PRIMS Full-text transcription (HTML)
Maler Nolten.
Novelle in zwei Theilen
Mit einer Muſikbeilage.
I.
Stuttgart. E. Schweizerbart's Verlagshandlung.1832.
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Maler Nolten.

1[2][3]

Ein heiterer Juniusnachmittag beſonnte die Stra - ßen der Reſidenzſtadt. Der ältliche Baron Jaßfeld machte nach längerer Zeit wieder einen Beſuch bei dem Maler Tillſen, und nach ſeinen eilfertigen Schritten zu urtheilen, führte ihn dießmal ein ganz beſonderes Anliegen zu ihm. Er traf den Maler, wie gewöhnlich nach Tiſche, mit ſeiner jungen Frau in dem kleinen, ebenſo geſchmackvollen als einfachen Saale, deſſen an - tike Dekoration ſich gar harmoniſch mit den gewöhn - lichen Gegenſtänden des Gebrauchs und der Mode aus - nahm. Man ſprach zuerſt in heiterm Tone über ver - ſchiedene Dinge, bis die Frau ſich in Angelegenheiten der Haushaltung entfernte und die beiden Herren allein ließ.

Der Baron ſaß bequemlich mit übereinanderge - ſchlagenen Beinen im weichen Fauteil, und indeß die Wange in der rechten Hand ruhte, ſchien er während der eingetretenen Pauſe den Maler in freundlichem Nachſin - nen mit der neuen Anſicht zu vergleichen, die ſich ihm ſeit geſtern über deſſen Werke aufgedrungen. Mein Lieber! fing er jetzt an, daß ich Ihnen nur ſage, war -4 um ich vornehmlich hieher komme. Ich bin kürzlich bei dem Grafen von Zarlin geweſen und habe dort ein Gemälde geſehen, wieder und wieder geſehen und des Sehens kaum genug gekriegt. Ich fragte nach dem Meiſter, der Graf ließ mich rathen, ich rieth und ſagte: Tillſen! ſchüttelte aber unwillkürlich den Kopf dabei, weil mir zugleich war, es könne doch nicht wohl ſeyn; ich ſagte abermals: Tillſen, und ſagte zum zweiten Mal: Nein!

Bei dieſen Worten zeigte ſich eine Spur von Ver - druß und Verlegenheit auf des Malers Geſicht; er wußte ſie jedoch ſchnell zu verbergen und fragte mit guter Laune: Nun! das ſchöne Wunderwerk, das mei - nen armen Pinſel bereits zweimal verläugnet hat was iſt es denn eigentlich?

Stellen Sie ſich nicht, Beſter, erwiderte der Alte aufſtehend, mit herzlicher Fröhlichkeit und glänzen - den Augen, Ihnen iſt wohl bekannt, wovon ich rede. Der von Zarlin hat Ihnen das Bild abgekauft und Sie ſind nach ſeiner Verſicherung der Mann, der es gemacht. Hören Sie, Tillſen, hier ergriff er ſeine Hand, hören Sie! ich bin nun einmal eben ein auf - richtiger Burſche, und mag, wo ich meine Leute zu ken - nen glaube, nicht übertrieben viel Vorſicht brauchen, alſo plazte ich Ihnen gleich damit heraus, wie mir’s mit Ihrem Bilde ergangen; es enthält unverkennbar ſo Manches Ihrer Kunſt, beſonders was Farbe, was Schönheit im Einzelnen, was namentlich auch die Land -5 ſchaft betrifft, aber es enthält nein, es iſt ſogar durchaus wieder etwas Anderes, als was Sie bisher waren, und indem ich zugebe, daß die überraſchende Entdeckung gewiſſer Ihnen in minderem Grade eigenen Vorzüge mich irre gemacht, ſo liegt hierin ein Vorwurf gegen Ihre früheren Arbeiten, den Sie immer von mir gehört haben, ohne darum zu zweifeln, daß ich Sie für einen in ſeiner Art trefflichen Künſtler halte. Ich fand jetzt aber eine Keckheit und Größe der Kompoſition von Figuren, eine Freiheit überall, wie Sie meines Wiſſens der Welt niemals gezeigt hatten; und was mir ſchlech - terdings als ein Räthſel erſchien, iſt die auffallende Ab - weichung in der poetiſchen Denkungsart, in der Wahl der Gegenſtände. Dieß gilt insbeſondere von zwei Skizzen, deren ich noch gar nicht erwähnte und die Sie dem Grafen in Oel auszuführen verſprochen haben.

Hier iſt eine durchaus ſeltene Richtung der Phan - taſie; wunderbar, phantaſtiſch, zum Theil verwegen und in einem angenehmen Sinne bizarr. Ich denke dabei an die Geſpenſtermuſik im Walde und Mond - ſchein, an den Traum des verliebten Rieſen. Tillſen! um Gottes willen, ſagen Sie, wann iſt dieſe ungeheure Veränderung vorgegangen? wie erklären Sie mir ſie? Man weiß und hat es bedauert, daß Tillſen in an - derthalb Jahren keine Farbe angerührt; warum ſagten Sie mir während der lezten zwei Monate nicht eine Sylbe vom Wiederanfange Ihrer Arbeiten? Sie haben heimlich gemalt, Sie wollten uns überraſchen, und6 wahrlich, theuerſter, unbegreiflicher Freund, das iſt Ih - nen gelungen. Hier ſchüttelte der feurige Redner den ſtummen Hörer kräftig bei den Schultern, ſchmunzelte und ſah ihm nahezu unter die Augen.

Ich bin wahrhaftig, begann der Andere ganz ruhig, aber lächelnd, um den Ausdruck verlegen, Ihnen meine Verwunderung über Ihre Worte zu bezeugen, wovon ich das Mindeſte nicht verſtehe. Weder kann ich mich zu je - nem Gemälde zu jenen Zeichnungen bekennen, noch überhaupt faſſ ich Ihre Worte. Das Ganze ſcheint ein Streich von Zarlin zu ſeyn, den er uns wohl hätte erſparen mögen. Wie ſtehen wir einander nun ſeltſam beſchämt gegenüber! Sie ſind gezwungen, ein mir nicht gebührendes Lob zurück zu nehmen, und der Tadel, den Sie vergnügt ſchon auf die alte Rechnung ſezten, bleibt wo er hingehört. Das muß uns aber ja nicht geniren, Baron, wir bleiben, hoff ich, die beſten Freunde. Geben Sie mir aber doch, ich bitte Sie, einen deutlichen Begriff von den bewußten Stücken. Setzen Sie ſich!

Jaßfeld hatte dieſe Rede bis zur Hälfte mit offen ſtehendem Munde, beinahe ohne Athemzug an - gehört, während der andern Hälfte trippelte er im Zickzack durch den Saal, ſtand nun plötzlich ſtill und ſagte: Der Teufelskerl von Zarlin! Wenn ja der aber es iſt impoſſibel, ich behaupte trotz allen himm - liſchen Heerſchaaren, Sie ſind der Maler, kein Anderer; auch läßt ſich nicht annehmen, daß es etwa nur zum7 Theil Ihre Produktion wäre; Sie haben ſich in Ihrem Leben nie auf Fremdes verlegt. Der Maler bat wiederholt um die Schilderung der befragten Stücke.

Ich beſchreibe Ihnen alſo, weil Sie es verlangen, ihr eigen Werk, hub der alte Herr, ſich niederſetzend, an, aber kurz, und korrigiren Sie mich gleich, wenn ich wo fehle. Das ausgeführte Oelgemälde zeigt uns, wie einer Waſſernymphe ein ſchöner Knabe auf dem Kahn von einem Satyr zugeführt wird. Jene bildet neben einigen Meerfelſen linker Hand die vorderſte Figur. Sie drückt ſich, vorgeneigt und bis an die Hüften im Waſſer, feſt an den Rand des Nachens, indem ſie mit erhobenen Armen den reizenden Gegenſtand ihrer Wünſche zu empfangen ſucht. Der ſchlanke Knabe beugt ſich angſtvoll zurück und ſtreckt, doch unwillkürlich, Einen Arm entgegen; hauptſächlich mag es der Zauber ihrer Stimme ſeyn, was ihn unwiderſtehlich anzieht, denn ihr freundlicher Mund iſt halb geöffnet und ſtimmt rührend zu dem Verlangen des warmen Blicks. Hier erkannte ich Ihren Pinſel, Ihr Kolorit, Ihren unnachahmlichen Hauch, o Tillſen, hier rief ich Ih - ren Namen aus. Das Geſicht der Nymphe iſt faſt nur Profil, der ſchiefe Rücken und eine Bruſt iſt ſichtbar; unvergleichlich das naſſe, blonde Haar. Bei der Sen - kung einer Welle zeigt ſich wenig der Anſatz des ge - ſchuppten Fiſchkörpers, in der Nähe ſchlägt der thie - riſche Schwanz aus dem grünen Waſſer, aber man vergißt das Ungeheuer über der Schönheit des menſch -8 lichen Theils und der Knabe vergeht in dem Liebreiz dieſes Angeſichts; er verſäumt das leichte, nur noch über die Schulter geſchlungene Tuch, das der Wind als ſchmalen Streif in die Höhe flattern läßt. Eine Figur von großer Bedeutung iſt der Satyr als Zu - ſchauer. Die muskuloſe Figur ſteht, auf das Ruder gelehnt, etwas ſeitwärts im Schiffe, und überragt, obgleich nicht ganz aufrecht, die Uebrigen. Eine ſtumme Leidenſchaft ſpricht aus ſeinen Zügen, denn obgleich er der Nymphe durch den Raub und die Herbeiſchaf - fung des herrlichen Lieblings einen Dienſt erweiſen wollte, ſo ſtraft ihn jezt ſeine heftige Liebe zu ihr mit unverhoffter Eiferſucht. Er möchte ſich lieber mit Wuth von dieſer Scene[abkehren], allein er zwingt ſich zu ruhiger Betrachtung, er ſucht einen bittern Genuß darin. Das Ganze rundet ſich vortrefflich ab und mit Klugheit wußte der Maler das Eine leere Ende des Nachens rechter Hand hinter hohe Seegewächſe zu verſtecken. Uebrigens iſt vollkommene Meerausſicht und man befindet ſich mit den Perſonen einſam und ziemlich unheimlich auf dem hülfloſen Bereiche. Ich ſage Ihnen Nichts weiter, mein Freund. Ihre ge - laſſene Miene verräth mir eine hinlängliche Bekannt - ſchaft mit der Sache; Sie dürften übrigens, wenn keine Verwunderung, doch wahrlich ein wenig gerech - ten Stolz auf ihr Werk blicken laſſen, wofern nicht eben in dieſem Anſcheine von Gleichgültigkeit ſchon der höchſte Stolz liegt.

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Die Skizzen, wenn ich bitten darf! erwiderte der Andere; wie verhält es ſich damit? Sie haben mich ſehr neugierig gemacht.

Der Baron holte friſch Athem, lächelte und be - gann doch bald ernſthaft: Federzeichnung, mit Waſſer - farbe ziemlich ausgeführt, nach Ihrer gewöhnlichen Weiſe. Das Blatt, wovon jezt die Rede iſt, hat einen tiefen, und beſonders als ich es zum zweiten Mal bei Lichte ſah, einen faſt ſchauderhaften Ein - druck auf mich gemacht. Es iſt nichts weiter als eine nächtliche Verſammlung muſikliebender Geſpenſter. Man ſieht einen graſigen, etwas hüglichten Wald - platz, ringsum, bis auf Eine Seite, eingeſchloſſen. Jene offene Seite rechts läßt einen Theil der tiefliegenden, in Nebel glänzenden Ebene überſehen; dagegen erhebt ſich zur Linken im Vorgrunde eine naſſe Felswand, unter der ſich ein lebhafter Quell bildet und in deren Vertiefung eine gothiſch verzierte Orgel von mäßiger Größe geſtellt iſt; vor ihr auf einem bemoosten Blocke ſizt im Spiele begriffen gleich eine Hauptfigur, wäh - rend die Uebrigen theils ruhig mit ihren Inſtrumen - ten beſchäftigt, theils im Ringel tanzend oder ſonſt in Gruppen umher zerſtreut ſind. Die wunderlichen Weſen ſind meiſt in ſchleppende, zur Noth aufgeſchürzte Gewande von grauer oder ſonſt einer beſcheidenen Farbe gehüllt, blaſſe mitunter ſehr angenehme Todten - geſichter, ſelten etwas Graſſes, noch ſeltener das ge - ſchälte häßliche Todtenbein. Sie haben ſich, um nach10 ihrer Weiſe ſich gütlich zu thun, ohne Zweifel aus einem unfernen Kirchhof hieher gemacht. Dieß iſt ſchon durch die Kapelle rechts angedeutet, welche man unten in einiger Nähe, jedoch nur halb, erblickt, denn ſie wird durch den vorderſten Grabhügel abgeſchnitten, an deſſen eingeſunkenem Kreuze von Stein ein Flö - tenſpieler mit bemerkenswerther Haltung und trefflich drapirtem Gewande ſich hingelagert hat. Ich wende mich aber jezt wieder auf die entgegengeſezte Seite zu der anziehenden Organiſtin. Sie iſt eine edle Jung - frau mit geſenktem Haupte; ſie ſcheint mehr auf den Geſang der zu ihren Füßen ſtrömenden Quelle, als auf das eigene Spiel zu horchen. Das ſchwarze, ſee - lenvolle Auge taucht nur träumeriſch aus der Tiefe des inneren Geiſterlebens, ergreift keinen Gegenſtand mit Aufmerkſamkeit, ruht nicht auf den Taſten, nicht auf der ſchönen runden Hand, ein wehmüthig Lächeln ſchwimmt kaum ſichtbar um den Mundwinkel und es iſt, als ſinne dieſer Geiſt im jetzigen Augenblicke auf die Möglichkeit einer Scheidung von ſeinem zweiten leiblichen Leben. An der Orgel lehnt ein ſchlummer - trunkener Jüngling mit geſchloſſenen Augen und lei - denden Zügen, eine brennende Fackel haltend; ein großer goldenbrauner Nachtfalter ſizt ihm in den Seitenlocken. Zwiſchen der Wand und dem Kaſten ſcheint ſich der Tod als Kalkant zu befinden, denn eine knöcherne Hand und ein vorſtehender Fuß des Gerippes wird bemerkt. Unter den Geſtalten im11 Mittelgrunde zeichnet ſich namentlich eine Gruppe von Tanzenden aus, zwei kräftige Männer und eben ſo viel Frauen in anmuthigen und kunſtvollen Bewegun - gen, mit hochgehaltener Handreichung, wobei zuweilen nackte Körpertheile edel und ſchön zum Vorſchein kommen. Indeſſen, der Tanz ſcheint langſam und den ernſten, ja traurigen Mienen derjenigen zu entſprechen, welche ihn aufführen. Dieſen zu beiden Seiten und dann mehr gegen den Hintergrund entfaltet ſich ein vergnügteres Leben; man gewahrt muntere Stellun - gen, endlich poſſenhafte und neckiſche Spiele. Etwas fiel mir beſonders auf. Ein Knabengerippe im leich - ten Scharlachmäntelchen ſitzt da und wollte ſich gern von einem andern den Schuh ausziehen laſſen, aber das Bein bis zum Knie ging mit und der ungeſchickte Burſche will ſich zu Tode lachen. Hingegen ein an - derer Zug iſt folgender: Vorn bei dem Flötenſpieler befindet ſich ein Geſträuche, woraus eine magere Hand ein Neſtchen bietet, während ein hingekauerter Greis ſein Söhnchen bei der hingehaltenen Kerze bereits einem Vogel in die verwundert unſchuldigen Aeuglein blicken läßt; der Burſche hat übrigens ſchon eine zap - pelnde Fledermaus am Fittig. Es gibt mehrere Züge der Art; es gäbe überhaupt noch gar Vieles anzu - führen. Die Beleuchtung, der wundervolle Wechſel zwiſchen Mond - und Kerzenlicht, wie dieß einſt bei’m Oelgemälde, beſonders in der Wirkung auf’s Grün, ſich zauberiſch darſtellen wird, iſt überall bereits effekt -12 voll angedeutet und mit großer Kenntniß behandelt. Doch genug! der Henker mag ſo was beſchreiben.

