PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Gedichte
[II][III]
Gedichte
[figure]
StuttgartundTübingen. J. G. Cotta'ſcher Verlag. 1844.
[IV][V]

Inhaltsverzeichniß.

Zeitbilder.
  • Seite
  • Ungaſtlich oder nicht? 3
  • Die Stadt und der Dom6
  • Die Verbannten11
  • Der Prediger16
  • An die Schriftſtellerinnen in Deutſchland und Frankreich19
  • Die Gaben22
  • Vor vierzig Jahren24
  • An die Weltverbeſſerer27
  • Alte und neue Kinderzucht29
  • Die Schulen33
Haidebilder.
  • Die Lerche37
  • Die Jagd41
  • Die Vogelhütte45
  • Der Weiher51
  • Der Hünenſtein55
  • Die Steppe58
  • Die Mergelgrube59
  • Die Krähen64
  • Das Hirtenfeuer71
  • Der Haidemann74
  • Das Haus in der Haide77
  • Der Knabe im Moor79
  • VI
  • Seite
Fels, Wald und See.
  • Die Elemente.
    • Luft83
    • Waſſer84
    • Erde85
    • Feuer87
  • Die Schenke am See89
  • Am Thurme92
  • Das öde Haus94
  • Im Mooſe97
  • Am Bodenſee99
  • Das alte Schloß102
  • Der Säntis.
    • Frühling104
    • Sommer105
    • Herbſt106
    • Winter107
  • Am Weiher.
    • Ein milder Wintertag108
    • Ein harter Wintertag109
  • Fragment111
Gedichte vermiſchten Inhalts.
  • Mein Beruf115
  • Meine Todten118
  • Katharine Schücking120
  • Nach dem Angelus Sileſius123
  • Gruß an Wilhelm Junkmann126
  • Junge Liebe128
  • Das vierzehnjährige Herz130
  • Brennende Liebe132
  • Der Brief aus der Heimath134
  • Ein braver Mann136
  • Stammbuchblätter.
    • 1. Mit Laura's Bilde140
    • 2. An Henriette von Hohenhauſen141
  • Nachruf an Henriette von Hohenhauſen142
  • Vanitas Vanitatum! 144
  • VII
  • Seite
  • Inſtinkt146
  • Die rechte Stunde148
  • Der zu früh geborene Dichter149
  • Noth152
  • Die Bank153
  • Clemens von Droſte156
  • Guten Willens Ungeſchick158
  • Der Traum160
  • Locke und Lied163
  • An ***165
  • Poeſie166
  • An ***168
  • An Eliſe169
  • Ein Sommertagstraum171
  • Die junge Mutter182
  • Meine Sträuße184
  • Das Liebhabertheater187
  • Die Taxuswand189
  • Nach fünfzehn Jahren191
  • Der kranke Aar194
  • Sit illi terra levis! 195
  • Die Unbeſungenen198
  • Das Spiegelbild199
  • Neujahrsnacht201
  • Der Todesengel205
  • Abſchied von der Jugend207
  • Was bleibt209
Scherz und Ernſt.
  • Dichters Naturgefühl213
  • Der Theetiſch217
  • Die Nadel im Baume221
  • Die beſchränkte Frau224
  • Die Stubenburſchen228
  • Die Schmiede232
  • Des alten Pfarrers Woche.
    • Sonntag234
    • Montag235
    • VIII
    • Seite
    • Dienſtag238
    • Mittwoch240
    • Donnerſtag243
    • Freitag245
    • Samſtag248
  • Der Strandwächter am deutſchen Meere251
  • Das Eſelein255
  • Die beſte Politik259
Balladen.
  • Der Graf von Thal263
  • Der Tod des Erzbiſchofs Engelbert von Cöln274
  • Das Fegefeuer des weſtphäliſchen Adels280
  • Die Stiftung Cappenbergs285
  • Der Fundator289
  • Vorgeſchichte (Second sight) 294
  • Der Graue299
  • Die Vendetta307
  • Das Fräulein von Rodenſchild314
  • Der Geyerpfiff318
  • Die Schweſtern325
  • Meiſter Gerhard von Cöln334
  • Die Vergeltung339
  • Der Mutter Wiederkehr343
  • Der Barmekiden Untergang352
  • Vajazet355
  • Der Schloßelf357
  • Kurt von Spiegel361
  • Der spiritus familiaris des Roßtäuſchers365
  • Das Hoſpiz auf dem großen St. Bernhard397
  • Des Arztes Vermächtniß457
  • Die Schlacht im Loener Bruch489
[1]

Zeitbilder.

v. Droſte-Hülshof, Gedichte. 1[2][3]

Ungaſtlich oder nicht?

(In Weſtphalen.)

Ungaſtlich hat man dich genannt,
Will deinen grünſten Kranz dir rauben,
Volk mit der immer offnen Hand,
Mit deinem argwohnloſen Glauben;
O rege dich, daß nicht die Schmach
Auf deinem frommen Haupte laſte,
Und redlich, wie das Herz es ſprach,
So ſprich es nach zu deinem Gaſte:
Fremdling an meiner Marken Stein,
Mann mit der Stirne trüben Falten,
O, greif in deines Buſens Schrein,
Und laſſ 'die eigne Stimme walten.
Nicht ſoll beſtochner Zeugen Schaar
Uns am beſtochnen Worte rächen,
Nein, Zeug' und Richter ſollſt du klar
Dir ſelbſt das freie Urtheil ſprechen.
Fühlſt du das Herz in dir, nicht heiß
Doch ehrlich, uns entgegen ſchlagen,
Dein Wort kein falſch und trügend Gleis,
Beſteckend was die Lippen tragen,
4
Fühlſt du ein Gaſt dich wie er lieb
Dir an dem eignen Hausaltare,
Dann friſch heran nicht wie ein Dieb,
Nein, friſch, mit fröhlicher Fanfare!
Wer unſres Landes Sitte ehrt,
Und auch dem ſeinen hält die Treue
Hier iſt der Sitz an unſerm Heerd!
Hier unſres Bruderkuſſes Weihe!
Wer fremden Volkes Herzen ſtellt
Gleich ſeinem in gerechter Wage
Hier unſre Hand, daß er das Zelt
Sich auf bei unſern Zelten ſchlage!
Doch ſagt ein glüh 'Erröthen dir,
Du gönnteſt lieber einer andern
Als deiner Schwelle gleiche Zier
Brich auf, und mögeſt eilends wandern!
Wir ſind ein friedlich ſtill Geſchlecht
Mit lichtem Blick und blonden Haaren,
Doch unſres Heerdes heilig Recht
Das wiſſen kräftig wir zu wahren.
Die Luft die unſern Odem regt,
Der Grund wo unſre Gräber blühen,
Die Scholle die uns Nahrung trägt,
Der Tempel wo wir gläubig knieen,
Die ſoll kein frevler Spott entweihn,
Dem Feigen Schmach und Schamerröthen,
Der an des Heiligthumes Schrein
Läßt eine falſche Sohle treten!
5
Doch einem Gruß aus treuem Muth
Dem nicken ehrlich wir entgegen.
Hat jeder doch ſein eignes Blut,
Und ſeiner eignen Heimath Segen.
Wenn deine Ader kälter rinnt,
So müſſen billig wir ermeſſen:
Wer könnte wohl das fremde Kind
Gleich eignem an den Buſen preſſen?
Drum, jede Treue ſey geehrt,
Der Eichenkranz von jedem Stamme;
Heilig die Glut auf jedem Heerd,
Ob hier ſie oder drüben flamme;
Dreimal geſegnet jedes Band
Von der Natur zum Lehn getragen,
Und einzig nur verflucht die Hand,
Die nach der Mutter Haupt geſchlagen!
6

Die Stadt und der Dom.

Eine Carricatur des Heiligſten.

Der Dom! der Dom! der deutſche Dom!
Wer hilft den Cölner Dom uns baun!
So fern und nah der Zeitenſtrom
Erdonnert durch die deutſchen Gaun.
Es iſt ein Zug, es iſt ein Schall
Wie ein gewaltger Wogenſchwall.
Wer zählt der Hände Legion
In denen Opferheller glänzt?
Die Liederklänge wer, die ſchon
Das Echo dieſes Rufs ergänzt?
Und wieder ſchallt's vom Elbeſtrand:
Die Stadt! die Stadt! der deutſche Port!
Und wieder zieht von Land zu Land
Ein Gabeſpendend Klingeln fort;
Die Schiffe kommen Maſt an Maſt,
Goldregen ſchüttet der Pallaſt,
Wem nie ein eignes Dach beſcheert,
Der wölbt es über fremde Noth,
Wem nie geraucht der eigne Heerd,
Der theilt ſein ſchweißbenetztes Brod.
Wenn eines ganzen Volkes Kraft
Für ſeines Gottes Heiligthum
Die Lanze hebt ſo Schaft an Schaft,
Wer glühte nicht dem ſchönſten Ruhm?
7
Und wem, wem rollte nicht wie Brand
Das Blut an ſeiner Adern Wand,
Wenn eines ganzen Volkes Schweiß
Gleich edlem Regen niederträuft,
Bis in der Aſchenſteppe heiß
Viel Tauſenden die Garbe reift?
Man meint, ein Volk von Heil'gen ſey
Herabgeſtiegen über Nacht,
In ihrem Eichenſarg aufs neu
Die alte deutſche Treu 'erwacht.
O werthe Einheit, biſt du Eins
Wer ſtände dann des Heilgenſcheins,
Des Kranzes würdiger als du,
Geſegnete, auf deutſchem Grund!
Du trugſt den goldnen Schlüſſel zu
Des Himmels Hort in deinem Bund.
Wohlan ihr Kämpen denn, wohlan
Du werthe Kreuzesmaſſoney,
So gebt mir eure Zeichen dann
Und euer edles Feldgeſchrei!
Da, horch! da ſtieß vom nächſten Schiff
Die Bootmannspfeife grellen Pfiff,
Da ſtiegen Flaggen ungezählt,
Cantate ſummte und Gedicht,
Der Demuth Braun nur hat gefehlt,
Jehova's Namen hört ich nicht.
8
Wo deine Legion, o Herr,
Die knieend am Altare baut?
Wo, wo dein Samariter, der
In Wunden ſeine Thräne thaut?
Ach, was ich fragte und gelauſcht,
Der deutſche Strom hat mir gerauſcht,
Die deutſche Stadt, der deutſche Dom,
Ein Monument, ein Handelsſtift,
Und drüber ſah wie ein Phantom
Verlöſchen ich Jehovas Schrift.
Und wer den Himmel angebellt,
Vor keiner Hölle je gebebt,
Der hat ſich an den Krahn geſtellt
Der ſeines Babels Zinne hebt.
Wer nie ein menſchlich Band geehrt,
Mit keinem Leid ſich je beſchwert,
Der fluthet aus des Buſens Schrein
Unſäglicher Gefühle Strom,
Am Elbeſtrand, am grünen Rhein,
Da holt ſein Herz ſich das Diplom.
Weh euch, die ihr den zorn'gen Gott
Gehöhnt an ſeiner Schwelle Rand,
Meineid'gen gleich in frevlem Spott
Hobt am Altare eure Hand!
Er iſt der Herr, und was er will
Das ſchaffen Leu und Krokodill!
9
So baut denn, baut den Tempel fort,
Mit ird'ſchem Sinn den heilgen Haag,
Daß euer beſſrer Enkel dort
Für eure Seele beten mag!
Kennt ihr den Dom der unſichtbar
Mit tauſend Säulen aufwärts ſtrebt?
Er ſteigt wo eine gläubge Schaar
In Demuth ihre Arme hebt.
Kennt ihr die unſichtbare Stadt
Die tauſend offne Häfen hat
Wo euer werthes Silber klingt?
Es iſt der Samariter Bund,
Wenn Rechte ſich in Rechte ſchlingt,
Und nichts davon der Linken kund.
O, er der Alles weiß, er kennt
Auch eurer Seele ödes Haus;
Baut Magazin und Monument,
Doch ſeinen Namen laßt daraus!
Er iſt kein Sand der glitzernd ſtäubt,
Kein Dampfrad das die Schiffe treibt,
Iſt keine falſche Flagge die
Sich ſtahl der See verlorner Sohn,
Parol 'nicht die zur Felonie
Ins Lager ſchmuggelt den Spion!
Baut, baut, um euer Denkmal ziehn
Doch Seufzer fromm und ungeſchmückt,
10
Baut, neben eurem Magazin
Wird doch der Darbende erquickt.
Ob eures Babels Zinnenhang
Zum Weltenvolk euch ſtempeln mag?
Schaut auf Palmyrens Steppenbrand,
Wo ſcheu die Antilope ſchwebt,
Die Stadt ſchaut an wo, ein Gigant,
Das Colloſſeum ſich erhebt.
Den Wurm der im Geheimen ſchafft,
Den kalten nackten Grabeswurm,
Ihn tödtet nicht des Armes Kraft,
Noch euer toller Liederſturm.
Ein frommes, keuſches Volk iſt ſtark,
Doch Sünde zehrt des Landes Mark;
Sie hat in deiner Glorie Bahn,
O Roma, langſam dich entleibt,
Noch ſteht die Säule des Trajan,
Und ſeine Kronen ſind zerſtäubt!
11

Die Verbannten.

