PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Börne's Briefe aus Paris
1830 1831.
Erſter Theil.
[II][III]
Geſammelte Schriften
Neunter Theil.
Hamburg. BeiHoffmann und Campe. 1832.
[IV][V]
Briefe aus Paris
1830 1831
Erſter Theil.
Hamburg. BeiHoffmann und Campe. 1832.
[VI][VII]

Inhalt.

  • Erſter BriefSeite 1
  • Zweiter Brief 4
  • Dritter Brief 8
  • Vierter Brief 14
  • Fünfter Brief 29
  • Sechster Brief 35
  • Siebenter Brief 46
  • Achter Brief 53
  • Neunter Brief 60
  • Zehnter Brief 65
  • Eilfter Brief 73
  • Zwölfter Brief 81
  • Dreizehnter Brief 90
  • Vierzehnter Brief 98
  • Funfzehnter Brief 110
  • Sechszehnter Brief 116
  • Siebzehnter Brief 124
  • Achtzehnter Brief 129
  • VIIINeunzehnter BriefSeite 137
  • Zwanzigſter Brief 147
  • Ein und zwanzigſter Brief 155
  • Zwei und zwanzigſter Brief 163
  • Drei und zwanzigſter Brief 168
  • Vier und zwanzigſter Brief 172
  • Fünf und zwanzigſter Brief 183
  • Sechs und zwanzigſter Brief 197
  • Sieben und zwanzigſter Brief 210
  • Acht und zwanzigſter Brief 223
[1]

Erſter Brief.

Ich fange an den guten Reiſegeiſt zu ſpüren, und einige von der Legion Teufel, die ich im Leibe habe, ſind ſchon ausgezogen.

Aber je näher ich der franzöſiſchen Grenze komme, je toller werde ich. Weiß ich doch jetzt ſchon, was ich thun werde auf der Kehler Brücke, ſobald ich der letzten badiſchen Schildwache den Rücken zukehre. Doch darf ich das keinem Frauen¬ zimmer verrathen.

Geſtern Abend war ich bei S. Die hatten einmal eine Freude mich zu ſehen! Sie wußten gar nicht, was ſie mir alles Liebes erzeugen ſollten, ſie hätten mir gern die ganze Univerſität gebraten vor¬ geſetzt. Mir Aermſten mit meinem romantiſchen Magen! Nicht der Vogel Rock verdaute das. Die W. hat einen prächtigen Jungen. Ich ſah eineI. 12ſchönere Zeit in roſenrother Knoſpe. Wenn die ein¬ mal aufbricht! Wie gern hätte ich ihn der Mutter geſtohlen, und ihn mit mir über den Rhein geführt, ihn dort zu erziehen mit Schlägen und Küſſen, mit Hunger und Roſinen, daß er lerne frei ſein und dann zurückkehre, frei zu machen.

In Heidelberg ſah ich die erſten Franzoſen mit dreifarbigen Bändern. Anfänglich ſah ich es für Orden an, und mein Ordens-Gelübde legte mir die Pflicht auf, mich bei ſolchem Anblicke inbrünſtig zu ärgern. Aber ein Knabe, der auch ſein Band trug, brachte mich auf die rechte Spur.

Ich mußte lachen als ich nach Darmſtadt kam und mich erinnerte, daß da vor wenigen Tagen eine fürchterliche Revolution geweſen ſeyn ſoll, wie man in Frankfurt erzählte. Es iſt eine Stille auf den Straßen, gleich der bei uns in der Nacht, und die wenigen Menſchen, die vorübergehen, treten nicht lauter auf als die Schnecken. Erzählte man ſich ſogar bei uns, das Schloß brenne, und einer meiner Freunde ſtieg den hohen Pfarr-Thurm hinauf, den Brand zu ſehen! Es war Alles gelogen. Die Bür¬ ger ſind unzufrieden, aber nicht mit der Regierung, ſondern mit den Liberalen in der Kammer, die dem Großherzoge ſeine Schulden nicht bezahlen wollen. Das iſt deutſches Volks-Murren, das laß ich mir gefallen; darin iſt Roſſiniſche Melodie.

3

Wenn Sie mir es nicht glauben werden, daß ich geſtern drei Stunden im Theater geſeſſen, und mit himmliſcher Geduld Minna von Barnhelm bis zu Ende geſehen bin ich gar nicht böſe darüber. Aber das Unwahrſcheinlichſte iſt manchmal wahr. Auf der Reiſe kann ich alles vertragen.

Die Theaterwache in Darmſtadt war gewiß funfzig Mann ſtark. Ich glaube auf je zwei Zu¬ ſchauer war ein Soldat gerechnet. Noch viel zu wenig in ſolcher tollen Zeit. Und dieſen Morgen um ſechs Uhr zogen einige Schwadronen Reiter an meinem Fenſter vorüber und trompeteten mich, und alle Kinder, und alle Greiſe, und alle Kranken, und alle ſüßträumenden Mädchen aus dem Schlafe. Das geſchieht wohl jeden Tag. Dieſe kleinen deutſchen Fürſten in ihren Nußſchal-Reſidenzen ſind gerüſtet und geſtachelt wie die wilden Kaſtanien. Wie froh bin ich, daß ich aus dem Lande gehe.

Adieu, Adieu. Und ſchreiben Sie mir es nur auf der Stelle, ſo oft bei uns eine ſchöne Dumm¬ heit vorfällt.

1 *
[4]

Zweiter Brief.

Die erſte franzöſiſche Kokarde ſah ich an dem Hute eines Bauers, der von Strasburg kommend in Kehl an mir vorüberging. Mich entzückte der Anblick. Es erſchien mir wie ein kleiner Regenbogen nach der Sündfluth unſerer Tage, als das Friedens¬ zeichen des verſöhnten Gottes. Ach! und als mir die dreifarbige Fahne entgegenfunkelte ganz un¬ beſchreiblich hat mich das aufgeregt. Das Herz pochte mir bis zum Uebelbefinden und nur Thränen konnten meine gepreßte Bruſt erleichtern. Es war ein unentſchiedenes Gemiſch von Liebe und Haß, von Freude und Trauer, von Hoffnung und Furcht. Der Muth konnte die Wehmuth, die Wehmuth in meiner Bruſt den Muth nicht beſiegen. Es war ein Streit ohne Ende und ohne Friede. Die Fahne ſtand mitten auf der Brücke, mit der Stange in5 Frankreichs Erde wurzelnd, aber ein Theil des Tu¬ ches flatterte in deutſcher Luft. Fragen Sie doch den erſten beſten Legations-Sekretär, ob das nicht gegen das Völkerrecht ſei? Es war nur der rothe Farbenſtreif der Fahne, der in unſer Mutterland hineinflatterte. Das wird auch die einzige Farbe ſeyn, die uns zu Theil wird werden von Frankreichs Freiheit. Roth, Blut, Blut ach! und nicht Blut auf dem Schlachtfelde.

Gott! könnte ich doch auch einmal unter dieſer Fahne ſtreiten, nur einen einzigen Tag mit rother Dinte ſchreiben, wie gern wollte ich meine geſam¬ melten Schriften verbrennen, und ſelbſt den unſchul¬ digen achten Theil von ihnen, der noch im Mutter¬ ſchooſe meiner Phantaſie ruht! Schmach, Schmach über unſer Andenken! Einſt werden die ſiegesfrohen, ſiegesübermüthigen Enkel ſpottend einen Gansflügel auf unſeren Grabeshügel ſtecken, während glücklichere Todte unter dem Schatten der Lorbeeren ruhen. Ich begreife, wie man gegenwärtige Uebel geduldig er¬ trägt es gibt kein gegenwärtiges Uebel, es wird nach jeder Minute zur Vergangenheit aber wie erträgt man zukünftige Leiden? das faſſe ich nicht.

Dieſen Mittag war ein junger Menſch bei Tiſche, der in Paris mit gefochten. Es war mir gerade als brennten ihm die Haare, und unwillkühr¬ lich rückte ich von ihm weg, ob zwar ich deutſches6 naſſes Holz ihn eher ausgelöſcht hätte, als er mich angezündet. Wir waren unſerer neun, worunter drei alte Weiber, mich mitgerechnet, und ich habe in einer einzigen Stunde mehr ſprechen hören, als im eng¬ liſchen Hofe während der zwei Monate, daß ich dort zu Tiſche ging.

Ich wollte hier einen Platz im Coupe nehmen, aber ſchon auf acht Tage voraus war das Cabriolet in Beſchlag genommen, und ſo lange habe ich keine Geduld zu warten. Mich in den innern Wagen zu ſetzen, dazu kann ich mich nicht entſchließen. Uebri¬ gens ſind auch hier die Plätze ſchon auf mehrere Tage beſetzt. Dieſe Frequenz kommt von den un¬ zähligen Soliciteurs, die täglich nach Paris eilen, den jungen Freiheitsbaum zu ſchütteln.

Um zehen Uhr reiſe ich weiter. Ich habe mir einen Miethwagen bis Chalons genommen. Das iſt zwei Dritt-Theile des Weges. Mit dem nehmlichen Kutſcher und dem nehmlichen Wagen, iſt vor kurzem Potter nach Paris gefahren. Ich wohnte hier in dem nehmlichen Zimmer, das er bewohnte. Was das Zimmer betrifft, iſt mir nicht bange; eine Nacht, das kann mir nicht ſchaden. Aber acht Tage in Potters Wagen? Ich werde ihn durchräuchern laſſen.

7

Eben zog die National-Garde vorüber. Ich erſtaunte über ihr geſundes und friſches Ausſehen, da ſie doch einige Jahre ſcheintodt im Grabe gele¬ gen. Aber die Freiheit lebt auch im Grabe fort und wächſt, bis ſie den Sarg ſprengt. Das ſollten ſich die Todtengräber merken.

[8]

Dritter Brief.

Guten Morgen oder guten Abend? Ich weiß nicht um welche Tageszeit Sie meine Briefe erhal¬ ten. Hier übernachte ich, morgen Mittag komme ich nach Nancy. Ich befinde mich ſehr wohl und reiſe bequem. Es iſt freilich eine Schneckenfahrt, doch hat das auch ſeine Vortheile. Während die Räder ſich langſam drehen, hat man Zeit manches zu bemerken, und die Phyſiognomie des Landes zu beobachten. Aber nein, ſo ein leeres Geſicht iſt mir noch gar nicht vorgekommen. Lebloſeres, langweili¬ geres, verdrüßlicheres gibt es gar nicht als dieſer ganze Weg von der deutſchen Grenze bis nach Paris. Es iſt jetzt das dritte Mal, daß ich ihn zurücklege. Mir kommt er vor wie ein langer ſtiller Gang, nur gebaut, in das wohnliche Paris zu führen, und die mir begegnenden Menſchen erſcheinen mir als9 die Diener des Hauſes, die hin und her eilen, die Befehle ihres Herrn zu vollziehen und ihm aufzu¬ warten. Die Bevölkerung in den Provinzen hat eine wahre Lakaien-Art, ſie ſpricht von nichts als von ihrem gnädigen Herrn Paris. Die Städte, die Dör¬ fer ſind Miſthaufen, beſtimmt Paris zu düngen. Wenn auch die andern Provinzen Frankreichs denen gleichen, die ich kenne, ſo möchte ich außerhalb Paris kein Franzoſe ſein, weder König noch Bürger.

Das menſchliche Leben iſt voller Rechnungs¬ fehler und ich weiß wahrhaftig nicht, wozu uns das Einmal Eins nützt. Der Teufel iſt Controlleur und hat ſeine Freude am Widerſpruch, um jeden Abend den ehrlichen Buchhalter zu verwirren. Am zwölften September des vorigen Jahres war ich, wie ich aus meinem Tagebuche erſahe, in Soden, der letzte Gaſt im Bade, der einzige Städter im Dorfe, ſaß gefan¬ gen auf meinem Zimmer, von dem ſchlechteſten Wet¬ ter bewacht, ward gefoltert von den boshafteſten Ner¬ ven. Es war Abends acht Uhr, ich lag auf dem Sopha, das ungeputzte Licht brannte düſter, Wind und Regen klopften leiſe an das Fenſter, es war mir, als wenn die Elemente riefen: komm zurück, wir erwarten dich! Es war mir unendlich wehe. Ich fühlte mich wie fortgeſchleppt von den gewaltigen10 Armen der Natur, und kein Freund kam zu meiner Hülfe .... Wer mir damals geſagt hätte: heute über das Jahr biſt du um dieſe Stunde in Vitry - ſür-Marne, froh und geſund und wirſt dort ſchlafen und nicht unter der Erde ich hätte ihn ausge¬ lacht inmitten meiner Schmerzen. Und wer am nehmlichen Tage dem Könige von Frankreich geſagt hätte: heute übers Jahr biſt du nicht König mehr, und ſchläfſt in England? .. Es iſt doch ſchön, kein König ſein! Daran will ich künftig denken, ſo oft ich leide. Armer Karl! Unglücklicher Greis! die Menſchen nein, unbarmherzig ſind ſie nicht, aber ſie ſind unwiſſende Thoren. Sie begreifen gar nicht, was das heißt: König ſeyn; ſie begreifen nicht was das heißt, auf ſchwachen menſchlichen Schultern den Zorn und die Rache eines Gottes tragen; ſie be¬ greifen nicht, was es heißt, einem einzigen Herzen, einer einzigen Seele die Sünden eines ganzen Volkes aufladen! Denn warum haben die Menſchen Könige, als weil ſie Sünder ſind? Iſt das Fürſtenthum etwas Anderes als ein künſtliches Geſchwür, welches die heilbedächtige Vorſehung, den Völkern zuzieht, daß ſie nicht verderben an ihren böſen Säften, daß ihre giftigen Leidenſchaften alle nach außen fliehen und ſich im Geſchwür ſammeln? Und wenn es auf¬ ſpringt endlich wer hat es ſtrotzend gemacht? Nicht ſchonen ſoll man verbrecheriſche Könige, aber11 weinen ſoll man, daß man ſie nicht ſchonen dürfe. Doch erzählen ſie das ja keinem wieder. Denn die Thoren anderer Art möchten ſagen: da iſt nun ein Freiheitsliebender Mann, der doch noch ſagt, es ſey dem Könige von Frankreich Unrecht geſchehen! Was? Recht! Unrecht! leere, tolle Worte! Verklagt den Sturm, verklagt den Blitz, verklagt das Erdbeben, verklagt das Fieber, verklagt die ſpitzbübiſche Nacht, die euch um den halben Tag geprellt und wenn ihr den Proceß gewonnen, dann kommt ihr geſchick¬ ten Advokaten und verklagt ein Volk, es habe ſeinem Könige Unrecht gethan!

Ich habe ſchon viel in Frankreich geſchla¬ fen: in Strasburg, in Pfalzburg, Lüneville, Nancy, Toul, Bar-le-Düc, und heute ſchlafe ich hier. Es iſt eine ſchöne Erfindung, wie Sancho Panſa ſagt; und wo man[ſchläft], man ſchläft immer zu Hauſe, und wo man träumt, man hat überall vaterländiſche Träume. Aber was geht das mich an? Ich bin auch wachend nirgends fremd.

In den Niederlanden ſcheint es arg herzugehen. Was aber die Leute dort wollen und nicht wollen, begreife ich nicht recht. Ihr hättet mich nicht ab¬ halten ſollen über Brüſſel zu reiſen. Es iſt freilich kein Vergnügen todtgeſchoſſen zu werden, und nicht zu wiſſen wofür. Aber wenn man im Bette ſtirbt, wie die Meiſten, weiß man dann beſſer, wofür es12 geſchieht? die Unannehmlichkeit dauert einige Minu¬ ten; das Vergnügen aber, nicht todtgeſchoſſen wor¬ den, der Gefahr entgangen zu ſeyn, reicht für das ganze Leben hin. Man muß rechnen, zählen, wie¬ gen. Auf mehr oder weniger, ſchwerer oder leichter kommt alles an. Die Qualitäten ſind nicht ſehr verſchieden.

