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Critik der Urtheilskraft
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Berlin und Libau,bey Lagarde und Friederich1790.

Vorrede.

Man kann das Vermoͤgen der Erkenntnis aus Principien a priori die reine Vernunft und die Unterſuchung der Moͤglichkeit und Grenzen der - ſelben uͤberhaupt die Critik der reinen[Vernunft] nennen, ob man gleich unter dieſem Vermoͤgen nur die Vernunft in ihrem theoretiſchen Gebrauche ver - ſteht, wie es auch in dem erſten Werke unter jener Benennung geſchehen iſt, ohne noch ihr Vermoͤgen, als practiſche Vernunft nach ihren beſonderen Prin - cipien in Unterſuchung ziehen zu wollen. Jene geht alsdenn blos auf unſer Vermoͤgen Dinge a priori zu erkennen und beſchaͤftigt ſich alſo nur mit dem Erkenntnisvermoͤgen, mit Ausſchließung des Gefuͤhls der Luſt und Unluſt und des Begeh - rungsvermoͤgens, und unter den Erkenntnisvermoͤ - gen mit dem Verſtande, nach ſeinen Principien a priori mit Ausſchließung der Urtheilskrafta 2IVVorrede.und der Vernunft (als zum theoretiſchen Er - kenntnis gleichfals gehoͤriger Vermoͤgen), weil es ſich in dem Fortgange findet, daß kein anderes Er - kenntnisvermoͤgen, als der Verſtand, conſtitutive Erkenntnisprincipien a priori an die Hand geben kann: ſo, daß die Critik, welche ſie insgeſamt, nach dem Antheile, den jedes der anderen an dem baaren Beſitz der Erkenntnis aus eigener Wurzel zu haben vorgeben moͤchte, ſichtet, nichts uͤbrig laͤßt, als was der Verſtanda priori als Geſetz fuͤr die Natur, als Jnbegrif von Erſchemungen (deren Form eben ſo wohl a priori gegeben iſt) vorſchreibt, alle andere reine Begriffe aber unter die Jdeen ver - weiſet, die fuͤr unſer theoretiſches Erkenntnisver - moͤgen uͤberſchwenglich dabey aber doch nicht etwa unnuͤtz, oder entbehrlich ſind, ſondern, als regula - tive Principien, theils die beſorgliche Anmaßungen des Verſtandes, als ob er (indem er a priori die Bedingungen der Moͤglichkeit aller Dinge, die er erkennen kann anzugeben vermag) dadurch auch die Moͤglichkeit aller Dinge uͤberhaupt in dieſen Gren - zen beſchloſſen habe, zuruͤck zu halten, theils um ihn ſelbſt in der Betrachtung der Natur nach einem Princip der Vollſtaͤndigkeit, wiewohl er ſie nie er -VVorrede.reichen kann, zu leiten und dadurch die Endabſicht alles Erkenntniſſes zu befoͤrdern.

Es war alſo eigentlich der Verſtand der ſein eigenes Gebiet und zwar im Erkenntnisvermoͤ - gen hat, ſo fern er conſtitutive Erkenntnisprinci - pien a priori enthaͤlt, welcher durch die im allge - memen ſo benannte Critik der reinen Vernunft gegen alle uͤbrige Competenten in ſicheren aber einigen Be - ſitz geſetzt werden ſollte. Eben ſo iſt der Vernunft die nirgend als lediglich in Anſehung des Begeh - rungsvermoͤgens conſtitutive Principien a priori enthaͤlt, in der Critik der practiſchen Vernunft ihr Beſitz angewieſen worden.

Ob nun die Urtheilskraft, die in der Ordnung unſerer Erkenntnisvermoͤgen zwiſchen dem Ver - ſtande und der Vernunft ein Mittelglied ausmacht, auch fuͤr ſich Principien a priori habe, ob dieſe con - ſtitutiv oder blos regulativ ſind (und alſo kein eige - nes Gebiet beweiſen) und ob ſie dem Gefuͤhle der Luſt und Unluſt, als dem Mittelgliede zwiſchen dem Erkenntnisvermoͤgen und Begehrungsvermoͤgen, (eben ſo, wie der Verſtand dem erſteren, die Ver - nunft aber dem letzteren a priori Geſetze vor - ſchreibt) a priori die Regel gebe: das iſt es, wo -a 3VIVorrede.mit ſich gegenwaͤrtige Critik der Urtheilskraft beſchaͤftigt.

Eine Critik der reinen Vernunft, d. i. unſeres Vermoͤgens nach Principien a priori zu urtheilen, wuͤrde unvollſtaͤndig ſeyn, wenn die der Urtheils - kraft, welche fuͤr ſich als Erkenntnisvermoͤgen dar - auf auch Anſpruch macht, nicht als ein beſonderer Theil derſelben abgehandelt wuͤrde; obgleich ihre Principien in einem Syſtem der reinen Philoſophie keinen beſonderen Theil zwiſchen der theoretiſchen und practiſchen ausmachen duͤrfen, ſondern im Nothfalle jedem von beyden gelegentlich angeſchloſſen werden koͤnnen. Denn, wenn ein ſolches Syſtem unter dem allgemeinen Nahmen der Metaphyſik einmal zu Stande kommen ſoll (welches ganz voll - ſtaͤndig zu bewerkſtelligen moͤglich und fuͤr den Ge - brauch der Vernunft in aller Beziehung hoͤchſt wichtig iſt) ſo muß die Critik den Boden zu dieſem Gebaͤude vorher ſo tief, als die erſte Grundlage des Vermoͤgens von der Erfahrung unabhaͤngiger Principien liegt, erforſcht haben, damit es nicht an irgend einem Theile ſinke, welches den Einſturz des Ganzen unvermeidlich nach ſich ziehen wuͤrde.

VIIVorrede.

Man kann aber aus der Natur der Urtheils - kraft, (deren richtiger Gebrauch ſo nothwendig und allgemein erforderlich iſt, daß daher unter dem Nah - men des geſunden Verſtandes kein anderes, als eben dieſes Vermoͤgen gemeynet wird) leicht ab - nehmen, daß es mit großen Schwierigkeiten beglei - tet ſeyn muͤſſe, ein eigenthuͤmliches Princip derſel - ben auszufinden (denn irgend eins muß es a priori in ſich enthalten, weil es ſonſt nicht, als ein beſon - deres Erkenntnisvermoͤgen, ſelbſt der gemeinſten Critik ausgeſetzt ſeyn wuͤrde), welches gleichwohl nicht aus Begriffen a priori abgeleitet ſeyn muß; denn die gehoͤren dem Verſtande an, und die Ur - theilskraft geht nur auf die Anwendung derſelben. Sie ſoll alſo ſelbſt einen Begrif angeben, durch den eigentlich kein Ding erkannt wird, ſondern der nur ihr ſelbſt zur Regel dient, aber nicht zu einer obje - ctiven, der ſie ihr Urtheil anpaſſen kann, weil dazu wiederum eine andere Urtheilskraft erforderlich ſeyn wuͤrde, um unterſcheiden zu koͤnnen, ob es der Fall der Regel ſey oder nicht.

Dieſe Verlegenheit wegen eines Princips (es ſey nun ein ſubjectives oder objectives) findet ſich hauptſaͤchlich in denjenigen Beurtheilungen, die mana 4VIIIVorrede.aͤſthetiſch nennt, die das Schoͤne und Erhabne, der Natur oder der Kunſt, betreffen. Und gleichwohl iſt die critiſche Unterſuchung eines Princips der Ur - theilskraft in denſelben das wichtigſte Stuͤck einer Critik dieſes Vermoͤgens. Denn ob ſie gleich fuͤr ſich allein zum Erkenntnis der Dinge gar nichts bey - tragen, ſo gehoͤren ſie doch dem Erkenntnisvermoͤ - gen allein an, und beweiſen eine unmittelbare Be - ziehung dieſes Vermoͤgens auf das Gefuͤhl der Luſt oder Unluſt nach irgend einem Princip a priori, ohne es mit dem, was Beſtimmungsgrund des Be - gehrungsvermoͤgens ſeyn kann, zu vermengen, weil dieſes ſeine Principien a priori in Begriffen der Vernunft hat. Was aber die logiſche Beur - theilung der Natur anbelangt, da, wo die Erfahrung eine Geſetzmaͤßigkeit an Dingen aufſtellt, welche zu verſtehen oder zu erklaͤren der allgemeine Verſtan - desbegrif vom Sinnlichen nicht mehr zulangt und die Urtheilskraft aus ſich ſelbſt ein Princip der Be - ziehung des Naturdinges auf das unerkennbare Ueberſinnliche nehmen kann, es auch nur in Abſicht auf ſich ſelbſt zum Erkenntnis der Natur brauchen muß, da kann und muß ein ſolches Princip a priori zwar zum Erkenntnis der Weltweſen angewandtVIVVorrede.werden und eroͤfnet zugleich Ausſichten, die fuͤr die practiſche Vernunft vortheilhaft ſind, aber es hat keine unmittelbare Beziehung aufs Gefuͤhl der Luſt und Unluſt, die gerade das Raͤthſelhafte in dem Princip der Urtheilskraft iſt, welches eine beſondere Abtheilung in der Critik fuͤr dieſes Vermoͤgen noth - wendig macht, da die logiſche Beurtheilung nach Be - griffen (aus welchen niemals eine unmittelbare Fol - gerung aufs Gefuͤhl der Luſt und Unluſt gezogen werden kann) allenfalls dem theoretiſchen Theile der Philoſophie, ſammt einer critiſchen Einſchraͤnkung derſelben, haͤtte angehaͤngt werden koͤnnen.

Da die Unterſuchung des Geſchmackvermoͤ - gens, als aͤſthetiſcher Urtheilskraft hier nicht zur Bil - dung und Cultur des Geſchmacks, (denn dieſe wird auch ohne alle ſolche Nachforſchungen, wie bisher, ſo fernerhin, ihren Gang nehmen) ſondern blos in trans - ſcendentaler Abſicht angeſtellt wird, ſo wird ſie, wie ich mir ſchmeichle, in Anſehung der Mangelhaftigkeit jenes Zwecks auch mit Nachſicht beurtheilt werden. Was aber die letztere Abſicht betrift, ſo muß ſie ſich auf die ſtrengſte Pruͤfung gefaßt machen. Aber auch da kann die große Schwierigkeit, ein Problem, welches die Natur ſo verwickelt hat, aufzuloͤſen, einiger nichta 5XVorrede.ganz zu vermeidenden Dunkelheit in der Aufloͤſung deſſelben, wie ich hoffe, zur Entſchuldigung dienen, wenn nur, daß das Princip richtig angegeben worden, klar gnug dargethan iſt, geſetzt, die Art das Phaͤnomen der Urtheilskraft davon abzulei[t]en, habe nicht alle Deutlichkeit, die mananderwaͤrts, naͤmlich von einem Erkenntnis nach Begriffen mit Recht fordern kann, die ich auch im zweyten Theile dieſes Werks erreicht zu haben glaube.

Hiemit endige ich alſo mein ganzes critiſches Ge - ſchaͤft. Jch werde ungeſaͤumt zum Doctrinalen ſchrei - ten, um, wo moͤglich, meinem zunehmenden Alter die dazu noch einigermaßen guͤnſtige Zeit noch abzuge - winnen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß fuͤr die Ur - theilskraft darinn kein beſonderer Theil ſey, weil in Anſehung derſelben die Critik ſtatt der Theorie dient, ſondern daß, nach der Eintheilung der Philoſophie in die theoretiſche und practiſche und der reinen in eben ſolche Theile, die Metaphyſik der Natur und die der Sitten jenes Geſchaͤft aus machen werden.

[XI]

Einleitung.

I. Von der Eintheilung der Philoſophie.

Wenn man die Philoſophie, ſo fern ſie Principien der Vernunfterkenntnis der Dinge (nicht blos, wie die Logik thut, die der Form des Denkens uͤberhaupt, ohne Unter - ſchied der Objecte) durch Begriffe enthaͤlt, wie gewoͤhn - lich, in die theoretiſche und practiſche eintheilt: ſo verfaͤhrt man ganz recht. Aber alsdenn muͤſſen auch die Begriffe, welche den Principien dieſer Vernunfterkennt - nis ihr Object anweiſen, ſpecifiſch verſchieden ſeyn, weil ſie ſonſt zu keiner Eintheilung berechtigen wuͤrden, welche jederzeit eine Entgegenſetzung der Principien, der zu den verſchiedenen Theilen einer Wiſſenſchaft gehoͤrigen Ver - nunfterkenntnis, vorausſetzt.

Es ſind aber nur zweyerley Begriffe, welche eben ſo viel verſchiedene Principien der Moͤglichkeit ihrer Ge - genſtaͤnde zulaſſen, naͤmlich die Naturbegriffe und der Freyheitsbegrif. Da nun die erſtere ein theoreti -XIIEinleitung.ſches Erkenntnis nach Priucipien a priori moͤglich ma - chen, der zweyte aber in Anſehung derſelben nur ein negatives Princip (der bloßen Entgegenſetzung) ſchon in ſeinem Begriffe bey ſich fuͤhrt, dagegen fuͤr die Willens - beſtimmung erweiternde Grundſaͤtze, welche darum pra - ctiſch heiſſen, errichtet: ſo wird die Philoſophie in zwey, den Principien nach ganz verſchiedene Theile, in die theoretiſche als Naturphiloſophie und die practiſche als Moralphiloſophie (denn ſo wird die practiſche Geſetzgebung der Vernunft nach dem Freyheitsbegriffe genannt) mit Recht eingetheilt. Es hat aber bisher ein großer Misbrauch mit dieſen Ausdruͤcken zur Einthei - lung der verſchiedenen Principien, und mit ihnen auch der Philoſophie, geherrſcht: indem man das Practiſche nach Naturbegriffen mit dem Practiſchen nach dem Frey - heitsbegriffe fuͤr einerley nahm, und ſo, unter denſelben Benennungen einer theoretiſchen und practiſchen Philo - ſophie, eine Eintheilung machte, durch welche (da beyde Theile einerley Principien haben konnten) in der That, nichts eingetheilt war.

Der Wille, als Begehrungsvermoͤgen, iſt naͤmlich eine von den mancherley Natururſachen in der Welt, naͤmlich diejenige, welche nach Begriffen wirkt, und alles, was als durch einen Willen moͤglich (oder noth - wendig) vorgeſtellt wird, heißt practiſch-moͤglich (oder nothwendig) zum Unterſchiede von der phyſiſchen Moͤg - lichkeit oder Nothwendigkeit einer Wirkung, wozu dieXIIIEinleitung.Urſache nicht durch Begriffe (ſondern, wie bey der leblo - ſen Materie, durch Mechanism und, bey Thieren, durch Jnſtinkt) zur Cauſſalitaͤt beſtimmt wird. Hier wird nun in Anſehung des Practiſchen unbeſtimmt gelaſſen: ob der Begrif, der der Cauſſalitaͤt des Willens die Regel giebt, ein Naturbegrif, oder ein Freyheitsbegrif ſey.

Der letztere Unterſchied aber iſt weſentlich: denn iſt der die Cauſſalitaͤt beſtimmende Begrif ein Naturbegrif, ſo ſind die Principien techniſch-practiſch iſt er aber ein Freyheitsbegrif, ſo ſind dieſe moraliſch-practiſch und weil es in der Eintheilung einer Vernunftwiſſen - ſchaft gaͤnzlich auf diejenige Verſchiedenheit der Gegen - ſtaͤnde ankommt, deren Erkenntuis verſchiedener Princi - pien bedarf, ſo werden die erſtere zur theoretiſchen Philo - ſophie (als Naturlehre) gehoͤren, die zweyten aber ganz allein den zweyten Theil, naͤmlich (als Sittenlehre) die practiſche Philoſophie ausmachen.

Alle techniſch-practiſche Regeln (d. i. die der Kunſt und Geſchicklichkeit uͤberhaupt, oder auch der Klugheit, als einer Geſchicklichkeit auf Menſchen und ihren Willen Einfluß zu haben), ſo fern ihre Principien auf Begriffen beruhen, muͤſſen nur als Corollarien zur theoretiſchen Philoſophie gezaͤhlt werden. Denn ſie betreffen nur die Moͤglichkeit der Dinge nach Naturbegriffen, wozu nicht allein die Mittel, die in der Natur dazu anzutreffen ſind, ſondern ſelbſt der Wille (als Begehrungs-mithin als Naturvermoͤgen) gehoͤrt, ſo fern er durch Triebfe -XIVEinleitung.dern der Natur jenen Regeln gemaͤs beſtimmt werden kann. Doch heißen dergleichen practiſche Regeln nicht Geſetze (etwa ſo wie phyſiſche) ſondern nur Vorſchriften, und zwar darum, weil der Wille nicht blos unter dem Naturbegriffe, ſondern auch unter dem Freyheitsbegriffe ſieht, in Beziehung auf welchen die Principien deſſelben Geſetze heiſſen und, mit ihren Folgerungen, den zweyten Theil der Philoſophie, naͤmlich den practiſchen allein ausmachen.

