PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Gedichte
Beſorgt durch ſeine Freunde Friederich Leopold Grafen zu Stolberg und Johann Heinrich Voſs.
Hamburg,bei Carl Ernſt Bohn.1783.
[II][III]

Höltys Leben.

Ludewig Heinrich Chriſtoph Hölty ward 1748 den 21 December zu Marienſee im Churfürſtenthum Hannover geboren, wo ſein Vater Philipp Ernſt Hölty, ein Sohn Heinrich Wullbrand Höltys, evangeliſchen Bürgers zu Hildesheim, und Maria Margarethens, ge¬ bornen Hölty, ſeit 1742 Prediger war. Seine Mutter hieſs Eliſabeth Juliana Göſſel, eine Tochter des Proku¬ rators Göſſel in Celle, mit welcher ſein Vater, nach dem frühen Tode ſeiner erſten Frau Catharina Charlotta von Barkhauſen, ſich 1748 im Februar vermählt hatte. Sie ſtarb 1757, und ſein Vater heiratete im folgenden Jahre die dritte Frau, Maria Dorothea Johanna Niemann, welche ſeit dem Frühlinge 1775 Wittwe iſt. Von ſei¬ ner leiblichen Mutter leben noch zwei Töchter, und von ſeiner Stiefmutter vier Söhne und drei Töchter.

Hölty war, nach dem Zeugniſſe der Wittwe, die ihn von ſeiner zarteſten Jugend an gekannt hat, zur Bewunderung ſchön, bis in ſein neuntes Jahr, da ihnbös¬IVbösartige Blattern entſtellten. Schon frühe zeigte er eine auſſerordentliche Munterkeit und Wiſsbegierde. Sobald er ſchreiben konnte, ſchrieb er auf, was ihm aus Erzäh¬ lungen und Geſprächen merkwürdig ſchien. Er betrug ſich liebreich und gefällig gegen jedweden; und die er für rechtſchaffen hielt, vertheidigte er bei aller Gelegen¬ heit, wenn etwas zu ihrem Nachtheile geſagt wurde. Auch war er allgemein beliebt, ſowohl wegen ſeiner ſchönen Geſtalt, als wegen ſeiner drollichten Einfälle und Anmerkungen.

In eben der Woche, da ſeine Mutter an der Schwindſucht ſtarb, bekam er die bösartigſten Blattern. Der Gram und die Krankheit brachten ihn auf lange Zeit in Gefahr das Geſicht zu verlieren, und raubten ihm ſeine natürliche Munterkeit. Als er nach zwei Jahren den Gebrauch ſeiner Augen wieder erlangte, ver¬ doppelte er ſeinen Eifer und Fleiſs im Lernen. Sein Vater, der in Sprachen und Wiſſenſchaften ſehr geübt, auch der Dichtkunſt nicht abgeneigt, und ein Mitglied der deutſchen Geſellſchaft in Göttingen war, unterwies ihn, auſſer der deutſchen, in der lateiniſchen, franzöſi¬ ſchen, griechiſchen und hebräiſchen Sprache, in der Geografie, Geſchichte, und was ſonſt auf Schulen ge¬ lehrt wird. Sein Fleiſs ging ſo weit, daſs er nicht einmal ſein Frühſtück in Ruhe genoſs, daſs er ſich jedes¬ mal zum Mittags - und Abendeſſen rufen lieſs, und desNachtsVNachts heimlich bis drei Uhr aufblieb. Dies leztere ward ihm von ſeinem Vater unterſagt; und die Mutter gab ihm, wenn ſie um elf Uhr zu Bette gingen, nur wenig Licht mit auf ſeine Schlafkammer. Allein wie ſorgfältig man auch alles übrige Licht und die Lampen im Hauſe verſchloſs; ſo wuſste er ſich doch, wie man nachmals erfahren hat, des Tages mit Oel zu verſorgen, und höhlte ſich Lampen von Rüben aus. Um auch wieder früh zu erwachen, und in den Büchern, die er von allen Enden her zuſammenſchleppte, leſen zu kön¬ nen, band er ſich um den Arm einen Bindfaden, wor¬ an ein Stein befeſtigt war; dieſen legte er auf einen Stuhl vors Bette, damit, wenn er ſich gegen Morgen umwendete, der Stein herabfallen, und ihn durch den Ruck am Arm aufwecken möchte.

Bei dieſem Fleiſſe ward er weder mürriſch, noch ſtolz, noch ein Bücherwurm, der, Luft und Sonne ſcheuend, nur in ſeinen dumpfigen Schwarten lebt. Heiter, ſanft, gefällig und zärtlich, war er die Freude ſeiner Familie, ehe er noch ihr Stolz ward. Dieſer ſanfte häusliche Umgang, die heitere Stille des Land¬ lebens, und ſein lebendiges Gefühl für jeden Reiz der Natur, ſicherten ihn gegen die Erſtarrung der Leſeſucht. Eigener Geiſt, eigene rege Empfindung, ſtrebte in ſeiner Seele empor, und zog Nahrung aus Büchern, wie eine Blume aus eben dem Boden, der ringsumher nur Grasher¬VIhervorbringt, ihre ſchimmernden Farben und ihren Bal¬ ſam zieht.

Auſſer den Schulſtunden ging er gern in ein düſteres Gehölz, mit Büchern in der Taſche, las für ſich mit lauter und heftiger Stimme, welches noch in Göttingen ſeine Gewohnheit bei guten Schriften war, und be¬ trachtete die Schönheiten der Natur. Auch ſein Hang zum Schauerlichen zeigte ſich früh. Er beſuchte zu jeder Zeit ohne Furcht den Kirchhof und andre verdächtige Oerter, und machte ſelbſt Erwachſenen das Grauen lächerlich; er verkleidete ſich als ein Geſpenſt, und wankte, bloſs zu ſeinem Vergnügen, ohne die Abſicht zu ſchrecken, des Abends einſam auf den Gräbern um¬ her. In ſeinem elften Jahre fing er an, Verſe auf den Tod eines kleinen Hundes, auf das Abc, und was ſonſt ihm vorkam, zu machen: womit er aber, wie mit ſei¬ nen übrigen Arbeiten und geiſtlichen Reden, die er vor ſeinen Geſchwiſtern und Kameraden vom Schemel hielt, gegen ſeinen Vater ſehr geheim war. Selbſt in der Kirche fielen ihm Reime ein; und wenn er kein Papier bei ſich hatte, ſo ſchrieb er ſie an die Wand. Sein erſtes Gedicht, die Grabſchrift ſeines Lieblingshundes, lautet alſo:

Alhier auf dieſer Stätte
Liegt begraben Nette.
Zu Horſt iſt er geboren,
Zu Marienſee geſtorben,
Dies Grab hat er erworben.
DieVII

Die Leidenſchaft ſeinen Geiſt zu beſchäftigen machte ihn gegen des Körpers Pflege etwas gleichgültig. Sein nachläſſiger Anzug ward ihm oft von ſeinen Eltern ver¬ wieſen. Er hörte ihre Ermahnung mit freundlichem Lächeln an, bemühte ſich den Fehler auf einige Zeit wieder gut zu machen, und erſchmeichelte ſich durch alle möglichen Dienſte Vergebung und Nachſicht. Noch in Göttingen koſtete es nicht wenig Ueberredung, wenn er ſeinen beſtäubten Flauſsrock ablegen, und in dem braunen Feierkleide mit vergoldeten Knöpfen erſcheinen ſollte. Doch war er einmal ſo ſehr im Schuſs, daſs er ſchon ziemlich ernſthaft von den Vorzügen eines Treſſen¬ hutes, der länger gegenhielte, zu reden anfing.

Als Hölty ſechzehn Jahre alt war, wuſste er mehr, als die meiſten Jünglinge, welche, ein gelehrtes Hand¬ werk zu lernen, die Akademie beziehn. Gleichwohl ſchickte ſein Vater, überzeugt, daſs ohne die innigſte Vertraulichkeit mit den Alten keine wahre Gelehrſam¬ keit ſtatt finde, und um ſeinem Sohne für die Akademie mehr Weltkenntniſs und feinere Sitten zu verſchaffen, ihn 1765 um Michaelis auf die öffentliche Schule in Celle, wo ſein Oheim, der Kanzleirath Göſſel, wohnte. Hier blieb er drei Jahre, und erwarb ſich die Liebe und Achtung ſeiner Lehrer ſowohl, als aller, welche ihn kannten. Michaelis 1768 ging er zu ſei¬ nem Vater zurück, und Oſtern 1769 nach Göttingen,umVIIIum Theologie zu ſtudiren. Sein Vater beſtimmte ihm die gewöhnliche Zeit von drei Jahren, und verſorgte ihn hinlänglich. Auch vergaſs Hölty ſeine Beſtimmung nicht, ſondern lernte mit groſſer Gewiſſenhaftigkeit alles, was einem künftigen Prediger nöthig iſt. Indeſs blieb einem Geiſte, wie der ſeinige war, noch Zeit genug, ſich mit Leſung der Alten und Neuen, (er las nun auch Italieniſch,) und mit eigenen Arbeiten zu beſchäf¬ tigen.

Im dritten Jahre ward er mit Bürger und Miller, und von Oſtern 1772 an allmählich mit mir, Boie, Hahn, Leiſewiz, Cramer und den Grafen Stolberg bekannt. Er bat ſeinen Vater, ihn noch in Göttingen zu laſſen; und ihm ward vorerſt noch ein halbes Jahr bewilligt. Aber Hölty ruhte nicht, bis er ein Stipendium, welches von zwei Damen abhing, imgleichen einen Freitiſch, (wofern nicht etwa jenes Stipendium im Freitiſche be¬ ſtand,) und eine Stelle im philologiſchen Seminarium er¬ hielt. Er meldete dieſes ſeinem Vater, und erbot ſich, was ihm vielleicht noch fehlen möchte, durch Unter¬ richt zu verdienen. Sein gütiger Vater war mit allem zufrieden.

Wer Hölty zum erſtenmal ſah, hielt ihn nicht leicht für das, was er war. Stark von Wuchs, niederge¬ bückt, unbehülflich, von trägem Gange, blaſs wie derTod,IXTod, ſtumm und unbekümmert um ſeine Geſellſchaft, hatte er ſo ſehr die Miene der Einfalt, daſs ein Engel¬ länder, der nicht eben beſonders mit Verſtande geſegnet war, ihn deshalb vorzüglich lieb gewann, weil er ihn für ein ſchickliches Ziel ſeines unſchuldigen Wizes hielt. Nur in ſeinen hellblauen Augen ſchimmerte ein treuher¬ ziges, mit etwas Schalkhaftigkeit vermiſchtes Lächeln, welches ſich, wenn er mit Wohlgefallen las, durch eine ſchöne Gegend hin, oder rücklings unter einem blühenden Baume lag, über ſein ganzes Geſicht ver¬ breitete. Dieſes behagliche Staunen dauerte einige Zeit, und dann pflegte er manchmal mit voller Herzlichkeit auszurufen: Das iſt herlich! Aber gewöhnlicher ver¬ ſchloſs er ſeine Empfindungen in ſich ſelbſt; und wenn er ſie mittheilte, ſo geſchah es faſt immer auf eine be¬ ſondre Art. Er war mit einigen Freunden bei Hahn, als die Nachricht kam, daſs Klopſtock durch Göttingen reiſen würde. Er hatte ſich bisher ganz ruhig, mit dem Butterbrot in der Hand, auf dem Stuhle gewiegt; mit einmal ſtand er auf, und bewegte ſich langſam und ſtol¬ pernd auf der linken Ferſe herum. Was machſt du da, Hölty? fragte ihn einer. Ich freue mich! antwortete er lächelnd. Bei kleinen vertraulichen Schmäuſen, ſonder¬ lich wo Rheinwein blinkte, war er ſehr fröhlich. Er lagerte ſich auf Roſenblätter, ſalbte wie Anakreon ſeinen Bart mit Balſam, und machte ſo gewaltige An¬ ſtalten zum Trinken, als ob aus dem Schluſſe ſeinesRhein¬XRheinweinliedes Ernſt werden ſollte. Aber dabei blieb es denn auch. Dieſe Anmerkung iſt vielleicht nicht überflüſſig, da ein rechtſchaffener Geiſtlicher den Scherz jenes Liedes misverſtanden hat, und der ſcherz¬ hafte Horaz faſt von allen ſeinen Erklärern mehr oder weniger misverſtanden wird. Wenn uns Fremde be¬ ſuchten, die er achtete, ſo lieſs er gern ſeine Gedichte vorleſen. Dann ſtellte er ſich nahe vor den Gaſt, ſah ihm freundlich ins Geſicht, und nahm ſein Lob ſo hin, als wenns ihm gebührte. Nur zweimal habe ich ihn weinen geſehn. Er ſagte mir einſt, wie von ungefähr, daſs er des Morgens Blut aushuſtete. Ich erſchrak, und trieb ihn, einen Arzt zu befragen. Er lieſs das gut ſein. Ich und die übrigen Freunde, die noch in Göttingen waren, wurden dringender; aber Hölty hatte ſeinen Scherz mit uns. Endlich führte ich ihn mit Gewalt zu Richter. Der Arzt erkundigte ſich, und tröſtete ihn zwar, aber ſo, daſs ihn Hölty verſtand. Als wir zurückgingen, weinte er bitterlich. Daſs zweitemal war, als er den Tod ſeines Vaters erfuhr. Er kam mit ver¬ ſtörtem Geſicht auf meine Stube; denn wir aſſen zu¬ ſammen. Wie gehts, Hölty? Recht gut, antwortete er lächelnd; aber mein Vater iſt todt. Und Thränen ſtürzten ihm von den bleichen Wangen.

Bei Unbekannten ſprach er wenig oder nichts; und ſelbſt unter ſeinen Freunden, wenn die Geſellſchaft nuretwasXIetwas zahlreich war, muſste das Geſpräch ſehr anzie¬ hend, oder gradezu an ihn gerichtet ſein, eh er ſich darein miſchte. Dann ſprach er oft lebhaft, ſchnell und mit erhöhter Stimme, und ſein Geſicht ward weniger blaſs. Manchmal, wenn er lange wie mit abweſender Seele geſeſſen hatte, unterbrach er das Geſpräch durch einen drollichten Einfall, der deſto mehr Lachen erregte, da er ihn mit ganz trockener Stimme und ehrbarem Ge¬ ſicht vorbrachte. Es geſchah häufig, wenn er mit ſei¬ nen[Freunden] auf der Gaſſe ging, daſs ihn jemand an¬ hielt, und zum Kaffe nöthigte. Hölty fragte nach der Wohnung, und war plözlich verſchwunden. Aber bald kam er wieder daher gewankt, ohne ſich merken zu laſſen, daſs er weggeweſen war. Er ging nur hin, machte dem Wirt einen Bückling, trank, ohne ein Wort zu ſprechen, was ihm eingeſchenkt wurde, und ging wieder weg. So hatte er ſelbſt Leiſewiz ſchon oft beſucht, bis ſie endlich zu einer Unterredung kamen.