Ach! ich ſpüre es ſchon, es ergeht mir dieſes¬ mal in Frankreich, wie die beiden vorigenmale. Die feuchte Philoſophie ſchlägt an mir heraus, wie, wenn warme Witterung eintritt, die Stein-Wände naß werden. Es iſt mir recht, dieſe Haut-Krankheit der Seele iſt meiner betrübten Konſtitution ſehr heilſam.

So eben las ich in einem Pariſer Blatte, die aus einer engliſchen Zeitung entlehnte Nachricht: in Hamburg wären Unruhen geweſen, man hätte die Juden aus den Kaffeehäuſern verjagt. Und in Han¬ nover hätten ſie geſchrieen; à bas la noblesse! Ich kann mir gar nicht denken, wie das im Deut¬ ſchen gelautet haben mag; denn unſere guten Leute können keinen andern Zorn-Ruf als das lateiniſche Pereat! was nun den Adel betrifft, ſo habe ich, bei aller Menſchenfreundlichkeit, nichts dagegen. Mit guten Fallſchirmen verſehen, wird er herunter kom¬ men ohne ſich ſehr wehe zu thun. Aber die Juden! die Franzoſen hatten ihre Julitage, wollen die Deut¬ ſchen ihren Auguſt -, ihre Hunds-Tage haben? Fängt13 man ſo die Freiheit an? O, wie dumm! O, wie lächerlich! O, wie unäſtethiſch! Von der Nieder¬ trächtigkeit will ich gar nicht ſprechen; die verſteht ſich von ſelbſt. Iſt es aber wahr?

Die Kellnerin kam herauf und ſagte mir: ſie hätte meinem Bedienten ein ganz gutes Zimmer angewieſen, er verlange aber ein Appartement. Ich ließ ihn rufen, und fragte, was das ſeyn ſollte? Da fand ſich denn, daß er die beſcheidenſte Forde¬ rung gemacht, und eine unſchuldige Neugierde zu be¬ friedigen geſucht, der kein Menſch, von welchem Stande er auch ſey, lange widerſtehen kann. Als feiner Nordländer war er gewohnt, das unartige Ding Appartement zu nennen.

[14]

Vierter Brief.

Der Ort liegt 28 Stunden von Paris entfernt, hat 2300 Einwohner und 2 Seelen, die meinige mitgerechnet. Denn das weiß ich nun aus achttägiger Erfahrung, daß alle Franzoſen eine gemeinſchaftliche Seele haben, und die in der Provinz gar nur eine Mondſeele, ein Licht aus zweiter Hand; Paris iſt die Sonne.

Napoleon, Rothſchild, ſchlimme Nachrichten und andere berühmten Couriere haben den Weg von Frankfurt bis Paris ſchon in 48 Stunden zurück¬ gelegt. Aber wer vor mir könnte ſich rühmen, dieſen Weg in dreizehn Tagen gemacht zu haben, wenn es vielleicht eintrifft, daß ich morgen nach Paris komme, was noch gar nicht entſchieden iſt? Bin ich ein Narr? Ach wie gern wollte ich Einer ſein, fände ſich wenigſtens ein Echo, das es mir bejahte. 15Aber nicht einmal eine menſchliche Seele, die mich auslacht! Allein zu ſein mit ſeiner Weisheit, das iſt man gewöhnt, das hat man ertragen gelernt; aber allein mit ſeiner Thorheit, das iſt unerhörter Jammer, dem unterliegt der Stärkſte! O, theures Vaterland, wie einfältig verkannte ich deinen Werth! Dort fand ich in jedem Nachtquartier eine kleine Reſidenz, oder den Sitz einer hohen Regierung, oder eine Garniſon, oder eine Univerſität, und in jedem Gaſthofe eine Weinſtube mit ſcharf geprägten Gäſten, die mir gefielen oder nicht gefielen, die meinem Herzen oder meinem Geiſte Stoff gaben, der aus¬ reichte bis zum Einſchlafen. Aber hier in dieſem vermaledeiten Rath-loſen Lande! Seit acht Tagen ſaß ich jeden Abend allein auf meinem Zimmer und verſchmachtete. Glauben Sie mir, man ſtirbt nicht vor Langerweile; das iſt nur eine dichteriſche Redens¬ art. Aber wie gern hätte ich für jeden Lieutenant einen Schoppen Wein bezahlt, für jeden Hofrath eine Flaſche, für jeden Profeſſor zwei Flaſchen, für einen Studenten drei; und hätte ich gar einen ſchönen Geiſt, einen Theaterkritiker an mein Herz drücken können, nicht der ganze Keller wäre mir zu koſt¬ ſpielig geweſen. Hofräthe, Hofräthe! wenn ich je wieder euerer ſpotte, dann ſchlagt mir auf den Mund und erinnert mich an Dormans.

Dormans wie das lieblich lautet! Wie16 Wiegen Eyapopeya. Und doch ſteckt der Teufel in jedem Buchſtaben. Aber leſen Sie nur erſt das Stück dormantiſche Poeſie, das Gebet an die Ge¬ duld, das ich dieſen Vormittag in der Verzweiflung meiner Ungeduld niedergeſchrieben, und dann ſollen Sie meine Leiden erfahren.

Geduld, ſanfte Tochter des grauſamſten Va¬ ters; Schmerzerzeugte, Milchherzige, weichliſpelude Göttin; Beherrſcherin der Deutſchen und der Schild¬ kröten; Pflegerin meines armen kranken Vaterlands, die du es warteſt und lehreſt warten.

Die du höreſt mit hundert Ohren, und ſieheſt mit hundert Augen, und bluteſt an hundert Wunden und nicht klageſt.

Die du Felſen kochſt und Waſſer in Steine verwandelſt.

Schmachbelaſtete, Segenſpendende Geduld; hol¬ des Mondlächelndes Angeſicht; heiligſte Mutter aller Heiligen, erhöre mich!

Sieh! mich plagt die böſe Ungeduld, deine Nebenbuhlerin; befreie mich von ihr, zeige, daß du mächtiger biſt als ſie. Sieh! mir zucken die Lippen; ich zapple mit den Füßen, wie ein Windelkind, das gewaſchen wird; ich renne toll wie ein Sekunden¬ zeiger um die ſchleichende Stunde; ich peitſche und17 ſporne vergebens die ſtättige Zeit: die hartmäulige Mähre geht zurück und ſpottet meiner. Ich ver¬ zweifele, ich verzweifele, o rette mich!

Löſche mein brennendes Auge mit dem Waſſer¬ ſtrahle deines Blickes; berühre mit kühlen Fingern meine heiße Bruſt. Hänge Blei an meine Hoffnun¬ gen, tauche meine Wünſche in den tiefſten Sumpf, daß ſie aufziſchen und dann ewig ſchweigen. Deutſche mich, gute Göttin, von der Ferſe bis zur Spitze meiner Haare und laſſe mich dann friedlich ruhen in einem Naturalien-Cabinet unter den ſeltenſten Ver¬ ſteinerungen.

Ich will dir von jetzt an auch treuer dienen und gehorſamer ſein in Allem. Ich will dir tägliche Opfer bringen, welchen du am freundlichſten lächelſt. Die Didaskalia will ich leſen und das Dresdner Abendblatt und alle Theaterkritiken, und den Hegel, bis ich ihn verſtehe. Ich will bei jedem Regenwetter ohne Schirm vor dem Palaſte der deutſchen Bundes - Verſammlung ſtehen und da warten bis ſie heraus¬ kommen und die Preßfreiheit verkündigen. Ich will in den Ländern das Treiben des Adels beobachten und nicht des Teufels werden, und nicht eher komme Wein über meine Lippen, bis dich die guten Deut¬ ſchen aus dem Tempel jagen und dein Reich endiget.

l. 218

Vorgeſtern gegen Mittag kam ich nach Chalons. Ich wollte meinen Strasburger Wagen, den ich einſt¬ weilen nur bis dahin gedingt hatte, nun weiter bis Paris miethen. Aber der Kutſcher hatte keine Luſt dazu, die Wege wären zu ſchlecht, oder was ihn ſonſt abhielt. Ich ſchickte nach einem andern Mieth¬ kutſcher. Jetzt denken Sie ſich die gräuliche Sta¬ tiſtik: In Chalons, einer Stadt von 12,000 Ein¬ wohnern, gibt es nur eine einzige Miethkutſche, und für dieſe wurde für die Reiſe nach Paris, das nur zwanzig Meilen entfernt iſt, 200 Franken gefordert! Da dieſes viel mehr als die Reiſe mit Poſtpferden beträgt, entſchloß ich mich zu Letzterem. Da hatte ich mich wieder verrechnet. In Deutſchland findet der Reiſende auf jeder Poſt Kutſchen, die ihn von Station zu Station führen. Hier aber hat die Poſt zu dieſem Gebrauche nur zweiräderige bedeckte Wa¬ gen, die nicht in Federn hängen, uns leicht die Seele aus dem Körper ſchleudern, und nicht einmal Platz haben, einen Koffer aufzupacken. So blieb mir nichts anderes übrig, als mit der Diligence zu reiſen, die eine halbe Stunde vor meiner Ankunft in Chalons abgegangen war, und die erſt den andern Mittag wiederkehrte. Vier und zwanzig Stunden ſollte ich warten! Ich war an dieſem Tage ganz gewiß der verdrießlichſte Menſch in ganz Europa, und war ſchwach genug zu überlegen, was beſſer ſey, Pre߬19 freiheit ohne[Retourwagen], wie in Frankreich, oder Retourwagen ohne Preßfreiheit wie in Deutſchland.

Ich machte einige Gänge durch die Stadt, aber in den Straßen war es ſo öde und ſtille, die Men¬ ſchen erſchienen mir ſo langweilig und gelangweilt, und ſelbſt im Kaffehauſe, ſonſt dem Pochwerke jeder franzöſiſchen Stadt, hatte Alles ſo ein ſchläfriges Anſehen, daß ich bald wieder nach Hauſe eilte. Dort zog ich Pantoffeln und Schlafrock an, um we¬ nigſtens mit Bequemlichkeit zu verzweifeln. Da er¬ innerte mich ein zufälliger Blick in den Kalender, daß es wieder Zeit ſei, den guten Blutigeln, die zur Erhaltung meiner Liebenswürdigkeit ſo vieles beitragen, ihr kleines monatliches Feſt zu geben. Es war mir eine willkommene Zerſtreuung, und ich ſchickte nach einem Chirurgen. Statt deſſen kam aber eine Frau von ſechzig Jahren, die ſich mir als Hebamme vorſtellte, und mich artig verſicherte, der von mir verlangte Dienſt ſei eigentlich ihr Ge¬ ſchäft. Ich muß geſtehen, daß die Franzöſin die Operation mit einer Leichtigkeit, Sicherheit, Schnel¬ ligkeit und ich möchte ſagen mit einer Grazie aus¬ führte, die ich bei dem geſchickteſten deutſchen Chi¬ rurgus nie gefunden hatte. Sie zeigte ſo viel An¬ ſtand in ihrem Betragen, war ſo abgemeſſen in allen ihren Bewegungen, ſprach ſo fein, ſo bedächtig und umſichtig, daß ich mich nicht enthalten konnte, ſie2*20mit der Ober-Hofmeiſterin einer gewiſſen deutſchen Prinzeſſin zu vergleichen, die ich vor vielen Jahren zu hören und zu beobachten Gelegenheit hatte. Vor meinem Bette ſitzend unterhielt ſie mich auf das an¬ genehmſte und lehrreichſte. Von der letzten Revo¬ lution ſprach ſie kein Wort, und dieſes überzeugte mich, daß es keine Prahlerei von ihr war, wenn ſie mich verſicherte, daß ſie nur die vornehmſten Kran¬ kenhäuſer beſuche. Sie erzählte mir viel von Unter - Präfekten, von einem gewiſſen Colonel, von der Frau des Gerichts-Präſidenten, und daß ſie weit und breit als Hebamme gebraucht werde. Erſt kürzlich wäre ſie zu einer Entbindung nach St. Denis geholt wor¬ den. Sie war die treueſte und verſchwiegenſte Heb¬ amme, verrieth nichts, hatte aber eine ſo geſchickte Darſtellung, daß auch die ſchläfrigſte Phantaſie Alles errathen mußte: zuweilen unterbrach ſie ihren Be¬ richt von den auswärtigen Angelegenheiten, warf einen Blick auf mich und rief mit Künſtler-Begeiſte¬ rung aus: ils travaillant joliment, ils travaillant joliment! So ging mir eine Stunde angenehm vorüber, aber drei und zwanzig Leidens-Stunden bis zur Ankunft der Diligence blieben noch übrig und als die Hebamme fort war, jammerte ich armer Kindbetter, daß es zum Erbarmen war.

Ich nahm Reinhards Reiſebuch zur Hand, und da las ich zu meinem Schrecken, daß Chalons einen21 Spaziergang habe, Jard genannt, und das wäre die ſchönſte Promenade Frankreichs. Ferner: in der Nähe von Chalons wäre das Schlachtfeld, wo einſt Attila von den Römern und Franken beſiegt worden. Das hätte ich nun alles ſehen mögen, war aber jetzt ſo ſchwach, daß ich nicht ausgehen konnte. Es war mir lieblich zu Muthe! Aber Alles geht vor¬ über; es kam der folgende Tag, und mit ihm die Diligence, auf der ich Platz nahm. Man fährt von Chalons in 24 Stunden nach Paris, aber ich fühlte mich unbehaglich, ſcheute die Nachtfahrt und faßte den raſenden Entſchluß mich nur bis Dormans, wo man Abends ankömmt, einſchreiben zu laſſen und da zu übernachten. So that ich es auch.

Meine Gefährten im Coupe waren eine junge ſchöne Modehändlerin aus der Provinz, die ihre pe¬ riodiſche Kunſtreiſe nach Paris machte, und ein ſchon ältlicher Herr, der, nach ſeiner dunklen Kleidung und der Aengſtlichkeit zu beurtheilen, in welche ihn die kleinſte ſchiefe Neigung des Wagens verſetzte, wohl ein proteſtantiſcher Pfarrer oder Schulmann war. Dieſe beiden Perſonen von ſo ungleichem Alter und Gewerbe unterhielten ſich, ohne die kleinſten Pauſen, auf das lebhafteſte mit einander; aber ich achtete nicht darauf, und hörte das alles nur wie im Schlafe. In früheren Jahren war mir jede Reiſe ein Mas¬ kenballfeſt der Seele; alle meine Fähigkeiten walzten22 und jubelten auf das ausgelaſſenſte, und es herrſcht in meinem Kopfe ein Gedränge von Scherz und Ernſt, von dummen und klugen Dingen, daß die Welt um mir her ſchwindelte. Was hörte, bemerkte, beobachtete, ſprach ich da nicht alles! Es waren Wolkenbrüche von Einfällen, und ich hätte hundert Jahrgänge des Morgenblatts damit ausfüllen kön¬ nen, und hätte die Zenſur nichts geſtrichen, tauſend Jahrgänge. Wie hat ſich das aber geändert! .. Ich ſitze ohne Theilnahme im Wagen, ſtumm wie ein Staatsgefangener in Oeſtreich und taub wie das Gewiſſen eines Königs. In der Jugend bemerkt man mehr die Verſchiedenheiten der Menſchen und Länder, und das eine Licht gibt tauſend Farben, im Alter, mehr die Aehnlichkeiten, alles iſt grau, und man ſchläft leicht dabei ein. Ich kann jetzt einen ganzen Tag reiſen ohne an etwas zu denken. Fand ich doch auf dem langen Weg von Strasburg hier¬ her nichts weiter in mein Tagebuch zu ſchreiben, als die Bemerkung, daß ich in Lothringen mit ſechs Pfer¬ den habe pflügen ſehen und daß mein Kutſcher Stun¬ denlang mit Konrad von der Preßfreiheit und den Ordonnanzen mit einem Eifer geſprochen als wäre von Hafer und Stroh die Rede. Und ſelbſt dieſes wenige ſchrieb ich nur kurz und trocken nieder, ohne alle ſatiriſche Bemerkungen gegen die Miethkutſcher in der großen Eſchenheimer Gaſſe, in der23 kleinen Eſchenheimer Gaſſe, hinter der ſchlimmen Mauer und den übrigen Frankfurter Gaſſen, die in der Nähe des Taxiſchen Palaſtes liegen. Den kleinen guten Gedanken: was würde Herr von Münch-Bellinghauſen thun, wenn ſich ein¬ mal ſein Kutſcher erkühnte, von Preßfreiheit zu ſpre¬ chen und würde ihm das nicht Anlaß geben, eine vertrauliche Sitzung der hohen Bundes-Verſammlung zu veranſtalten und darin auf ſchärfere Zenſur in den Bundesſtaaten anzutragen? dieſen habe ich jetzt in dieſem Augenblicke erſt, und ihn ganz allein der Verzweiflung der Langenweile zu verdanken; im Tagebuch ſteht nichts davon Iſt das nicht ſehr traurig?