Tillſen hatte ſchon ſeit einer Weile zerſtreut und brütend geſeſſen. Jezt da das Schweigen des Barons ihn zu ſich ſelbſt gebracht, erhob er ſich raſch mit glühender Stirn vom Seſſel und ſprach ent - ſchloſſen: Ja, mein Herr, ich darf es ſagen, von meiner Hand iſt, was Sie geſehen haben, doch hier brach er in ein gezwungenes Gelächter aus. Gott ſey Dank! unterbrach ihn der Baron, entzückt aufſpringend, nun hab ich genug; laſſen Sie ſich küſſen, umarmen, Charmanteſter! die anderthalb Jahre Faſtenzeit, worin Sie die Palette vertrocknen ließen, haben Wunder an Ihnen gereift, eine Periode ent - wickelt, über deren Früchte die Welt ſtaunen wird. Nun geht es Schlag auf Schlag, geben Sie Acht, ſeitdem der neue, ſtarke Frühling für Ihre Kunſt durchbrochen hat, und in dieſer Stunde prophezeih ich Ihnen die Fülle eines Ruhmes, der vielleicht Hun - derte begeiſtern wird, das ganze Mark der Kräfte an die edelſte Kunſt zu wenden, aber auch Tauſende zwin - gen muß, in muthloſem Neide ſie abzuſchwören. Ach lieber, beſcheidener Mann, Sie ſind bewegt, ich bin es nicht weniger von herzlicher Freude. Laſſen Sie uns in dieſem glücklichen Moment mit einem warmen Händedruck auseinander gehen, und kein Wort weiter. Ich gehe zum Grafen. Leben Sie wohl! auf Wieder - ſehen. Damit war er zur Thüre hinaus.

13

Der Maler, unbeweglich, ſah ihm nach. Es wollte ihn jezt fortreißen, dem Baron zu folgen, ihm eine plötzliche Aufklärung zu geben, aber ein unwill - kürlicher trockener Entſchluß hielt ihn wie an den Boden gefeſſelt. Erſt nach einer langen Stille brach er, beinahe ſchmerzlich lächelnd, in die Worte aus: O betrogener redlicher Mann! wie haſt du dich un - nöthig über mich verjubelt, mir arglos meine ganze Blöße gezeigt! Ich mußte ein Lob anhören, das nicht mir, ſondern einem Andern gehört und das juſt alles das heraus hob, was mir zum rechten Maler abgeht, ewig abgehen wird! Es iſt wahr, fuhr er in Ge - danken fort, die Ausführung jener Kompoſitionen iſt mein und iſt nicht das Schlechteſte am Ganzen; ſie dient, jenen Erfindungen die rechte Bedeutung zu geben; ohne mein Zuthun wären vielleicht die Skizzen des armen Zeichners gleichgültig überſehen worden. Aber nur auf der Spur ſeines Geiſtes ſtärkte, belebte ſich der meinige, und nur von jenem ermuthigt konnte ich ſogar auf eine Höhe des Ausdrucks kommen, bis zu welcher ich mich nie erhoben hatte. Wie arm, wie Nichts erſchein ich mir dieſem unbekannten Zeichner gegenüber! Wie würf ich mit Freuden Alles hin, was ſonſt an mir gerühmt wird, für die Gabe, ſolche Umriſſe, ſolche Linien, ſolche Anordnung zu ſchaffen! Ein Crayon, ein dürftig Papier iſt ihm genug, damit er mich über den Haufen ſtürze. Wüßten nur erſt die Herren, daß es die Werke eines Wahnſinnigen14 ſind, welche ſie bewundern, eines unſcheinbaren ver - dorbenen Menſchen, ihr Staunen würde noch größer ſeyn, als da ſie in mir den Meiſter gefunden zu ha - ben glauben. Noch kennt außer mir Niemand den wahren Erfinder, aber geſezt, ich wollte auf die Ge - fahr, das dieſer ſein eigenſinniges Incognito brechen kann, mir dennoch den Ruhm ſeiner Schöpfungen er - halten, ich fände einen weit ſtärkeren Grund dagegen in dem eigenen innern Bewußtſeyn. Darum muß es an den Tag, lieber heute als morgen, ich ſey keines - wegs der Rechte.

Das waren ungefähr die Gedanken des lebhaft aufgeregten Mannes. Indeſſen war er, was den lez - ten Punkt betrifft, noch nicht ſo ganz entſchieden. Hatte er bisher die Meinung der Freunde ſo hin - hängen laſſen, ohne ſie eben zu beſtärken, ohne zu widerlegen, indem er ſich mit zweideutigem Scherz in der Mitte hielt, ſo dachte er jezt, er könne unbe - ſchadet ſeines Gewiſſens noch eine Zeitlang zuwarten mit der Enthüllung, und er wolle ſein Benehmen nachher, wenn es nöthig ſey, ſchon auf ehrenvolle Art rechtfertigen.

So eben trat die junge[Frau] wieder ins Zim - mer: ſie bemerkte die auffallende Bewegung an ihrem Manne, ſie fragte erſchrocken, er läugnete und herzte ſie mit einer ungewohnten Inbrunſt. Dann ging er auf ſein Zimmer.

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Es verſtrichen mehrere Wochen, ohne daß unſer Maler gegen irgend Jemanden ſich über den wahren Zuſammenhang der Sache erklärte, ſeinen Schwager, den Major v. R., ausgenommen, dem er folgende auffallende Eröffnung machte. Es mag nun bald ein Jahr ſeyn, als mich eines Abends ein verwahrloſ’ter Menſch von ſchwächlicher Geſtalt und kränklichem Ausſehen, eine ſpindeldünne Schneiderfigur, in meiner Werkſtätte beſuchte. Er gab ſich für einen eifrigen Dilettanten in der Malerei aus. Aber die windige Art ſeines Benehmens, das Verworrene ſeines Ge - ſprächs über Kunſtgegenſtände war eben ſo verdächtig, als mir überhaupt der ganze Beſuch fatal und räth - ſelhaft ſeyn mußte. Ich hielt ihn zum wenigſten für einen aufdringlichen Schwätzer, wo nicht gar für einen Schelmen, wie ſie gewöhnlich in fremden Häuſern um - herſchleichen, die Leute zu beſtehlen und zu betrügen. Hingegen wie groß war meine Verwunderung, als er einige Blätter hervorzog, die er mit vieler Beſcheiden - heit für leichte Proben von ſeiner Hand ausgab. Es waren reinliche Entwürfe mit Bleiſtift und Kreide voll Geiſt und Leben, wenn auch manche Mängel an der Zeichnung ſogleich in’s Auge fielen. Ich verbarg meinen Beifall abſichtlich, um meinen Mann erſt aus - zuforſchen, mich zu überzeugen, ob das Alles nicht etwa fremdes Gut wäre. Er ſchien mein Mißtrauen zu bemerken und lächelte beleidigt, während er die Pa - piere wieder zuſammenrollte. Sein Blick fiel inzwi -16 ſchen auf eine von mir angefangene Tafel, die an der Wand lehnte, und wenn kurz vorher einige ſeiner Ur - theile ſo abgeſchmackt und lächerlich als möglich klan - gen, ſo ward ich jezt durch einige bedeutungsvolle Worte aus ſeinem Munde überraſcht, welche mir ewig unvergeßlich bleiben werden, denn ſie bezeichneten auf die treffendſte Weiſe das Charakteriſtiſche meiner Ma - nier und löſ’ten mir das Geheimniß eines Fehlers, den ich bisher nur dunkel empfunden hatte. Der wunderliche Menſch wollte mein Erſtaunen nicht bemerken, er griff eben nach dem Hute, als ich ihn lebhaft zu mir auf einen Sitz niederzog und zu einer weiteren Erörterung aufforderte. Es überſteigt jedoch alle Beſchreibung, in welch ſonderbarem Gemiſche des fadeſten und un - ſinnigſten Galimatias mit einzelnen äußerſt pikanten Streiflichtern von Scharfſinn ſich der Menſch in einer ſüßlich wiſpernden Sprache nun gegen mich verneh - men ließ. Dieß Alles zuſammengenommen und das unpaſſende Kichern, womit er ſich ſelber und mich gleichſam zu verhöhnen ſchien, ließ keinen Zweifel übrig, daß ich hier das ſeltenſte Beiſpiel von Ver - rücktheit vor mir habe, welches mir je begegnet war. Ich brach ab, lenkte das Geſpräch auf gewöhnliche Dinge und er ſchien ſich in ſeinem ſtutzerhaft affektir - ten Betragen nur immer mehr zu gefallen. Dieß elegante Vornehmthun machte mit ſeinem nothdürfti - gen Aeußern, einem abgetragenen, hellgrünen Fräck - chen und ſchlechten Ranking-Beinkleidern einen höchſt17 komiſchen, affreuſen Kontraſt. Bald zupfte er mit zierlichem Finger an ſeinem ziemlich ungewaſchenen Hemdſtrich, bald ließ er ſein Bambusröhrchen auf dem ſchmalen Rücken tänzeln, indem er zugleich bemüht war, durch Einziehung der Arme mir die ſchmähliche Kürze des grünen Fräckchens zu verbergen. Mit alle dieſem erregte er meine aufrichtige Theilnahme. Mußt ich mir nicht einen Menſchen denken, der mit ſeinem außerordentlichen Talente, vielleicht durch gekränkte Eitelkeit, vielleicht durch Liederlichkeit, dergeſtalt in Zerfall gerathen war, daß zulezt nur dieſer jämmer - liche Schatten übrig blieb? Auch waren jene Zeich - nungen, wie er ſelbſt bekannte, aus einer längſt ver - gangenen, beſſern Zeit ſeines Lebens. Auf die Frage, womit er ſich denn gegenwärtig beſchäftige, antwortete er haſtig und kurz: er privatiſire; und als ich von weitem die Abſicht blicken ließ, jene Blätter von ihm zu erſtehen, ſchien er trotz eines pretiöſen Lächelns nicht wenig erleichtert und vergnügt. Ich bot ihm drei Dukaten, die er mit dem Verſprechen zu ſich ſteckte, mich bald wieder zu ſehen. Nach vier Wochen erſchien er abermals und zwar ſchon in merklich beſ - ſerem Aufzuge. Er brachte mehrere Skizzen mit: ſie waren wo möglich noch intereſſanter, noch geiſtreicher. Indeſſen hatt ich beſchloſſen, ihm vor der Hand nichts weiter abzunehmen, bis ich über die Rechtmäßigkeit eines ſolchen Erwerbs völlig in’s Reine gekommen wäre, etwa dadurch, daß er veranlaßt würde, gleichſam unter218meinen Augen eine Aufgabe zu löſen, die ich ihm un - ter einem unverfänglichen Vorwande zuſchieben wollte. Ich hatte meine Gedanken hiezu ſchriftlich angedeutet, erklärte mich ihm auch mündlich darüber, und er eilte ſogleich mit der Hoffnung weg, mir ſeinen Verſuch in einigen Tagen zu zeigen. Aber wer ſchildert meine Freude, als ſchon am Abende des folgenden Tages die edelſten Umriſſe zu der angegebenen Gruppe aus dem Statius vor mir lagen, in der ganzen Auffaſſung des Gedankens weit kühner und ſinnreicher als der Umfang meiner Imagination jemals reichte. Manche flüchtige Bemerkung des närriſchen Menſchen bewies überdieß unwiderſprechlich, daß er mit Leib und Seele bei der Zeichnung geweſen. Auch dieſer Entwurf und in der Folge noch der eine und andere ward mein Eigenthum; allein plötzlich blieb der Fremde aus und eigenſinniger Weiſe hatte er mir weder Namen noch ſonſtige Adreſſe zurückgelaſſen. Nach und nach fühlte ich unwiderſtehliche Luſt, drei bis vier der vorhandenen Blätter vergrößert in Waſſerfarbe auf’s Neue zu ſkizzi - ren und ſofort in Oel darzuſtellen, wobei denn bald die liebevollſte wechſelſeitige Durchdringung meiner Manier und jenes fremden Genius Statt fand, ſo daß die Entſcheidung ſo leicht nicht ſeyn möchte, wenn nunmehr bei den völlig ausgemalten Tableaus ein zwiefaches und getrenntes Verdienſt gegen einander abgewogen werden ſollte. Vor einem Freunde und Schwager darf ich dieſes ſelbſtgefällige Bekenntniß gar19 wohl thun, und vielleicht wird das Publikum mir nicht mindere Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, wenn ich ihm demnächſt bei der öffentlichen Ausſtellung jene Bilder vorführen werde, ohne ihren doppelten Urſprung im mindeſten zu verläugnen; denn dieß war längſt mein feſter Entſchluß.

Das ſieht dir ähnlich, erwiderte hierauf der Major, welcher bisher mit geſpannter Aufmerkſamkeit zugehört hatte; es bedarf, dünkt mich, bei einem Künſtler von deinem Rufe nicht einmal großer Reſig - nation zu einer ſolchen Aufrichtigkeit, ja man wird in dem ganzen Unternehmen eine Art Herablaſſung finden, wodurch du jenes unbekannte Talent zu wür - digen und zu ehren dachteſt. Aber, um wieder auf den armen Tropfen zu kommen, haſt du ihn denn auf keine Weiſe ausfindig machen können?

Auf keine Weiſe. Einmal glaubte mein Be - dienter ſeine Spur zu haben, allein ſie verſchwand ihm wieder.

Es wäre doch des Teufels, rief der Major aus, wenn meine Spürhunde mich hier im Stiche ließen! Schwager, laß mich nur machen. Die Sache iſt zu merkwürdig, um ſie ganz hängen zu laſſen. Du magſt mich vor aller Welt nur ſelbſt für den geheim - nißvollen Narren ausgeben, wenn ich dir ihn nicht binnen vier und zwanzig Tagen aus irgend einer Spe - lunke, Dachſtube oder dem Narrenhauſe ſelbſt hervor - ziehe!

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Dieſe vier und zwanzig Tage waren noch nicht um, ſo geſchah es, daß Tillſen über die wahre Be - wandtniß der Sache auf einem ganz anderen Wege aufgeklärt wurde, als er je vermuthen konnte.

