60 Faber ſezte von friſchem an: Es war einmal ein Ritter, der lebte tief im Walde auf ſeiner alten Burg in geiſtlichen Betrachtungen und ſtrengen Bu߬ übungen. Kein Fremder beſuchte den frommen Rit¬ ter, alle Wege zu ſeiner Burg waren lange mit hohem Graſe überwachſen und nur das Glöcklein, das er bey ſeinen Gebethen von Zeit zu Zeit zog, unterbrach die Stille und klang in hellen Nächten weit über die Wälder weg. Der Ritter hatte ein junges Töchterlein, die machte ihm viel Kummer, denn ſie war ganz anderer Sinnesart als ihr Va¬ ter und all ihr Trachten gieng nur auf weltliche Dinge. Wenn ſie Abends am Spinnrocken ſaß, und er ihr aus ſeinen alten Büchern die wunderba¬ ren Geſchichten von den heiligen Märtyrern vorlas, dachte ſie immer heimlich bey ſich: das waren wohl rechte Thoren, und hielt ſich für weit klüger, als ihr alter Vater, der alle die Wunder glaubte. Oft, wenn ihr Vater weg war, blätterte ſie in den Bü¬ chern und mahlte den Heiligen, die darin abgebil¬ det waren, große Schnurrbärte Roſa lachte hierbey laut auf. Was lachſt du? fragte Leontin ſpitzig und Faber fuhr in ſeiner Erzählung fort: Sie war ſehr ſchön und klüger als alle die anderen Kinder in ihrem Alter, weswegen ſie ſich auch im¬ mer mit ihnen zu ſpielen ſchämte, und wer mit ihr ſprach, glaubte eine erwachſene Perſon reden zu hören, ſo geſcheid und künſtlich waren alle ihre Worte geſezt. Dabey gieng ſie bey Tag und Nacht ganz allein im Walde herum, ohne ſich zu fürch¬ ten, und lachte immer den alten Burgvogt aus,61 der ihr ſchauerliche Geſchichten vom Waſſermann er¬ zählte. Gar oft ſtand ſie dann an dem blauen Fluſſe im Walde und rief mit lachendem Munde: Waſſermann ſoll mein Bräutigam ſeyn! Waſſermann ſoll mein Bräutigam ſeyn!

Als nun der Vater zum ſterben kam, rief er die Tochter zu ſeinem Bette und übergab ihr einen großen Ring, der war ſehr ſchwer von purem Golde gearbeitet. Er ſagte dabey zu ihr: Dieſer Ring iſt vor uralten Zeiten von einer kunſtreichen Hand verfertiget. Einer deiner Vorfahren hat ihn in Paläſtina, mitten im Getümmel der Schlacht erfochten. Dort lag er unter Blut und Staub auf dem Boden, aber er blieb unbefleckt und glänzte ſo hell und durchdringlich, daß ſich alle Roſſe davor bäumten und keines ihn mit ſeinem Hufe zertreten wollte. Alle deine Mütter haben den Ring getra¬ gen und Gott hat ihren frommen Eheſtand geſegnet. Nimm du ihn nun auch hin und betrachte ihn alle Morgen mit rechten Sinnen, ſo wird ſein Glanz dein Herz erquicken und ſtärken. Wenden ſich aber deine Gedanken und Neigungen zum Böſen, ſo ver¬ löſcht ſein Glanz mit der Klarheit deiner Seele und wird dir gar trübe erſcheinen. Bewahre ihn treu an deinem Finger, bis du einen tugendhaften Mann gefunden. Denn welcher Mann ihn einmal an ſei¬ ner Hand trügt, der kann nicht mehr von Dir laſſen, und wird dein Bräutigam. Bey dieſen Worten verſchied der alte Ritter.