Man reiſt jetzt auf der Diligence unglaub¬ lich wohlfeil. Der Platz von Strasburg bis Paris, koſtet nicht mehr als 20 Franken, im Kabriolet 26. Dieſe Wohlfeilheit kömmt daher, weil es drei ver¬ ſchiedene Unternehmungen gibt, die ſich wechſelſeitig zu Grunde zu richten ſuchen. Bei ſolchen niedrigen Preiſen, haben die Aktionärs großen Verluſt, den ſie nicht lange ertragen können. Es kömmt jetzt darauf an, wer es am längſten aushält. Von Chalons bis Paris gehen täglich, die Malle-Poſte ungerechnet, ſechs Diligencen, drei von Metz, drei von Stras¬ burg kommend. Unter dieſen ſieben Looſen habe ich ſchon drei Nieten gezogen, denn in den drei Wagen,24 welche dieſen Mittag durchkamen, waren keine Plätze mehr. Heute Abend kommen die Andern und wenn ich Glück habe wie bisher, werden ſie gleichfalls be¬ ſetzt ſeyn, und ich vielleicht acht Tage in Dormans bleiben müſſen. Das wäre mein Tod. Und wel¬ cher Tod! Der Tod eines Bettlers. Denn man wird hier auf eine ſo unerhörte Art geprellt, daß ein achttägiger Aufenthalt meine Kaſſe erſchöpfen, und mir nicht ſo viel übrig bleiben würde, meine Begräbnißkoſten zu beſtreiten. Hören Sie weiter wie es mir ging.

Um, wenn der Wagen ankäme, nicht aufgehal¬ ten zu ſeyn, verlangte ich dieſen Vormittag ſchon meine Wirthshaus-Rechnung. Die Wirthin machte die unverſchämte Forderung von etlichen und zwanzig Franken. Ich hatte geſtern Abend nichts als Bra¬ ten und Deſſert gehabt, ein elendes Schlafzimmer, und dieſen Morgen Kaffee. Der Bediente das nehm¬ liche und wahrſcheinlich alles noch ſchlechter. Ich ſagte der Wirthin, ſie ſollte mir die Rechnung ſpe¬ zifiziren. Sie ſchrieb mir auf: Nachteſſen 9 Fr., Zimmer 8, Frühſtück 3, Zuckerwaſſer 1 Fr. und für einige Leſe-Bücher, die ich aus der Leihbibliothek hatte holen laſſen, 30 Sous. Ich fragte ſie kalt und giftig, ob ſie bei dieſer Forderung beſtände, und als ſie erwiederte: ſie könne nicht anders, nahm ich die Rechnung und ging fort, die Wirthin zu verklagen. 25Ich wollte einmal ſehen, wie in einer, auf ei¬ ner Monarchie gepfropften Republik die Juſtiz be¬ ſchaffen ſei. Ich trat in den Laden eines Apothekers um mich nach der Wohnung des Friedensrichters zu erkundigen. Die Apotheke ſah derjenigen, welche Shakſpeare in Romeo und Julie beſchrieben, ſehr ähnlich, und ich glaube, ich hätte da leicht Gift haben können. Der müßige Apotheker las die neue Charte Constitutionelle. Statt aber auf meine Frage nach der Wohnung des Friedensrichters zu antworten, fragte er mich, was ich da ſuche? Ich erzählte ihm meinen theuren Fall. Er erkundigte ſich nach dem Wirthshauſe,[und] als ich es ihm bezeichnet, erwie¬ derte er mir, er wiſſe nicht, wo der Friedensrichter wohne. Wahrſcheinlich war er mit der ſpitzbübi¬ ſchen Wirthin befreundet. Ich ging fort und ließ ihm einen verächtlichen Blick zurück. So ſind die Liberalen! Ich ließ mir von einem Andern das Haus des Friedensrichters bezeichnen. Ich trat hinein, ein Hund ſprang mir entgegen, der mich bald zerriſſen hätte, und auf deſſen Gebell eilte ein Knecht herbei, der mir ſagte, der Friedensrichter wäre verreiſt und ich ſollte mich an den Greffier wen¬ den. Mit Mühe fand ich die Wohnung des Gref¬ fiers. Der war über Land gegangen. Ich ſuchte den Maire auf; man ſagte mir, der wäre zum Prä¬ fekten gerufen worden, und ich ſollte zum Maire¬26 Adjunkten gehen. Dieſen fand ich zu Hauſe. Es war ein kleines altes Männchen in blonder Perücke, der einen großen Pudel auf dem Schoos hatte und ihn ſchor. Ein junges Frauenzimmer, Tochter oder Haushälterin, war mit Bügeln beſchäftigt. Als ich eintrat, ließ der Maire-Adjunkt den Hund laufen, hörte meine Klage an, und ſah mir über die Schul¬ ter in die Rechnung, die ich ihm vorlas. Das Mädchen trat auf meine linke Seite, ſah mir gleich¬ falls über die Schulter in die Rechnung, verbrannte mir mit dem heißen Bügeleiſen den kleinen Finger und rief in größtem Eifer aus: Nein, das iſt uner¬ hört, aber dieſe Leute machen es immer ſo. Der Maire-Adjunkt fiel ſeiner wahrſcheinlichen Haushäl¬ terin nicht ohne Schüchternheit in das Wort, bemerkte, er könne ſich nicht in die Sache miſchen, das ginge den Friedensrichter an. Uebrigens, mein Herr, ſchloß er ſeine Rede, Sie werden ſchon öfter gereiſt ſein. Dieſe kurze und weiſe Bemerkung brachte mich zur Beſonnenheit, ich ſtrich meinen verbrannten Finger an der noch ungeſchornen Seite des Pudels, welches mir ſehr wohl that, und ging fort.

Nach Hauſe zurückgekommen, erzählte ich der Wirthin, ich hätte ſie verklagen wollen, aber die Be¬ hörden wären alle abweſend, und ſo blieb mir nichts übrig, als ſie noch einmal zu fragen, ob ſie ſich denn gar nicht ſchäme, ich hätte ja ganz ſchlecht zu Nacht27 gegeſſen? Die Tochter der Wirthin erwiederte dar¬ auf: ich hatte ſehr gut zu Nacht gegeſſen, ich hätte ein Suprême de Volaille. gehabt. Dieſes Suprême de Volaille war nichts als ein Dreieck von dem Leibe eines Huhns, in deſſen einem Winkel eine kalte Krebsſcheere ſtak, welche irgend ein Paſſagier viel¬ leicht ſchon vor der Revolution ausgehöhlt hatte. Ich glaube, die Suprematie dieſes Gerichts beſtand blos in dieſer hohlen Krebsſcheere, denn das Uebrige war etwas ganz Gewöhnliches. Ich ward heftig und antwortete der Tochter: Que me parlez-vous d'un Suprême de Volaille? Vous êtes un Su¬ prême de Canaille! Kaum hatte ich das Zorn¬ wort ausgeſprochen, als ich es bereute. Erſtens aus Höflichkeit, und zweitens aus Furcht; denn der Koch war mit ſeinem langen Meſſer hinzugetreten, und ich dachte, er würde mich auf der Stelle ſchlachten. Aber zu meinem Erſtaunen achteten Wirthin, Toch¬ ter und Koch gar nicht auf mein Schimpfen, ſie verzogen keine Miene und es war, als hätten ſie es gar nicht gehört. Ich kann mir dieſe Unempfindlich¬ keit nicht anders erklären, als daß ich zu feines Franzöſiſch geſprochen, welches die Kleinſtädter nicht verſtanden.

Ich bezahlte meine Rechnung, um mich aber an den Leuten zu rächen und ſie zu ärgern, ließ ich meine Sachen in das gerade gegenüber liegende28 Wirthshaus bringen. Hier ich zu Mittag, und ließ mir dann ein Zimmer geben, wo ich Ihnen ſchreibe und auf die Ankunft der Diligence warte.

Morgen oder übermorgen ſchreibe ich von Paris. Sollten Sie aber morgen wieder einen Brief mit dem Poſtzeichen Dormans erhalten, dann öffnen Sie ihn nur gleich mit weinenden Augen, denn Sie können voraus wiſſen, daß ich Ihnen mei¬ nen Tod melde.

[29]

Fuͤnfter Brief.

Seit geſtern bin ich hier und Alles iſt vergeſ¬ ſen. Ob ich geſund und froh, wie Sie es wün¬ ſchen, in Paris angekommen, oder durch mein An¬ kommen erſt geworden bin, wüßte ich kaum zu be¬ ſtimmen; doch glaube ich eher das Letztere. Ich habe wunderliche Nerven. Wenn ſie kein Lüftchen berührt, ſind ſie am unruhigſten und zittern wehkla¬ gende Töne gleich Elvirens Harfe in der Schuld. Dieſe Kränkelei macht mich ſo wüthend, daß ich meine eigenen Nerven zerreißen möchte. So oft ſie aber ein grober Sturmwind ſchlägt, bleiben ſie phi¬ loſophiſch gelaſſen, und verlieren ſie ja die Geduld, brummen ſie doch männlich, wie die Saiten einer Baßgeige. Ich kann es Ihnen nicht genug ſagen, wie mir ſo behaglich worden gleich von der erſten Stunde an. Das moraliſche Klima von Paris that30 mir immer wohl, ich athme freier, und meine deutſche Engbrüſtigkeit verließ mich ſchon in Bondy. Raſch zog ich alle meine Bedenklichkeiten aus und ſtürzte mich jubelnd in das friſche Wellengewühl. Ich möchte wiſſen, ob es andern Deutſchen auch ſo be¬ gegnet wie mir, ob ihnen, wenn ſie nach Paris kom¬ men, wie Knaben zu Muthe iſt, wenn an ſchönen Sommerabenden die Schule geendigt und ſie ſpringen und ſpielen dürfen! Mir iſt es gerade, als müßte ich unſerm alten Conrector einen Eſel bohren.

Ich wohne hinter dem Palais-Royal. Die Zimmer ſind gut, aber die enge Straße mit ihren hohen Häuſern iſt unfreundlich. Kein Sonnenblick den ganzen Tag. Und doch iſt es mir manchmal noch zu hell; denn ich habe merkwürdige Gegen¬ über. Erſtens, ſehe ich in die Küche eines Reſtau¬ rateurs. Schon früh Morgens fangen die ungewa¬ ſchenen Köche zu tüchten und zu trachten an, und wenn man ſo mit anſieht, wie die Grazie, die allen franzöſiſchen Schüſſeln eigen iſt, zu Stande kömmt, kann man die Eßluſt auf eine ganze Woche verlie¬ ren. Dann ſehe ich in das Zimmer einer Demoi¬ ſelle; in eine Schneiderswohnung; in einen Roulette - Saal und in eine lange Gallerie von Cabinets ino¬ dores. Wie ſchön, freundlich und glänzend iſt Alles nach der Gartenſeite des Palais-Royal; nach hin¬ ten aber, wie betrübt und ſchmutzig Alles! Ich31 werde mich eilen aus dieſen Couliſſen zu kommen und mich nach einer andern Wohnung umſehen.

Sie können es ſich denken, daß ich nicht lange zu Hauſe geblieben, ſondern gleich fort eilte, die alten Spielplätze meiner Phantaſie aufzuſuchen und die neuen Schlachtfelder, die ihr Wort gehalten. Aber ich fand es anders als ich erwartete. Ich dachte in Paris müſſe es ausſehen wie am Strande des Meeres nach einem Sturm, Alles von Trüm¬ mern bedeckt ſeyn, und das Volk müſſe noch toſen und ſchäumen. Doch war die gewohnte Ordnung überall und von der Verheerung nichts mehr zu ſe¬ hen. Auf einigen Strecken der Boulevards fehlen die Bäume, und in wenigen Straßen wird noch am Pflaſter gearbeitet. Ich hätte die Stiefeln ausziehen mögen; wahrlich, nur barfuß ſollte man dieſes heilige Pflaſter betreten. Die vielen dreifarbigen Fahnen, die man aufgeſteckt ſieht, erſchienen mir nicht als Zeichen des fortdauernden Krieges, ſondern als Frie¬ denspaniere. Die Fahne in der ſtolzen Hand Lud¬ wigs XIV. auf dem Place des Victoires machte mich laut auflachen. Wir haben die Reiterſtatüe vor acht Jahren zuſammen aufrichten ſehen. Wer hätte das damals gedacht? Träume von Eiſen und Mar¬ mor und doch nur Träume! Noch ſchwebt jener Tag mir vor, noch höre ich den Polizei-Jubel, höre alle die Lieder mit ihren Melodien, welche be¬32 zahlte Bänkelſänger auf dem Platze ſangen. Das eine Lied fing an: vive le roi, le roi, le roi, que chante le monde á la ronde jetzt müßte es hei¬ ßen ſtatt que chante, que chasse le monde à la ronde. Wenn er nur nicht ſo alt wäre! das verbittert mir ſehr meine Freude. Gott ſegne dieſes herrliche Volk, und fülle ihm die goldnen Becher bis zum Rande mit dem ſüßeſten Weine voll, bis es überſtrömt, bis es hinabfließt auf das Tiſchtuch, wo wir Fliegen herum kriechen und naſchen. Summ, ſumm wie dumm!

Alte deutſche Bekannte ſuchte ich gleich geſtern auf. Ich dachte durch ſie mehr zu erfahren, als was ich ſchon gedruckt geleſen, aber nicht Einer von ihnen war auf dem Kampfplatze, nicht Einer hat mit¬ gefochten. Es ſind eben Landsleute! Engländer, Nieder¬ länder, Spanier, Portugieſen, Italiäner, Polen, Grie¬ chen, Amerikaner, ja Neger haben für die Freiheit der Franzoſen, die ja die Freiheit aller Völker iſt, gekämpft und nur die Deutſchen nicht. Und es ſind deren viele Tauſende in Paris, theils mit tüchtigen Fäuſten, theils mit tüchtigen Köpfen. Ich verzeihe es den Handwerksburſchen; denn dieſe haben es nicht ſchlimm in unſerm Vaterlande. In ihrer Jugend dürfen ſie auf der Landſtraße betteln, und im Alter machen ſie die Zunfttyrannen. Sie haben nichts zu gewinnen bei Freiheit und Gleichheit. Aber die33 Gelehrten! Dieſe armen Teufel, die in Schaaren nach Paris wandern, und von dort mit dem Mor¬ genblatte, mit dem Abendblatte, mit dem Geſell¬ ſchafter, mit der allgemeinen Zeitung correſpondiren; die das ganze Jahr von dem reichen Stoffe leben, den ihnen nur freies Volk verſchaffen kann; die im dürren Vaterlande verhungern würden dieſe wenigſtens, und wäre es auch nur aus Dankbarkeit gegen ihre Ernährer, hätten doch am Kampfe Theil nehmen ſollen. Aber hinter einem dicken Fenſter¬ pfoſten, im Schlafrocke, die Feder in der Hand, das Schlachtfeld begucken, die Verwundeten, die Gefalle¬ nen zählen und gleich zu Papier bringen; zu bewun¬ dern ſtatt zu bluten, und die Leiden eines Volks ſich von einem Buchhändler bogenweiſe bezahlen zu laſ¬ ſen nein, das iſt zu Schmachvoll, zu Schmach¬ voll!

