PRIMS Full-text transcription (HTML)
Anatol.
Berlin,1893. Verlag des Bibliographiſchen Bureaus. Alexanderſtraße 2.

Inhalt.

  • Seite
  • Einleitung. Von Loris1
  • Die Frage an das Schickſal7
  • Weihnachtseinkäufe27
  • Epiſode43
  • Denkſteine65
  • Abſchiedsſouper75
  • Agonie97
  • Anatols Hochzeitsmorgen113
[1]

Einleitung.

Arthur Schnitzler, Anatol. 1[2][3]

Hohe Gitter, Taxushecken, Wappen nimmermehr vergoldet Sphinxe, durch das Dickicht ſchimmernd Knarrend öffnen ſich die Thore. Mit verſchlafenen Cascaden Und verſchlafenen Tritonen, Rococco, verſtaubt und lieblich Seht das Wien des Canaletto, Wien von Siebzehnhundertſechzig Grüne, braune, ſtille Teiche, Glatt und marmorweiß umrandet, In dem Spiegelbild der Nixen Spielen Gold - und Silberfiſche Auf dem glattgeſchor’nen Raſen Liegen zierlich gleiche Schatten Schlanker Oleanderſtämme;1*4Zweige wölben ſich zur Kuppel, Zweige neigen ſich zur Niſche Für die ſteifen Liebespaare Heroinen und Heroen Drei Delphine gießen murmelnd Fluthen in ein Muſchelbecken Duftige Kaſtanienblüten Gleiten, ſchwirren leuchtend nieder Und ertrinken in dem Becken Hinter einer Taxusmauer Tönen Geigen, Clarinetten , Und ſie ſcheinen den graziöſen Amoretten zu entſtrömen, Die rings auf der Rampe ſitzen Fiedelnd oder Blumen windend, Selbſt von Blumen bunt umgeben Die aus Marmorvaſen ſtrömen: Goldlack und Jasmin und Flieder .. Auf der Rampe, zwiſchen ihnen Sitzen auch coquette Frauen, Violette Monſignori Und im Gras, zu ihren Füßen Und auf Polſtern, auf den Stufen: Cavaliere und Abbati And’re heben and’re Frauen Aus den parfümirten Sänften 5 Durch die Zweige brechen Lichter, Flimmernd auf den blonden Köpfchen; Scheinen auf den bunten Polſtern, Gleiten über Kies und Raſen Gleiten über das Gerüſte, Das wir flüchtig aufgeſchlagen. Wein und Winde klettert aufwärts Und umhüllt die lichten Balken. Und dazwiſchen, farbenüppig Flattert Teppich und Tapete, Schäferſcenen, keck gewoben Zierlich von Watteau entworfen Eine Laube ſtatt der Bühne, Sommerſonne ſtatt der Lampen, Alſo ſpielen wir Theater, Spielen unſ’re eig’nen Stücke, Frühgereift und zart und traurig, Die Komödie unſ’rer Seele, Unſ’res Fühlen’s Heut und Geſtern, Böſer Dinge hübſche Formel, Glatte Worte, bunte Bilder Halbes, heimliches Empfinden, Agonien, Epiſoden Manche hören zu, nicht Alle Manche träumen, manche lachen, Manche eſſen Eis und manche6 Sprechen ſehr galante Dinge Nelken wiegen ſich im Winde, Hochgeſtielte, weiße Nelken Wie ein Schwarm von weißen Faltern Und ein Bologneſerhündchen Bellt verwundert einen Pfau an

Herbſt 1892.

Loris.

[7]

Die Frage an das Schickſal.

[8]

Perſonen:

  • Anatol.
  • Max.
  • Cora.
[9]
Anatols Zimmer.
Max.

Wahrhaftig, Anatol, ich beneide Dich

Anatol
(lächelt).
Max.

Nun, ich muß Dir ſagen, ich war erſtarrt. Ich habe ja doch bisher das Ganze für ein Märchen gehalten. Wie ich das nun aber ſah, wie ſie vor meinen Augen einſchlief wie ſie tanzte, als Du ihr ſagteſt, ſie ſei eine Ballerine, und wie ſie weinte, als Du ihr ſagteſt, ihr Ge - liebter ſei geſtorben, und wie ſie einen Verbrecher begnadigte, als Du ſie zur Königin machteſt

Anatol.

Ja, ja.

Max.

Ich ſehe, es ſteckt ein Zauberer in Dir!

Anatol.

In uns allen!

Max.

Unheimlich!

Anatol.

Das kann ich nicht finden Nicht unheim - licher als das Leben ſelbſt. Nicht unheimlicher, als Vieles, auf das man erſt im Laufe der Jahrhunderte gekommen. Wie, glaubſt Du wohl, war unſeren Voreltern zu Muthe, als ſie10 plötzlich hörten, die Erde drehe ſich? Sie müſſen Alle ſchwindlig geworden ſein:

Max.

Ja aber es bezog ſich auf Alle!

Anatol.

Und wenn man den Frühling neu entdeckte! Man würde auch an ihn nicht glauben! Trotz der grünen Bäume, trotz der blühenden Blumen und trotz der Liebe.

Max.

Du verirrſt Dich; all das iſt Gefaſel. Mit dem Magnetismus

Anatol.

Hypnotismus

Max.

Nein, mit dem iſt’s ein ander Ding. Nie und nimmer würde ich mich hypnotiſiren laſſen.

Anatol.

Kindiſch! Was iſt daran, wenn ich Dich ein - ſchlafen heiße, und Du legſt Dich ruhig hin.

Max.

Ja, und dann ſagſt Du mir: Sie ſind ein Rauchfangkehrer , und ich ſteige in den Kamin und werde rußig!

Anatol.

Nun, das ſind ja Scherze Das Große an der Sache iſt die wiſſenſchaftliche Verwerthung. Aber ach, allzuweit ſind wir ja doch nicht.

Max.

Wieſo ?

Anatol.

Nun, ich, der jenes Mädchen heute in hundert andere Welten verſetzen konnte, wie bring ich mich ſelbſt in eine andere?

Max.

Iſt das nicht möglich?

Anatol.

Ich hab es ſchon verſucht, um die Wahrheit zu ſagen. Ich habe dieſen Brillantring minutenlang angeſtarrt und habe mir ſelbſt die Idee eingegeben: Anatol! ſchlafe ein! Wenn Du aufwachſt, wird der Gedanke an ach an jenes11 Weib, das Dich wahnſinnig macht, aus Deinem Herzen ge - ſchwunden ſein.

Max.

Nun, als Du aufwachteſt?

Anatol.

Oh, ich ſchlief gar nicht ein.

Max.

Jenes Weib jenes Weib? Alſo noch immer!

Anatol.

Ja, mein Freund! noch immer! Ich bin unglücklich, bin toll.

Max.

Noch immer alſo im Zweifel?

Anatol.

Nein nicht im Zweifel. Ich weiß, daß ſie mich betrügt! Während ſie an meinen Lippen hängt, während ſie mir die Haare ſtreichelt während wir ſelig ſind weiß ich, daß ſie mich betrügt.

Max.

Wahn!

Anatol.

Nein!

Max.

Und Deine Beweiſe

Anatol.

Ich ahne es ich fühle es darum weiß ich es!

Max.

Sonderbare Logik!

Anatol.

Immer ſind dieſe Frauenzimmer uns untreu. Es iſt ihnen ganz natürlich ſie wiſſen es gar nicht So wie ich zwei oder drei Bücher zugleich leſen muß, müſſen dieſe Weiber zwei oder drei Liebſchaften haben.

Max.

Sie liebt Dich doch?

Anatol.

Unendlich Aber das iſt gleichgiltig. Sie iſt mir untreu.

Max.

Und mit wem?

Anatol.

Weiß ich’s? Vielleicht mit einem Fürſten, der12 ihr auf der Straße nachgegangen, vielleicht mit einem Poëten aus einem Vorſtadthauſe, der ihr vom Fenſter aus zugelächelt hat, als ſie in der Früh vorbei ging!

Max.

Du biſt ein Narr!

Anatol.

Und was für einen Grund hätte ſie, mir nicht untreu zu ſein? Sie iſt wie jede, liebt das Leben, und denkt nicht nach. Wenn ich ſie frage: Liebſt Du mich? ſo ſagt ſie ja und ſpricht die Wahrheit; und wenn ich ſie frage, biſt Du mir treu, ſo ſagt ſie wieder ja und wieder ſpricht ſie die Wahrheit, weil ſie ſich gar nicht an die Andern erinnert in dem Augenblick wenigſtens. Und dann, hat Dir je Eine geantwortet: Mein lieber Freund, ich bin Dir untreu? Woher ſoll man alſo die Gewißheit nehmen? Und wenn ſie mir treu iſt

Max.

Alſo doch!

Anatol.

So iſt es der reine Zufall Keineswegs denkt ſie: Oh ich muß ihm die Treue halten, meinem lieben Anatol keineswegs

Max.

Aber wenn ſie Dich liebt?

Anatol.

O, mein naiver Freund! wenn das ein Grund wäre!

Max.

Nun?

Anatol.

Warum bin ich ihr nicht treu? ich liebe ſie doch gewiß!

Max.

Nun ja! ein Mann!

Anatol.

Die alte dumme Phraſe! Immer wollen wir uns einreden, die Weiber ſeien darin anders als wir! Ja, manche die, welche die Mutter einſperrt, oder die, welche13 kein Temperament haben Ganz gleich ſind wir. Wenn ich Einer ſage: Ich liebe Dich, nur Dich, ſo fühle ich nicht, daß ich ſie belüge, auch wenn ich in der Nacht vorher am Buſen einer Andern geruht.

Max.

Ja Du!

Anatol.

Ich ja! Und Du vielleicht nicht? Und ſie, meine angebetete Cora, vielleicht nicht? Oh! Und es bringt mich zur Raſerei. Wenn ich auf den Knien vor ihr läge, und ihr ſagte: Mein Schatz, mein Kind Alles iſt Dir im Vorhin verziehen aber ſag mir die Wahrheit was hälfe es mir? Sie würde lügen, wie vorher und ich wäre ſoweit wie vorher. Hat mich noch Keine an - gefleht: Um Himmelswillen! Sag mir biſt Du mir wirklich treu? Kein Wort des Vorwurfs, wenn Du’s nicht biſt; aber die Wahrheit! ich muß ſie wiſſen Was hab ich drauf gethan? Gelogen ruhig, mit einem ſeligen Lächeln mit dem reinſten Gewiſſen. Warum ſoll ich Dich betrüben, hab ich mir gedacht? Und ich ſagte: Ja, mein Engel! Treu bis in den Tod. Und ſie glaubte mir und war glücklich!

Max.

Nun alſo!

Anatol.

Aber ich glaube nicht und bin nicht glücklich! Ich wär es, wenn es irgend ein untrügliches Mittel gäbe, dieſe dummen, ſüßen, haſſenswerthen Geſchöpfe zum Sprechen zu bringen oder auf irgend eine andere Weiſe die Wahrheit zu erfahren Aber es giebt keines, außer dem Zufall.

Max.

Und die Hypnoſe?

Anatol.

Wie?

14
Max.

Nun die Hypnoſe Ich meine das ſo: Du ſchläferſt ſie ein und ſprichſt: Du mußt mir die Wahrheit ſagen.

Anatol.

Hm

Max.

Du mußt Hörſt Du

Anatol.

Sonderbar!

Max.

Es müßte doch gehen Und nun frägſt Du ſie weiter Liebſt Du mich? Einen Andern? Woher kommſt Du? Wohin gehſt Du? Wie heißt jener Andere? Und ſo weiter.

Anatol.

Max! Max!

Max.

Nun

Anatol.

Du haſt Recht! man könnte ein Zauberer ſein! Man könnte ſich ein wahres Wort aus einem Weiber - mund hervorhexen

Max.

Nun alſo? Ich ſehe Dich gerettet! Cora iſt ja gewiß ein geeignetes Medium heute Abend noch kannſt Du wiſſen, ob Du ein Betrogener biſt oder ein

Anatol.

Oder ein Gott! Max! Ich um - arme Dich! Ich fühle mich wie befreit ich bin ein ganz Anderer. Ich habe ſie in meiner Macht

Max.

Ich bin wahrhaftig neugierig

Anatol.

Wieſo? Zweifelſt Du etwa?

Max.

Ach ſo, die Andern dürfen nicht zweifeln, nur Du

Anatol.

Gewiß! Wenn ein Ehemann aus dem Hauſe tritt, wo er eben ſeine Frau mit ihrem Liebhaber15 entdeckt hat und ein Freund tritt ihm entgegen mit den Worten: Ich glaube, Deine Gattin betrügt Dich, ſo wird er nicht antworten: Ich habe ſoeben die Ueberzeugung ge - wonnen ſondern: Du biſt ein Schurke

Max.