62

Ida blieb nun allein zurück. Ihr war längſt angſt und bange auf dem alten Schloſſe geweſen, und da ſie jezt ungeheure Schäze in den Kellern ihres Vaters vorfand, ſo veränderte ſie ſogleich ihre ganze Lebensweiſe. Gott ſey Dank, ſagte Roſa, denn bis jezt war ſie wahrhaftig ziemlich langwei¬ lig. Faber fuhr wieder fort: Die dunkeln Bo¬ gen, Thore und Höfe der alten Burg wurden nie¬ dergeriſſen und ein neues, lichtes Schloß mit blen¬ dendweiſſen Mauern und kleinern, luftigen Thürm¬ chen erhob ſich bald über den alten Steinen. Ein großer, ſchöner Garten wurde daneben angelegt, durch den der blaue Fluß vorüberfloß. Da ſtanden tauſenderley hohe, bunte Blumen, Waſſerkünſte ſprangen dazwiſchen und zahme Rehe giengen darin ſpazieren. Der Schloßhof wimmelte von Roſſen und reichgeſchmückten Edelknaben, die luſtige Lieder auf ihr ſchönes Fräulein ſangen. Sie ſelber war nun ſchon groß und außerordentlich ſchön geworden. Von Oſt und Weſt kamen daher nun reiche und junge Freyer angezogen, und die Straſſen, die zu dem Schloſſe führten, blizten von blanken Reitern, Hel¬ men und Federbüſchen.

Das gefiel dem Fräulein gar wohl, aber ſo gern ſie auch alle Männer hatte, ſo mochte ſie doch mit keinem Einzelnen ihren Ring auswechſeln; denn jeder Gedanke an die Ehe war ihr lächerlich und verhaßt. Was ſoll ich, ſagte ſie zu ſich ſelbſt, mei¬ ne ſchöne Jugend verkümmern, um in abgeſchiede¬ ner, langweiliger Einſamkeit eine armſelige Haus¬ mutter abzugeben, anſtatt daß ich jezt ſo frey bin,63 wie der Vogel in der Luft. Dabey kamen ihr alle Männer gar dummlich vor, weil ſie entweder zu unbehülflich waren, ihrem müſſigen Witze nachzu¬ kommen, oder auf andre, hohe Dinge ſtolz thaten, an die ſie nicht glaubte. Und ſo betrachtete ſie ſich in ihrer Verblendung als eine reizende Fee unter verzauberten Bären und Affen, die nach ihrem Win¬ ke tanzen und aufwarten mußten. Der Ring wur¬ de indeß von Tag zu Tage trüber.

Eines Tages gab ſie ein glänzendes Banket. Unter einem prächtigen Zelte, daß im Garten auf¬ geſchlagen war, ſaſſen die jungen Ritter und Frauen um die Tafel, in ihrer Mitte das ſtolze Fräulein, gleich einer Königin, und ihre witzigen Redensarten überſtrahlten den Glanz der Perlen und Edelgeſteine, womit ihr Hals und Buſen geſchmückt war. Recht wie ein wurmſtichiger Apfel, ſo ſchön roth und be¬ trüglich, war ſie anzuſehen. Der goldene Wein kreißte fröhlich herum, die Ritter ſchauten kühner, üppig lockende Lieder zogen hin und wieder im Gar¬ ten durch die ſommerlaue Luft. Da fielen Ida's Blicke zufällig auf ihren Ring. Der war auf ein¬ mal finſter geworden, und ſein verlöſchender Glanz that nur eben noch einen ſeltſamen, dunkelglühen¬ den Blick auf ſie. Sie ſtand ſchnell auf und gieng an den Abhang des Gartens. Du einfältiger Stein, ſollſt mich nicht länger mehr ſtören! ſagte ſie in ihrem Uebermuthe lachend, zog den Ring vom Fin¬ ger und warf ihn in den Strom hinunter. Er be¬ ſchrieb im Fluge einen hellſchimmernden Bogen und tauchte ſogleich in den tiefſten Abgrund hinab. 64Darauf kehrte ſie wieder in den Garten zurück, aus dem die Töne wollüſtig nach ihr zu langen ſchienen.

