PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Critik der practiſchen Vernunft
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Riga,bey Johann Friedrich Hartknoch1788.
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Vorrede.

Warum dieſe Critik nicht eine Critik der reinen practiſchen, ſondern ſchlechthin der practi - ſchen Vernunft uͤberhaupt betitelt wird, obgleich der Parallelism derſelben mit der ſpeculativen das erſtere zu erfodern ſcheint, daruͤber giebt dieſe Abhandlung hinreichenden Aufſchluß. Sie ſoll blos darthun, daß es reine practiſche Vernunft gebe, und critiſirt in dieſer Abſicht ihr ganzes practiſches Vermoͤgen. Wenn es ihr hiemit gelingt, ſo bedarf ſie das reine Vermoͤgen ſelbſt nicht zu critiſiren, um zu ſehen, ob ſich die Vernunft mit einem ſolchen, als einer blo - ßen Anmaßung, nicht uͤberſteige (wie es wol mit der ſpeculativen geſchieht). Denn wenn ſie, als rei - ne Vernunft, wirklich practiſch iſt, ſo beweiſet ſie ih - re und ihrer Begriffe Realitaͤt durch die That, und al - les Vernuͤnfteln wider die Moͤglichkeit, es zu ſeyn, iſt vergeblich.

A 2Mit4Vorrede.

Mit dieſem Vermoͤgen ſteht auch die transſcen - dentale Freyheit nunmehro feſt, und zwar in derjeni - gen abſoluten Bedeutung genommen, worin die ſpe - culative Vernunft beym Gebrauche des Begriffs der Cauſalitaͤt ſie bedurfte, um ſich wider die Antinomie zu retten, darin ſie unvermeidlich geraͤth, wenn ſie in der Reihe der Cauſalverbindung ſich das Unbeding - te denken will, welchen Begriff ſie aber nur problema - tiſch, als nicht unmoͤglich zu denken, aufſtellen konn - te, ohne ihm ſeine objective Realitaͤt zu ſichern, ſon - dern allein, um nicht durch vorgebliche Unmoͤglichkeit deſſen, was ſie doch wenigſtens als denkbar gelten laſ - ſen muß, in ihrem Weſen angefochten und in einen Abgrund des Scepticisms geſtuͤrzt zu werden.

Der Begriff der Freyheit, ſo fern deſſen Reali - taͤt durch ein apodictiſches Geſetz der practiſchen Ver - nunft bewieſen iſt, macht nun den Schlußſtein von dem ganzen Gebaͤude eines Syſtems der reinen, ſelbſt der ſpeculativen, Vernunft aus, und alle andere Be - griffe (die von Gott und Unſterblichkeit), welche, als bloße Ideen, in dieſer ohne Haltung bleiben, ſchlie - ßen ſich nun an ihn an, und bekommen mit ihm und durch ihn Beſtand und objective Realitaͤt, d. i. dieMoͤg -5Vorrede.Moͤglichkeit derſelben wird dadurch bewieſen, daß Freyheit wirklich iſt; denn dieſe Idee offenbaret ſich durchs moraliſche Geſetz.

Freyheit iſt aber auch die einzige unter allen Ideen der ſpec. Vernunft, wovon wir die Moͤglich - keit a priori wiſſen, ohne ſie doch einzuſehen, weil ſie die Bedingung*)Damit man hier nicht Inconſequenzen anzutreffen waͤhne, wenn ich jetzt die Freyheit die Bedingung des moraliſchen Geſetzes nenne, und in der Abhandlung nach - her behaupte, daß das moraliſche Geſetz die Bedingung ſey, unter der wir uns allererſt der Freyheit bewußt werden koͤnnen, ſo will ich nur erinnern, daß die Frey - heit allerdings die ratio eſſendi des moraliſchen Geſetzes, das moraliſche Geſetz aber die ratio cognoſcendi der Freyheit ſey. Denn, waͤre nicht das moraliſche Geſetz in unſerer Vernunft eher deutlich gedacht, ſo wuͤrden wir uns niemals berechtigt halten, ſo etwas, als Freyheit iſt, (ob dieſe gleich ſich nicht widerſpricht) anzunehmen. Waͤre aber keine Freyheit, ſo wuͤrde das moraliſche Ge - ſetz n uns gar nicht anzutreffen ſeyn. des moraliſchen Geſetzes iſt, welches wir wiſſen. Die Ideen von Gott und Unſterblich - keit ſind aber nicht Bedingungen des moraliſchen Ge - ſetzes, ſondern nur Bedingungen des nothwendigenA 3Ob -6Vorrede.Objects eines durch dieſes Geſetz beſtimmten Willens, d. i. des bloß practiſchen Gebrauchs unſerer reinen Vernunft; alſo koͤnnen wir von jenen Ideen auch, ich will nicht bloß ſagen, nicht die Wirklichkeit, ſondern auch nicht einmal die Moͤglichkeit zu erkennen und einzuſehen behaupten. Gleichwol aber ſind ſie die Bedingungen der Anwendung des moraliſch beſtimm - ten Willens auf ſein ihm a priori gegebenes Object (das hoͤchſte Gut). Folglich kann und muß ihre Moͤg - lichkeit in dieſer practiſchen Beziehung angenommen werden, ohne ſie doch theoretiſch zu erkennen und ein - zuſehen. Fuͤr die letztere Foderung iſt in practiſcher Abſicht genug, daß ſie keine innere Unmoͤglichkeit (Widerſpruch) enthalten. Hier iſt nun ein, in Ver - gleichung mit der ſpeculativen Vernunft, bloß ſub - jectiver Grund des Fuͤrwahrhaltens, der doch einer eben ſo reinen, aber practiſchen Vernunft objectiv guͤltig iſt, dadurch den Ideen von Gott und Unſterb - lichkeit vermittelſt des Begriffs der Freyheit objective Realitaͤt und Befugniß, ja ſubjective Nothwendig - keit (Beduͤrfniß der reinen Vernunft) ſie anzunehmen verſchafft wird, ohne daß dadurch doch die Vernunft im theoretiſchen Erkenntniſſe erweitert, ſondern nur die Moͤglichkeit, die vorher nur Problem war, hierAſſer -7Vorrede.Aſſertion wird, gegeben, und ſo der practiſche Ge - brauch der Vernunft mit den Elementen des theoreti - ſchen verknuͤpft wird. Und dieſes Beduͤrfniß iſt nicht etwa ein hypothetiſches, einer beliebigen Abſicht der Speculation, daß man etwas annehmen muͤſſe, wenn man zur Vollendung des Vernunftgebrauchs in der Speculation hinaufſteigen will, ſondern ein geſetzli - ches, etwas anzunehmen, ohne welches nicht geſche - hen kann, was man ſich zur Abſicht ſeines Thuns und Laſſens unnachlaßlich ſetzen ſoll.

Es waͤre allerdings befriedigender fuͤr unſere ſpeculative Vernunft, ohne dieſen Umſchweif jene Auf - gaben fuͤr ſich aufzuloͤſen, und ſie als Einſicht zum practiſchen Gebrauche aufzubewahren; allein es iſt einmal mit unſerem Vermoͤgen der Speculation nicht ſo gut beſtellt. Diejenige, welche ſich ſolcher hohen Erkenntniſſe ruͤhmen, ſollten damit nicht zuruͤckhal - ten, ſondern ſie oͤffentlich zur Pruͤfung und Hoch - ſchaͤtzung darſtellen. Sie wollen beweiſen; wohlan! ſo moͤgen ſie denn beweiſen, und die Critik legt ihnen, als Siegern, ihre ganze Ruͤſtung zu Fuͤßen. Quid ſtatis? Nolint. Atqui licet eſſe beatis. Da ſie al - ſo in der That nicht wollen, vermuthlich weil ſie nichtA 4koͤn -8Vorrede.koͤnnen, ſo muͤſſen wir jene doch nur wiederum zur Hand nehmen, um die Begriffe von Gott, Frey - heit und Unſterblichkeit, fuͤr welche die Speculation nicht hinreichende Gewaͤhrleiſtung ihrer Moͤglichkeit findet, in moraliſchem Gebrauche der Vernunft zu ſu - chen und auf demſelben zu gruͤnden.

Hier erklaͤrt ſich auch allererſt das Raͤthſel der Critik, wie man dem uͤberſinnlichen Gebrauche der Categorien in der Speculation objective Realitaͤt abſprechen, und ihnen doch, in Anſehung der Objecte der reinen practiſchen Vernunft, dieſe Realitaͤt zuge - ſtehen koͤnne; denn vorher muß dieſes nothwendig inconſequent ausſehen, ſo lange man einen ſolchen practiſchen Gebrauch nur dem Namen nach kennt. Wird man aber jetzt durch eine vollſtaͤndige Zergliede - rung der letzteren inne, daß gedachte Realitaͤt hier gar auf keine theoretiſche Beſtimmung der Catego - rien und Erweiterung des Erkenntniſſes zum Ueber - ſinnlichen hinausgehe, ſondern nur hiedurch gemey - net ſey, daß ihnen in dieſer Beziehung uͤberall ein Object zukomme; weil ſie entweder in der nothwen - digen Willensbeſtimmung a priori enthalten, oder mit dem Gegenſtande derſelben unzertrennlich verbundenſind,9Vorrede.ſind, ſo verſchwindet jene Inconſequenz; weil man einen andern Gebrauch von jenen Begriffen macht, als ſpeculative Vernunft bedarf. Dagegen eroͤffnet ſich nun eine vorher kaum zu erwartende und ſehr befrie - digende Beſtaͤtigung der conſequenten Denkungs - art der ſpeculativen Critik darin, daß, da dieſe die Gegenſtaͤnde der Erfahrung, als ſolche, und darun - ter ſelbſt unſer eigenes Subject, nur fuͤr Erſcheinun - gen gelten zu laſſen, ihnen aber gleichwol Dinge an ſich ſelbſt zum Grunde zu legen, alſo nicht alles Ue - berſinnliche fuͤr Erdichtung und deſſen Begriff fuͤr leer an Inhalt zu halten, einſchaͤrfte: practiſche Vernunft jetzt fuͤr ſich ſelbſt, und ohne mit der ſpeculativen Ver - abredung getroffen zu haben, einem uͤberſinnlichen Gegenſtande der Categorie der Cauſalitaͤt, nemlich der Freyheit, Realitaͤt verſchafft, (obgleich, als practi - ſchem Begriffe, auch nur zum practiſchen Gebrauche,) alſo dasjenige, was dort bloß gedacht werden konnte, durch ein Factum beſtaͤtigt. Hiebey erhaͤlt nun zu - gleich die befremdliche, obzwar unſtreitige, Behaup - tung der ſpeculativen Critik, daß ſogar das denkende Subject ihm ſelbſt, in der inneren Anſchauung, bloß Erſcheinung ſey, in der Critik der practiſchen Vernunft auch ihre volle Beſtaͤtigung, ſo gut, daßA 5man10Vorrede.man auf ſie kommen muß, wenn die erſtere dieſen Satz auch gar nicht bewieſen haͤtte*)Die Vereinigung der Cauſalitaͤt, als Freyheit, mit ihr, als Naturmechanism, davon die erſte durchs Sittengeſetz, die zweyte durchs Naturgeſetz, und zwar in einem und demſelben Subjecte, dem Menſchen, feſt ſteht, iſt un - moͤglich, ohne dieſen in Beziehung auf das erſtere als Weſen an ſich ſelbſt, auf das zweyte aber als Erſchei - nung, jenes im reinen, dieſes im empiriſchen Bewußt - ſeyn, vorzuſtellen. Ohne dieſes iſt der Widerſpruch der Vernunft mit ſich ſelbſt unvermeidlich..

Hiedurch verſtehe ich auch, warum die erheblich - ſten Einwuͤrfe wider die Critik, die mir bisher noch vorgekommen ſind, ſich gerade um dieſe zwey Angel drehen: nemlich einerſeits, im theoretiſchen Erkennt - niß geleugnete und im practiſchen behauptete objective Realitaͤt der auf Noumenen angewandten Categorien, andererſeits die paradoxe Foderung, ſich als Sub - ject der Freyheit zum Noumen, zugleich aber auch in Abſicht auf die Natur zum Phaͤnomen in ſeinem eigenen empiriſchen Bewußtſeyn zu machen. Denn, ſo lange man ſich noch keine beſtimmte Begriffe von Sittlichkeit und Freyheit machte, konnte man nichterra -11Vorrede.errathen, was man einerſeits der vorgeblichen Erſchei - nung als Noumen zum Grunde legen wolle, und an - dererſeits, ob es uͤberall auch moͤglich ſey, ſich noch von ihm einen Begriff zu machen, wenn man vorher alle Begriffe des reinen Verſtandes im theoretiſchen Gebrauche ſchon ausſchließungsweiſe den bloßen Er - ſcheinungen gewidmet haͤtte. Nur eine ausfuͤhrliche Critik der practiſchen Vernunft kann alle dieſe Miß - deutung heben, und die conſequente Denkungsart, wel - che eben ihren groͤßten Vorzug ausmacht, in ein hel - les Licht ſetzen.

So viel zur Rechtfertigung, warum in dieſem Werke die Begriffe und Grundſaͤtze der reinen ſpecu - lativen Vernunft, welche doch ihre beſondere Critik ſchon erlitten haben, hier hin und wieder nochmals der Pruͤfung unterworfen werden, welches dem ſyſtema - tiſchen Gange einer zu errichtenden Wiſſenſchaft ſonſt nicht wohl geziemet (da abgeurtheilte Sachen billig nur angefuͤhrt und nicht wiederum in Anregung ge - bracht werden muͤſſen), doch hier erlaubt, ja noͤthig war; weil die Vernunft mit jenen Begriffen im Ue - bergange zu einem ganz anderen Gebrauche betrachtet wird, als den ſie dort von ihnen machte. Ein ſol -cher12Vorrede.cher Uebergang macht aber eine Vergleichung des aͤl - teren mit dem neuern Gebrauche nothwendig, um das neue Gleis von dem vorigen wohl zu unterſcheiden und zugleich den Zuſammenhang derſelben bemerken zu laſſen. Man wird alſo Betrachtungen dieſer Art, unter andern diejenige, welche nochmals auf den Be - griff der Freyheit, aber im practiſchen Gebrauche der reinen Vernunft, gerichtet worden, nicht wie Ein - ſchiebſel betrachten, die etwa nur dazu dienen ſollen, um Luͤcken des critiſchen Syſtems der ſpeculativen Ver - nunft auszufuͤllen (denn dieſes iſt in ſeiner Abſicht voll - ſtaͤndig), und, wie es bey einem uͤbereilten Baue her - zugehen pflegt, hintennach noch Stuͤtzen und Stre - bepfeiler anzubringen, ſondern als wahre Glieder, die den Zuſammenhang des Syſtems bemerklich machen, und Begriffe, die dort nur problematiſch vorgeſtellt werden konnten, jetzt in ihrer realen Darſtellung ein - ſehen zu laſſen. Dieſe Erinnerung geht vornehmlich den Begriff der Freyheit an, von dem man mit Be - fremdung bemerken muß, daß noch ſo viele ihn ganz wohl einzuſehen und die Moͤglichkeit derſelben erklaͤ - ren zu koͤnnen ſich ruͤhmen, indem ſie ihn bloß in pſy - chologiſcher Beziehung betrachten, indeſſen daß, wenn ſie ihn vorher in transſcendentaler genau erwogen haͤt -ten,13Vorrede.ten, ſie ſo wohl ſeine Unentbehrlichkeit, als pro - blematiſchen Begriffs, in vollſtaͤndigem Gebrauche der ſpeculativen Vernunft, als auch die voͤllige Unbe - greiflichkeit deſſelben haͤtten erkennen, und, wenn ſie nachher mit ihm zum practiſchen Gebrauche giengen, gerade auf die naͤmliche Beſtimmung des letzteren in Anſehung ſeiner Grundſaͤtze von ſelbſt haͤtten kommen muͤſſen, zu welcher ſie ſich ſonſt ſo ungern verſtehen wollen. Der Begriff der Freyheit iſt der Stein des Anſtoßes fuͤr alle Empiriſten, aber auch der Schluͤſ - ſel zu den erhabenſten practiſchen Grundſaͤtzen fuͤr cri - tiſche Moraliſten, die dadurch einſehen, daß ſie noth - wendig rational verfahren muͤſſen. Um deswillen er - ſuche ich den Leſer, das was zum Schluſſe der Ana - lytik uͤber dieſen Begriff geſagt wird, nicht mit fluͤch - tigem Auge zu uͤberſehen.