Ich lag an Bergeshang,
Der Tag war ſchon geſunken,
In meine Wimper drang
Des Weſten letzter Funken.
Ich ſchlief und träumte auch vielleicht,
Doch hört ich noch der Amſel Pfeifen,
Wie Echo's letzte Hauche, feucht
Und halb verlöſcht, am Schilfe ſtreifen.
Mein äußres Auge ſank,
Mein innres ward erſchloſſen:
Wie wild die Klippenbank!
Wie grau die Mooſe ſproſſen!
Der Oede Odem zog ſo ſchwer
Als ob er ſiecher Bruſt entgleite,
Wohin ich blickte, Rohres Speer,
Und Dorngeſtrüpp und Waldesweite.
Im Graſe kniſtert 'es,
Als ob die Grille hüpfte,
Im Strauche flüſtert' es,
Als ob das Mäuslein ſchlüpfte;
Ein morſcher halbverdorrter Stamm
Senkte die bräunliche Gardine,
Zu Füßen mir der feuchte Schwamm,
Und über'm Haupt die wilde Biene.
12
Da raſchelt 'es im Laub,
Und rieſelte vom Hange,
Zertretnen Pilzes Staub
Flog über meine Wange.
Und neben mir ein Knabe ſtand,
Ein blondes Kind mit Taubenblicken,
Das eines blinden Greiſes Hand
Schien brünſtig an den Mund zu drücken.
Von linder Thränen Lauf
Sein Auge glänzte trübe,
Steh auf , ſprach es, ſteh auf!
Ich bin die Kindesliebe,
Verbannt, zum wüſten Wald verbannt,
In's öde Dickicht ausgeſetzet,
Wo an des ſumpfgen Weihers Rand
Der Storch die kranken Eltern ätzet!
Dann faltete es hoch
Die hagern Händchen beide,
Und ſachte abwärts bog
Es des Geröhres Schneide.
Ich ſah wie blutge Striemen leis
An ſeinen Aermchen niederfloſſen,
Wie tappend ihm gefolgt der Greis,
Bis ſich des Rohres Wand geſchloſſen.
Ich ballte meine Hand,
Verſuchte mich zu ſchwingen,
Doch feſter, feſter wand
Der Taumel ſeine Schlingen.
13
Und wieder hörte ich den Schlag
Der Amſel und der Grille Hüpfen,
Und wieder durch den wilden Haag
Der Biene ſterbend Sumſen ſchlüpfen.
Da ſchleift 'es, ſchwer wie Blei,
Da flüſtert' es aufs neue:
O wache! ſteh mir bei!
Ich bin die Gattentreue.
Das Auge hob ich, und ein Weib
Sah ich wie halbgebrochen bücken,
Das eines Mannes wunden Leib
Mühſelig trug auf ſeinem Rücken.
Ein feuchter Schleyer hing
Ihr Haar am Antlitz nieder,
Des Schweißes Perle fing
Sich in der Wimper wieder.
Verbannt! verbannt zum wilden Wald,
Wo Nacht und Oede mich umſchauern!
Verbannt wo in der Felſen Spalt
Die Tauben um den Tauber trauern!
Sie ſah mich lange an,
Im Auge Sterbeklagen,
Und langſam hat ſie dann
Den Wunden fortgetragen.
Sie klomm den Klippenſteig entlang,
Ihr Aechzen ſcholl vom Steine nieder,
Wo grade unterm Schieferhang
Sich regte bläuliches Gefieder.
14
Ich dehnte mich mit Macht
Und langte nach dem Wunden,
Doch als ich halb erwacht,
Da war auch er verſchwunden,
Zerronnen wie ein Wellenſchaum,
Ich hörte nur der Wipfel Stöhnen,
Und unter mir, an Weihers Saum,
Der Unken zart Geläute tönen.
Die Glöckchen ſchliefen ein,
Es ſchwoll der Kronen Rauſchen,
Ein Licht wie Mondenſchein
Begann am Aſt zu lauſchen,
Und lauter raſchelte der Wald,
Die Zweige ſchienen ſich zu breiten,
Und eine dämmernde Geſtalt
Sah ich durch ſeine Hallen gleiten.
Das Kreuz in ihrer Hand,
Um ihre Stirn die Binde,
Ihr langer Schleyer wand
Und rollte ſich im Winde.
Sie trat ſo ſacht behutſam vor,
Als ob ſie jedes Kräutlein ſchone,
O Gott, da ſah ich unter'm Flor,
Sah eine blutge Dornenkrone!
Die Fraue weinte nicht
Und hat auch nicht geſprochen,
Allein ihr Angeſicht
Hat mir das Herz gebrochen,
15
Es war wie einer Königin
Pilgernd für ihres Volkes Sünden,
Wo find ich Worte, wo den Sinn,
Um dieſen Dulderblick zu künden!
Als ſie vorüber ſchwand
Mit ihren blutgen Haaren,
Da riß des Schlummers Band,
Ich bin empor gefahren.
Der Amſel Stimme war verſtummt,
Die Mondenſcheibe ſtand am Hügel,
Und über mir im Aſte ſummt '
Und raſchelte des Windes Flügel.
Ob es ein Traumgeſicht
Das meinen Geiſt umfloſſen?
Vielleicht ein Seherlicht
Das ihn geheim erſchloſſen?
O wer, dem eine Thrän 'im Aug',
Den fromme Liebe je getragen,
Wer wird nicht, mit dem letzten Hauch,
Die heiligen Verbannten klagen!
16

Der Prediger.

Langſam und ſchwer vom Thurme ſtieg die Klage,
Ein dumpf Gewimmer zwiſchen jedem Schlage,
Wie Memnons Säule weint im Morgenflor.
Am Glockenſtuhle zitterte der Balke,
Die Dohlen flatterten vom Neſt, ein Falke
Stieg pfeifend an der Fahne Schaft empor.
Wem dröhnt die Glocke? Einem der entkettet,
Deß müden Leib ein Fackelzug gebettet
In letzter Nacht bei ſeinem einzgen Kind.
Wer war der Mann? Ein Geiſt im ächten Gleiſe,
Kein Wucherer, kein Ehrendieb, und weiſe
Wie reiche Leute ſelten weiſe ſind.
Darum ſo mancher Greis mit Stock und Brille,
So manches Regentuch und Handpoſtille,
Sich mühſam ſchiebend durch der Menge Drang.
Er war ein heitrer Wirth in ſeinem Schloſſe,
Darum am Thor ſo manche Staatskaroſſe,
So mancher Flor das Kirchenſchiff entlang.
Die Glocken ſchwiegen, alle Kniee ſanken,
Poſaunenſtoß! Die Wölbung ſchien zu wanken.
O Dies iræ, dies illa! Glut
Auf Sünderſchwielen, Thau in Büßermalen!
Mir war als ſäh ich des Gerichtes Schalen,
Als hört ich tröpfeln meines Heilands Blut.
17
Das Amen war verhallt. Ein zitternd Schweigen
Lag auf der Menge, nur des Odems Steigen
Durchſäuſelte den weiten Hallenbau.
Nur an der Tumba ſchwarzer Flämmchen Kniſtern
Schien leiſe mit dem Grabe noch zu flüſtern,
Der Weihrauchwirbel ſtreute Aſchengrau.
Geliebte! ſcholl es von der Wölbung nieder,
Die Wolke ſank, und mählich ſtiegen Glieder,
Am Kanzelbord ein junger Prieſter ſtand.
Kein Schattenbild dem alle Luſt verronnen,
Ein friſcher ſaftger Stamm am Lebensbronnen,
Ein Adler ruhend auf Jehovah's Hand!
Geliebte , ſprach er, ſelig ſind die Todten
So in dem Herrn entſchliefen, treue Boten,
Von ihrer Sendung raſtend. Dann entſtieg
Das Wort, gewaltig wie des Jordans Wallen,
Mild wie die Luft in Horebs Cederhallen,
Als er bezeugte des Gerechten Sieg.
Die Stimme ſank, des Stromes Wellen ſchwollen,
Mir war als hört ich ferne Donner rollen:
Weh über euch, die weder warm noch kalt!
O, wäret kalt ihr oder warm! die Werke
Von eurer Hand ſind todt, und eure Stärke
Iſt gleich dem Hornſtoß der am Fels verhallt.
Und tiefer griff er in der Zeiten Wunde,
Die Heller ließ er klingen, und vom Grunde
v. Droſte-Hülshof, Gedichte. 218
Hob er den ſeidnen Mottenfraß an's Licht.
Erröthen ließ er die beſcheidne Schande
In ihrem ehrbar ſchonenden Gewande,
Und zog der Luſt den Schleier vom Geſicht.
Die Kerzen ſind gelöſcht, die Pforte dröhnte.
Ich hörte ſchluchzen, am Gemäuer lehnte
Ein Weib im abgetragnen Regentuch.
Ich hörte ſäuſeln neben mir, im Chore,
Ein Fräulein gähnte leiſe hinterm Flore,
Ein Fahnenjunker blätterte im Buch.
Und alle die beſcheidnen Menſchenkinder,
Wie ſich's geziemt für wohlerzogne Sünder,
Sie nahmen ruhig was der Text beſcheert.
Und Abends im Theater ſprach der Knabe,
Der achtzehnjährge Fähndrich: Heute habe
Ich einen guten Redner doch gehört!
19

An die Schriftſtellerinnen

in Deutſchland und Frankreich.

Ihr ſteht ſo nüchtern da gleich Kräuterbeeten
Und ihr gleich Fichten die zerſpellt von Wettern
Haucht wie des Hauches Hauch in Syrinxflöten
Laßt wie Dragoner die Trompeten ſchmettern;
Der kann ein Schattenbild die Wange röthen
Die wirft den Handſchuh Zeus und allen Göttern;
Ward denn der Führer euch nicht angeboren
In eigner Bruſt, daß ihr den Pfad verloren?
Schaut auf! zur Rechten nicht durch Thränengründe,
Mondſcheinalleen und blaſſe Nebeldecken,
Wo einſam die veraltete Selinde
Zur Luna mag die Lilienarme ſtrecken;
Glaubt, zur Genüge hauchten Seufzerwinde,
Längſt überfloß der Sehnſucht Thränenbecken;
An eurem Hügel mag die Hirtin klagen,
Und ſeufzend drauf ein Gänſeblümchen tragen.
Doch auch zur Linken nicht durch Winkelgaſſen,
Wo tückiſch nur die Diebslaternen blinken,
Mit wildem Druck euch rohe Hände faſſen,
Und Smollis Wüſtling euch und Schwelger trinken,
Der Sinne Bachanale, wo die blaſſen
Betäubten Opfer in die Roſen ſinken,
Und endlich, eures Sarges letzte Ehre,
Man drüber legt die Kränze der Hetäre.
20
O dunkles Loos! o Preis mit Schmach gewonnen,
Wenn Ruhmes Staffel wird der Ehre Bahre!
Grad ', grade geht der Pfad, wie Stral der Sonnen!
Grad', wie die Flamme lodert vom Altare!
Grad ', wie Natur das Berberroß zum Bronnen
Treibt mitten durch die Wirbel der Sahare!
Ihr könnt nicht fehlen, er, ſo mild umlichtet,
Der Führer ward in euch nicht hingerichtet.
Treu ſchützte ihn der Länder fromme Sitte,
Die euch umgeben wie mit Heilgenſcheine,
Sie hielt euch fern die freche Liebesbitte,
Und legte Anathem auf das Gemeine.
Euch nahte die Natur mit reinem Schritte,
Kein trunkner Schwelger über Stock und Steine,
Ihr mögt ihr willig jedes Opfer ſpenden,
Denn Alles nimmt ſie, doch aus reinen Händen.
Die Zeit hat jede Schranke aufgeſchloſſen,
An allen Wegen hauchen Naphtablüthen,
Ein reizend ſcharfer Duft hat ſich ergoſſen,
Und Jeder mag die eignen Sinne hüten.
Das Leben ſtürmt auf abgehetzten Roſſen,
Die noch zuſammenbrechend haun und wüthen.
Ich will den Griffel eurer Hand nicht rauben,
Singt, aber zitternd, wie vor'm Weih 'die Tauben.
Ja, treibt der Geiſt euch, laßt Standarten ragen!
Ihr ward die Zeugen wild bewegter Zeiten,
Was ihr erlebt, das läßt ſich nicht erſchlagen,
Feldbind 'und Helmzier mag ein Weib bereiten;
21
Doch ſeht euch vor wie hoch die Schwingen tragen,
Stellt nicht das Ziel in ungemeſſne Weiten,
Der kecke Falk iſt überall zu finden,
Doch einſam ſteigt der Aar aus Alpengründen.
Vor Allem aber pflegt das anvertraute,
Das heilge Gut, gelegt in eure Hände,
Weckt der Natur geheimnißreichſte Laute,
Kniet vor des Blutes gnadenvoller Spende;
Des Tempels pflegt, den Menſchenhand nicht baute,
Und ſchmückt mit Sprüchen die entweihten Wände,
Daß dort, aus dieſer Wirren Staub und Mühen,
Die Gattin mag, das Kind, die Mutter knieen.
Ihr hörtet ſie die unterdrückten Klagen
Der heiligen Natur, geprägt zur Dirne.
Wer hat ſie nicht gehört in dieſen Tagen,
Wo nur ein Gott, der Gott im eignen Hirne?
Friſchauf! und will den Lorbeer man verſagen,
O Glückliche mit unbekränzter Stirne!
O arm Gefühl, das ſich nicht ſelbſt kann lohnen!
Mehr iſt ein Segen als zehntauſend Kronen!
22

Die Gaben.

