PRIMS Full-text transcription (HTML)
Novellen aus Oesterreich.

Innocens.

Novellen aus Oeſterreich
Innocens. Marianne. Die Steinklopfer. Die Geigerin. Das Haus Reichegg.
Heidelberg. Verlag von G. Weiß.1877.

Seiner Excellenz dem k. k. österreichiſchen Miniſter Leopold Freiherrn von Hofmann

zugeeignet.

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Am ſüdlichen Ende Prags, auf einem gegen die Moldau felſig abſtürzenden Hügel, erhebt ſich ernſt und düſter die Wyſchehrader Citadelle. Es läßt ſich im Umkreiſe einer großen, volk¬ reichen Stadt nichts einſam Abgeſchiedeneres denken, als dieſes alte, ziemlich ausgedehnte Fort. Denn die Beſatzung beſchränkt ſich in Friedenszeiten auf eine Officierswache von geringer Stärke, die nur den allernöthigſten Sicherheitsdienſt an den Thoren und auf den Wällen verſieht. Die Caſematten und Block¬ häuſer im Innern ſtehen leer und verödet, und die ſpärlich gefüllten Pulvermagazine ſcheinen wie die Belagerungsgeſchütze nur da zu ſein, um einem invaliden Unteroffizier der Artillerie zur Sinecure eines Zeugwartes zu verhelfen. Auch die Poſt¬ ſtraße, welche durch die Citadelle über den Rücken des Hügels nach Budweis führt, wird nur wenig benützt. Harmloſe Spa¬ ziergänger nach dem nahen anmuthigen Dorfe Podol, Landleute aus der Umgegend, welche Lebensmittel zum Prager Markt brin¬ gen, und hin und wieder ein beſtäubter Wanderburſche ſind faſtSaar, Novellen aus Oeſterreich. 12die einzigen Paſſanten der Feſtungsthore. So herrſcht innerhalb der Wälle gewöhnlich die tiefſte Stille, die nur ſelten durch das Rollen eines Wagens, regelmäßig aber früh, Mittags und Abends durch den Wachetambour mit raſſelnden Trommelſig¬ nalen unterbrochen wird.

Zumal im Winter iſt es hier oben traurig und ausge¬ ſtorben. Kalt und ſchneidend ſauſ't der Wind um die ver¬ laſſene Höhe, und mißmuthig, dicht in ihre Mäntel gehüllt, gehen die Schildwachen auf den eingeſchneiten, von krächzenden Dohlen beflogenen Wällen auf und nieder. Aber wenn der Schnee in's Schmelzen kommt und die Moldau unten wieder blau und ſchimmernd vorüberwallt, da entfaltet ſich in dieſer Abgeſchiedenheit ein wunderbarer Lenz. Dichter, glänzender Graswuchs überkleidet alle Gräben und Böſchungen, und um die eingeſunkenen Kanonenlafetten ſprießen Veilchen und Pri¬ meln. Immer bunter ſchmückt ſich der Raſen, und manche Schießſcharte wird durch einen wilden, in voller Blüthe ſtehen¬ den Roſenbuſch verdeckt, den ein langjähriger Friede hart am Gemäuer wachſen ließ. Selbſt aus den Kugelpyramiden, die der Zeugwart ſo zierlich zu errichten verſteht, ſprießt und blüht es: denn der Wind hat Erdreich und Samen in den Fugen abgelagert, und nun duften und ſchwanken über den furchtbaren Geſchoſſen die blaßgelbe Reſeda, der dunkelblaue Ritterſporn und die röthliche, langgeſtielte Steinnelke. Bienen und gepanzerte Käfer ſummen und ſchwirren durch die heiße,3 zitternde Luft; zutraulich zwitſchernd laſſen ſich Hänfling und Rothkehlchen auf die wuchtigen Feuerrohre nieder, und an den Mauerabhängen der Wällen klettert und ſonnt ſich die gold¬ grüne, funkelnde Eidechſe.

In ſolcher Zeit war es, als ich in der Citadelle die Wache bezog. Erſt vor Kurzem mit meinem Regimente in Prag eingerückt und mit der Oertlichkeit noch nicht vertraut, betrat ich, neugierig und befangen zugleich, an der Spitze mei¬ ner Abtheilung die weite ſchattige Thorhalle, wo die Mann¬ ſchaft der alten Wache bereits unter Gewehr ſtand. Ihr Commandant, ein mir unbekannter Officier von junkerhaftem Ausſehen, kam, als die Förmlichkeiten der dienſtlichen Begrüßung abgethan waren, nachläſſig auf mich zugeſchritten. Oberlieu¬ tenant Baron Hohenblum, ſagte er, den Schirm ſeines Tſcha¬ kos flüchtig berührend. Er ſchien meinen Namen, den ich nun auch nannte, zu überhören, und fuhr mit leichtem Gähnen fort: die vier und zwanzig Stunden werden Einem rein zur Ewigkeit in dieſer alten, unnützen Kanonenbewahranſtalt. Es kann keine langweiligere Wache mehr geben.

Ich warf hin, daß man eben auf keiner beſondere Unter¬ haltung fände.

Je nun, nach Umſtänden, erwiederte er, indem er den feinen blonden Schnurrbart leicht emporſtrich. Zum Beiſpiel die Hauptwache am Ring iſt ganz amüſant. Man ſetzt ſich mit ſeiner Cigarre vor die Thür und muſtert die Vorüber¬1*4gehenden. Es gibt ganz nette Geſichter unter den hieſigen Mädchen. Auch fehlt es nicht an Beſuch von Cameraden, und nach der Retraite wird gewöhnlich ein kleines Spiel arran¬ girt. Hier oben aber iſt man von aller Welt abgeſchnitten, wie auf einer wüſten Inſel. Du haſt es übrigens, ſetzte er nach kurzem Beſinnen hinzu, doch etwas beſſer getroffen, als ich. Denn morgen iſt Sonntag, und da kommen wenigſtens Leute in die Meſſe herauf.

In die Meſſe? Iſt denn hier eine Kirche? fragte ich überraſcht.

Allerdings. Etwa tauſend Schritte von hier, gegen die Moldau zu, ſagte er, während ich unwillkürlich nach dem Innern des Forts blickte. Aber die Ausſicht war durch eine nahe, ziemlich hohe Schanze benommen, hinter welcher nur die Wetterſtangen und ſpitzen Bedachungen der Pulvermagazine hervorragten. Um ſie zu ſehen, fuhr der Baron fort, müßteſt Du dort auf die Schauze hinauf. Dazu haſt Du ſpäter Muße genug. Ein kleiner Friedhof iſt auch dabei, wo ich mich gleich würde begraben laſſen, wenn ich beſtändig hier oben leben ſollte, wie der Pfaff ', der ganz allein in einer Art Kloſter neben der Kirche wohnt. Ein ſeltſamer Kauz! Man muß lachen, wenn man ihn mit ſeinen langen Beinen und der ſchlenkernden Kutte, beſtändig ein Buch unter dem Arm, ein¬ herſteigen ſieht. Dabei ſchaut er immer in's Blaue, und thut, als bemerke er Einen gar nicht, wenn man an ihm vorüber kommt.

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Ein ſo abgeſchiedenes, ſtilles Leben mag auch ſeinen eigenen Reiz haben, ſagte ich nachdenklich, während wir in das düſtere Officierswachtzimmer traten, wo mich mein Vor¬ gänger mit den üblichen Dienſtvorſchriften bekannt machte. Dann zog er ſich den etwas zerknitterten Uniformrock an den Hüften glatt, ſchnallte die Feldbinde feſter und reichte mir mit kühler Freundlichkeit die Hand zum Abſchied. Ich verließ mit ihm das Zimmer und trat, während er flüchtig ſeine Leute muſterte und unter luſtigem Trommelſchall abmarſchirte, in die ſonnige Stille hinaus, die über dem Fort lagerte. Als ich die Schanze erſtiegen hatte, that ſich hinter den Pulver¬ magazinen ein freier Wieſengrund meinen Blicken auf. Dort erhob ſich, ziemlich zurückgezogen, die Kirche, das blinkende Meſſingkreuz auf dem Giebel von weißen Tauben umflattert. Den Friedhof konnte ich nicht gewahr werden; er mußte durch das angrenzende Prieſterhaus verdeckt ſein, das ziemlich düſter aus einer niederen Lindenumpflanzung hervorſah. In einiger Entfernung ſchräg gegenüber ſtand ein ebenerdiges Häuschen. Die gelb angeſtrichenen Thüren und Fenſterrahmen kennzeich¬ neten es als militäriſches Gebäude; im Uebrigen ſah es ganz wie eine kleine Bauernwirthſchaft aus. Schiebkarren, Hauen und Schaufeln lehnten in der Nähe einer Ciſterne an der Mauer, und rückwärts war, kunſtlos umzäunt, ein Gärtchen angelegt, in welchem roth und weiß die Apfelblüthen ſchim¬ merten. Zwiſchen dieſem Häuschen und der Kirche ſchlängelte6 ſich ein breiter Fußpfad hin. Er ſchien zu den äußerſten Werken des Forts zu führen, über welchen, verhüllend, tief¬ gelber Sonnenduft lag.

Ich verließ die Schanze und ging dem Wieſengrunde zu. Als ich an dem kleinen Hauſe vorüber kam, ſtand ein junges Weib in der offenen Thüre. Sie hielt ein Kind ſäugend an der Bruſt und ſah einem kleinen, etwa ſechsjährigen Mädchen zu, wie es draußen mit einem munteren Zicklein ſpielte, deſſen Sprünge eine ſcharrende Hühnerfamilie in Angſt und Ver¬ wirrung ſetzten. Bei dem Geräuſch meiner Schritte blickte ſie auf und eine dunkle Röthe ſchoß in ihr Antlitz. Dann wandte ſie ſich raſch und ging hinein, wobei ſie mir eine reiche Fülle blonden Haares wies, das ihr in ungekünſtelten Flechten weit über den Nacken hinabhing.

Drüben um das Prieſterhaus wehte eine melancholiſche Ruhe. Das Thor mit dem geiſtlichen Wappen darüber war zu, und man hätte das ziemlich weitläufige Gebäude für gänzlich unbewohnt gehalten, wären nicht einige Fenſter im erſten Stockwerke offen und mit Blumentöpfen beſtellt geweſen.

Als ich um die Kirche bog, die gleichfalls geſchloſſen war, hatte ich den Friedhof voll ſchattender Weiden und Sebenbäume zur Seite. Die Hügel waren dicht gereiht, aber ſorglich ge¬ halten und auf das ſchönſte bepflanzt. Da die Thüre des Eiſengitters halb offen ſtand, ſo trat ich in die duftige Kühle hinein und ſchritt langſam auf dem ſchmalen, mit feinem Sande7 beſtreuten Wege zwiſchen den Gräbern hin. Ein einſamer Falter flatterte mir ſtill über den Blumen voran, während ich hier und dort die Inſchriften und Namen auf den ſchlichten Kreuzen las. Unter den Monumenten, deren es hier nur wenige gab, zog mich eines durch edle und ergreifende Ein¬ fachheit beſonders an. Es war ein kleiner Obelisk von weißem Marmor und ſtand, etwas abſeits von den übrigen, unter einer herrlichen breitäſtigen Thränenweide. Die Inſchrift war in römiſchen Lettern, deren Vergoldung ſchon etwas gelitten hatte, eingehauen und lautete: Friederike Friedheim. geb: 16ten Januar 1829, gest: 30ten Mai 1846. Vor dieſem Grabe ſtand ich lange. Wer war dieſes Mädchen, das der Tod ſo früh gebrochen, das man vor mehr als einem Jahr¬ zehend hier beſtattet hatte? Lebte ihr Andenken fort im Her¬ zen trauernder Eltern, im Geiſte eines Mannes, deſſen Jüng¬ lingsideal ſie geweſen? Oder war ſie verweht, wie ein Duft, ein Klang im Gewühl und im Lärm des raſtlos vorwärts drängenden Lebens, und nannte nurmehr der Marmor ihren Namen?

Solche Gedanken und Empfindungen klangen noch in mir nach, als ich ſchon wieder draußen auf dem Pfade hinſchritt und mich einer Baſtei näherte, die als äußerſter Punkt des Forts in einem ſtumpfen Winkel gegen den Fluß zu ausſprang. Still und verlaſſen lag ſie da, faſt ganz von Schleh - und Hagedorn überwuchert. Ein verfallenes Blockhaus erhob ſich8 darin, an deſſen röthlich-grauem Mauerwerke einige hohe Flie¬ derbüſche in voller Blüthe ſtanden, was ſich ebenſo lieblich als überraſchend ausnahm. Selbſt zwei verkrüppelte Obſt¬ bäume hatten ſich in dieſes entlegene Werk verirrt. Sie wur¬ zelten dicht an der Bruſtwehr und ſtreckten ihre knorrigen Aeſte über eine Kanone, die wie vergeſſen zwiſchen ihnen ſtand und die Mündung harmlos in die ſonnige Gegend hinaus¬ richtete. Tief unten, an den freundlichen Häuſern von Podol und an den bröckelnden Mauerreſten der Libuſſaburg vorüber, zog die Moldau ſchimmernd nach dem braunen, rauchaufwir¬ belnden Häuſermeere der alten böhmiſchen Königsſtadt. Von dort her grüßte mit funkelnden Zinnen der Hradſchin, wäh¬ rend ſtromaufwärts, über die anſteigenden, wohlbebauten Ufer hinweg, ſich eine weite Landſchaft aufthat und endlich in dem fernen Dufte der Königſaaler Berge verſchwamm.

Ich war von dieſer reizenden Einſamkeit zu ſehr ange¬ muthet, als daß ich ſobald daran gedacht hätte, ſie wieder zu verlaſſen; ich ſah mich vielmehr nach einer ſchattigen Stelle um, wo ich mich, bequem hingeſtreckt, ganz in den eigenthüm¬ lichen Zauber des Ortes und der Fernſicht verſenken konnte. Eine ſolche bot ſich mir alsbald in der Nähe des Blockhauſes dar, wo ſich die Zweige zweier nachbarlichen Fliederbüſche zu einer Art Laube wölbten. Auch kam mir dort, als ich mich niederließ, eine muldenförmige Vertiefung im Erdreiche, wel¬ ches mit kurzem, aber dichtem Graſe bewachſen war, vortrefflich9 zu Statten. So lag ich in der ſtillen Kühle, ſog den Duft des Flieders ein und lauſchte dem Zwitſchern eines Vogels über meinem Haupte, als ich plötzlich in einiger Entfernung hinter mir nahende Schritte vernahm, und bald ging eine hohe Geſtalt in geiſtlicher Ordenstracht ohne mich zu bemerken an mir vorüber. Es mußte, wie mein Vorgänger geſagt hatte, der Pfaffe ſein, der neben der Kirche wohnte. Das waren ja die langen Beine und die ſchlenkernde Soutane, welche dem Baron ſo lächerlich erſchienen; ſelbſt das Buch unter dem Arme fehlte nicht.

Der Prieſter war an die Bruſtwehr getreten. Dort nahm er ſein ſchwarzes Sammtkäppchen ab; man wußte nicht, that er es aus Andacht vor der Natur, in die er hinausblickte, oder um ſein Haupt der Luft preiszugeben, die über die Baſtei ſtrich und mit ſeinen leicht ergrauten Haaren ſpielte.

Nach einer Weile wandte er ſich und ſchlug die Richtung gegen das Blockhaus ein. Er ſchien mich noch immer nicht zu bemerken, obgleich er gerade auf die Stelle losging, wo ich lag. Ich erinnerte mich unwillkürlich an die Aeußerung des Barons, daß der Prieſter beſtändig in's Blaue ſähe, ob¬ gleich er gegenwärtig mehr in ſich hineinzublicken ſchien. End¬ lich gewahrte er mich. Er ſchrack leicht zuſammen und eine feine Röthe flog über ſein ſchmales, blaſſes Geſicht. Aber dieſe Verwirrung dauerte nur einen Augenblick. Gleichgültig, ohne mich mehr mit einem Blicke zu ſtreifen, ging er an mir10 vorüber, brach ſich ein Zweiglein vom Flieder und verließ, ſtill wie er gekommen, die Baſtei.