Am andern Tage ſaß Ida allein im Garten und ſah in den Fluß hinunter. Es war gerade um die Mittagszeit. Alle Gäſte waren fortgezogen, die ganze Gegend lag ſtill und ſchwüle. Einzelne, ſelt¬ ſamgeſtaltete Wolken zogen langſam über den dun¬ kelblauen Himmel; manchmal flog ein plötzlicher Wind über die Gegend, und dann war es, als ob die Felſen und die alten Bäume ſich über den Fluß unten neigten und miteinander über ſie beſprächen. Ein Schauder überlief Ida. Da ſah ſie auf einmal einen ſchönen, hohen Ritter, der auf einem ſchneeweiſſen Roße die Straſſe hergeritten kam. Seine Rüſtung und ſein Helm war waſſer¬ blau, eine waſſerblaue Binde flatterte in der Luft, ſeine Sporen waren von Kryſtall. Er grüßte ſie freundlich, ſtieg ab und kam zu ihr. Ida ſchrie laut auf vor Schreck, denn ſie erblickte den alten wun¬ derthätigen Ring, den ſie geſtern in den Fluß ge¬ worfen hatte, an ſeinem Finger, und dachte ſo¬ gleich daran, was ihr ihr Vater auf dem Todtbet¬ te prophezeiht hatte. Der ſchöne Ritter zog ſogleich eine dreyfache Schnur von Perlen hervor und hieng ſie dem Fräulein um den Hals; dabey küßte er ſie auf den Mund, nannte ſie ſeine Braut und ver¬ ſprach, ſie heute Abend heimzuholen. Ida konnte nichts antworten, denn es kam ihr vor, als läge ſie in einem tiefen Schlafe, und doch vernahm ſieden65den Ritter, der in gar lieblichen Worten zu ihr ſprach, ganz deutlich, und hörte dazwiſchen auch den Strom, wie über ihr, immerfort verworren drein¬ rauſchen. Darauf ſah ſie den Ritter ſich wieder auf ſeinen Schimmel ſchwingen und ſo ſchnell in den Wald zurückſpringen, daß der Wind hinter ihm dreinpfiff.

Als es gegen Abend kam, ſtand ſie in ihrem Schloſſe am Fenſter und ſchaute in das Gebirge hin¬ aus, das ſchon die graue Dämmerung zu überziehen anfieng. Sie ſann hin und her, wer der ſchöne Ritter ſeyn möge, aber ſie konnte nichts heraus¬ bringen. Eine niegefühlte Unruhe und Aengſtlichkeit überfiel dabey ihre Seele, die immer mehr zunahm, je dunkler draußen die Gegend wurde. Sie nahm die Zitter, um ſich zu zerſtreuen. Es fiel ihr ein altes Lied ein, das ſie als Kind oft ihren Vater in der Nacht, wenn ſie manchmal erwachte, hatte ſingen hören. Sie fieng an zu ſingen:

Obſchon iſt hin der Sonnenſchein
Und wir im Finſtern müſſen ſeyn,
So können wir doch ſingen
Von Gottes Güt 'und ſeiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Lobe zu vollbringen.

Die Thränen brachen ihr hiebey aus den Augen, und ſie mußte die Zitter weglegen, ſo weh war ihr zu Muthe.

566

Endlich, da es draußen ſchon ganz finſter ge¬ worden, hörte ſie auf einmal ein großes Getös von Roßeshufen und fremden Stimmen. Der Schloßhof füllte ſich mit Windlichtern, bey deren Scheine ſie ein wildes Gewimmel von Wagen, Pferden, Rit¬ tern und Frauen erblickte. Die Hochzeitsgäſte ver¬ breiteten ſich bald in der ganzen Burg, und ſie er¬ kannte alle ihre alten Bekannten, die auch lezthin auf dem Banket bey ihr geweſen waren. Der ſchö¬ ne Bräutigam, wieder ganz in waſſerblaue Seide gekleidet, trat zu ihr und erheiterte gar bald ihr Herz durch ſeine anmuthigen und ſüſſen Reden. Muſikanten ſpielten luſtig, Edelknaben ſchenkten Wein herum und alles tanzte und ſchmaußte in freudenreichem Schalle.

