PRIMS Full-text transcription (HTML)
Ueber die buͤrgerliche Verbeſſerung der Juden
Zweyter Theil.
Mit Koͤnigl. Preußiſcher Freyheit.
Berlin und Stettin,bey Friedrich Nicolai.1783.
Mit dem beſten Grunde und ohne in die dem Plato vorgeworfene Suͤnde zu verfallen, koͤnnen in einer politiſchen Abhandlung ſelbſt die unvermeidlichſten Hinderniſſe unberuͤhrt gelaſſen werden, um nur deſto genauer zu be - ſtimmen, was ſeyn ſolte. Das iſt ſchon ein Großes, das vollkommenſte Principium zu wiſſen; Vorurtheil und Mißbrauch ſtehen dann in ihrer Bloͤße da, und man naͤhert ſich, ſo viel man kann, dem Wahren, wenigſtens entfernt man ſich nicht mehr davon mit gu - tem Willen.
Sind Worte des franzoͤſiſchen Staatsminiſters d’Ar - genſon; ſ. deutſches Muſeum 1783, S. 102.
[1]

Inhalt.

  • Einleitung. uͤber Abſicht und Plan dieſer FortſetzungS. 3
    • 1. Hrn. Michaelis Beurtheilung des erſten TheilsS. 31
    • 2. Anmerkungen uͤber dieſelbe von Hrn. Moſes MendelsſohnS. 72
    • 3. Hrn. Michaelis Beurtheilung von Manaſſeh Ben IſraelS. 77
    • 4. Hrn. Schwagers GedankenS. 89
    • Auszuͤge aus BriefenS. 112
  • Hauptſchrift. Pruͤfung der Gruͤnde, welche der Gleichmachung der Juden mit andern Buͤrgern des Staats uͤber - haupt entgegengeſetzt ſind.
    • I. Das den Juden verliehene Buͤrgerrecht, die ihnen ertheilte Faͤhigkeit Land zu beſitzen und ſich zu naͤh - ren, wie ſie koͤnnen, iſt kein Unrecht fuͤr die Nach - kommen der aͤltern Buͤrger, iſt wahrer Vortheil fuͤr dieſe. S. 154
    • II. Die in dem itzigen juͤdiſchen Religionsbegriff noch wirklich befindliche Vorurtheile, die trennende Unterſcheidung von andern Menſchen, die Erwar - tung eines Meßias und ſeines irrdiſchen Reichs, das Temperament der Juden ſind keine unuͤber - windliche Hinderniſſe der buͤrgerlichen und ſittli - chen Umbildung derſelben. Alle religioͤſe Lehrbe - griffe veraͤndern ſich almaͤhlig nach den Beduͤrf - niſſen des Staats, ſobald ihre Bekenner zahlrei - cher und nur nicht gedruͤckt werden. Beyſpiel des chriſtlichen. S. 171
    • III. Fortgeſetzte Beantwortung des Einwurfs, daß die Juden nicht zu Kriegsdienſten faͤhig ſeyn wuͤr - den. Wichtigkeit aber verſchiedene Staͤrke deſſel - ben in verſchiedenen Laͤndern. S. 222
    • [2]
    • Unterſuchung der wichtigſten Hinderniſſe, welche die Ausfuͤhrung des Plans zwar nicht unmoͤglich machen, aber doch ſie ſehr erſchweren und be - ſchraͤnken koͤnnten.
    • I. Schwierigkeit wegen des Ackerbaues. Sie iſt nicht ſo groß als man ſie vorſtellt. An Land fehlt es nirgend, aber allenthalben mehr oder weniger an Haͤnden um es noch vollkommner, als bis itzt, zu benutzen. Die Concurrenz juͤdiſcher Land - bauer kann den chriſtlichen nie ſchaͤdlich, muß ih - nen vielmehr vortheilhaft ſeynS. 246
    • II. Schwierigkeit wegen der Handwerke. Urtheil uͤber die Zuͤnfte. Ungereimtheit der Ausſchlieſ - ſung wegen ſogenannter unehrlicher Geburt. Mit - tel die Juden zu Handwerkern, entweder mit oder ohne Aufnahme in die Innungen, zu ma - chen. S. 266
    • III. Beweis, daß die Juden einen den Chriſten ab - gelegten Eyd nicht fuͤr unverbindlich halten. Widerlegung der Eiſenmengerſchen Gruͤnde fuͤr dieſe Anklage. S. 300
  • Nacherinnerungen.
    • Verſchiedene litterariſche zu der EinleitungS. 349
    • Ueber die Deiſten in BoͤhmenS. 363
Einlei -[3]

Einleitung.

Ich bin ſo gluͤcklich geweſen, die Abſicht, welche ich bey dieſer Schrift mir vor - geſetzt, ſo vollkommen zu erreichen, wie es vielleicht nicht oft der Fall eines Schriftſtellers ſeyn mag. Dieſe Abſicht war keine andere als das Publikum auf einen ſei - ner Aufmerkſamkeit ſehr wuͤrdigen, aber der - ſelben bisher entgangenen Gegenſtand zu lei - ten und uͤber denſelben, wo nicht durch eige - ne, doch durch veranlaßte Unterſuchungen Anderer das Licht zu verbreiten, welches ich fuͤr das Gluͤck einer ſeit ſo vielen Jahrhunder -A 2ten4ten ſittlich und politiſch herabgewuͤrdigten Nation und fuͤr das Intereſſe der Menſch - heit uͤberhaupt ſo wie aller einzelner Staa - ten, nuͤtzlich hielt. Der gluͤckliche Zu - fall, daß ein erhabener Monarch gerade in eben dem Augenblick einen Verſuch machte, den Juden einen Theil der Rechte des Men - ſchen und Buͤrgers wiederzugeben, da ich zu beweiſen ſuchte, wie dieſes eben ſo menſchlich als politiſch nuͤtzlich ſey, dieſer mir ſehr angenehme Zufall mußte natuͤrlich meiner klei - nen Schrift noch mehr Intereſſe geben, als meine Ausfuͤhrung ihr mitzutheilen faͤhig ge - weſen waͤre. Und ſo wurde mein Zweck uͤber meine Erwartung erfuͤllt. Ich habe den er - munterndſten Beyfall im hoͤherm Grade, als ich nach meiner Empfindung ihn verdiente, erhalten. Viele der erleuchtetſten und beß - ten meiner Zeitgenoſſen, unter ihnen auch einige der erhabenſten und allgemein geliebte -ſten5ſten unſerer Fuͤrſten haben mir ihre Beyſtimmung zu meinen Grundſaͤtzen be - zeugt. Ich habe neue Unterſuchungen ſcharf - ſinniger Maͤnner veranlaßt, wie ich es wuͤnſch - te; ich habe Widerſpruch erfahren, wie ich ihn voraus ſah. Zum Theil iſt mir derſelbe hoͤchſt willkommen und belehrend, zum Theil wenigſtens nicht befremdend geweſen, da ich von dem tiefgewurzelten Vorurtheil ihn gera - de ſo erwartete.

Die Gewohnheit macht oft, daß gewiſſe Dinge auf den geſunden Verſtand und das Menſchengefuͤhl auch mancher denkender und redlicher Maͤnner nicht ſolche Eindruͤcke ma - chen, als ſie ihrer Natur nach ſollten, bloß weil dieſe Dinge ſchon lange, wie ſie itzt ſind, waren. Mancher ehrliche und ver - ſtaͤndige weſtindiſche Plantagenbeſitzer kann ſich vielleicht gar keinen Begriff von einerA 3Geſell -6Geſellſchaft machen, in der nicht einige Men - ſchen, aller ihrer Menſchheit ohnbeſchadet, von den Uebrigen wie das Vieh erbeigen - thuͤmlich beſeſſen und behandelt werden. Und ſo ſind auch unter uns viele aufgeklaͤrte, recht - ſchaffene Maͤnner der feſten Meynung, daß das Wohl unſerer buͤrgerlichen Verfaſſungen ſchlechterdings erfordere, die Juden nach Grundſaͤtzen zu behandeln, die ſie gegen alle uͤbrige Menſchen eben ſo unbillig als unpoli - tiſch finden, die ihnen aber bey den Juden ganz in einem andern Lichte erſchei - nen, bloß weil ſie gegen dieſe ſchon ſeit Jahr - hunderten ausgeuͤbt worden. Solche Ge - wohnheitsideen muͤſſen indeß ſicher allmaͤhlich verſchwinden, wenn man ſich nur uͤberwin - den kann, eine genaue und ſtrenge Pruͤfung derſelben anzuſtellen, ihre Gruͤnde aufzuſu - ſuchen, und beſonders bis zu der erſten Ent - ſtehung derſelben heraufzugehn. Das beſteMit -7Mittel den Beſitzſtand eines Vorurtheils kraͤf - tig zu unterbrechen, iſt, den Mitteln nach - ſpuͤren wie er erworben worden. Die Grund - ſaͤtze der geſunden Vernunft und des natuͤrli - chen Billigkeitsgefuͤhls treten alsdann wieder in ihre Rechte ein, und es giebt Wahrheiten, die nur geſagt und verſtanden werden duͤrfen, um eine allgemeine Beyſtimmung zu erhal - ten. Manche derſelben koͤnnen ſogar denen, die von ihnen uͤberzeugt ſind, ſo einleuchtend und klar ſcheinen, daß ſie es uͤberfluͤßig und unnuͤtz halten, daruͤber ſich oͤffentlich zu er - klaͤren; aber dieſes hat denn gerade die Fol - ge, daß alle die mannichfachen Vorurtheile, Beſtimmungen und Reſervationen ſich un - geſtoͤrt bey dem groͤßern Theil erhalten und wenigſtens die wirkende Kraft der im Allge - meinen anerkannten Wahrheit aufhalten. So mochten vielleicht manche Gelehrte zu Thomaſius Zeit es fuͤr eine ſehr uͤberfluͤßigeA 4Sache8Sache halten, ernſthaft zu beweiſen, daß es keine Hexen gebe; aber haͤtte jener ewig ruhmwuͤrdige Mann dieſen Beweiß nicht ge - fuͤhrt, ſo waͤre vielleicht noch itzt manche un - ſchuldige Matrone nicht vor dem Scheiter - haufen ſicher und manches Vorurtheil waͤre vielleicht noch unerſchuͤttert, das erſt nach dem Umſturz eines ſolchen Hauptpfeilers des Aberglaubens fallen konnte. Das Ver - dienſt Unterſuchungen der Art zu veranlaſſen, iſt alſo von Seiten der dazu gehoͤrigen Talen - te meiſtens klein, aber es kann fuͤr die menſchliche Geſellſchaft oft nuͤtzlicher und wohlthaͤtiger werden, als die ſcharfſinnigſten und muͤhſamſtin Arbeiten der Gelehrten.

Daß die Juden Menſchen, wie alle uͤbri - gen, ſind; daß ſie alſo auch, wie dieſe, be - handelt werden muͤſſen; daß nur eine durch Barbarey und Religionsvorurtheile veranlaß -te9te Druͤckung ſie herabgewuͤrdiget und ver - derbt habe; daß allein ein entgegengeſetztes, der geſunden Vernunft und Menſchlichkeit gemaͤßes Verfahren ſie zu beſſern Menſchen und Buͤrgern machen koͤnne; daß das Wohl der buͤrgerlichen Geſellſchaften erfodere, kei - nen ihrer Glieder den Fleiß zu wehren und die Wege des Erwerbs zu verſchließen; daß endlich verſchiedene Grundſaͤtze uͤber die Gluͤck - ſeligkeit des kuͤnftigen Lebens nicht in die - ſem, buͤrgerliche Vorzuͤge und Laſten zu Fol - gen haben muͤſſen: dieß ſind ſo natuͤrliche und einfache Wahrheiten, daß ſie richtig verſte - hen und ihnen beyſtimmen, beynahe eins iſt. Indeß ſo geneigt man auch ſeyn mag, dieſe Grundſaͤtze im Allgemeinen zuzugeben, ſo iſt man doch einmal an die ihnen entgegengeſetz - ten Meynungen ſchon ſo lange gewoͤhnt, und die denſelben widerſprechende Einrichtun - gen ſcheinen ſo innigſt in unſre ganze Ver -A 5faſ -10faſſung verflochten, daß man ſich nicht leicht uͤberwinden kann, ſie ſo ganz fehlerhaft zu glauben; wenigſtens duͤnkt es uns, daß Dinge, die ſchon ſo lange auf eine gewiſſe Art geweſen ſind, nicht ohne die nachtheilig - ſten Folgen wuͤrden anders ſeyn koͤnnen. Man nimmt alſo lieber in dieſen beſondern Faͤllen Ausnahmen von den Grundſaͤtzen an, deren Richtigkeit im Allgemeinen man nicht verkennen kann.

Und allerdings hat es wohl fuͤr Jeden, der die Welt nicht bloß aus Buͤchern, ſon - dern ſo wie ſie wirklich iſt und ſeyn muß, kennt, ſeine nicht zu bezweifelnde Richtigkeit, daß alle oft auch noch ſo nuͤtzliche und nothwen - dige Abaͤnderungen in manchem einzelnen Lan - de und unter gewiſſen beſtimmten Umſtaͤnden Schwierigkeiten finden, die mehr oder min - der und oft gar nicht uͤberwunden werdenkoͤn -11koͤnnen. Die mannigfachen Verbindungen, worinn die verſchiedenen Staatseinrichtun - gen mit einander ſtehn, die gegenſeitigen Ein - wirkungen derſelben, machen dieß nothwen - dig. Wenige politiſche Reformen koͤnnen daher gerade ſo in beſtimmten Laͤndern aus - gefuͤhrt werden, wie ſie ein auch noch ſo gut entworfener Plan im Allgemeinen ohne auf Local-Hinderniſſe Ruͤckſicht zu nehmen, an - gegeben, und die genaueſte Copie einer ſehr vollkommnen politiſchen Verfaſſung in einem Staat kann in einem andern ſehr fehlerhaft ſeyn und gerade die entgegengeſetzten Folgen hervorbringen. Wenn der Arzt Panaceen die unter allen Umſtaͤnden gleiche Wirkun - gen hervorbringen, verwirft, ſo hat der Po - litiker gewiß gleichen Grund ſich gegen ſie zu erklaͤren. Seine ganze Wiſſenſchaft beſteht in der genaueſten Kenntniß der Umſtaͤnde, unter denen er handeln ſoll, und der Erfor -ſchung12ſchung der Mittel, die nach ihnen die beſten ſind. Einen großen Regenten oder ſeine weiſen Rathgeber nachahmen, heißt nicht ge - rade thun, was ſie thaten, ſondern den Ver - ſtand beweiſen, den ſie in unſrer Lage be - wieſen haben wuͤrden.

Aber Niemand wird hieraus die Folge ziehen, daß es nicht nuͤtzlich ſey, gute Ein - richtungen in fremden Staaten zu kennen und zu ſtudiren, oder allgemeine Plane zu poli - tiſchen Verbeſſerungen zu entwerfen. Nur muß man hier das Geſchaͤft eines Jeden un - terſcheiden. Der Ausfuͤhrer in einem beſon - dern Lande muß die Modificationen zu finden wiſſen, die ſein beſtimmtes Local nothwendig macht; aber der Entwerfer, der Schriftſtel - ler, der nicht einen beſondern Staat im Au - ge hat, kann dieſe Modificationen nicht in ſeinen Plan bringen. Er darf es nicht weilſein13ſein und des Leſers Blick durch dieſe mannich - fache einzelnen Theile zu ſehr aufgehalten und verwirrt wird. Jeder, weſſen Geſchaͤft iſt, eine Sache im Großen zu uͤberſehn und zu bearbeiten, muß fuͤr den doppelten Fehler ſich huͤten, das Detail nicht genug zu kennen, und daher unrichtige Abſtractionen zu ma - chen, oder ſich zu lange bey ihm zu verwei - len, und dem Theile die Aufmerkſamkeit zu widmen, die nur dem Ganzen gehoͤrte. Wer einen allgemeinen Plan entwirft, darf nur die Schwierigkeiten, die in dieſen Ein - fluß haben koͤnnen, berechnen, kleinere nur von beſondern Umſtaͤnden abhaͤngige, muß er uͤberſehn, wenn ſie auch ſeinem Nachdenken entgegen kommen. Ihre Betrachtung zer - ſtreuet ihn; ſie heben ſich von ſelbſt, wenn das Ganze des Plans ausfuͤhrbar iſt. Dem Schriftſteller, der einen politiſchen Plan ent - wirft, muß es alſo genug ſeyn, die Vorthei -le,14le, welche derſelbe in allen Staaten hervor - bringen muͤßte, und die allgemeine Moͤglich - keit ſeiner Ausfuͤhrung zu zeichnen, und nur Mittel anzugeben, wie die allgemeinſten und wichtigſten Schwierigkeiten zu uͤberwinden ſeyn duͤrften. Ich ſchmeichle mir dieſe Pflich - ten in meiner Schrift erfuͤllt zu haben, in der, nur in den Schranken des allgemeinen poli - tiſchen Unterfuchers mich zu halten, mein Zweck war. Ich wollte nach denſelben nur uͤber die beſſere Bildung der Juden fuͤr die buͤrgerliche Geſellſchaft uͤberhaupt mei - ne Gedanken eroͤfnen, ohne auf dieſen oder jenen Staat beſondere Ruͤckſicht zu nehmen. Alle beſondere Local-Hinderniſſe lagen auſſer - halb meines Plans. Aber ein weſentlicher Nutzen, den ich mir von meiner Schrift ver - ſprach, war dieſer, daß andere denkende Maͤnner veranlaßt wuͤrden, dieſe beſondere Hinderniſſe und Schwierigkeiten einzelnerLaͤn -15Laͤnder oder auch allgemeinere, als ich geglaubt hatte, genau darzuſtellen und die Mittel, ihnen zu begegnen, entweder ſelbſt anzuzei - gen oder hiezu wieder Andern Gelegenheit zu geben.