Ob ein ſolches Syſtem, als hier von der reinen practiſchen Vernunft aus der Critik der letzteren ent - wickelt wird, viel oder wenig Muͤhe gemacht habe, um vornehmlich den rechten Geſichtspunct, aus dem das Ganze derſelben richtig vorgezeichnet werden kann, nicht zu verfehlen, muß ich den Kennern einer der - gleichen Arbeit zu beurtheilen uͤberlaſſen. Es ſetztzwar14Vorrede.zwar die Grundlegung zur Metaphyſik der Sit - ten voraus, aber nur in ſo fern, als dieſe mit dem Princip der Pflicht vorlaͤufige Bekanntſchaft macht und eine beſtimmte Formel derſelben angiebt und recht - fertigt*)Ein Recenſent, der etwas zum Tadel dieſer Schrift ſa - gen wollte, hat es beſſer getroffen, als er wol ſelbſt ge - meynt haben mag, indem er ſagt: daß darin kein neues Princip der Moralitaͤt, ſondern nur eine neue Formel aufgeſtellet worden. Wer wollte aber auch einen neuen Grundſatz aller Sittlichkeit einfuͤhren, und dieſe gleichſam zuerſt erfinden? gleich als ob vor ihm die Welt, in dem was Pflicht ſey, unwiſſend, oder in durchgaͤngigem Irr - thume geweſen waͤre. Wer aber weiß, was dem Mathe - matiker eine Formel bedeutet, die das, was zu thun ſey, um eine Aufgabe zu befolgen, ganz genau beſtimmt und nicht verfehlen laͤßt, wird eine Formel, welche dieſes in Anſehung aller Pflicht uͤberhaupt thut, nicht fuͤr etwas Unbedeutendes und Entbehrliches halten.; ſonſt beſteht es durch ſich ſelbſt. Daß die Eintheilung aller practiſchen Wiſſenſchaften zur Vollſtaͤndigkeit nicht mit beygefuͤgt worden, wie es die Critik der ſpeculativen Vernunft leiſtete, dazu iſt auch guͤltiger Grund in der Beſchaffenheit dieſes prac - tiſchen Vernunftvermoͤgens anzutreffen. Denn die beſondere Beſtimmung der Pflichten, als Menſchen -pflich -15Vorrede.pflichten, um ſie einzutheilen, iſt nur moͤglich, wenn vorher das Subject dieſer Beſtimmung (der Menſch), nach der Beſchaffenheit, mit der er wirklich iſt, ob - zwar nur ſo viel als in Beziehung auf Pflicht uͤberhaupt noͤthig iſt, erkannt worden; dieſe aber gehoͤrt nicht in eine Critik der practiſchen Vernunft uͤber - haupt, die nur die Principien ihrer Moͤglichkeit, ihres Umfanges und Grenzen vollſtaͤndig ohne beſondere Beziehung auf die menſchliche Natur an - geben ſoll. Die Eintheilung gehoͤrt alſo hier zum Syſtem der Wiſſenſchaft, nicht zum Syſtem der Critik.

Ich habe einem gewiſſen, wahrheitliebenden und ſcharfen, dabey alſo doch immer achtungswuͤrdigen Recenſenten jener Grundlegung zur Met. d. S. auf ſeinen Einwurf, daß der Begriff des Guten dort nicht (wie es ſeiner Meynung nach noͤthig gewe - ſen waͤre) vor dem moraliſchen Princip feſtgeſetzt worden*)Man koͤnnte mir noch den Einwurf machen, warum ich nicht auch den Begriff des Begehrungsvermoͤgens, oder des Gefuͤhls der Luſt vorher erklaͤrt habe; obgleichdie -, in dem zweyten Hauptſtuͤcke der Analytik,wie16Vorrede.wie ich hoffe, Genuͤge gethan; eben ſo auch auf manche andere Einwuͤrfe Ruͤckſicht genommen, diemir*)dieſer Vorwurf unbillig ſeyn wuͤrde, weil man dieſe Er - klaͤrung, als in der Pſychologie gegeben, billig ſollte vor - ausſetzen koͤnnen. Es koͤnnte aber freylich die Definition daſelbſt ſo eingerichtet ſeyn, daß das Gefuͤhl der Luſt der Beſtimmung des Begehrungsvermoͤgens zum Grunde ge - legt wuͤrde (wie es auch wirklich gemeinhin ſo zu geſche - hen pflegt), dadurch aber das oberſte Princip der practi - ſchen Philoſophie nothwendig empiriſch ausfallen muͤß - te, welches doch allererſt auszumachen iſt, und in dieſer Critik gaͤnzlich widerlegt wird. Daher will ich dieſe Er - klaͤrung hier ſo geben, wie ſie ſeyn muß, um dieſen ſtrei - tigen Punct, wie billig, im Anfange unentſchieden zu laſſen. Leben iſt das Vermoͤgen eines Weſens, nach Geſetzen des Begehrungsvermoͤgens zu handeln. Das Begehrungsvermoͤgen iſt das Vermoͤgen deſ - ſelben, durch ſeine Vorſtellungen Urſache von der Wirklichkeit der Gegenſtaͤnde dieſer Vorſtellungen zu ſeyn. Luſt iſt die Vorſtellung der Uebereinſtim - mung des Gegenſtandes oder der Handlung mit den ſubjectiven Bedingungen des Lebens, d. i. mit dem Vermoͤgen der Cauſalitaͤt einer Vorſtellung in Anſehung der Wirklichkeit ihres Objects (oder der Beſtimmung der Kraͤfte des Subjects zur Handlung es hervorzubringen). Mehr brauche ich nicht zum Behuf der Critik von Begriffen, die aus der Pſychologie ent - lehnt werden, das uͤbrige leiſtet die Critik ſelbſt. Manwird17Vorrede.mir von Maͤnnern zu Haͤnden gekommen ſind, die den Willen blicken laſſen, daß die Wahrheit auszu - mitteln ihnen am Herzen liegt, (denn die, ſo nur ihral -*)wird leicht gewahr, daß die Frage, ob die Luſt dem Be - gehrungsvermoͤgen jederzeit zum Grunde gelegt werden muͤſſe, oder ob ſie auch unter gewiſſen Bedingungen nur auf die Beſtimmung deſſelben folge, durch dieſe Erklaͤ - rung unentſchieden bleibt; denn ſie iſt aus lauter Merk - malen des reinen Verſtandes d. i. Categorien zuſammen - geſetzt, die nichts Empiriſches enthalten. Eine ſolche Behutſamkeit iſt in der ganzen Philoſophie ſehr empfeh - lungswuͤrdig, und wird dennoch oft verabſaͤumt, nemlich ſeinen Urtheilen vor der vollſtaͤndigen Zergliederung des Begriffs, die oft nur ſehr ſpaͤt erreicht wird, durch ge - wagte Definition nicht vorzugreifen. Man wird auch durch den ganzen Lauf der Critik (der theoretiſchen ſowohl als practiſchen Vernunft) bemerken, daß ſich in demſel - ben mannigfaltige Veranlaſſung vorfinde, manche Maͤn - gel im alten dogmatiſchen Gange der Philoſophie zu er - gaͤnzen, und Fehler abzuaͤndern, die nicht eher bemerkt werden, als wenn man von Begriffen einen Gebrauch der Vernunft macht, der aufs Ganze derſelben geht.Kants Crit. d. pract. Vern. B18Vorrede.altes Syſtem vor Augen haben, und bey denen ſchon vorher beſchloſſen iſt, was gebilligt oder mißbilligt wer - den ſoll, verlangen doch keine Eroͤrterung, die ihrer Privatabſicht im Wege ſeyn koͤnnte;) und ſo werde ich es auch fernerhin halten.

Wenn es um die Beſtimmung eines beſonde - ren Vermoͤgens der menſchlichen Seele, nach ſeinen Quellen, Inhalte und Grenzen zu thun iſt, ſo kann man zwar, nach der Natur des menſchlichen Erkennt - niſſes, nicht anders als von den Theilen derſelben, ihrer genauen und (ſo viel als nach der jetzigen Lage unſerer ſchon erworbenen Elemente derſelben moͤglich iſt) vollſtaͤndigen Darſtellung anfangen. Aber es iſt noch eine zweyte Aufmerkſamkeit, die mehr philo - ſophiſch und architectoniſch iſt; nemlich, die Idee des Ganzen richtig zu faſſen, und aus derſelben alle jene Theile in ihrer wechſelſeitigen Beziehung auf ein - ander, vermittelſt der Ableitung derſelben von dem Begriffe jenes Ganzen, in einem reinen Vernunftver - moͤgen ins Auge zu faſſen. Dieſe Pruͤfung und Ge -waͤhr -19Vorrede.waͤhrleiſtung iſt nur durch die innigſte Bekanntſchaft mit dem Syſtem moͤglich, und die, welche in Anſehung der erſteren Nachforſchung verdroſſen geweſen, alſo dieſe Bekanntſchaft zu erwerben nicht der Muͤhe werth geachtet haben, gelangen nicht zur zweyten Stufe, nemlich der Ueberſicht, welche eine ſyntheti - ſche Wiederkehr zu demjenigen iſt, was vorher ana - lytiſch gegeben worden, und es iſt kein Wunder, wenn ſie allerwerts Inconſequenzen finden, obgleich die Luͤcken, die dieſe vermuthen laſſen, nicht im Syſtem ſelbſt, ſondern blos in ihrem eigenen unzuſammenhaͤn - genden Gedankengange anzutreffen ſind.

Ich beſorge in Anſehung dieſer Abhandlung nichts von dem Vorwurfe, eine neue Sprache einfuͤhren zu wollen, weil die Erkenntnißart ſich hier von ſelbſt der Popularitaͤt naͤhert. Dieſer Vorwurf konnte auch niemanden in Anſehung der erſteren Critik bey - fallen, der ſie nicht blos durchgeblaͤttert, ſondern durchgedacht hatte. Neue Worte zu kuͤnſteln, wo die Sprache ſchon ſo an Ausdruͤcken fuͤr gegebene Be -B 2grif -20Vorrede.griffe keinen Mangel hat, iſt eine kindiſche Bemuͤhung, ſich unter der Menge, wenn nicht durch neue und wahre Gedanken, doch durch einen neuen Lappen auf dem alten Kleide auszuzeichnen. Wenn daher die Leſer jener Schrift populaͤrere Ausdruͤcke wiſſen, die doch dem Gedanken eben ſo angemeſſen ſeyn, als mir jene zu ſeyn ſcheinen, oder etwa die Nichtigkeit dieſer Gedanken ſelbſt, mithin zugleich jedes Ausdrucks, der ihn bezeichnet, darzuthun ſich getrauen; ſo wuͤrden ſie mich durch das erſtere ſehr verbinden, denn ich will nur verſtanden ſeyn; in Anſehung des zweyten aber ſich ein Verdienſt um die Philoſophie erwerben. So lan - ge aber jene Gedanken noch ſtehen, zweifele ich ſehr, daß ihnen angemeſſene und doch gangbarere Aus - druͤcke dazu aufgefunden werden duͤrften. *)Mehr (als jene Unverſtaͤndlichkeit) beſorge ich hier hin und wieder Misdeutung in Anſehung einiger Ausdruͤcke, die ich mit groͤßter Sorgfalt ausſuchte, um den Begriff nicht verfehlen zu laſſen, darauf ſie weiſen. So hat in der Tafel der Categorien der practiſchen Vernunft, in dem Titel der Modalitaͤt, das Erlaubte und Unerlaub -te

Auf21Vorrede.

Auf dieſe Weiſe waͤren denn nunmehr die Prin - cipien a priori zweyer Vermoͤgen des Gemuͤths, desB 3Er -*)te (practiſch-objectiv Moͤgliche und Unmoͤgliche) mit der naͤchſtfolgenden Categorie der Pflicht und des Pflicht - widrigen im gemeinen Sprachgebrauche beynahe einer - ley Sinn; hier aber ſoll das erſtere dasjenige bedeuten, was mit einer blos moͤglichen practiſchen Vorſchrift in Einſtimmung oder Widerſtreit iſt (wie etwa die Aufloͤ - ſung aller Probleme der Geometrie und Mechanik), das zweyte, was in ſolcher Beziehung auf ein in der Ver - nunft uͤberhaupt wirklich liegendes Geſetz ſteht; und dieſer Unterſchied der Bedeutung iſt auch dem gemeinen Sprachgebrauche nicht ganz fremd, wenn gleich etwas ungewoͤhnlich. So iſt es z. B. einem Redner, als ſol - chem, unerlaubt, neue Worte oder Wortfuͤgungen zu ſchmieden; dem Dichter iſt es in gewiſſem Maaße er - laubt; in keinem von beiden wird hier an Pflicht gedacht. Denn wer ſich um den Ruf eines Redners bringen will, dem kann es niemand wehren. Es iſt hier nur um den Unterſchied der Imperativen unter problematiſchem, aſſertoriſchen und apodictiſchen Beſtimmungsgrunde, zu thun. Eben ſo habe ich in derjenigen Note, wo ich die moraliſchen Ideen practiſcher Vollkommenheit in ver -ſchie -22Vorrede.Erkenntniß - und Begehrungsvermoͤgens ausgemittelt, und, nach den Bedingungen, dem Umfange undGren -*)ſchiedenen philoſophiſchen Schulen gegen einander ſtellete, die Idee der Weisheit von der der Heiligkeit unterſchieden, ob ich ſie gleich ſelbſt im Grunde und objectiv fuͤr einerley erklaͤret habe. Allein ich verſtehe an dieſem Orte darun - ter nur diejenige Weisheit, die ſich der Menſch (der Stoi - ker) anmaaßt, alſo ſubjectiv als Eigenſchaft dem Men - ſchen angedichtet. (Vielleicht koͤnnte der Ausdruck Tu - gend, womit der Stoiker auch großen Staat trieb, beſ - ſer das Characteriſtiſche ſeiner Schule bezeichnen.) Aber der Ausdruck eines Poſtulats der r. pr. Vern. konnte noch am meiſten Misdeutung veranlaſſen, wenn man da - mit die Bedeutung vermengete, welche die Poſtulate der reinen Mathematik haben, und welche apodictiſche Ge - wißheit bey ſich fuͤhren. Aber dieſe poſtuliren die Moͤg - lichkeit einer Handlung, deren Gegenſtand man a priori theoretiſch mit voͤlliger Gewißheit als moͤglich voraus erkannt hat. Jenes aber poſtulirt die Moͤglich - keit eines Gegenſtandes (Gottes und der Unſterblichkeit der Seele) ſelbſt aus apodictiſchen practiſchen Geſetzen, alſo nur zum Behuf einer practiſchen Vernunft; da denn dieſe Gewißheit der poſtulirten Moͤglichkeit gar nichttheo -23Vorrede.Grenzen ihres Gebrauchs, beſtimmt, hiedurch aber zu einer ſyſtematiſchen, theoretiſchen ſo wohl als prac - tiſchen Philoſophie, als Wiſſenſchaft, ſicherer Grund gelegt.

Was Schlimmeres koͤnnte aber dieſen Bemuͤhun - gen wol nicht begegnen, als wenn jemand die uner - wartete Entdeckung machte, daß es uͤberall gar kein Erkenntniß a priori gebe, noch geben koͤnne. Allein es hat hiemit keine Noth. Es waͤre eben ſo viel, als ob jemand durch Vernunft beweiſen wollte, daß es keine Vernunft gebe. Denn wir ſagen nur, daß wir etwas durch Vernunft erkennen, wenn wir uns be - wußt ſind, daß wir es auch haͤtten wiſſen koͤnnen, wenn es uns auch nicht ſo in der Erfahrung vorgekom -B 4men*)theoretiſch, mithin auch nicht apodictiſch, d. i. in Anſe - hung des Objects erkannte Nothwendigkeit, ſondern in Anſehung des Subjects, zu Befolgung ihrer objectiven, aber practiſchen Geſetze nothwendige Annehmung, mithin blos nothwendige Hypotheſis iſt. Ich wußte fuͤr dieſe ſubjective, aber doch wahre und unbedingte Vernunftnoth - wendigkeit keinen beſſeren Ausdruck auszufinden.24Vorrede.men waͤre; mithin iſt Vernunfterkenntniß und Er - kenntniß a priori einerley. Aus einem Erfahrungs - ſatze Nothwendigkeit (ex pumice aquam) auspreſſen wollen, mit dieſer auch wahre Allgemeinheit (ohne welche kein Vernunftſchluß, mithin auch nicht der Schluß aus der Analogie, welche eine wenigſtens praͤ - ſumirte Allgemeinheit und objective Nothwendigkeit iſt, und dieſe alſo doch immer vorausſetzt,) einem Ur - theile verſchaffen wollen, iſt gerader Widerſpruch. Subjective Nothwendigkeit, d. i. Gewohnheit, ſtatt der objectiven, die nur in Urtheilen a priori ſtattfindet, unterſchieben, heißt der Vernunft das Vermoͤgen ab - ſprechen, uͤber den Gegenſtand zu urtheilen, d. i. ihn, und was ihm zukomme, zu erkennen, und z. B. von dem, was oͤfters und immer auf einen gewiſſen vor - hergehenden Zuſtand folgte, nicht ſagen, daß man aus dieſem auf jenes ſchließen koͤnne (denn das wuͤr - de objective Nothwendigkeit und Begriff von einer Ver - bindung a priori bedeuten), ſondern nur aͤhnliche Faͤlle (mit den Thieren auf aͤhnliche Art) erwarten duͤrfe, d. i. den Begriff der Urſache im Grunde als falſch undblo -25Vorrede.bloßen Gedankenbetrug verwerfen. Dieſem Mangel der objectiven und daraus folgenden allgemeinen Guͤl - tigkeit dadurch abhelfen wollen, daß man doch keinen Grund ſaͤhe, andern vernuͤnftigen Weſen eine andere Vorſtellungsart beyzulegen, wenn das einen guͤltigen Schluß abgaͤbe, ſo wuͤrde uns unſere Unwiſſenheit mehr Dienſte zu Erweiterung unſerer Erkenntniß lei - ſten, als alles Nachdenken. Denn blos deswegen, weil wir andere vernuͤnftige Weſen außer dem Men - ſchen nicht kennen, wuͤrden wir ein Recht haben, ſie als ſo beſchaffen anzunehmen, wie wir uns erkennen, d. i. wir wuͤrden ſie wirklich kennen. Ich erwaͤhne hier nicht einmal, daß nicht die Allgemeinheit des Fuͤr - wahrhaltens die objective Guͤltigkeit eines Urtheils (d. i. die Guͤltigkeit deſſelben als Erkenntniſſes) be - weiſe, ſondern, wenn jene auch zufaͤlliger Weiſe zutraͤ - fe, dieſes doch noch nicht einen Beweis der Uebereinſtim - mung mit dem Object abgeben koͤnne; vielmehr die ob - jective Guͤltigkeit allein den Grund einer nothwendigen allgemeinen Einſtimmung ausmache.