Ja, ich hatte faſt vergeſſen, daß es die erſte Freundes - pflicht iſt dem Freund ſeine Illuſionen zu laſſen.

Anatol.

Still doch

Max.

Was iſt’s?

Anatol.

Hörſt Du ſie nicht? Ich kenne die Schritte, auch wenn ſie noch in der Hausflur hallen.

Max.

Ich höre nichts.

Anatol.

Wie nahe ſchon! Auf dem Gange

(öffnet die Thür.)

Cora!

Cora.
(Draußen.)

Guten Abend! O Du biſt nicht allein

Anatol.

Freund Max!

Cora
(hereintretend).

Guten Abend! Ei, im Dunklen?

Anatol.

Ach, es dämmert ja noch. Du weißt, das liebe ich.

Cora
(ihm die Haare ſtreichelnd).

Mein kleiner Dichter!

Anatol.

Meine liebſte Cora!

Cora.

Aber ich werde immerhin Licht machen Du erlaubſt.

(Sie zündet die Kerzen in den Leuchtern an)
Anatol
(zu Max).

Iſt ſie nicht reizend?

Max.

Oh!

Cora.

Nun wie geht’s? Dir, Anatol Ihnen, Max? Plaudert Ihr ſchon lange?

Anatol.

Eine halbe Stunde.

16
Cora.

So.

( Sie legt Hut und Mantel ab.)

Und worüber?

Anatol.

Ueber dies und Jenes.

Max

Ueber die Hypnoſe.

Cora.

O ſchon wieder die Hypnoſe! man wird ja ſchon ganz dumm davon.

Anatol.

Nun

Cora.

Du, Anatol, ich möchte, daß Du einmal mich hypnotiſirſt.

Anatol.

Ich Dich ?

Cora.

Ja, ich ſtelle mir das ſehr hübſch vor. Das heißt, von Dir.

Anatol.

Danke.

Cora.

Von einem Fremden nein, nein, das wollt ich nicht.

Anatol.

Nun, mein Schatz wenn Du willſt, hypnotiſire ich Dich.

Cora.

Wann?

Anatol.

Jetzt! Sofort, auf der Stelle.

Cora.

Ja! Gut! Was muß ich thun?

Anatol.

Nichts Anderes, mein Kind, als ruhig auf dem Fauteuil ſitzen bleiben und den guten Willen haben, einzuſchlafen.

Cora.

O ich habe den guten Willen!

Anatol.

Ich ſtelle mich vor Dich hin, Du ſiehſt mich an nun ſieh mich doch an ich ſtreiche Dir über Stirne und Augen. So

Cora.

Nun ja, und was dann

Anatol.

Nichts Du mußt nur einſchlafen wollen.

17
Cora.

Du, wenn Du mir ſo über die Augen ſtreichſt, wird mir ganz ſonderbar

Anatol.

Ruhig nicht reden Schlafen. Du biſt ſchon recht müde.

Cora.

Nein.

Anatol.

Ja! ein wenig müde.

Cora.

Ein wenig, ja

Anatol

Deine Augenlider werden Dir ſchwer ſehr ſchwer, Deine Hände kannſt Du kaum mehr erheben

Cora
(leiſe).

Wirklich.

Anatol
(ihr weiter über Stirne und Augen ſtreichend, eintönig).

Müd ganz müd biſt Du nun ſchlafe ein, mein Kind Schlafe.

(Er wendet ſich zu Max, der bewundernd zuſieht, macht eine ſieges - bewußte Miene.)

Schlafen Nun ſind die Augen feſt ge - ſchloſſen Du kannſt ſie nicht mehr öffnen

Cora
(will die Augen öffnen).
Anatol.

Es geht nicht Du ſchläfſt Nur ruhig weiter ſchlafen So

Max
(will etwas fragen).

Du

Anatol.

Ruhig

(zu Cora)

Schlafen feſt, tief ſchlafen.

(Er ſteht eine Weile vor Cora, die ruhig athmet und ſchläft).

So nun kannſt Du fragen.

Max.

Ich wollte nur fragen, ob ſie wirklich ſchläft.

Anatol.

Du ſiehſt doch Nun wollen wir ein paar Augenblicke warten.

(Er ſteht vor ihr, ſieht ſie ruhig an. Große Pauſe.)

Cora! Du wirſt mir nun antworten Ant - worten. Wie heißt Du?

Cora.

Cora.

Arthur Schnitzler, Anatol. 218
Anatol.

Cora, wir ſind im Wald.

Cora.

O im Wald wie ſchön! Die grünen Bäume und die Nachtigallen.

Anatol.

Cora Du wirſt mir nun in Allem die Wahrheit ſagen Was wirſt Du thun, Cora?

Cora.

Ich werde die Wahrheit ſagen.

Anatol[.]

Du wirſt mir alle Fragen wahrheitsgetreu be - antworten, und wenn Du aufwachſt, wirſt Du wieder Alles vergeſſen haben! Haſt Du mich verſtanden?

Cora.

Ja.

Anatol.

Nun ſchlafe ruhig ſchlafen

(zu Max).

Jetzt alſo werde ich ſie fragen

Max.

Du, wie alt iſt ſie denn?

Anatol.

Neunzehn Cora, wie alt biſt Du?

Cora.

Einundzwanzig Jahre.

Max.

Haha.

Anatol.

Pſt das iſt ja außerordentlich Du ſiehſt daraus

Max.

O, wenn ſie gewußt hätte, daß ſie ein ſo gutes Medium iſt!

Anatol.

Die Suggeſtion hat gewirkt. Ich werde ſie weiter fragen. Cora, liebſt Du mich ? Cora, liebſt Du mich?

Cora.

Ja!

Anatol[.]
(triumphirend).

Hörſt Du’s?

Max.

Nun alſo, die Hauptfrage, ob ſie treu iſt.

Anatol.

Cora!

(ſich umwendend.)

Die Frage iſt dumm.

Max.

Warum?

19
Anatol.

So kann man nicht fragen!

Max

?

Anatol.

Ich muß die Frage anders faſſen.

Max.

Ich denke doch, ſie iſt präcis genug.

Anatol.

Nein, das iſt eben der Fehler, ſie iſt nicht präcis genug!

Max.

Wieſo?

Anatol.

Wenn ich ſie frage: biſt Du treu, ſo meint ſie dies vielleicht im allerweiteſten Sinne.

Max.

Nun?

Anatol.

Sie umfaßt vielleicht die ganze Ver - gangenheit Sie denkt möglicherweiſe an eine Zeit, wo ſie einen Andern liebte und wird antworten: Nein.

Max.

Das wäre ja auch ganz intereſſant.

Anatol.

Ich danke Ich weiß, Cora iſt Andern begegnet vor mir Sie hat mir ſelbſt einmal geſagt: Ja, wenn ich gewußt hätte, daß ich Dich einmal treffe dann

Max.

Aber ſie hat es nicht gewußt.

Anatol.

Nein

Max.

Und was Deine Frage anbelangt

Anatol.

Ja Dieſe Frage Ich finde ſie plump, in der Faſſung wenigſtens.

Max.

Nun ſo ſtelle ſie etwa ſo: Cora, warſt Du mir treu, ſeit Du mich kennſt?

Anatol.

Hm Das wäre etwas.

( Vor Cora)

Cora! warſt Du .. Auch das iſt ein Unſinn!

Max.

Ein Unſinn!?

2*20
Anatol.

Ich bitte man muß ſich nur vorſtellen, wie wir uns kennen lernten. Wir ahnten ja ſelbſt nicht, daß wir uns einmal ſo wahnſinnig lieben würden. Die erſten Tage betrachteten wir Beide die ganze Geſchichte als etwas Vorübergehendes. Wer weiß

Max.

Wer weiß ?

Anatol.

Wer weiß, ob ſie nicht mich erſt zu lieben an - fing, als ſie einen Andern zu lieben aufhörte. Was er - lebte dieſes Mädchen einen Tag, bevor ich ſie traf, bevor wir das erſte Wort mit einander ſprachen? War es möglich, ſich da ſo ohne Weiteres los zu reißen? Hat ſie nicht vielleicht Tage und Wochen lang noch eine alte Kette nachſchleppen müſſen, müſſen ſag ich.

Max.

Hm.

Anatol.

Ich will ſogar noch weiter gehen Die erſte Zeit war es ja nur eine Laune von ihr wie von mir. Wir haben es Beide nicht anders angeſehen, wir haben nichts Anderes von einander verlangt, als ein flüchtiges ſüßes Glück. Wenn ſie zu jener Zeit ein Unrecht begangen hat, was kann ich ihr vorwerfen? Nichts gar nichts.

Max.

Du biſt eigenthümlich mild.

Anatol.

Nein, durchaus nicht, ich finde es nur un - edel, die Vortheile einer augenblicklichen Situation in dieſer Weiſe auszunützen.

Max.

Nun, das iſt ſicher vornehm gedacht. Aber ich will Dir aus der Verlegenheit helfen.

Anatol.

?

21
Max.

Du fragſt ſie, wie folgt: Cora, ſeit Du mich liebſt biſt Du mir treu?

Anatol.

Das klingt zwar ſehr klar.

Max

Nun?

Anatol.

Iſt es aber durchaus nicht.

Max.

Oh!

Anatol.

Treu! Wie heißt das eigentlich: treu? Denke Dir ſie iſt geſtern in einem Eiſenbahnwaggon gefahren, und ein gegenüberſitzender Herr berührte mit ſeinem Fuße die Spitze des ihren. Jetzt mit dieſem eigenthümlichen, durch den Schlafzuſtand in’s Unendliche geſteigerten Auffaſſungsvermögen, in dieſer verfeinerten Empfindungsfähigkeit, wie ſie ein Me - dium zweifellos in der Hypnoſe beſitzt, iſt es gar nicht aus - geſchloſſen, daß ſie auch das ſchon als einen Treubruch an - ſieht.

Max.

Na höre!

Anatol.

Um ſo mehr, als ſie in unſeren Geſprächen über dieſes Thema, wie wir ſie manchmal zu führen pflegten, meine vielleicht etwas übertriebenen Anſichten kennen lernte. Ich ſelbſt habe ihr geſagt: Cora, auch wenn Du einen andern Mann einfach anſchauſt, iſt es ſchon eine Untreue gegen mich!

Max.

Und ſie?

Anatol.

Und ſie, ſie lachte mich aus und ſagte, wie ich nur glauben könne, daß ſie einen Andern anſchaue.

Max.

Und doch glaubſt Du ?

Anatol.

Es giebt Zufälle denke Dir, ein Zudring - licher geht ihr Abends nach und drückt ihr einen Kuß auf den Hals.

22
Max.

Nun das

Anatol.

Nun das iſt doch nicht ganz unmöglich!

Max.

Alſo Du willſt ſie nicht fragen.

Anatol.

Oh doch aber

Max.

Alles, was Du vorgebracht haſt, iſt ein Unſinn. Glaube mir, die Weiber mißverſtehen uns nicht, wenn wir ſie um ihre Treue fragen. Wenn Du ihr jetzt zuflüſterſt mit zärtlicher verliebter Stimme: Biſt Du mir treu ſo wird ſie an keines Herrn Fußſpitzen und keines Zudringlichen Kuß auf den Nacken denken ſondern nur an das, was wir gemeiniglich unter Untreue verſtehen, wobei Du noch immer den Vortheil haſt, bei ungenügenden Antworten weitere Fragen ſtellen zu können, die Alles aufklären müſſen.

Anatol.

Alſo Du willſt durchaus, daß ich ſie fragen ſoll

Max.

Ich? Du wollteſt doch!

Anatol.

Mir iſt nämlich ſoeben noch etwas eingefallen.

Max.

Und zwar ?

Anatol.

Das Unbewußte!

Max.

Das Unbewußte?

Anatol.

Ich glaube nämlich an unbewußte Zuſtände.

Max.

So.

Anatol.

Solche Zuſtände können aus ſich ſelbſt heraus entſtehen, ſie können aber auch erzeugt werden, künſtlich, durch betäubende, durch berauſchende Mittel.

Max.

Willſt Du Dich nicht näher erklären ?

Anatol.

Vergegenwärtige Dir ein dämmeriges, ſtimmungs - volles Zimmer.

23
Max.

Dämmerig ſtimmungsvoll ich vergegen - wärtige mir.

Anatol.

In dieſem Zimmer ſie und irgend ein Anderer.

Max.

Ja, wie ſollte ſie da hinein gekommen ſein?

Anatol.

