PRIMS Full-text transcription (HTML)
Geſpräche mit Goethe.
Erſter Theil.
Geſpräche mit Goethe in den letzten Jahren ſeines Lebens.
1823 1832.
Erſter Theil.
Leipzig:F. A. Brockhaus.1836.

Ihro Kaiſerlichen Hoheit der regierenden Frau Großherzogin zu Sachſen-Weimar und Eiſenach, Maria Paulowna, Großfuͤrſtin von Rußland,dankbar unterthaͤnigſt zugeeignet.

[VI][VII]

Vorrede.

Dieſe Sammlung von Unterhaltungen und Ge¬ ſpraͤchen mit Goethe iſt groͤßtentheils aus dem mir inwohnenden Naturtriebe entſtanden, irgend ein Erlebtes, das mir werth oder merkwuͤrdig erſcheint, durch ſchriftliche Auffaſſung mir anzu¬ eignen.

Zudem war ich immerfort der Belehrung be¬ duͤrftig, ſowohl als ich zuerſt mit jenem außer¬ ordentlichen Manne zuſammentraf, als auch nach¬ dem ich bereits Jahre lang mit ihm gelebt hatte, und ich ergriff gerne den Inhalt ſeiner Worte und notirte ihn mir, um ihn fuͤr mein ferneres Leben zu beſitzen.

VIII

Wenn ich aber die reiche Fuͤlle ſeiner Äuße¬ rungen bedenke, die waͤhrend eines Zeitraumes von neun Jahren mich begluͤckten, und nun das We¬ nige betrachte, das mir davon ſchriftlich aufzufaſſen gelungen iſt, ſo komme ich mir vor wie ein Kind, das den erquicklichen Fruͤhlingsregen in offenen Haͤnden aufzufangen bemuͤht iſt, dem aber das Meiſte durch die Finger laͤuft.

Doch wie man zu ſagen pflegt, daß Buͤcher ihre Schickſale haben, und wie dieſes Wort eben ſowohl auf ihr Entſtehen als auf ihr ſpaͤteres Hinaustreten in die weite und breite Welt anzu¬ wenden iſt, ſo duͤrfte es auch von der Entſtehung des gegenwaͤrtigen Buches gelten. Monate ver¬ gingen oft wo die Geſtirne unguͤnſtig ſtanden, und wo Unbefinden, Geſchaͤfte und mancherley Be¬ muͤhungen um die taͤgliche Exiſtenz keine Zeile aufkommen ließen; dann aber traten wieder guͤn¬ ſtige Sterne ein und es vereinigten ſich Wohlſeyn, Muße und Luſt zu ſchreiben, um wieder einen er¬ freulichen Schritt vorwaͤrts zu thun. Und dann, wo tritt bey einem laͤngeren Zuſammenleben nichtIX mitunter einige Gleichguͤltigkeit ein, und wo waͤre derjenige, der die Gegenwart immer ſo zu ſchaͤtzen wuͤßte, wie ſie es verdiente!

Dieſes alles erwaͤhne ich beſonders aus dem Grunde, um die manchen bedeutenden Luͤcken zu entſchuldigen, die der Leſer finden wird, im Fall er etwa ſo geneigt ſeyn ſollte, das Datum zu ver¬ folgen. In ſolche Luͤcken faͤllt manches unterlaſſene Gute, ſo wie beſonders manches guͤnſtige Wort, was Goethe uͤber ſeine weitverbreiteten Freunde, ſo wie uͤber die Werke dieſes oder jenes lebenden deutſchen Autors geſagt hat, waͤhrend ſich Anderes aͤhnlicher Art notirt findet. Doch wie geſagt: Buͤcher haben ihre Schickſale ſchon waͤhrend ſie entſtehen.

Übrigens erkenne ich dasjenige, was in dieſen Baͤnden mir gelungen iſt zu meinem Eigenthum zu machen und was ich gewiſſermaßen als den Schmuck meines Lebens zu betrachten habe, mit innigem Dank gegen eine hoͤhere Fuͤgung; ja ich habe ſo¬ gar eine gewiſſe Zuverſicht, daß auch die Welt mir dieſe Mittheilung danken werde.

X

Ich halte dafuͤr, daß dieſe Geſpraͤche fuͤr Le¬ ben, Kunſt und Wiſſenſchaft nicht allein manche Aufklaͤrung und manche unſchaͤtzbare Lehre enthal¬ ten, ſondern daß dieſe unmittelbaren Skizzen nach dem Leben auch ganz beſonders dazu beytragen werden, das Bild zu vollenden, was man von Goethe aus ſeinen mannigfaltigen Werken bereits in ſich tragen mag.

Weit entfernt aber bin ich auch wiederum, zu glauben, daß hiemit nun der ganze innere Goethe gezeichnet ſey. Man kann dieſen außerordentlichen Geiſt und Menſchen mit Recht einem vielſeitigen Diamanten vergleichen, der nach jeder Richtung hin eine andere Farbe ſpiegelt. Und wie er nun in verſchiedenen Verhaͤltniſſen und zu verſchiedenen Perſonen ein Anderer war, ſo kann ich auch in meinem Falle nur in ganz beſcheidenem Sinne ſagen: dieß iſt mein Goethe.

Und dieſes Wort duͤrfte nicht bloß davon gel¬ ten, wie er ſich mir darbot, ſondern beſonders auch davon, wie ich ihn aufzufaſſen und wieder¬ zugeben faͤhig war. Es geht in ſolchen Faͤllen eine Spiegelung vor und es iſt ſehr ſelten, daßXl bey dem Durchgange durch ein anderes Individuum nichts Eigenthuͤmliches verloren gehe und nichts Fremdartiges ſich beymiſche. Die koͤrperlichen Bild¬ niſſe Goethe's von Rauch, Dawe, Stieler und David ſind alle in hohem Grade wahr, und doch tragen ſie alle mehr oder weniger das Ge¬ praͤge der Individualitaͤt, die ſie hervorbrachte. Und wie nun ein Solches ſchon von koͤrperlichen Dingen zu ſagen iſt, um wie viel mehr wird es von fluͤchtigen, untaſtbaren Dingen des Geiſtes gelten! Wie dem nun aber in meinem Falle auch ſey, ſo werden alle diejenigen, denen aus geiſtiger Macht oder aus perſoͤnlichem Umgange mit Goethe ein Urtheil dieſes Gegenſtandes zu¬ ſteht, mein Streben nach moͤglichſter Treue hof¬ fentlich nicht verkennen.

Nach dieſen groͤßtentheils die Auffaſſung des Gegenſtandes betreffenden Andeutungen bleibt mir uͤber des Werkes Inhalt ſelber noch Folgendes zu ſagen.

Dasjenige, was man das Wahre nennt, ſelbſt in Betreff eines einzigen Gegenſtandes, iſtXII keineswegs etwas Kleines, Enges, Beſchraͤnktes; vielmehr iſt es, wenn auch etwas Einfaches, doch zugleich etwas Umfangreiches, das, gleich den mannigfaltigen Offenbarungen eines weit und tief greifenden Naturgeſetzes, nicht ſo leicht zu ſagen iſt. Es iſt nicht abzuthun durch Spruch, auch nicht durch Spruch und Spruch, auch nicht durch Spruch und Widerſpruch, ſondern man gelangt durch alles dieſes zuſammen erſt zu Aproximationen, geſchweige zum Ziele ſelber.

So, um nur ein Beiſpiel anzufuͤhren, tragen Goethe's einzelne Äußerungen uͤber Poeſie oft den Schein der Einſeitigkeit und oft ſogar den Schein offenbarer Widerſpruͤche. Bald legt er alles Ge¬ wicht auf den Stoff, welchen die Welt giebt, bald alles auf das Innere des Dichters; bald ſoll alles Heil im Gegenſtande liegen, bald alles in der Behandlung: bald ſoll es von einer voll¬ endeten Form kommen, bald, mit Vernachlaͤſſigung aller Form, alles vom Geiſte.

Alle dieſe Aus - und Widerſpruͤche aber ſind ſaͤmmtlich einzelne Seiten des Wahren und bezeich¬XIII nen zuſammen das Weſen und fuͤhren zur Annaͤ¬ herung der Wahrheit ſelber, und ich habe mich daher ſowohl in dieſen als aͤhnlichen Faͤllen wohl gehuͤtet, dergleichen ſcheinbare Widerſpruͤche, wie ſie durch verſchiedenartige Anlaͤſſe und den Verlauf ungleicher Jahre und Stunden hervorgerufen worden, bey dieſer Herausgabe zu unterdruͤcken. Ich vertraue dabey auf die Einſicht und Überſicht des gebildeten Leſers, der ſich durch etwas Einzelnes nicht irren laſſen, ſondern das Ganze im Auge halten und alles gehoͤrig zurechtlegen und vereinigen werde.

Ebenſo wird man vielleicht auf Manches ſto¬ ßen, was beym erſten Anblick den Schein des Unbedeutenden hat. Sollte man aber tiefer bli¬ ckend bemerken, daß ſolche unbedeutende Anlaͤſſe oft Traͤger von etwas Bedeutendem ſind, auch oft etwas Spaͤtervorkommendes begruͤnden, oder auch dazu beytragen, irgend einen kleinen Zug zur Characterzeichnung hinzuzuthun, ſo duͤrften ſie, als eine Art von Nothwendigkeit, wo nicht geheiliget, doch entſchuldiget werden.

Und ſomit ſage ich nun dieſem lange geheg¬XIV ten Buche zu ſeinem Hinaustrit in die Welt das beſte Lebewohl, und wuͤnſche ihm das Gluͤck an¬ genehm zu ſeyn und mancherley Gutes anzuregen und zu verbreiten.

Weimar, den 31. October 1835.

[1]

Einleitung.

I. 1[2][3]

Einleitung.

Der Autor giebt Nachricht uͤber ſeine Perſon und Herkunft und die Entſtehung ſeines Verhaͤltniſſes zu Goethe.

Zu Winſen an der Luhe, einem Staͤdtchen zwiſchen Luͤ¬ neburg und Hamburg, auf der Graͤnze des Marſch - und Haidelandes, bin ich zu Anfang der neunziger Jahre geboren, und zwar in einer Huͤtte, wie man wohl ein Haͤuschen nennen kann, das nur einen heizbaren Aufent¬ halt und keine Treppe hatte, ſondern wo man auf einer gleich an der Hausthuͤr ſtehenden Leiter unmittelbar auf den Heuboden ſtieg.

Als der Zuletztgeborne einer zweyten Ehe, habe ich meine Eltern eigentlich nur gekannt wie ſie ſchon im vor¬ geruͤckten Alter ſtanden, und bin zwiſchen beyden gewiſſer¬ maßen einſam aufgewachſen. Aus meines Vaters erſter Ehe lebten zwey Soͤhne, wovon der eine, nach verſchie¬ denen Seereiſen als Matroſe, in fernen Welttheilen in Gefangenſchaft gerathen und verſchollen war, der andere aber, nach mehrmaligem Aufenthalt zum Walfiſch - und Seehunde-Fang in Groͤnland, nach Hamburg zuruͤckgekehrt1*4war und dort in maͤßigen Umſtaͤnden lebte. Aus meines Vaters zweyter Ehe waren vor mir zwey Schweſtern aufgewachſen, die, als ich mein zwoͤlftes Jahr erreicht, bereits das vaͤterliche Haus verlaſſen hatten und theils im Orte theils in Hamburg dienten.

Die Hauptquelle des Unterhaltes unſerer kleinen Fa¬ milie war eine Kuh, die uns nicht allein zu unſerm taͤg¬ lichen Bedarf mit Milch verſah, ſondern von der wir auch jaͤhrlich ein Kalb maͤſten und außerdem zu gewiſſen Zeiten fuͤr einige Groſchen Milch verkaufen konnten. Fer¬ ner beſaßen wir einen Acker Land, der uns die noͤthigen Gemuͤſearten fuͤr das Beduͤrfniß des Jahres gewinnen ließ. Korn zu Brod indeß und Mehl fuͤr die Kuͤche mu߬ ten wir kaufen.

Meine Mutter hatte eine beſondere Geſchicklichkeit im Wollſpinnen; auch ſchnitt und naͤhete ſie die buͤrgerlichen Muͤtzen der Frauenzimmer zu beſonderer Zufriedenheit, welches ihr denn beydes zur Quelle einiges Erwerbes gereichte.

Meines Vaters eigentliches Geſchaͤft dagegen war der Betrieb eines kleinen Handels, der nach den verſchiedenen Jahreszeiten variirte und ihn veranlaßte haͤufig von Haus abweſend zu ſeyn und in der Umgegend viel zu Fuße umherzuſchweifen. Im Sommer ſah man ihn, mit einem leichten hoͤlzernen Schraͤnkchen auf dem Ruͤcken, in der Haidegegend von Dorf zu Dorf wandern und mit Band, Zwirn und Seide hauſiren gehen. Zugleich kaufte er hier5 wollene Struͤmpfe und Beyderwand (ein aus der brau¬ nen Wolle der Haideſchnucken und leinenem Garn geweb¬ tes Zeug), das er denn auf dem jenſeitigen Elbufer, in den Vierlanden, gleichfalls hauſirend, wieder abſetzte. Im Winter trieb er einen Handel mit rohen Schreibfedern und ungebleichter Leinewand, die er in den Doͤrfern der Haide - und Marſchgegend aufkaufte und mit Schiffsgelegenheit nach Hamburg brachte. In allen Faͤllen jedoch mußte ſein Gewinn ſehr gering ſeyn, denn wir lebten immer in einiger Armuth.

Soll ich nun von meiner kindlichen Thaͤtigkeit reden, ſo war ſie gleichfalls nach den Jahreszeiten ver¬ ſchieden. Mit dem anbrechenden Fruͤhling, und ſo wie die Gewaͤſſer der gewoͤhnlichen Elb-Überſchwemmungen ver¬ laufen waren, ging ich taͤglich, um das an den Binnen¬ deichen und ſonſtigen Erhoͤhungen angeſpuͤlte Schilf zu ſammeln und als eine beliebte Streu fuͤr unſere Kuh an¬ zuhaͤufen. Wenn ſodann auf der weitausgedehnten Weide¬ flaͤche das erſte Gruͤn hervorkeimte, verlebte ich in Ge¬ meinſchaft mit anderen Knaben lange Tage im Huͤten der Kuͤhe. Waͤhrend des Sommers war ich thaͤtig in Be¬ ſtellung unſeres Ackers, auch ſchleppte ich fuͤr das Beduͤrf¬ niß des Herdes das ganze Jahr hindurch aus der kaum eine Stunde entfernten Waldung trockenes Holz herbey. Zur Zeit der Korn-Ernte ſah man mich wochenlang in den Feldern mit Ährenleſen beſchaͤftigt, und ſpaͤter, wenn die Herbſtwinde die Baͤume ſchuͤttelten, ſammlete ich Ei¬6 cheln, die ich metzenweiſe an wohlhabendere Einwohner, um ihre Gaͤnſe damit zu fuͤttern, verkaufte. So wie ich aber genugſam herangewachſen war, begleitete ich meinen Vater auf ſeinen Wanderungen von Dorf zu Dorf und half einen Buͤndel tragen. Dieſe Zeit gehoͤrt zu den lieb¬ ſten Erinnerungen meiner Jugend.

Unter ſolchen Zuſtaͤnden und Beſchaͤftigungen, waͤh¬ rend welcher ich auch periodenweiſe die Schule beſuchte und nothduͤrftig leſen und ſchreiben lernte, erreichte ich mein vierzehntes Jahr, und man wird geſtehen, daß von hier bis zu einem vertrauten Verhaͤltniß mit Goethe ein großer Schritt und uͤberall wenig Anſchein war. Auch wußte ich nicht, daß es in der Welt Dinge gebe wie Poeſie und ſchoͤne Kuͤnſte, und konnte alſo auch ein dun¬ keles Verlangen und Streben nach ſolchen Dingen gluͤck¬ licherweiſe in mir nicht Statt finden.

Man hat geſagt, die Thiere werden durch ihre Or¬ gane belehrt, und ſo moͤchte man vom Menſchen ſagen, daß er oft durch etwas was er ganz zufaͤllig thut, uͤber das belehrt werde was etwa Hoͤheres in ihm ſchlummert. Ein ſolches ereignete ſich mit mir, und da es, obgleich an ſich unbedeutend, meinem ganzen Leben eine andere Wendung gab, ſo hat es ſich mir als etwas Unverge߬ liches eingepraͤgt.