Mit dieſem Scheine von Gleichgültigkeit verband er eine brennende Neugier. Man konnte ihn, wie Sokra¬ tes ſcherzend von ſich ſagte, mit einer verſprochenen Neuigkeit, wie ein Kalb mit vorgehaltenem Graſe, locken wohin man wollte. Er wuſste zuerſt, was die Meſſe gutes und böſes gebracht hatte, und durchblätterte hohe Stapel aus dem Buchladen; ihm entging keine Re¬zenſion,XIIzenſion, worin ſeiner ſelbſt, oder eines Bekannten, in Ehren oder Unehren gedacht wurde: wiewohl ihm Lob und Tadel, weil beides ſchon dazumal meiſt von Un¬ mündigen und Beſoldeten ertheilet ward, beinahe gleich¬ viel Freude machte. Ganze Tage, und oft den gröſsten Theil der Nacht, ſaſs er, ſich ſelbſt und die ganze Welt vergeſſend, über dicke Folianten und Quartanten hin¬ gebückt, mit ſo unermüdeter Geduld, daſs er ſie in we¬ nigen Wochen durchlas. Eigentlich naſchte ſein Geiſt mehr in den meiſten Büchern, als daſs er ſie zweck¬ mäſſig gewählt, und Vorrath für künftige Bedürfniſſe eingeſammelt hätte. Mit eben dem eiſernen Fleiſſe durcharbeitete er ſchlechte Oden der Engelländer und Italiener, und hatte ſeine herzliche Freude darüber, daſs ſie ſo ſchlecht waren. Gute Gedichte ſchrieb er ganz oder ſtellenweiſe ab; auch haben wir unter ſeinen Pa¬ pieren Ueberſezungen aus Taſſo und Arioſt, und kleiner griechiſcher Gedichte gefunden, die aber nicht für den Druck beſtimmt ſind. Da er in den lezten Jahren auch die ſpaniſche Sprache lernte, ſo hatte ſeine Wiſsbegierde ein groſſes Feld vor ſich, und ſammelte jede Frucht der Erkenntniſs, und jede Blume des Vergnügens, welche ſie reizte, unverpflanzt und unverkümmert auf ihrem heimiſchen Boden.

Nie ſah man ihn mürriſch oder zerſtreut, wenn er, vom Leſen erhizt, überfallen ward; er klappte ruhigſeinXIIIſein Buch zu, und war mit ganzer Seele Freund. Eine ſeiner liebſten Unterhaltungen war, bouts rimés, oder gemeinſchaftliche Parodien, Nachahmungen des damals herſchenden Bardengebrülls, und andre dergleichen Schnurren zu machen, wie die petrarkiſche Bettlerode im Wandsbecker Boten von 1774, und der Geſang des Barden Hölegaſt im 76ger Muſenalmanach. Wenn nun ein ſolches Ding unter vielem Lachen zuſammengeflickt war, ſo mochte es regnen oder ſchneien, Hölty muſste noch denſelbigen Abend zu den übrigen, und ihnen die Freude mittheilen. Manchmal übernahm er auch wohl ein Gelegenheitsgedicht, und ich half ihm dabei. Wir lieſſen Rheinwein holen, verabredeten Plan, Ton, Versart, Reime und Gleichniſſe; und dann ging es Schlag auf Schlag auf das Wohlſein des künftigen Ehe¬ paars. Einmal waren die vorgeſchriebenen Reime: Abend, labend, Herbſt, verfärbſt; natürlich ward in der Ausarbeitung die Braut mit einem labenden Früh¬ lingsabend, und mit dem fruchtreichen Herbſte ver¬ glichen, und verfärbte ſich darüber. Das Stück ward abgeſchickt und vergeſſen. Nach einigen Tagen kam Hölty zu mir, und konnte vor Lachen kaum heraus¬ bringen, welch ein Unſtern über unſere Arbeit gewaltet hätte. Der ungenannte Verehrer des jungen Brautpaars hieſs Herbſt, und verlangte das Gleichniſs weg, oder ein anderes Karmen.

Dienſt¬XIV

Dienſtfertiger und gefälliger kann man nicht ſein, als Hölty war. Er ſchlug keine Bitte ab, wenn man ſie gleich unwiſſend auf Koſten ſeiner Ruhe that. Keine unſerer Zuſammenkünfte, keinen Spaziergang ins Feld, lehnte er auch nur durch eine bedenkliche Mine ab; und oft erfuhren wir nachher, daſs er nothwendige Geſchäfte zurückgeſezt, und die Nacht durch gearbeitet hatte. Er hätte, wie Miller ſagt, Folianten für ſeine Freunde excerpirt. Miller lernte von ihm Engliſch, Hahn Griechiſch, und ich Engliſch und Italieniſch.

Im Herbſte 1773 fing er an, Fremde für Geld zu unterrichten, und im folgenden Sommer aus dem Eng¬ liſchen zu überſezen, wobei ich anfangs ſein Gehülfe war. Um meinem Vater, ſchrieb er im April 1774, eine Erleichterung zu verſchaffen, fiel ich darauf, mir durch Unterricht im Griechiſchen und Engliſchen etwas zu verdienen. Ich gab täglich fünf Stunden. Aber nicht einmal von der Hälfte bin ich bezahlt; die andern ſind weggereiſt, oder machen keine Miene zu bezahlen. Ich bin in Schulden gerathen, und muſs wieder zu meinem Vater meine Zuflucht nehmen. Sein Auszug aus dem Kenner verdiente mehr geleſen zu werden, als ers unter einem Volke kann, welches von jeder Meſſe einen ſo unſeligen Ueberfluſs geiſtloſer Sudeleien verſchlingt, und ſeine guten Schriften nicht kennt. Dieſem folgten Hurds Dialogen, und der erſte Theil von Shaftsbury. Mil¬XVMiller irrt, daſs ich die folgenden Theile überſezt habe; ich habe nur am Anfange des erſten Theiles meine Kräfte verſucht.

Ich ſeze aus jenem Briefe noch einige Stellen her, die unſern Freund lebhafter darſtellen, als es eine todte Beſchreibung vermag. Noch bin ich hier. Wer weiſs, wie lange die Trennung dauren wird, wenn ich einmal von meinen Freunden getrennt bin. Ich will ſo lange bei ihnen bleiben, als es mir nur immer möglich iſt. Meine Hauptbeſchäftigung ſoll die Leſung der Griechen und die Poeſie ſein. Welch ein ſüſſer Gedanke iſt die Unſterblichkeit! Wer duldete nicht mit Freuden alle Mühſeligkeiten des Lebens, wenn ſie der Lohn iſt! Es iſt eine Entzückung, welcher nichts gleicht, auf eine Reihe künftiger Menſchen hinauszublicken, welche uns lieben, ſich in unſere Tage zurückwünſchen, von uns zur Tugend entflammt werden ... Einige Jahre möchte ich in einer groſſen Stadt zubringen, und in allerlei Ge¬ ſellſchaften kommen, um die Menſchen ſorgfältig zu ſtudiren. Ich fühle, daſs mir dieſes nothwendig iſt, wenn ich in der Dichtkunſt mein Glück machen will. Ich habe meine Jahre unter Büchern zugebracht ... Wenn ich keine Geſchwiſter hätte, die nach meines Vaters Tode meiner Unterſtüzung bedürfen, ſo wollte ich mich ganz und gar um kein Amt bekümmern, ſon¬ dern mich vom Ueberſezen nähren, und bald in derStadtXVIStadt, bald auf dem Lande leben. In der Stadt wollte ich Menſchenkenntniſs ſammeln, auf dem Lande Ge¬ dichte machen. Mein Hang zum Landleben iſt ſo groſs, daſs ich es ſchwerlich übers Herz bringen würde, alle meine Tage in der Stadt zu verleben. Wenn ich an das Land denke, ſo klopft mir das Herz. Eine Hütte, ein Wald daran, eine Wieſe mit einer Silberquelle, und ein Weib in meine Hütte, iſt alles, was ich auf dieſem Erdboden wünſche. Freunde brauche ich nicht mehr zu wünſchen, dieſe habe ich ſchon. Ihre Freundſchaft wird meine trüben Stunden aufheitern, meine frohen noch froher machen. Ich werde ihre Briefe und Werke an meiner Quelle, in meinem Walde leſen, und mich der ſeligen Tage erinnern, da ich ihres Umgangs ge¬ noſs ... Ich ſoll mehr Balladen machen? Vielleicht mache ich einige, es werden aber ſehr wenige ſein. Mir kommt ein Balladenſänger wie ein Harlekin, oder ein Menſch mit einem Raritätenkaſten vor. Den gröſs¬ ten Hang habe ich zur ländlichen Poeſie, und zur ſüſſen melancholiſchen Schmärmerei in Gedichten. An dieſen nimt mein Herz den meiſten Antheil. Ich will alle meine Kräfte aufbieten. Ich will kein Dichter ſein, wenn ich kein groſſer Dichter werden kann. Wenn ich nichts hervorbringen kann, was die Unſterblichkeit an der Stirne trägt, was mit den Werken meiner Freun¬ de in gleichem Paare geht, ſo ſoll keine Silbe von mir gedruckt werden. Ein mittelmäſſiger Dichter iſt ein Unding!

AusXVII

Aus einem andern Briefe vom 13 December 1773. Eben komme ich aus der Verſammlung unſerer Freunde. Ich danke dem Himmel, daſs er uns zuſammengeführt hat, und werde ihm danken, ſo lange Odem in mir iſt. Heilige Freundſchaft, wie ſehr haſt du mich be¬ ſeligt! Ich kannte keinen, konnte keinem mein Herz ausſchütten; du führteſt mir edle Seelen zu, die mir ſo viele ſüſſe Stunden gemacht haben, und mir auch künf¬ tig alle Bitterkeiten des Lebens verſüſſen werden ... Laura iſt in der Stadt geboren und erzogen. Sie iſt die ſchönſte Perſon, die ich geſehn habe; ich habe mir kein Ideal liebenswürdiger bilden können; hat eine majeſtä¬ tiſche Länge, und den vortrefflichſten Wuchs, ein oval¬ rundes Geſicht, blonde Haare, groſſe blaue Augen, ein blühendes Kolorit, und Grazie und Anmut in allen ihren Mienen und Stellungen. Nie habe ich ein Frauenzimmer mit mehr Anſtand tanzen ſehn; und das Herz hat mir vor Wonne gezittert, wenn ich ſie ein deutſches oder welſches (ſie verſteht Italieniſch und Franzöſiſch) Lied ſingen hörte. Sie fand ein groſſes Vergnügen an Kleiſts und Geſsners Schriften; ob ſie Klopſtock lieſt, weiſs ich nicht. Als ich ſie kennen lernte, war ſie bei ihrer Schweſter, die in meinem Geburtsorte verheiratet war, und im December 1768 ſtarb. Es war ein ſchöner Mai¬ abend, die Nachtigallen begannen zu ſchlagen, und die Abenddämmerung anzubrechen. Sie ging durch einen Gang blühender Apfelbäume, und war in die Farbe derUn¬XVIIIUnſchuld gekleidet. Rothe Bänder ſpielten an ihrem ſchönen Buſen, und oft zitterte ein Abendſonnenblick durch die Blüten, und röthete ihr weiſſes Gewand und ihren ſchönen Buſen. Was Wunder, daſs ſo viele Reize einen tiefen Eindruck auf mich machten, den keine Ent¬ fernung auslöſchen konnte. Einen Bogen würde ich anfüllen müſſen, wenn ich alle verliebten Fantaſien und Thorheiten erzählen wollte, worauf ich verfiel. Nach einem Jahre kehrte ſie wieder in die Stadt zurück. Man kann in einem Jahre manchen Göttertraum haben, man¬ ches Liebesgedicht machen. An beiden fehlte es nicht. ... Zweimal habe ich ſie nach ihrer Verheiratung ge¬ ſehn ... Als ich meine Eltern im vorigen Herbſte beſuchte, hörte ich, daſs ſie krank ſei, und daſs man ihr kein langes Leben zutrauete ... Es iſt Sünde, ſie ferner zu lieben. Meine Liebe iſt auch ſo ziemlich ver¬ loſchen; nur eine ſüſſe Erinnerung, und ein ſüſſes Herz¬ klopfen, wenn mir ihr Bild vor Augen kommt, ſind davon übrig. Doch habe ich oft noch den brennend¬ ſten Wunſch, ſie einmal wiederzuſehn. Ob ſie Gegen¬ liebe für mich gehabt hat? Ich habe ihr niemals meine Liebe merken laſſen, noch merken laſſen können. Wie konnte ein Jüngling, der noch auf keiner Univerſität geweſen war, um deſſen Kinn noch zweideutige Wolle hing, Liebeserklärungen thun, und auf Gegen¬ liebe Rechnung machen? Genug von Herzensangele¬ genheiten. Ich ſchäme mich fürwahr, dieſen Brief ge¬ſchrie¬XIXſchrieben zu haben; doch es ſei, litterae non erube¬ ſeunt.