Mich aber überkam jetzt eine eigenthümliche Unruhe. Es war mir, als hätte ich den Prieſter durch meine Anweſenheit von hier vertrieben. Er pflegte gewiß täglich um dieſe Zeit einige Stunden leſend in der Fliederlaube zuzubringen; de߬ halb war er auch ſo unbekümmert und in ſich verſunken dar¬ auf zugegangen. Und nun nahm ich den traulichen Platz ein, der ihm ſchon aus Gewohnheit lieb ſein mußte. Mit einem Male erſchien mir auch alles Bequeme daran, das ich früher für ein Zuſammentreffen günſtiger Umſtände gehalten hatte, als ein Werk anordnender Abſichtlichkeit. Die Laube, das ſah man, war durch Beſchneiden der Zweige hergeſtellt, und der Raſenſitz wäre ohne Nachhilfe eines Spatens gewiß nicht zu Stande gekommen. Raſch ſprang ich auf. Der Pater konnte noch nicht weit ſein; ich wollte ihn einholen, auf daß er ſähe, er könne ungeſtört wieder nach der Baſtei zurückkehren. Bald gewahrte ich ihn auch in einiger Entfernung von mir auf dem Pfade hinſchreiten. Ich fürchtete, er würde, eh 'er mich noch bemerken konnte, ſein Haus erreichen, und verdoppelte meine Schritte. Da kam von drüben das kleine Mädchen mit freu¬ digen Geberden auf ihn zugelaufen. Er ging dem Kinde ent¬ gegen, beugte ſich zu ihm nieder und küßte es auf die Stirn. Hierauf ließ er ſich von der Kleinen zur Mutter führen, die ihm von der Schwelle aus entgegen kam. Ihr folgte ein11 Mann, der eben noch im Gärtchen mußte gearbeitet haben; denn er hatte eine Haue in der Hand, auf welche er ſich, wie es ſchien mehr aus Bedürfniß als aus Bequemlichkeit, im Gehen ſtützte. Drei weiße Tuchſternchen auf den rothen Kragenvorſtößen einer leinenen, über der Bruſt offenen Mi¬ litärjacke ließen in ihm den Zeugwart erkennen, mit welcher Eigenſchaft ſeine noch jugendlich kräftige Geſtalt einigermaßen im Widerſpruche ſtand. Als ich näher kam, gewahrte ich in ſeinem Antlitz eine tiefe Narbe, die von einem Säbelhiebe herrühren mochte und ſich von der Schläfe bis zum Kinn er¬ ſtreckte.

Der Pater ſprach freundlich mit den Leuten und reichte dem Jüngſten auf dem Arme der Mutter, da es mit den kleinen Händchen begehrlich darnach langte, die duftige Flieder¬ blüthe. Er wandte ſich nicht um, als ich vorüberging und der Zeugwart, militäriſch grüßend, die Hand an die Mütze brachte.

Es koſtete mir einige Ueberwindung, wieder in das un¬ erquickliche Wachtzimmer zurückzukehren. Dort ließ ich mich auf das alte, harte Lederſopha nieder und nahm ein Buch zur Hand. Aber meine Gedanken wollten nicht an den Zeilen haften; denn die Eindrücke, die ich auf meiner kleinen Wande¬ rung empfangen, wirkten zu mächtig in mir nach. Vor allem war es das Weſen des Paters, was mich mit tiefer, geheim¬ nißvoller Macht anzog. Wie glücklich erſchien mir ſein ſtilles12 Daſein auf dieſem wallumſchloſſenen Fleck Erde. Abgeſchieden von dem Treiben der Welt, konnte er hier ganz ſich ſelbſt angehören, und war nur den milden Pflichten ſeines Standes unterthänig, die ihm nichts auferlegten, was er nicht gerne er¬ füllte, die ihm nichts verwehrten, was er, das ſah man ihm an, nicht freudig entbehrte. Und die Menſchen in dem kleinen Hauſe! Welch 'ein reizendes Gegenbild boten ſie dar in ihrem heiteren Familienglücke! Dann aber dachte ich wieder an den weißen Obelisk auf dem Friedhof und murmelte unwillkürlich den Namen der Todten vor mich hin.

Ueber ſolchem Denken und Sinnen war der Abend herein¬ gebrochen. Bald erklang draußen der Zapfenſtreich und die wuchtigen Feſtungsthore fielen mit dumpfen Gepolter in's Schloß. Ich aber ging noch einmal auf die Schanze hinaus. Dort ſtand ich, während die Sterne auf den tiefen Frieden niederfunkelten, der ſich über das Fort breitete, und hier und dort, bald näher, bald entfernter, in den dunklen Büſchen eine Nachtigall ſchlug.

Es war noch ziemlich früh am andern Vormittage, als ſchon eine Schaar Landleute im Sonntagsſtaat durch das ſüd¬ liche Thor der Citadelle gegen die Kirche ſtrömte. Nach und nach erſchienen Andächtige aus den nächſten Stadttheilen; meiſt geſetzte Männer und Frauen, in reinlicher, altbürgerlicher Kleidung. Aber auch ſchmucke Mädchengeſtalten waren dar¬ unter, deren roſige Geſichter in der heiterſten Feiertagsſtimmung13 erglänzten. So bewegte ſich, während von der Kirche aus ſchon verſprengte Orgeltöne durch die Luft irrten, eine bunte Menge in den Räumen des Forts, was ihm einen fremdarti¬ gen, feierlichen Anſtrich gab.

Das Verlangen, den Pater in der Ausübung ſeines Am¬ tes wiederzuſehen, trieb auch mich der Kirche zu. Als ich eintrat, verſtummte eben die Orgel, die einen Choral begleitet hatte. Alle Anweſenden wandten jetzt ihre Blicke nach der Kanzel, wo der Prediger erſcheinen ſollte. Ich betrachtete unterdeſſen, an einen Pfeiler gelehnt, den Bau und ſeine freundliche Ausſchmückung, die ſich durch geſchmackvolle Ein¬ fachheit wohlthuend von dem üblichen ſchwerfälligen Prunk und Aufputz unterſchied. Als ich wieder nach der Kanzel ſah, ſtand der Prieſter ſchon oben. Sein Auge begegnete dem meinen und blieb eine Zeit lang auf mir ruhen, ſo daß ich faſt erröthend den Blick ſenkte. Jetzt ſchlug er das Buch auf, das er in der Hand hatte, und begann das Evangelium zu leſen. Bei den erſten Worten, die ich vernahm, war ich faſt unangenehm enttäuſcht; er las in czechiſcher Sprache. Ich hatte ganz vergeſſen, daß ich mich in Prag befand, und den vertrauten Klang der Mutterſprache von ihm zu hören er¬ wartet. Bald aber verſöhnte mich der Wohllaut ſeiner Stimme mit dem fremden Idiome, ſo daß ich ſeinem Vortrage, trotz¬ dem ich nichts davon verſtand, mit regem Intereſſe folgte. Er begann, als er zur Predigt ſelbſt überging, ruhig und ganz14 ohne alles Pathos, das die meiſten Prediger ſo unleidlich macht; es war, als ſpräche er in vernünftig belehrendem Tone zu Kindern. Nach und nach wurde er wärmer. Ohne daß er dabei nach der Schauſpielerart mit den Händen in der Luft gefochten hätte, ſchwoll ſeine Stimme zu einer mächtigen Fülle an und ging endlich, während er ſich liebreich zu den Hörern herabneigte, in den tiefen, zitternden Ton einer weh¬ müthigen Klage über. Es mußten erſchütternde Worte gewe¬ ſen ſein; denn ich ſah in mehr als einem Auge Thränen, und als er jetzt ſchwieg, ſchimmerte auch ſeines in feuchtem Glanze. Ich ſelbſt war bewegt, wie von den Klängen einer räthſel¬ haften Muſik. Nach dem üblichen kurzen Gebete verließ er die Kanzel. Die Orgel ertönte wieder und kurz darauf trat er im Meßgewande an den Hochaltar, wo ſchon früher ein alter, weißhaariger Kirchendiener die Lichter angezündet hatte. Nach beendetem Gottesdienſte ſtrömten die Andächtigen aus der Kirche und bald herrſchte im Fort wieder die gewohnte Einſamkeit und Stille.

Als ich ſpäter abgelöſ't wurde und mich wieder den menſchenvollen Gaſſen der Hauptſtadt näherte, war es mir, als kehrte ich aus einem reineren Elemente zu dem ganzen beengenden Qualm und Dunſt der Erde zurück.

Einige Zeit darauf erſuchte mich ein befreundeter Offizier, für ihn die Wache auf dem Wyſchehrad zu beziehen. Er15 wollte ein Feſt, zu dem er geladen war, nicht gerne verſäumen und verſprach, den Dienſt in meiner Tour nach¬ zutragen. Ich enthob ihn dieſer Verpflichtung und ſagte freudig zu.

Es heimelte mich wohlthuend an, als ich mich wieder innerhalb der Wälle befand. Während der erſten ſchwülen Nachmittagsſtunden verblieb ich im Wachtzimmer; dann aber nahm ich ein Buch und ging in's Freie. Die heißen Strah¬ len der Juniſonne hatten das ſchwellende Grün der Schanzen ſchon etwas ausgetrocknet, und der würzige Geruch des Thy¬ mians, der überall in dichten Büſcheln wucherte, ſchwamm in der Luft. Ohne es eigentlich zu wollen, ſchritt ich der Baſtei zu. Etwas in meinem Innern ſagte mir, ich würde jetzt den Pater dort treffen; und der Wunſch, mit dieſem eigenthüm¬ lichen Manne bekannt zu werden, überwand in mir nach und nach die Bedentlichkeit, ihm durch mein Erſcheinen eine un¬ willkommene Störung zu bereiten. Ich nahm mir ſogar vor, ihn zu grüßen, eine Höflichkeitsbezeugung, die, ſeinem Stande gegenüber, eben nichts Befremdendes oder Auffallendes haben konnte. Vielleicht erwiederte er meinen Gruß mit einigen freundlichen Worten und der erſte Schritt zur gegenſeitigen Annäherung war gethan.

Mein Herz ſchlug erwartungsvoll, als ich die Baſtei be¬ trat. Ich hatte mich nicht getäuſcht; dort lag er, in ein Buch vertieft, unter den abgeblühten Fliederbüſchen. Nun aber16 überkam mich eine Art Blödigkeit, jener eines Verliebten nicht unähnlich, der, mit dem feſten Vorſatze, ſich heute oder nie mehr zu erklären, ſcheu und verwirrt an dem Gegenſtande ſeiner Sehnſucht vorüberſchleicht. Ich trat unwillkürlich ſo leiſe auf, daß mich der Prieſter gar nicht hören konnte, und als er jetzt doch aufſah und mich, wie es ſchien, mit wohl¬ wollender Ueberraſchung betrachtete, hatte ich ſchon den rechten Moment, ihn zu grüßen, verſäumt. Ich trat an die Bruſt¬ wehr, um meine Verlegenheit hinter dem Bewundern der Aus¬ ſicht zu verbergen. Als ich ſo daſtand, wurde es mir immer klarer, wie wenig es mir ziemen mochte, meine Perſon dem ſtillen, in ſich abgeſchloſſenen Manne aufzudringen; und mit dem beſchämenden Gefühle, bald eine Taktloſigkeit begangen zu haben, ſchickte ich mich wieder zum Fortgehen an. Da hörte ich mich plötzlich von dem Pater im reinſten, nur etwas hart klingenden Deutſch angeſprochen. Herr Officier, ſagte er, indem er aufſtand, beliebt es Ihnen nicht, den Platz hier im Schatten einzunehmen. Die Sonne verweilt bis zum Unter¬ gange über dieſem Theil des Forts; Sie würden nirgend eine Stelle finden, die Ihnen, gleich dieſer, den behaglichen Genuß, der Ausſicht auf die Dauer geſtattet.

Sie ſind ſehr gütig, geiſtlicher Herr, erwiederte ich, noch immer befangen, daß Sie meinetwegen auf dieſen Genuß verzichten wollen.

Er ſteht mir ja jederzeit zu Gebote. Ein um ſo größeres17 Vergnügen muß es für mich ſein, Jemandem, der ſich, wie ich ſchon unlängſt zu bemerken Gelegenheit hatte, in dieſer Einſamkeit wohl fühlt, mein gewöhnliches Leſeplätzchen über¬ laſſen zu können.

Von welchem ich Sie ſchon damals, freilich ohne es zu wollen, vertrieben habe, ſagte ich, im Innerſten erfreut, daß er ſich meiner erinnerte.

Oder ich Sie, entgegnete er lächelnd. Sie ſind ja gleich nach mir weggegangen.

Um Ihnen zu zeigen, daß ich meinen Mißgriff ein¬ geſehen.

Ich weiß es; und Sie haben mir Ihres Zartgefühles wegen herzlich leid gethan. Aber ich denke, wir ſollten uns nicht länger mit der Erörterung mühen, wer von uns Beiden eigentlich den Andern aus dieſer Laube vertrieben, ſondern uns vielmehr einträchtig in der unſchuldigen Urheberin unſeres kleinen freundſchaftlichen Streites niederlaſſen, die wohl Raum genug dazu bietet. Zwei Leſende, ſetzte er mit einem Blicke auf das Buch unter meinem Arme hinzu, vertragen ſich ja leicht und ſtören einander nicht. Mit einer Handbewegung, die mich zu folgen einlud, lagerte er ſich wieder in den Schat¬ ten und nahm ſein Buch vor. Ich that ein Gleiches; aber mein Blick ſchweifte beſtändig über die Seiten nach meinem Nachbar hinüber, in deſſen Geſichtsbildung etwas wunderbar Anziehendes lag. Die Stirn war gerade nicht hoch zu nennen,Saar, Novellen aus Oeſterreich. 218trat jedoch über der ſchmalen Naſenwurzel frei und ſchön ge¬ wölbt aus den Haaren hervor. Um den etwas großen, leicht eingekniffenen Mund lag ein feiner Schmerzenszug, der eigen¬ thümlich von der milden Heiterkeit der graublauen Augen ab¬ ſtach. Mit Ausnahme einer tiefen Furche zwiſchen den Brauen, war noch keine Falte in dieſem edlen Antlitze zu ſehen, das den Pater bei näherer Betrachtung jünger erſcheinen ließ, als man ſonſt denken mochte. Er konnte das vierzigſte Lebens¬ jahr noch nicht lange überſchritten haben.

Es war, als ob auch ſein Auge von einem gleichen Beobachtungsdrange gelenkt würde; denn plötzlich begegneten ſich unſere Blicke.

Wir ſtören uns doch, ſagte er mit einem flüchtigen Lächeln. Es iſt aber auch unverantwortlich, daß wir uns an das ge¬ druckte Wort halten und das lebendige, das uns doch eigent¬ lich zunächſt geboten iſt, verſchmähen. Dabei klappte er ſein Buch zu und legte es neben ſich hin. Mein Blick ſtreifte den Titel auf dem Umſchlage; es war eine zu jener Zeit vieler¬ wähnte materialiſtiſche Schrift.

Er mußte in meinen Zügen ein gewiſſes Befremden darüber wahrnehmen, denn er fragte: Kennen Sie dieſes Buch?

Ich bejahte es.

Und Sie ſcheinen ſich zu wundern, daß ich es leſe, fuhr er fort. Es mag ſich allerdings etwas ſeltſam bei mir19 ausnehmen; man müßte denn vorausſetzen, daß ich es mit dem empörten Feuereifer eines Inquiſitors durchſtöbre. Ich geſtehe, dies iſt nicht der Fall. Ich bin vielmehr dieſer Schrift bis jetzt mit vielem Vergnügen gefolgt; denn ich intereſſire mich für jede wiſſenſchaftliche Leiſtung, wiche ſie auch noch ſo ſehr von meinen eigenen Anſichten und Ueberzeugungen ab. Ich habe ſeit jeher dem Satze gehuldigt: Prüfe Alles und behalte von Jedem das Beſte.