Die Pracht und Herrlichkeit der neuen Gallerie d' Orleans im Palais-Royal kann ich Ihnen nicht beſchreiben. Ich ſah ſie geſtern Abend zum erſten Male in ſonnenheller Gasbeleuchtung, und war überraſcht wie ſelten von etwas. Sie iſt breit und von einem Glashimmel bedeckt. Die Glasgaſſen, die wir in früheren Jahren geſehen, ſo ſehr ſie uns damals gefielen, ſind düſtere Keller oder ſchlechte Dachkammern dagegen. Es iſt ein großer Zauber¬ ſaal, ganz dieſes Volks von Zauberern würdig. Ichl. 334wollte die Franzoſen zögen alle Weiberröcke an, ich würde ihnen dann die ſchönſten Liebeserklärungen machen. Aber iſt es nicht thöricht, daß ich mich ſchäme, Dieſem und Jenem die Hand zu küſſen, wozu mich mein Herz treibt die Hand, die un¬ ſere Ketten zerbrochen, die uns frei gemacht, die uns Knechte zu Rittern geſchlagen?

[35]

Sechster Brief

Ich komme aus dem Leſekabinett. Aber nein, nein, der Kopf iſt mir ganz verwirrt von allen den Sachen, die ich aus Deutſchland geleſen! Un¬ ruhen in Hamburg; in Braunſchweig das Schloß angezündet und den Fürſten verjagt; Empörung in Dresden! Seien Sie barmherzig, berichten Sie mir Alles auf das genaueſte. Und wenn Sie nichts Beſonderes erfahren, ſchreiben Sie mir wenigſtens die deutſchen Zeitungen ab, die ich hier noch nicht habe auffinden können. Den franzöſiſchen Blättern kann ich in ſolchen Dingen nicht trauen; nicht der zehnte Theil von dem, was ſie erzählen, mag wahr ſeyn. Was aber deutſche Blätter über innere An¬ gelegenheiten mittheilen dürfen, das iſt immer nur der zehnte Theil der Wahrheit. Hätte ich mich alſo doch geirrt, wie mir ſchon manche vorgeworfen? 3*36Wäre Deutſchland reifer als ich gedacht? Hätte ich dem Volke Unrecht gethan? Hätten ſie unter Schlaf¬ mützen und Schlafrock heimlich Helm und Harniſch getragen? O, wie gern, wie gern! Scheltet mich wie einen Schulbuben, gebet mir die Ruthe, ſtellt mich hinter den Ofen gern will ich die ſchlimmſte Züchtigung ertragen, wenn ich nur Unrecht gehabt. Wenn ſie ſich nur erſt die Augen gerieben, wenn ſie nur erſt recht zur Beſinnung gekommen, werden ſie ſich erſtaunt betaſten, werden im Zimmer umher blicken, das Fenſter öffnen und nach dem Himmel ſehen, und fragen: welcher Wochentag, welcher Monatstag iſt denn heute, wie lange haben wir geſchlafen? Unglückſelige! nur der Muthige wacht. Wie hat man es nur ſo lange ertragen? Es iſt eine Frage, die mir der Schwindel gibt. Einer erträgt es, noch Einer, noch Einer aber wie ertragen es Millio¬ nen? Der Spott zu ſeyn aller erwachſenen Völker! wie der kleine dumme Hans, der noch kein Jahr Hoſen trägt, zu zittern vor dem Stöckchen jedes alten, ſchwachen, gräulichen Schulmeiſters! .. Aber Wehe ihnen, daß wir erröthen! Das Erröthen der Völker iſt nicht wie Roſenſchein eines verſchämten Mädchens; es iſt Nordlicht voll Zorn und Ge¬ fahren.

37

Mitternacht iſt vorüber; aber ein Glas Ge¬ frorenes, das ich erſt vor wenigen Minuten bei Tortoni gegeſſen, hat mich ſo aufgefriſcht, daß ich gar keine Neigung zum Schlafe habe. Es war himmliſch! Das Glas ganz hoch aufgefüllt, ſah wie ein langes weißes Geſpenſt aus. Nun bitte ich Sie haben Sie je gehört oder geleſen, daß Jemand ein Glas Gefrorenes mit einem Geſpenſte verglichen hätte? Solche Einfälle kann man aber auch nur in der Geiſterſtunde haben. Den Abend brachte ich bei *** zu. Es ſind ſehr liebenswürdige Leute und die es verſtehen, wenn nur immer möglich, auch ihre Gäſte liebenswürdig zu machen. Das iſt das Sel¬ tenſte und Schwerſte. Es war da ein Gemiſch von Deutſchen und Franzoſen, wie es mir behagt. Da wird doch ein gehöriger Salat daraus. Die Fran¬ zoſen allein ſind Oehl, die Deutſchen allein Eſſig, und ſind für ſich gar nicht zu gebrauchen, außer in Krankheiten. Bei dieſer Gelegenheit will ich Ihnen die höchſt wichtige und einflußreiche Beobachtung mittheilen, daß man in Frankreich dreimal ſo viel Oehl und nur ein Dritttheil ſo viel Eſſig zum Sa¬ late verwendet, wie in Deutſchland. Dieſe Ver¬ ſchiedenheit geht durch die Geſchichte, Politik, Re¬ ligion, Geſelligkeit, Kunſt, Wiſſenſchaft, den Handel38 und das Fabrikweſen beider Völker, welches vor mir die berühmteſten deutſchen Hiſtoriker, die ſich doch immerfort rühmen, aus der Quelle zu ſchöpfen, leichtſinnig überſehen haben. Sie ſollen ſich aber den Kopf darüber nicht zerbrechen. Es iſt gerade nicht nöthig, daß Sie alles verſtehen was ich ſage, ich ſelbſt verſtehe es nicht immer. Wie herrlich wäre es, wenn beide Länder in allem ſo verſchmolzen wären, als es beide Völker heute Abend bei *** waren. In wenigen Jahren wird es ein Jahrtau¬ ſend, daß Frankreich und Deutſchland, die früher nur ein Reich bildeten, getrennt wurden. Dieſer dumme Streich wurde, gleich allen dummen Streichen in der Politik, auf einem Congreſſe beſchloſſen, zu Verdün im Jahr 843. Aus jener Zeit ſtammen auch die köſtlichen eingemachten Früchte und Dra¬ gées, wegen welcher Verdün noch heute berühmt iſt. Einer der Congreß-Geſandten hatte ſie erfunden, und war dafür von ſeinem genädigen Herrn in den Grafenſtand erhoben worden. Ich hoffe im Jahre 1843 endiget das tauſendjährige Reich des Anti¬ chriſts, nach deſſen Vollendung die Herrſchaft Gottes und der Vernunft wieder eintreten wird. Wir haben nehmlich den Plan gemacht, Frankreich und Deutſch¬ land wieder zu einem großen fränkiſchen Reiche zu vereinigen. Zwar ſoll jedes Land ſeinen eignen König behalten, aber beide Länder eine gemeinſchaft¬39 liche National-Verſammlung haben. Der franzöſiſche König ſoll wie früher in Paris thronen, der deutſche in unſerem Frankfurt, und die National-Verſamm¬ lung jedes Jahr abwechſelnd in Paris oder in Frank¬ furt gehalten werden. Wenn Sie Ihre Nichte O*** beſuchen, benutzen ſie doch die Gelegenheit, mit dem Koche des Präſidenten der Bundesverſammlung von unſerem Plane zu ſprechen. Der muß ja die Ge¬ ſinnungen und Anſichten ſeines Herrn am beſten kennen.

Die lieben Tuilerien habe ich heute wieder¬ geſehen. Sie hießen mich willkommen, ſie lächelten mir zu und alles dort war wie zu meinem Empfange glänzend und feſtlich eingerichtet. Ich fühlte mich ein Fürſt in der Mitte des fürſtlichen Volkes, das unter dem blauen Baldachin des Himmels von ſeiner Krönung zurückkehrte. Es iſt etwas Königliches in dieſen breiten, vom Goldſtaube der Sonne bedeckten Wegen, die an Palläſten vorüber, von Pallaſt zu Pallaſt führen. Mich erfreute die unzählbare Men¬ ſchenmenge. Da fühlte ich mich nicht mehr einſam; ich war klug unter tauſend Klugen, ein Narr unter tauſend Narren, der Betrogene unter tauſend Be¬ trogenen. Da ſieht man nicht blos Kinder, Mäd¬ chen, Jünglinge, Greiſe, Frauen; man ſieht die Kindheit, die Jugend, das Alter, das weibliche Ge¬ ſchlecht. Nichts iſt allein, geſchieden. Selbſt die40 mannichfachen Farben der Kleider, erſcheinen, aus der Ferne betrachtet, nicht mehr bunt; die Farben¬ geſchlechter treten zuſammen; man ſieht weiß, blau, grün, roth, gelb, in langen breiten Streifen. Wegen dieſer Fülle und Vollſtändigkeit liebe ich die großen Städte ſo ſehr. Seine angeborne Neigung und Rich¬ tung kann keiner ändern, und um zufrieden zu leben, muß darum jeder, was ihm lieb iſt, auf ſeinem Wege ſuchen. Aber das kann man nicht überall. Zwar findet man auch in der kleinſten Stadt jedes Landes Menſchen von jeder Art, unter welchen man wählen kann; aber was nützt uns das? Es ſind doch nur Muſter, die zu keinem Kleide hinreichen. Nur in London und Paris iſt ein Waaren-Lager von Menſchen, wo man ſich verſehen kann, nach Neigung und Vermögen.

Still, heiter, freundlich und beſcheiden wie ein verliebtes glückliches Mädchen, luſtwandelte das Pa¬ riſer Volk umher. Als ich dieſes ſah, und bedachte: noch ſind zwei Monate nicht vorüber, daß es einen tauſendjährigen König niedergeworfen, und in ihm Millionen ſeiner Feinde beſiegt wollte ich meinen Augen oder meiner Erinnerung nicht trauen. Es iſt der Traum von einem Wunder! Schnell haben ſie geſiegt, ſchneller haben ſie verziehen. Wie mild hat das Volk die erlittenen Kränkungen erwiedert, wie bald ganz vergeſſen! Nur im offenen Kampfe, auf41 dem Schlachtfelde hat es ſeine Gegner verwundet. Wehrloſe Gefangene wurden nicht ermordet, Ge¬ flüchtete nicht verfolgt, Verſteckte nicht aufgeſucht, Verdächtige nicht beunruhigt. So handelt ein Volk! Fürſten aber ſind unverſöhnlich und unauslöſchlich iſt der Durſt ihrer Rache. Hätte Karl geſiegt, wie er beſiegt worden, wäre das fröhliche Paris heute eine Stätte des Jammers und der Thränen. Jeder Tag brächte neue Schrecken, jede Nacht neues Verderben. Wir ſehen ja, was in Spanien, Portugal, Neapel, Piemont und in andern Ländern geſchieht, wo die Gewalt über die Freiheit ſiegte. Seit Jahren iſt der Sieg entſchieden und das Werk der Rache und der Verfolgung geht fort wie am Tage der Schlacht. Und es war ein Sieg, den man nur dem Meineide verdankte! Tauſende ſchmachten noch im Kerker, Tau¬ ſende leben noch in trauriger Verbannung, das Schwert des Henkers iſt immer gezückt, und wo es ſchont, wo es zaudert, geſchieht es nur, um länger zu drohen, um länger zu ängſtigen. So entartet, ſo herabgewürdigt hat ſich die Macht gezeigt, daß ſie oft mit Grauſam¬ keiten prahlte, die ſie gar nicht begangen; ſich der Gerechtigkeit ſchämend, manche ihrer Gefangenen nur heimlich ſchonte, und es als Verläumdung beſtrafte, wenn man ſie mild geprieſen! Mich empört die nieder¬ trächtige Unverſchämtheit der Fürſtenſchmeichler, welche die Völker als Tiger, die Fürſten als Lämmer dar¬42 ſtellen. Wenn jeder Machthaber, ſobald er zum Beſitze der Macht gelangt, gleich ſeine Leidenſchaft zur Regel erhebt, grauſame Strafen für jeden Wi¬ derſpruch voraus beſtimmt, und dieſe Regel, dieſe Anwendung ſich herabrollt durch Jahrhunderte nennen ſie das Geſetzlichkeit. Das Volk hat ſeine Leidenſchaft nie zum Geſetz erhoben, die Ge¬ genwart erbte nie die Miſſethaten der Vergangenheit, ſie vermehrt der Zukunft zu überlaſſen. Wenn dumme, feige oder beſtochene Richter aus altem Herkommen und verblichenen Geſetzen nachweiſen können, daß ſie in gleichen Fällen immer gleich ungerecht geweſen nennen ſie das Gerechtigkeit. Wenn der ſchuldlos Verurtheilte, durch Reihen ſchön geputzter Soldaten, durch die Mitte des angſtzitternden Volkes, das nicht zu weinen, nicht zu athmen wagt, ohne Laut und Störung zum Blutgerüſte geführt wird nennen ſie das Ordnung; und ſchnellen Tod in langſame Qual des Kerkers verwandeln das nennen ſie Milde.

Ich eilte die Terraſſe hinauf, von wo man in die elyſäiſchen Felder herabſieht. Dort ſetzte ich mich auf einen Traumſtuhl und meine Gedanken¬ mühle, die wegen Froſt oder Dürre ſo lange ſtill geſtanden, fing gleich luſtig zu klappern an. Welch ein Platz iſt das! Es iſt eine Landſtraße der Zeit, ein Markt der Geſchichte, wo die Wege der Ver¬43 gangenheit, Gegenwart und Zukunft ſich durchkreuzen. Da unten ſteht jetzt ein Marmor-Piedeſtal, auf welches man die Bildſäule, ich glaube Ludwig des Sechzehnten, hat ſtellen wollen. Die dreifarbige Fahne weht darüber. Es iſt noch nicht lange, daß Karl X. mit großer Feierlichkeit den Grundſtein dazu gelegt. Die Könige ſollten ſich doch nicht lächerlich machen und noch ferner den Grundſtein zu einem Gebäude legen. Sie thäten beſſer, den letzten Ziegel auf dem Dache anzunageln; die Vergangenheit raubt ihnen Keiner. Wahrlich, die Zeit wird kommen, wo die fürſtlichen Köche, wenn ſie Morgens vor ihren Töpfen ſtehen, einander fragen werden: wem decken wir das wohl Mittags? und in ihrer philo¬ ſophiſchen Zerſtreuung manche Schüſſel verfehlen werden. ... Was kam mir da oben nicht alles in den Sinn. Sogar fiel mir ein, woran ich ſeit zwanzig Jahren nicht gedacht: daß ich vor zwanzig Jahren in Wien geweſen. Es war ein ſchöner Tag wie heute, nur ein ſchönerer, denn es war am erſten Mai. Ich war im Augarten, welcher ſchöner iſt als die Tuilerien. Die Volksmenge dort war groß und feſtlich ausgebreitet, wie die hier. Doch heute bin ich alt und damals war ich jung. Meine Phan¬ taſie lief umher wie ein junger Pudel, und ſie war noch gar nicht dreſſirt; ſie hatte noch nie etwas dem Morgenblatte oder ſonſt einem Zeitblatte apportirt. 44Sie diente nur ſich ſelbſt, und was ſie holte, holte ſie nur es als Spielzeug zu gebrauchen und ließ es wieder fallen. Und da fragte ich mich heute in den Tuilerien: damals, im Frühlinge des Lebens und der Natur, was dachteſt du mit deinem friſchen Geiſte, was fühlteſt du mit deinem jungen Herzen? Ich beſann mich ... auf nichts. Mir fiel nur ein, daß der Erzherzog Karl, und noch andere kaiſerliche Prinzen öffentlich im Gartenſaale gefrühſtückt, und daß ſie unter andern Chokolade getrunken, und gleich darauf Spargel mit Butterſauce gegeſſen, worüber ich mich zu ſeiner Zeit ſehr gewundert. Ferner: daß ich ſelbſt gefrühſtückt, und zwar ganz köſtliche Brat¬ würſtchen, nicht länger und dicker als ein Finger, die ich ſeit dem in keinem Lande mehr gefunden ... Chokolade, Spargel, Bratwürſte das waren alle meine Jugenderinnerungen aus Wien! Es iſt ein Wunder! Und erſt heute in den Tuilerien lernte ich verſtehen, daß man auch die Freiheit der Gedanken feſſeln könne, wovon ich oft gehört; es aber nie habe faſſen können.