Nie fand, ſo oft auch ſcherzend ward gefragt,
Ich einen Mann, vom Grafen bis zum Schneider,
Der ſo beſcheiden oder ſo betagt,
So hülflos, keinen ſo Geſcheiten leider,
Der nicht gemeint, des Herrſcherthumes Bürde
Sey ſeinen Schultern grad das rechte Maaß.
War Einer zweifelnd je an ſeiner Würde,
So ſchätzt er ſeine Kräfte deſto baß,
Der hoffte auf der Rede Zauberbann;
Schlau aus dem Winkel wollte Jener zielen,
Kurz, daß er wiſſe wie und auch den Mann,
Ließ Jeder deutlich durch die Blume ſpielen.
Ihr Thoren! glaubt ihr denn daß Gott im Zorne
Die Großen ſchuf, ungleich der Menſchenſchaar,
Pecus inane, das ſein Haupt zum Borne
Hinſtreckt wie weiland Nebukadnezar?
Daß, weil zuweilen unter Zotten ſchlägt
Ein Herz wo große Elemente ſchlafen,
Deßhalb wer eine feine Wolle trägt
Unfehlbar zählt zu den Merinoſchafen?
23
Daß langes Schauen zweifellos erblinde,
Und wer den Fäden raſtlos nachgeſpürt,
Daß dieſer, gleich dem überreizten Kinde,
So dümmer wird je länger er ſtudirt?
Wer zweifelt, daß ein Herz wie's Throne ſchmückt
Gar oft am Acker fröhnt und Forſtgehege,
Daß manche Scheitel ſich zur Furche bückt,
Hochwerth daß eine Krone drauf man lege?
Doch ihr des Lebens abgehetzte Alten,
Ihr innerliche Greiſe, ſeyd es nicht.
Bewahr 'der Himmel uns vor eurem Walten,
Vor dem im Sumpfe angebrannten Licht!
Ihr würdet mahnen an des Fröhners Sohn,
Der, woll 'ihm Gott ein Königreich verſchreiben,
Für's Leben wüſte keinen beſſern Lohn,
Als ſeine Schweine dann zu Roß zu treiben.
24

Vor vierzig Jahren.

Da gab es doch ein Sehnen,
Ein Hoffen und ein Glühn,
Als noch der Mond durch Thränen
In Fliederlauben ſchien,
Als man dem milden Sterne
Geſellte was da lieb,
Und Lieder in die Ferne
Auf ſieben Meilen ſchrieb!
Ob dürftig das Erkennen,
Der Dichtung Flamme ſchwach,
Nur tief und tiefer brennen
Verdeckte Gluten nach.
Da lachte nicht der leere,
Der überſatte Spott,
Man baute die Altäre
Dem unbekannten Gott.
Und drüber man den Brodem
Des liebſten Weihrauchs trug,
Lebend'gen Herzens Odem,
Das friſch und kräftig ſchlug,
Das ſchamhaft, wie im Tode,
In Traumes Wunderſarg
Noch der Begeiſtrung Ode
Der Lieb 'Ekloge barg.
25
Wir höhnen oft und lachen
Der kaum vergangnen Zeit,
Und in der Wüſte machen
Wie Strauße wir uns breit.
Iſt Wiſſen denn Beſitzen?
Iſt denn Genießen Glück?
Auch Eiſes Gletſcher blitzen
Und Baſiliskenblick.
Ihr Greiſe, die geſunken
Wie Kinder in die Gruft,
Im letzten Hauche trunken
Von Lieb 'und Aetherduft,
Ihr habt am Lebensbaume
Die reinſte Frucht gepflegt,
In karger Spannen Raume
Ein Eden euch gehegt.
Nun aber ſind die Zeiten,
Die überwerthen, da,
Wo offen alle Weiten,
Und jede Ferne nah.
Wir wühlen in den Schätzen,
Wir ſchmettern in den Kampf,
Windsbräuten gleich verſetzen
Uns Geiſtesflug und Dampf.
Mit unſres Spottes Gerten
Zerhaun wir was nicht Stahl,
Und wie Morgana's Gärten
Zerrinnt das Ideal;
26
Was wir daheim gelaſſen
Das wird uns arm und klein,
Was Fremdes wir erfaſſen
Wird in der Hand zu Stein.
Es wogt von End 'zu Ende,
Es grüßt im Fluge her,
Wir reichen unſre Hände,
Sie bleiben kalt und leer.
Nichts liebend, achtend Wen'ge
Wird Herz und Wange bleich,
Und bettelhafte Kön'ge
Stehn wir im Steppenreich.
27

An die Weltverbeſſerer.

Pocheſt du an poch 'nicht zu laut,
Eh du geprüft des Nachhalls Dauer.
Drückſt du die Hand drück nicht zu traut,
Eh du gefragt des Herzens Schauer.
Wirfſt du den Stein bedenke wohl,
Wie weit ihn deine Hand wird treiben.
Oft ſchreckt ein Echo, dumpf und hohl,
Reicht goldne Hand dir den Obol,
Oft trifft ein Wurf des Nachbars Scheiben.
Höhlen giebt es am Meeresſtrand,
Gewalt'ge Stalaktitendome,
Wo bläulich zuckt der Fackeln Brand,
Und Kähne gleiten wie Phantome.
Das Ruder ſchläft, der Schiffer legt
Die Hand dir angſtvoll auf die Lippe,
Ein Räuſpern nur, ein Fuß geregt,
Und donnernd überm Haupte ſchlägt
Zuſammen dir die Rieſenklippe.
Und Hände giebts im Orient,
Wie Schwäne weiß, mit blauen Malen,
In denen zwiefach Feuer brennt,
Als gelt 'es Liebesglut zu zahlen;
Ein leichter Thau hat ſie genäßt,
28
Ein leiſes Zittern ſie umflogen,
Sie faſſen krampfhaft, drücken feſt
Hinweg, hinweg! du haſt die Peſt
In deine Poren eingeſogen!
Auch hat ein Dämon einſt geſandt
Den gift'gen Pfeil zum Himmelsbogen;
Dort rührt ihn eines Gottes Hand,
Nun ſtarrt er in den Aetherwogen.
Und läßt der Zauber nach, dann wird
Er niederprallen mit Geſchmetter,
Daß das Gebirg 'in Scherben klirrt,
Und durch der Erde Adern irrt
Fortan das Gift der Höllengötter.
Drum poche ſacht, du weißt es nicht
Was dir mag überm Haupte ſchwanken;
Drum drücke ſacht, der Augen Licht
Wohl ſiehſt du, doch nicht der Gedanken,
Wirf nicht den Stein zu jener Höh '
Wo dir geſtaltlos Form und Wege,
Und ſchnellteſt du ihn einmal je,
So fall auf deine Knie und fleh',
Daß ihn ein Gott berühren möge.
29

Alte und neue Kinderzucht.

1.

In ſeiner Buchenhalle ſaß ein Greis auf grüner Bank,
Vor ihm, in grünlichem Pokal, der Rebe Feuertrank;
Zur Seite ſeiner Jugend Sproß, ſich lehnend an den Zweigen,
Ein ernſter Vierziger, vernahm des Alten Wort in Schweigen.
Sohn , ſprach der Patriarch, es klang die Stimme ſchier
bewegt:
Das Kiſſen für mein Sterbebett du haſt es weich gelegt;
Ich weiß es, eine Thräne wird das Leichentuch mir netzen,
In meinen Seſſel wird dereinſt ein Ehrenmann ſich ſetzen.
Zu Gottes Ehr 'und deiner Pflicht, und nach der Vordern
Art,
Zog ich in aller Treue dich, als ſchon dein Kinn behaart.
Nicht will die neue Weiſe mir zum alten Haupte gehen,
Ein Sohn hat ſeinen Herrn, ſo lang zwei Augen offen ſtehen.
Mein Vater, tröſt ihn Gott, er fiel in einem guten
Straus!
War Diener ſeinem Fürſten und ein König ſeinem Haus,
Sein treues Auge wußte wohl der Kinder Heil zu wahren
Den letzten Schlag von ſeiner Hand fühlt ich mit zwanzig
Jahren.
30
So macht 'er mich zum Mann, wie du, mein Sohn, zum
frohen Greis,
Zum Mann der tragen kann und ſich im Glück zu faſſen weiß,
Wie mag, wer ſeiner Launen Knecht, ein Herrenamt be¬
zwingen?
Wer ſeiner Knoſpe Kraft verpraßt, wie möcht er Früchte
bringen?
Nur von der Pike dient ſich's recht zum braven General.
Geſegnet ſey die Hand die mir erſpart der Thorheit Wahl!
Mit tauſend Thränen hab 'ich ſie in unſre Gruft getragen,
Denn eines Vaters heilge Hand hat nie zu hart geſchlagen.
Mein Haar iſt grau, mein blödes Aug 'hat deinen Sproß
geſehn,
Bald füllſt du meinen Sitz, und er wird horchend vor dir
ſtehn.
Gedenk der Rechenſchaft, mein Sohn, lehr deinen Blick ihn
leſen,
Gehorſam ſey er dir, wie du gehorſam mir geweſen!
So ſprach der Patriarch, und ſchritt entlang die Buchenhall ',
Ehrfürchtig folgte ihm der Sohn, wie Fürſten der Vaſall,
Und ſeinen Knaben winkt er ſacht herbei vom Blüthenhagen,
Ließ küſſen ihn des Alten Hand, und ſeinen Stab ihn tragen.
31

2.

An blühender Akazie lehnt ein blonder bleicher Mann,
Sehr mangelt ihm der Sitz, allein die Kinder ſpielen dran,
So ſchreibt er ſtehend, immer Ball und Peitſchenhieb ge¬
wärt'gend,
Schnellfingrig für die Druckerei den Lückenbüßer fert'gend.
In Oſten ſteigt das junge Licht, es rauſcht im Eichenhain,
Schon ſchlang der alte Erebus die alten Schatten ein,
Des Geiſtes Siegel ſind gelöst, der Aether aufgeſchloſſen,
Und aus vermorſchter Dogmen Staub lebend'ge Cedern ſproſſen.
O Geiſtesfeſſel, härter du als jemals ein Tyrann,
Geſchlagen um des Sclaven Leib, du tauſendjähr'ger Bann!
Geheim doch ſicher hat der Roſt genagt an deinem Ringe,
Nun wackelt er und fürchtet ſich vor jedes Knaben Klinge!
Hin iſt die Zeit wo ein Geſpenſt im Büßermantel ſchlich,
In ſeinen Bettelſack des Deutſchen Gold und Ehre ſtrich,
Wo Greiſe, Schulmonarchen gleich, die ſtumpfe Geißel
ſchwenkten,
Des Sonnenroſſes Zaum dem Grab verfallne Hände lenkten.
Nicht wird im zarten Kinde mehr des Mannes Keim erſtickt,
Frei ſchießt die Eichenlode, unbeengt und ungeknickt;
Was mehr als Wiſſen, wirkender als Gaben, die zerſtückelt
Des kräftgen Wollens Einheit wird im jungen Mark ent¬
wickelt.
32
Wir wuchſen unter Peitſchenhieb an der Galeere auf,
Und dennoch riß das Document vom ſchnöden Seelenkauf
Durch deutſche Hand, durch unſre Hand, die, nach Egyptens Plagen,
Noch immer ſtark genug den Brand an's Bagnothor zu tragen!
Doch ihr, die ihr den ganzen Saft der Muttererde trinkt,
An deren Zweig das erſte Blatt ſchon wie Smaragde blinkt,
Ihr! unſer Dichter ſtutzt er hört an den Hollunder¬ ſträuchen
Sein Erſtlingsreis, den Göttinger, wie eine Walze keuchen.
Und auf der Bank ſein Manuſcript o Peſt! ſein Dichter¬ kranz
Dort fliegt er, droben in der Luft, als langer Drachen¬ ſchwanz!
Und was? ein Guß? bei Gott, da hängt der Bub ', die wilde Katze,
Am Aſt, und leert den Waſſerkrug auf ſeines Vaters Glatze!
33

Die Schulen.

Kennſt du den Saal? ich ſchleiche ſacht vorbei,
Der alte Teufel todt, die Götter neu
Und was man Großes ſonſt darin mag hören.
Wie üppig wogend drängt der Jugend Schwarm!
Wie reich und glänzend! aber ich bin arm,
Da will ich lieber eure Luſt nicht ſtören.
Dann das Gewölb ' mir wird darin nicht wohl,
Wo man der Gruft den modernden Obol
Entſchaufelt, und ſich drüber legt zum Streite;
Ergraute Häupter nicken rings herum,
Wie weiſ' und gründlich! aber ich bin dumm,
Da ſchleich 'ich lieber ungeſehn bei Seite.
Doch die Katheder im Gebirge nah,
Der Meiſter unſichtbar, doch laut Hurrah
Ihm Wälder, Strom und Sturmesflügel rauſchen,
Matrikel iſt des Herzens friſcher Schlag,
Da will zeitlebens ich, bei Nacht und Tag,
Demüth'ger Schüler, ſeinen Worten lauſchen.
v. Droſte-Hülshof, Gedichte. 3
[34][35]

Haidebilder.

[36][37]

Die Lerche.