Ich ſaß eines Abends bei angezuͤndeter Lampe mit beyden Eltern am Tiſche. Mein Vater war von Ham¬ burg zuruͤckgekommen und erzaͤhlte von dem Verlauf und7 Fortgang ſeines Handels. Da er gern rauchte, ſo hatte er ſich ein Paket Taback mitgebracht, das vor mir auf dem Tiſche lag und als Wappen ein Pferd hatte. Dieſes Pferd erſchien mir als ein ſehr gutes Bild, und da ich zugleich Feder und Tinte und ein Stuͤckchen Papier zur Hand hatte, ſo bemaͤchtigte ſich meiner ein unwiderſteh¬ licher Trieb es nachzuzeichnen. Mein Vater fuhr fort von Hamburg zu erzaͤhlen, waͤhrend ich, von den Eltern un¬ bemerkt, mich ganz vertiefte im Zeichnen des Pferdes. Als ich fertig war, kam es mir vor, als ſey meine Nachbil¬ dung dem Vorbilde vollkommen aͤhnlich und ich genoß ein mir bisher unbekanntes Gluͤck. Ich zeigte meinen Eltern was ich gemacht hatte, die nicht umhin konnten mich zu ruͤhmen und ſich daruͤber zu wundern. Die Nacht ver¬ brachte ich in freudiger Aufregung halb ſchlaflos, ich dachte beſtaͤndig an mein gezeichnetes Pferd und erwartete mit Ungeduld den Morgen, um es wieder vor Augen zu neh¬ men und mich wieder daran zu erfreuen.

Von dieſer Zeit an verließ mich der einmal erwachte Trieb der ſinnlichen Nachbildung nicht wieder. Da es aber in meinem Orte an aller weiteren Huͤlfe in ſolchen Dingen fehlte, ſo war ich ſchon ſehr gluͤcklich, als unſer Nachbar, ein Toͤpfer, mir ein Paar Hefte mit Contouren gab, welche ihm bey Bemalung ſeiner Teller und Schuͤſ¬ ſeln als Vorbild dienten.

Dieſe Umriſſe zeichnete ich mit Feder und Tinte auf das ſorgfaͤltigſte nach, und ſo entſtanden zwey Hefte,8 die bald von Hand zu Hand gingen und auch an die erſte Perſon des Ortes, an den Oberamtmann Meyer, gelangten. Er ließ mich rufen, beſchenkte mich, und lobte mich auf die liebevollſte Weiſe. Er fragte mich, ob ich Luſt habe ein Maler zu werden; er wolle mich in ſolchem Fall, wenn ich confirmirt ſey, zu einem geſchick¬ ten Meiſter nach Hamburg ſenden. Ich ſagte, daß ich wohl Luſt habe und daß ich es mit meinen Eltern uͤber¬ legen wolle.

Dieſe aber, beyde aus dem Bauernſtande, und in einem Orte lebend, wo groͤßtentheils nichts Anderes als Ackerbau und Viehzucht getrieben wurde, dachten ſich unter einem Maler nichts weiter als einen Thuͤren - und Haͤuſer-Anſtreicher. Sie widerriethen es mir daher auf das ſorglichſte, indem ſie anfuͤhrten, daß es nicht allein ein ſehr ſchmutziges, ſondern zugleich ein ſehr gefaͤhrliches Handwerk ſey, wobey man Hals und Beine brechen koͤnne, welches ſich, zumal in Hamburg bey den ſieben Stockwerk hohen Haͤuſern, ſehr oft ereigne. Da nun meine eigenen Begriffe von einem Maler gleichfalls nicht hoͤherer Art waren, ſo verging mir die Luſt zu dieſem Metier und ich ſchlug das Anerbieten des guten Oberamtmannes aus dem Sinne.

Indeſſen war nun einmal die Aufmerkſamkeit hoͤhe¬ rer Perſonen auf mich gefallen; man behielt mich im Auge und ſuchte mich auf manche Weiſe zu heben. Man ließ mich an dem Privatunterricht der wenigen9 vornehmen Kinder Theil nehmen, ich lernte franzoͤſiſch und etwas Latein und Muſik; zugleich verſah man mich mit beſſerer Kleidung, und der wuͤrdige Superintendent Pariſius hielt es nicht zu gering, mir einen Platz an ſeinem eigenen Tiſche zu geben.

Von nun an war mir die Schule lieb geworden; ich ſuchte ſo guͤnſtige Umſtaͤnde ſo lange fortzuſetzen als moͤglich, und meine Eltern gaben es daher auch gern zu, daß ich erſt in meinem ſechzehnten Jahre confirmirt wurde.

Nun aber entſtand die Frage, was aus mir werden ſolle. Waͤre es nach meinen Wuͤnſchen gegangen, ſo haͤtte man mich zur Verfolgung wiſſenſchaftlicher Stu¬ dien auf ein Gymnaſium geſchickt; allein hieran war nicht zu denken, denn es fehlte dazu nicht allein an allen Mitteln, ſondern die gebieteriſche Noth meiner Umſtaͤnde verlangte auch, mich ſehr bald in einer Lage zu ſehen, wo ich nicht allein fuͤr mich ſelber zu ſorgen, ſondern auch meinen duͤrftigen alten Eltern einigermaßen zu Huͤlfe zu kommen im Stande waͤre.

Eine ſolche Lage eroͤffnete ſich mir gleich nach meiner Confirmation, indem ein dortiger Juſtizbeamter mir das Anerbieten machte, mich zum Schreiben und anderen kleinen Dienſtverrichtungen zu ſich zu nehmen, worein ich mit Freuden willigte. Ich hatte waͤhrend der letzten anderthalb Jahre meines fleißigen Schul¬ beſuchs es dahin gebracht, nicht allein eine gute Hand10 zu erlangen, ſondern mich auch in Abfaſſung ſchrift¬ licher Aufſaͤtze vielfaͤltig zu uͤben, ſo daß ich mich denn fuͤr eine ſolche Stelle ſehr wohl qualificirt halten konnte. Dieſes Verhaͤltniß, wobey ich auch kleine Advocaturgeſchaͤfte trieb, und nicht ſelten in den Fall kam, nach hergebrachten Formen beydes, Klageſchrift und Urtheil, abzufaſſen, dauerte zwey Jahre, naͤmlich bis 1810, wo das hannoͤveriſche Amt Winſen an der Luhe aufgeloͤſt und, im Departement der Nieder-Elbe begriffen, dem franzoͤſiſchen Kaiſerreiche einverleibt wurde.

Ich erhielt nun eine Anſtellung im Buͤreau der Direction der directen Steuern zu Luͤneburg, und als dieſe im naͤchſten Jahre gleichfalls aufgeloͤſt wurde, kam ich in das Buͤreau der Unterpraͤfectur zu Ülzen. Hier arbeitete ich bis gegen Ende des Jahres 1812, wo der Praͤfect, Herr von Duͤring, mich befoͤrderte und als Mairie-Secretair zu Bevenſen anſtellte. Dieſen Po¬ ſten bekleidete ich bis zum Fruͤhling des Jahres 1813, wo die herannahenden Koſaken uns zur Befreiung von der franzoͤſiſchen Herrſchaft Hoffnung machten.

Ich nahm meinen Abſchied und ging in meine Hei¬ math mit keinem anderen Plan und Gedanken, als mich ſobald wie moͤglich den Reihen der vaterlaͤndiſchen Krieger anzuſchließen, die ſich im Stillen hier und dort anfingen zu bilden. Dieſes vollfuͤhrte ich und trat gegen Ende des Sommers mit Buͤchſe und Holſter als Freywilliger in das Kielmannsegge'ſche Jaͤger-Corps und11 machte mit dieſem in der Compagnie des Capitain Knop den Feldzug des Winters 1813 und 1814 durch Mecklenburg, Holſtein und vor Hamburg gegen den Marſchall Davouſt. Darauf marſchirten wir uͤber den Rhein gegen den General Maiſon und zogen im Som¬ mer viel hin und her in dem fruchtbaren Flandern und Brabant.

Hier, vor den großen Gemaͤlden der Niederlaͤnder, ging mir eine neue Welt auf; ich verbrachte ganze Tage in Kirchen und Muſeen. Es waren im Grunde die erſten Gemaͤlde die mir in meinem Leben vor Augen gekommen waren, ich ſah nun was es heißen wolle ein Maler zu ſeyn; ich ſah die gekroͤnten, gluͤck¬ lichen Fortſchritte der Schuͤler, und ich haͤtte weinen moͤgen, daß es mir verſagt worden eine aͤhnliche Bahn zu gehen. Doch entſchloß ich mich auf der Stelle; ich machte in Tournay die Bekanntſchaft eines jungen Kuͤnſtlers, ich verſchaffte mir ſchwarze Kreide und einen Bogen Zeichenpapier vom groͤßten Format und ſetzte mich ſogleich vor ein Bild um es zu copiren. Große Begierde zur Sache erſetzte hiebey was mir an Übung und Anleitung fehlte, und ſo brachte ich die Contoure der Figuren gluͤcklich zu Stande; ich fing auch an, von der linken Seite herein das Ganze auszuſchattiren, als eine Marſchordre eine ſo gluͤckliche Beſchaͤftigung unter¬ brach. Ich eilte, die Abſtufung von Schatten und Licht in dem nicht ausgefuͤhrten Theile mit einzelnen12 Buchſtaben anzudeuten, in Hoffnung daß es mir in ruhigen Stunden gelingen wuͤrde es auf dieſe Weiſe zu vollenden. Ich rollte mein Bild zuſammen und that es in einen Koͤcher, den ich, neben meiner Buͤchſe auf dem Ruͤcken haͤngend, den langen Marſch von Tournay nach Hameln trug.

Hier ward das Jaͤger-Corps im Herbſt des Jahres 1814 aufgeloͤſt. Ich ging in meine Heimath; mein Vater war todt, meine Mutter noch am Leben und bey meiner aͤlteſten Schweſter wohnend, die ſich indeß verheirathet und das elterliche Haus angenommen hatte. Ich fing nun ſogleich an mein Zeichnen fortzuſetzen; ich vollendete zunaͤchſt jenes aus Brabant mitgebrachte Bild, und als es mir darauf ferner an paſſenden Muſtern fehlte, ſo hielt ich mich an die kleinen Ram¬ bergiſchen Kupfer, die ich mit ſchwarzer Kreide ins Große ausfuͤhrte. Hiebey merkte ich jedoch ſehr bald den Mangel gehoͤriger Vorſtudien und Kenntniſſe; ich hatte ſo wenig Begriffe von der Anatomie des Menſchen wie der Thiere; nicht mehr wußte ich von Behandlung der verſchiedenen Baumarten und Gruͤnde, und es koſtete mich daher unſaͤgliche Muͤhe, ehe ich auf meine Weiſe etwas herausbrachte das ungefaͤhr ſo ausſah.

Ich begriff daher ſehr bald, daß, wenn ich ein Kuͤnſtler werden wolle, ich es ein wenig anders anzu¬ fangen haͤtte, und daß das fernere Suchen und Taſten auf eigenem Wege ein durchaus verlorenes Bemuͤhen13 ſey. Zu einem tuͤchtigen Meiſter zu gehen und ganz von vorne anzufangen, das war mein Plan.

Was nun den Meiſter betraf, ſo lag in meinen Gedanken kein anderer als Ramberg in Hannover; auch dachte ich in dieſer Stadt mich um ſo eher hal¬ ten zu koͤnnen, als ein geliebter Jugendfreund dort in gluͤcklichen Umſtaͤnden lebte, von deſſen Treue ich mir jede Stuͤtze verſprechen durfte, und deſſen Einladungen ſich wiederholten.

Ich ſaͤumte daher auch nicht lange und ſchnuͤrte meinen Buͤndel und machte mitten im Winter 1815 den faſt vierzigſtuͤndigen Weg durch die oͤde Haide bey tiefem Schnee einſam zu Fuß, und erreichte in einigen Tagen gluͤcklich Hannover.

Ich verfehlte nicht alſobald zu Ramberg zu gehen und ihm meine Wuͤnſche vorzutragen. Nach den vor¬ gelegten Proben ſchien er an meinem Talent nicht zu zweifeln, doch machte er mir bemerklich, daß die Kunſt nach Brod gehe, daß die Überwindung des Techniſchen viel Zeit verlange, und daß die Ausſicht, der Kunſt zugleich die aͤußere Exiſtenz zu verdanken, ſehr ferne ſey. Indeſſen zeigte er ſich ſehr bereit, mir ſeinerſeits alle Huͤlfe zu ſchenken; er ſuchte ſogleich aus der Maſſe ſeiner Zeichnungen einige paſſende Blaͤtter mit Theilen des menſchlichen Koͤrpers hervor, die er mir zum Nach¬ zeichnen mitgab.

So wohnte ich denn bey meinem Freunde und zeich¬14 nete nach Rambergiſchen Originalen. Ich machte Fort¬ ſchritte, denn die Blaͤtter die er mir gab wurden immer bedeutender. Die ganze Anatomie des menſchlichen Koͤr¬ pers zeichnete ich durch, und ward nicht muͤde die ſchwierigen Haͤnde und Fuͤße immer zu wiederholen. So vergingen einige gluͤckliche Monate. Wir kamen indeß in den May und ich fing an zu kraͤnkeln; der Juny ruͤckte heran und ich war nicht mehr im Stande den Griffel zu fuͤhren, ſo zitterten meine Haͤnde.

Wir nahmen unſere Zuflucht zu einem geſchickten Arzt. Er fand meinen Zuſtand gefaͤhrlich. Er erklaͤrte, daß in Folge des Feldzuges alle Hautausduͤnſtung unterdruͤckt ſey, daß eine verzehrende Glut ſich auf die inneren Theile geworfen, und daß, wenn ich mich noch vierzehn Tage ſo fortgeſchleppt haͤtte, ich unfehlbar ein Kind des Todes geweſen ſeyn wuͤrde. Er verordnete ſogleich warme Baͤder und aͤhnliche wirkſame Mittel um die Thaͤtigkeit der Haut wieder herzuſtellen; es zeigten ſich auch ſehr bald erfreuliche Spuren der Beſſe¬ rung, doch an Fortſetzung meiner kuͤnſtleriſchen Studien war nicht mehr zu denken.

Ich hatte bisher bey meinem Freunde die liebevollſte Behandlung und Pflege genoſſen; daß ich ihm laͤſtig ſey, oder in der Folge laͤſtig werden koͤnnte, daran war ſeinerſeits kein Gedanke und nicht die leiſeſte Andeutung. Ich aber dachte daran, und wie dieſe ſchon laͤnger ge¬ hegte heimliche Sorge wahrſcheinlich dazu beygetragen15 hatte den Ausbruch der in mir ſchlummernden Krank¬ heit zu beſchleunigen, ſo trat ſie jetzt, da ich wegen meiner Wiederherſtellung bedeutende Ausgaben vor mir ſah, mit ihrer ganzen Gewalt hervor.

In ſolcher Zeit aͤußerer und innerer Bedraͤngniß eroͤffnete ſich mir die Ausſicht zu einer Anſtellung bey einer mit der Kriegs-Canzley in Verbindung ſtehenden Commiſſion, die das Montirungsweſen der hannoͤveri¬ ſchen Armee zum Gegenſtand ihrer Geſchaͤfte hatte, und es war daher wohl nicht zu verwundern, daß ich dem Drange der Umſtaͤnde nachgab und, auf die kuͤnſtle¬ riſche Bahn Verzicht leiſtend, mich um die Stelle be¬ warb und ſie mit Freuden annahm.

Meine Geneſung erfolgte raſch und es kehrte ein Wohlbefinden und eine Heiterkeit zuruͤck, wie ich ſie lange nicht genoſſen. Ich ſah mich in dem Fall, mei¬ nem Freunde einigermaßen wieder zu verguͤten was er ſo großmuͤthig an mir gethan. Die Neuheit des Dienſtes, in welchen ich mich einzuarbeiten hatte, gab meinem Geiſte Beſchaͤftigung. Meine Obern erſchienen mir als Maͤnner von der edelſten Denkungsart, und mit meinen Collegen, von denen einige mit mir in dem¬ ſelbigen Corps den Feldzug gemacht, ſtand ich ſehr bald auf dem Fuß eines innigen Vertrauens.

In dieſer geſicherten Lage fing ich nun erſt an, in der manches Gute enthaltenden Reſidenz mit einiger Freyheit umherzublicken, ſo wie ich auch in Stunden16 der Muße nicht muͤde ward, die reizenden Umgebungen immer von neuem zu durchſtreifen. Mit einem Schuͤler Rambergs, einem hoffnungsvollen jungen Kuͤnſtler, hatte ich eine innige Freundſchaft geſchloſſen; er war auf meinen Wanderungen mein beſtaͤndiger Begleiter. Und da ich nun auf ein practiſches Fortſchreiten in der Kunſt wegen meiner Geſundheit und ſonſtigen Umſtaͤnde fernerhin Verzicht leiſten mußte, ſo war es mir ein gro¬ ßer Troſt, mich mit ihm uͤber unſere gemeinſame Freun¬ dinn wenigſtens taͤglich zu unterhalten. Ich nahm Theil an ſeinen Compoſitionen, die er mir haͤufig in der Skizze zeigte und die wir mit einander durchſprachen. Ich ward durch ihn auf manche belehrende Schrift gefuͤhrt, ich las Winckelmann, ich las Mengs; allein da mir die Anſchauung der Sachen fehlte, von denen dieſe Maͤnner handeln, ſo konnte ich mir auch aus ſolcher Lectuͤre nur das Allgemeinſte aneignen und ich hatte davon im Grunde wenig Nutzen.