Ich will das vorläufig offen laſſen. Es giebt ja Vorwände Genug! So etwas kann vorkommen. Nun ein Paar Gläſer Rheinwein eine eigenthümlich ſchwüle Luft, die über dem Ganzen laſtet, ein Duft von Ci - garetten, parfumirten Tapeten, ein Lichtſchein von einem matten Glasluſter und rothe Vorhänge Einſamkeit Stille nur Flüſtern von ſüßen Worten

Max

!

Anatol.

Auch Andere ſind da ſchon erlegen! Beſſere, ruhigere als ſie!

Max.

Nun ja, nur kann ich es mit dem Begriffe der Treue noch immer nicht vereinbar finden, daß man ſich mit einem Andern in ſolch ein Gemach begiebt.

Anatol.

Es giebt ſo räthſelhafte Dinge

Max.

Nun, mein Freund, Du haſt die Löſung eines jener Räthſel, über das ſich die geiſtreichſten Männer den Kopf zerbrochen, vor Dir; Du brauchſt nur zu ſprechen, und Du weißt Alles, was Du wiſſen willſt. Eine Frage und Du erfährſt, ob Du Einer von den Wenigen biſt, die allein geliebt werden, kannſt erfahren, wo Dein Nebenbuhler iſt, erfahren, wodurch ihm der Sieg über Dich gelungen, und Du ſprichſt dieſes Wort nicht aus! Du haſt eine Frage frei an das Schickſal! Du ſtellſt ſie nicht! Tage und Nächte24 lang quälſt Du Dich, Dein halbes Leben gäbſt Du hin für die Wahrheit, nun liegt ſie vor Dir, Du bückſt Dich nicht, um ſie aufzuheben! Und warum? Weil es ſich viel - leicht fügen kann, daß eine Frau, die Du liebſt, wirklich ſo iſt, wie ſie ja alle Deiner Idee nach ſein ſollen und weil Dir Deine Illuſion doch tauſendmal lieber iſt, als die Wahrheit. Genug alſo des Spiels, wecke dieſes Mädchen auf und laſſe Dir an dem ſtolzen Bewußtſein genügen, daß Du ein Wunder hätteſt vollbringen können.

Anatol.

Max!

Max.

Nun, habe ich vielleicht Unrecht? Weißt Du nicht ſelbſt, daß Alles, was Du mir früher ſagteſt, Ausflüchte waren, leere Phraſen, mit denen Du weder mich noch Dich täuſchen konnteſt?

Anatol
(raſch).

Max Laß Dir nur ſagen, ich will; ja ich will ſie fragen!

Max.

Ah!

Anatol.

Aber ſei mir nicht böſe nicht vor Dir!

Max.

Nicht vor mir?

Anatol.

Wenn ich es hören muß, das Furchtbare, wenn ſie mir antwortet: Nein, ich war Dir nicht treu ſo ſoll ich allein es ſein, der es hört. Unglücklich ſein iſt erſt das halbe Unglück, bedauert werden: das iſt das ganze! Das will ich nicht. Du biſt ja mein beſter Freund, aber gerade darum will ich nicht, daß Deine Augen mit jenem Ausdruck von Mitleid auf mir ruhen, der dem Unglücklichen erſt ſagt, wie elend er iſt. Vielleicht iſt’s auch noch etwas Anderes vielleicht ſchäme ich mich vor Dir. Die Wahr -25 heit wirſt Du ja doch erfahren, Du haſt dieſes Mädchen heute zum letzten Mal bei mir geſehen, wenn ſie mich betrogen hat! Aber Du ſollſt es nicht mit mir zugleich hören; das iſt’s, was ich nicht ertragen könnte. Begreifſt Du das ?

Max.

Ja, mein Freund,

(drückt ihm die Hand)

und ich laſſe Dich auch mit ihr allein.

Anatol.

Mein Freund!

( Ihn zur Thüre begleitend.)

In weniger als einer Minute ruf ich Dich herein!

(Max ab.)
Anatol.
(Steht vor Cora ſieht ſie lange an.)

Cora !

(Schüttelt den Kopf, geht herum.)

Cora!

(Vor Cora auf den Knien.)

Cora! Meine ſüße Cora! Cora!

(Steht auf.) (Entſchloſſen.)

Wach auf und küſſe mich!

Cora
(ſteht auf, reibt ſich die Augen, fällt Anatol um den Hals).

Ana - tol! Hab ich lang geſchlafen? Wo iſt denn Max?

Anatol.

Max!

Max
(kommt aus dem Nebenzimmer).

Da bin ich!

Anatol.

Ja ziemlich lang haſt Du geſchlafen Du haſt auch im Schlafe geſprochen.

Cora.

Um Gotteswillen! Doch nichts Unrechtes?

Max.

Sie haben nur auf ſeine Fragen geantwortet!

Cora.

Was hat er denn gefragt?

Anatol.

Tauſenderlei!

Cora.

Und ich habe immer geantwortet? Immer?

Anatol.

Immer.

Cora.

Und was Du gefragt haſt, das darf man nicht wiſſen?

Anatol.

Nein, das darf man nicht! Und morgen hyp - notiſire ich Dich wieder!

26
Cora.

O nein! Nie wieder! Das iſt ja Hexerei. Da wird man gefragt und weiß nach dem Erwachen nichts da - von. Gewiß hab ich lauter Unſinn geplauſcht.

Anatol.

Ja zum Beiſpiel, daß, Du mich liebſt

Cora.

Wirklich!

Max.

Sie glaubt es nicht! Das iſt ſehr gut!

Cora.

Aber ſchau das hätte ich Dir ja auch im Wachen ſagen können!

Anatol.

Mein Engel!

( Umarmung.)
Max.

Meine Herrſchaften adieu!

Anatol.

Du gehſt ſchon?

Max.

Ich muß.

Anatol.

Sei nicht böſe, wenn ich Dich nicht begleite.

Cora.

Auf Wiederſehen!

Max.

Durchaus nicht.

( Bei der Thür.)

Eines iſt mir klar: Daß die Weiber auch in der Hypnoſe lügen Aber ſie ſind glücklich und das iſt die Hauptſache. Adieu, Kinder.

(Sie hören ihn nicht, da ſie ſich in einer leidenſchaftlichen Umarmung umſchlungen halten.)
[27]

Weihnachtseinkäufe.

[28]

Perſonen:

  • Anatol.
  • Gabriele.
[29]
(Weihnachtsabend 6 Uhr. Leichter Schneefall. In den Straßen Wiens.)
Anatol.

Gnädige Frau, gnädige Frau !

Gabriele.

Wie? Ah, Sie ſind’s!

Anatol.

Ja! Ich verfolge Sie! Ich kann das nicht mit anſehen, wie Sie all dieſe Dinge ſchleppen! Geben Sie mir doch Ihre Packete!

Gabriele.

Nein, nein, ich danke! Ich trage das ſchon ſelber!

Anatol.

Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, machen Sie mir’s doch nicht gar ſo ſchwer, wenn ich einmal galant ſein will

Gabriele.

Na das eine da

Anatol.

Aber das iſt ja gar nichts Geben Sie nur So dies und dies

Gabriele.

Genug, genug Sie ſind zu liebenswürdig!

Anatol.

Wenn man’s nur einmal ſein darf das thut ja ſo wohl!

30
Gabriele.

Das beweiſen Sie aber nur auf der Straße und wenn’s ſchneit.

Anatol

und wenn es ſpät Abends und wenn es zufällig Weihnachten iſt wie?

Gabriele.

Es iſt ja das reine Wunder, daß man Sie einmal zu Geſicht bekommt!

Anatol.

Ja, ja Sie meinen, daß ich heuer noch nicht einmal meinen Beſuch bei Ihnen gemacht habe

Gabriele.

Ja, ſo etwas Aehnliches meine ich!

Anatol.

Gnädige Frau ich mache heuer gar keine Beſuche gar keine! Und wie geht’s denn dem Herrn Gemahl? Und was machen die lieben Kleinen ?

Gabriele.

Dieſe Frage können Sie ſich ſchenken! Ich weiß ja, daß Sie das Alles ſehr wenig intereſſirt!

Anatol.

Es iſt unheimlich, wenn man auf ſo eine Menſchenkennerin trifft!

Gabriele.

Sie kenne ich!

Anatol.

Nicht ſo gut, als ich es wünſchte!

Gabriele.

Laſſen Sie Ihre Bemerkungen! Ja ?

Anatol.

Gnädige Frau das kann ich nicht!

Gabriele.

Geben Sie mir meine Päckchen wieder!

Anatol.

Nicht bös ſein nicht bös ſein!! Ich bin ſchon wieder brav

(Sie gehen ſchweigend neben einander her.)
Gabriele.

Irgend etwas dürfen Sie ſchon reden!

Anatol.

Irgend etwas ja aber Ihre Cenſur iſt ſo ſtrenge

Gabriele.

Erzählen Sie mir doch was. Wir haben31 uns ja ſchon ſo lange nicht geſehen Was machen Sie denn eigentlich?

Anatol.

Ich mache nichts, wie gewöhnlich!

Gabriele.

Nichts?

Anatol.

Gar nichts!

Gabriele.

Es iſt wirklich ſchad um Sie!

Anatol.

Na Ihnen iſt das ſehr gleichgiltig!

Gabriele.

Wie können Sie das behaupten ?

Anatol.

Warum verbummle ich mein Leben? Wer iſt Schuld? Wer?!

Gabriele.

Geben Sie mir die Packete!

Anatol.

Ich habe ja Niemandem die Schuld gegeben Ich fragte nur ſo in’s Blaue

Gabriele.

Sie gehen wohl immerfort ſpazieren !

Anatol.

Spazieren! Da legen Sie ſo einen verächt - lichen Ton hinein! Als wenn es was Schöneres gäbe! Es liegt ſo was herrlich Planloſes in dem Wort! Heut paßt es übrigens gar nicht auf mich heut bin ich be - ſchäftigt, gnädige Frau genau ſo wie Sie!

Gabriele.

Wieſo?!

Anatol.

Ich mache auch Weihnachtseinkäufe!

Gabriele.

Sie!?

Anatol.

Ich finde nur nichts Rechtes! Dabei ſtehe ich ſeit Wochen jeden Abend vor allen Auslagefenſtern in allen Straßen! Aber die Kaufleute haben keinen Geſchmack und keinen Erfindungsgeiſt.

Gabriele.

Den muß eben der Käufer haben! Wenn man ſo wenig zu thun hat wie Sie, da denkt man nach,32 erfindet ſelbſt und beſtellt ſeine Geſchenke ſchon im Herbſt.

Anatol.

Ach, dazu bin ich nicht der Menſch! Weiß man denn überhaupt im Herbſt, wem man zu Weihnachten etwas ſchenken wird? Und jetzt iſt’s wieder einmal zwei Stunden vor Chriſtbaum und ich habe noch keine Ahnung, keine Ahnung !

Gabriele.

Soll ich Ihnen helfen?

Anatol.

Gnädige Frau Sie ſind ein Engel aber nehmen Sie mir die Päckchen nicht weg

Gabriele.

Nein, nein

Anatol.

Alſo Engel! darf man ſagen. Das iſt ſchön Engel!

Gabriele.

Wollen Sie gefälligſt ſchweigen?

Anatol.

Ich bin ſchon wieder ganz ruhig!

Gabriele.

Alſo geben Sie mir irgend einen An - haltspunkt Für wen ſoll Ihr Geſchenk gehören?

Anatol

Das iſt eigentlich ſchwer zu ſagen

Gabriele.

Für eine Dame natürlich?!

Anatol

Na, ja daß Sie eine Menſchenkennerin ſind hab ich Ihnen heut ſchon einmal geſagt!

Gabriele.

Aber was für eine Dame? Eine wirkliche Dame?!

Anatol

Da müſſen wir uns erſt über den Begriff einigen! Wenn Sie meinen, eine Dame der großen Welt, da ſtimmt es nicht vollkommen

Gabriele.

Alſo der kleinen Welt?

Anatol.

Gut ſagen wir der kleinen Welt

33
Gabriele.

Das hätt ich mir eigentlich denken können !

Anatol.

Nur nicht ſarkaſtiſch werden!

Gabriele.

Ich kenne ja Ihren Geſchmack Wird wohl wieder irgend was vor der Linie ſein dünn und blond!

Anatol.

Blond gebe ich zu !

Gabriele

Ja, ja blond es iſt merk - würdig, daß Sie immer mit ſolchen Vorſtadtdamen zu thun haben aber immer!

Anatol.

Gnädige Frau meine Schuld iſt es nicht.

Gabriele.

Laſſen Sie das mein Herr! Oh, es iſt auch ganz gut, daß Sie bei Ihrem Genre bleiben es wäre ein großes Unrecht, wenn Sie die Stätte Ihrer Triumphe verließen

Anatol.

Aber was ſoll ich denn thun man liebt mich nur da draußen

Gabriele.

Verſteht man Sie denn da draußen?