Michaelis 1774 begleitete er Miller nach Leipzig. Folgendes aus ſeiner Reiſebeſchreibung. Von Nord¬ heim bis Roſsla, wo ein Graf Stolberg wohnt, fuhren wir auf offenem Wagen, und hatten einen heitern ge¬ ſtirnten Himmel über uns. Zu Roſsla wurden wir in die ſogenannte gelbe Kutſche gepackt. Dies iſt eine mit gelbem Tuche behangene Landkutſche, worin acht Reiſende ſizen können, zwei vorn, zwei hinten, und vier auf den beiden Seiten. Ich wählte mir der Aus¬ ſicht wegen eine von den Seitenlogen, und kuckte wie aus einem Fenſter in die ſchöne groſſe Welt hinaus. Wir kamen durch Eisleben, wo Luther geboren iſt, konnten aber, weil es Mitternacht war, weder die Stadt noch Luthers Geburtshaus beſehn. Hier bekamen wir an einem Officier einen luſtigen Reiſegefährten. Wir aſsen zu Mittage mit ihm in Merſeburg, und tran¬ ken gewaltig viel Merſeburger. Klopſtock nennt es den König unter den Bieren. Es iſt das wahre Ein¬ herium Ol. Ich glaube ſteif und feſt, daſs Wodan mit ſeinen Leuten in Walhalla Merſeburger trinkt. Wir tranken des Götterſafts ſo viel, daſs unſre Geſichter ſo feuerroth wurden, als Uzens, da er zur Gottheit aufflog. Zwiſchen Merſeburg und Leipzig tranken wir Kaffe in einer Schenke, vor deren Thüre ein Faeton mit zweilieb¬XXlieblichen Mädchen hielt. Die eine war vorzüglich ſchön, und gefiel mir höchlich. Ich ſtellte mich dicht an die Thüre, als ſie abſtieg und wieder einſtieg, und verſchlang ihre Reize. Sie kam einmal ſo nahe bei mir vorbei, daſs mich ihr ſchöner Arm ein wenig berührte. Betrübt ſah ich ſie wegfahren. Ich freute mich, daſs mein Herz noch fühlen konnte. Welch ein Himmel iſt die Liebe! Der iſt ein Engel, der in dieſem Himmel wohnen kann, der ein Verdammter, der nie einen Plaz darin bekommt. Troz meiner ſtrupfichten Locken hätte ſie mich vielleicht angelächelt, wenn ſie gewuſst hätte, daſs der berühmte Traumbilderdichter vor ihr ſtünde.

Spät im Herbſte 1774 fing er an, des Morgens Blut auszuwerfen, welches er für die unſchädliche Folge eines im erſten akademiſchen Jahre gehabten hartnäcki¬ gen Huſtens, und lange zurückgebliebenen Stiches hielt. Im Anfange des Mais 1775, wenige Wochen nach dem Tode ſeines Vaters, ging er von Göttingen über Han¬ nover nach Marienſee zurück, wo er ſeine Kur unter Zimmermanns Anleitung fortſezte. Den 8 Mai ſchrieb er mir: Vielleicht, hat Zimmermann Leiſewizen ge¬ ſagt, könnte ich noch von der Schwindſucht gerettet werden, wenn ich die verordneten Arzeneien gebrauch¬ te, und die vorgeſchriebene Diät befolgte. Du ſiehſt alſo, wie gefährlich meine Krankheit iſt, und auf welch ei¬ nem ſchmalen Scheidewege zwiſchen Leben und TodichXXIich wandle. So wenig ich mich auch vor dem Tode fürchte, ſo gern lebte ich doch noch ein paar Olimpia¬ den, um mit euch Freunden mich des Lebens zu freun, und um nicht unerhöht mit der groſſen Flut hinunterzu¬ flieſſen. Doch Gottes Wille geſchehe! Sonſt lebe ich hier ganz angenehm. Marienfee hat eine dichtriſche angenehme Lage. Ringsum ſind Gehölze und Kornfel¬ der und Wieſen. Aber was hilft mir die ſchöne Ge¬ gend, da ich ſie mit keinem Freunde durchirren kann! Ich verſichere dich, ich bin herzlich traurig, wenn ich an die Verſammlungstage1)Wir verſammelten uns alle Sonnabende, gingen mit einander ins Feld, ſprachen über Wiſſenſchaften und Empfindungen, und beurtheilten unſere Arbeiten. in Göttingen denke, und mich nach Freunden umſehe, und keinen finde. Bis Michaelis muſs ich hier bleiben. Da iſt keine Errettung. Ich muſs nun erſt die Kur brauchen, und meiner Geſund¬ heit warten. Es wird ein Glück ſein, wenn ich ſo viel Geld zuſammenſcharre, daſs ich Michaelis nach Wandsbeck ziehen kann. 2)Er wollte es ſchon Oſtern, und gab mir einen Theil ſeiner Bücher mit. Im Julius beſuchte er mich auf acht Tage, und ſeine Geſundheit ſchien ſich zu beſ¬ ſern. Michaelis muſste ich ihm ſchon eine Stube in meiner Wohnung mieten. Aber die Vorſehung ver¬ ſagte uns beiden das Glück, wieder vereinigt zu werden. Vielleicht beſuche ichdichXXIIdich gegen Ende des Mais auf einige Tage. Ich habe ein ſehnliches Verlangen, etwas von dir zu hören. Es wäre Sünde, wenn du mich lange in meiner Einſiedelei lieſſeſt, ohne an mich zu ſchreiben. Schreib doch an mich, Voſs; ſchreib doch an mich, Miller, wenn du noch da biſt. Sind die Barden in Hamburg auch verru¬ fen? 3)In Göttingen ward, weil wir nicht völlig wie andre Studenten waren, auf einigen Kathedern zwar nur leiſe, aber in gewiſſen Zuſammenkünften von Profeſ¬ ſoren und andern deſto lauter, von einer Barden¬ geſellſchaft geredet, welchen man mit ſinnreicher Frohherzigkeit viel abentheurliches, z. E. daſs ſie mit ihren Bardenſchülern auf einen benachbarten Hexen¬ berg auszögen, ſich in Thierhäute vermummten, um Mitternacht opferten, und keinen Wein, aber ge¬ waltig viel Bier tränken, und mehr derglei¬ chen nachſagte. Haſt du hübſche Traumbilder geſehn? Die Hamburger wallfahrten wohl ſchon ſtark nach Sankt Wandsbeck! O ihr müſst goldne Tage haben! Bald hoffe ich dich zu ſehn.

Im Herbſte 1775 ging er nach Hannover, um dort unter Zimmermanns Aufſicht eine kleine Nachkur, wie er mir ſchrieb, zu brauchen, und dann nach Wands¬ beck zu kommen. Seine Hoffnung ſtieg und ſank; aber er blieb heiter, und ſcherzte über ſich ſelbſt. Es ſindhierXXIIIhier magre unpoetiſche Zeiten: ſchrieb er mit den Ge¬ dichten, die er zum 77ger Almanach einſendete: ſo mager, wie die magern Kühe des Farao, oder wie ich jezt ſelber bin. Die Vormittagsſtunden muſs ich dem Ueberſezen aufopfern; nach Tiſche kriege ich immer Kopfweh und Hize im Geſicht, und bin bis gegen fünf Uhr zu nichts aufgelegt. Bald bin ich mit meiner Arbeit fertig, und kann einige Wochen in aller Ruhe bei dir bleiben. Ich bin ungemein begierig, dich einmal wie¬ derzuſehn. Der hieſige Aufenthalt iſt mir höchſt unan¬ genehm; ich muſs an einen andern Ort, oder ich ver¬ ſchimmele. Schreib mir bald. Ich ſchreibe dir künftig gewiſs oft. Armer Freund, es war dein lezter Brief an mich. Er ſtarb zu Hannover den 1 September 1776.

Dies war das Leben des Jünglings, deſſen Geiſt unter der Laſt eines ſiechen Körpers ſo aufſtrebte, daſs er in jeder gewählten Gattung der Poeſie unter den erſten Dichtern glänzt; der mit jedem neuen Verſuche höher zur Vollkommenheit ſtieg, und ſelbſt ſein Vollkommen¬ ſtes nur als Vorübung zu Werken des Mannes betrach¬ tete. Er ſtellte nicht mit kalter Ueberlegung Gedanken und Bilder zuſammen, worüber man ſich eins gewor¬ den iſt, ſie ſchön zu finden; voll warmer allumfaſſen¬ der Liebe blickte er in der Natur umher, und ſang, was ſein Herz empfand. Ich habe aus ſeinem Leben ſolche Züge gewählt, die mir die Art ſeiner Anſchau¬ungXXIVung und Empfindung zu erläutern ſchienen: wohlwiſ¬ ſend, daſs manche davon den ehrbaren und weltklugen Leſer nicht ganz befriedigen werden. Vielleicht hat mich die ſüſſe Erinnerung jener Zeit, da uns die Freund¬ ſchaft, unter harmloſen Freuden der Jugend, zu ſeelen¬ erhebenden Zwecken verband, etwas ſchwazhafter ge¬ macht, als eben nöthig war. Aber wem Hölty ſo, wie wir ihn kannten, nicht gefällt, der genieſſe ſeiner Erhabenheit, und überſehe es groſsmüthig, daſs er mir und meinen Freunden gefallen hat.

Von Höltys Frömmigkeit zu reden, ſchien mir un¬ nöthig. Seine Gedichte beweiſen es, daſs er, wie jeder gute Menſch, die Religion ehrte. Was unſer Freund Miller, gewiſs mit feſter Ueberzeugung und redlicher Abſicht, von Höltys Widerwillen gegen Neuerungen, die doch nicht alle übel gemeint ſein können, erzählt, habe ich wenigſtens in dem lezten Jahre zu Göttingen, da ich ſein ganzes Zutrauen beſaſs, nicht wahrgenommen. Theils falſch, theils Misdeutungen ausgeſezt, iſt Millers Vorſtellung von Höltys Glücksumſtänden. Aus Edelmut, und weil er ſich leicht behelfen konnte, entſagte er zulezt der Unterſtüzung ſeiner Familie; aber eigentlichen Mangel hat er nie gelitten. Er genoſs Wohlthaten des Staats, die Würdigen beſtimmt ſind; niemals Wohltha¬ ten eines Mannes, der ihm aufs höchſte nur Gerechtig¬ keit erwies. Ich hatte es einigen geklagt, daſs HöltyſichXXVſich noch in der lezten Krankheit mit Ueberſezungen quälen müſste, um etwas Geld zu einer kleinen Luſtreiſe zu ſammeln; worauf eine Freundin von Freunden, die es wehrt waren Hölty zu beſchenken, funfzig Thaler zuſammenbrachte, und nach Hannover ſchickte. Aber Hölty war ſchon todt; und das Geld ward ſeinem älte¬ ſten Bruder geſchenkt. Seine eigenen Angelegenheiten, die er Boien vor ſeinem Tode entdeckt hatte, wurden alle mit ſeinem vorräthigen und ausſtehenden Gelde ins Reine gebracht.

Hölty war in dem lezten Jahre, da er ſein Ende noch nicht ſo nahe glaubte, ſchon ſelbſt mit der Sammlung ſeiner Gedichte beſchäftigt. Der Tod übereilte ihn; und ſeine Papiere wurden Boien anvertraut, der ſie herauszugeben, und für einen Theil des Ertrags ein kleines marmornes Denkmal auf das Grab des hannövri¬ ſchen Dichters zu ſezen verſprach. Mancherlei Hin¬ derniſſe verzögerten dieſe Ausgabe, und würden ſie vielleicht noch lange verzögert haben. Wir übernah¬ men ſie alſo ſelbſt: weil es uns kränkte zu ſehn, daſs unſerm verſtorbenen Freunde von einem Unbekannten, der die Kühnheit hatte, ſich öffentlich als Höltys Freund zu nennen, ein Gemengſel von verworfenen, fremden und ſinnloſen Gedichten aufgebürdet, und ſeinen recht¬ mäſſigen Erben ihr Eigenthum entzogen ward. Ein Denkmal kann ihm nun freilich nicht geſezt werden;aberXXVIaber in Hannover, wo auch Leibniz begraben liegt, iſt es kein Zeichen von Geringſchäzung, daſs man die Stätte des Begrabenen nicht kennt. Es erforderte oft nicht weniger Bekanntſchaft mit Höltys Art, als unverdroſſene Aufmerkſamkeit, aus ſeiner Handſchrift die wahre Meinung herauszufinden. Viele Aenderungen und Zu¬ ſäze ſtehn durch einander, oft wieder verändert, halb und ganz vollendet, oder nur angedeutet, auf kleinen Zetteln, auf Umſchlägen von Briefen, und auf dem Rande eines Leichengedichts. Unter einigen Gedichten ſteht das Verdammungsurtheil: Verworfen! unter andern von gleichem Gehalte fehlt es. Von einigen ſchon ge¬ druckten fanden ſich ältere Abſchriften, mit nicht ver¬ werflichen Lesarten. Auch das Traumbild Seite 42 hat in einem zu ſpät verglichenen Buche von 1772 noch folgende Verſe, die aufgenommen zu werden verdienen:

nirgends finden.
Ich wandre, wenn die Sonne ſticht,
Wenns ſtürmet oder regnet,
Und ſchaue jeder ins Geſicht,
Die meinem Blick begegnet.
So irr 'ich Armer für und für,
Mit Seufzern und mit Thränen,
Und muſtr' an jeder Kirchenthür '
Am Sonntag' alle Schönen.
Nach jedem Fenſter

VonXXVIIVon ungedruckten Gedichten fand ſich zum Theil nur der erſte Aufſaz, wo Strofen und Verſe durch einander, und, ohne daſs etwas ausgeſtrichen iſt, dieſelben Ge¬ danken mehrmal umgearbeitet vorkommen. Wir haben mit treuer Sorgfalt gewählt, und was Hölty ſo, wie es war, ſeiner unwürdig erkannte, nach ſeiner Anweiſung oder Andeutung geändert: eine Freundſchaftspflicht, die wir ſtets, ſo lange er unter uns lebte, gegen einander ausgeübt, und die der Nachlebende dem Verſtorbenen heilig verſprochen hat. Wir haben ſeinen Nachlaſs ſo beſorgt, wie unſer redliche Freund, wenn wir früher geſtorben wären, den unſrigen beſorgt hätte. Eutin, im Auguſt 1783.

Voſs.

In¬

Inhalt.