In der Reſidenz geboren und aufgewachſen, war mein Freund in geiſtiger Bildung mir in jeder Hinſicht voran, auch hatte er eine recht huͤbſche Kenntniß der ſchoͤnen Literatur, die mir durchaus fehlte. In dieſer Zeit war Theodor Koͤrner der gefeierte Held des Tages; er brachte mir deſſen Gedichte Leyer und Schwerdt, die denn nicht verfehlten, auch auf mich einen großen Eindruck zu machen und auch mich zur Bewunderung hinzureißen.

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Man hat viel von der kuͤnſtleriſchen Wirkung eines Gedichtes geſprochen und ſie ſehr hoch geſtellt; mir aber will erſcheinen, daß die ſtoffartige die eigentlich maͤchtige ſey, worauf alles ankomme. Ohne es zu wiſſen machte ich dieſe Erfahrung an dem Buͤch¬ lein Leyer und Schwerdt. Denn, daß ich gleich Koͤrner den Haß gegen unſere vieljaͤhrigen Bedruͤcker im Buſen getragen, daß ich gleich ihm den Befreyungs¬ krieg mitgemacht, und gleich ihm alle Zuſtaͤnde von beſchwerlichen Maͤrſchen, naͤchtlichen Bivouacs, Vor¬ poſtendienſt und Gefechten erlebt und dabey aͤhnliche Gedanken und Empfindungen gehegt hatte, das ver¬ ſchaffte dieſen Gedichten in meinem Innern einen ſo tiefen und maͤchtigen Anklang.

Wie nun aber auf mich nicht leicht etwas Bedeu¬ tendes wirken konnte, ohne mich tief anzuregen und productiv zu machen, ſo ging es mir auch mit dieſen Gedichten von Theodor Koͤrner. Ich erinnerte mich aus meiner Kindheit und den folgenden Jahren, daß ich ſelber hin und wieder kleine Gedichte geſchrieben, aber nicht weiter beachtet hatte, weil ich auf dergleichen leicht entſtehende Dinge damals keinen großen Werth legte und weil uͤberall zur Schaͤtzung des poetiſchen Ta¬ lents immer einige geiſtige Reife erforderlich iſt. Nun aber erſchien mir dieſe Gabe in Theodor Koͤrner als etwas durchaus Ruͤhmliches und Beneidenswuͤrdiges undI. 218es erwachte in mir ein maͤchtiger Trieb, zu verſuchen, ob es mir nicht gelingen wolle es ihm einigermaßen nachzuthun.

Die Ruͤckkehr unſerer vaterlaͤndiſchen Krieger aus Frankreich gab mir eine erwuͤnſchte Gelegenheit. Und wie mir in friſcher Erinnerung lebte, welchen unſaͤgli¬ chen Muͤhſeligkeiten der Soldat im Felde ſich zu unter¬ ziehen hat, waͤhrend dem gemaͤchlichen Buͤrger zu Hauſe oft keine Art von Bequemlichkeit mangelt, ſo dachte ich, daß es gut ſeyn moͤchte dergleichen Verhaͤltniſſe in einem Gedicht zur Sprache zu bringen und dadurch, auf die Gemuͤther wirkend, den zuruͤckkehrenden Truppen einen deſto herzlicheren Empfang vorzubereiten.

Ich ließ von dem Gedicht einige hundert Exemplare auf eigene Koſten drucken und in der Stadt vertheilen. Die Wirkung die es that war guͤnſtig uͤber meine Erwartung. Es verſchaffte mir den Zudrang einer Menge ſehr erfreulicher Bekanntſchaften, man theilte meine ausgeſprochenen Empfindungen und Anſichten, man ermunterte mich zu aͤhnlichen Verſuchen und war uͤberhaupt der Meinung, daß ich die Probe eines Ta¬ lentes an den Tag gelegt habe, welches der Muͤhe werth ſey weiter zu cultiviren. Man theilte das Ge¬ dicht in Zeitſchriften mit, es ward an verſchiedenen Orten nachgedruckt und einzeln verkauft, und uͤberdieß erlebte ich daran die Freude, es von einem ſehr belieb¬ ten Componiſten in Muſik geſetzt zu ſehen, ſo wenig19 es ſich auch im Grunde, wegen ſeiner Laͤnge und ganz rhetoriſchen Art, zum Geſang eignete.

Es verging von nun an keine Woche wo ich nicht durch die Entſtehung irgend eines weiteren Gedichts waͤre begluͤckt worden. Ich war jetzt in meinem vier und zwanzigſten Jahre; es lebte in mir eine Welt von Gefuͤhlen, Drang und gutem Willen; allein ich war ganz ohne alle geiſtige Cultur und Kenntniſſe. Man empfahl mir das Studium unſerer großen Dichter und fuͤhrte mich beſonders auf Schiller und Klopſtock. Ich verſchaffte mir ihre Werke, ich las, ich bewunderte ſie, allein ich fand mich durch ſie wenig gefoͤrdert; die Bahn dieſer Talente lag, ohne daß ich es damals ge¬ wußt haͤtte, von der Richtung meiner eigenen Natur zu weit abwaͤrts.

In dieſer Zeit hoͤrte ich zuerſt den Namen Goethe und erlangte zuerſt einen Band ſeiner Gedichte. Ich las ſeine Lieder und las ſie immer von neuem und genoß dabey ein Gluͤck, das keine Worte ſchildern. Es war mir, als fange ich erſt an aufzuwachen und zum eigentlichen Bewußtſeyn zu gelangen; es kam mir vor als werde mir in dieſen Liedern mein eigenes mir bis¬ her unbekanntes Innere zuruͤckgeſpiegelt. Auch ſtieß ich nirgends auf etwas Fremdartiges und Gelehrtes wozu mein bloß menſchliches Denken und Empfinden nicht ausgereicht haͤtte, nirgends auf Namen auslaͤndiſcher und veralteter Gottheiten, wobey ich mir nichts zu den¬2 *20ken wußte; vielmehr fand ich das menſchliche Herz in allen ſeinem Verlangen, Gluͤck und Leiden, ich fand eine deutſche Natur wie der gegenwaͤrtige helle Tag, eine reine Wirklichkeit in dem Lichte milder Verklaͤrung.

Ich lebte in dieſen Liedern ganze Wochen und Mo¬ nate. Dann gelang es mir den Wilhelm Meiſter zu be¬ kommen, dann ſein Leben, dann ſeine dramatiſchen Werke. Den Fauſt, vor deſſen Abgruͤnden menſchlicher Natur und Verderbniß ich anfaͤnglich zuruͤckſchauderte, deſſen bedeu¬ tend-raͤthſelhaftes Weſen mich aber immer wieder anzog, las ich alle Feſttage. Bewunderung und Liebe nahm taͤglich zu, ich lebte und webte Jahr und Tag in dieſen Werken und dachte und ſprach nichts als von Goethe.

Der Nutzen, den wir aus dem Studium der Werke eines großen Schriftſtellers ziehen, kann mannigfaltiger Art ſeyn; ein Hauptgewinn aber moͤchte darin beſtehen, daß wir uns nicht allein unſeres eigenen Innern, ſon¬ dern auch der mannigfaltigen Welt außer uns deutlicher bewußt werden. Eine ſolche Wirkung hatten auf mich die Werke Goethe's. Auch ward ich durch ſie zur beſ¬ ſeren Beobachtung und Auffaſſung der ſinnlichen Gegen¬ ſtaͤnde und Charactere getrieben; ich kam nach und nach zu dem Begriff der Einheit oder der innerlichſten Harmonie eines Individuums mit ſich ſelber, und ſomit ward mir denn das Raͤthſel der großen Mannig¬ faltigkeit ſowohl natuͤrlicher als kuͤnſtleriſcher Erſcheinun¬ gen immer mehr aufgeſchloſſen.

21

Nachdem ich mich einigermaßen in Goethe's Schrif¬ ten befeſtiget und mich nebenbey in der Poeſie practiſch auf manche Weiſe verſucht hatte, wendete ich mich zu einigen der groͤßten Dichter des Auslandes und fruͤhe¬ rer Zeiten, und las in den beſten Überſetzungen nicht allein die vorzuͤglichſten Stuͤcke von Shakſpeare, ſondern auch den Sophocles und Homer.

Hiebey merkte ich jedoch ſehr bald, daß von dieſen hohen Werken nur das Allgemein-Menſchliche in mich eingehen wolle, daß aber das Verſtaͤndniß des Beſon¬ deren, ſowohl in ſprachlicher als hiſtoriſcher Hinſicht, wiſſenſchaftliche Kenntniſſe und uͤberhaupt eine Bildung vorausſetze, wie ſie gewoͤhnlich nur auf Schulen und Univerſitaͤten erlangt wird.

Uberdieß machte man mir von manchen Seiten be¬ merklich, daß ich mich auf eigenem Wege vergebens abmuͤhe und daß, ohne eine ſogenannte claſſiſche Bil¬ dung, nie ein Dichter dahin gelangen werde ſowohl ſeine eigene Sprache mit Geſchick und Nachdruck zu gebrauchen, als auch uͤberhaupt, dem Gehalt und Geiſte nach, etwas Vorzuͤgliches zu leiſten.

Da ich nun auch zu dieſer Zeit viele Biographien bedeutender Maͤnner las, um zu ſehen, welche Bildungs¬ wege ſie eingeſchlagen um zu etwas Tuͤchtigem zu ge¬ langen, und ich bey ihnen uͤberall den Gang durch Schulen und Univerſitaͤten wahrzunehmen hatte, ſo faßte ich, obgleich bey ſo vorgeruͤcktem Alter und unter ſo wi¬22 derſtrebenden Umſtaͤnden den Entſchluß, ein Gleiches, aus¬ zufuͤhren.

Ich wendete mich alſobald an einen als Lehrer beym Gymnaſium zu Hannover angeſtellten vorzuͤglichen Phi¬ lologen und nahm bey ihm Privat-Unterricht, nicht al¬ lein in der lateiniſchen, ſondern auch in der griechiſchen Sprache, und verwendete auf dieſe Studien alle Muße die meine, wenigſtens ſechs Stunden taͤglich, in Anſpruch nehmenden Berufsgeſchaͤfte mir gewaͤhren wollten.

Dieſes trieb ich ein Jahr. Ich machte gute Fort¬ ſchritte; allein bey meinem unausſprechlichen Drange vorwaͤrts, kam es mir vor als gehe es zu langſam und als muͤſſe ich auf andere Mittel denken. Es wollte mir erſcheinen, daß, wenn ich erlangen koͤnne taͤglich vier bis fuͤnf Stunden das Gymnaſium zu beſuchen und auf ſolche Weiſe ganz und gar in dem gelehrten Elemente zu leben, ich ganz andere Fortſchritte machen und un¬ gleich ſchneller zum Ziele gelangen wuͤrde.

In dieſer Meinung ward ich durch den Rath ſach¬ kundiger Perſonen beſtaͤtigt; ich faßte daher den Ent¬ ſchluß ſo zu thun, und erhielt dazu auch ſehr leicht die Genehmigung meiner Obern, indem die Stunden des Gymnaſiums groͤßtentheils auf eine ſolche Tageszeit fielen wo ich vom Dienſte frey war.

Ich meldete mich daher zur Aufnahme und ging in Begleitung meines Lehrers an einem Sonntag-Vor¬ mittag zu dem wuͤrdigen Director um die erforderliche23 Pruͤfung zu beſtehen. Er examinirte mich mit aller moͤglichen Milde, allein da ich fuͤr die hergebrachten Schulfragen kein praͤparirter Kopf war und es mir trotz allem Fleiß an eigentlicher Routine fehlte, ſo be¬ ſtand ich nicht ſo gut als ich im Grunde haͤtte ſollen. Doch auf die Verſicherung meines Lehrers, daß ich mehr wiſſe als es nach dieſer Pruͤfung den Anſchein haben moͤge, und in Erwaͤgung meines ungewoͤhnlichen Stre¬ bens, ſetzte er mich nach Secunda.

Ich brauche wohl kaum zu ſagen, daß ich, als ein faſt Fuͤnfundzwanzigjaͤhriger und als einer der bereits in koͤniglichen Dienſten ſtand, unter dieſen groͤßtentheils noch ſehr knabenhaften Juͤnglingen eine wunderliche Figur machte, ſo daß dieſe neue Situation mir anfaͤnglich ſelber ein wenig unbequem und ſeltſam vorkommen wollte; doch mein großer Durſt nach den Wiſſenſchaften ließ mich alles uͤberſehen und ertragen. Auch hatte ich mich im Ganzen nicht zu beſchweren. Die Lehrer achteten mich, die aͤlteren und beſſeren Schuͤler der Klaſſe kamen mir auf das freundlichſte entgegen und ſelbſt einige Ausbunde von Übermuth hat¬ ten Ruͤckſicht genug, an mir ihre frevelhaften Anwand¬ lungen nicht auszulaſſen.

Ich war daher wegen meiner erreichten Wuͤnſche im Ganzen genommen ſehr gluͤcklich und ſchritt auf dieſer neuen Bahn mit großem Eifer vorwaͤrts. Des Mor¬ gens fuͤnf Uhr war ich wach und bald darauf an24 meinen Praͤparationen. Gegen acht ging es in die Schule bis zehn Uhr. Von dort eilte ich auf mein Buͤreau zu den Dienſtgeſchaͤften, die meine Gegenwart bis gegen ein Uhr verlangten. Im Fluge ging es ſodann nach Haus; ich verſchluckte ein wenig Mittags¬ eſſen und war gleich nach ein Uhr wieder in der Schule. Die Stunden dauerten bis vier Uhr, worauf ich denn wieder bis nach ſieben Uhr in meinem Be¬ ruf beſchaͤftiget war und den ferneren Abend zu Praͤ¬ parationen und Privatunterricht verwendete.

Dieſes Leben und Treiben verfuͤhrte ich einige Monate; allein meine Kraͤfte waren einer ſolchen An¬ ſtrengung nicht gewachſen, und es beſtaͤtigte ſich die alte Wahrheit: daß niemand zween Herren dienen koͤnne. Der Mangel an freyer Luft und Bewegung, ſo wie die fehlende Zeit und Ruhe zum Eſſen, Trinken und Schlaf, erzeugten nach und nach einen krankhaften Zuſtand; ich fuͤhlte mich abgeſtumpft an Leib und Seele und ſah mich zuletzt in der dringenden Noth¬ wendigkeit, entweder die Schule aufzugeben oder meine Stelle. Da aber das letztere meiner Exiſtenz wegen nicht anging, ſo blieb kein anderer Ausweg als das erſtere zu thun und ich trat mit dem beginnenden Fruͤhling 1817 wieder aus. Es ſchien zu dem beſondern Geſchick meines Lebens zu gehoͤren Mancherley zu probiren, und ſo gereute es mich denn keineswegs auch eine gelehrte Schule eine Zeitlang probirt zu haben.

25

Ich hatte indeß einen guten Schritt vorwaͤrts gethan, und da ich die Univerſitaͤt nach wie vor im Auge behielt, ſo blieb nun weiter nichts uͤbrig, als den Privatunterricht fortzuſetzen, welches denn auch mit aller Luſt und Liebe geſchah.

Nach der uͤberſtandenen Laſt des Winters verlebte ich einen deſto heiteren Fruͤhling und Sommer; ich war viel in der freyen Natur, die dieſes Jahr mit beſonderer Innigkeit zu meinem Herzen ſprach, und es entſtanden viele Gedichte, wobey beſonders die jugend¬ lichen Lieder von Goethe mir als hohe Muſter vor Augen ſchwebten.

Mit eintretendem Winter fing ich an ernſtlich darauf zu denken, wie ich es moͤglich mache wenigſtens binnen Jahresfriſt die Univerſitaͤt zu beziehen. In der lateini¬ ſchen Sprache war ich ſo weit vorgeſchritten, daß es mir gelang von den Oden des Horaz, von den Hirten¬ gedichten des Virgil, ſo wie von den Metamorphoſen des Ovid einige mich beſonders anſprechende Stuͤcke me¬ triſch zu uͤberſetzen, ſo wie die Reden des Cicero und die Kriegesgeſchichten des Julius Caͤſar mit einiger Leich¬ tigkeit zu leſen. Hiemit konnte ich mich zwar noch kei¬ neswegs als fuͤr academiſche Studien gehoͤrig vorbereitet betrachten, allein ich dachte innerhalb eines Jahres noch ſehr weit zu kommen und ſodann das Fehlende auf der Univerſitaͤt ſelber nachzuholen.

Unter den hoͤheren Perſonen der Reſidenz hatte ich26 mir manchen Goͤnner erworben; ſie verſprachen mir ihre Mitwirkung, jedoch unter der Bedingung, daß ich mich entſchließen wolle ein ſogenanntes Brodſtudium zu waͤhlen. Da aber dergleichen nicht in der Richtung meiner Natur lag und da ich in der feſten Überzeugung lebte, daß der Menſch nur dasjenige cultiviren muͤſſe wohin ein unausgeſetzter Drang ſeines Innern gehe, ſo blieb ich bey meinem Sinn und jene verſagten mir ihre Huͤlfe, indem endlich nichts weiter erfolgen ſollte als ein Freytiſch.