Und hiezu, ſagte ich von dem warmen und dabei ſchlichten Ton ſeiner Worte hingeriſſen, hiezu iſt auch die glückliche Einſamkeit, in der Sie leben, wie geſchaffen. Hier iſt es Ihnen vergönnt, in erhabener Ruhe an Alles, was im Lärm des Tages hervorgebracht wird, und daher faſt ohne Ausnahme mehr oder minder von Parteileidenſchaften gefärbt und verfälſcht iſt, den Prüfſtein des reinen Erkennens zu legen, und ſo recht eigentlich die Spreu vom Weizen zu ſondern.

Er ſah mich etwas überraſcht an. Nun, dieſer Vorzug erſcheint mir denn doch kein ſo beſonderer und wünſchens¬ werther. Er iſt das gewöhnliche Attribut müßiger Beſchaulichkeit.

Deren Sie ſich doch nicht ſelbſt anklagen werden? rief ich aus.

Muß es denn nicht Jeder, deſſen Leben ohne beſtimmtes, in irgend einer Richtung förderliches Wirken oder Hervorbrin¬ gen verläuft? fragte er ruhig.

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Wirken Sie denn nicht, indem Sie die Pflichten Ihres Amtes erfüllen?

Ich bin nichts als eine Art Guardian unſerer Kirche auf dem Wyſchehrad, und meines Amtes iſt, jeden Sonntag eine Meſſe zu leſen und dann und wann einen Todten zu begraben.

Und Betrübte aufzurichten, Verirrte zu ermahnen, und Schuldige zu beſſern, ſetzte ich hinzu.

Ich wollte, daß ich es könnte, ſagte er ſtill vor ſich hin.

Sie haben keinen Grund, daran zu zweifeln, verſetzte ich warm. Ich habe letzthin nur zu gut wahrgenommen, wie ſehr Ihre Predigten die Zuhörer ergreifen.

Auf wie lange? Die Luft vor der Kirche bläſ't wieder Alles weg. Und ſo kommt Jeder am nächſten Sonntage ganz als derſelbe herauf, der er vor acht Tagen geweſen. Es iſt dies auch natürlich, denn was ſollen Worte dort ausrichten, wo nur ein thätiges, liebevolles Eingreifen in die Verhältniſſe des Einzelnen Hilfe und ſomit Troſt bringen könnte. Ich habe, ſo lange ich Prieſter bin, blos ein einziges Mal Jemand durch meine Worte wahrhaft getröſtet, und auch das nur, weil ein eigenthümlicher Zufall dabei im Spiele war. Und dann, ſetzte er raſch, wie um eine Erinnerung zu verdrängen, hinzu, was vermögen leere Ermahnungen gegen den nun einmal21 in jeder Menſchenbruſt wurzelnden Hang zum Böſen! Man ſollte dem Verirrten den Weg zum Guten nicht blos weiſen, ſondern ihn auch darauf hinführen und ein ziemliches Stück weit begleiten können. Dies wäre der eigentliche Zweck, die wahre Aufgabe des Prieſters. Wie ſoll er aber dieſer Auf¬ gabe gerecht werden in einer Zeit, wo die Religion faſt ganz zu einer politiſchen Formel herabgeſunken iſt, wo ihre Vertreter in hartnäckiger Abgeſchloſſenheit einen Staat im Staate bilden. Einen wahrhaft ſegensreichen Wirkungskreis kann der Prieſter nur unter patriarchaliſchen Zuſtänden gewinnen. So kommt es, daß noch hier und dort auf dem Lande ſich der Pfarrer einer kleinen Gemeinde mit gerechtem Stolze einen Seelenhirten nennen kann. Die Verhältniſſe der Gemeindemitglieder liegen offen vor ihm da; er hat es nicht erſt nöthig, auf eine zwei¬ deutige Art in ſie eindringen zu müſſen. Er iſt in der Lage, nach und nach jeden Einzelnen mit ſeinen Vorzügen und Fehlern kennen zu lernen. Wie leicht wird es da einem ein¬ ſichtsvollen, von wahrer Menſchenliebe beſeelten Manne einem andern würde freilich eben dadurch Gelegenheit geboten, Unheil zu ſtiften durch milde Werkthätigkeit und durch die Macht des Beiſpieles tröſtend, helfend, belehrend und anregend Aufzutreten, und ſo das Wort Gottes nicht blos zu predigen, ſondern auch darzuleben. Mir fällt bei dieſer Gelegenheit der ehemalige Pfarrer meines heimathlichen Dorfes ein. Es war ein Mann von energiſchem, faſt ſtrengem, aber keineswegs22 bigottem Charakter. Sein Latein reichte nicht weit, auch hatte er nur wenig in den Kirchenvätern geleſen: aber er hielt oft über einem Glaſe Wein den Bauern in der Schenke eindring¬ lichere Reden, als vielleicht jemals auf einer Kanzel geſprochen wurden. Rechtshändel und Streitſachen ließ er ſelten vor die Gerichte kommen, ſondern ſchlichtete das Meiſte ſelbſt auf eine verſtändige und gütige Art. Sein Stück Feld bebaute er mit eigenen Händen und war immer der Erſte bei der Arbeit; denn er wußte, daß die Menſchen eine Ermahnung dazu nicht gerne von Einem annehmen, der ſelbſt müßig geht. Oft er¬ ſchien er unvermuthet in der Schule, unterbrach den Vortrag des Lehrers und ſtellte einige Fragen an die Kinder. War er mit dem Examen zufrieden, ſo holte er Aepfel und Nüſſe aus der Taſche ſeiner groben abgenützten Soutane hervor, be¬ ſchenkte die Kleinen damit und ließ ſie vor der Zeit auf den Spielplatz hinaus. Dort ſah er ihnen eine Weile zu und erhöhte den Jubel noch manchmal dadurch, daß er ſich ſelbſt anordnend und belebend in's Spiel miſchte. So war er bei Alt und Jung beliebt, ein wahrer Vater ſeiner Gemeinde, die ihn nicht als einen Heiligen über ihr, ſondern als den beſten und weiſeſten Menſchen in ihrer Mitte verehrte. Wie ganz anders, wie vereinſamt nimmt ſich dagegen der Prieſter in größeren Städten aus. Von den wahrhaft Gebil¬ deten ob ſeiner falſchen Stellung bemitleidet, von den ſoge¬ nannten Aufgeklärten als Heuchler verſchrieen und an ſeinen23 menſchlichen Schwächen und Fehlern ſchonungslos controllirt, erſcheint er der Mehrzahl der Bevölkerung nur als der zu¬ fällige Träger eines gedankenlos überkommenen und ausgeübten Cultus.

Ich glaubte zu träumen. Dieſe Worte klangen ſo außer¬ ordentlich, ſo überraſchend aus dem Munde eines katholiſchen Prieſters; waren in einem ſo ruhigen Tone tiefer, im Inner¬ ſten wurzelnder Ueberzeugung geſprochen, daß ich in ſchweigende Bewunderung verſank. So trat eine Pauſe ein, während welcher wir Beide nach der Sonne blickten, die uns gegenüber, in einem Meere von Glanz ſchwimmend, langſam hinter den Höhen hinabtauchte.

Ich denke, wir gehen, eh 'es völlig Nacht wird, ſagte endlich der Pater. Wir erhoben uns und ſchritten ſtill neben einander hin. Als wir uns der Kirche näherten, ſuchten meine Augen unwillkürlich den weißen Obelisk im Dämmerdunkel des Friedhofes. Dabei erwähnte ich des tiefen Eindruckes, den dieſer Grabſtein letzthin in mir hervorgebracht.

Etwas wie der Schatten einer Erinnerung legte ſich über das Antlitz meines Begleiters; und als ich fragte, ob er mir vielleicht Näheres über die Todte mittheilen könnte, ſagte er, indem er gedankenvoll vor ſich hinſah: Sie war das einzige Kind eines Großhändlers und die erſte Leiche, die ich hier oben beſtattete.

Wir waren mittlerweile vor dem Prieſterhauſe angelangt. 24Drüben ſaß der Zeugwart zwiſchen Weib und Kind vor der Thür und rauchte ſeine Abendpfeife.

Ich bin daheim, ſagte der Pater. Wenn es Ihnen gefällt, bei mir einzutreten, ſo ſind Sie herzlich willkommen. Da ich mich verbindlich verneigte, öffnete er das Thor und führte mich über den einſamen Flur eine breite, dunkelnde Treppe hinan. Oben ſchloß er eine von den Thüren auf, die in einer Reihe den Corridor hinliefen, und ließ mich in ein ziemlich weitläufiges Gemach treten.

Nehmen Sie indeſſen nur hier Platz, ſagte er und wies auf ein bequemes Sopha. Ich werde ſogleich Licht machen.

Während er an einer großen Kugellampe hanthierte, ſah ich im dämmerigen Raume umher. Die Wände waren zum Theil von oben bis unten durch dichtbeſtellte Bücherrepoſitorien verdeckt; dazwiſchen erhoben ſich hohe Glasſchränke, welche naturwiſſenſchaftliche Sammlungen zu enthalten ſchienen. Auf einem geräumigen Tiſche in der Nähe der Fenſter ſtanden und lagen chemiſche und phyſikaliſche Inſtrumente umher; ein zwei¬ ter Tiſch war ganz mit Papieren und Schriften bedeckt. Trotz¬ dem wehte mir von allen Seiten wohnliches Behagen entgegen und gab ſich, als jetzt das milde Lampenlicht das weite Gemach durchfluthete, immer deutlicher kund. Die Fenſtergardinen, hinter welchen das dunkle Grün tropiſcher Gewächſe hervor¬ lugte, waren von tadelloſer Friſche, und an den Büchereinbänden,25 ſowie auf dem krausgeformten und wunderlich blinkenden Gläſer¬ werk war kein Stäubchen zu ſehen. An der rückwärtigen Wand gewahrte ich ein großes, wohlgebautes Harmonium; eine Copie der ſixtiniſchen Madonna, in Kupfer geſtochen, hing ſchlicht eingerahmt darüber.

Der Pater verſah die Lampe mit einem Schirme, ſtellte ſie auf den Tiſch vor dem Sopha und ließ ſich neben mir nieder. Es iſt eigenthümlich, begann er, wie ſich Menſchen, die unter ganz verſchiedenartigen Verhältniſſen leben, manchmal raſch und unvermuthet zuſammenfinden. Wie hätt 'ich mir's jemals träumen laſſen, einen jungen Offizier in meiner ein¬ ſamen Behauſung zu empfangen.

Auch ich hatte nicht gehofft, als ich das erſte Mal an dieſen ſtillen Mauern vorüberging, daß ich mir ſobald das Wohlwollen des Mannes erwerben würde, der hier ſeine Tage, wie ich jetzt ſehe, in nichts weniger als müßiger Beſchaulichkeit verbringt.

Also in müßiger Thätigkeit, wenn Sie ſchon nicht anders wollen, ſagte er lächelnd. Ich treibe zu meinem Vergnügen etwas Naturwiſſenſchaften; das iſt das Ganze.

Je nun, erwiederte ich, wer weiß, ob Ihre Studien nicht einem ernſteren Antriebe entſpringen, als Sie ſelbſt geſtehen wollen. In den Heften und Convoluten dort, fuhr ich mit einem Blick nach dem Schreibtiſche fort, ſcheint bereits manches Ergebniß einer tieferen Forſchung niedergelegt zu ſein.

26

Es ſind bloße Excerpte, ſagte er haſtig, indem er leicht erröthete. Aufzeichnungen, wichtig für mich, unbedeutend für Andere. Ich fühle mich nicht berufen, die Wiſſenſchaft durch Entdeckungen zu bereichern, oder auch nur die Zahl der ſchwe¬ benden Hypotheſen durch Aufſtellung einer neuen zu vermehren. Ich bin, wie geſagt, ein bloßer Dilettant. Ich nehme Pflanzen in meine Herbarien auf, wegen deren ſich ein Anderer ſchwerlich mehr bücken möchte, und ergötze mich an Experimenten die jeder Quartaner als längſt abgethanen Schulkram verächtlich belächeln würde. Die mikroscopiſche Unterſuchung des Waſſers, das einer in's Glas geſtellten harmloſen Blume einen Tag lang das Leben gefriſtet, erfüllt mich mit derſelben Forſcher¬ freudigkeit und wiſſenſchaftlichen Ueberraſchung, mit welcher irgend ein berühmter Mann die Infuſorienwelt des ſtillen Oceans ergründet; und wenn ich zuweilen, mit Hammer und Botaniſirkapſel ausgerüſtet, einen Ausflug längs der Flußufer oder nach den umliegenden Höhen unternehme, ſo iſt mir dabei zu Muthe, wie es Humboldt geweſen ſein mußte, als er das Gebiet des Orinoco durchſtreifte und die Cordilleren beſtieg. Und ſo wird mir das Stückchen Natur um mich her zum Teiche Bethesda, in dem ich die Seele bade und erfriſche, um ſie vor den Einflüſſen der Langweile zu ſchützen, die ſonſt unfehlbar mein einfaches Leben beſchleichen müßte.

Was um ſo weniger der Fall ſein wird, als Sie, wie ich ſehe, noch ein zweites Gegenmittel in Bereitſchaft haben.

27

Ja, ſagte er, mein Harmonium.

Ich hatte dieſes Inſtrumentes wohl ſchon öfter erwähnen, aber noch nie darauf ſpielen hören, und bemerkte dies dem Prieſter.

Ich ſelbſt beſitze es noch nicht lange, erwiederte er, in¬ dem er den Schirm auf der einen Seite empor ſchob, ſo daß der volle Lichtſtrom gegen die rückwärtige Wand fiel. Ich pflegte früher die Orgel zu ſpielen. Da ich aber dazu immer erſt in die Kirche gehen und die Hilfe eines Zweiten in An¬ ſpruch nehmen mußte, ſo ſchaffte ich mir endlich dieſes Inſtru¬ ment an, das in Hinſicht auf Conſtruction und Klang der Orgel am nächſten kommt und dabei eine größere Bequem¬ lichkeit geſtattet.

Ich hatte inzwiſchen unverwandt nach dem Bilde geſehen, deſſen ewig neuen Zauber ich hier wieder auf das tiefſte empfand. Und je länger ich das Antlitz der Gottesmutter betrachtete, die mit ihren großen, unergründlichen Augen wie verwundert auf den fauſtiſchen Apparat im Zimmer zu blicken ſchien, je mehr fiel mir die Aehnlichkeit deſſelben mit dem einer Perſon auf, deren ich mich aber, wie dies oft der Fall zu ſein pflegt, nicht gleich entſinnen konnte.

Der Prieſter war aufgeſtanden, hatte ſich an das Har¬ monium geſetzt und legte die Spitzen ſeiner langen weißen Finger auf die Taſten. Nicht wahr, ein wunderbares Bild? ſagte er. Man kann ſich nicht ſatt ſchauen daran. Das28 kommt aber daher, weil man ſeine eigentliche Schönheit mit den Blicken gleichſam erſt aus der Tiefe an die Oberfläche ſaugen muß. Beim erſten Hinſehen erſcheint es faſt leer und läßt kalt. Solchen, die kein geiſtiges Auge beſitzen, wird es niemals ein rechtes Wohlgefallen abgewinnen. Ich möchte das Original vor mir haben können.

Der Ausdruck im Geſichte der Madonna iſt einzig in ſeiner Art, erwiderte ich nachdenklich. Und doch findet man zuweilen Köpfe, beſonders bei Frauen im Volke, die mehr oder minder jenen kindlich erhabenen und, wenn ich ſo ſagen darf, rührend unfertigen Zug aufweiſen, der uns hier ſo ſehr entzückt. So iſt es mir, als hätte ich erſt unlängſt ein der¬ artiges Geſicht geſehen; ich weiß nur nicht wo.