So wenig alſo die Aufloͤſung der Probleme der rei - nen Geometrie zu einem beſonderen Theile derſelben ge - hoͤrt, oder die Feldmeßkunſt den Nahmen einer practi - ſchen Geometrie, zum Unterſchiede von der reinen, als ein zweyter Theil der Geometrie uͤberhaupt verdient: ſo und noch weniger, darf die mechaniſche oder chemiſche Kunſt der Experimente oder der Beobachtungen, fuͤr einen practiſchen Theil der Naturlehre, endlich die Haus - Land-Staatswirthſchaft, die Kunſt des Umganges, die Vorſchrift der Diaͤtetik, ſelbſt nicht die allgemeine Gluͤck - ſeeligkeitslehre, ſogar nicht einmal die Bezaͤhmung der Neigungen und Baͤndigung der Affecten zum Behuf der letzteren zur practiſchen Philoſophie gezaͤhlt werden, oder die letzteren wohl gar den zweyten Theil der Philoſophie uͤberhaupt ausmachen; weil ſie insgeſammt nur Regeln der Geſchicklichkeit, die mithin nur techniſch-practiſch ſind, enthalten, um eine Wirkung hervorzubringen, die, nach Naturbegriffen der Urſachen und Wirkungen moͤg -XVEinleitung.lich iſt, welche, da ſie zur theoretiſchen Philoſophie ge - hoͤren, jenen Vorſchriften als bloßen Corollarien aus derſelben (der Naturwiſſenſchaft), keine Stelle in einer beſonderen Philoſophie, die practiſche genannt, ver - langen koͤnnen. Dagegen machen die moraliſch-prac - tiſche Vorſchriften, die ſich gaͤnzlich auf dem Freyheits - begriffe, mit voͤlliger Ausſchließung der Beſtimmungs - gruͤnde des Willens aus der Natur, gruͤnden, eine ganz beſondere Art von Vorſchriften aus, welche auch, gleich denen Regeln, denen die Natur gehorcht, ſchlechthin Geſetze heiſſen, aber nicht, wie dieſe, auf ſiulichen Bedingungen, ſondern auf einem uͤberſinn - lichen Princip beruhen und, neben dem theoretiſchen Theile der Philoſophie, fuͤr ſich ganz allein, einen an - deren Theil, unter dem Nahmen der practiſchen Phi - loſophie, fordern.

Man ſiehet hieraus daß ein Jnbegrif practiſcher Vorſchriften, welche die Philoſophie giebt, nicht einen beſonderen, dem theoretiſchen zur Seite geſetzten, Theil derſelben darum ausmache, weil ſie practiſch ſind; denn das koͤnnten ſie ſeyn wenn ihre Principien gleich gaͤnzlich aus der theoretiſchen Erkenntnis der Natur hergenommen waͤren, (als techniſch-practiſche Regeln), ſondern weil und wenn ihr Princip gar nicht vom Naturbegriffe, der jederzeit ſinnlich bedingt iſt, entlehnt iſt, mithin auf dem Ueberſinnlichen, welches der Freyheitsbegrif allein durch formale Geſetze kenn -XVIEinleitung.bar macht, beruht, und ſie alſo moraliſch-practiſch, d. i. nicht blos Vorſchriften und Regeln in dieſer oder jenen Abſicht, ſondern, ohne vorgehende Bezugneh - mung auf Zwecke und Abſichten, Geſetze ſind.

II. Vom Gebiete der Philoſophie uͤberhaupt.

So weit Begriffe a priori ihre Anwendung haben, ſo weit reicht der Gebrauch unſeres Erkenntnisvermoͤ - gens nach Principien, und mit ihm die Philoſophie.

Der Jnbegrif aller Gegenſtaͤnde aber, worauf jene Begriffe bezogen werden, um, wo moͤglich, ein Erkennt - nis derſelben zu Stande zu bringen, kann, nach der ver - ſchiedenen Zulaͤnglichkeit oder Unzulaͤnglichkeit unſerer Vermoͤgen zu dieſer Abſicht, eingetheilt werden.

Begriffe, ſo fern ſie auf Gegenſtaͤnde bezogen wer - den, unangeſehen, ob ein Erkenntnis derſelben moͤglich ſey oder nicht, haben ihr Feld, welches blos nach dem Verhaͤltniſſe, das ihr Object zu unſerem Erkenntnisver - moͤgen uͤberhaupt hat, beſtimmt wird. Der Theil dieſes Feldes, worinn fuͤr uns Erkenntnis moͤglich iſt, iſt ein Boden (territorium) fuͤr dieſe Begriffe und das dazu erforderliche Erkenntnisvermoͤgen. Der Theil des Bodens, worauf dieſe geſetzgebend ſind, iſt das Gebiet (ditio) dieſer Begriffe, und der ihnen zuſtehenden Erkenntnisvermoͤgen. Erfahrungsbegriffe haben alſo zwar ihren Boden in der Natur als dem Jnbegriffe allerGegen -XVIIEinleitung.Gegenſtaͤnde der Sinne, aber kein Gebiet (ſondern nur ihren Aufenthalt, domicilium); weil ſie zwar geſetzlich erzeugt werden, aber nicht geſetzgebend ſind, ſondern die auf ſie gegruͤndete Regeln empiriſch, mithin zufaͤllig ſind.

Unſer geſamtes Erkenntnisvermoͤgen hat zwey Ge - biete, das der Naturbegriffe und das des Freyheitsbegrifs; denn durch beyde iſt es a priori geſetzgebend. Die Phi - loſophie theilt ſich nun auch, dieſem gemaͤs, in die theo - retiſche und practiſche. Aber der Boden, auf dem ihr Gebiet errichtet wird, und auf welchem ihre Geſetzgebung ausgeuͤbt wird, iſt immer doch nur der Jnbegrif der Gegenſtaͤnde aller moͤglichen Erfahrung, ſo fern ſie fuͤr nichts mehr als bloße Erſcheinungen genom - men werden; denn ohne das wuͤrde keine Geſetzgebung des Verſtandes in Anſehung derſelben gedacht werden koͤnnen.

Die Geſetzgebung durch Naturbegriffe geſchieht durch den Verſtand und iſt theoretiſch. Die Geſetzgebung durch den Freyheitsbegrif geſchieht von der Vernunft, und iſt blos practiſch. Nur allein im practiſchen kann die Ver - nunft geſetzgebend ſeyn; in Anſehung des theoretiſchen Erkenntniſſes (der Natur) kan ſie nur (als geſetzkundig, vermittelſt des Verſtandes) aus gegebenen Geſetzen durch Schluͤſſe Folgerungen ziehen, die doch immer nur bey der Natur ſtehen bleiben. Umgekehrt aber wo RegelnKants Crit. d. Urtheilskr bXVIIIEinleitung. practiſch ſind, iſt die Vernunft nicht darum ſo fort geſetz - gebend, weil ſie auch techniſch-practiſch ſeyn koͤnnen.

Verſtand und Vernunft haben alſo zwey verſchiede - ne Geſetzgebungen auf einem und demſelben Boden der Er - fahrung, ohne daß eine der anderen Eintrag thun darſ. Denn ſo wenig der Naturbegrif auf die Geſetzgebung durch den Freyheitsbegrif Einflus hat, eben ſo wenig ſtoͤhrt dieſer die Geſetzgebung der Natur. Die Moͤg - lichkeit, das Zuſammenbeſtehen beyder Geſetzgebungen und der dazu gehoͤrigen Vermoͤgen in demſelben Sub - ject ſich wenigſtens ohne Widerſpruch zu denken, bewies die Critik d. r. V, indem ſie die Einwuͤrfe dawider durch Aufdeckung des dialectiſchen Scheins in denſelben ver - nichtete.

Aber, daß dieſe zwey verſchiedene Gebiete, die ſich zwar nicht in ihrer Geſetzgebung, aber doch in ihren Wir - kungen in der Sinnenwelt unaufhoͤrlich einſchraͤnkten, nicht Eines ausmachen, kommt daher: daß der Na - turbegrif zwar ſeine Gegenſtaͤnde in der Anſchauung, aber nicht als Dinge an ſich ſelbſt, ſondern als bloße Erſcheinungen, der Freyheitsbegrif dagegen in ſeinem Objecte zwar ein Ding an ſich ſelbſt, aber nicht in der Anſchaung vorſtellig machen, mithin keiner von beyden ein theoretiſches Erkenntnis von ſeinem Objecte (und ſelbſt dem denkenden Subjecte) als Dinge an ſich verſchaffen kan, welches das Ueberſinnliche ſeyn wuͤrde, wovon man die Jdee zwar der Moͤglichkeit aller jener Gegenſtaͤnde derXIXEinleitung. Erfahrung unterlegen muß, ſie ſelbſt aber niemals zu einem Erkenntniſſe erheben und erweitern kann.

Es giebt alſo ein unbegraͤnztes, aber auch unzu - gaͤngliches Feld fuͤr unſer geſammtes Erkenntnisvermoͤ - gen, naͤmlich das Feld des Ueberſinnlichen, worinn wir keinen Boden fuͤr uns finden, alſo auf demſelben weder fuͤr die Verſtandes - noch Vernunftbegriffe ein Gebiet zum theoretiſchen Erkenntnis haben koͤnnen; ein Feld, wel - ches wir zwar zum Behuf des theoretiſchen ſowohl als practiſchen Gebrauchs der Vernunft mit Jdeen beſetzen muͤſſen, denen wir in Beziehung auf die Geſetze aus dem Freyheitsbegriffe, keine andere als practiſche Realitaͤt verſchaffen koͤnnen, wodurch demnach unſer theoretiſches Erkenntnis nicht im Mindeſten zu dem Ueberſinnlichen er - weitert wird.

Ob nun zwar eine unuͤberſehbare Kluft zwiſchen dem Gebiete des Naturbegrifs, alſo dem Sinnlichen, und dem Gebiete des Freyheitsbegrifs, als dem Ueberſinnli - chen, befeſtigt iſt, ſo daß von dem erſteren zum anderen (alſo vermittelſt des theoretiſchen Gebrauchs der Ver - nunft) kein Uebergang moͤglich iſt, gleich als ob es ſo viel verſchiedene Welten waͤren, davon die erſte auf die zweyte keinen Einflus haben kann: ſo ſoll doch dieſe auf jene einen Einfluß haben, naͤmlich der Freyheitsbegrif den durch ſeine Geſetze aufgegebenen Zweck in der Sinnenwelt wirklich machen, und die Natur muß folglich auch ſo ge - dacht werden koͤnnen, daß die Geſetzmaͤßigkeit ihrer Formb 2XXEinleitung. wenigſtens zur Moͤglichkeit der in ihr zu bewirkenden Zwecke nach Freyheitsgeſetzen znſammenſtimme. Alſo muß es doch einen Grund der Einheit des Ueberſinnli - chen, was der Natur zum Grunde liegt, mit dem was der Freyheitsbegrif practiſch enthaͤlt, geben, davon der Begrif, wenn er gleich weder theoretiſch noch practiſch zu einem Erkenntniſſe deſſelben gelangt, mithin kein eigeu - thuͤmliches Gebiet hat, dennoch den Uebergang von der Denkungsart nach den Principien der einen, zu der nach Principien der anderen, moͤglich macht.

III. Von der Critik der Urtheilskraft, als einem Verbindungsmittel der zwey Theile der Philoſophie zu einem Ganzen.

Die Critik der Erkenntnisvermoͤgen in Anſehung deſſen, was ſie a priori leiſten koͤnnen, hat eigentlich kein Gebiet in Anſehung der Objecte; weil ſie keine Doctrin iſt, ſondern nur, ob und wie, nach der Bewandnis die es mit unſeren Vermoͤgen hat, eine Doctrin durch ſie moͤg - lich ſey, zu unterſuchen hat. Jhr Feld erſtreckt ſich auf alle Anmaßungen derſelben, um ſie in die Graͤnzen ih - rer Rechtmaͤßigkeit zu ſetzen. Was aber nicht in die Ein - theilung der Philoſophie kommen kann, das kann doch, als ein Haupttheil, in die Critik des reinen Erkenntnisver - moͤgens uͤberhaupt kommen, wenn es naͤmlich PrincipienXXIEinleitung. enthaͤlt, die fuͤr ſich weder zum theoretiſchen noch practi - ſchen Gebrauche tauglich ſind.

Die Naturbegriffe, welche den Grund zu allem theo - retiſchen Erkenntnis a priori enthalten, beruheten auf der Geſetzgebung des Verſtandes. Der Freyheitsbegrif, der den Grund zu allen ſinnlich-unbedingten practiſchen Vorſchriften a priori enthielt, beruhete auf der Geſetzge - bung der Vernunft. Beyde Vermoͤgen alſo haben, außer dem, daß ſie der logiſchen Form nach auf Principien, welchen Urſprungs ſie auch ſeyn moͤgen, angewandt wer - den koͤnnen, uͤberdem noch jedes ſeine eigene Geſetzge - bung dem Jnhalte nach, uͤber die es keine andere (a priori) giebt, und die daher die Eintheilung der Philoſophie in die theoretiſche und practiſche rechtfertigt.

Allein in der Familie der oberen Erkenntnisvermoͤ - gen giebt es doch noch ein Mittelglied zwiſchen dem Ver - ſtande und der Vernunft: dieſes iſt die Urtheilskraft, von welcher man Urſache hat, nach der Analogie zu ver - muthen, daß ſie eben ſowohl, wenn gleich nicht eine ei - gene Geſetzgebung, doch ein ihr eigenes Princip nach Ge - ſetzen zn ſuchen, allenfalls ein blos ſubjectives a priori, in ſich enthalten duͤrfte, welches, wenn ihm gleich kein Feld der Gegenſtaͤnde als ſein Gebiet zuſtaͤnde, doch ir - gend einen Boden haben kann, und eine gewiſſe Be - ſchaffenheit deſſelben wofuͤr gerade nur dieſes Princip gel - tend ſeyn moͤchte.

b 3XXIIEinleitung.

Hierzu kommt aber noch (nach der Analogie zu ur - theilen) ein neuer Grund, die Urtheilskraft mit einer anderen Ordnung unſerer Vorſtellungskraͤfte in Ver - knuͤpfung zu bringen, welche von noch groͤßerer Wichtig - keit zu ſeyn ſcheint, als die der Verwandſchaft mit der Familie der Erkenntnisvermoͤgen. Denn alle Seelen - vermoͤgen, oder Faͤhigkeiten, koͤnnen auf die drey zu - ruͤck gefuͤhrt werden, welche ſich nicht ferner aus einem gemeinſchaftlichem Grunde ableiten laſſen: das Er - kenntnisvermoͤgen, das Gefuͤhl der Luſt und Unluſt und das Begehrungsvermoͤgen. Fuͤr das Erkenntnisvermoͤgen iſt allein der Verſtand geſetzge - bend, wenn jenes (wie es auch geſchehen muß, wenn es fuͤr ſich, ohne Vermiſchung mit dem Begehrungsvermoͤ - gen, betrachtet wird) als Vermoͤgen eines theoretiſchen Erkenntniſſes auf die Natur bezogen wird, in Anſe - hung deren allein (als Erſcheinung) es uns moͤglich iſt, durch Naturbegriffe a priori, welche eigentlich reine Ver - ſtandesbegriffe ſind, Geſetze zu geben. Fuͤr das Be - gehrungsvermoͤgen, als ein oberes Vermoͤgen nach dem Freyheitsbegriffe iſt allein die Vernunft (in der allein die - ſer Begrif ſtatt hat) a priori geſetzgebend. Nun iſt zwiſchen dem Erkenntnis - und Begehrungsvermoͤgen das Gefuͤhl der Luſt, ſo wie zwiſchen dem Verſtande und der Vernunft die Urtheilskraft, enthalten. Es iſt alſo we - nigſtens vorlaͤufig zu vermuthen, daß die Urtheilskraft eben ſo wohl fuͤr ſich ein Princip a priori enthalte und,XXIIIEinleitung. da mit dem Begehrungsvermoͤgen nothwendig Luſt oder Unluſt verbunden iſt (es ſey daß ſie wie beym unteren, vor dem Princip deſſelben vorhergehe oder wie beym obe - ren, nur aus der Beſtimmung deſſelben durchs morali - ſche Geſetz folge), eben ſo wohl einen Uebergang von reinen Erkenntnisvermoͤgen, d. i. vom Gebiete der Na - turbegriffe zum Gebiete des Freyheitsbegrifs bewirken werde, als ſie im logiſchen Gebrauche den Uebergang vom Verſtande zur Vernunft moͤglich macht.