Als nun die Frau kam und für ihren Stuhl zwei Sous einforderte, ſah ich ſie verwundert an und gab ihr zehen. Für dieſen Stuhl, dieſe Stunde, dieſe Ausſicht, dieſe Erinnerung hätte ich ein Gold¬ ſtück bezahlt. Das macht Paris ſo herrlich, daß zwar Vieles theuer iſt, das Schönſte und Beſte aber45 wenig oder gar nichts koſtet. Für zwei Sous habe ich meinem Zorn einen Schmaus gegeben, habe hun¬ dert Könige und ein großes Reich verſpottet, und Taſchen voll der ſchönſten Hoffnungen mit nach Hauſe gebracht.

Es iſt drei Uhr, und die Raſenden im Roulette-Zimmer gegenüber ſtehen noch in dicken Kreiſen um den Tiſch. Das Fenſter nach der Straße iſt durch ein Drathgitter verwahrt. Die Unglücklichen dahinter ſehen wie wilde Thiere aus. Ich hoffe es iſt keiner darunter, der im Juli mitgefochten. Gute Nacht.

[46]

Siebenter Brief.

Schreiben, Schriftſtellern, Gedanken bauen wie wäre mir das möglich hier? Der Boden wankt unter meinen Füßen, es ſchwindelt um mich her, mein Herz iſt ſeekrank. Manchmal kömmt es mir ſelbſt ſpaßhaft vor, daß ich die Sorgen eines Königs habe, und ſo angſtvoll warte auf die Entſcheidung der Schlacht, als hätte ich dabei eine Krone zu ge¬ winnen oder zu verlieren. Ach, wäre ich doch König nur einen kurzen Monat! Wahrlich, ich wollte keine Sorgen haben, aber geben wollte ich ſie.

Die tägliche, ja allſtündliche Bemühung der ſtärkſten Denkreize macht die Menſchen hier endlich ſtumpf und gedankenlos. Wenn es nicht ſo wäre, man ertrüge nicht Paris ſein ganzes Leben durch. Die Erfahrung, die anfänglich bedächtig macht, macht ſpäter leichtſinnig, und ſo erkläre und entſchuldige47 ich den Leichtſinn dieſes Volkes. Wir Deutſchen, die wir am längſten unter einem ſanften Wolkenfreien Traumhimmel leben, ſind rheumatiſch, ſobald wir wachen; wir ſpüren jede Erfahrung und jeder Wech¬ ſel der Empfindung macht uns krank.

Dieſen Mittag ſtand ich eine halbe Stunde lang vor dem Eingange des Muſeums, und ergötzte mich an der unvergleichlichen Beredtſamkeit, Geiſtes¬ gegenwart und Keckheit eines Marktſchreiers, der ein Mittel gegen Taubheit feil bot, und Mehrere aus der umſtehenden Menge, in Zeit von wenigen Mi¬ nuten von dieſer Krankheit heilte. Als ich unter dem herzlichſten Lachen fortging, dachte ich: mit dieſem Spaße ernähre ich mich den ganzen Tag. Und er dauerte keine drei Minuten lang, reichte keine dreißig Schritte weit!

Im Hofe des Louvre's begegnete ich einem feierlichen Trauerzuge, deſſen Spitze dort ſtill hielt, um ſich zu ordnen. Voraus ein Trupp National¬ garden, welche dumpfe Trommeln ſchlugen, und dann ein unabſehbares Gefolge von ſtillen, ernſten, be¬ ſcheidenen, meiſtens jungen Bürgern, die paarweiſe gingen, und in ihren Reihen viele Fahnen und Standarten trugen, welche mit ſchwarzen Flören behängt, und deren Inſchriften von Immortellen oder Lorbeeren bekränzt waren. Ich ſah, fragte und als ich die Bedeutung erfuhr, fing mein Blut, das kurz48 vorher noch ſo friedlich durch die Adern floß, heftig zu ſtürmen an, und ich verwünſchte mein Geſchick, das mich verurtheilte jeden Schmerz verdampfen zu laſſen wie eine heiße Suppe und ihn dann löffelweiſe hinunter zu ſchlucken. Wie glücklich iſt der Kämpfer in der Schlacht, der ſeinen Schmerz, ſeinen Zorn kann ausbluten laſſen und der keine andere Schwäche fühlt als die dem Gebrauche der Kraft nachfolgt!

Es war eine Todtesfeier für jene vier Unter - Officiere, welche in der Verſchwörung von Berton der Gewalt in die Hände gefallen und als wehrloſe Gefangene ermordert wurden. Heute vor acht Jah¬ ren wurden ſie auf dem Greve-Platz niedergemetzelt, und weil es ein Mord mit Floskeln war, nannte man es eine Hinrichtung. Abends war Concert bei Hofe. Es iſt zum raſend werden! Acht Jahre ſind es erſt und ſchon hat ſich in Tugend umgewandelt, was damals für Verbrechen galt. Wenn man, wie es die Menſchlichkeit und das Kriegsrecht will, auch die im Freiheitskampfe Beſiegten in Gefangenſchaft behielte, ſtatt ſie zu tödten, dann lebten jene unglück¬ lichen Jünglinge noch. Mit welchem Siegesjubel wäre ihr Kerker geöffnet worden, mit welchem Ent¬ zücken hätten ſie das Licht, die Luft der Freiheit begrüßt! Könige ſind ſchnell, weil ſie wiſſen, daß es keine Ewigkeit gibt für ſie, und Völker ſind lang¬ ſam, weil ſie wiſſen, daß ſie ewig dauern. Hier49 iſt der Jammer. Wie damals, als ich die fluch¬ würdige Hinrichtung mit angeſehen, ſo war auch heute mein Zorn, weniger gegen den Uebermuth der Gewalt, als gegen die niederträchtige Feigheit des Volkes gerichtet. Einige Tauſend Mann waren zum Schutze der Henkerei verſammelt. Dieſe waren ein¬ geſchloſſen, eingeengt von Hundert tauſend Bürgern, welchen allen Haß und Wuth im Herzen kochte. Es war kein Leben, kaum eine Wunde dabei zu wagen. Hätten ſie ſich nur ſo viel bemüht, als ſie es jeden Abend mit Fröhlichkeit thun, ſich in die Schauſpiel¬ häuſer zu drängen; hätten ſie nur rechts und links mit den Ellenbogen geſtoßen: die Tyrannei wäre er¬ drückt und ihr Schlachtopfer gerettet worden. Aber die abergläubiſche Furcht vor der Soldatenmacht! Warum thaten ſie nicht damals ſchon, was ſie acht Jahre ſpäter gethan? Es iſt zum Verzweifeln, daß ein Volk ſich erſt berauſchen muß in Haß, ehe es den Muth bekömmt, ihn zu befriedigen; daß es nicht eher ſein Herz findet, bis es den Kopf verloren.

Mit ſolchen Gedanken ging ich neben dem Zuge her und begleitete ihn bis auf den Greve-Platz. Dort ſchloſſen ſie einen Kreis, und Einer ſtellte ſich auf eine Erhöhung und ſchickte ſich zu reden an. Ich aber ging fort. Was an dieſem Orte und über ſolche jammervolle Geſchichten zu ſagen iſt, war mir bekannt genug. Ich ging die neue Kettenbrücke hinan,I. 450die jetzt vom Greve-Platze hinüberführt und ſetzte mich auf eine der Bänke dort, um auszuruhen. Ich ſah den Strom hinab, maß die kurze Entfernung zwiſchen dem Louvre, wo Frankreichs Könige herrſch¬ ten, und dem Revolutions-Platze, wo ſie gerichtet wurden von ihrem Volke, und ich erſtaunte, daß die Gerechtigkeit, wenn auch eine Schnecke, ſo lange Zeit gebrauchte, dieſen kurzen Weg zurückzulegen. Zwiſchen der Bartholomäus-Nacht und der Erobe¬ rung der Baſtille ſind mehr als zwei Jahrhunderte verfloſſen. Heillos wuchert die Rache der Könige; aber die edle Rache der Völker hat niemals Zinſen begehret! Man kann ungeſtört träumen auf dieſer Brücke. Sie iſt nur für Fußgänger, und ſo oft einer darüber ging, zitterte die Brücke unter mir und mir zitterte das Herz in der Bruſt. Hier, hier an dieſer Stelle, wo ich ſaß, fiel in den Juli - Tagen ein edler Jüngling für die Freiheit. Noch iſt kein Winter über ſein Grab gegangen, noch hat kein Sturm die Aſche ſeines Herzens abgekühlt. Die Königlichen hatten den Greve-Platz beſetzt, und ſchoſſen über den Fluß, die von jenſeits andrängenden Studenten abzuhalten. Da trat ein Zögling der polytechniſchen Schule hervor, und ſprach: Freunde, wir müſſen die Brücke erſtürmen. Folgt mir! Wenn ich falle gedenket meiner. Ich heiße d'Arcole; es iſt ein Name guter Vorbedeutung. Hinauf! Er51 ſprach's und fiel von zehn Kugeln durchbohrt. Jetzt lieſt man in goldnen Buchſtaben auf der Pforte, die ſich über die Mitte der Brücke wölbt: Pont d'Ar¬ cole, und auf der andern Seite: le 28 Juillet 1830. Für Oſſians Aberglauben hätte ich in dieſer Stunde meine ganze Philoſophie hingegeben. Wie hätte es mich getröſtet, wie hätte ich mich verſöhnt mit dem zürnenden Himmel, hätte ich glauben können: um ſtille Mitternacht ſchreitet der Geiſt des gefalle¬ nen Helden über die Kettenbrücke, ſetzt ſich auf die eiſerne Bank, und ſchaut hinauf nach ſeinem goldnen Namen, der im Glanze des Mondes blinkt. Dann vernehmen die am Ufer wohnen ein leiſes ſeliges Jauchzen, ſüß wie ſterbender Flötenton und ſagen: das iſt d'Arcole's Freude.

Tugend, Entſagung, Aufopferung ich habe dort viel darüber nachgedacht. Soll man oder ſoll man nicht? Der Ruhm; er iſt ein ſchöner Wahn¬ ſinn, aber doch ein Wahnſinn. Nun, wenn auch! Was heißt Vernunft? Der Wahnſinn Aller. Was heißt Wahnſinn? Die Vernunft des Einzelnen. Was nennt Ihr Wahrheit? Die Täuſchung, die Jahrhunderte alt geworden. Was Täuſchung? Die Wahrheit, die nur eine Minute gelebt. Iſt es aber die letzte Minute unſeres Lebens, folgt ihr keine andere nach, die uns enttäuſcht, dann wird die Täuſchung, der Minute zur ewigen Wahrheit. Ja,4*52das iſt's. O ſchöner Tod des Helden, der für einen Glauben ſtirbt! Alles für Nichts gewonnen. Die Zukunft zur Gegenwart machen, die kein Gott uns rauben kann; ſich ſicher zu ſtellen vor allen Täu¬ ſchungen; unverfälſchtes, ungewäſſertes Glück ge¬ nießen; die Freuden und Hoffnungen eines ganzen Lebens in einen, einen Feuertropfen bringen, ihn koſten und dann ſterben ich habe es ausgerechnet bis auf den kleinſten Bruch es iſt Verſtand darin!

Ich ging auf der andern Seite zurück. Dort fragte mich ein Bürger, der das Gedränge auf dem Greve-Platz bemerkte: Est-ce que l'on guillotine? Ich antwortete: au contraire, on déguillotine. Wird guillotinirt? Iſt das nicht köſtlich ge¬ fragt? Ich glaube, daß ich darüber gelacht.

[53]

Achter Brief.

Es iſt gräßlich, es iſt zu gräßlich, was in Brüſſel geſchieht! Was Paris im Juli geſehen, war Tändelei dagegen. Man könnte raſend werden über die Niederträchtigkeit der Fürſten. Und der König von Holland iſt noch einer der beſſern. Männer erwürgen, weil ſie ſich nicht länger wie Schulbuben wollen behandlen laſſen, über den Köpfen ihrer wehr¬ loſen Weiber und Kinder die Dächer mit vergiftetem Feuer, mit Congreviſchen Raketen anzünden das iſt die väterliche Liebe der Väter des Volkes, ſo thun ſie ſie kund! Ein Brüſſeler Zeitungsſchreiber fragt: Wie viele Leichen braucht denn eigentlich ein König, damit er mit Behaglichkeit in ſeine Haupt¬ ſtadt einziehe? Unglückſeliger Spötter! Wie viele Leichen braucht Ihr denn, bis es euch unbehaglich54 wird, und ihr die Geduld verliert mit euren Unter¬ drückern? Sie machen es noch lange nicht arg genug. Ich habe kein Mitleid mit den Belgiern, mit keinem Volke. Tu l'as voulu, tu l'as voulu, George Dandin! Der Prophet Samuel hat ſie ſchon vor drei Tauſend Jahren gewarnt. Sie haben nicht hören wollen, ſie mögen fühlen.

Geſtern habe ich zum erſten Male unſern König geſehen unſern König, den wir gemacht haben. Es wird ſich zeigen, ob wir geſchickter ſind als Gott, der die frühern Könige gemacht hat, wie Kunſtkenner behaupten. Er zeigte ſich auf einer offenen Gallerie im Palais-Royal und wurde vom Volke mit wahrer Herzlichkeit begrüßt. Sie lachten ihn an, ließen ihn hoch leben und es ſchien mir alles aus der innerſten Seele zu kommen. Ich ſtimmte mit ein. Man liebt gern, wenn es einem nicht gar zu ſauer gemacht wird.