In ſeiner Abweſenheit meldete ſich eines Mor - gens ein wohlgekleideter junger Mann im Tillſen’ſchen Hauſe an, und die Frau führte ihn indeß in ein Sei - tenzimmer, wo er ihren Gemahl erwarten möchte. Sie ſelbſt, obgleich durch ſeine ſehr vielverſprechende und auffallend angenehme Geſichtsbildung nicht wenig intereſſirt, entfernte ſich ſogleich wieder, weil die zer - ſtreute Unruhe ſeiner Miene ihr hinlänglich ſagte, daß eine weitere Anſprache hier nicht am Platze ſeyn würde. Nach einer Viertelſtunde erſt trat der Maler in das bezeichnete Kabinet. Er fand den jungen Mann nachdenkend, den Kopf in beide Hände geſtüzt, auf einem Stuhle ſitzen, den Rücken ihm zugewandt und dem großen Gemälde gegenüber, das, bis auf die breit goldene Rahme, verhüllt an der Wand da hing. Der Maler, einigermaßen verwundert, trat ſtillſchweigend näher, worauf dann der Andere erſchrocken auffuhr, indem er zugleich hinter einer angenehmen, verlegenen Freundlichkeit die Thränen zu verſtecken ſuchte, worin er ſichtbar überraſcht worden war. Ich komme, fing er jezt mit heiterm Freimuthe an, ich komme in der wunderlichſten und zugleich in der erfreulichſten An - gelegenheit vor Ihr Angeſicht, verehrter Mann! Meine Perſon iſt Ihnen unbekannt, dennoch haben21 Sie, wie ich weiß, mein eigentliches Selbſt bereits dergeſtalt kennen gelernt und bis auf einen gewiſſen Grad ſogar liebgewonnen, daß ich mich nun mit un - abweislichem Vertrauen unter Ihre Stirne dränge. Doch, laſſen Sie mich deutlich reden. Ich heiße Theobald Nolten und ſtudire in hieſiger Stadt ziemlich unbekannt die Malerei. Nun fand ich geſtern in der aufgeſtellten Galerie unter andern ein Ge - mälde, das Opfer der Polyxena vorſtellend, das mir auf den erſten Blick als eine innig vertraute Erſchei - nung entgegentrat. Es war, als ſtünde durch Zau - berwerk hier ein früher Traum lebendig verkörpert vor meinem ſchwindelnden Auge. Dieſe ſchmerzvolle Königstochter ſchien mich ſo ſchweſterlich bekannt zu grüßen, ihre ganze Umgebung däuchte mir ſogar nicht fremd, und doch, über das Ganze war ein Licht, ein Reiz gegoſſen, der nicht aus meinem Innern, der von einer höhern Macht, von den Olympiſchen ſelbſt her - abgeſtrahlt ſchien; ich zitterte, bei Gott! ich

Was? unterbrach ihn Tillſen, Sie wären ja Sie ſind der wunderbare Künſtler, dem ich ſo Vieles abzubitten

Nicht doch, entgegnete jener feurig, nein! der Ihnen Unendliches zu danken hat. O edelſter Mann! Sie haben mich mir ſelbſt enthüllt, indem Sie mich hoch über mich hinausgerückt und getragen. Sie weckten mich mit Freundeshand aus einem Zuſtande der dunkeln Ohnmacht, riſſen mich auf die Sonnen -22 höhe der Kunſt, da ich im Begriffe war, an meinen Kräften zu verzweifeln. Ein Elender mußte mich be - ſtehlen, damit Sie Gelegenheit hätten, mir in Ihrem klaren Spiegel meine wahre, meine künftige Geſtalt zu zeigen. So empfangen Sie denn Ihren Schüler an das väterliche Herz! Laſſen Sie mich ſie küſſen die gelaſſene Hand, welche auf ewig die verworrenen Fäden meines Weſens ordnete mein Meiſter! mein Erretter!

So lagen ſich beide Männer einige Sekunden lang feſt in den Armen und von dieſem Augenblicke an war eine lebhafte Freundſchaft geſchloſſen, wie ſie wohl in ſo kurzer Zeit zwiſchen zwei Menſchen, die ſich eigentlich zum erſten Male im Leben begegnen, ſelten möglich ſeyn wird.

Erlauben Sie, mein Lieber, ſagte Tillſen, daß ich erſt zur Beſinnung komme. Noch weiß ich nicht, bin ich mehr beſchämt oder mehr erfreut durch Ihre herzlichen Worte. Ich werde Sie in der Folge noch beſſer verſtehen. So ſagen Sie für’s Erſte nur, wie verhält ſich’s denn mit dem diebiſchen Schufte, dem wenigſtens das Verdienſt bleiben muß, uns zuſammen geführt zu haben?

Wohl! Hören Sie! Nach meiner Rückkehr aus Italien, es iſt nun über ein Jahr, traf ich auf der Reiſe hieher, wo ich völlig fremd war, einen Haſen - fuß, Barbier ſeiner Profeſſion, er nannte ſich Wiſpel, der mir ſeine Dienſte als Bedienter an -23 trug, und ich nahm ihn aus einem humoriſtiſchen In - tereſſe an ſeiner Seltſamkeit um ſo lieber auf, da er neben einem, daß ich ſo ſage, univerſal-enthuſiaſtiſchen Hieb, neben einem badermäßigen Hochmuth, immer eine gewiſſe Gutmüthigkeit zeigte, die in der Folge nur der bornirteſten Eitelkeit weichen konnte; denn ſo wollt ich darauf ſchwören, er hatte mit jenen entwen - deten Koncepten Anfangs keine andere Abſicht, als vor Ihnen den Mann zu machen.

Allein er nahm doch Geld dagegen an?

Und wenn auch; dieſe Speculation ward ſicher - lich erſt durch Ihr Anerbieten bei ihm erweckt.

Aber er ſtellte ſich völlig närriſch!

Ich zweifle ſehr, daß er es darauf anlegte, oder geſezt, er legte es darauf an, ſo geſchah es nur, nach - dem er Ihnen bereits den intereſſanten Verdacht ab - gelauſcht. Seiner Dummheit kam übrigens die Liſt beinahe gleich; ſo wußte er mich unter einem ausge - ſuchten Vorwande zu einer Zeichnung aus dem Stegreife zu bewegen, die ohne Zweifel auch für Sie beſtimmt war, und wozu ich mich ſelbſt durch den angenehm pro - ponirten Gegenſtand angereizt fühlte. Wenn er Sie ferner durch den Schein eigener Bildung irre geführt hat, ſo begreif ich nur um ſo beſſer, warum er ſich bei den Unterhaltungen, welche gelegentlich zwiſchen mir und einem Freunde vorkamen, immer viel im Zim - mer zu ſchaffen machte. Er mag Ihnen auf dieſe Art manchen ſchlecht verdauten Brocken hingeworfen haben.

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Ach, ſagte Tillſen nicht ohne einige Beſchä - mung, freilich, dergleichen Aeußerungen ſahen mir dann immer verdächtig genug aus, wie Hieroglyphen auf einem Marktbrunnenſtein, ich wußte nicht, woher ſie kamen. Aber ein abgefeimter Burſche iſt es doch! Und wo ſteckt denn der Schurke jezt?

Das weiß Gott. Seit einem halben Jahre hat er ſich ohne Abſchied von mir beurlaubt; etliche Wochen ſpäter entdeckt ich die große Lücke in meinem Porte - feuille.

Ich will ſie wieder ausfüllen! erwiderte Tillſen mit Heiterkeit, indem er den Freund vor das verhängte Bild führte. Ich wollte es dieſen Morgen noch zur öffentlichen Ausſtellung wegtragen laſſen; doch, es iſt nun Ihr Eigenthum. Laſſen Sie ſehen, ob Sie auch hinter dieſem Tuche Ihre Bekannten erkennen.

Nolten hielt die Hand des Malers an, während er das Geſtändniß ablegte, daß er vorhin der Verſuchung nicht widerſtanden, den Vorhang um einige Span - nen zurückzuſtreifen, daß er ihn aber, wie von dem Ge - ſpenſte eines Doppelgängers erſchreckt, ſogleich wieder habe fallen laſſen, ohne die Ueberblickung des Ganzen zu wagen.

Jezt ſchlug Tillſen mit Einem Male die Hülle zurück und trat ſeitwärts, um den Eindruck des Stückes auf den Maler zu beobachten. Wir ſagen nichts von der unbeſchreiblichen Empfindung des Letztern und er - innern den Leſer an das wunderliche Geiſter-Konzert,25 wovon ihnen der alte Baron früher einen Begriff ge - geben. Bewegt und feierlich gingen die Freunde aus - einander.

Die umſtändlichere Erzählung dieſer Begebenheit mußte vorangeſchickt werden, um die raſche und er - freuliche Entwicklung deſto begreiflicher zu machen, welche es von nun an mit der ganzen Exiſtenz des jungen Künſtlers nahm. War es ein gewiſſer Klein - muth oder Eigenſinn, grillenhafter Grundſatz, was ihn bisher bewegen mochte, mit ſeinem Talente unbeſchrieen hinter dem Berge zu halten, bis er dereinſt mit ei - nem höhern Grade von Vollendung hervortreten könnte: ſo viel iſt gewiß, daß die Behandlung der Oelfarbe ihm bisher große Schwierigkeiten entgegenſezte, jedoch, wie Tillſen fand, nicht ſo große, als unſer beſchei - dener Freund ſich gleichſam ſelbſt gemacht hatte. Viel - mehr entdeckte Jener auch dießfalls an den Verſuchen des Leztern die überraſchendſten Fortſchritte, und gerne faßte er den Entſchluß zur förderlichen Mittheilung einzelner Vortheile. In Kurzem ſtand Nolten, was Geſchicklichkeit betrifft, jedem braven Künſtler gleich, und in Abſicht auf großartigen Geiſt hoch über Allen. Seine Werke, ſowie ſeine Empfehlung durch Tillſen, verſchafften ihm ſehr ſchätzbare Verbindungen, und na - mentlich erwies der Herzog Adolph, Bruder des Königs, ſich gar bald als einen freundſchaftlichen Gönner gegen ihn.

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War Theobald auf dieſe Weiſe durch die raſche und glänzende Veränderung ſeines bisherigen Zuſtan - des gewiſſermaßen ſelbſt überraſcht und anfänglich ſo - gar verlegen, ſo verwunderte er ſich in der Folge bei - nahe noch mehr über die Leichtigkeit, womit er ſich in ſeine jetzige Stellung gewöhnte und darin behauptete. Allerdings brauchte er die Achtung, durch die er ſich vor Andern ausgezeichnet ſah, nur als etwas Ver - dientes hinzunehmen, ſo kam ſie ihm auch ganz natür - lich zu.

Durch die Vermittlung des Herzogs erhielt er Zutritt im Hauſe des Grafen von Zarlin, der ſich ohne eigene Einſichten, und wie Mehrere behaupteten, aus bloßer Eitelkeit als einen leidenſchaftlichen Freund jeder Gattung von Kunſt hervorthat, und dem es wirk - lich gelang, einen Zirkel edler Männer und Frauen um ſich zu verſammeln, worin geiſtige Unterhaltung aller Art, namentlich Lektüre guter Dichterwerke vor - kam. Die lebendig machende Seele des Ganzen jedoch war, ohne es zu wollen, die ſchöne Schweſter des Grafen, Conſtanze von Armond, die junge Witt - we eines vor wenigen Jahren geſtorbenen Generals. Ihre Liebenswürdigkeit wäre mächtig genug geweſen, den Kreis der Männer zu beherrſchen und Geſetze vorzuſchreiben, aber die angenehme Frau blieb mit der ſanften Wirkung zufrieden, welche von ihrer Perſon auf alle übrigen Gemüther ausging, und ſich allge - mein in der erwärmteren Theilnahme an den Unter -27 haltungsgegenſtänden offenbarte; ja, Conſtanze ſchien ihrer natürlichen Lebendigkeit öfters einige Gewalt an - zuthun, um die Huldigung von ſich abzuleiten, wo - mit die Herren ſie nicht undeutlich für die Königin der Geſellſchaft erklärten. Auch Theobald fühlte ſich insgeheim zu ihr hingezogen, und während der anderthalb Monate, worin er jede Woche drei Abende in ihrer Nähe zubringen durfte, entwickelte ſich dieß heitere Wohlgefallen zu einem ſtärkeren Grade von Zuneigung, als er ſich ſelbſt eingeſtehen durfte. Die Reize ihrer Perſon, die Feinheit ihres gebildeten Gei - ſtes, verbunden mit einem lebhaften, ſelbſt ausübenden Intereſſe für ſeine Kunſt, hatten ihn zu ihrem leiden - ſchaftlichen Bewunderer gemacht, und wenn ſein Ver - ſtand, wenn die oberflächlichſte Betrachtung der äußern Verhältniſſe ihm jeden entfernten Wunſch niederſchlu - gen, ſo wiederholte er ſich auf der andern Seite doch ſo manche leiſe Spur ihrer beſondern Gunſt mit un - ermüdeter Selbſtüberredung, wobei er freilich nicht vergeſſen durfte, daß er in dem Herzog einen ſehr geiſtreichen Nebenbuhler zu fürchten habe, der ihm überdieß, was Gewandtheit und ſchmeichelhaften Ton des Umgangs betrifft, bei weitem überlegen war. Die Leidenſchaft des Herzogs war Theobalden deſto drückender, je inniger ſonſt ihr beiderſeitiges Verhält - niß hätte ſeyn können, dagegen nun der Letztere ſei - nem argloſen fürſtlichen Freunde gegenüber eine heim - liche Spannung nur mit Mühe verläugnete.

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Uebrigens hatte er wohl Grund, ſich über ſeine wachſende Neigung ſo gut wie möglich zu myſtificiren, denn eine früher geknüpfte Verbindung machte noch immer ihre ſtillen Rechte an ſein Herz geltend, ob - wohl er dieſelben mit einiger Ueberredung des Ge - wiſſens bereits entſchieden zu verwerfen angefangen hatte. Das reine Glück, welches der unverdorbene Jüngling erſtmals in der Liebe zu einem höchſt un - ſchuldigen Geſchöpfe gefunden, war ihm ſeit Kurzem durch einen unglückſeligen Umſtand geſtört worden, der für das reizbare Gemüth alsbald die Urſache zu eben ſo verzeihlichem als hartnäckigem Mißtrauen ward. Die Sache hatte wirklich ſo vielen Schein, daß er das entfernt wohnende Mädchen keines Wor - tes, keines Zeichens mehr würdigte, ihr ſelbſt nicht im Geringſten den Grund dieſer Veränderung zu er - kennen gab. Mit unverſöhnlichem Schmerz verhärtete er ſich ſchnell in dem Wahne, daß der edle Boden dieſes ſchönen Verhältniſſes für immerdar erſchüttert ſey, und daß er ſich noch glücklich ſchätzen müſſe, wenn es ihm gelänge, mit der Bitterkeit ſeines gekränkten Bewußtſeyns jeden Reſt von Sehnſucht in ſich zu er - tödten und zu vergiften. In der That blieb aber dieſer traurige Verluſt nicht ohne gute Folgen für ſein ganzes Weſen; denn offenbar half dieſe Erfah - rung nicht wenig ſeinen Eifer für die Kunſt beleben, welche ihm nunmehr Ein und Alles, das höchſte Ziel ſeiner Wünſche ſeyn ſollte. Vermochte er nun aber29 nach und nach über eine ſchmerzliche Empfindung, die ihn zu verzehren drohte, Herr zu werden, ſo war auf der andern Seite das Mädchen indeſſen nicht ſchlimmer daran. Agnes glaubte ſich noch immer geliebt, und dieſer glückliche Glaube ward, wie wir ſpäter erfahren werden, auf eine wunderliche Art, ganz ohne Zuthun Theobalds, unterhalten, während er ſchon eine frei - willige Auflöſung des Bündniſſes von ihrer Seite zu hoffen begann, denn das Ausbleiben ihrer Briefe nahm er ohne Weiteres für ein Zeichen ihres eigenen Schuldbewußtſeyns. In dieſer halbfreien, noch immer etwas wunden Stimmung fand er die Bekanntſchaft mit der Gräfin Conſtanze, und nun läßt ſich die Innigkeit um ſo leichter begreifen, womit die gereizten Organe ſeiner Seele ſich nach dieſem neuen Lichte hin - zuwenden ſtrebten.