  • Adelſtan und Röschen, 1771. Seite 1
  • Das Landleben, vermutlich 1775. 8
  • Auf den Tod einer Nachtigall, 1771. 11
  • Mailied, vermutlich 1771. 13
  • Elegie auf ein Landmädchen, im Frühling 1774 unter einem blühenden Baume gemacht. 15
  • Der arme Wilhelm, vermutlich 1775. 19
  • Mailied, 1773. 22
  • Das Feuer im Walde, 1774. 24
  • Erntelied, 1775. 28
  • Der alte Landmann an ſeinen Sohn, 1775. 30
  • Der Bach, 1774. 35
  • Schnitterlied, 1773. 37
  • Trinklied im Mai, 1775. 39
  • Das Traumbild, vermutlich 1771. 42
  • Todtengräberlied, vermutlich 1775. 44
  • An ein Mädchen, das am Frohnleichnamsfeſt ein Marienbild trug, 1773. 46
  • Die künftige Geliebte, vermutlich 1775. 49
  • Das Traumbild, 1774. 52
  • Chriſtel und Hannchen, eine Schnitteridille, vermutlich 1775. 54
  • Der Weiberfeind, 1771. 57
  • Die Nonne, 1773. 60
  • Mailied, 1773. 65
  • An die Ruhe, vermutlich 1772. 67
  • Trinklied im Winter, 1775. 70
  • Lied eines Mädchens auf den Tod ihrer Geſpielin, 1774. 72
  • Die
  • Die Liebe, 1773. Seite 74 An einen Freund, der ſich in ein ſchönes Landmädchen verliebte, 1775. 76
  • An den Mond, 1774. 79
  • An Dafnens Kanarienvogel, 1772. 80
  • Der rechte Gebrauch des Lebens, verm. 1775. 82
  • Die Seligkeit der Liebenden, I776. 84
  • An den Mond, 1775. 87
  • Der Tod, 1772. 89
  • Apoll und Dafne, 1770. 91
  • Maigeſang, 1776. 94
  • Laura, 1772. 97
  • Klage, 1773. 100
  • An Voſs, 1773. 101
  • Aufmunterung zur Freude, 1776. 103
  • Der Traum, 1775. 105
  • Leander und Ismene, 1772. 107
  • Die Schale der Vergeſſenheit, vermutl. 1776. 125
  • An Miller, 1773. 126
  • Erinnerung, 1773. 129
  • Der Kuſs, vermutl. 1775. 131
  • Frühlingslied, 1773. 132
  • Das Traumbild, 1772. 133
  • An ein Veilchen, 1772. 136
  • Entzückung, vermutl. 1775. 137
  • Winterlied, 1773. 138
  • Hexenlied, 1775. 140
  • Die frühe Liebe, 1773. 142
  • An die Grille, 1774. 144
  • Siegeslied bei Eroberung des heiligen Grabes, 1775. 145
  • Klage eines Mädchens über den Tod ihres Geliebten, 1775. 149
  • Blumen¬
  • Blumenlied, 1773. Seite 152
  • Huldigung, 1773. 153
  • Die Geliebte, 1774. 155
  • Mailied, 1773. 156
  • An die Nachtigall, vermutl. 1772. 157
  • Die Beſchäftigungen, 1776. 158
  • Der Anger, 1773. 160
  • Trinklied, 1775. 162
  • Die Laube, vermutlich 1773. 165
  • Die Mainacht, 1774. 167
  • Der befreite Sklave, 1774. 168
  • Die Schiffende, 1774. 170
  • Mailied, vermutlich 1772. 172
  • An Laura, bei dem Sterbebette ihrer Schweſter, 1768. 174
  • Lebenspflichten, vermutlich 1776. 176
  • An die Apfelbäume, wo ich Julien er¬ blickte, 1775. 178
  • Der Liebende, vermutlich 1776. 180
  • An die Fantaſie, 1776. 182
  • Seufzer, 1773. 184
  • Die Liebe, vermutlich 1775. 185
  • Elegie bei dem Grabe meines Vaters, 1775. 188
  • Auftrag, 1776. 189
Ge¬

Gedichte

von Ludewig Heinrich Chriſtoph Hölty.

1

Adelſtan und Röschen.

1771.

Der ſchöne Maienmond began,
Und alles wurde froh,
Als Ritter Veit von Adelſtan
Der Königsſtadt entfloh.
Von Geigern und Kaſtraten fern
Und vom Redutentanz,
Vertauſcht 'er ſeinen goldnen Stern
Mit einem Schäferkranz.
Der Schooſs der Au, der Wieſenklee
Verlieh ihm ſüſsre Raſt,
Als Himmelbett 'und Kanapee
Im fürſtlichen Palaſt.
Er irrte täglich durch den Hain,
Mit einer Bruſt voll Ruh,
Und ſah dem Spiel' und ſah dem Reihn
Der Dörferinnen zu;
ASah2
Sah unter niederm Hüttendach
Der Schäferinnen Preis:
Und plözlich ſchlug ſein Herzensſchlag
Wol noch einmal ſo heiſs.
Sie wurden drauf gar bald vertraut;
Was Wunder doch! Er war
Ein Mann von Welt und wohlgebaut,
Und Röschen achzehn Jahr.
Sie gab, durch manchen Thränenguſs
Erweichet, ihm Gehör;
Zuerſt bekam er einen Kuſs
Zulezt noch etwas mehr.
Izt wurde, nach des Hofes Brauch,
Sein Buſen plözlich lau:
Er ſaſs nicht mehr am Schlehenſtrauch
Mit Röschen auf der Au.
Des Dorfes und des Mädchens ſatt,
Warf er ſich auf ſein Roſs,
Flog wieder in die Königsſtadt,
Und in ſein Marmorſchloſs.
Hier3
Hier taumelt 'er von Ball zu Ball,
Vergaſs der Raſenbank,
Wo beim Getön der Nachtigall
Sein Mädchen ihn umſchlang.
Und Röschen, die auf Wieſengrün
Im Haſelſchatten ſaſs,
Sah Mann und Roſs vorüberfliehn,
Und wurde todtenblaſs.
Mein Adelſtan! ich armes Blut!
Er ſah und hörte nicht,
Und drückte ſich den Reiſehut
Nur tiefer ins Geſicht.
Sie zupft ', auf ihren Hirtenſtab
Gelehnt, am Buſenband,
Bis er dem Roſs die Spornen gab,
Und ihrem Aug' entſchwand;
Und ſchluchzt ', und warf ſich in das Gras,
Verbarg ſich ins Geſträuch,
Weint ihren ſchönen Buſen naſs,
Und ihre Wangen bleich.
Kein4
Kein Tanz, kein Spiel behagt 'ihr mehr.
Kein Abendroth, kein Weſt;
Das Dörfchen dünkt ihr freudenleer,
Die Flur ein Otternneſt.
Ein melancholiſch Heimchen zirpt
Vor ihrer Kammerthür;
Das Leichhuhn ſchreit. Ach Gott! ſie ſtirbt,
Des Dorfes beſte Zier.
Die dumpfe Todtenklocke ſchallt
Drauf in das Dorf. Man bringt
Den Sarg daher. Der Küſter wallt
Der Bahre vor, und ſingt.
Der Pfarrer hält ihr den Sermon,
Und wünſcht dem Schatten Ruh,
Der dieſem Jammerthal 'entflohn,
Und klagt und weint dazu.
Man pflanzt ein Kreuz, mit Flittergold
Bekränzet, auf ihr Grab;
Und auf den friſchen Hügel rollt
So manche Thrän 'hinab.
Es5
Es wurde Nacht. Ein düſtrer Flor
Bedeckte Thal und Höhn;
Auch kam der liebe Mond hervor,
Und leuchtete ſo ſchön.
Vernehmt nun, wies dem Ritter ging!
Der Ritter lag auf Pflaum,
Um welchen Gold und Seide hing,
Und hatte manchen Traum.
Er zittert auf. Mit blauem Licht
Wird ſein Gemach erfüllt.
Ein Mädchen trit ihm vors Geſicht,
Ins Leichentuch verhüllt.
Ach! Röschen iſts, das arme Kind,
Das Adelſtan berückt!
Die Roſen ihrer Wangen ſind
Vom Tode weggepflückt.
Sie legt die eine kalte Hand
Dem Ritter auf das Kinn,
Und hält ihr moderndes Gewand
Ihm mit der andern hin;
Blickt6
Blickt drauf den ehrvergeſsnen Mann,
Den Schauer überſchleicht,
Dreimal mit hohlen Augen an,
Und wimmert und entweicht.
Sie zeigte, wann es zwölfe ſchlug,
Jezt alle Nächte ſich,
Verhüllet in ein Todtentuch,
Und wimmert 'und entwich.
Der Ritter fiel in kurzer Zeit
Drob in Melancholei,
Und ward, verzehrt von Traurigkeit,
Des Todes Konterfei.
Mit einem Dolch bewaffnet floh
Er aus der Stadt, und lief
Zum Gottesacker hin, alwo
Das arme Röschen ſchlief;
Wankt 'an die friſche Gruft, den Dolch
Dem Herzen zugekehrt,
Und ſank. Folg! ruft ein Teufel, folg!
Und ſeine Seel' entfährt.
Der7
Der Dolch ging mitten durch das Herz,
Entſezlich anzuſchaun!
Die Augen ſtarrten himmelwärts,
Und blickten Furcht und Graun.
Sein Grab ragt an der Kirchhofmaur.
Der Landmann, der es ſieht,
Wenns Abend wird, fühlt kalten Schaur,
Und ſchlägt ein Kreuz, und flieht.
Auch pflegt er, bis die Hahnen krähn,
Den Blutdolch in der Bruſt,
Mit glühnden Augen umzugehn,
Wie männiglich bewuſst.
Das8

Das Landleben.

Flumina amem ſilvasque inglorius. (Virg. )
Wunderſeliger Mann, welcher der Stadt entfloh!
Jedes Säuſeln des Baums, jedes Geräuſch des Bachs,
Jeder blinkende Kieſel
Predigt Tugend und Weisheit ihm.
Jedes Schattengeſträuch iſt ihm ein heiliger
Tempel, wo ihm ſein Gott näher vorüberwallt,
Jeder Raſen ein Altar,
Wo er vor dem Erhabnen kniet.
Seine Nachtigall tönt Schlummer herab auf ihn,
Seine Nachtigall weckt flötend ihn wieder auf,
Wann das liebliche Frühroth
Durch die Bäum 'auf ſein Bette ſcheint.
Dann9
Dann bewundert er dich, Gott, in der Morgenflur,
In der ſteigenden Pracht deiner Verkünderin,
Deiner herlichen Sonne,
Dich im Wurm und im Knoſpenzweig;
Ruht im wehenden Gras, wann ſich die Kühl 'ergieſst,
Oder ſtrömet den Quell über die Blumen aus;
Trinkt den Athem der Blüte,
Trinkt die Milde der Abendluft.
Sein beſtrohetes Dach, wo ſich das Taubenvolk
Sonnt und ſpielet und hüpft, winket ihm ſüſsre Raſt,
Als dem Städter der Goldſaal,
Als der Polſter der Städterin.
Und der ſpielende Trupp ſchwirret zu ihm herab,
Gurrt und ſäuſelt ihn an, flattert ihm auf den Korb,
Picket Krumen und Erbſen,
Picket Körner ihm aus der Hand.
Einſam10
Einſam wandelt er oft, Sterbegedanken voll,
Durch die Gräber des Dorfs, ſezet ſich auf ein Grab,
Und beſchauet die Kreuze
Mit dem wehenden Todtenkranz;
Und das ſteinerne Mal unter dem Fliederbuſch.
Wo ein bibliſcher Spruch freudig zu ſterben lehrt,
Wo der Tod mit der Senſe,
Und ein Engel mit Palmen ſteht.
Wunderſeliger Mann, welcher der Stadt entfloh!
Engel ſegneten ihn, als er geboren ward,
Streuten Blumen des Himmels
Auf die Wiege des Knaben aus!
Auf11

Auf den Tod einer Nachtigall.

1771.

Sie iſt dahin, die Maienlieder tönte;
Die Sängerin,
Die durch ihr Lied den ganzen Hain verſchönte,
Sie iſt dahin!
Sie, deren Ton mir in die Seele hallte,
Wenn ich am Bach,
Der durchs Gebüſch im Abendgolde wallte,
Auf Blumen lag!
Sie gurgelte, tief aus der vollen Kehle,
Den Silberſchlag:
Der Wiederhall in ſeiner Felſenhöhle
Schlug leiſ 'ihn nach.
Die ländlichen Geſäng' und Feldſchalmeien
Erklangen drein;
Es tanzeten die Jungfraun ihre Reihen
Im Abendſchein.
Auf12
Auf Mooſe horcht 'ein Jüngling mit Entzücken
Dem holden Laut,
Und ſchmachtend hing an ihres Lieblings Blicken
Die junge Braut:
Sie drückten ſich bei jeder deiner Fugen
Die Hand einmal,
Und hörten nicht, wenn deine Schweſtern ſchlugen,
O Nachtigall.
Sie horchten dir, bis dumpf die Abendklocke
Des Dorfes klang,
Und Heſperus, gleich einer goldnen Flocke,
Aus Wolken drang;
Und gingen dann im Wehn der Maienkühle
Der Hütte zu,
Mit einer Bruſt voll zärtlicher Gefühle,
Voll ſüſſer Ruh.
Mailied. 13

Mailied.

Tanzt dem ſchönen Mai entgegen,
Der, in ſeiner Herlichkeit
Wiederkehrend, Reiz und Segen
Ueber Thal und Hügel ſtreut!
Seine Macht verjüngt und gattet
Alles, was der grüne Wald,
Was der zarte Halm beſchattet,
Und die laue Wog 'umwallt.
Tanz, o Jüngling, tanz, o Schöne,
Die des Maies Hauch verſchönt!
Menget Lieder ins Getöne,
Das die Morgenklocke tönt,
Ins Geſäuſel junger Blätter,
Und der holden Nachtigall
Liebejauchzendes Geſchmetter;
Und erweckt den Wiederhall.
Flieht14
Flieht der Stadt umwölkte Zinnen!
Hier, wo Mai und Lieb 'euch ruft,
Athmet, ſchöne Städterinnen,
Athmet friſche Maienluft!
Irrt mit eurem Sonnenhütchen,
Auf die Frühlingsflur hinaus,
Singt ein fröhlich Maienliedchen,
Pflücket einen Buſenſtrauſs!
Schmückt mit Kirſchenblütenzweigen
Euch den grünen Sonnenhut,
Schürzt das Röckchen, tanzet Reigen.
Wie die Schäferjugend thut!
Bienen ſumſen um die Blüte,
Und der Weſtwind ſchwärmt ſich matt,
Schwärmt, und haucht auf eure Hüte
Manches weiſſe Blütenblatt.
Elegie15

Elegie auf ein Landmädchen.