Ich weiß es, ſagte er. Hier in der Citadelle.

Nun war ich darauf gebracht. Richtig! rief ich aus, an das junge Weib Ihnen gegenüber hat mich das Bild gemahnt.

Es freut mich, durch Sie meine eigene Anſicht beſtätigt zu finden, die vielleicht eine rein ſubjective hätte ſein können. Denn im Grunde genommen, ſind die Züge doch ganz ver¬ ſchieden, und die Aehnlichkeit liegt wohl nur in dem eigen¬ thümlichen Schnitt und Blick der Augen. Beweis deſſen, daß der Zeugwart, als ich ihn einmal vor das Bild führte, an¬ fangs auch nicht die geringſte Aehnlichkeit mit ſeinem Weibe finden wollte, und erſt nach und nach, und das nur, wie es29 mir ſchien, mehr aus pflichtſchuldiger Höflichkeit, als aus Ueberzeugung miteinſtimmte.

Er hatte ſchon während dieſer letzten Worte zu ſpielen, begonnen. Es waren zuerſt leiſe Töne, die er anſchlug; aber immer voller, immer mächtiger rauſchten ſie unter ſeinen Hän¬ den auf. Er ſchien kein beſtimmtes Muſikſtück vorzutragen, ſondern ganz einer innern Eingebung zu folgen. Sein Haupt war leicht zurückgebogen, den Blick halb durch die geſenkte Wimper verſchleiert; auf ſeiner blaſſen Stirn lag der Reflex des Lampenlichtes wie ein Glorienſchein.

In tiefes Lauſchen verſunken, ſaß ich da. Von draußen drang der Duft der Lindenblüthen in's Gemach herein und quoll mit den feierlichen Schwingungen der Töne zuſammen.

Als jetzt der Pater mit einer lang nachhallenden Cadenz ſchloß, machte ich meinen Gefühlen in den Worten Luft: Wahrlich, Sie ſind beneidenswerth! Welch 'ein herrliches, reiches Daſein führen Sie in ihrer Abgeſchiedenheit. Geſtehen Sie, fuhr ich, mich erhebend, fort, daß Sie glücklich ſind, ſo glücklich, als es nur irgend eine ſtillbegnügte Menſchenſeele ſein kann!

Ja, ſagte er, indem er gleichfalls aufſtand und mich mit leuchtenden Augen anſah, ich bin glücklich. Aber auch ich war es nicht immer. Denn das Kleid, das ich trage, iſt kein dreifaches Erz und wappnet die Bruſt nicht immer gegen die Gewalten des Lebens. Wenn wir, wie ich hoffe, näher mit30 einander bekannt werden, ſetzte er hinzu, da er ſah, daß ich mich zum Fortgehen anſchickte, ſo will ich Ihnen einmal bei Gelegenheit Etwas aus früheren Tagen erzählen, zum Beweiſe, daß auch mein ſtilles, unbeachtetes Daſein nicht ganz ohne Prüfungen, ohne Kampf und Qual geweſen. Er geleitete mich zum Thore hinab. Leben Sie wohl, ſagte er, auf Wiederſehen!

So entſpann ſich zwiſchen mir und dem Pater eine jener Freundſchaften, wie ſie zuweilen unter Männern von ungleichem Alter vorkommen, und welche dann mit zu den edelſten Ver¬ hältniſſen gehören, in denen ein Menſch zum andern ſtehen kann. In gewöhnlichen Lebensbeziehungen durch die Verſchie¬ denheit des Standes auseinander gehalten, wurden wir deſto feſter durch das geiſtige Intereſſe, das wir an einander fanden, verbunden. Ich beſuchte ihn nun wöchentlich in ſeiner einſamen Stube, wo wir den Nachmittag unter anregenden wiſſenſchaft¬ lichen Geſprächen, noch öfter aber über ſeinen Büchern und Sammlungen oder am Experimentirtiſche zubrachten; denn er hatte es unternommen, mich in die Naturwiſſenſchaften, darin er eben ſo tiefe als ausgebreitete Kenntniſſe beſah, einzuführen. Gegen Abend gingen wir gewöhnlich auf eine Stunde in's Freie, und nahmen dann ein beſcheidenes Mahl ein, das uns31 der alte Kirchendiener nebſt einem Kruge leichten Landbieres oder einer Flaſche Melniker auftrug. Der Pater machte dabei mit ſtiller Zuvorkommenheit den Wirth; ihm ſelbſt merkte man es beinahe nicht an, daß er oder trank, ſo flüchtig weg, ſo ganz ohne alles Behagen that er es. Trotz dieſes vertrauten Umganges wurden perſönliche Angelegenheiten oder Verhält¬ niſſe zwiſchen uns faſt niemals berührt. Ich wußte von ihm nicht mehr, als daß er einem in der Stadt befindlichen Stifte angehörte, mit ſeinem Ordensnamen Innocens heiße, und der Sohn armer Landleute ſei, die ſchon lange geſtorben waren. Er hingegen mochte in mir einen Menſchen erkennen, der ſich in einer ihm wenig zuſagenden Lebensſtellung befand; aber er vermied es, mich in dieſer Hinſicht irgendwie auszuforſchen. Auch von dem, was er mir damals zu erzählen verſprochen hatte, that er keine Erwähnung mehr. Vielleicht hatte er ſeine Zuſage vergeſſen: vielleicht erwartete er, ich würde ihn daran erinnern, was ich jedoch, um nicht zudringlich zu erſcheinen, unterließ. Von Zeit zu Zeit traf ich bei ihm mit einem be¬ ſcheidenen, wohlgebildeten Jüngling zuſammen, in dem man beim erſten Blick einen Bruder des jungen Weibes erkennen mußte. Wie aus ſeinen Reden hervorging, hatte er erſt vor kurzen, die ärztlichen Prüfungen abgelegt und ſtand an einer öffentlichen Heilanſtalt in Verwendung. Gegen Innocens legte er eine tiefe und, wie es ſchien, mit Dankbarkeit verbundene Ehrerbietung an den Tag.

32

Inzwiſchen war der Sommer, war der Herbſt vergangen und endlich der Winter gekommen, deſſen Stürme und Schnee¬ geſtöber mich nicht abhielten, nach wie vor das Prieſterhaus auf dem Wyſchehrad aufzuſuchen. Aber der wieder erwachende Lenz ſetzte eine ſchlimme Zeitung in die Welt: die Kriegser¬ klärung Piemonts. Dieſes Ereigniß überfiel mich um ſo un¬ vorbereiteter und gewaltſamer, als ich während der ſchönen Zeit des Verkehrs mit Innocens die Politik ganz und gar ver¬ geſſen hatte, und mein Regiment die Weiſung erhielt, nach Italien abzurücken. Da ſich bei ähnlicher Gelegenheit Befehle und Anordnungen überſtürzen, ſo fand ich im Drange einer haſtigen und verworrenen Dienſtesthätigkeit kaum noch Zeit, meinen geiſtlichen Freund von unſerer ſo bald bevorſtehenden Trennung perſönlich in Kenntniß zu ſetzen und noch einige Stunden bei ihm zuzubringen.

Als ich mit beklommenem Herzen bei ihm eintrat, betrachtete er eben mit erhabener, geiſtvollen Naturfreunden eigenthümlicher Naivetät ein paar Schneeglöckchen, die er in der Hand hielt. Er ſtand auf und ſchwenkte mir, gleichſam im ſtillen Triumphe, dieſe erſten Boten des Frühlings entgegen. Als ich ihm aber jetzt die Vorfallenheiten erzählte, da ſenkte ſich ſeine Hand all¬ mälig und ſein Mund kniff ſich immer tiefer und ſchmerzlicher ein. Das iſt raſch über uns hereingebrochen , ſprach er ton¬ los vor ſich hin.

Wir blieben uns eine Zeit lang ſchweigend gegenüber. 33Endlich ſagte er: Der Nachmittag iſt ſchön. Laſſen Sie uns zum letzten Male miteinander einen Gang nach der Stelle thun, wo wir uns kennen gelernt. So verließen wir das Haus und begaben uns langſam und nachdenklich auf die Baſtei. Kahl und öde lag noch die Gegend da; aber einige frühblühende Obſtbäume ſtanden ſchon in ihrem weißen Schmucke, die Luft roch nach Veilchen und in geheimnißvoller Triebkraft ſchien die Erde leiſe zu beben. Hier und dort ſtieg von den braunen Feldern ſchmetternd eine Lerche empor.

Innocens deutete über die Bruſtwehr hinaus: Welch 'ein tiefer Gottesfriede liegt über der Gegend! ſagte er. Sehen Sie nur dort das läſſig ſchreitende Zwiegeſpann vor dem Pfluge und hintendrein den arbeitsfrohen Landmann! Und hier unten den ſchaukelnden Kahn und den Schiffer darin, der das Ruder weggelegt hat, weil ihn die glatte Fluth ſchnell und ſicher zum Ziele trägt! Wahrlich, wenn man die Welt ſo vor ſich ſieht im Sonnenſchein, und die harmloſen Thier - und Menſchengeſtalten darauf, man ſollte glauben, ſie ſei ein Eden, deſſen heitere Ruhe niemals durch das wüſte Geſchrei kämpfender Schaaren wäre geſtört, deſſen Fluren niemals mit argvergoſſenem Blute wären getränkt worden.

Und unter ſolchen Umſtänden , fuhr ich fort, muß ich Italien kennen lernen! Es war ſeit jeher mein ſchönſter Traum, dieſes Land mit den heiligen Schauern, mit der ge¬ nießenden Freiheit und Ruhe eines fahrenden Schülers be¬Saar, Novellen aus Oeſterreich. 334treten zu können. Und jetzt ſoll ich als ein rauher Kriegs¬ knecht, bereit zu morden und zu verwüſten, über die Alpen ziehen!

Wie einſt unſere Vorfahren unter den Ottonen und Heinrichen, und unter den Hohenſtaufen , erwiederte er. So pflanzen ſich die Wellenkreiſe, die der Sturz des römiſchen Koloſſes hervorgebracht, noch nach einem Jahrtauſende fort, und wir ſind eigentlich auf unſerem Welttheile noch immer Barbaren, ſo ſehr wir uns auch mit den Fortſchritten unſerer Civiliſation brüſten mögen. Aber , ſetzte er nach einem kurzen Beſinnen hinzu, indem er mich raſch anſah, der Zwang der Lehenspflicht und Hörigkeit iſt glücklicher Weiſe, wenn auch nur in ſeiner bindendſten Bedeutung vorüber. Ich weiß, daß Sie ſich ſchon lange im Stillen mit dem Gedanken tragen, den Militärdienſt zu verlaſſen. Thun Sie es jetzt; man kann, glaub 'ich, einem Offizier den Abſchied nicht verweigern, wenn er darum anſucht.

Allerdings nicht. Allein man würde mich für einen Feigling halten, dem um ſein Leben bangt. Gerade jetzt kann und darf ich den Abſchied nicht fordern.

Sie haben Recht, ſagte er mit einem leichten Seufzer; es geht nicht. Man kann ſich über gewiſſe herrſchende Mei¬ nungen und Anſichten, ohne ſich oft ſein ganzes Leben zu ver¬ derben, nicht hinwegſetzen.

Die Sonne war indeſſen tiefer geſunken, und vom Fluß35 herauf wehte es feucht und kühl; ſo kehrten wir wieder nach Hauſe zurück. Die Lampe ward angezündet und wir ließen uns auf das Sopha nieder. Dort ſaßen wir ſchweigend, die Blicke auf einander geheftet, als wollte Jeder ſich noch einmal das Bild des Andern ſo recht tief in's Herz prägen.

Um die gewohnte Stunde kam der Alte mit dem Abend¬ eſſen, an das wir einſylbig und gedankenvoll gingen. Zuletzt ſchenkte Innocens die Gläſer voll und ſagte: So müſſen wir denn ſcheiden. Wer am meiſten dabei verliert, bin ich. Denn, fuhr er, meine Einwendung abſchneidend, fort, ſo unangenehm Ihnen die Ereigniſſe, denen Sie folgen müſſen, auch ſein mögen; das Ungewohnte und Wechſelvolle daran wird Sie doch gewaltſam über das Schmerzliche unſerer Trennung hin¬ wegreißen. Und wenn alles überwunden und abgethan iſt, dann liegt das Leben wieder in einer neuen Bedeutung, mit friſchen Hoffnungen vor Ihnen. Sie ſind noch jung; welche Erlebniſſe, welche Eindrücke harren noch Ihrer, mit was für Menſchen können Sie noch bekannt und befreundet werden! Ich aber bleibe in meiner Einſamkeit zurück. Ich werde Sie jeden Tag, zu jeder Stunde vermiſſen. Selbſt meine gewohnte Thätigkeit wird mir verwaiſ't erſcheinen, da Sie ſchon ſo innig damit verknüpft waren und ſo bleibt mir kein anderer Troſt, als der der Erinnerung. Er hielt mir bei dieſen Worten ſein Glas entgegen, in welchem der flüſſige Rubin des Weines wunderſam funkelte. Wir ſtießen an und tranken, worauf er3*36fortfuhr: Ich habe noch Etwas auf dem Herzen, das ich Ihnen ſchon vor faſt einem Jahre einmal mitzutheilen ver¬ ſprochen. Ich will es jetzt thun, denn mir iſt,[] als ſollt 'ich Ihnen beim Scheiden das Bild ergänzen, welches Sie von mir, ich weiß es, freundlich im Gedächtniſſe bewahren werden. Er ſtützte das Haupt auf die Hand und ſah einen Augenblick nachdenklich vor ſich hin.

Wie Sie wiſſen, begann er, bin ich der Sohn armer Landleute. Meine Kindheit war im Ganzen eine ziemlich freud¬ loſe. Ich mußte ſchon früh meinen Eltern bei der Feldarbeit an die Hand gehen und überdieß fleißig die Schule beſuchen; denn es hieß, ich ſollte einmal ſtudiren. Wirklich wurde ich ſpäter, obwohl man mich zu Hauſe ſchwer entbehrte, nach der Hauptſtadt gethan, um das Gymnaſium zu beſuchen. Dort wurde ich bald das Stichblatt meiner Mitſchüler, die boshaft genug waren, ſich über meine langen Beine, mein ſchüchternes, linkiſches Benehmen, über meinen altväteriſchen Anzug luſtig zu machen und mir allerlei muthwillige Streiche zu ſpielen. Obgleich mir dies auch anfangs viele trübe Stunden bereitete, ſo hatte es doch das Gute, daß ich mich nach und nach ganz von ihrem Umgange zurückzog und ſomit nie in die Verſuchung kam, an dem ſonſtigen Treiben dieſer frühreifen Knaben theil¬ zunehmen. Ich lebte damals in einer ärmlichen Dachſtube auf der Kleinſeite, wo mich ein entfernter Anverwandter bereit¬37 willigſt aufgenommen hatte. Er war ſchon ziemlich bejahrt, weib - und kinderlos und bekleidete die Stelle eines Aufſehers am zoologiſchen Muſeum der Stadt. Er brachte öfter ſeltene Thiere mit nach Hauſe; denn zu ſeinen Obliegenheiten gehörte es, dieſelben auszubälgen oder in Weingeiſt zu ſetzen. Dabei mußt 'ich ihm nun helfen, und auf dieſe Art erwachte in mir der Hang zum Studium der Natur und ſchlug immer tiefer in meinem Gemüthe Wurzel. Da an unſeren Gymnaſien zu jener Zeit ſelbſt die Anfangsgründe der Naturwiſſenſchaften engherziger Rückſichten halber von den Lehrgegenſtänden noch ausgeſchloſſen waren, ſo wendete ich meinen geringen Spar¬ pfennig daran, mir einige einſchlägige und leichtfaßliche Bücher zu erwerben. Oft verweilte ich ſtundenlang in den lautloſen Sälen des Muſeums, zu denen mein Pflegevater die Schlüſſel hatte und wo mich die bunte Thierwelt in den verſchieden¬ artigſten Stellungen und Lagen regungslos, und doch wie lebendig, mit ſeltſam ſtieren Blicken anzuſehen ſchien, ſo daß ich mich anfangs eines leiſen Schauders nicht hatte erwehren können. Bald aber war ich mit ihr ganz vertraut geworden und meine kindliche Phantaſie brachte Athem und Bewegung in die ſtarren Geſtalten. Ich ließ den breitmähnigen Löwen und den ſchön gefleckten Königſtiger aus ihrem gläſernen Ge¬ fängniß heraustreten und majeſtätiſch einen hohen Palmenwald durchſchreiten, wo die Abgottſchlange zwiſchen leuchtenden Blumen den furchtbaren Leib emporringelte, zähnefletſchende Affen an38 den Stämmen auf - und abkletterten, krummſchnäblige Papageien in den Wipfeln kreiſchten und Colibri gleich farbigen Funken die Luft durchſchoſſen. Oder ich tauchte mit den plumpen, abenteuerlichen Fiſchungethümen zu dem zahlloſen Gewimmel in den Abgründen des Meeres hinunter, ſah über mir die Kiele der Schiffe wegfahren, und die Polypen ſtill an den Riffen bauen. An ſchönen Ferientagen aber verließ ich ſchon mit dem Früheſten die Stadt und ging auf's Gerathewohl in's Land hinein, nur gelenkt durch den Flug der Schmetterlinge und Käfer, auf deren Jagd ich auszog. Dabei las ich in der Eile auf, was mir gerade an Pflanzen oder Steinen in die Augen fiel und belud mich damit. Wenn ich mich dann recht warm und müde gelaufen hatte, ruhte ich irgendwo im Schatten aus; am liebſten bei unbewegten, von Erlen und Weiden um¬ düſterten Waſſern, über deren Spiegel blitzende Libellen ſchwirr¬ ten, zartbeinige Spinnen hintanzten, während dann und wann aus der Tiefe ein ſchnappender Froſch ausgluckſte.