So eben erfahre ich, in Gera wäre eine Re¬ volution ausg ebrochen. Dem D., der mir dieſe freudige Nachricht brachte, habe ich zum Lohne ein Beefſteak holen laſſen. Habe ich ſie endlich einmal, die Fürſten Reuß, Greiz, Schleiz und wie ſie ſonſt heißen! Iſt der Tag der Rache endlich erſchie¬ nen! Schon dreißig Jahre gedenke ich es ihnen. Wie haben ſie mich in meiner Jugend gequält mit55 der verworrenen Geographie ihrer Länderlein, und den Verzweigungen ihrer Familie! Das war ein Linienwerk wie in der flachen Hand; man mußte eine Zigeunerin ſeyn, um daraus klug zu werden. Die Familienhäupter heißen alle Heinrich und ſich von einander zu unterſcheiden, ſind ſie numerirt. Der Eine heißt Heinrich XVIII., der Andere Hein¬ rich LX., der Dritte Heinrich LXIII., der Vierte Heinrich LXX. Das Ein-Mal-Eins geht nicht weiter, und das ſollten wir armen Kinder alle aus¬ wendig lernen für die nächſte Oſtern-Prüfung. Ich lernte damals lieber die Geographie von Aegypten, wo gerade Buonaparte durchzog. Wenn mein ſanfter Lehrer, Doctor Schapper, mich in den Pyramiden ertappte, ſagte er mit feiner Kindbetterin-Stimme: das iſt auch nützlich; aber mit der vaterländiſchen Geographie muß man den Grund legen. Nun ſchwöre ich es Ihnen bei der heiligen Ignoranz, daß wenn ich jetzt auf der Stelle nach Cairo reiſen müßte, ich ganz genau den Weg wüßte, den ich zu nehmen; wenn aber nach dem Lande Reuß, müßte ich erſt hinüber und herüber im Poſtbuche nachſchla¬ gen. In welchem Theile von Deutſchland Gera liegt, oben, unten, rechts, links ich weiß es wahrhaftig nicht. Aber ſo viel weiß ich, daß man Gera mit allen ſeinen Einwohnern in die Richelieu¬56 Straße ſtellen könnte. Jetzt ſtellen Sie ſich vor, daß dieſe kleine Stadt, zwei oder gar drei Fürſten hat, die ſie gemeinſchaftlich beherrſchen. Iſt es da ein Wunder, wenn es zur Revolution gekommen? Es iſt ſchon mit einem Fürſten nicht auszuhalten. Der Doctor Schapper hat aber einen guten vater¬ ländiſchen Grund in mir gelegt! Er wird ſich freuen, wenn er es erfährt.

Cotta will hier in Paris eine Zeitung her¬ ausgeben, wie mir eben D. erzählte, an den er ſich vorläufig deswegen gewendet. Wenn es nur zur Ausführung kömmt es wäre himmliſch. Hundert deutſche Miniſter würden darüber verrückt werden. Was könnte dieſer Mann mit ſeinem Reichthume, ſeiner Thätigkeit, ſeinem Geſchäftskreiſe und ſeinen Verbindungen nicht alles wirken, wenn er wollte! Er allein verſteht es, wie man die furchtſamen Federn beherzt macht, und die verbor¬ genſten Schubladen der Geheimnißkrämer öffnet. Wenn ich an die Cenſur denke, möchte ich mit dem Kopfe an die Wand rennen. Es iſt zum Verzwei¬ feln. Die Preßfreiheit iſt noch nicht der Sieg, noch nicht einmal d[e]r Kampf, ſie iſt erſt die Bewaffnung;57 wie kann man aber ſiegen ohne Kampf, wie kämpfen ohne Waffen? Das iſt der Zirkel, der einen toll macht. Wir müſſen uns mit nackten Fäuſten, wie wilde Thiere mit den Zähnen, wehren. Freiwillig gibt man uns nie die Preßfreiheit. Ich möchte unſern Fürſten und ihren Rathgebern nicht Unrecht thun, ich möchte nicht behaupten, daß bei allen und überall, der böſe Wille, alle Mißbräuche, welche durch die Preſſe offenkundig würden, fortzuſetzen, Schuld an der hartnäckigen Verweigerung der Pre߬ freiheit ſei; das nicht. Wenn ſie regierten wie die Engel im Himmel und auch der anſpruchsvollſte Bürger nichts zu klagen fände: ſie würden doch Preßfreiheit verſagen. Ich weiß nicht ſie haben eine Eulen-Natur, ſie können das Tageslicht nicht ertragen; ſie ſind wie Geſpenſter, die zerfließen, ſobald der Hahn kräht.

Die Frankfurter Bürgerſchaft wäre ja rein toll, wenn ſie dem Senate die Anwerbung von Schweizertruppen bewilligte. Das gäbe nur eine Leibwache für die[Bundesverſammlung] und die ſteckt gewiß hinter dem Plane.

Merkwürdig ſind die Hanauer Geſchichten! Wer hätte das erwartet? Kann ſich die Freiheit in der Nähe von Frankfurt bewegen? Es gibt irgendwo einen See von ſo giftiger Ausdünſtung, daß alle58 Vögel, die darüber fliegen, gleich todt herabfallen. So erzählt man, aber ich glaube es nicht.

Es hat ſich hier ſeit einiger Zeit eine re¬ ligiöſe Geſellſchaft gebildet, welche die Lehren des St. Simon zu verbreiten ſucht. Ich habe früher nie etwas von dieſem Simon gehört. Es werden Sonntags Predigten gehalten. Wie man mir er¬ zählt, ſoll gleiche Vertheilung der Güter eine der Grundlehren ſeyn. Die Geſellſchaft zählt ſchon viele Anhänger und der Sohn meines Banquiers gehört zu den eifrigſten Mitgliedern. Wenn ich Geld bei ihm hole, und ich ihm einen Wechſel anbiete, wird er mir gewiß ſagen: das iſt ja gar nicht nö¬ thig, ſein Geld ſei auch das meinige. Ich freue mich ſehr darauf.

Geſtern habe ich die Giraffe geſehen, die in einem Gehege frei umhergeht. Ein erhabenes Thier, das aber doch viel Lächerliches hat; eine tölpelhafte Majeſtät. Man muß oft lange warten, bis es ihr gefällig iſt, die Beine aufzuheben und ſich in Be¬ wegung zu ſetzen. Gewöhnlich ſteht ſie ſtill, an Bäumen oder an der Mauer eines dort befindlichen Gebäudes und benagt die oberſten Zweige oder das Dach. Das Thier ſieht ſehr metaphyſiſch aus, lebt mit dem größten Theile ſeines Weſens in der Luft, und ſcheint die Erde nur zu berühren, um ſie ver¬59 ächtlich mit Füßen zu treten. In dem nehmlichen Gehege befanden ſich auch noch andere Thiere, me¬ lancholiſche Büffel und ſonſtige. Zuweilen gingen dieſe unter dem Bauche der Giraffe weg, und dann ſah es aus wie Schiffe, die unter einem Brücken¬ bogen hinfuhren.

[60]

Neunter Brief.

Ob ich zwar vorher wußte, daß die deutſchen Regierungen den Forderungen des Volkes nicht nach¬ geben, ſondern Maasregeln der Strenge ergreifen würden; ob ich zwar vom Schauplatz entfernt bin, ſo hat mir Ihr heutiger Bericht von den Truppen¬ bewegungen, von dem Mainzer[Kriegsgerichte], doch die größte Gemüthsbewegung gemacht. Ich hielte das nicht aus und ich bin froh, daß ich mich entfernt habe. Gott hat die Fürſten mit Blindheit geſchlagen und ſie werden in ihr Verderben rennen. Sie haben die ruhigſten und gutmeinendſten Schriftſteller mit Haß und Verachtung behandelt, ſie haben nicht ge¬ duldet, daß die Beſchwerden und Wünſche des Volkes in friedlicher Rede verhandelt würden, und jetzt kommen die Bauern und ſchreiben mit ihren Heugabeln, und wir wollen ſehen, ob ſich ein Cen¬61 ſor findet, das wegſtreicht. Die alten Künſte, in jedes aufrühreriſche Land fremdes Militär zu legen, Naſſauer nach Darmſtadt, Darmſtädter nach Naſſau, werden nicht lange ausreichen. Wenn ein¬ mal der Soldat zur Einſicht gekommen, daß er Bür¬ ger iſt eher als Soldat, und wenn er einmal den großen Schritt gethan, blinden Gehorſam zu verwei¬ gern, dann wird er auch bald zur Einſicht kommen, daß alle Deutſche ſeine Landsleute ſind, und wird nicht länger um Tagelohn ein Vater - oder Bruder¬ mörder ſeyn. Alle alte Dummheiten kommen wie¬ der zum Vorſchein, nicht eine iſt ſeit fünfzehn Jah¬ ren geſtorben. So habe ich in deutſchen Blättern geleſen, man habe entdeckt, daß eine geheime Ge¬ ſellſchaft die revolutionären Bewegungen überall geleitet, und man ſei den Rädelsführern auf der Spur. Die ſchlauen Füchſe!

Geſtern Abend war ich bei Lafayette, der jeden Dienſtag eine Soiree gibt. Wie es da zuging, davon kann ich Ihnen ſchwer eine Vorſtellung geben, man muß das ſelbſt geſehen haben. In drei Salons waren wohl drei Hundert Menſchen verſammelt, ſo gedrängt, daß man ſich nicht rühren konnte, aber im wörtlichſten Sinne nicht rühren. Lafayette, der 73 Jahre alt iſt, ſieht noch ziemlich rüſtig aus. Er hat eine ſehr gute Phyſiognomie, iſt immer freundlich und drückt jedem die Hand. Wie es aber der alte62 Mann den ganzen Abend in dem Gedränge und in der Hitze aushält, iſt mir unbegreiflich. Dazu muß man ein Franzoſe ſeyn. Als man ihm die Nachrich¬ ten aus ... mittheilte, ſchien er ſehr vergnügt und lachte. Ich habe den Abend viele Leute geſprochen, die ich natürlich nicht alle kenne. Auch viele Deut¬ ſche waren da, junge Leute, die ſehr revolutionirten. Die ganze Geſellſchaft würde im Oeſterreichiſchen gehenkt werden, wenn man ſie hätte. Es geht da ſehr ungenirt her, ja ungenirter als im Kaffeehauſe. Und dabei hat man die Erfriſchungen umſonſt. Ich ging ſchon um zehn Uhr weg. Da waren noch die Treppen bedeckt von Leuten, die kamen. Wie die aber Platz finden mochten, weiß ich nicht. Es waren auch zwei Sophas mit Frauenzimmern da, meiſtens Nordamerikanerinnen. Talleyrand war neulich, ehe er nach London abreiſte, in Lafayette's Salon; es hat aber kein Menſch mit ihm geſprochen. Ich ſprach unter andern zwei Advokaten, welche die Vertheidigung der angeklagten Miniſter übernommen. Sie ſagten, die Sache ſtände ſchlimm mit ihren Klienten und ſie ſtänden in Lebensgefahr. Sie wä¬ ren aber auch ſo dumm, daß ſie nicht einmal ſo viel Verſtand gehabt hätten, zu entwiſchen, was die Re¬ gierung ſehr gern geſehen hätte. Jetzt ſei es zur Flucht zu ſpät. Der Kommandant in Vincennes, wo die Miniſter eingeſperrt ſind, ſei ſtreng und laſſe63 nicht mit ſich reden. Man erzählte auch von einem Bauern-Aufſtand in Hanau. Wiſſen Sie etwas davon.

Ihre Briefe machen mir eigentlich nur Freude ehe ich ſie aufmache, und in der Erwartung, daß ſie recht groß ſind. Aber einmal geöffnet iſt auch alles vorüber. In einer Minute habe ich ſie geleſen, es iſt das kürzeſte Vergnügen von der Welt. Ich werde durch Ihre langen Buchſtaben und geſtreck¬ ten Zeilen ſehr übervortheilt. Ihre ganzen Briefe brächte ich in zwanzig Zeilen. Was können Sie aber dafür? Ihre Freundſchaft reicht nicht weiter.

Was mag jetzt nicht in Deutſchland alles vorgehen, was man gar nicht erfährt, weil es nicht gedruckt werden darf! Ich habe den Abend oft das ganze Zimmer voll deutſcher Jünglinge, die alle re¬ volutioniren möchten. Es iſt aber mit den jungen Leuten gar nichts anzufangen. Sie wiſſen weder was ſie wollen, noch was ſie können. Geſtern traf ich bei Lafayette einen blonden Jüngling mit einem Schnurrbarte und einer ſehr kecken und geiſtreichen Phy¬ ſionomie. Dieſer war von*** wo er wohnt, als dort die Unruhen ausgebrochen, hierhergekommen, hatte La¬ fayette, Benjamin Conſtant, Quiroga und andere Revolutionshäupter beſucht und um Rath gefragt, ge¬ rade als hätten dieſe Männer ein Revolutionspulver, das man den Deutſchen eingeben könnte.

64

Was ſagen Sie dazu, daß die Todesſtrafe abgeſchafft werden ſoll, vor jetzt wenigſtens bei poli¬ tiſchen Vergehen? Iſt das nicht ſchön? Und das geſchieht nur in der Abſicht, die angeklagten Mi¬ niſter zu retten. Und nicht etwa die Regierung allein will das, ſondern der beſſere Theil des Volkes ſelbſt. Dieſe Woche kam eine Bittſchrift von hun¬ dert bleſſirten Bürgern, die alle die Abſchaffung der Todesſtrafe fordern, an die Kammer. Mich rührte das ſehr, daß Menſchen, welche von den Miniſtern unglücklich gemacht worden, um das Leben ihrer Feinde bitten. Wenn man bei unſerer lieben Deut¬ ſchen Bundesverſammlung um die Abſchaffung der Todesſtrafe in politiſchen Vergehen einkäme, würde man freundlichen Beſcheid bekommen! Und doch, wenn ſie klug wären, ſollten ſie ſchon aus Egoismus die alten blutigen Geſetze mildern. Heute noch haben ſie die Macht, wer weiß wie es morgen ausſieht.

[65]

Zehnter Brief.

Seit geſtern bin ich in meiner neuen Wohnung. Ich wollte ſie ſchon Freitag beziehen, aber meine Wirthin, eine junge hübſche Frau, machte eine ganz allerliebſte fromme Miene, ſagte: c'est vendredi und bat mich meinen Einzug zu verſchieben. Ich bot ihr an, alles Unglück, was daraus entſtehen könnte, auf mich allein zu nehmen, doch ſie gab nicht nach. Man ſagte mir, dieſer Aberglaube ſei hier in allen Ständen ſehr verbreitet. Es giebt zum Transporte der Möbel beim Ein - und Ausziehen eine eigene Anſtalt, ein beſonderes Fuhrweſen. Bei den häufi¬ gen Wohnungsveränderungen, die hier ſtatt finden, ſind jene Wagen nicht täglich zu haben, man muß oft Wochen lang vorher ſeine Beſtellung machen. An den Freitagen aber ſind ſie unbeſchäftigt, weil da Nie¬ mand ſein Haus wechſeln will. Sollte man das von Pariſern erwarten?

I. 566

Geſtern am achtzehnten Oktober, am Jahres¬ tage der Leipziger Schlacht und der Befreiung Deutſchlands, fing es mich zu frieren an, und da ließ ich zum erſtenmale Feuer machen. Jetzt brennt es ſo ſchön hell im Kamine, daß mir die Augen übergehen. Der Preis des Holzes iſt ungeheuer. Man kann berechnen, wie viel einem jedes Scheit koſtet; die Aſche iſt wie geſchmolzenes Silber. Da¬ bei gedachte ich wieder mit Rührung meines, nicht theuern, ſondern im Gegentheile wohlfeilen Vater¬ landes. Als meine Wirthin mich ſeufzen hörte und ſah, wie ich aus Oekonomie die Hände über den Kopf zuſammenſchlug, tröſtete ſie mich mit den Wor¬ ten: mais c'est tout ce qu'il y a de plus beau en bois! Dieſe kleine Frau gibt einem die ſchön¬ ſten Redensarten, aber ſie ſind koſtſpielig. Den Miethpreis der Zimmer, den ich zu hoch fand, her¬ abzuſtimmen, gelang aller meiner Beredſamkeit nicht. Sie widerlegte mich mit der unwiderleglichen Bemer¬ kung: Der engliſche Ort ſei doch ganz aller¬ liebſt mais vous avez un lieu anglais qui est charmant. Die reichen Engländer ſetzen viel Ge¬ wicht darauf, und der arme Deutſche muß das mit bezahlen.