Schwermutsvoll und dumpfig hallt Geläute
Vom bemooſten Kirchenthurm herab.
Väter weinen, Kinder, Mütter, Bräute;
Und der Todtengräber gräbt ein Grab.
Angethan mit einem Sterbekleide,
Eine Blumenkron 'im blonden Haar,
Schlummert Röschen, ſo der Mutter Freude,
So der Stolz des Dorfes war.
Ihre Lieben, voll des Misgeſchickes,
Denken nicht an Pfänderſpiel und Tanz,
Stehn am Sarge, winden naſſes Blickes
Ihrer Freundin einen Todtenkranz.
Ach! kein Mädchen war der Thränen wehrter,
Als du gutes frommes Mädchen biſt,
Und im Himmel iſt kein Geiſt verklärter,
Als die Seele Röschens iſt.
Wie16
Wie ein Engel ſtand im Schäferkleide
Sie vor ihrer kleinen Hüttenthür:
Wieſenblumen waren ihr Geſchmeide,
Und ein Veilchen ihres Buſens Zier,
Ihre Fächer waren Zefirs Flügel,
Und der Morgenhain ihr Puzgemach,
Dieſe Silberquellen ihre Spiegel,
Ihre Schminke dieſer Bach.
Sittſamkeit umfloſs, wie Mondenſchimmer,
Ihre Roſenwangen, ihren Blick;
Nimmer wich der Seraf Unſchuld, nimmer
Von der holden Schäferin zurück.
Jünglingsblicke taumelten voll Feuer
Nach dem Reiz des lieben Mädchens hin;
Aber keiner, als ihr Vielgetreuer,
Rührte jemals ihren Sinn.
Keiner, als ihr Wilhelm! Frühlingsweihe
Rief die Edlen in den Buchenhain:
Unterm Grün, durchſtralt von Himmelsbläue,
Flogen ſie den deutſchen Ringelreihn.
Röschen17
Röschen gab ihm Bänder mancher Farbe,
Kam die Ernt ', an ſeinen Schnitterhut,
Saſs mit ihm auf einer Weizengarbe,
Lächelt' ihm zur Arbeit Mut;
Band den Weizen, welchen Wilhelm mähte,
Band und äugelt ihrem Liebling nach,
Bis die Kühlung kam, und Abendröthe
Durch die falben Weſtgewölke brach.
Ueber alles war ihm Röschen theuer,
War ſein Taggedanke, war ſein Traum;
Wie ſich Röschen liebten und ihr Treuer,
Lieben ſich die Engel kaum.
Wilhelm! Wilhelm! Sterbeklocken hallen,
Und die Grabgeſänge heben an,
Schwarzbeflorte Trauerleute wallen,
Und die Todtenkrone weht voran.
Wilhelm wankt mit ſeinem Liederbuche,
Naſſes Auges, an das offne Grab,
Trocknet mit dem weiſſen Leichentuche
Sich die hellen Thränen ab.
B Schlummre18
Schlummre ſanft, du gute fromme Seele,
Bis auf ewig dieſer Schlummer flieht!
Wein 'auf ihrem Hügel, Filomele,
Um die Dämmerung ein Sterbelied!
Weht wie Harfenliſpel, Abendwinde,
Durch die Blumen, die ihr Grab gebar!
Und im Wipfel dieſer Kirchhoflinde
Niſt' ein Turteltaubenpaar!
Der19

Der arme Wilhelm.

Wilhelms Braut war geſtorben. Der arme
verlaſſene Wilhelm
Wünſchte den Tod, und beſuchte nicht mehr den
geflügelten Reigen,
Nicht das Oſtergelag und das Feſt der bemaleten
Eier,
Nicht den gaukelnden Tanz um die Oſterflamme des
Hügels.
Einſam war er, und ſtill wie das Grab, und glaubte
mit jedem
Tritt in die Erde zu ſinken. Die Knaben und Mädchen
des Dorfes
Brachen Main, und ſchmückten das Haus und die
ländliche Diele,
Und begrüſsten den heiligen Abend vor Pfingſten
mit Liedern.
Wilhelm floh das Gewühl der beglückten fröhlichen
Leute,
Wandelt ' 20
Wandelt 'über den Gottesacker, und ging in die
Kirche,
Nahm den Kranz der geliebten Braut von der Wand,
und kniete
An dem Altar, und barg das Geſicht in die Blumen
des Kranzes,
Flehte weinend zu Gott: O entnim mich der Erde,
mein Vater!
Ruf mich zu meiner Entſchlummerten! Doch dein
Wille geſchehe!
Liſpelnd bebte das Gold und die Flitterblumen des
Kranzes,
Lieblich rauſchten die flatternden Bänder, wie Blät¬
ter im Winde,
Und ein fliegender Lichtglanz flog durch die Fenſter
der Kirche.
Ruhiger wandelte Wilhelm nach Haus. Bald hörten
die Schweſtern
Drauf die Todtenuhr in der Kammer pickern, und
ſahen
Auf der Diele den Sarg, und den Pfarrer im Mantel
daneben;
Und21
Und das Leichhuhn ſchlug an die Kammerfenſter,
und heulte.
Wenige Wochen, da ſtarb der verlaſſene traurige
Wilhelm,
Und ſein grünendes Grab ragt hart am Grabe des
Mädchens.
Mailied22

Mailied.

Grüner wird die Au,
Und der Himmel blau;
Schwalben kehren wieder,
Und die Erſtlingslieder
Kleiner Vögelein
Zwitſchern durch den Hain.
Aus dem Blütenſtrauch
Weht der Liebe Hauch:
Seit der Lenz erſchienen,
Waltet ſie im Grünen,
Malt die Blumen bunt,
Roth des Mädchens Mund.
Brüder, küſſet ihn!
Denn die Jahre fliehn!
Einen Kuſs in Ehren
Kann euch niemand wehren!
Küſst ihn, Brüder, küſst,
Weil er kuſslich iſt!
Seht,23
Seht, der Tauber girrt,
Seht, der Tauber ſchwirrt
Um ſein liebes Täubchen!
Nehmt euch auch ein Weibchen,
Wie der Tauber thut,
Und ſeid wohlgemut!
Das24

Das Feuer im Walde.

Zween Knaben liefen durch den Hain
Und laſen Eichenreiſer auf,
Und thürmten ſich ein Hirtenfeur,
Indeſs die Pferd 'im fetten Graſ'
Am Wieſenbache weideten.
Sie freuten ſich der ſchönen Glut,
Die, wie ein helles Oſterfeur,
Gen Himmel flog, und ſezten ſich
Auf einen alten Weidenſtumpf.
Sie ſchwazten dies und ſchwazten das,
Vom Feuermann und Ohnekopf,
Vom Amtmann, der im Dorfe ſpukt,
Und mit der Feuerkette klirrt,
Weil er nach Anſehn ſprach und Geld,
Wie's liebe Vieh die Bauren ſchund,
Und niemals in die Kirche kam.
Sie ſchwazten dies und ſchwazten das,
Vom25
Vom ſeelgen Pfarrer Habermann,
Der noch den Nuſsbaum pflanzen thät,
Von dem ſie manche ſchöne Nuſs
Herabgeworfen, als ſie noch
Zur Pfarre gingen, manche Nuſs!
Sie ſegneten den guten Mann
In ſeiner kühlen Gruft dafür,
Und knackten jede ſchöne Nuſs
Noch einmal in Gedanken auf.
Da rauſcht das dürre Laub empor,
Und ſieh, ein alter Kriegesknecht
Wankt durch den Eichenwald daher,
Sagt: Guten Abend, wärmet ſich,
Und ſezt ſich auf den Weidenſtumpf.
Wer biſt du, guter alter Mann?
Ich bin ein preuſſiſcher Soldat,
Der in der Schlacht bei Kunnersdorf
Das Bein verlor, und leider Gotts!
Vor fremden Thüren betteln muſs.
Da ging es ſcharf, mein liebes Kind!
Da26
Da ſauſeten die Kugeln uns
Wie Donnerwetter um den Kopf!
Dort flog ein Arm, und dort ein Bein!
Wir patſchelten durch lauter Blut,
Im Pulverdampf! Steht, Kinder, ſteht!
Verlaſſet euren König nicht!
Rief Vater Kleiſt; da ſank er hin.
Ich und zwei Burſche trugen flugs
Ihn zu dem Feldſcheer aus der Schlacht.
Laut donnerte die Batterie!
Mit einmal flog mein linkes Bein
Mir unterm Leibe weg! O Gott!
Sprach Hans, und ſahe Töffeln an,
Und fühlte ſich nach ſeinem Bein:
Mein Seel! ich werde kein Soldat,
Und wandre lieber hinterm Pflug.
Da ſing 'ich mir die Arbeit leicht,
Und ſpring' und tanze, wie ein Hirſch,
Und lege, wenn der Abend kommt,
Mich hintern Ofen auf die Bank.
Doch27
Doch kommt der Schelmfranzos zurück,
Der uns die beſten Hühner ſtahl,
Und unſer Heu und Korn dazu;
Dann nehm 'ich einen rothen Rock,
Und auf den Puckel mein Gewehr!
Dann komm nur her, du Schelmfranzos!
Hans, ſagte Töffel, lang' einmal
Die Kiepe her, die hinter dir
Im Riedgras ſteht, und gieb dem Mann,
Von unſerm Käſ 'und Butterbrot.
Ich ſamml' indeſſen dürres Holz;
Denn ſieh, das Feuer ſinket ſchon.
Ernte¬28

Erntelied.

Sicheln ſchallen;
Aehren fallen
Unter Sichelſchall;
Auf den Mädchenhüten
Zittern blaue Blüten;
Freud 'iſt überall!
Sicheln klingen;
Mädchen ſingen,
Unter Sichelſchall;
Bis, vom Mond beſchimmert,
Rings die Stoppel flimmert,
Tönt der Ernteſang.
Alles ſpringet,
Alles ſinget,
Was nur lallen kann.
Bei dem Erntemahle
Iſst aus einer Schale
Knecht und Bauersmann.
Hans29
Hans und Michel,
Schärft die Sichel,
Pfeift ein Lied dazu,
Mähet; dann beginnen
Schnell die Binderinnen,
Binden ſonder Ruh.
Jeder ſcherzet,
Jeder herzet
Dann ſein Liebelein.
Nach geleerten Kannen
Gehen ſie von dannen,
Singen und juchhein!
Der30

Der alte Landmann an ſeinen Sohn.

Ueb 'immer Treu und Redlichkeit
Bis an dein kühles Grab,
Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab!
Dann wirſt du, wie auf grünen Aun,
Durchs Pilgerleben gehn;
Dann kannſt du ſonder Furcht und Graun
Dem Tod' entgegen ſehn.
Dann wird die Sichel und der Pflug
In deiner Hand ſo leicht;
Dann ſingeſt du beim Waſſerkrug,
Als wär dir Wein gereicht.
Dem31
Dem Böſewicht wird alles ſchwer,
Er thue was er thu;
Der Teufel treibt ihn hin und her,
Und läſst ihm keine Ruh.
Der ſchöne Frühling lacht ihm nicht,
Ihm lacht kein Aehrenfeld;
Er iſt auf Lug und Trug erpicht,
Und wünſcht ſich nichts als Geld.
Der Wind im Hain, das Laub am Baum,
Sauſt ihm Entſezen zu;
Er findet, nach des Lebens Raum,
Im Grabe keine Ruh.
Dann muſs er in der Geiſterſtund '
Aus ſeinem Grabe gehn,
Und oft als ſchwarzer Kettenhund
Vor ſeiner Hausthür ſtehn.
Die Spinnerinnen, die, das Rad
Im Arm, nach Hauſe gehn,
Erzittern wie ein Espenblatt,
Wenn ſie ihn liegen ſehn.
Und32
Und jede Spinneſtube ſpricht
Von dieſem Abentheur,
Und wünſcht den todten Böſewicht
Ins tiefſte Höllenfeur.
Der alte Kunz war bis ans Grab
Ein rechter Höllenbrand:
Er pflügte ſeinem Nachbar ab,
Und ſtahl ihm vieles Land.
Nun pflügt er, als ein Feuermann,
Auf ſeines Nachbarn Flur,
Und miſst das Feld hinab hinan
Mit einer glühnden Schnur.
Er brennet, wie ein Schober Stroh,
Dem glühnden Pfluge nach,
Und pflügt, und brennet lichterloh
Bis an den hellen Tag.
Der Amtmann, der die Bauern ſchund,
Und hurt ', und Hirſche ſchoſs,
Trabt Nachts mit einem ſchwarzen Hund
Im Wald' auf glühndem Roſs.
Oft33
Oft geht er auch am Knotenſtock
Als rauher Brummbär um,
Und meckert oft als Ziegenbock
Im ganzen Dorf herum.
Der Pfarrer, der aufs Tanzen ſchalt,
Und Filz und Wuchrer war,
Steht Nachts als ſchwarze Spukgeſtalt
Um zwölf Uhr am Altar;
Paukt dann mit dumpfigem Geſchrei
Die Kanzel, daſs es gellt,
Und zählet in der Sakriſtei
Sein Beicht - und Opfergeld.
Der Junker, der bei Spiel und Ball
Der Wittwen Habe fraſs,
Kutſchiert, umbrauſt von Seufzerhall,
Zum Feſt des Satanas;
Im blauen Schwefelflammenrock
Fährt er zur Burg hinauf,
Ein Teufel auf dem Kutſchenbock,
Zween Teufel hintenauf.
CSohn. 34
Sohn, übe Treu und Redlichkeit
Bis an dein kühles Grab,
Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab!
Dann ſuchen Enkel deine Gruft,
Und weinen Thränen drauf,
Und Sommerblumen, voll von Duft,
Blühn aus den Thränen auf.
Der35

Der Bach.

Wie Blanduſiens Quell, rauſche der Enkelin
Deine Liſpel, o Bach; tanze der Horchenden
Silberblinkend vorüber;
Grünt, ihr Erlen des Ufers, ihr!
Dein Gemurmel, das leiſ 'über die Kieſel hüpft,
Euer zitterndes Laub, duftende Freundinnen,
Gieſst ein lindes Erbeben
Durch die Saiten der Seele mir.
Hier, auf ſchwellendem Moos, horch 'ich der Nachtigall,
Die hier liebender klagt, horch' ich dem Schilfgeräuſch,
Und dem Plätſchern des Aales,
Der im Schatten der Erle ſchwebt.
Und ein magiſcher Hain ſäuſelt um mich empor,
Eine Hütte darin winkt mir, mit Wein umrankt,
Und ein freundliches Mädchen
Hüpft durch Blumen, und lächelt mir.
Von36
Von des ſinkenden Tags Golde geröthet, ſäumt
Hinter Roſen ſie her, eilet, und küſst mich ſanft;
Fleucht, und lächelt, und birgt ſich
Wieder hinter den Blütenbuſch.
Weil '! ich fliege dir nach! Warum entfloheſt du?
Plözlich liſpelt der Strauch; Himmel! ſie bebt hervor,
Und es ſchüttelt der Strauch ihr
Einen Regen von Blüten nach.
Schnit¬37

Schnitterlied.