Hörſt du der Nacht geſpornten Wächter nicht?
Sein Schrei verzittert mit dem Dämmerlicht,
Und ſchlummertrunken hebt aus Purpurdecken
Ihr Haupt die Sonne; in das Aetherbecken
Taucht ſie die Stirn, man ſieht es nicht genau,
Ob Licht ſie zünde, oder trink 'im Blau.
Glührothe Pfeile zucken auf und nieder,
Und wecken Thaues Blitze, wenn im Flug
Sie ſtreifen durch der Haide braunen Zug.
Da ſchüttelt auch die Lerche ihr Gefieder,
Des Tages Herold ſeine Liverei;
Ihr Köpfchen ſtreckt ſie aus dem Ginſter ſcheu,
Blinzt nun mit dieſem, nun mit jenem Aug';
Dann leiſe ſchwankt, es ſpaltet ſich der Strauch,
Und wirbelnd des Mandates erſte Note
Schießt in das feuchte Blau des Tages Bote.
Auf! auf! die junge Fürſtin iſt erwacht!
Schlaftrunkne Kämm'rer, habt des Amtes Acht;
Du mit dem Saphirbecken Genziane,
Zwergweide du mit deiner Seidenfahne,
Das Amt, das Amt, ihr Blumen allzumal,
Die Fürſtin wacht, bald tritt ſie in den Saal!
38
Da regen tauſend Wimpern ſich zugleich,
Masliebchen hält das klare Auge offen,
Die Waſſerlilie ſieht ein wenig bleich,
Erſchrocken, daß im Bade ſie betroffen;
Wie ſteht der Zitterhalm verſchämt und zage!
Die kleine Weide pudert ſich geſchwind
Und reicht dem Weſt ihr Seidentüchlein lind,
Daß zu der Hoheit Händen er es trage.
Ehrfürchtig beut den thauigen Pokal
Das Genzian, und nieder langt der Stral;
Prinz von Geblüte hat die erſte Stätte
Er immer dienend an der Fürſtin Bette.
Der Purpur liſcht gemach im Roſenlicht,
Am Horizont ein zuckend Leuchten bricht
Des Vorhangs Falten, und aufs neue ſingt
Die Lerche, daß es durch den Aether klingt:
Die Fürſtin kömmt, die Fürſtin ſteht am Thor!
Friſchauf ihr Muſikanten in den Hallen,
Laßt euer zartes Saitenſpiel erſchallen,
Und, florbeflügelt Volk, heb 'an den Chor,
Die Fürſtin kommt, die Fürſtin ſteht am Thor!
Da krimmelt, wimmelt es im Haidgezweige,
Die Grille dreht geſchwind das Beinchen um,
Streicht an des Thaues Kolophonium,
Und ſpielt ſo ſchäferlich die Liebesgeige.
Ein tüchtiger Horniſt, der Käfer, ſchnurrt,
Die Mücke ſchleift behend die Silberſchwingen,
39
Daß heller der Triangel möge klingen;
Diskant und auch Tenor die Fliege ſurrt;
Und, immer mehrend ihren werthen Gurt,
Die reiche Katze um des Leibes Mitten,
Iſt als Baſſiſt die Biene eingeſchritten:
Schwerfällig hockend in der Blüte rummeln
Das Contraviolon die trägen Hummeln.
So tauſendarmig ward noch nie gebaut
Des Münſters Halle, wie im Haidekraut
Gewölbe an Gewölben ſich erſchließen,
Gleich Labyrinthen in einander ſchießen;
So tauſendſtimmig ſtieg noch nie ein Chor,
Wie's muſizirt aus grünem Haid hervor.
Jetzt ſitzt die Königin auf ihrem Throne,
Die Silberwolke Teppich ihrem Fuß,
Am Haupte flammt und quillt die Stralenkrone,
Und lauter, lauter ſchallt des Herolds Gruß:
Bergleute auf, herauf aus eurem Schacht,
Bringt eure Schätze, und du Fabrikant,
Breit 'vor der Fürſtin des Gewandes Pracht,
Kaufherrn, enthüllt den Saphir, den Demant.
Schau, wie es wimmelt aus der Erde Schooß,
Wie ſich die ſchwarzen Knappen drängen, ſtreifen,
Und mühſam ſtemmend aus den Stollen ſchleifen
Gewalt'ge Stufen, wie der Träger groß;
Ameiſenvolk, du machſt es dir zu ſchwer!
Dein roh Geſtein lockt keiner Fürſtin Gnaden.
40
Doch ſieh die Spinne rutſchend hin und her,
Schon zieht ſie des Gewebes letzten Faden,
Wie Perlen klar, ein duftig Elfenkleid;
Viel edle Funken ſind darin entglommen;
Da kommt der Wind und häkelt es vom Haid,
Es ſteigt, es flattert, und es iſt verſchwommen.
Die Wolke dehnte ſich, ſcharf ſtrich der Hauch,
Die Lerche ſchwieg, und ſank zum Ginſterſtrauch.
41

Die Jagd.

Die Luft hat ſchlafen ſich gelegt,
Behaglich in das Moos geſtreckt,
Kein Riſpeln, das die Kräuter regt,
Kein Seufzer, der die Halme weckt.
Nur eine Wolke träumt mitunter
Am blaſſen Horizont hinunter,
Dort, wo das Tannicht über'm Wall
Die dunkeln Candelabern ſtreckt.
Da horch, ein Ruf, ein ferner Schall:
Halloh! hoho! ſo lang gezogen,
Man meint, die Klänge ſchlagen Wogen
Im Ginſterfeld, und wieder dort:
Halloh! hoho! am Dickicht fort
Ein zögernd Echo, alles ſtill!
Man hört der Fliege Angſtgeſchrill
Im Mettennetz, den Fall der Beere,
Man hört im Kraut des Käfers Gang,
Und dann wie zieh'nder Kranichheere
Kling klang! von ihrer luft'gen Fähre,
Wie ferner Unkenruf: Kling! klang!
Ein Läuten das Gewäld entlang,
Hui ſchlüpft der Fuchs den Wall hinab
Er gleitet durch die Binſenſpeere,
Und zuckelt fürder ſeinen Trab:
Und aus dem Dickicht, weiß wie Flocken,
Nach ſtäuben die lebend'gen Glocken,
42
Radſchlagend an des Dammes Hang;
Wie Aale ſchnellen ſie vom Grund,
Und weiter, weiter, Fuchs und Hund.
Der ſchwankende Wachholder flüſtert,
Die Binſe rauſcht, die Haide kniſtert,
Und ſtäubt Phalänen um die Meute.
Sie jappen, klaffen nach der Beute,
Schaumflocken ſprühn aus Naſ 'und Mund;
Noch hat der Fuchs die rechte Weite,
Gelaſſen trabt er, ſchleppt den Schweif,
Zieht in dem Thaue dunklen Streif,
Und zeigt verächtlich ſeine Socken.
Doch bald hebt er die Lunte friſch,
Und, wie im Weiher ſchnellt der Fiſch,
Fort ſetzt er über Kraut und Schmehlen,
Wirft mit den Läufen Kies und Staub;
Die Meute mit geſchwoll'nen Kehlen
Ihm nach wie raſſelnd Winterlaub.
Man höret ihre Kiefern knacken,
Wenn fletſchend in die Luft ſie hacken;
In weitem Kreiſe ſo zum Tann,
Und wieder aus dem Dickicht dann
Ertönt das Glockenſpiel der Bracken.
Was bricht dort im Geſtrippe am Revier?
Im holprichten Galopp ſtampft es den Grund;
Ha! brüllend Heerdenvieh! voran der Stier,
Und ihnen nach klafft ein verſprengter Hund.
Schwerfällig poltern ſie das Feld entlang,
Das Horn geſenkt, wagrecht des Schweifes Strang,
43
Und taumeln noch ein paarmal in die Runde,
Eh Poſto wird gefaßt im Haidegrunde.
Nun endlich ſtehn ſie, murren noch zurück,
Das Dickicht meſſend mit verglaſ'tem Blick,
Dann ſinkt das Haupt und unter ihrem Zahne
Ein leiſes Rupfen knirrt im Thimiane;
Unwillig ſchnauben ſie den gelben Rauch,
Das Euter ſtreifend am Wachholderſtrauch,
Und peitſchen mit dem Schweife in die Wolke
Von ſummendem Gewürm und Fliegenvolke.
So langſam ſchüttelnd den gefüllten Bauch
Fort graſen ſie bis zu dem Haidekolke.
Ein Schuß: Halloh! ein zweiter Schuß: Hoho!
Die Heerde ſtutzt, des Kolkes Spiegel kraußt
Ihr Blaſen, dann die Hälſe ſtreckend, ſo
Wie in des Dammes Mönch der Strudel ſauſt,
Ziehn ſie das Waſſer in den Schlund, ſie puſten,
Die kranke Stärke ſchaukelt träg herbei,
Sie ſchaudert, ſchüttelt ſich in hohlem Huſten,
Und dann ein Schuß, und dann ein Jubelſchrei!
Das grüne Käppchen auf dem Ohr,
Den halben Mond am Lederband,
Trabt aus der Lichtung raſch hervor
Bis mitten in das Haideland
Ein Waidmann ohne Taſch und Büchſe;
Er ſchwenkt das Horn, er ballt die Hand,
Dann ſetzt er an, und tauſend Füchſe
Sind nicht ſo kräftig todtgeblaſen,
Als heut es ſchmettert über'n Raſen.
44
Der Schelm iſt todt, der Schelm iſt todt!
Laßt uns den Schelm begraben!
Kriegen ihn die Hunde nicht,
Dann freſſen ihn die Raben,
Hoho halloh!
Da ſtürmt von allen Seiten es heran,
Die Bracken brechen aus Geniſt und Tann;
Durch das Gelände ſieht in wüſten Reifen
Man johlend ſie um den Horniſten ſchweifen.
Sie ziehen ihr Geheul ſo hohl und lang,
Daß es verdunkelt der Fanfare Klang,
Doch lauter, lauter ſchallt die Gloria,
Braust durch den Ginſter die Victoria:
Hängt den Schelm, hängt den Schelm!
Hängt ihn an die Weide,
Mir den Balg und dir den Talg,
Dann lachen wir alle Beide;
Hängt ihn! Hängt ihn
Den Schelm, den Schelm!
45

Die Vogelhütte.