Während dem Feſte trat Ida mit ihrem Bräu¬ tigam ans offene Fenſter. Die Gegend war unten weit und breit ſtill, wie ein Grab, nur der Fluß rauſchte aus dem finſteren Grunde herauf. Was ſind das für ſchwarze Vögel, fragte Ida, die da in langen Schaaren ſo langſam über den Himmel zieh'n? Sie ziehen die ganze Nacht fort, ſagte der Bräutigam, ſie bedeuten deine Hochzeit. Was ſind das für fremde Leute, fragte Ida wie¬ der, die dort drunten am Fluſſe auf den Steinen ſitzen und ſich nicht rühren? Das ſind meine Diener, ſagte der Bräutigam, die auf uns war¬ ten. Unterdeß fiengen ſchon lichte Streifen an, ſich am Himmel aufzurichten und aus den Thälern hörte man von ferne Hähne krähen. Es wird ſo kühl, ſagte Ida und ſchloß das Fenſter. In mei¬67 nem Hauſe iſt es noch viel kühler, erwiederte der Bräutigam, und Ida ſchauderte unwillkührlich zu¬ ſammen.

Darauf faßte er ſie beym Arme und führte ſie mitten unter den luſtigen Schwarm zum Tanze. Der Morgen rückte indeß immer näher, die Kerzen im Saale flackerten nur noch matt und löſchten zum Theil gar aus. Während Ida mit ihrem Bräuti¬ gam herumwalzte, bemerkte ſie mit Grauſen, daß er immer bläſſer ward, je lichter es wurde. Drauſ¬ ſen vor den Fenſtern ſah ſie lange Männer mit ſeltſamen Geſichtern ankommen, die in den Saal hereinſchauten. Auch die Geſichter der übrigen Gä¬ ſte und Bekannten veränderten ſich nach und nach, und ſie ſahen alle aus wie Leichen. Mein Gott, mit wem habe ich ſo lange Zeit gelebt! rief ſie aus. Sie konnte vor Ermattung nicht mehr fort und wollte ſich loswinden, aber der Bräutigam hielt ſie feſt um den Leib und tanzte immerfort, bis ſie athemlos auf die Erde hinſtürzte.

Frühmorgens, als die Sonne fröhlich über das Gebirge ſchien, ſah man den Schloßgarten auf dem Berge verwüſtet, im Schloſſe war kein Menſch zu finden, und alle Fenſter ſtanden weit offen. Die Reiſenden, die bey hellem Mondenſchein oder um die Mittagszeit an dem Fluſſe vorübergiengen, ſa¬ hen oft ein junges Mädchen ſich mitten im Strome mit halbem Leibe über das Waſſer emporheben. Sie war ſehr ſchön, aber todtenblaß.

5 *68

So endigte Faber ſeine Erzählung. Erſchreck¬ lich! rief Leontin, ſich, wie vor Froſt, ſchüttelnd. Roſa ſchwieg ſtill. Auf Friedrich hatte das Mährchen einen tiefen und ganz beſonderen Eindruck gemacht. Er konnte ſich nicht enthalten, während der ganzen Erzählung, mit einem unbeſtimmten, ſchmerzlichen Gefühle an Roſa zu denken, und es kam ihm vor, als hätte Faber ſelber nicht ohne heimliche Abſicht gerade dieſe Erfindung gewählt.

Fabers Mährchen gab Veranlaſſung, daß auch Friedrich und Leontin mehrere Geſchichten erzähl¬ ten, woran aber Roſa immer nur einen entfern¬ ten Antheil nahm. So vergieng dieſer Tag unter fröhlichen Geſprächen, ehe ſie es ſelber bemerkten, und der Abend überraſchte ſie mitten im Walde in einer unbekannten Gegend. Sie ſchlugen daher den erſten Weg ein, der ſich ihnen darboth, und ka¬ men ſchon in der Dunkelheit bey einem Bauernhau¬ ſe an, das ganz allein im Walde ſtand, und wo ſie zu übernachten beſchloſſen. Die Hauswirthinn, ein junges, rüſtiges Weib, wußte nicht, was ſie aus dem ganzen unerwarteten Beſuche machen ſollte und maaß ſie mit Blicken, die eben nicht das beſte Zutrauen verriethen. Die luſtigen Reden und Schwänke Leontins und ſeiner Jäger aber brachten ſie bald in die beſte Laune, und ſie bereitete alles recht mit Luſt zu ihrer Aufnahme.