Es zirpten Grillen und Heimen;
Von grünen Sträuchen und Bäumen
Floſs Abendkühlung herab,
Als, hinter Garben von Weizen,
Ein wahrer Engel an Reizen
Dies Pfand der Liebe mir gab.
Sie ſprach mit frölichem Mute:
Trag dieſe Blumen am Hute
Und dieſes goldene Band!
Und gab die Blumen und Flittern,
An meinem Hute zu zittern,
Mir in die wartende Hand.
Die Blumen hab 'ich getragen,
Seit vierzehn glücklichen Tagen,
Und dieſe ſchwanden ſo ſchnell!
Ihr Bänder, ſah ich euch ſchweben,
Begann das Herz mir zu beben,
Ward meine Seele ſo hell!
Ha! 38
Ha! morgen bringen wir Leute,
Geſchmückt wie Freier und Bräute,
Der Ernte flitternden Kranz:
Dann tönen helle Schalmeien
Durch unſre ländlichen Reihen,
Dann ſchwing 'ich Liebchen im Tanz!
Trinklied39

Trinklied im Mai.

Bekränzet die Tonnen,
Und zapfet mir Wein;
Der Mai iſt begonnen,
Wir müſſen uns freun!
Die Winde verſtummen,
Und athmen noch kaum;
Die Bienlein umſummen
Den blühenden Baum.
Die Nachtigall flötet
Im grünen Gebüſch;
Das Abendlicht röthet
Uns Gläſer und Tiſch.
Bekränzet die Tonnen,
Und zapfet mir Wein;
Der Mai iſt begonnen,
Wir müſſen uns freun!
Zum40
Zum Mahle, zum Mahle,
Die Flaſchen herbei!
Zween volle Pokale
Gebühren dem Mai!
Er träuft auf die Blüten
Sein Roth und ſein Weiſs;
Die Vögelein brüten
Im Schatten des Mais.
Er ſchenket dem Haine
Verliebten Geſang,
Und Gläſern beim Weine
Melodiſchen Klang;
Giebt Mädchen und Knaben
Ein Minnegefühl,
Und herliche Gaben
Zum Kuſs und zum Spiel.
Ihr Jüngling ', ihr Schönen,
Gebt Dank ihm und Preis!
Laſst Gläſer ertönen
Zur Ehre des Mais!
Es41
Es grüne die Laube,
Die Küſſe verſchlieſst!
Es wachſe die Traube,
Der Nektar entflieſst!
Es blühe der Raſen,
Wo Liebende gehn,
Wo Tanten und Baſen
Die Küſſe nicht ſehn!
Ihr lachenden Lüfte,
Bleibt heiter und hell!
Ihr Blüten voll Düfte,
Verweht nicht ſo ſchnell!
Das42

Das Traumbild.

Wo biſt du, Bild, das vor mir ſtand.
Als ich im Garten träumte,
Ins Haar den Rosmarin mir wand,
Der um mein Lager keimte?
Wo biſt du, Bild, das vor mir ſtand,
Mir in die Seele blickte,
Und eine warme Mädchenhand
Mir an die Wangen drückte?
Nun ſuch 'ich dich, mit Harm erfüllt,
Bald bei des Dorfes Linden,
Bald in der Stadt, geliebtes Bild,
Und kann dich nirgends finden.
Nach jedem Fenſter blick' ich hin,
Wo nur ein Schleier wehet,
Und habe meine Lieblingin
Noch nirgends ausgeſpähet.
Komm43
Komm ſelber, ſüſſes Bild der Nacht,
Komm mit den Engelminen,
Und in der leichten Schäfertracht,
Worin du mir erſchienen!
Bring mit die ſchwanenweiſſe Hand,
Die mir das Herz geſtolen,
Das purpurrothe Buſenband,
Das Sträuſschen von Violen;
Dein groſſes blaues Augenpaar,
Woraus ein Engel blickte;
Die Stirne, die ſo freundlich war,
Und guten Abend nickte;
Den Mund, der Liebe Paradies,
Die kleinen Wangengrübchen,
Wo ſich der Himmel offen wies,
Bring alles mit, mein Liebchen!
Todten¬44

Todtengräberlied.

Grabe, Spaden, grabe!
Alles, was ich habe,
Dank 'ich, Spaden, dir!
Reich' und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einſt zu mir!
Weiland groſs und edel,
Nickte dieſer Schädel
Keinem Gruſſe Dank!
Dieſes Beingerippe
Ohne Wang 'und Lippe
Hatte Gold und Rang.
Jener Kopf mit Haaren
War vor wenig Jahren
Schön, wie Engel ſind!
Tauſend junge Fentchen
Leckten ihm das Händchen,
Gafften ſich halb blind!
Grabe,45
Grabe, Spaden, grabe!
Alles, was ich habe,
Dank 'ich, Spaden, dir!
Reich' und arme Leute
Werden meine Beute,
Kommen einſt zu mir!
An46

An ein Mädchen, das am Frohnleichnamsfeſt ein Marienbild trug.

Denk 'ich meiner frohen Knabenzeiten,
Denk' ich, Mädchen, auch an dich;
Und die hellen Sehnſuchtstränen gleiten,
Und die Seele wölket ſich.
Sittſam war dein Aug, voll Mädchenmilde,
Der die Andacht Reize lieh,
Wich vom ſchönen Muttergottesbilde,
Wich vom Chriſtuskinde nie.
Manche Zähre floſs von deinen Wangen,
Wie der Thau von Roſen rinnt,
Blieb izt am Marienbilde hangen,
Rann izt auf das Chriſtuskind.
Eine47
Eine junge morgenrothbeſtreute
Silberblum 'im Paradies
Warſt du, hehr, wie die Gebenedeite,
Die dein Arm dem Volke wies!
Bange Sehnſucht, banges ſüſſes Klopfen
Schauerte durch meinen Geiſt.
Koſtet 'ich des Stromes einen Tropfen,
Der am Stule Gottes fleuſst?
Trunken kniet 'ich, wann der Reigen kniete,
Betend, himmelan geführt,
Küſste manche Knoſp' und manche Blüte,
Die dein wallend Kleid berührt.
Lebe, lebe deine Pilgertage,
Gutes Mädchen, flitterlos,
Und dann komm 'ein Himmelsbot', und trage
Deine Seel 'in Gottes Schooſs!
Und48
Und der Heiland lächl 'auf ſeinem Throne,
Wann du dich dem Throne nahſt;
Und Maria bringe dir die Krone,
Die du oft in Träumen ſahſt!
Gebe dir ein Lichtgewand! Vom Throne,
Wo der Welten Richter thront,
Weh's herüber: Frommes Mädchen, wohne,
Wo die fromme Laura wohnt!
Die49

Die künftige Geliebte.

Entſchwebteſt du dem Seelengefilde ſchon,
Du ſüſſes Mädchen? wehet das Flügelkleid
Dir an der Schulter? bebt der Strauſs dir
Schon an der wallenden ſchönen Bruſt auf?
Ein ſüſſes Zittern zittert durch mein Gebein,
Wann mir dein Bildniſs lächelnd entgegen tanzt,
Wann ichs auf meinem Schooſſe wiege,
Und an den klopfenden Buſen drücke.
Der Garten taumelt; rötheres Abendroth
Durchſtrömt die Blätter, purpert die Maienluft;
Wie Engelflügel niederſäuſeln,
Rauſchet die Laube vom Kuſsgeliſpel.
DAn50
An deiner Leinwand flattert vielleicht mein Bild
Dir auch entgegen, ſchmiegt ſich an deine Bruſt,
Und eine Sehnſuchtsthräne träufelt
Ueber die ſeidenen Purpurblumen.
Seid mir geſegnet, Thränen! Ihr floſſet mir!
Bald ſchlägt die Stunde! Ach dann entküſs 'ich euch
Dem blauen Aug, der weiſſen Wange;
Trinke den Taumel der Erdenwonne!
An voller Quelle weil 'ich, und ſchöpfe mir
Der Freuden jede, Himmel auf Himmel mir,
Sie, deren Seelen mich umſchwebten,
Wann ich im Haine der Zukunft träumte!
Blüh 'unterdeſſen ſchöner und ſchöner auf,
Du ſüſſes Mädchen! Leitet, ihr Tugenden,
Wie eine Schaar von Schweſterengeln,
Sie durch die Pfade des Erdenlebens!
Ein51
Ein reinrer Aether lache herab auf dich!
Tönt, Nachtigallen, wann ſich der Abend neigt,
Im Apfelbaum vor ihrem Fenſter,
Goldene Träum 'um ihr Mädchenbette!
Doch ſüſſre Träume thaue das Morgenroth
Um deine Schläfen, Träume der Serafim,
Wann jener Tag dem Meer 'entſchimmert,
Da ich dich unter den Blumen finde!
Das52

Das Traumbild.

Im jungen Nachtigallenhain,
Und auf der öden Wildniſs,
Wo Tannenbäume Dämmrung ſtreun,
Umflattert mich das Bildniſs.
Es tanzt aus jedem Buſch hervor,
Wo Maienlämmlein graſen,
Und wallt, verhüllt in leichten Flor,
Auf jedem grünen Raſen.
Wann mich, mit meinem Gram vertraut,
Zur Stunde der Geſpenſter,
Der liebe helle Mond beſchaut,
Bebts durch mein Kammerfenſter,
Und malt ſich an die weiſſe Wand,
Und ſchwebt vor meinen Blicken,
Und winkt mir mit der kleinen Hand,
Und lächelt mir Entzücken.
Mein53
Mein guter Engel, ſage mir,
Wo Luna ſie beflimmert,
Und wo, von ihr berührt, von ihr!
Die Blume röther ſchimmert.
Erſchaff 'ihr Bild aus Morgenlicht,
Ihr Kleid aus Aetherbläue,
Und zeig' in jedem Nachtgeſicht
Mir meine Vielgetreue.
Wo pflückt ſie, wann der Lenz beginnt,
Die erſten Maienklocken?
Wo ſpielſt du, lieber Abendwind,
Mit ihren blonden Locken?
O eilt, o flattert weg von ihr,
Geliebte Maienwinde,
Und ſagt es mir, und ſagt es mir,
Wo ich das Mädchen finde!
Chriſtel54

Chriſtel und Hannchen.

Eine Schnitteridille.

Lindere Luft begann die müden Ernter zu kühlen,
Und das Gold der ſinkenden Sonn 'umbebte die Aehren
Und die ragenden Garben, als Schnitter Chriſtel
ſein Hannchen
Rief zum duftenden Buſch, wo tauſend ländliche
Grillen
Liebe zirpten und Ruh. Sie waren beide verlobet,
Harrten beid' entgegen der Stunde der frohen
Vermählung.
Chriſtel hatt 'ihr bereits, zum Pfande der bräutlichen
Treue,
Eine Bibel geſchenkt, und ein rothvergoldetes
Pſalmbuch;
Und das liebende Mädchen, zur Gegengabe, dem
Jüngling
Einen prunkenden Hut und ſtatliche Bräutigams¬
hemde.
Von der Abendkühle des dämmernden Strauches
umſäuſelt,
Ruhte55
Ruhte das glückliche Paar; indeſs die Schnitter
und Mädchen
Ihre Kleider ſuchten, ſich haſchten, und ſcherzten
und ſangen.
Bald beginnet der Tag des Hochzeitkranzes,
o Hannchen!
Bald, bald nenn 'ich dich Weib, und theile die
Sorgen der Wirtſchaft,
Hannchen, Hannchen, mit dir! Bewehn die Winde
die Stoppeln,
Rötheln vom bunten Baume die Aepfel uns heller
entgegen;
Dann beginnet der Tag des Hochzeitkranzes,
o Hannchen!
Jede kommende Nacht umſchwebt mich dein lächelndes
Bildniſs,
Bald im Hochzeitgeſchmuck, von rothen Bändern
umflattert,
Bald im Schnitterhütchen, im blauen Kranze der Ernte.
Dann erwach' ich, und haſche dein Bild, und horche
der Grille,
Und ein Seufzer entfliegt zu deiner einſamen Hütte.
Lieber56
Lieber Chriſtel! liſpelte Hannchen, und drückt '
ihm die Hände,
Und verſtummt' ein Weilchen: o mehr, als Vater
und Mutter,
Lieb 'ich dich, Chriſtel, und will, ſo lang' ich athme,
dich lieben!
Alles wird mir ſo wehrt, was deine Hände berühren,
Als ein Patengeſchenk. Seit du mir die Bibel
geſchenkt haſt,
Leſ 'ich ſo fleiſſig darin, und zeichne die ſchönen
Geſchichten
Von Rebekka, und Rahel, und Judith, mit goldenen
Bildern.
Schon entſtieg der freundliche Mond dem Thau¬
gewölke,
Und die zitternden Weizenwogen ſchwammen in
Silber;
Da ergriffen die Schnitter die Senſen, und ſchäkerten
Chriſteln
Und ſein erröthendes Hannchen aus ihrem trauten
Geſchwäze.
Der57

Der Weiberfeind.

1771.

Kein Mädchen kann mein Herz beſtricken!
Kein Augenpaar,
Aus welchem tauſend Engel blicken,
Kein blondes Haar!
Kein Mund, um den das Lächeln ſchwebet,
Und keine Bruſt,
Von dünnem Silberflor umwebet,
Füllt mich mit Luſt!
Ein Wuchs, den Venus ſelber neidet,
Und eine Hand,
Die Perſien in Perlen kleidet,
Iſt Kindertand!
Ich58
Ich ſollte mich darein vergaffen?
Ei groſſen Dank!
Ich werde nicht, wie junge Laffen,
Vor Liebe krank!
Mir ward ein Herz von Eis beſchieden,
Ein Felſenſinn!
Drum wandl 'ich auch in ſüſſem Frieden
Durchs Leben hin;
Geh immer, in der Bruſt den Himmel,
Geraden Pfad;
Durchtaumle niemals das Gewimmel
Der goldnen Stadt!
Und trink 'in meiner Weinblattlaube
Den Götterſaft
Der röthelnden Burgundertraube,
Voll Geiſt und Kraft!
Sollt' ich dafür in Gallaröcken,
Vor Liebe krank,
Der Fräulein gnädge Hände lecken?
Ei groſſen Dank!
Sollt ' 59
Sollt 'ich den Roſenkelch verlaſſen?
Die Nachtigall?
Auf eines Mädchens Winke paſſen,
Bei Spiel und Ball?
Ich würde, kämen ganze Gruppen
Von Mädchen, traun!
Nicht aus der Laube gehn, die Puppen
Nur anzuſchaun!
Die60

Die Nonne.