Im ſpaniſchen Hofe, ſo hieß das bedeutendſte Hôtel der Stadt, war es am Abende des letzten De - zembers, wo die vornehme Welt ſich bereits eifrig zur Maskerade zu rüſten hatte, ungewöhnlich ſtille. In dem hinterſten grünen Eckzimmer leuchteten die beiden hellbrennenden Hänge-Lampen nur zweien Gäſten, wo - von der Eine, wie es ſchien, ein regelmäßiger, mit Welt und feinerer Gaſthofſitte wohlvertrauter Beſuch, ein penſionirter Staatsdiener von Range, der Andere ein junger Bildhauer war, der erſt vor wenig Stun -30 den in der Stadt anlangte. Sie unterhielten ſich, in ziemlicher Entfernung auseinander ſitzend, über alltäg - liche Dinge, wobei ſich Leopold, ſo nennen wir den Reiſenden, bald über die zerſtreute Einſylbigkeit des Alten heimlich ärgerte, bald mit einem gewiſſen Mit - leiden auf die krankhaften Verzerrungen ſeines Geſichts, auf die raſtloſe Geſchäftigkeit ſeiner Hände blicken mußte, die jezt ein Fältchen am fein ſchwarzen Kleide auszuglätten, jezt eine Partie Whiſtkarten zu miſchen, oder eine Priſe Spaniol aus der agatnen Doſe zu greifen hatten. Das Geſpräch war auf dieſe Weiſe ganz in’s Stocken gerathen, und um ihm wieder ei - nigermaßen aufzuhelfen, fing der Bildhauer an: Un - ter den Künſtlern dieſer Stadt und des Vaterlandes ſoll, wie ich mit Vergnügen höre, der junge Maler Nolten gegenwärtig große Aufmerkſamkeit erregen?

Dieſe Worte ſchienen den alten Herrn gleichſam zu ſich ſelber zu bringen. Seine Augen funkelten lebhaft unter ihrer grauen Bedeckung hervor. Da er jedoch noch wie geſpannt ſtille ſchwieg und eine Ant - wort nur erſt unter den ſchlaffen Lippen zurecht kaute, fuhr der Andere fort: Ich habe ſeit drei Jahren nichts von ſeiner Hand geſehen und bin nun äußerſt begierig, mich zu überzeugen, was an dieſem aus - ſchweifenden Lobe, wie an den heftigen Urtheilen der Kritiker Wahres ſeyn mag.

Befehlen Sie, ſagte der Alte faſt höhniſch, daß ich nun mit einem hübſchen Sätzchen antworte,31 wie etwa: vielleicht in der Mitte liegt das fürtreff - liche Talent, das ſeine beſtimmte Richtung erſt ſucht, oder: es iſt das Größte von ihm zu hoffen, wie das Schlimmſte zu fürchten, und was dergleichen dün - nen Windes mehr iſt? Nein! ich ſage Ihnen vielmehr geradezu, dieſer Nolten iſt der verdorbenſte und ge - fährlichſte Ketzer unter den Malern, einer von den halsbrecheriſchen Seiltänzern, welche die Kunſt auf den Kopf ſtellen, weil das ordinäre Gehen auf zwei Beinen anfängt langweilig zu werden; der widerwär - tigſte Phantaſie-Renommiſte! Was malt er denn? eine trübe Welt voll Geſpenſtern, Zauberern, Elfen und dergleichen Fratzen, das iſt’s, was er kultivirt! Er iſt recht verliebt in das Abgeſchmackte, in Dinge, bei denen keinem Menſchen wohl wird. Die geſunde, lautere Milch des Einfach-Schönen verſchmäht er und braut einen Schwindeltrank auf Kreuzwegen und un - ter’m Galgen; à propos, mein Herr! (hier lächelte er ganz geheimnißvoll) haben Sie ſchon Gelegenheit ge - habt, eine der köſtlichen Anſtalten zu ſehen, worein man die armen Teufel logirt, die ſo, verſtehn mich ſchon, einen krummen Docht im Lichte brennen nun? Kam Ihnen da nicht auch ſchon der Gedanke, wie es wäre, wenn ſich etwa der Ideendunſt, der von dieſen Köpfen aufſteigen muß, oben an der Decke an - ſezte, welche Figuren da in Fresko zum Vorſchein kommen müßten? Was ſagen Sie? Nolten hat ſie alle kopirt, , hat ſie ſämmtlich kopirt!

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Sie ſcheinen, erwiderte Leopold gelaſſen, wenn ich Sie anders recht faſſe, mehr die Gegen - ſtände zu tadeln, unter denen ſich dieſer Künſtler, nur vielleicht etwas zu vorliebig, bewegt, als daß Sie ſein Talent angreifen wollten; nun läßt ſich aber ohne Zweifel auf dem angedeuteten Felde ſo gut als auf irgend einem das Charakteriſtiſche und das Rein - Schöne mit großem Glücke zeigen, abgeſchmackte und häßliche Formen jedoch, gefliſſentliches Aufſuchen ſinn - widriger Zuſammenſtellungen kann man von Nolten nicht erwarten; ich kenne ſein Weſen von früher und kam in der Abſicht hieher, ihn mit einem gemein - ſchaftlichen Freunde, der auch Maler iſt, zu beſuchen und uns an ſeiner bisherigen Ausbildung zu erfreuen.

Der alte Herr hatte dieſe Worte wahrſcheinlich ganz überhört, denn er ging mit lautem Kichern nur wieder in den Refrain ſeines vorhin Geſagten über: Hat ſie ſämmtlich kopirt, ja ja, zum Todtlachen! Ei, das muß er täglich von mir ſelber hören.

In dieſem Augenblicke trat Ferdinand, der Reiſegefährte des Bildhauers, ein und rief dieſem mit einem glänzenden Blicke voll Freude zu: Er kommt! er folgt mir auf dem Fuße nach! Er iſt der gute Nolten noch, ſag ich dir! o gar nicht der achſel - blickende junge Glückspilz, wie man ihn ſchildern wollte. Stelle dir vor, er vergaß vorhin im Jubel über unſre Ankunft eine Einladung zum Herzog, mit dem er33 trefflich ſtehen muß, und eilte nur von der Straße weg, ſich zu entſchuldigen.

Nach einiger Zeit erſchien, in Begleitung eines Andern, der Erwartete wirklich. Es war ein herzer - freuendes Wiederſehen, ein immer neu erſtauntes trunkenes Begrüßen und Frohlocken unter den Dreien. Wie ergözten ſich die Freunde an dem ſtattlichen An - ſehen Theobalds, an dem reinen Anſtande, den ihm das Leben in höherer Geſellſchaft unvermerkt ange - haucht hatte, nur verbargen ſie ihm nicht, daß die kräftige Röthe ſeiner Wangen in Zeit von wenigen Jahren um ein Merkliches verſchwunden ſey. Er ſah jedoch immer noch geſund und friſch genug neben ſei - nem hageren Begleiter, dem Schauſpieler Larkens, aus, den er ſo eben freundſchaftlich produciren wollte, als dieſer ſofort mit der angenehmſten Art ſich ſelber empfahl und mit den Worten ſchloß: Nun ſetz dich, liebes Kleeblatt! Ich werde mich mit eurer Erlaubniß bald auch zu euch geſellen, aber den erſten Perl - und Brauſeſchaum des Wiederfindens müßt ihr durchaus mit - einander wegſchlürfen! Ich ſehe dort ein paar Spieler - hände konvulſiviſch fingern, das iſt auf mich abgeſehen.

Damit ſezte er ſich zu dem alten Herrn in der Ecke, den unſer Nolten erſt jezt gewahr wurde und nicht ohne Achtung begrüßte. Sag mir doch, fragte Leopold heimlich, was für eine Art von Kenner das iſt? Er hat die wunderlichſten Begriffe von dir.

Ach, lächelte der Freund, da kann ich dir334wenig dienen. Das iſt ein ſehr kurioſer Kauz, voll griesgrämiſcher Eigenheiten, übrigens von viel Ver - ſtand, und mir immer ein lieber Mann. Er beſizt gute Kenntniſſe von Gemälden, iſt aber auf dieſen Punkt von den einſeitigſten Theorieen eingenommen. Aus einigen meiner Stücke ſoll er eine eigene Vor - liebe und zugleich den unverholenſten Widerwillen ge - gen mich gefaßt haben, den ich mir kaum zu enträth - ſeln weiß. Denn daß ich es bloß als Künſtler mit ihm verdorben habe, iſt nicht wohl möglich, wenig - ſtens thäte er mir ſehr Unrecht, indem der Vorwurf des Phantaſtiſchen, den er mir zu machen ſcheint, nur den kleinſten Theil meiner Erfindungen träfe, wenn es je ein Vorwurf heißen ſoll. Die meiſten meiner Arbeiten bezeichnen in der That eine ganz andere Gattung. Ich vermuthe, der Mann hat irgend ein geheimes Aber an meiner Perſon entdeckt, und ich muß ihn, ohne mir das Geringſte bewußt zu ſeyn, mit irgend Etwas beleidigt haben, das er mir nicht vergeſſen kann, ſo gern er möchte, denn es iſt auffal - lend, ſo oft er mich anſieht, ſträubt ſich’s auf ſeinem Geſicht wie Sauer und Süß.

Auf dieſe Weiſe waren jene leidenſchaftlichen Aeußerungen einigermaßen erklärt, und es gab nun Veranlaſſung genug, ſich gegenſeitig über Geſchäfte, Schickſale und mancherlei Erfahrungen auszutauſchen. Sie durchliefen die Vergangenheit, erinnerten ſich des Aufenthalts in Italien, wo ſich vor drei Jahren ihre35 Bekanntſchaft entſponnen hatte. Endlich fing Ferdi - nand an: Du erräthſt wohl kaum, wo wir heute vor ſechs Tagen um dieſe Stunde zu Gaſte geſeſſen ſind; in welchem Dörfchen, in welchem Stübchen und wer uns bewirthete? Nein! ſagte Nolten; aber ein aufmerkſamer Beobachter würde in dieſer klein - lauten Verneinung ein ſehr ſchnell errathendes Ja ge - wittert haben. Neuburg, flüſterte Leopold freu - dig zuvorkommend und von der andern Seite flog der Name Agnes über Ferdinands Mund. Ich dank euch, ſagte Nolten, wie abbrechend, und ver - barg eine unangenehme Empfindung.

Was danken? du haſt ja den Gruß noch nicht einmal in der Hand, den wir dir zu bringen haben! und hiemit ſah er ſich einen Brief entgegengehal - ten, den er mit erzwungenem Wohlgefallen zu ſich ſteckte, indem er die Beiden durch einen Vorſicht ge - bietenden Blick auf die Spieler für jezt zum Still - ſchweigen zu vermögen ſuchte.

So laß mich, fuhr Ferdinand fort, wenig - ſtens des anmuthigen Oertchens, laß mich des Förſter - hauſes gedenken, wo du deine Knabenjahre bei einem zweiten Vater verlebteſt, bis der benachbarte Baron auf dem Schloſſe, der gute lebendige Mann, für die Förderung deines Talents ſorgte. Er lebt noch in friſchem Marke, der ehrliche Veteran, er und der from - me Förſter erinnerten ſich mit Herzlichkeit jenes glück - lichen Tages, da du mich, es ſind nun drei Jahre her,36 nach unſerer Rückkunft von der italieniſchen Reiſe, bei ihnen einführteſt. Wahrlich, es hätte wenig gefehlt, ſo hätten die Alten geweint wie die Kinder bei deinem Namen, ein paar anderer Augen nicht zu gedenken, die auch dabei ſtanden, und von denen es ſchien, als wollten ſie ſich im Voraus recht ſatt ſehen an mir und meinem Gefährten, an unſern Kleidern und Bündeln, weil das Alles in fünf Tagen mit dem Geliebten in Berührung kommen ſollte. Du pflegteſt das Mädchen ſonſt immer dein blondes Reh zu nennen; wie treffend fand ich dieſen Ausdruck wieder! ja, und das iſt ſie noch im lieblichſten rührendſten Sinne des Worts. Wie hätt ich gewünſcht, den Umriß ihrer niedlichen Figur mit dem Bleiſtift in mein Portefeuille für dich wegzu - ſtehlen, wie ich ſie ſo durch die halboffene Thür des Nebenzimmers am Tiſchchen ſitzen und den Brief ſchrei - ben ſah, den Rücken gegen uns gewendet, von der Seite kaum ein wenig ſichtbar, allein der Baron war allzu geſprächig.

Du biſt es auch, erwiderte Nolten freundlich - böſe, indem er aufſtand und ſich gegen den ſo eben her - beitretenden Larkens wandte. Dieſer ſagte: Nun, wirſt du die Herren nicht bewegen, ſich dieſen Abend in Domino’s zu ſtecken und ein paar Stunden mit närriſchen Leuten närriſch zu ſeyn? oder machen wir’s wie dort der Herr Hofrath, der an ſolchen Abenden hier im Gaſthofe zu Nacht ſpeist, und ſich dann ein Zim - mer vom Kellner anweiſen läßt, um füuf Straßen weit37 vom Lärm des Redoutenhauſes zu ſchlafen, das zum Unglücke ſeiner Wohnung gegenüber liegt? Ich dächte, ihr Herren, bevor Sie in den nächſten Tagen mit den hübſchen Realitäten unſerer Stadt Bekanntſchaft machen, müßte es unterhaltend für Sie ſeyn, heute im Masken - ſaale, ſo zu ſagen, die Fata morgana der hieſigen Menſchheit zu ſehen. Verzeihen Sie mein hinkendes Gleichniß und folgen Sie meinem Vorſchlage. Es koſtete Ueberredung, aber man entſchloß ſich und wünſchte dem ſeltſamen Hofrathe gute Nacht.

Nachdenklich, unbehaglich, ja traurig war Nolten mit den Andern vor den Thüren des großen heller - leuchteten Gebäudes angekommen, worin ſchon das mannigfaltigſte Leben wogte und wühlte. Alle mög - lichen Geſtalten, zum Theil in auffallendem Kontraſte, drehten ſich ſtumm, feierlich, fremde oder leiſe ſummend, kopfnickend und tanzend durcheinander. Unſer trübe geſtimmter Freund, ſchneller als er vermuthete, von ſei - nen Begleitern verloren, fühlte nach und nach in ſeiner Vermummung eine Art von dumpfem Troſte, und wie mit ſeiner Umgebung, ſo ſpielte er gewiſſermaßen mit dem eigenen Herzen Verſteckens, wobei er ſich kaum bekannte, welche beſondere Hoffnung ihn zwang, die Reihen der weiblichen Masken ſorgfältiger zu muſtern, als er ſonſt wohl gethan haben würde. Das beſchei - dene Bild Agneſens, das ihn aus weiter Ferne ſehn -38 ſüchtig und bittend anzulocken ſchien, trat mehr und mehr in den Hintergrund ſeiner Seele zurück, um einem ganz ande - ren Platz zu machen, das mit jeder neuen Entfaltung der glänzenden Gruppen leibhaftig aus der Menge her - vortreten ſollte. Conſtanze! ſprach er für ſich, wer entdeckt mir ſie? Und doch wie wäre es möglich, daß ich aus tauſend Drahtpuppen das einzige Weſen nicht ſollte herausfinden können, das in der einfachſten, un - willkürlichſten Bewegung jene angeborene Grazie, je - nen ſtets lächelnden Zauber verräth, den nur die ewig wahrhaftige Natur, den nur die Unſchuld ſelber zu ge - ben und ſo reizend und leicht mit der anerzogenen Sitte zu verſchmelzen vermag! Iſt nicht Alles, was an ihr ſich regt und bewegt, der unbewußte Ausdruck des Engels, der in ihr athmet? iſt nicht Alles nur Hauch, nur Geiſt an ihr? Und heute, eben heute, wie wohl thäte mir ihr Anblick! wie wollte ich mich drei Sekunden mit allen Sinnen und Gedanken an dieſer tröſtlichen Erſcheinung feſtklammern und davon eilen und mir zufrieden ſagen, daß mein Auge ſie ſah, daß ihr Fuß einen und denſelben Boden mit mir betrat, daß eine gemeinſchaftliche Luft meine und ihre Lippen berührte!