Anatol.

Keine Idee! Aber, ſehen Sie in der kleinen Welt werd ich nur geliebt; in der großen nur verſtanden Sie wiſſen ja

Gabriele.

Ich weiß gar nichts und will weiter nichts wiſſen! Kommen Sie hier iſt gerade das richtige Geſchäft da wollen wir Ihrer Kleinen was kaufen

Anatol.

Gnädige Frau!

Gabriele.

Nun ja ſehen Sie einmal da ſo eine kleine Schatulle mit drei verſchiedenen Parfüms oder dieſe hier mit den ſechs Seifen .... Patchouli Arthur Schnitzler, Anatol. 334Chypre Jockey-Club das müßte doch was ſein nicht?!

Anatol.

Gnädige Frau ſchön iſt das nicht von Ihnen!

Gabriele.

Oder warten Sie, hier ! Sehen Sie doch Dieſe kleine Broche mit ſechs falſchen Brillanten denken Sie ſechs! Wie das nur glitzert! Oder dieſes reizende, kleine Armband mit den himmliſchen Breloques ach, eins ſtellt gar einen veritablen Mohrenkopf vor! Das muß doch rieſig wirken in der Vorſtadt!

Anatol.

Gnädige Frau Sie irren ſich! Sie kennen dieſe Mädchen nicht die ſind anders, als Sie ſich vor - ſtellen ..

Gabriele.

Und da ach, wie reizend Kommen Sie doch näher nun was ſagen Sie zu dem Hut!? Die Form war vor zwei Jahren höchſt modern! Und die Federn wie die wallen nicht?! Das müßte ein koloſſales Aufſehen machen in Hernals?!

Anatol.

Gnädige Frau von Hernals war nie die Rede und übrigens unterſchätzen Sie wahrſcheinlich auch den Hernalſer Geſchmack

Gabriele.

Ja es iſt wirklich ſchwer mit Ihnen ſo kommen Sie mir doch zu Hilfe geben Sie mir eine Andeutung

Anatol.

Wie ſoll ich das ?! Sie würden ja doch überlegen lächeln jedenfalls!

Gabriele.

Oh nein, oh nein! Belehren Sie mich35 nur ! Iſt ſie eitel oder beſcheiden? Iſt ſie groß oder klein? Schwärmt ſie für bunte Farben ?

Anatol.

Ich hätte Ihre Freundlichkeit nicht annehmen ſollen! Sie ſpotten nur!

Gabriele.

Oh nein, ich höre ſchon zu! Erzählen Sie mir doch was von ihr!

Anatol.

Ich wage es nicht

Gabriele.

Wagen Sie’s nur! Seit wann ?

Anatol.

Laſſen wir das!

Gabriele.

Ich beſtehe darauf! Seit wann kennen Sie ſie?

Anatol.

Seit längerer Zeit!

Gabriele.

Laſſen Sie ſich doch nicht in dieſer Weiſe ausfragen ! Erzählen Sie mir einmal die ganze Ge - ſchichte !

Anatol.

Es iſt gar keine Geſchichte!

Gabriele.

Aber, wo Sie ſie kennen gelernt haben, und wie und wann, und was das überhaupt für eine Perſon iſt das möcht ich wiſſen!

Anatol.

Gut aber es iſt langweilig ich mache Sie darauf aufmerkſam!

Gabriele.

Mich wird es ſchon intereſſiren. Ich möchte wirklich einmal was aus dieſer Welt erfahren! Was iſt das überhaupt für eine Welt? Ich kenne ſie ja gar nicht!

Anatol.

Sie würden ſie auch gar nicht verſtehn!

Gabriele.

Oh, mein Herr!

Anatol.

Sie haben eine ſo ſummariſche Verachtung für Alles, was nicht Ihr Kreis iſt! Sehr mit Unrecht.

3*36
Gabriele.

Aber ich bin ja ſo gelehrig! Man erzählt mir ja nichts aus dieſer Welt! Wie ſoll ich ſie kennen?

Anatol.

Aber Sie haben ſo eine unklare Em - pfindung, daß man Ihnen dort etwas wegnimmt. Stille Feindſchaft!

Gabriele.

Ich bitte mir nimmt man nichts weg wenn ich etwas behalten will.

Anatol.

Ja aber, wenn Sie ſelber irgend was nicht wollen, es ärgert Sie doch, wenn’s ein Anderer kriegt?

Gabriele.

Oh !

Anatol.

Gnädige Frau Das iſt nur echt weiblich! Und da es echt weiblich iſt iſt es ja wahrſcheinlich auch höchſt vornehm und ſchön und tief !

Gabriele.

Wo Sie nur die Ironie herhaben!!

Anatol.

Wo ich ſie herhabe? Ich will es Ihnen ſagen. Auch ich war einmal gut und voll Vertrauen und es gab keinen Hohn in meinen Worten Und ich habe manche Wunde ſtill ertragen

Gabriele.

Nur nicht romantiſch werden!

Anatol.

Die ehrlichen Wunden ja! Ein Nein zur rechten Zeit, ſelbſt von den geliebteſten Lippen ich konnte es verwinden. Aber ein Nein , wenn die Augen hundert Mal Vielleicht! geſagt wenn die Lippen hundert Mal Mag ſein! gelächelt, wenn der Ton der Stimme hundert Mal nach Gewiß! geklungen ſo ein Nein macht einen

Gabriele.

Wir wollten ja was kaufen!

37
Anatol.

So ein Nein macht einem zum Narren oder zum Spötter!

Gabriele

Sie wollten mir ja erzählen

Anatol.

Gut wenn Sie durchaus etwas erzählt haben wollen

Gabriele.

Gewiß will ich es! Wie lernten Sie ſie kennen ?

Anatol.

Gott wie man eben Jemand kennen lernt! Auf der Straße beim Tanz in einem Omnibus unter einem Regenſchirm

Gabriele.

Aber Sie wiſſen ja der ſpecielle Fall intereſſirt mich. Wir wollen ja dem ſpeciellen Fall etwas kaufen!

Anatol.

Dort, in der kleinen Welt giebt’s ja keine ſpeciellen Fälle eigentlich auch in der großen nicht Ihr ſeid ja Alle ſo typiſch!

Gabriele.

Mein Herr! Nun fangen Sie an

Anatol.

Es iſt ja nichts Beleidigendes durchaus nicht! Ich bin ja auch ein Typus!

Gabriele.

Und was für einer denn?

Anatol

Leichtſinniger Melancholiker!

Gabriele

Und und ich?

Anatol.

Sie? ganz einfach: Mondaine!

Gabriele.

So ! Und ſie!?

Anatol.

Sie ? Sie , das ſüße Mädl!

Gabriele.

Süß! Gleich ſüß ? Und ich die Mondaine ſchlechtweg

Anatol.

Böſe Mondaine wenn Sie durchaus wollen

38
Gabriele.

Alſo erzählen Sie mir endlich von dem ſüßen Mädl!

Anatol.

Sie iſt nicht fascinirend ſchön ſie iſt nicht beſonders elegant und ſie iſt durchaus nicht geiſtreich

Gabriele.

Ich will ja nicht wiſſen, was ſie nicht iſt

Anatol.

Aber ſie hat die weiche Anmuth eines Früh - lingsabends und die Grazie einer verzauberten Prin - zeſſin und den Geiſt eines Mädchens, das zu lieben weiß!

Gabriele.

Dieſe Art von Geiſt ſoll ja ſo ſehr verbreitet ſein in Ihrer kleinen Welt!

Anatol.

Sie können ſich da nicht hinein denken! Man hat Ihnen zu viel verſchwiegen, als Sie junges Mädchen waren und hat Ihnen zu viel geſagt, ſeit Sie junge Frau ſind! darunter leidet die Naivetät Ihrer Betrachtungen

Gabriele.

Aber Sie hören doch ich will mich be - lehren laſſen Ich glaube Ihnen ja auch ſchon die ver - zauberte Prinzeſſin ! Erzählen Sie mir nur, wie der Zaubergarten ausſchaut, in dem ſie ruht

Anatol.

Da dürfen Sie ſich freilich nicht einen glän - zenden Salon vorſtellen, wo die ſchweren Portièren nieder - fallen mit Makartbouquets in den Ecken, Bibelôts, Leucht - thürmen, mattem Sammt und dem affectirten Halb - dunkel eines ſterbenden Nachmittags

Gabriele.

Ich will ja nicht wiſſen, was ich mir nicht vorſtellen ſoll

Anatol.

Alſo denken Sie ſich ein kleines, dämmeriges Zimmer ſo klein mit gemalten Wänden 39 und noch dazu etwas zu licht ein paar alte, ſchlechte Kupferſtiche mit verblaßten Aufſchriften hängen da und dort. Eine Hängelampe mit einem Schirm. Vom Fenſter aus, wenn es Abend wird, die Ausſicht auf die im Dunkel verſinkenden Dächer und Rauchfänge! Und wenn der Frühling kommt, da wird der Garten gegenüber blüh’n und duften

Gabriele.

Wie glücklich müſſen Sie ſein, daß Sie ſchon zu Weihnachten an den Mai denken!

Anatol.

Ja dort bin ich auch zuweilen glück - lich!

Gabriele.

Genug, genug! Es wird ſpät wir wollten ihr was kaufen! Vielleicht etwas für das Zimmer mit den gemalten Wänden

Anatol.

Es fehlt nichts darin!

Gabriele.

Ja ihr! das glaub ich wohl! Aber ich möchte Ihnen ja Ihnen! das Zimmer ſo recht nach Ihrer Weiſe ſchmücken!

Anatol.

Mir?

Gabriele.

Mit perſiſchen Teppichen

Anatol.

Aber ich bitte Sie da hinaus!

Gabriele.

Mit einer Ampel von gebrochenem, roth - grünem Glas ?

Anatol.

Hm!

Gabriele.

Ein paar Vaſen mit friſchen Blumen?

Anatol.

Ja aber ich will ja ihr was bringen

Gabriele.

Ach ja es iſt wahr wir müſſen uns entſcheiden ſie wartet wohl ſchon auf Sie?

40
Anatol.

Gewiß!

Gabriele.

Sie wartet?! Sagen Sie wie em - pfängt ſie Sie denn?

Anatol.

Ach wie man eben empfängt.

Gabriele.

Sie hört Ihre Schritte ſchon auf der Treppe nicht wahr?

Anatol.

Ja zuweilen

Gabriele.

Und ſteht bei der Thüre?

Anatol.

Ja!

Gabriele.

Und fällt Ihnen um den Hals und küßt Sie und ſagt Was ſagt ſie denn ?

Anatol.

Was man eben in ſolchen Fällen ſagt

Gabriele.

Nun zum Beiſpiel!

Anatol.

Ich weiß kein Beiſpiel!

Gabriele.

Was ſagte ſie geſtern?

Anatol.

Ach nichts Beſonderes das klingt ſo einfältig, wenn man nicht den Ton der Stimme dazu hört !

Gabriele.

Ich will mir ihn ſchon dazu denken: Nun was ſagte ſie?

Anatol

Ich bin ſo froh, daß ich Dich wieder hab!

Gabriele.

Ich bin ſo froh wie?!

Anatol

daß ich Dich wieder hab !

Gabriele

das iſt eigentlich hübſch ſehr hübſch!

Anatol.

Ja es iſt herzlich und wahr!

Gabriele.

Und ſie iſt immer allein? Ihr könnt Euch ſo ungeſtört ſehen!?

Anatol.

Nun ja ſie lebt ſo für ſich ſie ſteht41 ganz allein keinen Vater, keine Mutter nicht einmal eine Tante!

Gabriele.

Und Sie ſind ihr Alles ?

Anatol

Möglich! Heute

(Schweigen.)
Gabriele

Es wird ſo ſpät ſehen Sie, wie leer es ſchon in den Straßen iſt

Anatol.

Oh ich hielt Sie auf! Sie müſſen ja nach Hauſe.

Gabriele.

Freilich freilich! Man wird mich ſchon erwarten! Wie machen wir das nur mit dem Geſchenk ?

Anatol.

Oh ich finde ſchon noch irgend eine Kleinigkeit !

Gabriele.

Wer weiß, wer weiß! Und ich habe mir ſchon einmal in den Kopf geſetzt, daß ich Ihrer daß ich dem Mädel was ausſuchen will !

Anatol.

Aber, ich bitte Sie, gnädige Frau!

Gabriele

.. Ich möchte am Liebſten dabei ſein, wenn Sie ihr das Weihnachtsgeſchenk bringen! Ich habe eine ſolche Luſt bekommen, das kleine Zimmer und das ſüße Mädl zu ſehen! Die weiß ja gar nicht, wie gut ſie’s hat!

Anatol

!

Gabriele.