Regen, Regen, immer Regen! will nicht das Geplätſcher
enden,
Daß ich aus dem Sarge brechen kann, aus dieſen Bretter¬
wänden?
Sieben Schuhe ins Gevierte, das iſt doch ein ärmlich
Räumchen
Für ein Menſchenkind, und wär 'es ſchlank auch wie ein
Roſenbäumchen!
O was ließ ich mich gelüſten, in den Vogelheerd zu flüchten,
Als nur ſchwach die Wolke tropfte, als noch flüſterten die
Fichten:
Und muß nun beſtehn das Ganze, wie wenn zögernd man
dem Schwätzer
Raum gegeben, dem langweilig Seile drehnden Phraſen¬
ſetzer;
Und am Knopfe nun gehalten, oder ſchlimmer an den Händen,
Zappelnd wie der Halbgehängte langet nach des Strickes
Enden!
Meine Unglücksſtrick 'ſind dieſer Waſſerſtriemen Läng' und
Breite,
Die verkörperten Hyperbeln, denn Bindfäden regnet's heute.
46
Denk ich an die heitre Stube, an das weiche Kanapée,
Und wie mein Gedicht, das meine, dort zerleſen wird beim
Thee:
Denk ich an die ſchwere Zunge, die ſtatt meiner es zerdriſcht,
Bohrend wie ein Schwertfiſch möcht ich ſchießen in den
Waſſergiſcht.
Pah! was kümmern mich die Tropfen, ob ich naß ob
ſäuberlich!
Aber beſſer ſtramm und trocken, als durchnäßt und lächerlich.
Da ein Fleck, ein Loch am Himmel; biſt du endlich doch
gebrochen,
Alte Waſſertonne, hab ich endlich dich entzwei geſprochen?
Aber wehe! wie's vom Faſſe brodelt, wenn geſprengt der
Zapfen,
Hör ich's auf dem Dache raſſeln, förmlich wie mit Füßen
ſtapfen.
Regen! unbarmherz'ger Regen! mögſt du braten oder ſieden!
Wehe, dieſe alte Kufe iſt das Faß der Danaiden!
Ich habe mich geſetzt in Gottes Namen;
Es hilft doch alles nicht, und mein Gedicht
Iſt längſt geleſen und im Schloß die Damen,
Sie ſaßen lange zu Gericht.
47
Statt einen neuen Lorbeerkranz zu drücken
In meine Phöboslocken, hat man ſacht
Den alten losgezupft und hinter'm Rücken
Wohl Eſelsohren mir gemacht.
Verkannte Seele, faſſe dich im Leiden,
Sey ſtark, ſey nobel, denk, der Ruhm iſt leer,
Das Leben kurz, es wechſeln Schmerz und Freuden,
Und was dergleichen Neugedachtes mehr!
Ich ſchau mich um in meiner kleinen Zelle:
Für einen Klausner wär's ein hübſcher Ort;
Die Bank, der Tiſch, das hölzerne Geſtelle,
Und an der Wand die Taſche dort;
Ein Netz im Winkelchen, ein Rechen, Spaten
Und Betten? nun, das macht ſich einfach hier;
Der Thimian iſt heuer gut gerathen,
Und blüht mir grade vor der Thür.
Die Waldung drüben und das Quellgewäſſer
Hier möcht ich Haidebilder ſchreiben, zum Exempel:
Die Vogelhütte , nein der Heerd , nein beſſer:
Der Knieende in Gottes weitem Tempel.
'S iſt doch romantiſch, wenn ein zart Gerieſel
Durch Immortellen und Wachholderſtrauch
Umzieht und gleitet, wie ein ſchlüpfend Wieſel,
Und drüber flirrt der Stöberrauch;
48
Wenn Schimmer wechſeln, weiß und ſeladonen;
Die weite Eb'ne ſchaukelt wie ein Schiff,
Hindurch der Kibitz ſchrillt, wie Halcyonen
Wehklagend ziehen um das Riff.
Am Horizont die koloſſalen Brücken
Sind's Wolken oder iſt's ein ferner Wald?
Ich will den Schemel an die Luke rücken,
Da liegt mein Hut, mein Hammer, halt:
Ein Teller am Geſtell! was mag er bieten?
Fundus! bei Gott, ein Fund das Backwerk drin!
Für einen armen Hund von Eremiten,
Wie ich es leider heute bin!
Ein ſeid'ner Beutel noch am Bort zerriſſen;
Ich greife, greife Rundes mit der Hand;
Weh! in die dürre Erbs 'hab ich gebiſſen
Ich dacht', es ſeye Zuckerkand.
Und nun die Taſche! he, wir müſſen klopfen
Vielleicht liegt ein Gefang'ner hier in Haft;
Da eine Flaſche! ſchnell herab den Pfropfen
Iſt's Waſſer? Waſſer? edler Rebenſaft!
Und Edlerer, der ihn dem Sack vertraute,
Splendid barmherziger Wildhüter du,
Für einen armen Schelm, der Erbſen kaute,
Den frommen Bruder Tuck im Ivanhoe!
49
Mit dem Gekörn will ich den Kibitz letzen,
Es aus der Lücke ſtreun, wenn er im Flug
Herſchwirrt, mir auf die Schulter ſich zu ſetzen,
Wie man es lieſ't in manchem Buch.
Mir iſt ganz wohl in meiner armen Zelle;
Wie mir das Klausnerleben ſo gefällt!
Ich bleibe hier, ich geh nicht von der Stelle,
Bevor der letzte Tropfen fällt.
Es verrieſelt, es verraucht,
Mählig aus der Wolke taucht
Neu hervor der Sonnenadel.
In den feinen Dunſt die Fichte
Ihre grünen Dornen ſtreckt,
Wie ein ſchönes Weib die Nadel
In den Spitzenſchleier ſteckt;
Und die Haide ſteht im Lichte
Zahllos blanker Tropfen, die
Am Wachholder zittern, wie
Glasgehänge an dem Lüſter.
Ueberm Grund geht ein Geflüſter,
Jedes Kräutchen reckt ſich auf,
Und in langgeſtrecktem Lauf,
Durch den Sand des Pfades eilend,
Blitzt das gold'ne Panzerhemd
Des Kurier's;
*Buprestis, ein in allen Farben ſchimmernder Prachtkäfer, der ſich im Haidekraut aufhält.
* am Halme weilend
v. Droſte-Hülshof, Gedichte. 450
Streicht die Grille ſich das Naß
Von der Flügel grünem Glas.
Grashalm glänzt wie eine Klinge,
Und die kleinen Schmetterlinge,
Blau, orange, gelb und weiß,
Jagen tummelnd ſich im Kreis.
Alles Schimmer, alles Licht,
Bergwald mag und Welle nicht
Solche Farbentöne hegen,
Wie die Haide nach dem Regen.
Ein Schall und wieder wieder was iſt das?
Bei Gott, das Schloß! Da ſchlägt es Acht im Thurme
Weh mein Gedicht! o weh mir armem Wurme,
Nun fällt mir alles ein, was ich vergaß!
Mein Hut, mein Hammer, hurtig fortgetrabt
Vielleicht, vielleicht iſt man discret geweſen,
Und harrte meiner, der ſein Federleſen
Indeß mit Kraut und Würmern hat gehabt.
Nun kommt der Steeg und nun des Teiches Ried,
Nun ſteigen der Alleen ſchlanke Streifen;
Ich weiß es nicht, ich kann es nicht begreifen,
Wie ich ſo gänzlich mich vom Leben ſchied
Doch freilich damals war ich Eremit!
51

Der Weiher.

Er liegt ſo ſtill im Morgenlicht,
So friedlich, wie ein fromm Gewiſſen;
Wenn Weſte ſeinen Spiegel küſſen,
Des Ufers Blume fühlt es nicht;
Libellen zittern über ihn,
Blaugoldne Stäbchen und Karmin,
Und auf des Sonnenbildes Glanz
Die Waſſerſpinne führt den Tanz;
Schwertlilienkranz am Ufer ſteht
Und horcht des Schilfes Schlummerliede;
Ein lindes Säuſeln kommt und geht,
Als flüſtr 'es: Friede! Friede! Friede!

Das Schilf.

Stille, er ſchläft, ſtille! ſtille!
Libelle, reg 'die Schwingen ſacht,
Daß nicht das Goldgewebe ſchrille,
Und, Ufergrün, hab' gute Wacht,
Kein Kieſelchen laſſ 'niederfallen.
Er ſchläft auf ſeinem Wolkenflaum,
Und über ihn läßt ſäuſelnd wallen
Das Laubgewölb der alte Baum;
Hoch oben, wo die Sonne glüht,
Wieget der Vogel ſeine Flügel,
Und wie ein ſchlüpfend Fiſchlein zieht
Sein Schatten durch des Teiches Spiegel.
52
Stille, ſtille! er hat ſich geregt,
Ein fallend Reis hat ihn bewegt,
Das grad zum Neſt der Hänfling trug;
Su, Su! breit', Aſt, dein grünes Tuch
Su, Su! nun ſchläft er feſt genug.

Die Linde.

Ich breite über ihn mein Blätterdach
So weit ich es vom Ufer ſtrecken mag.
Schau her, wie langaus meine Arme reichen,
Ihm mit den Fächern das Gewürm zu ſcheuchen,
Das hundertfarbig zittert in der Luft.
Ich hauch 'ihm meines Odems beſten Duft,
Und auf ſein Lager laſſ' ich niederfallen
Die Lieblichſte von meinen Blüten allen;
Und eine Bank lehnt ſich an meinen Stamm,
Da ſchaut ein Dichter von dem Uferdamm,
Den hör 'ich flüſtern wunderliche Weiſe,
Von mir und dir und der Libell' ſo leiſe,
Daß er den frommen Schläfer nicht geweckt;
Sonſt wahrlich hätt 'die Raupe ihn erſchreckt,
Die ich geſchleudert aus dem Blätterhag.
Wie grell die Sonne blitzt; ſchwül wird der Tag.
O könnt' ich! könnt 'ich meine Wurzeln ſtrecken
Recht mitten in das tief kriſtall'ne Becken,
Den Fäden gleich, die, grünlicher Asbeſt,
Schaun ſo behaglich aus dem Waſſerneſt,
Wie mir zum Hohne, der im Sonnenbrande
Hier einſam niederlechzt vom Uferrande.
53

Die Waſſerfäden.

Neid 'uns! neid' uns! laſſ 'die Zweige hangen,
Nicht weil flüſſigen Kriſtall wir trinken,
Neben uns des Himmels Sterne blinken,
Sonne ſich in unſerm Netz gefangen
Nein, des Teiches Blutsverwandte, feſt
Hält er all uns an die Bruſt gepreßt,
Und wir bohren unſ're feinen Ranken
In das Herz ihm, wie ein liebend Weib,
Dringen Adern gleich durch ſeinen Leib,
Dämmern auf wie ſeines Traums Gedanken;
Wer uns kennt, der nennt uns lieb und treu,
Und die Schmerle birgt in unſ'rer Hut
Und die Karpfenmutter ihre Brut;
Welle mag in unſerm Schleier koſen;
Uns nur traut die holde Waſſerfey,
Sie, die Schöne, lieblicher als Roſen.
Schleuß, Trifolium,
*Trifolium, Dreiblatt, Menianthes trifoliata. L. Biberklee. Eine Waſſerpflanze, die nur in ſehr tiefem Waſſer wächst, mit ſchöner aber ſehr vergänglicher Blüthe.
* die Glocken auf,
Kurz dein Tag, doch königlich ſein Lauf!

Kinder am Ufer.

O ſieh doch! ſiehſt du nicht die Blumenwolke
Da drüben in dem tiefſten Weiherkolke?
O! das iſt ſchön! hätt 'ich nur einen Stecken,
Schmalzweiße Kelch' mit dunkelrothen Flecken,
54
Und jede Glocke iſt friſirt ſo fein
Wie unſer wächſern Engelchen im Schrein.
Was meinſt du, ſchneid 'ich einen Haſelſtab,
Und wat' ein wenig in die Furth hinab?
Pah! Fröſch 'und Hechte können mich nicht ſchrecken
Allein, ob nicht vielleicht der Waſſermann
Dort in den langen Kräutern hocken kann?
Ich geh, ich gehe ſchon ich gehe nicht
Mich dünkt, ich ſah am Grunde ein Geſicht
Komm laſſ' uns lieber heim, die Sonne ſticht!
55

Der Hünenſtein.

Zur Zeit der Scheide zwiſchen Nacht und Tag,
Als wie ein ſiecher Greis die Haide lag
Und ihr Geſtöhn des Mooſes Teppich regte,
Krankhafte Funken im verwirrten Haar
Elektriſch blitzten, und, ein dunkler Mahr,
Sich über ſie die Wolkenſchichte legte;
Zu dieſer Dämmerſtunde war's, als ich
Einſam hinaus mit meinen Sorgen ſchlich,
Und wenig dachte, was es draußen treibe.
Nachdenklich ſchritt ich, und bemerkte nicht
Des Krautes Wallen und des Wurmes Licht,
Ich ſah auch nicht, als ſtieg die Mondesſcheibe.
Grad war der Weg, ganz ſonder Steg und Bruch;
So träumt ich fort und, wie ein ſchlechtes Buch,
Ein Pfennigs-Magazin uns auf der Reiſe
Von Station zu Stationen plagt,
Hab 'zehnmal Weggeworf'nes ich benagt,
Und fortgeleiert überdrüß'ge Weiſe.
Entwürfe wurden aus Entwürfen reif,
Doch, wie die Schlange packt den eignen Schweif,
Fand ich mich immer auf derſelben Stelle;
Da plötzlich fuhr ein plumper Schröter jach
An's Auge mir, ich ſchreckte auf und lag
Am Grund, um mich des Haidekrautes Welle.
56
Seltſames Lager, das ich mir erkor!
Zur Rechten, Linken ſchwoll Geſtein empor,
Gewalt'ge Blöcke, rohe Porphirbrode;
Mir überm Haupte reckte ſich der Bau,
Langhaar'ge Flechten rührten meine Brau,
Und mir zu Füßen ſchwankt 'die Ginſterlode.
Ich wußte gleich, es war ein Hünengrab,
Und feſter drückt 'ich meine Stirn hinab,
Wollüſtig ſaugend an des Grauens Süße,
Bis es mit eiſ'gen Krallen mich gepackt,
Bis wie ein Gletſcher-Bronn des Blutes Takt
Aufquoll und hämmert' unterm Mantelvließe.
Die Decke über mir, geſunken, ſchief,
An der ſo blaß gehärmt das Mondlicht ſchlief,
Wie eine Wittwe an des Gatten Grabe;
Vom Hirtenfeuer Kohlenſcheite ſahn
So leichenbrandig durch den Thimian,
Daß ich ſie abwärts ſchnellte mit dem Stabe.
Huſch fuhr ein Kibitz ſchreiend aus dem Moos;
Ich lachte auf; doch trug wie bügellos
Mich Phantaſie weit über Spalt und Barren.
Dem Wind hab 'ich gelauſcht ſo ſcharf geſpannt,
Als bring er Kunde aus dem Geiſterland,
Und immer mußt ich an die Decke ſtarren.
Ha! welche Sehnen wälzten dieſen Stein?
Wer ſenkte dieſe wüſten Blöcke ein,
57
Als durch das Haid die Todtenklage ſchallte?
Wer war die Drude, die im Abendſtral
Mit Run 'und Spruch umwandelte das Thal,
Indeß ihr gold'nes Haar im Winde wallte?
Dort iſt der Oſten, dort, drei Schuh im Grund,
Dort ſteht die Urne und in ihrem Rund
Ein wildes Herz zerſtäubt zu Aſchenflocken;
Hier lagert ſich der Traum vom Opferhain,
Und finſter ſchütteln über dieſen Stein
Die grimmen Götter ihre Wolkenlocken.
Wie, ſprach ich Zauberformel? Dort am Damm
Es ſteigt, es breitet ſich wie Wellenkamm,
Ein Rieſenleib, gewalt'ger, höher immer;
Nun greift es aus mit langgedehntem Schritt
Schau, wie es durch der Eiche Wipfel glitt,
Durch ſeine Glieder zittern Mondenſchimmer.
Komm her, komm nieder um iſt deine Zeit!
Ich harre dein, im heil'gen Bad geweiht;
Noch iſt der Kirchenduft in meinem Kleide!
Da fährt es auf, da ballt es ſich ergrimmt,
Und langſam, eine dunkle Wolke, ſchwimmt
Es über meinem Haupt entlang die Haide.
Ein Ruf, ein hüpfend Licht es ſchwankt herbei
Und Herr, es regnet ſagte mein Lakai,
Der ruhig über's Haupt den Schirm mir ſtreckte.
Noch einmal ſah ich zum Geſtein hinab:
Ach Gott, es war doch nur ein rohes Grab,
Das armen ausgedorrten Staub bedeckte!
58

Die Steppe.