Unter dieſen und ähnlichen Gedanken hatte er ſich endlich ermüdet auf einen Sitz in einem Fenſter gewor - fen, als der Glockenſchlag zehn Uhr ihn mahnte, ſich mit den drei Freunden in einem zuvor abgeredeten leeren Zimmer des Hauſes zuſammenzufinden. Sie39 erſchienen faſt alle zu gleicher Zeit, und Larkens mit einer guten Ladung warmen Getränkes. Man freute ſich auf’s Neue des Wiederſehens; jeder brachte ſeine eigenen Bemerkungen aus dem Saale mit, nur Nolten ſchien Wenig oder Nichts geſehen zu haben. Es war beinahe komiſch, wie er auf die Fragen über eine oder die andere intereſſante Erſcheinung immer mit einem kleinlauten ich weiß nicht antwortete und zulezt, um ſich nicht gar auslachen zu laſſen, nur ſo that, als erinnerte er ſich. Wie gefiel dir der König Richard und der Herzog von Friedland? Recht gut, war die Antwort, ſehr artig, bei meiner Seele! der bucklichte König hätte können beſſer ſeyn. Lar - kens, indem er den Andern mit den Augen winkte, machte den Schalk und ſagte:

Ein Stückchen iſt aber doch wohl Allen entgan - gen. Ein Rieſe in altdeutſcher Tracht, ohne Zweifel einen Studenten vorſtellend, geht mit langen Sporen und der Tabakspfeife ſchwerfällig auf und ab; endlich, da er in einer Ecke ſtehen bleibt, eilt ein winziges Kerlchen herbei, ein kleiner Schornſteinfeger in einer Art von Hanswurſttracht, ſchwarz und weiß gewür - felten Beinkleidern und Wämschen, bindet den Rieſen, legt das ſchwarze Leiterchen an den breiten Rücken des Mannes an, klettert flink mit Scharreiſen und Beſen hinauf, hebt ihm vorſichtig den Scheitel wie einen Deckel ab, und fängt nach allerlei bedenklichen Grimaſſen an, den Kopf recht wacker auszufegen, in -40 dem er einen ganzen Plunder ſymboliſcher Ingredien - zien herauszieht, z. B. einen täuſchend nachgemachten Wurm von erſtaunlicher Länge, ein ſeltſam gezeichne - tes Kärtchen von Deutſchland, eine ganze und dann mehrere zerbrochene Kronen, kleine Dolche, Biergläſer, Bänder und dergleichen. Dagegen wurden andere Sächelchen hineingelegt, worunter man ein griechiſches ABC-Buch zu erkennen glaubte; der Kopf wurde ge - ſchloſſen, dann bekam der ganze Mann ein wenig Streiche und nach einer Weile kroch ein ganz ver - gnügtes, beſcheidenes, rundes Pfäfflein aus der prah - leriſchen Hülle hervor.

Die Freunde lachten im Stillen über die ächt. Larkens’ſche Lüge (die eigentlich nur ein verſteckter Hieb auf den Uebermuth burſchikoſer Studenten über - haupt war, deren einer vorhin im Saale ſich durch Streitſucht proſtituirt hatte), und man genoß heimlich den Triumph, daß Nolten ganz die Miene annahm, als hätte er die Farçe gar wohl geſehen, obgleich nicht von Weitem etwas Aehnliches vorgekommen war.

Indeſſen wurde die Aufmerkſamkeit der Freunde durch eine wirkliche Maske angezogen, welche ſich un - verſehens im Zimmer befand. Es war eine hohe Ge - ſtalt, einfach in ein grob braunes ſchweres Gewand gehüllt, eine Laterne und einen Stock in der Hand, den Kopf bedeckte eine Kapuzze. Haltung, Anſtand und der tief herabfallende weiße Bart, Alles gab der Perſon etwas Ehrwürdiges, Staunenerweckendes. Wie41 ſie ſo eine Zeitlang geſtanden, ohne daß von beiden Seiten ein Wort fiel, begann die Maske mit ange - nehmer Stimme, worin man jedoch trotz einer gewiſ - ſen Dumpfheit gar bald das Frauenzimmer unter - ſcheiden konnte, folgendermaßen:

Ihr kennet mich nicht, meine Herren, aber Euer Ausſehen ſagt mir, ich ſey in keiner frivolen Geſell - ſchaft. Schwerlich ſeyd Ihr geſonnen, dieſe ernſte Nacht, die Geburtsſtunde eines neuen Jahres, in ge - dankenloſem Rauſche hinzubringen. Wollte es Euch gefallen, ein Stündchen mit mir in frommer Unter - haltung zuſammen zu ſitzen, ſo bezeichne ich Euch ei - nen traulichen Ort. In meiner Kleidung erkennet Ihr den Wächter der Nacht. Es ſtoße ſich Niemand an dem ſonſt verachteten Titel. Ich bin der Geiſt die - ſer Zunft, ich nenne mich den König der Wächter dieſes Landes. Mancher fromme Angehörige meines nächtlichen Staats wird Euch von meinem Daſeyn, meinem Thun und Treiben erzählt haben. Heute mit dem zwölften Glockenſchlage wird es hundert Jahre, ſeit ich die Dörfer und Städte des Reiches beſuche, unter heite - rem Sternenhimmel, wie im wilden Winterſturme. Vor Mitternacht werd ich im Wächterſtübchen auf dem Thurme der Albanikirche ſeyn.

Hiemit neigte er ſich und ging mit kaum ver - nehmlichem Tritte hinweg.

Einſtimmig war man geneigt, der ſonderbaren Einladung zu folgen, was ihr auch immer zu Grunde42 liegen möge; an einen bösartigen Scherz oder ein ge - meines Abenteuer ſey hier auf keinen Fall zu den - ken, und auf einen vergeblichen Gang könne man ſich ja gefaßt halten. Ohne die treuherzige Miene und die große Neugierde, womit auch Larkens die Sache aufnahm, hätte leicht der Verdacht einer Myſtifikation auf ihn fallen können, denn ſein Humor war bekannt genug, er hatte ihn mit Unrecht in den Ruf eines bösartigen Spötters und Intriguanten gebracht, wozu mitunter auch ſein Aeußeres beitrug, ſo wenig eben eine gelbe Hautfarbe und ein paar ſchwarze blitzende Augen häßlich, oder das lauernde Lächeln um den Mund gefährlich war. Es war einer von den Menſchen, die man auf den Grund kennen muß, um ſie nicht zu fürchten. Als Schauſpieler und Sänger ſchäzte man ihn ſehr, er wäre der Liebling des Pub - likums geweſen, hätte er nicht die räthſelhafte und hartnäckige Grille gehabt, das Fach des Komiſchen, wozu er durchaus geboren war, mit ernſten Rollen zu vertauſchen, die er, ohne es ſelbſt zu fühlen, nur mit - telmäßig ausfüllte. Zuweilen ſchien ſich die unter - drückte Neigung ſeiner Natur durch eine unwiderſteh - liche Sehnſucht nach dem Luſtſpiele rächen zu wollen, und es war immer eine Feſttagsbeute für die Kaſſe, wenn der Name Larkens bei einer Hollberg’ſchen oder Shakeſpear’ſchen Komödie auf dem Zettel ſtand. Dann hatte es aber auch das Anſehen, als wäre der Gott des Scherzes ſelbſt in den entzückten Mann ge -43 fahren. Der Beifall der Verſtändigen und zulezt auch des gemeinen Volks war ihm um ſo gewiſſer, je be - ſcheidener die ſtrotzende Ader der komiſchen Kraft in - nerhalb der feinen Schönheitslinie blieb, die nur der ächte Künſtler, vom richtigſten Takte geleitet, zwiſchen Begeiſterung und Weisheit hin zu ziehen weiß. Statt, wie ſo Mancher an ſeinem Platze, immer gleichſam auf erhiztem Boden zu gehen, ſchien Meiſter Lar - kens nur von einer ſanften Wärme belebt, die ihm die Grazien angehaucht, und die Funken des Genies, welche er auswarf, entzündeten keineswegs ihn ſelber. Maaßhaltung blieb immer die Seele ſeines Spiels, aber ſie verdiente um ſo mehr Bewunderung, wenn es wahr iſt, was genauere Freunde behaupteten, daß ſeine humoriſtiſche Stimmung jederzeit nur die günſtige Kriſe eines ſchmerzhaft bewegten und gedrückten Ge - müthes war. Wie dem auch ſeyn mag, die Direktion beſoldete ihn eigentlich nur um dieſer außergewöhnlichen Darſtellungen willen, und ließ ihn im Uebrigen, weil er nicht gezwungen werden konnte, gewähren.

Die Viere waren ſchon nach eilf Uhr auf dem Albanithurme angekommen. Außer dem Thürmer, ſeiner Frau und Kindern ſaßen in dem Stübchen um die einzige Lampe her noch einige junge Stadtmuſiker, die nach althergebrachter Sitte um Mitternacht ein Lied auf der Galerie abzublaſen hatten. Die neuen Gäſte wurden gar freundlich aufgenommen, zumal ſie für eine Kollation mit Wein geſorgt hatten. Nach44 einem allgemeinen Geſpräche fanden die Freunde durch einige beiläufige Fragen zu ihrer nicht geringen Ver - wunderung, daß die Sage von einem geſpenſterhaften Nachtwächter dem Aberglauben dieſer Leute längſt nichts Fremdes war, wiewohl ſie die Verſicherung, man habe heute einen Beſuch der Art zu erwarten, bloß für einen angelegten Spaß der Herren nehmen wollten. Indeſſen kam die Unterhaltung auf ähnliche Mährchen und Geſchichten, wahre Leckerbiſſen für Larkens, und ſelbſt Nolten konnte ſich ſeine Mu - ſterkarte phantaſtiſcher Stoffe mit manchem neuen Zuge bereichern, wäre er weniger ſtumpf gegen Alles ge - weſen, was ſeiner gegenwärtigen Laune keine Nahrung gab. Deſto aufmerkſamer waren die Uebrigen, die in ſolchen Erzählungen gleichſam einen abenteuerlichen Widerſchein jener bunten Gaukelbilder des Masken - ſaals zu finden glaubten. Ein ſolches Geſchichtchen aus dem Munde eines jungen hübſchen Burſchen aus der Geſellſchaft war auch folgendes:

In der Lohgaſſe, wenn ſie den Herren bekannt iſt, wo noch zwei Reihen der urälteſten Gebäude un - ſerer Stadt ſtehen, ſieht man ein kleines Haus, ſchmal und ſpitz und neuerdings ganz baufällig; es iſt die Werkſtatt eines Schloſſers. Im oberſten Theile deſ - ſelben ſoll aber ehmals ein junger Mann, nur allein, gewohnt haben, deſſen Lebensweiſe Niemanden näher bekannt geweſen, der ſich auch niemals blicken laſſen, außer jedes Mal vor dem Ausbruche einer Feuers -45 brunſt. Da ſah man ihn in einer ſcharlachrothen, netzartigen Mütze, welche ihm gar wunderſam zu ſei - nem todtbleichen Geſichte ſtand, unruhig am kleinen Fenſter auf und abſchreiten, zum ſicherſten Vorzeichen, daß das Unglück nahe bevorſtehe. Eh noch der erſte Feuerlärm entſtand, eh ein Menſch wußte, daß es wo brenne, kam er auf ſeinem mageren Klepper unten aus dem Stalle hervorgeſprengt und wie der Satan davon gejagt, unfehlbar nach dem Orte des Brandes hin, als hätt er’s im Geiſt gefühlt. Nun geſchah’s

Ei, ſo laß dein langweilig Geſchwätz! fiel dem Erzähler ein Kamerade in die Rede, und ſing das Stückchen lieber in dem Liede, das du davon haſt, laut’t ja viel beſſer ſo und hat gar eine ſchöne ſchauerliche Weiſe. Sing, Chriſtoph!

Der Burſche ſah die Gäſte verlegen an, und da ſie ihm begierig zuſprachen, begann er alsbald mit einer klangreichen, kraftvollen Stimme:

Sehet ihr am Fenſterlein
Dort die rothe Mütze wieder?
Muß nicht ganz geheuer ſeyn,
Denn er geht ſchon auf und nieder.
Und was für ein toll Gewühle
Plötzlich auf den Gaſſen ſchwillt
Horch! das Jammerglöcklein grillt:
Hinter’m Berg, hinter’m Berg
Brennt’s in einer Mühle!
46
Schaut, da ſprengt er, wüthend ſchier,
Durch das Thor, der Feuerreiter,
Auf dem rippendürren Thier,
Als auf einer Feuerleiter;
Durch den Qualm und durch die Schwüle
Rennt er ſchon wie Windesbraut,
Aus der Stadt da ruft es laut:
Hinter’m Berg, hinter’m Berg
Brennt’s in einer Mühle!
Keine Stunde hielt es an,
Bis die Mühle borſt in Trümmer,
Und den wilden Reitersmann
Sah man von der Stunde nimmer;
Darauf ſtille das Gewühle
Kehret wiederum nach Haus,
Auch das Glöcklein klinget aus:
Hinter’m Berg, hinter’m Berg
Brennt’s!
Nach der Zeit ein Müller fand
Ein Gerippe ſammt der Mützen,
Ruhig an der Kellerwand
Auf der beinern Mähre ſitzen.
Feuerreiter, wie ſo kühle
Reiteſt du in deinem Grab!
Huſch! da fällt’s in Aſche ab
Ruhe wohl, ruhe wohl,
Drunten in der Mühle!

Schon vor dem Schluſſe des Geſanges öffnete ſich die Thür und leiſe trat die Geſtalt des Nacht - wächters herein. Er blieb unbeweglich an der47 Wand hingepflanzt ſtehen, während der erſchrockene Sänger, im Begriffe abzubrechen, auf einen Wink des Larkens mit der lezten Strophe fortfuhr, deren Eindruck durch die Gegenwart dieſes fremden Weſens entweder nur um ſo mehr erhöht wurde oder ganz verloren ging.

Jezt begrüßte der ſonderbare Gaſt mit Würde die Anweſenden, und wenn ſich auch Anfangs einige Verlegenheit von Seiten der Freunde bemerken ließ, ſo war doch bald eine eben ſo natürliche als eigen - thümliche Unterhaltung eingeleitet. Man ſprach vom geheimnißvollen Reize des Wohnens auf Thürmen, von dem frommen und großen Sinn des Mittelalters, wie er ſich in den Formen der Baukunſt, der heiligen beſonders, offenbarte, und dergleichen mehr. Die Ge - genwart des Unbekannten, ſo ſparſam bis jezt ſeine Worte waren, übte dennoch den größten Einfluß auf die Bedeutung und die ſteigende Wärme des Geſprächs. Die hohl aus der Maske tönende Sprache und der ruhige Ernſt der durchblickenden, dunkel feurigen Au - gen konnte ſogar ein vorübergehendes Grauen erregen und einen momentanen Glauben an etwas Ueber - menſchliches aufkommen laſſen.

Auf einmal erhob ſich der Unbekannte, öffnete ein Fenſter und ſah in die klare Winterluft hinaus, indem er ſagte: Noch eine kurze Weile, ſo iſt der Sand verlaufen, hoch empor gehalten ſchwebt der48 Faden der Zeit. Kommt hieher und fühlet, wie es ſchon friſch herüberduftet aus der nahen Zukunft!

Jezt ſchlug das letzte Viertel vor zwölf Uhr. Die Zinkeniſten ſchlichen mit ihren Inſtrumenten auf die Galerie, und ſchon ließen ſich von der entfernten Paulskirche herüber einige ſanfte, faſt klagende Töne vernehmen, die von unſerer Seite anfänglich in ſchwa - chen, dann in immer ſtärkeren Akkorden erwiedert wurden; jene bezeichneten das ſcheidende, dieſe das erwachende Jahr, und beide begegneten ſich in einer Art von Wechſelgeſang, der am lebhafteſten wurde, als endlich die Glocken von verſchiedenen Seiten her die Stunde ausſchlugen; die dießſeitige Partie ging in freudige Melodieen über, während es von drüben immer ſchmerzlicher und wehmüthiger klang, bis mit dem fernſten Glöckchen, das wie ſilbern durch die reine Luft erzitterte, die traurigen Klarinetten den lezten ſterbenden Hauch verſandten. Nun erfolgte eine Pauſe, und jezt erſt trat das vorhandene Jahr im ſiegreichſten Triumphe hervor.

