PRIMS Full-text transcription (HTML)
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[I]
Goͤtterlehre oder mythologiſche Dichtungen der Alten.
Mit fuͤnf und ſechzig in Kupfer geſtochenen Abbildungen nach antiken geſchnittnen Steinen und andern Denkmälern des Alterthums.
Berlin,bei Johann Friedrich Unger,1791.
[II][III]

Ich habe es verſucht, die mythologiſchen Dichtungen der Alten in dem Sinne darzuſtellen, worin ſie von den vorzuͤg - lichſten Dichtern und bildenden Kuͤnſtlern des Alterthums ſelbſt, als eine Spra - che der Phantaſie, benutzt und ihren Werken eingewebt ſind, deren aufmerk - ſame Betrachtung, mir durch das Laby - rinth dieſer Dichtungen zum Leitfaden gedient hat. Die Abdruͤcke von den* 2[IV]Gemmen aus der Lippertſchen Daktylio - thek und aus der Stoſchiſchen Samm - lung habe ich mit dem Herrn Pro - feſſor Karſtens, der die Zeichnungen zu den Kupfern verfertigt hat, ge[m]ein - ſchaftlich ausgewaͤhlt, um, ſo viel es ſich thun ließ, diejenigen vorzuziehen, deren Werth zugleich mit in ihrer Schoͤn - heit, und der Kunſt, womit die Dar - ſtellung ausgefuͤhrt iſt, beſteht.

V

Inhalt.

  • Seite.
  • Geſichtspunkt fuͤr die mythologiſchen Dichtungen1
  • Die Erzeugung der Goͤtter13
  • Der Goͤtterkrieg20
  • Die Bildung der Menſchen31
  • Die Nacht und das Fatum, das uͤber Goͤtter und Menſchen herrſcht44
  • Die alten Goͤtter53
  • Amor54
  • Die himmliſche Venus56
  • Aurora57
  • Helios58
  • VI
  • Seite.
  • Selene59
  • Hekate60
  • Oceanus61
  • Die Oceaniden63
  • Mnemoſyne66
  • Themis66
  • Pontus69
  • Nereus70
  • Thaumas73
  • Eurybia73
  • Phorkys und die ſchoͤ[n]e Ceto oder die Erzeugung der Ungeheuer74
  • Die Fluͤſſe76
  • Proteus76
  • Chiron77
  • Atlas77
  • Nemeſis78
  • Prometheus78
  • Jupiter, der Vater der Goͤtter79
  • Die Eiferſucht der Ju[n]o82
  • Veſta84
  • Ceres85
  • Jupiter85
  • VII
  • Seite.
  • Die neue Bildung des Menſchenge - ſchlechts89
  • Ogyges92
  • Inachus93
  • Cekrops95
  • Deukalion96
  • Die alten Einwohner von Arkadien97
  • Der Dodoniſche Wald97
  • Die menſchenaͤhnliche Bildung der Goͤtter98
  • Jupiter99
  • Juno105
  • Apollo109
  • Neptun115
  • Minerva121
  • Mars127
  • Venus131
  • Diana135
  • Ceres140
  • Vulkan145
  • Veſta151
  • Merkur155
  • Die Erde163
  • VIII
  • Seite.
  • Cybele164
  • Bachus167
  • Die heiligen Wohnpl[]tze der Goͤtter unter den Menſchen179
  • Kreta180
  • Dodona181
  • Delos183
  • Delphi184
  • Argos188
  • Olympia189
  • Athen191
  • Cypern191
  • Gnidus192
  • Cythere192
  • Lemnos193
  • Epheſus193
  • Thracien194
  • Arkadien196
  • Phrygien197
  • Das goͤtteraͤhnliche Menſchengeſchlecht200
  • Perſeus205
  • Bellerophon212
  • Herkules216
  • IX
  • Seite.
  • Die zwoͤlf Arbeiten des Herkules225
  • Der Nemaͤiſche Loͤwe225
  • Die Lernaͤiſche Schlange226
  • Der Erymanthiſche Eber227
  • Der Hirſch der Diana228
  • Die Stymphaliden229
  • Das Wehrgehenk der Koͤnigin der Amazonen230
  • Der Stall des Augias231
  • Der Kretenſiſche Stier232
  • Die Roſſe des Diomedes233
  • Der dreikoͤpfigte Geryon234
  • Die goldenen Aepfel der Hesperiden235
  • Der Hoͤllenhund Cerberus236
  • Die Thaten des Herkules, welche er nicht auf fremden Befehl vollfuͤhrt hat238
  • Die Befreiung der Heſione239
  • Die Ueberwindung des Antaͤus, Buſiris und Kakus240
  • Die Befreiung der Alceſte aus der Unterwelt242
  • Die Befreiung des Prometheus von ſeinen Qualen244
  • Die Aufrichtung der Saͤulen an der Meer - enge zwiſchen Europa und Afrika244
  • Die Vermaͤhlungen des Herkules und ſeine Vergehungen und Schwaͤchen246
  • Des Herkules letzte Duldung und ſeine Vergoͤtterung251
  • X
  • Seite.
  • Kaſtor und Pollux253
  • Jaſon257
  • Die Fahrt der Argonauten262
  • Meleager276
  • Die Kalydoniſche Jagd276
  • Atalante278
  • Minos279
  • Daͤdalus283
  • Theſeus287
  • Die Weſen, welche das Band zwiſchen Goͤttern und Menſchen knuͤpfen301
  • Genien301
  • Muſen302
  • Liebesgoͤtter309
  • Grazien311
  • Horen313
  • Nymphen314
  • Satyrn315
  • Faunen317
  • Pan319
  • Sylvan321
  • Penaten323
  • Priapus323
  • XI
  • Seite.
  • Komus324
  • Hymen325
  • Orpheus325
  • Chiron325
  • Aeſkulap326
  • Hygea328
  • Die Lieblinge der Goͤtter330
  • Ganymed330
  • Atys333
  • Tithonus334
  • Anchiſes335
  • Adonis336
  • Hyacinthus338
  • Cypariſſus338
  • Leukothoe339
  • Endymion340
  • Acis341
  • Peleus342
  • Die tragiſchen Dichtungen344
  • Theben346
  • Kadmus346
  • Oedipus351
  • Eteokles und Polynices355
  • Der Thebaniſche Krieg356
  • XII
  • Seite.
  • Die Pelopiden362
  • Troja370
  • Niobe382
  • Cephalus und Prokris383
  • Phaeton384
  • Die Schattenwelt386
  • Pluto387
  • Furien392
  • Die Strafen der Verurtheilten im Tartarus392
  • Tantalus393
  • Ixion394
  • Phlegyas395
  • Die Danaiden396
  • Siſyphus396
  • Amor und Pſyche397
[1]

Geſichtspunkt fuͤr die mythologiſchen Dichtungen.

Die mythologiſchen Dichtungen muͤſſen als eine Sprache der Phantaſie betrachtet werden: Als eine ſolche genommen, machen ſie gleich - ſam eine Welt fuͤr ſich aus, und ſind aus dem Zuſammenhange der wirklichen Dinge heraus - gehoben.

Die Phantaſie herrſcht in ihrem eigenen Gebiete nach Wohlgefallen, und ſtoͤßt nirgends an. Ihr Weſen iſt zu formen und zu bilden; wozu ſie ſich einen weiten Spielraum ſchaft, indem ſie ſorgfaͤltig alle abſtrakten und meta - phyſiſchen Begriffe meidet, welche ihre Bildun - gen ſtoͤren koͤnnten.

A2

Sie ſcheuet den Begriff einer metaphyſi - ſchen Unendlichkeit und Unumſchraͤnktheit am allermeiſten, weil ihre zarten Schoͤpfungen, wie in einer oͤden Wuͤſte, ſich ploͤtzlich darin verlieren wuͤrden.

Sie flieht den Begriff eines anfangsloſen Daſeyns; alles iſt bei ihr Entſtehung, Zeugen und Gebaͤhren, bis in die aͤlteſte Goͤtterge - ſchichte.

Keines der hoͤhern Weſen, welche die Phantaſie ſich darſtellt, iſt von Ewigkeit; kei - nes von ganz unumſchraͤnkter Macht. Auch meidet die Phantaſie den Begriff der Allgegen - wart, der das Leben und die Bewegung in ih - rer Goͤtterwelt hemmen wuͤrde.

Sie ſucht vielmehr ſo viel wie moͤglich, ihre Bildungen an Zeit und Ort zu knuͤpfen; ſie ruht und ſchwebt gern uͤber der Wirklich - keit; weil aber die zu große Naͤhe und Deut - lichkeit des Wirklichen ihrem daͤmmernden Lichte ſchaden wuͤrde, ſo ſchmiegt ſie ſich am liebſten an die dunkle Geſchichte der Vorwelt an, wo Zeit und Ort oft ſelber noch ſchwan - kend und unbeſtimmt ſind, und ſie deſto freiern3 Spielraum hat: Jupiter, der Vater der Goͤt - ter und Menſchen wird auf der Inſel Kreta mit der Milch einer Ziege geſaͤugt, und von den Nymphen des Waldes erzogen.

Dadurch nun, daß in den mythologiſchen Dichtungen zugleich eine geheime Spur zu der aͤlteſten verlohren gegangenen Geſchichte ver - borgen liegt, werden ſie ehrwuͤrdiger, weil ſie kein leeres Traumbild oder bloßes Spiel des Witzes ſind, das in die Luft zerflattert, ſon - dern durch ihre innige Verwebung mit den aͤlteſten Begebenheiten, ein Gewicht erhalten, wodurch ihre Aufloͤſung in bloße Allegorie ver - hindert wird.

Die Goͤttergeſchichte der Alten durch aller - lei Ausdeutungen zu bloßen Allegorien umbil - den zu wollen, iſt ein eben ſo thoͤrichtes Unter - nehmen, als wenn man dieſe Dichtungen durch allerlei gezwungene Erklaͤrungen in lauter wahre Geſchichte zu verwandeln ſucht.

Die Hand, welche den Schleier, der dieſe Dichtungen bedeckt, ganz hinwegziehen will, verletzt zugleich das zarte Gewebe der Phanta - ſie, und ſtoͤßt alsdann ſtatt der gehoften Ent -A 24deckungen auf lauter Widerſpruͤche und Unge - reimtheiten.

Um an dieſen ſchoͤnen Dichtungen nichts zu verderben, iſt es noͤthig, ſie zuerſt, ohne Ruͤckſicht auf etwas, das ſie bedeuten ſollen, grade ſo zu nehmen wie ſie ſind, und ſoviel wie moͤglich mit einem Ueberblick das Ganze zu betrachten, um auch den entfernteren Bezie - hungen und Verhaͤltniſſen zwiſchen den einzeln Bruchſtuͤcken, die uns noch uͤbrig ſind, allmaͤ - lich auf die Spur zu kommen.

Denn wenn man z. B. auch ſagt: Jupiter bedeutet die obere Luft; ſo druͤckt man doch dadurch nichts weniger, als den Begriff Jupiter aus, wozu alles das mitgerechnet werden muß, was die Phantaſie einmal hin - eingelegt, und wodurch dieſer Begriff an und fuͤr ſich ſelbſt eine Art von Vollſtaͤndigkeit er - halten hat, ohne erſt außer ſich ſelbſt noch etwas andeuten zu duͤrfen.

Der Begriff Jupiter bedeutet in dem Gebiete der Phantaſie zuerſt ſich ſelbſt, ſo wie der Begriff Caͤſar in der Reihe der wirklichen Dinge den Caͤſar ſelbſt bedeutet. Denn wer5 wuͤrde wohl z. B. bei dem Anblick der Bildſaͤule des Jupiter von Phidias Meiſterhand, zuerſt an die oͤbere Luft gedacht haben, die durch den Jupiter bezeichnet werden ſoll, als wer alles Gefuͤhl fuͤr Erhabenheit und Schoͤnheit ver - laͤugnet haͤtte, und im Stande geweſen waͤre, das hoͤchſte Werk der Kunſt, wie eine Hierogly - phe oder einen todten Buchſtaben zu betrach - ten, der ſeinen ganzen Werth nur dadurch hat, weil er etwas außer ſich bedeutet.

Ein wahres Kunſtwerk, eine ſchoͤne Dich - tung iſt etwas in ſich Fertiges und Vollende - tes, das um ſein ſelbſt willen da iſt, und deſ - ſen Werth in ihm ſelber, und in dem wohlge - ordneten Verhaͤltniß ſeiner Theile liegt; da hingegen die bloßen Hiroglyphen oder Buchſta - ben an ſich ſo ungeſtaltet ſeyn koͤnnen, wie ſie wollen, wenn ſie nur das bezeichnen, was man ſich dabei denken ſoll.

Der muͤßte wenig von den hohen Dichter - ſchoͤnheiten des Homer geruͤhrt ſeyn, der nach Durchleſung deſſelben noch fragen koͤnnte: was bedeutet die Iliade? was bedeutet die Odyſſee?

6

Alles, was eine ſchoͤne Dichtung bedeutet, liegt ja in ihr ſelber; ſie ſpiegelt in ihrem groſ - ſen oder kleinen Umfange, die Verhaͤltniſſe der Dinge, das Leben und die Schickſale der Men - ſchen ab; ſie lehrt auch Lebensweisheit, nach Horazens Ausſpruch, beſſer als Krantor und Chryſipp.

Aber alles dieſes iſt den dichteriſchen Schoͤnheiten untergeordnet, und nicht der Hauptendzweck der Poeſie; denn eben darum lehrt ſie beſſer, weil Lehren nicht ihr Zweck iſt; weil die Lehre ſelbſt ſich dem Schoͤnen unter - ordnet, und dadurch Anmuth und Reitz ge - winnt.

In den mythologiſchen Dichtungen iſt nun die Lehre freilich ſo ſehr untergeordnet, daß ſie ja nicht darin geſucht werden muß, wenn das ganze Gewebe dieſer Dichtungen uns nicht als frevelhaft erſcheinen ſoll.

Denn der Menſch iſt in dieſen poetiſchen Darſtellungen der hoͤhern Weſen ſo etwas Un - tergeordnetes, daß auf ihn uͤberhaupt, und alſo auch auf ſeine moraliſchen Beduͤrfniſſe we - nig Ruͤckſicht genommen wird.

7

Er iſt oft ein Spiel der hoͤhern Maͤchte, die uͤber alle Rechenſchaft erhaben, ihn nach Gefallen erhoͤhen und ſtuͤrzen, und nicht ſowohl die Beleidigungen ſtrafen, welche die Men - ſchen ſich untereinander zufuͤgen, als vielmehr jeden Anſchein von Eingriff in die Vorrechte der Goͤtter auf das ſchrecklichſte ahnden.

Dieſe hoͤhern Maͤchte ſind nichts weniger, als moraliſche Weſen. Die Macht iſt immer bei ihnen der Hauptbegriff, dem alles uͤbrige untergeordnet iſt. Die immerwaͤhrende Ju - gendkraft, welche ſie beſitzen, aͤußert ſich bei ihnen in ihrer ganzen uͤppigen Fuͤlle.

Denn da ein jedes dieſer von der Phanta - ſie gebornen Weſen, in gewiſſer Ruͤckſicht, die ganze Natur mit allen ihren uͤppigen Auswuͤch - ſen, und ihrem ganzen ſchwellenden Ueberfluß in ſich darſtellt, ſo iſt es, als eine ſolche Dar - ſtellung, uͤber alle Begriffe der Moralitaͤt er - haben. Weil man weder von der ganzen Na - tur ſagen kann, daß ſie ausſchweife; noch dem Loͤwen ſeinen Grimm, dem Adler ſeine Raub - ſucht; oder der giftigen Schlange ihre Schaͤd - lichkeit, zum Frevel anrechnen darf.

8

Weil aber die Phantaſie die allgemeinen Begriffe fliehet, und ihre Bildungen, ſo viel wie moͤglich, individuell zu machen ſucht, ſo uͤbertraͤgt ſie den Begriff der hoͤhern obwalten - den Macht auf Weſen, die ſie als wirklich dar - ſtellt, denen ſie Geſchlechtsregiſter, Geburt und Nahmen, und menſchliche Geſtalt bei - legt.