Nun aber, geben Sie mir die Päckchen! Es wird ſo ſpät

Anatol.

Ja, ja! Hier ſind ſie aber

Gabriele.

Bitte winken Sie dem Wagen dort, der uns entgegen kommt

Anatol.

Dieſe Eile mit einem Mal?!

Gabriele.

Bitte, bitte!

(Er winkt)
42
Gabriele.

Ich danke Ihnen ! Aber was machen wir nun mit dem Geſchenk ?

(Der Wagen hat gehalten; er und ſie ſind ſtehen geblieben, er will die Wagenthüre öffnen)
Gabriele.

Warten Sie! Ich möchte ihr ſelbſt was ſchicken!

Anatol.

Sie ?! Gnädige Frau, Sie ſelbſt

Gabriele.

Was nur?! Hier nehmen Sie dieſe Blumen ganz einfach, dieſe Blumen ! Es ſoll nichts Anderes ſein, als ein Gruß, gar nichts weiter Aber Sie müſſen ihr was dazu ausrichten.

Anatol.

Gnädige Frau Sie ſind ſo lieb

Gabriele.

Verſprechen Sie mit, ihr’s zu beſtellen und mit den Worten, die ich Ihnen mitgeben will

Anatol.

Gewiß!

Gabriele.

Verſprechen Sie’s mir?

Anatol.

Ja mit Vergnügen! Warum denn nicht!

Gabriele
(hat die Wagenthüre geöffnet).

So ſagen Sie ihr

Anatol.

Nun ?

Gabriele.

Sagen Sie ihr: Dieſe Blumen, mein ſüßes Mädl, ſchickt Dir eine Frau, die vielleicht ebenſo lieben kann wie Du und die den Muth dazu nicht hatte

Anatol.

Gnädige Frau!?

(Sie iſt in den Wagen geſtiegen Der Wagen rollt fort, die Straßen ſind faſt menſchenleer geworden.)

(Er ſchaut dem Wagen lange nach, bis er um eine Ecke gebogen iſt Er bleibt noch eine Weile ſtehn: dann ſieht er auf die Uhr und eilt raſch fort.)
[43]

Epiſode.

[44]

Perſonen:

  • Anatol.
  • Max.
  • Bianca.
[45]
Maxens Zimmer, im Ganzen dunkel gehalten, dunkelrothe Tapeten, dunkelrothe Portièren. Im Hintergrunde, Mitte, eine Thür. Eine zweite links vom Zu - ſchauer. In der Mitte des Zimmers ein großer Schreibtiſch; eine Lampe mit einem Schirm ſteht darauf; Bücher und Schriften liegen auf demſelben. Rechts vorn ein hohes Fenſter. Im Winkel rechts ein Kamin, in welchem ein Feuer lodert. Davor zwei niedere Lehnſeſſel. Zwanglos daneben gerückt ein dunkel - rother Ofenſchirm.
Max
(ſitzt vor dem Schreibtiſch und lieſt, ſeine Cigarre rauchend, einen Brief).

Mein lieber Max! Ich bin wieder da. Unſere Ge - ſellſchaft bleibt drei Monate hier, wie Sie wohl in der Zeitung geleſen haben. Der Abend gehört der Freundſchaft. Heute Abends bin ich bei Ihnen. Bibi Bibi alſo Bianca Nun, ich werde ſie erwarten.

(Es klopft)

Sollte ſie es ſchon ſein ? Herein!

Anatol
(tritt ein, ein großes Packet unter dem Arm tragend, düſter).

Guten Abend!

Max.

Ah Du! Was bringſt Du?

Anatol.

Ich ſuche ein Aſyl für meine Vergangenheit.

Max.

Wie ſoll ich das verſtehen?

Anatol
(hält ihm das Packet entgegen).
Max.

Nun?

46
Anatol.

Hier bringe ich Dir meine Vergangenheit, mein ganzes Jugendleben: nimm es bei Dir auf.

Max.

Mit Vergnügen. Aber Du wirſt Dich doch näher erklären?

Anatol.

Darf ich mich ſetzen?

Max.

Gewiß. Warum biſt Du übrigens ſo feierlich?

Anatol
(hat ſich niedergeſetzt).

Darf ich mir eine Cigarre anzünden?

Max.

Da! Nimm, ſie ſind von der heurigen Ernte.

Anatol
(zündet ſich eine der angebotenen Cigarren an).

Ah ausgezeichnet!

Max
(auf das Packet deutend, welches Anatol auf den Schreibtiſch gelegt hat).

Und ?

Anatol.

Dieſes Jugendleben hat in meinem Haufe kein Quartier mehr! Ich verlaſſe die Stadt.

Max.

Ah!

Anatol.

Ich beginne ein neues Leben auf unbeſtimmte Zeit. Dazu muß ich frei und allein ſein, und darum löſe ich mich von der Vergangenheit los.

Max.

Du haſt alſo eine neue Geliebte.

Anatol.

Nein ich habe nur vorläufig die alte nicht mehr

(raſch abbrechend und auf das Packet deutend)

bei Dir, mein lieber Freund, darf ich all dieſen Tand ruhen laſſen.

Max.

Tand, ſagſt Du ! Warum verbrennſt Du ihn nicht?

Anatol.

Ich kann nicht.

Max.

Das iſt kindiſch.

Anatol.

Oh nein: das iſt ſo meine Art von Treue. 47Keine von Allen, die ich liebte, kann ich vergeſſen. Wenn ich ſo in dieſen Blättern, Blumen, Locken wühle Du mußt mir geſtatten, manchmal zu Dir zu kommen, nur um zu wühlen dann bin ich wieder bei ihnen, dann leben ſie wieder, und ich bete ſie auf’s Neue an.

Max.

Du willſt Dir alſo in meiner Behauſung ein Stelldichein mit alten Geliebten geben ?

Anatol
(kaum auf ihn hörend).

Ich habe manchmal ſo eine Idee Wenn es irgend ein Machtwort gäbe, daß Alle wieder erſcheinen müßten! Wenn ich ſie hervorzaubern könnte aus dem Nichts!

Max.

Dieſes Nichts wäre etwas verſchiedenartig.

Anatol.

Ja, ja denke Dir, ich ſpräche es aus, dieſes Wort

Max.

Vielleicht findeſt Du ein wirkſames zum Beiſpiel: Einzig Geliebte!

Anatol.

Ich rufe alſo: Einzig Geliebte ! Und nun kommen ſie; die Eine aus irgend einem kleinen Häuschen in der Vorſtadt, die Andere aus dem prunkenden Salon ihres Herrn Gemahls Eine aus der Garderobe ihres Theaters

Max.

Mehrere!

Anatol.

Mehrere gut Eine aus dem Mo - diſtengeſchäft

Max.

Eine aus den Armen eines neuen Geliebten

Anatol.

Eine aus dem Grabe Eine von da Eine von dort und nun ſind ſie Alle da

Max.

Sprich das Wort lieber nicht aus. Dieſe Ver - ſammlung könnte ungemüthlich werden. Denn ſie haben48 vielleicht Alle aufgehört, Dich zu lieben aber Keine, eifer - ſüchtig zu ſein.

Anatol.

Sehr weiſe .. Ruhet alſo in Frieden.

Max.

Nun heißt es aber einen Platz für dieſes ſtatt - liche Päckchen zu finden.

Anatol.

Du wirſt es vertheilen müſſen.

( Reißt das Packet auf; es liegen zierliche, durch Bänder zuſammengehaltene Päckchen zu Tage.)
Max.

Ah!

Anatol.

Es iſt Alles hübſch geordnet.

Max.

Nach Namen?

Anatol.

O nein. Jedes Päckchen trägt irgend eine Aufſchrift: einen Vers, ein Wort, eine Bemerkung, die mir das ganze Erlebniß in die Erinnerung zurückrufen. Niemands Namen denn Marie oder Anna könnte ſchließlich Jede heißen.

Max.

Laß ſehen.

Anatol.

Werde ich Euch Alle wieder kennen? Manches liegt jahrelang da, ohne daß ich es wieder angeſehen habe.

Max
(eines der Päckchen in die Hand nehmend, die Aufſchrift leſend):
Du reizend Schöne, Holde, Wilde,
Laß mich umſchlingen Deinen Leib;
Ich küſſe Deinen Hals, Mathilde,
Du wunderſames ſüßes Weib!

Das iſt ja doch ein Name ? Mathilde!

Anatol.

Ja, Mathilde. Sie hieß aber anders. Immerhin habe ich ihren Hals geküßt.

Max.

Wer war ſie?

Anatol.

Frage das nicht. Sie iſt in meinen Armen gelegen, das genügt.

49
Max.

Alſo fort mit der Mathilde. Uebrigens ein recht ſchmales Päckchen.

Anatol.

Ja, es iſt nur eine Locke darin.

Max.

Gar keine Briefe?

Anatol

Oh von Der! Das hätte ihr die rieſigſte Mühe gemacht. Wo kämen wir aber hin, wenn uns alle Weiber Briefe ſchrieben! Alſo weg mit der Mathilde.

Max
(wie oben).

In einer Beziehung ſind alle Weiber gleich: ſie werden impertinent, wenn man ſie auf einer Lüge ertappt.

Anatol.

Ja, das iſt wahr!

Max.

Wer war Die? Ein gewichtiges Päckchen!

Anatol.

Lauter acht Seiten lange Lügen! Weg damit.

Max.

Und impertinent war ſie auch?

Anatol.

Als ich ihr d’rauf kam. Weg mit ihr.

Max.

Weg mit der impertinenten Lügnerin.

Anatol.

Keine Beſchimpfungen. Sie lag in meinen Armen; ſie iſt heilig.

Max.

Das iſt wenigſtens ein guter Grund. Alſo weiter.

(Wie oben:)
Um mir die böſe Laune wegzufächeln,
Denk ich an Deinen Bräutigam, mein Kind.
Ja dann, mein ſüßer Schatz, dann muß ich lächeln,
Weil’s Dinge giebt, die gar zu luſtig ſind.
Anatol
(lächelnd).

Ach ja, das war ſie.

Max.

Ah, was iſt denn da drin?

Anatol.

Eine Photographie. Sie mit dem Bräutigam.

Max.

Kannteſt Du ihn?

Arthur Schnitzler, Anatol. 450
Anatol.

Natürlich, ſonſt hätte ich ja nicht lächeln können. Er war ein Dummkopf.

Max
(ernſt).

Er iſt in ihren Armen gelegen; er iſt heilig.

Anatol.

Genug.

Max.

Weg mit dem luſtigen ſüßen Kind ſammt lächer - lichem Bräutigam.

(Ein neues Päckchen nehmend).

Was iſt das? Nur ein Wort?

Anatol.

Welches denn?

Max.

Ohrfeige.

Anatol.

Oh, ich erinnere mich ſchon.

Max.

Das war wohl der Schluß?

Anatol.

Oh nein, der Anfang.

Max.

Ach ſo! Und hier Es iſt leichter, die Richtung einer Flamme zu verändern, als ſie zu entzünden. Was bedeutet das?

Anatol.

Nun, ich habe eben die Richtung der Flamme verändert: entzündet hat ſie ein Anderer.

Max.

Fort mit der Flamme Immer hat ſie ihr Brenneiſen mit.

(Sieht Anatol fragend an.)
Anatol.

Nun ja; ſie hatte eben immer ihr Brenneiſen mit für alle Fälle. Aber ſie war ſehr hübſch. Uebrigens hab ich nur ein Stück Schleier von ihr.

Max.

Ja, es fühlt ſich ſo an

(Weiter leſend:)

Wie hab ich Dich verloren? Nun, wie haſt Du ſie verloren?

Anatol.

Das weiß ich eben nicht. Sie war fort, plötzlich fort aus meinem Leben. Ich verſichere Dich, das kommt manchmal vor. Es iſt, wie wenn man irgendwo einen51 Regenſchirm ſtehen läßt und ſich erſt viele Tage ſpäter er - innert Man weiß dann nicht mehr, wann und wo.

Max.

Ade, verlorene.

( Wie oben.)

Warſt ein ſüßes, liebes Ding

Anatol
(träumeriſch fortfahrend).

Mädel mit den zerſtochenen Fingern.

Max.

Das war Cora nicht?

Anatol.

Ja Du haſt ſie ja gekannt.

Max.

Weißt Du, was aus ihr geworden iſt?

Anatol.

Ich habe ſie ſpäter wieder getroffen als Gattin eines Tiſchlermeiſters.

Max.

Wahrhaftig!

Anatol.

Ja, ſo enden dieſe Mädel mit den zerſtochenen Fingern. In der Stadt werden ſie geliebt und in der Vor - ſtadt geheiratet ’s war ein Schatz!

Max.

Fahr wohl ! Und was iſt das? Epi - ſode da iſt ja nichts darin? Staub!