B 5Hume26Vorrede.

Hume wuͤrde ſich bey dieſem Syſtem des all - gemeinen Empirisms in Grundſaͤtzen auch ſehr wohl befinden; denn er verlangte, wie bekannt, nichts mehr, als daß, ſtatt aller objectiven Bedeutung der Nothwendigkeit im Begriffe der Urſache, eine blos ſubjective, nemlich Gewohnheit, angenommen werde, um der Vernunft alles Urtheil uͤber Gott, Freyheit und Unſterblichkeit abzuſprechen; und er verſtand ſich gewiß ſehr gut darauf, um, wenn man ihm nur die Principien zugeſtand, Schluͤſſe mit aller logiſchen Buͤndigkeit daraus zu folgern. Aber ſo allgemein hat ſelbſt Hume den Empirism nicht gemacht, um auch die Mathematik darin einzuſchließen. Er hielt ihre Saͤtze fuͤr analytiſch, und, wenn das ſeine Richtig - keit haͤtte, wuͤrden ſie in der That auch apodictiſch ſeyn, gleichwol aber daraus kein Schluß auf ein Ver - moͤgen der Vernunft, auch in der Philoſophie apodictiſche Urtheile, nemlich ſolche, die ſynthetiſch waͤren, (wie der Satz der Cauſalitaͤt,) zu faͤllen, gezogen werden koͤnnen. Naͤhme man aber den Empirism der Principien allge - mein an, ſo waͤre auch Mathematik damit eingeflochten.

Wenn27Vorrede.

Wenn nun dieſe mit der Vernunft, die blos em - piriſche Grundſaͤtze zulaͤßt, in Widerſtreit geraͤth, wie dieſes in der Antinomie, da Mathematik die unend - liche Theilbarkeit des Raumes unwiderſprechlich be - weiſet, der Empirism aber ſie nicht verſtatten kann, unvermeidlich iſt: ſo iſt die groͤßte moͤgliche Evidenz der Demonſtration, mit den vorgeblichen Schluͤſſen aus Erfahrungsprincipien, in offenbarem Wider - ſpruch, und nun muß man, wie der Blinde des Che - ſelden fragen: was betruͤgt mich, das Geſicht oder Gefuͤhl? (denn der Empirism gruͤndet ſich auf einer gefuͤhlten, der Rationalism aber auf einer eingeſehe - nen Nothwendigkeit.) Und ſo offenbaret ſich der all - gemeine Empirism als den aͤchten Scepticism, den man dem Hume faͤlſchlich in ſo unbeſchraͤnkter Be - deutung beylegte*)Namen, welche einen Sectenanhang bezeichnen, ha - ben zu aller Zeit viel Rechtsverdrehung bey ſich gefuͤhrt; ungefehr ſo, als wenn jemand ſagte: N. iſt ein Idea - liſt. Denn, ob er gleich, durchaus, nicht allein einraͤumt, ſondern darauf dringt, daß unſeren Vorſtellungen aͤuße -rer, da er wenigſtens einen ſicherenPro -28Vorrede.Probirſtein der Erfahrung an der Mathematik uͤbrig ließ, ſtatt daß jener ſchlechterdings keinen Probirſtein derſelben (der immer nur in Principien a priori ange - troffen werden kann) verſtattet, obzwar dieſe doch nicht aus bloßen Gefuͤhlen, ſondern auch aus Urthei - len beſteht.

Doch, da es in dieſem philoſophiſchen und cri - tiſchen Zeitalter ſchwerlich mit jenem Empirism Ernſt ſeyn kann, und er vermuthlich nur zur Uebung der Ur - theilskraft, und um durch den Contraſt die Nothwen - digkeit rationaler Principien a priori in ein helleres Licht zu ſetzen, aufgeſtellet wird: ſo kann man es denen doch Dank wiſſen, die ſich mit dieſer ſonſt eben nicht be - lehrenden Arbeit bemuͤhen wollen.

*)rer Dinge wirkliche Gegenſtaͤnde aͤußerer Dinge corre - ſpondiren, ſo will er doch, daß die Form der Anſchauung derſelben nicht ihnen, ſondern nur dem menſchlichen Ge - muͤthe anhaͤnge.

Ein -
[29]

Einleitung. Von der Idee einer Critik der praktiſchen Vernunft.

Der theoretiſche Gebrauch der Vernunft beſchaͤff - tigte ſich mit Gegenſtaͤnden des bloßen Er - kenntnißvermoͤgens, und eine Critik derſelben, in Ab - ſicht auf dieſen Gebrauch, betraf eigentlich nur das reine Erkenntnißvermoͤgen, weil dieſes Verdacht er - regte, der ſich auch hernach beſtaͤttigte, daß es ſich leicht - lich uͤber ſeine Grenzen, unter unerreichbare Ge - genſtaͤnde, oder gar einander widerſtreitende Be - griffe, verloͤhre. Mit dem practiſchen Gebrauche der Vernunft verhaͤlt es ſich ſchon anders. In dieſem be - ſchaͤfftigt ſich die Vernunft mit Beſtimmungsgruͤnden des Willens, welcher ein Vermoͤgen iſt, den Vor - ſtellungen entſprechende Gegenſtaͤnde entweder hervor - zubringen, oder doch ſich ſelbſt zu Bewirkung derſel - ben (das phyſiſche Vermoͤgen mag nun hinreichend ſeyn,oder30Einleitung von der Ideeoder nicht) d. i. ſeine Cauſalitaͤt zu beſtimmen. Denn da kann wenigſtens die Vernunft zur Willensbeſtim - mung zulangen, und hat ſo fern immer objective Rea - litaͤt, als es nur auf das Wollen ankommt. Hier iſt alſo die erſte Frage: ob reine Vernunft zur Be - ſtimmung des Willens fuͤr ſich allein zulange, oder ob ſie nur als empiriſch-bedingte ein Beſtimmungs - grund derſelben ſeyn koͤnne. Nun tritt hier ein durch die Critik der reinen Vernunft gerechtfertigter, ob - zwar keiner empiriſchen Darſtellung faͤhiger Begriff der Cauſalitaͤt, nemlich der der Freyheit, ein, und wenn wir anjetzt Gruͤnde ausfindig machen koͤnnen, zu bewei - ſen, daß dieſe Eigenſchaft dem menſchlichen Willen (und ſo auch dem Willen aller vernuͤnftigen Weſen) in der That zukomme, ſo wird dadurch nicht allein dargethan, daß reine Vernunft practiſch ſeyn koͤnne, ſondern daß ſie allein, und nicht die empiriſch-be - ſchraͤnkte, unbedingterweiſe practiſch ſey. Folglich werden wir nicht eine Critik der reinen practiſchen, ſondern nur der practiſchen Vernunft uͤberhaupt, zu bearbeiten haben. Denn reine Vernunft, wenn al - lererſt dargethan worden, daß es eine ſolche gebe, be - darf keiner Critik. Sie iſt es, welche ſelbſt die Richt - ſchnur zur Critik alles ihres Gebrauchs enthaͤlt. DieCri -31einer Critik d. practiſchen Vernunft.Critik der practiſchen Vernunft uͤberhaupt hat alſo die Obliegenheit, die empiriſch bedingte Vernunft von der Anmaßung abzuhalten, ausſchließungsweiſe den Beſtimmungsgrund des Willens allein abgeben zu wollen. Der Gebrauch der reinen Vernunft, wenn, daß es eine ſolche gebe, ausgemacht iſt, iſt allein im - manent; der empiriſch-bedingte, der ſich die Allein - herrſchaft anmaßt, iſt dagegen transſcendent, und aͤußert ſich in Zumuthungen und Geboten, die ganz uͤber ihr Gebiet hinausgehen, welches gerade das um - gekehrte Verhaͤltniß von dem iſt, was von der reinen Vernunft im ſpeculativen Gebrauche geſagt werden konnte.

Indeſſen, da es immer noch reine Vernunft iſt, deren Erkenntniß hier dem practiſchen Gebrauche zum Grunde liegt, ſo wird doch die Eintheilung einer Cri - tik der practiſchen Vernunft, dem allgemeinen Abriſſe nach, der der ſpeculativen gemaͤß angeordnet werden muͤſſen. Wir werden alſo eine Elementarlehre und Methodenlehre derſelben, in jener, als dem erſten Theile, eine Analytik, als Regel der Wahrheit, und eine Dialectik, als Darſtellung und Aufloͤſung des Scheins in Urtheilen der practiſchen Vernunft haben muͤſſen. Allein die Ordnung in der Unterabtheilungder32Einleitung von der Idee einer Critik etc.der Analytik wird wiederum das Umgewandte von der in der Critik der reinen ſpeculativen Vernunft ſeyn. Denn in der gegenwaͤrtigen werden wir von Grund - ſaͤtzen anfangend zu Begriffen und von dieſen aller - erſt, wo moͤglich, zu den Sinnen gehen; da wir hin - gegen bei der ſpeculativen Vernunft von den Sinnen anfingen, und bey den Grundſaͤtzen endigen mußten. Hievon liegt der Grund nun wiederum darin: daß wir es jetzt mit einem Willen zu thun haben, und die Vernunft nicht im Verhaͤltniß auf Gegenſtaͤnde, ſon - den auf dieſen Willen und deſſen Cauſalitaͤt zu erwaͤ - gen haben, da denn die Grundſaͤtze der empiriſch un - bedingten Cauſalitaͤt den Anfang machen muͤſſen, nach welchem der Verſuch gemacht werden kann, un - ſere Begriffe von dem Beſtimmungsgrunde eines ſol - chen Willens, ihrer Anwendung auf Gegenſtaͤnde, zuletzt auf das Subject und deſſen Sinnlichkeit, aller - erſt feſtzuſetzen. Das Geſetz der Cauſalitaͤt aus Freyheit, d. i. irgend ein reiner practiſcher Grundſatz, macht hier unvermeidlich den Anfang, und beſtimmt die Gegenſtaͤnde, worauf er allein bezogen werden kann.

Der[33]

Der Critik der practiſchen Vernunft Erſter Theil. Elementarlehre der reinen practiſchen Vernunft.

Kants Crit. d. pract. Vern. C[34][35]

Erſtes Buch. Die Analytik der reinen practiſchen Vernunft.

Erſtes Hauptſtuͤck. Von den Grundſaͤtzen der reinen practiſchen Vernunft.

§. 1. Erklaͤrung.

Practiſche Grundſaͤtze ſind Saͤtze, welche eine allge - meine Beſtimmung des Willens enthalten, die mehrere practiſche Regeln unter ſich hat. Sie ſind ſubjectiv, oder Maximen, wenn die Bedingung nur als fuͤr den Willen des Subjects guͤltig von ihm ange - ſehen wird; objectiv aber, oder practiſche Geſetze, wenn jene als objectiv d. i. fuͤr den Willen jedes ver - nuͤnftigen Weſens guͤltig erkannt wird.

Anmerkung.

Wenn man annimmt, daß reine Vernunft einen practiſch d. i. zur Willensbeſtimmung hinreichenden Grund in ſich ent -C 2halten36I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzenhalten koͤnne, ſo giebt es practiſche Geſetze; wo aber nicht, ſo werden alle practiſche Grundſaͤtze bloße Maximen ſeyn. In einem pathologiſch-afficirten Willen eines vernuͤnftigen Weſens kann ein Widerſtreit der Maximen, wider die von ihm ſelbſt erkannte practiſche Geſetze, angetroffen werden. Z. B. es kann ſich jemand zur Maxime machen, keine Beleidigung un - geraͤchet zu erdulden, und doch zugleich einſehen, daß dieſes kein practiſches Geſetz, ſondern nur ſeine Maxime ſey, dagegen, als Regel fuͤr den Willen eines jeden vernuͤnftigen Weſens, in einer und derſelben Maxime, mit ſich ſelbſt nicht zuſammen ſtimmen koͤnne. In der Naturerkenntniß ſind die Principien deſſen, was geſchieht, (z. B. das Princip der Gleichheit der Wirkung[und] Gegenwirkung in der Mittheilung der Bewe - gung) zugleich Geſetze der Natur; denn der Gebrauch der Vernunft iſt dort theoretiſch und durch die Beſchaffenheit des Objects beſtimmt. In der practiſchen Erkenntniß, d. i. der - jenigen, welche es blos mit Beſtimmungsgruͤnden des Willens zu thun hat, ſind Grundſaͤtze, die man ſich macht, darum noch nicht Geſetze, darunter man unvermeidlich ſtehe, weil die Vernunft im Practiſchen es mit dem Subjecte zu thun hat, nemlich dem Begehrungsvermoͤgen, nach deſſen beſonde - rer Beſchaffenheit ſich die Regel vielfaͤltig richten kann. Die practiſche Regel iſt jederzeit ein Product der Vernunft, weil ſie Handlung, als Mittel zur Wirkung, als Abſicht vor - ſchreibt. Dieſe Regel iſt aber fuͤr ein Weſen, bey dem Ver - nunft nicht ganz allein Beſtimmungsgrund des Willens iſt, ein Imperativ, d. i. eine Regel, die durch ein Sollen, welches die objective Noͤthigung der Handlung ausdruͤckt, bezeichnet wird, und bedeutet, daß, wenn die Vernunft den Willen gaͤnzlich beſtimmete, die Handlung unausbleiblich nach dieſer Regel geſchehen wuͤrde. Die Imperativen gelten alſo objectiv,und37der reinen practiſchen Vernunft.und ſind von Maximen, als ſubjectiven Grundſaͤtzen, gaͤnzlich unterſchieden. Jene beſtimmen aber entweder die Bedingun - gen der Cauſalitaͤt des vernuͤnftigen Weſens, als wirkender Urſache, blos in Anſehung der Wirkung und Zulaͤnglichkeit zu derſelben, oder ſie beſtimmen nur den Willen, er mag zur Wirkung hinreichend ſeyn oder nicht. Die erſtere wuͤrden hypothetiſche Imperativen ſeyn, und bloße Vorſchriften der Geſchicklichkeit enthalten; die zweyten wuͤrden dagegen catego - riſch und allein practiſche Geſetze ſeyn. Maximen ſind alſo zwar Grundſaͤtze, aber nicht Imperativen. Die Impera - tiven ſelber aber, wenn ſie bedingt ſind, d. i. nicht den Wil - len ſchlechthin als Willen, ſondern nur in Anſehung einer be - gehrten Wirkung beſtimmen, d. i. hypothetiſche Imperativen ſind, ſind zwar practiſche Vorſchriften, aber keine Geſetze. Die letztern muͤſſen den Willen als Willen, noch ehe ich frage, ob ich gar das zu einer begehrten Wirkung erforderliche Vermoͤ - gen habe, oder was mir, um dieſe hervorzubringen, zu thun ſey, hinreichend beſtimmen, mithin categoriſch ſeyn, ſonſt ſind es keine Geſetze; weil ihnen die Nothwendigkeit fehlt, welche, wenn ſie practiſch ſeyn ſoll, von pathologiſchen, mithin dem Willen zufaͤllig anklebenden Bedingungen, unabhaͤngig ſeyn muß. Saget jemanden, z. B. daß er in der Jugend arbeiten und ſparen muͤſſe, um im Alter nicht zu darben: ſo iſt die - ſes eine richtige und zugleich wichtige practiſche Vorſchrift des Willens. Man ſieht aber leicht, daß der Wille hier auf etwas Anderes verwieſen werde, wovon man vorausſetzt, daß er es begehre, und dieſes Begehren muß man ihm, dem Thaͤter ſelbſt, uͤberlaſſen, ob er noch andere Huͤlfsquellen, außer ſeinem ſelbſt erworbenen Vermoͤgen, vorherſehe, oder ob er gar nicht hoffe alt zu werden, oder ſich denkt im Falle der Noth dereinſt ſchlecht behelfen zu koͤnnen. Die Vernunft, aus der alleinC 3alle38I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzenalle Negel, die Nothwendigkeit enthalten ſoll, entſpringen kann, legt in dieſe ihre Vorſchrift zwar auch Nothwendigkeit, (denn ohne das waͤre ſie kein Imperativ,) aber dieſe iſt nur ſubjectiv bedingt, und man kann ſie nicht in allen Subjecten in gleichem Grade vorausſetzen. Zu ihrer Geſetzgebung aber wird erfodert, daß ſie blos ſich ſelbſt vorauszuſetzen beduͤrfe, weil die Regel nur alsdenn objectiv und allgemein guͤltig iſt, wenn ſie ohne zufaͤllige, ſubjective Bedingungen gilt, die ein vernuͤnftig Weſen von dem anderen unterſcheiden. Nun ſagt jemanden: er ſolle niemals luͤgenhaft verſprechen, ſo iſt dies eine Regel, die blos ſeinen Willen betrift; die Abſichten, die der Menſch haben mag, moͤgen durch denſelben erreicht werden koͤnnen, oder nicht; das bloße Wollen iſt das, was durch jene Regel voͤllig a priori beſtimmt werden ſoll. Findet ſich nun, daß dieſe Regel practiſch richtig ſey, ſo iſt ſie ein Geſetz, weil ſie ein categoriſcher Imperativ iſt. Alſo beziehen ſich practiſche Geſetze allein auf den Willen, unangeſehen deſ - ſen, was durch die Cauſalitaͤt deſſelben ausgerichtet wird, und man kann von der letztern (als zur Sinnenwelt gehoͤrig) ab - ſtrahiren, um ſie rein zu haben.

