PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Briefe aus Paris
1830 1831.
Zweiter Theil.
[II][III]
Geſammelte Schriften
Zehnter Theil.
Hamburg. BeiHoffmann und Campe. 1832.
[IV][V]
Briefe aus Paris
1830 1831
Zweiter Theil.
Hamburg. BeiHoffmann und Campe. 1832.
[VI][VII]

Inhalt.

  • Neun und zwanzigſter BriefSeite 1
  • Dreißigſter Brief 11
  • Ein und dreißigſter Brief 22
  • Zwei und dreißigſter Brief 35
  • Drei und dreißigſter Brief 45
  • Vier und dreißigſter Brief 53
  • Fünf und dreißigſter Brief 68
  • Sechs und dreißigſter Brief 81
  • Sieben und dreißigſter Brief 91
  • Acht und dreißigſter Brief 105
  • Neun und dreißigſter Brief 113
  • Vierzigſter Brief 121
  • Ein und vierzigſter Brief 135
  • Zwei und vierzigſter Brief 147
  • VIII
  • Drei und vierzigſter BriefSeite 159
  • Vier und vierzigſter Brief 177
  • Fünf und vierzigſter Brief 191
  • Sechs und vierzigſter Brief 202
  • Sieben und vierzigſter Brief 207
  • Acht und vierzigſter Brief 222
[1]

Neun und zwanzigſter Brief.

In dieſen Tagen wird das Schickſal Belgiens entſchieden ſeyn. So eine lächerliche Thron-Verſtei¬ gerung iſt mir noch nicht vorgekommen. Daß es Fürſtenſöhne giebt, die um dieſe Krone betteln! Lieber ſtreckte ich meine Hand nach einem Sou aus. Betteln um eine Krone! Jupiters Donner als Al¬ moſen empfangen! Eine Krone muß man rauben, oder ſie annehmen aus Barmherzigkeit. Frankreich wird Belgien ganz gewiß bekommen, oder doch den größten Theil davon. Das ließ ſich vorher ſehen. Die große Verwirrung, welche beim belgiſchen Con¬ greſſe herrſchte, hatte ſo viel Methode, daß man wohl merkte, daß alles verabredet war. FrankreichII. 12wird nie zugeben, daß der kleine Beauharnois König von Belgien wird, und ich gebe es noch weniger zu. Behüte mich Gott! Mir iſt nichts verhaßter, denn nichts iſt verderblicher, als dieſe Miſchung von Buonapartiſchem und deutſchem Blute. Frankreich hat das erfahren unter Napoleon, hatte aber das Glück, früher unglücklich als ſchuldig zu werden. Was! einen König, der ſein Volk verwundete und vergiftete zugleich, zugleich Sklaverei und Dienſtbar¬ keit über es brächte? Dieſe beiden Uebel waren doch bis jetzt in keinem Staate vereinigt. Die Spanier, Italiener, Ruſſen und Andere ſind Sklaven; die Völker deutſcher Zunge ſind Bediente. Aber Skla¬ verei macht nur unglücklich, entwürdigt nicht, doch Dienſtbarkeit erniedrigt. Lieber einen Don Miguel zum Herrn haben, als einen ſogenanten milden und gerechten deutſchen Fürſten. Man ehrt doch noch die Kraft, indem man ſie fürchtet, ihr Feſſeln anlegt; wir zahmen Hausthiere aber dürfen frei umhergehen, weil man recht wohl weiß, daß wir jeden Abend in den Stall zurückkehren, und zu jeder Tageszeit kom¬ men, ſobald man uns pfeift. Laſſen Sie ſo einem Schafe einmal in den Sinn kommen, den Löwen zu ſpielen, und Sie werden ſehen, wie der milde und gerechte Hirt zum Tiger wird. Die weiche Nach¬ giebigkeit macht ſelbſt eine Kanonenkugel mild; ſie3 dringt durch Stein und Eiſen und bleibt in einem Miſthaufen ſtecken. Nichts erwarte ich von dieſer Schafheerde. Was wir in den letzten Zeiten geſehen, das war die bekannte Drehkrankheit. Woher kommt dieſer Lakaien-Charakter der Deutſchen? Ich weiß es nicht; aber ſie waren immer ſo geweſen. Man glaubt, das Volk ſtamme aus Aſien. Vielleicht wa¬ ren ſie dort eine Art Paria-Kaſte, die es endlich nicht mehr aushalten konnte und wegzog. Aber der Hund, der ſich von der Kette losreißt, bleibt immer Hund, er wechſelt nur den Herrn. Die alten Deutſchen waren zwar freier, aber nicht frei geſinnter als die heutigen. Wer nicht viel hat, kann nicht viel be¬ ſteuert werden, und die alten Deutſchen waren rohe Wilde; ohne leiblichen, ohne geiſtigen Beſitz. Aber was ſie hatten, gaben ſie immer hin für ihre An¬ führer, die ſie freiwillig ſuchten. Sie lebten und ſtarben für ſie, und zu Hauſe verwürfelten ſie ihren eignen Leib, wenn ſie kein Geld mehr zu verlieren hatten. Dienſtbarkeit, Trunkenheit, Spielſucht, das ſind die Tugenden unſerer Ahnen. Ich erinnere mich aus meinen Schuljahren eines Deklamations-Gedichts, das fing ſo an: Die alten Deutſchen waren nicht ſchmeidig wie der Aal doch Löwen in Gefahren und Lämmer beim Pokal. Geſchmeidig ſind wir noch heute nicht; Löwen ſind wir noch in Ge¬1*4fahren, aber nur nicht in unſeren eigenen, und Läm¬ mer ſind wir das ganze Jahr, nur nicht beim Po¬ kal. Da ſind wir grob, und wenn das ganze deut¬ ſche Volk nur einmal vier Wochen hintereinander betrunken wäre, oder wenn es eben ſo lange nichts zu eſſen hätte, da ließe ſich vielleicht etwas mit ihm anfangen.

5

Das muß einen ganz eignen Grund haben, daß Sie geſtern nicht hier waren, daß Sie nicht den Othello und die Malibran als Desdemona gehört haben! So hart iſt doch Gott ſonſt nicht gegen ſeine guten Kinder. Sie, die Sie das Alles mit hundert Lippen einſaugen, mit hundert Seelen emp¬ finden! Wie wäre Ihnen geworden, da es ſchon mich in ſolche Bewegung ſetzte! War es doch, als wäre das eigne Herz zur Harfe geworden, auf wel¬ cher Engel ſpielten das Ohr horchte nach Innen. So klagen die Seligen, wenn ſie Schmerzen haben! So ſtürmen die Götter, wenn ſie zornig ſind, gegen Unſterbliche wie ſie. So weinen, lächeln, lieben, bitten und trauern die Engel. Mit wahrer Seelen¬ angſt klammerte ich mich an die irdiſchen Worte feſt, damit ich nur den Boden nicht verlor, und von den Geiſtertönen hinaufgezogen würde. Die Malibran, die hat Gott beurkundet mit der Unterſchrift ſeiner Schöpfung, die kann keiner nachmachen. Es war wie eine Blumenflur von allen milden und ſtolzen, ſtillen und hohen, ſüßen und bittern Gefühlen des Menſchen, mit aller Farbenpracht, allen Wohlge¬6 rüchen und alle Betäubungen der mannigfachen Blu¬ men. Dieſes Weinen, dieſes Weinen ohne Thränen, habe ich nie geſehen, möchte ich nie ſehen im Leben. Als ihre Thränen zu fließen anfingen, war mir die Bruſt wie erleichtert. Hat die Liebe ſo viel ſüße Schmeichelei, kann der Schmerz ſo edel ſeyn, durch¬ bohrt Verachtung ſo tief, kann der Zorn ſo erhaben, der Schrecken ſo erſchrecklich, die Bitte ſo rührend ſeyn? Ich wußte das Alles nicht. Fragen Sie mich: hat ſie das geſprochen, geſungen, mit Geber¬ den ſo dargeſtellt? Ich weiß es nicht. Es war Alles verſchmolzen. Sie ſang nicht blos mit dem Munde, alle Glieder ihres Körpers ſangen. Die Töne ſprühten wie Funken aus ihren Augen, aus ihren Fingern hervor, ſie floſſen von ihren Haaren herab. Sie ſang noch, wenn ſie ſchwieg. Ich habe mich für unverbrennlich gehalten und habe erfahren, daß ich es nicht bin; ich will künftig auf Feuer und Licht mehr Acht geben.

Im dritten Akte hätte ich es nicht länger aus¬ halten können, ſtände nicht zum Glücke ein kleiner Hanswurſt hinter meinem Herzen auf beſtändiger Lauer, der immer mit ſeinen Späßen hervortritt, ſo¬ bald das Herz zu betrübt und ernſt wird. Als die Scene kam, wo Othello Desdemonen den Tod ankündigt, und dieſe, ehe ſie niederſank und ſich dem7 Dolche hingab, ſich in die Wolken erhob, und wie ein Sturmwind die ganze Welt der Leidenſchaften umbrauſte, Liebe, Haß, Zorn, Schrecken, Spott, Trotz, Verachtung, und dann wieder zur Liebe kam, und noch einmal Alles umkreiſte da wurde mir heiß am ganzen Körper. Ein vernünftiger Menſch hätte ruhig fortgeſchwitzt und ſich nicht ſtören laſſen; aber ein Philoſoph, wie ich, will durchaus wiſſen, warum er denn eigentlich ſchwitzt. Und ich wußte es nicht; denn ich hatte aus der Pſychologie vergeſſen, welche Leidenſchaft, welche Gemüthsbewegung den Menſchen in Schweiß bringt. Da fiel mir ein, in Goethe's Leben geleſen zu haben, wie in der Schlacht von Valmy, zwar in beſcheidener Entfernung vom Schlachtfelde, doch nahe genug, daß er den Kanonen¬ donner hören konnte, dem Dichter ganz heiß gewor¬ den war, wie mir im Othello. Daraus ſchloß ich denn, daß es die Furcht ſei, die den Menſchen ſchwitzen mache. Darüber mußte ich lachen und das erleichterte mir das ſchwere Herz. Und als darauf die Malibran herausgerufen worden und erſchien, und ich ſah, daß Alles nur Spiel geweſen, ging ich froh nach Hauſe, und ſegnete die Künſtlerin, die Gott ſo geſegnet. Shakeſpeare's Othello, wie ihn der italieniſche Operntext zugerichtet, iſt dumm bis zur Genialität. Man hat ſeine Luſt daran. Die8 Muſik ſcheint mir noch das Beſte, was Roſſini ge¬ macht. Uebrigens bekümmerte ich mich nicht darum, und ich glaube die Malibran auch nicht. Was aber die Weiber ſchwache Nerven haben, wenn ſie nicht präparirt ſind! Dieſe Malibran, die doch den gan¬ zen Abend ſo unerſchrocken durch Waſſer und Feuer ging und alle Elemente aushielt, ohne zu zucken ich ſah ſie vor Schrecken zuſammenfahren wie ein Schäfchen, als einmal hinter den Couliſſen etwas wie ein Leuchter von der Decke herabſtürzte! .. Es Ihnen proſaiſch zu wiederholen: die Malibran iſt die größte Schauſpielerin, die ich je geſehen. In der heftigſten Bewegung zeigte ſie jene wahre antike Ruhe, die wir an den griechiſchen Tragödien bewun¬ dern, und welche wahrſcheinlich auch die Schauſpie¬ ler der Alten hatten. Darum, des rechten Maßes ſich bewußt, ſpielt ſie auch mit einer Kühnheit, die eine Andere ſich nicht erlauben dürfte. Sie klam¬ merte ſich flehend an den Mantel des wüthenden Othello oder ihres erzürnten Vaters, ſie umſchnürt ihre Hände mit den Falten des Kleides, ſie zerrt daran eine Linie weiter und es wäre lächerlich, es ſähe aus, als wolle ſie ihnen die Kleider vom Leibe reißen; aber ſie überſchreitet dieſe Linie nicht und ſie iſt erhaben. Und ihr Geſang! Gibt es denn mehr als eine Art, darf man den anders ſin¬9 gen? Spricht man im Himmel auch verſchiedene Dialekte? Nun, dann hat ſie hoch himmliſch ge¬ ſungen, meißniſch, und die Andern ſingen platt himmliſch. Sie ſehen, ich kann auch ein Narr ſeyn zu meinem Glücke nur ein proſaiſcher, denn ich kann keine Verſe machen Ich gehe nächſtens ein¬ mal in die große franzöſiſche Oper, und das wird mich wieder heilen.

Nächſtens gibt man zum Beſten der Polen ein großes Concert. Die erſten Künſtler und Künſt¬ lerinnen nehmen daran Theil. Eine Dame von Stande aus Brüſſel, bewunderte Harfenſpielerin in ihrer Stadt, wird die Reiſe nach Paris machen, ihre ſchöne Kunſt zur ſchönſten Beſtimmung zu ver¬ wenden. Dieſer edlen Frau verzeihe ich alle ihre Ahnen. Auch werden, zu gleichem Zwecke, in allen Theilen der Stadt Bälle gegeben werden. Eine pol¬ niſche Kommiſſion hat ſich gebildet, an deren Spitze Lafayette ſteht. Unter den Mitgliedern ſind auch Delavigne und Hugo. Dieſe wollen durch Gedichte begeiſtern. Der Referendar Simrock in Berlin wird ſich hüten, ſich das zweite Mal zu verbrennen; der beſingt die polniſchen Farben gewiß nicht. .... Hat man in Frankfurt auch die jüdiſch-polniſche Zeitung, deren erſte Nummer hier angekommen iſt? Sie wird von Rabbinern geſchrieben und es werden darin alle10 jüdiſchen Glaubensgenoſſen aufgefordert, mit Geld beizuſtehn. Unſere deutſchen adligen Juden, die auf Du und Du mit allen Miniſtern und fürſtlichen Maitreſſen ſind und darum auf Ehre halten, werden lachen über die Zumuthung jener polniſchen Canaillen und ſich um die ſtinkenden Polen und ihre ſtinkende Freiheit wenig bekümmern.

[11]

Dreißigſter Brief.

Sie fragen mich: ob denn die heſſiſche Con¬ ſtitution wirklich ſo gar arg wäre, als ich behauptet? Was arg! Das iſt das Wort gar nicht. Es iſt die unverſchämteſte Prellerei, die mir je vorgekommen. Die Erzjuden hier auf den Boulevards, wenn ſie ſie läſen, würden mit Neid ausrufen: nein, das können wir nicht! Gewährte die Conſtitution noch ſo wenig oder auch gar nichts von dem, was heute die Völker von einer erwarten, dagegen ließe ſich nichts ſagen. Die Freiheit wurde von einem Für¬ ſten nie geſchenkt noch verkauft; ein Volk, das ſie haben will, muß ſie rauben. Dem Geduldigen gibt man nichts, dem Drohenden wenig, dem Gewalt¬12 thätigen Alles. Die Heſſen haben nur etwas ge¬ droht. Aber dieſe Conſtitution iſt eine Betrügerei, man hat das ſchlechte Zeug gelb gemacht, daß man es für Gold halte, und ſo dumm iſt unſer Volk, daß unter hundert Käufern nur Einer merkt, daß er be¬ trogen worden. Was iſt das für eine Conſtitution, die den Satz enthält: Das Briefgeheimniß iſt unverletzlich, für nöthig hält ausdrücklich zu er¬ klären, die Regierung dürfe keine ſchlechten Streiche machen? Es heißt: Die Preſſe iſt vollkommen frei, ausgenommen, wo ſie die deutſche Bundes - Verſammlung beſchränkt; die deutſche Bundes-Ver¬ ſammlung aber hat ſie in allem beſchränkt. Es heißt: Alle Religionen ſind gleich vor dem Ge¬ ſetze, und gleich darauf: die Rechte der Juden werden unter den Schutz der Conſtitution geſtellt. Das heißt: Einem, der in Ketten liegt, zu ſeiner Beruhigung eine Wache zur Seite ſtellen, damit ihm ja Niemand ſeine Ketten ſtehle! Die Ju¬ den haben es jetzt viel ſchlimmer, als vorher. Frü¬ her konnte doch der Fürſt die Rechte der Juden er¬ weitern, ſie den übrigen Staatsbürgern ganz gleich ſtellen. Jetzt kann er aber das nicht mehr, da der rechtloſe Zuſtand der Juden unter dem Schutze der Conſtitution ſtehet, die von dem Fürſten nicht über¬ treten werden kann. Und ſo die Wahlen, ſo Alles. 13In der ganzen Conſtitution ſind die Rechte zwiſchen Regierung und Volk ſo getheilt, wie jener Jude mit einem dummen Bauer den Gebrauch eines gemein¬ ſchaftlich gemietheten Pferdes theilte: Eine Stunde reite ich und du gehſt, die andere Stunde geheſt du und ich reite.