Ich habe mit einigen deutſchen Zeitungs-Redak¬ teuren Verbindungen angeknüpft, um eine Correſpon¬ denz zu übernehmen, die mir das allerſchönſte Holz67 und den anmuthigſten aller engliſchen Orte bezahlen helfe; es iſt aber nichts zu Stande gekommen. Die Einen und die Andern wollten nicht Geld genug hergeben, oder können auch nicht mehr bei den arm¬ ſeligen Verhältniſſen, in welchen ſich die meiſten deut¬ ſchen Blätter befinden. Die Hamburger Zeitung, welche, da ſie einen bedeutenden Abſatz hat, mir meine Forderungen vielleicht bewilligt hätte, machte mir die Bedingung, ich müßte mich auf Thatſa¬ chen beſchränken und dürfe nicht reſonniren. Da ich aber nicht nach Frankreich gereiſt bin, um ein Stockfiſch zu werden, ſondern gerade wegen des Ge¬ gentheils, brach ich die Unterhandlung ab.

Eine ganze Stunde habe ich das Schrei¬ ben unterbrochen und darüber von dem langen Briefe, den ich im Kopfe hatte, den größten Theil ver¬ geſſen. Mich beſchäftigte eine Kritik meiner geſam¬ melten Schriften, welche in den neueſten Blättern der Berliner Jahrbücher ſteht, und die mir ein Freund zugeſchickt. Es darf Sie nicht wundern, daß ich mich dadurch zerſtreuen ließ; mit einer Recenſion könnte man einen Schriftſteller ſelbſt vom Sterben abhalten. Ich bin mit meinem Kritiker ſehr zufrie¬ den, und alles was er ſagt, hat mir Freude ge¬ macht. Er lobt mich von Herzen und tadelt mich mit Verſtand. So oft von meinen[politiſchen] Anſich¬ ten und Geſinnungen die Rede iſt, ſtellt er ſich frei¬5 *68lich an als verſtände er mich nicht und widerſpricht mir; doch wird es keinem Leſer entgehen, wie das gemeint iſt. Im Grunde denkt Herr Neumann (ſo heißt der Berliner Recenſent) ganz wie ich; aber ein königlich Preußiſcher Gelehrter muß ſprechen wie der Herr von Schuckmann. Das iſt das Preußen¬ thum, das iſt die proteſtantirte Oeſterreichiſche Politik. Das iſt, was ich in meiner Brochüre über die Berliner Zeitung alles vorhergeſagt.

Vor einigen Tagen war ich zum erſten Male im Theater, und zwar in meinen geliebten Variétés. Ich wurde den Abend um einige Pfunde leichter, was bei einem deutſchen Bleimänn¬ chen, wie ich eins bin, ſchon einen großen Unterſchied macht. Es wird einem dabei ganz tänzerlich zu Muthe, die Füße erheben ſich von ſelbſt und man könnte ſich nicht enthalten, ſelbſt Hegel zu einem Walzer aufzufordern, wenn er grade in der Nähe ſtände. Ich habe meine Freude daran, wie ſich das leichtſinnige Volk alles ſo leicht macht. Sie ſchrei¬ ben ſchneller ein Stück, als man Zeit braucht, es aufführen zu ſehen. Kaum waren acht Tage nach der Revolution verfloſſen, als ſchon zwanzig Komö¬ dien fertig waren, die alle auf das Ereigniß Bezug hatten. Gewöhnlich iſt kein geſunder Menſchenver¬ ſtand darin, aber wozu auch? Iſt nicht jedes Volk ein ewiges Kind und brauchen daher Volks-Schau¬69 ſpiele Verſtand zu haben? Alle dieſe Gelegenheits¬ ſtücke ſind nun jetzt wieder von der Bühne verſchwun¬ den, die Todten reiten ſchnell und ich eilte mich daher, eins der wenigen übrig gebliebenen noch auf ſeiner Flucht zu erhaſchen. Ich ſah Mr. de la Jobardière. Das iſt einer von den altadeligen geräucherten Namen, die ſchon Jahrhunderte im Schornſtein hängen, und jetzt von der jungen Welt herabgeholt und gegeſſen werden. Der alte Edel¬ mann iſt ein guter Royaliſt, lang und hager und ſehr gepudert. Seine Frau iſt eine gute Royaliſtin, dick und rund und geſchminkt. Der junge Hausarzt verſteht ſich ein Bürgerlicher iſt in die Toch¬ ter verliebt. Jetzt kommt der Vorabend der Revolu¬ tion Der Arzt, ein Patriot, giebt den Eltern ſei¬ ner Geliebten, theils um ihnen die Unruhe zu erſpa¬ ren, theils um ihnen eine Ueberraſchung zu bereiten, Opium ein, ſo daß ſie während der drei Revolu¬ tionstage ſchlafen und erſt am dreißigſten Juli auf¬ wachen, da Karl X. ſchon auf dem Wege nach Ram¬ bouillet war. Der Royaliſt, im Schlafrocke, nimmt, wie gewöhnlich beim Frühſtücke, ſeine Zeitungen vor. Da findet er ein Blatt la Révolution, ein anderes le Patriote genannt, Blätter die während ſeinem Schlafe erſt entſtanden waren. Er reibt ſich die Augen und klingelt ſeinem Bedienten. Dieſer tritt wie ein Bandit mit Säbel und Piſtolen bewaffnet70 herein und trägt einen Gensd'arme-Hut auf dem Kopfe. Der Royaliſt fragt, ob er verrückt gewor¬ den, und als er von ihm die Erzählung der vorge¬ fallenen Ereigniſſe vernimmt, fängt er an an ſeinem eigenen Kopf zu zweifeln und ſchickt nach dem Arzte. Bald erſcheint dieſer in der Uniform eines National¬ garden-Officiers und beſtätigt alles. Der Royaliſt wankt, aber ſeine feſtere Frau will noch nichts glau¬ ben, ſagt: Der König verjagt das könne nur ein Mißverſtändniß ſeyn, und ſie wolle in die Faux¬ bourg St. Germain gehen und Erkundigungen ein¬ ziehen. Sie geht fort, kehrt nach einer Weile zu¬ rück und zwar mit einer dreifarbigen Kokarde, groß wie ein Wagenrad auf der Bruſt, und ſagt, leider ſei alles wahr. Das royaliſtiſche Ehepaar tröſtet ſich aber ſehr bald, und iſt der ſehr vernünftigen Meinung, ein König ſei wie der andere, der Her¬ zog von Orleans ſei König und darum das Unglück nicht ſo groß. Le Roi est mort, vive le Roi! ſchreien ſie und der Arzt bekommt die Tochter. Iſt das nicht eine prächtige Erfindung?

Der dreißigſte Juli war auch der Himmel¬ fahrts-Tag Napoleons. Seitdem wird er als Gott angebetet. Ich ſah la redingote grise. Es iſt die bekannte Geſchichte von der ſogenannten kai¬ ſerlichen Großmuth gegen die Prinzeſſin Hatzfeld in Berlin. Der Theater-Lieferant hatte den Verſtand,71 Napoleon nichts ſprechen zu laſſen. Er erſcheint als Graumännchen auf einige Minuten, und verſchwin¬ det dann wieder. Es iſt recht ſchauerlich.

Die unheilige Dreieinigkeit vollſtändig zu ma¬ chen, erſchien nach der Volks-Souveränetät und Buonaparte, am nehmlichen Abende der leibhaftige Teufel ſelbſt auf der Bühne, unter Voltaire's Ge¬ ſtalt. Das Vaudeville heißt Voltaire chez les Capucins. Das Stück ſpielt in einem Capuzi¬ ner-Kloſter, worin Voltaire als ungekannter Gaſt eingekehrt war. Es ſind heuchleriſche Pfaffen, die dort ihr Weſen treiben. Voltaire entdeckt ihre Schelmereien, ihre geheimen Liebſchaften, ihre Ränke und Miſſethaten; er ſchürt das Feuer, und ſchwelgt ganz ſelig in Schadenfreude und Bosheit. Es war eine Luſt, wie gut ihn der Schauſpieler dargeſtellt aber gottlos, ſehr gottlos.

Sie fragen mich, was ich erwarte, was ich denke? Ich erwarte, daß die Welt untergehen wird, und daß wir den Verſtand darüber verlieren wer¬ den. Ich zweifle nicht daran, daß bis zum nächſten Frühlinge ganz Europa in Flammen ſtehen wird, und daß nicht blos die Staaten über den Haufen fallen werden, ſondern auch der Wohlſtand unzähliger Fa¬ milien zu Grunde gehen wird. Zu ihren Luſtbar¬ keiten laden die Fürſten nur Edelleute ein; aber72 wenn das Unglück über ſie kömmt, bitten ſie auch ihre Bürger zu Gaſte. Dafür ſorgen ſie voraus, zu dieſem edlen Zwecke machen ſie Staats¬ ſchulden. Wir können ſtolz darauf ſeyn; es iſt eine große Ehre in ſo vornehmer Geſellſchaft zu jammern.

[73]

Eilfter Brief.

Ich Unglücklichſter muß meine Wohnung von neuem wechſeln. Der Kamin raucht, und der Fu߬ boden, obzwar parquetirt, iſt von einer beleidigenden Kälte. Nicht ohne Grobheit machte ich meiner ſchö¬ nen Wirthin Vorwürfe, daß ſie mir die geheimen Fehler der Zimmer verſchwiegen. Sie ſtellte ſich ganz überraſcht und erwiederte: das wäre ihr un¬ begreiflich; ein junger Spanier habe doch zwei Win¬ ter bei ihr gewohnt und ſich nie über das Geringſte beſchwert. Das will ich wohl glauben! Ich ließ mich durch die ſchönſten franzöſiſchen Verſprechungen von Teppichen und Kamin-Verbeſſerungen nicht täu¬ ſchen, kündigte ſogleich auf und ging fort, mich nach einer andern Wohnung umzuſehen. Als ich unten von der Straße nach meinem geöffneten Fenſter hin¬ aufſah, bemerkte ich, daß mein Wohnzimmer über74 dem Thorweg liegt, und die Kälte des Fußbodens gar nicht zu heilen iſt. Das war mir entgangen, ſowohl beim Miethen als während der vierzehn Tage, daß ich im Hauſe wohne. Und doch bin ich Doktor der Philoſophie! Wie dumm mögen erſt ge¬ wöhnliche Menſchen ſeyn, die von Fichte und Schel¬ ling nie ein Wort geleſen! Ich ſchämte mich im Stillen und nahm mir feſt vor, mich nie mehr mit Staatsreformen zu beſchäftigen.

Eine Flinte möchte ich haben und ſchießen. Mit guten Worten, das ſehe ich täglich mehr ein, richtet man nichts aus. Ich wünſche, daß es Krieg gäbe, und der kränkelnde Zuſtand der Welt in eine kräftige Krankheit übergehe, die Tod oder Leben ent¬ ſcheidet. Wenn es Friede bleibt, wird die Zucht¬ meiſterei in Deutſchland immer unerträglicher werden, und glauben Sie ja keinem Menſchen das Gegen¬ theil; ich werde Recht behalten. Dem deutſchen Bürgerſtande wird Angſt gemacht vor dem Pöbel und er bewaffnet ſich, ſtellt ſich in ſeiner viehiſchen Dummheit unter das Commando der Militärmacht und vermehrt dadurch nur die Gewalt der Regie¬ rungen. Hier und in den Niederlanden wird der Pöbel auch aufgehetzt. Die National-Garde hält ihn im Zaum, läßt ſich aber nicht zum Beſten ha¬ ben, ſondern vertheidigt und beſchützt nur ſeine eignen Rechte und ſeinen eignen Vortheil. Heute las ich75 in einer hieſigen Zeitung, daß ein Koch in Dresden zu ſechszehnjähriger Zuchthausſtrafe verurtheilt wor¬ den, weil man bei einem Volksauflaufe ein Meſſer bei ihm gefunden. Als wenn es nicht ganz was natürliches und gewöhnliches wäre, daß ein Koch ein Meſſer bei ſich führe! Auch hat man einen Grafen Schulenburg, der das Volk aufgewiegelt haben ſoll, arretirt, und nach Berlin geführt. Es verſteht ſich, daß die deutſchen Zeitungen nicht Graf Schulenburg ſchreiben durften, ſondern nur Graf S. Nur in den franzöſiſchen Blättern war der Name ausge¬ ſchrieben. Ich zweifle zwar nicht daran, daß es in Deutſchland Menſchen gibt, die aus Patriotismus oder Muthwillen das Volk aufwiegeln; aber gewiß haben ſie die verſchiedenen Inſurrektionen nicht herbei geführt, ſondern höchſtens benutzt. Die Regierungen aber, in ihrer alten bekannten Verſtocktheit, werden glauben oder ſich anſtellen zu glauben, einzelne Auf¬ wiegler wären an allen Unruhen Schuld, und wenn ſie nun dieſe in ihre Gewalt bekommen, werden ſie denken, alles ſei geendigt, auf die Klagen des Volkes ferner keine Rückſicht nehmen, und in die alte Lage zurück fallen. Nur Krieg kann helfen.

Vor einigen Tagen ſtand in einem hieſigen Blatte ein ſehr merkwürdiger Brief aus Deutſchland, der über die dortigen Unruhen ein großes und neues Licht verbreitet. Es wird darin erzählt, wie Met¬76 ternich dieſe Unruhen angefacht habe und wozu er ſie habe benutzen wollen. Er gedachte nehmlich, die bairiſchen Truppen und die der andern ſüddeutſchen Staaten, unter dem Vorwande, ſie zur Dämpfung der ausgebrochenen Inſurrektionen zu verwenden, in die Ferne zu locken und dadurch jene Länder wehrlos zu machen. Der König von Baiern habe aber den Plan durchſchaut und ihn vereitelt. Der Bericht iſt ſehr intereſſant und iſt, wie mich Einer verſicherte, von Herrn von Hormayr in München eingeſandt. Dieſer war früher in Wien angeſtellt und iſt ein großer Feind von Metternich. Es iſt ſehr traurig, daß in deutſchen Blättern der genannte Artikel nicht erſcheinen darf, und er daher gar nicht bekannt wer¬ den wird. Ich hörte auch: die Liberalen in Baiern ſuchten den König zu revolutioniren, daß er ſich an die Spitze der Bewegung ſtelle und ſich zum Herrn von Deutſchland mache. Die Sache iſt gar nicht unmöglich. Ueberhaupt ſollen geheime Geſellſchaften, beſonders der alte Tugendbund, gegenwärtig wieder ſehr thätig ſein. Mit geheimen Geſellſchaften möchte ich nichts zu ſchaffen haben, am wenigſten mit dem Tugendbunde, der es auf eine heilloſe Prellerei an¬ gelegt hat. Er wird von Ariſtokraten geleitet und hat ariſtokratiſche Zwecke, die man vor den dummen ehrlichen Bürgersleuten, die daran Theil nehmen, freilich geheim hält. Das heißt, mit der heiligen77 Schrift zu reden, den Teufel durch Beelzebub aus¬ treiben.

Der heutige Conſtitutionnel meldet, ein Corps deutſcher Bundestruppen von einem Naſſauer Ge¬ nerale commandirt, würde zuſammengezogen, und das Hauptquartier ſolle nach Frankfurt kommen. Haben Sie davon gehört? Das arme Frankfurt ſieht doch einer traurigen Zukunft entgegen Seit funfzehn Jahren iſt dort das Hauptquartier der Dummheit, und wenn dieſe einmal ihre Früchte trägt, wird es Frankfurt am erſten ſchmecken. Ich fange an einzuſehen, daß ich die deutſchen Verhältniſſe falſch beurtheilt. Ich habe den entgegengeſetzten Fehler der Miniſter, ich bekümmere mich zu viel um Sachen und zu wenig um Perſonen. Mehrere unter¬ richtete Deutſche, die ich hier kennen gelernt, haben mir die Ueberzeugung beigebracht, daß in Deutſch¬ land alles zu einer Revolution reif ſei. Wann und auf welche Art es losbrechen werde, könne man nicht wiſſen; aber es werde losbrechen, und das bald.