§. 2. Lehrſatz I.

Alle practiſche Principien, die ein Object (Ma - terie) des Begehrungsvermoͤgens, als Beſtimmungs - grund des Willens, vorausſetzen, ſind insgeſamt em - piriſch und koͤnnen keine practiſche Geſetze abgeben.

Ich verſtehe unter der Materie des Begehrungs - vermoͤgens einen Gegenſtand, deſſen Wirklichkeit begeh - ret wird. Wenn die Begierde nach dieſem Gegenſtandenun39der reinen practiſchen Vernunft.nun vor der practiſchen Regel vorhergeht, und die Be - dingung iſt, ſie ſich zum Princip machen, ſo ſage ich (erſtlich): dieſes Princip iſt alsdenn jederzeit empiriſch. Denn der Beſtimmungsgrund der Willkuͤhr iſt alsdenn die Vorſtellung eines Objects, und dasjenige Verhaͤlt - niß derſelben zum Subject, wodurch das Begehrungs - vermoͤgen zur Wirklichmachung deſſelben beſtimmt wird. Ein ſolches Berhaͤltniß aber zum Subject heißt die Luſt an der Wirklichkeit eines Gegenſtandes. Alſo muͤßte dieſe als Bedingung der Moͤglichkeit der Beſtimmung der Willkuͤhr vorausgeſetzt werden. Es kann aber von keiner Vorſtellung irgend eines Gegenſtandes, welche ſie auch ſey, a priori erkannt werden, ob ſie mit Luſt oder Unluſt verbunden, oder indifferent ſeyn werde. Alſo muß in ſolchem Falle der Beſtimmungsgrund der Willkuͤhr jederzeit empiriſch ſeyn, mithin auch das practiſche materiale Princip, welches ihn als Bedin - gung vorausſetzte.

Da nun (zweytens) ein Prineip, das ſich nur auf die ſubjective Bedingung der Empfaͤnglichkeit einer Luſt oder Unluſt, (die jederzeit nur empiriſch erkannt, und nicht fuͤr alle vernuͤnftige Weſen in gleicher Art guͤltig ſeyn kann,) gruͤndet, zwar wol fuͤr das Sub - ject, das ſie beſitzt, zu ihrer Maxime, aber auch fuͤr dieſe ſelbſt (weil es ihm an objectiver Nothwendigkeit, die a priori erkannt werden muß, mangelt) nicht zumC 4Geſetze40I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den GrundſaͤtzenGeſetze dienen kann, ſo kann ein ſolches Princip nie - mals ein practiſches Geſetz abgeben.

§. 3. Lehrſatz II.

Alle materiale practiſche Principien ſind, als ſol - che, insgeſamt von einer und derſelben Art, und ge - hoͤren unter das allgemeine Princip der Selbſtliebe, oder eigenen Gluͤckſeligkeit.

Die Luſt aus der Vorſtellung der Exiſtenz einer Sache, ſo fern ſie ein Beſtimmungsgrund des Begeh - rens dieſer Sache ſeyn ſoll, gruͤndet ſich auf der Em - pfaͤnglichkeit des Subjects, weil ſie von dem Daſeyn eines Gegenſtandes abhaͤngt; mithin gehoͤrt ſie dem Sinne (Gefuͤhl) und nicht dem Verſtande an, der eine Beziehung der Vorſtellung auf ein Object, nach Be - griffen, aber nicht auf das Subject, nach Gefuͤhlen, ausdruͤckt. Sie iſt alſo nur ſo fern practiſch, als die Empfindung der Annehmlichkeit, die das Subject von der Wirklichkeit des Gegenſtandes erwartet, das Begehrungsvermoͤgen beſtimmt. Nun iſt aber das Be - wußtſeyn eines vernuͤnftigen Weſens von der Annehm - lichkeit des Lebens, die ununterbrochen ſein ganzes Da - ſeyn begleitet, die Gluͤckſeligkeit, und das Princip, dieſe ſich zum hoͤchſten Beſtimmungsgrunde der Willkuͤhr zu machen, das Princip der Selbſtliebe. Alſo ſind alle materiale Principien, die den Beſtimmungsgrund derWill -41der reinen practiſchen Vernunft.Willkuͤhr in der, aus irgend eines Gegenſtandes Wirk - lichkeit zu empfindenden, Luſt oder Unluſt ſetzen, ſo fern gaͤnzlich von einerley Art, daß ſie insgeſamt zum Prin - cip der Selbſtliebe, oder eigenen Gluͤckſeligkeit gehoͤren.

Folgerung.

Alle materiale practiſche Regeln ſetzen den Be - ſtimmungsgrund des Willens im unteren Begehrungs - vermoͤgen, und, gaͤbe es gar keine blos formale Ge - ſetze deſſelben, die den Willen hinreichend beſtimmeten, ſo wuͤrde auch kein oberes Begehrungsvermoͤgen ein - geraͤumt werden koͤnnen.

Anmerkung I.

Man muß ſich wundern, wie ſonſt ſcharfſinnige Maͤnner einen Unterſchied zwiſchen dem unteren und oberen Begeh - rungsvermoͤgen darin zu finden glauben koͤnnen, ob die Vorſtellungen, die mit dem Gefuͤhl der Luſt verbunden ſind, in den Sinnen, oder dem Verſtande ihren Urſprung haben. Denn es kommt, wenn man nach den Beſtimmungs - gruͤnden des Begehrens fraͤgt und ſie in einer von irgend et - was erwarteten Annehmlichkeit ſetzt, gar nicht darauf an, wo die Vorſtellung dieſes vergnuͤgenden Gegenſtandes herkomme, ſondern nur wie ſehr ſie vergnuͤgt. Wenn eine Vorſtellung, ſie mag immerhin im Verſtande ihren Sitz und Urſprung ha - ben, die Willkuͤhr nur dadurch beſtimmen kann, daß ſie ein Gefuͤhl einer Luſt im Subjecte vorausſetzet, ſo iſt, daß ſie ein Beſtimmungsgrund der Willkuͤhr ſey, gaͤnzlich von der Be - ſchaffenheit des inneren Sinnes abhaͤngig, daß dieſer nemlich dadurch mit Annehmlichkeit afficirt werden[kann]. Die Vor -C 5ſtellun -42I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzenſtellungen der Gegenſtaͤnde moͤgen noch ſo ungleichartig, ſie moͤgen Verſtandes -, ſelbſt Vernunftvorſtellungen im Gegenſatze der Vorſtellungen der Sinne ſeyn, ſo iſt doch das Gefuͤhl der Luſt, wodurch jene doch eigentlich nur den Beſtimmungsgrund des Willens ausmachen, (die Annehmlichkeit, das Vergnuͤgen, das man davon erwartet, welches die Thaͤtigkeit zur Hervor - bringung des Objects antreibt,) nicht allein ſo fern von einer - ley Art, daß es jederzeit blos empiriſch erkannt werden kann, ſondern auch ſo fern, als er eine und dieſelbe Lebenskraft, die ſich im Begehrungsvermoͤgen aͤußert, afficirt, und in dieſer Beziehung von jedem anderen Beſtimmungsgrunde in nichts, als dem Grade, verſchieden ſeyn kann. Wie wuͤrde man ſon - ſten zwiſchen zwey der Vorſtellungsart nach gaͤnzlich verſchiede - nen Beſtimmungsgruͤnden eine Vergleichung der Groͤße nach anſtellen koͤnnen, um den, der am meiſten das Begehrungs - vermoͤgen afficirt, vorzuziehen? Eben derſelbe Menſch kann ein ihm lehrreiches Buch, das ihm nur einmal zu Haͤnden kommt, ungeleſen zuruͤckgeben, um die Jagd nicht zu verſaͤu - men, in der Mitte einer ſchoͤnen Rede weggehen, um zur Mahlzeit nicht zu ſpaͤt zu kommen, eine Unterhaltung durch vernuͤnftige Geſpraͤche, die er ſonſt ſehr ſchaͤtzt, verlaſſen, um ſich an den Spieltiſch zu ſetzen, ſo gar einen Armen, dem wohlzuthun ihm ſonſt Freude iſt, abweiſen, weil er jetzt eben nicht mehr Geld in der Taſche hat, als er braucht, um den Eintritt in die Comoͤdie zu bezahlen. Beruht die Wil - lensbeſtimmung auf dem Gefuͤhle der Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit, die er aus irgend einer Urſache erwartet, ſo iſt es ihm gaͤnzlich einerley, durch welche Vorſtellungsart er afficirt werde. Nur wie ſtark, wie lange, wie leicht er - worben und oft wiederholt, dieſe Annehmlichkeit ſey, daran liegt es ihm, um ſich zur Wahl zu entſchließen. So wie dem -jenigen,43der reinen practiſchen Vernunft.jenigen, der Gold zur Ausgabe braucht, gaͤnzlich einerley iſt, ob die Materie deſſelben, das Gold, aus dem Gebirge gegra - ben, oder aus dem Sande gewaſchen iſt, wenn es nur allent - halben fuͤr denſelben Werth angenommen wird, ſo fraͤgt kein Menſch, wenn es ihm blos an der Annehmlichkeit des Lebens gelegen iſt, ob Verſtandes - oder Sinnesvorſtellungen, ſondern nur wie viel und großes Vergnuͤgen ſie ihm auf die laͤngſte Zeit verſchaffen. Nur diejenigen, welche der reinen Vernunft das Vermoͤgen, ohne Vorausſetzung irgend eines Gefuͤhls den Willen zu beſtimmen, gerne abſtreiten moͤchten, koͤnnen ſich ſo weit von ihrer eigenen Erklaͤrung verirren, das, was ſie ſelbſt vorher auf ein und eben daſſelbe Princip gebracht haben, dennoch hernach fuͤr ganz ungleichartig zu erklaͤren. So findet ſich z. B. daß man auch an bloßer Kraftanwendung, an dem Bewußtſeyn ſeiner Seelenſtaͤrke in Ueberwindung der Hinderniſſe, die ſich unſerem Vorſatze entgegenſetzen, an der Cultur der Geiſtestalente, u. ſ. w., Vergnuͤgen finden koͤnne, und wir nennen das mit Recht feinere Freuden und Er - goͤtzungen, weil ſie mehr, wie andere, in unſerer Gewalt ſind, ſich nicht abnutzen, das Gefuͤhl zu noch mehrerem Ge - nuß derſelben vielmehr ſtaͤrken, und, indem ſie ergoͤtzen, zu - gleich cultiviren. Allein ſie darum fuͤr eine andere Art, den Willen zu beſtimmen, als blos durch den Sinn, auszugeben, da ſie doch einmal, zur Moͤglichkeit jener Vergnuͤgen, ein dar - auf in uns angelegtes Gefuͤhl, als erſte Bedingung dieſes Wohlgefallens, vorausſetzen, iſt gerade ſo, als wenn Un - wiſſende, die gerne in der Metaphyſik pfuſchern moͤchten, ſich die Materie ſo fein, ſo uͤberfein, daß ſie ſelbſt daruͤber ſchwind - lich werden moͤchten, denken, und dann glauben, auf dieſe Art ſich ein geiſtiges und doch ausgedehntes Weſen erdacht zu ha - ben. Wenn wir es, mit dem Epicur, bey der Tugend aufsbloße44I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzenbloße Vergnuͤgen ausſetzen, das ſie verſpricht, um den Willen zu beſtimmen: ſo koͤnnen wir ihn hernach nicht tadeln, daß er dieſes mit denen der groͤbſten Sinne fuͤr ganz gleichartig haͤlt; denn man hat gar nicht Grund ihm aufzubuͤrden, daß er die Vorſtellungen, wodurch dieſes Gefuͤhl in uns erregt wuͤrde, blos den koͤrperlichen Sinnen beygemeſſen haͤtte. Er hat von vielen derſelben den Quell, ſo viel man errathen kann, eben ſowohl in dem Gebrauch des hoͤheren Erkenntnißvermoͤgens ge - ſucht; aber das hinderte ihn nicht und konnte ihn auch nicht hindern, nach genanntem Princip das Vergnuͤgen ſelbſt, das uns jene allenfalls intellectuelle Vorſtellungen gewaͤhren, und wodurch ſie allein Beſtimmungsgruͤnde des Willens ſeyn koͤn - nen, gaͤnzlich fuͤr gleichartig zu halten. Conſequent zu ſeyn, iſt die groͤßte Obliegenheit eines Philoſophen, und wird doch am ſeltenſten angetroffen. Die alten griechiſchen Schulen geben uns davon mehr Beyſpiele, als wir in unſerem ſyncretiſtiſchen Zeitalter antreffen, wo ein gewiſſes Coalitionsſyſtem wider - ſprechender Grundſaͤtze voll Unredlichkeit und Seichtigkeit er - kuͤnſtelt wird, weil es ſich einem Publicum beſſer empfiehlt, das zufrieden iſt, von allem Etwas, und im Ganzen nichts zu wiſſen, und dabey in allen Saͤtteln gerecht zu ſeyn. Das Princip der eigenen Gluͤckſeligkeit, ſo viel Verſtand und Vernunft bey ihm auch gebraucht werden mag, wuͤrde doch fuͤr den Willen keine andere Beſtimmungsgruͤnde, als die dem unteren Be - gehrungsvermoͤgen angemeſſen ſind, in ſich faſſen, und es giebt alſo entweder gar kein Begehrungsvermoͤgen, oder reine Ver - nunft muß fuͤr ſich allein practiſch ſeyn, d. i. ohne Voraus - ſetzung irgend eines Gefuͤhls, mithin ohne Vorſtellungen des Angenehmen oder Unangenehmen, als der Materie des Be - gehrungsvermoͤgens, die jederzeit eine empiriſche Bedingung der Principien iſt, durch die bloße Form der practiſchen Regelden45der reinen practiſchen Vernunft.den Willen beſtimmen koͤnnen. Alsdenn allein iſt Vernunft nur, ſo fern ſie fuͤr ſich ſelbſt den Willen beſtimmt, (nicht im Dienſte der Neigungen iſt,) ein wahres oberes Begehrungs - vermoͤgen, dem das pathologiſch beſtimmbare untergeordnet iſt, und wirklich, ja ſpecifiſch von dieſem unterſchieden, ſo daß ſogar die mindeſte Beymiſchung von den Antrieben der letzteren ihrer Staͤrke und Vorzuge Abbruch thut, ſo wie das mindeſte Empiriſche, als Bedingung in einer mathematiſchen Demon - ſtration, ihre Wuͤrde und Nachdruck herabſetzt und vernichtet. Die Vernunft beſtimmt in einem practiſchen Geſetze unmittel - bar den Willen, nicht vermittelſt eines dazwiſchen kommenden Gefuͤhls der Luſt und Unluſt, ſelbſt nicht an dieſem Geſetze, und nur, daß ſie als reine Vernunft practiſch ſeyn kann, macht es ihr moͤglich, geſetzgebend zu ſeyn.