Anatol
(das Couvert in die Hand nehmend).

Staub ? Das war einmal eine Blume!

Max.

Was bedeutet das: Epiſode?

Anatol.

Ach nichts; ſo ein zufälliger Gedanke. Es war nur eine Epiſode, ein Roman von zwei Stunden nichts! Ja, Staub! Daß von ſo viel Süßigkeit nichts Anderes zurückbleibt, iſt eigentlich traurig. Nicht?

Max.

Ja, gewiß iſt das traurig Aber wie kamſt Du zu dem Worte? Du hätteſt es doch überall hinſchreiben können?

Anatol.

Jawohl; aber niemals kam es mir zu Be -4*52wußtſein, wie damals. Häufig, wenn ich mit Der oder Jener zuſammen war, beſonders in früherer Zeit, wo ich noch ſehr Großes von mir dachte, da lag es mir auf den Lippen: Du armes Kind Du armes Kind !

Max.

Wieſo?

[Anatol].

Nun, ich kam mir ſo vor, wie einer von den Gewaltigen des Geiſtes. Dieſe Mädchen und Frauen ich zermalmte ſie unter meinen ehernen Schritten, mit denen ich über die Erde wandelte. Weltgeſetz, dachte ich, ich muß über Euch hinweg.

Max.

Du warſt der Sturmwind, der die Blüthen weg - fegte nicht?

Anatol.

Ja! So brauſte ich dahin. Darum dachte ich eben: Du armes, armes Kind. Ich habe mich eigentlich ge - täuſcht. Ich weiß heute, daß ich nicht zu den Großen gehöre, und, was gerade ſo traurig iſt, ich habe mich darein ge - funden. Aber damals!

Max.

Nun, und die Epiſode?

Anatol.

Ja, das war eben auch ſo Das war ſo ein Weſen, das ich auf meinem Wege fand.

Max.

Und zermalmte.

Anatol.

Du, wenn ich mir’s überlege, ſo ſcheint mir: Die habe ich wirklich zermalmt.

Max.

Ah!

Anatol.

Ja, höre nur. Es iſt eigentlich das Schönſte von Allem, was ich erlebt habe Ich kann es Dir gar nicht erzählen.

Max.

Warum?

53
Anatol.

Weil die Geſchichte ſo gewöhnlich iſt, als nur möglich Es iſt nichts. Du kannſt das Schöne gar nicht herausempfinden. Das Geheimniß der ganzen Sache iſt, daß ich’s erlebt habe.

Max.

Nun ?

Anatol.

Alſo da ſitze ich vor meinem Clavier In dem kleinen Zimmer war es, das ich damals bewohnte Abend Ich kenne ſie ſeit zwei Stunden Meine grün-rothe Ampel brennt ich erwähne die grün-rothe Ampel; ſie gehört auch dazu.

Max.

Nun?

Anatol.

Nun! Alſo ich am Clavier. Sie zu meinen Füßen, ſo daß ich das Pedal nicht greifen konnte. Ihr Kopf liegt in meinem Schooß, und ihre verwirrten Haare funkeln grün und roth von der Ampel. Ich phantaſire auf dem Flügel, aber nur mit der linken Hand; meine rechte hat ſie an ihre Lippen gedrückt

Max.

Nun?

Anatol.

Immer mit Deinem erwartungsvollen Nun Es iſt eigentlich nichts weiter Ich kenne ſie alſo ſeit zwei Stunden, ich weiß auch, daß ich ſie nach dem heutigen Abend wahrſcheinlich niemals wieder ſehen werde das hat ſie mir geſagt und dabei fühle ich, daß ich in dieſem Augenblick wahnſinnig geliebt werde. Das hüllt mich ſo ganz ein die ganze Luft war trunken und duftete von dieſer Liebe Verſtehſt Du mich?

(Max nickt.)

Und ich hatte wieder dieſen thörichten göttlichen Gedanken: Du armes, armes Kind! Das Epiſodenhafte der Geſchichte kam mir ſo54 deutlich zu Bewußtſein. Während ich den warmen Hauch ihres Mundes auf meiner Hand fühlte, erlebte ich das Ganze ſchon in der Erinnerung. Es war eigentlich ſchon vorüber. Sie war wieder Eine von Denen geweſen, über die ich hin - wegmußte. Das Wort ſelbſt fiel mir ein, das dürre Wort: Epiſode. Und dabei war ich ſelber irgend etwas Ewiges Ich wußte auch, daß das arme Kind nimmer dieſe Stunde aus ihrem Sinn ſchaffen könnte gerade bei Der wußt ich’s. Oft fühlt man es ja: Morgen Früh bin ich vergeſſen. Aber da war es etwas Anderes. Für Dieſe, die da zu meinen Füßen lag, bedeutete ich eine Welt; ich fühlte es, mit welch einer heiligen, unvergänglichen Liebe ſie mich in dieſem Momente umgab. Das empfindet man nämlich; ich laſſe es mir nicht nehmen. Gewiß konnte ſie in dieſem Augen - blick nicht Anderes denken, als mich nur mich. Sie aber war für mich jetzt ſchon das Geweſene, Flüchtige, die Epiſode.

Max.

Was war ſie denn eigentlich?

Anatol.

Was ſie war ? Nun, Du kannteſt ſie. Wir haben ſie eines Abends in einer luſtigen Geſellſchaft kennen gelernt, Du kannteſt ſie ſogar ſchon von früher her, wie Du mir damals ſagteſt.

Max.

Nun, wer war ſie denn? Ich kenne ſehr Viele von früher her. Du ſchilderſt ſie ja in Deinem Ampellicht wie eine Märchengeſtalt.

Anatol.

Ja im Leben war ſie das nicht. Weißt Du, was ſie war ? Ich zerſtöre jetzt eigentlich den ganzen Nimbus.

Max.

Sie war alſo ?

55
Anatol
(lächelnd).

Sie war vom

Max.

Vom Theater ?

Anatol.

Nein vom Circus.

Max.

Iſt’s möglich!

Anatol.

Ja Bianca war es. Ich hab es Dir bis heute nicht erzählt, daß ich ſie wieder traf nach jenem Abend, an dem ich mich um ſie gar nicht gekümmert hatte.

Max.

Und Du glaubſt wirklich, daß Dich Bibi ge - liebt hat ?

Anatol.

Ja, gerade Die! Acht oder zehn Tage nach jenem Feſte begegneten wir uns auf der Straße Am Morgen darauf mußte ſie mit der ganzen Geſellſchaft nach Rußland.

Max.

Es war alſo die höchſte Zeit.

Anatol.

Ich wußt es ja; nun iſt für Dich das Ganze zerſtört. Du biſt eben noch nicht auf das wahre Geheimniß der Liebe gekommen.

Max.

Und worin löſt ſich für Dich das Räthſel der Frau?

Anatol.

In der Stimmung.

Max.

Ah Du brauchſt das Halbdunkel, Deine grün - rothe Ampel Dein Clavierſpiel.

Anatol.

Ja, das iſt’s. Und das macht mir das Leben ſo vielfältig und wandlungsreich, daß mir eine Farbe die ganze Welt verändert. Was wäre für Dich, für tauſend Andere dieſes Mädchen geweſen mit den funkelnden Haaren; was für Euch dieſe Ampel, über die Du ſpotteſt! Eine Circus - reiterin und ein roth-grünes Glas mit einem Licht dahinter! 56Dann iſt freilich der Zauber weg; dann kann man wohl leben, aber man wird nimmer was erleben. Ihr tappt hinein in irgend ein Abenteuer, brutal, mit offenen Augen, aber mit verſchloſſenem Sinn, und es bleibt farblos für Euch! Aus meiner Seele aber, ja, aus mir heraus blitzen tauſend Lichter und Farben d’rüber hin, und ich kann empfinden, wo Ihr nur genießt!

Max.

Ein wahrer Zauberborn, Deine Stimmung , Alle, die Du liebſt, tauchen darin unter und bringen Dir nun einen ſonderbaren Duft von Abenteuern und Seltſamkeit mit, an dem Du Dich berauſcheſt.

Anatol.

Nimm es ſo, wenn Du willſt.

Max.

Was nun aber Deine Circusreiterin anbelangt, ſo wirſt Du mir ſchwerlich erklären können, daß ſie unter der grün-rothen Ampel daſſelbe empfinden mußte, wie Du.

Anatol.

Aber ich mußte empfinden, was ſie in meinen Armen fühlte!

Max.

Nun, ich habe ſie ja auch gekannt, Deine Bianca, und beſſer als Du.

Anatol.

Beſſer?

Max.

Beſſer; weil wir einander nicht liebten. Für mich iſt ſie nicht die Märchengeſtalt; für mich iſt ſie eine von den tauſend Gefallenen, denen die Phantaſie eines Träumers neue Jungfräulichkeit borgt. Für mich iſt ſie nichts Beſſeres, als hundert Andere, die durch Reifen ſpringen oder kurzgeſchürzt in der letzten Quadrille ſtehen.

Anatol.

So ſo

Max.

Und ſie war nichts Anderes. Nicht ich habe57 etwas überſehen, was an ihr war; ſondern Du ſahſt, was nicht an ihr war. Aus dem reichen und ſchönen Leben Deiner Seele haſt Du Deine phantaſtiſche Jugend und Gluth in ihr nichtiges Herz hineinempfunden, und was Dir ent - gegenglänzte, war Licht von Deinem Lichte.

Anatol.

Nein. Auch das iſt mir ja zuweilen geſchehen. Aber damals nicht. Ich will ſie ja nicht beſſer machen, als ſie war. Ich war weder der Erſte, noch der Letzte ich war

Max.

Nun, was warſt Du? Einer von Vielen. Daſſelbe war ſie in Deinen Armen, wie in denen der An - deren. Das Weib in ſeinem höchſten Augenblick!

Anatol.

Warum hab ich Dich eingeweiht? Du haſt mich nicht verſtanden.

Max.

O nein Du haſt mich mißverſtanden. Ich wollte nur ſagen, Du magſt den ſüßeſten Zauber empfunden haben, während es ihr daſſelbe bedeutete, wie viele Male zuvor. Hatte denn für ſie die Welt tauſend Farben?

Anatol.

Du kannteſt ſie ſehr gut?

Max.

Ja; wir begegneten uns häufig in der luſtigen Geſellſchaft, in welche Du einmal mit mir kamſt.

Anatol.

Das war Alles?

Max.

Alles. Aber wir waren gute Freunde. Sie hatte Witz; wir plauderten gern mit einander.

Anatol.

Das war Alles?

Max.

Alles

Anatol

Und dennoch ſie hat mich geliebt

Max.

Wollen wir nicht weiter leſen

(ein Päckchen in58 die Hand nehmend:)

Wüßt ich doch, was Dein Lächeln bedeutet, Du grünäugige

Anatol

Weißt Du übrigens, daß die ganze Ge - ſellſchaft wieder hier eingetroffen iſt?

Max.

Gewiß. Sie auch.

Anatol.

Jedenfalls.

Max.

Ganz beſtimmt. Und ich werde ſie ſogar heute Abend wiederſehen.

Anatol.

Wie? Du? Weißt Du, wo ſie wohnt?

Max.

Nein. Sie hat mir geſchrieben; ſie kommt zu mir.

Anatol
(vom Seſſel auffahrend).

Wie? Und das ſagſt Du mir erſt jetzt?

Max.

Was geht es Dich an? Du willſt ja frei und allein ſein!

Anatol.

Ach was!

Max.

Und dann iſt nichts trauriger, als ein aufge - wärmter Zauber.

[Anatol].

Du meinſt ?

Max.

Ich meine, daß Du Dich in Acht nehmen ſollſt, ſie wieder zu ſehen.

Anatol.

Weil ſie mir von Neuem gefährlich werden könnte?

Max.

Nein; weil es damals zu ſchön war. Geh nach Hauſe mit Deiner ſüßen Erinnerung. Man ſoll nichts wiedererleben wollen.

Anatol.

Du kannſt nicht im Ernſt glauben, daß ich auf ein Wiederſehen verzichten ſoll, das mir ſo leicht gemacht wird.

59
Max.

Sie iſt klüger als Du. Sie hat Dir nicht ge - ſchrieben Vielleicht übrigens nur, weil ſie Dich ver - geſſen hat.

Anatol.

Unſinn.

Max.

Du hältſt es für unmöglich?

Anatol.

Ich lache darüber.

Max.

Nicht bei Allen trinkt die Erinnerung von dem Lebenselixir Stimmung, das der Deinen ihre ewige Friſche verleiht.

Anatol.

Oh jene Stunde damals!

Max.

Nun?

Anatol.

Es war eine von den unſterblichen Stunden.

Max.

Ich höre Schritte im Vorzimmer.

Anatol.