Es blieb nun nichts uͤbrig als meinen Plan durch eigene Kraͤfte durchzuſetzen und mich zu einer literariſchen Production von einiger Bedeutung zuſammenzunehmen.

Muͤllners Schuld und Grillparzers Ahnfrau wa¬ ren zu dieſer Zeit an der Tagesordnung und machten viel Aufſehen. Meinem Naturgefuͤhl waren dieſe kuͤnſt¬ lichen Werke zuwider, noch weniger konnte ich mich mit ihren Schickſalsideen befreunden, von denen ich der Meinung war, daß daraus eine unſittliche Wirkung auf das Volk hervorgehe. Ich faßte daher den Entſchluß gegen ſie aufzutreten und darzuthun, daß das Schickſal in den Characteren ruhe. Aber ich wollte nicht mit Worten gegen ſie ſtreiten ſondern mit der That. Ein Stuͤck ſollte erſcheinen welches die Wahrheit ausſpreche, daß der Menſch in der Gegenwart Samen ſtreue der in der Zukunft aufgehe und Fruͤchte bringe, gute oder boͤſe, je nachdem er geſaͤet habe. Mit der Weltgeſchichte27 unbekannt, blieb mir weiter nichts uͤbrig, als die Charac¬ tere und den Gang der Handlung zu erfinden. Ich trug es wohl ein Jahr mit mir herum und bildete mir die einzelnen Scenen und Acte bis ins Einzelne aus und ſchrieb es endlich im Winter 1820 in den Morgen¬ ſtunden einiger Wochen. Ich genoß dabey das hoͤchſte Gluͤck, denn ich ſah daß alles ſehr leicht und natuͤrlich zu Tage kam. Allein im Gegenſatz mit jenen genann¬ ten Dichtern ließ ich das wirkliche Leben mir zu nahe treten, das Theater kam mir nie vor Augen. Daher ward es auch mehr eine ruhige Zeichnung von Situa¬ tionen, als eine geſpannte raſch fortſchreitende Handlung, und auch nur poetiſch und rhythmiſch, wenn Charactere und Situationen es erforderten. Nebenperſonen gewan¬ nen zu viel Raum, das ganze Stuͤck zu viel Breite.

Ich theilte es den naͤchſten Freunden und Bekannten mit, ward aber nicht verſtanden wie ich es wuͤnſchte; man warf mir vor: einige Scenen gehoͤren ins Luſt¬ ſpiel, man warf mir ferner vor: ich habe zu wenig geleſen. Ich, eine beſſere Aufnahme erwartend, war anfaͤnglich im Stillen beleidigt; doch nach und nach kam ich zu der Überzeugung, daß meine Freunde nicht ſo ganz unrecht haͤtten und daß mein Stuͤck, wenn auch die Charaktere richtig gezeichnet und das Ganze wohl durchdacht und mit einer gewiſſen Beſonnenheit und Fa¬ cilitaͤt ſo zur Erſcheinung gekommen, wie es in mir ge¬ legen, doch, dem darin entwickelten Leben nach, auf einer28 viel zu niedern Stufe ſtehe, als daß es ſich geeignet haͤtte damit oͤffentlich aufzutreten.

Und dieſes war in Erwaͤgung meines Herkommens und meiner wenigen Studien nicht zu verwundern. Ich nahm mir vor, das Stuͤck umzuarbeiten und fuͤr das Theater einzurichten, vorher aber in meiner Bil¬ dung vorzuſchreiten, damit ich faͤhig ſey alles hoͤher zu ſtellen. Der Drang nach der Univerſitaͤt, wo ich alles zu erlangen hoffte was mir fehlte und wodurch ich auch in hoͤhere Lebensverhaͤltniſſe zu kommen gedachte, ward nun zur Leidenſchaft. Ich faßte den Entſchluß meine Gedichte herauszugeben, um es dadurch vielleicht zu bewirken. Und da es mir nun an Namen fehlte um von einem Verleger ein anſehnliches Honorar er¬ warten zu koͤnnen, ſo waͤhlte ich den fuͤr meine Lage vortheilhafteren Weg der Subſcription.

Dieſe ward von Freunden eingeleitet und nahm den erwuͤnſchteſten Fortgang. Ich trat jetzt bey meinen Obern mit meiner Abſicht auf Goͤttingen wieder hervor und bat um meine Entlaſſung; und da dieſe nun die Überzeugung gewannen, daß es mein tiefer Ernſt ſey und daß ich nicht nachgebe, ſo beguͤnſtigten ſie meine Zwecke. Auf Vorſtellung meines Chefs, des damaligen Obriſten von Berger, gewaͤhrte die Kriegs-Canzley mir den erbetenen Abſchied und ließ mir jaͤhrlich 150 Thaler von meinem Gehalt zum Behuf meiner Studien auf zwey Jahre.

29

Ich war nun gluͤcklich in dem Gelingen der jahre¬ lang gehegten Plaͤne. Die Gedichte ließ ich auf das ſchnellſte drucken und verſenden, aus deren Ertrag ich nach Abzug aller Koſten einen reinen Gewinn von 150 Thaler behielt. Ich ging darauf im May 1821 nach Goͤttingen, eine theure Geliebte zuruͤcklaſſend.

Mein erſter Verſuch, nach der Univerſitaͤt zu gelan¬ gen, war daran geſcheitert, daß ich hartnaͤckig jedes ſo¬ genannte Brodſtudium abgelehnt hatte. Jetzt aber, durch die Erfahrung gewitzigt, und der unſaͤglichen Kaͤmpfe mir noch zu gut bewußt, die ich damals ſo¬ wohl gegen meine naͤchſte Umgebung als gegen einflu߬ reiche hoͤhere Perſonen zu beſtehen hatte, war ich klug genug geweſen, mich den Anſichten einer uͤbermaͤchtigen Welt zu bequemen und ſogleich zu erklaͤren, daß ich ein Brodſtudium waͤhlen und mich der Rechtswiſſenſchaft widmen wolle.

Dieſes hatten ſowohl meine maͤchtigen Goͤnner als alle anderen, denen mein irdiſches Fortkommen am Her¬ zen lag und die ſich von der Gewalt meiner geiſtigen Beduͤrfniſſe keine Vorſtellung machten, ſehr vernuͤnftig gefunden. Aller Widerſpruch war mit einem Mal ab¬ gethan, ich fand uͤberall ein freundliches Entgegen¬ kommen und ein bereitwilliges Befoͤrdern meiner Zwecke. Zugleich unterließ man nicht zu meiner Beſtaͤtigung in ſo guten Vorſaͤtzen anzufuͤhren, daß das juriſtiſche Studium keineswegs der Art ſey, daß es nicht dem30 Geiſte einen hoͤheren Gewinn gebe. Ich wuͤrde, ſagte man, dadurch Blicke in buͤrgerliche und weltliche Ver¬ haͤltniſſe thun wie ich auf keine andere Weiſe erreichen koͤnne. Auch waͤre dieſes Studium keineswegs von ſol¬ chem Umfang, daß ſich nicht ſehr viele ſogenannte hoͤhere Dinge nebenbey treiben laſſen. Man nannte mir ver¬ ſchiedene Namen beruͤhmter Perſonen, die alle Jura ſtudirt haͤtten und doch zugleich zu den hoͤchſten Kennt¬ niſſen anderer Art gelangt waͤren.

Hiebey jedoch wurde ſowohl von meinen Freunden als von mir uͤberſehen, daß jene Maͤnner nicht allein mit tuͤchtigen Schulkenntniſſen ausgeſtattet zur Univer¬ ſitaͤt kamen, ſondern auch eine ungleich laͤngere Zeit, als die gebieteriſche Noth meiner beſonderen Umſtaͤnde es mir erlauben wollte, auf ihre Studien verwenden konnten.

Genug aber, ſo wie ich andere getaͤuſcht hatte, taͤuſchte ich mich nach und nach ſelber und bildete mir zuletzt wirklich ein, ich koͤnne in allem Ernſt Jura ſtudiren und doch zugleich meine eigentlichen Zwecke erreichen.

In dieſem Wahn, etwas zu ſuchen was ich gar nicht zu beſitzen und anzuwenden wuͤnſchte, fing ich ſogleich nach meiner Ankunft auf der Univerſitaͤt mit dem Juriſtiſchen an. Auch fand ich dieſe Wiſſenſchaft keineswegs der Art daß ſie mir widerſtanden haͤtte, vielmehr haͤtte ich, wenn mein Kopf nicht von anderen Vorſaͤtzen und Beſtrebungen waͤre zu voll geweſen,31 mich ihr recht gerne ergeben moͤgen. So aber erging es mir wie einem Maͤdchen, das gegen eine vorgeſchla¬ gene Heirathspartie bloß deßwegen allerley zu erinnern findet, weil ihr ungluͤcklicher Weiſe ein heimlich Gelieb¬ ter im Herzen liegt.

In den Vorleſungen der Inſtitutionen und Pan¬ dekten ſitzend, vergaß ich mich oft im Ausbilden dra¬ matiſcher Scenen und Acte. Ich gab mir alle Muͤhe meinen Sinn auf das Vorgetragene zu wenden, allein er lenkte gewaltſam immer abwaͤrts. Es lag mir fort¬ waͤhrend nichts in Gedanken, als Poeſie und Kunſt und meine hoͤhere menſchliche Entwickelung, warum ich ja uͤberall ſeit Jahren mit Leidenſchaft nach der Univerſitaͤt geſtrebt hatte.

Wer mich nun das erſte Jahr in meinen naͤchſten Zwecken bedeutend foͤrderte, war Heeren. Seine Eth¬ nographie und Geſchichte legte in mir fuͤr fernere Stu¬ dien dieſer Art den beſten Grund, ſo wie die Klarheit und Gediegenheit ſeines Vortrages auch in anderer Hinſicht fuͤr mich von bedeutendem Nutzen war. Ich beſuchte jede Stunde mit Liebe und verließ keine, ohne von groͤßerer Hochachtung und Neigung fuͤr den vor¬ zuͤglichen Mann durchdrungen zu ſeyn.

Das zweyte academiſche Jahr begann ich vernuͤnf¬ tiger Weiſe mit gaͤnzlicher Beſeitigung des juriſtiſchen Studiums, das in der That viel zu bedeutend war, als daß ich es als Nebenſache haͤtte mitgewinnen koͤn¬32 nen, und das mir in der Hauptſache als ein zu großes Hinderniß anhing. Ich ſchloß mich an die Philologie. Und wie ich im erſten Jahre Heeren ſehr viel ſchuldig geworden, ſo ward ich es nun Diſſen. Denn nicht al¬ lein, daß ſeine Vorleſungen meinen Studien die eigentlich geſuchte und erſehnte Nahrung gaben, ich mich taͤglich mehr gefoͤrdert und aufgeklaͤrt ſah, und nach ſeinen An¬ deutungen ſichere Richtungen fuͤr kuͤnftige Productionen nahm, ſondern ich hatte auch das Gluͤck, dem werthen Manne perſoͤnlich bekannt zu werden und mich von ihm in meinen Studien geleitet, beſtaͤrkt und ermuntert zu ſehen.

Überdieß war der taͤgliche Umgang mit ganz vor¬ zuͤglichen Koͤpfen unter den Studirenden und das un¬ aufhoͤrliche Beſprechen der hoͤchſten Gegenſtaͤnde, auf Spaziergaͤngen und oft bis tief in die Nacht hinein, fuͤr mich ganz unſchaͤtzbar und auf meine immer freiere Entwickelung vom guͤnſtigſten Einfluß.

Indeſſen war das Ende meiner pecuniaͤren Huͤlfs¬ mittel nicht mehr ferne. Dagegen hatte ich ſeit andert¬ halb Jahren taͤglich neue Schaͤtze des Wiſſens in mich aufgenommen; ein ferneres Anhaͤufen, ohne ein practi¬ ſches Verwenden, war meiner Natur und meinem Lebens¬ gange nicht gemaͤß, und es herrſchte daher in mir ein leidenſchaftlicher Trieb, mich durch einige ſchriftſtelleriſche Productionen wieder frey und nach ferneren Studien wieder begehrlich zu machen.

33

Sowohl meine dramatiſche Arbeit, woran ich dem Stoffe nach das Intereſſe nicht verloren hatte, die aber der Form und dem Gehalte nach bedeutender erſcheinen ſollte; als auch Ideen in Bezug auf Grundſaͤtze der Poeſie, die ſich beſonders als Widerſpruch gegen damals herrſchende Anſichten entwickelt hatten, gedachte ich hinter¬ einander auszuſprechen und zu vollenden.

Ich verließ daher im Herbſt 1822 die Univerſitaͤt und bezog eine laͤndliche Wohnung in der Naͤhe von Hannover. Ich ſchrieb zunaͤchſt jene theoretiſchen Auf¬ ſaͤtze, von denen ich hoffte, daß ſie beſonders bey jungen Talenten nicht allein zur Hervorbringung, ſondern auch zur Beurtheilung dichteriſcher Werke beytragen wuͤrden, und gab ihnen den Titel Beytraͤge zur Poeſie.

Im May 1823 war ich mit dieſer Arbeit zu Stande. Es kam mir nun in meiner Lage nicht allein darauf an, einen guten Verleger, ſondern auch ein gutes Ho¬ norar zu erhalten, und ſo entſchloß ich mich kurz, und ſchickte das Manuſcript an Goethe, und bat ihn um einige empfehlende Worte an Herrn von Cotta.

Goethe war nach wie vor derjenige unter den Dich¬ tern, zu dem ich taͤglich als meinem untruͤglichen Leit¬ ſtern hinaufblickte, deſſen Ausſpruͤche mit meiner Den¬ kungsweiſe in Harmonie ſtanden und mich auf einen immer hoͤheren Punkt der Anſicht ſtellten, deſſen hohe Kunſt in Behandlung der verſchiedenſten Gegenſtaͤnde ich immer mehr zu ergruͤnden und ihr nachzuſtrebenI. 334ſuchte, und gegen den meine innige Liebe und Vereh¬ rung faſt leidenſchaftlicher Natur war.

Bald nach meiner Ankunft in Goͤttingen hatte ich ihm, neben einer kleinen Skizze meines Lebens - und Bildungsganges, ein Exemplar meiner Gedichte zuge¬ ſendet, worauf ich denn die große Freude erlebte, nicht allein von ihm einige ſchriftliche Worte zu erhalten, ſondern auch von Reiſenden zu hoͤren, daß er von mir eine gute Meinung habe und in den Heften von Kunſt und Alterthum meiner gedenken wolle.

Dieſes zu wiſſen, war fuͤr mich in meiner damaligen Lage von großer Bedeutung, ſo wie es mir auch jetzt den Muth gab das ſo eben vollendete Manuſcript ver¬ trauensvoll an ihn zu ſenden.

Es lebte nun in mir kein anderer Trieb, als ihm einmal einige Augenblicke perſoͤnlich nahe zu ſeyn; und ſo machte ich mich denn zur Erreichung dieſes Wun¬ ſches gegen Ende des Monates May auf, und wanderte zu Fuß uͤber Goͤttingen und das Werrathal nach Weimar.

Auf dieſem wegen großer Hitze oft muͤhſamen Wege hatte ich in meinem Innern wiederholt den troͤſtlichen Eindruck, als ſtehe ich unter der beſonderen Leitung guͤtiger Weſen, und als moͤchte dieſer Gang fuͤr mein ferneres Leben von wichtigen Folgen ſeyn.

1823.

3*

Vor wenigen Tagen bin ich hier angekommen, heute war ich zuerſt bey Goethe. Der Empfang ſeiner Seits war uͤberaus herzlich und der Eindruck ſeiner Perſon auf mich der Art, daß ich dieſen Tag zu den gluͤcklich¬ ſten meines Lebens rechne.

Er hatte mir geſtern, als ich anfragen ließ, dieſen Mittag zwoͤlf Uhr als die Zeit beſtimmt, wo ich ihm willkommen[ſeyn] wuͤrde. Ich ging alſo zur gedachten Stunde hin und fand den Bedienten auch bereits meiner wartend und ſich anſchickend mich hinaufzufuͤhren.

Das Innere des Hauſes machte auf mich einen ſehr angenehmen Eindruck; ohne glaͤnzend zu ſeyn war al¬ les hoͤchſt edel und einfach; auch deuteten verſchiedene an der Treppe ſtehende Abguͤſſe antiker Statuen auf Goethe's beſondere Neigung zur bildenden Kunſt und dem griechiſchen Alterthum. Ich ſah verſchiedene Frauen¬ zimmer, die unten im Hauſe geſchaͤftig hin und wieder gingen; auch einen der ſchoͤnen Knaben Ottiliens, der38 zutraulich zu mir herankam und mich mit großen Augen anblickte.