Wenn alſo gleich die Philoſophie nur in zwey Haupt - theile, die theoretiſche und practiſche eingetheilt werden kann, wenn gleich alles, was wir von den eignen Prin - cipien der Urtheilskraft zu ſagen haben moͤchten, in ihr zum theoretiſchen Theile, d. i. dem Vernunfterkenntnis nach Naturbegriffen, gezaͤhlt werden muͤßte: ſo beſteht doch die Critik der reinen Vernunft, die alles dieſes vor der Unternehmung jenes Syſtems, zum Behuf der Moͤg - lichkeit deſſelben, ausmachen muß, aus drey Theilen: der Critik des reinen Verſtandes, der reinen Urtheilskraft und der reinen Vernunft, welche Vermoͤgen darum rein genannt werden, weil ſie a priori geſetzgebend ſind.

IV. Von der Urtheilskraft, als einem a priori geſetzgebenden Vermoͤgen.

Urtheilskraft uͤberhaupt iſt das Vermoͤgen das Be - ſondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken. b 4XXIIII[XXIV]Einleitung. Jſt das Allgemeine (die Regel, das Princip, das Ge - ſetz) gegeben, ſo iſt die Urtheilskraft, welche das Be - ſondere darunter ſubſumirt (auch, wenn ſie als trans - ſcendentale Urtheilskraft, a priori die Bedingnngen an - giebt, denen gemaͤs allein unter jenem Allgemeinen ſub - ſumirt werden kann) beſtimmend. Jſt aber nur das beſondere gegeben, wozu ſie das Allgemeine finden ſoll, ſo iſt die Urtheilskraft blos reflectirend.

Die beſtimmende Urtheilskraft unter allgemeinen transſcendentalen Geſetzen, die der Verſtand giebt, iſt nur ſubſummirend; das Geſetz iſt ihr a priori vorgezeich - net, und ſie hat alſo nicht noͤthig fuͤr ſich ſelbſt auf ein Geſetz zu denken, um das beſondere in der Natur dem Allgemeinen unterordnen zu koͤnnen. Allein es ſind ſo mannigfaltige Formen der Natur, gleichſam ſo viele Modificationen der allgemeinen transſcendentalen Natur - begriffe, die durch jene Geſetze, welche der reine Ver - ſtand a priori giebt, weil dieſelbe nur auf die Moͤglich - keit einer Natur (als Gegenſtandes der Sinne) uͤberhaupt gehen, unbeſtimmt gelaſſen werden, daß dafuͤr doch auch Geſetze ſeyn muͤſſen, die zwar, als empiriſche, nach unſerer Verſtandeseinſicht zufaͤllig ſeyn moͤgen, die aber doch, wenn ſie Geſetze heißen ſollen, (wie es auch der Begrif einer Natur erfordert) aus einem, wenn gleich uns unbekannten Princip der Einheit des mannigfalti - gen, als nothwendig angeſehen werden muͤſſen. Die reflectirende Urtheilskraft, die von dem Beſondern in derXXVEinleitung. Natur zum Allgemeinen aufzuſteigen die Obliegenheit hat, bedarf alſo eines Princips, welches ſie nicht von der Erfahrung entlehnen kann, weil es eben die Einheit al - ler empiriſchen Principien unter gleichfalls empiriſchen, aber hoͤheren Principien, und alſo die Moͤglichkeit der ſyſtematiſchen Unterordnung derſelben unter einander, be - gruͤnden ſoll. Ein ſolches transſcendentales Princip kann alſo die reflectirende Urtheilskraft ſich nur ſelbſt als Ge - ſetz geben, nicht anderwaͤrts hernehmen, (weil ſie ſonſt beſtimmende Urtheilskraft ſeyn wuͤrde) noch der Natur vorſchreiben; weil die Reflexion uͤber die Geſetze der Na - tur ſich nach der Natur, und dieſe nicht nach den Bedin - gungen richtet, nach welchen wir einen in Anſehung die - ſer ganz zufaͤlligen Begrif von ihr zu erwerben trachten.

Nun kann dieſes Princip kein anderes ſeyn, als: daß da allgemeine Naturgeſetze ihren Grund in unſerem Verſtande haben, der ſie der Natur (ob zwar nur nach dem allgemeinen Begriffe von ihr als Natur) vorſchreibt, die beſondere, empiriſche Geſetze in Anſehung deſſen, was in ihnen durch jene unbeſtimmt gelaſſen iſt, nach einer ſolchen Einheit betrachtet werden muͤſſen, als ob gleich - falls ein Verſtand (wenn gleich nicht der unſrige) ſie zum Behuf unſerer Erkeuntnisvermoͤgen, um ein Syſtem der Erfahrung nach beſonderen Naturgeſetzen moͤglich zu ma - chen, gegeben haͤtte. Nicht, als wenn auf dieſe Art wirklich ein ſolcher Verſtand angenommen werden muͤßte, (denn es iſt nur die reflectirende Urtheilskraft, der dieſeb 5XXVIEinleitung. Jdee zum Princip dient, (zum Reflectiren nicht zum Be - ſtimmen), ſondern dieſes Vermoͤgen giebt ſich dadurch nur ſelbſt und nicht der Natur ein Geſetz.

Weil nun der Begrif von einem Objekt, ſofern er zu - gleich den Grund der Wirklichkeit dieſes Objekts enthaͤlt, der Zweck und die Uebereinſtimmung eines Dinges, mit derjenigen Beſchaffenheit der Dinge, die nur nach Zwe - cken moͤglich iſt, die Zweckmaͤßigkeit der Form der - ſelben heißt: ſo iſt das Princip der Urtheilskraft, in An - ſehung der Form der Dinge der Natur unter empiriſchen Geſetzen uͤberhaupt, die Zweckmaͤßigkeit der Natur in ihrer Mannigfaltigkeit, d. i. die Natur wird durch dieſen Begrif ſo vorgeſtellt, als ob ein Verſtand den Grund der Einheit des Mannigfaltigen ihrer empiriſchen Geſetze enthalte.

Die Zweckmaͤßigkeit der Natur iſt alſo ein beſonde - rer Begrif a priori, der lediglich in der reflectirenden Ur - theilskraft ſeinen Urſprung hat. Denn den Naturpro - ducten kan man ſo etwas, als Beziehung der Natur an ihnen auf Zwecke, nicht beylegen, ſondern dieſen Be - grif nur brauchen, um uͤber ſie in Anſehung der Verknuͤ - pfung der Erſcheinungen in ihr, die nach empiriſchen Ge - ſetzen gegeben iſt, zu reflectiren. Auch iſt dieſer Begrif von der practiſchen Zweckmaͤßigkeit (der menſchlichen Kunſt oder auch der Sitten) ganz unterſchieden, ob er zwar nach einer Analogie mit derſelben gedacht wird.

XXVIIEinleitung.

V. Das Princip der formalen Zweckmaͤßigkeit der Natur iſt ein transſcendentales Prin - cip der Urtheilskraft.

Ein transſcendentales Princip iſt dasjenige, durch welches die allgemeine Bedingung a priori vorgeſtellt wird, unter der allein Dinge Objecte unſerer Erkennt - nis uͤberhaupt werden koͤnnen. Dagegen heißt ein Prin - cip metaphyſiſch, wenn es die Bedingung a priori vor - ſtellt, unter der allein Objecte deren Begrif empiriſch ge - geben ſeyn muß, a priori weiter beſtimmet werden koͤn - nen. So iſt das Princip der Erkenntnis der Koͤrper als Subſtanzen und als veraͤnderlicher Subſtanzen trans - ſcendental, wenn dadurch geſagt wird, daß ihre Veraͤn - derung eine Urſach haben muͤſſe; es iſt aber metaphyſiſch wenn dadurch geſagt wird ihre Veraͤnderung muͤſſe eine aͤußere Urſache haben, weil im erſteren Falle der Koͤr - per nur durch ontologiſche Praͤdicate (reine Verſtandes - begriffe) z. B. als Subſtanz gedacht werden darf um den Satz a priori zu erkennen, im zweyten aber der empiri - ſche Begrif eines Koͤrpers (als eines beweglichen Dinges im Raum) dieſem Satze zum Grunde gelegt werden muß, alsdann aber, daß dem Koͤrper das letztere Praͤdicat (der Bewegung[nur] durch aͤußere Urſache) zukomme, voͤllig a priori eingeſehen werden kann. So iſt wie ich ſo gleich zeigen werde, das Princip der Zweckmaͤßigkeit derXXVIIIEinleitung. Natur (in der Mannigfaltigkeit ihrer empiriſchen Geſetze) ein transſcendentales Princip. Denn der Begrif von deu Objekten, ſo fern ſie als unter dieſem Princip ſte - hend gedacht werden, iſt nur der reine Begrif von Ge - genſtaͤnden des moͤglichen Erfahrungserkenntniſſes uͤber - haupt und enthaͤlt nichts Empiriſches. Dagegen waͤre das Princip der practiſchen Zweckmaͤßigkeit die in der Jdee der Beſtimmung eines freyen Willens ge - dacht werden muß, ein metaphyſiſches Princip; weil der Begrif eines Begehrungsvermoͤgens als eines Willens doch empiriſch gegeben werden muß (nicht zu den trans - ſcendentalen Praͤdicaten gehoͤrt). Beyde Principien aber ſind dennoch nicht empiriſch, ſondern Principien a priori weil es zur Verbindung des Praͤdicats mit dem empiri - ſchen Begriffe des Subjects ihrer Urtheile keiner weiteren Erfahrung bedarf, ſondern jene voͤllig a priori eingeſe - hen werden kann.

Daß der Begrif einer Zweckmaͤßigkeit der Natur zu den transſcendentalen Principien gehoͤre, kann man aus den Maximen der Urtheilskraft, die der Nachforſchung der Natur a priori zum Grunde gelegt werden, und die dennoch auf nichts, als die Moͤglichkeit der Erfah - rung, mithin der Erkenntnis der Natur, aber nicht blos als Natur uͤberhaupt, ſondern als durch eine Mannig - faltigkeit beſonderer Geſetze beſtimmten Natur gehen, hin - reichend erſehen. Sie kommen als Sentenzen der metaphyſiſchen Weisheit, bey Gelegenheit mancher Re -XXIXEinleitung. geln, deren Nothwendigkeit man nicht aus Begriffen darthun kann, im Laufe dieſer Wiſſenſchaft oft genug, aber nur zerſtreut vor. Die Natur nimmt den kuͤrze - ſten Weg (lex parſimoniae): Sie thut gleichwohl keinen Sprung, weder in der Folge ihrer Veraͤnderungen, noch der Zuſamenſtellung ſpecifiſch verſchiedener Formen (lex continui in natura): ihre große Mannigfaltigkeit in em - piriſchen Geſetzen iſt gleichwohl Einheit unter wenigen Principien, (principia praeter neceſſitatem non ſunt multiplicanda) u. d. g.

Wenn man aber von dieſen[Grundſaͤtzen] den Ur - ſprung anzugeben denkt, und es auf dem pſychologiſchen Wege verſucht, ſo iſt dies dem Sinne derſelben gaͤnzlich zuwider. Denn ſie ſagen nicht was geſchieht, d. i. nach welcher Regel unſere Erkenntniskraͤfte ihr Spiel wirklich treiben, und wie geurtheilt wird, ſondern wie geurtheilt werden ſoll; und da kommt dieſe logiſche objective Noth - wendigkeit nicht heraus, wenn die Principien blos em - piriſch ſind. Alſo iſt die Zweckmaͤßigkeit der Natur fuͤr unſere Erkenntnisvermoͤgen, und ihren Gebrauch, wel - che offenbar aus ihnen hervorleuchtet, ein transſcenden - tales Princip der Urtheile und bedarf alſo auch einer transſcendentalen Deduction, vermittelſt deren der Grund ſo zu urtheilen in den Erkenntnisquellen a priori aufge - ſucht werden muß.

Wir finden naͤmlich in den Gruͤnden der Moͤglichkeit einer Erfahrung zuerſt freylich etwas Nothwendiges,XXXEinleitung. naͤmlich die allgemeine Geſetze, ohne welche Natur uͤber - haupt (als Gegenſtand der Sinne) nicht gedacht werden kann, und dieſe beruhen auf den Categorien, angewandt auf die formale Bedingungen aller uns moͤglichen An - ſchauung ſo fern ſie gleichfalls a priori gegeben iſt, und unter dieſen Geſetzen iſt die Urtheilskraft beſtimmend; denn ſie hat nichts zu thun, als unter gegebnen Geſetzen zu ſubſumiren. Z. B. der Verſtand ſagt: alle Veraͤn - derung hat ihre Urſache (allgemeines Naturgeſetz), die transſcendentale Urtheilskraft hat nun nichts weiter zu thun als die Bedingung der Subſumtion unter dem vor - gelegten Verſtandesbegrif a priori anzugeben, und das iſt die Succeſſion der Beſtimmungen eines und deſſelben Dinges. Fuͤr die Natur nun uͤberhaupt (als Gegenſtand moͤglicher Erfahrung) wird jenes Geſetz als ſchlechter - dings nothwendig erkannt. Nun ſind aber die Ge - genſtaͤnde der empiriſchen Erkenntnis außer jener forma - len Zeitbedingung noch auf mancherley Art beſtimmt, oder, ſo viel man a priori urtheilen kann, beſtimmbar ſo, daß ſpecifiſch-verſchiedene Naturen, auſſerdem was ſie, als zur Natur uͤberhaupt gehoͤrig gemein haben, noch auf unendlich mannigfaltige Weiſe Urſachen ſeyn koͤnnen und eine jede dieſer Arten muß (nach dem Be - griffe einer Urſache uͤberhaupt) ihre Regel haben, die Geſetz iſt, mithin Nothwendigkeit bey ſich fuͤhrt, ob wir gleich, nach der Beſchaffenheit und den Schranken un - ſerer Erkenntnisvermoͤgen, dieſe Nothwendigkeit garXXXIEinleitung. nicht einſehen. Alſo muͤſſen wir in der Natur, in An - ſehung ihrer blos empiriſchen Geſetze, eine Moͤglichkeit unendlich mannigfaltiger empiriſcher Geſetze denken, die fuͤr unſere Einſicht dennoch zufaͤllig ſind (a priori nichter - kannt werden koͤnnten); und in Anſehung deren beurthei - len wir die Natureinheit nach empiriſchen Geſetzen und die Moͤglichkeit der Einheit der Erfahrung (als Syſtems nach empiriſchen Geſetzen) als zufaͤllig. Weil aber doch eine ſolche Einheit nothwendig vorausgeſetzt und an - genommen werden muß, weil ſonſt kein durchgaͤngiger Zuſammenhang empiriſcher Erkenntniſſe zu einem Gan - zen der Erfahrung ſtatt finden wuͤrde, indem die all - gemeine Naturgeſetze zwar einen ſolchen Zuſammen - hang unter den Dingen ihrer Gattung nach, als Na - turdinge uͤberhaupt, aber nicht ſpecifiſch, als ſolche beſondere Naturweſen, an die Hand geben: ſo muß die Urtheilskraft fuͤr ihren eigenen Gebrauch es als Princip a priori annehmen, daß das fuͤr die menſchli - che Einſicht zufaͤllige in den beſonderen (empiriſchen) Naturgeſetzen dennoch eine, fuͤr uns zwar nicht zu er - gruͤndende aber doch denkbare geſetzliche Einheit in der Verbindung ihres mannigfaltigen zu einer an ſich moͤg - lichen Erfahrung, enthalte; folglich, weil die geſetzli - che Einheit in einer Verbindung, die wir zwar einer nothwendigen Abſicht (einem Beduͤrfnis) des Verſtan - des gemaͤs, aber zugleich doch als an ſich zufaͤllig erkennen, als Zweckmaͤßigkeit der Objekte (hier derXXXIIEinleitung. Natur) vorgeſtellt wird, ſo muß die Urtheilskraft, die in Anſehung der Dinge unter moͤglichen (noch zu entdecken - den) empiriſchen Geſetzen, blos reflectirend iſt, die Natur in Anſehung der letzteren nach einem Princip der Zweckmaͤßigkeit fuͤr unſer Erkenntnisvermoͤgen denken, welches dann in obigen Maximen der Urtheils - kraft ausgedruͤckt wird. Dieſer transſcendentale Begrif einer Zweckmaͤßigkeit der Natur iſt nun weder ein Na - turbegrif, noch ein Freyheitsbegrif, weil er gar nichts dem Objecte (der Natur) beylegt, ſondern nur die einzige Art, wie wir in der Reflexion uͤber die Gegenſtaͤnde der Natur in Abſicht auf eine durchgaͤngig zuſammenhaͤngen - Erfahrung verfahren muͤſſen, vorſtellt, folglich ein ſub - jektives Princip (Maxime) der Urtheilskraft; daher wir auch, gleich als ob es ein gluͤcklicher unſre Abſicht beguͤn - ſtigender Zufall waͤre, wenn wir eine ſolche ſyſtematiſche Einheit unter blos empiriſchen Geſetzen antreffen, erfreu - et (eigentlich eines Beduͤrfniſſes entledigt) werden, ob wir gleich nothwendig annehmen mußten; es ſey eine ſolche Einheit, ohne daß wir ſie doch einzuſehen und zu beweiſen vermochten.