Victor Hugo's Hernani habe ich mit großem Vergnügen geleſen. Es iſt wahr, daß ich Werke ſolcher Art bei einem franzöſiſchen Dichter nach ganz andern Grundſätzen beurtheile, als ich es bei einem deutſchen Dichter thue. Das Ding an ſich kümmert mich da gar nicht; ſondern ich betrachte es blos in ſeiner Verbindung, das heißt bei roman¬78 tiſchen poetiſchen Werken, in ſeinem Gegenſatze mit der franzöſiſchen Nationalität. Alſo je toller je beſſer; denn die romantiſche Poeſie iſt den Franzoſen nicht wegen ihres ſchaffenden, ſondern wegen ihres zerſtörenden Prinzips heilſam. Es iſt eine Freude zu ſehen, wie die emſigen Romantiker alles anzünden und niederreißen, und große Karren voll Regeln und klaſſiſchem Schutte vom Brandplatze wegführen. Die Stockfiſche von Liberalen, deren Vortheil es wäre, die Zerſtörung zu befördern, widerſetzen ſich ihr, und dieſes Betragen iſt ein Räthſel, das ich mir ſeit zehen Jahren vergebens zu löſen ſuche. Die armen Romantiker werden von ihren Gegnern ver¬ ſpottet und verfolgt, daß es zum Erbarmen iſt, und man kann ihre herzbrechenden Klagen nicht ohne Thränen leſen. Aber warum klagen ſie? Warum gehen ſie nicht ihren Weg fort, unbekümmert, ob man ſie lobe oder tadle? Ja, das iſt's eben. Sie ſind noch nicht romantiſch genug; die Romantik iſt nur erſt in ihrem Kopfe, noch nicht in ihrem Her¬ zen; ſie glauben ein Kunſtwerk müſſe einen unbe¬ ſtrittenen Werth haben, wie eine Münze, und darum ſeufzen ſie nach allgemeinem Beifall. Victor Hugo wiederholt in der Vorrede zu ſeinem Drama folgende Stelle aus einem Artikel, den er vor kurzem, als ein romantiſcher Dichter in der Blüthe ſeiner Jahre ſtarb, in einem öffentlichen Blatte geſchrieben hatte. 79Dieſes Händeringen, dieſes Wehklagen, dieſer Le¬ bensüberdruß es iſt gar zu wunderlich!

Dans ce moment de mêlée et de tour¬ mente littéraire, qui faut-il plaindre, ceux qui meurent ou ceux qui combattent? Sans doute, c'est pitié de voir un poète de vingt ans qui s'en va, une lyre qui se brise, un avenir qui s'évanouit; mais n'est-ce pas quelque chose aussi que le repos? N'est-il pas permis à ceux autour desquels s'amassent incessamment calom¬ nies, injures, haines, jalousies, sourdes menées, basses trahisons; hommes loyaux auxquels on fait une guerre déloyale; hommes dévoués qui ne voudraient enfin que doter le pays d'une liberté de plus, celle de l'art, celle de l'intel¬ ligence; hommes laborieux qui poursuivent paisiblement leur oeuvre de conscience, en proie d'un côté à de viles machinatures de censure et de police, en[butte] de l'autre, trop souvent, à l'ingratitude des esprits mêmes pour lesquels ils travaillent; ne leur est-il pas permis de retourner quelquefois la tête avec envie vers ceux qui sont tombés derrière eux, et qui dor¬ ment dans le tombeau?

Qu'importe toutefois? Jeunes gens ayons bon courage! Si rude qu'on nous veuille faire le présent, l'avenir sera beau. Le romantisme,80 tant de fois mal défini, n'est, à tout prendre, et c'est sa définition réelle, que le libéra¬ lisme en littérature.

Was doch das Glück übermüthig macht! Dieſe jungen Leute jammern und verwünſchen ſich das Leben, weil einige poetiſche Abſolutiſten nicht haben wollen, daß ſie romantiſch ſind: Abſolutiſten, die doch keine andern Waffen haben als die Feder und den Spott, welchem man gleiche Waffen entgegenſetzen kann und wir unglückſeligen Deutſchen, Alt und Jung, ſobald wir nur einen Augenblick aufhören romantiſch zu ſeyn und uns um die Wirklichkeit be¬ kümmern wollen, werden geſcholten wie Schulbuben, geprügelt wie Hunde und müſſen ſchweigen und dürfen uns nicht rühren!

Der Bundestag, wie ich höre, will in Deutſchland die Preßfreiheit beſchränken. Wie ſie das aber anfangen wollen, möchte ich wiſſen. Wo nichts iſt, hat der Kaiſer ſein Recht verloren.

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Zwoͤlfter Brief.

Ich habe bis jetzt noch ſehr wenige Bekannt¬ ſchaften gemacht, und wahrſcheinlich werde ich es darin nicht weiter bringen, als das vorige Mal auch. Man mag ſich anſtellen wie man will, man fällt immer in ſein Temperament zurück. Zu Menſchen¬ kennerei hatte ich immer die größte Unluſt; meine ſinnliche und mehr noch meine philoſophiſche Träg¬ heit hält mich davon zurück. Was die einzelnen Menſchen der nehmlichen Gattung von einander unter¬ ſcheidet, iſt ſo fein, daß mich die Beobachtung an¬ ſtrengt; es iſt mir als ſollte ich einen kleinen Druck leſen. Und wird man bezahlt für ſeine Mühe? Selten. Darum halte ich mich lieber an Menſchen¬ maſſen und an Bücher Da kann ich fortgehen, die kann ich weglegen, wenn ſie mir nicht gefallen oder wenn ich müde bin. In Geſellſchaften muß ichI. 682hören, was ich nicht Luſt habe zu hören, muß ſpre¬ chen, wenn ich nicht Luſt habe zu ſprechen, und muß ſchweigen, wenn ich reden möchte. Sie iſt eine wahre Krämerei, die ſogenannte geſellſchaftliche Un¬ terhaltung. Was man in Centnern eingekauft, ſetzt man lothweiſe ab. Wie ſelten trifft man einen Menſchen, mit dem man en gros ſprechen kann! Wem, wie mir, ſeine Meinungen zugleich Geſin¬ nungen ſind, wem der Kopf nur die Pairskammer iſt, das Herz aber die volksthümlichere Deputirten¬ kammer, der kann ſich nicht in Geſellſchaften behag¬ lich fühlen, wo der ariſtokratiſche Geiſt allein Geſetze gibt. Drei, höchſtens fünf Freunde, oder dann Markt oder ein Buch ſo liebe ich es. Das iſt die Philoſophie meiner Trägheit. Dazu kömmt noch, daß ich, wie gewöhnlich auf meinen Reiſen, ohne alle Empfehlungsbriefe hierher gekommen. Zwar braucht man ſie in Paris weniger als an andern Orten, hier wird man leicht von einem Bekannten zu einem Unbekannten geführt und ſo geht es ſchnell fort; aber ſich vorſtellen zu laſſen, mit anhören zu müſſen, wer und was man iſt, ſich unverdient, und was noch ſchlimmer, ſich verdient loben zu hören das thut einem doch gar zu kurios!

Was ſagen Sie zu Antwerpen? Iſt es nicht ein Jammer, daß einem das Herz blutet? Iſt je ſo eine Schändlichkeit begangen worden? .... 83Das iſt nicht der und der Fürſt, der es gethan, das iſt nicht der König der Niederlande, der nicht der ſchlimmſte Fürſt iſt; das iſt die Fürſtennatur, die ſich hier gezeigt, die wahnſinnige Ruchloſigkeit, die meint, ihrem perſönlichen Vortheile dürfe man das Wohl eines ganzen Volkes aufopfern. Es iſt nicht mehr zu ertragen und ich fange an und werde ein Republikaner, wovon ich bis jetzt ſo weit ent¬ fernt war. Sie ſollten heute nur (im Meſſager) de Potter's Glaubensbekenntniß leſen und wie er ſagt, der beſte Fürſt tauge nichts, und er wäre für eine Republik. Nie hat Einer ſo klar und wahr geſprochen.

Was ſagt man denn in Frankfurt von der Peſt (Cholera morbus), die jetzt in Moskau herrſcht? Die Krankheit hat ſich von Aſien dort hin gezogen. Es iſt eine Geſchichte gar nicht zum La¬ chen. In der geſtrigen Zeitung ſteht, der engliſche Geſandte in Petersburg habe ſeiner Regierung be¬ richtet, dieſe fürchterliche Krankheit werde ſich wahr¬ ſcheinlich auch über Deutſchland und weiter verbrei¬ ten. Das iſt wieder Gottes nackte Hand! Die Fürſten werden gehindert ſeyn, große Heere zuſam¬ menzuziehen und thun ſie es doch .... Es ahndet mir nein ich weiß es, die Peſt wird vermögen, was nichts bis jetzt vermochte: ſie wird das trägſte und furchtſamſte Volk der Erde antreiben und er¬6*84muthigen. Peſt und Freiheit! Nie hat eine häßlichere Mutter eine ſchönere Tochter gehabt. Was kann der kommende Frühling nicht noch für Jammer über die Welt bringen! Thränen werden nicht ausreichen, man wird vor lauter Noth lachen müſſen. Und das Alles um des monarchiſchen Prinzips, und das alles um eines Dutzends armſeliger Menſchen willen! Es iſt gar zu komiſch.

Die Revüe, welche verfloſſenen Sonntag auf dem Marsfelde über die Nationalgarde gehalten wurde, gewährte einen unbeſchreiblich ſchönen Anblick. Hundert tauſend Mann Soldaten, und wenigſtens eben ſo viel Zuſchauer, alle auf einem Platze, den man auf den angrenzenden Höhen ſo bequem über¬ ſieht. Was mich beſonders freute, war, daß hinter manchem Bataillon, auch ein kleiner Trupp unifor¬ mirter Kinder zum Spaſe mit zog. Die Officiere hatten, wie ich bemerkte, oft ihre Noth zu kom¬ mandiren, die Buben kamen ihnen immer zwiſchen die Beine. Dann zogen auch die Bleſſirten vom Juli an dem König vorüber, und darunter auch zwei Weiber mit Flinten, die damals mitgefochten. Der König wurde mit großem Jubel empfangen. Der Kronprinz (Herzog von Orleans) dient als gemeiner Kanonier bei der Nationalgarde und ſtand den ganzen Tag bei ſeiner Kanone und legte die Hände an wie die Uebrigen. Den fremden Geſandten, die alle bei85 der Revüe waren, mußte die ganze königliche Pöbel¬ wirthſchaft doch wunderlich vorkommen. An den deutſchen Höfen wird jeder Prinz, ſobald er auf die Welt kömmt, gleich in ein Regiment eingeſchrieben, um von unten auf zu dienen, und ſo während er in's Bett piſſt, avancirt er immerfort, iſt im ſieben¬ ten Jahre Lieutenant, im zehnten Obriſt, und im achtzehnten General. Die Revüe dauerte von Mor¬ gens bis Abends; ich hatte natürlich nicht ſo lange Geduld. Wie es nur die Leute aushalten, ſo lange auf den Beinen zu ſeyn. Um acht Uhr Morgens zogen ſie aus, und es war acht Uhr Abends als die letzten Legionen noch über die Boulevards zogen. Viele Nationalgarden, um ſich nicht zu ermüden, ſind zur Revüe hingefahren, und die vielen Cabriolets und Omnibus, aus welchen auf beiden Seiten Flin¬ ten hervorſahen, gewährten einen ſeltſamen Anblick.

Heute iſt das Miniſterium geändert, wie Sie aus den Zeitungen erfahren werden. Thiers, der Verfaſſer einer Geſchichte der franzöſiſchen Revolu¬ tion, wird Unter-Staats-Sekretair der Finanzen, alſo ohngefähr ſo viel als Miniſter. Ich kannte ihn früher. Er iſt kaum dreißig Jahre alt, kam zur Zeit als wir in Paris waren mit ſeinem Landsmann Mignet hierher, ganz fremd und unbeholfen. Ein Deutſcher meiner Bekannten nahm ſich der jungen Leute an und wies ſie zurecht, und jetzt iſt der Eine86 Staatsrath, der Andere Miniſter! Was man hier ſein Glück macht! Möchte man nicht vor Aerger ein geheimer Hofrath werden! Es iſt gerade ſo als wäre der Heine Miniſter geworden oder der Menzel oder ich. Und was ſind wir?

Mittwoch Abend war ich bei Gerard, dem be¬ rühmten Maler, deſſen Salon ſchon ſeit dreißig Jahren beſtehet und wo ſich die ausgezeichnetſten Perſonen verſammeln. Es iſt eine eigentliche Nacht¬ geſellſchaft; denn ſie fängt erſt um zehn Uhr an, und man darf noch nach Mitternacht dahin kommen. Gerard iſt ein ſehr artiger und feiner Mann; aber er hat viel Ariſtokratiſches. (Ich mußte darüber lachen, daß ich unwillkührlich aber ſchrieb.) Er ſieht mir nicht aus, als hätte er je das Mindeſte von unſerm deutſchen Kunſt-Katzenjammer gefühlt. Ich möchte ihm einmal die Phantaſieen eines Kunſtlie¬ benden Kloſterbruders oder ſo ein anderes ſchluchzendes Buch zum Leſen geben was er wohl dazu ſagte! Ich fand dort die Dichterin Del¬ phine Gay; den dramatiſchen Dichter Ancelot; Hum¬ boldt; Mayer-Beer; den Bildhauer David, der im vorigen Sommer in Weimar war, um Goethes Büſte aufzunehmen; unſern Landsmann, den jungen Hiller,87 der hier als Komponiſt und Klavierſpieler in großer Achtung ſteht; Vitet, den Schriftſteller, der unter dem Namen Stendthal ſchreibt und noch viele andere Gelehrte und Künſtler. Ein armer deutſcher Ge¬ lehrter wird gelb vor Aerger und Neid, wenn er ſiehet, wie es den franzöſiſchen Schriftſtellern ſo gut gehet. Außer dem vielen Gelde, das ſie durch ihre Werke verdienen, werden ſie noch obendrein von der Regierung angeſtellt. Stendthal iſt eben im Begriff nach Trieſt abzureiſen, wo er eine Stelle als Con¬ ſul erhalten. Vitet ſchreibt ſogenannte hiſtoriſche Romane, die ſehr ſchön ſind: Henri III, les bar¬ ricades, les états de Blois. Der hat jetzt eine Anſtellung bekommen, um die ich ihn beneide. Er iſt conservateur des monuments d'antiquité de la France. Dieſe Stelle beſtand früher gar nicht und der Miniſter Guizot, der Vitet protegirte, hat ſie erſt für ihn geſchaffen. Sein Geſchäft beſtehet darin, daß er jährlich ein paar Mal durch Frank¬ reich reiſt und die allen Bauwerke aus der römiſchen Zeit und aus dem Mittelalter, Tempel, Waſſerlei¬ tungen, Amphitheater, Kirchen beſichtiget und darauf ſiehet, daß ſie nicht verfallen. Dafür hat er einen jährlichen Gehalt von funfzehn tauſend Franken und die Reiſekoſten werden beſonders bezahlt. Gäbe es eine angenehmere Stelle als dieſe für einen Menſchen wie ich bin, der faul iſt und gern reiſt? Möchte88 man ſich nicht den Kopf an die Wand ſtoßen, daß man ein Deutſcher iſt, der aus ſeiner Armuth und Niedrigkeit gar nicht heraus kommen kann? In Deutſchland geſchieht wohl manches