Warum wundert Sie, daß es dem *** in Wien gefallen, und warum wundert das ihn ſelbſt? Wien iſt ein ganz hübſcher Ort und ich möchte wohl dort wohnen, wenn ich ein fetter Antonius wäre und kein magerer Caſſius. Wenn er ſagt, er habe es dort ganz anders und beſſer gefunden, als er erwartet, ſo iſt das ſeine Schuld; er hat falſch ge¬ ſucht und falſch gefunden. Er glaubte wahrſcheinlich, in Wien bekäme jeder die Knute, der ein Wort von Politik ſpräche, und man fände dort keine anderen Bücher als Koch - und Gebetbücher. Aber ſo iſt es nicht. Campe ſchrieb mir neulich, daß meine Schrif¬ ten in Oeſterreich am meiſten Abgang hätten. Das muß aber Keinen irre machen. *** ließ ſich täu¬ ſchen, wie ſich die Wiener ſelbſt täuſchen laſſen, Die glauben auch, daß ſie ſich eine Freiheit nehmen, die ihnen die Regierung eigentlich gibt, wobei aber dieſe klug genug iſt, ſich anzuſtellen, als ließ ſie ſie nehmen, weil ſie weiß, daß verbotene Früchte am14 ſüßeſten ſchmecken. Der öſterreichiſche Staat iſt eine ſeelenloſe Dampfmaſchine, aber keine mit hohem Drucke. Sie wiſſen dort genau zu berechnen; wie weit man es treiben darf, ohne daß der Keſſel platze, und laſſen darum zuweilen Rauch aus dem Schorn¬ ſteine nach oben, in den höhern Ständen, in der Reſidenz; nach unten nie.

Ich habe herzlich darüber lachen müſſen, daß die hannövriſchen Soldaten beim Einzuge in Göttingen den Marſeiller Marſch geſpielt. Ich glaube, die Spitzbuben haben das mit Bedacht gethan. Sie wollten ſich wohl über die Revolutionairs luſtig machen. Vielleicht war es auch Gutmüthigkeit. Sie dachten, da habt ihr euern Marſeiller Marſch, ihr wollt ja nicht mehr. Und[vielleicht] wollten ſie wirk¬ lich nicht mehr. Haben Sie aber auch die Unter¬ würfigkeits-Akte der Stadt Göttingen geleſen, den Brief, den ſie an den General geſchrieben. Das iſt zu ſchön. Vor lauter Demuth und Zerknirſchung wiſſen ſie nicht genug Hochgeburt und Hochwohl¬ geburt aufzutreiben. Sie kriechen unter die Erde. So iſt der gute Deutſche! Wenn einmal ein müder Bürger ſeinen ſchweren Bündel Unterthänigkeit ab¬ wirft, gleich hebt ihn ſein Nachbar auf, und hockt die Laſt zu ſeiner eigenen. Und in dieſes Land ſoll ich15 zurückkehren! Hätten ſie nur wenigſtens eine italieni¬ ſche Oper wie hier! Aber keine Freiheit und keine Malibran, keinen Styx und keinen Lethe!

Ich ſchrieb Ihnen neulich von einem Ge¬ mälde, die Schlachttage im Juli darſtellend, das ich geſehen. Da war aber doch mehr der Stoff, der mir Freude gemacht, die Phantaſie mußte ſich das Uebrige erſt ſelbſt verſchaffen; denn Vieles fehlte, das Gemälde hatte keinen großen Kunſtwerth. Jetzt iſt aber im Diorama ein Gemälde gleicher Art aufge¬ ſtellt, das alles ſelbſt leiſtet und von der Phantaſie nichts fordert. Die Vertheidigung und Eroberung des Stadthauſes wird vorgeſtellt, und die Täuſchung iſt auf das Höchſte getrieben. Es iſt ganz ein Schlachtfeld, nur ohne Gefahr. Die Sonne liegt heiß auf dem Pflaſter und brennt auf dem Geſichte der Streitenden. Die Luft iſt ſo rein, daß man durch den zarten Pulverdampf ſiehet. Menſchen und Pferde bluten und verbluten. In der Mitte des Platzes ſiehet man einen Zögling der polytechni¬ ſchen Schule, in der linken Hand die dreifarbige Fahne, in der rechten den Degen haltend. Er ſte¬ het mit dem linken Fuße auf einer Kiſte, mit dem rechten auf einem höheren Faſſe, und iſt eben im Begriffe, ſich hinauf zu ſchwingen, um oben die16 Fahne hinzupflanzen. Es gibt nichts Theatraliſche¬ res als dieſe Stellung, und doch hat ſie der Maler gewiß nur nachgeahmt, nicht erfunden. Darin haben es die Franzoſen gut, daß ſie vermögen mit jeder Großthat im weiten Felde zugleich das Drama zu dichten, das jene Großthat im engen Felde darſtellt. Sie ſind zugleich Helden und Schauſpieler. Man ſiehet es ganz deutlich an dieſem Jünglinge mit der Fahne, wie er ſeiner Kühnheit und ſeiner theatrali¬ ſchen Stellung zugleich froh war. Noch eine andere ſchöne Gruppe zeichnete ſich aus. Ein Mann aus dem Volke, Bruſt und Schultern nackt, kniet auf die Erde, in dem rechten Arm einen verwundeten hin¬ ſinkenden Knaben haltend, die linke Fauſt gegen die hintenſtehenden Soldaten ballend, die den Knaben wohl eben getroffen. An der Schwelle eines Hau¬ ſes liegt die Leiche eines Frauenzimmers. Daß mit¬ ten im Kugelregen mehrere Frauenzimmer uner¬ ſchrocken weilen, um den Verwundeten beizuſtehen, hat mich weniger gewundert, (ſie trieb das Mitleid) als daß andere ohne Furcht zu den Fenſtern hinaus ſehen. Im Hintergrunde, am Waſſer, ſtehen die königlichen Soldaten. Jenſeits ſchießen die Studen¬ ten herüber. Ich habe unter den Kämpfern wieder gute Röcke geſucht, vornehme und reiche Leute, die mehrere hundert Franken Steuern zahlen und Wäh¬17 ler ſeyn können ich habe aber Keine gefunden. Ich will den Herren nicht Unrecht thun, vielleicht hatten ſie an jenen Tagen, ihre guten Kleider zu ſchonen, dieſe zu Hauſe gelaſſen und ſchlechte Röcke für die Schlacht angezogen. Aber auch die Hemden waren ſchwarz und grob; haben ſie die auch ge¬ wechſelt?

II. 218

So eben komme ich vergnügt aus dem Leſe¬ kabinette vergnügt, weil ich mich geärgert habe. So oft mir dergleichen Aergerliches begegnet, halte ich es gleich feſt, und mache mir den Aerger ein; denn in Paris iſt er nicht alle Tage friſch zu haben; die deutſchen Zeitungen kommen ſo unregelmäßig hier an. Sie werden vielleicht in meinen Briefen einen Widerſpruch mit meiner Klage finden; Sie werden meinen, über franzöſiſches Weſen hätte ich mich doch oft genug geärgert. Das iſt aber etwas ganz anders. Das war nicht Aerger, das war Zorn; Aerger aber iſt zurückgetretener Zorn. Man ärgert ſich nicht, wenn Einem dem Gegner an Macht über¬ legen iſt das merkt und berechnet man in der Leidenſchaft nicht ſondern wenn uns der Gegner, entweder an Unverſchämtheit überlegen iſt, ſo daß er uns unter die Beine kriecht und uns umwirft, oder an Autorität, ſo daß er uns das Sprechen verbietet und wir uns nicht wehren dürfen. Der Zorn aber iſt wohlgemuth, ſtark und darf ſeine Kraft gebrauchen. Darum gerathe ich in Zorn über das Treiben hier, denn ich darf dagegen eifern, und hundert gleichge¬ ſinnte thun es für mich alle Tage; darum ärgere ich19 mich über deutſches Treiben, weil ich dulden und ſchweigen muß. Nun, es war ein Artikel in der all¬ gemeinen Zeitung mit einem Kreiſe, der einen Mit¬ telpunkt hat, bezeichnet ſo: . Wahrſcheinlich hat das der Redakteur vorgeſetzt, um zu verſtehen zu geben, ſein Correſpondent habe das Schwarze in der Scheibe getroffen. Schon lange ſitze ich an der Wiege des guten lieben deutſchen Kindes, und warte, daß es einmal die Aeugelein aufſchlage. Endlich er¬ wacht es und greint ſanft wie ein Kätzchen. Jener Correſpodent macht einen Katzenbuckel und ſagt leiſe, leiſe: er müſſe ganz gehorſamſt bemerken, es wäre doch endlich einmal Zeit, auch ein deutſches Wort über Krieg und Frieden zu ſprechen, und er werde ſich die unterthänige Freiheit nehmen, dieſes zu thun, und auch, wenn man es ihm gnädigſt erlauben wolle, darauf hindeuten, wie unſer Vaterland in gegenwär¬ tige Angelegenheiten verwickelt ſei, und wie es ſich heraus wickeln könne. Ich machte große Augen und dachte: der Kerl hat Courage! Jetzt tappt er hin und her, herüber und hinüber, ſpricht im Allgemei¬ nen von jenem Staate, von dieſem Staate; der noch ungeleſene Theil des Artikels wird immer kürzer, die letzte Zeile rückt immer näher, und noch kein Wort von Deutſchland. Endlich kommt die letzte Zeile, und da ruft unſer Held: von Deutſch¬2*20land ein andermal! und läuft was er laufen kann. Ich ſpuckte ganz ſanft auf Deutſchland, die allgemeine Zeitung und den heroiſchen Artikel, und nahm den Aerger mit zu Tiſche. Aerger, in gelin¬ den Gaben genommen, das weiß ich aus Erfahrung, befördert die Verdauung ungemein.

21

Ueber die Briefe eines Verſtorbenen werde ich Ihnen meine Meinung ſagen, ſobald ich ſie fertig geleſen. ... Ich höre, das polniſche Manifeſt habe in Frankfurt nicht gedruckt werden dürfen. Der Frankfurter Bürgermeiſter und Anſtett haben Gott ein Bein geſtellt, das iſt doch recht un¬ artig.

[22]

Ein und dreißigſter Brief.

Ei! das Volk hat ja wieder einen König ge¬ macht; der Herzog von Nemours iſt in Belgien ge¬ wählt worden. Nürnberger Waare! Aber, warum nicht, ſo lange die Völker Kinder bleiben und Kin¬ derſpiele lieben? Dieſe Frechheit des Volkes, einen König zu machen, muß unſern Altgläubigen noch viel entſetzlicher vorkommen, als die einen König zu zer¬ ſtören. Gottes Werke zu Grunde richten, das kann freilich jeder: aber Gottes Werke nachſchaffen wol¬ len das iſt verwegene Sünde. Ich bin nun jetzt begierig, was die franzöſiſche Regierung thun wird, oder eigentlich was ſie ſagen wird; denn was ſie thun wird, darum war niemand je in Zweifel; es war gleich von der erſten Stunde der belgiſchen Revolution alles darauf angelegt, das Land mit Frankreich zu vereinigen. Aber was ſagen? Se¬23 baſtiani hat erſt vor einigen Tagen in Gegenwart ganz Europa's erklärt, ſeine Regierung würde weder den Herzog von Nemours gewähren, noch die Ver¬ einigung Belgiens mit Frankreich annehmen! So ſind die Diplomaten! Sie wiſſen recht gut, daß ſie einander nicht betrügen können es iſt Liebhaberei, es iſt eine Kunſtliebe.

Sie ſchreiben mir, Heine habe in ſeinem vier¬ ten Bande von der franzöſiſchen Revolution geſpro¬ chen. Ich denke, er hat nur zu ſprechen verſucht, es nicht ausgeführt. Welche Rede wäre ſtark[genug], dieſe wildgährende Zeit zu halten? Man müßte einen eiſernen Reif um jedes Wort legen, und dazu gehörte ein eiſernes Herz. Heine iſt zu mild. Mir auch ſchrieb Campe, er erwarte, ich würde im ach¬ ten Bande etwas Zeitgemäßes ſagen. Dieſer achte Band, den ich machen ſollte, hier in Paris, eine Viertelſtunde von den Tuilerien, eine halbe vom Stadthauſe entfernt es gibt nichts Komiſcheres! Was, wo, worauf, womit ſoll ich ſchreiben? Der Boden zittert, es zittert der Tiſch, das Pult, Hand und Herz zittern, und die Geſchichte vom Sturme bewegt, zittert ſelbſt. Ich kann nicht wiederkauen, was ich mit ſo viel Luſt verzehrt; dazu bin ich nicht Ochs genug. Prophet wollte ich ihm ſeyn, zwölf Bände durch. Und was kann der Deutſche anderes ſeyn als Prophet? wir ſind keine Geſchichtsſchrei¬24 ber, ſondern Geſchichtstreiber. Die Zeit läuft wie ein Reh vor uns her, wir, die Hunde, hintendrein. Sie wird noch lange laufen, ehe wir ſie einholen, es wird noch lange dauern, bis wir Geſchichtsſchreiber werden. Doch ich will jetzt gehen, Beethoven hören. Fünf, ſechs ſolcher Menſchen hat das Land, unter denen wir Schatten gegen Hitze, Schutz gegen Näſſe finden. Wenn die nicht wären! Das Con¬ zert beginnt um zwei Uhr. Das ſcheint mir beſſer als Abends. Ohr und Herz ſind reiner vor dem Eſſen. Vielleicht beſuche ich dieſe Nacht den Mas¬ kenball. Nicht den in der großen Oper, den kenne ich von früher, das iſt zum Einſchlafen; ſondern den im Theater an der Porte St. Martin. Da finde ich mein gutes Volk in der Jacke, das im Juli ſo tapfer gekämpft. Da iſt Luſt und Leben. Lange Röcke, lange Weile das habe ich immer beiſam¬ men gefunden.