Sie laͤßt ſo viel wie moͤglich die Weſen, die ſie ſchaft, in das Reich der Wirklichkeit ſpielen. Die Goͤtter vermaͤhlen ſich mit den Toͤchtern der Menſchen, und erzeugen mit ih - nen die Helden, welche durch kuͤhne Thaten zur Unſterblichkeit reifen.

Hier iſt es nun, wo das Gebiet der Phan - taſie und der Wirklichkeit am naͤchſten aneinan - der grenzt, und wo es darauf ankommt, das, was Sprache der Phantaſie oder mythologi - ſche Dichtung iſt, auch bloß als ſolche zu be - trachten, und vor allen voreiligen hiſtoriſchen Ausdeutungen ſich zu huͤten.

Denn dieſe Miſchung des Wahren, mit der Dichtung in der aͤlteſten Geſchichte, macht an unſerm Geſichtskreiſe, ſo weit wir in die9 Ferne zuruͤckblicken, gleichſam den daͤmmern - den Horizont aus. Soll uns hier eine neue Morgenroͤthe aufgehen, ſo iſt es noͤthig, die mythologiſchen Dichtungen, als alte Voͤlker - ſagen, ſo viel wie moͤglich von einander zu ſchei - den, um den Faden ihrer allmaͤhligen Verwe - bungen und Uebertragungen wieder aufzufinden. In dieſer Ruͤckſicht die aͤlteſten Voͤlkerſagen, welche auf uns gekommen ſind, nebeneinander zu ſtellen, iſt das Geſchaͤft einer allgemeinen Mythologie, wozu die gegenwaͤrtige, welche auf die Goͤtterlehre der Griechen und Roͤmer be - ſchraͤnkt iſt, nur von fern die Hand bieten kann.

In das Gebiet der Phantaſie, welches wir nun betreten wollen, ſoll uns ein Dich - ter fuͤhren, der ihr Lob am wahrſten geſun - gen hat.

Meine Goͤttin.
Welcher Unſterblichen
Soll der hoͤchſte Preis ſeyn?
Mit niemand ſtreit ich,
Aber ich geb ihn
Der ewig beweglichen,
10
Immer neuen,
Seltſamſten Tochter Jovis,
Seinem Schooßkinde,
Der Phantaſie.
Denn ihr hat er
Alle Launen,
Die er ſonſt nur allein
Sich vorbehaͤlt,
Zugeſtanden,
Und hat ſeine Freude
An der Thoͤrin.
Sie mag roſenbekraͤnzt
Mit dem Lilienſtaͤngel
Blumenthaͤler betreten,
Sommervoͤgeln gebieten,
Und leichtnaͤhrenden Thau
Mit Bienenlippen
Von Bluͤthen ſaugen:
Oder ſie mag
Mit fliegendem Haar
Und duͤſterm Blicke
Im Winde ſauſen
Um Felſenwaͤnde,
Und tauſendfarbig,
Wie Morgen und Abend,
11
Immer wechſelnd,
Wie Mondesblicke,
Den Sterblichen ſcheinen.
Laßt uns alle
Den Vater preiſen!
Den alten, hohen,
Der ſolch eine ſchoͤne,
Unverwelkliche Gattin
Den ſterblichen Menſchen
Geſellen moͤgen!
Denn uns allein
Hat er ſie verbunden
Mit Himmelsband,
Und ihr geboten,
In Freud und Elend,
Als treue Gattin,
Nicht zu entweichen.
Alle die andern
Armen Geſchlechter
Der kinderreichen,
Lebendigen Erde
Wandeln und weiden
Im dunkeln Genuß
Und truͤben Schmerzen
Des augenblicklichen,
12
Beſchraͤnkten Lebens,
Gebeugt vom Joche
Der Nothdurft.
Uns aber hat er
Seine gewandteſte,
Verzaͤrtelte Tochter,
Freut euch! gegoͤnnt!
Begegnet ihr lieblich,
Wie einer Geliebten,
Laßt ihr die Wuͤrde
Der Frauen im Haus.
Und daß die alte
Schwiegermutter Weisheit
Das zarte Seelchen
Ja nicht beleid’ge!
Doch kenn ich ihre Schweſter,
Die aͤltere, geſetztere,
Meine ſtille Freundin:
O daß die erſt
Mit dem Lichte des Lebens
Sich von mir wende,
Die edle Treiberin,
Troͤſterin, Hofnung!

Goͤthe.

13

Die Erzeugung der Goͤtter.

Da wo das Auge der Phantaſie nicht weiter traͤgt iſt Chaos, Nacht, und Finſterniß; und doch trug die ſchoͤne Einbildungskraft der Griechen auch in dieſe Nacht einen ſanften Schimmer, der ſelbſt ihre Furchtbarkeit reitzend macht. Zuerſt iſt das Chaos, dann die weite Erde, der finſtere Tartarus und Amor, der ſchoͤnſte unter den unſterblichen Goͤttern.

Gleich im Anfange dieſer Dichtungen vereini - gen ſich die entgegengeſetzten Enden der Dinge; an das Furchtbarſte und Schrecklichſte grenzt das Liebenswuͤrdigſte. Das Gebildete und Schoͤne entwickelt ſich aus dem Unfoͤrmlichen und Unge - bildeten. Das Licht ſteigt aus der Finſterniß empor. Die Nacht vermaͤhlt ſich mit dem Ere - bus, dem alten Sitze der Finſterniß und gebiert den Aether und den Tag. Die Nacht iſt reich an mannigfaltigen Geburten, denn ſie huͤllt alle die Geſtalten in ſich ein, welche das Licht des Tages vor unſerm Blick entfaltet.

14

Das Finſtere, Irrdiſche und Tiefe iſt die Mutter des Himmliſchen, Hohen, und Leuchten - den. Die Erde erzeugt aus ſich ſelbſt den Uranos oder den Himmel, der ſie umwoͤlbet. Es iſt die dunkele und feſte Koͤrpermaſſe, welche von Licht und Klarheit umgeben den Saamen der Dinge in ſich einſchließt, und aus deren Schoße alle Erzeugungen ſich entwickeln.

Nachdem die Erde auch aus ſich ſelber die Berge und den Pontus oder das Meer erzeugt hat, vermaͤhlt ſie ſich mit dem umwoͤlbenden Ura - nos, und gebiert ihm ſtarke Soͤhne und Toͤchter, die ſelbſt ihrem Erzeuger furchtbar werden.

Hundertaͤrmige Rieſen, den Kottus, Gyges, und Briareus; ungeheure Cyklopen, den Bron - tes, Steropes, und Arges; herrſchſuͤchtige und mit weit um ſich greifender Macht geruͤſtete Tita - nen, den Coͤus, Krius, Hyperion, und Japet; den Oceanus; die maͤchtigen Titaniden, die Thia, die Rhea, die Themis, die Mnemoſyne, die Phoͤbe, die Thethys, und den Saturnus oder Kronos, den juͤngſten unter den Titanen.

Dieſe Kinder der Erde und des Himmels aber erblicken das Licht des Tages nicht; ſondern wer - den von ihrem Erzeuger, der ihre angebohrne Macht ſcheuet, ſobald ſie gebohren ſind, wieder in den Tartarus eingekerkert. Das Chaos be - hauptet noch ſeine Rechte. Die Bildungen ſchwan -15 ken noch zwiſchen Unterdruͤckung und Empoͤrung. Die Erde ſeufzt in ihren innerſten Tiefen uͤber das Schickſal ihrer Kinder, und denkt auf Rache; ſie ſchmiedet die erſte Sichel, und giebt ſie als ein raͤchendes Werkzeug dem Saturnus, ihrem juͤng - ſten Sohne.

Die wilden Erzeugungen muͤſſen aufhoͤren; Uranos, der ſeine eigenen Kinder in naͤchtlichem Dunkel gefangen haͤlt, muß ſeiner Herrſchaft ent - ſetzt werden. Sein juͤngſter Sohn Saturnus uͤberliſtet ihn, da er ſich mit der Erde begattet, und entmannet ſeinen Erzeuger mit der Sichel, die ihm ſeine Mutter gab. Aus den Blutstropfen, welche die Erde auffaͤngt, entſtehen in der Folge der Zeit die raͤcheriſchen Furien, die furchtbaren, den Goͤttern drohenden Giganten, und die Nym - phen Meliaͤ, welche die Berge bewohnen. Die dem Uranos entnommene Zeugungskraft be - fruchtet das Meer, aus deſſen Schaum Aphro - dite, die Goͤttin der Liebe empor ſteigt. Aus Streit und Empoͤrung der urſpruͤnglichen Weſen gegeneinander entwickelt und bildet ſich das Schoͤne.

Nun vermaͤhlen ſich die Kinder des Himmels und der Erde, und pflanzen das Geſchlecht der Ti - tanen fort. Coͤus mit der Phoͤbe, einer Toch - ter des Himmels, zeugt die Latona, welche nach - her die Vermaͤhlte des Jupiter, und die Aſteria,16 welche die Mutter der Hecate ward. Hyperion mit der Thia, einer Tochter des Himmels, zeugt die Aurora, den Helios oder Sonnengott, und die Luna. Oceanus mit der Tethys, einer Tochter des Himmels, erzeugt die Fluͤſſe und Quellen. Japet vermaͤhlt ſich mit der Klymene, einer Toch - ter des Oceanus, und erzeugt mit ihr die Titanen, Atlas, Menoͤtios, den Prometheus, der die Menſchen bildete, und den Epimetheus. Krius mit der Eurybia, einer Tochter des Pontus, er - zeugt die Titanen, Aſtraͤus, Pallas und Perſes.

Saturnus vermaͤhlt ſich mit ſeiner Schweſter der Rhea, und mit ihm hebt eine Reihe von neuen Goͤttererzeugungen an, wodurch die Alten in der Zukunft verdraͤngt werden ſollen. Die bleibenden Geſtalten gewinnen endlich die Ober - hand; aber ſie muͤſſen vorher noch lange mit der alles zerſtoͤrenden Zeit, und dem alles verſchlingen - den Chaos kaͤmpfen. Saturnus iſt zugleich ein Bild dieſer zerſtoͤrenden Zeit. Er, der ſeinen Erzeuger entmannt hat, verſchlingt ſeine eigenen Kinder, ſo wie ſie gebohren werden: denn ihm iſt von ſei - ner Mutter, der Erde, geweißagt worden, daß einer ſeiner Soͤhne ihn ſeiner Herrſchaft berauben werde. So raͤchte ſich der an ſeinem Erzeuger veruͤbte Frevel; Saturnus fuͤrchtet gleich dieſem, die ſich empoͤrende Macht, und waͤhrend er uͤber feine Bruͤder, die Titanen herrſchte, hielt er den -17 noch, gleich dem Uranos, die hundertaͤrmigen Rie - ſen und Cyklopen, in dem Tartarus eingekerkert.

Von ſeinen Kindern fuͤrchtet er Verderben; denn noch lehnet das Neuentſtandene ſich gegen ſeinen Urſprung auf, der es wieder zu vernichten droht. So wie die Erde ſeufzte, daß der umwoͤl - bende Himmel ihre Kinder in ihrem Schooße ge - fangen hielt, ſo ſeufzt nun Rhea uͤber die Grau - ſamkeit der alles zerſtoͤrenden, ihre eigenen Bil - dungen verſchlingenden Macht, mit welcher ſie vermaͤhlt iſt. Und da ſie den Jupiter, den kuͤnf - tigen Beherrſcher der Goͤtter und Menſchen ge - baͤhren ſoll, ſo fleht ſie die Erde und den geſtirn - ten Himmel um die Erhaltung ihres noch unge - bohrnen Kindes an.

Die uralten Gottheiten ſind ihrer Herrſchaft entſetzt, und haben nur noch Einfluß durch Weiſ - ſagung und Rath; ſie rathen ihrer Tochter, wie ſie den Jupiter, ſobald ſie ihn gebohren, in eine fruchtbare Gegend, in Kreta, verbergen ſoll. Die wilde umherſchweifende Phantaſie heftet ſich nun auf einen Fleck der Erde, und findet auf dem Eilande, wo dies Goͤtterkind erzogen werden ſoll, den erſten Ruheplatz.

Auf den Rath ihrer Mutter Erde wickelt die Rhea einen Stein in Windeln, und giebt ihn dem Saturnus, ſtatt des neugebohrnen Goͤtter - kindes, zu verſchlingen. Durch dieſen bedeutungs -B18vollen Stein, deſſen bei den Alten ſo oft Erwaͤh - nung geſchieht, ſind der Zerſtoͤrung ihre Grenzen geſetzt; die zerſtoͤrende Macht hat zum erſtenmale das Lebloſe ſtatt des Lebenden mit ihrer vernichten - den Gewalt ergriffen, und das Lebende und Ge - bildete hat Zeit gewonnen gleichſam verſtohlner Weiſe ſich an das Licht emporzudraͤngen.

Allein es iſt noch vor den Verfolgungen ſeines allverſchlingenden Urſprungs nicht geſichert. Dar - um muͤſſen die Erzieher des Goͤtterkindes auf der Inſel Kreta, die Kureten oder Korybanten, deren Weſen und Urſprung in geheimnißvolles Dunkel gehuͤllt iſt, mit ihren Spießen und Schil - den ein immerwaͤhrendes Getoͤſe machen, damit Saturnus die Stimme des weinenden Kindes nicht vernehme. Denn die zerſtoͤrenden Kraͤfte lauern, das zarte Gebildete, in ſeinem erſten Aufkeimen, wo moͤglich, wieder zu zernichten.

Die Erziehung des Jupiter auf der Inſel Kreta macht eines der reizendſten Bilder[d]er Phan - taſie; ihn ſaͤugt die Ziege Amalthea, welche in der Folge unter die Sterne verſetzt, und ihr Horn zum Horn des Ueberfluſſes erhoͤhet wird. Die Tauben bringen ihm Nahrung, goldgefaͤrbte Bie - nen fuͤhren ihm Honig zu, und Nymphen des Waldes ſind ſeine Pflegerinnen.

Schnell entwickeln ſich nun die Kraͤfte dieſes kuͤnftigen Beherrſchers der Goͤtter und Menſchen. 19Das Ende von dem alten Reiche des Saturnus naͤhert ſich. Denn fuͤnf ſeiner Kinder ſind noch, außer dem Jupiter, von ſeiner zerſtoͤrenden Macht gerettet. Die den Erdkreis mit heiliger Glut be - lebende Veſta, die befruchtende Ceres, Juno, Neptun, und Pluto.

Mit dieſen kuͤndigt Jupiter dem Saturnus, und den Titanen, welche dem Saturnus bei - ſtehen, den Krieg an, nachdem er vorher die Cyklopen aus ihrem Kerker befreiet, und dieſe ihn dafuͤr mit dem Donner und dem leuchtenden Blitze begabt hatten. Und nun ſcheiden ſich die neuern Goͤtter, die vom Saturnus und der Rhea abſtammen, von den alten Gottheiten oder den Titanen, welche Kinder des Himmels und der Erde ſind.

B 220

Der Goͤtterkrieg.

Die Titanen ſind das Empoͤrende, welches ſich gegen jede Oberherrſchaft auflehnt; es ſind die unmittelbaren Kinder des Himmels und der Erde, deren weit um ſich greifende Macht keine Grenzen kennet, und keine Einſchraͤnkung duldet.

Jupiter aber hatte ſich den Weg zu der Al - leinherrſchaft ſchon gebahnet, indem er die hun - dertaͤrmigen Rieſen, Kottus, Gyges, und Briareus, und die Cyklopen, die unter dem Uranos und Saturnus gefangen gehalten wur - den, aus ihrem Kerker befreiet, und dadurch den Donner und Blitz in ſeine Gewalt bekommen hatte.