So wuchs ich allmälig zum Jüngling heran und trat endlich, da mich meine Eltern zum geiſtlichen Stande beſtimmt hatten, als Noviz in unſeren Orden, der mich nach vollendeten Studien und zurückgelegter Probezeit als Pater aufnahm. Durch beſcheidene Dienſtwilligkeit und eine gewiſſe Unverdroſſenheit des Gemüthes, hatte ich mir bald bei meinen geiſtlichen Vor¬ geſetzten Liebe und Zutrauen erworben; aber plötzlich wurde meinem Anſehen ein ſchwerer Stoß verſetzt: man begann meine39 Frömmigkeit in Zweifel zu ziehen. Neid und Mißgunſt waren, wie überall in der Welt, ſo auch in unſerem Kloſter anzu¬ treffen, und hatten die Gelegenheit wahrgenommen, meine harm¬ loſen Naturſtudien zu verdächtigen und anzuſchwärzen. Es verlautete nämlich, daß ich die Zeit, während welcher die an¬ dern Patres im ſchattigen Garten beſchaulicher Muße oblagen, ein Spielchen machten oder Spaziergänge in der Stadt unternahmen, mit verruchten, allen kirchlichen Dogmen hohnſprechenden Experimenten hinbringe, zu welchem Zwecke ich eine ganze Teufelsküche und die Werke aller alten und modernen Atheiſten in einem Wandſchranke meines Zimmers verborgen halte. Der damalige Abt, eine ängſtliche, etwas beſchränkte Natur, fand ſich durch dieſes Gerede veran¬ laßt, mich eines Tages in Begleitung noch zweier Mitglieder bei meinen einſamen Studien zu überraſchen, alles dazu Ge¬ hörige in Beſchlag zu nehmen und mir nach einem Verweiſe anzurathen, meine Fähigkeiten künftighin einer beſſeren Sache zuzuwenden. Es war ein tiefer Schmerz, den ich empfand, als man mir meine Apparate und Bücher forttrug. Ein bitteres, niederdrückendes Gefühl überkam mich; aber ich er¬ duldete Alles mit chriſtlicher Ergebung, wie es meinem Stande ziemte. Die Unthätigkeit, zu welcher ich mich jetzt verurtheilt ſah, laſtete in den erſten Tagen ſchwer auf mir. Aber ich bedachte, wie Vieles, das mit den Anſchauungen meiner Vorge¬ ſetzten nicht im Widerſpruche ſtand, ich noch zu lernen hatte;40 und ſo fand ich bald in eifrigen philologiſchen Studien Troſt und Beruhigung. Ich ging nach wie vor faſt niemals aus, und meine Erholung war, hie und da eine Stunde auf der Orgel unſerer Hauskapelle zu ſpielen. Ich hatte die erſte An¬ leitung dazu ſchon von meinem Schullehrer im Dorfe erhalten und benützte nun die Gelegenheit, dieſe Vorkenntniſſe zu er¬ weitern und auszubilden. Wenn ich ſo in der verlaſſenen Kapelle ſaß, und die Töne unter meinen Händen aufquollen, da zog ein tiefer Friede, eine lichte Seligkeit in meine Bruſt, und auch nicht ein Schatten dieſer Welt fiel hinein.

So war mir manches Jahr in ſanfter Gleichförmigkeit vorübergegangen, als der Abt plötzlich ſtarb. Sein Nachfolger, ein wohldenkender, vorurtheilsfreier Mann, der mich ſtets mit vieler Nachſicht behandelt und warm vertheidigt hatte, ließ mich eines Tages zu ſich beſcheiden. Wiſſen Sie, ſagte er, als ich bei ihm eintrat, daß der Verweſer unſerer Kirche auf dem Wyſcherad wegen andauernder Kränklichkeit um Amts¬ enthebung nachgeſucht hat? Ich bejahte es, da ich davon ge¬ hört hatte. Möchten Sie wohl, fuhr er fort, indem er mich forſchend anſah, ſeine Stelle übernehmen? Er mußte in meinen Zügen ſogleich eine freudige Zuſtimmung wahrge¬ nommen haben, denn er klopfte mir ſchnell auf die Schulter und ſagte: Nun, ſo gehen Sie mit Gott. Es wird Sie Niemand darum beneiden; der Ort iſt gar zu einſam und abgeſchieden, wenn auch das Amt eine gewiſſe Selbſtſtändig¬41 keit und Freiheit gewährt, die Sie, das weiß ich, nicht mi߬ bauchen werden.

Mit welch 'wohlthuenden Gefühlen ich das ſtille Haus hier oben bezog, können Sie ſich vorſtellen. Ich war der hä¬ miſchen, ſpähenden, ziſchelnden Kloſtercameradſchaft los und konnte wieder unbehelligt meine geliebten, langentbehrten Ar¬ beiten aufnehmen, wozu mir der neue Abt Bücher und Ap¬ parate von ſelbſt hatte zurückſtellen laſſen.

Als ich nach der erſten Nacht, die ich hier oben zuge¬ bracht hatte, am frühen Morgen an's Fenſter trat, fiel mein Blick auf das kleine Haus gegenüber. Mit dem Einrichten meiner neuen Wohnung beſchäftigt, hatte ich es Tags vorher kaum beachtet; jetzt aber zog es meine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich. Thür und Fenſter waren geſchloſſen; Alles ſchien drinnen noch im tiefen Schlaf zu liegen. Nur die Hühner und Gänſe trieben ſchon vor der Schwelle ihr Weſen und die Tauben trippelten unruhig auf dem Dachfirſte umher. Wie ich ſo hinſah, überkam mich eine Art Heimweh. Es war mir, als ſäh 'ich das niedere, vom Dorfe etwas abgeſchiedene Häuschen vor mir, in dem ich meine Kindheit verlebt hatte, und als müſſe ſich jetzt und jetzt die Thüre öffnen und meine Mutter ſelig heraustreten. Und die Thüre öffnete ſich auch, aber die heraustrat, war ein junges Mädchen. Sie hatte ein weißes Tüchlein um den Kopf geworfen, und ſtreute aus der aufgenommenen Schürze Futter zu Boden. Ohne ſich wei¬42 ter um das raſch hinzuſtürzende Geflügel zu kümmern, ſchöpfte ſie Waſſer aus der Ciſterne und begab ſich wieder in das Haus zurück, aus deſſen Schornſtein alsbald ein leichter Rauch in die heitere Morgenluft aufſtieg. Mittlerweile war auch ein munter ausſehender Knabe über die Schwelle gehüpft, der nun mit dem Muthwillen ſeines Alters die emſig pickende Schaar von den reichlich zugemeſſenen Körnern zu verſcheuchen begann, wobei er ſich an dem Geſchrei und an der verwor¬ renen Flucht der furchtſamen Thiere weidlich zu ergötzen ſchien. Plötzlich aber wurde er von dem Mädchen, das raſch aus der Thüre eilte, beim Arme gefaßt und hineingezogen.

Drüben hatten ſich die verſprengten Gäſte allmälig wieder eingefunden, als es an meine Thüre klopfte. Es war der Kirchendiener, um mich zur Meſſe abzuholen, mit welcher ich mein Amt einweihen wollte. Bevor wir gingen, fragte ich den Mann, wer dort drüben wohne. Der Zeugwart, er¬ wiederte er, mit Weib und Kindern. Ein alter Knaſterbart, der die Franzoſenkriege mitgemacht und ſich den ruhigen Poſten hier oben durch manche Bleſſur verdient hat.

In der Kirche, welche gewöhnlich nur an Sonn - und Feiertagen offen iſt, war kein Beter anweſend. Als ich mich beim Evangelium umwandte, ſah ich das Mädchen herein¬ treten. Sie trug einen Korb am Arme und kniete in der Nähe des Altares nieder, an welchem ich die Meſſe las. Nach einem kurzen Gebete erhob und bekreuzte ſie ſich und ging wieder.

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Als ich am nächſten Sonntage zum erſten Male die Kanzel beſtieg, gewahrte ich ſie gleich beim erſten Hinſehen auf die Menge unter mir. Sie hatte ein blaues, bis an den Hals hinauf geſchloſſenes Kleid an, das ihr gar wohl zu den goldenen, ſchlichtgeſcheitelten Haaren ließ. Neben ihr im Bet¬ ſtuhle ſaß eine ſchon ziemlich bejahrte Frau, die man ſogleich für die Mutter erkannte. Während ich predigte, fühlte ich beſtändig ihren Blick aus den vielen heraus, die auf mich ge¬ richtet waren, und in dem Beſtreben, ihm auszuweichen, und doch wunderbar davon angezogen, irrte mein Auge ſcheu um die liebliche Geſtalt herum, ohne daß ich den Muth gehabt hätte, ſie anzuſehen. Deſto öfter jedoch blickte ich in den Tagen, die nun folgten, nach dem kleinen Hauſe hinüber, und bald paßte ich ſogar jeden Morgen den Augenblick ab, wo die Jungfrau vor der Thüre erſchien. So trat ihr Bild unver¬ merkt immer tiefer in mein Leben hinein, und verwuchs da¬ mit, eine holde Nothwendigkeit, wie Luft und Licht. Es fachte keinen Wunſch in mir an; aber wie an trüben ſonnenloſen Tagen ein dumpfer Druck auf Einem liegt, ſo überkam mich, wenn ich ſie zur gewohnten Stunde nicht ſah, ein geheimes Mißbehagen, das nicht eher wich, als bis ſich die ſchlanke Ge¬ ſtalt, wenn auch noch ſo flüchtig, vor dem Hauſe, am Fenſter oder im Gärtchen gezeigt hatte. Dann aber war es mir, als ſei es erſt jetzt vollends Tag geworden, deſſen helles Licht mich mit ſanfter Wärme und Heiterkeit durchſtröme.

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Eines Abends ſpät hatte ich eben die Lampe angezündet und mich über ein Buch gebeugt, als die Klingel am Thore ziemlich haſtig gezogen wurde. Ich erhob mich und trat an's Fenſter. Unten im Dunkel der Bäume ſtand das Mädchen Ein jäher, freudiger Schreck durchzuckte mich, und unwillkür¬ lich trat ich einen Schritt zurück.

Inzwiſchen hatte der Kirchendiener das Thor geöffnet und fragte jetzt nach ihrem Begehren.

Um Gottes willen, ſagte ſie mit ängſtlicher Haſt und unterdrücktem Weinen, meine Mutter iſt ſchwer krank; der geiſtliche Herr möchte ſie verſehen kommen.

Ich erbebte im Innerſten bei dem Klang dieſer Stimme, die ich nun zum erſten Male hörte. Ich fühlte das tiefſte Mitleid mit dem armen Kinde; eine fieberhafte Angſt und Sorge um die Kranke überfiel mich, und dennoch hätte ich zugleich aufjubeln können vor Freude. Raſch eilte ich die Treppe hinunter und begab mich mit dem Kirchendiener, der mir im Flure entgegen kam, in die Sakriſtei, um alles Noth¬ wendige zu holen. Als ich damit aus dem Hauſe trat, war das Mädchen am Thore niedergekniet. Ich bewegte mit zit¬ ternden Händen den Kelch ſegnend über ihrem Haupte; dann ſtand ſie auf und eilte mir raſch voran.

In einer ärmlichen, aber rein und ſorgſam gehaltenen Stube kniete der Zeugwart am Krankenbette, eine breitſchul¬ terige alte Soldatengeſtalt mit dem Kanonenkreuze auf der45 Bruſt; ihm gegenüber der Knabe, das große Kindesauge ängſtlich und verſchüchtert auf mich richtend. Ich ſegnete die Anweſenden und trat dann zur Kranken, die, wie es ſchien, bewußtlos, im heftigen Fieber lag. Sie bewegte unruhig Kopf und Arme, und murmelte unverſtändliche Worte vor ſich hin. Es fiel mir auf, daß man faſt gewaltſam eine Menge Bettzeug auf ſie gehäuft hatte, was die verzehrende Fieber¬ gluth des Weibes nur noch ſteigern mußte. Auch waren die Fenſter geſchloſſen und in der Stube lagerte die Luft ſchwül und dunſtig. Ich wandte mich an den Zeugwart mit der Frage, wann und unter welchen Umſtänden die Krankheit ausgebrochen ſei, und ob man keinen Arzt zu Rathe gezogen? Hierauf nahm aber gleich das Mädchen das Wort und ſagte unter leiſem Schluchzen, daß die Mutter ſchon geſtern über Mattigkeit und Kopfſchmerz geklagt und die Nacht ſehr un¬ ruhig zugebracht habe. Sie hätten einen Chirurgen holen laſſen; dieſer habe ſchweißbringende Mittel und Verwahrung vor Luftzug verordnet und ſchon für den nächſten Tag Beſſe¬ rung in Ausſicht geſtellt. Statt deſſen ſei jedoch die Mutter von Stunde zu Stunde kränker geworden, und ſie hätten ſich nicht zu rathen noch zu helfen gewußt.

Da ich in dem Zuſtande der Kranken typhöſe Erſchei¬ nungen erkannte, ſo machte ich Vater und Tochter auf das Verkehrte dieſer Behandlungsweiſe aufmerkſam und erbot mich, falls man mir Vertrauen ſchenkte, der Kranken Erleich¬46 terung zu verſchaffen. Zugleich verſprach ich, morgen mit dem Früheſten aus der Stadt einen Arzt holen zu laſſen. Ein Strahl freudiger Hoffnung flog bei meinen Worten über das düſtere, gebräunte Antlitz des Alten und ſchimmerte um ſo heller hinter den Thränen des Mädchens auf, als ich das Verſehen mit den Sterbeſakramenten für unnöthig erklärte und bat, mich nur als Arzt zu betrachten und alle meine An¬ ordnungen zu befolgen.