Anmerkung II.

Gluͤcklich zu ſeyn, iſt nothwendig das Verlangen jedes vernuͤnftigen aber endlichen Weſens, und alſo ein unvermeidli - cher Beſtimmungsgrund ſeines Begehrungsvermoͤgens. Denn die Zufriedenheit mit ſeinem ganzen Daſeyn iſt nicht etwa ein urſpruͤnglicher Beſitz, und eine Seligkeit, welche ein Bewußt - ſeyn ſeiner unabhaͤngigen Selbſtgenugſamkeit vorausſetzen wuͤr - de, ſondern ein durch ſeine endliche Natur ſelbſt ihm aufge - drungenes Problem, weil es beduͤrftig iſt, und dieſes Be - duͤrfniß betrift die Materie ſeines Begehrungsvermoͤgens, d. i. etwas, was ſich auf ein ſubjectiv zum Grunde liegendes Ge - fuͤhl der Luſt oder Unluſt bezieht, dadurch das, was es zur Zufriedenheit mit ſeinem Zuſtande bedarf, beſtimmt wird. Aber eben darum, weil dieſer materiale Beſtimmungsgrund von dem Subjecte blos empiriſch erkannt werden kann, iſt es unmoͤglich dieſe Aufgabe als ein Geſetz zu betrachten, weil die - ſes als objectiv in allen Faͤllen und fuͤr alle vernuͤnftige Weſeneben46I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzeneben denſelben Beſtimmungsgrund des Willens enthal - ten muͤßte. Denn obgleich der Begriff der Gluͤckſeligkeit der practiſchen Beziehung der Objecte aufs Begehrungsvermoͤgen allerwerts zum Grunde liegt, ſo iſt er doch nur der allgemei - ne Titel der ſubjectiven Beſtimmungsgruͤnde, und beſtimmt nichts ſpecifiſch, darum es doch in dieſer practiſchen Aufgabe allein zu thun iſt, und ohne welche Beſtimmung ſie gar nicht aufgeloͤſet werden kann. Worin nemlich jeder ſeine Gluͤck - ſeligkeit zu ſetzen habe, kommt auf jedes ſein beſonderes Ge - fuͤhl der Luſt und Unluſt an, und ſelbſt in einem und demſelben Subject auf die Verſchiedenheit der Beduͤrfniß, nach den Ab - aͤnderungen dieſes Gefuͤhls, und ein ſubjectiv nothwendiges Geſetz (als Naturgeſetz) iſt alſo objectiv ein gar ſehr zufaͤl - liges practiſches Princip, das in verſchiedenen Subjecten ſehr verſchieden ſeyn kann und muß, mithin niemals ein Geſetz ab - geben kann, weil es, bey der Begierde nach Gluͤckſeligkeit, nicht auf die Form der Geſetzmaͤßigkeit, ſondern lediglich auf die Materie ankommt, nemlich ob und wie viel Vergnuͤgen ich in der Befolgung des Geſetzes zu erwarten habe. Princi - pien der Selbſtliebe koͤnnen zwar allgemeine Regeln der Ge - ſchicklichkeit (Mittel zu Abſichten auszufinden) enthalten, als - denn ſind es aber blos theoretiſche Principien*)Saͤtze, welche in der Mathematik oder Naturlehre practiſch genannt werden, ſollten eigentlich techniſch heißen. Denn um die Willensbeſtimmung iſt es dieſen Lehren gar nicht zu thun; ſie zeigen nur das Mannigfaltige der moͤglichen Hand - lung an, welches eine gewiſſe Wirkung hervorzubringen hin - reichend iſt, und ſind alſo eben ſo theoretiſch, als alle Saͤtze, welche die Verknuͤpfung der Urſache mit einer Wirkung aus - ſagen. Wem nun die letztere beliebt, der muß ſich auch ge - fallen laſſen, die, erſtere zu ſeyn., z. B. wieder -47der reinen practiſchen Vernunft.derjenige, der gerne Brodt eſſen moͤchte, ſich eine Muͤhle aus - zudenken habe). Aber practiſche Vorſchriften, die ſich auf ſie gruͤnden, koͤnnen niemals allgemein ſeyn, denn der Beſtim - mungsgrund des Begehrungsvermoͤgens iſt auf das Gefuͤhl der Luſt und Unluſt, das niemals als allgemein auf dieſelben Gegenſtaͤnde gerichtet, angenommen werden kann, gegruͤndet.

Aber geſetzt, endliche vernuͤnftige Weſen daͤchten auch in Anſehung deſſen, was ſie fuͤr Objecte ihrer Gefuͤhle des Vergnuͤgens oder Schmerzens anzunehmen haͤtten, imgleichen ſogar in Anſehung der Mittel, deren ſie ſich bedienen muͤſſen, um die erſtern zu erreichen, die andern abzuhalten, durchgehends einerley, ſo wuͤrde das Princip der Selbſtliebe dennoch von ihnen durchaus fuͤr kein practiſches Geſetz ausgegeben werden koͤnnen; denn dieſe Einhelligkeit waͤre ſelbſt doch nur zufaͤllig. Der Beſtimmungsgrund waͤre immer doch nur ſub - jectiv guͤltig und blos empiriſch, und haͤtte diejenige Nothwen - digkeit nicht, die in einem jeden Geſetze gedacht wird, nem - lich die objective aus Gruͤnden a priori; man muͤßte denn dieſe Nothwendigkeit gar nicht fuͤr practiſch, ſondern fuͤr blos phy - ſiſch ausgeben, nemlich daß die Handlung durch unſere Nei - gung uns eben ſo unausbleiblich abgenoͤthigt wuͤrde, als das Gaͤhnen, wenn wir andere gaͤhnen ſehen. Man wuͤrde eher behaupten koͤnnen, daß es gar keine practiſche Geſetze gebe, ſondern nur Anrathungen zum Behuf unſerer Begierden, als daß blos ſubjective Principien zum Range practiſcher Geſetze erhoben wuͤrden, die durchaus objective und nicht blos ſubjective Nothwendigkeit haben, und durch Vernunft a priori, nicht durch Erfahrung (ſo empiriſch allgemein dieſe auch ſeyn mag) erkannt ſeyn muͤſſen. Selbſt die Regeln einſtimmiger Erſchei - nungen werden nur Naturgeſetze (z. B. die mechaniſchen) ge - nannt, wenn man ſie entweder wirklich a priori erkennt, oderdoch48I. Th. I. B. I Hauptſt. Von den Grundſaͤtzendoch (wie bey den chemiſchen) annimmt, ſie wuͤrden a priori aus objectiven Gruͤnden erkannt werden, wenn unſere Einſicht tiefer gienge. Allein bey blos ſubjectiven practiſchen Princi - pien wird das ausdruͤcklich zur Bedingung gemacht, daß ihnen nicht objective, ſondern ſubjective Bedingungen der Willkuͤhr zum Grunde liegen muͤſſen; mithin, daß ſie jederzeit nur als bloße Maximen, niemals aber als practiſche Geſetze, vorſtellig gemacht werden duͤrfen. Dieſe letztere Anmerkung ſcheint beym erſten Anblicke bloße Wortklauberey zu ſeyn; allein die Wort - beſtimmung des allerwichtigſten Unterſchiedes, der nur in pra - ctiſchen Unterſuchungen in Betrachtung kommen mag.

§. 4. Lehrſatz III.

Wenn ein vernuͤnftiges Weſen ſich ſeine Maximen als practiſche allgemeine Geſetze denken ſoll, ſo kann es ſich dieſelbe nur als ſolche Principien denken, die nicht der Materie, ſondern blos der Form nach, den Beſtimmungsgrund des Willens enthalten.

Die Materie eines practiſchen Princips iſt der Ge - genſtand des Willens. Dieſer iſt entweder der Beſtim - mungsgrund des letzteren, oder nicht. Iſt er der Be - ſtimmungsgrund deſſelben, ſo wuͤrde die Regel des Wil - lens einer empiriſchen Bedingung (dem Verhaͤltniſſe der beſtimmenden Vorſtellung zum Gefuͤhle der Luſt und Unluſt) unterworfen, folglich kein practiſches Ge - ſetz ſeyn. Nun bleibt von einem Geſetze, wenn man alle Materie, d. i. jeden Gegenſtand des Willens (als Beſtimmungsgrund) davon abſondert, nichts uͤbrig,als49der reinen practiſchen Vernunft.als die bloße Form einer allgemeinen Geſetzgebung. Alſo kann ein vernuͤnftiges Weſen ſich ſeine ſubjectiv - practiſche Principien, d. i. Maximen, entweder gar nicht zugleich als allgemeine Geſetze denken, oder es muß an - nehmen, daß die bloße Form derſelben, nach der jene ſich zur allgemeinen Geſetzgebung ſchicken, ſie fuͤr ſich allein zum practiſchen Geſetze mache.

Anmerkung.

Welche Form in der Maxime ſich zur allgemeinen Geſetz - gebung ſchicke, welche nicht, das kann der gemeinſte Verſtand ohne Unterweiſung unterſcheiden. Ich habe z. B. es mir zur Maxime gemacht, mein Vermoͤgen durch alle ſichere Mittel zu vergroͤßern. Jetzt iſt ein Depoſitum in meinen Haͤnden, deſſen Eigenthuͤmer verſtorben iſt und keine Handſchrift dar - uͤber zuruͤckgelaſſen hat. Natuͤrlicherweiſe iſt dies der Fall meiner Maxime. Jetzt will ich nur wiſſen, ob jene Maxime auch als allgemeines practiſches Geſetz gelten koͤnne. Ich wende jene alſo auf gegenwaͤrtigen Fall an, und frage, ob ſie wol die Form eines Geſetzes annehmen, mithin ich wol durch meine Maxime zugleich ein ſolches Geſetz geben koͤnnte: daß jedermann ein Depoſitum ableugnen duͤrfe, deſſen Nieder - legung ihm niemand beweiſen kann. Ich werde ſofort gewahr, daß ein ſolches Princip, als Geſetz, ſich ſelbſt vernichten wuͤr - de, weil es machen wuͤrde, daß es gar kein Depoſitum gaͤbe. Ein practiſches Geſetz, was ich dafuͤr erkenne, muß ſich zur allgemeinen Geſetzgebung qualificiren; dies iſt ein identiſcher Satz und alſo fuͤr ſich klar. Sage ich nun, mein Wille ſteht unter einem practiſchen Geſetze, ſo kann ich nicht meine Nei - gung (z. B. im gegenwaͤrtigen Falle meine Habſucht) als den zu einem allgemeinen practiſchen Geſetze ſchicklichen Beſtim -Kants Crit. d. pract. Vern. Dmungs -50I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzenmungsgrund deſſelben anfuͤhren; denn dieſe, weit gefehlt, daß ſie zu einer allgemeinen Geſetzgebung tauglich ſeyn ſollte, ſo muß ſie vielmehr in der Form eines allgemeinen Geſetzes ſich ſelbſt aufreiben.

Es iſt daher wunderlich, wie, da die Begierde zur Gluͤckſeligkeit, mithin auch die Maxime, dadurch ſich jeder dieſe letztere zum Beſtimmungsgrunde ſeines Willens ſetzt, allgemein iſt, es verſtaͤndigen Maͤnnern habe in den Sinn kommen koͤnnen, es darum fuͤr ein allgemein practiſches Ge - ſetz auszugeben. Denn da ſonſt ein allgemeines Naturgeſetz alles einſtimmig macht, ſo wuͤrde hier, wenn man der Ma - xime die Allgemeinheit eines Geſetzes geben wollte, grade das aͤußerſte Widerſpiel der Einſtimmung, der aͤrgſte Widerſtreit und die gaͤnzliche Vernichtung der Maxime ſelbſt und ihrer Abſicht erfolgen. Denn der Wille Aller hat alsdenn nicht ein und daſſelbe Object, ſondern ein jeder hat das ſeinige (ſein eigenes Wohlbefinden), welches ſich zwar zufaͤlligerweiſe, auch mit anderer ihren Abſichten, die ſie gleichfalls auf ſich ſelbſt richten, vertragen kann, aber lange nicht zum Geſetze hinrei - chend iſt, weil die Ausnahmen, die man gelegentlich zu ma - chen befugt iſt, endlos ſind, und gar nicht beſtimmt in eine allgemeine Regel befaßt werden koͤnnen. Es kommt auf dieſe Art eine Harmonie heraus, die derjenigen aͤhnlich iſt, welche ein gewiſſes Spottgedicht auf die Seeleneintracht zweyer ſich zu Grunde richtenden Eheleute ſchildert: O wundervolle Harmonie, was er will, will auch ſie etc. oder was von der Anheiſchigmachung Koͤnig Franz des Erſten gegen Kaiſer Carl den Fuͤnften erzaͤhlt wird: was mein Bruder Carl haben will, (Mayland) das will ich auch haben. Empiriſche Be - ſtimmungsgruͤnde taugen zu keiner allgemeinen aͤußeren Geſetz - gebung, aber auch eben ſo wenig zur innern; denn jeder legtſein51der reinen practiſchen Vernunft.ſein Subject, ein anderer aber ein anderes Subject der Nei - gung zum Grunde, und in jedem Subject ſelber iſt bald die, bald eine andere im Vorzuge des Einfluſſes. Ein Geſetz aus - findig zu machen, das ſie insgeſamt unter dieſer Bedingung, nemlich mit allerſeitiger Einſtimmung, regierte, iſt ſchlechter - dings unmoͤglich.

§. 5. Aufgabe I.

Vorausgeſetzt, daß die bloße geſetzgebende Form der Maximen allein der zureichende Beſtimmungsgrund eines Willens ſey: die Beſchaffenheit desjenigen Wil - lens zu finden, der dadurch allein beſtimmbar iſt.

Da die bloße Form des Geſetzes lediglich von der Vernunft vorgeſtellt werden kann, und mithin kein Ge - genſtand der Sinne iſt, folglich auch nicht unter die Erſcheinungen gehoͤrt; ſo iſt die Vorſtellung derſelben als Beſtimmungsgrund des Willens von allen Beſtim - mungsgruͤnden der Begebenheiten in der Natur nach dem Geſetze der Cauſalitaͤt unterſchieden, weil bey die - ſen die beſtimmenden Gruͤnde ſelbſt Erſcheinungen ſeyn muͤſſen. Wenn aber auch kein anderer Beſtimmungs - grund des Willens fuͤr dieſen zum Geſetz dienen kann, als blos jene allgemeine geſetzgebende Form; ſo muß ein ſolcher Wille als gaͤnzlich unabhaͤngig von dem Na - turgeſetz der Erſcheinungen, nemlich dem Geſetze der Cauſalitaͤt, beziehungsweiſe auf einander, gedacht wer - den. Eine ſolche Unabhaͤngigkeit aber heißt Freyheit im ſtrengſten d. i. transſcendentalen Verſtande. AlſoD 2iſt52I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzeniſt ein Wille, dem die bloße geſetzgebende Form der Maxime allein zum Geſetze dienen kann, ein freyer Wille.

§. 6. Aufgabe II.

Vorausgeſetzt, daß ein Wille frey ſey, das Geſetz zu finden, welches ihn allein nothwendig zu beſtimmen tauglich iſt.

Da die Materie des practiſchen Geſetzes, d. i. ein Object der Maxime, niemals anders als empiriſch ge - geben werden kann, der freye Wille aber, als von em - piriſchen (d. i. zur Sinnenwelt gehoͤrigen) Bedingun - gen unabhaͤngig, dennoch beſtimmbar ſeyn muß; ſo muß ein freyer Wille, unabhaͤngig von der Materie des Geſetzes, dennoch einen Beſtimmungsgrund in dem Geſetze antreffen. Es iſt aber, außer der Materie des Geſetzes, nichts weiter in demſelben, als die geſetzge - bende Form enthalten. Alſo iſt die geſetzgebende Form, ſo fern ſie in der Maxime enthalten iſt, das einzige, was einen Beſtimmungsgrund des Willens ausmachen kann.

Anmerkung.