Um ſich von der Richtigkeit dieſer Deduction des vorliegenden Begrifs und der Nothwendigkeit ihn als transſcendentales Erkenntnisprincip anzunehmen, zu uͤberzeugen, bedenke man nur die Groͤße der Aufgabe: aus gegebenen Wahrnehmungen, einer allenfalls unend - liche Mannigfaltigkeit empiriſcher Geſetze enthaltendenNaturXXXIIICinleitung.Natur eine zuſammenhaͤngende Erfahrung zu machen, welche Aufgabe a priori in unſrem Verſtande liegt. Der Verſtand iſt zwar a priori im Beſitze allgemeiner Geſetze der Natur, ohne welche ſie gar kein Gegenſtand einer Erfahrung ſeyn koͤnnte: aber er bedarf doch auch uͤber dem noch einer gewiſſen Ordnung der Natur, in den beſonderen Regeln derſelben, die ihm nur empi - riſch bekannt werden koͤnnen und die in Anſehung ſeiner zufaͤllig ſind. Dieſe Regeln, ohne welche kein Fortgang von der allgemeinen Analogie einer moͤglichen Erfahrung uͤberhaupt zur beſonderen ſtatt finden wuͤrde, muß er ſich als Geſetze d. i. als nothwendig denken, weil ſie ſonſt keine Naturordnung ausmachen wuͤrden, ob er gleich ihre Nothwendigkeit nicht erkennt, oder jemals einſehen koͤnnte. Ob er alſo gleich in Anſehung derſelben (Ob - jecte) a priori, nichts beſtimmen kann, ſo muß er doch, um dieſen empiriſchen ſogenannten Geſetzen nachzugehen, ein Princip a priori, daß naͤmlich nach ihnen eine erkenn - bare Ordnung der Natur moͤglich ſey, aller Reflexion uͤber dieſelbe zum Grunde legen, dergleichen Princip nachfolgende Saͤtze ausdruͤcken: daß es in ihr eine fuͤr uns faßliche Unterordnung von Gattungen und Arten gebe, daß jene ſich einander wiederum einem gemeinſchaft - lichen Princip naͤhern, damit ein Uebergang von einer zu der anderen, und dadurch zu einer hoͤheren Gattung moͤglich ſey, daß da fuͤr die ſpeciſiſche Verſchiedenheit der Naturwirkungen eben ſo viel verſchiedene Arten derKants Crit. d. Urtheilskr. cXXXIVEinleitung.Cauſſalitaͤt annehmen zu muͤſſen, unſerem Verſtande an - faͤnglich unvermeidlich ſcheint, ſie dennoch unter einer geringen Zahl von Principien ſtehen moͤgen, mit deren Aufſuchung wir uns zu beſchaͤftigen haben u. ſ.w. Dieſe Zuſammenſtimmung der Natur zu unſerem Erkenntnis - vermoͤgen wird von der Urtheilskraft, zum Behuf ihrer Reflexion uͤber dieſelbe, nach ihren empiriſchen Geſetzen, a priori vorausgeſetzt; indem ſie der Verſtand zugleich objectiv als zufaͤllig anerkennt, und blos die Urtheils - kraft ſie der Natur als transſcendentale Zweckmaͤßigkeit (in Beziehung auf das Erkenntnisvermoͤgen des Sub - jects) beylegt; weil wir ohne dieſe vorauszuſetzen, keine Ordnung der Natur nach empiriſchen Geſetzen, mithin keinen Leitfaden fuͤr eine mit dieſen nach aller ihrer Man - nigfaltigkeit anzuſtellende Erfahrung und Nachforſchung derſelben haben wuͤrden.

Denn es laͤßt ſich wohl denken: daß, ungeachtet aller der Gleichfoͤrmigkeit der Naturdingen nach den allgemeinen Geſetzen, ohne welche die Form eines Er - fahrungserkenntniſſes uͤberhaupt gar nicht ſtatt finden wuͤrde, die ſpecifiſche Verſchiedenheit der empiriſchen Geſetze der Natur, ſammt ihren Wirkungen, dennoch ſo groß ſeyn koͤnnte, daß es fuͤr unſeren Verſtand un - moͤglich waͤre, in ihr eine faßliche Ordnung zu entdecken, ihre Producte in Gattungen und Arten einzutheilen um die Principien der Erklaͤrung und des Verſtaͤndniſſes des einen auch zur Erklaͤrung und Begreifung des an -XXXVEinleitung.dern zu gebrauchen, und aus einem fuͤr uns ſo verwor - renen (eigentlich nur unendlich mannigfaltigen, unſerer Faſſungskraft nicht angemeſſenen) Stoffe eine zuſam - menhaͤngende Erfahrung zu machen.

Die Urtheilskraft hat alſo auch ein Princip a priori fuͤr die Moͤglichkeit der Natur, aber nur in ſubjectiver Ruͤckſicht, in ſich, wodurch ſie, nicht der Natur (als Av - tonomie) ſondern ihr ſelbſt (als Heavtonomie) fuͤr die Reflexion uͤber jene ein Geſetz vorſchreibt, welches man das Geſetz der Specification der Natur in An - ſehung ihrer empiriſchen Geſetze nennen koͤnnte, daß ſie a priori an ihr nicht erkennt, ſondern zum Behuf einer fuͤr unſeren Verſtand erkennbaren Ordnung derſelben in der Eintheilung, die ſie von ihren allgemeinen Geſetzen macht, annimmt, wenn ſie dieſen eine Mannigfaltigkeit der beſondern unterordnen will. Wenn man alſo ſagt: die Natur ſpecificirt ihre allgemeine Geſetze nach dem Princip der Zweckmaͤßigkeit fuͤr unſer Erkenntnisvermoͤ - gen, d. i. zur Angemeſſenheit mit dem menſchlichen Ver - ſtande in ſeinem nothwendigen Geſchaͤfte, zum Beſonde - ren, welches ihm die Wahrnehmung darbietet, das All - gemeine und zum Verſchiedenen (fuͤr jede Species zwar Allgemeinen) wiederum Verknuͤpfung in der Eiuheit des Princips zu finden: ſo ſchreibt man dadurch weder der Natur ein Geſetz vor, noch lernt man eines von ihr durch Beobachtung (ob zwar jenes Princip durch dieſe beſtaͤtigt werden kann). Denn es iſt nicht ein Princip derc 2XXXVIEinleitung.beſtimmenden, ſondern blos der reflectirenden Urtheils - kraft; man will nur, daß man, die Natur mag ihren allgemeinen Geſetzen nach eingerichtet ſeyn wie sie wolle, durchaus nach jenem Princip und den sich darauf gruͤn - denden Maximen ihren empirischen Geſetzen nachſpuͤhren muͤſſe, weil wir, nur so weit als jenes ſtatt findet, mit dem Gebrauche unſeres Verſtandes in der Erfahrung fort kommen und Erkenntnis erwerben koͤnnen.

VJ. Von der Verbindung des Gefuͤhls der Luſt mit dem Begriffe der Zweckmaͤßigkeit der Natur.

Die gedachte Uebereinstimmung der Natur in der Mannigfaltigkeit ihrer beſonderen Geſetze zu unſerem Beduͤrfniſſse, Allgemeinheit der Principien fuͤr ſie aufzu - finden, muß nach aller unſerer Einſicht, als zufaͤllig beurtheilt werden, gleichwohl aber doch, fuͤr unſer Ver - ſtandesbeduͤrfnis, als unentbehrlich, mithin als Zweck - maͤßigkeit, dadurch die Natur mit unſerer, aber nur auſ Erkenntnis gerichteten Abſicht, uͤbereinſtimmt. Die allgemeine Geſetze des Verſtandes, welche zugleich Ge - ſetze der Natur ſind, ſind derſelben eben ſo nothwendig (obgleich aus Spontaneitaͤt entſprangen, als die Bewe - gungsgeſetze der Materie, und ihre Erzeugung ſetzt keine Abſicht mit unſeren Erkenntisvermoͤgen voraus, weil wir nur durch dieſelbe von dem, was Erkenntnis derXXXVIIEinleitung.Dinge (der Natur) ſey, zuerſt einen Beg[r]if erhalten, und ſie der Natur, als Object unſerer Erkenntnis uͤber - haupt, nothwendig zukommen. Allein daß die Ordnung der Natur nach ihren beſonderen Geſetzen, bey aller un - ſere Faſſungskraft uͤberſteigenden wenigſtens moͤglichen Mannigfaltigkeit und Ungleichartigkeit, doch dieſer wirklich angemeſſen ſey, iſt, so viel wir einſehen koͤnnen, zufaͤllig und die Auffindung derſelben iſt ein Geſchaͤft des Verſtandes, welches mit Abſicht zu einem nothwen - digen Zwecke deſſelben naͤmlich Einheit der Principien in ſie hineinzubringen, gefuͤhrt wird, welchen Zweck dann die Urtheilskraft der Natur beylegen muß, weil der Ver - ſtand ihr hieruͤber kein Geſetz vorſchreiben kann.

Die Erreichung jeder Abſicht iſt mit dem Gefuͤhle der Luſt verbunden und, iſt die Bedingung der erſtern eine Vorſtellung a priori wie hier ein Princip fuͤr die reflectirende Urtheilskraft uͤberhaupt, ſo iſt das Gefuͤhl der Luſt auch durch einen Grund a priori und fuͤr jeder - mann guͤltig beſtimmt und zwar blos durch die Beziehung des Objects aufs Erkenntnisvermoͤgen, ohne daß der Begrif der Zweckmaͤßigkeit hier im Mindeſten auf das Begehrungsvermoͤgen Ruͤcksicht nimmt und sich alſo von aller practiſchen Zweckmaͤßigkeit der Natur gaͤnzlich un - terſcheidet.

Jn der That, da wir von dem Zusammentreffen der Wahrnehmungen mit den Geſetzen nach allgemeinen Naturbegriffen (den Calegorien) nicht die mindeſte Wir -c 3XXXVIIIEinleitung.kung aufs Gefuͤhl der Luſt in uns antreffen, auch nicht antreffen koͤnnen, weil der Verſtand damit unabſichtlich nach ſeiner Natur nothwendig verfaͤhrt: ſo iſt anderſeits die entdeckte Vereinbarkeit zweyer oder mehrerer empiri - ſcher heterogener Naturgeſetze unter einem ſie beyde be - faſſenden Princip der Grund einer ſehr merklichen Luſt, oft ſogar einer Bewunderung, ſelbſt einer ſolchen, die nicht aufhoͤrt, ob man ſchon mit dem Gegenſtande der - ſelben gnug bekannt iſt. Zwar ſpuͤhren wir an der Fas - lichkeit der Natur und ihrer Einheit der Abtheilung in Gattungen und Arten, wodurch allein empiriſche Be - griffe moͤglich ſind, durch welche wir ſie nach ihren beſon - deren Geſetzen erkennen, keine merkliche Luſt mehr; aber ſie iſt gewiß zu ihrer Zeit geweſen und, nur weil die ge - meinſte Erfahrung ohne ſie nicht moͤglich ſeyn wuͤrde, iſt ſie allmaͤhlig mit dem bloßen Erkenntniſſe vermiſcht, und nicht mehr beſonders bemerkt worden. Es ge - hoͤrt alſo etwas, was in der Beurtheilung der Natur auf die Zweckmaͤßigkeit derſelben fuͤr unſern Verſtand aufmerkſam macht, ein Studium ungleichartige Geſetze derſelben wo moͤglich unter hoͤhere, ob wohl immer noch empiriſche zu bringen, dazu, um, wenn es gelingt, an dieſer Einſtimmung derſelben fuͤr unſer Erkenntnisver - moͤgen die wir als blos zufaͤllig anſehen Luſt zu empfin - den. Dagegen wuͤrde uns eine Vorſtellung der Natur durchaus misfallen, durch welche man uns voraus ſagte, daß, bey der mindeſten Nachforſchung uͤber dieXXXIXEinleitung.gemeinſte Erfahrung hinaus, wir auf eine ſolche Hetero - geneitaͤt ihrer Geſetze ſtoßen wuͤrden, die die Vereini - gung ihrer beſonderen Geſetze unter allgemeinen empiri - ſchen fuͤr unſeren Verſtand unmoͤglich machte; weil das dem Princip der ſubjectiv-zweckmaͤßigen Specification der Natur in ihrer Gattungen und unſerer reflectirenden Ur - theilskraft in der Abſicht der letzteren widerſtreitet.

Dieſe Vorausſetzung der Urtheilskraft iſt gleichwohl daruͤber ſo unbeſtimmt: wie weit jene idealiſche Zweck - maͤßigkeit der Natur fuͤr unſer Erkenntnisvermoͤgen aus - gedehnt werden ſolle, daß, wenn man uns ſagt, eine tiefere oder ausgebreitetere Kenntnis der Natur durch Beobachtung muͤſſe zuletzt auf eine Mannigfaltigkeit von Geſetzen ſtoßen, die kein menſchlicher Verſtand auf ein Princip zuruͤck fuͤhren kann, wir es auch zufrieden ſind, ob wir es gleich lieber hoͤren, wenn andere uns Hofnung geben: daß, je mehr wir die Natur im Jnneren kennen wuͤrden, oder mit aͤußeren uns fuͤr jetzt unbekannten Gliedern vergleichen koͤnnten, wir ſie in ihren Principien um deſto einfacher und, bey der ſcheinbaren Heterogenei - taͤt ihrer empiriſchen Geſetze, einhelliger finden wuͤrden, je weiter unſere Erfahrung fortſchritte; denn es iſt ein Geheiß unſerer Urtheilskraft nach dem Princip der An - gemeſſenheit der Natur zu unſerem Erkenntnisvermoͤgen zu verfahren, ſo weit es reicht, ohne (weil es keine be - ſtimmende Urtheilskraft iſt, die uns dieſe Regel giebt) auszumachen, ob es irgend wo ſeine Grenzen habe, oderc 4XLEinleitung.nicht; weil wir zwar in Anſehung des rationalen Ge - brauchs unſerer Erkenntnisvermoͤgen Graͤnzen beſtimmen koͤnnen, im empiriſchen Felde aber keine Graͤnzbeſtim - mung moͤglich iſt.

VII. Von der aͤſthetiſchen Vorſtellung der Zweck - maͤßigkeit der Natur.

Was an der Vorſtellung eines Objects blos ſub - jectiv iſt, d. i. ihre Beziehung auf das Subject, nicht auf den Gegenſtand ausmacht, iſt die aͤſthetiſche Be - ſchaffenheit derſelben; was aber an ihr zur Beſtim - mung des Gegenſtandes (zum Erkenntniſſe) dient, oder gebraucht werden kann, iſt ihre logiſche Guͤltigkeit. Jn dem Erkenntniſſe eines Gegenſtandes der Sinne kommen beyde Beziehungen zuſammen vor. Jn der Sinnenvorſtellung der Dinge außer mir iſt die Qva - litaͤt des Raums, darinn wir ſie anſchauen, das blos Subjective meiner Vorſtellung derſelben (dadurch, was ſie als Objecte an ſich ſeyn, unausgemacht bleibt), um welcher Beziehung willen der Gegenſtand auch dadurch blos als Erſcheinung gedacht wird; der Raum iſt aber, ſeiner blos ſubjectiven Qvalitaͤt ungeachtet, gleichwohl doch ein Erkenntnisſtuͤck der Dinge als Erſcheinungen. Empfindung (hier die aͤußere) druͤckt eben ſowohl das blos Subjective unſerer Vorſtellun -XLIEinleitung.gen der Dinge außer uns aus, aber eigentlich das Materielle (Reale) derſelben (wodurch etwas Exiſtiren - des gegeben wird), ſo wie der Raum die bloße Form a priori der Moͤglichkeit ihrer Anſchauung, und gleich - wohl wird jene auch zum Erkenntnis der Objecte außer uns gebraucht.