Das Mädchen faltete ſtill die Hände vor der Bruſt und ſah mich fragend und erwartungsvoll an. Ich befahl für's Erſte, die ſchweren, dicken Hüllen von dem Körper der Frau zu entfernen, dann Thür und Fenſter zu öffnen, auf daß die reine, friſche Nachtluft durch die Stube ſtreiche. Sie thaten es ſchweigend und eilig; aber ein leiſer Zug ungläubiger Aengſtlichkeit lag dabei in allen Geſichtern. Dieſe Anord¬ nungen waren ja ſo ganz jenen des Chirurgen entgegenge¬ ſetzt und die Menſchen ſind in Allem und Jedem zu ſehr an langſame Uebergänge gewöhnt, als daß ſie zu einem plötzlichen Wechſel unbedingtes Vertrauen faſſen ſollten.

Ich hatte inzwiſchen von dem Knaben ein Becken mit friſchem Waſſer füllen laſſen. Dann begehrte ich Linnen, tauchte es ein und legte es auf die brennende Stirn der Kranken, die dabei, wie neubelebt, tief aufſeufzte. Hierauf entfernte ich mich, um einiges aus meiner kleinen Handapo¬ theke herüberzuholen.

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Als ich wieder in die Stube trat, hörte ich, wie eben der Knabe ſagte: Wie wohl der Mutter die kalten Umſchläge thun! Der dumme Chirurg! Das hätte er auch wiſſen ſollen .

Siehſt du, Ludmilla , ſagte jetzt der Zeugwart, wie gut es war, daß ich darauf beſtand, du ſollteſt den geiſtlichen Herrn rufen.

Ach ja; erwiederte ſie indem ſie mich mit ihren großen nußbraunen Augen tief anſah, aber es that mir ſo weh, daran zu glauben, daß es mit der Mutter ſchon ſo ſchlimm ſtehe.

Ich hatte kühlende Pflanzenſäfte mitgebracht und goß davon in ein Glas Waſſer, das ich an den lechzenden Mund der Kranken brachte. Kaum ſpürte dieſe das Naß an den Lippen, als ſie es, obgleich noch immer bewußtlos, inſtinkt¬ mäßig mit gierigen Zügen einſchluckte.

Mittlerweile hatte der Zeugwart nach der Uhr geſehen, zögernd ſeine Uniform zugeknöpft und den Säbel umgeſchnallt. Der Dienſt ruft mich, ſagte er, als ich ihm einen Blick zuwarf. Ich muß die Nachtrunde um das Fort und die Pulvermagazine machen. Es iſt mir noch nie ſo ſchwer ge¬ fallen wie heute.

Gehen Sie unbeſorgt , erwiederte ich, ich will ihre Zurückkunft hier abwarten. Bis dahin ſoll ſich, wie ich hoffe, Ihre Frau ſchon merklich beſſer befinden.

Der alte Soldat beugte ſich über die Kranke und horchte48 auf ihren Athem. Dann zündete er das Licht einer Laterne an und ging.

Wirklich wurde die Kranke von Minute zu Minute ruhiger. Die Delirien hörten auf; das Bewegen und Zucken der Arme wurde ſeltener, und die wüſte Bewußtloſigkeit ſchien einem tiefen, wohlthätigen Schlummer zu weichen.

Ich hatte mich ihr zu Häupten geſetzt und hielt ihren Puls leicht umfaßt. Ludmilla war hart am Bette niederge¬ kniet und ſchien mit aufgeſtützten Armen und gefalteten Hä¬ den zu einem Heiligenbilde an der Wand zu beten. Der Knabe lag, von dem bleiernen Schlafe der frühen Jugend be¬ wältigt, mit überhangendem Haupte in einem alten Lehnſtuhl. Still quoll die Nachtluft durch das geöffnete Fenſter herein und ſpielte mit der gedämpften Flamme der Lampe, um welche, vom trügeriſchen Schein in die Stube gelockt, ein ſchwerfäl¬ liger Falter in immer engeren Kreiſen ſchwirrte.

Da ward es mir, als neige ſich das Haupt des knieen¬ den Mädchens der Seite zu, wo ich ſaß. Und wie es jetzt tiefer und tiefer ſank, löſten ſich langſam die gefalteten Hände, die Arme fielen ſchlaff an den Hüften hinunter, und eh 'ich mich deſſen verſah, glitt der Oberleib der vom Schlafe Ueber¬ mannten ſanft in meinen Schooß herüber.

Eine nie gekannte Empfindung durchzuckte mich, als die holde Laſt plötzlich auf meinen Knieen lag, All' mein Blut ſchoß zum Herzen; ich fühlte, wie ich erblaßte. Was ſollte49 ich beginnen? Sollte ich ſie wecken? Und wenn ich es that, mußte ſie nicht gewahren, daß ſie in meinem Schooße lag? Ein tiefes Schaamgefühl überkam mich und trieb mir das Blut, heiß zum Verſengen, in die Wangen zurück. Ich wagte mich nicht zu rühren. Ich ſpürte, wie ſich die Bruſt der Jungfrau im feſten Schlummer gleichmäßig hob und ſenkte, und lauſchte auf ihre Athemzüge, die ſich mit den leiſen des Knaben und den ſchnellen, ſtoßweiſen der Kranken vermiſch¬ ten. Mein Herz ſchlug hörbar; der Falter ſchwirrte noch immer um's Licht; draußen zirpten die Grillen.

Plötzlich erloſch kniſternd die Lampe. Der Falter hatte das Flämmchen, endlich hineinflatternd, erſtickt. Ludmilla wachte im Schlafe eine Bewegung. Dabei berührte ihr war¬ mer Hauch meine Hand. Ein heißer Schauer durchrieſelte mich, meine Pulſe flogen, und in der Verwirrung meiner Sinne beugte ich mich nieder und mein Mund ſtreifte zitternd das weiche, duftige Haar der Schläferin. Aber gleichzeitig, wie von einer inneren Angſt getrieben, ſchob ich ſie ſanft von mir und erhob mich.

Ludmilla erwachte und ſchien ſich lange nicht beſinnen zu können, als ſie ſich am Boden und im Dunkeln befand. Ich ſagte mit bebender Stimme, ſie möge die Lampe anzünden, die eben erloſchen ſei. Sie that es ſchämig verwirrt und er¬ wiederte, indem ſie mit den Händen über das roſige Geſicht fuhr: Mein Gott, mir ſcheint, ich habe gar geſchlafen.

Saar, Novellen aus Oeſterreich. 450

Ich ſchwieg und wechſelte den Umſchlag der Kranken. Es that mir wohl, die fiebernden Hände in's Waſſer zu tau¬ chen; doch kühlte es nicht die Gluth, die mich noch immer durchtobte.

Bald darauf trat der Zeugwart ein. Ich wies auf die ruhig ſchlummernde Kranke und unterbrach erröthend die ſchlichten Dankesworte des Mannes, indem ich mich mit dem Bemerken verabſchiedete, daß für heute Nacht nichts mehr zu befürchten ſei. Ludmilla hatte die Lampe ergriffen, um mir hinaus zu leuchten. Ich winkte ihr zu bleiben, zog meine Hand, die ſie ehrerbietig zum Kuſſe ergreifen wollte, zu¬ rück und eilte fort.

Draußen war eine herrliche Nacht. Die Sterne flim¬ merten und zuckten, und der Mond goß ſein feuchtes Licht über die Erde. Ohne zu wiſſen, wie ich dahin gekommen, ſtand ich plötzlich auf der Baſtei, deren Bruſtwehr meinen wahl¬ los ſtürmenden Schritten Einhalt that. Schwüle Fliederdüfte umquollen mein Antlitz; in der Runde ſchmetterten die Nach¬ tigallen.

Horch! ferner Lärm, wie von verworrenen Stimmen, von Scherzen und Gelächter. Ein Kahn kam den glitzernden Strom herabgefahren, voll fröhlicher Menſchen, die gewiß bis jetzt in Podol gezecht hatten und ſich in der ſtillen Mond¬ nacht auf der ſchaukelnden Fluth bis zur Prager Brücke ru¬ dern ließen.

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Immer näher kam der Kahn; immer lauter ſcholl die Luſtbarkeit der Menſchen, deren Geſtalten ich deutlich erkennen konnte, wie ſie, Männer und Frauen, dichtgedrängt in dem kleinen Fahrzeuge ſaßen und ſtanden.

Plötzlich verſtummte Plaudern und Lachen, und eine weiche, ſchmelzende Tenorſtimme begann in die ſchimmernde Nacht hinaus zu ſingen:

Sei in Tönen, weich und linde,
Mir, o Frühlingsnacht, gegrüßt!
Glücklich, wer mit ſeinem Kinde,
Schlummerlos, dich ſtill verküßt!
Wie ein heimliches Gewittern
Geht's durch deine milde Pracht:
Es iſt rings der Herzen Zittern,
Hold bedrängt von Liebesmacht.

Ein ſchneidendes Weh drängte ſich durch meine Seele und athemlos, wie von einem Zauber berührt, lauſchte ich dem Geſange.

Es iſt rings der Herzen Zittern,
Hold bedrängt von Liebesmacht!

ſcholl es, im lauten Chor wiederholt, herauf.

Jetzt glitt der Kahn gerade unterhalb des Forts vorüber und mit kräftiger, raſch empor geſchnellter Stimme fuhr der Sänger fort:

Aber wecken alle Träumer,
Möcht 'ich jetzt mit hellem Sang,
Treiben möcht' ich alle Säumer
Vor mir her mit Becherklang!
4*52
Denn mich wurmet das Genippe.
Wo ein Trunk nur kühlt und ſtillt,
Und mich wurmet jede Lippe,
Die nicht heißverlangend ſchwillt!
Und mich wurmet jede Lippe,
Die nicht heißverlangend ſchwillt '

tönte es im Chor.

Ich beugte mich weit über die Bruſtwehr hinaus; denn immer ferner und ſchwächer klang es:

Und ſo wie der echte Zecher
Keinen Tropfen je vergißt,
So verſchmäh 'ich raſcher Brecher
Keine Blüthe, die da ſprießt

ich hörte nur mehr die immer leiſer tönende Melodie des Liedes; noch einmal den Chor fern aufrauſchen; dann war alles ſtill.

Jetzt überkam mich eine tiefe, wilde Sehnſucht und drohte mir die Bruſt zu zerſprengen. Es war mir, als wäre mein Glück an mir vorübergezogen und rufe und winke durch die Nacht nach mir zurück mit geheimnißvollen Stimmen und leuchtenden Händen. In unſäglichem Drange breitete ich die Arme in der Richtung aus, in welcher der Kahn meinen Blicken entſchwunden war. Dann warf ich mich nieder auf das feuchte Gras, und eine glühende Thräne rann aus meinem Auge mit dem kühlen Thau des Himmels zuſammen.

53

Er ſchwieg einen Augenblick, wie um eine innere Erre¬ gung auszittern zu laſſen und fuhr dann in etwas gedämpftem Tone fort: Am Horizont ſtand ſchon ein blaßgelber Streif, als ich nach Hauſe zurückkehrte. Ich warf mich angekleidet auf's Bett und verſank in einen kurzen, von wüſten Traum¬ bildern geängſtigten Schlummer. Beim Erwachen lag das Daſein fremdartig vor mir, ein einziger großer Schmerz. Der Arzt erſchien und ich ging zögernd mit ihm hinüber. Er er¬ klärte den Zuſtand der Kranken für keinen ſehr gefährlichen und verordnete einiges, während ich mit bebender Seele abſeits ſtand und den Blicken Ludmilla's auswich, die ſie, um die Mutter beſchäftigt, voll innigen Dankes gegen mich aufſchlug. Ich war froh, als ich mich mit dem Arzte wieder entfernen konnte. Es litt mich aber nicht zu Hauſe, ſondern ich irrte zeitvergeſſen in der Citadelle umher, warf mich hier und da erſchöpft auf eine Schanze nieder und brütete vor mich hin. In dieſer dumpfen, ruheloſen Unthätigkeit vergingen die näch¬ ſten Tage. Ein ſchleichendes, markverzehrendes Feuer war in meinem Innern entglommen und lohte oft in ſo wilden, niege¬ kannten Wünſchen auf, daß ich vor mir ſelbſt erſchrack. In meiner Seelenangſt ſchloß ich mich dann oft ſtundenlang in der kühlen, dunklen Kirche ein, um durch reumüthiges Gebet mein Inneres zu läutern und der ſchwülen Traumhaftigkeit meiner Sinne Herr zu werden. Aber umſonſt: auf der Lippe die das peccavi ſprach, zitterte die wonnige Berührung mit54 den blonden Haaren Ludmilla's nach, und wie geiſterhaft fühlte ich mich von Sirenenklängen jenes Liedes umweht. Selbſt an der Orgel, deren Töne mich ſonſt über alles Irdiſche hin¬ ausgehoben, fand ich keine Beruhigung, keinen Troſt. Ihr feierlich-ernſtes, gleichmäßiges Rauſchen ſtimmte nicht zu dem Zwieſpalte meiner Bruſt, der, das fühlte ich, nur auf einer Geige in wildklagenden Accorden, grellen Läufen und ſchnei¬ denden Cadenzen hätte ausklingen können. Ein Opfer dieſes Zwieſpaltes, nannte ich mich ſelbſt einen pflichtvergeſſenen Prieſter, der mit unwürdiger Hand den Kelch erhebe, und deſſen befleckte Lippe das Wort Gottes entheilige. Und dann nahm ich mir vor, nie mehr die Schwelle des Zeugwartes zu betreten, was ich doch ſchon der Kranken halber von Zeit zu Zeit thun mußte, hätte mich auch nicht die Sehnſucht, Ludmilla zu ſehen, hingetrieben. Gleich darauf aber beklagte ich mich wieder als einen unglückſeligen Menſchen, der inmitten der holden Freuden und Genüſſe dieſer Welt an einen düſteren Fels¬ block geſchmiedet ſei, und weinte heiße Thränen darüber, daß ich das unauflösbare Gelübde abgelegt. Faſt eine Woche lang war es mir gelungen, die drängende Sehnſucht zurückzu¬ dämmen; länger aber ertrug ich's nicht. Ich umkreiſte, wie damals der Falter die Lampe, immer enger das kleine Haus und trat endlich hinein.

Ich fand die Kranke ſchon im Gärtchen. Man hatte ihr den alten Lehnſtuhl unter einen breitäſtigen Apfelbaum getra¬55 gen, in deſſen Schatten ſie des herrlichen Nachmittags genoß. Neben ihr auf einer in der Erde feſtgerammten Bank ſaß Ludmilla. Dieſe ſprang, als ich eintrat, haſtig auf, wobei ihrem Schooße ein buntes Chaos von Wieſenblumen entglitt.

Die Frau machte einen Verſuch, ſich zu erheben, ſank aber alsbald wieder kraftlos in den Stuhl zurück. So be¬ gnügte ſie ſich, mir ihre welke, abgemagerte Hand entgegen zu ſtrecken. Wie ſchön, hochwürdiger Herr , ſagte ſie, daß Sie heute herüberkommen, wo ich zum erſten Male wieder die freie Gottesluft athme.

Es freuet mich, Sie ſchon ſo wohl zu ſehen erwiederte ich mit gepreßter Stimme; denn ich bemerkte daß mich Lud¬ milla mit ängſtlicher Freude betrachtete.

Gerade haben wir von Ihnen geſprochen, nicht wahr, Mutter? ſagte ſie. Wir fürchteten ſchon, Sie wären krank. Sie ſahen, als ſie das letzte Mal bei uns waren, gar ſo blaß und leidend aus.

Ich fühlte, wie ich bei dieſen Worten noch bleicher wurde als ich es vieleicht ſchon war.

Und Sie waren auch gewiß krank, fuhr Ludmilla fort, während ſie beſorgt die Hände faltete. Man ſieht es Ihnen an, daß Sie ſich ſelbſt jetzt noch nicht ganz wohl fühlen .

Wahrlich , bekräftigte die Mutter, jetzt merk 'ich es56 erſt, wie übel ſie ausſehen. Was fehlt Ihnen, geiſtlicher Herr? Reden Sie, um Gotteswillen!