Nachdem ich mich ein wenig umgeſehen, ging ich ſo¬ dann mit dem ſehr geſpraͤchigen Bedienten die Treppe hinauf zur erſten Etage. Er oͤffnete ein Zimmer, vor deſſen Schwelle man die Zeichen SALVE als gute Vorbedeutung eines freundlichen Willkommenſeyns uͤber¬ ſchritt. Er fuͤhrte mich durch dieſes Zimmer hindurch und oͤffnete ein zweytes, etwas geraͤumigeres, wo er mich zu verweilen bat, indem er ging mich ſeinem Herrn zu melden. Hier war die kuͤhlſte erquicklichſte Luft, auf dem Boden lag ein Teppich gebreitet, auch war es durch ein rothes Kanapee und Stuͤhle von glei¬ cher Farbe uͤberaus heiter meublirt; gleich zur Seite ſtand ein Fluͤgel, und an den Waͤnden ſah man Handzeich¬ nungen und Gemaͤlde verſchiedener Art und Groͤße.

Durch eine offene Thuͤr gegenuͤber blickte man ſodann in ein ferneres Zimmer, gleichfalls mit Gemaͤlden ver¬ ziert, durch welches der Bediente gegangen war mich zu melden.

Es waͤhrte nicht lange ſo kam Goethe, in einem blauen Oberrock und in Schuhen; eine erhabene Ge¬ ſtalt! Der Eindruck war uͤberraſchend. Doch verſcheuchte er ſogleich jede Befangenheit durch die freundlichſten Worte. Wir ſetzten uns auf das Sopha. Ich war gluͤcklich verwirrt in ſeinem Anblick und ſeiner Naͤhe, ich wußte ihm wenig oder nichts zu ſagen.

39

Er fing ſogleich an von meinem Manuſcript zu reden. Ich komme eben von Ihnen her, ſagte er; ich habe den ganzen Morgen in Ihrer Schrift geleſen; ſie bedarf keiner Empfehlung, ſie empfiehlt ſich ſelber. Er lobte darauf die Klarheit der Darſtellung und den Fluß der Gedanken und daß alles auf gutem Fundament ruhe und wohl durchdacht ſey. Ich will es ſchnell befoͤrdern, fuͤgte er hinzu, heute noch ſchreibe ich an Cotta mit der reitenden Poſt, und morgen ſchicke ich das Paket mit der fahrenden nach. Ich dankte ihm dafuͤr mit Worten und Blicken.

Wir ſprachen darauf uͤber meine fernere Reiſe. Ich ſagte ihm daß mein eigentliches Ziel die Rheingegend ſey, wo ich an einem paſſenden Ort zu verweilen und etwas Neues zu ſchreiben gedenke. Zunaͤchſt jedoch wolle ich von hier nach Jena gehen, um dort die Antwort des Herrn von Cotta zu erwarten.

Goethe fragte mich, ob ich in Jena ſchon Bekannte habe; ich erwiederte daß ich mit Herrn von Knebel in Beruͤhrung zu kommen hoffe, worauf er verſprach mir einen Brief mitzugeben, damit ich einer deſto beſ¬ ſern Aufnahme gewiß ſey.

Nun, nun! ſagte er dann, wenn Sie in Jena ſind, ſo ſind wir ja nahe bey einander und koͤnnen zu einander und koͤnnen uns ſchreiben wenn etwas vorfaͤllt.

Wir ſaßen lange beyſammen, in ruhiger liebevoller Stimmung. Ich druͤckte ſeine Kniee, ich vergaß das40 Reden uͤber ſeinem Anblick, ich konnte mich an ihm nicht ſatt ſehen. Das Geſicht ſo kraͤftig und braun und voller Falten und jede Falte voller Ausdruck. Und in Allem ſolche Biederkeit und Feſtigkeit und ſolche Ruhe und Groͤße! Er ſprach langſam und bequem, ſo wie man ſich wohl einen bejahrten Monarchen denkt wenn er redet. Man ſah ihm an, daß er in ſich ſelber ruhet und uͤber Lob und Tadel erhaben iſt. Es war mir bey ihm unbeſchreiblich wohl; ich fuͤhlte mich be¬ ruhigt, ſo wie es jemandem ſeyn mag, der nach vieler Muͤhe und langem Hoffen endlich ſeine liebſten Wuͤnſche befriedigt ſieht.

Er kam ſodann auf meinen Brief und daß ich Recht habe, daß, wenn man eine Sache mit Klarheit zu behandeln vermoͤge, man auch zu vielen anderen Dingen tauglich ſey.

Man kann nicht wiſſen wie ſich das drehet und wen¬ det, ſagte er dann; ich habe manchen huͤbſchen Freund in Berlin, da habe ich denn dieſer Tage Ihrer gedacht.

Dabey laͤchelte er liebevoll in ſich. Er machte mich ſodann aufmerkſam, was ich in dieſen Tagen in Weimar alles noch ſehen muͤſſe, und daß er den Herrn Secre¬ tair Kraͤuter bitten wolle mich herumzufuͤhren. Vor allen aber ſolle ich ja nicht verſaͤumen das Theater zu beſuchen. Er fragte mich darauf wo ich logire und ſagte, daß er mich noch einmal zu ſehen wuͤnſche und zu einer paſſenden Stunde ſenden wolle.

41

Mit Liebe ſchieden wir auseinander; ich im hohen Grade gluͤcklich, denn aus jedem ſeiner Worte ſprach Wohlwollen und ich fuͤhlte daß er es uͤberaus gut mit mir im Sinne habe.

Dieſen Morgen erhielt ich abermals eine Einladung zu Goethe, und zwar mittelſt einer von ihm beſchriebenen Charte. Ich war darauf wieder ein Stuͤndchen bey ihm. Er erſchien mir heute ganz ein anderer als geſtern, er zeigte ſich in allen Dingen raſch und entſchieden wie ein Juͤngling.

Er brachte zwey dicke Buͤcher als er zu mir herein¬ trat. Es iſt nicht gut, ſagte er, daß Sie ſo raſch vor¬ uͤbergehen, vielmehr wird es beſſer ſeyn daß wir ein¬ ander etwas naͤher kommen. Ich wuͤnſche Sie mehr zu ſehen und zu ſprechen. Da aber das Allgemeine ſo groß iſt, ſo habe ich ſogleich auf etwas Beſonderes gedacht, das als ein Tertium einen Verbindungs - und Beſpre¬ chungs-Punkt abgebe. Sie finden in dieſen beyden Baͤnden die Frankfurter gelehrten Anzeigen der Jahre 1772 und 1773, und zwar ſind auch darin faſt alle meine damals geſchriebenen kleinen Recenſionen. Dieſe ſind nicht gezeichnet; doch da Sie meine Art und Den¬ kungsweiſe kennen, ſo werden Sie ſie ſchon aus den uͤbrigen herausfinden. Ich moͤchte nun, daß Sie dieſe42 Jugendarbeiten etwas naͤher betrachteten und mir ſagten was Sie davon denken. Ich moͤchte wiſſen, ob ſie werth ſind in eine kuͤnftige Ausgabe meiner Werke auf¬ genommen zu werden. Mir ſelber ſtehen dieſe Sachen viel zu weit ab, ich habe daruͤber kein Urtheil. Ihr Juͤngeren aber muͤßt wiſſen, ob ſie fuͤr euch Werth ha¬ ben und in wiefern ſie bey dem jetzigen Standpunkte der Literatur noch zu gebrauchen. Ich habe bereits Ab¬ ſchriften nehmen laſſen, die Sie dann ſpaͤter haben ſol¬ len um ſie mit dem Original zu vergleichen. Demnaͤchſt, bey einer ſorgfaͤltigen Redaction, wuͤrde ſich denn auch finden, ob man nicht gut thue hie und da eine Klei¬ nigkeit auszulaſſen, oder nachzuhelfen, ohne im Ganzen dem Character zu ſchaden.

Ich antwortete ihm, daß ich ſehr gerne mich an dieſen Gegenſtaͤnden verſuchen wolle, und daß ich dabey weiter nichts wuͤnſche, als daß es mir gelingen moͤge ganz in ſeinem Sinne zu handeln.

So wie Sie hineinkommen, erwiederte er, werden Sie finden daß Sie der Sache vollkommen gewachſen ſind; es wird Ihnen von der Hand gehen.

Er eroͤffnete mir darauf, daß er in etwa acht Tagen nach Marienbad abzureiſen gedenke und daß es ihm lieb ſeyn wuͤrde wenn ich bis dahin noch in Weimar bliebe, damit wir uns waͤhrend der Zeit mitunter ſehen und ſprechen und perſoͤnlich naͤher kommen moͤchten.

Auch wuͤnſchte ich, fuͤgte er hinzu, daß Sie in Jena43 nicht bloß wenige Tage oder Wochen verweilten, ſon¬ dern daß Sie ſich fuͤr den ganzen Sommer dort haͤus¬ lich einrichteten, bis ich gegen den Herbſt von Marien¬ bad zuruͤckkomme. Ich habe bereits geſtern wegen einer Wohnung und dergleichen geſchrieben, damit Ihnen al¬ les bequem und angenehm werde.

Sie finden dort die verſchiedenartigſten Quellen und Huͤlfsmittel fuͤr weitere Studien; auch einen ſehr gebil¬ deten geſelligen Umgang, und uͤberdieß iſt die Gegend ſo mannigfaltig, daß Sie wohl funfzig verſchiedene Spa¬ ziergaͤnge machen koͤnnen, die alle angenehm und faſt alle zu ungeſtoͤrtem Nachdenken geeignet ſind. Sie werden Muße und Gelegenheit finden in der Zeit fuͤr ſich ſelbſt manches Neue zu ſchreiben und nebenbey auch meine Zwecke zu foͤrdern.

Ich fand gegen ſo gute Vorſchlaͤge nichts zu erin¬ nern und willigte in alles mit Freuden. Als ich ging war er beſonders liebevoll; auch beſtimmte er auf uͤber¬ morgen eine abermalige Stunde zu einer ferneren Unter¬ redung.

Ich war in dieſen Tagen wiederholt bey Goethe. Heute ſprachen wir groͤßtentheils von Geſchaͤften. Ich aͤußerte mich auch uͤber ſeine Frankfurter Recenſionen, die ich Nachklaͤnge ſeiner academiſchen Jahre nannte,44 welcher Ausſpruch ihm zu gefallen ſchien, indem er den Stand-Punct bezeichne, aus welchem man jene jugend¬ lichen Arbeiten zu betrachten habe.

Er gab mir ſodann die erſten eilf Hefte von Kunſt und Alterthum, damit ich ſie neben den Frankfurter Re¬ cenſionen als eine zweyte Arbeit nach Jena mit hinuͤber nehme.

Ich wuͤnſche naͤmlich, ſagte er, daß Sie dieſe Hefte gut ſtudirten und nicht allein ein allgemeines Inhalts¬ verzeichniß daruͤber machten, ſondern auch aufſetzten, welche Gegenſtaͤnde nicht als abgeſchloſſen zu betrachten ſind, damit es mir vor die Augen trete, welche Faͤden ich wieder aufzunehmen und weiter fortzuſpinnen habe. Es wird mir dieſes eine große Erleichterung ſeyn und Sie ſelber werden davon den Gewinn haben, daß Sie auf dieſem practiſchen Wege den Inhalt aller einzelnen Aufſaͤtze weit ſchaͤrfer anſehen und in ſich aufnehmen, als es bey einem gewoͤhnlichen Leſen nach perſoͤnlicher Nei¬ gung zu geſchehen pflegt.

Ich fand dieſes alles gut und richtig und ſagte daß ich auch dieſe Arbeit gern uͤbernehmen wolle.

Ich wollte heute eigentlich ſchon in Jena ſeyn, Goethe ſagte aber geſtern wuͤnſchend und bittend, daß ich doch noch bis Sonntag bleiben und dann mit der Poſt45 fahren moͤchte. Er gab mir geſtern die Empfehlungs¬ briefe und auch einen fuͤr die Familie Frommann. Es wird Ihnen in dieſem Kreiſe gefallen, ſagte er, ich habe dort ſchoͤne Abende verlebt. Auch Jean Paul, Tieck, die Schlegel und was in Deutſchland ſonſt Namen hat iſt dort geweſen und hat dort gerne verkehrt und noch jetzt iſt es der Vereinigungs-Punkt vieler Ge¬ lehrten und Kuͤnſtler und ſonſt angeſehener Perſonen. In einigen Wochen ſchreiben Sie mir nach Marien¬ bad, damit ich erfahre wie es Ihnen geht und wie es Ihnen in Jena gefaͤllt. Auch habe ich meinem Sohn geſagt, daß er Sie waͤhrend meiner Abweſenheit druͤben einmal beſuche.

Ich fuͤhlte mich Goethen fuͤr ſo viele Sorgfalt ſehr dankbar, und es that mir wohl aus allem zu ſehen, daß er mich zu den Seinigen zaͤhlt und mich als ſolchen will gehalten haben.

Sonnabend den 21. Juny nahm ich ſodann von Goethe Abſchied und fuhr des andern Tages nach Jena hinuͤber und richtete mich in einer Gartenwohnung ein bey ſehr guten redlichen Leuten. In den Familien des Herrn von Knebel und Frommann fand ich auf Goethe's Empfehlung eine freundliche Aufnahme und einen ſehr belehrenden Umgang. In den mitgenommenen Arbeiten ſchritt ich auf das Beſte vor, und uͤberdieß hatte ich bald46 die Freude, einen Brief von Herrn von Cotta zu er¬ halten, worin er ſich nicht allein zum Verlage meines ihm zugegangenen Manuſcriptes ſehr bereit erklaͤrte, ſon¬ dern mir auch ein anſehnliches Honorar zuſicherte und den Druck in Jena unter meinen Augen geſchehen ließ.

So war nun meine Exiſtenz wenigſtens auf ein Jahr gedeckt, und ich fuͤhlte den lebhafteſten Trieb, in dieſer Zeit etwas Neues hervorzubringen und dadurch mein ferneres Gluͤck als Autor zu begruͤnden. Die theoretiſche und kritiſche Richtung hoffte ich durch die Aufſaͤtze mei¬ ner Beytraͤge zur Poeſie ein fuͤr allemal hinter mir zu haben; ich hatte mich dadurch uͤber die vorzuͤg¬ lichſten Geſetze aufzuklaͤren geſucht, und meine ganze in¬ nere Natur draͤngte mich nun zur practiſchen Ausuͤbung. Ich hatte Plaͤne zu unzaͤhligen Gedichten, groͤßeren und kleineren, auch zu dramatiſchen Gegenſtaͤnden verſchiede¬ ner Art, und es handelte ſich nach meinem Gefuͤhl jetzt bloß darum, wohin ich mich wenden ſollte um mit einigem Behagen eins nach dem andern ruhig ans Licht zu bringen.

In Jena gefiel es mir auf die Laͤnge nicht, es war mir zu ſtille und einfoͤrmig. Ich verlangte nach einer großen Stadt, die nicht allein ein vorzuͤgliches Theater beſitze, ſondern wo ſich auch ein freyes großes Volks¬ leben entwickele, damit ich bedeutende Lebenselemente in mich aufzunehmen und meine innere Cultur auf das raſcheſte zu ſteigern vermoͤge. In einer ſolchen Stadt hoffte ich zugleich ganz unbemerkt leben und mich zu47 jeder Zeit zu einer ganz ungeſtoͤrten Production iſoliren zu koͤnnen.

Ich hatte indeſſen das von Goethe gewuͤnſchte In¬ haltsverzeichniß der erſten vier Baͤnde von Kunſt und Alterthum entworfen und ſendete es ihm mit einem Brief nach Marienbad, worin ich meine Wuͤnſche und Plaͤne ganz offen ausſprach. Ich erhielt darauf alſobald die folgenden Zeilen.

Das Inhaltsverzeichniß iſt mir zur rechten Zeit gekommen und entſpricht ganz meinen Wuͤnſchen und Zwecken. Laſſen Sie mich die Frankfurter Recen¬ ſionen bev meiner Ruͤckkehr auf gleiche Weiſe redigirt finden, ſo zolle den beſten Dank, welchen ich vorlaͤufig ſchon im Stillen entrichte, indem ich Ihre Geſinnungen, Zuſtaͤnde, Wuͤnſche, Zwecke und Plaͤne mit mir theil¬ nehmend herumtrage um bey meiner Ruͤckkunft mich uͤber Ihr Wohl deſto gruͤndlicher beſprechen zu koͤnnen. Mehr ſag 'ich heute nicht. Der Abſchied von Marien¬ bad giebt mancherley zu denken und zu thun, waͤhrend man ein allzukurzes Verweilen mit vorzuͤglichen Men¬ ſchen gar ſchmerzlich empfindet.

Moͤge ich Sie in ſtiller Thaͤtigkeit antreffen, aus der denn doch zuletzt am ſicherſten und reinſten Welt¬ umſicht und Erfahrung hervorgeht. Leben Sie wohl; freue mich auf ein laͤngeres und engeres Zuſammenſeyn.

Marienbad, den 14. Auguſt 1823.

Goethe.