Die neuern Goͤtter, mit dem Jupiter an ihrer Spitze, verſammleten ſich auf dem Olymp; die Titanen ihnen gegenuͤber auf dem Othrys, und der Goͤtterkrieg hub an. Zehn Jahre dauerte ſchon der Kampf der neuern Goͤtter mit den Tita - nen, als der Sieg noch unentſchieden war, bis Jupiter ſich den Beiſtand der hundertaͤrmigen Rieſen erbat, die ihm die Befreiung aus ihrem Kerker dankten.

Als dieſe nun an dem Treffen Theil nahmen, ſo faßten ſie ungeheure Felſen in ihre hundert21 Haͤnde, um ſie auf die Titanen zu ſchleudern, welche in geſchloſſenen Phalangen in Schlachtord - nung ſtanden. Als nun die Goͤtter auf einander den erſten Angriff thaten, ſo wallte das Meer hoch auf, die Erde ſeufzte, der Himmel aͤchzte, und der hohe Olymp wurde vom Gipfel bis zur Wurzel erſchuͤttert.

Die Blitze flogen ſchaarenweiſe aus Jupi - ters ſtarker Hand, der Donner rollte, der Wald entzuͤndete ſich, das Meer ſiedete, und heißer Dampf und Nebel huͤllte[die] Titanen ein.

Kottus, Gyges, und Briareus ſtanden voran im Goͤttertreffen, und mit jedem Wurf ſchleuderten ſie dreihundert Felſenſtuͤcke auf die Haͤupter der Titanen herab. Da lenkte ſich der Sieg auf die Seite des Donnerers. Die Tita - nen ſtuͤrzten nieder, und wurden ſo weit in den Tartarus hinabgeſchleudert, als hoch der Himmel uͤber der Erde iſt.

Nun theilten die drei ſiegreichen Soͤhne des Saturnus das alte Reich der Titanen unter ſich; Jupiter beherrſchte den Himmel, Neptun das Meer, und Pluto die Unterwelt. Die hundert - aͤrmigen Rieſen aber bewachten den Eingang zu dem furchtbaren Kerker, der die Titanen ge - fangen hielt.

Jupiters Blitz beherrſchte nun zwar die Goͤt - ter, allein ſein Reich ſtand noch nicht feſt. Die22 Erde ſeufzte aufs neue uͤber die Schmach ihrer Kinder, die im dunkeln Kerker ſaßen. Mit den Blutstropfen befruchtet, die ſie bei der Entman - nung des Uranos in ihrem Schooße aufnahm, gebahr ſie in den phlegraͤiſchen Gefilden die him - melanſtuͤrmenden Giganten mit drohender Stirn und Drachenfuͤßen, bereit die Schmach der Tita - nen zu raͤchen.

Zu Boden geworfen, waren ſie nicht be - ſiegt, denn mit jeder Beruͤhrung ihrer Mutter Erde gewannen ſie neue Kraͤfte. Por - phyrion und Alcyoneus, Oromedon und Enceladus, Rhoͤtus und der tapfre Mi - mas huben am ſtolzeſten ihre Haͤupter empor; ſie ſchleuderten Eichen und Felſenſtuͤcke mit ju - gendlicher Kraft gen Himmel, und achteten Jupiters Blitze nicht.

In dem hier beigefuͤgten, nach einem der ſchoͤnſten Werke des Alterthums verfertigten Umriß, heben die maͤchtigen Soͤhne der Erde, unter Jupiters Donnerwagen zu Boden geſtreckt, dennoch gegen ihn ihr drohendes Haupt empor. Macht iſt gegen Macht empoͤrt einer der er - habenſten Gegenſtaͤnde, den je die bildende Kunſt benutzte.

Daraus, daß in den mythologiſchen Dichtun - gen die Giganten den Goͤttern entgegengeſetzt23 werden, ſieht man auch, daß die Alten den Goͤt - tern keine ungeheure Groͤße beilegten. Das Gebildete hatte bei ihnen immer den Vorzug vor der Maſſe; und die ungeheuren Weſen, welche die Phantaſie ſich ſchuf, entſtanden nur um von der in die hohe Menſchenbildung eingehuͤllten Goͤt - terkraft beſiegt zu werden, und unter ihrer eigenen Unfoͤrmlichkeit zu erliegen.

Gerade die Vermeidung des Ungeheuren, das edle Maaß, wodurch allen Bildungen ihre Grenzen vorgeſchrieben wurden, iſt ein Haupt - zug in der ſchoͤnen Kunſt der Alten; und nicht umſonſt drehet ſich ihre Phantaſie in den aͤlte - ſten Dichtungen immer um die Vorſtellung, daß das Unfoͤrmliche, Ungebildete, Unbegrenzte, erſt vertilgt und beſiegt werden muß, ehe der Lauf der Dinge in ſein Gleis koͤmmt.

Die ganze Dichtung des Goͤtterkrieges ſcheint ſich mit auf dieſe Vorſtellung zu gruͤnden. Ura - nos oder die weitausgebreitete Himmelswoͤl - bung ließ ſich noch unter keinem Bilde faſſen; was die Phantaſie ſich dachte, war noch zu weit ausgebreitet, unfoͤrmlich und geſtaltlos; dem Uranos wurden ſeine eigenen Erzeugun - gen furchtbar, ſeine Kinder, die Titanen, em - poͤrten ſich gegen ihn, und ſein Reich entſchwand in Nacht und Dunkel.

24

Der Name der Titanen zeigt ſchon das weit um ſich Greifende, Grenzenloſe, in ihrem Weſen an, wodurch die Bildungen, welche ſich die Phantaſie von ihnen macht, ſchwankend und unbeſtimmt werden. Die Phantaſie flieht vor dem Grenzenloſen und Unbeſchraͤnkten; die neuen Goͤtter ſiegen, das Reich der Titanen hoͤrt auf, und ihre Geſtalten treten gleichſam in Nebel zuruͤck, wodurch ſie nur noch ſchwach hervorſchimmern.

An der Stelle des Titanen Helios oder des Sonnengottes ſteht der ewig junge Apoll mit Pfeil und Bogen. Unbeſtimmt und ſchwankend ſchimmert das Bild vom Helios durch, und die Phantaſie verwechſelt in den Werken der Dicht - kunſt oft beide mit einander. So ſteht an der Stelle des alten Oceanus, Neptun mit ſeinem Dreizack, und beherrſcht die Fluthen des Meers.

Demohngeachtet aber bleiben die alten Gott - heiten noch immer ehrwuͤrdig, denn ſie waren den neuern Goͤttern nicht etwa wie das Ver - derbliche und Haſſenswuͤrdige dem Wohlthaͤtigen und Guten entgegengeſetzt; ſondern Macht em - poͤrte ſich gegen Macht; Macht ſiegte uͤber Macht, und das Beſiegte ſelbſt blieb in ſeinem Sturz noch groß.

So wie man ſich nehmlich unter dem Reiche der Titanen und unter der Herrſchaft des Sa -25 turnus, der ſeine eigenen Kinder verſchlang, noch das Grenzenloſe, Chaotiſche, Ungebildete dachte, worauf die Einbildungskraft nicht haften kann; ſo verknuͤpfte man doch wieder mit dieſer Vorſtel - lung von dem Ungebildeten, Umherſchweifenden, und Grenzenloſen, das keinem Zwange unterwor - fen iſt, den Begriff von Freiheit und Gleichheit, der unter der Alleinherrſchaft des Einzigen, der mit dem Donner bewafnet war, nicht mehr ſtatt finden konnte.

Man verſetzte daher das goldene Zeitalter un - ter die Regierung des Saturnus; welcher, nach - dem er in dem Goͤtterkriege ſeiner zerſtoͤrenden Macht beraubt war, nach einer alten Sage, dem Schickſal der uͤbrigen Titanen, die in den Tarta - rus geſchleudert wurden, entfloh, und ſich in den mit Bergen umſchloſſenen Ebenen von Latium verbarg, wohin er das goldene Zeitalter brachte, indem er in einem Schiffe auf dem Tiberſtrome, beim Janus anlangte, und mit ihm vereint, die Menſchen mit Weisheit und Guͤte beherrſchte.

Dieſe Dichtung iſt vorzuͤglich ſchoͤn, wegen des Ueberganges vom Kriegeriſchen und Zerſtoͤren - den, zum Friedlichen und Sanften. Waͤhrend daß Jupiter noch immer in Gefahr der Herr - ſchaft entſetzt zu werden, ſeine Blitze gegen die Giganten ſchleudert, iſt Saturnus fern von dem verderblichen Goͤtterkriege in Latium ange -26 langt, wo unter ihm ſich die gluͤcklichen Zeiten bil - den, die nachher in den Liedern der Menſchen als ein entflohenes Gut beſungen, und vergeblich zu - ruͤck gewuͤnſcht wurden.

So iſt er auf einer alten Gemme, wovon hier der Umriß beigefuͤgt iſt, mit der Senſe in der Hand, auf einem Schiffe, wovon nur der Schna - bel oder das Vordertheil ſichtbar iſt, abgebildet, neben dem Schiffe ſieht man einen Theil einer Mauer und eines Gebaͤudes hervorragen, wahr - ſcheinlich weil an den Ufern der Tiber vom Sa - turnus, die alte Stadt Saturnia auf den nach - maligen Huͤgeln Roms erbauet wurde.

Auf die Weiſe iſt nun Saturnus bald ein Bild der alleszerſtoͤrenden Zeit, bald ein Koͤnig, der zu einer gewiſſen Zeit in Latium herrſchte. Die Erzaͤhlungen von ihm ſind weder bloße Alle - gorien, noch bloße Geſchichte, ſondern beides zu - ſammengenommen, und nach den Geſetzen der Einbildungskraft verwebt. Dieß iſt auch der Fall bei den Erzaͤhlungen von den uͤbrigen Gott - heiten, die wir durchgaͤngig als ſchoͤne Dichtun - gen nehmen, und durch zu beſtimmte Ausdeu - tungen nicht verderben muͤſſen. Denn da die ganze Religion der Alten eine Religion der Phan - taſie und nicht des Verſtandes war, ſo iſt auch ihre Goͤtterlehre ein ſchoͤner Traum, der zwar27 viel Bedeutung und Zuſammenhang in ſich hat, auch zuweilen erhabene Ausſichten giebt, von dem man aber die Genauigkeit und Beſtimmtheit der Ideen im wachenden Zuſtande nicht fordern muß.

Ob nun Jupiter gleich die Titanen in den Tartarus verbannt, und uͤber die Giganten zuletzt die Inſeln des Meeres mit rauchenden Vulkanen gewaͤlzt hatte, ſo war dennoch ſein Reich noch nicht befeſtigt; denn die Erde zuͤrnte aufs neue uͤber die Gefangenſchaft ihrer Kinder, und gebahr, nach - dem ſie ſich mit dem Tartarus begattet hatte, den Tiphoͤus, ihren juͤngſten Sohn.

Das furchtbarſte Ungeheuer, das je aus der dunkeln Nacht emporſtieg; deſſen hundert Dra - chenhaͤupter mit ſchwarzen Zungen leckten, und mit feurigen Augen blitzten; das bald verſtaͤndli - che Laute von ſich gab, und bald mit hundert verſchiedenen Stimmen der Thiere des Waldes heulte und bruͤllte, daß die Berge davon wieder - hallten.

Nun waͤre es um die Herrſchaft der neuen Goͤtter gethan geweſen, wenn Jupiter nicht ſchleunig ſeinen Blitz ergriffen, und ihn unauf - hoͤrlich auf das Ungeheuer geſchleudert haͤtte, ſo lange bis Erd und Himmel in Flammen ſtand, und der Weltbau erſchuͤttert ward, ſo daß Pluto,28 der Koͤnig der Schatten, und die Titanen im Tartarus uͤber das unaufhoͤrliche Getoͤſe erbebten, das uͤber ihren Haͤuptern rollte.

Der Sieg uͤber dies Ungeheuer wurde dem Jupiter am ſchwerſten unter allen, und drohte ihm ſelber den Untergang. Er freute ſich daher dieſes Sieges nicht, ſondern ſchleuderte den Ti - phoͤus, als er zu Boden geſunken war, trauer - voll in den Tartarus hinab.

Denn dem Herrſcher der Goͤtter, drohte ſtets Gefahr, nicht nur von fremder Macht, ſondern auch von ſeinen eigenen Entſchließungen. So weißagte ihm, als er ſich mit der weisheitbegabten Metis, einer Tochter des Oceanus vermaͤhlt hatte, ein Orakelſpruch, daß ſie ihm einen Sohn gebaͤren, und daß dieſer zugleich mit der Weis - heit ſeiner Mutter, und der Macht ſeines Vaters ausgeruͤſtet, die Goͤtter alle beherrſchen wuͤrde.

Um dem vorzubeugen zog Jupiter die weis - heitbegabte Metis mit ſchmeichelnden Lockungen in ſich hinuͤber, und gebahr nun ſelbſt die Mi - nerva, welche bewafnet aus ſeinem Haupte her - vorſprang. Eine aͤhnliche Gefahr drohte ihm noch einmal, da er ſich mit der Thetis begatten wollte, von der ein Orakelſpruch geweißagt hatte, ſie wuͤrde einen Sohn gebaͤhren, der wuͤrde maͤchtiger als ſein Vater ſeyn.

29

So fuͤrchtet ſich in dieſen Dichtungen das Maͤchtigſte immer vor noch etwas Maͤchtigerm. Bei dem Begriff der ganz unumſchraͤnkten Macht hingegen hoͤrt alle Dichtung auf, und die Phantaſie hat keinen Spielraum mehr. Man muß daher die Verſtandesbegriffe auf keine Weiſe hiemit ver - mengen, da man uͤberdem, eins dem andern un - beſchadet, jedes fuͤr ſich abgeſondert, ſehr wohl betrachten kann.

In der folgenden Zeit wurden ſogar zwei Soͤhne des Neptun, die derſelbe mit der Iphi - media, einer Tochter des Aloeus erzeugte, und welche daher die Aloiden hießen, dem Jupiter furchtbar. Ihre Namen waren, Otus und Ephialtes; ſie ragten im Schmuck der Jugend und Schoͤnheit mit Rieſengroͤße zum Himmel em - por, und drohten den unſterblichen Goͤttern, in - dem ſie Berge auf einander thuͤrmten, auf den Olymp den Oſſa, und auf den Oſſa den Pelion waͤltzten, um ſo den Himmel zu[erſteigen], welches ihnen gelungen waͤre, wenn ſie die Jahre der Mannbarkeit erreicht haͤtten. Aber Apollo er - legte ſie mit ſeinen Pfeilen, ehe noch das weiche Milchhaar ihr Kinn bedeckte.

Selbſt die Sterblichen wagten es alſo ſich ge - gen die Goͤtter aufzulehnen, welche daher auch eiferſuͤchtig, auf jede hoͤhere Entwickelung menſch -30 licher Kraͤfte waren; jede Ueberhebung auf das ſchaͤrfſte ahndeten, und den armen Sterblichen anfaͤnglich ſogar das Feuer mißgoͤnnten. Denn die Menſchen mußten noch den Haß der Goͤtter gegen die Titanen tragen, weil ſie von einem Ab - koͤmmling derſelben, dem Prometheus, gebildet und ins Leben hervorgerufen waren.

31

Die Bildung der Menſchen.

So untergeordnet iſt in dieſen Dichtungen der Urſprung der Menſchen, daß ſie nicht einmal den herrſchenden Goͤttern, ſondern einem Abkoͤmm - linge der Titanen, ihr Daſeyn danken.

Denn Prometheus, welcher die Menſchen aus Thon bildete, war ein Sohn des Japet, der außer ihm noch drei Soͤhne erzeugt hatte, den Atlas, Menoͤtius, und Epimetheus, die alle den Goͤttern verhaßt waren.

Japet, der Stammvater der Menſchen, lag ſchon vom Jupiter mit den uͤbrigen Titanen in den Tartarus hinabgeſchleudert; ſein ſtarker Sohn, Menoͤtius, wurde wegen ſeiner den Goͤt - tern furchtbaren Macht, und uͤbermuͤthigem Stolz, von Jupiters Blitz erſchlagen, in den Erebus hin - abgeſtuͤrzt. Dem Atlas legte Jupiter die ganze Laſt des Himmels auf ſeine Schultern; den Pro - metheus ſelber ließ er zuletzt an einen Felſen ſchmieden, wo ein Geier unaufhoͤrlich an ſeinem Eingeweide nagte; und den Epimetheus ließ er das Ungluͤck uͤber die Menſchen bringen.