25

Das Conzert Sonntag im Conſervatoire, iſt, wie ich mir denke, ſehr ſchön geweſen. So ganz aus Erfahrung weiß ich es nicht. Ich ſaß in der zweiten Reihe Logen, warm wie in einem Treibhauſe, und verſteckt hinter Frauenzimmern wie ein Gärtner hinter Blumen. An der Seite ſperrten mir dumme dicke Säulen, vor mir dumme große Hüte, die Aus¬ ſicht. Wir haben Revolutionen erlebt, die tauſend¬ jährige Könige umgeworfen wird ſich denn nicht einmal eine Revolution erheben, die dieſe fluchbela¬ ſteten Weiberhüte fortjagt? Sie werden mich fragen: Aber was hat man in einem Conzerte zu ſehen? Aber eben darum darf das Sehen nicht gehindert ſeyn; denn das nicht ſehen können beſchäftigt die Augen am meiſten. Was mich aber am verdrüßlich¬ ſten machte, war, daß ich keine Lehne für meine Rücken hatte, ſo daß ich immerfort ſteif daſitzen mußte, wie vor funfzig Jahren ein deutſches Mäd¬ chen unter der Zucht einer franzöſiſchen Gouvernante. Das Biſchen, was mir von guter Laune noch übrig blieb, ſchenkte ich einer jungen Engländerin, die ne¬ ben mir ſaß. Blaue Augen, blondes Haar, ein Ge¬ ſicht von Roſenblättern, und was ſie in meinen Au¬ gen am meiſten verſchönte, ein Hut mit einem flachen26 italieniſchen Dache. Sie mochte wohl eine große Muſikfreundin ſeyn, denn ſie hatte ſich aus ihrem eigenen Körper ein ſchönes Häuschen gebaut, um daraus ungeſtört zuzuhören. Die Füße hatte ſie auf die Bank vor ihr hoch aufgeſtellt, und die Knie an ſich gezogen. Die Bruſt vorgebeugt, verbarg ſie den rechten Ellenbogen in den Schoos und ließ den Kopf auf den zuſammengeknickten Arm ſinken. Die ſchöne Dame ſo gerundet, hatte keinen Anfang und kein Ende. Sie verſtand gewiß etwas von Mathematik, und wußte, daß die Kugelform unter allen möglichen Geſtalten mit der flachen Welt am wenigſten in Berührung kommt. Ihre Schweſter vor ihr hatte den Hut abgelegt, und ſaß ganz vorn, in der Loge allen Blicken ausgeſetzt, in purem Nachthäubchen da. Ich machte ſo meine Betrachtungen, woher es komme, daß nur allein die Engländer und Engländerinnen ihre Sitten und Kleider mit in das Ausland bringen, und ſich nicht geniren? Gewiß war im ganzen Saale keine Dame, die in einer ſo häuslichen Stel¬ lung da ſaß, wie meine ſchöne Nachbarin, und keine, die es gewagt, ſich in einem Nachthäubchen zu zeigen, wie deren Schweſter. Aber trotz meiner Philoſophie und Verdrüßlichkeit merkte ich doch zuweilen, daß man da unten ſchöne Muſik machte. Die Sympho¬ nie eroica von Beethoven (ich fand die Muſik mehr leidend als heroiſch) eine Arie aus dem Freiſchütz27 (mein deutſches Herz ging mir dabei auf, wie eine trockene Semmel in Milch). Sextett von Beethoven. Chor aus Webers Euryanthe. Ein Muſikſtück für Blas-Inſtrumente. Trio aus Roſſini's Wilhelm Tell. Clavier-Solo, geſpielt und componirt von Kalkbrenner. Ouvertüre aus Oberon. Aber dieſe Stadt der Sün¬ den, Paris der liebe Gott muß ſie doch lieb ha¬ ben: was er nur Schönes hat, was Gutes, alles ſchenkt er ihr. Die ſchönſten Gemälde, die beſten Sänger, die vortrefflichſten Componiſten. Dieſes eine Conzert was hörte man da nicht alles zugleich! Das beſte Orcheſter der Welt. Die Aufführung der Symphonie ſo vollendet, daß, wie mir H*** ſagt, man dieſes gar nicht merke. Ich erkläre mir das in dem Sinne: um einzuſehen, wie vollkommen etwas ſei, muß daran noch etwas mangeln. Iſt die Voll¬ kommenheit ganz erreicht, verliert man den Stand¬ punkt der Vergleichung. In einem Conzerte hör¬ ten wir: Kalkbrenner, den erſten Clavirſpie¬ ler; Baillot, den erſten Violinſpieler; Tü¬ lon, den erſten Flötenſpieler; Voigt, den erſten Hautboiſten; und Nourrit, den beſten franzöſiſchen Sänger. Das ganze Orcheſter erſchien in der Na¬ tionalgarde-Uniform Baillot iſt Offizier, Nourrit auch. Der eine geigte, der Andere ſang mit Epau¬ lettes. Ich wollte, hannövriſche Offiziere von den28 Siegern von Göttingen wären in meiner Loge geweſen, und hätten nicht gewußt, das ich deutſch verſtehe.

Alſo Israel in Frankfurt hat wieder einen guten Tag gehabt, ihr Lebenspuls hat ſich wieder einmal gehoben? Israel jammert mich manchmal, ſeine Lage iſt gar zu betrübt. Kurſe oben, Kurſe unten, wie der tolle Wind das Rad ſchwingt es ſind die Qualen des Ixion. Aber iſt es nicht furcht¬ bar lächerlich, daß die niedrigſte und gemeinſte aller Leidenſchaften ſo viele Aehnlichkeit hat mit der er¬ habenſten und edelſten, die Gewinnſucht mit der Liebe? Ja wohl, Gott hat das Volk verflucht und darum hat er es reich gemacht. Aber von den ekel¬ haften Geſchichten mit den jüdiſchen Heirathserlaub¬ niſſen und jüdiſchen Handwerksgeſellen erzählen Sie mir nichts mehr. Ich will nichts davon hören, ich will nichts damit zu thun haben. Wenn ich kämpfen ſoll, ſei es mit Löwen und Tigern, aber vor Kröten habe ich einen Abſcheu, der mich lähmt. Es hilft auch nichts. Man muß den Sumpf ausrotten, dann ſtirbt das Schlammgezücht von ſelbſt weg. Unſere Frankfurter Herren, finde ich, haben ganz recht. Sie denken, Gott iſt doch nun einmal im höchſten Zorne, ob wir ihn ein Bischen mehr, ein Bischen weniger ärgern, das kann nichts verſchlimmern. Den Juden in Frankfurt iſt jetzt am wenigſten zu helfen, wenn ſie klagen bei den großen Herren der Bundesverſamm¬29 lung, oder bei den kleinen im Senate, weiß ich, was man ihnen ſagt es iſt als wäre ich gegenwärtig. Oeffentlich wird man ſie barſch abweiſen, unter vier Augen aber wird man den Diplomaten, den Pfiffigen unter den Juden ſagen: Lieben Leute, jetzt iſt gar nicht die Zeit an dieſe Sache zu rühren. In Deutſch¬ land iſt ohnedies alles in Bewegung, das Volk iſt aufgeregt, die allgemeine Stimmung gegen euch, ſo daß, wenn wir euch jetzt Freiheiten bewilligten, die¬ ſes üble Folgen hätte, für die allgemeine Ruhe, und für euch ſelbſt. Und unſer jüdiſcher Adel wird das ſehr gut verſtehen, und beifällig mit den Augen blin¬ zeln, und beim Heruntergehen dem jüdiſchen Pöbel vor der Thüre zurufen: Packt euch zum Teufel, ihr ſeid dumm und unverſchämt! ... Von einem jü¬ diſchen Comité und deſſen Schreibereien erwarte ich nichts. Es ſind eben Deutſche, wie die Andern auch. Sie ſind in einem unſeligen Wahne befangen. Ihre Ehrlichkeit richtet ſie zu Grunde. Sie meinen im¬ mer noch, es käme darauf an, Recht zu haben, zu zeigen, daß man es hat. Jetzt ſprechen ſie für die Freiheit wie ein Advokat für einen Beſitz. Als käme es hier noch auf Gründe an, als wäre ſeit einem halben Jahrhunderte nicht alles ausgeſchöpft worden, was man für Freiheit, für Menſchenrechte, für Bür¬ gerrechte der Juden ſagen kann. Das alles weiß der Tyrann ſo gut als der Sklave ſelbſt. Gewalt30 wie Freiheit kommt aus dem Herzen. Der Räuber, der uns unſer Gut nimmt, täuſcht ſich nicht, er weiß, was er thut. Nicht an den Verſtand, an das Herz muß man ſich wenden, an das der Gegner wie an das der Gleichgeſinnten. Die Herzen muß man rüh¬ ren, die unbeweglichen durchbohren. Das Wort muß ein Schwert ſeyn; mit Dolchen, mit Spott, Haß, Verachtung muß man die Tyrannei verfolgen, ihr nicht mit ſchweren Gründen nachhinken. Das ver¬ ſtehen aber unſere deutſchen liberalen Schriftſteller nicht, und noch heute ſo wenig, als vor dem Juli. Ich ſehe es ja. Unter den Büchern, die Sie mir geſchickt, iſt auch eine Broſchüre über die heſſiſchen Juden, und eine über die deutſche Preßfreiheit. Ge¬ leſen habe ich ſie noch nicht, aber einen Blick auf die erſte Seite geworfen. Ich hatte genug; es iſt ganz die alte Art. Der Hanauer Jude hat das Motto von Schiller: Der Menſch iſt frei geſchaffen, iſt frei und ſo weiter die Litanei. Dann fängt er an: Die höchſte Glücksſtufe, die nach menſch¬ lichen Begriffen einem Staate erreichbar iſt, hat Kur¬ heſſen rühmlich betreten. In allen ihren Theilen hat man den aufgeklärten und freiſinnigen Ideen der Ge¬ genwart gehuldigt. Der Jude ſoll Mazze backen aus dieſem ungeſäuerten Teige; Brod wird nie daraus. Der chriſtliche Ritter der Preßfreiheit, Pro¬ feſſor Welker, ſchrieb Folgendes auf der Titelfahne31 ſeines Buches: Die vollkommene und ganze Pre߬ freiheit nach ihrer ſittlichen, rechtlichen und politiſchen Nothwendigkeit, nach ihrer Uebereinſtimmung mit deutſchem Fürſtenwort und nach ihrer völligen Zeit¬ gemäßheit dargeſtellt, in ehrerbietigſter Petition an die hohe deutſche Bundesverſammlung. ... Die Herren von der deutſchen Bundesverſammlung werden den ehrerbietigen Profeſſor auslachen. Wenn ich über die Preßfreiheit ſchriebe, würde ich anfangen: Die Preßfreiheit, oder der Teufel holt Euch alle mit ein¬ ander, Volk, Fürſten und deutſches Land! Ich meine, das müſſe einen ganz andern Effekt machen. Je mehr Gründe, je mehr Füße; je mehr Füße, je langſamer der Gang; das ſiehet man an den Inſekten. Doch genug und habe ich nicht Recht, daß ich in die italieniſche Oper gehe?

Mein Tagebuch aus Soden habe ich, ſeit ich es geſchrieben, nicht mehr geleſen. War es gut, ſo iſt es noch gut; das hat keine Noth, Aelter iſt dar¬ über wohl manches in Deutſchland geworden, aber alt nichts. Es blühen alle Veilchen, vor wie nach.

Sie können ſich wohl denken, daß ich den Un¬ fug, den die Studenten in der Sorbonne ſich gegen den Miniſter Barthe zu Schulden kommen ließen, nicht billigen werde. Die Studenten ſelbſt haben ſich gegen dieſes tadelnswürdige Betragen, das nur auf Einige unter ihnen fiel, laut geäußert. Aber ſelbſt32 dieſer ſträfliche Uebermuth iſt lehrreich genug, denn er zeigt den lobenswerthen tiefen Unmuth in der Ju¬ gend. Die Studenten hier, ſind gar nicht wie unſere deutſchen, fantaſtiſch ungezogen, dem Bürgerleben und ſeinen Regeln fremd, alle Convenienz verſpottend; und in wenigen Jahren, alle Kraft, alles Feuer der Jugend vertrinkend und vertobend, um gleich nach der Univerſität die abgelebteſten zahmſten Philiſter zu wer¬ den. Sie ſind vielmehr die ſtillſten und beſcheiden¬ ſten jungen Leuten, die ſich von der Jugend der an¬ dern Stände nur durch die Einfachheit ihres Aeuſſe¬ ren auszeichnen. Man ſollte ſie oft für deutſche Handwerksburſche halten. Was ſie in Bewegung ſetzt, iſt etwas ſehr Edles, mag immerhin die Be¬ wegung einmal im Gange unregelmäßig werden.

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Geſtern kam in der Pairskammer das Geſetz über die Beſoldung der jüdiſchen Geiſtlichen vor. Es wurde zwar angenommen, fand aber doch viele Gegner. Der Admiral Verrhuell hielt eine Rede gegen die Juden. Das Volk Gottes hat doch Feinde zu Waſſer und zu Lande. Der Admiral ſagte: ich habe die Juden in allen vier Theilen der Welt ken¬ nen gelernt; ſie taugen überall nichts; überall den¬ ken ſie nur an Geldverdienen. Schändliche Verläum¬ dung! Gerade das Gegentheil. Die meiſten Ju¬ den ſtreben nach nichts, als Geld zu verlieren, und darum kaufen ſie öſterreichiſche Staatspapiere.

Aber iſt die Begeiſterung der Polen nicht höchſt erhaben, höchſt rührend? Gab es je etwas Großes, das zugleich ſo ſchön war? Unter den rauhen Blättern der Geſchichte iſt es ein Blatt auf Velin¬ papier geſchrieben. ... Die Polen haben jetzt alle nur ein Geſchlecht, nur ein Alter. Weiber, Kinder, Greiſe, alles rüſtet ſich; viele gaben ihr ganzes Ver¬ mögen hin, und nannten ſich nicht, und gaben keine Spur, auf der man ihre Namen entdecken konnte. Einen ſilbernen Löffel im Hauſe zu haben, iſt eine Schmach, man gebraucht nur hölzerne. Die Frauen liefern ihre Trauringe in die Münze und erhaltenII. 334dafür kleine ſilberne Medaillen, mit der Schrift: la patrie en échange. Iſt das nicht ſchön? im Polniſchen lautet das wahrſcheinlich noch ſchöner. Aber ach! das ernſte Schickſal liebt die Kunſt nicht. Die Polen können untergehen trotz ihrer ſchönen Be¬ geiſterung. Aber geſchiehet es, wird ſo edles Blut vergoſſen, dann wird es den Boden der Freiheit auf ein Jahrhundert befeuchten und es tauſenfältige Früchte tragen. Die Tyrannen werden nichts gewinnen, als einen Fluch mehr. Wer jetzt einen Gott hat, der bete, und wer beten kann, der bete nur für die Po¬ len. Die ſind oben in Norden und die Freiheit, wie jede Bewegung, kommt leichter herab, als ſie hinauf ſteigt.

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Zwei und dreißigſter Brief.