Nach einem flüchtig eingenommenen Abendeſſen ergriffen Leontin, Faber und die Jäger ihre Flinten und giengen noch in den Wald hinaus auf den An¬69 ſtand, da ihnen die gefällige Bäuerinn mit einer gewiſſen verſtohlenen Vertraulichkeit den Platz ver¬ rathen hatte, wo das Wild gewöhnlich zu wechſeln pflegte. Roſa fürchtete ſich nun hier allein zurück¬ zubleiben, und bath daher Friedrich, ihr Geſell¬ ſchaft zu leiſten, welches dieſer mit Freuden an¬ nahm. Beyde ſezten ſich, als alles fort war, auf die Bank an der Hausthüre vor den weiten Kreis der Wälder. Friedrich hatte die Guitarre bey ſich und griff einige volle Akkorde, welche ſich in der heiteren, ſtillen Nacht herrlich ausnahmen. Roſa war in dieſer ungewohnten Lage ganz verän¬ dert. Sie war einmal ohne alle kleine Launen, hingebend, ungewöhnlich vertraulich und liebens¬ würdig ermattet. Friedrich glaubte ſie noch nie¬ mals ſo angenehm geſehen zu haben. Er hatte ihr ſchon längſt verſprechen müſſen, ſeine ganze Ju¬ gendgeſchichte einmal ausführlich zu erzählen. Sie bath ihn nun, ſein Verſprechen zu erfüllen, bis die andern zurückkämen. Er war gerade auch aufgelegt dazu und begann daher, während ſie, mit dem ei¬ nen Arme auf ſeine Achſel gelehnt, ſo nahe als möglich an ihn rückte, folgendermaſſen zu erzählen:

Meine früheſten Erinnerungen verlieren ſich in einem großen, ſchönen Garten. Lange, hohe Gän¬ ge von gradbeſchnittenen Baumwänden laufen nach allen Richtungen zwiſchen großen Blumenfeldern hin, Waſſerkünſte rauſchen einſam dazwiſchen, die Wolken ziehen hoch über die dunkeln Gänge weg, ein wunderſchönes kleines Mädchen, älter als ich, ſizt an der Waſſerkunſt und ſingt welſche Lieder,70 während ich oft Stundenlang an den eiſernen Stä¬ ben des Gartenthors ſtehe, das an die Straſſe ſtößt, und ſehe, wie drauſſen der Sonnenſchein wech¬ ſelnd über Wälder und Wieſen fliegt, und Wa¬ gen, Reuter und Fußgänger am Thore vorüber in die glänzende Ferne hinausziehen. Dieſe ganze ſtil¬ le Zeit liegt weit hinter alle dem Schwalle der ſeitdem durchlebten Tage, wie ein uraltes, wehemü¬ thig ſüßes Lied, und wenn mich oft nur ein einzel¬ ner Ton davon wieder berührt, faßt mich ein un¬ beſchreibliches Heimweh, nicht nur nach jenen Gär¬ ten und Bergen, ſondern nach einer viel ferneren und tieferen Heimath, von welcher jene nur ein lieblicher Wiederſchein zu ſeyn ſcheint. Ach, warum müſſen wir jene unſchuldige Betrachtung der Welt, jene wundervolle Sehnſucht, jenen geheimnißvollen, unbeſchreiblichen Schimmer der Natur verlieren, in dem wir nur manchmal noch im Traume unbekann¬ te, ſeltſame Gegenden wieder ſehen!

Und wie war es denn nun weiter? fiel ihm Roſa ins Wort.