Dasjenige Subjective aber an einer Vorſtellung, was gar kein Erkenntnisſtuͤck werden kann, iſt die mit ihr verbundene Luſt oder Unluſt; denn durch ſie erkenne ich nichts an dem Gegenſtande der Vorſtellung, obgleich ſie wohl die Wirkung irgend einer Erkenntnis ſeyn kann. Nun iſt die Zweckmaͤßig - keit eines Dinges, ſo fern ſie in der Wahrnehmung vorgeſtellt wird, auch keine Beſchaffenheit des Objects ſelbſt (denn eine ſolche kann nicht wahrgenommen werden), ob ſie gleich aus einem Erkenntniſſe der Dinge gefolgert werden kann. Die Zweckmaͤßigkeit alſo, die vor dem Erkenntniſſe eines Objects vorher - geht, ja ohne ſogar die Vorſtellnug deſſelben zu einem Erkenntnis brauchen zu wollen, gleichwohl mit ihr unmittelbar verbunden wird, iſt das Subjective der - ſelben, was gar kein Erkenntnisſtuͤck werden kann. Alſo wird der Gegenſtand alsdann nur darum zweck - maͤßig genannt, weil ſeine Vorſtellung unmittelbar mit dem Gefuͤhle der Luſt verbunden iſt, und dieſe Vorſtellung ſelbſt iſt eine aͤſthetiſche Vorſtellung derc 5XLIIEinleitung.Zweckmaͤßigkeit. Es fraͤgt ſich nur, ob es uͤber - haupt eine ſolche Vorſtellung der Zweckmaͤßigkeit gebe.

Wenn mit der bloßen Auffaſſung (apprehenſio) der Form eines Gegenſtandes der Anſchauung, ohne Bezie - hung derſelben auf einen Begrif zu einem beſtimmten Erkenntnis, Luſt verbunden iſt: ſo wird die Vorſtellung dadurch nicht auf das Object, ſondern lediglich auf das Subject bezogen und die Luſt kann nichts anders als die Angemeſſenheit deſſelben zu den Erkenntnisvermoͤgen, die in der reflectirenden Urtheilskraft im Spiel ſind, und ſo fern ſie darin ſind, alſo blos eine ſubjective for - male Zweckmaͤßigkeit des Objects ausdruͤcken. Denn jene Auffaſſung der Formen in die Einbildungskraft kann niemals geſchehen, ohne daß die reflectirende Ur - theilskraft, auch unabſichtlich, ſie wenigſtens mit ihrem Vermoͤgen, Anſchauungen auf Begriffe zu beziehen, vergliche. Wenn nun in dieſer Vergleichung die Einbil - dungskraft (als Vermoͤgen der Anſchauungen a priori) zum Verſtande, als Vermoͤgen der Begriffe, durch eine gegebene Vorſtellung unabſichtlich in Einſtimmung ver - ſetzt und dadurch ein Gefuͤhl der Luſt erweckt wird, ſo muß der Gegenſtand alsdann als zweckmaͤßig fuͤr die reflectirende Urtheilskraft angeſehen werden. Ein ſolches Urtheil iſt ein aͤſthetiſches Urtheil uͤber die Zweckmaͤßig - keit des Objects, welches ſich auf keinem vorhandenen Begriffe vom Gegenſtande gruͤndet und keinen von ihm verſchafft. Ein Gegenſtand deſſen Form, (nicht dasXLIIIEinleitung.Materielle ſeiner Vorſtellung, als Empfindung) in der bloßen Reflexion uͤber dieſelbe, (ohne Abſicht auf einen von ihm zu erwerbenden Begrif) als der Grund einer Luſt an der Vorſtellung eines ſolchen Objects beurtheilt wird, mit deſſen Vorſtellung wird dieſe Luſt auch als nothwendig verbunden geurtheilt, folglich als nicht blos fuͤr das Subject, welches dieſe Form auffaßt, ſondern fuͤr jeden Urtheilenden uͤberhaupt. Der Gegenſtand heißt alsdann ſchoͤn und das Vermoͤgen durch eine ſolche Luſt (folglich auch allgemeinguͤltig zu urtheilen) der Geſchmack. Denn da der Grund der Luſt blos in der Form des Gegenſtandes fuͤr die Reflexion uͤberhaupt, mithin in keiner Empfindung des Gegenſtandes und auch ohne Beziehung auf einen Begrif, der irgend eine Abſicht enthielte, geſetzt wird, ſo iſt es allein die Geſetz - maͤßigkeit im empiriſchen Gebrauche der Urtheilstraft uͤberhaupt (Einheit der Einbildungskraft mit dem Ver - ſtande) in dem Subjecte, mit der die Vorſtellung des Objects in der Reflexion, deren Bedingungen a priori allgemein gelten, zuſammen ſtimmt und, da dieſe Zu - ſammenſtimmung des Gegenſtandes mit den Vermoͤgen des Subjects zufaͤllig iſt, ſo bewirkt ſie die Vorſtellung einer Zweckmaͤßigkeit deſſelben in Anſehung der Erkennt - nisvermoͤgen des Subjects.

Hier iſt nun eine Luſt, die, wie alle Luſt oder Unluſt, welche nicht durch den Freyheitsbegrif (d. i. durch die vorhergehende Beſtimmung des oberen Begehrungsver -XLIVEinleitung.moͤgens durch reine Vernuuft) gewirkt wird, niemals aus Begriffen, als mit der Vorſtellung eines Gegen - ſtandes nothwendig verbunden, eingeſehen werden kann, ſondern jederzeit nur durch reflectirte Wahrnehmung als mit dieſer verknuͤpft erkannt werden muß, folglich, wie alle empiriſche Urtheile, keine objective Nothwendigkeit ankuͤndigen und auf Guͤltigkeit a priori Anſpruch machen kann. Aber das Geſchmacksurtheil macht auch nur Anſpruch wie jedes andere empiriſche Urtheil, fuͤr jeder - mann zu gelten, welches unerachtet der inneren Zu - faͤlligkeit deſſelben, immer moͤglich iſt. Das Befrem - dende und Abweichende liegt nur darinn: daß es nicht ein empiriſcher Begrif ſondern ein Gefuͤhl der Luſt (folg - lich gar kein Begrif,) iſt, welches doch durch das Ge - ſchmacksurtheil, gleich als ob es ein mit dem Erkennt - niſſe des Objekts verbundenes Praͤdicat waͤre, jedermann zugemuthet und mit der Vorſtellung deſſelben verknuͤpft werden ſoll.

Ein einzelnes Erfahrungsurtheil, z. B. von dem, der in einem Bergcryſtall einen beweglichen Tropfen Waſ - ſer wahrnimmt, verlangt mit Recht, daß ein jeder an - dere es eben ſo finden muͤſſe, weil er dieſes Urtheil nach den allgemeinen Bedingungen der beſtimmenden Urtheils - kraft, unter den Geſetzen einer moͤglichen Erfahrung uͤber - haupt gefaͤllet hat. Eben ſo macht derjenige, welcher in der bloßen Reflexion uͤber die Form eines Gegenſtandes, ohne Ruͤckſicht auf einen Begrif, Luſt empfindet, ob zwarXLVEinleitung.dieſes Urtheil empiriſch und ein einzelnes Urtheil iſt, mit Recht Anſpruch auf Jedermanns Beyſtimmung; weil der Grund zu dieſer Luſt in der allgemeinen ob zwar ſub - jectiven Bedingung der reflectirenden Urtheile, naͤmlich der zweckmaͤßigen Uebereinſtimmung eines Gegenſtandes (er ſey Product der Natur oder der Kunſt) mit dem Ver - haͤltnis der Erkenntnisvermoͤgen unter ſich, die zu jedem empiriſchem Erkenntnis erfordert wird (der Einbildungs - kraft und des Verſtandes), angetroffen wird. Die Luſt iſt alſo im Geſchmacksurtheile zwar von einer empiriſchen Vorſtellung abhaͤngig und kann a priori mit keinem Be - griffe verbunden werden, (man kann a priori nicht be - ſtimmen, welcher Gegenſtand dem Geſchmacke gemaͤs ſeyn werde, oder nicht, man muß ihn verſuchen;) aber ſie iſt doch der Beſtimmungsgrund dieſes Urtheils nur da - durch, daß man ſich bewußt iſt, ſie beruhe blos auf der Reflexion und den allgemeinen, obwohl nur ſubjectiven Bedingungen der Uebereinſtimmung derſelben zum Er - kenntnis der Objekte uͤberhaupt, fuͤr welche die Form des Objekts zweckmaͤßig iſt.

Das iſt die Urſache, warum die Urtheile des Ge - ſchmacks ihrer Moͤglichkeit nach, weil dieſe ein Princip a priori vorausſetzt, auch einer Critik unter - worfen ſind, obgleich dieſes Princip weder ein Erkennt - nisprincip fuͤr den Verſtand, noch ein practiſches fuͤr den Willen und alſo a priori gar nicht beſtimmend iſt.

XLVIEinleitung.

Die Empfaͤnglichkeit einer Luſt aus der Reflexion uͤber die Formen der Sachen (der Natur ſo wohl als der Kunſt) bezeichnet aber nicht allein eine Zweckmaͤßigkeit der Objekte in Verhaͤltnis auf die reflectirende Urtheils - kraft, gemaͤs dem Naturbegriffe am Subject, ſondern auch umgekehrt des Subjects in Anſehung der Gegenſtaͤn - de ihrer Form ja ſelbſt ihrer Unform nach, zu folge dem Freyheitsbegriffe und dadurch geſchieht es: daß das aͤſt - hetiſche Urtheil nicht blos als Geſchmacksurtheil, auf das Schoͤne, ſondern auch, als aus einem Geiſtesgefuͤhl ent - ſprungenes, aufs Erhabene bezogen und ſo jene Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft in zwey dieſen gemaͤße Haupttheile zerfallen muß.

VIII. Von der logiſchen Vorſtellung der Zweck - maͤßigkeit der Natur.

An einem in der Erfahrung gegebenen Gegenſtande kann Zweckmaͤßigkeit vorgeſtellt werden, entweder aus einem blos ſubjectiven Grunde, als Uebereinſtimmung ſeiner Form, in der Auffaſſung (apprehenſio) deſſel - ben vor allem Begriffe, mit den Erkenntnisvermoͤgen, um die Anſchauung mit Begriffen zu einem Erkenntnis uͤberhaupt zu vereinigen, oder aus einem objectiven, als Uebereinſtimmung ſeiner Form mit der Moͤglichkeit des Dinges ſelbſt, nach einem Begriffe von ihm, derXLVIIEinleitung.vorhergeht und den Grund dieſer Form enthaͤlt. Wir haben geſehen: daß die Vorſtellung der Zweckmaͤßigkeit der erſteren Art auf der unmittelbaren Luſt an der Form des Gegenſtandes in der bloßen Reflexion uͤber ſie be - ruhe; die alſo von der Zweckmaͤßigkeit der zweyten Art, da ſie die Form des Objects nicht auf die Erkenntnisver - moͤgen des Subjects in der Auffaſſung derſelben, ſondern auf ein beſtimmtes Erkenntnis des Gegenſtandes unter einem gegebenen Begriffe bezieht, hat nichts mit einem Gefuͤhle der Luſt an den Dingen, ſondern mit dem Ver - ſtande in Beurtheilung derſelben zu thun. Wenn der Begrif von einem Gegenſtande gegeben iſt, ſo beſteht das Geſchaͤfte der Urtheilskraft im Gebrauche deſſelben zum Erkenntnis in der Darſtellung (exhibito), d. i. da - rinn, dem Begriffe eine correſpondirende Anſchauung zur Seite zu ſtellen, es ſey, daß dieſes durch unſere eigene Einbildungskraft geſchehe, wie in der Kunſt, wenn wir einen vorhergefaßten Begrif von einem Gegenſtande, der fuͤr uns Zweck iſt, realiſiren, oder durch die Natur, in der Technik derſelben (wie bey organiſirten Koͤrpern), wenn wir ihr unſeren Begrif vom Zweck zur Beurthei - lung ihres Productes unterlegen, in welchem Falle nicht blos Zweckmaͤßigkeit der Natur in der Form des Dinges, ſondern dieſes ihr Product als Naturzweck vorgeſtellt wird. Ob zwar unſer Begrif von einer ſubjectiven Zweckmaͤßigkeit der Natur in ihren Formen, nach empiriſchen Geſetzen gar kein Begrif vom ObjectXLVIIIEinleitung.iſt, ſondern nur ein Princip der Urtheilskraft ſich in die - ſer ihrer uͤbergroßen Mannigfaltigkeit Begriffe zu ver - ſchaffen (in ihr orientiren zu koͤnnen): ſo legen wir ihr doch hiedurch gleichſam eine Ruͤckſicht auf unſer Erkennt - nisvermoͤgen nach der Analogie eines Zwecks bey und ſo koͤnnen wir die Naturſchoͤnheit als Darſtellung des Begrifs der formalen (blos ſubjectiven), und die Naturzwecke als Darſtellung des Begrifs eiuer realen (objectiven) Zweckmaͤßigkeit anſehen, deren eine wir durch Geſchmack (aͤſthetiſch, vermittelſt des Gefuͤhls der Luſt) die andere durch Verſtand und Vernunft (logiſch, nach Begriffen) beurtheilen.

Hierauf gruͤndet ſich die Eintheilung der Critik der Urtheilskraft in die der aͤſthetiſchen und teleologi - ſchen; indem unter der erſteren das Vermoͤgen die formale Zweckmaͤßigkeit (ſonſt auch ſubjective genannt) durchs Gefuͤhl der Luſt oder Unluſt, unter der zweyten das Ver - moͤgen die reale Zweckmaͤßigkeit (objective) der Natur durch Verſtand und Vernunft zu beurtheilen verſtan - den wird.

Jn einer Critik der Urtheilskraft iſt der Theil wel - cher die aͤſthetiſche Urtheilskraft enthaͤlt, ihr weſentlich angehoͤrig, weil dieſe allein ein Princip enthaͤlt, welches die Urtheilskraft voͤllig a priori ihrer Reflexion uͤber die Natur zum Grunde legt, naͤmlich das einer formalen Zweckmaͤßigkeit der Natur nach ihren beſonderen (empi - riſchen) Geſetzen fuͤr unſer Erkenntnisvermoͤgen, ohnewelcheXLIXEinleitung.welche ſich der Verſtand in ſie nicht finden koͤnnte: an - ſtatt daß gar kein Grund a priori angegeben werden kann, ja nicht einmal die Moͤglichkeit davon aus dem Begriffe einer Natur, als Gegenſtande der Erfahrung im Allge - meinen ſowohl, als im Beſonderen, erhellet, daß es objective Zwecke der Natur, d. i. Dinge die nur als Na - turzwecke moͤglich ſind, geben muͤſſe, ſondern nur die Urtheilskraft, ohne ein Princip dazu a priori in ſich zu enthalten, in vorkommenden Faͤllen (gewiſſer Producte) um zum Behuf der Vernunft von dem Begriffe der Zwecke Gebrauch zu machen, die Regel enthalte; nachdem jenes transſcendentale Princip ſchon den Begrif eines Zwecks (wenigſtens der Form nach) auf die Natur anzuwenden den Verſtand vorbereitet hat.

Der transſcendentale Grundſatz aber, ſich eine Zweckmaͤßigkeit der Natur in ſubjektiver Beziehung auf unſer Erkenntnisvermoͤgen an der Form eines Dinges als ein Princip der Beurtheilung derſelben vorzuſtellen laͤßt es gaͤnzlich unbeſtimmt, wo und in welchen Faͤllen ich die Beurtheilung, als die eines Products nach einem Princip der Zweckmaͤßigkeit und nicht vielmehr blos nach allgemeinen Naturgeſetzen anzuſtellen habe, und uͤberlaͤßt es der aͤſthetiſchen Urtheilskraft, im Geſchmacke die Angemeſſenheit deſſelben (ſeiner Form) zu unſeren Er - kenntnisvermoͤgen (ſo fern dieſe nicht durch Uebereinſtim - mung mit Begriffen, ſondern durchs Gefuͤhl entſcheidet) auszumachen. Dagegen giebt die teleologiſch-gebrauchteKants Crit. d. Urtheiskr. dLEinleitung.Urtheilskraft die Bedingungen beſtimmt an, unter denen etwas (z. B. ein organiſirter Koͤrper) nach der Jdee ei - nes Zweks der Natur zu beurtheilen ſey, kann aber keinen Grundſatz aus dem Begriffe der Natur, als Gegenſtan - de der Erfahrung, fuͤr die Befugnis anfuͤhren, ihr eine Beziehung auf Zwecke a priori beyzulegen, und auch nur unbeſtimmt dergleichen von der wirklichen Erfahrung an ſolchen Producten annezuhmen; davon der Grund iſt, daß viele beſondere Erfahrungen angeſtellt und unter der Ein - heit ihres Princips betrachtet werden muͤſſen, um eine objective Zweckmaͤßigkeit an einem gewiſſen Gegenſtande nur empiriſch erkennen zu koͤnnen. Die aͤſthetiſche Urtheilskraft iſt alſo ein beſonderes Vermoͤgen Dinge nach einer Regel, aber nicht nach Begriffen zu beurtheilen. Die teleologiſche iſt kein beſonderes Vermoͤgen, ſondern nur die reflectirende Urtheilskraft uͤberhaupt, ſo fern ſie wie uͤberall im theoretiſchen Erkenntniſſe nach Begriffen, aber in Anſehung gewiſſer Gegenſtaͤnde der Natur nach beſonderen Principien naͤmlich einer blos reflectirenden nicht Objecte beſtimmenden Urtheilskraft verfaͤhrt, alſo ihrer Anwendung nach zum theoretiſchen Theile der Phi - loſophie gehoͤret, und der beſonderen Principien wegen, die nicht, wie es in einer Doctrin ſeyn muß, beſtim - mend ſind, auch einen beſonderen Theil der Critik aus - machen muß; anſtatt daß die aͤſthetiſche Urtheilskraft zum Erkenntnis ihrer Gegenſtaͤnde nichts beytraͤgt und alſo nur zur Critik des urtheilenden Subjects und der Er -LIEinleitung.kenntnisvermoͤgen deſſelben, ſo fern ſie der Principien a priori faͤhig ſind, von welchem Gebrauche (dem theo - retiſchen oder practiſchen) dieſe uͤbrigens auch ſeyn moͤ - gen, gezaͤhlt werden muß, welche die Propaͤdevtik aller Philoſophie iſt.