Ich drohte umzuſinken. Bei dieſer ängſtlichen Muſterung kam mir in den Sinn, wie verſtört ich ausſehen mußte; ich empfand es deutlich, wie mir das Haar wirr um die Schläfen hing, und meine Augen eine düſtere Fiebergluth ausſtrahlten. Dennoch faßte ich mich und erwiederte, indem ich mich zu lächeln zwang: Mir fehlt nichts; ich fühle mich ganz wohl.

Wirklich? wirklich? forſchten die Frauen, Sie wollen es uns nur verheimlichen , ſetzte Ludmilla hinzu.

Warum ſollt ich das, ſagte ich, das Zittern meiner Stimme gewaltſam unterdrückend. Beruhigen Sie ſich, es iſt nichts. Die Tage ſind jetzt nur ſo unerträglich ſchwül, ſetzte ich hinzu, indem ich unwillkürlich meinen Empfindungen nach¬ gab und mit der Hand über die Stirn fuhr.

So ſetzen Sie ſich doch hierher in den Schatten! rief das Mädchen und zwang mich mit ſanfter Gewalt auf die Bank nieder. Prokop! rief ſie dann dem Knaben zu, der, ohne mein Kommen bemerkt zu haben, weiter rückwärts im Gärtchen herumſprang, Prokop, ſiehſt du denn nicht, daß der geiſtliche Herr da iſt? Alsbald kam der Kleine auf mich zuge¬ laufen. Froh, die Verwirrung meiner Seele hinter einem Geſpräch mit dem Kinde verbergen zu können, ſtreichelte ich ihm das erhitzte Geſicht und das lichtblonde, kurzgeſchnittene Haar, während ich haſtig hintereinander eine Menge Fragen57 an ihn ſtellte, die er alle beſcheiden und aufgeweckt beant¬ wortete.

Ludmilla hatte inzwiſchen langſam die Blumen vom Boden aufgeleſen und machte jetzt Miene, ſich neben mir auf der Bank niederzulaſſen. Ich erhob mich unwillkürlich. Wie Sie wollen ſchon wieder fort? hieß es, Ich muß , ſtam¬ melte ich, obgleich es ſich wie unſichtbare Banden um mich legte.

O, nur einen Augenblick! bat Ludmilla, bis ich den Strauß hier fertig habe. Sie können ſich ihn zu Hauſe in's Waſſer ſtellen.

Ich machte verwirrt eine ablehnende Geberde.

Geh mit dieſen Blumen! ſagte die Mutter. Da gibſt Du dem geiſtlichen Herrn was Rechtes.

Alſo wollen Sie ſie nicht? fragte Ludmilla kleinlaut. Sie duften doch recht lieblich.

Mir wollte das Herz darüber zerſpringen, daß ich ihr weh gethan. So war es nicht gemeint, ſagte ich. Ich liebe ja die Blumen, die draußen frei und ungepflegt ſprießen, gar ſehr. Ich wollte nur nicht, daß Sie ſich meinetwegen mühten.

Mühten? fragte ſie. Mein Gott, wie gerne thät ich's! Aber was iſt es denn, einen Strauß zu binden. Und indem ſie die Blumen auf die Bank legte, und raſch wieder eine nach der andern aufnahm, fuhr ſie fort: Die Schanzen ſehen jetzt gar ſo ſchön aus. Alles ſteht bunt von Stern - und Glocken¬58 blumen, von Gelbveiglein und Hahnenfuß. Da pflück 'ich nun, ſo viel ich kann. Denn hier haben wir auch gar zu wenig Raum, um Blumen zu halten. Mein Roſenbäumchen dort iſt außer den Aepfeln und Bohnen das Einzige, was bei uns blüht. Sie deutete darauf hin. Es war wirklich die alleinige Zierde des Gärtchens, wo jedes Fleckchen Erde mit einem nütz¬ lichen Gewächſe bepflanzt war, und ſtand bis auf eine halb¬ aufgeblühte Roſe noch in Knospen.

Sie hatte den Strauß fertig und hielt ihn in der ge¬ bräunten, aber wohlgeformten Hand prüfend vor ſich hin. Es ſind doch gar zu unſcheinbare Blumen , ſagte ſie nieder¬ geſchlagen, ſie nehmen ſich im Raſen zerſtreut viel beſſer aus als ſo. Aber warten Sie, ich will noch etwas hinzu thun! rief ſie, wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, und eilte auf das Bäumchen los. Dort pflückte ſie die Roſe und ſteckte dieſelbe in die Mitte des Straußes, wo ſie, von weißzackigen Sternblumen umgeben, gar lieblich ausſah. So , ſagte Lud¬ milla, indem ſie zurückkehrte und mir anmuthig den Strauß überreichte. Es war die Einzige. In ein paar Tagen aber werden alle Knospen aufgegangen ſein, und dann ſollen ſie die ſchönſten Roſen haben.

Ich ſtammelte einige unzuſammenhängende Worte und verabſchiedete mich; Ludmilla ging noch mit mir bis zu dem Pförtchen im Zaune.

Draußen athmete ich tief auf. Ein ſchmerzlichſüßes Weh59 hatte mir drinnen das Herz zuſammengepreßt und eine dumpfe Hitze in's Antlitz getrieben. Nun ſuchte ich Luft, Kühlung. Aber die Sonne ſchien heiß auf meinen Scheitel nieder; kein Blatt, kein Halm regte ſich. Unwillkürlich brachte ich den Strauß, um mich zu erfriſchen, vor's Antlitz. Dadurch wurde ich mir erſt des duftigen Geſchenkes bewußt und eine ſeltſame Verwirrung und Beängſtigung überkam mich. Es war mir, als hefteten ſich rings tauſend Augen auf mich und auf die Blumen in meiner Hand. Und da fingen die Stengel zwiſchen meinen Fingern zu glühen an und aus jedem Kelche ſchien eine Flamme zu ſchlagen. Scheu blickte ich umher; es war Niemand zu ſehen, außer einer Schildwache, die hoch oben auf dem Wall, ohne mich zu beachten, träg auf und nieder ging. Ich nahm den Strauß unter mein Scapulier und eilte zu mir hinüber. Geräuſchlos, mit hochklopfendem Herzen, huſchte ich über den Flur und die Treppe hinauf und ſchloß die Thüre hinter mir ab. Hier im kühlen, einſamen Zimmer drückte ich den Strauß an die Bruſt, an die Augen, an den Mund. Ich gab ihm die zärtlichſten Schmeichelnamen, wühlte mit zitternden Fingern darin und bedeckte die Stengel mit zahlloſen Küſſen. Plötzlich aber zuckte wieder das ganze fürchterliche Bewußtſein meiner Lage in mir auf; entſetzt ſchleuderte ich den Strauß vor mich auf den Tiſch hin, ſchlug mir die Hände vor's Ge¬ ſicht und ſank laut ſtöhnend in einen Stuhl.

Ich weiß nicht, wie lange ich ſo, eine Beute der wider¬60 ſtreitendſten Gefühle, mochte dageſeſſen haben, als es an die Thüre klopfte. Erſchreckt fuhr ich empor, warf ein Tuch über den Strauß und öffnete.

Es war der Kirchendiener in Begleitung eines Mannes, der einige Papiere in der Hand hatte. Der Sakriſtan von Sankt Carl wünſcht Euer Hochwürden im Auftrage ſeines Herrn Pfarrers zu ſprechen , ſagte der Kirchendiener. Wir haben morgen eine Leiche.

Eine Leiche? fragte ich mechaniſch.

Eine vornehme Leiche , bekräftigte der Kirchendiener mit einem gewiſſen Behagen. Die Tochter des reichen Gro߬ händlers Friedheim. Ich habe ſie gut gekannt; denn ſie kam faſt jeden Sonntag in unſere Kirche herauf. Ein ſchönes ſchlankes Fräulein mit blonden Haaren. Sie müſſen ſie ja auch ſchon geſehen haben. Sie ſaß immer im erſten Betſtuhle rechts, wo ich jedesmal für ſie und die alte Dame, die ſie be¬ gleitete, Plätze aufhob.

Ich entſinne mich nicht , ſagte ich, ohne daß ich dabei nur an etwas gedacht hätte, und wandte mich an den Sa¬ kriſtan mit der Frage, warum die Todte nicht bei Sankt Carl, wohin ſie doch eigentlich zu gehören ſcheine, begraben würde.

Damit hat es ein eigenes Bewenden , antwortete der Mann. Die ganze Stadt iſt voll davon. Das Fräulein war mit einem jungen Rechtsgelehrten verlobt und die Trauung61 ſollte ſchon in der nächſten Zeit ſtattfinden. Wie es heißt, hatte man ſich kein ungleicheres Paar denken können, als die Beiden. Er heiter, lebensluſtig, zuweilen ausgelaſſen, wenn auch nicht mehr, als es jungen Leuten eben wohl anſteht. Sie hingegen ſtill, nachdenklich, faſt ſchwermüthig. Dennoch ſollen ſie ſterbensverliebt in einander geweſen ſein. Als das Fräu¬ lein zum letzten Mal die Kirche hier oben beſuchte, war auch der Bräutigam mit. Nach der Meſſe kommt es ihr in den Sinn, in den Friedhof hineinzugehen. Der Bräutigam will anfangs nicht; endlich gibt er nach. Wie ſie ſo Arm in Arm langſam zwiſchen den Hügeln und Kreuzen hingehen, ſagt ſie: wie ſtill, wie ſchön es hier iſt! Wenn ich einmal ſterbe, möcht 'ich hier begraben ſein. Ei, erwiedert der Bräutigam ſcherzend, bis dahin iſt hier kein Platz mehr. Siehſt du denn nicht, wie jetzt ſchon die Gräber dicht aneinander gedrängt ſind. Sie werden bald zu einem einzigen großen Blumen¬ hügel zuſammenwachſen. Aber nach vierzehn Tagen war ſie todt. Eine entzündliche Krankheit, die ſie ſich bei einem Aus¬ fluge geholt haben ſoll, raffte ſie ſo ſchnell dahin. Der junge Rechtsgelehrte iſt aus Schmerz darüber faſt wahnſinnig. Nun will man ſie, wie es ihr Wunſch war, hier oben begraben laſſen. Er hatte mir bei dieſen letzten Worten die Papiere überreicht und ſetzte hinzu, der Pfarrer von Sankt Carl ließe mich bitten, ich möchte Alles Nöthige veranlaſſen und mich morgen Nachmittags zur Begräbnißſtunde im Hauſe des Gro߬62 händlers einfinden. Er ſelbſt würde auch dort ſein, da die Leiche vorher bei Sankt Carl eingeſegnet werden müſſe.

Als ich wieder allein war, legte ich die Hand auf die Stirne. Es war mir, als erwache ich aus einem ſchweren Traum. Wie Schatten löſte es ſich nach und nach von allen Dingen im Zimmer, das mir ſchon ganz fremd geworden war. Jeder Stuhl, jeder Schrank, jedes Buch auf den Geſtellen ſchien mich vertraut anzulächeln, und über dem Tiſche dort am Fenſter lag es wie ein Sonnenſtrahl aus früheren, glücklichen Tagen.

Ich überlas aufmerkſam die Sterbedocumente und dachte, während ich auf - und abſchritt, den Fall in ſeiner Beſonder¬ heit durch. Und je mehr mir die volle Bedeutung deſſelben klar wurde, deſto leichter und freier fühlte ich mich, ich wußte ſelbſt nicht warum. Ich bemühte mich jetzt, mich aus die Ver¬ ſtorbene zu beſinnen, mir nach den Andeutungen des Kirchen¬ dieners ein Bild von ihr zu entwerfen: aber ſeltſam, es floß mir immer mit jenem Ludmilla's zuſammen. Ein leiſer Duft, der ſich im Zimmer verbreitet hatte, mahnte mich endlich wieder an den Strauß. Ich nahm das Tuch davon, füllte ein Glas und ſtellte ihn hinein. Draußen lagerte eine dumpfe Schwüle, die ſich ſtill zu ſchweren Wolken zuſammenballte. Eine ſüße Müdigkeit überkam mich; ich hatte ſo viele Nächte bloß im wüſten, entnervenden Halbſchlummer zugebracht. Nun gab ich der Schläfrigkeit, die ſich wohlthuend auf meine Au¬63 genlider ſenkte, nach und ging zu Bette, während draußen die Donner zu rollen anfingen und ein erquickender Regen über die Erde niederging.

Der folgende Tag ließ ſich recht unfreundlich an und blieb es. Ich aber fühlte mich nach einem langen und tiefen Schlafe wunderbar geſtärkt und ging in den Friedhof hinab, wo ich dem Kirchendiener, der hier zugleich Todtengräber iſt, zuſah, wie er für die Verſtorbene ein Grab aufwarf. Zur beſtimmten Stunde fand ich mich in dem Hauſe des Gro߬ händlers ein. Dort wurde ich in einen ſchwarzausgeſchlagenen Empfangsſaal geführt, wo bereits eine Menge von Leidtragen¬ den verſammelt war. In der Mitte des Saales, vom Scheine leis flackernder Wachskerzen beleuchtet, lag die Todte in einem offenen Sarge, weißgekleidet, den Brautkranz im Haar. Ein junger Mann hatte ſich mit verſtörten Mienen über ſie ge¬ worfen und benetzte ihr bleiches Antlitz und ihre ſtarren Hände mit heißen Thränen und Küſſen. Als man jetzt Anſtalten traf, den Sarg zu ſchließen, wollte er dies durchaus nicht zu¬ geben. Er wehrte die Männer, die mit dem Deckel nahten, ab und rief mit herzzerreißender Stimme: Nein! Ich laſſe ſie nicht forttragen! Ich laſſe ſie nicht in die kalte, finſtere Erde verſenken! Umſonſt beſchworen ihn ſeine Angehörigen und Freunde, ſich zu faſſen; umſonſt ſprach ihm der Pfarrer von Sankt Carl, ein kleiner, wohlbeleibter Herr, in ſalbungs¬ vollen Worten Troſt zu: er wollte nichts hören und mußte64 endlich mit Gewalt von der Leiche entfernt werden. Während dieſer erſchütternden Scene ſtand ich abſeits mit geſenktem Haupte da. War es eine zufällige Aehnlichkeit, war es ein Spiel meiner Phantaſie ich glaubte Ludmilla dort im Sarge zu ſehen. Das waren dieſelben fein geſchnittenen Züge, war daſſelbe blonde, ſchlichtgeſcheitelte Haar, dieſelbe ſchlanke, zart¬ buſige Geſtalt; nur der entſtellende Hauch des Todes lag da¬ rüber und der fremdartige Prunk und Schimmer der koſtbaren Sterbegewänder. Ich verſtand den Schmerz des Jünglings, als wär 'er mein eigener und doch war es wiederum nur eine ſtille, ſüße Wehmuth, was mich durchzitterte.

Jetzt ertönten ſchaurig dumpf die Schläge des Hammers. Die Träger hoben den Sarg und unter den Klängen eines Chorals wurde die Leiche zur Einſegnung in die Carlskirche gebracht. Von dort aus bewegte ſich der Zug, dem eine lange Wagenreihe folgte, gegen den Wyſchehrad. Ein kalter Wind jagte dabei graues, zerriſſenes Gewölk mit flüchtigen Regen¬ ſchauern am Himmel hin und her und löſchte faſt die qual¬ menden Leichenfackeln aus.

Endlich waren wir auf dem Friedhofe angelangt und die nächſten Angehörigen traten laut ſchluchzend an den Rand des Grabes. Nur der Bräutigam ſchien ſchon alle ſeine Thränen verweint zu haben, denn er ſtarrte jetzt mit trockenem Auge in die moderige Grube. Als man aber den Sarg hineinſenkte da machte er eine Bewegung, als wollte er ſich mit den dumpf65 niederpolternden Schollen nachſtürzen, ſo daß ihn ein alter Herr, augenſcheinlich ſein Vater, erſchreckt beim Arm faßte. Er konnte ihn jedoch nicht daran verhindern, daß er ſich, als das Grab geſchloſſen war, auf den friſchen Hügel niederwarf, wo er ſich, ohne auf die Umſtehenden zu achten, ganz einem ſtum¬ men, verzweiflungsvollen Schmerze überließ. So verweilte er lange. Allmälig entfernten ſich die Anweſenden, indem ſie ſich noch öfter mit bedauernden Blicken nach ihm umwandten. Nur ſein Vater und ein junger Mann blieben bei ihm zurück.