Je genauer, ſtrenger, vielſeitiger eine politiſche Materie in allen ihren Theilen, mit allen Beziehungen, deren ſie faͤhig iſt, auf[-]gehellt, je mehr ſie bis in ihre einfachſte Ele - mente aufgeloͤßt wird; deſto beſſer fuͤr die Wahrheit und das Wohl der Menſchheit, und nur dieſe waren mein Ziel, unbekuͤm - mert ob ich ſelbſt oder Andre, deren Lauf ich veranlaßte, ihm naͤher geruͤckt ſeyn moͤchten.

Mehrere wuͤrdige Maͤnner haben gerade auf dieſe Art, wie ich es wuͤnſchte, meine Unterſuchungen weiter fortgefuͤhrt, ſie ge - nauer beſtimmt, berichtigt und auch mir zumneuen16neuen Nachdenken Stoff gegeben. Wenn das Reſultat deſſelben, welches ich hier mittheile, ei - nigermaſſen erheblich gefunden werden ſollte; ſo iſt dieß das Werk der einſichtsvollen und er - leuchteten Maͤnner, welche theils auf meine Bitte und aus perſoͤnlicher Freundſchaft, theils aus reiner Wahrheitsliebe und ohne daß ich Ihnen bekannt zu ſeyn, vorher das Gluͤck hatte, mir Ihre Gedanken uͤber meine Schrift mitzutheilen die Guͤte gehabt haben. Es iſt dieſes zum Theil in Privatbriefen geſchehen; aus verſchiedenen derſelben finde ich es rathſam diejenigen Stellen, welche Anmerkungen uͤber mein Buch enthalten, hier mitzutheilen, da die eignen Worte ſo verſchiedener, denkender Maͤnner ihre Ge - ſichtspunkte und Ideen deutlicher und ge - treuer darſtellen werden. Ich will dabey noch bemerken, daß die meiſten Verfaſſer die - ſer Briefe Maͤnner von Geſchaͤften ſind. Un -ſere17ſere zahlloſen Journale und gelehrten Blaͤtter haben meiſtens nicht Raum zu ausfuͤhrlichen Beurtheilungen neuer Buͤcher. Die mei - ſten haben das meinige nur zu guͤtig angezeigt, viele, auch einzelne Bemerkungen gemacht, die ich mit Dank erkenne und von denen keine, die mir zu Geſicht gekommen, bey mir unge - nutzt geblieben iſt. Aber zwey meiner Be - urtheiler ſind vorzuͤglich recht tief in das Ganze meiner Ideen eingegangen; ſie haben mit mir fortgedacht, die Moͤglichkeit der Ausfuͤhrung meines Plans erforſcht, die Schwierigkeiten, die ihm entgegen ſtehn, abgewogen, mich und das Publikum belehrt und vorzuͤglich Stoff zum weitern Nachdenken geliefert. Der eine dieſer Maͤnner iſt der Herr Ritter Mi - chaelis welcher in dem 19ten Theile ſeiner Orientaliſchen Bibliothek eine ausfuͤhr - liche Beurtheilung meiner Schrift gegeben hat; der andere, der Verfaſſer der RecenſionBin18in der allgem. deut. Bibl. Lter B. I. St. S. 301. Letztern bezeichnen ſeine Bemerkungen als einen Mann von vieler practiſchen Ge - ſchaͤftskenntniß, die er mit einem hohen Gra - de von Scharfſinn und Menſchlichkeit verbin - det. Seine Beurtheilung iſt gerade eine ſol - che, wie ich ſie mir wuͤnſchte. Die Art, wie er Schwierigkeiten ſcharfſinnig bemerkt, be - weiſet ſein Verlangen ſie gehoben zu ſehen, und ſein Widerſpruch hat mir die groͤßte Ach - tung fuͤr ihn eingefloͤßt. Ich werde auf den - ſelben vorzuͤglich Ruͤckſicht nehmen, und ich erſuche alle meine Leſer, dieſe Beurtheilung mit Aufmerkſamkeit zu leſen, ehe ſie mit mir weiter fortgehen.

Die Beurtheilung des Hrn. Ritter Mi - chaelis ruͤcke ich hier ganz ein, da ſie in ei - nem nur fuͤr orientaliſche Gelehrte beſtimmten Journal wahrſcheinlich den wenigſten Leſernmei -19meiner Schrift ſo bekannt werden duͤrfte, als ſie verdient. Ich bin dieſem beruͤhmten Ge - lehrten fuͤr die Aufmerkſamkeit, der er meine Schrift wuͤrdigen wollen, und fuͤr die vielen ſcharfſinnigen Bemerkungen den verbindlich - ſten Dank ſchuldig, und meine Hochachtung fuͤr ſeine gelehrten Verdienſte iſt dadurch noch vermehrt worden. Ich fuͤge dieſen Beurthei - lungen noch eine dritte bey, welche der ſchon durch mehrere Schriften bekannte Hr. Predi - ger Schwager in den Mindenſchen In - telligenzblaͤttern geliefert hat, und die mir beſonders wegen der guten practiſchen Bemer - kungen einer weitern Bekanntmachung ſehr werth ſchien.

Auſſerdem hat meine Schrift auch noch zwey andere ſehr wichtige und ſchaͤtzbare ver - anlaßt, den Anhang welchen Hr. Moſes Mendelsſohn in ſeiner vortreflichen, wei -B 2ſen20ſen Vorrede zu Manaſſeh Rettung der Juden geliefert und die Anmerkungen von J. C. U. (Hr. Prof. und D. Unzer) welche zu Altona herausgekommen ſind. Ich em - pfehle beyde Allen, denen ſie bisher unbekannt geblieben ſeyn moͤchten, und denen dieſe Ma - terie der genauern Unterſuchung werth ſcheint.

Alle die wuͤrdigen Maͤnner, die ich bis - her genannt, ſtimmen mit mir in dem Grund - ſatze uͤberein, daß die Juden, Menſchen, wie wir uͤbrigen, auch ſind; ſie glauben mit mir, daß ihre Verderbtheit und Herabwuͤrdi - gung wenigſtens vorzuͤglich von den aͤuſſern Umſtaͤnden, in denen ſie ſich bisher befunden, herruͤhren, und daß es hoͤchſt wichtig ſey, ſie zu beſſern und gluͤcklichern Menſchen, zu brauchbarern Gliedern der Geſellſchaft zu ma - chen. Nur uͤber die Moͤglichkeit dieſe ungluͤck - liche Nation ſo umzubilden und uͤber die Mit -tel21tel der Ausfuͤhrung denken ſie mehr oder weni - ger von mir verſchieden. Mit dieſen Maͤn - nern kann ich alſo die Unterſuchung weiter fort - fuͤhren, mich naͤher erklaͤren, das vorher Ge - ſagte genauer entwickeln, beſtimmen, das Un - richtige verbeſſern kurz entweder ihre Ideen zu den meinen, oder meine zu den Ihren ma - chen, auch vielleicht die Wahrheit in der Mitte von beyden finden.

Sonderbar genug habe ich aber auch Geg - ner gefunden, welche jenen Grundſatz von der allgemein gleichen Beſchaffenheit der menſchlichen Natur nicht anerkennen, welche die Juden gewiß ein fuͤrchterlicher Gedan - ke fuͤr unverbeſſerlich, fuͤr Geſchoͤpfe halten, die durch ihre unabaͤnderliche Natur dazu beſtimmt ſind, immer und ewig dem uͤbrigen menſchlichen Geſchlecht Schaden und ſich ſelbſt ſittliches und politiſches Elend zuB 3berei -22bereiten, die nur gerechter Zwang und Druck anhalten kann, das mindeſte Boͤſe zu thun. Mit dieſen Gegnern kann ich nicht ſtreiten; unſere Principia ſind einander ſo gerade ent - gegen, daß unſere Reſultate ſich nie naͤhern koͤnnen. Wenn dieſe Maͤnner Recht haben, ſo muß man die Juden von der Erde vertil - gen, damit ſie nicht laͤnger, ein redender Ein - wurf, der weiſen Guͤte Deſſen widerſpre - chen, der ſie gemacht und bisher geduldet hat. Eine Verſperrung dieſer ungluͤcklichen Ab - art des Menſchengeſchlechts (einer unbegreifli - chern als aller, die der Naturkuͤndiger bisher aufgezaͤhlt hat) auf eine wuͤſte Inſel iſt viel - leicht ſchon eine Verletzung der Selbſterhal - tung, welche der groͤßere Theil des menſchli - chen Geſchlechts ſich ſchuldig iſt.

Leider! muß ich unter dieſen Gegnern auch einen ſonſt achtungswuͤrdigen Gelehrten be -mer -23merken, den Beurtheiler meiner Schrift in den Goͤttingiſchen gelehrten Anzeigen (Zug. 1781. St. 48.) Er beantwortet meine Frage: Ob es nach den allgemeinen Geſetzen der menſchlichen Natur moͤglich ſey, daß der Jude, wenn ihm gleiche La - ſten und Rechte mit ſeinen Mitbuͤrgern be - willigt wuͤrden, dieſe noch immer ſo wie itzt, unter ſo ganz verſchiedenen Umſtaͤnden, haſ - ſen werde? bejahend, weil der Jude, Jude ſey. Alles alſo, was Erziehung, Aufklaͤrung, aͤuſſere Lage ſonſt vermoͤgen, iſt bey ihm umſonſt. Ich geſtehe, daß ich mir von einer durchaus unverbeſſerlichen Menſchen-Raçe (denn von Individuis iſt natuͤrlich die Rede nicht, und ich habe ſelbſt die Folgen der mildern Behandlung der Ju - den erſt auf die kuͤnftigen Generationen be - ſtimmt) keinen Begriff machen kann; ſie ſcheint mir ein Widerſpruch wider alle Pſy -B 4cholo -24chologie, wider alle Geſchichte und Erfah - rung. Eben dieſer Gelehrte fuͤhrt die Sehnſucht der alten Iſraeliten nach den Fleiſchtoͤpfen Egyptens als einen Grund an, um ihre heutigen Nachkommen der Rechte des Menſchen und Buͤrgers un - wuͤrdig und ihrer Pflichten unfaͤhig zu hal - ten. Einem ſolchen Argument kann ich freylich nichts entgegenſetzen, nur wuͤnſche ich uns uͤbrigen Europaͤern Gluͤck, daß unſere Geſchichte nicht ſo weit hinaufgeht, und man wenigſtens nicht ſo alte Thorheiten unſerer Vorfahren uns zum Verbrechen rechnen kann. Aber wie groß muß noch die Macht des Vor - urtheils ſeyn, da es in einem ſo hellen Kopfe noch ſolche faſt unglaubliche Spuren zuruͤck - gelaſſen hat.

Eine ausfuͤhrliche dieſer Materie gewid - mete Schrift:Unter -25

  • Unterſuchung ob die buͤrgerliche Freyheit den Juden zu geſtatten ſey von F. S. Hartmann. Berlin 1783. 8.

hat meine Erwartung getaͤuſcht. Da ſie nach der meinigen erſchien und auch derſelben vorzuͤglich entgegen geſetzt iſt, ſo haͤtte ich gewuͤnſcht, daß der Hr. Verfaſſer Gruͤnde und Gegengruͤnde unpartheyiſch und ſtrenge gepruͤft, das Fehlerhafte meiner Vor - ſchlaͤge entwickelt und beſſere an ihre Stelle geſetzt haͤtte. Er hat dieß nicht gethan, und nach meiner Einſicht, die Unterſuchung nicht weiter gebracht, da die erheblichen Einwuͤrfe ſchon von andern mit weit mehr Staͤrke und Beſtimmtheit dargeſtellt ſind. Seine Ideen duͤnken mich noch nicht entwickelt und hell ge - nug zu ſeyn, und ich verzeihe es ihm daher gern, daß er mich unaufhoͤrlich mißverſteht, den Geiſt meiner Schrift ganz verfehlt und mir Be -B 5haup -26hauptungen Schuld giebt, an die ich nicht gedacht habe und nach dem ganzen Zuſam - menhang meiner Grundſaͤtze und nach dem geſunden Menſchenverſtande unmoͤglich den - ken konnte*)So z. B. iſt Hr. H. S. 133 um nur das ge - lindeſte Wort zu gebrauchen uͤbereilt ge - nug, mich zu beſchuldigen, ich haͤtte die ab - ſcheuliche Gewohnheit der Juden, ihre Todten am Sterbetage zu begraben und damit viele Lebendige dem grauſamſten Tode zu uͤber - liefern vertheidigt, weil es eine alte Sitte und Statut ſey. Natuͤrlich gehoͤrte, wer dieß be - hauptete, ins Irrhaus. Wer wollte alſo gegen eine ſolche Beſchuldigung ſich rechtfertigen? Von der erſten bis zur letzten Seite meiner Schrift ſteht kein Wort von dieſer abgeſchmackten juͤdi - ſchen Gewohnheit, weil mein Plan nicht war, alle gute und boͤſe Gebraͤuche der Juden zu un - terſuchen.. Ich verlaſſe mich hierinn ge - troſt darauf, daß mein kleines Buch da iſt, und daß billige Leſer mich nur nach dem, wasich27ich wirklich geſagt habe, nicht nach dem, was ein Dritter ſagt, daß ich geſagt haͤtte, beurthei - len werden. Beleidigender iſt es mir aufge - fallen, daß Hr. H. in ſeiner ganzen Schrift Abneigung und Haß gegen die ungluͤckliche Nation zeigt, wovon doch ein unpartheyiſcher Wahrheitsforſcher ſich vorzuͤglich rein halten ſollte; daß er von ihren Vertheidigern (wie er ſie nennt) die ihm doch nichts gethan ha - ben, als daß ſie nicht der Meynung des Hrn. H. ſind*)Wenigſtens habe ich vor Erſcheinung dieſer Schrift Herrn H. auch nicht dem Nahmen nach gekannt, alſo ihn durch nichts beleidigen koͤn - nen, als daß ich meine Meynung geſagt, die nicht die ſeine war., immer in einem beleidigenden Tone ſpricht, und daß er uͤberall nicht mit dem Ernſt und Wuͤrde redet, die eine Ma - terie fodert, welche fuͤr die Menſchheit ſo wichtig iſt. Zu dem Letztern rechne ich auchdas28das Spoͤtteln uͤber gewiſſe Geſchichten der al - ten juͤdiſchen Nation, die mit einer Unterſu - chung uͤber die buͤrgerliche Beſſerung der itzi - gen Juden gerade ſo viel Verbindung haben, als die Begebenheiten unter Koͤnig Numa mit Polizeyanſtalten fuͤr die heutigen Roͤmer.