IX. Von der Verknuͤpfung der Geſetzgebungen des Verſtandes und der Vernunft durch die Urtheilskraft.

Der Verſtand iſt a priori geſetzgebend fuͤr die Natur als Object der Sinne, zu einem theoretiſchen Er - kenntnis derſelben in einer moͤglichen Erfahrung. Die Vernunft iſt a priori geſetzgebend fuͤr die Freyheit und ihre eigene Cauſſalitaͤt, als das Ueberſinn - liche in dem Subjecte, zu einem unbedingt-practiſchen Erkenntnis. Das Gebiet des Naturbegrifs, unter der einen, und das des Freyheitsbegrifs, unter der anderen Geſetzgebung, ſind gegen allen wechſelſeitigen Einflus, den ſie fuͤr ſich, (ein jedes nach ſeinen Grundgeſetzen) auf einander haben koͤnnten, durch die große Kluft, wel - che das Ueberſinnliche von den Erſcheinungen trennt, gaͤnzlich abgeſondert; der Freyheitsbegrif beſtimmt nichts in Anſehung der theoretiſchen Erkenntnis der Natur: der Naturbegrif eben ſo wohl nichts in Anſehung der pra - ctiſchen Geſetzte der Freyheit, und es iſt in ſo fern nicht moͤglich eine Bruͤcke von einem Gebiete zu dem andernd 2LIIEinleitung.hinuͤberzuſchlagen. Allein, wenn die Beſtimmungs - gruͤnde der Cauſſalitaͤt nach dem Freyheitsbegriffe (und der practiſchen Regel die er enthaͤlt) gleich nicht in der Natur belegen ſind und das Sinnliche das Ueberſinnliche im Subject nicht beſtimmen kann, ſo iſt dieſes doch um - gekehrt (zwar nicht in Anſehung des Erkenntniſſes der Natur, aber doch der Folgen aus dem erſteren auf die letztere) moͤglich und ſchon in dem Begriffe einer Cauſſa - litaͤt durch Freyheit enthalten, deren Wirkung dieſen ihren formalen Geſetzen gemaͤß in der Welt geſchehen ſoll, ob zwar das Wort Urſache, von dem Ueberſinnlichen gebraucht, nur den Grund bedeutet, die Cauſſalitaͤt der Naturdinge, zu einer Wirkung gemaͤs dieſer ihren eigenen Naturgeſetzen, zugleich aber doch auch mit dem formalen Princip der Vernunftgeſetze einhellig zu beſtim - men, wovon die Moͤglichkeit zwar nicht eingeſehen, aber der Einwurf von einem vorgeblichen Widerſpruch, der ſich darin faͤnde, hinreichend widerlegt werden kan. *)Einer von den verſchiedenen vermeynten Widerſpruͤchen in dieſer gaͤnzlichen Unterſcheidung der Naturcauſſalitaͤt von der durch Freyheit iſt der, da man ihr den Vorwurf macht: daß, wenn ich von Hinderniſſen, die die Natur der Cauſ - ſalitaͤt nach Freyheitsgeſetzen (den moraliſchen) legt, oder ihrer Befoͤrderung durch dieſelbe rede, ich doch der erſte - reu auf die letztere einen Einflus einraͤume. Aber, wenn man das Geſagte nur verſtehen will, ſo iſt die Misdeutung[s]ehr leicht zu verhuͤten. Der Widerſtand oder die Befoͤr -LIIIEinleitung. Die Wirkung nach dem Freyheitsbegriffe iſt der End - zweck, der (oder deſſen Erſcheinung in der Sinnenwelt exiſtiren ſoll, wozu die Bedingung der Moͤglichkeit deſſel - ben in der Natur (des Subjects als Sinnenweſens, naͤm - lich als Menſch) vorausgeſetzt wird. Das, was dieſe a priori und ohne Ruͤckſicht aufs Practiſche vorausſetzt, die Urtheilskraft, giebt den vermittelnden Begrif zwi - ſchen den Naturbegriffen und dem Freyheitsbegriffe, der den Uebergang von der reinen theoretiſchen zur reinen practiſchen, von der Geſetzmaͤßigkeit nach der erſten zum Endzwecke nach dem letzten moͤglich macht, in dem Be - griffe einer Zweckmaͤßigkeit der Natur an die Hand; denn dadurch wird die Moͤglichkeit des Endzwecks, der allein in der Natur und mit Einſtimmung ihrer Geſetze wirklich werden kan, erkannt.

Der Verſtand giebt, durch die Moͤglichkeit ſeiner Geſetze a priori fuͤr die Natur, einen Beweis davon, daß dieſe von uns nur als Erſcheinung erkannt werde,*)derung, iſt nicht zwiſchen der Natur und Freyheit, ſondern der erſteren als Erſcheinung und den Wirkungen der letzten als Erſcheinungen in der Sinnenwelt; und ſelbſt die Cauſ - ſalitaͤt der Freyheit (der reinen practiſchen Vernunft) iſt die Cauſſalitaͤt einer jener untergeordneten Natururſache (des Subjects, als Menſch, folglich als Erſcheinung be - trachtet), von deren Beſtimmung das Jntelligibile, wel - ches unter der Freyheit gedacht wird, auf eine uͤbrigens (eben ſo wie eben daſſelbe, was das Ueberſinnliche Subſtrat der Natur ausmacht) unerklaͤrliche Art, den Grund ent - haͤlt.LIIII[LIV]Einleitung.mithin zugleich Anzeige auf ein uͤberſinnliches Subſtrat derſelben; aber laͤßt dieſes gaͤnzlich unbeſtimmt. Die Urtheilskraft verſchaft durch ihr Princip a priori der Be - urtheilung der Natur, nach moͤglichen beſonderen Geſetzen derſelben, ihrem uͤberſinnlichen Subſtrat (in uns ſowohl als außer uns) Beſtimmbarkeit durchs intelle - ctuelle Vermoͤgen. Die Vernunft aber giebt eben demſelben durch ihr practiſches Geſetz a priori die Beſtimmung; und ſo macht die Urtheilskraft den Ue - bergang vom Gebiete des Naturbegrifs zu dem des Frey - heitsbegrifs moͤglich.

Jn Anſehung der Seelenvermoͤgen uͤberhaupt, ſo fern ſie als obere, d. i. als ſolche, die eine Avtonomie enthalten, betrachtet werden, iſt fuͤr das Erkenntnis - vermoͤgen (das theoretiſche der Natur) der Verſtand, dasjenige, welches die conſtitutive Principien a priori enthaͤlt; fuͤr das Gefuͤhl der Luſt und Unluſt iſt es die Urtheilskraft, unabhaͤngig von Begriffen und Empfindungen, die ſich auf Beſtimmung des Begeh - rungsvermoͤgens beziehen und dadurch unmittelbar pra - ctiſch ſeyn koͤnnten; fuͤr das Begehrungsvermoͤgen die Vernunft, welche ohne Vermittelung irgend einer Luſt, woher ſie auch komme, practiſch iſt und demſelben, als oberes Vermoͤgen, den Endzweck beſtimmt, der zu - gleich das reine intellectuelle Wohlgefallen am Objecte mit ſich fuͤhrt. Der Begrif der Urtheilskraft von ei -LVEinleitungner Zweckmaͤßigkeit der Natur iſt noch zu den Naturbe - griffen gehoͤrig, aber nur als regulatives Princip des Erkenntnisvermoͤgens; ob zwar das aͤſthetiſche Urtheil uͤber gewiſſe Gegenſtaͤnde (der Natur oder der Kunſt), welches ihn veranlaſſet, in Anſehung des Gefuͤhls der Luſt oder Unluſt ein conſtitutives Princip iſt. Die Spontaneitaͤt im Spiele der Erkenntnisvermoͤgen, deren Zuſammenſtimmung den Grund dieſer Luſt ent - haͤlt, macht den gedachten Begrif zur Vermittelung der Verknuͤpfung der Gebiete des Naturbegrifs mit dem Freyheitsbegriffe in ihren Folgen tauglich, indem dieſe zugleich die Empfaͤnglichkeit des Gemuͤths fuͤrs mora - liſche Gefuͤhl befoͤrdert. Folgende Tafel kann die Ueberſicht aller oberen Vermoͤgen ihrer ſyſtematiſchen Einheit nach erleichtern*)Man hat es bedenklich gefunden, daß meine Eintheilun - gen in der reinen Philoſophie faſt immer dreytheilig ausfal - len. Das liegt aber in der Natur der Sache. Soll eine Eintheilung a priori geſchehen, ſo wird ſie entweder analy - tiſch ſeyn, nach dem Satze des Widerſpruchs und da iſt ſie jederzeit zweytheilig (quodlibet ens eſt aut A aut non A) oder ſie iſt ſynthetiſch und, wenn ſie in dieſem Falle aus Begriffen a priori (nicht wie in der Mathematik aus der a priori dem Begriffe correſpondirenden Anſchauung) ſoll ge - fuͤhrt werden, ſo muß, nach demjenigen, was zu der ſyn - thetiſchen Einheit uͤberhaupt erforderlich iſt, naͤmlich 1. Be - dingung 2. ein Bedingtes 3. der Begrif der aus der Ver - einigung des Bedingten mit ſeiner Bedingung entſpringt, die Eintheilung nothwendig Trichotomie ſeyn..

LVIEinleitung.
Jnnhalt -[LVII]

Eintheilung des ganzen Werks.

  • Erſter Theil. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.
  • Erſter Abſchnitt. Analytik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.
  • Erſtes Buch. Analytik des Schoͤnen. S. 3
  • Zweytes Buch. Analytik des Erhabenen. 73
  • Zweyter Abſchnitt. Dialectik der aͤſthet. Urtheilskraft. 228
LVIII
  • Zweyter Theil. Critik der teleologiſchen Urtheilskraft. 261
  • Erſte Abtheilung. Analytik der teleolog. Urtheiltskraft. 267
  • Zweyte Abtheilung. Dialectik der teleolog. Urtheilskraft. 307
  • Anhang. Methodenlehre der teleolog. Urtheilsk. 359

Der Critik der Urtheilskraft Erſter Theil. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.

Kants Crit. d. Urtheilskr. A

Erſter Abſchnitt. Analytik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.

Erſtes Buch. Analytik des Schoͤnen.

Erſtes Moment des Geſchmacksurtheils*)Die Definition des Geſchmacks, welche hier zum Grunde gelegt wird, iſt: daß er das Vermoͤgen der Beurtheilung des Schoͤnen ſey. Was aber dazu erfodert wird, um einen Gegenſtand ſchoͤn zu nennen, das muß die Analyſe der Ur - theile des Geſchmacks entdecken. Die Momente, worauf dieſe Urtheilskraft in ihrer Reflexion acht hat, habe ich nach der Qualitaͤt nach.

§. 1. Das Geſchmacksurtheil iſt aͤſthetiſch.

Um zu unterſcheiden, ob etwas ſchoͤn ſey oder nicht, beziehen wir die Vorſtellung nicht durch den Verſtand auf’s Object zum Erkenntniſſe, ſondern durch die Einbil -A 24I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.dungskraft (vielleicht mit dem Verſtande verbunden) aufs Subject und das Gefuͤhl der Luſt oder Unluſt deſſel - ben. Das Geſchmacksurtheil iſt alſo kein Erkenntnis - urtheil, mithin nicht logiſch, ſondern aͤſthetiſch, wor - unter man dasjenige verſteht, deſſen Beſtimmungsgrund nicht anders als ſubjectiv ſeyn kann. Alle Bezie - hung der Vorſtellungen, ſelbſt die der Empfindungen, aber kann objectiv ſeyn (und da bedeutet ſie das Reale einer empiriſchen Vorſtellung): nur nicht die auf das Gefuͤhl der Luſt und Unluſt, wodurch gar nichts im Ob - jecte bezeichnet wird, ſondern in der das Subject, wie es durch die Vorſtellung afficirt wird, ſich ſelbſt fuͤhlt.

Ein regelmaͤßiges, zweckmaͤßiges Gebaͤude mit ſei - nem Erkenntnißvermoͤgen (es ſey in deutlicher oder ver - worrener Vorſtellungsart) zu befaſſen, iſt ganz etwas anders, als ſich dieſer Vorſtellung mit der Empfindung des Wohlgefallens bewußt zu ſeyn. Hier wird die Vorſtellung gaͤnzlich aufs Subject, und zwar auf das Lebensgefuͤhl deſſelben, unter dem Namen des Gefuͤhls der Luſt oder Unluſt, bezogen, welches ein ganz beſonde - res Unterſcheidungs - und Beurtheilungsvermoͤgen gruͤn - det, das zum Erkenntnis nichts beytraͤgt, ſondern nur*)Anleitung der logiſchen Functionen zu urtheilen, aufgeſucht (denn im Geſchmacksurtheile iſt immer noch eine Beziehung auf den Verſtand enthalten). Die der Qualitaͤt habe ich zuerſt in Betrachtung gezogen, weil das aͤſthetiſche Urtheil uͤber das Schoͤne auf dieſe zuerſt Ruͤckſicht nimmt.5I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.die gegebene Vorſtellung im Subjecte gegen das ganze Vermoͤgen der Vorſtellungen haͤlt, deſſen ſich das Ge - muͤth im Gefuͤhl ſeines Zuſtandes bewußt wird. Gege - bene Vorſtellungen in einem Urtheile koͤnnen empiriſch (mithin aͤſthetiſch) ſeyn, das Urtheil aber, das durch ſie gefaͤllt wird, iſt logiſch, wenn jene nur im Urtheile aufs Object bezogen werden. Umgekehrt aber, wenn die gegebenen Vorſtellungen gar rational waͤren, wuͤr - den aber in einem Urtheile lediglich aufs Subject (ſein Gefuͤhl) bezogen, ſo ſind ſie ſofern jederzeit aͤſthetiſch.

§. 2. Das Wohlgefallen, welches das Geſchmacks - urtheil beſtimmt, iſt ohne alles Jntereſſe.

Jntereſſe wird das Wohlgefallen genannt, was wir mit der Vorſtellung der Exiſtenz eines Gegenſtandes ver - binden. Ein ſolches hat daher immer zugleich Beziehung aufs Begehrungsvermoͤgen, entweder als Beſtimmungs - grund deſſelben, oder doch als mit dem Beſtimmungs - grunde deſſelben nothwendig zuſammenhaͤngend. Nun will man aber, wenn die Frage iſt, ob etwas ſchoͤn ſey, nicht wiſſen, ob uns, oder irgend jemand, an der Exi - ſtenz der Sache irgend etwas gelegen ſey, oder auch nur gelegen ſeyn koͤnne, ſondern wie wir ſie in der bloßen Betrachtung (Anſchauung oder Reflexion) beurtheilen. Wenn mich jemand fraͤgt, ob ich den Pallaſt, den ichA 36I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.vor mir ſehe, ſchoͤn finde, ſo mag ich zwar ſagen: ich liebe dergleichen Dinge nicht, die blos fuͤrs Angaffen ge - macht ſind, oder, wie jener Jrokeſiſche Sachem, ihm gefallen in Paris nichts beſſer als die Garkuͤchen; ich kann noch uͤberdem auf die Eitelkeit der Großen auf gut Rouſſeauiſch ſchmaͤlen, welche den Schweis des Volks auf ſo entbehrliche Dinge verwenden, ich kann mich end - lich gar leicht uͤberzeugen, daß, wenn ich mich auf einem unbewohnten Eylande, ohne Hofnung jemals wieder zu Menſchen zu kommen, befaͤnde, und ich durch meinen bloßen Wunſch ein ſolches Prachtgebaͤude hinzaubern koͤnnte, ich mir auch nicht einmal dieſe Muͤhe darum ge - ben wuͤrde, wenn ich ſchon eine Huͤtte haͤtte, die mir be - quem genug iſt. Man kann mir alles dieſes einraͤumen und gutheißen, nur davon iſt jetzt nicht die Rede. Man will nur wiſſen, ob die bloße Vorſtellung des Gegenſtan - des in mir mit Wohlgefallen begleitet ſey, ſo gleichguͤltig ich auch immer in Anſehung der Exiſtenz des Gegenſtan - des dieſer Vorſtellung ſeyn mag. Man ſieht leicht, daß es auf dem, was ich aus dieſer Vorſtellung in mir ſelbſt mache, nicht auf dem, worin ich von der Exiſtenz des Gegenſtandes abhaͤnge, ankomme, um zu ſagen, er ſey ſchoͤn und zu beweiſen, ich habe Geſchmack. Ein jeder muß eingeſtehen, daß dasjenige Urtheil uͤber Schoͤnheit, worin ſich das mindeſte Jntereſſe mengt, ſehr partheylich und kein reines Geſchmacksurtheil ſey. Man muß nicht im mindeſten fuͤr die Exiſtenz der Sache eingenommen,7I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.ſondern in dieſem Betracht ganz gleichguͤltig ſeyn, um in Sachen des Geſchmacks den Richter zu ſpielen.