Sie iſt es am Ende.

Max.

Gehe, entferne Dich durch mein Schlafzimmer.

Anatol.

Daß ich ein Narr wäre.

Max.

Geh was willſt Du Dir den Zauber zer - ſtören laſſen.

Anatol.

Ich bleibe.

( Es klopft.)
Max.

Geh! Gehe raſch!

Anatol
(ſchüttelt den Kopf).
Max.

So ſtelle Dich hierher, daß ſie Dich wenigſtens nicht gleich ſieht hieher

(Er ſchiebt ihn zum Camin hin, ſo daß er theilweiſe durch den Schirm gedeckt iſt.)
Anatol
(ſich an den Caminſims lehnend).

Meinetwegen.

( Es klopft.)
Max.

Herein!

Bianca
(eintretend, lebhaft).

Guten Abend, lieber Freund; da bin ich wieder.

60
Max
(ihr die Hände entgegenſtreckend).

Guten Abend, liebe Bianca, das iſt ſchön von Ihnen, wirklich ſchön!

Bianca.

Meinen Brief haben Sie doch erhalten? Sie ſind der Allererſte der Einzige überhaupt.

Max.

Und Sie können ſich denken, wie ſtolz ich bin.

Bianca.

Und was machen die Anderen? Unſere Sacher - Geſellſchaft? Exiſtirt ſie noch? Werden wir wieder jeden Abend nach der Vorſtellung beiſammen ſein?

Max
(iſt ihr beim Ablegen behilflich).

Es gab aber Abende, wo Sie nicht zu finden waren.

Bianca.

Nach der Vorſtellung?

Max.

Ja, wo Sie gleich nach der Vorſtellung ver - ſchwanden.

Bianca
(lächelnd).

Ach ja natürlich Wie ſchön das iſt, wenn Einem das ſo geſagt wird ohne die ge - ringſte Eiferſucht! Man muß auch ſolche Freunde haben wie Sie

Max.

Ja, ja, das muß man.

Bianca.

Die Einen lieben, ohne Einen zu quälen!

Max.

Das ward Ihnen ſelten!

Bianca
(den Schatten Anatol’s gewahrend).

Sie ſind ja nicht allein.

Anatol
(tritt hervor, verbeugt ſich).
Max.

Ein alter Bekannter.

Bianca
(das Lorgnon zum Auge führend).

Ah

Anatol
(näher tretend).

Fräulein

Max.

Was ſagen Sie zu der Ueberraſchung, Bibi?

61
Bianca
(etwas verlegen, ſucht augenſcheinlich in ihren Erinnerungen).

Ah, wahrhaftig, wir kennen uns ja

Anatol.

Gewiß Bianca.

Bianca.

Natürlich wir kennen uns ſehr gut

Anatol
(erregt mit beiden Händen ihre Rechte faſſend).

Bianca

Bianca.

Wo war es nur, daß wir uns trafen wo nur ach ja!

Max.

Erinnern Sie ſich

Bianca

Freilich Nicht wahr es war in St. Petersburg ?

Anatol
(raſch ihre Hand fahren laſſend).

Es war nicht in Petersburg, mein Fräulein

(Wendet ſich zum Gehen).
Bianca
(ängſtlich zu Max).

Was hat er denn? Hab ich ihn beleidigt?

Max.

Da ſchleicht er davon

(Anatol iſt durch die Thür im Hintergrunde verſchwunden.)
Bianca.

Ja, was bedeutet denn das?

Max.

Ja, haben Sie ihn denn nicht erkannt?

Bianca.

Erkannt ja, ja. Aber ich weiß nicht recht, wo und wann?

Max.

Aber, Bibi, es war Anatol!

Bianca.

Anatol ? Anatol ?

Max.

Anatol Clavier Ampel ſo eine rot - grüne hier in der Stadt vor drei Jahren

Bianca
(ſich an die Stirn greifend).

Wo hatte ich denn meine Augen? Anatol!

(Zur Thür hin.)

Ich muß ihn zurückrufen

(Die Thür öffnend).

Anatol!

( Hinauslaufend, hinter der Scene, im Stiegen - haus.)

Anatol! Anatol!

62
Max
(ſteht lächelnd da, iſt ihr bis zur Thür nachgegangen).

Nun?

Bianca
(eintretend).

Er muß ſchon auf der Straße ſein. Erlauben Sie!

(Raſch das Fenſter öffnend).

Da unten geht er.

Max
(hinter ihr).

Ja, das iſt er.

Bianca
(ruft).

Anatol!

Max.

Er hört Sie nicht mehr.

Bianca
(leicht auf den Boden ſtampfend).

Wie ſchade Sie müſſen mich bei ihm entſchuldigen. Ich habe ihn verletzt, den guten, lieben Menſchen.

Max.

Alſo Sie erinnern ſich doch ſeiner?

Bianca

Nun, gewiß. Aber er ſieht irgend Je - mandem in Petersburg zum Verwechſeln ähnlich.

Max
(beruhigend).

Ich werde es ihm ſagen.

Bianca.

Und dann: wenn man drei Jahre lang an Jemanden nicht denkt, und er ſteht plötzlich da man kann ſich doch nicht an Alles erinnern.

Max.

Ich werde das Fenſter ſchließen. Eine kalte Luft kommt herein.

(Schließt das Fenſter.)
Bianca.

Ich werde ihn doch noch ſehen, während ich hier bin?

Max.

Vielleicht. Aber etwas will ich Ihnen zeigen.

(Nimmt das Couvert vom Schreibtiſch und hält es ihr hin.)
Bianca.

Was iſt das?

Max.

Das iſt die Blume, die Sie an jenem Abend an jenem Abend trugen.

Bianca.

Er hat ſie aufbewahrt?

Max.

Wie Sie ſehen.

Bianca.

Er hat mich alſo geliebt?

63
Max.

Heiß, unermeßlich, ewig wie alle dieſe.

(Deutet auf die Päckchen)
Bianca.

Wie alle dieſe! Was heißt das? Sind das lauter Blumen?

Max.

Blumen, Briefe, Locken, Photographien. Wir waren eben daran, ſie zu ordnen.

Bianca
(in gereiztem Tone).

In verſchiedene Rubriken.

Max.

Ja, offenbar.

Bianca.

Und in welche komme ich?

Max.

Ich glaube in dieſe!

( Wirft das Couvert in den Camin.)
Bianca.

Oh!

Max
(für ſich).

Ich räche Dich, ſo gut ich kann, Freund Anatol

(Laut.)

So, und nun ſeien Sie nicht böſe Setzen Sie ſich zu mir her und erzählen Sie mir etwas aus den letzten drei Jahren.

Bianca.

Jetzt bin ich gerade aufgelegt! Wenn man ſo empfangen wird!

Max.

Ich bin doch Ihr Freund Kommen Sie, Bianca Erzählen Sie mir was!

Bianca
(läßt ſich auf den Fauteuil neben dem Camin niederziehen).

Was denn?

Max
(ſich gegenüber von ihr niederlaſſend).

Zum Beiſpiel von dem Aehnlichen in Petersburg.

Bianca.

Unausſtehlich ſind Sie!

Max.

Alſo

Bianca
(ärgerlich).

Aber was ſoll ich denn erzählen?

Max.

Beginnen Sie nur Es war einmal nun Es war einmal eine große, große Stadt

64
Bianca
(verdrießlich).

Da ſtand ein großer, großer Circus.

Max.

Und da war ferner eine kleine, kleine Künſtlerin.

Bianca.

Die ſprang durch einen großen, großen Reif

(Lacht leiſe.)
Max.

Sehen Sie Es geht ſchon!

( Der Vorhang be - ginnt ſich ſehr langſam zu ſenken.)

In einer Loge nun in einer Loge ſaß jeden Abend

Bianca.

In einer Loge ſaß jeden Abend ein ſchöner, ſchöner Ach!

Max.

Nun Und ?

(Der Vorhang iſt gefallen.)
[65]

Denkſteine.

Arthur Schnitzler, Anatol. 5[66]

Perſonen:

  • Anatol.
  • Emilie.
[67]
Emilien’s Zimmer, mit maßvoller Eleganz ausgeſtattet. Abenddämmerung. Das Fenſter iſt offen, Ausſicht auf einen Park; der Gipfel eines Baumes, kaum noch belaubt, ragt in die Fenſteröffnung.
Emilie

Ah hier find ich Dich ! Und vor meinem Schreibtiſch ? Ja, was machſt Du denn? Du ſtöberſt meine Laden durch? Anatol!

Anatol.

Es war mein gutes Recht und ich hatte Recht, wie ſich ſoeben zeigt.

Emilie.

Nun was haſt Du gefunden ? Deine eigenen Briefe !

Anatol.

Wie? Und das hier ?

Emilie.

Dies hier ?

Anatol.

Dieſe zwei kleinen Steine ? der eine ein Rubin, und dieſer andere, dunkle? Ich kenne ſie Beide nicht, ſie ſtammen nicht von mir !

Emilie

Nein ich hatte vergeſſen

Anatol.

Vergeſſen? So wohl verwahrt waren ſie; da in dem Winkel dieſer unterſten Lade. Geſteh es doch lieber gleich, ſtatt zu lügen, wie Alle So Du ſchweigſt? Oh, über die wohlfeile Entrüſtung 5*68Es iſt ſo leicht, zu ſchweigen, wenn man ſchuldig und ver - nichtet iſt! Nun aber will ich weiter ſuchen. Wo haſt Du Deinen anderen Schmuck verborgen?

Emilie.

Ich habe keinen anderen.

Anatol.

Nun

(er beginnt die Laden aufzureißen)
Emilie.

Such nicht ich ſchwöre Dir, daß ich nichts habe.

Anatol.

Und dieſes hier warum dieſes hier?

Emilie.

Ich hatte Unrecht vielleicht !

Anatol.

Vielleicht! Emilie! wir ſind an dem Vorabend des Tages, wo ich Dich zu meinem Weibe machen wollte. Ich glaubte wahrhaftig alles Vergangene getilgt Alles Alles! Mit Dir zuſammen hab ich die Briefe, die Fächer, die tauſend Nichtigkeiten, die mich an die Zeit erinnerten, in der wir uns noch nicht kannten mit Dir zuſammen habe ich all das in das Feuer des Camin’s geworfen Die Armbänder, die Ringe, die Ohrgehänge wir haben ſie verſchenkt, verſchleudert, ſie ſind über die Brücke in den Fluß, durch’s Fenſter auf die Straße geflogen Hier lagſt Du vor mir und ſchwurſt mir Alles, Alles iſt vorbei und in Deinen Armen erſt hab ich empfunden, was Liebe iſt Ich natürlich habe Dir geglaubt weil wir Alles glauben, was uns die Weiber ſagen, von der erſten Lüge an, die uns beſeligt

Emilie.

Soll ich Dir von Neuem ſchwören?

Anatol.

Was hilft es? Ich bin fertig fertig mit Dir Oh, wie gut Du das geſpielt haſt! Fieberiſch, als ob Du jeden Flecken abwaſchen wollteſt von69 Deiner Vergangenheit, biſt Du hier vor den Flammen ge - ſtanden, als die Blätter und Bänder und Nippes ver - glühten Und wie Du in meinen Armen ſchluchzteſt, damals, als wir am Ufer des Fluſſes luſtwandelten und wir jenes koſtbare Armband in das graue Waſſer hinabwarfen, wo es alsbald verſank wie Du da weinteſt, Thränen der Läuterung, der Reue Dumme Comödie! Siehſt Du, daß Alles vergebens war? Daß ich Dir dennoch mißtraute? Und daß ich mit Recht da herumwühlte? Warum ſprichſt Du nicht? warum vertheidigſt Du Dich nicht?

Emilie.

Da Du mich doch verlaſſen willſt

Anatol.

Aber wiſſen will ich, was dieſe zwei Steine bedeuten warum Du gerade dieſe aufbewahrt haſt?

Emilie.

Du liebſt mich nicht mehr ?

Anatol.

Die Wahrheit, Emilie die Wahrheit will ich wiſſen!

Emilie.

Wozu, wenn Du mich nicht mehr liebſt.

Anatol.

Vielleicht ſteckt in der Wahrheit irgend etwas

Emilie.

Nun, was?

Anatol.

Was mich die Sache begreifen macht Hörſt Du, Emilie, ich habe keine Luft, Dich für eine Elende zu halten!

Emilie.

Du verzeihſt mir?

Anatol.

Du ſollſt mir ſagen, was dieſe Steine be - deuten!

Emilie.

Und dann wirſt Du mir verzeihen ?

Anatol.

Dieſer Rubin, was er bedeutet, warum Du ihn aufbewahrt

70
Emilie.

Und wirſt mich ruhig anhören?