Meinen Vater und meine Mutter, fuhr Frie¬ drich fort, habe ich niemals geſehen. Ich lebte auf dem Schloſſe eines Vormunds. Aber eines äl¬ teren Bruders erinnere ich mich ſehr deutlich. Er war ſchön, wild, witzig, keck und dabey ſtörriſch, tiefſinnig und menſchenſcheu. Dein Bruder Leontin ſieht ihm ſehr ähnlich und iſt mir darum um deſto theurer. Am beſten kann ich mir ihn vorſtellen, wenn ich an einen Umſtand zurückdenke. An unſerm71 alterthümlichen Schloſſe lief nemlich eine große ſtei¬ nerne Gallerie rings herum. Dort pflegten wir bey¬ de gewöhnlich des Abends zu ſizen, und ich erinnere mich noch immer an den eignen, ſehnſuchtsvollen Schauer, mit dem ich hinunterſah, wie der Abend blutroth hinter den ſchwarzen Wäldern verſank und dann nach und nach alles dunkel wurde. Unſere alte Wärterin erzählte uns dann gewöhnlich das Mährchen von dem Kinde, dem die Mutter mit dem Kaſten den Kopf abſchlug und das darauf als ein ſchöner Vogel drauſſen auf den Bäumen ſang. Rudolph, ſo hieß mein Bruder, lief oder ritt un¬ terdeß auf dem ſteinernen Geländer der Gallerie herum, daß mir vor Schwindel alle Sinne vergien¬ gen. Und in dieſer Stellung ſchwebt mir ſein Bild noch immer vor, das ich von dem Mährchen, den ſchwarzen Wäldern unten und den ſeltſamen Abend¬ lichtern gar nicht trennen kann. Da er wenig lern¬ te und noch weniger gehorchte, wurde er kalt und übel behandelt. Oft wurde ich ihm als Muſter vor¬ geſtellt, und dieß war mein größter und tiefſter Schmerz, den ich damals hatte, denn ich liebte ihn unausſprechlich. Aber er achtete wenig darauf. Das ſchöne italiäniſche Mädchen fürchtete ſich vor ihm, ſo oft ſie mit ihm zuſammen kam, und doch ſchien ſie ihn immer wieder von neuem aufzuſuchen. Mit mir dagegen war ſie ſehr vertraulich und oft ausgelaſſen luſtig. Alle Morgen, wenn es ſchön war, gieng ſie in den Garten hinunter und wuſch ſich an der Waſſerkunſt die hellen Augen und den kleinen, weißen Hals, und ich mußte ihr während¬72 deß die zierlichen Zöpfchen flechten helfen, die ſie dann in einen Kranz über dem Scheitel zuſammen¬ heftete. Dabey ſang ſie immer folgendes Liedchen, das mir mit ſeiner ganz eignen Melodie noch im¬ mer ſehr deutlich vorſchwebt:

Zwiſchen Bergen, liebe Mutter,
Weit den Wald entlang,
Reiten da drey junge Jäger
Auf drey Rößlein blank,
lieb 'Mutter,
Auf drey Rößlein blank.
Ihr könn't fröhlich ſeyn, lieb 'Mutter,
Wird es drauſſen ſtill:
Kommt der Vater heim vom Walde,
Küßt Euch wie er will,
lieb' Mutter,
Küßt Euch wie er will.
Und ich werfe mich im Bettchen
Nachts ohn 'Unterlaß,
Kehr' mich links und kehr 'mich rechtshin,
Nirgends hab' ich was,
lieb 'Mutter,
Nirgends hab' ich was.
Bin ich eine Frau erſt einmal,
In der Nacht dann ſtill
Wend 'ich mich nach allen Seiten,
Küß', ſo viel ich will,
lieb 'Mutter,
Küß', ſo viel ich will.

Sie ſang das Liedchen ganz allerliebſt. Das arme Kind wußte wohl damals ſelbſt noch nicht deutlich, was ſie ſang. Aber einmal fuhren die73 Alten, die ſie darüber belauſcht hatten, gar tüppiſch mit harten Verweiſen drein, und ſeitdem, erinnere ich mich, ſang ſie daß Lied heimlich noch viel lieber.