Ich bin jetzt mit den Briefen eines Ver¬ ſtorbenen zu Ende, und ich will Ihnen mittheilen, was ich mir darüber gemerkt. Ich könnte mir die Mühe des Abſchreibens erſparen und Ihnen das Blatt ſelbſt ſchicken. Aber es iſt mit Bleiſtift ge¬ ſchrieben, und ich bin klüger als der Kaiſer von Ru߬ land, Preußens Mephiſtopheles, der ſeine hohen Mei¬ nungen mit Bleiſtift niederſchreibt und dabei ruhig iſt ich denke: der liebe Gott kann das mit dem lei¬ ſeſten Hauche wieder auslöſchen. Ich halte mich an Dinte, die iſt feſt. Aber wie konnten Sie nur glau¬ ben, die todten Briefe wären vom lebendigen Heine? Kein Athemzug von ihm darin. Es iſt eine gewöhn¬ liche Reiſebeſchreibung ich ſage aber nicht: die3*36Beſchreibung einer gewöhnlichen Reiſe. Der Ver¬ faſſer hat mehr geſehen als Andere, alſo auch mehr beobachtet. Als vornehmer Herr wurde er von den hohen und höchſten Ständen freundlich angezogen, und da er oft incognito reiſte, (er führte ſogar wie ein Gauner doppelte Päſſe mit falſchen Namen) und ein deutſcher Edelmann, wenn er ſeinen Adel ablegt, be¬ ſcheiden glaubt, es bliebe dann nichts mehr von ihm übrig, drängte er ſich mit der Zuverſicht eines Un¬ ſichtbaren auch in die niedrigſten Stände. Dadurch mußte das Buch gewinnen. Solche Vortheile hat ein deutſcher bürgerlicher Reiſender nie. Der Ver¬ faſſer hat empfänglichen, aber keinen erzeugenden Sinn. Sein Stoff ich reich, aber ſeine Bearbeitung ſehr arm und von dichteriſcher Kunſt keine Spur. Er ſchreibt leicht, ſehr leicht. Das iſt manchmal recht angenehm, doch darf es nicht den ganzen Tag dauern. In häuslichem Kreiſe, zu häuslichem Geſpräche iſt das gut; wenn aber die Gedanken unter die Leute gehen, müſſen ſie ſich mit Würde und Anſtand kleiden. Wer in Deutſchland mit ſo leichtem Fuhrwerke fährt, läßt vermuthen, daß er nicht ſchwer geladen. Ein guter deutſcher Schriftſteller ſchreibt, daß der Styl unter ihm bricht und daß er mitten im Wege liegen bleibt. Der Verfaſſer gebraucht franzöſiſche Redens¬ arten, da, wo es weder nöthig noch ſchön iſt. Er ſagt: aventure Je dévore déjà un oeuf 37 adieu Sur ce n'ayant plus rien à dire. Kaum ein Brief, den er nicht mit einem franzöſiſchen Satze anfinge oder endigte; das iſt ſein Morgenge¬ bet, ſein Abendſegen, ſein Amen. Doch verzeihen wir ihm das; das Franzöſiſche iſt ſein adeliges Wap¬ pen, womit er die Briefe verſiegelt. Auch daß die Briefe oft zu lang, die Berichte oft zu umſtändlich ſind, wollen wir ihm nicht zu hoch anrechnen. Wir bürgerlichen Reiſebeſchreiber würden auch oft längere Briefe an unſere Freundinnen ſchreiben, wenn das Porto nicht zu hoch käme. Aber der verſtorbene Edelmann hatte unſern Geſandten in London der die dickſten Paquete portofrei an ſeine Julie beſorgte. Wir bürgerlichen Reiſenden haben es ſo gut nicht, wir bekommen in der Fremde von unſerer Ge¬ ſandtſchaft nichts zu ſehen, als beim Päſſeviſiren den Rücken eines Sekretärs, der uns über ſeine Schultern weg, ohne uns anzuſehen, den Paß zureicht. Den Herrn Geſandten ſelbſt bekommen wir nie zu ſprechen, er bekümmert ſich nicht um uns, wir mü߬ ten denn Spione ſeyn. Dieſer Stand, wie der Spieler, adelt im Deutſchland. Gerecht zu ſeyn, muß ich ſagen, die Briefe haben viel Gutes und haben mir Vergnügen gemacht. Nur habe ich nicht darin gefunden, was ich erwartet. Von einem Manne von Stande, dem ſeine Geburt die groben38 Erfahrungen des Lebens erſpart, hätte ich feine er¬ wartet, feine Bemerkungen über Welt und Zeit. Aber nichts habe ich ihm abgelernt, als eine feine Wendung, die ich in der Folge einmal benutzen werde. Wenn Sie einmal alt werden und klagen dann über Welt und Zeit, und knurren, daß es nicht auszuhal¬ ten, würde ich bürgerlicher Tölpel Ihnen dann wahr¬ ſcheinlich ſagen (bis dahin, hoffe ich, duzen wir uns): Liebe Freundin! Du ſiehſt alles mit trüben Augen an; denn du biſt alt! Aber von unſerem verſtor¬ benen Edelmann habe ich gelernt, wie man eine ſolche Grobheit zarter ausdrückt. Er ſchreibt ſeiner Julie, die in ihrem Briefe knurrt: Deine älter werdende Anſicht iſt ſchuld an Deiner Grämlich¬ keit. Das iſt alles. Von den Briefen eines Ver¬ ſtorbenen erwartet man, Dinge aus einer andern Welt zu erfahren; zu hören, was kein Lebender zu ſagen wagt. Nichts von dem. Daß dieſe Briefe ſolches Aufſehen machen konnten, daß ich ſogar hier in Paris davon ſprechen hörte, und ſie in Deutſch¬ land, wie Ihnen der Buchhändlerjunge ſagte, ra¬ ſend abgehen , verdanken ſie wahrſcheinlich nicht dem Guten, ſondern dem Schlechten, das ſie ent¬ halten. Es ſind den adligen Briefen einige Satiren eingeſchaltet, aber von der gemeinſten bürgerlichen Art. Da iſt erſtens Eine gegen deutſche Titelſucht,39 gegen Rang - und Beamtenſtolz. Nun kann zwar eine geſchickte Hand von ſolchem ausgedroſchenen Stroh artige Sachen flechten, Hüte, Körbe und an¬ dere Spielereien; aber in der todten Briefen iſt es rohes Lagerſtroh geblieben, es gerade in den Stall zu werfen; und nicht aus Liebe zur Gleichheit eifert der hohe Herr gegen den lächerlichen Dienerſtolz der Deutſchen, ſondern aus adligem Hochmuthe. Er will, daß nicht Amt oder Titel, ſondern Geburt al¬ lein den Rang in der bürgerlichen Geſellſchaft be¬ ſtimme. Dann kommt eine Satire gegen die Ber¬ liner Myſtiker, die wahrlich eine beſſere verdient hätten. Da wird das ganze Alphabet durchgeklatſcht und hundert Anekdötchen erzählt. Braucht es mehr in dem preßzahmen Berlin, um Aufmerkſamkeit zu erwecken? Und den Verſtorbenen trieb die Preßfrei¬ heit noch weiter er ſagt es gerade heraus: Der Graf Brühl in Berlin, der General-Direktor der Schauſpiele, zu ſeiner Zeit der zweite Mann im preußiſchen Staate koſtümire auf dem Theater die Tempelritter ganz falſch, wie er ſich aus dem Grab¬ ſteine eines Templers, den er in Irland geſehen, vollkommen überzeugt habe! Der Verfaſſer ſoll ein Fürſt ſeyn; das iſt ſchön. Da unſere bürgerlichen Schriftſteller nun einmal keine Leute von Welt wer¬ den wollen, ſo bleibt, dieſen näher zu kommen, nichts40 übrig, als daß die Leute von Welt Schriftſteller werden. Er ſoll kein Geld haben; noch ſchöner, er ſei uns herzlich willkommen. Das iſt der wahre Stempel des Genies. Einem guten deutſchen Schrift¬ ſteller iſt nichts nöthiger als die Noth. Der Fürſt mag zwar keinen Ueberfluß an Mangel haben, wie Fallſtaff ſagt, ſondern nur Mangel an Ueberfluß. Aber nur immer herein. Iſt er kein armer Teufel, kann er es doch noch werden. Doch müſſen wir ihm, wie allen adligen Schriftſtellern, ſehr auf die Finger ſehen. Nicht damit ſie nichts mitnehmen, was nicht ihnen gehört (was wäre bei uns zu holen?) ſondern, daß ſie nichts da laſſen, was nicht uns gehört keinen Hochmuth, keinen Adelſtolz. Der blickt, der dringt aber nicht ſelten in den Briefen eines Ver¬ ſtorbenen durch. Ruft er doch einmal, als er im Gebirge zwei Adler über ſeinem Haupte ſchweben ſah, aus: Willkommen meine treuen Wap¬ penvögel! Hinaus mit ihm! Was Wappenvö¬ gel! Will er etwas beſonderes haben? Ein deut¬ ſcher Schriftſteller hat kein anderes Wappen, als einen leeren Beutel im blauen Felde. Wappenvögel! Hinaus mit ihm aus dem Meß-Katolog! Der Hochmuth ſoll Manuſcript bleiben, nicht gedruckt werden. Wenn er oben auf dem Snovdon, dem höchſten Berge Englands, Champagner trinkt auf die41 Geſundheit ſeiner Julie, und den Namen der Freundin durch Sturm und Dunkel ruft dann ſind wir dem Fürſten gut. Wein, Liebe und Adler ſind auch für uns; aber die Wappen ſind gegen uns. Seyd vorſichtig, laßt unſern Zorn ſchlafen! Nur zu bald erwacht er euch!

42

Einige von den Haupt-Brandſtiftern in Göttin¬ gen (ſpreche ich nicht, als hätte ich 10,000 Thaler Gehalt, und wäre der wirkliche geheime Staatsrath von Börne?) haben ſich nach Straßburg gerettet und in dortigen Zeitungen Proclamationen bekannt gemacht, die aber gar nicht ſchön und würdevoll ſind. So renommiſtiſch-philiſtrös, ſo rauh und holprich! Es dauert Einem herzlich. Sie lachen und ſpotten wie Sklaven, die glücklich der Zuchtpeitſche entlaufen ſind. In Nürnberg henkt man keinen bis man ihn hat ſagen ſie unter andern. Wenn der Blitz, der Andere traf, unſchädlich zu unſern Füßen nieder¬ ſchlug, dann mögen wir Gott danken, aber nicht den Blitz verhöhnen. Dieſe jungen Deutſchen ſind die Luft der Freiheit nicht gewohnt; ſie haben ſchnell getrunken und ſie iſt ihnen in den Kopf geſtiegen. Wie ganz anders hätten junge Franzoſen in ſolchen Fällen geſprochen.

Der Herzog von Nemours iſt jetzt wirklich zum König von Belgien gewählt. Jetzt kochts und wirft43 Blaſen wie Welt-Halbkugeln groß. Sie werden er¬ fahren, wie bald es überläuft.

Der junge ***, von dem ich Ihnen ſchon ein¬ mal geſchrieben, trat gleich, als er herkam, aus ju¬ gendlichem Muthwillen in die Nationalgarde, und zwar unter die Cavallerie. Vor einigen Tagen, als er den erſten Dienſt hatte, bekam er die Wache im Palais-Royal. Gerade den Abend war Ball beim König, und die Wache wurde, wie gewöhnlich in ſol¬ chen Fällen dazu eingeladen. *** war alſo auch da, und tanzte, Gott weiß, mit welchen Prinzeſſin¬ nen und Herzoginnen. Was hundert Stunden Wegs für Unterſchied machen. Denken Sie nur, wie lange es noch dauern wird, bis in Berlin, Wien oder München ein bürgerliches Judenbübchen in gemeiner Reitertracht auf einem Hofballe tanzen wird! Gott iſt wie Shakeſpeare: Spaß und Ernſt läßt er auf einander folgen.

Die zehen Stämme in Frankfurt werden wieder einen Bußtag gehabt haben. Seit geſtern ſind die Renten um 4 pCt. gefallen. Man ſpricht mehr als je vom Kriege, ſogar mit England wegen Belgien. Narren, die je daran gezweifelt; oder Heuchler, die daran zu zweifeln ſich angeſtellt! Für die Polen wollen wir beten. Sie können in Frankfurt gar nichts, und ich hier nichts anders für ſie thun, als44 meine 20 Franken ſteuern, die das Conzert, das nächſtens gegeben wird, koſtet. Außer den erſten Künſtlern und Künſtlerinnen werden ſich auch Lieb¬ haberinnen von hohem Stande hören laſſen. Die Pariſer wiſſen ſich aus allem Vergnügen zu bereiten, ſelbſt aus dem Ungeheuerſten.

[45]

Drei und dreißigſter Brief.

Es giebt beſtimmt Krieg. Ich habe zwar kei¬ nen Tag daran gezweifelt, ſeit ich in Paris bin; hier aber wollten viele nicht daran glauben. Doch jetzt hat ſich die Meinung geändert, jedermann ſiehet den Krieg als unvermeidlich an. Zwar hat man in Preu¬ ßen Heine's Schriften verboten; aber die beſten Poli¬ tiker[in] Frankreich und England zweifeln, daß dieſe Maasregel hinreichen werde, die Welt in ihrem Laufe aufzuhalten. ... Freuen wir uns; den Po¬ len iſt wieder eine Hülfe von oben gekommen. Man hat hier ziemlich ſichere Nachrichten, daß in einigen ruſſiſchen Provinzen ein Aufruhr ausgebrochen. Auch in mehreren Orten Italiens iſt das Volk aufgeſtan¬ den. Die armen Deutſchen! die werden neue Ohr¬ feigen bekommen, weil das Volk in Finnland und Bologna wieder unartig geweſen.

46

Ich habe Heine's vierten Band in einem Abende mit der freudigſten Ungeduld durchgeleſen. Meine Augen, die Windſpiele meines Geiſtes, liefen weit voraus und waren ſchon am Ende des Buches, als ihr langſamer Herr erſt in der Mitte war. Das iſt der wahre Dichter, der Günſtling der Natur, der alles kennt, was ſeine Gebieterin dem Tage Häßli¬ ches, was ſie ihm Schönes verbirgt. Auch iſt Heine, als Dichter, ein gründlicher Geſchichtsforſcher. Doch verſtecken Sie meinen Brief in den dunkelſten Schrank; denn läſe ein hiſtoriſcher Profeſſor, was ich ſo eben geſchrieben, er ließe mich todt ſchlagen, auf ſeiner eigenen oder einer andern Univerſität ob zwar die deutſchen Heeren keine Freunde vom Todtſchlagen ſind, weder vom aktiven noch vom paſſiven, wie man neulich in Göttingen geſehen. Diesmal hat der Stoff Heine ernſter gemacht, als er ſonſt den Stoff, und wenn er auch noch immer mit ſeinen Waffen ſpielt, ſo weiß er doch auch mit Blumen zu fechten. Das Buch hat mich gelabt wie das Murmeln einer Quelle in der Wüſte, es hat mich entzückt wie eine Menſchenſtimme von oben, wie ein Lichtſtrahl den le¬ bendig Begrabenen entzückt. Das Grab iſt nicht dunkler, die Wüſte iſt nicht dürrer als Deutſchland. Was ein ſeelenloſer Wald, was ein todter Felſen vermag: uns das eigne Wort zurückzurufen nicht einmal dazu kann das blöde Volk dienen. Kann man47 es beſſer ſchildern als mit den Worten: Der Eng¬ länder liebt die Freiheit wie ſeine Frau; der Fran¬ zoſe wie ſeine Braut; und der Deutſche wie ſeine alte Großmutter! Und: wenn zwölf Deutſche bei¬ ſammen ſtehen, bilden ſie ein Dutzend, und greift ſie einer an, rufen ſie die Polizei! Ich ſprach ſo al¬ lein in dieſer Zeit und Heine hat mir geantwortet. Alles iſt ſchön, alles herrlich, das aus Italien wie das aus England. Was er gegen den Berliner Knechtphiloſophen (Hegel) und gegen den geſchmeidi¬ gen Kammerdiener-Hiſtoriker (Raumer) ſagt, die ein ſeidenes Bändchen feſter an die Lüge knüpft, als das ewige Recht an die Warheit, das allein könnte ei¬ nem Buche ſchon Werth geben. Und hat man je etwas Treffenderes von den Monopoliſten des Chri¬ ſtenthums geſagt: wie die Erbfeinde der Wahrheit, Chriſtus, den reinſten Freiheitshelden, herabzuwürdi¬ gen wußten, und als ſie nicht läugnen konnten, daß er der größte Menſch ſei, aus ihm den kleinſten Gott gemacht? Wenn Heine ſagt: Ach! man ſollte eigentlich gegen Niemanden in dieſer Welt ſchreiben ſo gefällt mir zwar dieſe ſchöne Bewegung, ich möchte ihr aber nicht folgen. Es iſt noch Großmuth genug, wenn man ſich begnügt gegen Menſchen zu ſchreiben, die uns peinigen, berauben und morden. Was mich aber eine Welt weit von Heine trennt, iſt ſeine Vergötterung Napoleons. Zwar verzeihe ich48 dem Dichter die Bewunderung für Napoleon, der ſelbſt ein Gedicht; aber nie verzeihe ich dem Philo¬ ſophen Liebe für ihn, den Wirklichen. Den lieben! Lieber liebte ich unſere Nürnberger Wachtparaden-Für¬ ſten, öffnete ihnen mein Herz, und ließ ſie alle auf einmal eintreten, als dieſen einen Napoleon. Die Andern können mir doch nur die Freiheit nehmen, dieſem aber kann ich ſie geben. Einen Helden lie¬ ben, der nichts liebt als ſich; einen herzloſen Schach¬ ſpieler, der uns wie Holz gebraucht, und uns weg¬ wirft, wenn er die Partie gewonnen. Daß doch die wahnſinnigen Menſchen immer am meiſten liebten, was ſie am meiſten hätten verabſcheuen ſollen! So oft Gott die übermüthigen Menſchen recht klein ma¬ chen wollte, hat er ihnen große Menſchen geſchickt. So oft ich etwas von Heine leſe, beſeelt mich die Schadenfreude: wie wird das wieder unter die Philiſter fahren, wie werden ſie aufſchreien, als lief ihnen eine Maus über ihr Schlafgeſicht! Und da muß ich mich erſt beſinnen, um mich zu ſchämen. Die! ſie ſind im Stande und freuen ſich über das Buch und loben es gar. Was ſind das für Men¬ ſchen, die man weder begeiſtern noch ärgern kann!