Standeſt du je am Strande,
Wenn Tag und Nacht ſich gleichen,
Und ſah'ſt aus Lehm und Sande
Die Regenrinnen ſchleichen
Zahlloſe Schmugglerquellen,
Und dann, ſo weit das Auge
Nur reicht, des Meeres Wellen
Gefärbt mit gelber Lauge?
Hier iſt die Dün 'und drunten
Das Meer; Kanonen gleichend
Stehn Schäferkarrn, die Lunten
Verlöſcht am Boden ſtreichend.
Gilt's etwa dem Korſaren
Im flatternden Kaftane,
Den dort ich kann gewahren
Im gelben Oceane?
Er ſcheint das Tau zu ſchlagen,
Sein Schiff verdeckt die Düne,
Doch ſieht den Maſt man ragen,
Ein dürrer Fichtenhüne;
Von ſeines Toppes Kunkel
Die Seile ſtramm wie Aeſte,
Der Maſtkorb, rauh und dunkel,
Gleicht einem Weihenneſte!
59

Die Mergelgrube.

Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand,
Geſteine ſiehſt du aus dem Schnitte ragen,
Blau, gelb, zinnoberroth, als ob zur Gant
Natur die Trödelbude aufgeſchlagen.
Kein Pardelfell war je ſo bunt gefleckt,
Kein Rebhuhn, keine Wachtel ſo geſcheckt,
Als das Gerölle gleißend wie vom Schliff
Sich aus der Scholle bröckelt bei dem Griff
Der Hand, dem Scharren mit des Fußes Spitze.
Wie zürnend ſturt dich an der ſchwarze Gneus,
Spatkugeln kollern nieder, milchig weiß,
Und um den Glimmer fahren Silberblitze;
Geſprenkelte Porphire, groß und klein,
Die Okerdruſe und der Feuerſtein
Nur wenige hat dieſer Grund gezeugt,
Der ſah den Strand, und der des Berges Kuppe;
Die zorn'ge Welle hat ſie hergeſcheucht,
Leviathan mit ſeiner Rieſenſchuppe,
Als ſchäumend übern Sinai er fuhr,
Des Himmels Schleuſen dreißig Tage offen,
Gebirge ſchmolzen ein wie Zuckerkand,
Als dann am Ararat die Arche ſtand,
Und, eine fremde, üppige Natur,
Ein neues Leben quoll aus neuen Stoffen.
Findlinge nennt man ſie, weil von der Bruſt,
Der mütterlichen ſie geriſſen ſind,
60
In fremde Wiege ſchlummernd unbewußt,
Die fremde Hand ſie legt wie's Findelkind.
O welch 'ein Waiſenhaus iſt dieſe Haide,
Die Mohren, Blaßgeſicht, und rothe Haut
Gleichförmig hüllet mit dem braunen Kleide!
Wie endlos ihre Zellenreihn gebaut!
Tief in's Gebröckel, in die Mergelgrube
War ich geſtiegen, denn der Wind zog ſcharf;
Dort ſaß ich ſeitwärts in der Höhlenſtube,
Und horchte träumend auf der Luft Geharf.
Es waren Klänge, wie wenn Geiſterhall
Melodiſch ſchwinde im zerſtörten All;
Und dann ein Ziſchen, wie von Moores Klaffen,
Wenn brodelnd es in ſich zuſamm'geſunken;
Mir über'm Haupt ein Rispeln und ein Schaffen,
Als ſcharre in der Aſche man den Funken.
Findlinge zog ich Stück auf Stück hervor,
Und lauſchte, lauſchte mit berauſchtem Ohr.
Vor mir, um mich der graue Mergel nur,
Was drüber ſah ich nicht; doch die Natur
Schien mir verödet, und ein Bild erſtand
Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt;
Ich ſelber ſchien ein Funken mir, der doch
Erzittert in der todten Aſche noch,
Ein Findling im zerfall'nen Weltenbau.
Die Wolke theilte ſich, der Wind ward lau;
Mein Haupt nicht wagt 'ich aus dem Hohl zu ſtrecken,
Um nicht zu ſchauen der Verödung Schrecken,
61
Wie Neues quoll und Altes ſich zerſetzte
War ich der erſte Menſch oder der letzte?
Ha, auf der Schieferplatte hier Meduſen
Noch ſchienen ihre Stralen ſie zu zücken,
Als ſie geſchleudert von des Meeres Buſen,
Und das Gebirge ſank, ſie zu zerdrücken.
Es iſt gewiß, die alte Welt iſt hin,
Ich Petrefakt, ein Mammuthsknochen drinn!
Und müde, müde ſank ich an den Rand
Der ſtaub'gen Gruft; da rieſelte der Grand
Auf Haar und Kleider mir, ich ward ſo grau
Wie eine Leich 'im Katakomben-Bau,
Und mir zu Füßen hört ich leiſes Knirren,
Ein Rütteln, ein Gebröckel und ein Schwirren.
Es war der Todtenkäfer, der im Sarg
So eben eine friſche Leiche barg;
Ihr Fuß, ihr Flügelchen empor geſtellt
Zeigt eine Wespe mir von dieſer Welt.
Und anders ward mein Träumen nun gewandet,
Zu einer Mumie ward ich verſandet,
Mein Linnen Staub, fahlgrau mein Angeſicht,
Und auch der Scarabäus fehlte nicht.
Wie, Leichen über mir? ſo eben gar
Rollt mir ein Biſſusknäuel in den Schooß;
Nein, das iſt Wolle, ehrlich Lämmerhaar
Und plötzlich ließen mich die Träume los.
Ich gähnte, dehnte mich, fuhr aus dem Hohl,
Am Himmel ſtand der rothe Sonnenball
62
Getrübt von Dunſt, ein glüher Karniol,
Und Schafe weideten am Haidewall.
Dicht über mir ſah ich den Hirten ſitzen,
Er ſchlingt den Faden und die Nadeln blitzen,
Wie er bedächtig ſeinen Socken ſtrickt.
Zu mir hinunter hat er nicht geblickt.
Ave Maria hebt er an zu pfeifen,
So ſacht und ſchläfrig, wie die Lüfte ſtreifen.
Er ſchaut ſo ſeelengleich die Heerde an,
Daß man nicht weiß, ob Schaf er oder Mann.
Ein Räuspern dann, und langſam aus der Kehle
Schiebt den Geſang er in das Garngeſtrehle:
Es ſtehet ein Fiſchlein in einem tiefen See,
Danach thu ich wohl ſchauen, ob es kommt in die Höh;
Wandl 'ich über Grunheide bis an den kühlen Rhein,
Alle meine Gedanken bei meinem Feinsliebchen ſein.
Gleich wie der Mond ins Waſſer ſchaut hinein,
Und gleich wie die Sonne im Wald gibt güldenen Schein,
Alſo ſich verborgen bei mir die Liebe findt,
Alle meine Gedanken, ſie ſind bei dir, mein Kind.
Wer da hat geſagt, ich wollte wandern fort,
Der hat ſein Feinsliebchen an einem andern Ort;
Trau nicht den falſchen Zungen, was ſie dir blaſen ein,
Alle meine Gedanken, ſie ſind bei dir allein.
Ich war hinaufgeklommen, ſtand am Bord,
Dicht vor dem Schäfer, reichte ihm den Knäuel;
63
Er ſteckt 'ihn an den Hut, und ſtrickte fort,
Sein weißer Kittel zuckte wie ein Weihel.
Im Mooſe lag ein Buch; ich hob es auf
Bertuchs Naturgeſchichte ; leſ't ihr das?
Da zog ein Lächeln ſeine Lippen auf:
Der lügt mal, Herr! doch das iſt juſt der Spaß!
Von Schlangen, Bären, die in Stein verwandelt,
Als, wie Geneſis ſagt, die Schleuſen offen;
Wär's nicht zur Kurzweil, wär es ſchlecht gehandelt:
Man weiß ja doch, daß alles Vieh verſoffen.
Ich reichte ihm die Schieferplatte: ſchau,
Das war ein Thier. Da zwinkert er die Brau,
Und hat mir lange pfiffig nachgelacht
Daß ich verrückt ſey, hätt' er nicht gedacht!
64

Die Krähen.

Heiß, heiß der Sonnenbrand
Drückt vom Zenith herunter,
Weit, weit der gelbe Sand
Zieht ſein Geſtäube drunter;
Nur wie ein grüner Strich
Am Horizont die Föhren;
Mich dünkt, man müßt 'es hören,
Wenn nur ein Kranker ſchlich.
Der blaſſe Aether ſiecht,
Ein Ruhen rings, ein Schweigen,
Dem matt das Ohr erliegt;
Nur an der Düne ſteigen
Zwei Fichten, dürr, ergraut
Wie Trauernde am Grabe
Wo einſam ſich ein Rabe
Die rupp'gen Federn kraut.
Da zieht's in Weſten ſchwer
Wie eine Wetterwolke,
Kreiſ't um die Föhren her
Und fällt am Haidekolke;
Und wieder ſteigt es dann,
Es flattert und es ächzet,
Und immer näher krächzet
Das Galgenvolk heran.
65
Recht, wo der Sand ſich dämmt,
Da lagert es am Hügel;
Es badet ſich und ſchwemmt,
Stäubt Aſche durch die Flügel
Bis jede Feder grau;
Dann raſten ſie im Bade,
Und horchen der Suade
Der alten Krähenfrau,
Die ſich im Sande reckt,
Das Bein lang ausgeſchoſſen,
Ihr eines Aug 'gefleckt,
Das andre iſt geſchloſſen;
Zweihundert Jahr und mehr
Gehetzt mit allen Hunden,
Schnarrt ſie nun ihre Kunden
Dem jungen Volke her:
Ja, ritterlich und kühn all ſein Gebahr!
Wenn er ſo herſtolzirte vor der Schaar,
Und ließ ſein bäumend Roß ſo drehn und ſchwenken,
Da mußt ich immer an Sanct Görgen denken,
Den Wettermann, der als am Schlot ich ſaß,
Ließ mir die Sonne auf den Rücken brennen
Vom Wind getrillt mich ſchlug ſo hart, daß baß
Ich es dem alten Raben möchte gönnen,
Der dort von ſeiner Hopfenſtange ſchaut,
Als ſey ein Baum er und wir andern Kraut!
Kühn war der Halberſtadt, das iſt gewiß!
Wenn er die Braue zog, die Lippe biß,
v. Droſte-Hülshof, Gedichte. 566
Dann ſtanden ſeine Landsknecht 'auf den Füßen
Wie Speere, ſolche Blicke konnt er ſchießen.
Einſt brach ſein Schwert; er riß die Kuppel los,
Stieß mit der Scheide einen Mann vom Pferde.
Ich war nur immer froh, daß flügellos,
Ganz ſonder Witz der Menſch geboren werde:
Denn nie hab' ich geſehn, daß aus der Schlacht
Er eine Leber nur bei Seit 'gebracht.
An einem Sommertag, heut ſind es grad
Zweihundert fünfzehn Jahr, es lief die Schnat
Am Damme drüben damals bei den Föhren
Da konnte man ein friſch Drometen hören,
Ein Schwerterklirren und ein Feldgeſchrei,
Radſchlagen ſah man Reuter von den Roſſen,
Und die Kanone fuhr ihr Hirn zu Brei;
Entlang die Gleiſe iſt das Blut gefloſſen,
Granat 'und Wachtel liefen kunterbunt
Wie junge Kibitze am ſand'gen Grund.
Ich ſaß auf einem Galgen, wo das Bruch
Man überſchauen konnte recht mit Fug;
Dort an der Schnat hat Halberſtadt geſtanden,
Mit ſeinem Sehrohr ſtreifend durch die Banden,
Hat ſeinen Stab geſchwungen ſo und ſo;
Und wie er ſchwenkte, zogen die Soldaten
Da plötzlich aus den Mörſern fuhr die Loh ',
Es knallte, daß ich bin zu Fall gerathen,
Und als Kopfüber ich vom Galgen ſchoß,
Da pfiff der Halberſtadt davon zu Roß.
67
Mir ſtieg der Rauch in Ohr und Kehl ', ich ſchwang
Mich auf, und nach der Qualm in Strömen drang;
Entlang die Haide fuhr ich mit Gekrächze.
Am Grunde, welch' Geſchrei, Geſchnaub ', Geächze!
Die Roſſe wälzten ſich und zappelten,
Todtwunde zuckten auf, Landsknecht' und Reuter
Knirſchten den Sand, da näher trappelten
Schwadronen, manche krochen winſelnd weiter,
Und mancher hat noch einen Stich verſucht,
Als über ihn der Baier weggeflucht.
Noch lange haben ſie getobt, geknallt,
Ich hatte mich geflüchtet in den Wald;
Doch als die Sonne färbt 'der Föhren Spalten,
Ha welch ein köſtlich Mahl ward da gehalten!
Kein Geier ſchmaußt, kein Weihe je ſo reich!
In achtzehn Schwärmen fuhren wir herunter,
Das gab ein Hacken, Picken, Leich' auf Leich
Allein der Halberſtadt war nicht darunter:
Nicht kam er heut ', noch ſonſt mir zu Geſicht,
Wer ihn gefreſſen hat, ich weiß es nicht.
Sie zuckt die Klaue, krau't den Schopf,
Und ſtreckt behaglich ſich im Bade;
Da ſtreckt ein grauer Herr den Kopf,
Weit älter, als die Scheh'razade.
Ha, krächzt er, das war wüſte Zeit,
Da gab's nicht Frauen, wie vor Jahren,
Als Ritter mit dem Kreuz gefahren,
Und man die Münſter hat geweiht!
68
Er huſtet, ſpeit ein wenig Sand und Thon,
Dann hebt er an, ein grauer Seladon:
Und wenn er kühn, ſo war ſie ſchön,
Die heil'ge Frau im Ordenskleide!
Ihr möcht 'der Weihel ſüßer ſtehn,
Als andern Güldenſtück und Seide.
Kaum war ſie holder an dem Tag,
Da ihr jungfräulich Haar man fällte,
Als ich an's Kirchenfenſter ſchnellte,
Und ſchier Tobias Hündlein brach.
Da ſtand die alte Gräfin, ſtand
Der alte Graf, geduldig harrend;
Er auf's Baretlein in der Hand,
Sie feſt aufs Paternoſter ſtarrend;
Ehrbar, wie bronzen ſein Geſicht
Und aus der Mutter Wimpern glitten
Zwei Thränen auf der Schaube Mitten,
Doch ihre Lippe zuckte nicht.
Und ſie in ihrem Sammetkleid,
Von Perlen und Juwel 'umfunkelt,
Bleich war ſie, aber nicht von Leid,
Ihr Blick doch nicht von Gram umdunkelt.
So mild hat ſie das Haupt gebeugt,
Als woll' auf den Altar ſie legen
Des Haares königlichen Segen,
Vom Antlitz ging ein ſüß Geleucht.
Doch als nun, wie am Blutgerüſt,
Ein Mann die Seidenſtränge packte,
69
Da faßte mich ein wild Gelüſt,
Ich ſchlug die Scheiben, daß es knackte,
Und flattert 'fort, als ob der Stahl
Nach meinem Nacken wolle zücken.
Ja wahrlich, über Kopf und Rücken
Fühlt' ich den ganzen Tag mich kahl!
Und ſpäter ſah ich manche Stund
Sie betend durch den Kreuzgang ſchreiten,
Ihr ſüßes Auge über'n Grund
Entlang die Todtenlager gleiten;
In's Quadrum flog ich dann hinab,
Spazierte auf dem Leichenſteine,
Sang, oder ſuchte auch zum Scheine
Nach einem Regenwurm am Grab.
Wie ſie geſtorben, weiß ich nicht;
Die Fenſter hatte man verhangen,
Ich ſah am Vorhang nur das Licht
Und hörte, wie die Schweſtern ſangen;
Auch hat man keinen Stein geſchafft
In's Quadrum, doch ich hörte ſagen,
Daß manchem Kranken Heil getragen
Der ſel'gen Frauen Wunderkraft.
Ein Loch gibt es am Kirchenend ',
Da kann man in's Gewölbe ſchauen,
Wo matt die ew'ge Lampe brennt,
Steinſärge ragen, fein gehauen;
70
Da ſtreck ich oft im Dämmergrau
Den Kopf durch's Gitter, klage, klage
Die Schlafende im Sarkophage,
So hold, wie keine Krähenfrau!
Er ſchließt die Augen, ſtößt ein lang Krahah!
Geſtreckt die Zunge und den Schnabel offen;
Matt, flügelhängend, ein zertrümmert Hoffen,
Ein Bild gebroch'nen Herzens ſitzt er da.
Da ſchnarrt es über ihm: ihren Narren all!
Und nieder von der Fichte plumpt der Rabe:
Iſt einer hier, der hörte von Walhall,
Von Teut und Thor, und von dem Hünengrabe?
Saht 'ihr den Opferſtein da mit Gekrächz
Hebt ſich die Schaar und klatſcht entlang den Hügel.
Der Rabe blinzt, er ſtößt ein kurz Geächz,
Die Federn ſträubend wie ein zorn'ger Igel;
Dann duckt er nieder, kraut das kahle Ohr,
Noch immer ſchnarrend fort von Teut und Thor.
71