Nachdem Alles ſtill geworden und die Geſellſchaft wieder traulich um den Tiſch verſammelt war, ergriff man das freundliche Anerbieten des idealiſchen Wäch - ters, etwas aus ſeinem Tag - oder Nachtbuch vom vorigen Jahre mitzutheilen, mit allgemeinem Beifalle. Er zog ein mit ſonderbaren Charakteren geſchriebenes Heft hervor, welches unter regelmäßigen Daten, ab - geriſſene Bemerkungen und Gedanken zu enthalten49 ſchien, wie ſie ihm auf ſeinen nächtlichen Wanderun - gen, auf den Straßen der Städte und Dörfer ſich dargeboten haben mochten; charakteriſtiſche Bilder aus den verſchiedenſten Verhältniſſen und Zuſtänden der Menſchen. Wir übergehen den größten Theil ſeiner Vorleſung und führen bloß Eine Stelle an, die auf Nolten um ſo tiefern Eindruck machte, je vielſagen - der der Blick war, womit Larkens ihn darauf auf - merkſam zu machen ſuchte.

Nacht vom 7. auf den 8. Januar im Dorfe . Ich trete vor ein reinlich gebautes Haus; ich kenne es wohl; es wohnen glückliche Menſchen darin. In harmloſer Stille blühet hier eine Braut, deren Verlobter ferne lebt. Vergönne mir, du Haus des Friedens, einen Blick in deine Gemächer. Mein Auge iſt geheiligt wie das eines Prieſters; hundert Jahre ſchon belauſcht es die Nächte der Könige dieſes Landes und die Schlummerſtätten der Armen im Volk, und meine Gebete erzählen dem Himmel, was ich ge - ſehen. Sieh da! was zeigt mir mein magiſcher Spie - gel? Es iſt die Kammer des Mädchens. Wie ruhig athmet die Schlafende dort! Ihr liebliches Haupt iſt hinabgeſunken nach der Seite des Lagers. Der Mond ſchaut durch das kleine Fenſter; mit Einem Strahle berührt er eben das unſchuldige Kinn der Schläferin. Eine Hyacinthe neigt ihre blauen Glocken gegen das Kiſſen her und miſcht ihren Duft in die450Frühlingsträume der Braut, indeß der Winter dieſe Scheiben mit Eiſe beblümt. Wo mögen ihre Gedan - ken jetzo ſeyn? Auf dieſem Teppiche ſind ſeltſame Figuren eingewoben, hundert ſegelnde Schiffe. Viel - leicht auf dieſen Bildern ruhte ihr ſinnendes Auge noch kurz, eh ſie die Lampe löſchte, nun träumt ſie den Geliebten in die wilde See hinaus verſchlagen und ihre Stimme kann ihn nicht erreichen. O beſſer, daß er in die Tiefe des Meeres verſänke, als daß du ihn treulos fändeſt, gutes Kind! Aber du lächelſt ja auf Einmal ſo ſelig, träumſt ihn im Arme zu hal - ten, ſeinen Kuß zu fühlen. Vielleicht in dem Augen - blicke, da du mit ſeinem Schatten ſpieleſt, ſucht er wachend ein verbotenes Glück und treibt ſchändlichen Verrath mit deiner Liebe. Aber immer noch ſeh ich dich freundlich; du argloſe Seele, ach wohl, es iſt auch unerhört und faſt unglaublich; was ſucht er denn, das er bei dir nicht fände? Schönheit und Jugendreiz? ich weiß nicht, was die Sterblichen ſo nennen, aber hier darf ſelbſt der Himmel wohlgefällig über ſeine Schöpfung lächeln. Verſtand und Geiſt? O ſchlüge ſich dieß Auge auf! aus ſeiner dunkelblauen Tiefe leuchtet mit Kindesblick die Ahnung jedes höch - ſten Gedankens. Wie, oder Frömmigkeit? die Frage klingt wie Spott auf ihn. Ihr beſcheidnen Wände zeuget, wie oft ihr ſie habt knieen ſehn im brünſtigen Gebet, wenn Alles rundum ſchlief! Biſt ernſt geworden, mein Töchterchen; wie ſeltſam wechſelt51 dein Traum! Ach, nur zu bald wirſt du weinen. Gott helfe dir. Gute Nacht.

Dieß war die auffallende Stelle, die Nolten mit heimlichem Unmuthe gegen Larkens anhörte, denn nun zweifelte er nicht mehr, daß dieſer das Ganze veranſtaltet hatte. Was noch weiter aus dem Hefte vorgetragen wurde, war ohne beſondere Bezie - hung, und der Vorleſer hörte eben zur rechten Zeit auf, als die Ungeduld Noltens am höchſten war. Der Leztere konnte kaum erwarten, bis man ausein - ander ging und er Gelegenheit fand, dem Larkens einige Worte zuzuflüſtern, die ihm wenigſtens andeu - ten ſollten, wie wenig jener Wink am Platze geweſen. Ich danke dir, ſagte er mit beleidigtem Tone, in - dem ſie die Treppen des Thurmes hinabſtiegen, ich danke dir für deine wohlgemeinte Zurechtweiſung in einer Sache, worin ich übrigens füglich mein eigener Richter ſeyn könnte. Ich habe mich dir ſchon früher im All - gemeinen darüber erklärt, du ſcheinſt mich aber nicht verſtanden zu haben. Verlang es, und ich will mich weitläuftiger vor dir rechtfertigen.

Für’s Erſte, antwortete der Freund halb - chelnd, berg ich dir meine Freude darüber keines - wegs, daß du meinen verſteckten Ausfall auf dein Gewiſſen nicht ſpaßhaft aufgenommen, ſo ſeltſam auch die Komödie war; aber es thäte mir auf der andern Seite eben ſo leid, wenn du einen Popanz oder ſelbſt -52 gefälligen Sittenrichter in mir erblicken wollteſt. Nie - mand würde ſich mit weniger Recht hiezu aufwerfen, als ich, der ich ſelber erſt vor Kurzem dem Teufel entlaufen bin und Dreiviertel meines Seelenheils an ihn verloren habe; aber ich ſchwör ihm auch das lezte theure Reſtchen vollends zu, wenn ich daran lügen ſollte, daß ein uneigennützig Mitleid mit jenem liebenswürdigen Geſchöpfe, ja mit euch Beiden, mich zwinge, Allem aufzubieten, was deine unſelige Ent - fremdung von dem Mädchen hintertreiben kann.

Gut, wir ſprechen uns bald mehr darüber, ſagte Nolten, und wollte ihm freundlich die Hand drücken, was jedoch Larkens nach ſeiner Art ſchnell abthat, weil ihn der geringſte Anſchein von Sentiment zwiſchen Freunden immer verlegen und ärgerlich machte.

Nachdem man die beiden auswärtigen Freunde bis zu ihrem Quartiere begleitet und die nächſte Zu - ſammenkunft abgeredet hatte, gingen die Andern, welche in Einem Hauſe und auf demſelben Boden wohnten, ziemlich einſylbig ihre gemeinſchaftliche Straße.

Unſer Maler fand zwiſchen den eigenen Wänden jene Wohlthat ungeſtörter Einſamkeit, nach welcher er ſich vor wenigen Minuten ſo ungeduldig hinge - drängt hatte, keineswegs. Die Eindrücke dieſer lezten Stunden waren zu mannigfaltig, zu mächtig, zu ent - gegengeſezt, als daß er hoffen konnte, ſie zu ordnen,53 ſich ihrer mit Vernunft zu bemeiſtern. Er ſchickte den Bedienten, der ihn auskleiden ſollte, zu Bette, und ſaß eine Weile unſchlüſſig, den Kopf in die Hand geſtüzt, den Blick auf die ruhige Flamme der vor ihm brennenden Kerze geheftet. Erſt der Anblick jenes unwillkommenen Briefs (er lag noch uneröffnet auf dem Tiſche) ſchien ſeinem Unmuth, ſeinem Grame eine entſchiedene Geſtalt zu geben. O! brach er aus, muß heute ſich Alles herzudrängen, mich zu peinigen? ſoll ich nicht zu mir ſelbſt kommen? Was kann ſie wollen mit dem Briefe? muß ſie nicht fühlen, wir ſind getrennt auf immer, muß ſie’s nicht? Ja, wenn dieß wirklich der Inhalt dieſes Blattes wäre! Könnt ich’s nur ahnen aus den Zügen dieſer Aufſchrift! Doch, die ſind treu und gut, und blicken ſchmeichelhaft wie in den glücklichen Tagen Nein, nein, ich wag es nicht, dieß Siegel zu erbrechen.

Er ſtand plötzlich auf und ſuchte die Geſellſchaft des Freundes. Zu ſeinem Troſte traf er ihn noch wach am Kamine ſitzend und nicht minder geneigt, die wenigen Stunden bis zum Tagesbruch vollends in vertrautem Geſpräche zuzubringen. Recht, daß du kommſt! hieß es, du triffſt mich mit ernſthaften Be - trachtungen über dich beſchäftigt. Es wäre gar ſchön von dir, wollteſt du mich jezt ein wenig tiefer in deine Karten ſchauen laſſen, denn nach dem, was du heute gemunkelt, ſollte man ja beinahe glauben, daß deine Erkältung gegen Agnes noch ihre abſonderlichen54 Urſachen habe, wiewohl ich immer bloß die Symptome eines ganz ordinären Liebesfroſts an dir zu bemerken meinte, der ſich ſelten anders erklären läßt, als im Allgemeinen aus einem gewiſſen Deficit von Wärme. In der Folge mag denn auch Gräfin Conſtanze ei - nigen Einfluß gehabt haben; was? oder hätte ſie wirk - lich ſchon Alles wie mit Beſen gekehrt in deinem Herzſchrank angetroffen?

Laß uns nicht leichtſinnig von einer ernſthaften Sache reden! verſezte Nolten, nein, glaub es, Alter, mein Verhältniß zu Agnes fand den Grund ſeiner Zerſtörung nicht eben da, wo ihn dein Scharf - ſinn mit ſo viel Zuverſicht entdecken will. Du hätteſt mir die Urſache längſt abmerken können; eine ausführ - liche Entwicklung der verhaßten Geſchichte war mir zu verdrießlich, und zudem mag mich eine dumme Schaam abgehalten haben, über die ich nicht gebieten konnte. Mich von einem kindiſchen Geſchöpfe ſo genarrt, ſo gekränkt zu wiſſen! mich ſelber ſo zu narren, ſo zu täuſchen! Höre nun; du weißt, was mich an das Mädchen gefeſſelt hatte, was ich Alles in ihr ſuchte, tauſendfach fand; aber dir iſt nicht bekannt, wie ſehr mich meine Rechnung zulezt betrog. Siehſt du, wenn äußerſte Reinheit der Geſinnung, wenn kindliche Be - ſcheidenheit und eine unbegränzte Ergebung von jeher in meinen Augen für die Summe desjenigen galt, was ich von einem weiblichen Weſen verlangen müſſe, das ich für immer ſollte lieben können, ſo iſt der Eigenſinn55 begreiflich und verzeihlich, womit ſich mein Herz ver - ſchloß, ſobald jene Eigenſchaften anfingen, ſich im Ge - ringſten zu verläugnen; denn je gemäßigter meine An - ſprüche in jedem andern Sinne waren, deſto beharr - licher durften ſie ſeyn in dieſer einzigen Rückſicht, mit welcher nach meinem Gefühle der ſchönſte und blei - bendſte Reiz aller Weiblichkeit wegfällt.

Ha ha ha! lachte der Freund, deine Forderun - gen ſind beſcheiden, und doch auch impertinent groß von Weibern der jetzigen Welt!

O, fuhr der Andere fort, o Larkens! ja verlache mich, denn ich verdien’s! daß ich der Thor ſeyn konnte, zu glauben an die Unwandelbarkeit jener urſprünglichen Einfalt, die mir unendlichen Erſatz für jeden glänzenden Vorzug der Erziehung gab! Wo blieb doch jener fromm genügſame Sinn, den auch die leiſe Ahnung nie beſchlich, daß es außer dem Geliebten noch etwas Wünſchenswerthes geben könne? jene ungefärbte Wahrheit, welche auch den kleinſten Rückhalt nicht in ſich duldet, jene Demuth, die ſich ſelbſt Geheimniß iſt? Das Alles lag einſt in dem Mädchen! Wie heimlich und entzückt belauſcht ich nicht zu tauſend Malen das reine Aderſpiel ihres verborgenſten Lebens! Durch - ſichtig wie Kryſtall ſchien der ganze Umfang ihres Da - ſeyns vor mir aufgeſchloſſen und auch nicht Ein un - ebner Zug ließ ſich entdecken. Sprich! mußte darum nicht der erſte Schatten weiblicher Falſchheit mich auf ewig von ihr ſchrecken? Mein Paradies, geſteh es,56 Larkens! war vergiftet von dieſem Augenblicke. Kann ich es ändern? kann ſie es ändern? Sie ſelbſt mag zu entſchuldigen ſeyn, auch ich entſchuldige ſie, aber die Bedeutung des Ganzen iſt mir verloren, iſt weg, unwiederbringlich. Und wenn ihre Liebe, gött - lich neugeboren, mir entgegen weinte, ich müßte die Hände ſinken laſſen, ſie fände ihre alte Wohnung nicht mehr.

Larkens ſchwieg einige Zeit nachdenklich. Aber, fing er nun an, was verbrach denn das Mädchen ei - gentlich? wo ſtreckte denn der Satan, der in ſie gefah - ren ſeyn ſoll, zuerſt ſein Horn heraus? wo ſind die Indicia?

Meinſt du, fuhr Nolten fort, es ſey mir nicht ſchon fatal geweſen, da es bereits vor einem Jahre bei meinem lezten Beſuch in Neuburg ſehr deutlich das Anſehen hatte, als ob dem Närrchen bange würde um eine genügende Verſorgung durch mich? und wenn mir der Vater mit kritiſchem Geſichte zu verſtehen gab, es wolle nirgends recht fort mit meiner Kunſt, mit mei - nem Erwerbe, er ſelber könne uns nur wenig unter die Arme greifen, ich möge mich doch wohl bedenken, ob ich mir eine Familie zu nähren getraue, und was des Geſchwätzes mehr war, ſo nahm das Töchterchen mich zwar zärtlich genug in eine Ecke, küßte mir die Runzeln von der Stirn, lächelte und verbarg doch nur mit Müh und Noth ihre Sorgen, ihre Thränen. Das ließ ich denn ſo gehen und hielt’s ihnen zu Gute. 57Aber bald nachher, verflucht! die garſtige Niederträch - tigkeit!

Nun?

Ein zierlicher Laffe kam in’s Haus, Geometer, oder was er iſt, ein weitläuftiger Vetter aus der be - nachbarten Stadt. Mir ward von freundſchaftlicher Hand ein Wink gegeben, daß man ſich in dem Bur - ſcheu, nur auf gewiſſe Fälle, ein Schwiegerſöhnchen reſerviren wolle.

Iſt nicht möglich das! rief Larkens erſchrocken aufſpringend.

Und iſt gewiß. Zwar Agnes wußt Anfangs nicht um den ſaubern Plan, man wollt abwarten, ob ihr s Mäulchen nicht ſelber überliefe, man ſteckte die Leutchen recht gefliſſentlich zuſammen, daß dem Mädel zulezt wirklich ſchwindlich ward, denn mein Rival trug ohne Zweifel eine brillante Vorſtecknadel, wußte treff - liche Dinge von Bällen und dergleichen zu erzählen, wunderte ſich recht mitleidig, daß Fräulein Agnes an ſolchen Herrlichkeiten keinen Theil nehme, worauf denn das gute Schäfchen ſich ebenfalls im Stillen ver - wunderte, ſich ganz tiefſinnig in die neue prächtige Welt verguckte, von welcher ſie auf ihrem ſtillen Waldhäuschen bisher das Mindeſte nicht geahnt. Mir entdeckten jedoch ihre ſehr liebreichen, wiewohl etwas ſparſamen, Briefe nichts von dieſen Viſionen, die Wiſchchen waren lieb und ſimpel und treuherzig, wie ſonſt auch, rochen weder nach eau de Portugal noch de58 mille fleurs, ſondern es war genau der alte ächte Maiblumen - und Erdbeernduft, aber den hölliſchen Geſtank brachten mir die Briefe ſehr ehrenwerther Perſonen unter die Naſe; dort iſt von muſikaliſchen und andern Notturni’s, von Rendezvous im Gärtchen, kurz von allerliebſten Sachen die Rede, die ich zuerſt unglaublich und bis zur Deſperation abſcheulich, dann aber ganz natürlich und zum Todtlachen plauſibel fand.