Eine in Prag mit ausdruͤcklich auf dem Titul bemerkter Bewilligung der K. K. Cen - ſur gedruckte Schrift:

  • Ueber die Unnuͤtz - und Schaͤdlichkeit der Juden im Koͤnigreiche Boͤ - heim und Maͤhren.

verdient kaum eine Erwaͤhnung. Sie iſt nichts als ein Gewebe poͤbelhafter Schimpf - reden in dem niedrigſten Tone ausgeſchuͤttet. Chronikenmaͤßig zaͤhlt der V. Brunnenver - giftungen, Aufruhr und Verjagung*)Der Verjagung der Juden aus Boͤhmen im Jahr 1744, die ich in meiner Schrift S. 96 be -merkt, derJuden29Juden her, giebt ihnen alles Ungluͤck ſeines Vaterlandes Schuld und haͤuft die haͤrteſten Vorwuͤrfe gegen die ungluͤcklichen Hebraͤer ohne um die Urſachen derſelben, wenn ſie auch in Manchem gegruͤndet ſeyn moͤgen, ſich zu bekuͤmmern. Ich finde es indeß gar nicht unrecht, daß es erlaubt worden, dieſe Schrift zu drucken, nur wundert es mich ein wenig, daß eine Cenſur, die noch ſo viele der vor - treflichſten deutſchen Schriften von den oͤſter - reichiſchen Graͤnzen abhaͤlt, die, aller ſo ſehr geprieſenen Preßfreyheit ohngeachtet, nur all - maͤhlig auf beſonderes Anſuchen, einzelnen klaſſiſchen Werken den Eintritt und die Allge -meine*)merkt, erwaͤhnt der Verfaſſer auch, und giebt Verraͤtherey als ihre Urſache an, aber ohne den mindeſten Beweis derſelben zu fuͤhren, ſo wenig als er einen Grund anfuͤhrt, warum er die Regierung tadelt, welche im folgenden Jah - re die Unſchuld der Juden erkannte und ſie zuruͤckrief.30meine deutſche Bibliothek nur continuan - tibus erlaubt, daß eben dieſe Cenſur bey ei - ner ſo elenden, auf die Unterhaltung menſchen - feindlicher Geſinnungen abzweckenden Schrift ihre Bewilligung ausdruͤcklich zu erklaͤren gut gefunden hat.

Ich liefere nun zuerſt die Anmerkungen wuͤrdiger Maͤnner uͤber meine Schrift und denn diejenigen, zu denen dieſe und andere vorher angefuͤhrte Beurtheilungen mich ver - anlaſſet haben.

1. Hr. [31]

1. Hr. Ritter Michaelis Beurtheilung. Ueber die buͤrgerliche Verbeſſerung der Ju - den von Chriſtian Wilhelm Dohm.

Ein wichtiges und ſehr wohlgeſchriebenes Buch (dis ſagt einer, der in vielen Stuͤcken verſchie - den denket) daß die Abſicht hat, den Juden voͤllig gleiche Buͤrgerrechte mit uns in unſern Staaten zu verſchaffen. Herr Kriegesrath Dohm glaubt, die Moral des juͤdiſchen Volks koͤnnte, wenigſtens in drey bis vier Menſchenaltern, wenn ſie nicht ſo un - terdruͤckt, und dabey blos auf die Handlung einge - ſchraͤnkt wuͤrden, ſondern ihnen alle Gewerbe offen ſtaͤnden; gebeſſert und das Volk allgemeinnuͤtzlicher werden. Dieſe moraliſche Beſſerung eines ganzen Volks, das unter uns wohnt, wuͤrde Guͤte und Menſchenliebe ſeyn, dabey aber auch wahre Politik, denn auf Bevoͤlkerung und Reichthum des Staats beruhe ſeine Macht, man ſuche, oft mit großen Ko - ſten, die Volksmenge durch Coloniſten zu vermehren,die32die aber gemeiniglich wieder davon giengen: es ſey ja beſſer, einem thaͤtigen und nahrhaften Volk, das man ſchon im Lande hat, und ſich ſehr vermehret, Acker einraͤumen, und ſeine Vermehrung auf keine Weiſe einſchraͤnken oder hindern. Dabey gehet ſeine Abſicht nicht eigentlich auf die reichen Juden, die werden, wie er ſelbſt bemerkt, noch ſo ziemlich aufge - nommen, den Armen hingegen ſelbſt der Sitz im Lande verweigert; ſondern gerade auf dieſe Armen, die doch brauchbare Haͤnde haben, und eben ſo gut, als wir, Menſchen ſind. Dis unterſcheidet ſeine Schrift ſehr von dem in England vorgeweſenen Na - tionaliſations-Project, von dem ich freilich glaube, es wuͤrde nun ſchon ſchaͤdliche Folgen haben, wenn es nicht wiederrufen waͤre: auch faͤllt dadurch der Verdacht weg, daß dis eine von reichen Juden be - zahlte Schrift ſey, und wenn Herr D. der Advocat des aͤrmern Theils der Juden mit Vorbeygehung der reichen wird, ſo kann man wohl nicht anders den - ken, als er ſchreibt aus Ueberzeugung.

Nach dieſer kurzen Ueberblickung des Ganzen gehoͤrt, wie jeder ſieht, dis Buch nicht ſowohl in eine orientaliſche, als politiſche Bibliothek, die auſſer meinem Geſichtskraiß iſt: weil aber verlangt ward, daß ich meine Meynung daruͤber ſagen ſollte, (et -wan33wan aus dem Zutrauen, daß ich die juͤdiſche Religion genauer kennete, oder, weil ich uͤber das Moſaiſche Recht geſchrieben habe) ſagen, ob in der Verfaſſung und Religion des juͤdiſchen Volks etwas ſey, das Herrn D. Vorſchlag unthunlich machte, oder beguͤn - ſtigte, ſo thue ich es freymuͤthig, aber zugleich mit der zweifelnden ſorgfaͤltigen Aufmerkſamkeit, die die Wichtigkeit der Sache erfodert: denn es iſt moͤglich daß Staͤrke oder Schwaͤche großer Reiche von dem den Juden ertheilten vollem Buͤrgerrechte die Folge ſind, aber langſam, und denn unhintertreiblich. Nur recenſire ich das Buch nicht eigentlich, gebe nicht einen vollſtaͤndigen Auszug, ſondern meine Meynung, und wer die verſtehen will, muß es ſelbſt leſen.

Zuvoͤrderſt einige Hauptſaͤtze, in denen wir ei - nig ſind, und die in das folgende Einfluß haben.

Herr D. geſtehet aufrichtig, was bisweilen ei - nige Vertheidiger der Juden nicht zugeben wollen, daß das juͤdiſche Volk laſterhafter und verdorbener ſey, als andere Europaͤer: allein er ſucht die Urſache davon in den Umſtaͤnden, in denen es lebt, verach - tet, gedruͤckt, und gezwungen faſt blos von der Handlung zu leben. Herr D. kann ſchwerlich wiſ - ſen, wie genau wir hier uͤbereinſtimmen, und daßCich34ich eben dis vor 30 Jahren a[n]einer Stelle, die ich ſelbſt nicht einmahl wieder auffinden kann, in den Goͤttingiſchen gelehrten Anzeigen geſagt habe. Ich will meine Meinung ſagen, wie ich ſie damals hatte, und noch jetzt habe; ſie geht aber noch um einen Schritt weiter, als Herrn D. ſeine, der von Be - truͤgereyen der Juden redet.

Daß die Juden laſterhafter ſind als, wenigſtens wir Deutſchen, zeiget ſich am ſtaͤrkſten aus den Die - bes-Inquiſitions-Acten. Vielleicht die Haͤlfte der zu den Diebesbanden gehoͤrigen, oder doch um ſie wiſ - ſenden, ſind Juden, und ſchwerlich machen die Ju - den den fuͤnfundzwanzigſten Theil der Einwohner Deutſchlands aus: giebt nun dieſer 1 / 25 Theil eben ſo viel Spitzbuben, als die ganze deutſche Nation aufſtellen kann, oder gar noch mehr, ſo folget, daß die Juden, wenigſtens in Abſicht auf dis Laſter, das wir fuͤr das niedrigſte halten, 25 oder noch mehr mal laſterhafter ſind, als andere Einwohner Deutſch - lands. Aber die Sache laͤßt ſich auch gar wohl be - greifen: ein Volk das, nicht blos von Handlung, (das waͤre meiner Meynung nach nicht gefaͤhrlich, denn der groſſe Handel macht ehrliche Leute, de - ren Wort wie baar Geld iſt, und hierin bleibe ich einen Schritt hinter Herr D. zuruͤck, der von Hand -lung35lung*)Ich habe doch S. 106 den Einfluß der Beſchaͤfti - gung bey dem großen und kleinen Kaufmann deut - lich unterſchieden. D. uͤberhaupt redet) ſondern von der kleinen Hand - lung leben muß, noch dazu von der Troͤdelhandlung, bey der taͤglich die Verſuchung eintritt, geſtohlne Waare zu kaufen, wird laſterhafter werden als wir, ſonderlich, wenn bey ihm dadurch, daß er ſich alle Verachtung gefallen laſſen muß, die Ehre ganz aus - geloͤſchet wird. Man nehme einem die Ehre, und das noch dazu einem Armen, fuͤr den ſein Vermoͤ - gen nicht Geiſſel ſtellt, ſo hat man den vollkommen - ſten laſterhaften, den hominem perditum der Lateiner. Auch noch dieſe Anmerkung ſey mir erlaubt: die ſehr laſterhaften, die haͤufigen Genoſſen der Spitzbubenbanden, findet man im juͤdiſchen Volk meiſtens nur unter den Armen, wenigſtens armge - bohrnen, wenn ſie ſich auch durch ihren Zuſammen - hang mit groſſen Spitzbubenbanden ſo viel Reich - thum erwerben, daß hernach fromme chriſtliche Fuͤr - ſten ihnen fuͤr einige tauſend Thaler Schutz gegen auswaͤrtige Inquiſitionen verleihen: aber wirklich unter reichen, das iſt reichgebohrnen Juden, oder auch nur unter mittelmaͤßigen, findet man ſelten die - ſelbe Laſterhaftigkeit. Sie iſt alſo wohl bey jenen deſto klaͤrer Folge der tiefen Armuth, die ſchon nachC 2der36der Bibel (Spruͤche Sal. 30, 8. 9. ) und nach den Erfahrungen der Vorſteher der Armenkaſſen, gar nicht der Weg zur Tugend ſeyn ſoll.

Auch in dem bin ich mit ihm einig, was er S. 91 und 92 von der vortheilhaften Seite des Na - tionalcharacters der Juden ſagt, wiewohl einiges vom Scharfſinn in Handlungsſachen auf das curis acuens mortalia corda, auf ihre jetzige Unterdruͤckung zu rechnen iſt, und wegfallen wuͤrde, wenn ſie bequemer leben koͤnnten. Ich ſetze nur noch eins hinzu: die Juden haben ſehr viel Nationalſtolz, wozu ihr Begriff von ſich als dem Volke Gottes wol nicht wenig beytraͤgt, ich will aber auch nicht widerſprechen, wenn man einen Theil davon auf das Temperament der Nation, das un - veraͤndert bleibt, weil ſie ſich nicht mit andern ver - miſcht, rechnete. Dis iſt nun wieder kein veraͤcht - licher Character, eine Nation ſoll ſich ſelbſt ſchaͤtzen: aber es hat auch eine widrige Seite, und der groͤßte Theil der Juden wird unertraͤglich, ſobald er zu Eh - ren kommt. Es giebt Ausnahmen, ich habe ſelbſt ſehr beſcheidene Juden von groſſen Mitteln geſehn: aber ſie ſind doch ſelten. In den Jahren, da die Franzoſen zu Goͤttingen waren, und Generals, auch der ſtrenge aber groſſe de Vaux, auch Mar -ſchaͤlle37ſchaͤlle von Frankreich, jedem mit Hoͤflichkeit zuvor kamen, beſuchte uns einmal ein bey der Armee ge - brauchter beruͤhmter Jude, (aus Schonung nenne ich ihn nicht) und der dankte nicht, wenn ihn die hieſigen Profeſſoren gruͤſſeten. Dieſer Theil des Na - tionalcharacters hat nun in die voͤllige Naturaliſation der Juden wenigſtens ſo fern einen Einfluß, daß der Landesfuͤrſt gegen ſeine angebohrnen Buͤrger hart handeln wuͤrde, den Juden vornehme Bedienungen anvertrauete, oder ſie nur deren auf die Zukunft faͤ - hig machte.

Durch und durch zeiget ſich, daß Herr D. gar nicht, wie wol einige andere, ſolchen Juden meh - rere Rechte zu verſchaffen ſucht, die blos dem Na - men und Geburt nach Juden ſind, von der juͤdi - ſchen Religion aber nichts glauben, wie man es nen - net, Deiſten, aber auch vielleicht das nicht ſind. Auch hierin ſtimme ich ſehr bey: wenn ich einen Ju - den, wol eigentlich zum Affront ſeiner Religion, Schweinefleiſch eſſen ſehe, ſo iſt es mir, der ich nicht in ſein Herz blicken kann, unmoͤglich, mich auf ſeinen Eid zu verlaſſen; beym Juden Eide iſt ſchon ohnehin ſeit 1800 Jahren ſo viel zu erinnern geweſen, wenn er aber nicht einmal die juͤdiſche Re - ligion glaubt, und dis, wo es niemand zu wiſſenC 3verlangt,38verlangt, oͤffentlich ausruft, wie kann man wiſſen, was er vom Eide denkt? ob er uͤberhaupt glaubt, daß Gott den Eid annimmt, und irgend in einer Welt, dieſer oder jener, den Meineid ſtraft? Iſt dis der ſeltene Fall bey einem einzigen, ſo iſt das Ungluͤck nicht ſo groß, und bey einem wichtigen Proceß wuͤr - de allenfalls der Advocat gegen den Eid eines ſolchen Juden Einwendungen machen und gehoͤrt werden: gienge es aber in die Hunderte und Tauſende, ſo wuͤrde es groſſe Haͤrte gegen unſere alten eidfuͤrchti - gen Buͤrger ſeyn, ihnen Fremde, auf deren Eid man ſich nicht verlaſſen kann, gleich zu machen, denn zu dieſem Gleichmachen gehoͤrt doch vorzuͤglich die Gleich - heit im Gericht, und daß des neuen Buͤrgers Eid ſo viel gelte, als des alten ſeiner.

Auf die Weiſe hat Herr D. ſchon ſehr vielen Ein - wendungen vorgebeuget, die man gegen ſeinen Vor - ſchlag machen koͤnnte. Auch in dem gebe ich ihm Recht, was er gegen Eiſenmengers entdecktes Ju - denthum ſagt, darnach er die Juden nicht beurtheilt haben will. Ich halte Eiſenmengers entdecktes Ju - denthum fuͤr ein gelehrtes, aus vielem Fleiß und groſ - ſer Beleſenheit entſtandenes Buch, und ich lerne daraus ſehr oft, wenn ich nachſchlage: aber dabey iſt es aͤuſſerſt feindſeelig und ungerecht, und wenn einergegen39gegen eine der drey im roͤmiſchen Reich eingefuͤhrten Religionen etwas dergleichen ſchriebe, ſo wuͤrde man es eine Laͤſterſchrift nennen. Wie wenn einer ein entdecktes Pabſtthum oder Lutherthum ſchreiben, und mit Vorbeylaſſung des Guten, wohl der allge - mein angenommenen Saͤtze, und der Widerſpruͤche gegen Irrthuͤmer, alles auszeichnen wollte, was je - mals irgend einem der ſchlechteſten Schriftſteller ent - fahren, oder, was beym Diſputiren unter Gelehr - ten auch nur muͤndlich einmal geſagt iſt? Was man alsdenn den Catholiken ſchuld geben koͤnnte, daran doch ihre Religion unſchuldig iſt, weiß ein jeder: aber gewiß wir Lutheraner wuͤrden eben ſo ſchlecht wegkommen, und ſo wenig im roͤmiſchen Reich Dul - dung verdienen, als die Muͤnſteriſchen Widertaͤufer. Was auch Herr D. wegen der Anfuͤhrungen aus dem Talmud S. 22 ſagt, iſt richtig, und ich will es lieber deutlicher und vollſtaͤndiger mit eigenen Wor - ten ſagen. Im Talmud findet man die Meinungen verſchiedener Rabbinen uͤber einerley Sache ange - fuͤhrt, ſie widerſprechen und diſputiren oft mit ein - ander, da iſt nun nicht gleich alles, was Eiſenmen - ger aus dem Talmud buchſtaͤblich anfuͤhrt, Glaube und Lehre des ganzen juͤdiſchen Volks, nicht einmal des Theils, der an den Talmud glaubt, (denn dieC 4Karai -40Karaiten nehmen ihn bekanntermaſſen nicht zur Er - kenntnißquelle an) ſondern nur einiger Lehrer. Je - der vernuͤnftige und mittelmaͤßig gelehrte Leſer der Bergpredigt weiß das: ſie iſt der boͤſen Moral der Phariſaͤer entgegengeſetzt, aber nicht aller, denn es gab auch beſſer denkende Phariſaͤer, daher findet man bey den Commentatoren, die das N. T. aus dem Talmud und Rabbinen erlaͤutert haben, zwar Stellen angefuͤhrt, in denen die gottloſen von Chri - ſto beſtrittenen Saͤtze ſtehen, aber auch wieder an - dere, die gerade Chriſti Moral, bisweilen faſt mit eben den Worten enthalten.