Arthur , ſagte endlich der Erſtere, laß es jetzt genug ſein. Bedenke, wie mir beim Anblick eines ſolchen, alles Maaß überſchreitenden Schmerzes zu Muthe ſein muß. Ich bitte dich, mein Kind, ſteh 'auf!

Der Jüngling hörte nicht, oder wollte nicht hören.

Wahrlich, Arthur , nahm jetzt der Andere das Wort, indem er dem alten Herrn einen bedeutungsvollen Blick zu¬ warf, wahrlich, ich hätte nicht gedacht, daß du ſo wenig See¬ lenſtärke beſäßeſt. Du ſchwelgſt in deinem Schmerze wie ein nervöſes Weib. Ich kenne dich gar nicht mehr.

Arthur ſchnellte mit halbem Leibe empor und ſah ihn mit wilden Blicken an. So ſprichſt du, Richard? Du, mein Freund, von dem ich glaubte, er ſei der Einzige, der meinen Verluſt in ſeiner ganzen Größe ermeſſen und mit empfinden könnte!? Ich möchte dich an meiner Stelle ſehen! Aber freilich , fuhr er mit grellem Hohngelächter fort, deine EliſeSaar, Novellen aus Oeſterreich. 566lebt ja noch! O pfui, über den Egoismus, über die Theil¬ nahmsloſigkeit der Welt! Und er warf ſich wieder auf's Antlitz.

Betroffen über das Mißlingen ſeiner Liſt, ſchlug Richard die Augen zu Boden.

Ich bitte Sie, hochwürdiger Herr , wandte ſich der Vater an mich, helfen Sie uns doch den Unſeligen tröſten, auf daß er dieſen Ort verlaſſe, der ſeiner verzweiflungsvollen Stim¬ mung nur immer neue Nahrung gibt.

Arthur erhob abwehrend die Hand. Ich brauche keine leeren Worte. Der geiſtliche Herr ſoll ſich keine Mühe geben. Seine Vertröſtungen auf ein Wiederſehen im Jenſeits erinnern mich nur daran, daß ich hier auf Erden Alles verloren und daß mir nichts anderes übrig bleibt, als auf dieſem Grabe zu ſterben!

Arthur, du verſündigſt dich! rief der alte Herr und warf mir einen Blick zu, der für die Worte des Sohnes um Entſchuldigung bat.

Laſſen Sie ihn , ſagte ich. Ich fühle es ja nur zu gut, daß ihm jeder Troſt leer und ungenügend erſcheinen muß.

Dieſe Worte, die mir aus der tiefſten Seele kamen, ſchien der Jüngling nicht erwartet zu haben. Er hob das Haupt empor und ſah mich lange und ſchweigend an. Das ſagen Sie , ſprach er endlich, Sie, der Sie nie geliebt?

67

Warum verneinen Sie dies ſo beſtimmt? erwiederte ich mit bebender Stimme. Ich bin ein Menſch wie Sie. Aber , fuhr ich fort, indem ich mir mit dieſen Worten gleich¬ ſam ſelber Muth zuſprach, faſſen Sie ſich jetzt. Gedenken Sie der Pflichten, die Ihnen das Leben noch auferlegt und es wird Ihnen freier und leichter zu Muthe werden.

O nichts davon! entgegnete er haſtig. Ich habe jetzt keine Pflichten mehr. Und wenn auch, wie vermöcht 'ich es, ſie zu erfüllen! Die Thatkraft, die noch vor kurzem meine Bruſt geſchwellt, iſt erloſchen, und der Flug meines Geiſtes auf immer gelähmt.

Das ſcheint Ihnen jetzt ſo , ſagte ich ruhig. Ich bin überzeugt, daß Alles, was an edlen Kräften in Ihrem Weſen liegt, ſich über kurz oder lang wieder regen und ſich reiner und herrlicher entfalten wird, als dies vielleicht bei dem Be¬ ſitze Ihrer Geliebten der Fall geweſen wäre. Denn , ſetzte ich hinzu und fühlte mich durch die Zuverſicht meiner Rede ſelbſt wunderbar getröſtet und erhoben, ein großer Schmerz läutert, indem er die Seele zwingt, ihr Tiefſtes zu ſammeln. Er reift in uns die Erkenntniß, daß nur jenes Glück, welches wir ganz in uns ſelbſt finden, Dauer verſpricht und jedes andere, ſo ſchön es auch ſei, vor einem Hauche in Nichts zer¬ ſtieben kann.

Arthur blickte vor ſich hin. Aus Ihnen ſpricht der Geiſt der Entſagung , erwiederte er endlich. Es ward Ihnen ſchon5*68von jeher nahegelegt, ſo zu denken und den Blick auf die Kehr¬ ſeiten aller irdiſchen Freuden zu richten. Wie hätten Sie auch ſonſt ſtark genug ſein können, Ihr Gelübde zu tragen. Er bemerkte nicht, wie ich im Innerſten zuſammenzuckte und fuhr fort: Ich aber war ſtets ein Kind des Lebens. Ich freute mich der Blüthen, ohne zu bedenken, wie raſch ſie welken ſollen, und genoß in vollen Zügen die Gaben der Stunde, ohne mich darum zu kümmern, was die nächſte mir rauben könne. Und dann , ſetzte er hinzu, indem er wieder haſtig nach ſeinem Schmerze griff, mich hatte, was auch finſtere Asceten dawider ſagen mögen, ſchon die höchſte Erdenſeligkeit verheißend geſtreift! O, Sie wiſſen nicht, was es iſt, eine geliebte Braut an's Herz zu drücken! Er ſprang, von der Erinnerung geſtachelt, auf. Dieſen Boden, in dem ſie jetzt modern ſoll, betrat ich noch vor kurzem an ihrer Seite. Wie reizend erſchien ſie mir damals in ihrer milden Schönheit und ſtill aufknospenden Lebensfülle! Wie weich lag ihr Arm in dem meinen, wie lind ſchmiegte ſich ihr Haupt an meine Schul¬ ter, als ſie die verhängnißvollen, ahnungsreichen Worte ſprach! Sie werden vielleicht davon gehört haben?

Ich bejahte es ſchweigend.

Wie hätt 'ich mir träumen laſſen, daß dieſe Worte ſich ſo bald erfüllen würden! Und wild um ſich blickend, fragte er plötzlich: Von wo aus ſieht man hier auf die Moldau hinab?

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Gleich von jener Baſtei aus, erwiederte ich. Aber warum fragen Sie? fuhr ich fort, da ich bemerkte, daß der alte Herr und Richard einander ängſtlich anſahen.

Sie ſollen es erfahren. Kommen Sie! Und er ergriff mich, da ich zögerte, beim Arme und eilte mit mir, während die Andern uns auf dem Fuße folgten, nach der Baſtei. Dort ſtützte er ſich mit beiden Händen auf die Bruſtwehr und ſah ſchweigend hinab. Wie trüb und ſchlammig heute der Fluß vorüberzieht, als verſchmäh 'er es, den grauen, unfreundlichen Himmel zu ſpiegeln, ſagte er endlich tonlos. Es iſt noch nicht lange her, daß dort unten in einer duftigen Mondnacht ein Kahn voll heiterer, lebensfroher Menſchen vorüber fuhr. Mein Vater, mein Freund waren darunter und ich und meine Braut.

Wozu dieſes beſtändige Wühlen in deiner Wunde, fiel ihm der Vater in's Wort, während ich athemlos auf¬ horchte.

Arthur warf ihm einen beſchwichtigenden Blick zu und fuhr fort: Wir kehrten von Podol zurück, wo wir uns unter Scherzen, anmuthigen Spielen und frohen Wechſelgeſängen bis tief in die Nacht hinein aufgehalten hatten. Alles war vom Geiſte der Laune und des Weines hold angeregt; ſelbſt meine ſonſt ſo ſtille Friedrike war heiter, beinahe übermüthig. Als wir in dieſe Nähe kamen und das alte Fort mit düſteren Umriſſen ſtill im Mondlichte aufragen ſahen, rief Einer von70 der Geſellſchaft: laßt uns doch den alten Wyſchehrad mit einem Lied begrüßen! Dieſer Vorſchlag fand lebhaften Anklang und man drängte mich von allen Seiten, einen Geſang anzu¬ ſtimmen. Gut, erwiederte ich, wir wollen die Schläfer hinter den Wällen wach ſingen. Und raſch mich beſinnend, hob ich mit einem Lied an, deſſen Worte mir der Augenblick eingab, und welche ich einer bekannten Melodie unterſchob.

Sie ſangen das Lied? fragte ich.

Ja, ich; erwiederte er, mein Erſtaunen nicht in ſeiner eigentlichen Bedeutung faſſend. Jetzt iſt es mir, ich hätte mich damit verſündigt. Es war ein echtes Lebenslied, begann weich und ſchmelzend, ſchwoll aber raſch zum Ausdrucke des froheſten Uebermuthes an. In welchem Vollgefühle des Glückes, wie zukunftstrunken ſang ich es! Mir war, es müſſe durch die Stille der Nacht über die ganze Erde erklingen und in jeder Bruſt einen Wiederhall meiner Seligkeit wachrufen.

Ich habe Sie ſingen hören und den Kahn vorüberfahren ſehen, ſagte ich.

Arthur ſah mich überraſcht an.

Erinnerſt du dich nicht mehr, bemerkte Richard, daß uns Jemand auf eine dunkle Geſtalt aufmerkſam machte, die er hinter dem äußerſten Mauervorſprung der Citadelle zu er¬ kennen glaubte. Vielleicht war es der geiſtliche Herr.

Ich war es, entgegnete ich. Und vielleicht, fuhr ich gegen Arthur fort, kann es etwas zu Ihrem Troſte bei¬71 tragen, wenn ich Ihnen bekenne, daß mir damals Ihr Lied ſehr weh gethan. Während Sie dort unten an der Seite Ihrer Geliebten und von froher Geſellſchaft umringt, vorüberfuhren, ſtand ich hier oben allein, einſam, die Bruſt voll namenloſer Sehnſucht nach den Freuden, davon Sie ſangen, und die mir verwehrt waren, ewig verwehrt bleiben müſſen. Wenn Sie der Schmerz über Ihren Verluſt wieder mit ſeiner ganzen Wucht befällt und Sie zu überwältigen droht, dann denken Sie derer, die an den ſchönſten Verheißungen, an den holde¬ ſten Genüſſen dieſer Welt bebenden Herzens und mit dem Entſagungsworte auf den Lippen vorübergehen müſſen. Ich hatte bei dieſen Worten die Hand des Jünglings ergriffen, der ſich willig und fügſam von mir fortführen ließ. Als wir an dem Friedhofe vorbei kamen, wollte er nochmals hineingehen. Nicht doch, bat der alte Herr, der ſchon froh war, ſeinen Sohn gefaßter zu ſehen, und ſtellte ſich ihm in den Weg. Nur noch den letzten Abſchied, Vater, ſagte Arthur, indem er ihn ſanft bei Seite ſchob und durch das Gitter trat. Wir Andern folgten. Er blickte eine Zeit lang mit geſenktem Haupte ſchweigend auf den Hügel nieder, dann nahm er den Arm ſeines Vaters und ging. Ich begleitete ſie noch bis an ihren Wagen, der in der Nähe hielt. Beim Abſchiede ſagte der Jüngling: Leben Sie wohl, ich werde Sie und Ihre Worte niemals vergeſſen. Die beiden Andern drückten mir mit ſtummem Danke die Hand.

72

Ich ſah eine Weile dem fortrollenden Wagen nach; dann kehrte ich langſam zurück. Eine geheimnißvolle Macht trieb mich noch einmal in den Friedhof. Da ſtand ich nun allein inmitten der Gräber. Wie ſtill war es um mich her! Nur manchmal rauſchte ein kühler, feuchter Windſtoß in den Trauer¬ weiden und Cypreſſen und ſtrich mit leiſem Klingen durch die metallenen Kreuze. Die Schauer der Vergänglichkeit quollen und rieſelten durch die Luft und aus allen Hügeln ſchwieg mich das große Räthſel des Todes an. Ein tiefes, wohl¬ thuendes Gefühl von der Nichtigkeit des Daſeins überkam mich und eine hehre Freude zitterte in meiner Bruſt auf. Ja, rief ich und breitete die Arme aus: Zweifach wird die Welt überwunden: entweder grauſam durch den Tod, der alles Irdiſche des gleißenden Schimmers entkleidet und Moder und Verweſung bloßlegt, oder ſchön und herrlich durch den Muth der Entſagung, den Chriſtus gepredigt und auf Golgatha be¬ ſiegelt. Und immer freier, immer leichter wurde mir; wie ſtückweis fiel es von mir ab, und gleich Flügeln fühlt 'ich es an den Schultern. Als ich mich ſpäter, einem innern Drange folgend, an die Orgel ſetzte, da ſtimmten die rauſchenden, langgezogenen Töne wieder ganz zu dem feierlichen Ernſte, zu der tiefen Ruhe meiner Seele.

Und ſo, fuhr er fort, während ſich noch der Nach¬ glanz jener erhabenen Stunde in ſeinen Augen ſpiegelte, ſo lebte ich wieder, mit dem ſtärkenden Bewußtſein meiner Pflicht73 mein ſtilles Leben fort; mehr und mehr verblaßte und ver¬ flüchtigte in mir die Erinnerung an jene Nacht, und immer ſeltener und ſchwächer zuckte mein Herz beim Anblicke des Mädchens, deſſen blondes Haar ich einſt mit brennender Lippe geſtreift.

Und welches nun ſchon lange eine glückliche Gattin und Mutter iſt, ſagte ich leiſe.

Ja, erwiederte er; ich habe ſie getraut und ihre Kin¬ der getauft. Und da fällt mir ein, daß es gerade die Schrecken des Krieges waren, was ihr Glück begründete oder doch be¬ ſchleunigte. Sie hatte ihr Herz einem jungen Soldaten ge¬ ſchenkt. Jedoch konnte, wie dies meiſtens unter ähnlichen Umſtänden der Fall iſt, an eine Verbindung kaum gedacht wer¬ den. Beide waren arm, und der Geliebte hatte keine Ausſicht, ſobald vom Militär loszukommen und ſich eine andere Lebens¬ ſtellung zu erwerben. Da geſchah es noch, daß er plötzlich verſetzt wurde, und ſo brach nun auch über Ludmilla das Leid des Lebens herein. Man ſah es, wie ſie ſich ſtill härmte und die Tage ihrer ſchönſten Jugend in öder, hoffnungsloſer Sehn¬ ſucht verlebte. Ich hatte inzwiſchen angefangen, von meinen geringen Ordensbezügen das Möglichſte zurückzulegen, um den liebenden doch wenigſtens nach Jahren eine gewiſſe Summe zur erſten Beſchaffung eines einfachen Hausweſens übergeben zu können. Da kam das Jahr achtundvierzig mit ſeinen Re¬ volutionsſtürmen, und der Entfernte zeichnete ſich auf dem74 italieniſchen Schlachtfelde derart aus, daß er dekorirt und zu einer Beförderung in Vorſchlag gebracht wurde. Da er aber auch einige ſchwere Verwundungen erlitten hatte, die ihn, wie ſich ſpäter erwies, zum activen Dienſte untauglich machten, ſo willigte man um ſo eher in ſeine Bitte, ihn als Zeugwart auf dem Wyſchehrad anzuſtellen, als der Vater Ludmilla's mit zunehmenden Jahren zu kränkeln begonnen hatte. So be¬ durften die Beiden meiner Hilfe nicht mehr, und meine kleinen Erſparniſſe kamen Prokop zu Gute, dem ſich damit unter meiner Anleitung eine wiſſenſchaftliche Laufbahn erſchloß. Die Alten lebten noch ein paar Jahre ſtill und zufrieden bei