Die Briefe, von wem denn?

Sie ſind gleichviel.

Das nun eben nicht, mein Beſter!

Nun ja, ich bin den Perſouen eine gewiſſe Dis - kretion ſchuldig.

Nur ungefähr; männlich? weiblich? oho! nun rath ich den Pfeffer; die Epiſteln hat der Neid diktirt.

Unwürdiger Verdacht! Und ich hab außerdem Beweiſe, die o laß mich ſchweigen, laß mich ver - geſſen! nur jezt verſchone mich, du ſiehſt ja, wie mich’s martert!

Aber was ſagte Agnes zur Entſchuldigung?

Nichts, und ich macht ihr keinen Vorhalt.

Alle Teufel! biſt du verrückt? du ſtellteſt ſie nicht zur Rede?

Mit keiner Sylbe. Der Herr Papa, in Furcht, ich habe Wind erhalten von dem Spaß, kam mir mit Rechtfertigungen zuvor, vielleicht weil ihm der Reukauf angekommen. Da verſteigt er ſich nun in den59 rührendſten pſychologiſchen Subtilitäten, als gälte es eine Preisaufgabe, den Leichtſinn einer läppiſchen Dirne wieder zu Ehren zu bringen. Er ruft ſogar die Medizin zu Hülfe; es iſt wahr, das Mädchen war kurz vorher krank, aber was, zum Henker! hatten die Nerven meiner Braut mit dem Geometer zu ſchaffen? Kurzum, ich weiß nun, was ich von Allem zu glauben habe. Ich ſchrieb ihr, wie du weißt, ſeit ſechs Monaten nicht mehr, und hoffte zulezt, auch ſie habe ſtillſchweigend reſignirt, allein der Alte mag von Verbeſſerung meiner Umſtände gehört haben: nun er - halt ich geſtern unerwartet einen Wiſch durch Fer - dinand da!

Larkens griff haſtig nach dem Briefe, und zwar mit einer Beſtürzung, die nur in dieſem Augenblicke dem Freunde entgehen konnte. Nolten drang ihm das Papier beinahe bittend auf, indem er wiederholt ſagte: behalt es, vergrab es bei dir, beſter einziger Larkens! und wenn es möglich iſt, verſchone mich mit ſeinem Inhalt, antworte ſtatt meiner, nicht wahr, du thuſt mir die Liebe? O wie mir nun wieder leicht iſt, ſeit ich des Quarks los bin! Alter, komm, laß Wein bringen! Wollen uns einmal wieder luſtig machen. Der Tag ſchläft noch feſt. Laß dieſe trübe Lampe mit unſern verdüſterten Geiſtern ſich im Kar - funkel des Burgunders ſpiegeln!

In Kurzem ſtand eine kühle Flaſche auf dem Tiſche. Man ſuchte einige Lieblingsmaterien der Kunſt60 auf und war bald im Feuer des Geſprächs. Mit der Morgendämmerung trennte man ſich, um noch eine kurze Ruhe nachzuholen.

Noch Eins! rief Theobald unter der Thür, wer war denn der Vermummte auf dem Albanithurm?

Frag mich jezt nicht; es iſt gleichgültig; du ſollſt’s ein ander Mal erfahren. Schlaf wohl.

Nolten war auf ſeinem, vom Frühlichte blaß erhellten Schlafzimmer angekommen. Er will ſich ſo eben auf’s Bette werfen, als ihm an dem ſpaniſchen Hute, welchen er geſtern auf dem Balle gebraucht, eine Zierde auffällt, die ihm völlig fremd iſt; die rothe Blüthe einer Granate, der Natur täuſchend nachgemacht. Das Blut ſteigt ihm in die Wange, eine plötzliche Ahnung ſchießt ihm durch den Kopf von Ihr! von Ihr! o ſicherlich von dir, Con - ſtanze! rief er aus. Die Liebe deutet mir das räthſelhafte Wort, das du vor wenig Tagen, halb Scherz, halb Ernſt, gegen mich haſt fallen laſſen. Die Blüthe der Granate war’s nicht ſo? Ja, ſo war’s! Und nun heute Nacht, ſtuzte mein Auge nicht mehr als Einmal an der Blumen austheilenden Gärtnerin und ihrem kleinen Diener? So iſt Sie’s doch geweſen! gewiß, der Junge hat mir’s angeſteckt, wie ich verdrießlich in jenem Fenſter ſaß. Sie muß ihm den Wink gegeben haben. So erkannte ſie mich doch. Du Engel! Engel! Und du, mein ſeliges Herz! ja hoffe nur und hoffe kühn! das iſt ein theures, un -61 ſchätzbares Merkzeichen. Mir beginnt ein neues Le - ben! Herauf, du ſchläfriger Morgen! O warum ſtürzt die Sonne ſich nicht prächtig und entzückt mit Einem Mal über den ſchattenden Berg, da mich ein Wunder glücklich macht? Du grauer Tag, wie blickſt du ſelt - ſam in die glühende Blätterkrone dieſes geborſtenen Kelchs! Lieber, grauer Tag, wahrſage mir nicht Schlimmes mit dieſer gelaſſenen Miene! und willſt du neidiſch ſeyn, ſo wiſſ es nur und ärgre dich Sie liebt mich! Mich! Ja, Sie mich!

Indeſſen hatte Larkens das ihm übergebene Briefchen Agneſens geöffnet und geleſen; es war ein einfacher Gruß, wobei ſie Theobalden auf’s lebhaf - teſte dankt für ſein leztes Schreiben, welches je - doch, die Wahrheit zu ſagen, von ganz anderer Hand, und, wie ſo manche frühere Sendung, bloß unterſchoben war.

Du bitteſt mich, ſagte Larkens nach einer Pauſe gerührten Nachdenkens vor ſich hin, du bitteſt mich, armer Freund, ich ſoll das Blättchen bei mir vergraben, ſoll den Knoten zerhauen, ſoll deine ganze verleidete Sache über Hals und Kopf der Vergeſſen - heit überliefern, und ſo Alles mit Einem Male gut machen. Ich will gut machen, aber auf ganz andere Art als du denkſt, und Gott ſey Dank, daß mir nicht jezt erſt einfällt, dieſe Sorge auf mich zu nehmen. Wie preiſ ich den Genius, der mir gleich Anfangs62 das Mittel eingab, dem guten Kinde deinen Wankel - muth zu verbergen, ihm durch eine leichte Täuſchung allen Schmerz, alle Angſt zu erſparen, und, wenig - ſtens ſo lange ſich noch Heilung für den Verblendeten hoffen läßt, das holde Geſchöpf im ſchönen Traum ſeiner Liebe zu laſſen. Aus einem Verhältniſſe zu der Gräfin kann offenbar nichts werden, tauſend Um - ſtände ſind dagegen; Conſtanze ſelber, wie ich ſie kenne, hat nicht den entfernten Gedanken an ſo et - was, kann ihn gar nicht haben. Theobald wird müſſen ſeiner Leidenſchaft entſagen lernen, ich ſeh Alles voraus, es wird tief bei ihm einſchneiden, ſchad’t nichts, das ſoll mir ihn zu ſich ſelbſt bringen, ſoll mir ihn weich machen für Agnes; er wird dem Himmel danken, wenn ihm das weggeworfene Kleinod erhalten blieb. Für jezt wär’s Unſinn, ihm die Gräfin gewaltſam vom Herzen reißen zu wollen; ich hoffe, es iſt nur ein Uebergang, und ich müßt ihn ſchlecht kennen, oder es kann ihm in die Länge ſelbſt nicht ſchmecken. Auf jeden Fall läßt er mich ja an Allem Theil nehmen, was etwa mit ihm und Conſtanzen vorgeht, und Larkens iſt bei der Hand, wenn Feuer im Dach auskommen ſollte; überdieß will ich meinen Leuten ſo genau aufpaſſen, daß mir nichts in die Quere laufen ſoll. Das Erſte iſt nun, ich muß wiſ - ſen, was an dem Mährchen mit Agnes iſt; gewiß irgend eine verläumderiſche Teufelei, und mein vor - trefflichſter Nolten hat in der blinden Hitze einmal63 wieder daneben geſchoſſen; ich laſſe mich rädern, das iſt’s. Hm! freilich, hätt ich nur ein einzig Mal das Mädel mit dieſen meinen Augen geſehen! aber ſo, was bürgt mir für ſie? Man hat Beiſpiele, daß ſo ein Engelchen auch einmal einen ſchlechten Streich macht, oder, was bei ihnen gerade ſo viel iſt, einen dummen. Nein, zum Henker, ich kann’s wieder nicht denken! Sind mir ihre Briefe nicht Zeugniß genug? So ſchreibt doch wahrlich keine Galgenfeder! Und ge - ſezt, ſie hätt einmal ein paar Tage einen Wurm im Kopf gehabt und ein biſſel nebenaus geſchielt, etwas Gift mag ſo was immer anſetzen bei’m Liebhaber, doch im Ganzen was thut’s? Ein verdammter Egois - mus, daß wir Männer uns Alles lieber verzeihen, als ſo einem lieben Närrchen; eben als hätten wir allein das Privilegium, uns zuweilen vom Leibhafti - gen den Pelz ein wenig ſtreicheln zu laſſen, ohne ihn juſt zu verbrennen. Wetter! dieſe frommen Hexchen haben ſo gut Fleiſch und Blut wie unſer einer, und der nächſte Blick auf die Perſon des Alleinzigen wirft den Hundertſtels-Gedanken von Untreue und das ge - wagteſte Luftſchloß wieder über’n Haufen; dann gibt es nichts pikanter Wollüſtiges für ſo eine ſüße Krabbe, als die Thränchen, womit ſie gleich drauf die Ver - irrung ihrer Phantaſie am bärtigen Halſe des Lieb - ſten unter tauſend Küſſen ſtillſchweigend abbüßet. Aber auch nicht ein〈…〉〈…〉, dieſer leichten Seitenſprünge halt ich Agneſen [h]ig; wenigſtens wär mir leid64 um das goldreine Chriſtengelsbild, das ich mir ſo nach und nach von dem Mädchen conſtruirte. Mord und Tod! daß man doch gar, gar Nichts in der Welt ſoll denken können, wobei einem der alte Verderber nicht wieder ein Eſelsohr drehte! Ich möcht mich in Stücke reißen vor Wuth! nicht um meinetwillen, für mich iſt nichts mehr zu verlieren: nein, nur um Noltens willen, der ſo ehrlich, gut knabenartig ſein Ideal in einer Dorflaube ſalvirt glaubte und nun eben auch in faule Aepfel beißen ſoll. So geht’s, ei, und am Ende haben wir’s All nicht beſſer ver - dient. Aber laß ſehn, es fragt ſich ja immer noch Verflucht! was doch das Mißtrauen anſteckt! Stand nicht bis den Augenblick mein Glaube an das Mäd - chen feſt wie ein Fels? und, ſachte beim Licht beſehn, ſteht er noch wie vor. So laß mich denn meine Ma - ſchinen getroſt fortſpielen! meine Maskencorreſpondenz mit dem Liebchen mag dauern ſo lang ſich’s thut. Bin ich durch dieſe ſechs Monat lange Uebung im Styl der Liebe, im Ausdruck und individueller Gedankenweiſe nicht ſo ganz und gar zum andern Nolten geworden, daß ich faſt fürchten muß, das Mädchen, wenn heut oder Morgen der Spuck an Tag käme, könnte ſich in mich verlieben? was denn ceteris paribus auch ſo übel nicht wäre. Doch, ſoviel iſt gewiß, ich glaube für hundert galante Schurkereien, wozu ich ehedem meine gewandte Handſchrift〈…〉〈…〉 rauchte, mir hinläng - liche Abſolution dadurch er〈…〉〈…〉 ben zu haben, daß ich65 die Kunſt, ehrlichen Leuten ihre Züge abzuſtehlen, endlich einmal für einen guten Zweck nütze. Du liebes betro - genes Kind! und haſt du denn niemals bei’m innigen vertieften Anſchaun meiner Lügenſchrift etwas Unheim - liches verſpürt, wenn du das Blatt mit dankbarem Entzücken an deine Lippen drückteſt? hat nicht der En - gel deiner Liebe dir zugeflüſtert: halt, eine fremde Hand ſchiebt der des Geliebten ſich unter? Nein doch! dein Schutzengel wird ſich ja eher mit mir verſchwören, als daß er dich mit der unzeitigen Wahrheit betrüben ſollte, die dir zugleich den Geliebten raubt! Immerhin alſo laß mich gewähren. Und hat es mir zeither an Vorwänden nicht gefehlt, dich über das immer verſcho - bene Wiederſehn deines Theobalds und die lang - entbehrte Umarmung zu tröſten, ſo wird es mir, denk ich, noch gelingen, dir ihn bald als einen völlig Neuen entgegenzuführen, und du wirſt nicht einmal wiſſen, daß es ein ſtrafwürdiger, aber bekehrter Flüchtling iſt, der zu deinen Füßen weint.

Dieß war ſo ziemlich das bald leiſe, bald laute Selbſtgeſpräch Larkens. Judem wir es wiederzugeben ſuchten, weihten wir den Leſer in das Geheimniß ein, das ihm gegenwärtig vor Allem am Herzen lag. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er gleich bei’m Beginn ſei - nes wunderlichen Briefwechſels mit Agnes alle Vor - ſicht gebrauchte und jene namentlich unter irgend einem Vorwand aufforderte, ihre Briefe immer unter der Larkens’ſchen Adreſſe laufen zu laſſen. Dieß geſchah566indeſſen auch pflichtlich, nur das lezte Billet machte eine Ausnahme, weil Agnes die Gelegenheit durch die Freunde ohne Umſchweif nützen zu können meinte, und ſo war das Papier wirklich zu Anfangs nicht ge - ringem Schrecken des heimlichen Korreſpondenten in die Hände desjenigen gelangt, für den es am wenigſten gehörte, und dem ſein Inhalt das ganze hübſche Ge - webe hätte verrathen müſſen. Eine geſchärfte Inſtruk - tion für die Briefſtellerin war die einzige Folge dieſer glücklich abgeleiteten Gefahr, aber einen weit wichtigern Grund, ungeſäumt an Agnes, ſo wie auch an den Förſter, zu ſchreiben, fand Larkens in der Ungewiß - heit über die bewußte Ehrenſache. Er ſezte ſich noch in dieſer Stunde nieder, doch mit dem Vorſatze, ſeine Sorge nur ſo gelinde als möglich reden zu laſſen, und ſeine Erkundigungen ganz im Allgemeinen zu halten, damit nicht etwa ein Verſtoß gegen frühere Verhand - lungen, die ihm unbekannt waren, zum Vorſchein komme.

Um aber die Stellung Noltens gegen die Braut ganz anſchaulich zu machen, müſſen wir in der Zeit etwas zurückſchreiten und Folgendes er - zählen.