Habt Ihr denn in Frankfurt auch ſolches Wetter, von Zucker, Milch und Roſen, wie wir hier ſeit einigen Tagen? Es iſt nicht möglich. Ihr habt trübe deutſche Bundestage, manchmal einen49 kühlen blauen Himmel von finſtern Wolken halb weg¬ zenſirt und das iſt alles. Aber wir Götter in Paris es iſt nicht zu beſchreiben. Es iſt ein Himmel wie im Himmel. Die Luft küßt alle Men¬ ſchen, die alten Leute knöpfen ihre Röcke auf und lächeln; die kleinen Kinder ſind ganz leicht bekleidet, und die Stutzer und die Stutzerinnen, die der Früh¬ ling überraſcht, ſtehen ganz verlegen da, als hätte man ſie nackt gefunden, und wiſſen in der Angſt gar nicht, womit ſie ſich bedecken ſollen. Geſtern, im Jardin des Plantes, wimmelte es von Menſchen, als wären ſie wie Käfer aus der Erde hervor ge¬ krochen, von den Bäumen herab gefallen. Kein Stuhl, keine Bank war unbeſetzt; tauſend Schulkin¬ der jubelten wie die Lerchen, der Elephant bekam ei¬ nen ganzen Bäckerladen in den Ruſſel geſteckt, und die Löwen und die Tiger und Bären waren vor den vielen Damen herum nicht zu ſehen. Man konnte kaum hinein kommen vor vielen Kutſchen am Gitter. So auch heute in den Tuilerien. Man ſucht nicht die Sonne, man ſucht den Schatten. Es iſt ein einziger Platz, oben auf der Terraſſe, wo man auf den Platz Louis XVI. hinabſieht! Und da unter einem Baume zu ſitzen, dieſe Luft zu trinken, die wie warme Limonade ſchmeckt, und dabei in der Zeitung zu leſen, daß die Ruſſen ihre Ketten ſchüt¬ teln, und die heißen Italiener ihre Jacken ausziehenll. 450nicht eine Einladung bei Seiner Excellenz dem Herrn von Münch-Bellinghauſen vertauſchte ich damit!

Die neuſten und die wichtigſten politiſchen Neuigkeiten erfahre ich durch Conrad, der ſie vom Reſtaurateur, wo er mir zuweilen das Eſſen holt, mitbringt. Dort ſcheinen lauter politiſche Köche zu ſeyn. Seitdem Conrad das Haus beſucht, iſt er ſo vertraut wie Metternich mit den europäiſchen Ange¬ legenheiten; ja ich glaube, er weiß viel mehr. Da er heute eine Suppe holte, ſagte ihm ein Koch oder Kellner: er würde bald zu ihm kommen und eine deutſche Suppe mit ihm eſſen. Daran denkt Metter¬ nich gewiß nicht. Welch ein Unterſchied aber zwi¬ ſchen Frankfurt und Paris! Vorigen Winter ſchickte ich den Conrad Monate lang täglich in den ruſſi¬ ſchen Hof, mein Eſſen zu holen, und nie brachte er mir aus der Küche eine europäiſche Begebenheit mit nach Hauſe, außer einmal die Neuigkeit, daß die Wirthin mit Zwillingen niedergekommen. In meiner Reſtauration hier gehen acht Kellner oder Köche frei¬ willig unter die Soldaten, wie ſie dem Conrad erzählt.

Die Sammlungen für die Polen ſind jetzt in vollem Gange, Conzerte, Bälle, Theater, Eſſen zu ihrem Beſten; es nimmt kein Ende. Eine be¬ rühmte Harfenſpielerin aus Brüſſel, eine Dilettantin,51 machte blos die Reiſe hierher, um im Conzert, das morgen über acht Tage für die Polen gegeben wird, mitzuſpielen. Der alte Lafayette leitet das alles. Daß iſt doch gewiß der glücklichſte Menſch in der ganzen Weltgeſchichte. Ihm ging die Sonne heiter auf, ſie geht ihm heiter unter, und bei jedem Sturme in der Mitte ſeines Lebens, fand er ein Obdach un¬ ter ſeinem Glauben. Für die Polen fürchte ich jetzt nichts mehr, als ſie ſelbſt. Ich kann nicht wiſſen, wie es im Lande ausſieht. Mächtig dort iſt nur der Adel allein, der Bürgerſtand iſt noch ſchwach. Wenn nun dem Adel mehr daran gelegen wäre, Polens Unabhängigkeit als Polens Freiheit zu erlangen! Ich las ſchon einigemal in den Blättern, man habe die polniſche Krone dem Erzherzog Carl angeboten, und Oeſterreich wolle ſie annehmen und hundert tauſend Mann gegen die Ruſſen ſchicken. Es wäre entſetz¬ lich. Oeſterreich zum Vormunde einer jungen Frei¬ heit! Ich kann nicht einmal lachen darüber! Mich beruhigt nur Metternichs Pedanterie und kindiſche Furcht; er fürchtet ſelbſt die Maske der Freiheit auf ſeinem eigenen Geſichte. Auch in Belgien war der Erzherzog Carl der dritte Thron-Candidat, und hatte nach dem Herzog von Leuchtenberg die meiſten Stim¬ men! Mit Zittern habe ich da geſehen, welch einen mächtigen Einfluß noch Oeſterreich hat.

4*52

Mit dem Bürgermeiſter Behr in Würzburg, das iſt wenn ich ſagte ſchändlich, das wäre zu matt; ich ſage: es iſt deutſch! Aber ich nehme es dem König von Baiern durchaus nicht übel. Ein Volk, das ſo geduldig auf ſich herumtrampeln läßt, verdient getreten und zertreten zu werden. Aide-toi; et le ciel t'aidera.

[53]

Vier und dreißigſter Brief.

Italien! Italien! Hören Sie dort meinen Jubel? Daß ich eine Poſaune hätte, die bis zu Ihren Ohren reichte! Ja, der Frühling bezahlt hundert Winter. Die Freiheit eine Nachtigall mit Rieſentönen, ſchmettert die tiefſten Schläfer auf. In meinem engen Herzen, ſo heiß es iſt, waren Wün¬ ſche ſo hoch gelegen, daß ewiger Schnee ſie bedeckte und ich dachte: niemals thaut das auf. Und jetzt ſchmelzen ſie und kommen als Hoffnungen herab. Wie kann man heute nur an etwas anderes denken, als für oder gegen die Freiheit zu kämpfen? Auch ein Tyrann ſeyn iſt noch groß, wenn man die Menſch¬ heit nicht lieben kann. Aber gleichgültig ſeyn! Jetzt wollen wir ſehen wie ſtark die Freiheit iſt, jetzt, da ſie ſich an das mächtige Oeſterreich gewagt. Spa¬ nien, Portugal, Rußland, das iſt alles nichts; der54 Freiheit gefährlich iſt nur Oeſterreich allein. Die Andern haben den Völkern nur die Freiheit geraubt; Oeſterreich aber hat gemacht, daß ſie der Freiheit unwürdig geworden. Wie das Herz der Welt über¬ haupt, ſo hat auch jedes Herz, auch des beſten Men¬ ſchen, einen Fleck, der iſt gut öſterreichiſch geſinnt er iſt das böſe Prinzip. Dieſen ſchwarzen Fleck in der Welt wie im Menſchen, weiß Oeſterreich zu treffen, und darum gelingt ihm ſo vieles. Jetzt wol¬ len wir ſehen, ob ihm Gott eine Arche gebauet, die es allein rettet in dieſer allgemeinen Sündfluth. Aber wie wird uns ſeyn, wenn Spanien und Portugal, Italien und Polen frei ſeyn werden und wir noch im Kerker ſchmachten? Wie wird uns ſeyn, wenn im Lande Lojola's und des Papſtes die Preßfreiheit grünt, dieſe Wurzel und Blüthe aller Freiheit und dem Volke Luthers wird noch die Hand geführt, wie dem Schulbübchen vom Schreibmeiſter? Wo ver¬ bergen wir unſre Schande? Die Vögel werden uns auspfeifen, die Hunde werden uns anbellen, die Fi¬ ſche im Waſſer werden Stimme bekommen uns zu verſpotten. Ach, Luther! wie unglücklich hat der uns gemacht! Er nahm uns das Herz und gab uns Logik; er nahm uns den Glauben und gab uns das Wiſſen; er lehrte uns rechnen und nahm uns den Muth, der nicht zählet. Er hat uns die Frei¬ heit, dreihundert Jahre ehe ſie fällig war, ausbezahlt55 und der ſpitzbübiſche Diskonto verzehrte faſt das ganze Capital. Und das Wenige, was er uns gab, zahlte er wie ein ächter baarloſer deutſcher Buch¬ händler in Büchern aus, und wenn wir jetzt, wo je¬ des Volk bezahlt wird, fragen wo iſt unſere Freiheit? antwortet man: Ihr habt ſie ſchon lange da iſt die Bibel. Es iſt zu traurig! Keine Hoffnung, daß Deutſchland frei werde, ehe man ſeine beſten lebenden Philoſophen, Theologen und Hiſtori¬ ker aufknüpft, und die Schriften des Verſtorbenen verbrennt. ... Als ich geſtern die italieniſchen Nachrichten las, ward ich ſo bewegt, daß ich mich eilte, in die Antiken-Gallerie zu kommen, wo ich noch immer Ruhe fand. Ich flehete dort die Götter an, Jupiter, Mars und Apollo, den alten Tiber und ſelbſt die rothe böſe Wölfin, Roms Amme, und Ve¬ nus die Gebärerin, Roms Mutter, und Diana und Minerva, daß ſie nach Italien eilen und ihr altes Vaterland befreien. Aber die Götter rührten ſich nicht. Da nahete ich mich den Grazien, hob meine Hände empor und ſprach: Und ſind alle Götter ſtumpf geworden, rührt ſie das Schöne, bewegt ſie das Misgeſtaltete nicht mehr Ihr holden Gra¬ zien müſſet Oeſterreich haſſen, denn unter allen Göt¬ tern haſſet es am meiſten euch! Schwebt nach Ita¬ lien hinunter, lächelt der Freiheit, und zaubert die deutſchen Brummbären über die Berge hinüber! Und56 wahrlich ſie lächelten mir. .... Die glücklichen Griechen! Noch im Marmorſarge ſind ihre Freuden ſchöner, als unſere, die im Sonnenlichte athmen! Der Himmel war ihnen näher, die Erde war ihnen heller, ſie wußten den Staub zu vergolden! Statt wie wir jammervollen Chriſten, Leidenſchaften als empörte Sklaven zu züchtigen, gaben ſie ſie frei, feſ¬ ſelten ſie durch Liebe, und beherrſchten ſie ſicherer als wir die Unſern in den ſchweren Ketten der Tugend. Dieſer Bacchus er iſt Meiſter des Weins, nicht ſein Sklave, wie ein betrunkener Chriſt; es iſt Tu¬ gend ſo zu trinken. Dieſer Achill er iſt gar nicht blutdürſtig, er iſt edel, ſanft, es ſcheint ihm ein Lie¬ beswerk ſeine Feinde zu tödten. Dieſer Herkules er iſt kein plumper Ritter; ihm iſt der Geiſt zu Fleiſch geworden, und ſein Arm ſchlägt mit Macht, weil ihm das Herz mächtig ſchlägt. So zu lieben wie dieſe Venus es iſt keine Sünde, wie die fromme Nonne glaubt. Dieſer lächelnde Faun er übt keine Gewalt, er gibt nur einen Vorwand und ſchützt die Unſchuld, indem er ſie bekämpft. ... Wenn es nur die Grazien nicht vergeſſen haben, daß um vier Uhr das Muſeum zugeſchloſſen wird; dann können ſie nicht mehr hinaus. Ich aber dachte daran und eilte fort. Auf dem Carouſſel-Platz begegnete mir der der Zug des fetten Ochſen, der mich an den fetten Sonntag erinnerte. Da ſetzte ich mich in57 einen Wagen und ließ mich von der Madeline bis zum Baſtillen-Platz und zurück die ganze Länge der Boulevards fahren. Himmel! welche Menſchen. Nein, ſo viele habe ich noch nie beiſammen geſehen. Ich dachte, die Todten wären aufgeſtanden, die Be¬ völkerung zu vermehren. Dann ging ich nach Hauſe und rauchte eine Pfeife. Das iſt ein herrliches Mit¬ tel gegen Rom, Freiheit und Götter! Das iſt mein öſterreichiſcher Fleck. .... Mir fiel noch ein, daß vor mehreren Jahren mir Herr v. Handel in Frank¬ furt keinen Paß nach Italien geben wollte. Damals dachte ich: nun ich werde warten; jetzt denke ich: nun ich habe gewartet. Nächſten Winter, hoffe ich, leben wir in Rom.

58

Was ich über die Briefe eines Verſtorbenen ge¬ ſagt, iſt alles gerecht. Ich habe nichts mit Unrecht getadelt. Freilich hätte ich das Gute im Buche ſtär¬ ker loben können; aber wozu? Es iſt eben Krieg und da kann man keine Rückſicht darauf nehmen, was das für ein Mann iſt, der uns gegenüber ſtehet. Er ſtehet uns gegenüber und iſt unſer Feind. Puff! Daß Goethe und Varnhagen das Buch eines Vor¬ nehmen gelobt, hat ihm bei mir Nichts geholfen. Ich kenne dieſe Herren, und weiß, wie ſie, ihr eig¬ nes Gewicht nicht zu verlieren, diplomatiſch bemüht ſind, das literariſche Gleichgewicht in Deutſchland zu erhalten. Darum ſtärken ſie mit ſo viel Liebe alle ſchwachen Schriftſteller.