32

So verhaßt war den Goͤttern das Geſchlecht des Japet, woraus der Menſch entſprang, auf den in der Folge die unzaͤhligen Leiden ſich zuſam - menhaͤuften, wodurch er die Schuld des ihm mißgoͤnnten Daſeyns vielfach buͤßen mußte.

Prometheus befeuchtete die noch von den himmliſchen Theilchen geſchwaͤngerte Erde mit Waſſer, und machte den Menſchen nach dem Bilde der Goͤtter, ſo daß er allein ſeinen Blick gen Himmel empor hebt, indeß alle andern Thiere ihr Haupt zur Erde neigen.

Den Goͤttern ſelber alſo konnte die Phantaſie keine hoͤhere Bildung als die Menſchenbildung bei - legen, weil nichts mehr uͤber die erhabene auf - rechte Stellung geht, in welcher ſich gleichſam die ganze Natur verjuͤngt, und erſt zum Anſchauen von ſich ſelber koͤmmt.

Denn die Strahlen der Sonne leuchten, aber das Auge des Menſchen ſiehet. Der Donner rollt, und die Stuͤrme des Meeres brauſen, aber die Zunge des Menſchen redet vernehmliche Toͤne. Die Morgenroͤthe ſchimmert in ihrer Pracht, aber die Geſichtszuͤge des Menſchen ſind ſprechend und bedeutend.

Es ſcheint als muͤſſe die unermeßliche Natur ſich erſt in dieſe zarten Umriſſe ſchmiegen, um ſich ſelbſt zu faſſen, und wieder umfaßt zu werden. Um die goͤttliche Geſtalt abzubilden gab es nichts

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33 Hoͤheres, als Aug und Naſe, und Stirn und Augenbraunen, als Wang und Mund und Kinn; weil wir nur von dem, was lebt und dieſe Geſtalt hat, wiſſen koͤnnen, daß es Vorſtellungen habe wie wir, und daß wir Gedanken und Worte mit ihm wechſeln koͤnnen.

Prometheus iſt daher auf den alten Kunſt - werken ganz wie der bildende Kuͤnſtler darge - ſtellt, ſo wie auch auf dem hier beigefuͤgten Um - riß, nach einem antiken geſchnittenen Steine, wo zu ſeinen Fuͤßen eine Vaſe, und vor ihm ein menſchlicher Torſo ſteht, den er, ſo wie jene, aus Thon gebildet, und deſſen Vollendung er zum einzigen Augenmerk ſeiner ganzen Denkkraft ge - macht zu haben ſcheint.

Als es dem Prometheus gelungen war, die goͤttliche Geſtalt wieder außer ſich darzuſtellen, brannte er vor Begierde, ſein Werk zu vollenden: und er ſtieg hinauf zum Sonnenwagen, und zuͤn - dete da die Fackel an, von deren Gluth er ſeinen Bildungen die aͤtheriſche Flamme in den Buſen hauchte, und ihnen Waͤrme und Leben gab.

So iſt er hier zum zweitenmal abgebildet, ſitzend mit der Fackel in der Hand, uͤber der ein Schmetterling ſchwebt, welcher den beſeelenden Hauch andeutet, wodurch die todte Maſſe belebt wird. Der bildende Kuͤnſtler iſt zum Schoͤpfer geworden; ſeine Bildungen werden ihm gleich.

C34

Daß Prometheus ſelbſt ein Schoͤpfer goͤttli - cher Bildungen wurde, daruͤber zuͤrnte Jupiter, und dachte darauf, wie er die Menſchen verder - ben wollte. Als daher Prometheus einſt einen Stier ſchlachtete, und um den Jupiter zu verſu - chen, das Fleiſch und die Knochen jedes in eine Haut gewickelt beſonders legte, damit Jupiter waͤhlen moͤchte, ſo waͤhlte dieſer mit Fleiß den ſchlechtern Theil, um wegen des Betruges auf den Prometheus zuͤrnen zu koͤnnen, und ſeinen Zorn an den Sterblichen auszulaſſen, die er nun ploͤtzlich des Feuers beraubte.

Denn an dem Prometheus ſelber ſeinen Haß auszuuͤben wagte Jupiter damals noch nicht; er ſuchte ihm nur ſein Werk zu verderben; aber auch dies gelang ihm nicht; denn Prometheus, der den Jammer der Menſchen nicht dulden konnte, ſtieg wiederum zum Sonnenwagen, und entwen - dete aufs neue den aͤtheriſchen Funken, den er in dem Marke der roͤhrichten Pflanze verbarg, und ihn den Sterblichen vom Himmel wiederbrachte.

Als nun Jupiter von fern den Glanz des Feuers unter den Menſchen erblickte, ſo dachte er aufs neue, wie er ſie durch ihre eigene Thorheit ſtrafen wollte; waͤhrend daß Prometheus fortfuhr die Menſchen alle nuͤtzliche Kuͤnſte zu lehren, welche der Gebrauch des Feuers moͤglich macht, und was die groͤßte Wohlthat war, ihnen den Blick in die35 Zukunft benahm, damit ſie unvermeidliche Uebel nicht voraus ſehen moͤchten.

Dem Jupiter alſo gleichſam zum Trotz ſuchte Prometheus ſeine Menſchenſchoͤpfung und Men - ſchenbildung zu vollenden, ob er gleich ſelber wuß - te, daß er dereinſt ſchrecklich wuͤrde dafuͤr buͤßen muͤſſen. Dieß ungleiche Verhaͤltniß der Men - ſchen zu den herrſchenden Goͤttern gab nachher den Stoff zu den tragiſchen Dichtungen, deren Geiſt in den folgenden Zeilen athmet, worin ein Dich - ter unſerer Zeiten den Prometheus, im Nahmen der Menſchen, deren Jammer er in ſeinem Buſen traͤgt, redend einfuͤhrt.

Prometheus.
Bedecke deinen Himmel, Zevs,
Mit Wolkendunſt,
Und uͤbe, dem Knaben gleich,
Der Diſteln koͤpft,
An Eichen dich und[Bergeshoͤhn];
Mußt mir meine Erde
Doch laſſen ſtehn,
Und meine Huͤtte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um deſſen Gluth
Du mich beneideſt.
C 236
Ich kenne nichts aͤrmers
Unter der Sonn als euch Goͤtter!
Ihr naͤhret kuͤmmerlich
Von Opferſteuern
Und Gebetshauch
Eure Majeſtaͤt,
Und darbtet, waͤren
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Thoren.
Da ich ein Kind war,
Nicht wußte wo aus noch ein,
Kehrt ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn druͤber waͤr
Ein Ohr zu hoͤren meine Klage,
Ein Herz wie mein’s
Sich des Bedraͤngten zu erbarmen.
Wer half mir
Wider der Titanen Uebermuth?
Wer rettete vom Tode mich
Von Sklaverey?
Haſt du nicht alles ſelbſt vollendet,
Heilig gluͤhend Herz?
Und gluͤhteſt jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?
37
Ich dich ehren? Wofuͤr?
Haſt du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Haſt du die Thraͤnen geſtillet
Je des Geaͤngſteten?
Hat nicht mich zum Manne geſchmiedet
Die allmaͤchtige Zeit,
Und das ewige Schickſal
Meine Herrn und deine?
Waͤhnteſt du etwa,
Ich ſollte das Leben haſſen,
In Wuͤſten fliehen,
Weil nicht alle
Bluͤthentraͤume reiften?
Hier ſitz ich, forme Menſchen
Nach meinem Bilde,
Ein Geſchlecht, das mir gleich ſey,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen ſich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

Goͤthe.

Nun ließ aber Jupiter, der uͤber den Raub des Feuers noch immer zuͤrnte, eine weibliche Ge -38 ſtalt von Goͤtterhaͤnden bilden, die er mit allen Ga - ben ausgeſchmuͤckt, Pandora nannte, und ſandte ſie mit allen verfuͤhreriſchen Reitzen, und mit einer Buͤchſe, worin das ganze Heer von Uebeln, das den Menſchen drohte, verſchloſſen war, zum Pro - metheus, der bald den Betrug erkannte, und dieß gefaͤhrliche Geſchenk der Goͤtter ausſchlug.

Da konnte Jupiter ſeinem Zorn nicht laͤnger Einhalt thun, ſondern ließ den Prometheus, fuͤr ſeine Klugheit zu buͤßen, an einen Felſen ſchmieden; und das Ungluͤck kam demohngeachtet uͤber die Menſchen; denn der unvorſichtige Epime - theus, des Prometheus Bruder, ließ ſich, ob - gleich gewarnt, durch die Reitze der Pandora bethoͤren, welche, ſobald er ſich mit ihr vermaͤhlt hatte, die Buͤchſe eroͤfnete, woraus ſich ploͤtzlich alles Unheil uͤber die ganze Erde, und uͤber das Menſchengeſchlecht verbreitete.

Sie machte ſchnell den Deckel wieder zu, ehe noch die Hofnung entſchluͤpfte, welche, nach Ju - piters Rathſchluß, allein zuruͤck blieb, um einſt noch zu rechter Zeit, den Sterblichen Troſt zu ge - waͤhren. Die verfuͤhreriſchen Reitze zu der ſinn - lichen Luſt, brachten alſo auch nach dieſer Dich - tung zuerſt das Ungluͤck uͤber die Menſchen. Der thoͤrichte Epimetheus vereitelte bald die vorſehende Weisheit des Prometheus. Vernunft und Thor -39 heit waren ſogleich bei der Bildung und Entſte - hung des Menſchen miteinander im Kampfe.

Prometheus duldete nun an den Felſen ge - ſchmiedet, in ſeiner Perſon, die Qualen des Menſchengeſchlechts, das ihm ſeine Bildung dank - te; die immerwaͤhrende Unruhe, und die raſtloſe ſtets unbefriedigte Begier der Sterblichen. Es iſt der vom Jupiter geſandte Geier, der dem Pro - metheus an der immer wieder wachſenden Leber, dem Sitz der Begierden, nagt.

So iſt dieſer Dulder fuͤr die Menſchheit abge - bildet, die Haͤnde auf den Ruͤcken gefeſſelt, ſitzend, an den Felſen geſchmiedet mit dem Geier auf dem Knie.

Die vier Abbildungen auf der hier beigefuͤgten Kupfertafel, geben einen vollſtaͤndigen Ueberblick von dieſer Dichtung der Alten: Prometheus bil - det den Menſchen; er raubt die aͤtheriſche Flam - me; Pandora, ſitzend, eroͤfnet die Buͤchſe, wor - aus das Ungluͤck uͤber die Menſchen koͤmmt; und Prometheus duldet an den Felſen geſchmiedet.

Nachdem aus der Buͤchſe der Pandora ſich das Ungluͤck uͤber die Menſchen verbreitet hatte, ſchickte Jupiter eine Suͤndfluth, welche das Men - ſchengeſchlecht vollends vertilgte, ſo daß niemand uͤbrig blieb, als ein einziges Paar, Deukalion, ein Sohn des Prometheus, und Pyrrha, eine Tochter des Epimetheus, deren ſchwimmender Na -40 chen, ſich auf dem Berge Parnaſſus niederließ, wo ein Orakel der Themis war, das ſie wegen der Zukunft um Rath befragten.

Und das Orakel that den Ausſpruch, ſie ſoll - ten, um die einſame Erde wieder zu bevoͤlkern, mit verhuͤlltem Antlitz, die Gebeine ihrer Mut - ter hinter ſich werfen. Sie deuteten dieſen ge - heimnißvollen Ausſpruch auf die Steine, welche ſie als die harten und feſten Theile ihrer Mutter Erde hinter ſich warfen, und gleichſam von der wunderbaren neuen Bildung ehrfurchtsvoll ihre Blicke wegwandten.

Und als ſie ſich umſahen, war aus den har - ten Kieſelſteinen ein neues Geſchlecht der Men - ſchen entſproſſen, deren harte Herzen keine Ge - fahr und keine Drohung ſcheuen; die kuͤhn das Meer beſchiffen; den wilden Stuͤrmen trotz bie - ten, und in der blutigen Feldſchlacht dem Tod ins Angeſicht ſehen.

Es iſt merkwuͤrdig, daß in dieſen alten Dich - tungen der Urſprung der Menſchen immer ſchon ihre Anlage zum Unbiegſamen, Harten und Kriegeriſchen in ſich faßt. So mußte Kadmus in dem einſamen Boͤotien, auf den Befehl der Goͤtter, die Zaͤhne des von ihm erlegten Drachen in die Erde ſaͤen, um ſeine gefallenen Krieger zu erſetzen.

Und aus dieſer Saat des Kadmus keimten geharniſchte Maͤnner auf, die ihre Schwerdter41 gegen einander kehrten, und eher vom Streit nicht ruhten, bis nur noch fuͤnfe von ihnen uͤbrig waren, die dem Kadmus beiſtanden.

In dieſe Bilder huͤllte die Phantaſie der Al - ten die Entſtehung der Menſchen ein, die im ewi - gen Zwiſte mit ſich ſelber von außen oder von in - nen, die Spitze ihrer inwohnenden Kraft gegen ſich ſelber kehren, und gleichſam mit angeſtammter Grauſamkeit, in ihr eigenes Eingeweide wuͤthen.

Die Qualen des Prometheus dauerten daher ſo lange, bis ein Sterblicher durch Tapferkeit und unuͤberwindlichen Muth ſich den Weg zur Unſterb - lichkeit und zum Sitz der Goͤtter bahnte, und das Menſchengeſchlecht mit dem Jupiter gleichſam wie - der ausſoͤhnte. Es iſt Herkules, Jupiters und Alkmenens Sohn, der endlich mit ſeinen Pfeilen den Geier toͤdtet, und mit Jupiters Einwilligung den Prometheus von ſeiner langen Qual befreiet.

Allein die goldenen Jahre der Sterblichen verſetzte die Phantaſie in jene Zeiten hin, wo noch kein Jupiter mit dem Donner herrſchte, un - ter die Regierung des Saturnus, wohin man ſich alles laͤngſt Vergangene, die graue Vorzeit dach - te, die zwar gleich dem Saturnus, der ſeine Kin - der verſchlang, die voruͤberrollenden Jahre in Ver - geſſenheit begrub, aber auch keine Spur von blu - tigen Kriegen, zerſtoͤrten Staͤdten, und unter -42 jochten Voͤlkern zuruͤckließ, welches den Hauptſtoff der Geſchichte ausmacht, ſeitdem die Menſchen anfingen, ihre Begebenheiten aufzuzeichnen.

Wie die Goͤtter lebten die Menſchen damals, als noch Freiheit und Gleichheit herrſchte, in Si - cherheit, ohne Muͤhe und Sorgen; und von den Beſchwerlichkeiten des Alters unbedruͤckt. Die Erde trug ihnen Fruͤchte, ohne muͤhſam bebaut zu werden; unwiſſend was Krankheit war, ſtarben ſie, wie von ſanftem Schlummer uͤbermannt; und wenn der Schooß der Erde ihren Staub auf - nahm, ſo wurden die Seelen der Abgeſchiedenen, in leichte Luft gehuͤllt, die Schutzgeiſter der Ueber - lebenden.

So ſchildern die Dichter jene goldnen Zeiten, worauf die Phantaſie, von den geraͤuſchvollen Scenen der geſchaͤftigen Welt ermuͤdet, ſo gern verweilt. Nachher aber wurden die Sterbli - chen die Muͤhebeladenſten unter allen Geſchoͤpfen, und die Dichter ſchildern die Arbeit und Beſchwer - den des kummervollen Lebens der Menſchen immer im Gegenſatz gegen den ſorgenfreien Zuſtand der ſeeligen Goͤtter.