Nach ſo mancher Beyſtimmung in Hauptſachen werden meine Leſer vermuthen, daß ich von der Na - turaliſation der Juden voͤllig ſo denken werde, als Herr Dohm: das thue ich aber doch nicht, und nun muß ich auch meine Zweifel ſagen.

Das Geſetz Moſis ſieht Herr D. (zugleich mit Anfuͤhrung meines Moſaiſchen Rechts) als vortref - lich an, und glaubt nicht, daß es etwas menſchen - feindliches enthalte, oder den Juden Haß gegen an - dre Voͤlker einpraͤgen koͤnne. Niemanden wird er hier mehr auf ſeiner Seite haben, als mich; allein dabey ſey mir erlaubt, eine andere Frage aufzuwer - fen: enthalten die Geſetze Moſis etwas, dasdie41die voͤllige Naturaliſation und Zuſammen - ſchmelzung der Juden mit andern Voͤlkern, unmoͤglich macht, oder erſchweret? Dis ſollte ich faſt denken! Ihre Abſicht iſt es, ſie als ein von andern Voͤlkern abgeſondertes Volk zu erhalten, und die iſt ſo durch und durch in ſeine Geſetze ſelbſt bis auf die von reinen und unreinen Speiſen, einge - webt, daß ſich das Volk nun, wider alles was wir bey andern Voͤlkern ſehen, in ſeiner Zerſtreuung 1700 Jahr lang als abgeſondertes Volk erhalten hat, und ſo lange die Juden Moſis Geſetze halten, ſo lange ſie z. E. nicht mit uns zuſammen ſpeiſen, und bey Mahlzeiten oder der Niedrige im Bierkrug vertrau - liche Freundſchaft machen koͤnnen, werden ſie (von einzelnen rede ich nicht, ſondern von〈…〉〈…〉[m]groͤßten Theil) nie mit uns ſo zuſammenſchmelzen, wie Ca - tholike und Lutheraner, Deutſcher, Wende und Fran - zoſe, die in Einem Staat leben. Ein ſolches Volk kann uns vielleicht durch Ackerbau und Manufactu - ren nuͤtzlich werden, wenn man es auf die rechte Weiſe anfaͤngt, noch nuͤtzlicher wenn wir Zuckerin - ſeln haͤtten, die bisweilen Entvoͤlkerung des europaͤi - ſchen Vaterlandes werden, und bey dem Reichthum den ſie bringen ein ungeſundes Clima haben: aber unſern Buͤrgern wird es doch nicht gleich zu ſchaͤtzenC 5ſeyn,42ſeyn, alſo auch nicht voͤllig einerley Befreyungen mit ihnen genieſſen ſollen, weil es nie die Liebe gegen den Staat, das volle mit Stolz auf ihn, (da wo Herr D. ſchreibt, mit Stolz darauf, ein Preuſſe zu ſeyn) durchdrungene Buͤrgerherz bekommt, und ihm nie in gefaͤhrlichen Zeiten ſo zuverlaͤßig wird.

Aber nun noch etwas aus der Bibel, an das Herr D. nicht gedacht zu haben ſcheint, und das die voͤllige feſte Zuneigung zum Staat, die gaͤnzliche Zuſammenſchmelzung mit ihm, kaum hoffen laͤßt. Die Juden werden ihn immer als Zeitwohnung an - ſehen, die ſie einmal zu ihrem groſſen Gluͤck verlaſ - ſen, und nach Palaͤſtina zuruͤckkehren ſollen, faſt ſo, wie ihre Vorfahren den Egyptiern verdaͤchtig waren (2 B. Mo〈…〉〈…〉, 10). Stellen der Propheten, ja Mo - ſis ſelbſt, haben das Anſehen, als wenn ſie den Iſraeliten eine kuͤnftige Ruͤckkehr nach Palaͤſtina ver - hieſſen, und wenigſtens die Juden erwarten ſie da - raus: das thut nicht blos der gemeine Haufe, ſon - dern die groͤſſeſten nach ſo viel hundert Jahren in allgemeinem Anſehen bleibenden Erklaͤrer der Bibel, Raſchi, und die von Fabeln reinern, die ich ohne Hochachtung nicht nennen kann, Abenesra und Da - vid Kimchi. Unſere Lutheriſchen Ausleger in Deutſch - land leugnen es zwar haͤufig (nicht alle, nicht derdeſſen43deſſen Reſponſa bey den Juriſten beynahe Rechts - kraft haben, der ſehr vernuͤnf[t]ige Philipp Jacob Spener) auch wohl manche von andern Confeſſionen: aber uͤberzeugen werden ſie die Juden ſchwerlich, ſonderlich da Philoſophen vom erſten Range, nicht etwan ein zu apocalyptiſcher Newton, ſondern Locke, die Stellen eben gerade ſo verſtehen. Ein Volk, das ſolche Hofnungen hat, wird nie voͤllig einhei - miſch, hat wenigſtens nicht die patriotiſche Liebe zum vaͤterlichen Acker, ja ſteht, wenn es beſonders woh - nete (und juͤdiſchen Coloniſten, die Aecker urbar machen ſollen, muͤßte man doch wohl eigene Doͤrfer einraͤumen, und ſie nicht unter Chriſten ſtecken) gar in Gefahr, einmal von einem Enthuſiaſten aufge - wiegelt, oder vom Hamelſchen Rattenfaͤnger in die Irre gefuͤhrt zu werden.

Aber nun folgt mein einer Hauptzweifel. Herrn D. Vorſchlag, den Juden, noch dazu den armen Juden, die nicht einmal Geld in das Land bringen, voͤllig gleiche Buͤrgerrechte mit uns zu geben, und ihnen alle Gewerbe, Ackerbau, Handwerker u. ſ. f. zu oͤfnen, waͤre zwar fuͤr ſie Wohlthat, koͤnnte aber den Staat aͤuſſerſt ohnmaͤchtig machen, ſelbſt in dem eben nicht zu erwartenden Fall, wenn die Juden Geld und Reichthuͤmer entweder unmittelbar hinein -braͤch -44braͤchten, oder doch in der Folge der Zeit hinein zoͤ - gen. Die Macht des Staats beruhet nicht blos auf Gold und Silber, ſondern zur weit groͤſſern Haͤlfte auf Arm und Bein, auf Soldaten, und die kann man aus dem juͤdiſchen Volk, ſo lange es nicht ſeine jetzigen Religionsgedanken geaͤndert hat, nicht ha - ben: dis aus mehrern Urſachen, die erſte, weil ſie des Sabbaths nicht fechten, wenigſtens nicht unan - gegriffen fechten duͤrfen. Die Juden vermehren ſich, wenn es nicht gehindert wird, ausnehmend: einige Urſachen davon ſind in die Augen fallend, ihre fruͤ - hen Heyrathen, und die Pflicht von Eltern und Brodherren fuͤr fruͤhe Heyrathen der Kinder und des treuen Geſindes zu ſorgen, auch noch dieſe, (die vielleicht bey voͤlliger Naturaliſation wegfallen wuͤr - de) daß ſie ſich etwas mehr vor Hurerey huͤten muͤſ - ſen, weil mit einer Chriſtin zu thun gehabt zu ha - ben in einigen Laͤndern viel Geld koſten moͤchte, das dem Juden uͤber alles lieb iſt, und hiedurch meiſtens vor der Krankheit bewahrt werden, die auch nur Einmal gehabt zu haben dem Kinderzeugen nicht vor - theilhaft ſeyn ſoll. Beyde Urſachen ganz loͤblich, und wenn die Vermehrung der Juden immer zuneh - men koͤnnte, ohne daß der Chriſten weniger, oder doch ihre Vermehrung gemindert wuͤrde, ſo waͤregar45gar kein Bedenken dabey. Aber das wird wohl nicht der Fall ſeyn. Eine Nation vermehrt ſich geſchwind, wenn viel Gewerbe viele und fruͤhe Heyrathen ma - chen, (z. E. im Koͤnigreich Preuſſen zwiſchen 1757 und 1762 erſtaunlich, weil der Krieg, und die Ruſſi - ſche Armee, ohne Recruten zu heben, viel Gewerbe machten) oder auch Auslaͤnder herbey ziehen, (bey - des in den engliſchen Colonien in Amerika, bis auf die Zeit der Rebellion,) wenn nun aber in eben dem Staat Juden viel Gewerbe, Ackerbau und Handwerker, an ſich ziehen, ſo wird wenigſtens die Vermehrung des deutſchen, kriegeriſchen Volks ge - mindert. Aber das ſchlimmere iſt, die deutſchen Buͤrger moͤchten gar beym Zunehmen der neuen juͤdi - ſchen abnehmen, und verdraͤngt werden, denn un - ſere Handwerkspurſche und Bauren heyrathen nicht ſo fruͤh als Juden, die bey angewoͤhnter Armuth auch mit ſehr wenigem zufrieden ſind, bald wuͤrden alſo die Juden immer mehr von den Handwerkern in dem Lande der Nationaliſation an ſich bringen, und die Soͤhne der deutſchen Handwerker entweder noch laͤnger unverheyrathet bleiben, oder ſich in aus - waͤrtigen Laͤndern ſetzen muͤſſen, es ſeyn nun, an - dere deutſche Laͤnder, die den Juden nicht ſo guͤnſtig waͤren, oder Holland, auch England, wo manſchon46ſchon jetzt ſo viel deutſche Handwerker antrifft. Da - zu kommt noch, daß bey ſchweren Kriegen, wie der von 1756 1763 fuͤr die Preußiſchen Staaten war, die Soͤhne des Bauren und Buͤrgers Soldaten wer - den muͤſſen; in einem ſolchen Kriege wuͤrde der mit Kriegesdienſten verſchonte Jude ſich ſehr ausbreiten, und faſt lauter juͤdiſche Handwerker wuͤrde man am Ende des Krieges ſehen. Staͤnde gar den Juden frey, Aecker, oder adeliche Guͤter an ſich zu kaufen, und reiche Juden, die in andern Laͤndern nicht der - gleichen Rechte haͤtten, wuͤnſchten ihr Geld anzule - gen, ſo wuͤrden ſie unſere Deutſchen auskaufen, und denn haͤtten wir den wehrloſeſten veraͤchtlichſten Ju - denſtaat.

Die volle Kraft dieſes Einwurfs wird Herr D. beſſer fuͤhlen, als der groͤſſeſte Theil meiner Leſer, ſonderlich in Abſicht auf den etwan 6 Millionen Menſchen habenden Preußiſchen Staat, fuͤr ihn darf ich ihn alſo gewiß nicht weiter erlaͤutern. Es ver - ſteht ſich aber auch von ſelbſt, daß er ihn vor - her geſehen hat. Er antwortet darauf unter an - dern aus meinem Moſaiſchen Recht, wo ich gezeiget habe, das Geſetz Moſis verbiete das Fechten am Sabbath auf keine Weiſe, und daß ehedem die Ju - den gefochten, und ſehr tapfer gefochten haben. Wenn47Wenn die Juden meine Auslegung des Moſaiſchen Rechts fuͤr richtig annehmen, und zwar nicht blos die Aufgeklaͤrteren unter ihnen, (unter denen ver - ſpraͤche ich mir wol einigen Beyfall) ſondern auch der gemeine Haufe der Rabbinen, und die Ungelehrten, ſo waͤre der Sache ziemlich geholfen, (nicht voͤllig, denn, daß Fechten am Sabbath erlaubt ſey, denke ich bewieſen zu haben, aber uͤber das Exerciren wuͤrde ich nicht gern aus dem Moſaiſchen Recht antworten wollen; und unſere Regimenter wuͤrden ſich doch we - gen der Exerciertage nicht nach untergeſteckten Juden richten, auch nicht eigene Regimenter von bloßen Juden errichtet werden ſollen:) aber wer wird ſie davon uͤberzeugen? ſonderlich da bey einer Frage von der Art mancher nicht gern uͤberzeugt ſeyn, und lie - ber ſein Gewiſſ[e]n zum Befreyungsbriefe von Krie - gesdienſten behalten will. Von dem aus der Geſchich - te angefuͤhrten moͤchte auch wohl noch einiges weg - fallen, und, wenigſtens bleibt das gewiß, daß ſich ſchon zu des wirklich groſſen juͤdiſchen Helden, Jo - hann Hyrkans, Zeit, die damals ſo tapfern Juden ein Gewiſſen machten, am Sabbath anzugreifen, und die Syrer den von ihm angefuͤhrten juͤdiſchen Huͤlfsvoͤlkern zu Gefallen am Sabbath nicht mar - ſchirten. Die S. 144 angefuͤhrte Stelle aus Mai -moni -48monides, die Herrn D., wie er ſagt, von einem groſſen juͤdiſchen Gelehrten mitgetheilet ward, iſt ſei - ner Hofnung gerade zuwider. Hier iſt ſie mit ſei - nen eigenen Worten: nach Maymonides iſt es die Pflicht eines jeden Juden, eine vom Feinde belagerte Stadt, in ſo fern auch nur Eines Menſchen Leben dabey in Gefahr iſt, am Sab - bath zu vertheidigen, und nicht erlaubt, ſol - ches aufzuſchieben, So iſt eines jeden Juden Pflicht, am Sabbath alle Arten von Arbeit ohne Unterſcheid zu verrichten, wenn eines Menſchen Leben dadurch gerettet werden kann. Dis iſt weiter nichts, als was wir laͤngſtens wiſſen, und im Moſaiſchen Recht geſagt iſt, daß die Juden erlauben, ſich am Sabbath zu verthei - digen, wenn man angegriffen wird, und ihr Leben in Gefahr iſt: alſo wo dieſer Fall nicht ein - tritt, und der Feind ſo klug iſt, als Pompejus da er Jeruſalem belagerte, am Sabbath gar nicht anzu - greifen, darf der Jude nicht fechten, nicht ſelbſt den Angriff, nicht einen Ausfall aus der belagerten Stadt thun, die Approchen und Belagerungswerke zu zerſtoͤren, nicht den fluͤchtigen Feind verfolgen, nicht marſchiren, dis alles voͤllig der juͤdiſchen Ge - ſchichte von Johann Hyrkans Zeit an gemaͤſſe Ca -ſuiſtik.49ſuiſtik. So gar, der ſonſt am vernuͤnftigſten den - kende Joſephus, einer nicht von der aberglaͤubiſchen neuphariſaͤiſchen, ſondern von der beſſern Secte der alten Phariſaͤer, ſelbſt Anfuͤhrer der Juden im Krie - ge, haͤlt es fuͤr eine Entheiligung des Sabbaths, daß die Juden, da Ceſtius Gallus ſich mit der roͤmi - ſchen Armee Jeruſalem naͤhert, einen Ausfall thun, die Roͤmer ſchlagen, ſo daß 515 Roͤmer und nur 22 Juden bleiben, und dis noch dazu, da dieſer Aus - fall ſo nahe dabey war, den Ausſchlag des ganzen Krieges zu geben, denn er ſagt ſelbſt, wenn nicht die roͤmiſche Reuterey eben zu rechter Zeit zu Huͤlfe ge - kommen waͤre, ſo wuͤrde Ceſtius mit der ganzen Ar - mee in Gefahr geweſen ſeyn. (de bello Jud. II, 19; 2.) Was koͤnnten wir mit ſolchen Soldaten, die noch dazu durch National - und Religionsbande mit einander verbunden waͤren, anfangen? Beſſer ha - ben wir ſie gar nicht, wenn ſie auch nach dieſer uͤber 2000 Jahr alten wunderlichen Auslegung des beſſern Moſaiſchen Geſetzes dienen wollten. Haͤtte der ge - lehrte Jude, der Herrn Dohm Maymonides Stelle mittheilte, auch voͤllig ſo gedacht, wie ich im Mo - ſaiſchen Recht, ſo hat er doch meine Meynung mit keiner ihr beyſtimmenden juͤdiſchen Authoritaͤt belegen koͤnnen; ſie bleibt alſo blos meine, und iſt nicht der Juden Meynung.