Die Würzburger Adreſſe iſt ſehr ſchön, ohnge¬ achtet des allergehorſamſten Puders auf dem Kopfe, und der allerunterthänigſten ſeidnen Strümpfe an den Füßen. Meine Pappenheimer werden munter. Der Conſtitutionnel heute hat wieder die ſchöne Lüge: in München ſei der Teufel los, und der König habe ſich geflüchtet. Was hilfts? alle dieſe Bewegungen führen zu nichts als zurück. Einmal Muth, hat wohl auch der feigſte Menſch! aber nur der Held hat ihn alle Tage. Es gibt im Lateiniſchen59 ein Epigramm, das heißt ohngefähr: Glaube nicht frei zu ſeyn, weil du dich einen Tag frei gemacht. Der Hund reißt ſich auch von der Kette los; aber ein Stück der Kette ſchleppt er am Halſe mit, und daran faßt ihn ſein Herr und führt ihn zurück.

Der Plan mit den Univerſitäten iſt wieder ein recht alberner Polizei-Spaß. Wenn ſie ihn nur aus¬ führen! Es iſt gar zu ſchön dumm! Dann bringen ſie die Bürger von zwanzig Städten gegen ſich auf. Und was mehr iſt: dann ärgern ſie die unärgerbaren deutſchen Profeſſoren, die freilich das Pulver nicht erfunden, die aber doch einen großen Vorrath davon beſitzen, in das ſie einmal im Zorne ihre Pfeife kön¬ nen fallen laſſen. Wahrhaftig ſie dauern mich. Gott gab ihnen den ſchwächſten Kopf und damit ſollen ſie dieſe ungekochte Zeit verarbeiten! Es kommt alles wieder ſo roh aus ihrem Kopfe, als es hinein gekom¬ men. Das iſt unſer Verdienſt, liebes Kind, das hat unſere gute vaterſtädtiſche Luft gethan. Die al¬ ten Griechen hätten ſich wohl gehütet, ihre Amphik¬ tyonen in Abdera zu verſammeln; die neuen Deut¬ ſchen aber ſchicken die ihren nach Frankfurt; ſolche erſchreckliche Angſt haben ſie, ſie möchten einmal et¬ was Kluges beſchließen.

Die Straßburger Studenten haben den beiden Göttinger Doctoren, die ſich dorthin geflüchtet, ein60 Gaſtmahl gegeben, wobei Frankreich und Deutſch¬ land ſich Brüderſchaft zutranken. Die franzöſiſche Freiheitsfahne wurde mit der Deutſchen verſchwiſtert, und den andern Tag eine deutſche dreifarbige Fahne den Göttingern durch eine Deputation feierlich über¬ reicht und geſchenkt. Dieſen Freiheitshelden muß ja in Straßburg zu Muthe ſeyn wie den Fiſchen im Waſſer. Hätten ſie die Hannoveraner gefangen, wären ſie tüchtig eingeſalzen worden.

Geſtern habe ich im Theatre Français zwei Moliereſche Stücke geſehen: l’etourdi und le ma¬ lade imaginaire. Da darf man doch mit Ehren lachen und braucht ſich den andern Morgen nicht zu ſchämen. Es iſt wie ein Wunder, daß ein Blitz, der vor 170 Jahren die Wolken verlaſſen ſo lange iſt Moliere todt noch heute gezündet! Wie lange wird man über Scribe lachen? Aber ſo ſind unſere heutigen Komödiendichter. Sie zeigen uns die Mode-Thorheiten; doch Moliere zeigte uns die ewi¬ gen Thorheiten des Menſchen. Ich betrachtete mit Liebe und Andacht Moliere's Büſte, die im Foyer der Büſte Voltaire's gegenüber ſtehet. Moliere hat einen ſanften durchwärmenden Blick, einen freundlich lächelnden Mund, welcher ſpricht: ich kenne euch, ihr guten thörichten Menſchen. Voltaire ziehet höhniſch61 die Unterlippe in die Höhe und ſeine heißen ſtechen¬ den Augen ſagen: ich kenne euch, ihr Spitzbuben! Um Moliere's Stücke recht zu faſſen, muß man ſie in Paris aufführen ſehen. Moliere ſpielte ſelbſt, und was und wie er ſpielte, das hat ſich bis auf heute ſo unverändert auf der Bühne erhalten, als das gedruckte Wort im Buche. Seit ich hier Moliere aufführen geſehen, bemerkte ich erſt an ſeinen Komö¬ dien die Haken, die er angebracht, das ſceniſche Spiel daran zu hängen, und die ich vor dieſer Er¬ fahrung gar nicht bemerkt. Und wie vortrefflich wird das hier alles dargeſtellt! Das beſte Orcheſter kann nicht übereinſtimmender ſpielen. Es iſt etwas Rüh¬ rendes darin, dieſe alten Kleider, dieſe alten Sitten zu ſehen, dieſe alte Späße zu hören, und das un¬ ſterbliche Gelächter der Franzoſen ja, es iſt etwas Ehrwürdiges darin! Im l'étourdi wird einmal ein Nachttopf aus dem Fenſter über den unten ſtehenden Liebhaber ausgegoſſen, und als die Zuhörer darüber lachten, machte es auf mich eine wahrhaft tragiſche Wirkung. Es war kein lebender Spaß, kein Spaß, wie er heute noch geboren wird; es war das Ge¬ ſpenſt eines Spaßes, das einen erſchrecken könnte. Der Malade imaginaire iſt gewiß ergötzlich zum Leſen; aber man kennt ihn nicht, hat man ihn nicht darſtellen ſehen. Dann wird das Spiel die Haupt¬62 Schönheit, dem die Worte nur als Verzierungen dienen.

Es iſt 11 Uhr Abends und ich beſinne mich, ob ich überhaupt auf einen Maskenball und auf wel¬ chen ich dieſe Nacht gehen ſoll. Mir bleibt die Wahl unter acht. Morgen die Entſcheidung. Gute Nacht.

63

Guten Morgen! Die Tugend, meine Träg¬ heit, hat geſiegt. Ich war auf keinem Masken¬ balle. Wie ſüß habe ich geſchlafen nach dieſer edlen Un-That!

Laſſen Sie mich ſchweigen von den merkwürdigen Ereigniſſen des geſtrigen und vor¬ geſtrigen Tages. Sie werden das aus den Zeitun¬ gen erfahren. Es war ein Roman von Walter Scott, der zurück ging und wieder lebendig wurde; es war eine Symphonie von Beethoven, die unter Thränen lacht; es war ein Drama von Shakeſpeare. Solche humoriſtiſche Schickſalstage hat man noch nie geſehen. Ich Unglückſeligſter möchte mich todt¬ ſchießen; ich ſehe nur immer den Spaß, und den Ernſt muß ich mir erzählen laſſen. Man ſollte nicht mehr lieben, wenn man alt geworden, nicht einmal die Freiheit. Die Revolution läuft vor mir fort, wie ein junges Mädchen, und lacht mich aus mit meinen Liebeserklärungen. Während ich vorgeſtern im Theatre Français über Mascarills Schelmereien lachte, krönten die Carliſten in der Kirche das Bild des Herzogs von Bordeaux, und ſtatt einer Ver¬ ſchwörung beizuwohnen, ſah ich einem verliebten Marquis einen Nachttopf über die Friſur fließen. 64Während ich geſtern auf den Boulevards mich wie ein Kind an den Mummereien ergötzte, zerſtörte das Volk die Kirchen, warf von den Thürmen die lilien¬ geſchmückten Kreuze herab und verwüſtete den Pallaſt des Erzbiſchofs. Das hätte ich alles mit anſehen können, wäre ich kein ſolcher Unglücksvogel. Zu jeder andern Zeit bin ich in dem entlegenſten Winkel von Paris zu finden, aber ſobald etwas vorgeht, bin ich auf der Stube. Wo ich hinkomme, iſt Frieden, ich bin ein wahres krampfſtillendes Mittel, und die Regierung ſollte mich anſtellen, Revolutionen zu ver¬ hüten. Wer nur von einem Thurme herab dieſe Contraſte mit einem Blicke hätte überſehen können! Die Seine hinab ſchwammen die Möbel und Bücher des Erzbiſchofs, das Waſſer war weiß von Bett¬ federn. Auf der einen Seite des Stromes trug das Volk in Prozeſſion das Bild des Erzbiſchofs und beräucherte es aus Spott mit Kirchengefäßen, auf der andern jubelte der Zug des Boeuf gras vorüber, umringt von Amoretten, Göttern und Narren. Hier hielt die Nationalgarde mit großer Mühe die Wuth des Volks im Zaum, dort machte ſie mit noch größe¬ rer Mühe ſeinem Jubel Platz. Solche kühne Sprünge haben Shakeſpeare, Swift, Jean Paul nie gewagt. Aber es war wieder ein ſtrenges und gerechtes Volks¬ gericht! Mehrere meiner Bekannten, die glücklicher als ich, im Gedränge waren, haben mir erzählt, von65 den Reden und Aeußerungen des Volks. Man muß erſtaunen über dieſen geſunden Menſchenverſtand. Wahrlich, unſere Staatsmänner, die Herren Seba¬ ſtiani, Guizot, ſogar Talleyrand, könnten bei ihm in die Schule gehen. Und dieſes ſogenannte, ſo ge¬ ſcholtene Volk verachtet man überall; man verachtet die Mehrzahl einer Nation, der weder der Reichthum das Herz verdorben, noch das Wiſſen den Kopf! Man klagt deſſen wilde Leidenſchaften an, weil es zu edelmüthig iſt, gleich den Vornehmen, ſeinen Haß in eine kleine Pille zu verſchließen, die man dem ſorg¬ loſen Feinde mit Lächeln beibringen kann! Man ver¬ ſpottet ſeine Dummheit, weil es nicht nimmer ſo klug iſt, ſeinen eignen Vortheil dem Rechte vorzu¬ ziehen! Ich finde wahre menſchliche Bildung nur im Pöbel, und den wahren Pöbel nur in den Ge¬ bildeten.

Unter dem Namen Neorama wird hier ein Rundgemälde von unglaublicher Wirkung gezeigt. Das Ihnen bekannte Diorama ſtellt das Inwendige der Kirchen vor, aber nur im Halbkreiſe, der Be¬ ſchauer ſtehet außer ihnen. Im Neorama aber wird man mitten in die Kirche geſtellt. Es iſt wie Zau berei. Man ſtehet auf dem Chore und ſiehet unter ſich den Boden der Kirche, und auch die Säulen, die Grabmäler, die Menſchen, und über ſich das Ge¬ wölbe. Ganz die Natur. So[lernt] man die Pauls¬II. 566kirche in London, und die römiſche Peterskirche ken¬ nen. Wie alltäglich werden doch die Zaubereien! An der Peterskirche ſind die großen Thore offen, die auf den herrlichen Petersplatz führen. Die Sonne ſcheint, die Palläſte glänzen. Es war mir, als müßte ich mich vom Chore herab ſtürzen, mich durch die Betenden drängen, hinaus zu eilen auf den Platz, und Brutus, Brutus! Freiheit, Freiheit! rufen.

Haben die italieniſchen Nachrichten nicht auf der Frankfurter Börſe eingeſchlagen? Sind nicht die Metalliques davon geſchmolzen? Schreien die Juden: O wai geſchrieen! Wanken die Mauern Jeruſalems? Lächelt der Herr Baron bei ſeiner Kolik? Sagen die Helden Lewis von den Italie¬ nern: was wollen die Gäſcht? Schreiben Sie mir das Alles, das wird mich erquicken. Den Her¬ zog von Modena haben ſie gefangen auf der Flucht. Ich hoffe, ſie knüpfen ihn auf. Ein Haus, worin ſich 130 der angeſehenſten jungen Leute verſammelt, hatte er mit Kanonen zuſammen ſchießen laſſen. Vier und zwanzig Stunden lang hat er ſich vertheidigt, mit der Verzweiflung eines Tyrannen, der keine Gnade kennt. Zwei öſterreichiſche Tyroler-Regimen¬ ter, dem Herzog zum Beiſtande geſendet, ſollen ſich mit dem Volke vereinigt haben. Der Narr, unter allen Fürſten Europa's der einzige, hat es gewagt, den König von Frankreich nicht anzuerkennen.

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Vornehme Royaliſten ſind arretirt: Herr von Vitrolles, von Berthier, der Erzbiſchof von Pa¬ ris. Die Regierung iſt in einer gefährlichen Lage. Die Weigerung, die belgiſche Krone anzunehmen, die geſtern feierlich ertheilt werden ſollte, hat man aus Furcht vor der gereizten Stimmung des Volkes auf¬ geſchoben. Ich ſehe keine Hülfe. Die Kammer zeigt ſich täglich erbärmlicher, und das beſſer geſinnte Mi¬ niſterium muß nachgeben, denn es kann die Majori¬ tät nicht entbehren. Gott ſchütze den König; Europa iſt verloren auf zehen Jahre, wenn er zu Grunde geht. Ich ſtrenge mich an, meine Furcht zu unter¬ drücken. Und mit zehen Ellen Hanf wäre der Welt Friede, Glück und Ruhe zu geben! Ich will bald die Malibran als Zerline ſehen; das wird mir et¬ was das Blut verſüßen. Darf ich?

5 *
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Fuͤnf und dreißigſter Brief.

Geſtern fuhr ich in der Stadt herum, die Schlachtfelder vom 13. und 14. Februar zu ſehen. Das ganze Pariſer Volk war aus Unruhe oder Neu¬ gierde, die ganze Nationalgarde und Garniſon aus Vorſicht auf den Beinen. Es war wie das Meer, wenn es nach gelegtem Sturme ſchäumt. Aber zu den zerſtörten Kirchen und Gebäuden konnte ich nicht gelangen. Alle Plätze und Straßen, die dahin führ¬ ten, waren von Wachen umſtellt, die keinen durch¬ ließen. Der Carouſſel-Platz war ſo dicht bedeckt von Bürgern und Soldaten, daß man kaum einen Pfla¬ ſterſtein ſah. Im Hofe der Tuillerien, der geſchloſ¬ ſen war, hielt der König Muſterung über die Natio¬ nalgarde und die Linie. Um den Triumphbogen hatte man in aller Eile ein Gerüſte gebaut, und Arbeiter waren beſchäftigt, unter Leitung der Behörde die gyp¬69 ſernen ſpaniſchen Siege des Herzogs von Angouleme abzuſchlagen. Wachen verhinderten den Zutritt; denn am Morgen waren welche vom Volke ſchon hinauf¬ geklettert, Frankreichs Ehrenfleck dort abzukratzen. Von allen Kirchthürmen wurden die Kreuze abgenom¬ men, wegen ihrer unheiligen Allianz mit den Lilien. Daß katholiſche Pfaffenthum hat in dieſen Tagen eine große Niederlage erlitten; die Bourbons hatten nicht viel mehr zu verlieren. Der König läßt die Lilien aus ſeinem Wappen nehmen, die er früher als das Erbe ſeiner Ahnen beizubehalten geſonnen war. Nun iſt es zwar lächerlich und frevelhaft, daß Menſchen in ihrer Zerſtörungswuth ihre kurzen Arme nach et¬ was ausſtrecken, was ſelbſt der allmächtige Gott nicht erreichen kann nach dem Geſchehenen, Vollendeten; doch wo Tyrannen ſich nicht ſcheuen, den Kindermord an der Zukunft noch zu allen ihren Verbrechen zu fügen, da darf man das Volk nicht tadeln, wenn es den Leichnam der Vergangenheit aus dem Grabe holt und ihn beſchimpft. Der Ge¬ winn in dieſen Vorfällen iſt nicht eine neue Nieder¬ lage der Carliſten, denn es iſt Wahnſinn zu den¬ ken, daß dieſe je wieder ſich erheben könnten; ſon¬ dern, daß das Volk ſich wieder in ſeiner Kraft ge¬ zeigt, und der Regierung, welche die Ruhe übermü¬ thig zu machen drohte, einen heilſamen Schrecken beigebracht hat. Und daß dieſes geſchehen, merkt man70 an dem nachgiebigen Tone in den Proklamationen der Behörde. So lauteten ſie nicht im December; denn ſo kräftig war auch damals das Volk nicht auf¬ getreten. Es war noch müde vom Juli, und hatte wie halb im Schlafe revolutionirt. Bei alle dem mag es ſeyn, daß die Regierung ſelbſt dieſe Ereig¬ niſſe herbeigeführt. Erſtens um die Schuld des Car¬ liſtenhauptes ſtrafreif werden zu laſſen, und zweitens, um einen guten Vorwand zu haben, Belgien anzu¬ nehmen. Denn freilich kann jetzt die franzöſiſche Re¬ gierung zu verſtehen geben, ſie dürfe bei der gereiz¬ ten Stimmung des Volkes gar nicht wagen, Bel¬ gien abzuweiſen. Wir wollen abwarten, wie es geht.