Um die Fluͤchtigkeit und Vergaͤnglichkeit des Lebens zu bezeichnen, wurde zum dankbaren An - denken des Prometheus in Athen ein ſchoͤnes Feſt gefeiert; ihm war nemlich in einiger Entfernung43 von der Stadt ein Altar errichtet, von welchem man bis zur Stadt einen Wettlauf mit Fackeln hielt. Wer mit brennender Fackel das Ziel er - reichte, trug den Preis davon. Der erſte, deſſen Fackel unterwegens ausloͤſchte, trat ſeine Stelle dem Zweiten, dieſer die ſeinige dem Dritten ab, und ſo fort; wenn alle Fackeln verloͤſchten, ſo trug keiner den Sieg davon.

Die Alten liebten in ihren Dichtungen vor - zuͤglich den tragiſchen Stoff, wozu das Verhaͤltniß der Menſchen gegen die Goͤtter, ſo wie ſie es ſich dachten, nicht wenig beitrug. Auf die armen Sterblichen wird wenig Ruͤckſicht genommen; ſie ſind den Goͤttern oft ein Spiel: ihnen bleibt nichts uͤbrig, als ſich der eiſernen Nothwendigkeit, und dem unwandelbaren Schickſal zu fuͤgen, deſſen Oberherrſchaft ſich uͤber Goͤtter und Menſchen erſtreckt.

44

Die Nacht und das Fatum, das uͤber Goͤtter und Menſchen herrſcht.

Als Jupiter einſt auf den Gott des Schlafs er - zuͤrnt war, ſo huͤllte dieſen die Nacht in ihren Mantel, und Jupiter hielt ſeinen Zorn zuruͤck, denn er fuͤrchtete ſich, die ſchnelle Nacht zu betruͤben.

Es giebt alſo etwas, wovor die Goͤtter ſelber Scheu tragen. Es iſt das naͤchtliche geheimniß - volle Dunkel, worin ſich noch etwas uͤber Goͤtter und Menſchen Obwaltendes verhuͤllt, das die Be - griffe der Sterblichen uͤberſteigt.

Die Nacht verbirgt, verhuͤllt; darum iſt ſie die Mutter alles Schoͤnen, ſo wie alles Furcht - baren.

Aus ihrem Schooße wird des Tages Glanz gebohren, worin alle Bildungen ſich entfalten.

Und ſie iſt auch die Mutter:

Des in Dunkel gehuͤllten Schickſals;

Der unerbittlichen Parzen Lacheſis, Klotho und Atropos;

45

Der raͤchenden Nemeſis, die verborgene Vergehungen ſtraft;

Der Bruͤder Schlaf und Tod, wovon der eine die Menſchen ſanft und milde beſucht, der andre aber ein eiſernes Herz im Buſen traͤgt.

Sie iſt ferner die Mutter der ganzen Schaar der Traͤume;

Der fabelhaften Hesperiden, welche an den entfernteſten Ufern des Oceans die goldne Frucht bewahren;

  • Des Betruges, der ſich in Dunkel huͤllt;
  • Der haͤmiſchen Tadelſucht;
  • Des nagenden Kummers;
  • Der Muͤhe, welche das Ende wuͤnſcht;
  • Des Hungers;
  • Des verderblichen Krieges;
  • Der Zweideutigkeiten im Reden, und
  • Des Meineides.

Alle dieſe Geburten der Nacht ſind dasjenige, was ſich entweder dem Blick der Sterblichen ent - zieht, oder was die Phantaſie ſelbſt gern in naͤcht - liches Dunkel huͤllt.

Eine hier beigefuͤgte Abbildung der Nacht, wie ſie den Tod und den Schlaf in ihren Mantel huͤllt,46 und aus einer Felſengrotte zu ihren Fuͤßen, die phantaſtiſchen Geſtalten der Traͤume hervorbli - cken, iſt von dem neuern Kuͤnſtler, der die Um - riſſe zu dieſem Werk gezeichnet, nach einer Be - ſchreibung des Pauſanias entworfen.

Pauſanias erzaͤhlt nemlich, daß er auf dem Kaſten des Cypſelus auf der einen Seite deſſelben, die Nacht in weiblicher Geſtalt abgebildet geſehen, wie ſie zwei Knaben mit verſchraͤnkten, oder uͤber einander geſchlagenen Fuͤßen in ihren beiden Armen hielt, wovon der eine weiß, der andre ſchwarz war; der eine ſchlief, der andere zu ſchlafen ſchien.

In der hier beigefuͤgten Abbildung iſt der Tod durch eine umgekehrte Fackel und der Schlaf durch einen Mohnſtengel bezeichnet. Die Nacht ſelbſt iſt, als die fruchtbare Gebaͤhrerin aller Din - ge in jugendlicher Kraft und Schoͤnheit dargeſtellt.

So iſt ſie auch auf einer antiken Gemme, de - ren Umriß ebenfalls hier beigefuͤgt iſt, abgebildet, wie ſie unter dem umſchattenden Wipfel eines Baumes, dem Morpheus und ſeinen Bruͤdern Mohn austheilet. Der bildende Traumgott Mor - pheus, ein Sohn des Schlafs, ſteht in ſchoͤner jugendlicher Geſtalt vor ihr, und empfaͤngt den Mohn aus ihren Haͤnden, indeß die Bruͤder des Morpheus, ebenfals Goͤtter der Traͤume und Kin - der des Schlafes, hinter ihr gebuͤckt gehen, um

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47 die uͤbrigen von ihr ausgeſtreueten Mohnſtengel aufzuleſen.

Man ſieht, wie die Alten das Dunkle und Furchtbare in reitzende Bilder einkleideten; und wie ſie demohngeachtet fuͤr das hoͤchſte Tragiſche empfaͤnglich waren, indem ſie ſich unter dem von der Nacht gebohrnen unvermeidlichen Schickſal oder dem Fatum das Hoͤhere Obwaltende dach - ten, deſſen altes Reich, und deſſen dunkle Plaͤne weit außer dem menſchlichen Geſichtskreiſe liegen;

Deſſen Spuren man in dem vielfaͤltigen Jam - mer laß, der die Menſchheit druͤckt; indem man das Unbekannte ahndete, unter deſſen Macht die untergeordneten Kraͤfte ſich beugen muͤſſen und ein wunderbares Gefallen ſelbſt an der Da - ſtellung ſchrecklicher Ereigniſſe, und verwuͤſten〈…〉〈…〉 Zerſtoͤrung fand, indem die Einbildungskraft n〈…〉〈…〉 Vergnuͤgen ſich in das Gebiet der Nacht und〈…〉〈…〉 oͤden Schattenwelt verirrte.

Demohngeachtet ſtellt ſich uns in den ſchoͤn[en]Dichtungen der Alten kein einziges ganz haſſen[s]und verabſcheuungswuͤrdiges Weſen dar. Die unerbittlichen Parzen, welche die Nacht gebohren hat, und ſelbſt die raͤcheriſchen Furien, ſind im - mer noch ein Gegenſtand der Verehrung der Sterblichen.

Selbſt die Sorgen und der druͤckende Kum - mer gehoͤren in der Vorſtellungsart der Alten mit48 zu dem Gebiet des dunkeln Obwaltenden, daß die ſtolzen Wuͤnſche der Sterblichen hemmt, und dem Endlichen ſeine Grenzen vorſchreibt.

Alle dieſe furchtbaren Dinge treten mit in der Reihe der Goͤttergeſtalten auf, und werden nicht als ausgeſchloſſen gedacht, weil ſie ſich in dem nothwendigen Zuſammenhange der Dinge mit befinden.

Dieſer nothwendige Zuſammenhang der Din - ge oder die Nothwendigkeit ſelber, welche die Griechen Eimarmene nannten, war eben jene in furchtbares Dunkel gehuͤllte Gottheit, welche mit unſichtbarem Scepter alle uͤbrigen beherrſchte und deren Dienerinnen die unerbittlichen Parzen[w]aren.

Klotho haͤlt den Rocken, Lacheſis ſpinnt[d]en Lebensfaden, und Atropos mit der furchtba - en Scheere ſchneidet ihn ab.

Die Parzen bezeichnen die furchtbare, ſchreck -〈…〉〈…〉 che Macht, der ſelbſt die Goͤtter unterworfen ſind, und ſind doch weiblich und ſchoͤn gebildet, ſpinnend, und in den Geſang der Sirenen ſtim - mend.

Alles iſt leicht und zart bei der unbegrenz - ten hoͤchſten Macht. Nichts Beſchwerliches, Un - behuͤlfliches findet hier mehr ſtatt; aller Wider - ſtand des Maͤchtigern erreicht auf dieſem Gipfel ſeine Endſchaft.

49

Es bedarf nur der leichteſten Beruͤhrung mit den Fingerſpitzen, um den Umwaͤlzungen der Din - ge ihre Bahnen, dem Maͤchtigen ſeine Schran - ken vorzuſchreiben. Es iſt die leichteſte Arbeit von weiblichen Haͤnden, wodurch der geheim - nißvolle Umlauf der Dinge gelenkt wird.

Das ſchoͤne Bild von dem zart geſponnenen, mit der leichteſten Muͤhe zerſchnittenen Lebensfa - den iſt durch kein andres zu erſetzen. Der Fa - den reißt nicht, ſondern wird abſichtlich von der Hand der Parze mit dem trennenden Eiſen durch - ſchnitten. Die Urſache des Aufhoͤrens liegt in der Willkuͤr der hoͤhern Maͤchte, bei denen das ſchon feſt beſchloſſen iſt, was Goͤtter und Men - ſchen noch zu bewirken oder zu verhindern ſich be - muͤhen.

Vergeblich wuͤnſcht Jupiter, dem Fatum zuwi - der, ſeinem Sohne Sarpedon im Treffen vor Troja, das Leben zu erhalten. Weh mir, ruft er aus, daß mein Sarpedon jetzt, nach dem Schluß des Schickſals, durch die Hand des Patroklus fallen muß! und ob er nun gleich dem Fatum zuwider ihn gerne retten moͤchte; ſo muß es ſich doch ſo fuͤgen, daß er auf den Rath der Juno, ihn erſt durch die Hand des Patroklus fal - len laͤßt, und ihn dann dem Tode und dem ſuͤßen Schlummer uͤbergiebt, die ihn in ſeine HeimathD50bringen, wo ſeine Freunde und Bruͤder ihn beweinen.

Dem Ulyſſes iſt vom Schickſal beſtimmt, nach der Zerſtoͤrung von Troja zehn Jahre umher zu irren, und ohne ſeine Gefaͤhrten, nach vielen Kum - mer, in ſeine Heimath wieder zuruͤckzukehren. Und gerade da, wo alles am angenehmſten und einladendſten ſcheinet, lauert immer die meiſte Ge - fahr; wie in dem ruhigen Hafen der Laͤſtrigonen; bei dem Geſange der Sirenen, und beim Zauber - trank der Circe.

Ulyſſes mag das Ziel ſeiner Wuͤnſche noch ſo nahe vor ſich ſehen, ſo wird er doch immer wieder weit davon verſchlagen; ſeine Thraͤnen und ſeine heißeſten Wuͤnſche ſind vergebens, bis endlich, da es das Schickſal will, die Phaͤazier, auf ihrem Schiffe, ihn ſchlafend in ſeine Heimath bringen.

An die Vorſtellung von den Parzen ſchloß ſich in der Phantaſie der Alten das Bild von den raͤ - cheriſchen Furien an, und dieſe beiden Dichtungen gehen zuweilen unmerklich ineinander uͤber.

Auch die quaͤlenden Furien ſind furchtbare, ſchreckliche und dennoch verehrte geheimnißvolle Weſen; aus den Blutstropfen, welche bei der erſten Gewaltthaͤtigkeit, bei der Entmannung des Uranos die Erde auffing, erzeugt; mit Schlan - genhaaren, und Dolchen in den Haͤnden; uner -

[figure]

51 bittliche Goͤttinnen, den Frevel und das Unrecht zu ſtrafen.

In aͤhnlicher Geſtalt, wie die erſte Figur, nach einem antiken geſchnittenen Steine aus der Stoſchiſchen Sammlung, auf der hier beigefuͤg - ten Kupfertafel, mit dem Dolch und fliegendem Haar, ſcheint man ſich zuweilen dasjenige gedacht zu haben, was man das feindſeelige Schickſal, oder das ſchwarze Verhaͤngniß nannte, und womit man den erhabenen Begriff der Nothwen - digkeit noch nicht verknuͤpfte, in welchem ſich al - les in Harmonie aufloͤßt, und das Schreckenvolle verſchwindet.

Lacheſis, diejenige von den Parzen, welche den Faden ſpinnt, und irgendwo die ſchoͤne Toch - ter der Nothwendigkeit genannt wird, iſt hier, ebenfalls nach einem geſchnittenen Steine aus der Stoſchiſchen Sammlung, in jugendlicher Schoͤn - heit abgebildet, ſitzend und ſpinnend, einen Ro - cken vor, den andern hinter ſich, und zu ihren Fuͤßen eine komiſche und eine tragiſche Maske.

Da man ſelten Abbildungen von den Parzen findet, ſo hat dieß Denkmal aus dem Alterthum einen deſto groͤßern Werth; und das Bedeutende in dieſer Darſtellung macht daſſelbe doppelt anzie - hend. Die tragiſche und komiſche Maske zu den Fuͤßen der Parze iſt eine der gluͤcklichſten Anſpie -D 252lungen auf das Leben, wenn man einen Blick auf daſſelbe mit allen ſeinen ernſten und komiſchen Scenen wirft, wozu der zarte jung - fraͤuliche Finger der hohen Schickſalsgoͤttin den Faden drehet, indem die einen ihr nicht wichti - ger als die andern ſind.

Auf eine aͤhnliche Weiſe, in ruhiger Stellung, ſich auf eine Saͤule ſtuͤtzend, in der Linken den Rocken ſorglos haltend, und gleichſam mit dem Schickſalsfaden ſpielend, iſt die Parze noch einmal auf einem andern geſchnittenen Steine in der Stoſchiſchen Sammlung abgebildet, wovon der Umriß ebenfalls hier beigefuͤgt iſt.

Dieſe ruhige Stellung der hohen Schickſals - goͤttin, womit ſie auf die weitausſehenden Plane gleichſam laͤchelnd herabſieht, iſt eine vorzuͤglich ſchoͤne Idee des alten Kuͤnſtlers, von dem ſich dieſe Bildung herſchreibt. Waͤhrend daß Goͤtter ihre ganze Macht, und Sterbliche alle ihre Kraͤfte aufbieten, um ihre Endzwecke und Abſichten durch - zuſetzen, haͤlt die hohe Goͤttin, ſpielend den Faden in der Hand, an welchem ſie die Umwaͤlzungen der Dinge, und die ſtolzeſten Entwuͤrfe der Koͤni - ge lenkt.

53

Die alten Goͤtter.

Die Scheidung zwiſchen den alten und neuen Goͤttern giebt den mythologiſchen Dichtungen ei - nen vorzuͤglichen Reitz. Die alten Gottheiten ſind, wie wir ſchon bemerkt haben, gleichſam in Nebel zuruͤck getreten, woraus ſie nur noch ſchwach hervorſchimmern, indeß die neuen Goͤtter in dem Gebiete der Phantaſie ihren Platz behaupten, und durch die bildende Kunſt beſtimmte Formen erhal - ten, in welche ſich die verkoͤrperte Macht und Ho - heit kleidet, und ein Gegenſtand der Verehrung der Sterblichen in Tempeln und heiligen Hainen wird.

Durch die alten Gottheiten aber ſind die neuen gleichſam vorgebildet. Das Erhabene und Goͤttliche, was immer ſchon da war, laͤtzt die Phantaſie in erneuerter und jugendlicher Geſtalt, von unſterblichen oder von ſterblichen Muͤttern, wieder gebohren werden, und giebt ihm Geſchlechtsfolge, Nahmen und Geburtsort, um es naͤher mit den Begriffen der Sterblichen zu vereinen, und mit ihren Schickſalen zu ver - weben.