Freyheit und unbedingtes practiſches Geſetz weiſen alſo wechſelsweiſe auf einander zuruͤck. Ich frage hier nun nicht: ob ſie auch in der That verſchieden ſeyn, und nicht vielmehr ein unbedingtes Geſetz blos das Selbſtbewußtſeyn einer reinen practiſchen Vernunft, dieſe aber ganz einerley mit dem poſiti - ven Begriffe der Freyheit ſey; ſondern wovon unſere Er - kenntniß des unbedingt-Practiſchen anhebe, ob von derFreyheit53der reinen practiſchen Vernunft.Freyheit, oder dem practiſchen Geſetze. Von der Freyheit kann es nicht anheben; denn deren koͤnnen wir uns weder unmittel - bar bewußt werden, weil ſein erſter Begriff negativ iſt, noch darauf aus der Erfahrung ſchließen, denn Erfahrung giebt uns nur das Geſetz der Erſcheinungen, mithin den Mechanism der Natur, das gerade Widerſpiel der Freyheit, zu erkennen. Alſo iſt es das moraliſche Geſetz, deſſen wir uns unmittel - bar bewußt werden (ſo bald wir uns Maximen des Willens entwerfen), welches ſich uns zuerſt darbietet, und, indem die Vernunft jenes als einen durch keine ſinnliche Bedingungen zu uͤberwiegenden, ja davon gaͤnzlich unabhaͤngigen Beſtim - mungsgrund darſtellt, gerade auf den Begriff der. Freyheit fuͤhrt. Wie iſt aber auch das Bewußtſeyn jenes moraliſchen Geſetzes moͤglich? Wir koͤnnen uns reiner practiſcher Geſetze bewußt werden, eben ſo, wie wir uns reiner theoretiſcher Grundſaͤtze bewußt ſind, indem wir auf die Nothwendigkeit, womit ſie uns die Vernunft vorſchreibt, und auf Abſonderung aller empiriſchen Bedingungen, dazu uns jene hinweiſet, Acht haben. Der Begriff eines reinen Willens entſpringt aus den erſteren, wie das Bewußtſeyn eines reinen Verſtandes aus dem letzteren. Daß dieſes die wahre Unterordung unſerer Begriffe ſey, und Sittlichkeit uns zuerſt den Begriff der Frey - heit entdecke, mithin practiſche Vernunft zuerſt der ſpecula - tiven das unaufloͤslichſte Problem mit dieſem Begriffe auf - ſtelle, um ſie durch denſelben in die groͤßte Verlegenheit zu ſetzen, erhellet ſchon daraus: daß, da aus dem Begriffe der Freyheit in den Erſcheinungen nichts erklaͤrt werden kann, ſondern hier immer Naturmechanism den Leitfaden ausmachen muß, uͤberdem auch die Antinomie der reinen Vernunft, wenn ſie zum Unbedingten in der Reihe der Urſachen aufſteigen will, ſich, bey einem ſo ſehr wie bey dem andern, in Unbegreiflich -D 3keiten54I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzenkeiten verwickelt, indeſſen daß doch der letztere (Mechanism) wenigſtens Brauchbarkeit in Erklaͤrung der Erſcheinungen hat, man niemals zu dem Wagſtuͤcke gekommen ſeyn wuͤrde, Freyheit in die Wiſſenſchaft einzufuͤhren, waͤre nicht das Sit - tengeſetz und mit ihm practiſche Vernunft dazu gekommen und hatte uns dieſen Begriff nicht aufgedrungen. Aber auch die Erfahrung beſtaͤtigt dieſe Ordnung der Begriffe in uns. Setzet, daß jemand von ſeiner wolluͤſtigen Neigung vorgiebt, ſie ſey, wenn ihm der beliebte Gegenſtand und die Gelegenheit dazu vorkaͤmen, fuͤr ihn ganz unwiderſtehlich, ob, wenn ein Galgen vor dem Hauſe, da er dieſe Gelegenheit trifft, aufge - richtet waͤre, um ihn ſogleich nach genoſſener Wolluſt daran zu knuͤpfen, er alsdenn nicht ſeine Neigung bezwingen wuͤrde. Man darf nicht lange rathen, was er antworten wuͤrde. Fragt ihn aber, ob, wenn ſein Fuͤrſt ihm, unter Androhung derſel - ben unverzoͤgerten Todesſtrafe, zumuthete, ein falſches Zeug - niß wider einen ehrlichen Mann, den er gerne unter ſcheinbaren Vorwaͤnden verderben moͤchte, abzulegen, ob er da, ſo groß auch ſeine Liebe zum Leben ſeyn mag, ſie wol zu uͤberwinden fuͤr moͤglich halte. Ob er es thun wuͤrde, oder nicht, wird er vielleicht ſich nicht getrauen zu verſichern; daß es ihm aber moͤglich ſey, muß er ohne Bedenken einraͤumen. Er urtheilet alſo, daß er etwas kann, darum weil er ſich bewußt iſt, daß er es ſoll, und erkennt in ſich die Freyheit, die ihm ſonſt ohne das moraliſche Geſetz unbekannt geblieben waͤre.

§. 7. Grundgeſetz der reinen practiſchen Vernunft.

Handle ſo, daß die Maxime deines Willens jeder - zeit zugleich als Princip einer allgemeinen Geſetzgebung gelten koͤnne.

Anmer -55der reinen practiſchen Vernunft.
Anmerkung.

Die reine Geometrie hat Poſtulate als practiſche Saͤt〈…〉〈…〉 e, die aber nichts weiter enthalten, als die Vorausſetzung, daß man etwas thun koͤnne, wenn etwa gefodert wuͤrde, man ſolle es thun, und dieſe ſind die einzigen Saͤtze derſelben, die ein Daſeyn betreffen. Es ſind alſo practiſche Regeln unter einer problematiſchen Bedingung des Willens. Hier aber ſagt die Regel: man ſolle ſchlechthin auf gewiſſe Weiſe verfahren. Die practiſche Regel iſt alſo unbedingt, mithin, als catego - riſch practiſcher Satz, a priori vorgeſtellt, wodurch der Wille ſchlechterdings und unmittelbar (durch die practiſche Regel ſelbſt, die alſo hier Geſetz iſt,) objectiv beſtimmt wird. Denn reine, an ſich practiſche Vernunft iſt hier unmittelbar ge - ſetzgebend. Der Wille wird als unabhaͤngig von empiriſchen Bedingungen, mithin als reiner Wille, durch die bloße Form des Geſetzes als beſtimmt gedacht, und dieſer Beſtimmungs - grund als die oberſte Bedingung aller Maximen angeſehen. Die Sache iſt befremdlich genug, und hat ihres gleichen in der ganzen uͤbrigen practiſchen Erkenntniß nicht. Denn der Ge - danke a priori von einer moͤglichen allgemeinen Geſetzgebung, der alſo blos problematiſch iſt, wird, ohne von der Erfahrung oder irgend einem aͤußeren Willen etwas zu entlehnen, als Geſetz unbedingt geboten. Es iſt aber auch nicht eine Vor - ſchrift, nach welcher eine Handlung geſchehen ſoll, dadurch eine begehrte Wirkung moͤglich iſt, (denn da waͤre die Regel immer phyſiſch bedingt,) ſondern eine Regel, die blos den Willen, in Anſehung der Form ſeiner Maximen, a priori beſtimmt, und da iſt ein Geſetz, welches blos zum Behuf der ſubjectiven Form der Grundſaͤtze dient, als Beſtimmungs - grund durch die objective Form eines Geſetzes uͤberhaupt, wenigſtens zu denken, nicht unmoͤglich. Man kann das Be -D 4wußt -56I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzenwußtſeyn dieſes Grundgeſetzes ein Factum der Vernunft nen - nen, weil man es nicht aus[vorhergehenden] Datis der Ver - nunft, z. B. dem Bewußtſeyn der Freyheit (denn dieſes iſt uns nicht vorher gegeben), herausvernuͤnfteln kann, ſondern weil es ſich fuͤr ſich ſelbſt uns aufdringt als ſynthetiſcher Satz a priori, der auf keiner, wed er reinen noch empiriſchen An - ſchauung gegruͤndet iſt, ob er gleich analytiſch ſeyn wuͤrde, wenn man die Freyheit des Willens vorausſetzte, wozu aber, als poſitivem Begriffe, eine intellectuelle Anſchauung erfodert werden wuͤrde, die man hier gar nicht annehmen darf. Doch muß man, um dieſes Geſetz ohne Mißdeutung als gegeben anzuſehen, wohl bemerken: daß es kein empiriſches, ſondern das einzige Factum der reinen Vernunft ſey, die ſich dadurch als urſpruͤnglich geſetzgebend (ſic volo, ſic jubeo,) ankuͤndigt.

Folgerung.

Reine Vernunft iſt fuͤr ſich allein practiſch, und giebt (dem Menſchen) ein allgemeines Geſetz, welches wir das Sittengeſetz nennen.

Anmerkung.

Das vorher genannte Factum iſt unleugbar. Man darf nur das Urtheil zergliedern, welches die Menſchen uͤber die Geſetzmaͤßigkeit ihrer Handlungen faͤllen: ſo wird man jeder - zeit finden, daß, was auch die Neigung dazwiſchen ſprechen mag, ihre Vernunft dennoch, unbeſtechlich und durch ſich ſelbſt gezwungen, die Maxime des Willeus bey einer Handlung je - derzeit an den reinen Willen halte, d. i. an ſich ſelbſt, indem ſie ſich als a priori practiſch betrachtet. Dieſes Princip der Sittlichkeit nun, eben um der Allgemeinheit der Geſetzgebung willen, die es zum formalen oberſten Beſtimmungsgrunde des Willens, unangeſehen aller ſubjectiven Verſchiedenheiten deſ -ſelben,57der reinen practiſchen Vernunft.ſelben, macht, erklaͤrt die Vernunft zugleich zu einem Geſetze fuͤr alle vernuͤnftige Weſen, ſo fern ſie uͤberhaupt einen Willen d. i. ein Vermoͤgen haben, ihre Cauſalitaͤt durch die Vorſtel - lung von Regeln zu beſtimmen, mithin ſo fern ſie der Hand - lungen nach Grundſaͤtzen, folglich auch nach practiſchen Prin - cipien a priori (denn dieſe haben allein diejenige Nothwendig - keit, welche die Vernunft zum Grundſatze fodert), faͤhig ſeyn. Es ſchraͤnkt ſich alſo nicht blos auf Menſchen ein, ſondern geht auf alle endliche Weſen, die Vernunft und Willen haben, ja ſchließt ſogar das unendliche Weſen, als oberſte Intelligenz, mit ein. Im erſteren Falle aber hat das Geſetz die Form ei - nes Imperativs, weil man an jenem zwar, als vernuͤnftigem Weſen, einen reinen, aber, als mit Beduͤrfniſſen und ſinn - lichen Bewegurſachen afficirtem Weſen, keinen heiligen Wil - len, d. i. einen ſolchen, der keiner dem moraliſchen Geſetze widerſtreitenden Maximen faͤhig waͤre, vorausſetzen kann. Das moraliſche Geſetz iſt daher bey jenen ein Imperativ, der categoriſch gebietet, weil das Geſetz unbedingt iſt; das Ver - haͤltniß eines ſolchen Willens zu dieſem Geſetze iſt Abhaͤngig - keit, unter dem Namen der Verbindlichkeit, welche eine Noͤ - thigung, obzwar durch bloße Vernunft und deſſen objectives Geſetz, zu einer Handlung bedeutet, die darum Pflicht heißt, weil eine pathologiſch afficirte (obgleich dadurch nicht beſtimm - te, mithin auch immer freye) Willkuͤhr, einen Wunſch bey ſich fuͤhrt, der aus ſubjectiven Urſachen entſpringt, daher auch dem reinen objectiven Beſtimmungsgrunde oft entgegen ſeyn kann, und alſo eines Widerſtandes der practiſchen Vernunft, der ein innerer, aber intellectueller, Zwang genannt werden kann, als moraliſcher Noͤthigung bedarf. In der allergnug - ſamſten Intelligenz wird die Willkuͤhr, als keiner Maxime faͤhig, die nicht zugleich objectiv Geſetz ſeyn konnte, mit RechtD 5vor -58I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzenvorgeſtellt, und der Begriff der Heiligkeit, der ihr um des - willen zukommt, ſetzt ſie zwar nicht uͤber alle practiſche, aber doch uͤber alle practiſch-einſchraͤnkende Geſetze, mithin Ver - bindlichkeit und Pflicht weg. Dieſe Heiligkeit des Willens iſt gleichwol eine practiſche Idee, welche nothwendig zum Ur - bilde dienen muß, welchem ſich ins Unendliche zu naͤhern das einzige iſt, was allen endlichen vernuͤnftigen Weſen zuſteht, und welche das reine Sittengeſetz, das darum ſelbſt heilig heißt, ihnen beſtaͤndig und richtig vor Augen haͤlt, von wel - chem ins Unendliche gehenden Progreſſus ſeiner Maximen und Unwandelbarkeit derſelben zum beſtaͤndigen Fortſchreiten ſicher zu ſeyn, d. i. Tugend, das hoͤchſte iſt, was endliche practiſche Vernunft bewirken kann, die ſelbſt wiederum wenigſtens als natuͤrlich erworbenes Vermoͤgen nie vollendet ſeyn kann, weil die Sicherheit in ſolchem Falle niemals apodictiſche Gewißheit wird, und als Ueberredung ſehr gefaͤhrlich iſt.

§. 8. Lehrſatz IV.

Die Avtonomie des Willens iſt das alleinige Princip aller moraliſchen Geſetze und der ihnen gemaͤßen Pflichten: Alle Heteronomie der Willkuͤhr gruͤndet da - gegen nicht allein gar keine Verbindlichkeit, ſondern iſt vielmehr dem Princip derſelben und der Sittlichkeit des Willens entgegen. In der Unabhaͤngigkeit nemlich von aller Materie des Geſetzes (nemlich einem begehrten Objecte) und zugleich doch Beſtimmung der Willkuͤhr durch die bloße allgemeine geſetzgebende Form, deren eine Maxime faͤhig ſeyn muß, beſteht das alleinige Princip der Sittlichkeit. Jene Unabhaͤngigkeit aberiſt59der reinen practiſchen Vernunft.iſt Freyheit im negativen, dieſe eigene Geſetzgebung aber der reinen, und als ſolche, practiſchen Vernunft, iſt Freyheit im poſitiven Verſtande. Alſo druͤckt das moraliſche Geſetz nichts anders aus, als die Avtonomie der reinen practiſchen Vernunft, d. i. der Freyheit, und dieſe iſt ſelbſt die formale Bedingung aller Maximen, unter der ſie allein mit dem oberſten practiſchen Geſetze zuſammenſtimmen koͤnnen. Wenn daher die Materie des Wollens, welche nichts anders, als das Object ei - ner Begierde ſeyn kann, die mit dem Geſetz verbunden wird, in das practiſche Geſetz als Bedingung der Moͤglichkeit deſſelben hineinkommt, ſo wird daraus Heteronomie der Willkuͤhr, nemlich Ab - haͤngigkeit vom Naturgeſetze, irgend einem Antriebe oder Neigung zu folgen, und der Wille giebt ſich nicht ſelbſt das Geſetz, ſondern nur die Vorſchrift zur ver - nuͤnftigen Befolgung pathologiſcher Geſetze; die Ma - xime aber die auf ſolche Weiſe niemals die allgemein - geſetzgebende Form in ſich enthalten kann, ſtiftet auf dieſe Weiſe nicht allein keine Verbindlichkeit, ſondern iſt ſelbſt dem Princip einer reinen practiſchen Vernunft, hiemit alſo auch der ſittlichen Geſinnung entgegen, wenn gleich die Handlung, die daraus entſpringt, geſetzmaͤ - ßig ſeyn ſollte.

Anmerkung I.