71

Geſtern war ich in der italieniſchen Oper, weil mir Jemand ein Billet dazu ſchenkte; denn ſonſt wäre ich viel zu ſehr Pariſer Dandy dahin zu gehen, wenn die Malibran nicht ſingt. Das Haus war nur halb gefüllt, und von dieſer Hälfte ſchlichen ſich die Meiſten lange vor dem Ende fort. Manchen jungen Herrn ſah und hörte ich ſchlafen. Und doch war die ganze Oper vortrefflich beſetzt. Madame Lalande wäre eine glänzende Sängerin, würde ſie nicht von der Malibran verdunkelt. Man gab Zelmire, eine tragiſche Oper von Roſſini. Nach meinem Ge¬ fühle (denn Urtheil habe ich freilich keines in der Muſik) Roſſinis beſte Oper, wenigſtens unter allen, die mir bekannt ſind. Eine Muſik, ganz von Stahl, wenn auch polirtem. Man wird einigemal an Gluck erinnert. Dreißig Minuten hinter einander vernünf¬ tig zu ſeyn, das iſt dem lieben Roſſini freilich un¬ möglich. Hat er ſich eine halbe Stunde männlich be¬ tragen, wird ihm vor ſeiner eigenen Ritterlichkeit bange, er lüftet das Viſir und zeigt das alte freund¬ liche Geſicht. Horaz ſagt: Man mag die Natur mit Heugabeln hinausjagen, ſie kehrt immer wieder zurück. Aber ſagen Sie mir, woher kommt es, daß die Deutſchen nicht ſingen können? Es iſt wirklich72 kein Geſang zu nennen, wenn man es mit dem der Italiener vergleicht. Liegt es in dem, was die Na¬ tur oder in dem was die Kunſt gibt? Fehlt es ih¬ nen an Stimme oder an Vortrag.

Vorgeſtern habe ich mich im Gymnaſe Dramatique nach den Geſetzen der Natur und nach den Regeln der Kunſt zugleich gelangweilt als gewöhnlicher Zuſchauer aus Neigung, als Kri¬ tiker aus Pflicht. Man gab drei Stücke, alle drei von Scribe. Zoé, ou l’amant prêté; les trois maîtresses ou une cour d'Allemagne; la fa¬ mille Biquebourg, ou le mariage mal as¬ sorti. Ich hätte nie gedacht, daß der liebenswürdige Scribe ſo ein verdrießlicher Menſch ſeyn könnte. Die troi maîtresses lockten mich, weil ich hörte, es käme eine deutſche Revolution darin vor. Eine deut¬ ſche Revolution! Ich dachte nichts Drolligeres könne es geben auf der Welt. Aber die Revolution hat mich geprellt, freilich viel erträglicher als andere nur um einige Franken. Die neueſte Zeit wurde in eine alte Liebesgeſchichte geworfen, wie Salz in die Schüſſel. Wenn aber das Eſſen nichts taugt, macht es das Salz nicht beſſer. Eine franzöſiſche Komödie iſt wie ein ewiger Kalender; ein kleiner Ruck mit dem Finger, und aus Juli wird Auguſt, und aus 1830 1831. Der Rahmen von Pappe bleibt immer der nehmliche. Ein glückliches Volk die73 Franzoſen! Sie leben leichter als wir Deutſchen ſterben. Hören Sie. Ein junger deutſcher Gro߬ herzog hat drei Maitreſſen verſteht ſich in chro¬ nologiſcher Ordnung, eine nach der andern eine italieniſche Gräfin, eine italieniſche Sängerin und ein deutſches Nähmädchen. Drei und dreißig und ein drittel Prozent Patriotismus das iſt viel an ei¬ nem Fürſten! Dieſe drei Damen lieben aber den Fürſten nicht, ſondern einen ſeiner Offiziere, den Grafen Rudolph, und da dieſer wegen dummer Streiche arretirt werden ſoll, befreien und verbergen ſie ihn. Der Offizier liebt aber nur das Nähmäd¬ chen, den Andern macht er blos den Hof. Als er mit der Geliebten allein iſt, entdeckt er ihr, er, an der Spitze der Cadetten-Schule, gehe mit einer Re¬ volution um, dem Volke priviléges et franchises zu verſchaffen. Henriette ſucht ihn von dem gefähr¬ lichen Vorhaben abzubringen, und fragt ihn: was dabei heraus komme? (Die Nähmädchen ſind pfiffig!) Rudolph antwortet: vois-tu Henriette, la liberté ... cela regarde tout le monde ..... on nous en avait promis, il y a quelques années, quand Napoléon avait envahi notre Allemagne et qu'on voulait nous soulever en masse contre lui. Mais dès qu'on eut repoussé le tyran, nos pe¬ tits princes et nos petits grand-ducs, qui étai¬ ent tous comme lui, à la hauteur près, ont74 bien vite oublié leurs sermens .... quand quelques-uns de leurs sujets se plaignent de ce manque de mémoire, on les apelle sédi¬ tieux ... et on les poursuit ... et on les condamne ... et ils ont tort, jusqu'au jour ils deviennent les plus forts ... et alors ... ils ont raison. Nach dieſer unver¬ ſchämten Proſa ſingt Graf Rudolph noch unver¬ ſchämtere Verſe:

Le torrent grossit et nous gagne,
Chaque pays a sa force et son droit;
Bientôt viendra pour l'Allemagne
La liberté que l'on nous doit.
Ces rois dont nous craignons le glaive
Combien sont-ils? ... Peuples combien?
On se regarde, on se compte, on se Iève,
Et chaqu'un rentre dans son bien.

Dies patriotiſche Lied wird nach der Melodie: de la robe et les bottes geſungen. Endlich bricht der Aufruhr los. Der Großherzog, ein jun¬ ger ſtarker Mann in Uniform, zittert aber was man zittern nennt, zum Umfallen. Er verliert den Kopf und ſtammelt: c'est ainsi que cela a com¬75 mencé chez mon cousin le duc de Brunswick. (Ich glaube Ihnen ſchon geſchrieben zu haben, daß der leibhaftige Herzog von Braunſchweig gerade im Theater war, als das Stück zum Erſtenmale aufge¬ führt wurde, und daß er, nach jener lieblichen An¬ ſpielung eilig das Haus verließ, aus Furcht, erkannt und ausgelacht zu werden). Si ma garde refuse de donner .... si elle fait cause commune avec eux, mon dieu, mon dieu .... que devenir! une sédition! .. une révolte! Der Fürſt jammert ſo erſchrecklich, daß er einem alle Revolutionen verleiden kann. Wozu? Man ſiehet, eine ausgeſtopfte Re¬ volution als Fürſtenſcheuche thät die nehmlichen Dienſte. Des Fürſten erſte Maitreſſe, die Gräfin, eine feurige entſchloſſene Italienerin, ſucht ihn zu beruhigen, ver¬ ſpricht ihm Rettung. Sie öffnet das Fenſter, und ruft hinunter, der Fürſt bewillige dem Volke eine Con¬ ſtitution. Und ſogleich ſchreiet das Volk hinauf: es lebe unſer Großherzog! Der dankbare Fürſt heira¬ thet ſeine Retterin; Rudolph heirathet ſein Näher¬ mädchen, und die italieniſche Sängerin geht zum engliſchen Geſandten, der ſie auf den Abend einge¬ laden. So nimmt alles ein gutes Ende, und wahr¬ ſcheinlich wurden den andern Tag dem vielverſpre¬ chenden Fürſten die Pferde ausgeſpannt.

Das dritte Stück: la famille Biquebourg (das zweite, Zoé, iſt keine zehen Tropfen Dinte76 werth) wäre ſo übel gar nicht, aber es iſt ſentimen¬ tal auf deutſche Art, und wenn man Franzoſen bür¬ gerliche Thränen vergießen ſieht, möchte man ſich ge¬ rade todt lachen; es gibt nichts komiſcheres. Und dann die Vaudeville-Form, die leichten Liederchen zwiſchen den ſchwerſten Empfindungen. Das iſt gerade das Gegentheil von unſern deutſchen Opern. Wenn bei uns die Sänger die Höhe einer Arie erreicht haben, bleiben ſie ſtehen um auszuſchnaufen, und ſprechen zu ihrer Erholung proſaiſches dummes Zeug. Die Franzoſen aber in den Baudevillen, keuchen den pro¬ ſaiſchen Steg hinauf und oben machen ſie Halt und ſingen, bis ihnen das Herz wieder ruhig geworden.

Im Gymnaſe ſah ich auch die Leontine Fay wieder, die uns vor ſieben Jahren in Kinderrollen ſo vieles Vergnügen gemacht. Aus dem artigen Kinde iſt eine große ſchöne und prächtige Dame ge¬ worden, aus dem Kolibri ein Vogel Strauß. Sie ſpielt gut, auch verſtändig; aber etwas ſteif, etwas ſchwer. Sie iſt zugleich Gouvernante und Zögling, und ruft ſich immerfort zu: grade gehalten, Fräulein, Sie ſind kein Kind mehr! Sie hat große herrliche Augen, und weiß es, und damit bombardirt ſie das Haus, daß man jeden Augenblick erwartet, es werde zuſammen brechen. Dieſes Kokettiren gibt ihrem Ge¬ ſicht, ihrem Spiele eine ganz falſche Art. Um ihre großen Augen zu zeigen, nimmt ſie oft eine nach¬77 denkende, tiefſinnige, träumeriſche Miene an, wo es nicht hingehört. Es war etwas an ihr, das mich wie ſchmerzlich bewegte. Ich habe ſie als gedankenloſes Kind gekannt, aber ach! mit der Jugend verlor ſie das Paradies, ſie hat vom Baume der Erkenntniß gegeſſen und weiß Gutes vom Böſen zu unterſchei¬ den. Man ſollte nur Särge machen, drei Fuß lang, damit die Menſchen ſterben müſſen, ehe ſie ausge¬ wachſen.

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Verſäumen Sie ja nicht, von heute an die Kammerſitzungen zu leſen: Das iſt höchſt wichtig und wird noch wichtiger werden. Die Wolke iſt end¬ lich geplatzt und es ſtrömt herunter. Was man für die Aſche des Herzogs von Berry gehalten, war die Aſche, die ein Vulkan ausgeworfen. Das Miniſte¬ rium hat geſtern erklärt, mit dieſer Kammer wäre nicht mehr zu regieren. Es herrſcht eine allgemeine Misſtimmung unter dem Volke, unter der National¬ garde. Frankreich ſähe ſich getäuſcht und verlange die Freiheit, um die es im Juli gekämpft. Wer wird ſiegen, die Regierung oder die Kammer? Es iſt eine gefährliche Kriſis. Ich ſehe nicht ein, wie die Regierung ohne Staatsſtreich ſich und dem Lande helfen kann, und ein Staatsſtreich, wenn auch für die Freiheit, würde alles auf das Spiel ſetzen. Ich habe das vorher geſehen und geſagt; leſen Sie nur meine früheren Briefe nach. Eine Revolution auf¬ halten, ehe ſie von ſelbſt ſtille ſtehet, das heißt ihren Weg verlängern, ihr Ziel entfernen. Man hat, mehr aus einer lächerlichen Eitelkeit, als aus Poli¬ tik, ſich dem Auslande ſtark zeigen wollen. Man wollte zeigen, daß man Herr des Volkes ſei, ſeine Leidenſchaft meiſtern könne. Mir fiel dabei gleich79 anfänglich der alte Goethe ein. Als er die Nach¬ richt von dem Tode ſeines einzigen Sohnes erfuhr, glaubte er ſeinen Schmerz zu mäßigen, wenn er ihn verberge. Er bekam einen Blutſturz davon, der ihn an den Rand des Grabes führte. Ich fürchte, Frankreich bekommt einen Blutſturz. Das Herz wird mir doch manchmal bange bei allen dieſen Geſchich¬ ten. Zwar weiß ich, wer beſiegt wird am Ende; aber wird ein Sieger übrig bleiben? Der Despo¬ tismus, ſo blind er iſt, iſt doch rieſenſtark; und wenn er ſeinen Untergang unvermeidlich ſiehet, wird er, ſeinen Tod zu rächen, wie Simſon, die Säulen der Welt umſtoßen, und mit ſich ſelbſt auch alle ſeine Feinde begraben.

In Berlin werden ſie noch ganz verrückt vor Angſt und Verzweiflung. Neulich enthielt die preußiſche Staats-Zeitung einen langen Artikel, worin behauptet wird, Preußen ſei eigentlich der wahre republikaniſche Staat; dort wäre der Thron von republikaniſchen Inſtitutionen umgeben, und Frankreich hätte nichts von der Art, und die Franzo¬ ſen ſollten ſich ſchämen, ſolche Knechte zu ſeyn. Ich glaube, es war Malice von der preußiſchen Staats - Zeitung, und ſie hatte es darauf angelegt, daß alle Liberalen in Deutſchland und Frankreich vor Lachen erſticken ſollen. Welche Zeiten! und ach, welche Menſchen! Und ſie wiſſen recht gut, daß ſie Keinen80 täuſchen, am wenigſten die Preußen ſelbſt. Aber ſie haben ſolche Freude an Lug und Trug, daß ſie den¬ ken: und wenn unter zehen Millionen Leſern, nur zehen Dummköpfe uns glauben, es iſt immer ein Gewinn.

Ich habe neulich einen Brief geleſen, den der Profeſſor Raumer in Berlin hierher geſchrieben, über die deutſchen und franzöſiſchen Angelegenheiten, natürlich in der Abſicht, daß er hier herum gezeigt werde. Es iſt ein $$\frac{1}{113}$$ offizieller Brief. Dieſer Profeſſor der Geſchichte .... iſt eben Königlich Preußiſcher Profeſſor. O! O! Sein Maasſtab für dieſe große Zeit iſt nicht länger als ſein Ordens - Bändchen. Und das alte Lied endiget mit dem ewi¬ gen Triller: Die Liebe der Preußen zu ihrem Kö¬ nige ſei in dieſen Tagen noch gewachſen. Und doch ſagen ſie das ganze Jahr durch, dieſe Liebe könne gar nicht mehr wachſen! Dieſer Raumer gibt Briefe über die franzöſiſche Revolution heraus. Er war damals hier, er hat alles ſelbſt mit angeſehen; aber Schmeichler ſind ſo blind als die Geſchmeichel¬ ten. Der Herr von Raumer wird uns ſchöne Sa¬ chen erzählen!