54

Weil demohngeachtet aber die Phantaſie ſich an keine beſtimmte Folge ihrer Erſcheinungen bin - det, ſo iſt oft eine und dieſelbe Gottheit, unter verſchiedenen Geſtalten, mehrmal da. Denn die Begriffe vom Goͤttlichen und Erhabenen waren immer; allein ſie huͤllten ſich von Zeit zu Zeit in menſchliche Geſchichten ein, die ſich, ihrer Aehn - lichkeit wegen, ineinander verlohren, und laby - rintiſch verflochten haben; ſo daß in dem Zauber - ſpiegel der dunkeln Vorzeit, faſt alle Goͤtterge - ſtalten, gleichſam im vergroͤßernden Wider - ſcheine, ſich noch einmal darſtellen; welches die Dichter wohl genutzt haben, deren Einbildungs - kraft, durch den Reitz des Fabelhaften in dieſer dunkeln Verwebung mehrerer Geſchichten, einen deſto freiern Spielraum fand.

Amor.

Iſt der aͤlteſte unter den Goͤttern. Er war vor allen Erzeugungen da, und regte zuerſt das unfruchtbare Chaos an, daß es die Finſter - niß gebahr, woraus der Aether und der Tag her - vorging.

Der komiſche Dichter Ariſtophanes fuͤhrt dieſe alte Dichtung ſcherzend an, indem er die Voͤgel redend einfuͤhrt, wie ſie alle den geheimnißvollen urſpruͤnglichen Weſen Fluͤgel beilegen, um ſie55 dadurch ſich aͤhnlich zu bilden, und ihren eigenen erhabenen Urſprung in ihnen wieder zu finden.

Sie laſſen daher den Amor ſelbſt ehe er das Chaos befruchtet, aus einem Ei hervorgehen. Die ſchwarzgefluͤgelte Nacht, heißt es, brachte das erſte Ei in dem weiten Schooße des Erebus hervor, aus dem nach einiger Zeit der reitzende Amor, mit goldenen Fluͤgeln verſehen, hervor - kam, und indem er ſich mit dem gefluͤgelten Chaos vermaͤhlte, zuerſt das Geſchlecht der Voͤgel erzeugte.

Man ſieht alſo, daß dieſe Dichtungen, von den komiſchen Dichtern eben ſowohl ſcherzhaft, als von den tragiſchen Dichtern tragiſch genommen wurden; weil man ſie einmal als eine Sprache der Phantaſie betrachtete, worin ſich Gedanken jeder Art huͤllen ließen, und ſelbſt die gewoͤhnlich - ſten Dinge einen neuen Glanz und eine bluͤhende Farbe erhielten.

Die Dichtung vom Amor bleibt auch ſelber noch in der ſcherzhaften Einkleidung des komiſchen Dichters ſchoͤn. Dieſer aͤlteſte Amor iſt vorzuͤg - lich der erhabene Begriff von der alles erregenden und befruchtenden Liebe ſelber. Unter den neuen Goͤttern wird Amor von der Venus ge - bohren, und Mars iſt ſein Erzeuger. Es iſt der gefluͤgelte Knabe mit Pfeil und Bogen. Die Wirkung von ſeinem Geſchoß ſind die ſchmer -56 zenden Wunden der Liebe und ſeine Macht iſt Goͤttern und Menſchen furchtbar.

Die himmliſche Venus.

Sie iſt das erſte Schoͤne, was ſich aus Streit und Empoͤrung der urſpruͤnglichen Weſen gegen einander entwickelt und gebildet hat. Saturnus entmannet den Uranos. Die dem Uranos entnom - mene Zeugungskraft befruchtet das Meer; und aus dem Schaume der Meereswellen ſteigt Aphrodite, die Goͤttin der Liebe, empor. In ihr bildet ſich die himmliſche Zeugungskraft zu dem vollkommenen Schoͤnen, das alle Weſen beherrſcht, und welchem von Goͤttern und Menſchen gehuldigt wird.

Unter den neuen Goͤttern iſt Venus eine Tochter des Jupiter, die er mit der Dione einer Tochter des Aether erzeugte. Sie traͤgt unter den Goͤttinnen den Preis der Schoͤnheit davon. Sie iſt mit dem Vulkan vermaͤhlt, und pflegt mit dem Mars, dem rauhen Kriegsgott, verſtohlner Liebe.

Die Vorſtellungen von den Goͤttern ſind er - habener, je dunkler und unbeſtimmter ſie ſind, und je weiter ſie in das Alterthum zuruͤcktreten; ſie werden aber immer reitzender und mannichfal - tiger je naͤher das Goͤttliche mit dem Menſchlichen ſich verknuͤpft; und jene erhabenen Vorſtellungen57 ſchimmern dennoch immer durch, weil die Phan - taſie die Zartheit nnd Bildſamkeit des Neuen mit der Hoheit des Alten wieder uͤberkleidet.

Aurora.

Hyperion, ein Sohn des Himmels und der Erde, erzeugte mit der Thia, einer Tochter des Himmels, die Aurora, den Helios, und die Selene. Anſtatt des Helios und der Selene tre - ten unter den neuen Goͤttern Apoll und Diana auf. Aurora aber ſchimmert, ſelbſt unter den neu - en Gottheiten, in urſpruͤnglicher Schoͤnheit und Jugend hervor.

Sie vermaͤhlt ſich mit dem Aſtraͤus aus dem Titanengeſchlechte, einem Sohne des Krius, und gebiehrt die ſtarken Winde, und den Mor - genſtern. Man ſiehet, daß ſie zu den alten Goͤttergeſtalten gehoͤrt, die eigentlich als erhabene Naturerſcheinungen betrachtet wurden, und welche die Einbildungskraft nur gleichſam mit we - nigen großen Umriſſen, als zu Perſonen gebil - dete Weſen darſtellte. Sie erſcheint in der Fruͤhe, aus der dunkeln Luft, mit Roſenfingern den Schleier der Nacht aufhebend, und leuchtet den Sterblichen eine Weile, und verſchwindet wieder vor dem Glanz des Tages.

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Helios.

Der Lenker des Sonnenwagens iſt ebenfalls eine von den Goͤttergeſtalten, die nur durch we - nige große Umriſſe, als zu Perſonen gebildete Weſen dargeſtellt ſind. Denn es iſt immer die leuchtende Sonne ſelbſt, welche in den Bildern vom Helios durchſchimmert.

Das Haupt des Helios iſt mit Strahlen um - geben. Er leuchtet den ſterblichen Menſchen und den unſterblichen Goͤttern. Er ſiehet und hoͤret alles, und entdeckt das Verborgene. Ihm waren auf der Inſel Sicilien die feiſten Rinder heilig, die ohne Hirten weideten, und an denen er ſich ergoͤtz - te, ſo oft er am Himmel aufging und unterging.

Als die Gefaͤhrten des Ulyſſes einige dieſer Rinder geſchlachtet hatten ſo drohte der Sonnen - gott, daß er in den Orkus hinabſteigen, und unter den Todten leuchten wolle, wenn Jupi - ter den Frevel nicht raͤchte. Und Jupiter zer - ſchmetterte bald das Schiff des Ulyſſes, deſſen Ge - faͤhrten alle ein Raub der Wellen wurden.

Zuweilen fuͤhrt der Sonnengott auch von den Titanen, aus deren Geſchlechte er war, den Nah - men Titan; und von ſeinem Erzeuger, mit dem er in den alten Dichtungen zuweilen verwechſelt wird; den Nahmen Hyperion, der das Hohe und Erhabene bezeichnet.

59

Unter den neuen Goͤttern heißt der Lenker des Sonnenwagens Apollo, und iſt ein Sohn Jupiters, der ihn und die Diana mit der Latona erzeugte, die aus dem Titanengeſchlechte eine Toch - ter des Coͤus und der Phoͤbe war.

Dieſer Apollo iſt eine bis auf die feinſten Zuͤge ausgebildete Goͤttergeſtalt, von der Phantaſie mit dem Reitze ewiger Jugend und Schoͤnheit ge - ſchmuͤckt; der fernhintreffende Gott, den ſilbernen Bogen ſpannend, und der Vater der Dichter, die goldne Zitter ſchlagend.

Da nun Apollo nicht zu gleicher Zeit auf Er - den der Gott der Dichtkunſt und der Tonkunſt ſeyn, die Goͤtter im Olymp mit Saitenſpiel und Geſang ergoͤtzen, und auch den Sonnenwagen len - ken kann; ſo ſcheint es, als habe die Phantaſie der Dichter, den Apollo und Helios ſich zu einem Weſen gebildet, daß ſich gleichſam in ſich ſelbſt verjuͤngt, indem es im Himmel als leuchtende Sonne von Alters her auf und untergeht, und auf Erden in jugendlicher Schoͤnheit, neu ge - bohren, wandelnd, mit goldenen Locken, ein unſterblicher Juͤngling, die Herzen der Goͤtter und Menſchen mit Saitenſpiel und Geſang erfreuet.

Selene.

Das Geſchaͤft der Selene oder der Luna, eben - falls einer Tochter des Hyperion, iſt, mit ihrem60 ſanften Scheine die Nacht zu erleuchten. Un - ter den neuen Gottheiten heißt diejenige, welche den Wagen des Mondes lenkt, Diana, und iſt eine Tochter des Jupiter, die er, ſo wie den Apollo, mit der Latona erzeugte.

Diana iſt gleich dem Apoll mit Koͤcher und Bogen abgebildet; denn ſie iſt zugleich die Goͤttin der Jagd. In ihr hat ſich die Tochter Hype - rions verjuͤngt, mit der ſie, ſo wie Apollo mit dem Helios, gleichſam ein Weſen ausmacht; in - dem ſie am Himmel von Alters her, als Luna, allnaͤchtlich den Wagen des Mondes lenkt, und auf Erden in jugendlicher Schoͤnheit neu geboh - ren, von ihren Nymphen begleitet, mit Koͤcher und Bogen einhergeht, und in den Waͤldern ſich mit der Jagd ergoͤtzt.

So wie Selene und Helios, von dem Titanen Hyperion, ſind Apollo und Diana, vom Jupiter erzeugt, der die Titanen verdraͤngt hat, und von dem ſich nun die Reihe der neuen Goͤttererzeugun - gen herſchreibt, weswegen er der Vater der Goͤtter heißt.

Hekate.

Der Titane Coͤus erzeugte mit der Phoͤbe, einer Tochter des Himmels, außer der Latona auch die Aſteria. Dieſe vermaͤhlte ſich mit dem Per -61 ſes einem Sohne des Titanen Krius, und ge - bahr ihm die Hakate, welche, obgleich aus dem Geſchlecht der Titanen entſproſſen, vom Jupiter vorzuͤglich geehrt wurde.

Denn ſie gehoͤrt zu den naͤchtlichen geheim - nißvollen Weſen, deren Macht ſich weit erſtreckt. Sie iſt zugleich eine Art von Schickſalsgoͤttin, in deren Haͤnden das Loos des Menſchen ſteht; ſie theilt nach Gefallen Sieg und Ruhm aus; ſie herrſcht uͤber Erde, Meer, und Luͤfte; den neu - gebohrnen Kindern giebt ſie Wachsthum und Ge - deihen; und alle verborgenen Zauberkraͤfte ſtehen ihr zu Gebote.

Auch dieſe alte geheimnißvolle Gottheit laͤßt die Phantaſie in der Geſtalt der naͤchtlichleuch - tenden Diana ſich verjuͤngen, und mit dieſer gleichſam neu wieder gebohren werden. Die neue Gottheit, worauf Gedanke und Einbildung einmal haftet, zieht das Aehnliche und Verwand - te in ſich hinuͤber, und uͤberformt es in ſich.

Oceanus.

Ein Sohn des Himmels und der Erde, ver - maͤhlte ſich mit der Tethys, einer Tochter des Him - mels, und erzeugte die Fluͤſſe und Quellen. Er nahm an dem Goͤtterkriege keinen Antheil; dem - ohngeachtet aber iſt er unter die alten Gottheiten62 zuruͤckgewichen, die durch die Verehrung der neuen Goͤtter gleichſam in Schatten geſtellt ſind.

Denn als Jupiter die Titanen beſiegt hatte, ſo theilte er ſich mit ſeinen Bruͤdern, dem Neptun und Pluto, in die Oberherrſchaft, ſo daß Jupiter den Himmel, Neptun das Meer, und Pluto die Unterwelt beherrſchte.

Neptun iſt alſo der Koͤnig uͤber die Gewaͤſſer, und des Oceanus wird ſelten mehr gedacht; ob - gleich die aͤußerſten Grenzen der Erde, da wo nach der alten Vorſtellungsart, die Sonne ins Meer ſank, das eigentliche Gebiet des alten Oceanus ſind, das aber gleichſam zu entfernt liegt, als daß die Phantaſie darauf haͤtte haften koͤnnen.

Neptun hingegen bezeichnet die Meeresflu - then, in ſo fern ſie mit Schiffen befahren werden, und er entweder Stuͤrme erregt, oder mit ſeinem maͤchtigen Dreizack die Meereswogen baͤndigt. Darum wurden ihm allenthalben Tempel erbaut, Altaͤre geweiht, und Opfer dargebracht.

Als Juno einſt, bei dem Kriege vor Troja, um den Jupiter zu uͤberliſten, ſich den Liebeeinfloͤßen - den Guͤrtel der Venus erbat, ſo that ſie es unter dem Vorwande, ſie wolle ſich dieſes Guͤrtels be - dienen, um an den Grenzen der Erde, bei dem Oceanus und der Tethys, von denen ſie zu der Zeit des Saturnus liebevoll gepflegt und erzogen ſey, einen alten Zwiſt, wodurch dies Goͤtterpaar ſchon lange entzweiet waͤre, beizulegen.

63

Dieſe beiden alten Gottheiten werden alſo wie ganz entfernt von der Regierung und den Geſchaͤf - ten der neuen Goͤtter dargeſtellt; und ihrer nur ge - dacht, indem ihre alten Zwiſte der Juno zum Vorwande dienen, den Guͤrtel der Venus zu er - halten, womit ſie den Jupiter uͤberliſten will.

Die Oceaniden.

Die Soͤhne und Toͤchter des Oceanus ſind die Fluͤſſe und Quellen. Die Toͤchter des Oceans werden von dem erſten tragiſchen Dichter der Griechen aufgefuͤhrt, wie ſie den Prometheus, der an den Felſen geſchmiedet iſt, beklagen, und uͤber die Tyrannei des neuen Herrſchers der Goͤt - ter mit ihm ſeufzen.

Metis.

Eine Tochter des Oceans vermaͤhlte ſich mit dem Jupiter; allein ſie ward ihm furchtbar, weil ſie einen Sohn gebaͤhren ſollte, der uͤber alle Goͤt - ter herrſchen wuͤrde. Jupiter zog ſie in ſich hin - uͤber und gebahr ſelbſt von ihr die Minerva aus ſeinem Haupte.

Eurynome.

Eine Tochter des Oceans vermaͤhlte ſich eben - falls mit dem Jupiter, und gebahr ihm die Gra -64 zien Aglaja, Thalia, und Euphroſine, de - ren Augen Liebe einfloͤßen, und die freundlich un - ter den Augenbraunen hervorblicken.

Styx.

Die geehrteſte unter den Toͤchtern des Oce - ans, die mit dem Pallas aus dem Titanenge - ſchlechte, einem Sohne des Krius ſich vermaͤhlte, und ihm die maͤchtigen Soͤhne, Kampf und Sieg, Gewalt und Staͤrke gebahr.

Auf den Rath ihres Erzeugers ging die Styx mit ihren Soͤhnen, in dem Goͤtterkriege, zu dem Jupiter uͤber; und ſeit der Zeit haben ihre Soͤhne beſtaͤndig beim Jupiter ihren Sitz.

Gewalt und Staͤrke mußten auf den Be - fehl des Jupiter den Prometheus zu dem Felſen fuͤhren, woran er geſchmiedet wurde. Jupiter ſiegte mit Liſt uͤber die Titanen, indem er die ſtaͤrkſten von ihnen zu ſeiner Parthei zu ziehen wußte.