Zum practiſchen Geſetze muß alſo niemals eine practiſche Vorſchrift gezaͤhlt werden, die eine materiale (mithin empi -riſche)60I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzenriſche) Bedingung bey ſich fuͤhrt. Denn das Geſetz des reinen Willens, der frey iſt, ſetzt dieſen in eine ganz andere Sphaͤre, als die empiriſche, und die Nothwendigkeit, die es ausdruͤckt, da ſie keine Naturnothwendigkeit ſeyn ſoll, kann alſo blos in formalen Bedingungen der Moͤglichkeit eines Geſetzes uͤber - haupt beſtehen. Alle Materie practiſcher Regeln beruht im - mer auf ſubjectiven Bedingungen, die ihr keine Allgemeinheit fuͤr vernuͤnftige Weſen, als lediglich die bedingte (im Falle ich dieſes oder jenes begehre, was ich alsdenn thun muͤſſe, um es wirklich zu machen,) verſchaffen, und ſie drehen ſich insgeſamt um das Princip der eigenen Gluͤckſeligkeit. Nun iſt freylich unleugbar, daß alles Wollen auch einen Ge - genſtand, mithin eine Materie haben muͤſſe; aber dieſe iſt darum nicht eben der Beſtimmungsgrund und Bedingung der Maxime; denn, iſt ſie es, ſo laͤßt dieſe ſich nicht in allgemein geſetzgebender Form darſtellen, weil die Erwartung der Exiſtenz des Gegenſtandes alsdenn die beſtimmende Urſache der Will - kuͤhr ſeyn wuͤrde, und die Abhaͤngigkeit des Begehrungsver - moͤgens von der Exiſtenz irgend einer Sache dem Wollen zum Grunde gelegt werden muͤßte, welche immer nur in empiri - ſchen Bedingungen geſucht werden, und daher niemals den Grund zu einer nothwendigen und allgemeinen Regel abgeben kann. So wird fremder Weſen Gluͤckſeligkeit das Object des Willens eines vernuͤnftigen Weſens ſeyn koͤnnen. Waͤre ſie aber der Beſtimmungsgrund der Maxime, ſo muͤßte man vor - ausſetzen, daß wir in dem Wohlſeyn anderer nicht allein ein natuͤrliches Vergnuͤgen, ſondern auch ein Beduͤrfniß finden, ſo wie die ſympathetiſche Sinnesart bey Menſchen es mit ſich bringt. Aber dieſes Beduͤrfniß kann ich nicht bey jedem ver - nuͤnftigen Weſen (bey Gott gar nicht) vorausſetzen. Alſo kann zwar die Materie der Maxime bleiben, ſie muß abernicht61der reinen practiſchen Vernunft.nicht die Bedingung derſelben ſeyn, denn ſonſt wuͤrde dieſe nicht zum Geſetze taugen. Alſo die bloße Form eines Geſetzes, welches die Materie einſchraͤnkt, muß zugleich ein Grund ſeyn, dieſe Materie zum Willen hinzuzufuͤgen, aber ſie nicht voraus - zuſetzen. Die Materie ſey z. B. meine eigene Gluͤckſeligkeit. Dieſe, wenn ich ſie jedem beylege (wie ich es denn in der That bey endlichen Weſen thun darf) kann nur alsdenn ein objecti - ves practiſches Geſetz werden, wenn ich anderer ihre in die - ſelbe mit einſchließe. Alſo entſpringt das Geſetz, anderer Gluͤckſeligkeit zu befoͤrdern, nicht von der Vorausſetzung, daß dieſes ein Object fuͤr jedes ſeine Willkuͤhr ſey, ſondern blos daraus, daß die Form der Allgemeinheit, die die Vernunft als Bedingung bedarf, einer Maxime der Selbſtliebe die objective Guͤltigkeit eines Geſetzes zu geben, der Beſtimmungsgrund des Willens wird, und alſo war das Object (anderer Gluͤckſelig - keit) nicht der Beſtimmungsgrund des reinen Willens, ſon - dern die bloße geſetzliche Form war es allein, dadurch ich meine auf Neigung gegruͤndete Maxime einſchraͤnkte, um ihr die All - gemeinheit eines Geſetzes zu verſchaffen, und ſie ſo der reinen practiſchen Vernunft angemeſſen zu machen, aus welcher Ein - ſchraͤnkung, und nicht dem Zuſatz einer aͤußeren Triebfeder, alsdenn der Begriff der Verbindlichkeit, die Maxime mei - ner Selbſtliebe auch auf die Gluͤckſeligkeit anderer zu erwei - tern, allein entſpringen koͤnnte.

Anmerkung II.

Das gerade Widerſpiel des Princips der Sittlichkeit iſt: wenn das der eigenen Gluͤckſeligkeit zum Beſtimmungsgrunde des Willens gemacht wird, wozu, wie ich oben gezeigt habe, alles uͤberhaupt gezaͤhlt werden muß, was den Beſtimmungs - grund, der zum Geſetze dienen ſoll, irgend worin anders, als in der geſetzgebenden Form der Maxime ſetzt. DieſerWider -62I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den GrundſaͤtzenWiderſtreit iſt aber nicht blos logiſch, wie der zwiſchen empi - riſch-bedingten Regeln, die man doch zu nothwendigen Er - kenntnißprincipien erheben wollte, ſondern practiſch, und wuͤrde, waͤre nicht die Stimme der Vernunft in Beziehung auf den Willen ſo deutlich, ſo unuͤberſchreybar, ſelbſt fuͤr den gemein - ſten Menſchen ſo vernehmlich, die Sittlichkeit gaͤnzlich zu Grunde richten; ſo aber kann ſie ſich nur noch in den Kopf - verwirrenden Speculationen der Schulen erhalten, die dreiſt genug ſeyn, ſich gegen jene himmliſche Stimme taub zu ma - chen, um eine Theorie, die kein Kopfbrechen koſtet, aufrecht zu erhalten.

Wenn ein dir ſonſt beliebter Umgangsfreund ſich bey dir wegen eines falſchen abgelegten Zeugniſſes dadurch zu rechtfer - tigen vermeynete, daß er zuerſt die, ſeinem Vorgeben nach, heilige Pflicht der eigenen Gluͤekſeligkeit vorſchuͤtzte, alsdenn die Vortheile herzaͤhlte, die er ſich alle dadurch erworben, die Klugheit namhaft machte, die er beobachtet, um wider alle Entdeckung ſicher zu ſeyn, ſelbſt wider die von Seiten deiner ſelbſt, dem er das Geheimniß darum allein offenbaret, damit er es zu aller Zeit ableugnen koͤnne; dann aber im ganzen Ernſt vorgaͤbe, er habe eine wahre Menſchenpflicht ausgeuͤbt: ſo wuͤrdeſt du ihm entweder gerade ins Geſicht lachen, oder mit Abſcheu davon zuruͤckbeben, ob du gleich, wenn jemand blos auf eigene Vortheile ſeine Grundſaͤtze geſteuert hat, wider dieſe Maaßregeln nicht das mindeſte einzuwenden haͤtteſt. Oder ſetzet, es empfehle euch jemand einen Mann zum Haushalter, dem ihr alle eure Angelegenheiten blindlings anvertrauen koͤn - net, und, um euch Zutrauen einzufloͤßen, ruͤhmete er ihn als einen klugen Menſchen, der ſich auf ſeinen eigenen Vortheil meiſterhaft verſtehe, auch als einen raſtlos wirkſamen, der keine Gelegenheit dazu ungenutzt vorbeygehen ließe, endlich, damitauch63der reinen practiſchen Vernunft.auch ja nicht Beſorgniſſe wegen eines poͤbelhaften Eigennutzes deſſelben im Wege ſtuͤnden, ruͤhmete er, wie er recht fein zu leben verſtuͤnde, nicht im Geldſammeln oder brutaler Ueppig - keit, ſondern in der Erweiterung ſeiner Kenntniſſe, einem wohlgewaͤhlten belehrenden Umgange, ſelbſt im Wohlthun der Duͤrftigen, ſein Vergnuͤgen ſuchte, uͤbrigens aber wegen der Mittel (die doch ihren Werth oder Unwerth nur vom Zwecke entlehnen) nicht bedenklich waͤre, und fremdes Geld und Gut ihm hiezu, ſo bald er nur[wiſſe], daß er es unentdeckt und un - gehindert thun koͤnne, ſo gut wie ſein eigenes waͤre: ſo wuͤrdet ihr entweder glauben, der Empfehlende habe euch zum beſten, oder er habe den Verſtand verlohren. So deutlich und ſcharf ſind die Grenzen der Sittlichkeit und der Selbſtliebe abgeſchnitten, daß ſelbſt das gemeinſte Auge den Unterſchied, ob etwas zu der einen oder der andern gehoͤre, gar nicht verfehlen kann. Fol - gende wenige Bemerkungen koͤnnen zwar bey einer ſo offenbaren Wahrheit uͤberfluͤſſig ſcheinen, allein ſie dienen doch wenigſtens dazu, dem Urtheile der gemeinen Menſchenvernunft etwas mehr Deutlichkeit zu verſchaffen.

Das Princip der Gluͤckſeligkeit kann zwar Maximen, aber niemals ſolche abgeben, die zu Geſetzen des Willens tauglich waͤren, ſelbſt wenn man ſich die allgemeine Gluͤckſeligkeit zum Objecte machte. Denn, weil dieſer ihre Erkenntniß auf lauter Erfahrungsdatis beruht, weil jedes Urtheil daruͤber gar ſehr von jedes ſeiner Meynung, die noch dazu ſelbſt ſehr veraͤnder - lich iſt, abhaͤngt, ſo kann es wol generelle, aber niemals univerſelle Regeln, d. i. ſolche, die im Durchſchnitte am oͤf - terſten zutreffen, nicht aber ſolche, die jederzeit und nothwen - dig guͤltig ſeyn muͤſſen, geben, mithin koͤnnen keine practiſche Geſetze darauf gegruͤndet werden. Eben darum, weil hier ein Object der Willkuͤhr der Regel derſelben zum Grunde gelegtund64I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzenund alſo vor dieſer vorhergehen muß, ſo kann dieſe nicht worauf anders, als auf das, was man empfiehlt, und alſo auf Erfah - rung bezogen und darauf gegruͤndet werden, und da muß die Verſchiedenheit des Urtheils endlos ſeyn. Dieſes Princip ſchreibt alſo nicht allen vernuͤnftigen Weſen eben dieſelbe practi - ſche Regeln vor, ob ſie zwar unter einem gemeinſamen Titel, nemlich dem der Gluͤckſeligkeit, ſtehen. Das moraliſche Ge - ſetz wird aber nur darum als objectiv nothwendig gedacht, weil es fuͤr jedermann gelten ſoll, der Vernunft und Willen hat.

Die Maxime der Selbſtliebe (Klugheit) raͤth blos an; das Geſetz der Sittlichkeit gebietet. Es iſt aber doch ein großer Unterſchied zwiſchen dem, wozu man uns anraͤthig iſt, und dem, wozu wir verbindlich ſind.

Was nach dem Princip der Avtonomie der Willkuͤhr zu thun ſey, iſt fuͤr den gemeinſten Verſtand ganz leicht und ohne Bedenken einzuſehen; was unter Vorausſetzung der Heterono - mie derſelben zu thun ſey, ſchwer, und erfodert Weltkenntniß; d. i. was Pflicht ſey, bietet ſich jedermann von ſelbſt dar; was aber wahren dauerhaften Vortheil bringe, iſt allemal, wenn dieſer auf das ganze Daſeyn erſtreckt werden ſoll, in un - durchdringliches Dunkel eingehuͤllt, und erfodert viel Klugheit, um die practiſche darauf geſtimmte Regel durch geſchickte Aus - nahmen auch nur auf ertraͤgliche Art den Zwecken des Lebens anzupaſſen. Gleichwol gebietet das ſittliche Geſetz jedermann, und zwar die puͤnctlichſte, Befolgung. Es muß alſo zu der Beurtheilung deſſen, was nach ihm zu thun ſey, nicht ſo ſchwer ſeyn, daß nicht der gemeinſte und ungeuͤbteſte Verſtand ſelbſt ohne Weltklugheit damit umzugehen wuͤßte.

Dem categoriſchen Gebote der Sittlichkeit Genuͤge zu leiſten, iſt in jedes Gewalt zu aller Zeit; der empiriſch-bedingtenVor -65der reinen practiſchen Vernunft.Vorſchrift der Gluͤckſeligkeit nur ſelten, und bey weitem nicht, auch nur in Anſehung einer einzigen Abſicht, fuͤr jedermann moͤglich. Die Urſache iſt, weil es bey dem erſteren nur auf die Maxime ankommt, die aͤcht und rein ſeyn muß, bey der letzteren aber auch auf die Kraͤfte und das phyſiſche Vermoͤgen, einen begehrten Gegenſtand wirklich zu machen. Ein Gebot, daß jedermann ſich gluͤcklich zu machen ſuchen ſollte, waͤre thoͤ - richt; denn man gebietet niemals jemanden das, was er ſchon unausbleiblich von ſelbſt will. Man muͤßte ihm blos die Maaßregeln gebieten, oder vielmehr darreichen, weil er nicht alles das kann, was er will. Sittlichkeit aber gebieten, unter dem Namen der Pflicht, iſt ganz vernuͤnftig; denn deren Vor - ſchrift will erſtlich eben nicht jedermann gerne gehorchen, wenn ſie mit Neigungen im Widerſtreite iſt, und was die Maas - regeln betrift, wie er dieſes Geſetz befolgen koͤnne, ſo duͤrfen dieſe hier nicht gelehrt werden; denn, was er in dieſer Bezie - hung will, das kann er auch.

Der im Spiel verlohren hat, kann ſich wol uͤber ſich ſelbſt und ſeine Unklugheit aͤrgern, aber wenn er ſich bewußt iſt, im Spiel betrogen (obzwar dadurch gewonnen) zu ha - ben, ſo muß er ſich ſelbſt verachten, ſo bald er ſich mit dem ſittlichen Geſetze vergleicht. Dieſes muß alſo doch wol etwas Anderes, als das Princip der eigenen Gluͤckſeligkeit ſeyn. Denn zu ſich ſelber ſagen zu muͤſſen: ich bin ein Nichtswuͤr - diger, ob ich gleich meinen Beutel gefuͤllt habe, muß doch ein anderes Richtmaaß des Urtheils haben, als ſich ſelbſt Bey - fall zu geben, und zu ſagen: ich bin ein kluger Menſch, denn ich habe meine Caſſe bereichert.

Endlich iſt noch etwas in der Idee unſerer practiſchen Vernunft, welches die Uebertretung eines ſittlichen Geſetzes begleitet, nemlich ihre Strafwuͤrdigkeit. Nun laͤßt ſich mitKants Crit. d. pract. Vern. Edem66I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzendem Begriffe einer Strafe, als einer ſolchen, doch gar nicht das Theilhaftigwerden der Gluͤckſeligkeit verbinden. Denn obgleich der, ſo da ſtraft, wol zugleich die guͤtige Abſicht ha - ben kann, dieſe Strafe auch auf dieſen Zweck zu richten, ſo muß ſie doch zuvor als Strafe, d. i. als bloßes Uebel fuͤr ſich ſelbſt gerechtfertigt ſeyn, ſo daß der Geſtrafte, wenn es dabey bliebe, und er auch auf keine ſich hinter dieſer Haͤrte verber - gende Gunſt hinausſaͤhe, ſelbſt geſtehen muß, es ſey ihm Recht geſchehen, und ſein Loos ſey ſeinem Verhalten vollkommen an - gemeſſen. In jeder Strafe, als ſolcher, muß zuerſt Gerech - tigkeit ſeyn, und dieſe macht das Weſentliche dieſes Begriffs aus. Mit ihr kann zwar auch Guͤtigkeit verbunden werden, aber auf dieſe hat der Strafwuͤrdige, nach ſeiner Auffuͤhrung, nicht die mindeſte Urſache ſich Rechnung zu machen. Alſo iſt Strafe ein phyſiſches Uebel, welches, wenn es auch nicht als natuͤrliche Folge mit dem moraliſch-Boͤſen verbunden waͤre, doch als Folge nach Principien einer ſittlichen Geſetzgebung verbunden werden muͤßte. Wenn nun alles Verbrechen, auch ohne auf die phyſiſchen Folgen in Anſehung des Thaͤters zu ſehen, fuͤr ſich ſtrafbar iſt, d. i. Gluͤckſeligkeit (wenigſtens zum Theil) verwirkt, ſo waͤre es offenbar ungereimt zu ſagen: das Ver - brechen habe darin eben beſtanden, daß er ſich eine Strafe zu - gezogen hat, indem er ſeiner eigenen Gluͤckſeligkeit Abbruch that (welches nach dem Princip der Selbſtliebe der eigentliche Begriff alles Verbrechens ſeyn muͤßte). Die Strafe wuͤrde auf dieſe Art der Grund ſeyn, etwas ein Verbrechen zu nen - nen, und die Gerechtigkeit muͤßte vielmehr darin beſtehen, alle Beſtrafung zu unterlaſſen und ſelbſt die natuͤrliche zu ver - hindern; denn alsdenn waͤre in der Handlung nichts Boͤſes mehr, weil die Uebel, die ſonſt darauf folgeten, und um de - ren willen die Handlung allein boͤſe hieß, nunmehro abgehaltenwaͤren.67der reinen practiſchen Vernunft.waͤren. Vollends aber alles Strafen und Belohnen nur als das Maſchinenwerk in der Hand einer hoͤheren Macht anzu - ſehen, welches vernuͤnftige Weſen dadurch zu ihrer Endabſicht (der Gluͤckſeligkeit) in Thaͤtigkeit zu ſetzen allein dtenen ſoll - te, iſt gar zu ſichtbar ein alle Freyheit aufhebender Mecha - nism ihres Willens, als daß es noͤthig waͤre uns hiebey auf - zuhalten.