Wir koͤnnen aber dieſen Satz, der von vorzuͤglicher Erheblichkeit iſt, nicht beſſer erlaͤutern, als wenn wir dem reinen unintereſſirten*)Ein Urtheil uͤber einen Gegenſtand des Wohlgefallens kann ganz unintereſſirt, aber doch ſehr intereſſant ſeyn, d. i. es gruͤndet ſich auf keinem Jntereſſe, aber es bringt ein Jn - tereſſe hervor; dergleichen ſind alle reine moraliſche Urtheile. Aber die Geſchmacksurtheile begruͤnden an ſich auch gar kein Jntereſſe. Nur in der Geſellſchaft wird es intereſſant Ge - ſchmack zu haben, wovon der Grund in der Folge angezeigt werden wird. Wohlgefallen im Geſchmacks - urtheile dasjenige, was mit Jntereſſe verbunden iſt, ent - gegenſetzen, vornehmlich wenn wir zugleich gewiß ſeyn koͤnnen, daß es nicht mehr Arten des Jntereſſe gebe, als die ſo eben jetzt namhaft gemacht werden ſollen.

§. 3. Das Wohlgefallen am Angenehmen iſt mit Jntereſſe verbunden.

Angenehm iſt das, was den Sinnen in der Empfindung gefaͤllt. Hier zeigt ſich nun ſofort die Gelegenheit, eine ganz gewoͤhnliche Verwechſe - lung der doppelten Bedeutung, die das Wort Empfin - dung haben kann, zu ruͤgen und darauf aufmerkſam zu machen. Alles Wohlgefallen, (ſagt oder denkt man) iſt ſelbſt Empfindung (einer Luſt). Mithin iſt alles wasA 48I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.gefaͤllt, eben hierin, daß es gefaͤllt, angenehm (und nach den verſchiedenen Graden oder auch Verhaͤltniſſen zu andern angenehmen Empfindungen anmuthig, lieblich, ergoͤtzend, erfreulich u. ſ. w.). Wird aber das eingeraͤumt, ſo ſind Eindruͤcke der Sinne, welche der Neigung, oder Grundſaͤtze der Vernunft, die den Willen, oder bloße reflectirte Formen der Anſchauung, die die Urtheilskraft beſtimmen, was die Wirkung aufs Gefuͤhl der Luſt betrift, gaͤnzlich einerley. Denn dieſe waͤre die Annehmlichkeit in der Empfindung ſeines Zu - ſtandes, und, da doch endlich alle Bearbeitung unſerer Vermoͤgen aufs Practiſche ausgehen und ſich darin als in ihrem Ziele vereinigen muß, ſo koͤnnte man ihnen keine andere Schaͤtzung der Dinge und ihres Werths zumu - then, als die in dem Vergnuͤgen beſteht, welches ſie ver - ſprechen. Auf die Art, wie ſie dazu gelangen, kommt es am Ende gar nicht an, und da nur die Wahl der Mittel hierin allein einen Unterſchied machen kann, ſo koͤnnten Menſchen einander wohl der Thorheit und des Unverſtandes, niemals aber der Niedertraͤchtigkeit und Bosheit beſchuldigen; weil ſie doch alle, ein jeder nach ſeiner Art die Sachen zu ſehen, nach einem Ziele laufen, das fuͤr jedermann das Vergnuͤgen iſt.

Wenn eine Beſtimmung des Gefuͤhls der Luſt oder Unluſt Empfindung genannt wird, ſo bedeutet dieſer Ausdruck etwas ganz anderes, als wenn ich eine Vor - ſtellung einer Sache (durch Sinne als zum Erkenntnis9I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.gehoͤrige Receptivitaͤt) Empfindung nenne. Denn im letztern Falle wird die Vorſtellung aufs Object, im er - ſtern aber lediglich aufs Subject bezogen, und dient zu gar keinem Erkenntniſſe, auch nicht zu demjenigen, da - durch ſich das Subject ſelbſt erkennt.

Wir verſtehen aber in der obigen Erklaͤrung unter dem Worte Empfindung eine objective Vorſtellung der Sinne, und, um nicht immer Gefahr zu laufen, mis - gedeutet zu werden, wollen wir das, was jederzeit blos ſubjectiv bleiben muß und ſchlechterdings keine Vorſtel - lung eines Gegenſtandes ausmachen kann, mit dem ſonſt uͤblichen Namen des Gefuͤhls benennen. Die gruͤne Farbe der Wieſen gehoͤrt zur objectiven Empfindung, als Wahrnehmung eines Gegenſtandes des Sinnes; die Annehmlichkeit derſelben aber zur ſubjectiven Empfin - dung, wodurch kein Gegenſtand vorgeſtellt wird; d. i. zum Gefuͤhl, dadurch der Gegenſtand als Object des Wohlgefallens (welches kein Erkenntnis deſſelben iſt) betrachtet wird.

Daß nun mein Urtheil uͤber einen Gegenſtand, da - durch ich ihn fuͤr angenehm erklaͤre, ein Jntereſſe an demſelben ausdruͤcke, iſt daraus ſchon klar, daß es durch Empfindung eine Begierde nach dergleichen Gegenſtaͤnde rege macht, mithin das Wohlgefallen nicht das bloße Urtheil uͤber ihn, ſondern die Beziehung ſeiner Exiſtenz auf meinen Zuſtand, ſofern er durch ein ſolches Object afficirt wird, vorausſetzt. Daher man von dem Ange -A 510I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.nehmen nicht blos ſagt, es gefaͤllt, ſondern es ver - gnuͤgt. Es iſt nicht ein bloßer Beyfall, den ich ihm widme, ſondern Neigung wird dadurch erzeugt und zu dem, was auf die lebhafteſte Art angenehm iſt, gehoͤrt ſogar kein Urtheil uͤber die Beſchaffenheit des Objects, daß diejenigen, ſo immer nur aufs Genieſſen ausge - hen, (denn das iſt das Wort, womit man das Jn - nige des Vergnuͤgens bezeichnet) ſich gerne alles Urthei - lens uͤberheben.

§. 4. Das Wohlgefallen am Guten iſt mit Jn - tereſſe verbunden.

Gut iſt das, was vermittelſt der Vernunft durch den bloßen Begrif gefaͤllt. Wir nennen einiges wozu gut, (das Nuͤtzliche) was nur als Mittel gefaͤllt; ein anderes aber an ſich gut, was fuͤr ſich ſelbſt gefaͤllt. Jn beiden iſt immer der Begrif eines Zwecks, mithin das Verhaͤltnis der Vernunft zum (wenigſtens moͤgli - lichen) Wollen, folglich ein Wohlgefallen am Daſeyn eines Objects oder einer Handlung, d. i. irgend ein Jn - tereſſe enthalten.

Um etwas gut zu finden, muß ich jederzeit wiſſen, was der Gegenſtand fuͤr ein Ding ſeyn ſolle, d. i. einen Begrif von demſelben haben. Um Schoͤnheit woran zu finden, habe ich das nicht noͤthig. Blumen, freye Zeich - nungen, ohne Abſicht in einander geſchlungene Zuͤge,11I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.unter dem Namen des Laubwerks, bedeuten nichts, haͤn - gen von keinem beſtimmten Begriffe ab, und gefallen doch. Das Wohlgefallen am Schoͤnen muß von der Reflexion uͤber einen Gegenſtand, die zu irgend einem Begriffe (unbeſtimmt welchem) fuͤhrt, abhangen und unterſcheidet ſich dadurch auch vom Angenehmen, das ganz auf der Empfindung beruht.

Zwar ſcheint das Angenehme mit dem Guten in vielen Faͤllen einerley zu ſeyn. So wird man gemeinig - lich ſagen: alles (vornehmlich dauerhafte) Vergnuͤgen iſt an ſich ſelbſt gut; welches ohngefaͤhr ſo viel heißt, als dauerhaft angenehm oder gut ſeyn, iſt einerley. Allein man kann bald bemerken, daß dieſes blos eine fehlerhafte Wortvertauſchung ſey, da die Begriffe, welche dieſen Ausdruͤcken eigenthuͤmlich anhaͤngen, keinesweges ge - gen einander ausgetauſcht werden koͤnnen. Das Ange - nehme, das, als ein ſolches, den Gegenſtand lediglich in Beziehung auf den Sinn vorſtellt, muß allererſt durch den Begrif eines Zwecks unter Principien der Vernunft gebracht werden, um es, als Gegenſtand des Willens, gut zu nennen. Daß dieſes aber alsdenn eine ganz an - dere Beziehung auf das Wohlgefallen ſey, wenn ich das, was vergnuͤgt, zugleich gut nenne, iſt daraus zu erſe - hen, daß beym Guten immer die Frage iſt, ob es blos mittelbar-gut oder unmittelbar-gut (ob nuͤtzlich oder an ſich gut) ſey, da hingegen beym Angenehmen hieruͤber gar nicht die Frage ſeyn kann, indem das Wort jederzeit12I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.etwas bedeutet, was unmittelbar gefaͤllt. (Eben ſo iſt es auch mit dem, was ich ſchoͤn nenne, bewandt.)

Selbſt in den gemeinſten Reden unterſcheidet man das Angenehme vom Guten. Von einem durch Gewuͤrze und andern Zuſaͤtzen den Geſchmack erhebenden Gerichte ſagt man ohne Bedenken, es ſey angenehm, und geſteht zugleich, daß es nicht gut ſey, weil es zwar unmittelbar den Sinnen behagt, mittelbar aber, d. i. durch die Vernunft, die auf die Folgen hinaus ſieht, betrachtet, misfaͤllt. Selbſt in der Beurtheilung der Geſundheit kann man noch dieſen Unterſchied bemerken. Sie iſt je - dem, der ſie beſitzt, unmittelbar angenehm (wenigſtens negativ, d. i. als Entfernung aller koͤrperlichen Schmer - zen). Aber, um zu ſagen, daß ſie gut ſey, muß man ſie noch durch die Vernunft auf Zwecke richten, nehmlich daß ſie ein Zuſtand iſt, der uns zu allen unſern Geſchaͤf - ten auferlegt macht. Aber von der Gluͤckſeligkeit, glaubt endlich doch jedermann die groͤßte Summe (der Menge ſowohl als Dauer nach) der Annehmlichkeiten des Le - bens, ein wahres, ja ſogar das hoͤchſte Gut nennen zu koͤnnen. Allein auch dawider ſtraͤubt ſich die Vernunft. Annehmlichkeit iſt Genuß. Jſt es aber auf dieſen allein angelegt, ſo waͤre es thoͤricht, ſcrupuloͤs in Anſehung der Mittel zu ſeyn, die ihn uns verſchaffen, ob er lei - dend, von der Freygebigkeit der Natur, oder durch Selbſtthaͤtigkeit und unſer eigen Wirken erlangt waͤre. Daß aber eines Menſchen Exiſtenz einen Werth habe,13I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.der nur blos lebt (und in dieſer Abſicht noch ſo ſehr ge - ſchaͤftig iſt) um zu genießen, ſogar wenn er dabey an - dern, die alle eben ſo wohl nur aufs Genießen ausge - hen, als Mittel dazu aufs beſte befoͤrderlich waͤre, und zwar darum, weil er durch Sympathie alles Vergnuͤgen mit genoͤſſe, das wird ſich die Vernunft nie uͤberreden laſſen. Nur durch das, was er thut, ohne Ruͤckſicht auf Genuß, in voller Freyheit und unabhaͤngig von dem, was ihm die Natur auch leidend verſchaffen koͤnnte, giebt er ſeinem Daſeyn als der Exiſtenz einer Perſon einen Werth und die Gluͤckſeligkeit iſt, mit der ganzen Fuͤlle ihrer Annehmlichkeit, bey weitem nicht ein unbeding - tes Gut. *)Eine Verbindlichkeit zum Genieſſen iſt eine offenbare Un - gereimtheit. Eben das muß alſo auch eine vorgegebene Verbindlichkeit zu allen Handlungen ſeyn, die zu ihrem Ziele blos das Genieſſen haben, dieſes mag nun ſo geiſtig ausgedacht (oder verbraͤmt) ſeyn, wie es wolle, und wenn es auch ein myſtiſcher ſogenannter himmliſcher Genuß waͤre.

Aber, unerachtet aller dieſer Verſchiedenheit zwi - ſchen dem Angenehmen und Guten, kommen beyde doch darin uͤberein: daß ſie jederzeit mit einem Jntereſſe an ihrem Gegenſtande verbunden ſind, nicht allein das An - genehme §. 3 und das mittelbar Gute (das Nuͤtzliche) welches als Mittel zu irgend einer Annehmlichkeit ge - faͤllt, ſondern auch das ſchlechterdings und in aller Ab - ſicht Gute, nehmlich das moraliſche, welches das hoͤchſte Jntereſſe bey ſich fuͤhrt. Denn das Gute iſt das Object14I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.des Willens (d. i. eines durch Vernunft beſtimmten Be - gehrungsvermoͤgens). Etwas aber wollen und an dem Daſeyn deſſelben ein Wohlgefallen haben d. i. daran ein Jntereſſe nehmen, iſt identiſch.

§. 5. Vergleichung der drey ſpecifiſch verſchiedenen Arten des Wohlgefallens.

Das Angenehme und Gute haben beyde eine Bezie - hung auf’s Begehrungsvermoͤgen, und fuͤhren ſofern, je - nes ein pathologiſch-bedingtes (durch Anreize, Stimulos), dieſes ein reines practiſches Wohlgefallen bey ſich, wel - ches nicht blos durch die Vorſtellung des Gegenſtandes, ſondern zugleich durch die vorgeſtellte Verknuͤpfung des Subjects mit der Exiſtenz deſſelben beſtimmt wird. Daher iſt das Geſchmacksurtheil blos contemplativ d. i. ein Urtheil welches, indifferent in Anſehung des Daſeyns eines Gegenſtandes, nur ſeine Beſchaffenheit mit Gefuͤhl der Luſt und Unluſt zuſammenhaͤlt. Aber dieſe Contem - plation ſelbſt iſt auch nicht auf Begriffe gerichtet; denn das Geſchmacksurtheil iſt kein Erkenntnisurtheil (ein theoretiſches) und daher auch nicht auf Begriffe ge - gruͤndet oder auch auf ſolche abgezweckt.

Das Angenehme, das Schoͤne, das Gute bezeich - nen alſo drey verſchiedene Verhaͤltniſſe der Vorſtellungen zum Gefuͤhl der Luſt und Unluſt, in Beziehung auf wel -15I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.ches wir Gegenſtaͤnde, oder Vorſtellungsarten, von ein - ander unterſcheiden. Auch ſind die jedem angemeſſene Ausdruͤcke, womit man die Complacenz in denſelben be - zeichnet, nicht einerley. Angenehm heißt Jemanden das, was ihn vergnuͤgt, ſchoͤn was ihm blos ge - faͤllt, gut was geſchaͤtzt d. i. worin von ihm ein objectiver Werth geſetzt wird. Annehmlichkeit gilt auch fuͤr vernunftloſe Thiere, Schoͤnheit nur fuͤr Menſchen d. i. thieriſche, aber doch vernuͤnftige Weſen, das Gute aber fuͤr jedes vernuͤnftige Weſen uͤberhaupt. Ein Satz, der nur in der Folge ſeine vollſtaͤndige Rechtfertigung und Erklaͤrung bekommen kann. Man kann ſagen: daß unter allen dieſen drey Arten des Wohlgefallens, das des Geſchmacks am Schoͤnen einzig und allein ein unin - tereſſirtes und freyes Wohlgefallen ſey; denn ein Jn - tereſſe, ſowohl das der Sinne, als das der Vernunſt, zwingt den Beyfall ab. Daher koͤnnte man von dem Wohlgefallen ſagen: es beziehe ſich in den drey genann - ten Faͤllen auf Neigung, oder Gunſt, oder Ach - tung. Denn Gunſt iſt das einzige freye Wohlge - fallen. Ein Gegenſtand der Neigung und der, ſo durch ein Vernunftgeſetz uns zum Begehren auferlegt wird, laſſen uns keine Freyheit, uns ſelbſt irgend woraus ei - nen Gegenſtand der Luſt zu machen. Alles Jntereſſe ſetzt Beduͤrfnis voraus, oder bringt eines hervor und, als Beſtimmungsgrund des Beyfalls, laͤßt es das Ur - theil uͤber den Gegenſtand nicht mehr frey ſeyn.