Anatol

Ja! Aber ſprich endlich

Emilie

Dieſer Rubin er ſtammt aus einem Medaillon er iſt herausgefallen

Anatol.

Von wem war dieſes Medaillon ?

Emilie.

Daran liegt es nicht Ich hatte es nur an einem beſtimmten Tage um an einer einfachen Kette um den Hals.

Anatol.

Von wem Du es hatteſt ?

Emilie.

Das iſt gleichgültig ich glaube, von meiner Mutter Siehſt Du, wenn ich nun ſo elend wäre, als Du glaubſt, ſo könnte ich Dir ſagen: darum, weil es von meiner Mutter ſtammt, hab ich es aufbewahrt und Du würdeſt mir glauben Ich habe aber dieſen Rubin auf - bewahrt, weil er an einem Tage aus meinem Medaillon fiel, deſſen Erinnerung mir theuer iſt

Anatol

Weiter!

Emilie.

Ach, es wird mir ſo leicht, wenn ich Dir’s erzählen darf. Sag, würdeſt Du mich nicht auslachen, wenn ich eiferſüchtig wäre auf Deine erſte Liebe?

Anatol.

Was ſoll das?

Emilie.

Und doch, die Erinnerung daran iſt etwas Süßes, einer von den Schmerzen, die uns zu liebkoſen ſcheinen Und dann für mich iſt der Tag von Bedeutung, an welchem ich das Gefühl kennen lernte, welches mich Dir verbindet. Oh, man muß lieben gelernt haben, um zu lieben, wie ich Dich liebe! Hätten wir uns Beide zu einer Zeit gefunden, wo uns die Liebe etwas71 Neues war, wer weiß, ob wir an einander nicht achtlos vor - übergegangen wären? Oh, ſchüttle den Kopf nicht, Ana - tol; es iſt ſo, und Du ſelbſt haſt es einmal geſagt

Anatol.

Ich ſelbſt ?

Emilie.

Vielleicht iſt es gut ſo, ſo ſprachſt Du, und wir mußten Beide erſt reif werden für dieſe Höhe der Leidenſchaft!

Anatol.

Ja, wir haben immer irgend einen Troſt ſolcher Art bereit, wenn wir eine Gefallene lieben.

Emilie.

Dieſer Rubin, ich bin ganz offen mit Dir, be - deutet die Erinnerung an den Tag

Anatol

So ſag’s, ſag’s

Emilie.

Du weißt es ſchon ja Anatol die Erinnerung an jenen Tag Ach, ich war ein dummes Ding ſechzehn Jahre!

Anatol.

Und er zwanzig und groß und ſchwarz!

Emilie.
(unſchuldig).

Ich weiß es nicht mehr, mein Ge - liebter Nur an den Wald erinnere ich mich, der uns umrauſchte, an den Frühlingstag, der über den Bäumen lachte ach, an einen Sonnenſtrahl erinnere ich mich, der zwiſchen dem Geſträuche hervorkam und über einen Haufen gelber Blumen glitzerte

Anatol.

Und Du verfluchſt dieſen Tag nicht, der Dich mir nahm, bevor ich dich kannte?

Emilie.

Vielleicht gab er mich Dir !

Nein, Anatol wie immer es ſei, ich fluche jenem Tage nicht, und verſchmähe auch. Dir vorzulügen, daß ich es jemals that Anatol, daß ich Dich liebe, wie keinen je und ſo wie Du nie geliebt worden Du weißt es ja 72 aber, wenn auch jede Stunde, die ich je erlebte, durch Deinen erſten Kuß bedeutungslos geworden, jeder Mann, dem ich begegnete, aus meinem Gedächtnis ſchwand, kann ich deß - wegen die Minute vergeſſen, die mich zum Weibe machte ?

Anatol.

Und Du giebſt vor, mich zu lieben ?

Emilie.

Ich kann mich der Geſichtszüge jenes Mannes kaum erinnern; ich weiß nicht mehr, wie ſeine Augen blickten

Anatol.

Aber daß Du in ſeinen Armen die erſten Seufzer der Liebe gelacht haſt daß von ſeinem Herzen zuerſt jene Wärme in das Deine überſtrömte, die das ahnungsvolle Mädchen zum wiſſenden Weibe machte, das kannſt Du ihm nicht vergeſſen, dankbare Seele! Und Du ſiehſt nicht ein, daß mich dies Geſtändniß toll machen muß, daß Du mit einem Male dieſe ganze ſchlummernde Vergangenheit wieder aufgeſtört haſt! Ja, nun weiß ich’s wieder, daß Du noch von anderen Küſſen träumen kannſt, als von den meinen, und wenn Du Deine Augen in meinen Armen ſchließeſt, ſteht vielleicht ein anderes Bild vor ihnen als das meine!

Emilie.

Wie falſch Du mich verſtehſt! Da haſt Du freilich recht, wenn Du meinſt, wir ſollten auseinandergehen

Anatol

Nun wie denn ſoll ich Dich verſtehen ?

Emilie.

Wie gut haben es doch die Frauen, die lügen können. Nein ihr vertragt ſie nicht, die Wahrheit ! Sag mir nur Eines noch: warum haſt Du mich immer darum angefleht? Alles würde ich Dir verzeihen, nur eine Lüge nicht ! noch hör ich es, wie Du’s mir ſagteſt Und ich ich, die Dir Alles geſtand, die ſich vor Dir ſo niedrig, ſo elend machte, die es Dir in’s Angeſicht ſchrie:73 Anatol, ich bin eine Verlorene, aber ich liebe Dich ! Keine von den dummen Ausflüchten, die die Andern im Munde führen, kam über meine Lippen Nein, ich ſprach es aus: Anatol, ich habe das Wohlleben geliebt, Anatol, ich war lüſtern, heißblütig ich habe mich verkauft, verſchenkt ich bin Deiner Liebe nicht werth Erinnerſt Du Dich auch, daß ich Dir das ſagte, bevor Du mir das erſte Mal die Hand küßteſt? Ja, ich wollte Dich fliehen, weil ich Dich liebte, und Du verfolgteſt mich Du haſt um meine Liebe ge - bettelt und ich wollte Dich nicht, weil ich mich den Mann nicht zu beflecken getraute, den ich mehr, den ich anders, ach, den erſten Mann, den ich liebte ! Und da haſt Du mich genommen und ich war Dein! Wie hab ich ge - ſchauert gebebt geweint Und Du haſt mich ſo hoch gehoben, haſt mir Alles wieder zurückgegeben, Stück für Stück, was ſie mir genommen hatten ich ward in Deinen wilden Armen, was ich nie geweſen: rein und glücklich Du warſt ſo groß, Du konnteſt verzeihen Und jetzt

Anatol.

Und jetzt ?

Emilie.

Und jetzt jagſt Du mich eben wieder davon, weil ich doch nur bin wie die Andern

Anatol.

Nein, nein, das biſt Du nicht.

Emilie.
(mild):

Was willſt Du alſo ? Soll ich ihn wegwerfen den Rubin ..?

Anatol.

Ich bin nicht groß, ach nein. ſehr, ſehr kleinlich wirf ihn weg dieſen Rubin

(er betrachtet ihn)

Er iſt aus dem Medaillon gefallen er lag im Graſe 74 unter den gelben Blumen ein Sonnenſtrahl fiel darauf da glitzerte er hervor

(langes Schweigen)

Komm Emilie, es dunkelt draußen, wir wollen im Park ſpazieren gehen

Emilie.

Wird es nicht zu kalt ſein ?

Anatol.

Ach nein, es duftet ſchon vom erwachenden Frühling

Emilie.

Wie Du willſt, mein Geliebter!

Anatol.

Ja und dieſes Steinchen

Emilie.

Ach dies

Anatol.

Ja, dieſes ſchwarze da was iſt’s mit dem was iſt’s ?

Emilie.

Weißt Du, was das für ein Stein iſt. ?

Anatol.

Nun

Emilie.
(mit einem ſtolzen begehrlichen Blick)

Ein ſchwarzer Diamant!

Anatol.
(erhebt ſich)

Ah!

Emilie
(immer den Blick auf den Stein geheftet)

Selten!

Anatol.
(mit unterdrückter Wuth)

Warum hm, warum haſt Du den aufbewahrt?

Emilie.
(nur immer den Stein anſehend)

Den der iſt eine Viertel Million werth!

Anatol.
(ſchreit auf)

Ah!

(Er wirſt den Stein in den Kamin.)
Emilie.
(ſchreit)

Was thuſt Du!!

(Sie bückt ſich und nimmt die Feuerzange, mit der ſie in der Glut herumfährt, um den Stein hervor - zuſuchen)
Anatol.
(ſieht ſie, während ſie mit glühenden Wangen vor dem Kamin - feuer kniet, ein paar Secunden an. Dann, ruhig)

Dirne!

( Er geht.)
[75]

Abſchiedsſouper.

[76]

Perſonen:

  • Anatol.
  • Max.
  • Annie.
  • Ein Kellner.
[77]
(Ein Cabinet particulier bei Sacher. Anatol, bei der Thüre ſtehend, ertheilt eben dem Kellner Befehle. Max lehnt in einem Fauteuil.)
Max.

Na biſt Du nicht bald fertig ?

Anatol

Gleich, gleich! Alſo alles ver - ſtanden?

(Kellner ab.)
Max
(wie Anatol in die Mitte des Zimmers zurückkommt).

Und wenn ſie gar nicht kommt!?

Anatol.

Warum denn gar nicht! Jetzt jetzt iſt’s zehn Uhr! Sie kann ja überhaupt noch gar nicht da ſein!

Max.

Das Ballet iſt ſchon lange aus!

Anatol.

Ich bitte Dich bis ſie ſich abſchminkt und umkleidet! Ich will übrigens hinüber ſie er - warten!

Max.

Verwöhne ſie nicht!

Anatol.

Verwöhnen!? Wenn Du wüßteſt

Max.

Ich weiß, ich weiß. Du behandelſt ſie bru - tal Als wenn das nicht auch eine Art von Verwöhnen wäre!

78
Anatol.

Ich wollte was ganz anderes ſagen! Ja wenn Du wüßteſt

Max.

So ſag’s endlich einmal

Anatol.

Mir iſt ſehr feierlich zu Muthe!

Max.

Du willſt Dich am Ende mit ihr verloben ?

Anatol.

Oh nein viel feierlicher!

Max.

Du heiratheſt ſie morgen?

Anatol.

Nein, wie Du äußerlich biſt! Als wenn es keine Feierlichkeiten der Seele gäbe, die mit all dieſem Tand, der uns von dem Draußen kommt, gar nichts zu thun haben

Max.

Alſo Du haſt einen bisher ungekannten Winkel Deiner Gefühlswelt entdeckt wie? Als wenn ſie davon etwas verſtände!

Anatol.

Du räthſt ungeſchickt Ich feiere ganz einfach das Ende!

Max.

Ah!

Anatol.

Abſchiedsſouper!

Max.

Na und was ſoll da ich dabei ?

Anatol.

Du ſollſt unſerer Liebe die Augen zudrücken!

Max.

Ich bitte Dich, mach keine geſchmackloſen Ver - gleiche!

Anatol.

Ich verſchiebe dieſes Souper ſchon ſeit acht Tagen

Max.

Da wirſt Du heute wenigſtens guten Appetit haben

Anatol

Das heißt wir ſoupirten jeden Abend mit einander in dieſen acht Tagen aber ich fand79 das Wort nicht, das rechte! Ich wagte es nicht Du haſt keine Ahnung, wie nervös das macht!

Max.

Wozu brauchſt Du mich eigentlich?! Soll ich Dir das Wort ſouffliren ?

Anatol.

Du ſollſt für alle Fälle da ſein Du ſollſt mir beiſtehen, wenn es nothwendig iſt Du ſollſt mildern, beruhigen begreiflich machen.

Max.

Möchteſt Du mir nicht zuerſt mittheilen, warum das alles geſchehen ſoll ?

Anatol.

Mit Vergnügen! Weil ſie mich langweilt!

Max.

So amuſirt Dich alſo eine Andere ?

Anatol.

Ja !

Max.

So ſo !

Anatol.

Und was für eine Andere!

Max.

Typus ?!

Anatol.

Gar keiner! Etwas neues etwas einziges!

Max.

Nun ja Auf den Typus kommt man immer erſt gegen Schluß

Anatol.

Stelle Dir ein Mädchen vor wie ſoll ich nur ſagen dreiviertel Tact

Max.

Scheinſt doch noch unter dem Einfluß des Ballets zu ſtehen!

Anatol.

Ja ich kann Dir nun einmal nicht helfen ſie erinnert mich ſo an einen getragenen Wiener Walzer ſentimentale Heiterkeit lächelnde, ſchalkhafte Wehmuth das iſt ſo ihr Weſen Ein