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Aber geſetzt, die Juden naͤhmen nun uͤber alle Erwartung meine Erklaͤrung vom Sabbathsgeſetz an, ſo waͤren ſie doch deswegen fuͤr uns zu Solda - ten nicht brauchbar, ſo wenig ich ihnen auch, wenn ſie nur nicht unterdruͤckt und zu Beſchimpfungen von Jugend auf gewoͤhnt werden, perſoͤnliche Tapferkeit abſpreche, von der ſie, ſonderlich in der Rebellion gegen die Syrer, ſo erſtaunliche Proben gegeben ha - ben. So lange ſie noch die Geſetze von reinen und unreinen Speiſen haben, iſt es doch kaum moͤglich, ſie unter unſere Regimenter zu miſchen: beſondere Regimenter aber aus ihnen zu machen, wird wohl niemand anrathen, ſonderlich da der Judeneid noch immer die haͤcklichſte Sache von der Welt iſt, denn daß man bey dem viel Zweifel haben kann, ob der Jude das, was in unſern Augen Eid iſt, fuͤr Eid haͤlt oder nicht, iſt keine von den ungerechten Klagen Eiſenmengers. Dazu kommt aber noch, doch blos hypothetiſch, ein phyſikaliſcher Umſtand, an den Herr D. nicht gedacht zu haben ſcheint. Man behauptet, unſer jetziges Kriegsweſen erfodere eine gewiſſe Sol - datengroͤſſe, ob mit Recht, kann ich nicht ſagen: aber in den beyden groſſen kriegeriſchen Staaten Deutſchlands nimmt man es doch an. Iſt es rich - tig, ſo wird man unter den Juden ungemein weni -ge51ge finden, die das Soldatenmaaß haben, und zu Kriegesdienſten angenommen werden koͤnnen. Viel - leicht iſt es die Folge der ſehr fruͤhen Ehen, vielleicht der ungemiſchten Race eines ſuͤdlichern Volks: aber es komme, woher es wolle, ſo iſt doch klar, daß un - ter den Juden wenig wohlgewachſene Maͤnner ſind.

Dieſe Unbrauchbarkeit der Juden zu Krieges - dienſten hat je nach der beſondern Beſchaffenheit des Staats einen mindern oder mehreren Einfluß in die Frage, ob es politiſch gut ſey, Juden in das Land zu ziehen? mehr als Einem Sohn eines angeſeſſenen Juden den Schutz zu verleihen? und ihre Vermeh - rung zu beguͤnſtigen? Herr D. ſchreibt zunaͤchſt fuͤr den Preußiſchen Staat*)Ich habe dieſes nirgends geaͤuſſert, und in der That nur im Allgemeinen meine Meynung uͤber dieſe Materie ſagen wollen, ohne im Mindeſten auf irgend einen beſondern Staat Ruͤckſicht zu nehmen. D. , er beruft ſich beym Be - ſchluß auf das Geruͤcht von dem damals noch erwar - teten Toleranzedict fuͤr die Juden im Oeſterreichi - ſchen. Dis iſt zwar von ſeinen Vorſchlaͤgen ſehr und weſentlich verſchieden, und ſcheint ganz andere End - zwecke zu haben. Aber davon nichts zu ſagen, weil ich Edicte nicht recenſire, ſo iſt gerade in Abſicht auf Beguͤnſtigung der Juden zwiſchen beyden StaatenD 2ein52ein ſehr groſſer Unterſchied. Ich will annehmen, was man gemeiniglich ſagt, es ſeyn jetzt fuͤnf Mil - lionen Juden auf dem Erdboden, (ich daͤchte zwar, noch etwas mehr) und was Herr Prof. Schloͤzer in ſeinem Briefwechſel aus ziemlich ſichern Nachrichten hat, in den ſaͤmmtlichen Oeſterreichiſchen Laͤndern wohnen uͤber 26 Millionen Menſchen*)Iſt wohl ſehr uͤbertrieben. D. : im Preußi - ſchen waren, das Militaire nicht mitgerechnet, vor 1756 noch nicht volle fuͤnf Millionen, denn der Ge - bohrnen waren nach einem Durchſchnitt jaͤhrlich et - was uͤber 150000 (wovon ich die genauen Tabellen habe) jetzt ſcheinen etwan, nachdem die Zahl der Einwohner ſich vermehrt hat, und Weſtpreußen da - zu gekommen iſt, ſechs Millionen darin zu wohnen, wieder das Militare ungerechnet. Nun ſtelle man ſich vor, eine ganze Million Juden zoͤge aus an - dern Laͤndern in das Oeſterreichiſche, ſo waͤre dis gegen 26 Millionen eine Kleinigkeit; in Ungarn, auch im Banat Temeswar, von dem Herr D. er - waͤhnt, daß man dort ſogar Zigeunern, (die jedoch vorhin daſelbſt herumſchweifend gewohnt hatten) Aecker gebe, koͤnnte man ihnen genug fruchtbare und unbebauete Aecker unter einem milden Himmelsſtrich anweiſen, braͤchten ſie gar Geld mit, deſto beſſer,ſie53ſie wuͤrden gewiß der Vermehrung der fechten koͤn - nenden Oeſterreichiſchen Unterthanen nicht hinder - lich werden. Vielleicht koͤnnte der Staat ohne ſei - nen Schaden zwey, drey Millionen Juden aufneh - men. Aber nun welche Proportion von einer Mil - lion neuer Juden im Preußiſchen? wuͤrde die nicht wenigſtens der Vermehrung deutſcher Buͤrger, die die Waffen tragen koͤnnen, hinderlich ſeyn? Braͤch - ten ſie viel Geld ins Land, deſto ſchlimmer, denn ſo koͤnnten ſie Aecker und Gewerbe an ſich ziehen. Gerade an Gelde hat der Preußiſche Staat zur Zeit des Krieges nicht eben Mangel gelitten: aber nach Verhaͤltniß ſeiner Unterthanen hat er eine ſehr groſſe Armee, ſehr viele Haͤnde, unentbehrlich noͤthig. An - geworbene Auslaͤnder ſind, wie Herr D. ſelbſt ge - ſteht, doch angebohrnen Unterthanen nicht gleich zu ſchaͤtzen, deſertiren auch mehr; aber es koͤnnen Zei - ten kommen, ſonderlich wenn Deutſchland noch mehr Buͤrger in andern Welttheilen verliert, da die aus - waͤrtige Werbung ſchwer oder unmoͤglich wird. Alſo ſcheinen es zwey ſehr verſchiedene Fragen zu ſeyn, ſoll Oeſterreich? ſoll Preußen? und noch eine dritte ſehr verſchiedene Frage wuͤrde es ſeyn, ſoll Groß - britannien thun, was Herr D. raͤth?

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Aber nun noch ein Zweifel von anderer Art ge - gen den fuͤr die Juden wirklich wohlthaͤtigen und menſchenfreundlichen Vorſchlag. Auf dieſer wohl - thaͤtigen Seite ſchaͤtze ich ihn hoch, aber moͤchte nicht mit der Wohlthat Beleidigung und Unrecht gegen die angebohrnen Buͤrger verbunden ſehn? Der ge - meine Haufe der armen Juden iſt laſterhafter, als wir, das geſteht Herr D. ſelbſt ein, die Haͤlfte der Spitzbubenbanden beſteht aus ihm, das ſagen die Criminalacten, im erſten und zweyten Menſchenal - ter wird der moraliſche Character der Juden wohl noch nicht gebeſſert werden, das geſteht Herr D. freywillig ein, und hoffet die gewuͤnſchte Beſſerung erſt im dritten oder vierten Menſchenalter, das heiß[t], in hundert oder hundert und vierzig Jahren. Ob ſie im dritten oder vierten Menſchenalter oder noch viel ſpaͤter, erfolgt, waͤre ein Problem: aber bis ins dritte Menſchenalter ſollen wir nach ihm ſelbſt warten. Waͤre nun etwan von moraliſchen Krank - heiten die Rede, die dem juͤdiſchen Volk ſelbſt ſchade - ten, ſo koͤnnte man den Verſuch an ſie wagen, aber die Krankheit iſt gerade, daß aus ihnen die Spitz - bubenbanden beſtehen, oder ſie doch Hehler und Ver - kaͤufer ſind. In den Gegenden Deutſchlandes, in denen Fuͤrſten (oft aus Gewinnſucht und wegen desein -55eintraͤglichen Schutzgeldes) viel Juden dulden, kla - gen die Unterthanen, daß ſie vor Diebereyen und naͤchtlichen Einbruͤchen nicht ſicher ſind: ſelbſt hier in Goͤttingen hat doch zur Sicherheit der Einwohner vor Diebſtaͤhlen den ſaͤmtlichen unſere Jahrmaͤrkte beſu - chenden fremden Juden verboten werden muͤſſen, ungerufen auch nur zum Anbieten ihrer Waare und Handels in die Haͤuſer zu kommen. Soll nun ein Landesherr ſeinen guten Unterthanen ein ſolch Volk in der Hofnung, es im dritten oder vierten Ge - ſchlecht zu beſſern, aufdringen? Wie? wenn ein Vater einen liederlichen diebiſchen Betteljungen, der ihn nicht angehet, um ihn zu beſſern, ſeinem Sohn zum Schulkameraden ins Haus naͤhme? Der Va - ter kann allenfalls, wenn er ſich um das Urtheil der Welt nicht bekuͤmmert, ohne Verletzung der Rechte ſeines Sohns thun, was er will: er iſt Herr, hat dem Sohn das Daſeyn gegeben, und ſchaft ihm Brodt. Aber der Fuͤrſt thut keins von beyden, hat nach dem natuͤrlichen Recht ſeine Gewalt am Ende vom Volk, iſt deſſen erſter Bedienter, wird von dem reichlich dafuͤr beſoldet, und nicht der Fuͤrſt, ſondern das Volk ſchuͤtzt den Staat und ihn ſelbſt, Er lenkt blos den Schutz. Selbſt ſouveraine Koͤnige aͤuſſern dieſen Gedanken frey in ihren Schriften. Hier ſchie -D 4ne56ne es nun nicht blos Haͤrte, ſondern eigentliches Un - recht gegen das Volk zu ſeyn, wenn der Fuͤrſt ſeine allgemeine Menſchenliebe ſo weit triebe, die Armen eines ſolchen Volks, das ihn weiter nicht angeht, und ein ſo unbequemer Nachbar iſt, ſeinen wehr - haften Unterthanen, von denen er alle Macht nebſt der Pflicht hat, fuͤr ihr Beſtes zu ſorgen, und von denen er ſo reichliche Bezahlung annimmt, zum Nachbar, noch dazu mit gleichen Buͤrgerrechten auf - zudringen. Ein anderes iſt es, wenn von Colonien, die man in wuͤſte Laͤnder fuͤhren will, die Rede waͤre, wohin man auch wohl die Maleficanten oder lieder - liche Leute, wie es in Wien hieß, den Schub, ſchickt, (wiewohl doch zuletzt die Amerikaniſchen Colonien auch daraus eine Beſchwerde machten, daß England ſeine nicht am Leben geſtraften Miſſethaͤter ihnen zuſchickte.)

Doch nun noch etwas von dem, was Herr D. zur voͤlligen Gleichmachung der Juden mit andern Buͤrgern rechnet. Die Nahrungszweige, die er ih - nen geoͤfnet wiſſen will ſind, wie er ſelbſt ſagt, alle, Ackerbau, Handwerke, und Studien, auch wohl der Zugang zu Bedienungen, doch dieſer ihm ſelbſt zweifelhaft.

Gegen57

Gegen das Zulaſſen zu Handwerken habe ich vor - hin ſchon meine Zweifel geſagt: einige treffen auch ihre Zulaſſung zum Ackerbau, aber wenn ein Staat wirklich wuͤſte Gegenden haͤtte, ſo trete ich in dem Fall Herrn D. bey, daß man einen Verſuch machen koͤnnte, Juden als Coloniſten zu gebrauchen: ſogar, wenn auch ein reicher Jude eine voͤllig wuͤſte Gegend urbar machen wollte, glaube ich, auch der Verſuch waͤre zu machen, nur dergeſtalt, daß er entweder lauter Haͤnde armer Juden, oder, wenn er Chri - ſten noͤthig haͤtte, verheyrathete Chriſten gebrauchen und ihnen zu leben geben ſollte, damit nicht durch Dienſte bey ihm die Bevoͤlkerung des Landes mit fech - ten koͤnnenden Buͤrgern vermindert wuͤrde. Dabey kommt mir, da es doch erſt Verſuch iſt, von dem man ohne Erfahrung nicht weiß, wie er ausſchlaͤgt, das kayſerliche Toleranzedict weiſe vor, das den Ju - den die Aecker auf eine Zeit von 20 Jahren giebt, und denn erſt auf ewig, wenn ſie Chriſten werden. Nur habe ich einen groſſen Zweifel, ob die des herum - laufens bisher gewohnten, ſich vor Handarbeit ſo ſehr ſcheuenden Juden, zum Ackerbau Luſt haben werden. Auch werden chriſtliche zu Kriegesdienſten brauchbare Coloniſten, ſelbſt aus andern Laͤndern, wenn man ſie haben kann, dem Staate vortheilhaf - ter ſeyn, als juͤdiſche.

D 5Wenn58

Wenn Herr D. hingegen den Juden auch erlau - ben will, Aecker zu kaufen, ſo denke ich anders, weil dadurch die Anzahl deutſcher Bauren, aus denen wir die beſten Soldaten haben, gemindert, und der Staat geſchwaͤchet wuͤrde: ferner auch darin, wenn er ſie mit unſern Bauren vermiſcht in einerley Doͤrfern wohnen laſſen will. In den drey bis vier Genera - tionen, in denen der arme Jude noch nicht gebeſſert iſt, kommt mir dieſe Nachbarſchaft als Unrecht ge - gen unſern Bauren, den natuͤrlichen Vertheidiger und Macht des Staats, vor.

Wegen der Wiſſenſchaften, die insgeſammt den Juden, wie allen freyen Menſchen, auch als Ge - werbe offen ſeyn ſollen, verſtehe ich Herrn D. nicht voͤllig. Mich duͤnkt, hier haben ſie ſchon alles, was ſie nur wuͤnſchen koͤnnen, und ich weiß nicht was er ſelbſt noch hinzuthun wollte. Medicin, Philoſophie, Phyſic, Matheſis ſind ihnen ja auf keine Weiſe ver - ſchloſſen, die erſte uͤben viele Juden, auch unter dem academiſchen Titel Doctor, oder einem noch hoͤhern; unſere Rechtsgelehrſamkeit iſt keine Wiſſenſchaft fuͤr ſie, denn dem Buͤrger wird Herr D. nicht ein aus - waͤrtiges Volk zum Richter geben wollen, da er ſelbſt mit Recht darauf dringet, daß die Juden in ihren Streitigkeiten unter einander, von Rabbinen nacheige -59eigenen Geſetzen gerichtet werden ſollen; unſere Theo - logie werden ſie noch weniger ſtudiren wollen, oder lehren ſollen. Dagegen lernen ſie aber ihre eigene Theologie und Rechte, und dis iſt bey ihnen Nah - rungszweig, die Rabbinen leben davon. Sie zum Studiren zu ermuntern, wird doch wohl Herrn D. Vorſchlag nicht ſeyn, da gerade die uͤbergroße Men - ge der Studirenden dem Staat ſo nachtheilig wird, daß ſchon Koͤnige daran gedacht haben, die Anzahl zu mindern, wenn es nur ohne zu viel Einſchraͤn - kung der menſchlichen Freyheit moͤglich waͤre. Dieſe Menge der Studirenden iſt wirklich ein großes po - litiſches Uebel, raubt andern Gewerben ſo viel Haͤn - de, und unter dem pedantiſchen Vorwand, der habe einen guten Kopf, er muͤſſe ſtudiren, die beſten Koͤ - pfe, auch dem Soldatenſtand ſo viel Haͤnde; uͤber - laͤſtigt den Staat mit Leuten, die ernaͤhrt werden wollen, macht ſie ſelbſt ungluͤcklich, weil ſie bey ih - rer Menge erſt ſpaͤt befoͤrdert werden koͤnnen, und hindert eben wegen der aus der Menge entſtehenden ſpaͤten Befoͤrderung auf eine fuͤrchterliche Weiſe die Ehen. Dis Uebel ſoll doch nicht noch vermehrt wer - den! Je mehr Studirende, je ſpaͤtere Befoͤrderung, je weniger, oder endlich gar keine Ehen der Studi - renden.