Es liebt 'in Welſchland irgendwo
Ein ſchöner junger Ritter
Ein Mädchen, das der Welt entfloh,
Troz Kloſterthor und Gitter;
Sprach viel von ſeiner Liebespein,
Und ſchwur auf ſeinen Knieen,
Sie aus dem Kerker zu befrein,
Und ſtets für ſie zu glühen.
Bei dieſem Muttergottesbild,
Bei dieſem Jeſuskinde,
Das ihre Mutterarme füllt,
Schwör 'ichs dir, o Belinde!
Dir iſt mein ganzes Herz geweiht,
So lang' ich Odem habe!
Bei meiner Seelen Seligkeit.
Dich lieb 'ich bis zum Grabe!
Was61
Was glaubt ein armes Mädchen nicht,
Zumal in einer Zelle?
Ach! ſie vergaſs der Nonnenpflicht,
Des Himmels und der Hölle.
Die, von den Engeln angeſchaut,
Sich ihrem Jeſu weihte,
Die reine ſchöne Gottesbraut
Ward eines Frevlers Beute.
Drauf wurde, wie die Männer ſind,
Sein Herz von Stund 'an lauer;
Er überlieſs das arme Kind
Auf ewig ihrer Trauer,
Vergaſs der alten Zärtlichkeit
Und aller ſeiner Eide,
Und flog im bunten Gallakleid
Nach neuer Augenweide;
Begann mit andern Weibern Reihn
Im kerzenhellen Saale,
Gab andern Weibern Schmeichelein
Beim lauten Traubenmahle,
Und62
Und rühmte ſich des Minneglücks
Bei ſeiner ſchönen Nonne,
Und jedes Kuſſes, jedes Blicks,
Und jeder andern Wonne.
Die Nonne, voll von welſcher Wut,
Entglüht 'in ihrem Mute,
Und ſann auf nichts als Dolch und Blut,
Und träumte nur von Blute.
Sie dingte plözlich eine Schaar
Von wilden Meuchelmördern,
Den Mann, der treulos worden war,
Ins Todtenreich zu fördern.
Die boren manches Mörderſchwert
In ſeine ſchwarze Seele:
Sein ſchwarzer falſcher Geiſt entfährt,
Wie Schwefeldampf der Höhle.
Er wimmert durch die Luft, wo ſein
Ein Krallenteufel harret;
Drauf ward ſein blutendes Gebein
In eine Gruft verſcharret.
Die63
Die Nonne flog, wie Nacht begann,
Zur kleinen Dorfkapelle,
Und riſs den wunden Rittersmann
Aus ſeiner Ruheſtelle,
Riſs ihm das Bubenherz heraus,
Recht ihren Zorn zu büſſen,
Und trat es, daſs das Gotteshaus
Erſchallte, mit den Füſſen.
Ihr Geiſt ſoll, wie die Sagen gehn,
In dieſer Kirche weilen,
Und, bis im Dorf die Hahnen krähn,
Bald wimmern und bald heulen.
Sobald der Seiger zwölfe ſchlägt,
Rauſcht ſie an Grabſteinwänden
Aus einer Gruft empor, und trägt
Ein blutend Herz in Händen.
Die tiefen hohlen Augen ſprühn
Ein düſterrothes Feuer,
Und glühn, wie Schwefelflammen glühn,
Durch ihren weiſſen Schleier.
Sie64
Sie gafft auf das zerriſsne Herz
Mit wilder Rachgeberde,
Und hebt es dreimal himmelwärts,
Und wirft es auf die Erde;
Und rollt die Augen voller Wut,
Die eine Hölle blicken,
Und ſchüttelt aus dem Schleier Blut,
Und ſtampft das Herz in Stücken.
Ein dunkler Todtenflimmer macht
Indeſs die Fenſter helle.
Der Wächter, der das Dorf bewacht,
Sahs oft in der Kapelle.
Mailied. 65

Mailied.

Der Schnee zerrinnt,
Der Mai beginnt,
Die Blüten keimen
Auf Gartenbäumen,
Und Vogelſchall
Tönt überall.
Pflückt einen Kranz,
Und haltet Tanz
Auf grünen Auen,
Ihr ſchönen Frauen,
Wo junge Main
Uns Kühlung ſtreun.
Wer weiſs, wie bald
Die Klocke ſchallt,
Da wir des Maien
Uns nicht mehr freuen:
Wer weiſs, wie bald
Die Klocke ſchallt!
DrumE66
Drum werdet froh!
Gott will es ſo,
Der uns dies Leben
Zur Luſt gegeben!
Genieſst der Zeit,
Die Gott verleiht!
An67

An die Ruhe.

Tochter Edens, o Ruh, die du die Finſterniſs
Stiller Haine bewohnſt, unter der Dämmerung
Mondverſilberter Pappeln
Mit verſchlungenen Armen weilſt,
Mit dem Schäfer am Bach flöteſt, der Schäferin
Unter Blumen der Au ſingeſt und Kränze flichſt,
Und dem Schellengeklingel
Ihrer tanzenden Schäfchen horchſt!
Wie der Jüngling die Braut liebet, ſo lieb 'ich dich,
Allgefällige Ruh! ſpähte dir immer nach,
Bald auf duftenden Wieſen,
Bald im Buſche der Nachtigall!
Endlich68
Endlich bieteſt du mir, Herzenerfreuerin,
Deinen himmliſchen Kranz, ach! und umarmeſt mich,
Wie den flötenden Schäfer,
Wie die ſingende Schäferin!
Jeden Liſpel des Baums, jedes Geräuſch des Bachs,
Jedes ländliche Lied, welches dem Dorf 'entweht,
Wandelt, Göttin, dein Oden
Mir in Sfärengeſangeston.
Hingegoſſen auf Thau, blick 'ich den Abendſtern,
Deinen Liebling, o Ruh, blick' ich den Mond hinan,
Der ſo freundlich, ſo freundlich
Durch die nickenden Wipfel ſchaut!
Ruhe, lächle mir ſtets, wie du mir lächelteſt,
Als mein Knabengelock, mit der entknoſpeten
Roſenblume bekränzet,
Abendlüftchen zum Spiele flog!
Keiner69
Keiner Städterin Reiz, weder ein blaues Aug,
Noch ein kuſslicher Mund, ſoll mich aus deinem Arm
Zu den Hallen des Tanzes
Locken, oder des Opernſpiels!
Hier bei Früchten und Milch unter dem Halmendach
Weil, o Freundin, bei mir, bis du mich, an der Hand
Eines lächelnden Mädchens,
Edens Hütten entgegen führſt.
Trink¬70

Trinklied im Winter.

Das Glas gefüllt!
Der Nordwind brüllt;
Die Sonn 'iſt niedergeſunken!
Der kalte Bär.
Blinkt Froſt daher!
Getrunken, Brüder, getrunken!
Die Tannen glühn
Hell im Kamin,
Und knatternd fliegen die Funken!
Der edle Rhein
Gab uns den Wein!
Getrunken, Brüder, getrunken!
Der edle Moſt
Verſcheucht den Froſt,
Und zaubert Frühling hernieder:
Der Trinker ſieht
Den Hain entblüht,
Und Büſche wirbeln ihm Lieder!
Er71
Er hört Geſang
Und Harfenklang,
Und ſchwankt durch blühende Lauben;
Ein Mädchenchor
Rauſcht ſchnell hervor,
Und bringt ihm goldene Trauben!
Sauſ 'immerfort,
O Winternord,
Im ſchneebelaſteten Haine!
Nur ſtreu dein Eis,
O lieber Greis,
In keine Flaſchen mit Weine!
Der ſtolzen Frau
Färb braun und blau
Den Kamm, der adlich ihr ſchwillet!
Nur muſst du fliehn
Den Hermelin,
Der junge Buſen verhüllet!
Lied72

Lied eines Mädchens auf den Tod ihrer Geſpielin.

Vier trübe Monden ſind entflohn,
Seit ich getrauert habe;
Der falbe Wermut grünet ſchon
Auf meiner Freundin Grabe.
Da horch 'ich oft im Mondenglanz
Der Grillen Nachtgeſange,
Und lehn' an ihren Todtenkranz
Die bleichgehärmte Wange.
Da ſiz 'ich armes armes Kind
Im kalten Abendhauche;
Und manche Sehnſuchtsthräne rinnt
Am falben Wermutſtrauche.
Der Flieder und die Linde wehn
Mir bange Seelenſchauer,
Und hohe düſtre Schatten gehn
Rings an der Kirchhofmauer,
Die73
Die Kirchenfenſter regen ſich,
Es regen ſich die Klocken.
Es glänzt! es glänzt! Ach! ſeh 'ich dich
Mit deinen hellen Locken?
Der Mond iſts, ſo der Wolk' entrollt,
Ins Kirchenfenſter ſchimmert,
Am rothen Band ', am Flittergold
Der Todtenkränze flimmert!
O komm zurück! o komm zurück
Von deines Gottes Throne!
O komm auf einen Augenblick
In deiner Siegerkrone!
In deinem neuen Engelreiz
Erſcheine mir, erſcheine,
Die ich, gelehnt ans ſchwarze Kreuz,
Auf deinem Grabe weine!
Die74

Die Liebe.

1773.

Eine Schale des Harms, eine der Freuden wog
Gott dem Menſchengeſchlecht; aber der laſtende
Kummer ſenket die Schale;
Immer hebet die andre ſich.
Irr und trauriges Tritts wanken wir unſern Weg
Durch das Leben hinab, bis ſich die Liebe naht,
Eine Fülle der Freuden
In die ſteigende Schale geuſst.
Wie dem Pilger der Quell ſilbern entgegen rinnt,
Wie der Regen des Mais über die Blüten träuft,
Naht die Liebe: des Jünglings
Seele zittert, und huldigt ihr!
Nähm ' 75
Nähm 'er Kronen und Gold, miſste der Liebe? Gold
Iſt ihm fliegende Spreu; Kronen ein Flittertand;
Alle Hoheit der Erde,
Sonder herzliche Liebe, Staub!
Loos der Engel! Kein Sturm trübet die Heiterkeit
Seiner Seele! Der Tag hüllt ſich in lichter Blau;
Kuſs und Flüſtern und Lächeln
Flügelt Stunden an Stunden fort!
Herſcher neideten ihn, koſteten ſie des Glücks,
Das dem Liebenden ward; würfen den Königsſtab
Aus den Händen, und ſuchten
Sich ein friedliches Hüttendach.
Unter Roſengeſträuch liſpelt ein Quell, und miſcht
Zum begegnenden Bach Silber. So ſtrömen flugs
Seel 'und Seele zuſammen,
Wenn allmächtige Liebe naht.
An76

An einen Freund, der ſich in ein ſchönes Landmädchen verliebte.

Ne ſit ancillae tibi amor pudori. (Horat. )
Was ſchämſt du dich, daſs du die Hanne liebeſt,
Die dir dein Genius beſchert?
Sie iſt es wehrt, daſs du ihr Küſſe giebeſt;
Das ſchlanke Mädchen iſt es wehrt!
Sie hat kein Gold, womit das Fräulein pralet,
Und keine lange Ahnenſchaft;
Doch iſt ſie ſchön, wie man die Engel malet,
Beſcheiden, edel, tugendhaft.
Sie iſt nicht ſtolz, wie die nach Standsgebühren
Geehrten Fräulein oder Fraun,
Die auf uns Sünder, die das Von nicht führen,
Mit hoher Naſe niederſchaun;
Ver¬77
Verleumdet nicht, und ſpielt nicht die Kokette,
Wird durch kein leer Gewäſch entzückt;
Schläft ruhig ein, und ſpringt aus ihrem Bette,
So bald die Sonn 'ins Fenſter blickt.
Sie ſingt, beim Ramen und beim Spinnerocken,
Ein weltlich oder geiſtlich Lied,
Die Morgenhaub 'um ihre blonden Locken,
Bis ihre ſtille Traur entflieht.
Die Dame ſelbſt würd 'aus dem goldnen Wagen
Nach deiner lieben Hanne ſehn,
Und knirſchend ſich den platten Buſen ſchlagen,
Und ſeufzen: Sie iſt wahrlich ſchön!
Ja, ſie iſt ſchön! Der ganze Mai umſchwebet
Ihr weiſſes lächelndes Geſicht;
Ihr Buſen bebt, wie eine Blume bebet,
Die eben aus der Knoſpe bricht.
Die78
Die Sittſamkeit flieht goldne Fürſtenſäle,
Und liebt die niedern Hütten nur.
Ich ſelber, wenn ich mir ein Mädchen wähle,
Ich ſuch 'es auf der Schäferflur.
An79

An den Mond.

Geuſs, lieber Mond, geuſs deine Silberflimmer
Durch dieſes Buchengrün,
Wo Fantaſein und Traumgeſtalten immer
Vor mir vorüberfliehn!
Enthülle dich, daſs ich die Stätte finde,
Wo oft mein Mädchen ſaſs,
Und oft, im Wehn des Buchbaums und der Linde,
Der goldnen Stadt vergaſs!
Enthülle dich, daſs ich des Strauchs mich freue,
Der Kühlung ihr gerauſcht,
Und einen Kranz auf jeden Anger ſtreue,
Wo ſie den Bach belauſcht!
Dann, lieber Mond, dann nim den Schleier wieder,
Und traur 'um deinen Freund,
Und weine durch den Wolkenflor hernieder,
Wie dein Verlaſsner weint!
An80

An Dafnens Kanarienvogel.

1772.

Liebes Vögelein, ach! wie ruhig ſchläfſt du,
Dein geſunkenes Köpflein unterm Fittig;
Träumſt Geſänge des Tages, pickſt aus Dafnens
Schönen Händen ein Stücklein Zucker, oder
Was vor herliche Träume dich umgaukeln!
Neidenswehrter, ach! zehnmal neidenswehrter
Iſt, o Vogel, dein Schickſal, als das meine!
Nie umflattert des Schlummers Roſenſittig
Dieſe weinenden Augen! Dafne klopfet
Mir in jeglichem Puls; und fern iſt Dafne!
O verwandelten mich die guten Götter
In dies Vögelein! O wie wollt 'ich zwitſchernd
Dafnens wallender Bruſt entgegenflattern,
Auf dem Strauſſe mich wiegen, und vom Kranze
Ihrer Locken ein Minneliedchen flöten!
In81
In die Saiten des Flügels wollt 'ich girren,
Wann ihr fliegender kleiner Finger ſpielte,
Bis ihr Mündlein mit einem Kuſs mir dankte!
Dann, dann würd' ich mit keinem Sultan tauſchen,
Wenn auch hundert der ſchönſten Landesjungfraun
Um die Ehre des ſeidnen Schnupftuchs buhlten!
Traun, dann würden die Götter ſamt und ſonders
Mich im hohen Olimp ein wenig neiden!
FDer82

Der rechte Gebrauch des Lebens.