48

Durch ſolche Zeilen Goethe's, deren Empfang mich im hohen Grade begluͤckte, fuͤhlte ich mich nun vorlaͤu¬ fig wieder beruhigt. Ich ward dadurch entſchieden, kei¬ nen eigenmaͤchtigen Schritt zu thun, ſondern mich ganz ſeinem Rath und Willen zu uͤberlaſſen. Ich ſchrieb indeß einige kleine Gedichte, beendigte die Redaction der Frankfurter Recenſionen und ſprach meine Anſicht dar¬ uͤber in einer kurzen Abhandlung aus, die ich fuͤr Goethe beſtimmte. Seiner Zuruͤckkunft aus Marienbad ſah ich mit Sehnſucht entgegen, indem auch der Druck meiner Beytraͤge zur Poeſie ſich zu Ende neigte, und ich auf alle Faͤlle zu einiger Erfriſchung noch dieſen Herbſt eine kurze Ausflucht von wenigen Wochen an den Rhein zu machen wuͤnſchte.

Goethe iſt von Marienbad gluͤcklich zuruͤckgekommen, wird aber, da ſeine hieſige Gartenwohnung nicht die er¬ forderliche Bequemlichkeit darbietet, hier nur wenige Tage verweilen. Er iſt wohl und ruͤſtig, ſo daß er einen Weg von mehreren Stunden zu Fuß machen kann und es eine wahre Freude iſt ihn anzuſehen.

Nach einem beyderſeitigen froͤhlichen Begruͤßen fing Goethe ſogleich an uͤber meine Angelegenheit zu reden.

Ich muß grade herausſagen, begann er, ich wuͤn¬ ſche daß Sie dieſen Winter bey mir in Weimar bleiben . 49Dieß waren ſeine erſten Worte, dann ging er naͤher ein und fuhr fort: In der Poeſie und Critik ſteht es mit Ihnen aufs Beſte, Sie haben darin ein natuͤrliches Fundament; das iſt Ihr Metier woran Sie ſich zu halten haben, und welches Ihnen auch ſehr bald eine tuͤchtige Exiſtenz zu Wege bringen wird. Nun iſt aber noch Manches, was nicht eigentlich zum Fache gehoͤrt, und was Sie doch auch wiſſen muͤſſen. Es kommt aber darauf an, daß Sie hiebey nicht lange Zeit ver¬ lieren, ſondern ſchnell daruͤber hinwegkommen. Das ſollen Sie nun dieſen Winter bey uns in Weimar, und Sie ſollen ſich wundern wie weit Sie Oſtern ſeyn wer¬ den. Sie ſollen von Allem das Beſte haben, weil die beſten Huͤlfsmittel in meinen Haͤnden ſind. Dann ſte¬ hen Sie fuͤrs Leben feſt und kommen zum Behagen und koͤnnen uͤberall mit Zuverſicht auftreten.

Ich freute mich dieſer Vorſchlaͤge und ſagte, daß ich mich ganz ſeinen Anſichten und Wuͤnſchen uͤberlaſſen wolle.

Fuͤr eine Wohnung in meiner Naͤhe, fuhr Goethe fort, werde ich ſorgen; Sie ſollen den ganzen Winter keinen unbedeutenden Moment haben. Es iſt in Wei¬ mar noch viel Gutes beyſammen und Sie werden nach und nach in den hoͤhren Kreiſen eine Geſellſchaft finden, die den beſten aller großen Staͤdte gleich kommt. Auch ſind mit mir perſoͤnlich ganz vorzuͤgliche Maͤnner ver¬ bunden, deren Bekanntſchaft Sie nach und nach machenI. 450werden und deren Umgang Ihnen im hohen Grade lehrreich und nuͤtzlich ſeyn wird.

Goethe nannte mir verſchiedene angeſehene Namen und bezeichnete mit wenigen Worten die beſonderen Ver¬ dienſte jedes Einzelnen.

Wo finden Sie, fuhr er fort, auf einem ſo engen Fleck noch ſo viel Gutes! Auch beſitzen wir eine aus¬ geſuchte Bibliothek und ein Theater, was den beſten an¬ derer deutſchen Staͤdte in den Hauptſachen keinesweges nachſteht. Ich wiederhole daher: bleiben Sie bey uns, und nicht bloß dieſen Winter, waͤhlen Sie Weimar zu Ihrem Wohnort. Es gehen von dort die Thore[und] Straßen nach allen Enden der Welt. Im Sommer machen Sie Reiſen, und ſehen nach und nach, was Sie zu ſehen wuͤnſchen. Ich bin ſeit funfzig Jahren dort, und wo bin ich nicht uͤberall geweſen! Aber ich bin immer gerne nach Weimar zuruͤckgekehrt.

Ich war begluͤckt, Goethen wieder nahe zu ſeyn nnd ihn wieder reden zu hoͤren, und ich fuͤhlte mich ihm mit meinem ganzen Innern hingegeben. Wenn ich nur dich habe und haben kann, dachte ich, ſo wird mir alles Übrige recht ſeyn. Ich wiederholte ihm daher, daß ich bereit ſey, alles zu thun was er in Erwaͤgung mei¬ ner beſonderen Lage nur irgend fuͤr gut halte.

51

Geſtern morgen, vor Goethe's Abreiſe nach Weimar, war ich ſo gluͤcklich wieder ein Stuͤndchen bey ihm zu ſeyn. Und da fuͤhrte er ein hoͤchſt bedeutendes Geſpraͤch, was fuͤr mich ganz unſchaͤtzbar iſt und mir auf mein ganzes Leben wohl thut. Alle jungen Dichter in Deutſch¬ land muͤßten es wiſſen, es koͤnnte ihnen helfen.

Er leitete das Geſpraͤch ein indem er mich fragte, ob ich dieſen Sommer keine Gedichte gemacht. Ich ant¬ wortete ihm, daß ich zwar einige gemacht, daß es mir aber im Ganzen dazu an Behagen gefehlt. Nehmen Sie ſich in Acht, ſagte er darauf, vor einer großen Arbeit. Das iſt's eben, woran unſere Beſten leiden, gerade diejenigen, in denen das meiſte Talent und das tuͤchtigſte Streben vorhanden. Ich habe auch daran ge¬ litten und weiß was es mir geſchadet hat. Was iſt da nicht alles in den Brunnen gefallen! Wenn ich alles gemacht haͤtte, was ich recht gut haͤtte machen koͤn¬ nen, es wuͤrden keine hundert Baͤnde reichen.

Die Gegenwart will ihre Rechte; was ſich taͤglich im Dichter von Gedanken und Empfindungen aufdraͤngt, das will und ſoll ausgeſprochen ſeyn. Hat man aber ein groͤßeres Werk im Kopfe, ſo kann nichts daneben aufkommen, ſo werden alle Gedanken zuruͤckgewieſen und man iſt fuͤr die Behaglichkeit des Lebens ſelbſt ſo lange verloren. Welche Anſtrengung und Verwendung von Geiſteskraft gehoͤrt nicht dazu, um nur ein großes Gan¬4*52zes in ſich zu ordnen und abzurunden, und welche Kraͤfte und welche ruhige ungeſtoͤrte Lage im Leben, um es dann in einem Fluß gehoͤrig auszuſprechen. Hat man ſich nun im Ganzen vergriffen, ſo iſt alle Muͤhe verloren; iſt man ferner, bey einem ſo umfangreichen Gegenſtande, in ein¬ zelnen Theilen nicht voͤllig Herr ſeines Stoffes, ſo wird das Ganze ſtellenweiſe mangelhaft werden und man wird geſcholten; und aus allem entſpringt fuͤr den Dichter, ſtatt Belohnung und Freude fuͤr ſo viele Muͤhe und Aufopferung, nichts als Unbehagen und Laͤhmung der Kraͤfte. Faßt dagegen der Dichter taͤglich die Gegenwart auf, und behandelt er immer gleich in friſcher Stimmung was ſich ihm darbietet, ſo macht er ſicher immer etwas Gutes, und gelingt ihm auch einmal etwas nicht, ſo iſt nichts daran verloren.

Da iſt der Auguſt Hagen in Koͤnigsberg, ein herrliches Talent; haben Sie ſeine Olfried und Li¬ ſena geleſen? Da ſind Stellen darin, wie ſie nicht beſ¬ ſer ſeyn koͤnnen; die Zuſtaͤnde an der Oſtſee und was ſonſt in dortige Localitaͤt hineinſchlaͤgt, alles meiſterhaft. Aber es ſind nur ſchoͤne Stellen, als Ganzes will es nie¬ manden behagen. Und welche Muͤhe und welche Kraͤfte hat er daran verwendet! ja er hat ſich faſt daran er¬ ſchoͤpft. Jetzt hat er ein Trauerſpiel gemacht! Dabey laͤchelte Goethe und hielt einen Augenblick inne. Ich nahm das Wort und ſagte, daß, wenn ich nicht irre, er Hagen in Kunſt und Alterthum gerathen, nur kleine53 Gegenſtaͤnde zu behandeln. Freilich habe ich das, er¬ wiederte Goethe; aber thut man denn, was wir Alten ſagen? Jeder glaubt, er muͤſſe es doch ſelber am beſten wiſſen, und dabey geht mancher verloren und mancher hat lange daran zu irren. Es iſt aber jetzt keine Zeit mehr zum Irren, dazu ſind wir Alten geweſen, und was haͤtte uns alle unſer Suchen und Irren geholfen, wenn Ihr juͤngeren Leute wieder dieſelbigen Wege lau¬ fen wolltet. Da kaͤmen wir ja nie weiter! Uns Alten rechnet man den Irrthum zu Gute, weil wir die Wege nicht gebahnt fanden; wer aber ſpaͤter in die Welt ein¬ tritt, von dem verlangt man mehr, der ſoll nicht aber¬ mals irren und ſuchen, ſondern er ſoll den Rath der Alten nutzen und gleich auf gutem Wege fortſchreiten. Es ſoll nicht genuͤgen, daß man Schritte thue, die einſt zum Ziele fuͤhren, ſondern jeder Schritt ſoll Ziel ſeyn und als Schritt gelten.

Tragen Sie dieſe Worte bey ſich herum und ſehen Sie zu, was Sie davon mit ſich vereinigen koͤnnen. Es iſt mir eigentlich um Sie nicht bange, aber ich helfe Sie durch mein Zureden vielleicht ſchnell uͤber eine Pe¬ riode hinweg, die Ihrer jetzigen Lage nicht gemaͤß iſt. Machen Sie vor der Hand, wie geſagt, immer nur kleine Gegenſtaͤnde, immer alles friſch weg was ſich Ihnen taͤglich darbietet, ſo werden Sie in der Regel immer etwas Gutes leiſten und jeder Tag wird Ihnen Freude bringen. Geben Sie es zunaͤchſt in die Taſchen¬54 buͤcher, in die Zeitſchriften; aber fuͤgen Sie ſich nie frem¬ den Anforderungen, ſondern machen Sie es immer nach Ihrem eigenen Sinn.

Die Welt iſt ſo groß und reich und das Leben ſo mannigfaltig, daß es an Anlaͤſſen zu Gedichten nie feh¬ len wird. Aber es muͤſſen alles Gelegenheitsgedichte ſeyn, das heißt, die Wirklichkeit muß die Veranlaſſung und den Stoff dazu hergeben. Allgemein und poetiſch wird ein ſpecieller Fall eben dadurch, daß ihn der Dichter behandelt. Alle meine Gedichte ſind Gelegen¬ heitsgedichte, ſie ſind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden. Von Gedichten, aus der Luft gegriffen, halte ich nichts.

Man ſage nicht, daß es der Wirklichkeit an poeti¬ ſchem Intereſſe fehle; denn eben darin bewaͤhrt ſich ja der Dichter, daß er geiſtreich genug ſey, einem gewoͤhn¬ lichen Gegenſtande eine intereſſante Seite abzugewinnen. Die Wirklichkeit ſoll die Motive hergeben, die auszu¬ ſprechenden Puncte, den eigentlichen Kern; aber ein ſchoͤnes belebtes Ganzes daraus zu bilden iſt Sache des Dichters. Sie kennen den Fuͤrnſtein, den ſoge¬ nannten Naturdichter, er hat ein Gedicht gemacht uͤber den Hopfenbau, es laͤßt ſich nicht artiger machen. Jetzt habe ich ihm Handwerkslieder aufgegeben, beſonders ein Weberlied, und ich bin gewiß, daß es ihm gelingen wird; denn er hat von Jugend auf unter ſolchen Leuten gelebt, er kennt den Gegenſtand durch und durch, er wird55 Herr ſeines Stoffes ſeyn. Und das iſt eben der Vortheil bey kleinen Sachen, daß man nur ſolche Gegenſtaͤnde zu waͤhlen braucht und waͤhlen wird, die man kennet, von denen man Herr iſt. Bey einem großen dichteriſchen Werk geht das aber nicht, da laͤßt ſich nicht ausweichen, alles was zur Verknuͤpfung des Ganzen gehoͤrt und in den Plan hinein mit verflochten iſt, muß dargeſtellt wer¬ den und zwar mit getroffener Wahrheit. Bey der Ju¬ gend aber iſt die Kenntniß der Dinge noch einſeitig; ein großes Werk aber erfordert Vielſeitigkeit, und daran ſcheitert man.

Ich ſagte Goethen, daß ich im Willen gehabt, ein großes Gedicht uͤber die Jahreszeiten zu machen und die Beſchaͤftigungen und Beluſtigungen aller Staͤnde hinein zu verflechten. Hier iſt derſelbige Fall, ſagte Goethe darauf, es kann Ihnen Vieles daran gelingen, aber Manches, was Sie vielleicht noch nicht gehoͤrig durch¬ forſcht haben und kennen, gelingt Ihnen nicht. Es gelingt Ihnen vielleicht der Fiſcher, aber der Jaͤger viel¬ leicht nicht. Geraͤth aber am Ganzen etwas nicht, ſo iſt es als Ganzes mangelhaft, ſo gut einzelne Partien auch ſeyn moͤgen, und Sie haben nichts Vollendetes geleiſtet. Stellen Sie aber bloß die einzelnen Partien fuͤr ſich, ſelbſtſtaͤndig dar, denen Sie gewachſen ſind, ſo machen Sie ſicher etwas Gutes.

Beſonders warne ich vor eigenen großen Erfin¬ dungen; denn da will man eine Anſicht der Dinge geben56 und die iſt in der Jugend ſelten reif. Ferner: Charac¬ tere und Anſichten loͤſen ſich als Seiten des Dichters von ihm ab und berauben ihn fuͤr fernere Productionen der Fuͤlle. Und endlich: welche Zeit geht nicht an der Erfindung und inneren Anordnung und Verknuͤpfung verloren, worauf uns niemand etwas zu gute thut, vor¬ ausgeſetzt daß wir uͤberall mit unſerer Arbeit zu Stande kommen.

Bey einem gegebenen Stoff hingegen iſt alles anders und leichter. Da werden Facta und Charactere uͤberliefert und der Dichter hat nur die Belebung des Ganzen. Auch bewahrt er dabey ſeine eigene Fuͤlle, denn er braucht nur wenig von dem Seinigen hinzuzu¬ thun; auch iſt der Verluſt von Zeit und Kraͤften bey weitem geringer, denn er hat nur die Muͤhe der Aus¬ fuͤhrung. Ja ich rathe ſogar zu ſchon bearbeiteten Ge¬ genſtaͤnden. Wie oft iſt nicht die Iphigenie gemacht, und doch ſind alle verſchieden; denn jeder ſieht und ſtellt die Sachen anders, eben nach ſeiner Weiſe.

Aber laſſen Sie vor der Hand alles Große zur Seite. Sie haben lange genug geſtrebt, es iſt Zeit, daß Sie zur Heiterkeit des Lebens gelangen, und dazu eben iſt die Bearbeitung kleiner Gegenſtaͤnde das beſte Mittel.

Wir waren bey dieſem Geſpraͤch in ſeiner Stube auf und ab gegangen; ich konnte immer nur zuſtimmen, denn ich fuͤhlte die Wahrheit eines jeden Wortes in meinem ganzen Weſen. Bey jedem Schritt ward es mir leich¬57 ter und gluͤcklicher, denn ich will nur geſtehen, daß ver¬ ſchiedene groͤßere Plaͤne, womit ich bis jetzt nicht recht ins Klare kommen konnte, mir keine geringe Laſt ge¬ weſen ſind. Jetzt habe ich ſie von mir geworfen und ſie moͤgen nun ruhen, bis ich einmal einen Gegenſtand und eine Partie nach der andern mit Heiterkeit wieder aufnehme und hinzeichne, ſo wie ich nach und nach durch Erforſchung der Welt von den einzelnen Theilen des Stoffes Meiſter werde.

Ich fuͤhle mich nun durch Goethe's Worte um ein paar Jahre kluͤger und fortgeruͤckt und weiß in meiner tiefſten Seele das Gluͤck zu erkennen, was es ſagen will, wenn man einmal mit einem rechten Meiſter zuſammen¬ trifft. Der Vortheil iſt gar nicht zu berechnen.

Was werde ich nun dieſen Winter nicht noch bey ihm lernen, und was werde ich nicht durch den bloßen Umgang mit ihm gewinnen, auch in Stunden, wenn er eben nicht grade etwas Bedeutendes ſpricht! Seine Perſon, ſeine bloße Naͤhe ſcheint mir bildend zu ſeyn, ſelbſt wenn er kein Wort ſagte.