Den60

Den Vorſchlag, die Juden auch zu oͤffentlichen Aemtern zu laſſen, thut zwar Herr D. S. 118 ver - wirft ihn aber wenigſtens vors erſte aus hinlaͤnglichen Gruͤnden. Es ſey mir erlaubt, noch folgendes hin - zu zu ſetzen. Zu vornehmen Bedienungen ohne Noth Auslaͤnder, oder auch Maͤnner von anderer Religion als im Lande die allgemeine iſt zu nehmen, kann dem Unterthan unmoͤglich angenehm ſeyn, und iſt an einigen Orten gar wider die Grundgeſetze*)Wo Grundgefetze ſind, muͤſſen ſie beobachtet wer - den. Sonſt, duͤnkt mich, muß bey Anſtellung von Staatsbedienten von nichts Anderm die Frage ſeyn, als von der Faͤhigkeit. D. . Dis tritt hier deſto mehr ein, wo die Religionen ei - nen ſo großen nie zu aͤndernden politiſchen ewigen Unterſchied**)Dies eben iſt die große Frage: ob ein ſolcher nie zu aͤndernder, ewiger, politiſcher Unterſchied da ſey? Ich glaube es nicht. D. machen. Chriſten, die ſchuͤtzenden Buͤr - ger, die das Vaterland und auch den Juden mit dem Degen vertheidigen, Juden, Unterthanen die dem Staat nichts geben koͤnnen, als Geld, auch nicht einmahl bis ins zehnte und ſpaͤtere Geſchlecht, Kin - der zu Vertheidigung des Vaterlandes zeugen, wenn die Kinder nicht die vaͤterliche Religion verlaſſen ſol -len.61len. Auch hat Moſes durch ſeine Geſetze, ſonder - lich von reinen und unreinen Speiſen, genug dafuͤr geſorgt, daß ſie, ſo lange ſie dieſe halten, auch nach mehreren Geſchlechten nie voͤllig mit uns als Ein Volk zuſammenflieſſen koͤnnen: die meiſten genauen Freundſchaften entſtehen gemeiniglich beym Eſſen und Trinken. Welches Volk nicht mit uns eſſen und trinken kann, bleibt immer ein in ſeinen und unſern Augen ſehr abgeſondertes Volk. Dazu kommt der Nationalſtolz der Juden, der es, wenigſtens Deut - ſchen und Englaͤndern unertraͤglich machen wuͤrde, ſie zu Obern zu haben. Vielleicht hat, ungeachtet alles Widerſpruchs der Gegenparthey, und aller ein - zelnen nicht ganz zu leugnenden Fehler, kein Koͤnig von Großbritannien, ein ſo kluges, alle Kraͤfte des Reichs gegen viele Feinde aufbietendes Miniſterium gehabt, als das jetzige iſt*)Herr Ritter Michaelis meynt hier das im Maͤrz 1782, nach dem einſtimmigen dringenden Verlangen der Nation verabſchiedete Miniſterium. D. ; aber wenn in ihm ein oder zwey nationaliſirte Juden waͤren, die redlichſten und einſichtsvolleſten Maͤnner von der Weit, und ſie thaͤ - then alles was das jetzige Miniſterium thut, oder noch mehr: wuͤrde nicht bey dem Widerſpruch gegen gewiſſe Maasregeln, oder auch bey gewiſſen Fehl -trit -62tritten, eine Rebellion entſtehen? Der muͤßte die Engliſche Nation nicht kennen, der hier auf die Ant - wort lange nachſoͤnne. Die Bedienung eines Hof - juden, Cammerjuden u. ſ. f. die ſich auf Handlung und Wechſel beziehet, bleibt dem Juden doch immer, und iſt vortheilhaft.

Sogar gegen die niedrigen Bedienungen von Zolleinnehmern, die man bisweilen den Juden an - vertrauet, moͤchte noch wohl etwas zu erinnern ſeyn. Es iſt nicht blos fuͤr das herrſchende ſchuͤtzende Volk ein uͤbel Compliment, ſie Auslaͤndern, die ſich im - mer als ein fremdes Volk unterſcheiden, und doch durch ihre Bedienung viel Rechte bekommen, ſo zu unterwerfen, (der alte verdiente Soldat von unſerm eigenen Volk, der uns einmahl vertheidiget hat, ſchickt ſich beſſer, und dem goͤnnen wir alle dankbar dieſen Unterhalt) auch muß man, nach der Beſchrei - bung die Herr D. ſelbſt von den Juden macht, von ihnen Chicanen und Erpreſſungen erwar - ten: ſondern es ſchwaͤcht auch in der Folge die Anfangs zunehmenden Einkuͤnfte des Staats. Je widriger man gegen Zoll - und Acciſe-Einnehmer ge - ſinnet iſt, deſto hoͤher ſteigen die Defrauden, und ihre unuͤberſehliche Kunſt, die jetzt die Schwaͤche ei - niger deutſchen Staaten, und die Laſt fuͤr ehrliche,die63die Abgaben gewiſſenhaft entrichtende Buͤrger wird. Das Gegenmittel gegen ſie anzugeben, gehoͤrt hier nicht her, wohl aber dis, daß man das Uebel nicht durch juͤdiſche Zoͤllner vermehren muß*)Mich duͤnkt daß Herr M. hierin ſo wohl im Allge - meinen, als auch in Abſicht der Juden, ſo lange ſie nicht voͤllig nationaliſirt ſind, ſehr recht habe. D. .

Zu derjenigen Guͤte oder Billigkeit, die Herr D. den Juden von unſern Fuͤrſten verſchaffen will, ge - hoͤrt auch, daß ſie zwar alle Abgaben der Chriſten, aber keine mehrere, kein Schutzgeld geben, wie er ſich ausdruͤckt, nicht ihre Exiſtenz bezahlen ſol - len. Dis Schutzgeld koͤmmt mir doch billig vor, da ſie dem Staat blos Geld, nicht ihr Blut, nicht ihre Haͤnde, zur Vertheidigung geben koͤnnen, und wol - len. Hier bin ich aber nicht im Widerſpruch gegen Herrn D. denn er ſagt ſelbſt S. 147 bis ſie zu mi - litaͤriſchen Dienſten eben ſo willig als faͤhig ſich erprobt haben werden, iſt nichts gerechter, als daß ſie fuͤr dieſe Nichtleiſtung ihrer Pflicht beſondere Abgaben entichten. Der Unterſchied unſerer Gedanken beſteht nur darin, daß ich glaube, die Juden werden nie, nicht im zehnten Geſchlecht, zu Kriegesdienſten ſo willig und koͤrperlich-tuͤchtig ſeyn als Deutſche, und die Auflage werde alſo ewigſeyn.64ſeyn. Dabey glaube ich auch, das Schutzgeld, das Juden zu geben pflegen, ſey gegen unſer, der ſchuͤ - tzenden oder ſchuͤtzende Kinder zeugenden Nation, Blut, der noch dazu das Land gehoͤret, und von der der Landesherr ſeine Rechte hat, nicht unmaͤßig. Soll Gleichheit zwiſchen Deutſchen und Juden in den Auflagen ſeyn, ſo iſt es duͤnkt mich, nicht ge - nug, das der Jude, der keine Kriegesdienſte thun kan, einen Soldaten fuͤr ſich ſtellet; ein frem - der Soldat, oft viel fremde, ſind nicht ſo gut wie Ein Landeskind, und mancher Bauer giebt im Krie - ge mehr als Einen Sohn her, aber denn tritt noch der große Unterſchied ein, daß der Deutſche auch auf die Zukunft Kinder und Kindeskinder zeuget, die Haͤnde haben, und ſchuͤtzen koͤnnen, der Jude aber nichts zum Schutz brauchbares zeuget, ſondern blos geſchuͤtzt ſeyn will.

Was Herr D. von S. 125 an ſaget, daß Ju - den, ich verſtehe es, in Streitigkeiten unter einan - der nach ihrem eigenen Recht gerichtet werden ſollen, halte ich fuͤr die groͤſſeſte Billigkeit: aber in vielen Laͤndern iſt dis keine Bitte, ſondern ſchon erfuͤllet, z. E. im Hanoͤveriſchen. Dis geht ſo weit, daß, wenn auch der Proceß an ein hoͤheres Landesgericht kaͤme, von demſelben nicht einmahl, wie ehedem ge -braͤuch -65braͤuchlich war, Profeſſoren der orientaliſchen Spra - chen, ſondern im Lande beſtellete Rabbiner befraget werden: und dieſe Billigkeit iſt allgemeiner Nachah - mung werth. Rabbinen muͤſſen ohne Zweifel ihr hergebrachtes Recht viel beſſer verſtehen, und leich - ter beantworten koͤnnen, als der beſte und gelehrte - ſte Profeſſor der orientaliſchen Sprachen, denn der hat ſich mit ganz andern Dingen zu beſchaͤftigen, und Rechtskunde, ſonderlich die etwas verworrene juͤdiſche Rechtskunde, erfodert ihren eigenen Mann. Wir Chriſten fragen ja auch den Profeſſor Eloquen - tiaͤ nicht, wenn uͤber Acten nach roͤmiſchem Recht zu urtheilen waͤre. Aber Einen Gedan - ken, der mir mehrmahls aufgefallen iſt, und den zu ſagen ich noch nie Gelegenheit gehabt habe, kann ich hier nicht unterdruͤcken: wirklich er geht, das wird Herr D. wohl kaum von mir erwarten, auf eine Verhinderung der Juden in einem gewiſſen Stuͤck nach ihrem Geſetz zu leben*)Ich habe es in meiner Schrift durchaus nicht damit zu thun, daß die Juden ſtrenge nach ih - rem Geſetze leben, ſondern nur damit, daß und wie ſie beſſere und gluͤcklichere Glieder der Geſellſchaft werden moͤgen. Fuͤr die ihnenin; und doch glaube ich,amE66am Ende wird er mir beyſtimmen. Sollte man nicht aus Guͤte die Juden, die man duldet, abhalten, Juden, in der Abſicht ihrer Seele Ruhe zu verſchaf - fen, lebendig zu begraben. Das uͤbereilte Begraben der Juden kann nicht anders, als verurſachen, daß viele lebendig begraben werden, bey der kleinen Ju - denſchaft zu Goͤttingen hat man ſchon zu meiner Zeit Ein durch Dieberey ruchtbar gewordenes Beyſpiel ge - habt, (die meiſten bleiben verborgen) neulich las man auch eins in den politiſchen Zeitungen, mit der wohl - gemeynten Anmerkung des uͤbel unterrichteten Zei - tungsſchreibers, Moſes habe recht gethan, in einem ſuͤdlichen Clima das fruͤhe Begraben zu befehlen, aber in Deutſchland ſollte man es abſtellen. Moſes hat kein Wort davon verordnet, zu ſeiner Zeit begrub man noch viel ſpaͤter, als bey uns, es iſt rabbini - ſche Verordnung, freylich ſchon eine zu Chriſti Zeit eingefuͤhrte, wie man aus dem N. T. und Joſepho ſiehet, und vermuthlich, ſo wie manche andere Ge -braͤuche*)in Abſicht ihres Geſetzes zu verſtattende Frey - heit bin ich alſo nur in ſo fern es dieſem Zwecke nicht widerſpricht. Ich ſtimme daher der Abſchaf - fung des abſcheulichen Mißbrauchs, von dem Herr M. hier redet, von Herzen bey und wuͤrde dieſes thun, wenn er auch wirklich in dem juͤdiſchen Ge - ſetz gegruͤndet waͤre. D. 67braͤuche jener Zeit aus Annehmung des Aberglau - bens der herrſchenden Nation entſtanden; denn ſo wie Griechen und Roͤmer ſagten, der Unbegrabene werde vom Charon nicht uͤbergeſetzt, ſo glauben die Juden, die Seele koͤnne nicht zu Gott kommen, bis der Leib zur Erde gekommen ſey. Waͤre es nicht fuͤr Juden Wohlthat, ihr Leben zu ſichern? nicht, daß man ihnen befoͤhle, wider ihr Gewiſſen zu handeln, und ſpaͤter zu begraben, beyleibe nicht! ſo wenig als man dem Quacker, der in die Koͤnigl. Zimmer zu St. James geht, befiehlt den Huth abzunehmen, ſondern daß man, wie dieſem die Wache den Huth abnimmt, auch den Juden ihre Leiche abnaͤhme, und bis auf den dritten Tag in einem dazu verordneten Zimmer unter guter Aufſicht aufbewahrte?

Nun noch ein paar Anmerkungen zum hiſtori - ſchen Theil des Buchs. S. 38. wo von dem Briefe die Rede iſt, den die Juden zu Worms, Ulm und Regensburg, 1348 vorwieſen, in dem ihnen die Juden in Palaͤſtina von Jeſu Nachricht gegeben, iſt vermuthlich ein Nicht durch einen Druckfehler ausgelaſſen, und es ſoll (meo periculo legen - dum cenſeo) heiſſen: von den diplomatiſchen Kenntniſſen dieſer Zeit laͤßt es ſich Nicht er - warten, daß man eine ſolche Urkunde fuͤrE 2 aͤcht68 aͤcht halten, und durch ſie bewogen werden koͤnnte, uͤber die Juden etwas guͤnſtiger zu denken. Ich wuͤrde Gruͤnde anfuͤhren, wenn ich nicht ganz klar zu ſehen glaubte, daß es ein Druckfehler iſt*)Es iſt dieſes kein Druckfehler, und das Nicht wuͤr - de meinen ganzen Sinn gerade umkehren. Die Kuͤrze meines Ausdrucks muß Schuld ſeyn, daß dieſe Stelle einem Michaelis dunkel ſeyn koͤnnen, und dieſe Kuͤrze war alſo Fehler. Die Urkunde, von der hier die Rede, iſt natuͤrlich falſch, nur weil man im 14ten Jahrhundert ſo wenig Geſchichts - und di - plomatiſche Kenntniſſe hatte, konnte man vielleicht ſie fuͤr aͤcht annehmen, und wenn man alſo hiernach die Vorfahren der deutſchen Juden an dem Tode Chriſti unſchuldig glaubte, bewogen werden, beſſer von dieſen zu denken und ſie menſchlicher zu behan - deln. Dies war mein Sinn. D. , deren ich noch einen den ganzen Sinn veraͤndernden, auf eben dieſer Seite wahrge - nommen habe**)Ich habe dieſe Seite mehrmalen mit Aufmerkſam - keit durchgeleſen, aber keinen Druckfehler finden koͤnnen. Die Bemuͤhung verſchiedener Freunde iſt eben ſo vergeblich geweſen. D. .

Daß die Griechiſch-Syriſchen und Aegyptiſchen Koͤnige die Juden fuͤr ſehr gute Unterthanen anſa -hen,69hen, und ihnen auſſerordentliche Freyheiten verlie - hen, iſt hiſtoriſch wahr: nur die Sache gewinnet bey dieſer Anempfehlung der Juden zu vollem Buͤr - gerrecht eine andere Geſtalt. Wir wiſſen erſt die Facta eigentlich blos von einem Juden, Joſepho; aber aus deſſen eigener Erzaͤhlung zeigt ſich, daß die - ſe Koͤnige juͤdiſche Colonien, die ſie in feſte Staͤdte fuͤhrten, als eine Art von Beſatzung gegen die alten Einwohner gebrauchen wollten. Solche Juden-To - leranz moͤchten wir nun wohl nicht gern haben, man - chos europaͤiſche Volk wuͤrde die Haͤnde haben, daß der Fuͤrſt, der ſeinen Unterthanen zu trauen keine Urſache mehr faͤnde, bey einer ſolchen Juden-Guarde nicht gut fuͤhre. Ueberhaupt, auswaͤrtige Beſatzun - gen, die Unterthanen in Gehorſam zu halten, ſind nicht das Gute: der gute Fuͤrſt iſt unter ſeinen Un - terthanen, der Herzog Eberhard von Wuͤrtenberg unter freyem Himmel oder im Walde ſchlafend, im Schoos jedes Unterthaus, und ein Koͤnig von Eng - land wenn ihm ein Higwayman begegnet, und ihn erkennet, ganz ſicher*)Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Fuͤrſt Unrecht haben wuͤrde, der die Juden zu Unterdruͤckung ſei - ner uͤbrigen Unterthanen gebrauchte; aber ſoll die -ſer.