So lebten wir lange Zeit in Frieden nebenein¬ ander, und es fiel mir gar nicht ein, daß es je¬ mals anders werden könnte, nur daß Rudolph im¬ mer finſterer wurde, je mehr er heranwuchs. Um dieſe Zeit hatte ich mehreremale ſehr ſchwere und furchtbare Träume. Ich ſah nemlich immer meinen Bruder Rudolph in einer Rüſtung, wie ſie ſich auf einem alten Ritterbilde auf unſerem Vorſaale be¬ fand, durch ein Meer von durcheinanderwogenden ungeheuren Wolken ſchreiten, wobey er ſich mit ei¬ nem langen Schwerte rechts und links Bahn zu hauen ſchien. So oft er mit dem Schwerte die Wolken berührte, gab es eine Menge Funken, die mich mit ihren vielfarbigen Lichtern blendeten, und bey jedem ſolchen Leuchten kam mir auch Rudolphs Geſicht plötzlich blaß und ganz verändert vor. Wäh¬ rend ich mich nun mit den Augen ſo recht in den Wolkenzug vertiefte, bemerkte ich mit Verwunde¬ rung, daß es eigentlich keine Wolken waren, ſon¬ dern ſich alles nach und nach in ein langes, dunk¬ les, ſeltſamgeformtes Gebirg verwandelte, vor dem mir ſchauderte, und ich konnte gar nicht begreifen, wie ſich Rudolph dort ſo allein nicht fürchtete. Seitwärts von dem Gebirge ſah ich eine weite Landſchaft, deren unbeſchreibliche Schönheit und wunderbaren Farbenſchimmer ich niemals vergeſſen habe. Ein großer Strom gieng mitten hindurch bis in eine unabſehbare duftige Ferne, wo er ſich mit74 Geſang zu verlieren ſchien. Auf einem ſanftgrünen Hügel über dem Strome ſaß Angelina, das italiä¬ niſche Mädchen, und zog mit ihrem kleinen, roſi¬ gen Finger zu meinem Erſtaunen einen Regenbogen über den blauen Himmel. Unterdeß ſah ich, daß ſich das Gebirge anfieng, wunderſam zu regen; die Bäu¬ me ſtreckten lange Arme aus, die ſich wie Schlan¬ gen ineinander ſchlungen, die Felſen dehnten ſich zu ungeheuren Drachengeſtalten aus, andre zogen Geſichter mit langen Naſen, die ganze wunderſchö¬ ne Gegend überzog und verdeckte dabey ein qual¬ mender Nebel. Zwiſchen den Felſenſpalten ſtreckte Rudolph den Kopf hervor, der auf einmal viel äl¬ ter und ſelber wie von Stein ausſah, und lachte übermäſſig mit ſeltſamen Geberden. Alles verwirr¬ te ſich zulezt und ich ſah nur die entfliehende Ange¬ lina mit ängſtlich zurückgewandtem Geſicht und weißem, flatterndem Gewande, wie ein Bild über einen grauen Vorhang, vorüberſchweben. Eine große Furcht überfiel mich da jedesmal und ich wachte vor Schreck und Entſezen auf.

Dieſe Träume, die ſich, wie geſagt, mehreremal wiederholten, machten einen ſo tiefen Eindruck auf mein kindiſches Gemüth, daß ich nun meinen Bru¬ der oft heimlich mit einer Art von Furcht betrachte¬ te, auch die ſeltſame Geſtaltung des Gebirges nie wieder vergaß.