Das Hirtenfeuer.

Dunkel, dunkel im Moor,
Ueber der Haide Nacht,
Nur das rieſelnde Rohr
Neben der Mühle wacht,
Und an des Rades Speichen
Schwellende Tropfen ſchleichen.
Unke kauert im Sumpf,
Igel im Graſe duckt,
In dem modernden Stumpf
Schlafend die Kröte zuckt,
Und am ſandigen Hange
Rollt ſich feſter die Schlange.
Was glimmt dort hinterm Ginſter,
Und bildet lichte Scheiben?
Nun wirft es Funkenflinſter,
Die löſchend niederſtäuben;
Nun wieder alles dunkel
Ich hör des Stahles Picken,
Ein Kniſtern, ein Gefunkel
Und auf die Flammen zücken.
Und Hirtenbuben hocken
Im Kreiſ 'umher, ſie ſtrecken
Die Hände, Torfes Brocken
Seh ich die Lohe lecken;
72
Da bricht ein ſtarker Knabe
Aus des Geſtrippes Windel,
Und ſchleifet nach im Trabe
Ein wüſt Wacholderbündel.
Er läßt's am Feuer kippen
Hei, wie die Buben johlen,
Und mit den Fingern ſchnippen
Die Funken-Girandolen!
Wie ihre Zipfelmützen
Am Ohre luſtig flattern,
Und wie die Nadeln ſpritzen,
Und wie die Aeſte knattern!
Die Flamme ſinkt, ſie hocken
Auf's Neu 'umher im Kreiſe,
Und wieder fliegen Brocken,
Und wieder ſchwehlt es leiſe;
Glührothe Lichter ſtreichen
An Haarbuſch und Geſichte,
Und ſchier Dämonen gleichen
Die kleinen Haidewichte.
Der da, der Unbeſchuh'te,
Was ſtreckt er in das Dunkel
Den Arm wie eine Ruthe,
Im Kreiſe welch 'Gemunkel?
Sie ſpähn wie junge Geier
Von ihrer Ginſterſchütte:
Hah, noch ein Hirtenfeuer,
Recht an des Dammes Mitte!
73
Man ſieht es eben ſteigen
Und ſeine Schimmer breiten,
Den wirren Funkenreigen
Ueber'n Wacholder gleiten;
Die Buben flüſtern leiſe,
Sie räuspern ihre Kehlen,
Und alte Haideweiſen
Verzittern durch die Schmehlen.
Helo, heloe!
Heloe, loe!
Komm du auf unſ're Haide,
Wo ich meine Schäflein weide,
Komm, o komm in unſer Bruch,
Da gibt's der Blümelein genug,
Helo, heloe!
Die Knaben ſchweigen, lauſchen nach dem Tann,
Und leiſe durch den Ginſter zieht's heran:

Gegenſtrophe.

Helo, heloe!
Ich ſitze auf dem Walle,
Meine Schäflein ſchlafen alle,
Komm, o komm in unſern Kamp,
Da wächſt das Gras wie Brahm ſo lang!
Helo, heloe '
Heloe, loe!
74

Der Haidemann. *Hier nicht das bekannte Geſpenſt, ſondern die Nebelſchicht, die ſich zur Herbſt - und Frühlingszeit Abends über den Haidegrund legt.

Geht, Kinder, nicht zu weit in's Bruch,
Die Sonne ſinkt, ſchon ſurrt den Flug
Die Biene matter, ſchlafgehemmt,
Am Grunde ſchwimmt ein blaſſes Tuch,
Der Haidemann kömmt!
Die Knaben ſpielen fort am Raine,
Sie rupfen Gräſer, ſchnellen Steine,
Sie plätſchern in des Teiches Rinne,
Erhaſchen die Phalän 'am Ried,
Und freu'n ſich, wenn die Waſſerſpinne
Langbeinig in die Binſen flieht.
Ihr Kinder, legt euch nicht in's Gras,
Seht, wo noch grad 'die Biene ſaß,
Wie weißer Rauch die Glocken füllt.
Scheu aus dem Buſche glotzt der Haas,
Der Haidemann ſchwillt!
Kaum hebt ihr ſchweres Haupt die Schmehle
Noch aus dem Dunſt, in ſeine Höhle
Schiebt ſich der Käfer und am Halme
Die träge Motte höher kreucht,
Sich flüchtend vor dem feuchten Qualme,
Der unter ihre Flügel ſteigt.
75
Ihr Kinder, haltet euch bei Haus,
Lauft ja nicht in das Bruch hinaus;
Seht, wie bereits der Dorn ergraut,
Die Droſſel ächzt zum Neſt hinaus,
Der Haidemann braut!
Man ſieht des Hirten Pfeife glimmen,
Und vor ihm her die Heerde ſchwimmen,
Wie Proteus ſeine Robbenſchaaren
Heimſchwemmt im grauen Ocean.
Am Dach die Schwalben zwitſchernd fahren
Und melancholiſch kräht der Hahn.
Ihr Kinder, bleibt am Hofe dicht,
Seht, wie die feuchte Nebelſchicht
Schon an des Pförtchens Klinke reicht;
Am Grunde ſchwimmt ein falſches Licht,
Der Haidemann ſteigt!
Nun ſtrecken nur der Föhren Wipfel
Noch aus dem Dunſte grüne Gipfel,
Wie über'n Schnee Wacholderbüſche;
Ein leiſes Brodeln quillt im Moor,
Ein ſchwaches Schrillen, ein Geziſche
Dringt aus der Niederung hervor.
Ihr Kinder, kommt, kommt ſchnell herein,
Das Irrlicht zündet ſeinen Schein,
Die Kröte ſchwillt, die Schlang im Ried;
Jetzt iſt's unheimlich draußen ſeyn,
Der Haidemann zieht!
76
Nun ſinkt die letzte Nadel, rauchend
Zergeht die Fichte, langſam tauchend
Steigt Nebelſchemen aus dem Moore,
Mit Hünenſchritten gleitet's fort;
Ein irres Leuchten zuckt im Rohre,
Der Krötenchor beginnt am Bord.
Und plötzlich ſcheint ein ſchwaches Glühen
Des Hünen Glieder zu durchziehen;
Es ſiedet auf, es färbt die Wellen,
Der Nord, der Nord entzündet ſich
Glutpfeile, Feuerſpeere ſchnellen,
Der Horizont ein Lavaſtrich!
Gott gnad 'uns! wie es zuckt und dräut,
Wie's ſchwehlet an der Dünenſcheid'!
Ihr Kinder, faltet eure Händ ',
Das bringt uns Peſt und theure Zeit
Der Haidemann brennt!
77

Das Haus in der Haide.

Wie lauſcht, vom Abendſchein umzuckt,
Die ſtrohgedeckte Hütte,
Recht wie im Neſt der Vogel duckt,
Aus dunkler Föhren Mitte.
Am Fenſterloche ſtreckt das Haupt
Die weißgeſtirnte Stärke,
Bläßt in den Abendduft und ſchnaubt
Und ſtößt an's Holzgewerke.
Seitab ein Gärtchen, dornumhegt,
Mit reinlichem Gelände,
Wo matt ihr Haupt die Glocke trägt,
Aufrecht die Sonnenwende.
Und drinnen kniet ein ſtilles Kind,
Das ſcheint den Grund zu jäten,
Nun pflückt ſie eine Lilie lind
Und wandelt längs den Beeten.
Am Horizonte Hirten, die
Im Haidekraut ſich ſtrecken,
Und mit des Aves Melodie
Träumende Lüfte wecken.
78
Und von der Tenne ab und an
Schallt es wie Hammerſchläge,
Der Hobel rauſcht, es fällt der Span,
Und langſam knarrt die Säge.
Da hebt der Abendſtern gemach
Sich aus den Föhrenzweigen,
Und grade ob der Hütte Dach
Scheint er ſich mild zu neigen.
Es iſt ein Bild, wie ſtill und heiß
Es alte Meiſter hegten,
Kunſtvolle Mönche, und mit Fleiß
Es auf den Goldgrund legten.
Der Zimmermann die Hirten gleich
Mit ihrem frommen Liede
Die Jungfrau mit dem Lilienzweig
Und rings der Gottesfriede.
Des Sternes wunderlich Geleucht
Aus zarten Wolkenfloren
Iſt etwa hier im Stall vielleicht
Chriſtkindlein heut geboren?
79

Der Knabe im Moor.

O ſchaurig iſt's über's Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Haiderauche,
Sich wie Phantome die Dünſte drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen ſpringt,
Wenn aus der Spalte es ziſcht und ſingt,
O ſchaurig iſt's über's Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht kniſtert im Hauche!
Feſt hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt als ob man es jage;
Hohl über die Fläche ſauſet der Wind
Was raſchelt drüben am Haage?
Das iſt der geſpenſtige Gräberknecht,
Der dem Meiſter die beſten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.
Vom Ufer ſtarret Geſtumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, geſpannt das Ohr,
Durch Rieſenhalme wie Speere;
Und wie es rieſelt und knittert darin!
Das iſt die unſelige Spinnerin,
Das iſt die gebannte Spinnlenor ',
Die den Haſpel dreht im Geröhre!
80
Voran, voran, nur immer im Lauf,
Voran als woll 'es ihn hohlen;
Vor ſeinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine geſpenſtige Melodey;
Das iſt der Geigemann ungetreu,
Das iſt der diebiſche Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller geſtohlen!
Da birſt das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margreth:
Ho, ho, meine arme Seele!
Der Knabe ſpringt wie ein wundes Reh,
Wär 'nicht Schutzengel in ſeiner Näh',
Seine bleichenden Knöchelchen fände ſpät
Ein Gräber im Moorgeſchwehle.
Da mählig gründet der Boden ſich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert ſo heimathlich,
Der Knabe ſteht an der Scheide.
Tief athmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den ſcheuen Blick:
Ja, im Geröhre war's fürchterlich,
O ſchaurig wars in der Haide!
[81]

Fels, Wald und See.

v. Droſte-Hülshof, Gedichte. 6[82][83]

Die Elemente.