E 3Was70

Was Herr D. von den gluͤcklichen Umſtaͤnden der Juden unter den Roͤmern ſagt, iſt nicht blos rich - tig, ſondern lieſſe ſich noch mit anſehnlichen Zuſaͤtzen, die ihm angenehm ſeyn wuͤrden, vermehren: die Ge - ſchichte, wie ihnen Rechte, die ſie einmahl hatten, ſelbſt nach zwey Rebellionen behalten hatten, un - ter chriſtlichen Kayſern genommen ſind, kann man nicht wohl ohne Misbilligung leſen. Aber nun et - was wichtiges mit Herrn D. eigenen Worten, S. 50. In dieſem Zuſtande befand ſich die juͤdiſche Nation, als die verſchiedenen nordiſchen Voͤl - ker in das Roͤmiſche Reich einfielen, und in den Provinzen deſſelben eigene neue Staaten errichteten. Da die freygebohrnen Roͤmer von dieſen ihren neuen Beherrſchern faſt als Sclaven behandelt wurden, ſo muß - ten die Juden u. ſ. f. Wenn ich dis leſe, faͤllt mir der Gedanke als natuͤrlich auf: es war unrecht, wenn die chriſtlichen Kayſer den Juden nahmen, was ſie hatten, aber wenn die Sieger, und deren Nach - kommen, den Juden Rechte nicht von neuen geben,die*)ſer bloß moͤgliche (bey einer ſo lange Zeit ganz unmilitaͤriſchen Nation gewiß ſehr unwahrſchein - liche) Fall, die Regierung abhalten, zu thun, was Philoſophie und Politick einſtimmig verlangen?71die ſie zur Zeit der Eroberung nicht hatten, ſo iſt es nicht unrecht. Koͤnnen wir mit Vortheil, oder oh - ne Schaden, den Juden mehr einraͤumen als ſie ha - ben, ſo iſt es Menſchenliebe*)und Politick. Ich habe auf dieſes Letztere vor - zuͤglich gedrungen, weil in Sachen der Art, die - ſer Beweggrund am meiſten faͤhig iſt, Aufmerkſam - keit und wirkliche Thaͤtigkeit hervorzubringen. Sonſt bin ich feſt uͤberzeugt, daß in dieſem, wie in jedem Falle, Menſchlichkeit und aͤchte Politick gerade ein und Daſſelbe ſey. D. , dis zu thun: aber was eingeraͤumt werden ſoll, kommt auf die Frage an, was kann ihnen mehreres, als ſie jetzt haben, ohne Nachtheil des Staats, (ſollte der auch noch ſo ſpaͤt erfolgen) und ohne Nachtheil des Einheimiſchen, Recht an das Land habenden, und es vertheidigenden, deutſchen Buͤrgers, deſſen Vater, Vormund und hoͤchſter Bedien - ter der Fuͤrſt iſt, eingeraͤumt werden?

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2. Anmerkungen uͤber dieſe Beurtheilung von Hrn. Moſes Mendelsſohn*)Der wuͤrdige Hr. Verfaſſer ſchickte mir dieſe An - merkungen ſogleich, als er die Michaeliſche Recen - ſion geleſen hatte und mit ſeiner Erlaubniß mache ich ſie itzt bekannt, ob ſie gleich eigentlich dazu nicht beſtimmt waren..

Der Hr. Ritter Michaelis ſcheint keine andere Laſter zu kennen, als Betrug und Spitzbuͤberey. Wenn aber die Laſterhaftigkeit eines Volks geſchaͤtzt werden ſoll, ſo kommen, wie ich glaube, Moͤrder, Straſ - ſenraͤuber, Landverraͤther, Mordbrenner, Ehebrecher, Hurerey, Kindermord ꝛc. mit in den Anſchlag.

Selbſt wenn die Laſterhaftigkeit blos nach der Menge der Diebe und Diebeshehler geſchaͤtzt werden ſoll, muͤſſen dieſe nicht mit der Volksmenge uͤber - haupt in Vergleichung geſetzt, ſondern Kleinhaͤndler und Troͤdler unter den Juden mit Leuten dieſes Ge - werbs unter Andern verglichen werden. Ich wette, daß nach dieſer Vergleichung die Proportion ganz anders ausfallen ſoll. Ich berufe mich keck auf dienem -73nemlichen juriſtiſchen Acten, ob nicht nach dieſer Rechnungsart 25 mal ſo viel deutſche Diebe und Diebeshehler unter den Troͤdlern ſind, als juͤdiſche. Nicht zu gedenken, daß der Jude dieſe Lebensart aus Noth ergreift; die andern aber Feldmarſchaͤlle und Miniſter werden koͤnnen, und aus freyer Wahl Kleinhaͤndler, Troͤdler, Mausfalltraͤger, Schatten - ſpiel - und Raritaͤtenkraͤmer ꝛc. geworden ſind.

Diebshehler finden ſich allerdings unter den juͤdi - ſchen Troͤdlern nicht wenige; aber eigentliche Diebe ſehr wenige, und dieſe ſind groͤßtentheils Leute ohne Schutz, die nirgend auf dem Erdboden unterkommen koͤnnen. Sobald ſie zu einigem Vermoͤgen gekom - men ſind, kauffen ſie ſich von den Landesfuͤrſten ein Schutzprivilegium, und verlaſſen ihr bisheriges Ge - werbe. Dieſes iſt notoriſch, und mir ſelbſt ſind in meinen juͤngern Jahren manche bekannt geweſen, die in meiner vaͤterlichen Heimat ein ganz unbeſcholtenes Leben gefuͤhrt haben, nachdem ſie einige Jahre mit - gelauffen, und ſo viel zuſammengeſcharrt hatten, als zu Erkauffung eines Schutzes erfordert wird. Ein Unweſen, das man blos der feinen Politick zu verdanken hat, den armen Juden allen Schutz und Aufenthalt zu verweigern, und ſie mit offenen Ar - men aufzunehmen, wenn ſie ſich reich geſtohlen ha -E 5ben74ben. So ſehr auch Hr. Ritter M. wider die Ar - muth, nach Anleitung der Schrift, eingenommen iſt; ſo habe ich bey meiner Nation wenigſtens unter den Armen vergleichungsweiſe weit mehr Tugend ge - funden, als bey den Reichen.

Die gehofte Ruͤkkehr nach Palaͤſtina, die Herr M. ſo beſorgt macht, hat auf unſer buͤrgerliches Ver - halten nicht den geringſten Einfluß. Dieſes hat die Erfahrung von jeher gelehrt, an allen Orten, wo Juden bisher Duldung genoſſen, und iſt eines Theils der Natur des Menſchen gemaͤß, der, wenn er nicht Enthuſiaſt iſt, den Boden liebt, auf welchem ihm wohl iſt, und wenn ſeine religioͤſe Meynungen da - wider ſind, dieſe fuͤr die Kirche und die Gebetsfor - meln verſparet, und weiter nicht daran denkt; an - dern Theils aber der Vorſorge unſrer Weiſen zuzu - ſchreiben, die uns den Verbot im Talmud ſehr oft eingeſchaͤrft, an keine gewaltſame Ruͤkkehr zu den - ken; ja ohne die in der Schrift verheißene große Wun - der und außerordentliche Zeichen, nicht den gering - ſten Schritt zu thun, der eine gewaltſame Ruͤkkehr und Widerherſtellung der Nation zur Abſicht haͤtte. Dieſen Verbot haben ſie auf eine etwas miſtiſche, doch ſehr einnehmende Weiſe, durch den Vers im Hohenliede ausgedruͤckt (Cap. 2, v. 7. und C. 3, v. 5.)

Ich75
Ich beſchwoͤre euch,
Toͤchter Jeruſalems!
Bey den Hirſchen,
Bey den Hinden des Waldes,
Daß ihr nicht wecket
Und nicht rege machet
Die Liebe,
Bis es ihr gefaͤllt.

daher ſind auch alle Anſchlaͤge, die die Projectma - cher, Langallerie u. a. ſeines Gelichters auf die Beutel der reichen Juden gehabt haben, noch immer ohne Wirkung, und wenn ſie ſelbſt auch anders aus - geſagt haben, leerer Wind geweſen.

Was Herr M. von unſerer Untauglichkeit zum Kriegesdienſte ſagt, laſſe ich dahin geſtellt ſeyn. Will er, daß die Religion den Trutzkrieg gut heiße; ſo nenne er mir die unſelige, die es thut. Die chriſt - liche ſicherlich nicht. Und werden nicht Quacker und Menoniſten geduldet, und mit weit andern Vorrech - ten und Freyheiten geduldet, als wir?

Anſtatt Chriſten und Juden bedient ſich Herr M. beſtaͤndig des Ausdrucks Deutſche und Juden. Er entſiehet ſich wohl, den Unterſchied blos in Reli - gionsmeynungen zu ſetzen, und will uns lieber als Fremde betrachtet wiſſen, die ſich die Bedingungengefal -76gefallen laſſen muͤſſen, welche ihnen von den Land - eigen thuͤmern eingeraͤumt werden. Allein erſtlich iſt dieſes ja die vorliegende Frage: ob den Landeigenthuͤ - mern nicht beſſer gerathen iſt, wenn ſie dieſe Gedul - deten als Buͤrger aufnehmen, als daß ſie mit ſchwe - ren Koſten andere Fremden ins Land ziehen? Sodenn moͤchte ich auch eroͤrtert wiſſen: wie lange, wie viel Jahrtauſende dieſes Verhaͤltniß, als Land - eigenthuͤmer und Fremdling fortdauern ſoll? Ob es nicht zum Beſten der Menſchheit und ihrer Cultur gereiche, dieſen Unterſchied in Vergeſſenheit kommen zu laſſen?

Mich duͤnkt ferner, die Geſetze ſollen uͤberhaupt keine Ruͤckſicht auf beſondere Meynungen nehmen. Sie ſollten ihren Weg unaufhaltſam fortgehen, und das vorſchreiben, was dem allgemeinen Beſten zu - traͤglich iſt, und wer zwiſchen ſeinen beſondern Mey - nungen und den Geſetzen eine Colliſion findet, mag zuſehen, wie er dieſe heben kann. Soll das Vater - land vertheidiget werden; ſo muß jeder hinzueilen, deſſen Beruf es iſt. Die Menſchen wiſſen in ſol - chen Faͤllen ſchon ihre Meynungen zu modificiren, und ſo zu wenden, daß ſie mit ihrem buͤrgerlichen Berufe uͤbereinſtimmen. Man ſuche ihnen nur die - ſen Widerſpruch nicht zu auffallend zu machen. Ineini -77einigen Jahrhunderten hebt, oder vergißt er ſich von ſelbſt. Auf dieſe Weiſe ſind die Chriſten, der Lehre ihres Stifters ungeachtet, Weltbezwinger, Unter - druͤcker und Sklavenhaͤndler geworden, und ſo koͤn - nen auch Juden zum Dienſte tauglich gemacht wer - den, es verſteht ſich, daß ſie das Maas haben muͤſſen, wie Hr. M. weislich erinnert, wo man ſie nicht etwa blos gegen feindliche Pigmaͤen oder Ju - den, brauchen will.

3. Des Hrn. Michaelis Beurtheilung des Anhangs Menaſſeh Ben Iſrael Rettung der Juden, aus dem Engliſchen uͤberſetzt. Nebſt einer Vorrede von Moſes Mendelsſohn*)Des Zuſammenhangs wegen laſſe ich auch dieſe Recenſion hier abdrucken..

Ich erwaͤhne dieſe Bogen blos deshalb, weil ſie ein Anhang der Dohmiſchen Schrift iſt, ohne ſie eigentlich zu recenſiren, denn nur ent -fer -78fernter Weiſe gehoͤrt ſie in dieſe Bibliothek. Die uͤberſetzte Schrift des R. Manaſſe iſt in der Hiſtorie merkwuͤrdig, weil ſie veranlaſſete, daß die vorhin vertriebenen Juden unter Cromwel wieder in Eng - land aufgenommen wurden; wiewol freylich, wie die Geſchichte ſagt, nicht blos dieſe Schrift, ſondern auch wichtigere Gruͤnde, den Protector gelenkt ha - ben ſollen. R. Manaſſe, ſagt Herr Mendels - ſohn in der Vorrede, war ein Mann von vieler Rabbiniſchen Gelehrſamkeit, und auch andern Wiſ - fenſchaften, und von einem ſehr brennenden Eifer fuͤr das Wohl ſeiner Mitbruͤder. Er erhielt zu Am - ſterdam, allwo er als Chacam der portugieſiſchen Judenſchaft lebte, die noͤthigen Reiſepaͤſſe, und ging in Begleitung einiger ſeiner Nation nach Lon - don, um die Sache ſeines Volks bey dem Protec - tor, bey dem er wohl gelitten war, und bey dem Parlament zu unterſtuͤtzen. Er fand aber mehr Schwierigkeit, als er ſich anfangs vorſtellete, und dieſen Aufſatz ſchrieb er zu einer Zeit, da er die Hofnung, in ſeinem Geſchaͤfte gluͤcklich zu ſeyn, faſt aufgegeben hatte. Endlich aber gelang es ihm den - noch, und die Juden wurden unter leidlichen Be - dinguugen wieder aufgenommen.

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In der Engliſchen Geſchichte iſt dis, wie ſchon geſagt, immer ein ſehr wichtig Stuͤck: denn wenn auch der Protector noch andere eintraͤgliche Urſa - chen der Wiederaufnahme der Juden hatte, und an - dere ſcheinbare vorgab, unter denen ſelbſt die Hof - nung einer Judenbekehrung, und die Pflicht der Chriſten an ihnen zu arbeiten, war, ſo iſt es doch dem denkenden Leſer der Geſchichte gar nicht gleichguͤltig, zu wiſſen, was dieſem ſehr klugen Kopf, der ein vom Religions-Enthuſiasmus wuͤtendes Volk zu beherrſchen und zu lenken hatte, fuͤr Mittel ge - geben ſind, alte thoͤrichte Anklagen des Aberglaubens und Religionseifers gegen die Juden zu beantwor - ten. Herrn Dohms Project betrift Manaſſes Brief eigentlich nicht; denn Manaſſe forderte fuͤr die Ju - den nicht das, was Herr D. ihnen goͤnnete, und ſie wuͤnſchten hauptſaͤchlich wegen der Handlung in Eng - land zu ſeyn: auch verdienen die meiſten Anklagen gegen die Juden, die Manaſſe beantwortet, jetzt wenigſtens im noͤrdlichen Deutſchland keine Beant - wortung mehr, weil ſie niemand mehr erhebt, ſon - dern das Publikum ſie als bloße Pfaffen - und Moͤnchs-Laͤſterungen verachtet.

Wichtiger und Herrn D. Zweck naͤher betref - fend iſt hingegen Herrn Mendelsſohns Vorrede. Weil80Weil ſie aber nichts in die orientaliſche Litteratur einſchlagendes neues enthaͤlt, oder enthalten kann, wird man hier keine eigentliche Recenſion erwarten, ſondern ſie ſelbſt leſen. Doch einen die Hauptſache betreffenden Mendelsſohniſchen Gedanken, der ſehr von Herrn Dohm abgehet, kann ich nicht unbemerkt laſſen. Herr Dohm rechnete zur Autonomie, die er den Juden eingeraͤumt wiſſen wollte, auch die kirch - liche, inſonderheit dieſes, daß ſie das Recht der Ausſchlieſſung auf gewiſſe Zeiten, oder auf im - mer haben, und im Fall der Widerſetzung das Erkenntniß des Rabbinen durch obrigkeitliche Beyhuͤlfe unterſtuͤtzt werden ſollte. Dis ver - langt nun Mendelsſohn nicht allein nicht fuͤr ſie, ſon - dern glaubt, es gebe gar keine ſolche kirchlichen Rech - te uͤberhaupt, (der Nahme klingt ihm ſchon unver - ſtaͤndlich) jede Geſellſchaft habe das Recht der Aus - ſchlieſſung, nur die kirchliche nicht, die ſolle nieman - den verſagen, an der gemeinſchaftlichen Erbauung, und Unterricht Theil zu nehmen, dis ſey ja Beſſe - rungsmittel fuͤr ihn. Er ſetzt noch hinzu: auch einer, der nicht alles glaubt, was die Kirche annimmt, wolle doch nicht gern ohne alle aͤuſſerliche Religion ſeyn, ja es koͤnne Schimpf kaum ſo ganz davon ge - trennet werden. In die Frage, ob es uͤber -haupt81haupt kirchliche Rechte gebe, ſoll ich mich hier wohl nicht einlaſſen, ſie gehoͤrt an einen ganz andern Ort: ich glaube ſie, (und das werden die meiſten Leſer auch thun) dabey wiſſen meine Zuhoͤrer in der Moral, daß ich der Kirche uͤber Layen wenig Rechte verſtatte, (uͤber ihren beſoldeten Diener, den Lehrer, muß ſie mehr haben) daß ich gegen die frommen Wuͤnſche ei - ner ſtrengen Kirchenzucht rede, und das gefaͤhrliche der Kirchenzucht zeige, ſie mag nun ariſtocratiſch von Geiſtlichen oder democratiſch geuͤbt werden, daß ich ſogar dem Geiſtlichen kein Recht gebe, einen ſo be - kannten Boͤſewicht, als Judas Iſcharloth war, vom heiligen Abendmahl auszuſchlieſſen, weil Chriſtus es nicht gethan hat, wenn er, nur nicht als Spoͤtter und Entehrer der Handlung, hinzugehen will: daß unſere Kirche von ihrem Gottesdienſt, ſofern er in Geſang, Gebet, und Unterricht beſteht, keinen aus - ſchließt, weiß jeder und ich billige es von ganzem Her - zen. Und nun wird wohl niemand zu wiſſen verlan - gen, was ich bey dem Widerſpruch zwiſchen D. und M. denke, ſondern als gewiß zum vorausſetzen; ich ſey auf der guͤtigern Seite Mendelsſohns. Das bin ich doch nicht, ſondern gewiſſermaſſen in der Mitte. Die Kirche des herrſchenden Volks handelte thoͤricht und hart, wenn ſie einen Irrglaͤubigen, Unglaͤubi -Fgen,82gen, oder Laſterhaften, von ihrem Gottesdienſt aus - ſchloͤſſe, es hieße ſo viel als, dem Kranken die Apo - theke verbieten; ihn bloß woͤrtlich zur Beſchimpfung auszuſchlieſſen, hat ſie kein Recht, es muͤßte denn der Staat es ihr ausdruͤcklich verliehen haben, vom bruͤderlichen Umgang ausſchlieſſen, iſt bey ihr ein Nichts, denn die allgemeine Kirche des Volks iſt Welt, und der Unterſchied des Umgangs mit Ne - benmenſchen und Nebenchriſten wird unſichtbar. Aber ein anderes iſt es mit einer kleinern bloß gedul - deten, und vom herrſchenden Volk geſchuͤtzten Kirche. Hier treten folgende Umſtaͤnde ein, die das Recht der Ausſchlieſſung, bisweilen gar der bezeugten ge - meinſchaftlichen Verabſchenung, zu ihrer Exiſtenz nothwendig machen.