Die drei Soͤhne des Titanen Krius, Pallas mit der Styx, Perſes mit der Aſteria der Mut - ter der Hekate, und Aſtraͤus mit der Aurora vermaͤhlt, treten in Dunkel zuruͤck, und die folgenden Dichtungen ſcheinen vorauszuſetzen, daß ſie in dem Goͤtterkriege, gegen den Jupiter65 geſtritten, und mit ihrem Erzeuger und den uͤbri - gen Titanen in den Tartarus geſchleudert ſind.

Bei dieſen Titanen im Tartarus und bei der furchtbaren Styx, dem unterirdiſchen Quell, deſſen Waſſer im naͤchtlichen Dunkel vom hoch ſich woͤl - benden Felſen traͤufelt, und den Fluß bildet, uͤber welchen keine Ruͤckkehr ſtatt findet, ſchwoͤren die Goͤtter den ſchrecklichen unverletzlichen Schwur, von deſſen Banden keine Macht im Himmel und auf Erden befreien kann.

Die hohen Goͤtter koͤnnen nur bei dem Tiefen ſchwoͤren, wo Nacht und Finſterniß herrſcht, wo aber auch zugleich die Grundfeſte der Dinge iſt, auf der die Erhaltung des Daſeyns aller Weſen beruht.

Denn da, wo ſich die ſchwarze Styx ergießt, iſt der finſtre Tartarus mit eherner Mauer um - ſchloſſen, und von dreifacher Nacht umgeben. Hier iſt es, wo die Titanen im dunkeln Kerker ſitzen. Hier ſind aber auch zugleich nach der alten Dichtung die Grundſaͤulen der Erde, des Meeres und des geſtirnten Himmels.

Hier an den entfernten Ufern des Oceans iſt auch die unaufhoͤrlich mit ſchwarzen Wolken bedeckte Wohnung der Nacht; und Atlas der Sohn des Japet ſteht davor, mit unermuͤdetem Haupt und Haͤnden die Laſt des Himmels tragend. Da, wo Tag und Nacht einander ſich ſtets begegnen, und niemals beiſammen wohnen.

E66

Hier war es auch, wo Kottus, Gyges, und Briareus in den Tiefen des Oceans ihre Behau - ſung hatten, und den Eingang zu dem Kerker der Titanen bewachten.

Mnemoſyne.

Auch dieſe ſchoͤne Bildung der Phantaſie ge - hoͤrt zu den alten Gottheiten; denn ſie iſt eine Tochter des Himmels und der Erde. Ihr ſchoͤ - ner Nahme bezeichnet das Denkende, ſich Zuruͤck - erinnernde, welches in ihr aus der Vermaͤhlung des Himmels mit der Erde entſtand. Sie blieb jungfraͤulich unter den Titanen, bis Jupiter ſich mit ihr vermaͤhlte, und die Muſen mit ihr er - zeugte, die den Schatz des Wiſſens unter ſich theilten, den ihre erhabene Mutter vereint beſaß.

Themis.

Auch dieſe war eine Tochter des Himmels und der Erde, welche Prometheus bei dem tragiſchen Dichter, der ihn leidend darſtellt, ſeine Mutter nennt, die ihm, wie auch die Erde, als eine Ge - ſtalt unter vielen Nahmen, die Zukunft weis - ſagte.

Wir haben ſchon bemerkt, daß die alten Goͤt - ter noch durch Rath und Weißagung Einfluß hat -67 ten. Die Erde ſelber war das aͤlteſte Orakel, und an dieſe ſchloß ſich am naͤchſten die Themis an, welche nach der Ueberſchwemmung der Erde, dem Deukalion und der Pyrrha, auf dem Parnaß, den ſchon angefuͤhrten Orakelſpruch ertheilte, ſie ſollten, um das Menſchengeſchlecht wieder herzu - ſtellen, die Gebeine ihrer Mutter mit verhuͤlltem Antlitz hinter ſich werfen.

Die Themis lehrte den Prometheus in die Zukunft blicken, und da die Titanen in dem Goͤt - terkriege ſeinem Rath nicht folgten, ſo ging er mit ihr zum Jupiter uͤber, dem er durch klugen Rath die Titanen beſiegen half, wofuͤr dieſer ihn nach - her mit Schmach und Pein belohnte.

Mit der Themis aber vermaͤhlte ſich Jupiter, und erzeugte mit ihr die Eunomia, Dice, nnd Irene, welche auch Horen genannt wurden; Goͤttinnen der Eintracht befoͤrdernden Gerechtig - keit und Gefaͤhrtinnen der Grazien, welche eben - falls Toͤchter des Jupiter, Hand in Hand ge - ſchlungen, ein ſchoͤnes Sinnbild wohlwollender Freundſchaft ſind.

Themis ſelber behauptet auch unter den neuen Gottheiten, als die Goͤttin der Gerechtigkeit ihren Platz. So wie ſie dem Prometheus die Zukunft enthuͤllte, nahm ſie ſich auch der Men - ſchen an, die ſein Werk waren, und durch die Befolgung ihres Orakelſpruchs nach der Deukalio -E 268niſchen Ueberſchwemmung, aufs neue aus har - ten Steinen wieder gebildet wurden. Auch erwaͤhnen die alten Dichtungen der Aſtraͤa einer Tochter der Themis, die von den Schutzgoͤttinnen der Sterblichen am laͤngſten bei ihnen verweilte, bis ſie zuletzt gen Himmel entfloh, da der Frevel der Menſchen uͤberhand nahm, und weder Ge - rechtigkeit noch Scheu mehr galt.

Weil die Themis dem Jupiter die Zukunft oder den Schluß des Schickſals enthuͤllte, ſo laͤßt eine beſondere Dichtung auch die Parzen Lacheſis, Klotho und Atropos, die Toͤchter der alten Nacht, vom Jupiter wieder erzeugt, und von der Themis gebohren worden. Die Parzen ſind alſo in dieſen Dichtungen eine doppelte Erſcheinung, einmal als Toͤchter der alten Nacht und als Dienerinnen des Schickſals, uͤber den Jupiter weit erhaben; und dann als Toͤchter des Jupiter, die nach dem Willen des Schickſals, ſeine Rathſchluͤſſe voll - ziehen.

Die doppelten Erſcheinungen der Goͤtter - geſtalten, ſind in dieſem traumaͤhnlichen Gewebe der Phantaſie nicht ſelten; was vor dem Jupiter da war, wird, da der Lauf der Zeiten mit ihm aufs neue beginnt, noch einmal wieder von ihm erzeugt, um ſeine Macht zu verherrlichen, und ihn zum Vater der Goͤtter zu erheben. Die Dichter haben von jeher das Schwankende in die -69 ſen Dichtungen zu ihrem Vortheil benutzt, und ſich ihrer als einer hoͤhern Sprache bedient, um das Erhabene anzudeuten, was oft vor den trun - kenen Sinnen ſchwebt, und der Gedanke nicht faſ - ſen kann.

Pontus.

Die Erde erzeugte aus ſich ſelber den Uranos oder den Himmel, der ſie umwoͤlbet; die hohen Berge mit ihren waldigten Gipfeln; und den Pontus oder das unfruchtbare Meer; hierauf gebahr ſie erſt, indem ſie ſich mit dem Himmel vermaͤhlte den entfernten grundloſen Ocean.

Den Pontus oder das mittellaͤndiſche be - kannte befahrne Meer, traͤgt die Erde, ſo wie die Berge, gleichſam in ihrem Schooße, das heißt in dieſer Dichtung, ſie hat dieſe großen Erſcheinungen aus ſich ſelbſt erzeugt; und aus den aufſteigenden Nebelduͤnſten hat ſie den umwoͤlbenden Luftkreis um ſich her gewebt.

Da aber, wo der Himmel ſich gleichſam mit ihr vermaͤhlt, indem ſeine Woͤlbung auf ihr zu ruhen ſcheint, am aͤußerſten weſtlichen Hori - zonte, wo die Sonne ins Meer ſinkt, breitet ſich erſt in weiten Kreiſen der unbekannte unbe - grenzte Ocean um ſie her, der nach der alten Dich - tung, aus der Beruͤhrung oder Begattung des Him - mels und der Erde gebohren ward.

70

Der Pontus oder das Meer, das die Erde in ihrem Schooße traͤgt, vermaͤhlte ſich mit ſeiner Mutter Erde, und erzeugte mit ihr den ſanften Nereus, den Thaumas, die Eurybia, die ein eiſernes Herz im Buſen traͤgt, den Phorkys und die ſchoͤne Ceto.

Nereus.

In dem Nereus gab die Dichtung der ſanf - ten ruhigen Meeresflaͤche Perſoͤnlichkeit und Bil - dung. Er iſt wahrhaft und milde, und vergißt des Rechts und der Billigkeit nie; liebt Maͤßigung und haßt Gewalt. Mit ruhigem Blick ſchaut er in die Zukunft hin, und ſagt die kommenden Schickſale vorher.

Ein Dichter aus dem Alterthum fuͤhrt ihn redend ein, wie er bei Wind und Meeresſtille, dem Paris, welcher die Helena aus Griechenland entfuͤhrt, das Schickſal von Troja vorher verkuͤn - digt.

Er vermaͤhlte ſich mit der Doris, der ſchoͤ - nen Tochter des Ocean; und dieſes Goͤtterpaar, ſich zaͤrtlich umarmend, und auf den Wellen des Meeres ſanft emporgetragen, iſt eines der ſchoͤn - ſten Bilder der Phantaſie aus jenen Zeiten, wo man den großen unuͤberſehbaren Maſſen ſo gern Form und Bildung gab. Nereus, der Gott71 der ruhigen Meeresflaͤche, erzeugte mit der Do - ris, der Tochter des Ocean:

Die Nereiden.

Ihrer iſt eben ſo wie der Toͤchter des Ocean eine große Zahl. Das wuͤſte Meer wurde durch dieſe Bildungen der Phantaſie ein Aufent - halt hoher Weſen, die da, wo Sterbliche ihr Grab finden wuͤrden, ihre glaͤnzende Wohnung hatten, und von Zeit zu Zeit ſich auf der ſtillen Meeresflaͤche zeigten, welches zu reitzenden Dich - tungen Anlaß gab.

So ſtieg einſt Galatea, eine Tochter des Nereus, aus den Wellen empor, welche der Rieſe Polyphem erblickte, der ſich ploͤtzlich vom Pfeil der Liebe verwundet fuͤhlte, und ſo oft ſie nachher ſich zeigte, ihr ſein Leid vergeblich klagte.

Thetis, eine Tochter des Nereus, welche mit der Tethys, einer Tochter des Himmels und Vermaͤhlten des Oceans, nicht zu verwechſeln iſt, wurde, eben ſo wie die Metis, dem Jupiter, der ſich mit ihr vermaͤhlen wollte, furchtbar, als ihn die Prophezeihung ſchreckte: ſie wuͤrde einen Sohn gebaͤhren, der wuͤrde maͤchtiger als ſein Vater ſeyn.

Durch die Veranſtaltung der Goͤtter wurde ſie daher mit dem Koͤnige Peleus vermaͤhlt, der72 den Achill mit ihr erzeugte, welcher maͤchtiger als ſein Vater wurde; denn die Thetis tauchte ihn in den Styx, wodurch er, ausgenommen an der Ferſe, woran ſie ihn hielt, unverwundbar ward, aber auch gerade an dieſer einzigen verwundbaren Stelle, in dem Kriege vor Troja, die toͤdtliche Wunde empfing.

Noch ſagt die Dichtung, daß dieſe Thetis einſt, da die neuen Goͤtter den Jupiter binden wollten, und der wahrſagende Nereus ihr dieß entdeckte, den hundertaͤrmigen Briareus aus der Tiefe des Meers hervorrief, der ſich neben den Donnerer ſetzte, worauf es keiner der Goͤtter wagte, die Hand an den Jupiter zu legen.

Mit der Amphitrite, einer Tochter des Ne - reus, vermaͤhlte ſich Neptun; ſie tritt alſo unter den neuen Gottheiten majeſtaͤtiſch auf, und wird abgebildet, wie ſie gleich dem Gott, dem ſie ver - maͤhlt iſt, den maͤchtigen Dreizack in der Hand haͤlt, und die wilden Fluthen baͤndigt.

Von funfzig Toͤchtern des Nereus ſind die Nahmen aufgezeichnet, allein nur wenige unter ihnen ſind in die fernere Geſchichte der Goͤtter verflochten; die uͤbrigen machen das Gefolge glaͤn - zend, wenn Theris oder Amphitrite aus dem Meer emporſteigt.

73

Thaumas.

Das Staunen und die Verwunderung uͤber die großen Erſcheinungen der Natur, iſt aus dem Meer erzeugt, und wird, obgleich nur mit wenigen Umriſſen, in dem Thaumas, einem Sohne des Pontus als perſoͤnlich dargeſtellt.

Thaumas vermaͤhlt ſich mit der Elektra, ei - ner Tochter des Ocean, und erzeugt mit ihr die bewundernswuͤrdigſte Erſcheinung, den viel - farbigten Regenbogen, der wegen der Schnellig - keit, womit ſeine Fuͤße die Erde beruͤhren, indeß ſein Haupt noch in die Wolken ragt, unter dem Nahmen Iris, als die Botin der Goͤtter dar - geſtellt wird, die in der neuen Goͤttergeſchichte zum oͤftern handelnd wieder auftritt.

Thaumas mit der Elektra erzeugte auch die ſchnellen gefluͤgelten Harpyen, Aello und Ocy - pete, den Sterblichen ein Schrecken, die, gleich den reißenden Wirbelwinden, dem Meer entſtei - gen, und unaufhaltſam ihren Raub mit ſich hin - wegfuͤhren.

Eurybia.

Eine Tochter des Pontus, die ein eiſernes Herz im Buſen traͤgt, und mit dem Titanen Krius ſich vermaͤhlt, dem ſie die ſtarken Soͤhne, Aſtraͤus, Pallas, und Perſes gebiehrt; ſie iſt eine dunkle Erſcheinung, die in Nacht zuruͤcktritt.

74

Phorkys und die ſchoͤne Ceto oder die Erzeugung der Ungeheuer.

Phorkys, ein Sohn des Pontus, erzeugte mit der ſchoͤnen Ceto, einer Tochter des Pontus:

Die Graͤen: Dino, Pephredo, und Enyo; die ewigen alten drei ſchwanenweißen Jungfrauen, die von ihrer Geburt an grau waren, nur einen Zahn und ein Auge hatten, und an den aͤußerſten Grenzen der Erde wohnten, wo die Behauſung der Nacht iſt, und wo ſie nie von der Sonne, noch von dem Lichte des Mondes beſchienen wurden.

Die Gorgonen, Schweſtern der Graͤen, mit furchtbarem Antlitz und Schlangenhaaren, Euryale, Stheno, und Meduſa.

Den Drachen, der an den außerſten Gren - zen der Erde die goldenen Aepfel der Heſperiden bewacht.

Aus dem Blute der Meduſa, da ſie vom Per - ſeus enthauptet wurde, ſprang Chryſaor mit gold - nem Schwerdte, und der gefluͤgelte Pegaſus hervor.

Chryſaor vermaͤhlte ſich mit der Kallirhoe, ei - ner Tochter des Oceans, und erzeugte mit ihr den dreikoͤpfigten Geryon und die Echidna, halb75 Nymphe mit ſchwarzen Augen und bluͤhenden Wan - gen, und halb ein ungeheurer Drache; mit dieſer erzeugte Typhaon, ein heulender Sturmwind:

Den dreikoͤpfigten Hund Cerberus;

Den zweikoͤpfigten Hund Orthrus;

Die Lernaͤiſche Schlange;

Die feuerſpeiende Chimaͤra, mit dem Ant - litz des Loͤwen, dem Leib der Ziege, und dem Schweif des Drachen, und zuletzt gebahr die Echidna, nachdem ſie ſich mit dem Orthrus be - gattet hatte,

Den nemaͤiſchen Loͤwen, und

Die raͤthſelhafte Sphinx mit dem jungfraͤuli - chen Antlitz und den Loͤwenklauen.