Luft.

Der Morgen, der Jäger.

Wo die Felſenlager ſtehen,
Sich des Schnees Daunen blähen,
Auf des Chimboraſſo Höhen
Iſt der junge Stral erwacht;
Regt und dehnt die roſ'gen Glieder,
Schüttelt dann ſein Goldgefieder,
Mit dem Flimmerauge nieder
Blinzt er in des Thales Schacht.
Hörſt du wie es fällt und ſteigt?
Fühlſt du wie es um dich ſtreicht?
Dringt zu dir im weichen Duft
Nicht der Himmelsodem Luft?
In's friſche Land der Jäger tritt:
Gegrüßt du fröhlicher Morgen!
Gegrüßt du Sonn ', mit dem leichten Schritt
Wir Beiden ziehn ohne Sorgen.
Und drei Mal gegrüßt mein Geſelle Wind,
Der ſtets mir wandelt zur Seite,
84
Im Walde flüſtert durch Blätter lind,
Zur Höh' gibt ſpringend Geleite.
Und hat die Gems, das liſtige Thier,
Mich verlockt in ihr zackiges Felsrevier,
Wie ſind wir Drei dann ſo ganz allein,
Du, Luft, und ich, und der uralte Stein!

Waſſer.

Der Mittag, der Fiſcher.

Alles ſtill ringsum
Die Zweige ruhen, die Vögel ſind ſtumm.
Wie ein Schiff, das im vollen Gewäſſer brennt,
Und das die Windsbraut jagt,
So durch den Azur die Sonne rennt,
Und immer flammender tagt.
Natur ſchläft ihr Odem ſteht,
Ihre grünen Locken hangen ſchwer,
Nur auf und nieder ihr Pulsſchlag geht
Ungehemmt im heiligen Meer.
Jedes Räupchen ſucht des Blattes Hülle,
Jeden Käfer nimmt ſein Grübchen auf;
Nur das Meer liegt frei in ſeiner Fülle,
Und blickt zum Firmament hinauf.
In der Bucht wiegt ein Kahn,
Ausgeſtreckt der Fiſcher drin,
Und die lange Waſſerbahn
Schaut er träumend überhin.
85
Neben ihm die Zweige hängen,
Unter ihm die Wellchen drängen,
Plätſchernd in der blauen Fluth
Schaukelt ſeine heiße Hand:
Waſſer , ſpricht er, Welle gut,
Hauchſt ſo kühlig an den Strand.
Du, der Erde köſtlich Blut,
Meinem Blute nah verwandt,
Sendeſt deine blanken Wellen,
Die jetzt koſend um mich ſchwellen,
Durch der Mutter weites Reich,
Börnlein, Strom und glatter Teich,
Und an meiner Hütte gleich
Schlürf 'ich dein geläutert Gut,
Und du wirſt mein eignes Blut,
Liebe Welle! heil'ge Fluth!
Leiſer plätſchernd ſchläft er ein,
Und das Meer wirft ſeinen Schein
Um Gebirg und Feld und Hain;
Und das Meer zieht ſeine Bahn
Um die Welt und um den Kahn.

Erde.

Der Abend, der Gärtner.

Röthliche Flöckchen ziehen
Ueber die Berge fort,
Und wie Purpurgewänder,
Und wie farbige Bänder
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Flattert es hier und dort
In der ſteigenden Dämmrung Hort.
Gleich einem Königsgarten,
Den verlaſſen die Fürſtin hoch
Nur in der Kühle ergehen
Und um die Beete ſich drehen
Flüſternd ein Paar Hoffräulein noch.
Da des Himmels Vorhang ſinkt,
Oeffnet ſich der Erde Bruſt,
Leiſe, leiſe Kräutlein trinkt,
Und entſchlummert unbewußt;
Und ſein furchtſam Wächterlein,
Würmchen mit dem grünen Schein,
Zündet an dem Glühholz ſein
Leuchtchen klein.
Der Gärtner, über die Blumen gebeugt,
Spürt an der Sohle den Thau,
Gleich vom nächſten Halme er ſtreicht
Lächelnd die Tropfen lau;
Geht noch einmal entlang den Wall,
Prüft jede Knoſpe genau und gut:
Schlaft denn , ſpricht er, ihr Kindlein all,
Schlafet! ich laß euch der Mutter Hut;
Liebe Erde! mir ſind die Wimpern ſchwer,
Hab 'die letzte Nacht durchwacht,
Breit wohl deinen Thaumantel um ſie her,
Nimm wohl mir die Kleinen in Acht.
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Feuer.

Die Nacht, der Hammerſchmied.

Dunkel! All Dunkel ſchwer!
Wie Rieſen ſchreiten Wolken her
Ueber Gras und Laub
Wirbelt's wie ſchwarzer Staub;
Hier und dort ein grauer Stamm;
Am Horizont des Berges Kamm
Hält die geſpenſtige Wacht,
Sonſt Alles Nacht Nacht nur Nacht.
Was blitzt dort auf? ein rother Stern
Nun ſcheint es nah, nun wieder fern;
Schau! wie es zuckt und zuckt und ſchweift,
Wie's ringelnd gleich der Schlange pfeift.
Nun am Gemäuer glimmt es auf,
Unwillig wirft's die Aſch hinauf,
Und wirbelnd über'm Dach hervor
Die Funkenſäule ſteigt empor.
Und dort der Mann im ruß'gen Kleid,
Sein Angeſicht iſt bleich und kalt,
Ein Bild der liſtigen Gewalt
Wie er die Flamme dämpft und facht,
Und hält den Eiſenblock bereit!
Den ſoll ihm die gefang'ne Macht,
Die wilde hartbezähmte Glut
Zermalmen gleich in ihrer Wuth.
88
Schau, wie das Feuer ſich zerſplittert!
Wie's tückiſch an der Kohle knittert!
Lang aus die rothe Kralle ſtreckt
Und nach dem Kerkermeiſter reckt!
Wie's vor verhaltnem Grimme zittert:
O, hätt 'ich dich, o könnte ich
Mit meinen Klauen faſſen dich!
Ich lehrte dich den Unterſchied
Von dir zu Elementes Zier,
An deinem morſchen, ſtaub'gen Glied,
Du ruchlos Menſchenthier!
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Die Schenke am See.

An Levin S.

Iſt's nicht ein heit'rer Ort, mein junger Freund,
Das kleine Haus, das ſchier vom Hange gleitet,
Wo ſo poſſierlich uns der Wirth erſcheint,
So übermächtig ſich die Landſchaft breitet;
Wo uns ergötzt im neckiſchen Contraſt
Das Wurzelmännchen mit verſchmitzter Miene,
Das wie ein Aal ſich ſchlingt und kugelt faſt,
Im Angeſicht der ſtolzen Alpenbühne?
Sitz nieder. Traube! und behend erſcheint
Zopfwedelnd der geſchäftige Pigmäe;
O ſieh, wie die verletzte Beere weint
Blutige Thränen um des Reifes Nähe;
Friſch greif in die kriſtallne Schale, friſch,
Die ſaftigen Rubine glühn und locken;
Schon fühl 'ich an des Herbſtes reichem Tiſch
Den kargen Winter nahn auf leiſen Socken.
Das ſind dir Hieroglyphen, junges Blut,
Und ich, ich will an deiner lieben Seite
Froh ſchlürfen meiner Neige letztes Gut.
Schau her, ſchau drüben in die Näh 'und Weite;
Wie uns zur Seite ſich der Felſen bäumt,
Als könnten wir mit Händen ihn ergreifen,
Wie uns zu Füßen das Gewäſſer ſchäumt,
Als könnten wir im Schwunge drüber ſtreifen!
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Hörſt du das Alphorn über'm blauen See?
So klar die Luft, mich dünkt ich ſeh 'den Hirten
Heimzügeln von der duftbeſäumten Höh'
War's nicht als ob die Rinderglocken ſchwirrten?
Dort, wo die Schlucht in das Geſtein ſich drängt
Mich dünkt ich ſeh den kecken Jäger ſchleichen;
Wenn eine Gemſe an der Klippe hängt,
Gewiß, mein Auge müßte ſie erreichen.
Trink aus! die Alpen liegen Stundenweit,
Nur nah die Burg, uns heimiſches Gemäuer,
Wo Träume lagern langverſchollner Zeit,
Seltſame Mähr und zorn'ge Abentheuer.
Wohl ziemt es mir, in Räumen ſchwer und grau
Zu grübeln über dunkler Thaten Reſte;
Doch du, Levin, ſchauſt aus dem grimmen Bau
Wie eine Schwalbe aus dem Mauerneſte.
Sieh 'drunten auf dem See im Abendroth
Die Taucherente hin und wieder ſchlüpfend;
Nun ſinkt ſie nieder wie des Netzes Loth,
Nun wieder aufwärts mit den Wellen hüpfend;
Seltſames Spiel, recht wie ein Lebenslauf!
Wir beide ſchaun geſpannten Blickes nieder;
Du flüſterſt lächelnd: immer kömmt ſie auf
Und ich, ich denke, immer ſinkt ſie wieder!
Noch einen Blick dem ſegensreichen Land,
Den Hügeln, Auen, üpp'gem Wellen-Rauſchen,
Und heimwärts dann, wo von der Zinne Rand
Freundliche Augen unſerm Pfade lauſchen;
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Brich auf! da haſpelt in behendem Lauf
Das Wirthlein Abſchied wedelnd uns entgegen:
Geruh'ge Nacht ſtehn's nit zu zeitig auf!
Das iſt der luſt'gen Schwaben Abendſegen.
92

Am Thurme.

Ich ſteh 'auf hohem Balkone am Thurm,
Umſtrichen vom ſchreienden Staare,
Und laß' gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geſelle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umſchlingen,
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!
Und drunten ſeh 'ich am Strand, ſo friſch
Wie ſpielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Geziſch,
Und glänzende Flocken ſchnellen.
O, ſpringen möcht' ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Wallroß, die luſtige Beute!
Und drüben ſeh 'ich ein Wimpel wehn
So keck wie eine Standarte,
Seh auf und nieder den Kiel ſich drehn
Von meiner luftigen Warte;
O, ſitzen möcht' ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen,
Und ziſchend über das brandende Riff
Wie eine Seemöve ſtreifen.
93
War ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär ich ein Mann doch mindeſtens nur,
So würde der Himmel mir rathen;
Nun muß ich ſitzen ſo fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich löſen mein Haar,
Und laſſen es flattern im Winde!
94

Das öde Haus.

Tiefab im Tobel liegt ein Haus,
Zerfallen nach des Förſters Tode,
Dort ruh 'ich manche Stunde aus,
Vergraben unter Rank' und Lode;
'S iſt eine Wildniß, wo der Tag
Nur halb die ſchweren Wimpern lichtet;
Der Felſen tiefe Kluft verdichtet
Ergrauter Aeſte Schattenhaag.
Ich horche träumend, wie im Spalt
Die ſchwarzen Fliegen taumelnd ſummen,
Wie Seufzer ſtreifen durch den Wald,
Am Strauche irre Käfer brummen;
Wenn ſich die Abendröthe drängt
An ſickernden Geſchiefers Lauge,
Dann iſt's als ob ein trübes Auge,
Ein rothgeweintes drüber hängt.
Wo an zerrißner Laube Joch
Die langen magern Schoßen ſtreichen,
An wildverwachſ'ner Hecke noch
Im Mooſe Nelkenſproſſen ſchleichen,
Dort hat vom tröpfelnden Geſtein
Das dunkle Naß ſich durchgeſogen,
Kreucht um den Buchs in trägen Bogen,
Und ſinkt am Fenchelſtrauche ein.
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Das Dach, von Mooſe überſchwellt,
Läßt wirre Schober niederragen,
Und eine Spinne hat ihr Zelt
Im Fenſterloche aufgeſchlagen;
Da hängt, ein Blatt von zartem Flor,
Der ſchillernden Libelle Flügel,
Und ihres Panzers goldner Spiegel
Ragt kopflos am Geſims hervor.
Zuweilen hat ein Schmetterling
Sich gaukelnd in der Schlucht gefangen,
Und bleibt ſekundenlang am Ring
Der kränkelnden Narziſſe hangen;
Streicht eine Taube durch den Hain,
So ſchweigt am Tobelrand ihr Girren,
Man höret nur die Flügel ſchwirren
Und ſieht den Schatten am Geſtein.
Und auf dem Heerde, wo der Schnee
Seit Jahren durch den Schlot geflogen,
Liegt Aſchenmoder feucht und zäh,
Von Pilzes Glocken überzogen;
Noch hängt am Mauerpflock ein Reſt
Verwirrten Wergs, das Seil zu ſpinnen,
Wie halbvermorſchtes Haar und drinnen
Der Schwalbe überjährig Neſt.
Und von des Balkens Haken nikt
Ein Schellenband an Schnall 'und Riemen,
Mit grober Wolle iſt geſtickt
Diana auf dem Lederſtriemen;
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Ein Pfeifchen auch vergaß man hier,
Als man den Tannenſarg geſchloſſen;
Den Mann begrub man, todt geſchoſſen
Hat man das alte treue Thier.
Sitz ich ſo einſam am Geſträuch
Und hör 'die Maus im Laube ſchrillen,
Das Eichhorn blafft von Zweig zu Zweig,</