  • 1) Durch gewiſſe Verbrechen eines Mitgliedes kann die kleine Kirche in den Augen des Volks beſchimpft werden, welches glaubt, es ſey nach ihrer Moral, und Folge ihrer Religion. Wenn jetzt ein Chriſt ſeine Stiefmutter heyrathete, und ein ſchaͤndlicher Prediger verrichtete noch ſogar die Trauung: ſo waͤre das Chriſtenthum nicht in den Augen des Volks beſchimpft, denn wir alle ſind Chriſten, und wiſſen, dis iſt nicht nach unſerer Religion, hier iſt alſo die Strafeder83der Obrigkeit allein uͤberlaſſen: aber anders 1 Cor. 5, 1 5. So lange die Corinthier den Blutſchaͤnder nicht ausſchloſſen, mußte ihre Re - ligion den Heiden aͤuſſerſt ſchwarz vorkommen.
  • 2) Gewiſſe Verbrechen eines Einzelnen koͤnnen die Rache des herrſchenden Volks gegen ſie reitzen, wenn dieſer Einzelne noch als Mitglied ihrer Ge - meine angeſehen wird. Geſetzt, ein juͤdiſcher Enthuſiaſte haͤtte um die Zeit, da Cromwel die Juden wider aufnahm, oͤffentlich Chriſtum ge - laͤſtert, (das er nach der beſten juͤdiſchen Moral nicht thun ſoll, ſelbſt den Capitoliniſchen Ju - piter nicht) haͤtten nicht die Juden ihn auf das oͤffentlichſte ausſtoſſen muͤſſen, wenn ſie, ich will nicht ſagen ihrer Duldung, ſondern ihres Lebens ſicher ſeyn wollten?
  • 3) Durch gewiſſe Verbrechen eines Einzelnen kann die kleine Kirche einen Theil oder das Ganze ihrer Gewiſſensrechte oder Duldung verlieren. Jeder weiß, was in England der Fall ſeyn wuͤrde, wenn ein Quaker im Gerichte eine Luͤge begienge, ſein Ja nicht Ja, und ſein Nein nicht Nein, nicht ſo heilig als der Eid waͤre: ihre ganze Befreyung vom Eide hoͤrte damit auf. Geſetzt der Fall truͤge ſich zu, koͤnnte man esF 2den84den Quakern verdenken, wenn ſie ihn aus ihrer Gemeine ſtieſſen? Doch dis wuͤrde die Sache noch nicht beſſern! koͤnnte man es ihnen verden - ken, wenn ſie alſo noch weiter gingen, und zu Verhuͤtung des Ungluͤcks einen auch auſſergericht - lichen Luͤgner von ihrer Gemeine ausſchloͤſſen?
  • 4) Das herrſchende Volk ſchuͤtzt und duldet die kleine Kirche, unter der Zumvorausſetzung, daß ſie gewiſſe Lehren habe, oder nicht habe. Z. E. die eben genannten Quaker, ſind vom Eide frey, weil ſie glauben und bekennen, ein bloſſes Ja und Nein ſey ſo heilig als ein Eid: geſetzt ſie glaubten dis nicht, ſondern hielten falſiloquia fuͤr erlaubt, kann ihre Befreyung fortdauren? In Deutſchland werden jetzt Wi - dertaͤufer geduldet, weil man weiß, ſie haben die rebelliſchen Lehren der Muͤnſteriſchen Wider - taͤufer nicht; wuͤrde aber dieſe Duldung immer fortdauren, wenn ſie jene Lehren haͤtten? Soll - te nun ein Mitglied der kleinen Kirche Irrthuͤ - mer von dieſer Art haben, ſo iſt doch wohl der Kirche das Recht unentbehrlich, es feyerlich aus - zuſchlieſſen, und von ſeinem Gottesdienſte nicht nur, ſondern auch von Freundſchaft und Um - gang zu entfernen.
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Auf ſolchen Faͤllen muͤßten ja denn auch billig die, neue Rechte erwerbenden Juden, das alte Recht der Ausſchlieſſung aus ihrer Gemeine behalten, und im Fall der Noth von der Obrigkeit unterſtuͤtzt werden; ſo wenig ich es meiner Kirche anrathen wuͤrde, dis Recht zu uͤben, ſo rathſam koͤnnte es doch fuͤr Juden ſeyn: ja vielleicht hat der ihnen neue Rechte einge - ſtehende Staat Urſache zu verlangen, daß ſie es uͤben. Es erleichtert ihre Nationaliſation. Darf ich dis mit ein paar Beyſpielen erlaͤutern. Betruͤglicher Eid, und Diebſtahl, oder Zuſammenhang mit Die - besbanden, iſt die Hauptſache, die eine Nationali - ſation, ja oft die Duldung der Juden bedenklich macht: man hat auch den Verdacht einer boͤſen Leh - re vom Eide, und dem an Chriſten begangenen Dieb - ſtahl, und ſo unſchuldig die Gelehrtern hier ſind, ſo ſchleichen doch unter dem Poͤbel, ſonderlich unter dem mit Spitzbubenbanden zuſammenhaͤngenden, ſolche Irrthuͤmer herum.

Wie wenn nun ein Jude dergleichen Irrthuͤmer aͤuſſerte, bey denen ſelbſt die Duldung der Juden be - denklich wird, ſollten nicht die nationaliſirten Juden das Recht haben und gebrauchen, ihm zu ſagen, du biſt kein Jude, du haſt unſere Lehre nicht, und ihn von ihren Synagogen auszuſchlieſſen? Sollten ſie nichtF 3auch86auch zu ihrer Ehre das Recht haben, eben ſo mit dem von der weltlichen Obrigkeit uͤberfuͤhrten Meineidi - gen oder Diebe zu verfahren? und koͤnnte der Staat nicht wuͤnſchen, daß dis geſchehe? Wirklich ohne ſo etwas wird dieſe Schwierigkeit, die ich gegen Buͤrger rechte der Juden erwaͤhnt habe, immer groß bleiben: aber wenn ſie, wie die Quaker in England wegen der gerichtlichen Luͤge, alſo ſie wegen Meineides und Dieberey alle fuͤr Einen ſtehen muͤßten, ſo waͤre der Zweifel gehoben. Nur dieſe Bedingung moͤchte zu hart ſeyn: aber die gelindere, die uns ehrliche Ju - den ins Land bringen, und die Sitten des Volkes wirklich beſſern wuͤrde, waͤre dieſe; diejenigen juͤdi - ſchen Gemeinen, die Buͤrgerrechte erlangen, ſchlieſ - ſen jeden aus ihrer buͤrgerlichen und kirchlichen Ge - meinſchaft aus, der einen falſchen Eid gethan, oder an einem Diebſtahl, mittelbar oder unmittelbar An - theil genommen hat, halten ihn fuͤr keinen Juden, und haben keine Gemeinſchaft mit ihm. Dis waͤre das gerade entgegengeſetzte deſſen, was ſelbſt die bloſſe Duldung der Juden in manchen kleinen Herr - ſchaften Deutſchlands den Unterthanen ſo fuͤrchter - lich macht: ſie beklagen ſich, dieſe Juden, (gemei - niglich Arme, doch bisweilen ein Reichgeworde - ner darunter) waͤren Mitglieder oder Abſetzer derSpitz -87Spitzbubenbanden, und wenn nun ſolche, auch ſelbſt auf Einbruͤchen, oder wo ſonſt Carl des fuͤnften pein - liche Halsgerichts-Ordnung den Strang ſetzt, er - griffen wuͤrden, kaͤmen ſie doch los, denn die Ju - den, die ſich es zur Pflicht machten, einem Juden das Leben zu retten, ſonderlich aber zu hindern, daß er nicht gehangen wuͤrde, legten Vorbitten ein, und begleiteten ſie mit Geld, das bey einem armen Fuͤr - ſten mehr wiegt, als das Wohl und die Sicherheit der Unterthanen. Ob ihre Klagen wahr ſind, die man mir erzaͤhlt hat, will ich nicht unterſuchen: allein ſo lange nur der Verdacht dauret, waͤre eine Juden-Nationaliſation ſchrecklich. Dis ſchreck - liche kann bloß durch gute Uebung des Kir - chenbannes wegfallen: der Jude, der geſtohlen, der falſch geſchworen hat, ſey kein Jude mehr, die juͤdiſche Gemeine verliere alle ihr verliehene Rechte, wenn ſie Judenliebe gegen ihn beweiſet, und ſich auch nur mittelbar verwendet, ihn vom Stran - ge los zu machen. Juden, die ſich nicht ſo vom Meineidigen oder Spitzbuben losſagen wollten, wo - fuͤr ſollte man die halten? und wie koͤnnte man ih - nen mehr Rechte geben? da die bloſſe bisherige Dul - dung gerade durch die beſondere uͤber MenſchenliebeF 4ſo88ſo ſehr hinausgehende Judenliebe dem herrſchenden und ſchuͤtzenden Volk ſo gefaͤhrlich wird?

Aber nun auf der andern Seite: ich glaube nicht, daß M. gegen eine Ausſchlieſſung dieſer Art etwas einwenden wuͤrde; die deren Recht er den Rabbinen nicht goͤnnen will, iſt wohl von einer andern Art. Es gehen da Misbraͤuche und Tyranneyen vor, von denen Chriſten bisweilen hoͤren, er aber vielleicht mehr wiſſen mag, und die wollte er u[n]terdruͤckt wiſ - ſen. Damit bin ich ſehr einſtimmig. Das Recht der Ausſchlieſſung, daͤchte ich alſo, bliebe, und die Tyrannen wuͤrde abgeſondert: wie das geſchehen ſoll iſt hier zu weitlaͤufig zu ſagen, es iſt aber auch leicht zu errathen, ohne daß ich mehr Papier verſchwende.

4. Des89

4. Des Hrn. Prediger Schwager Ge - danken, bey Leſung dieſer Schrift.

Mit Ehrfurcht betracht ich jeden Verſuch eines Menſchenfreundes, den Unterdruͤckten das Wort zu reden, und dem Unterdruͤcker ein Wort an’s Herz zu legen. Weit bin ich immer davon entfernt geweſen, eine ungluͤckliche Nation zu haſſen, weil ſie Gott auf eine andere Art verehrt, als ich, ande - re Sitten und Gebraͤuche hat, als ich in meiner Re - ligion vorfinde, und mir ihren Himmel verſchließt, weil ich unbeſchnitten bin, und Schweinefleiſch eſſe. Ich hab es immer beklagt, daß wir die Juden durch ein druͤckendes, politiſches Joch zwingen, uns be - truͤgen zu muͤſſen, denn wie ſollen ſie es anders ma - chen, um leben zu koͤnnen? woher anders ihre ſchweren Abgaben beſtreiten? und wie ſich anders an der Ver - achtung raͤchen, womit wir die Menſchheit in ihnen beleidigen? Ich gehoͤre nicht zu denjenigen, die ihreF 5Be -90Beſtaͤndigkeit, mit der ſie an dem Geſetz ihrer Vaͤ - ter hangen, Halsſtarrigkeit nennen; denn es iſt ge - rade der beſte Theil dieſer Voͤlkerſchaft, die ihre An - haͤnglichkeit am Geſetze Moſis am unerſchuͤttertſten beybehaͤlt, und wir duͤrfen ſelten auf die Proſelyten ſtolz ſeyn, die von ihnen zu uns uͤbergegangen ſind. Ihre Erziehung iſt religioͤſer, als die unſrige, weil ſie unter dem Drucke ſind, ihre Erwartung wird aufs hoͤchſte geſpannt, und die Lebhaftigkeit ihres Genies verleitet ſie weit eher zum Fanaticismus, als uns unſer groͤßeres Pflegma. Und was thun wir, ihnen die Vorzuͤge der chriſtlichen Religion vor der ihrigen einleuchtender zu machen? Leben wir gewiſ - ſenhafter nach unſren religioͤſen Grundſaͤtzen, als ſie? Sind wir weniger in Rotten und Secten getheilt, als ſie? Verfolgen ſich chriſtliche Religionspartheyen weniger, als die Thalmudiſten und Karaiten unter einander? Eben deswegen, weil wir in unſerm Le - ben ſo wenig Chriſten ſind, eben deswegen, weil ſo wenig Bruderliebe unter uns herrſcht, eben deswe - gen, weil wir mehr uͤber die Wahrheit der chriſtli - chen Religion diſputiren, als nach dem Geiſte derſel - ben leben, eben deswegen kann ein ehrlicher Jude mit ſeinen Vorurtheilen nicht zu uns uͤbergehen, wir erſchweren ihm ſelbſt dieſen Schritt. Und ſollte ſichdie91die chriſtliche Religion wohl durch Druck und Ver - achtung empfehlen? Die Religion der Chriſten in ihrer urſpruͤnglichen Reinigkeit kennt freylich keinen Verfolgungsgeiſt, ſie empfiehlt gegenſeitige Liebe und Duldung, und ihrem Stifter war ein rechtſchaffe - ner Samariter lieber, als ein rechtglaͤubiger Jude der ein Schurke war. Aber woher ſoll der Jude dis reine Urchriſtenthum kennen lernen, da wir’s ſelbſt alle nicht mehr kennen? Kann er anders, als nach unſerm eigenen Leben und Wandel auf unſere Reli - gion zuruͤckſchließen? und kann ſie ſich da empfeh - len? Geſetzt nun, ſein Irrthum iſt ihm da ver - dammlich, von weſſen Haͤnden wird ſein Blut gefor - dert werden? Von den Seinigen allein? oder auch von den Unſrigen? von uns, die wir ihn durch un - ſer ſchlechtes Leben zwangen, ſchlecht von unſerm Glauben zu denken? die wir in ihm durch poͤbelhafte, blinde Verachtung den Menſchen ſchaͤnden, und Den entehren, der den Menſchen geſchaffen hat? Kann der Jude Vertrauen zu demjenigen haben, der ihn geringer haͤlt, als einen Hund? In meinem Leben hab ich mir’s nicht erlaubt, einen Juden ſchlecht zu behandeln, ich hab in ihm den Menſchen geehrt, der Fleiſch iſt von meinem Fleiſch, und Bein von meinem Bein. Mit ſeinem Irrthum hab ich Ge -dult92dult gehabt, weil ich vielleicht, bey ſeiner Erzie - hung, in ſeiner Verfaſſung, eben ſowohl ein Jude wuͤrde geweſen und geblieben ſeyn, als er. Den rechtſchaffenen Juden, (und es giebt gewiß welche) hab ich immer mehr geliebt, als den ſogenannten Chriſten, der ſeinen Glauben durch ſein Leben ſchaͤndet; denn ich weiß es von Petro, daß Gott die Perſon nicht anſiehet, ſondern in al - lerley Volk, wer ihn fuͤrchtet und recht thut, der iſt ihm angenehm. Apoſt. Geſch. 10, 34. 35.