16I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.

Was das Jntereſſe der Neigung beym Angenehmen betrift, ſo ſagt jedermann: Hunger iſt der beſte Koch, und Leuten von geſundem Appetit ſchmeckt alles, was nur eßbar iſt; mithin beweiſet ein ſolches Wohlgefallen keine Wahl nach Geſchmack. Nur wenn das Beduͤrfnis befriedigt iſt, kann man unterſcheiden, wer unter vielen Geſchmack habe, oder nicht. Eben ſo giebt es Sitten (Conduite) ohne Tugend, Hoͤflichkeit ohne Wohlwollen, Anſtaͤndigkeit ohne Ehrbarkeit u. ſ. w. Denn wo das ſittliche Geſetz ſpricht, da giebt es auch weiter keine freye Wahl in Anſehung deſſen, was zu thun ſey, und Ge - ſchmack in ſeiner Auffuͤhrung (oder Beurtheilung ande - rer ihrer) zeigen, iſt etwas ganz anderes, als ſeine mo - raliſche Denkungsart aͤußern; denn dieſe enthaͤlt ein Ge - bot und bringt ein Beduͤrfnis hervor, da hingegen der ſittliche Geſchmack mit den Gegenſtaͤnden des Wohlge - fallens nur ſpielt, ohne ſich an eines zu haͤngen.

Aus dem erſten Momente gefolgerte Erklaͤ - rung des Schoͤnen.

Geſchmack iſt das Beurtheilungsvermoͤgen ei - nes Gegenſtandes oder einer Vorſtellungsart durch ein Wohlgefallen, oder Misfallen, ohne alles Jn - tereſſe. Der Gegenſtand eines ſolchen Wohlgefallens heißt Schoͤn.

Zweytes17I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.

Zweytes Moment des Geſchmacksurtheils, naͤmlich ſeiner Quantitaͤt nach.

§. 6. Das Schoͤne iſt das, was ohne Begriffe, als Object eines allgemeinen Wohlgefallens vorgeſtellt wird.

Dieſe Erklaͤrung des Schoͤnen kann aus der vorigen Erklaͤrung deſſelben, als eines Gegenſtandes des Wohl - gefallens ohne alles Jntereſſe, gefolgert werden. Denn das, wovon jemand ſich bewußt iſt, daß das Wohlge - fallen an demſelben bey ihm ſelbſt ohne alles Jntereſſe ſey, das kann derſelbe nicht anders als ſo beurtheilen, daß es einen Grund des Wohlgefallens fuͤr jedermann enthalten muͤſſe. Denn da es ſich nicht auf irgend eine Neigung des Subjects (noch auf irgend ein anderes uͤberlegtes Jntereſſe) gruͤndet, ſondern der Urtheilende ſich in Anſehung des Wohlgefallens, welches er dem Ge - genſtande widmet, voͤllig frey fuͤhlt: ſo kann er keine Privatbedingungen als Gruͤnde des Wohlgefallens auf - finden, an die ſich ſein Subject allein hinge und muß es daher als in demjenigen begruͤndet anſehen, was er auch bey jedem andern vorausſetzen kann; folglich muß er glauben Grund zu haben, jedermann ein aͤhnliches Wohlgefallen zuzumuthen. Er wird daher vom Schoͤ -Kants Crit. d. Urtheilskr. B18I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.nen ſo ſprechen, als ob Schoͤnheit eine Beſchaffenheit des Gegenſtandes und das Urtheil logiſch (durch Begriffe vom Objecte eine Erkenntnis deſſelben ausmachen) waͤre; ob es gleich nur aͤſthetiſch iſt und blos eine Beziehung der Vorſtellung des Gegenſtandes aufs Subject enthaͤlt; darum, weil es doch mit dem logiſchen die Aehnlichkeit hat, daß man die Guͤltigkeit deſſelben fuͤr jederman dar - an vorausſetzen kann. Aber aus Begriffen kann dieſe Allgemeinheit auch nicht entſpringen. Denn von Be - griffen giebt es keinen Uebergang zum Gefuͤhle der Luſt und Unluſt (ausgenommen in reinen practiſchen Ge - ſetzen, die aber ein Jntereſſe bey ſich fuͤhren, dergleichen mit dem reinen Geſchmacksurtheile nicht verbunden iſt). Folglich muß dem Geſchmacksurtheile, mit dem Bewußt - ſeyn der Abſonderung in demſelben von allem Jntereſſe, ein Anſpruch auf Guͤltigkeit fuͤr jedermann ohne auf Objecte geſtellte Allgemeinheit anhaͤngen, d. i. es muß damit ein Anſpruch auf ſubjective Allgemeinheit ver - bunden ſeyn.

§. 7. Vergleichung des Schoͤnen mit dem Angeneh - men und Guten durch obiges Merkmal.

Jn Anſehung des Angenehmen beſcheidet ſich ein jeder: daß ſein Urtheil, welches er auf ein Privatgefuͤhl gruͤndet und wodurch er von einem Gegenſtande ſagt, daß er ihm gefalle, ſich auch blos auf ſeine Perſon ein -19I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.ſchraͤnke. Daher iſt er es gern zufrieden, daß, wenn er ſagt, der Canarienſect iſt angenehm, ihm ein anderer den Ausdruck verbeſſern und ihn erinnere, er ſolle ſa - gen: er iſt mir angenehm, und ſo nicht allein im Ge - ſchmack der Zunge, des Gaumens und des Schlundes, ſondern auch dem, was fuͤr Augen und Ohren jedem an - genehm ſeyn mag. Dem einen iſt die violette Farbe ſanft und lieblich, dem andern todt und erſtorben. Einer liebt den Ton der Blasinſtrumente, der andre den von den Saiteninſtrumenten. Daruͤber in der Abſicht zu ſtreiten um das Urtheil anderer, welches von dem unſri - gen verſchieden iſt, gleich als ob es dieſem logiſch entge - gen geſetzt waͤre, fuͤr unrichtig zu ſchelten, waͤre Thor - heit und in Anſehung des Angenehmen gilt der Grund - ſatz: ein jeder hat ſeinen beſondern Geſchmack (der Sinne).

Mit dem Schoͤnen iſt es ganz anders bewandt. Es waͤre (gerade umgekehrt) laͤcherlich, wenn jemand, der ſich auf ſeinen Geſchmack etwas einbildete, ſich damit zu rechtfertigen gedaͤchte, dieſer Gegenſtand (das Gebaͤude, was wir ſehen, das Kleid, was jener traͤgt, das Con - cert, was wir hoͤren, das Gedicht, welches zur Beur - theilung aufgeſtellt iſt,) iſt fuͤr mich ſchoͤn. Denn er muß es nicht ſchoͤn nennen, wenn es blos ihm gefaͤllt. Einen Reiz und Annehmlichkeit mag fuͤr ihn Vieles haben, darum bekuͤmmert ſich niemand; wenn er aber etwas fuͤr ſchoͤn ausgiebt, ſo muthet er andern ebenB 220I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.daſſelbe Wohlgefallen zu, er urtheilt nicht blos fuͤr ſich, ſondern fuͤr jedermann, und ſpricht alsdenn von der Schoͤnheit, als waͤre ſie eine Eigenſchaft der Dinge. Er ſagt daher, die Sache iſt ſchoͤn und rechnet nicht etwa darum auf andere Einſtimmung in ſein Urtheil des Wohl - gefallens, weil er es mehrmalen mit dem ſeinigen ein - ſtimmig befunden hat, ſondern fordert es von ihnen. Er tadelt ſie, wenn ſie anders urtheilen und ſpricht ih - nen den Geſchmack ab, von dem er doch verlangt, daß ſie ihn haben ſollen, und ſofern kann man nicht ſagen: ein jeder hat ſeinen beſondern Geſchmack. Dieſes wuͤede ſo viel ſagen, als: es giebt gar keinen Geſchmack, d. i. kein aͤſthetiſches Urtheil, welches auf jedermanns Bey - ſtimmung rechtmaͤßigen Anſpruch machen koͤnnte.

Gleichwohl findet man auch in Anſehung des Ange - nehmen, daß in der Beurtheilung deſſelben ſich Einhel - ligkeit unter Menſchen antreffen laſſe, in Abſicht auf welche man doch einigen den Geſchmack abſpricht, an - dern ihn zugeſteht, und zwar nicht in der Bedeutung als Organſinn, ſondern als Beurtheilungsvermoͤgen in An - ſehung des Angenehmen uͤberhaupt. So ſagt man von jemanden, der ſeine Gaͤſte mit Annehmlichkeiten (des Genuſſes durch alle Sinne) ſo zu unterhalten weiß, daß es ihnen insgeſammt gefaͤllt; er habe Geſchmack. Aber hier wird die Allgemeinheit nur comparativ genommen und da giebt es nur generale, nicht univerſale Re - geln, welche letztere das Geſchmacksurtheil uͤber das21I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.Schoͤne ſich unternimmt oder darauf Anſpruch macht. Es iſt ein Urtheil in Beziehung auf die Geſelligkeit, ſo - fern ſie auf empiriſchen Regeln beruht. Jn Anſehung des Guten machen die Urtheile zwar auch mit Recht auf Guͤl - tigkeit fuͤr jedermann Anſpruch, allein das Gute wird nur durch einen Begrif als Object eines allgemeinen Wohlgefallens vorgeſtellt, welches weder beym Ange - nehmen noch Schoͤnen der Fall iſt.

§. 8. Die Allgemeinheit des Wohlgefallens wird in einem Geſchmacksurtheile nur als ſub - jectiv vorgeſtellt.

Dieſe beſondere Beſtimmung der Allgemeinheit eines aͤſthetiſchen Urtheils, die ſich in einem Geſchmacksurtheile antreffen laͤßt, iſt eine Merkwuͤrdigkeit, zwar nicht fuͤr den Logiker, aber wohl fuͤr den Transſcendental-Philo - ſophen, welche ihre nicht geringe Bemuͤhung auffordert, um den Urſprung derſelben zu entdecken, dafuͤr aber auch eine Eigenſchaft unſeres Erkenntnisvermoͤgens aufdeckt, welche, ohne dieſe Zergliederung, unbekannt geblie - ben waͤre.

Zuerſt muß man ſich davon voͤllig uͤberzeugen: daß man durchs Geſchmacksurtheil (uͤber das Schoͤne) das Wohlgefallen an einem Gegenſtande jedermann an - ſinne, ohne ſich doch auf einem Begriffe zu gruͤnden (denn da waͤre es das Gute), und daß dieſer An -B 322I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.ſpruch auf Allgemeinguͤltigkeit, ſo weſentlich zu einem Urtheil gehoͤre, dadurch wir etwas fuͤr ſchoͤn erklaͤren, daß, ohne dieſelbe dabey zu denken, es niemand in die Gedanken kommen wuͤrde, dieſen Ausdruck zu brauchen, ſondern alles, was ohne Begrif gefaͤllt, zum Angeneh - men gezaͤhlt werden wuͤrde, in Anſehung deſſen man jeg - lichem ſeinen Kopf fuͤr ſich haben laͤßt und keiner dem an - dern Einſtimmung zu ſeinem Geſchmacksurtheile zumu - thet, welches doch im Geſchmacksurtheile uͤber Schoͤn - heit jederzeit geſchieht. Jch kann den erſten den Sinnen - Geſchmack, den zweyten den Reflexions-Geſchmack nen - nen: ſofern der erſtere blos Privaturtheile, der zweyte aber vorgebliche gemeinguͤltige (publike), beyderſeits aber aͤſthetiſche (nicht practiſche) Urtheile; aber einen Gegenſtand, in Anſehung des Verhaͤltniſſes ſeiner Vor - ſtellung zum Gefuͤhl der Luſt und Unluſt, faͤllet. Nun iſt es doch befremdlich, daß, da von dem Sinnenge - ſchmack nicht allein die Erfahrung zeigt, daß ſein Urtheil (der Luſt oder Unluſt an irgend etwas) nicht allgemein gelte, ſondern jedermann auch von ſelbſt ſo beſcheiden iſt, dieſe Einſtimmung andern nicht eben anzuſinnen (ob ſich gleich wirklich oͤfters eine ſehr ausgebreitete Einhelligkeit auch in dieſen Urtheilen vorfindet), der Reflexionsge - ſchmack, der doch auch oft genug mit ſeinem Anſpruche auf die allgemeine Guͤltigkeit ſeines Urtheils (uͤber das Schoͤne) fuͤr jedermann abgewieſen wird, wie die Erfah - rung lehrt, gleichwohl es moͤglich finden koͤnne (welches23I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.er auch wirklich thut) ſich Urtheile vorzuſtellen, die dieſe Einſtimmung allgemein fordern koͤnnten und ſie in der That fuͤr jedes ſeiner Geſchmacksurtheile jedermann zu - muthet, ohne daß die Urtheilenden wegen der Moͤglich - keit eines ſolchen Anſpruchs im Streite ſind, ſondern ſich nur in beſondern Faͤllen wegen der richtigen Anwen - dung dieſes Vermoͤgens nicht einigen koͤnnen.

Hier iſt nun allererſt zu merken, daß eine Allgemein - heit, die nicht auf Begriffen vom Objecte (wenn gleich nur empiriſchen) beruht, gar nicht logiſch, ſondern aͤſthe - tiſch ſey, d. i. keine objective Quantitaͤt des Urtheils, ſondern nur eine ſubjective enthalte, fuͤr welche ich auch den Ausdruck Gemeinguͤltigkeit, welcher die Guͤl - tigkeit nicht von der Beziehung einer Vorſtellung aufs Erkenntnisvermoͤgen, ſondern auf das Gefuͤhl der Luſt und Unluſt fuͤr jedes Subject gebrauche. (Man kann ſich aber auch deſſelben Ausdrucks fuͤr die logiſche Quan - titaͤt des Urtheils bedienen, wenn man nur dazuſetzt Ob - jective Allgemeinguͤltigkeit, zum Unterſchiede von der blos ſubjectiven, welche allemal aͤſthetiſch iſt).

Nun iſt ein objectiv allgemeinguͤltiges Urtheil auch jederzeit ſubjectiv, d. i. wenn das Urtheil fuͤr alles, was unter einem gegebenen Begriffe enthalten iſt, gilt, ſo gilt es auch fuͤr jedermann, der ſich einen Gegenſtand durch dieſen Begrif vorſtellt: aber von einer ſubjecti - ven Allgemeinguͤltigkeit, d. i. der aͤſthetiſchen, die auf keinem Begriffe beruht, laͤßt ſich nicht auf die logiſcheB 424I. Th. Critik der aͤſthetiſchen Urtheilskraft.ſchließen; weil jene Art Urtheile gar nicht aufs Object geht. Eben darum aber muß auch die aͤſthetiſche Allge - meinheit, die einem Urtheile beygelegt wird, von beſon - derer Art ſeyn, weil ſie das Praͤdikat der Schoͤnheit nicht mit dem Begriffe des Objects in ſeiner ganzeu Sphaͤre betrachtet, verknuͤpft, und doch eben daſſelbe uͤber die ganze Sphaͤre der Urtheilenden ausdehnt.

Jn Anſehung der logiſchen Quantitaͤt ſind alle Ge - ſchmacksurtheile einzelne Urtheile. Denn weil ich den Gegenſtand unmittelbar an mein Gefuͤhl der Luſt und Unluſt halten muß, uud doch nicht durch Begriffe, ſo kann es nicht die Quantitaͤt eines objectiv-gemeinguͤlti - gen Urtheils haben, obgleich wenn die einzelne Vorſtel - lung des Objects des Geſchmacksurtheils nach den Be - dingungen, die das letztere beſtimmen, durch Verglei - chung in einen Begrif verwandelt wird, ein logiſch all - gemeines Urtheil daraus werden kann, z. B. die Roſe, die ich anblicke, erklaͤre ich durch ein Geſchmacksurtheil fuͤr ſchoͤn. Dagegen iſt das Urtheil, welches durch Ver - gleichung vieler einzelnen entſpringt: die Roſen uͤber - haupt ſind ſchoͤn, nunmehr nicht blos als aͤſthetiſches, ſon - dern als ein