Eines Abends, da ich eben im Garten herum¬ gieng und zuſah, wie es in der Ferne an den Ber¬ gen gewitterte, trat auf einmal an dem Ende eines75 Bogenganges Rudolph zu mir. Er war finſterer als gewöhnlich. Siehſt du das Gebirge dort? ſag¬ te er, auf die fernen Berge deutend. Drüben liegt ein viel ſchöneres Land, ich habe ein einzigesmal hinuntergeblickt. Er ſezte ſich ins Gras hin, dann ſagte er in einer Weile wieder: hörſt du, wie jezt in der weiten Stille unten die Ströme und Bäche rauſchen und wunderbarlich locken? Wenn ich ſo hinunterſtiege in das Gebirge hinein, ich gienge fort und immer fort, du würdeſt unterdeß alt, das Schloß wäre auch verfallen und der Garten hier lange einſam und wüſte. Mir fiel bey dieſen Worten mein Traum wieder ein, ich ſah ihn an, und auch ſein Geſicht kam mir in dem Augenblicke gerade ſo vor, wie es mir im Traume immer er¬ ſchien. Eine niegefühlte Angſt überwältigte mich und ich fieng an zu weinen. Weine nur nicht! ſagte er hart und wollte mich ſchlagen. Unterdeß kam Angelina mit neuem Spielzeuge luſtig auf uns zugeſprungen und Rudolph entfernte ſich wieder in den dunkeln Bogengang. Ich ſpielte nun mit dem munteren Mädchen auf dem Raſenplatze vor dem Schloſſe und vergaß darüber alles das vorhergegan¬ gene. Endlich trieb uns der Hofmeiſter zu Bette. Ich erinnere mich nicht, daß mir als Kind irgend etwas widerwärtiger geweſen wäre, als das zeitige Schlafengehen, wenn alles drauſſen noch ſchallte und ſchwärmte und meine ganze Seele noch ſo wach war. Dieſer Abend war beſonders ſchön und ſchwül. Ich legte mich unruhig nieder. Die Bäu¬ me rauſchten durch das offene Fenſter herein, die76 Nachtigall ſchlug tief aus dem Garten, dazwiſchen hörte ich noch manchmal Stimmen unter dem Fen¬ ſter ſprechen, bis ich endlich nach langer Zeit ein¬ ſchlummerte. Da kam es mir auf einmal vor, als ſchiene der Mond ſehr hell durch die Stube, mein Bruder erhöbe ſich aus ſeinem Bett und gienge verſchiedentlich im Zimmer herum, neige ſich dann über mein Bett und küſſe mich. Aber ich konnte mich durchaus nicht beſinnen.

Den folgenden Morgen wachte ich ſpäter auf, als gewöhnlich. Ich blickte ſogleich nach dem Bet¬ te meines Bruders, und ſah, nicht ohne Ahnung und Schreck, daß es leer war. Ich lief ſchnell in den Garten hinaus, da ſaß Angelina am Spring¬ brunnen und weinte heftig. Meine Pflegeältern und alle im ganzen Hauſe waren heimlich, verwirrt und verſtört, und ſo erfuhr ich erſt nach und nach, daß Rudolph in dieſer Nacht entflohen ſey. Man ſchickte Boten nach allen Seiten aus, aber keiner brachte ihn mehr wieder.

Und habt ihr denn ſeitdem niemals wieder et¬ was von ihm gehört? fragte Roſa.

Es kam wohl die Nachricht, ſagte Friedrich, daß er ſich bey einem Freykorps habe anwerben laſ¬ ſen, nachher gar, daß er in einem Treffen geblie¬ ben ſey. Aber aus ſpäteren, einzelnen, abgebro¬ chenen Reden meiner Pflegeältern gelangte ich wohl zu der Gewißheit, daß er noch am Leben ſeyn müſ¬ ſe. Doch thaten ſie ſehr heimlich damit und hörten ſogleich auf zu ſprechen, wenn ich hinzutrat; und77 ſeitdem habe ich von ihm nichts mehr ſehen, noch erfahren können.

Bald darauf verließ auch Angelina mit ihrem Vater, der weitläufig mit uns verwandt war, un¬ ſer Schloß und reiste nach Italien zurück. Es iſt ſonderbar, daß ich mich auf die Züge des Kindes nie wieder beſinnen konnte. Nur ein leiſes, freund¬ liches Bild ihrer Geſtalt und ganzen lieblichen Ge¬ genwart blieb mir übrig. Und ſo war denn nun das Kleeblatt meiner Kindheit zerriſſen und Gott weiß, ob wir uns jemals wiederſehen. Mir war zum Sterben bange, mein Spielzeug freute mich nicht mehr, der Garten kam mir unausſprechlich einſam vor. Es war, als müßte ich hinter jedem Baume, an jedem Bogengange noch Angelina oder meinem Bruder begegnen, das einförmige Plät¬ ſchern der Waſſerkünſte Tag und Nacht hindurch vermehrte nur meine tiefe Bangſamkeit. Mir