Feiner noch, obgleich eben ſo unwahr, iſt das Vorgeben derer, die einen gewiſſen moraliſchen beſondern Sinn anneh - men, der, und nicht die Vernunft, das moraliſche Geſetz be - ſtimmete, nach welchem das Bewußtſeyn der Tugend unmittel - bar mit Zufriedenheit und Vergnuͤgen, das des Laſters aber mit Seelenunruhe und Schmerz verbunden waͤre, und ſo alles doch auf Verlangen nach eigener Gluͤckſeligkeit ausſetzen. Ohne das hieher zu ziehen, was oben geſagt worden, will ich nur die Taͤuſchung bemerken, die hiebey vorgeht. Um den Laſterhaften als durch das Bewußtſeyn ſeiner Vergehungen mit Gemuͤths - unruhe geplagt vorzuſtellen, muͤſſen ſie ihn, der vornehmſten Grundlage ſeines Characters nach, ſchon zum voraus als, we - nigſtens in einigem Grade, moraliſch gut, ſo wie den, wel - chen das Bewußtſeyn pflichtmaͤßiger Handlungen ergoͤtzt, vor - her ſchon als tugendhaft vorſtellen. Alſo mußte doch der Be - griff der Moralitaͤt und Pflicht vor aller Ruͤckſicht auf dieſe Zufriedenheit vorhergehen und kann von dieſer gar nicht abge - leitet werden. Nun muß man doch die Wichtigkeit deſſen, was wir Pflicht nennen, das Anſehen des moraliſchen Geſetzes und den unmittelbaren Werth, den die Befolgung deſſelben der Perſon in ihren eigenen Augen giebt, vorher ſchaͤtzen, um jene Zufriedenheit in dem Bewußtſeyn ſeiner Angemeſſenheit zu derſelben, und den bitteren Verweis, wenn man ſich deſſen Uebertretung vorwerfen kann, zu fuͤhlen. Man kann alſoE 2dieſe68I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzendieſe Zufriedenheit oder Seelenunruhe nicht vor der Erkenntniß der Verbindlichkeit fuͤhlen und ſie zum Grunde der letzteren machen. Man muß wenigſtens auf dem halben Wege ſchon ein ehrlicher Mann ſeyn, um ſich von jenen Empfindungen auch nur eine Vorſtellung machen zu koͤnnen. Daß uͤbrigens, ſo wie, vermoͤge der Freyheit, der menſchliche Wille durchs moraliſche Geſetz unmittelbar beſtimmbar iſt, auch die oͤftere Ausuͤbung, dieſem Beſtimmungsgrunde gemaͤß, ſubjectiv zu - letzt ein Gefuͤhl der Zufriedenheit mit ſich ſelbſt wirken koͤnne, bin ich gar nicht in Abrede; vielmehr gehoͤrt es ſelbſt zur Pflicht, dieſes, welches eigentlich allein das moraliſche Gefuͤhl genannt zu werden verdient, zu gruͤnden und zu cultiviren; aber der Begriff der Pflicht kann davon nicht abgeleitet werden, ſonſt muͤßten wir uns ein Gefuͤhl eines Geſetzes als eines ſol - chen denken, und das zum Gegenſtande der Empfindung machen, was nur durch Vernunft gedacht werden kann; welches, wenn es nicht ein platter Widerſpruch werden ſoll, allen Begriff der Pflicht ganz aufheben, und an deren Statt blos ein mechani - ſches Spiel feinerer, mit den groͤberen bisweilen in Zwiſt ge - rathender, Neigungen ſetzen wuͤrde.

Wenn wir nun unſeren formalen oberſten Grundſatz der reinen practiſchen Vernunft (als einer Avtonomie des Willens) mit allen bisherigen materialen Principien der Sittlichkeit vergleichen, ſo koͤnnen wir in einer Tafel alle uͤbrige, als ſol - che, dadurch wirklich zugleich alle moͤgliche andere Faͤlle, außer einem einzigen formalen, erſchoͤpft ſind, vorſtellig machen, und ſo durch den Augenſchein beweiſen, daß es vergeblich ſey, ſich nach einem andern Princip, als dem jetzt vorgetragenen, um - zuſehen. Alle moͤgliche Beſtimmungsgruͤnde des Willens ſind nemlich entweder blos ſubjectiv und alſo empiriſch, oder auch objectiv und rational; beide aber entweder aͤußere oder innere.

Practi -69der reinen practiſchen Vernunft.
E 3Die70I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzen

Die auf der linken Seite ſtehende ſind insgeſamt empi - riſch und taugen offenbar gar nicht zum allgemeinen Princip der Sittlichkeit. Aber die auf der rechten Seite gruͤnden ſich auf der Vernunft, (denn Vollkommenheit, als Beſchaf - fenheit der Dinge, und die hoͤchſte Vollkommenheit in Sub - ſtanz vorgeſtellt, d. i. Gott, ſind beide nur durch Vernunft - begriffe zu denken.) Allein der erſtere Begriff, nemlich der Vollkommenheit, kann entweder in theoretiſcher Bedeu - tung genommen werden, und da bedeutet er nichts, als Voll - ſtaͤndigkeit eines jeden Dinges in ſeiner Art (transſcendentale), oder eines Dinges blos als Dinges uͤberhaupt (metaphyſiſche), und davon kann hier nicht die Rede ſeyn. Der Begriff der Vollkommenheit in practiſcher Bedeutung aber iſt die Taug - lichkeit, oder Zulaͤnglichkeit eines Dinges zu allerley Zwecken. Dieſe Vollkommenheit, als Beſchaffenheit des Menſchen, folglich innerliche, iſt nichts anders, als Talent, und, was dieſes ſtaͤrkt oder ergaͤnzt, Geſchicklichkeit. Die hoͤchſte Vollkommenheit in Subſtanz, d. i. Gott, folglich aͤußerliche, (in practiſcher Abſicht betrachtet,) iſt die Zulaͤnglichkeit dieſes Weſens zu allen Zwecken uͤberhaupt. Wenn nun alſo uns Zwecke vorher gegeben werden muͤſſen, in Beziehung auf wel - che der Begriff der Vollkommenheit (einer inneren, an uns ſelbſt, oder einer aͤußeren, an Gott,) allein Beſtimmungs - grund des Willens werden kann, ein Zweck aber, als Object, welches vor der Willensbeſtimmung durch eine practiſche Regel vorhergehen und den Grund der Moͤglichkeit einer ſolchen ent - halten muß, mithin die Materie des Willens, als Beſtim - mungsgrund deſſelben genommen, jederzeit empiriſch iſt, mit - hin zum epicuriſchen Princip der Gluͤckſeligkeitslehre, nie - mals aber zum reinen Vernunftprincip der Sittenlehre und der Pflicht dienen kann, (wie denn Talente und ihre Befoͤr -derung71der reinen practiſchen Vernunft.derung nur, weil ſie zu Vortheilen des Lebens beytragen, oder der Wille Gottes, wenn Einſtimmung mit ihm, ohne vorher - gehendes von deſſen Idee unabhaͤngiges practiſches Princip, zum Objecte des Willens genommen worden, nur durch die Gluͤckſeligkeit, die wir davon erwarten, Bewegurſache deſ - ſelben werden koͤnnen,) ſo folgt erſtlich, daß alle hier aufge - ſtellte Principien material ſind, zweytens, daß ſie alle moͤg - liche materiale Principien befaſſen, und daraus endlich der Schluß: daß, weil materiale Principien zum oberſten Sitten - geſetz ganz untauglich ſind, (wie bewieſen worden,) das for - male practiſche Princip der reinen Vernunft, nach welchem die bloße Form einer durch unſere Maximen moͤglichen allge - meinen Geſetzgebung den oberſten und unmittelbaren Beſtim - mungsgrund des Willens ausmachen muß, das einzige moͤg - liche ſey, welches zu categoriſchen Imperativen, d. i. practi - ſchen Geſetzen (welche Handlungen zur Pflicht machen), und uͤberhaupt zum Princip der Sittlichkeit, ſowohl in der Beur - theilung, als auch der Anwendung auf den menſchlichen Wil - len, in Beſtimmung deſſelben, tauglich iſt.

E 4I. 72I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzen

I. Von der Deduction der Grundſaͤtze der reinen practiſchen Vernunft.

Dieſe Analytik thut dar, daß reine Vernunft practiſch ſeyn, d. i. fuͤr ſich, unabhaͤngig von allem Empiriſchen, den Willen beſtimmen koͤnne und dieſes zwar durch ein Factum, worin ſich reine Vernunft bey uns in der That practiſch beweiſet, nemlich die Avtonomie in dem Grundſatze der Sittlichkeit, wodurch ſie den Willen zur That beſtimmt. Sie zeigt zugleich, daß dieſes Factum mit dem Bewußtſeyn der Freyheit des Willens unzertrennlich verbunden, ja mit ihm einerley ſey, wo - durch der Wille eines vernuͤnftigen Weſens, das, als zur Sinnenwelt gehoͤrig, ſich, gleich anderen wirkſa - men Urſachen, nothwendig den Geſetzen der Cauſalitaͤt unterworfen erkennt, im Practiſchen, doch zugleich ſich auf einer andern Seite, nemlich als Weſen an ſich ſelbſt, ſeines in einer intelligibelen Ordnung der Dinge beſtimmbaren Daſeyns bewußt iſt, zwar nicht einer be - ſondern Anſchauung ſeiner ſelbſt, ſondern gewiſſen dy - namiſchen Geſetzen gemaͤß, die die Cauſalitaͤt deſſelben in der Sinnenwelt beſtimmen koͤnnen; denn, daß Frey - heit, wenn ſie uns beygelegt wird, uns in eine intelli - gibele Ordnung der Dinge verſetze, iſt anderwerts hin - reichend bewieſen worden.

Wenn73der reinen practiſchen Vernunft.

Wenn wir nun damit den analytiſchen Theil der Critik der reinen ſpeculativen Vernunft vergleichen, ſo zeigt ſich ein merkwuͤrdiger Contraſt beider gegen ein - ander. Nicht Grundſaͤtze, ſondern reine ſinnliche An - ſchauung (Raum und Zeit) war daſelbſt das erſte Datum, welches Erkenntniß a priori und zwar nur fuͤr Gegenſtaͤnde der Sinne moͤglich machte. Synthe - tiſche Grundſaͤtze aus bloßen Begriffen ohne Anſchauung waren unmoͤglich, vielmehr konnten dieſe nur in Be - ziehung auf jene, welche ſinnlich war, mithin auch nur auf Gegenſtaͤnde moͤglicher Erfahrung ſtattfinden, weil die Begriffe des Verſtandes, mit dieſer Anſchauung ver - bunden, allein dasjenige Erkenntniß moͤglich machen, welches wir Erfahrung nennen. Ueber die Erfah - rungsgegenſtaͤnde hinaus, alſo von Dingen als Nou - menen, wurde der ſpeculativen Vernunft alles Poſitive einer Erkenntniß mit voͤlligem Rechte abgeſprochen. Doch leiſtete dieſe ſo viel, daß ſie den Begriff der Nou - menen, d. i. die Moͤglichkeit, ja Nothwendigkeit der - gleichen zu denken, in Sicherheit ſetzte, und z. B. die Freyheit, negativ betrachtet, anzunehmen, als ganz vertraͤglich mit jenen Grundſaͤtzen und Einſchraͤnkungen der reinen theoretiſchen Vernunft, wider alle Einwuͤrfe rettete, ohne doch von ſolchen Gegenſtaͤnden irgend et - was beſtimmtes und erweiterndes zu erkennen zu geben, indem ſie vielmehr alle Ausſicht dahin gaͤnzlich ab - ſchnitt.

E 5Da -74I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den Grundſaͤtzen

Dagegen giebt das moraliſche Geſetz, wenn gleich keine Ausſicht, dennoch ein ſchlechterdings aus allen Datis der Sinnenwelt und dem ganzen Umfange unſe - res theoretiſchen Vernunftgebrauchs unerklaͤrliches Fa - ctum an die Hand, das auf eine reine Verſtandeswelt Anzeige giebt, ja dieſe ſo gar poſitiv beſtimmt und uns etwas von ihr, nemlich ein Geſetz, erkennen laͤßt.

Dieſes Geſetz ſoll der Sinnenwelt, als einer ſinn - lichen Natur, (was die vernuͤnftigen Weſen betrifft,) die Form einer Verſtandeswelt d. i. einer uͤberſinnli - chen Natur verſchaffen, ohne doch jener ihrem Mecha - nism Abbruch zu thun. Nun iſt Natur im allgemeinſten Verſtande die Exiſtenz der Dinge unter Geſetzen. Die ſinnliche Natur vernuͤnftiger Weſen uͤberhaupt iſt die Exiſtenz derſelben unter empiriſch bedingten Geſetzen, mithin fuͤr die Vernunft Heteronomie. Die uͤberſinn - liche Natur eben derſelben Weſen iſt dagegen ihre Exi - ſtenz nach Geſetzen, die von aller empiriſchen Bedingung unabhaͤngig ſind, mithin zur Avtonomie der reinen Vernunft gehoͤren. Und, da die Geſetze, nach welchen das Daſeyn der Dinge vom Erkenntniß abhaͤngt, pra - ctiſch ſind; ſo iſt die uͤberſinnliche Natur, ſo weit wir uns einen Begriff von ihr machen koͤnnen, nichts an - ders, als eine Natur unter der Avtonomie der rei - nen practiſchen Vernunft. Das Geſetz dieſer Avto - nomie aber iſt das moraliſche Geſetz; welches alſo das Grundgeſetz einer uͤberſinnlichen Natur und einer reinenVer -75der reinen practiſchen Vernunft.Verſtandeswelt iſt, deren Gegenbild in der Sinnenwelt, aber doch zugleich ohne Abbruch der Geſetze derſelben, exiſtiren ſoll. Man koͤnnte jene die urbildliche (na - tura archetypa), die wir blos in der Vernunft erken - nen; dieſe aber, weil ſie die moͤgliche Wirkung der Idee der erſteren, als Beſtimmungsgrundes des Wil - lens, enthaͤlt, die nachgebildete (natura ectypa) nen - nen. Denn in der That verſetzt uns das moraliſche Geſetz, der Idee nach, in eine Natur, in welcher reine Vernunft, wenn ſie mit dem ihr angemeſſenen phyſi - ſchen Vermoͤgen begleitet waͤre, das hoͤchſte Gut her - vorbringen wuͤrde, und beſtimmt unſeren Willen die Form der Sinnenwelt, als einem Ganzen vernuͤnftiger Weſen, zu ertheilen.

Daß dieſe Idee wirklich unſeren Willensbeſtim - mungen gleichſam als Vorzeichnung zum Muſter liege, beſtaͤtigt die gemeinſte Aufmerkſamkeit auf ſich ſelbſt.

Wenn die Maxime, nach der ich ein Zeugniß ab - zulegen geſonnen bin, durch die practiſche Vernunft ge - pruͤft wird, ſo ſehe ich immer darnach, wie ſie ſeyn wuͤrde, wenn ſie als allgemeines Naturgeſetz goͤlte. Es iſt offenbar, in dieſer Art wuͤrde es jedermann zur Wahrhaftigkeit noͤthigen. Denn es kann nicht mit der Allgemeinheit eines Naturgeſetzes beſtehen, Aus - ſagen fuͤr beweiſend und dennoch als vorſetzlich unwahr gelten zu laſſen. Eben ſo wird die Maxime, die ich inAn -76I. Th. I. B. I. Hauptſt. Von den GrundſaͤtzenAnſehung der freyen Diſpoſition uͤber mein Leben neh - me, ſofort beſtimmt, wenn ich mich frage, wie ſie ſeyn muͤßte, damit ſich eine Natur nach einem Geſetze derſelben erhalte. Offenbar wuͤrde niemand in einer ſolchen Natur ſein Leben willkuͤhrlich endigen koͤnnen, denn eine ſolche Verfaſſung wuͤrde keine bleibende Na - turordnung ſeyn, und ſo in allen uͤbrigen Faͤllen. Nun iſt aber in der wirklichen Natur, ſo wie ſie ein Gegen - ſtand der Erfahrung iſt, der freye Wille nicht von ſelbſt zu ſolchen Maximen beſtimmt, die fuͤr ſich ſelbſt eine Natur nach allgemeinen Geſetzen gruͤnden koͤnnten, oder auch in eine ſolche, die nach ihnen angeordnet waͤre, von ſelbſt paſſeten; vielmehr ſind es Privatneigungen, die zwar ein Naturganzes nach pathologiſchen (phyſi - ſchen) Geſetzen, aber nicht eine Natur, die allein durch unſern Willen nach reinen practiſchen Geſetzen moͤglich waͤre, ausmachen. Gleichwol ſind wir uns durch die Vernunft eines Geſetzes bewußt, welchem, als ob durch unſeren Willen