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Sechs und dreißigſter Brief.

Es lebe Italien! Es gehet alles prächtig her; es kann in keiner Oper ſchöner ſein. Die Herzogin von Parma, Marie Louiſe, die kleine Frau des gro¬ ßen Mannes, die nicht wie einſt Brutus Gattin Feuer ſchluckte, ſondern ſich wie eine Wittwe von Epheſus betrug, bekam, als ſie beim Frühſtück ſaß, von einer Bürger-Deputation die höfliche Einladung, ſie möchte ſich aus dem Lande begeben. Und als ſie ſich be¬ denken wollte, ſagte man ihr, das ſei gar nicht nö¬ thig, die Wagen ſtänden ſchon angeſpannt im Hofe. Der Herzog von Modena hatte den Henkersknecht von Reggio kommen laſſen, die Verſchwornen hinzu¬ richten. Man hat den Henkersknecht zuſammen ge¬ll. 682hauen und den Kerkermeiſter fortgetrieben. Was fehlt? Ein bischen Muſik-Staub von Auber darauf geſtreut und die Oper iſt fertig. Bologna, Ferrara, Modena, Faenza, ich möchte das Alles von der Malibran ſingen hören. Die zehen Plagen Aegyp¬ tens werden über die neuen Pharaonen kommen, und die frohnenden Völker werden ſich befreien. Ach! ihr Weg geht auch über ein rothes Meer, über ein Meer von Blut; aber es wird ſie hinüber tragen, und ihre meineidigen Verfolger werden darin ihr Grab finden.

Ja wohl habe ich geleſen und gehört von den frühzeitigen, unzeitigen und überzeitigen Dumm¬ heiten die in Baiern, vorgehen. Das hat mich be¬ trübt aber nicht gewundert. Der König von Baiern hat zunächſt an ſeinem Throne eine vertraute Per¬ ſon, die verblendetſte, wo ſie ſelbſt rathet, die be¬ ſtechlichſte wo ſich Jemand findet, der ſie lenkt, um ihren Herrn zu lenken ſeine Phantaſie. Düm¬ mere Fürſten handeln bei weitem klüger. Nichts iſt gefährlicher als Geiſt ohne Charakter, als das Genie, dem es an Stoff mangelt. Hat das Feuer einmal ſein Holz gefunden, bleibt es ruhig und man braucht ſich ihm nur nicht zu nähern, um ſicher zu ſeyn. Aber die Flamme ohne Nahrung ſtreicht hungrig um¬ her, leckt hier, leckt dort und entzündet vieles, ehe83 ſie ihre Beute feſthält und die Beute ſie. Die Poeſie macht keinen Fürſten ſatt, und hat er ein ſchwaches Herz, das nichts Kräftiges verdauen kann, wird er ſelbſt ſchwach werden. Der König von Baiern ſiehet zu weit. Solche Fürſten ſind wie die Augen, ſie zucken mit den Wimpern, ſobald nur ein Stäubchen von Gefahr ſich ihnen nähert, und wäh¬ rend der Sekunde, daß ſie die Augen verſchließen, werden ſie betrogen auf ein Jahr hinaus. Doch be¬ kümmern wir uns um keine Fürſten, ſie haben nichts zu[verantworten]. Es iſt eine Krankheit, einen König haben, es iſt eine ſchlimmere, einer ſeyn. Wir wol¬ len ſie heilen und nicht haſſen. Ihre heilloſen Rath¬ geber, die müſſen wir bekämpfen.

Von welch einem erhabenen Schauſpiele kehre ich eben zurück! und welch eine Stadt iſt die¬ ſes Paris, wo Götter Markt halten und alltäglich ihre Wunder feil bieten! Ich ſtand auf dem höch¬ ſten Gipfel des menſchlichen Geiſtes, und überſah von dort das unermeßliche Land ſeines Wiſſens und ſeiner Kraft. Ich kam bis an die Grenze des menſch¬ lichen Gebietes, da wo die Herrſchaft der Götter be¬ ginnet ich habe eine Seeſchlacht geſehen. Der Himmel war blau wie an Feiertagen, und mit der ſchönſten Sonne geſchmückt. Das Meer ſchlummerte und athmete ſanft und ward nur von Zeit zu Zeit6*84vom Donner des Geſchützes aufgeſchreckt. Es war ein Tag zu lieben und nicht zu morden. Es muß weit ſeyn vom Himmel bis zur Erde; denn könnte die Sonne die Gräuel der Menſchen ſehen, ſie flöhe entſetzt davon und kehrte nie zurück! Eine Schlacht auf dem Lande iſt ein Liebesſpiel gegen eine Schlacht auf der See. Dort ſtirbt der Menſch nur einmal und findet dann Ruhe in ſeiner mütterlichen Erde; hier ſtirbt er alle Elemente durch und keine Blume blühet auf ſeinem Grabe. Dort trinkt die Erde warm das verſchüttete Blut; hier auf dem dürren Boden der Schiffe ſtehet es hoch, dick, kalt. Die Menſchen werden zerquetſcht, zerriſſen; nicht Kälber die man ſchlachtet, werden ſo grauſam zugerichtet. Das franzöſiſche Linienſchiff, der Scipion, auf dem ich mich befand, war in einer ſchrecklichen Lage; wir waren von Feuer und Rauch umgeben. Ein feindli¬ cher Brander hatte ſich angehängt und jede Minute brachte uns dem Untergange näher. Wir erwarteten in die Luft geſprengt zu werden. Die ganze Man¬ ſchaft eilte nach dem Verdecke und bemühte ſich durch Beile das Schiff vom Brander los zu machen. Drei Böte ſtachen in die See und ſuchten durch Seile den Brander ab - und ins Weite zu ziehen. Auf dem Schiffe und in den Böten ſtanden Offiziere, hoch aufrecht, als fürchteten ſie eine Kanonenkugel zu ver¬85 fehlen und kommandirten ſo ruhig, wie der Kapell¬ meiſter im Orcheſter[kommandirt]. Und jetzt rund umher, nah und fern in einem weiten Kreiſe, die franzöſiſche, engliſche und ruſſiſche Flotte und dieſen gegenüber die türkiſche. Aus den Mündungen der Kanonen ſtürzten Feuerſtröme hervor. Das Schiff des Admirals Codrington, halb in Trümmern mit zerriſſenen Segeln, hat ſo eben ein türkiſches Linien¬ ſchiff in den Grund gebohrt Es ſinkt, es iſt ſchon halb geſunken, die ganze Beſatzung gehet zu Grunde. Die Türken mit ihren rothen Mützen, rothen Klei¬ dern und mit ihren blutenden Wunden gewähren ei¬ nen ſchauderhaften Anblick; man weiß nicht, was Farbe, was Blut iſt. Viele ſtürzen ſich in das Meer, ſich durch Schwimmen zu retten. Andere ru¬ dern Böte umher und fiſchen Todte und Verwundete auf. Mehrere Schiffe fliegen in die Luft. Himmel und Erde lächeln zu dieſen Schrecken, wie zu einem unſchuldigen Kinderſpiele! Rechts ſiehet man auf einer Anhöhe, Stadt und Citadelle von Navarin und eine Waſſerleitung, die über den Berg hinziehet, er¬ innert an die altgriechiſche Zeit. Das war ein An¬ blik! Ich werde ihn nie vergeſſen. Man ſchwebt zwiſchen Himmel und Erde, man wird zwiſchen Schre¬ cken und Bewunderung, zwiſchen Abſcheu und Liebe gegen die Menſchen hin und her geworfen. Und wie86 die Leute ſagen, iſt dieſes alles nur gemalt; es iſt das Panorama von der Schlacht bei Nava¬ rin. Ich mußte es wohl glauben, denn man kann nicht von dem Schiffe herunter, um Alles mit den Händen zu betaſten. Aber das Schiff, auf dem man ſich befindet, das geſtehet man ein, iſt nicht gemalt, ſondern von Holz und Eiſen. Es iſt ein Kriegsſchiff von der natürlichen Größe, und in allen ſeinen Thei¬ len genau eingerichtet wie der Scipion, der in der Schlacht von Navarin mitgekämpft. Man tritt in das Gebäude des Panorama's und gelangt über einen ſchmalen dunklen Gang an eine Treppe. Dieſe ſteigt man hinauf und kommt in ein großes Zimmer, das zwar mit allen Möbeln häuslicher Bequemlichkeit, aber auch mit Beilen, Piſtolen, Flinten, Fernröhren, Compaſſen und Schiffsgeräthſchaften aller Art ver¬ ſehen iſt, Das iſt das Zimmer der Offiziere. Die bretterne Wand, welche dieſes Zimmer von einer Batterie trennt, iſt, da die Schlacht begonnen, weg¬ genommen. Man ſiehet eine Reihe von Kanonen und im[Hintergrunde] Matroſen beſchäftigt, einen ver¬ wundeten Kameraden vom Verdecke in den untern Schiffsraum herabzulaſſen. Dann gehet man die zweite Treppe hinauf und gelangt in die Wohnung des Commandanten, Speiſezimmer, Gallerie, Schlaf¬ zimmer, Küche. Das bisherige müſſen Sie ſich den¬87 ken, als die zwei untern Stockwerke des Schiffsge¬ bäudes. Endlich führt eine dritte Treppe zum Ver¬ decke des Schiffes, und von dort oben ſiehet man das Meer, die Schlacht, und was ich Ihnen beſchrieben. Die Zuſchauer ſtehen auf dem Hintertheile des Schif¬ fes, der leer iſt, weil die ganze Mannſchaft wegen des Branders ſich nach dem Vordertheile gedrängt. Neulich hatte der König mit ſeiner Familie das Pa¬ norama von Navarin beſucht, und war von den Ad¬ miralen Codrington und Rigny, die in jener Schlacht commandirt hatten, begleitet. Wer dabei hätte ſeyn können, wie die Admirale dem König alles erklärten, der hätte eine recht genaue Vorſtellung von der Schlacht bekommen. Lebhaft iſt das Schauſpiel auch ohne Erklärung.

In meinem vorigen Briefe ſagte ich Ihnen viel Gutes von Roſſini's Oper Zelmira und nannte die Muſik eine ſtählerne. Heute leſe ich im Con¬ ſtitutionel: la belle musique de la Zelmira, qui gagne tant à être souvent[entendue], cette mu¬ sique si cuivrée, et faite pour les oreilles allemandes, ... Ich mußte lachen über das ſauerſüße Lob! Schöne Muſik das iſt der Zucker; Deutſche Muſik das iſt der Eſſig; und cuivrée das iſt das Gemiſch von Beiden;88 cuivrée heißt eigentlich[falſch] vergolden, mit Kupfer vergolden. Bitte, meine Herren Franzoſen! den Rhein möget Ihr uns nehmen; aber unſere Muſik werdet ihr ſo gut ſeyn, uns zu laſſen. Die gehört nicht dem deutſchen Bunde, die gehört uns, und wir werden ſie zu vertheidigen wiſſen.

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Die italieniſche Revolution greift um ſich wie ein Fettfleck und nicht mit der ganzen Erdkugel wird Oeſterreich das reinigen können. Savoyen, Ty¬ roler rühren ſich. Was wird Immermann dazu ſa¬ gen? Das ſind ja ſeine treuen Tyroler, die wie Hunde geheult an Oeſterreichs Grabe! ...

Daß Sie die Briefe eines Verſtorbenen ſo unaufhörlich gegen mich in Schutz nehmen! Ich habe dem Manne nicht im geringſten Unrecht gethan, und habe ganz nach Gewiſſen geurtheilt. Was am Buche zu loben iſt, habe ich gelobt; was am Ver¬ faſſer zu tadeln, getadelt. Sein Ariſtokratiſcher Hochmuth war Ihnen entgangen, mir nicht, und jetzt iſt die Zeit heiß, man muß ſie ſchmieden ehe ſie wie¬ der kalt wird. Man ſagt: Don Miguel ſei ver¬ jagt, Donna Maria in Liſſabon als Königin aus¬ gerufen. Es iſt ein Herbſt der Tyrannei und die dürren Blätter fallen Ueber die Salons habe ich Ihnen meine Meinung ſchon geſagt. Ich habe mehr Neigung für Maſſen, für das öffentliche Leben. Ich liebe die Kerzen nicht. Vergnügen fand ich nicht viel in den Salons, in welchen ich noch war. Bleibt das Belehrende. Aber jedes Wort, das in den Sa¬ lons geſprochen wird, beſonders über Politik, kommt90 den folgenden Tag in die öffentlichen Blätter, da die Redacteure überall ihre Agenten haben, die ihnen al¬ les berichten. Ein Salon in Paris iſt nichts anders, als eine Zeitung mit Himbeerſaft. Der Himbeerſaft wäre freilich gewonnen; aber ändern Sie mich trä¬ gen Menſchen! Die Kammer wird aufgelöſ't, das Miniſterium wahrſcheinlich geändert im liberalen Sinne, und dann wird alles beſſer gehen, und ſchnel¬ ler und die Revolution wird ihre Früchte tragen auch für uns. Körbe herbei!

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Sieben und dreißigſter Brief.

Die Krönung Napoleons, von David gemalt, durfte unter der vorigen Regierung nicht an das Tageslicht; jetzt wird das Gemälde wieder gezeigt. Was half Ihnen ihr blinder Groll? Nichts iſt doch lächerlicher und grauſamer, als die ſtrenge Diät, welche kranke Fürſten, die nichts vertragen können, ihren Völkern auflegen, die alles vertragen! Sie meinen, wenn man die Herzen faſten ließe, davon würden die Köpfe und Arme ſchwach, und ſie wären dann leichter zu regieren. Aber der Hunger des Herzens ſättigt den Kopf und ſtärkt die Glieder. Napoleons Bild kehrte nach fünfzehn Jahren zurück, und die Bourbons werden ewig verbannt bleiben gewiß ewig; denn am dritten Schlagfluſſe ſtirbt der Menſch, und wenn er auch ein König iſt. Ich ſah geſtern das Gemälde, es hat ſehr gelitten; Farbe,92 Zeit, Bewunderung, alles iſt verblichen. Es ließ mich ſo kalt, als ſähe ich eine[Abbildung] von der Arke Noäh, in die mit hängenden Ohren alles ehe¬ gepaarte Vieh zieht. Der Maler war nicht begei¬ ſtert, ſo wenig als jene Zeit, ſo wenig als Napoleon ſelbſt, ſo wenig als das Volk, das ihn umgibt; es iſt eine vielfarbige glänzende Leerheit. Das Gemälde iſt von ſolcher Ausdehnung, daß es in dem kleinen Theater, wo man es ſiehet, den Vorhang bildet. Es enthält mehr als als ſechzig Figuren in Lebens¬ größe, alle Portraits. Der Moment iſt gewählt, wo Napoleon der vor ihm knieenden Kaiſerin die Krone aufſetzt. Er kniet vor nichts, nicht vor ſeinem Gotte, nicht vor ſeinem Glücke; weder Triumph iſt in ihm, noch Demuth. Es iſt eine Krönung, wie die eines <