Das Verhältniß der Verlobten ſtand in der wün - ſchenswertheſten Blüthe, als Agnes durch eine heftige Nervenkrankheit dem Tode nahe gebracht ward. Der kritiſche Zeitpunkt ging indeſſen gegen Erwartung glück -67 lich vorüber, und mehrere Wochen verſtrichen, ohne daß es mit der allmähligen Geneſung des Mädchens irgend einen auffallenden Anſtoß gegeben hätte. Jezt aber konnte es dem Vater, und wer ihn ſonſt beſuchen mochte, nimmer entgehen, daß mit der Tochter eine Veränderung, und zwar eine ſehr bedeutende, vorge - gangen ſey. Offenbar war ſie tief am Gemüthe ange - griffen, auch körperlich bemerkte man die ſonderbarſte Reizbarkeit an ihr; im Ganzen war ſie ſanft, meiſt niedergeſchlagen, zuweilen ungewöhnlich heiter und ge - gen ihr ſonſtiges Weſen zu allerlei Poſſen geneigt. Oft machte ſie ihrem Herzen durch heftige Thränen Luft, brach in Klagen aus um den entfernten Geliebten, den ſie mit Sehnſucht zu ſich wünſchte. Zugleich äußerte ſie eine leidenſchaftliche Liebe zur Muſik, verlangte nichts ſo ſehr als irgend ein Inſtrument ſpielen zu kön - nen, und ſezte jedesmal hinzu, ſie wünſche dieß nur um Noltens willen, damit er künftig doch wenigſtens Ein Vergnügen von ihr haben möge. Ich bin ein gar zu bäuriſches einfältiges Geſchöpf, und ſolch ein Mann! O werden wir denn auch jemals für einander taugen? Und wollte man ſie nun beruhigen, ſezte der Vater den ſchlichten treuen Sinn des Bräutigams recht faßlich auseinander, ſo konnte ſie nur um deſto heftiger aus - rufen: das iſt ja eben der Jammer, daß er ſich ſelber ſo betrügt! ihr Alle betrügt euch, und ich mich ſelbſt in mancher thörichten Viertelſtunde. Meint ihr denn, wie er im vorigen Herbſte da war, ich hätte nicht ge -68 merkt, daß er oft lange Weile bei mir hatte, daß ihn etwas beengte, ſtocken machte? Seht, wenn er bei mir ſaß, mir ſeine Hand hinlieh und ich verſtummte, nichts in der Welt begehrte, als ihm nur immer in die Augen zu ſehn, dann lächelt er wohl, ach, und wie lieb, wie treulich! nein, das macht ihm kein An - derer nach! Und hab ich dann nicht oft, mitten in der hellen Freude, beſtürzt mich weggewandt und das Ge - ſicht mit beiden Händen zugedeckt, geweint und ihm verhehlt, was eben an mich kam? ach, denn ich fürchtete, er könnte mir im Stillen Recht geben, ich wollt ihm nicht ſelber drauf helfen, wie ungleich wir uns ſeyen, wie übel er im Grunde mit mir berathen ſey. So fuhr ſie eine Zeitlang fort und endete zulezt mit bittern Thränen; dann konnte es geſchehn, daß ſie ſich ſchnell zuſammennahm, gleichſam gegen den Strom ihres Gefühls zu ſchwimmen ſtrebte, und mit dem Ton des liebenswürdigſten Stolzes fing das ſchöne Kind nun an, ſich zu rechtfertigen, ſich zu vergleichen; die blaſſe Wange färbte ſich ein wenig, ihr Auge leuchtete, es war der rührendſte Streit von leidender Demuth und edlem Selbſtbewußtſeyn.

Dieſe ſonderbare Unzufriedenheit, ja dieß Ver - zweifeln an allem eigenen Werthe fiel deſto ſtärker auf, da Theobald in der That nicht die geringſte Urſache zu dergleichen gegeben, man auch früher kaum die Spur von einer ſolchen Aengſtlichkeit an ihr entdeckte. Jezt ward es freilich aus manchen ihrer Aeußerungen69 klar, daß ſie ſchon in geſunden Tagen dieſe Sorge heimlich genährt und wieder unterdrückt hatte, daß ein krankes Gefühl, das von jenem Nervenübel bei ihr zurückgeblieben war, ſich mit Gewalt auf den verletzbarſten Theil des zarten Gemüthes geworfen haben müſſe.

Damit wir jedoch ſogleich über das Ganze ein hinreichendes Licht verbreiten, ſind wir die Erzäh - lung einer Thatſache ſchuldig, welche jenen Symptomen von Schwermuth vorausging, und wodurch das, was vielleicht nur vorübergehende Grille war, eine weit ſchwierigere Geſtalt annahm.

Zwei Wochen, nachdem Agnes vom Kranken - lager frei geſprochen war, hatte ſie vom Arzte die Er - laubniß erhalten, zum erſten Mal wieder die freie Luft zu koſten. Es war an jenem Tage eben ein weitläuf - tiger Verwandter, deſſen eigentliche Bekanntſchaft man jezt erſt machte, im Hauſe gegenwärtig; der junge Mann war ſeit Kurzem in der benachbarten Stadt bei der Landesvermeſſung angeſtellt und bei dem Förſter ein um ſo willkommnerer Gaſt, als er neben einem an - genehmen Aeußern manches ſchöne geſellige Talent bewies. Man ſpeiſ’te fröhlich zu Mittag und Agnes durfte den Vetter Otto nach Tiſch beim wärmſten Sonnenſchein eine Strecke gegen die Stadt hin beglei - ten. Das Mädchen, wie neugeboren unter’m offenen Himmel, genoß ganz das erhebende Vergnügen neuge - ſchenkter Geſundheit, das ſich mit nichts vergleichen läßt;70 ſie ſprach wenig, eine ſtille, gegen Gott gewendete Freude ſchien ihr den Mund zu verſchließen und ih - ren Fuß im leichten Gang vom Boden aufzuheben; ihr war, als ſey ihr Inneres nur Licht und Sonne; ein deutliches Gefühl von körperlicher Kraft ſchien ſich mit einem kleinen Reſt von Schwäche angenehm bei ihr zu miſchen; ſie kehrte früher um und nahm Abſchied von Otto, damit ſie völlig ungeſtört ſich dem Ueberfluſſe des Entzückens und des Danks hin - geben könne.

Ihr Weg führte ſie durch ein Birkenwäldchen, bei deſſen lezten Büſchen ſie eine Zigeunerin allein am Raſen ſitzen fand, eine Perſon von anſprechendem und trotz ihres geſezten Alters noch immer von jung - fräulichem Ausſehen. Man grüßt ſich, Agnes geht weiter, und hat kaum fünfzehn Schritte zurückgelegt, als ſie bereuet, die Unbekannte nicht angeredet zu haben, deren ganzes Weſen und freundlich bedeuten - der Blick doch ſogleich den größten Eindruck auf ſie gemacht hatte. Sie beſinnt ſich, ſie lenkt um und eine Unterredung wird angeknüpft. Nach einer Weile, während der man gleichgültige Dinge geſprochen, pflückt das braune Mädchen gleichſam ſpielend einige Gräſer, knüpft ſie in eine regelmäßige Figur zuſam - men, löſ’t ſodann kopfſchüttelnd den einen oder an - dern Knoten wieder auf und ſagt: Sezt Euch zu mir. Der Herr, den Ihr da vorhin ausgefolgt,71 iſt Euer Schatz zwar nicht, doch denkt an mich, er wird es werden.

Agnes, obgleich etwas betreten, ſcherzt Anfangs über eine ſo unglaubliche Prophezeihung, verwickelt ſich aber immer angelegentlicher und haſtiger in’s Ge - ſpräch, und da die Aeußerungen und Fragen der Fremden eine ganz unbegreifliche Bekanntſchaft mit den eigentlichen Verhältniſſen der Braut vorauszuſetzen ſcheinen, ſo kommt ſie den Worten der Zigeunerin un - vermerkt entgegen. Das gutmüthige Benehmen der - ſelben entfernt zugleich faſt jedes Mißtrauen bei Ag - neſen. Wie ſchmerzhaft aber und wie unvermuthet wird ihr geheimſtes Herz mit Einem Male aufgedeckt, da ſie aus jenem ahnungsvollen Munde unter andern die Worte vernimmt: Was Euern jetzigen Verlobten anbelangt, ſo wär es grauſam Unrecht, Euch zu ver - bergen, daß Ihr auch allerdings nicht geboren ſeyd für einander. Seht hier die ſchiefe Linie! das iſt ver - wünſcht; ſtimmt doch das Ganze ſonſt gar hübſch zu - ſammen! Aber die Geiſter necken ſich und machen Krieg mit den Herzen, die freilich jezt noch feſt zuſammen - halten. Ei närriſch, närriſch! mir kam ſo was noch wenig vor.

Agnes fand Sinn in dieſen dunkeln Reden, denn ſie erklärten ihr nur ihre eigene Furcht. Wie? ſagte ſie leiſe und ſtarrte lange denkend in den Schoß, ſo iſt’s ſo iſt’s! ja Ihr habt Recht.

Nicht ich, mein Töchterchen, nur Stern und Gras72 behalten Recht. Vergib, daß ich die Wahrheit ſagte; aber Wermuth kann auch Arznei ſeyn, und ſey ver - ſichert, Zeit bringt Roſen.

Hier ſtand die Fremde auf. Agnes, im Innern wie gelähmt und an den Gliedern wie gebunden, ver - mochte kaum ſich zu erheben, ſie hatte nicht den Muth, die Augen aufzuſchlagen, es war ihr leid, daß ſie ver - rieth, wie ſehr ſie ſich getroffen fühlte. Und doch, in - dem ſie auf’s Neue in das Geſicht der Unbekannten ſah, glaubte ſie etwas unbeſchreiblich Hohes, Vertrauen - erweckendes, ja Längſtbekanntes zu entdecken, in deſſen ſeelenvollem Anblicke der Geiſt ſich von der Laſt des gegenwärtigen Schmerzens befreie, ja ſelbſt die Angſt der Zukunft überwinde.

Behüt dich Gott, mein Täubchen! und hab im - merhin guten Muth. Läßt dich die Liebe mit Einer Hand los, ſo faßt ſie dich gleich wieder mit der an - dern. Und ſtoße nur dein neues Glück nicht eigen - ſinnig von dir; es iſt gefährlich, dem Geſtirn Trotz bieten. Nun noch das Lezte: bevor ein Jahr um iſt, wirſt du Niemand verrathen, was ich dir geſagt; es möchte ſchlimm ausfallen, hörſt du wohl?

Dieß Leztere hatte die Zigeunerin mit beſonderem Nachdrucke geſprochen. Auf’s Aeußerſte ergriffen dankte das Mädchen beim Abſchiede und reichte der Fremden ein feines Tuch zum Angedenken hin.

Agnes war allein und vermochte kaum ſich ſel - ber wieder zu erkennen; ſie glaubte einer fremden, ent -73 ſetzlichen Macht anzugehören, ſie hatte etwas erfahren, was ſie nicht wiſſen ſollte, ſie hatte eine Frucht ge - koſtet, die unreif von dem Baume des Schickſals ab - geriſſen, nur Unheil und Verzweiflung bringen müſſe. Ihr Buſen ſtritt mit hundertfältigen Entſchlüſſen und ihre Phantaſie ſtand im Begriffe, den Rand zu über - ſteigen. Sie hätte ſterben mögen, oder ſollte Gott ihrer Neugierde verzeihen und ſchnell das fürchterliche Bewußtſeyn jener Worte von ihr nehmen, die ſich wie Feuer immer tiefer in ihre Seele gruben, und deren Wahrheit ſie nicht umſtoßen konnte.

Erſchöpft kam ſie nach Hauſe und legte ſich ſo - gleich mit einem ſtarken Froſte; der Alte befürchtete einen Rückfall in das kürzlich erſt beſiegte Uebel, allein vom wahren Grunde ihres Zuſtandes kam keine Sylbe über ihre Lippen. Sie ließ ſich ältere und neuere Briefe Theobalds auf’s Bette bringen, aber ſtatt des gehofften Troſtes fand ſie beinahe das Ge - gentheil; das liebevollſte Wort, die zärtlichſten Ver - ſicherungen, ſchon gleichſam angeweht vom vergiften - den Hauche der Zukunft, betrachtete ſie mit Wehmuth, wie man getrocknete Blumen betrachtet, die wir als Zeichen vergangener ſchöner Augenblicke aufbewahrten: ihr Wohlgeruch iſt weg und bald wird jede Farben - ſpur daran verbleichen.

Dergleichen traurige Ahnungen erfüllten ſie mit deſto ungeduldigerem Schmerz, je mehr ſie Theobal - den noch in dem vollen Irrthum ſeiner Liebe befan -74 gen denken mußte, in einem Irrthum, den ſie nicht länger mit ihm theilen durfte noch wollte, der ihr abſcheulich und[beneidenswerth] zugleich vorkam.

Jener Fieberanfall ging indeß vorüber und außer einer gewiſſen Ueberſpannung hielt man das Mädchen für geſund. Die Ungewißheit ihres Schickſals be - ſchäftigte ſie Tag und Nacht. Suchte ſie auch einen Augenblick jene drohenden Ausſprüche mit ruhigem Verſtande zu beſtreiten, ſchalt ſie ſich abergläubiſch, thöricht, ſchwach, ſie fand doch immer zwanzig Gründe gegen Einen, und ſelbſt im Fall die unerhörteſte Täuſchung des Weibes mit im Spiele war, ſo ſchien dieſer ſeltſame Zufall ihr wenigſtens eine früher ge - fühlte Wahrheit auf’s wunderbarſte zu beſtätigen. Denn freilich hatte ſie bei dem Geſpräch im Walde nicht bemerkt, wie viel ihr die Zigeunerin, nachdem das erſte auf’s Ungefähr keck hingeworfene Wort einmal gezündet, mit leiſem Taſten abzulauſchen wußte, noch weniger ließ ſie ſich träumen, daß eben dieſe Perſon auf ſehr natürlichem Wege von der äußeren Lage der Dinge im Allgemeinen unterrichtet, mit Theobald nicht unbekannt, und, wie ſich ſpäterhin entdecken wird, überhaupt gar ſehr bei der Sache intereſſirt war. Was aber immer die geheime Abſicht dabei ſeyn mochte, genug, das arme Kind war ſchon ge - neigt, einen höheren Wink in jenem Auftritte zu er - blicken.

Indeſſen, es gehen zuweilen Veränderungen in un -75 ſerer Seele vor, von welchen wir uns eigentlich keine Rechenſchaft geben und denen wir nicht widerſtehen können, wir machen den Uebergang vom Wachen zum Schlaf ohne Bewußtſeyn und ſind nachher ihn zu be - zeichnen nicht im Stande: ſo ward in Agnes nach und nach die Ueberzeugung von der Unvereinbarkeit ihres Schickſals und Noltens befeſtigt, ohne daß ſie genau wußte, wann und wodurch dieſer Gedanke eine unwiderſtehliche Gewalt bei ihr gewonnen. Ihre Grundempfindung war Mitleid mit einem geliebten und verehrten Manne, hinter deſſen Geiſt ſie ſich weit zurückſtellte, den ſie durch ihre Hand nur unglücklich zu machen fürchtete, weil es in der Folge doch auch ihm ſelbſt nicht mehr verborgen bleiben könne, wie wenig ſie ihm als Gattin genüge. Allein wenn dieß Gefühl, das unſtreitig aus dem reinſten Grunde un - eigennütziger Liebe hervorging, das gute Geſchöpf all - mählig einer frommen und in ſich ſelber troſtvollen Reſignation entgegendrängte, ſo wurde der Entſchluß freiwilliger Trennung auf der andern Seite wieder durch eine Idee verkümmert, welche ſich ſehr natürlich aufdrang: ein künftiges Mißverhältniß war ja nur in dem Falle gedenkbar, wenn Nolten überhaupt ſeine urſprüngliche Geſinnung verläugnete, wenn er dem erſten reinen Zuge ſeines Herzens untreu würde; und ſo betrachtete ſich nun Agnes ſchon zum Voraus