Bey ſehr freundlichem Wetter bin ich geſtern von Jena heruͤbergefahren. Gleich nach meiner Ankunft ſen¬ dete mir Goethe, zum Willkommen in Weimar, ein58 Abonnement ins Theater. Ich benutzte den geſtrigen Tag zu meiner haͤuslichen Einrichtung, da ohnehin im Goethe'ſchen Hauſe viel Bewegung war, indem der fran¬ zoͤſiſche Geſandte, Graf Reinhard aus Frankfurt, und der preußiſche Staatsrath Schultz aus Berlin gekom¬ men waren, ihn zu beſuchen.

Dieſen Vormittag war ich dann bey Goethe. Er freute ſich uͤber meine Ankunft und war uͤberaus gut und liebenswuͤrdig. Als ich gehen wollte, ſagte er, daß er mich doch zuvor mit dem Staatsrath Schultz bekannt machen wolle. Er fuͤhrte mich in das angrenzende Zim¬ mer, wo ich den gedachten Herrn mit Betrachtung von Kunſtwerken beſchaͤftigt fand und wo er mich ihm vor¬ ſtellte und uns dann zu weiterem Geſpraͤch allein ließ.

Es iſt ſehr erfreulich, ſagte Schultz darauf, daß Sie in Weimar bleiben und Goethe bey der Redaction ſeiner bisher ungedruckten Schriften unterſtuͤtzen wollen. Er hat mir ſchon geſagt, welchen Gewinn er ſich von Ihrer Mitwirkung verſpricht, und daß er nun auch noch manches Neue zu vollenden hofft.

Ich antwortete ihm, daß ich keinen andern Lebens¬ zweck habe als der deutſchen Literatur nuͤtzlich zu ſeyn, und daß ich, in der Hoffnung hier wohlthaͤtig einzu¬ wirken, gerne meine eigenen literariſchen Vorſaͤtze vor¬ laͤufig zuruͤckſtehen laſſen wolle. Auch wuͤrde, fuͤgte ich hinzu, ein practiſcher Verkehr mit Goethe hoͤchſt wohl¬ thaͤtig auf meine fernere Ausbildung wirken, ich hoffe59 dadurch nach einigen Jahren eine gewiſſe Reife zu erlan¬ gen, und ſodann weit beſſer zu vollbringen, was ich jetzt nur in geringerem Grade zu thun im Stande waͤre.

Gewiß, ſagte Schultz, iſt die perſoͤnliche Einwir¬ kung eines ſo außerordentlichen Menſchen und Meiſters wie Goethe ganz unſchaͤtzbar. Ich bin auch heruͤber¬ gekommen, um mich an dieſem großen Geiſte einmal wieder zu erquicken.

Er erkundigte ſich ſodann nach dem Druck meines Buches, wovon Goethe ihm ſchon im vorigen Sommer geſchrieben. Ich ſagte ihm, daß ich in einigen Tagen die erſten Exemplare von Jena zu bekommen hoffe und daß ich nicht verfehlen wuͤrde, ihm eins zu verehren und nach Berlin zu ſchicken, im Fall er nicht mehr hier ſeyn ſollte.

Wir ſchieden darauf unter herzlichem Haͤndedruͤcken.

Dieſen Abend war ich bey Goethe das erſte Mal zu einem großen Thee. Ich war der erſte am Platz und freute mich uͤber die hellerleuchteten Zimmer, die bey offenen Thuͤren eins ins andere fuͤhrten. In einem der letzten fand ich Goethe, der mir ſehr heiter entgegen kam. Er trug auf ſchwarzem Anzug ſeinen Stern, welches ihn ſo wohl kleidete. Wir waren noch eine Weile allein und gingen in das ſogenannte Deckenzimmer, wo das60 uͤber einem rothen Kanapee haͤngende Gemaͤlde der al¬ dobrandiniſchen Hochzeit mich beſonders anzog. Das Bild war, bey zur Seite geſchobenen gruͤnen Vorhaͤngen, in voller Beleuchtung mir vor Augen und ich freute mich, es in Ruhe zu betrachten.

Ja, ſagte Goethe, die Alten hatten nicht allein große Intentionen, ſondern es kam, bey ihnen auch zur Erſcheinung. Dagegen haben wir Neueren auch wohl große Intentionen, allein wir ſind ſelten faͤhig, es ſo kraͤftig und lebensfriſch hervorzubringen als wir es uns dachten.

Nun kam auch Riemer und Meyer, auch der Canzler v. Muͤller und mehrere andere angeſehene Herren und Damen von Hofe. Auch Goethe's Sohn trat herein und Frau von Goethe, deren Bekanntſchaft ich hier zuerſt machte. Die Zimmer fuͤllten ſich nach und nach und es ward in allen ſehr munter und leben¬ dig. Auch einige huͤbſche junge Auslaͤnder waren gegen¬ waͤrtig mit denen Goethe franzoͤſiſch ſprach.

Die Geſellſchaft gefiel mir, es war alles ſo frey und ungezwungen, man ſtand, man ſaß, man ſcherzte, man lachte und ſprach mit dieſem und jenem, alles nach freyer Neigung. Ich ſprach mit dem jungen Goethe ſehr lebendig uͤber das Bild von Houwald, welches vor einigen Tagen gegeben worden. Wir waren uͤber das Stuͤck einer Meinung und ich freute mich, wie der junge Goethe die Verhaͤltniſſe mit ſo vielem Geiſt und Feuer auseinander zu ſetzen wußte.

61

Goethe ſelbſt erſchien in der Geſellſchaft ſehr liebens¬ wuͤrdig. Er ging bald zu dieſem und zu jenem und ſchien immer lieber zu hoͤren und ſeine Gaͤſte reden zu laſſen als ſelber viel zu reden. Frau v. Goethe kam oft und haͤngte und ſchmiegte ſich an ihn und kuͤßte ihn. Ich hatte ihm vor Kurzem geſagt, daß mir das Theater ſo große Freude mache und daß es mich ſehr aufheitere, indem ich mich bloß dem Eindruck der Stuͤcke hingebe ohne daruͤber viel zu denken. Dieß ſchien ihm recht und fuͤr meinen gegenwaͤrtigen Zuſtand paſſend zu ſeyn.

Er trat mit Frau v. Goethe zu mir heran. Das iſt meine Schwiegertochter, ſagte er; kennt Ihr beyden Euch ſchon? Wir ſagten ihm, daß wir ſo eben unſere Bekanntſchaft gemacht. Das iſt auch ſo ein Theater¬ kind wie Du, Ottilie, ſagte er dann, und wir freuten uns miteinander uͤber unſere beyderſeitige Neigung. Meine Tochter, fuͤgte er hinzu, verſaͤumt keinen Abend. So lange gute heitere Stuͤcke gegeben werden, erwiederte ich, laſſe ich es gelten, allein bey ſchlechten Stuͤcken muß man auch etwas aushalten. Das iſt eben recht, erwiederte Goethe, daß man nicht fort kann und ge¬ zwungen iſt auch das Schlechte zu hoͤren und zu ſehen. Da wird man recht von Haß gegen das Schlechte durch¬ drungen und kommt dadurch zu einer deſto beſſeren Ein¬ ſicht des Guten. Beym Leſen iſt das nicht ſo, da wirft man das Buch aus den Haͤnden, wenn es einem nicht gefaͤllt, aber im Theater muß man aushalten. Ich62 gab ihm Recht und dachte, der Alte ſagt doch gelegentlich immer etwas Gutes.

Wir trennten uns und miſchten uns unter die Übri¬ gen, die ſich um uns herum und in dieſem und je¬ nem Zimmer laut und luſtig unterhielten. Goethe be¬ gab ſich zu den Damen; ich geſellte mich zu Riemer und Meyer, die uns viel von Italien erzaͤhlten.

Regierungsrath Schmidt ſetzte ſich ſpaͤter zum Fluͤ¬ gel und trug Beethovenſche Sachen vor, welche die An¬ weſenden mit innigem Antheil aufzunehmen ſchienen. Eine geiſtreiche Dame erzaͤhlte darauf viel Intereſſantes von Beethovens Perſoͤnlichkeit. Und ſo ward es nach und nach zehn Uhr, und es war mir der Abend im ho¬ hen Grade angenehm vergangen.

Dieſen Mittag war ich das erſte Mal bey Goethe zu Tiſch. Es waren außer ihm nur Frau von Goethe, Fraͤulein Ulrike und der kleine Walter gegenwaͤrtig und wir waren alſo bequem unter uns. Goethe zeigte ſich ganz als Familienvater, er legte alle Gerichte vor, tran¬ chirte gebratenes Gefluͤgel und zwar mit beſonderem Geſchick, und verfehlte auch nicht, mitunter einzuſchenken. Wir anderen ſchwatzten munteres Zeug uͤber Theater, junge Englaͤnder und andere Vorkommniſſe des Tages; beſonders war Fraͤulein Ulrike ſehr heiter und im hohen63 Grade unterhaltend. Goethe war im Ganzen ſtill, in¬ dem er nur von Zeit zu Zeit als Zwiſchenbemerkung mit etwas Bedeutendem hervorkam. Dabey blickte er hin und wieder in die Zeitungen und theilte uns einige Stellen mit, beſonders uͤber die Fortſchritte der Griechen.

Es kam dann zur Sprache, daß ich noch Engliſch lernen muͤſſe, wozu Goethe dringend rieth, beſonders des Lord Byron wegen, deſſen Perſoͤnlichkeit von ſolcher Eminenz, wie ſie nicht dageweſen und wohl ſchwerlich wieder kommen werde. Man ging die hieſigen Lehrer durch, fand aber keinen von einer durchaus guten Aus¬ ſprache, weßhalb man es fuͤr beſſer hielt, ſich an junge Englaͤnder zu halten.

Nach Tiſch zeigte Goethe mir einige Experimente in Bezug auf die Farbenlehre. Der Gegenſtand war mir jedoch durchaus fremd, ich verſtand ſo wenig das Phaͤ¬ nomen als das, was er daruͤber ſagte; doch hoffte ich, daß die Zukunft mir Muße und Gelegenheit geben wuͤrde, in dieſer Wiſſenſchaft einigermaßen einheimiſch zu werden.

Ich war dieſen Abend bey Goethe. Wir ſprachen uͤber die Pandora. Ich fragte ihn, ob man dieſe Dichtung wohl als ein Ganzes anſehen koͤnne, oder ob noch etwas Weiteres davon exiſtire. Er ſagte, es ſey weiter nichts vorhanden, er habe es nicht weiter64 gemacht, und zwar deßwegen nicht, weil der Zuſchnitt des erſten Theiles ſo groß geworden, daß er ſpaͤter einen zweyten nicht habe durchfuͤhren koͤnnen. Auch waͤre das Geſchriebene recht gut als ein Ganzes zu betrachten, weßhalb er ſich auch dabey beruhiget habe.

Ich ſagte ihm, daß ich bey dieſer ſchweren Dichtung erſt nach und nach zum Verſtaͤndniß durchgedrungen, nach¬ dem ich ſie ſo oft geleſen, daß ich ſie nun faſt aus¬ wendig wiſſe. Daruͤber laͤchelte Goethe. Das glaube ich wohl, ſagte er, es iſt alles als wie in einander gekeilt.

Ich ſagte ihm, daß ich wegen dieſes Gedichts nicht ganz mit Schubarth zufrieden, der darin alles das vereinigt finden wolle, was im Werther, Wilhelm Mei¬ ſter, Fauſt und Wahlverwandtſchaften einzeln ausgeſpro¬ chen ſey, wodurch doch die Sache ſehr unfaßlich und ſchwer werde.

Schubarth, ſagte Goethe, geht oft ein wenig tief; doch iſt er ſehr tuͤchtig, es iſt bey ihm alles praͤgnant.

Wir ſprachen uͤber Uhland. Wo ich große Wir¬ kungen ſehe, ſagte Goethe, pflege ich auch große Ur¬ ſachen vorauszuſetzen, und bey der ſo ſehr verbreiteten Popularitaͤt, die Uhland genießt, muß alſo wohl etwas Vorzuͤgliches an ihm ſeyn. Übrigens habe ich uͤber ſeine Gedichte kaum ein Urtheil. Ich nahm den Band mit der beſten Abſicht zu Haͤnden, allein ich ſtieß von vorne herein gleich auf ſo viele ſchwache und truͤbſelige Ge¬65 dichte, daß mir das Weiterleſen verleidet wurde. Ich griff dann nach ſeinen Balladen, wo ich denn freylich ein vorzuͤgliches Talent gewahr wurde und recht gut ſah, daß ſein Ruhm einigen Grund hat.

Ich fragte darauf Goethe um ſeine Meinung hin¬ ſichtlich der Verſe zur deutſchen Tragoͤdie. Man wird ſich in Deutſchland, antwortete er, ſchwerlich daruͤber vereinigen. Jeder machts wie er eben will und wie es dem Gegenſtande einigermaßen gemaͤß iſt. Der ſechs¬ fuͤßige Jambus waͤre freylich am wuͤrdigſten, allein er iſt fuͤr uns Deutſche zu lang, wir ſind, wegen der mangelnden Beywoͤrter, gewoͤhnlich ſchon mit fuͤnf Fuͤßen fertig. Die Englaͤnder reichen wegen ihrer vielen ein¬ ſylbigen Woͤrter noch weniger.

Goethe zeigte mir darauf einige Kupferwerke und ſprach dann uͤber die altdeutſche Baukunſt und daß er mir manches der Art nach und nach vorlegen wolle.

Man ſieht in den Werken der altdeutſchen Baukunſt, ſagte er, die Bluͤthe eines außerordentlichen Zuſtandes. Wem eine ſolche Bluͤthe unmittelbar entgegentritt, der kann nichts als anſtaunen; wer aber in das geheime innere Leben der Pflanze hineinſieht, in das Regen der Kraͤfte und wie ſich die Bluͤthe nach und nach entwik¬ kelt, der ſieht die Sache mit ganz anderen Augen, der weiß was er ſieht.

Ich will dafuͤr ſorgen, daß Sie im Lauf dieſes Winters in dieſem wichtigen Gegenſtande einige EinſichtI. 566erlangen, damit, wenn Sie naͤchſten Sommer an den Rhein gehen, es Ihnen beym Straßburger Muͤnſter und Coͤlner Dom zu Gute komme.

Ich freute mich dazu und fuͤhlte mich ihm dankbar.

In der Daͤmmerung war ich ein halbes Stuͤndchen bey Goethe. Er ſaß auf einem hoͤlzernen Lehnſtuhl vor ſeinem Arbeitstiſche; ich fand ihn in einer wunder¬ bar ſanften Stimmung, wie einer der von himmliſchem Frieden ganz erfuͤllt iſt, oder wie einer der an ein ſuͤßes Gluͤck denkt, das er genoſſen hat und das ihm wieder in aller Fuͤlle vor der Seele ſchwebt. Stadelmann mußte mir einen Stuhl in ſeine Naͤhe ſetzen.

Wir ſprachen ſodann vom Theater, welches zu mei¬ nen Hauptintereſſen dieſes Winters gehoͤrt. Raupachs Erdennacht war das letzte geweſen, was ich geſehen. Ich gab mein Urtheil daruͤber: daß das Stuͤck nicht zur Erſcheinung gekommen, wie es im Geiſte des Dich¬ ters gelegen, daß mehr die Idee vorherrſche als das Leben, daß es mehr lyriſch als dramatiſch ſey, daß das¬ jenige, was durch fuͤnf Acte hindurch geſponnen und hindurch gezogen wird, weit beſſer in zweyen oder dreyen waͤre zu geben geweſen. Goethe fuͤgte hinzu, daß die Idee des Ganzen ſich um Ariſtokratie und De¬67 mokratie drehe und daß dieſes kein allgemein menſchliches Intereſſe habe.

Ich lobte dagegen, was ich von Kotzebue geſehen, naͤmlich ſeine Verwandtſchaften und die Verſoͤh¬ nung. Ich lobte daran den friſchen Blick ins wirkliche Leben, den gluͤcklichen Griff fuͤr die intereſſanten Seiten deſſelben und die mitunter ſehr kernige wahre Darſtellung. Goethe ſtimmte mir bey. Was zwanzig Jahre ſich erhaͤlt, ſagte er, und die Neigung des Volkes hat, das muß ſchon etwas ſeyn. Wenn er in ſeinem Kreiſe blieb und nicht uͤber ſein Vermoͤgen hinausging, ſo machte Kotzebue in der Regel etwas Gutes. Es ging ihm wie Chodowiecky; die buͤrgerlichen Scenen gelangen auch dieſem vollkommen, wollte er aber roͤmiſche oder grie¬ chiſche Helden zeichnen, ſo ward es nichts.

Goethe nannte mir noch einige gute Stuͤcke von Kotzebue, beſonders die beyden Klingsberge. Es iſt nicht zu laͤugnen, fuͤgte er hinzu, er hat ſich im Leben umgethan und die Augen offen gehabt.

Geiſt und irgend Poeſie, fuhr Goethe fort, kann man den neueren tragiſchen Dichtern nicht abſprechen; allein den meiſten fehlt das Vermoͤgen der leichten le¬ bendigen Darſtellung; ſie ſtreben nach etwas, das uͤber ihre Kraͤfte hinausgeht, und ich moͤchte ſie in dieſer Hin¬ ſicht forcirte Talente nennen.