Wer hemmt den Flug der Stunden? Sie rauſchen hin
Wie Pfeile Gottes! Jeder Sekundenſchlag
Reiſst uns dem Sterbebette näher,
Näher dem eiſernen Todesſchlafe!
Dir blüht kein Frühling, wann du geſtorben biſt;
Dir weht kein Schatten, tönet kein Becherklang;
Dir lacht kein ſüſſes Mädchenlächeln,
Strömet kein Scherz von des Freundes Lippe!
Noch rauſcht der ſchwarze Flügel des Todes nicht!
Drum haſch die Freuden, eh ſie der Sturm verweht,
Die Gott, wie Sonnenſchein und Regen,
Aus der vergeudenden Urne ſchüttet!
Ein83
Ein froher Abend, welchen der heitre Scherz
Der Freundſchaft flügelt, oder das Deckelglas;
Ein Kuſs auf deines Mädchens Wangen,
Oder auf ihren gehobnen Buſen;
Ein Gang im Grünen, wann du, o Nachtigall,
Dein ſüſſes Mailied durch die Geſträuche tönſt,
Wägt jeden Kranz des Nachruhms nieder,
Den ſich der Held und der Weiſe wanden!
Der Kuſs, den mir die blühende Tochter giebt,
Iſt ſüſſer, als die Küſſe der Enkelin,
Die ſie dem kalten Hügel opfert,
Wo ich den eiſernen Schlummer ſchlafe.
Die84

Die Seligkeit der Liebenden. 1776.

Beglückt, beglückt, wer die Geliebte findet,
Die ſeinen Jugendtraum begrüſst,
Wenn Arm um Arm, und Geiſt um Geiſt ſich windet,
Und Seel 'in Seele ſich ergieſst,
Die Liebe macht zum Goldpalaſt die Hütte,
Streut auf die Wildniſs Tanz und Spiel,
Enthüllet uns der Gottheit leiſe Tritte,
Giebt uns des Himmels Vorgefühl!
Sie macht das Herz der Schwermut frühlingsheiter;
Sie bettet uns auf Roſenaun;
Und hebet uns auf eine Himmelsleiter,
Wo wir den Glanz der Gottheit ſchaun.
Sie85
Sie giebt dem Kranz des Morgens hellre Röthe,
Und lichter Grün dem Schattenwald,
Und ſüſſern Klang der ſpäten Abendflöte,
Die aus des Dorfes Büſchen ſchallt.
Die Liebenden ſind ſchon zu beſſern Zonen
Auf Flügeln ihrer Lieb 'erhöht,
Empfahen ſchon des Himmels goldne Kronen,
Eh ihr Gewand von Staub verweht.
Sie kümmern ſich um keine Erdengüter,
Sind ſich die ganze weite Welt,
Und ſpotten dein, du ſtolzer Weltgebieter,
Vor dem der Erdkreis niederfällt.
Sanft hingeſchmiegt auf ſeidne Frühlingsraſen,
Auf Blumen eines Quellenrands,
Verlachen ſie die bunten Seiſenblaſen
Des lieben leeren Erdentands.
Ein86
Ein Druck der Hand, der durch das Leben ſchüttert,
Und eines Blickes Trunkenheit,
Ein Feuerkuſs, der von der Lippe zittert,
Giebt ihnen Engelſeligkeit.
Ein Blick der Lieb, aus dem die Seele blicket,
In dem ein Engel ſich verklärt,
Ein ſüſſer Wink, den die Geliebte nicket,
Iſt tauſend dieſer Erden wehrt.
Ein Herzenskuſs, den ſelber Engel neiden,
Küſst ihren Morgenſchlummer wach;
Ein Reihentanz von ewigjungen Freuden
Umſchlingt den lieben langen Tag.
Ein ſüſſer Schlaf ſinkt auf ihr keuſches Bette,
Wie auf die Lauben Edens ſank.
Kein Endlicher miſst ihrer Freuden Kette,
Wer nicht den Kelch der Liebe trank.
An87

An den Mond.

Was ſchaueſt du ſo hell und klar
Durch dieſe Apfelbäume,
Wo einſt dein Freund ſo ſelig war,
Und träumte ſüſſe Träume?
Verhülle deinen Silberglanz,
Und ſchimmre, wie du ſchimmerſt,
Wenn du den frühen Todtenkranz
Der jungen Braut beflimmerſt!
Du blikſt umſonſt ſo hell und klar
In dieſe Laube nieder;
Nie findeſt du das frohe Paar
In ihrem Schatten wieder!
Ein ſchwarzes feindliches Geſchick
Entriſs mir meine Schöne!
Kein Seufzer zaubert ſie zurück,
Und keine Sehnſuchtsthräne!
O88
O wandelt ſie hinfort einmal
An meiner Ruheſtelle,
Dann mache flugs mit trübem Stral
Des Grabes Blumen helle!
Sie ſeze weinend ſich aufs Grab,
Wo Roſen niederhangen,
Und pflücke ſich ein Blümchen ab,
Und drück 'es an die Wangen.
Der89

Der Tod.

Stärke mich durch deine Todeswunden,
Gottmenſch, wann die ſeligſte der Stunden,
Welche Kronen auf der Wage hat,
Meinem Sterbebette naht!
Dann beſchatte mich, o Ruh, mit linden
Stillen Flügeln! Geiſter meiner Sünden,
Nahet euch dem Sterbelager nicht,
Wo mein ſchwimmend Auge bricht!
Du mein Engel, komm von Gottes Throne,
Bringe mit die helle Siegerkrone,
Wehe Himmelsluft und Engelsruh
Mir mit deiner Palme zu!
Leite90
Leite mich auf tauſend Sonnenwegen
Jenem Engelparadieſ 'entgegen,
Wo die Gute, welche mich gebar,
Schon ſo lange glücklich war;
Wo die jungen Geiſter meiner Brüder
Unter Blumen ſpielen, ſüſſe Lieder
In die Lauten ſingen, jung und ſchön
Zwiſchen Engeln um mich ſtehn!
Wohnt 'ich doch, von dieſem Erdgewimmel
Schon entfernt, in eurem Freudenhimmel,
Theure Seelen! Kniet' ich, kniet 'ich ſchon
An des Gottverſöhners Thron!
Apoll91

Apoll und Dafne.

1770.

Apoll, der gern nach Mädchen ſchielte,
Wie Dichter thun,
Sah einſt im Thal, wo Schatten kühlte,
Die Dafne ruhn.
Er nahte ſich mit Stuzertritten,
Mit Ach und O,
Als Dafne ſchnell mit Zefirſchritten
Dem Gott entfloh.
Sie flog voran; Apollo keuchte
Ihr hizig nach,
Bis er die Schöne faſt erreichte
Am Silberbach.
Da92
Da rief ſie: Rettet mich, ihr Götter!
Die Thörin die!
Zeus winkt, und ſtarre Lorberblätter
Umfliegen ſie.
Ihr Füſschen, ſonſt ſo niedlich, wurzelt
Im Boden feſt;
Apollo kömmt herangepurzelt,
Und ſchreiet: Peſt!
Dann lehnt er ſeine feuchten Wangen
Ans grüne Holz:
Jüngſt eine Nimfe, ſein Verlangen,
Der Nimfen Stolz!
Er girrt ein Weilchen, ſinnt, und pflücket
Sich einen Kranz
Der ſeine blonde Scheitel ſchmücket
Bei Spiel und Tanz.
Du93
Du arme Dafne! Tauſend pflücken
Nun Kränze ſich
Von deinen Haaren, ſich zu ſchmücken!
Du daureſt mich!
Die Krieger und die Dichter zauſen
In deinem Haar,
Wie Stürme, die den Wald durchbrauſen!
Die Köche gar!
Ja ja, die braunen Köche ziehen
Dir Locken aus,
Zum lieblichen Gewürz der Brühen
Beim Hochzeitsſchmaus!
Laſst, Mädchen, euch dies Beiſpiel rühren,
Das Warnung ſpricht,
Und flieht, ſo lang 'euch Reize zieren,
Uns Dichter nicht!
Mai¬94

Maigeſang.

Sweet lovers love the ſpring. (Shakeſpear. )
Röther färbt ſich der Himmel;
Aus der goldenen Wolke
Thaun der Mai und die Liebe
Segen auf die enteiſte Flur.
Sein allmächtiges Lächeln
Giebt dem Strauche die Blätter,
Giebt dem Baume die Knoſpen,
Und dem Haine den Lenzgeſang.
Seinen Tritten entwimmeln
Grüne duftende Kräuter,
Tauſenfarbige Blumen,
Purpur, Silber und lichtes Gold.
Seine95
Seine Tochter, die Liebe,
Baut dem Vogel die Neſter,
Paaret Blumen und Blüten,
ührt dem Manne die Männin zu.
Liebe ſäuſeln die Blätter,
Liebe duften die Blüten,
Liebe rieſelt die Quelle,
Liebe flötet die Nachtigall.
Lauben klingen von Gläſern,
Lauben rauſchen von Küſſen
Und von frohen Geſprächen,
Und vom Lächeln der Liebenden.
Ringsum grünen die Hecken,
Ringsum blühen die Bäume,
Ringsum zwitſchern die Vögel,
Ringsum ſummet das Bienenvolk.
Roth96
Roth und Grün iſt die Wieſe,
Blau und golden der Aether,
Hell und ſilbern das Bächlein,
Kühl und ſchattig der Buchenwald.
Heerden klingeln im Thale,
Lämmer blöcken am Bache,
Und die Flöte des Hirten
Weckt den ſchlummernden Abendhain.
Nachtigallen, ihr wirbelt
Auf das Lager des Jünglings,
Welches Maien umduften,
Goldne Träume von Kuſs und Spiel!
Träumend ſpielt er mit Laurens
Weiſſem bebenden Buſen.
Küſst den bebenden Buſen,
Und den roſigen ſüſſen Mund.
Laura. 97

Laura.

1772.

Kein Blick der Hoffnung heitert mit trübem Licht
Der Seele Dunkel! Nimmer, ach nimmer wird
Dein Auge, Laura, meinem Auge
Wieder begegnen, und Liebe ſprechen!
Dein ehrner Fuſstritt hallte mir oft, o Tod!
In meiner Kindheit tagender Dämmerung,
Und manche Mutterthräne rann mir
Auf die verblühende Knabenwange.
Komm endlich, Tröſter, welcher den Sterblichen
Die Ketten ablöſt, komm und entfeſsle mich,
O Wonnetod! Dann ſchweb 'ich Lauren,
Lauren entgegen, und bin ihr Engel!
GDu98
Du ſollſt getröſtet werden, du Weinender!
Ruft, Palmen tragend, freundlich um Mitternacht
Der Tod; mir ſchallt der Sterbeklocke
Dumpfes Geläut, und des Grabes Schaufel.
Bald ſchweb 'ich ſchüzend, Wonne mir! Wonne mir!
Um meine Laura; ſtröme, wo Laura kniet,
Anbetung über ſie und Andacht,
Wann ſie vom Kelche des Bundes trinket;
Und ſüſsre Schauer, Schauer der Serafim
Am Throne Gottes, wann ſie den Preisgeſang,
Vom Maienfrühroth angelächelt,
Aus dem begeiſterten Herzen tönet!
Im Mondenſchimmer folg 'ich der Denkerin
Durch deine Kühlung, duftende Frühlingsnacht;
Und decke, ſinkt ihr Aug' in Schlummer,
Sie mit verbreitetem ſanftem Flügel.
Im99
Im Morgenſchimmer weh 'ich den frommen Traum
Von ihrer Stirn', und führe zum Garten ſie,
Im Thau durch Blumenbeet 'und Blüten,
Froh des Geſanges umher, zu wandeln!
Des ſchönen Buſens Wallung, des blauen Augs
Bethräntes Wonnelächeln bei edler That,
Dankt mir, und unter Himmelspalmen
Künftig ein Kuſs von dem Roſenmunde!
Klage100

Klage.

Dein Silber ſchien
Durch Eichengrün,
Das Kühlung gab,
Auf mich herab,
O Mond, und lachte Ruh
Mir frohen Knaben zu.
Wenn izt dein Licht
Durchs Fenſter bricht,
Lachts keine Ruh
Mir Jüngling zu,
Siehts meine Wange blaſs,
Mein Auge thränennaſs.
Bald, lieber Freund,
Ach bald beſcheint
Dein Silberſchein
Den Leichenſtein,
Der meine Aſche birgt,
Des Jünglings Aſche birgt!
An101

An Voſs.

1773.

Klimme mutig den Pfad, Beſter, den Dornenpfad
Durch die Wolken hinauf, bis du den Stralenkranz,
Der nur weiſeren Dichtern
Funkelt, dir um die Schläfe ſchlingſt.
Heiſſer liebe durch dich Enkel und Enkelin
Gott und ſeine Natur, herzliche Brudertreu,
Einfalt, Freiheit und Unſchuld,
Deutſche Tugend und Redlichkeit.
Stilles Trittes, o Voſs, wandelt indeſs dein Freund
Durch Gefilde der Ruh, lauſchet der Nachtigall
Und der Stimme des leiſen
Mondbeſchimmerten Wieſenborns;
Singt102
Singt den duftenden Hain, welchen das Morgenroth
Ueberflimmert mit Gold ', oder den Frühlingsſtrauſs,
Der am Buſen des Mädchens,
Mildgeröthet vom Abend, bebt.
Mir auch weinet, auch mir, Wonne! das Mädchen Dank,
Küſst mein zärtliches Lied, drückt es an ihre Bruſt,
Seufzt: Du redlicher Jüngling,
Warum barg dich die Gruft ſo früh!
Auf¬103

Aufmunterung zur Freude.

Wer wollte ſich mit Grillen plagen,
So lang 'uns Lenz und Jugend blühn?
Wer wollt' in ſeinen Blütentagen
Die Stirn 'in düſtre Falten ziehn?
Die Freude winkt auf allen Wegen,
Die durch dies Pilgerleben gehn;
Sie bringt uns ſelbſt den Kranz entgegen,
Wann wir am Scheidewege ſtehn.
Noch rinnt und rauſcht die Wieſenquelle;
Noch iſt die Laube kühl und grün;
Noch ſcheint der liebe Mond ſo helle,
Wie er durch Adams Bäume ſchien!
Noch104
Noch macht der Saft der Purpurtraube
Des Menſcheu