Dieß iſt die Nachkommenſchaft des Phorkys und der ſchoͤnen Ceto. Die Erzeugung der Un - geheuer endigt ſich mit der Geburt des Geheim - nißvollen und Raͤthſelhaften, worin die alten Ausſpruͤche und dunkeln Sagen der Vorzeit gehuͤl - let ſind.

Und ſo wie die Nacht die Mutter des Ver - borgenen, Unbekannten iſt, wie z. B. der Heſpe - riden, die an den entfernteſten Ufern des Oceans die goldnen Aepfel bewahren; ſo laͤßt die Phan - taſie die Ungeheuer, wie z. B. den Drachen, der dieſe goldene Frucht bewacht, dem Meer ent - ſtammen.

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Allein dieſe Ungeheuer entſtehen nur, um in der Folge die Tapferkeit und den Muth zu pruͤfen, und von Goͤtterentſtammten Helden beſiegt zu werden, die durch kuͤhne Thaten ſich den Weg zur Unſterblichkeit bahnen.

Die Fluͤſſe.

Auch den Fluͤſſen gab die Einbildungskraft Perſoͤnlichkeit. Sie gehoͤren als Soͤhne des Oceans zu den alten Gottheiten, und ſind zum Theil in die folgende Goͤttergeſchichte als handeln - de Weſen mit verflochten, wie z. B. Skaman - der, Achelous, Peneus, Alphaͤus, Ina - chus.

Die Bildung der Flußgoͤtter giebt zu ſchoͤnen Dichtungen Anlaß; der Stammvater eines Volks, z. B. deſſen Urſprung nicht weiter zu erforſchen iſt, heißt der Sohn des Fluſſes, an welchem ſeine Nachkommen wohnen. Durch dieſe Dichtungen knuͤpfte die lebloſe Natur ſich naͤher an die Men - ſchen an, und man dachte ſich gleichſam naͤher mit ihr verwandt.

Proteus.

Ein Sohn des Oceans und der Tethys; der Huͤter der Meerkaͤlber; welcher gleich der geheim -77 nißvollen Natur, die unter tauſend abwechſeln - den Geſtalten den forſchenden Blicken der Sterb - lichen entſchluͤpft, ſich in Feuer und Waſſer, Thier und Pflanze verwandeln konnte, und nur denen, die unter jeder Verwandelung ihn mit ſtarken Armen feſt hielten, zuletzt in ſeiner eigenen Geſtalt erſchien, und ihnen das Wahre entdeckte.

Chiron.

Schon Saturnus pflog einer verſtohlnen Liebe mit der Philyra, einer Tochter des Flußgottes Aſopus. Indem er ſich mit ihr begattete, ver - wandelte er ſich, um die eiferſuͤchtigen Blicke der Rhea zu taͤuſchen, in ein Pferd, und erzeugte mit der Philyra den Chiron, der halb Menſch halb Pferd, dennoch Schaͤtze hoher Weisheit in ſich ſchloß, und in der Folge der Erzieher von Koͤ - nigen und Helden ward, die ihm ihre Tugenden und ihre Bildung dankten.

Atlas.

Unter den Nachkommen der Titanen iſt Atlas einer von den großen Goͤttergeſtalten, die in die Folge der fabelhaften Geſchichte zum oͤftern wieder verflochten werden: Jupiter vermaͤhlte ſich mit ſeiner Tochter der Maja, und erzeugte mit ihr den Merkur, welcher daher ein Enkel des Atlas heißt.

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Nemeſis.

Sie iſt, wie die Parzen, eine Tochter der Nacht; ſie hemmet Stolz und Uebermuth, ſtraft und belohnt nach gerechtem Maaß, und ahndet verborgnen Frevel. Sie gehoͤrt unter den alten Gottheiten zu den hohen geheimnißvollen Weſen, die von Goͤttern und Menſchen mit Ehrfurcht be - trachtet werden. Und unter den neuen Goͤttern behauptet ſie bleibend und herrſchend ihren Platz.

Prometheus.

Der Weiſeſte unter den Titanen, deſſen ſchoͤpferiſcher Genius die Menſchen bildete, hat, wie die meiſten alten Gottheiten, nur noch durch Weißagung und Rath in die Folge der Goͤtterge - ſchichte Einfluß; ſeine große Erſcheinung tritt in Nebel zuruͤck.

79

Jupiter, der Vater der Goͤtter.

In der Darſtellung der alten Goͤtter ſpielt die Phantaſie der Dichter mit lauter großen Bil - dern. Es ſind die großen Erſcheinungen der Natur; der Himmel und die Erde, das Meer, die Morgenroͤthe, die Macht der ſich empoͤrenden Elemente unter dem Bilde der Titanen, die ſtrah - lende Sonne und der leuchtende Mond, welche alle nur mit wenigen Zuͤgen, als perſoͤnliche Weſen dargeſtellt, in Reihe und Glied mit ſtehen, und mehr Stoff fuͤr die Dichtkunſt als fuͤr die bil - dende Kunſt darbieten.

Aus dem Nebel dieſer Erſcheinungen treten die neuen Goͤttergeſtalten in Sonnenglanz her - vor. Der maͤchtige Donnergott mit dem Adler zu ſeinen Fuͤßen; Neptun, der Erderſchuͤtterer, mit dem maͤchtigen Dreizack; die majeſtaͤtiſche Juno; der ewig junge Apoll mit dem ſilbernen Bogen; die blauaͤugigte Minerva mit Helm und Spieß; die goldne Aphrodite; die jungfraͤuliche Diana mit Koͤcher und Bogen; der eherne Kriegs - gott, Mars; Merkur, der ſchnelle Goͤtterbote.

80

Auf den Jupiter ſelber faͤllt der hoͤchſte Glanz zuruͤck; denn er iſt der Erzeuger der ſtrahlenden Geſtalten, die in jugendlicher Schoͤnheit neu hervorgehen. Neptun und Pluto, Juno, Veſta und die befruchtende Ceres ſind unter den neuen Goͤttern mit ihm zugleich vom Saturnus erzeugt, und von der Rhea gebohren; vom Ju - piter ſelber iſt die groͤßre Zahl der neuen Goͤtter entſproſſen.

Unter den alten Gottheiten erzeugte Jupiter ſchon:

Mit der Metis, einer Tochter des Oceans, die Minerva;

Mit der Mnemoſyne, einer Tochter des Himmels, die Muſen;

Mit der Themis, einer Tochter des Himmels, die Goͤttinnen der Eintracht und Gerechtigkeit;

Mit der Eurynome, einer Tochter des Oce - ans, die Grazien;

Mit der Latona, einer Tochter des Coͤus und der Phoͤbe, den Apoll und die Diana;

Mit der Maja, einer Tochter des Atlas, den Merkur.

Allein alle dieſe hohen Goͤttinnen und erhab - nen Muͤtter himmliſcher Weſen, treten dennoch in Schatten zuruͤck, gegen die herrſchende Juno, die vor allen das Recht behauptet, die Vermaͤhlte des Donnergottes zu ſeyn, und deren Eiferſucht dem81 Jupiter, nachdem er ſchon lange die Titanen be - ſiegt, und die Giganten uͤberwunden hat, noch oft den Glanz ſeiner Goͤttermacht verleidet.

In die Goͤtterehe des Jupiter und der Juno trug die Dichtung auch die menſchlichen Verhaͤlt - niſſe hinuͤber, welche nach den Begriffen einer Gottheit des Verſtandes freilich thoͤricht und laͤcherlich waren, aber nicht nach dem Begriff einer Gottheit der Phantaſie, deren nachahmende Bildungskraft ſich eben ſowohl ihre Goͤtter nach dem Bilde der Menſchen, als ihre Menſchen nach dem Bilde der Goͤtter ſchuf, leiſe ahndend, daß die Menſchheit beides in ſich vereinigt.

In dieſem Sinne iſt Juno auch die Goͤttin der Ehe, und gebahr dem Jupiter die Lucina oder Ilithya, welche den Schwangern bei ihrer Entbindung beiſteht. Mit ihr erzeugte Jupiter auch die Hebe, oder die Goͤttin der Jugend, ein Sinnbild der Fortpflanzung, wodurch die Gat - tung immer neu gebohren, in ewiger Jugend ſich erhaͤlt. Dieſe Goͤttin iſt dereinſt dem Herkules, wenn er durch große und ſchoͤne Thaten ſich die Unſterblichkeit erworben, zum Lohn der Tugend und Tapferkeit beſtimmt.

Juno gebahr aber auch dem Jupiter den un - verſoͤhnlichen Mars, den ſchrecklichen Krieges - gott, auf welchen Jupiter oftmals zuͤrnte, undF82ihn vom Himmel zu ſchleudern drohte, aber ſei - ner ſchonte, weil er ſein eigener Sohn war.

Den Vulkan gebahr die Juno ohne Begat - tung, dem Jupiter zum Trotz, weil dieſer die Minerva aus ſeinem Haupte gebohren hatte. Es ſind die beiden bildenden Gottheiten, in deren Hervorbringung Jupiter und Juno wettei - fern. Was nun aber die Entwickelung des Hohen und Goͤttlichen verhindert und erſchwert, das iſt bei den Erzeugungen des Jupiter

Die Eiferſucht der Juno.

Eben ſo wie Jupiter, da er kaum gebohren war, nur mit Muͤhe vor den Nachſtellungen der verfolgenden zerſtoͤrenden Macht gerettet werden konnte, und ſeine Waͤchter um ſeine Lagerſtatt ein wildes Getoͤſe erheben mußten, damit Saturnus die Stimme des weinenden Kindes nicht verneh - men moͤchte;

So ſuchte auch die Tochter des Saturnus, das neugebildete Hohe und Goͤttliche, wo moͤglich, in ſeinem Keime zu zerſtoͤren, und ſeine Geburt mit furchtbarer Macht zu hindern, damit es nie das Licht des Tages erblicken moͤchte.

Als die ſanfte Latona den Apollo und die Diana, dem Jupiter gebaͤhren ſollte, ſo ließ Juno83 ſie durch einen Drachen verfolgen, und beſchwur die Erde, ihr keinen Platz zur Entbindung zu vergoͤnnen. Die Inſel Delos war, als ein ſchwimmendes Eiland, das keine bleibende Staͤtte hatte, nicht mit unter dem Schwur begriffen; hier fand Latona erſt, wo ihr Fuß ruhen konnte. Die - ſes Eiland war es, wo ſie zwiſchen einem Oehl - baum und Palmbaum zuerſt die Diana und dann den Apollo gebahr.

Da Semele, die Tochter des Kadmus in Theben, vom Jupiter den Bachus gebaͤhren ſollte, ſo wußte Juno, unter der Geſtalt ihrer Am - me, ſie mit ſchwarzem Trug zu uͤberreden, ſie ſolle den Jupiter ſchwoͤren laſſen, er wolle ihr eben ſo erſcheinen, als wenn er der Juno Bett beſtiege; Jupiter erſchien ihr in der Geſtalt des Donnergottes, und Semele ward ein Raub der Flammen; den jungen Bachus rettete Jupiter und verbarg ihn in ſeine Huͤfte.

Und als nachher Alkmene vom Herkules, dem Sohne des Jupiter, entbunden werden ſollte, ſo ſetzte ſich Juno vor der Thuͤr des Hauſes auf ei - nem Steine nieder, mit beiden Haͤnden ihre Knie umſchlungen, und machte auf die Weiſe der Mutter des Herkules die Entbindung ſchwer. Den Herkules ſelbſt verfolgte ſie von ſeiner Kindheit an, wodurch ſein Heldenmuth gepruͤft, ſeine Bruſt geſtaͤhlt, undF 284ihm der Weg zur Unſterblichkeit und zum Sitz der Goͤtter gebahnet wurde.

Von der Eiferſucht der Juno iſt, nach einer wohlerfundenen Dichtung, ſelbſt ein Geſtirn am Himmel ein unausloͤſchliches Zeichen. Sie ver - wandelte nemlich die vom Jupiter geliebte Nym - phe Kalliſto in eine Baͤrin, die nachher von ihm unter die Sterne verſetzt ward. Da bat die Juno den Ocean, er moͤchte dieſe neue glaͤnzende Geſtalt am Himmel nicht in ſeinen Schooß aufneh - men und dieß Geſtirn geht niemals unter.

Die Eiferſucht der Juno haucht dieſen Dich - tungen Leben ein, ſo wie die Winde das ſtille Meer aufregen. Auch iſt dieſe Eiferſucht an ſich ſelbſt erhaben, weil ſie nicht ohnmaͤchtig, ſon - dern mit Goͤtterkraft und Hoheit verknuͤpft, den Gott des Donners ſelber auf dem hoͤchſten Gipfel ſeiner Macht beſchraͤnkt.

Veſta,

Die den Erdkreis mit heiliger Gluth belebt, iſt ſelbſt unter den neuen Goͤttern ein geheimniß - volles Weſen; ſie blieb jungfraͤulich unter den Toͤchtern des Saturnus und der Rhea, und der keuſche Schleier huͤllt ihre Bildung ein.

85

Ceres.

Mit ihr, der alles befruchtenden und alles er - naͤhrenden Goͤttin, die vom Saturnus erzeugt, und aus dem Schooß der Rhea gebohren ward, erzeugte Jupiter die jungfraͤuliche Proſerpina, die, vom Pluto entfuͤhrt, in der Unterwelt die Koͤnigin der Schatten ward.

Pluto und Proſerpina ſind alſo unter den neuen Goͤttern die Beherrſcher des Orkus oder der Schattenwelt. Der Tartarus iſt eine der groͤßren Erſcheinungen aus dem Zeitraume der alten Goͤtter; er iſt, tief unter dem Orkus, mit eherner Mauer umgeben, und dreifacher Nacht umgoſſen, der Aufenthalt der Titanen, die ewiges Dunkel gefangen haͤlt.

Dieſe ſind nun beſiegt, und Jupiter, Neptun, und Pluto haben ſich in die Herrſchaft uͤber Erde, Meer, und Luft getheilt. Das Chaos hat ſich gebildet; die Elemente haben ſich geſondert; aber des Himmels Glanz umgiebt den herrſchenden

Jupiter.

Er hat auf dem Olymp den hoͤchſten Sitz; er winket mit den Augenbraunen, und der Olymp erbebt; er iſt das umgebende Ganze ſelber; vor ihm beugt ſich der Erdkreis; er laͤchelt, und der ganze Himmel heitert mit einemmal ſich auf.

86

Mit ſeiner Macht und Hoheit vereint ſich die ganze Fuͤlle der Jugendkraft, welche durch nichts gehemmt iſt. Der Himmel faßt die Fuͤlle ſei - nes Weſens nicht. Um ſeine Goͤtterkraft in manchem Heldenſtamme auf Erden fortzupflan - zen, richtete er auf die Toͤchter der Sterblichen ſeine Blicke; und damit ſie Semelens Schickſal nicht erfuͤhren, huͤllte der Allesdurchwebende in taͤuſchende Geſtalten ſeine Gottheit ein.

Von ſeinem hohen Sitze ſenkte er ſich, in dem goldnen Regen, in Danaens Schooß hernieder, und erzeugte mit ihr den tapfern Perſeus, der die Ungeheuer mit maͤchtigem Arm beſiegte.

Mit dem majeſtaͤtiſchen Schwanenhalſe ſchmiegte er ſich an Ledas Buſen, und ſie gebahr den edelmuͤthigen Pollux, und die goͤttliche Hele - na, das ſchoͤnſte Weib auf Erden, aus Jupiters Umarmung.

In der Kraft des muthigen Stiers, lud er mit ſanftem Blick, die jungfraͤuliche Europa auf ſeinen Ruͤcken ein, und trug ſie durch die Meeres - fluthen an Kretas Ufer, wo er den Minos mit ihr erzeugte, der den Voͤlkern Geſetze gab, und uͤber ſie mit Macht und Weisheit herrſchte.

Auch die Thiergeſtalten ſind in dieſen Dich - tungen heilig, wo man unter dem Bilde der Gott -87 heit die ganze Natur verehrte, und nichts Un - edles in der Vorſtellung lag, den hoͤchſten unter den Goͤttern in irgend einer der Geſtalten der all - umfaſſenden Natur