Ich zweifle, ſagte ich, daß ſolche Dichter ein Stuͤck in Proſa ſchreiben koͤnnen, und bin der Meinung, daß5*68dieß der wahre Probierſtein ihres Talentes ſeyn wuͤrde. Goethe ſtimmte mir bey und fuͤgte hinzu, daß die Verſe den poetiſchen Sinn ſteigerten oder wohl gar hervor¬ lockten.

Wir ſprachen darauf dieß und jenes uͤber vorhabende Arbeiten. Es war die Rede von ſeiner Reiſe uͤber Frank¬ furt und Stuttgart nach der Schweiz, die er in drey Heften liegen hat und die er mir zuſenden will, damit ich die Einzelnheiten leſe und Vorſchlaͤge thue, wie dar¬ aus ein Ganzes zu machen. Sie werden ſehen, ſagte er, es iſt alles nur ſo hingeſchrieben, wie es der Augen¬ blick gab; an einen Plan und eine kuͤnſtleriſche Ruͤndung iſt dabey gar nicht gedacht, es iſt als wenn man einen Eimer Waſſer ausgießt.

Ich[]freute mich dieſes Gleichniſſes, welches mir ſehr geeignet ſchien, um etwas durchaus Planloſes zu bezeichnen.

Heute fruͤh wurde ich bey Goethe auf dieſen Abend zum Thee und Conzert eingeladen. Der Bediente zeigte mir die Liſte der zu invitirenden Perſonen, woraus ich ſah, daß die Geſellſchaft ſehr zahlreich und glaͤnzend ſeyn wuͤrde. Er ſagte, es ſey eine junge Polin ange¬ kommen, die etwas auf dem Fluͤgel ſpielen werde. Ich nahm die Einladung mit Freuden an.

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Nachher wurde der Theaterzettel gebracht, die Schach¬ maſchine ſollte gegeben werden. Das Stuͤck war mir unbekannt, meine Wirthin aber ergoß ſich daruͤber in ein ſolches Lob, daß ein großes Verlangen ſich meiner bemaͤchtigte es zu ſehen. Überdieß befand ich mich den Tag uͤber nicht zum beſten, und es ward mir immer mehr, als paſſe ich beſſer in eine luſtige Comoͤdie als in eine ſo gute Geſellſchaft.

Gegen Abend eine Stunde vor dem Theater ging ich zu Goethe. Es war im Hauſe ſchon alles lebendig; ich hoͤrte im Vorbeygehen in dem groͤßeren Zimmer den Fluͤgel ſtimmen, als Vorbereitung zu der muſikaliſchen Unterhaltung.

Ich traf Goethe in ſeinem Zimmer allein, er war bereits feſtlich angezogen, ich ſchien ihm gelegen. Nun bleiben Sie gleich hier, ſagte er, wir wollen uns ſo lange unterhalten, bis die Übrigen auch kommen. Ich dachte, da kommſt du doch nicht los, da wirſt du doch bleiben muͤſſen; es iſt dir zwar jetzt mit Goethen allein ſehr angenehm, doch wenn erſt die vielen fremden Her¬ ren und Damen erſcheinen, da wirſt du dich nicht in deinem Elemente fuͤhlen.

Ich ging mit Goethe im Zimmer auf und ab. Es dauerte nicht lange, ſo war das Theater der Gegenſtand unſeres Geſpraͤchs und ich hatte Gelegenheit zu wieder¬ holen, daß es mir die Quelle eines immer neuen Ver¬ gnuͤgens ſey, zumal da ich in fruͤherer Zeit ſo gut wie70 gar nichts geſehen, und jetzt faſt alle Stuͤcke auf mich eine ganz friſche Wirkung ausuͤbten. Ja, fuͤgte ich hinzu, es iſt mit mir ſo arg, daß es mich heute ſogar in Unruhe und Zwieſpalt gebracht hat, obgleich mir bey Ihnen eine ſo bedeutende, Abendunterhaltung bevorſteht.

Wiſſen Sie was? ſagte Goethe darauf, indem er ſtille ſtand und mich groß und freundlich anſah, gehen Sie hin! geniren Sie ſich nicht! iſt Ihnen das heitere Stuͤck dieſen Abend vielleicht bequemer, Ihren Zuſtaͤnden angemeſſener, ſo gehen Sie hin. Bey mir haben Sie Muſik, das werden Sie noch oͤfter haben. Ja, ſagte ich, ſo will ich hingehen, es wird mir uͤberdieß vielleicht beſſer ſeyn, daß ich lache. Nun, ſagte Goethe, ſo bleiben Sie bis gegen ſechs Uhr bey mir, da koͤnnen wir noch ein Woͤrtchen reden.

Stadelmann brachte zwey Wachslichter, die er auf Goethes Arbeitstiſch ſtellte. Goethe erſuchte mich, vor den Lichtern Platz zu nehmen, er wolle mir etwas zu leſen geben. Und was legte er mir vor? Sein neueſtes, liebſtes Gedicht, ſeine Elegie von Marienbad.

Ich muß hier in Bezug auf den Inhalt dieſes Ge¬ dichts Einiges nachholen. Gleich nach Goethe's die߬ maliger Zuruͤckkunft aus genanntem Badeort verbreitete ſich hier die Sage, er habe dort die Bekanntſchaft einer an Koͤrper und Geiſt gleich liebenswuͤrdigen jungen Dame gemacht und zu ihr eine leidenſchaftliche Neigung gefaßt. Wenn er in der Brunnen-Allee ihre Stimme ge¬71 hoͤrt, habe er immer raſch ſeinen Hut genommen und ſey zu ihr hinunter geeilt. Er habe keine Stunde verſaͤumt bey ihr zu ſeyn, er habe gluͤckliche Tage gelebt; ſodann die Trennung ſey ihm ſehr ſchwer geworden und er habe in ſolchem leidenſchaftlichen Zuſtande ein uͤberaus ſchoͤnes Gedicht gemacht, das er jedoch wie eine Art Heiligthum anſehe und geheim halte.

Ich glaubte dieſer Sage, weil ſie nicht allein ſeiner koͤrperlichen Ruͤſtigkeit, ſondern auch der productiven Kraft ſeines Geiſtes und der geſunden Friſche ſeines Herzens vollkommen entſprach. Nach dem Gedicht ſelbſt hatte ich laͤngſt ein großes Verlangen getragen, doch mit Recht Anſtand genommen Goethe darum zu bitten. Ich hatte daher die Gunſt des Augenblickes zu preiſen, wodurch es mir nun vor Augen lag.

Er hatte die Verſe eigenhaͤndig mit lateiniſchen Let¬ tern auf ſtarkes Velinpapier geſchrieben und mit einer ſeidenen Schnur in einer Decke von rothem Maroquin befeſtigt, und es trug alſo ſchon im Äußern, daß er dieſes Manuſcript vor allen ſeinen uͤbrigen beſonders werth halte.

Ich las den Inhalt mit hoher Freude und fand in jeder Zeile die Beſtaͤtigung der allgemeinen Sage. Doch deuteten gleich die erſten Verſe darauf, daß die Be¬ kanntſchaft nicht dieſesmal erſt gemacht, ſondern er¬ neuert worden. Das Gedicht waͤlzte ſich ſtets um ſeine eigene Axe und ſchien immer dahin zuruͤckzukehren72 woher es ausgegangen. Der Schluß, wunderbar abge¬ riſſen, wirkte durchaus ungewohnt und tief ergreifend.

Als ich ausgeleſen, trat Goethe wieder zu mir heran. Gelt! ſagte er, da habe ich Euch etwas Gutes gezeigt. In einigen Tagen ſollen Sie mir daruͤber weiſſagen. Es war mir ſehr lieb, daß Goethe durch dieſe Worte ein augenblickliches Urtheil meinerſeits ablehnte, denn ohne¬ hin war der Eindruck zu neu und zu ſchnell voruͤber¬ gehend, als daß ich etwas Gehoͤriges daruͤber haͤtte ſa¬ gen koͤnnen.

Goethe verſprach, bey ruhiger Stunde es mir aber¬ mals vorzulegen. Es war indeß die Zeit des Theaters herangekommen und ich ſchied unter herzlichem Haͤnde¬ druͤcken.

Die Schachmaſchine mochte ein ſehr gutes Stuͤck ſeyn und auch eben ſo gut geſpielt werden, allein ich war nicht dabey, meine Gedanken waren bey Goethe.

Nach dem Theater ging ich an ſeinem Hauſe vor¬ uͤber, es glaͤnzte alles von Lichtern, ich hoͤrte, daß ge¬ ſpielt wurde und bereute, daß ich nicht dort geblieben.

Am andern Tag erzaͤhlte man mir, daß die junge polniſche Dame, Madame Szymanowska, der zu Ehren der feſtliche Abend veranſtaltet worden, den Fluͤ¬ gel ganz meiſterhaft geſpielt habe, zum Entzuͤcken der ganzen Geſellſchaft. Ich erfuhr auch, daß Goethe ſie73 dieſen Sommer in Marienbad kennen gelernt und daß ſie nun gekommen, ihn zu beſuchen.

Mittags communicirte mir Goethe ein kleines Manu¬ ſcript: Studien von Zauper, worin ich ſehr treffende Bemerkungen fand. Ich ſendete ihm dagegen einige Ge¬ dichte, die ich dieſen Sommer in Jena gemacht und wovon ich ihm geſagt hatte.

Dieſen Abend zur Zeit des Lichtanzuͤndens ging ich zu Goethe. Ich fand ihn ſehr friſchen aufgeweckten Geiſtes, ſeine Augen funkelten im Wiederſchein des Lichtes, ſein ganzer Ausdruck war Heiterkeit, Kraft und Jugend.

Er fing ſogleich von den Gedichten, die ich ihm geſtern zugeſchickt, zu reden an, indem er mit mir in ſeinem Zimmer auf und ab ging.

Ich begreife jetzt, begann er, wie Sie in Jena gegen mich aͤußern konnten, Sie wollten ein Gedicht uͤber die Jahreszeiten machen. Ich rathe jetzt dazu; fangen Sie gleich mit dem Winter an. Sie ſcheinen fuͤr natuͤrliche Gegenſtaͤnde beſondern Sinn und Blick zu haben.

Nur zwey Worte will ich Ihnen uͤber die Gedichte ſagen. Sie ſtehen jetzt auf dem Punkt, wo Sie noth¬74 wendig zum eigentlich Hohen und Schweren der Kunſt durchbrechen muͤſſen, zur Auffaſſung des Individuellen. Sie muͤſſen mit Gewalt, damit Sie aus der Idee her¬ auskommen; Sie haben das Talent und ſind ſo weit vorgeſchritten, jetzt muͤſſen Sie. Sie ſind dieſer Tage in Tiefurt geweſen, das moͤchte ich Ihnen zunaͤchſt zu einer ſolchen Aufgabe machen. Sie koͤnnen vielleicht noch drey bis viermal hingehen und Tiefurt betrachten, ehe Sie ihm die characteriſtiſche Seite abgewinnen und alle Motive beyſammen haben; doch ſcheuen Sie die Muͤhe nicht, ſtudiren Sie alles wohl und ſtellen Sie es dar; der Gegenſtand verdient es. Ich ſelbſt haͤtte es laͤngſt gemacht, allein ich kann es nicht, ich habe jene bedeutenden Zuſtaͤnde ſelbſt mit durchlebt, ich bin zu ſehr darin befangen, ſo daß die Einzelnheiten ſich mir in zu großer Fuͤlle aufdraͤngen. Sie aber kommen als Fremder, und laſſen ſich vom Caſtellan das Vergangene erzaͤhlen und ſehen nur das Gegenwaͤrtige, Hervorſte¬ chende, Bedeutende.

Ich verſprach, mich daran zu verſuchen, obgleich ich nicht laͤugnen koͤnne, daß es eine Aufgabe ſey, die mir ſehr fern ſtehe und die ich fuͤr ſehr ſchwierig halte.

Ich weiß wohl, ſagte Goethe, daß es ſchwer iſt, aber die Auffaſſung und Darſtellung des Beſonderen iſt auch das eigentliche Leben der Kunſt.

Und dann: ſo lange man ſich im Allgemeinen haͤlt, kann es uns jeder nachmachen; aber das Beſondere macht75 uns niemand nach, warum? weil es die Anderen nicht erlebt haben.

Auch braucht man nicht zu fuͤrchten, daß das Be¬ ſondere keinen Anklang finde. Jeder Character, ſo eigen¬ thuͤmlich er ſeyn moͤge, und jedes Darzuſtellende, vom Stein herauf bis zum Menſchen, hat Allgemeinheit; denn alles wiederholt ſich, und es giebt kein Ding in der Welt, das nur ein Mal da waͤre.

Auf dieſer Stufe der individuellen Darſtellung, fuhr Goethe fort, beginnet dann zugleich dasjenige, was man Compoſition nennet.

Dieſes war mir nicht ſogleich klar, doch enthielt ich mich danach zu fragen. Vielleicht, dachte ich, meint er damit die kuͤnſtleriſche Verſchmelzung des Idealen mit dem Realen, die Vereinigung von dem, was außer uns befindlich, mit dem, was innerlich uns angeboren. Doch vielleicht meint er auch etwas anderes. Goethe fuhr fort:

Und dann ſetzen Sie unter jedes Gedicht immer das Datum wann Sie es gemacht haben. Ich ſah ihn fragend an, warum das ſo wichtig? Es gilt dann, fuͤgte er hinzu, zugleich als Tagebuch Ihrer Zuſtaͤnde. Und das iſt nichts Geringes. Ich habe es ſeit Jahren gethan und ſehe ein, was das heißen will.

Es war indeß die Zeit des Theaters herangekommen und ich verließ Goethe. Sie gehen nun nach Finn¬ land! rief er mir ſcherzend nach. Es ward naͤmlich76 gegeben: Johann von Finnland von der Frau von Weißenthurn.

Es fehlte dem Stuͤck nicht an wirkſamen Situatio¬ nen, doch war es mit Ruͤhrendem ſo uͤberladen, und ich ſah uͤberall ſo viel Abſicht, daß es im Ganzen auf mich keinen guten Eindruck machte. Der letzte Act indeß ge¬ fiel mir ſehr wohl und ſoͤhnte mich wieder aus.

In Folge dieſes Stuͤckes machte ich nachſtehende Bemerkung. Von einem Dichter nur mittelmaͤßig ge¬ zeichnete Charactere werden bey der Theater-Darſtellung gewinnen, weil die Schauſpieler, als lebendige Men¬ ſchen, ſie zu lebendigen Weſen machen und ihnen zu irgend einer Art von Individualitaͤt verhelfen. Von einem großen Dichter meiſterhaft gezeichnete Charactere dagegen, die ſchon alle mit einer durchaus ſcharfen Indi¬ vidualitaͤt daſtehen, muͤſſen bey der Darſtellung noth¬ wendig verlieren, weil die Schauſpieler in der Regel nicht durchaus paſſen und die Wenigſten ihre eigene Individualitaͤt ſo ſehr verlaͤugnen koͤnnen. Findet ſich beym Schauſpieler nicht ganz das Gleiche, oder beſitzt er nicht die Gabe einer gaͤnzlichen Ablegung ſeiner ei¬ genen Perſoͤnlichkeit, ſo entſteht ein Gemiſch und der Character verliert ſeine Reinheit. Daher kommt es denn, daß ein Stuͤck eines wirklich großen Dichters immer nur in einzelnen Figuren ſo zur Erſcheinung kommt, wie es die urſpruͤngliche Intention war.

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Ich ging gegen fuͤnf zu Goethe. Als ich hinaufkam, hoͤrte ich in dem groͤßeren Zimmer ſehr laut und munter reden und ſcherzen. Der Bediente ſagte mir, die junge polniſche Dame ſey dort zu Tiſch geweſen und die Ge¬ ſellſchaft noch beyſammen. Ich wollte wieder gehen, allein er ſagte, er habe den Befehl mich zu melden; auch waͤre es ſeinem Herrn vielleicht lieb, weil es ſchon ſpaͤt ſey. Ich ließ ihn daher gewaͤhren und wartete ein Weilchen, wo denn Goethe ſehr heiter herauskam und mit mir gegenuͤber in ſein Zimmer ging. Mein Beſuch ſchien ihm angenehm zu ſeyn. Er ließ ſogleich eine Flaſche Wein bringen, wovon er mir einſchenkte und auch ſich ſelber gelegentlich.

Ehe ich es vergeſſe, ſagte er dann, indem er auf dem Tiſch etwas ſuchte, hier haben Sie ein Billet ins Concert. Madame Szymanowska wird morgen Abend im Saale des Stadthauſes ein oͤffentliches Concert geben, das duͤrfen Sie ja nicht verſaͤumen. Ich ſagte ihm, daß ich meine Thorheit von neulich nicht zum zweyten¬ mal begehen wuͤrde. Sie ſoll ſehr gut geſpielt haben, fuͤgte ich hinzu. Ganz vortrefflich! ſagte Goethe. Wohl ſo gut wie Hummel? fragte