PRIMS Full-text transcription (HTML)
Geſpräche mit Goethe.
Zweyter Theil.
Geſpräche mit Goethe in den letzten Jahren ſeines Lebens.
1823 1832.
Zweyter Theil.
Leipzig:F. A. Brockhaus.1836.
[1]

1828.

II. 1[2][3]

Wir hatten nicht lange am Tiſch geſeſſen, als Herr Seidel mit den Tyrolern ſich melden ließ. Die Saͤn¬ ger wurden ins Gartenzimmer geſtellt, ſo daß ſie durch die offenen Thuͤren gut zu ſehen, und ihr Geſang aus dieſer Ferne gut zu hoͤren war. Herr Seidel ſetzte ſich zu uns an den Tiſch. Die Lieder und das Gejodel der heiteren Tyroler behagte uns jungen Leuten; Fraͤulein Ulrike und mir gefiel beſonders der Strauß und Du, du liegſt mir im Herzen, wovon wir uns den Text ausbaten. Goethe ſelbſt erſchien keineswegs ſo entzuͤckt als wir Andern. Wie Kirſchen und Beeren behagen, ſagte er, muß man Kinder und Sperlinge fragen. Zwiſchen den Liedern ſpielten die Tyroler allerlei natio¬ nale Taͤnze, auf einer Art von liegenden Zittern, von einer hellen Querfloͤte begleitet.

Der junge Goethe wird hinausgerufen und kommt bald wieder zuruͤck. Er geht zu den Tyrolern und ent¬ laͤßt ſie. Er ſetzt ſich wieder zu uns an den Tiſch. 1*4Wir ſprechen von Oberon, und daß ſo viele Menſchen von allen Ecken herbeygeſtroͤmt, um dieſe Oper zu ſehen, ſo daß ſchon Mittags keine Billets mehr zu haben ge¬ weſen. Der junge Goethe hebt die Tafel auf. Lieber Vater, ſagt er, wenn wir aufſtehen wollten! Die Her¬ ren und Damen wuͤnſchten vielleicht etwas fruͤher ins Theater zu gehen. Goethen erſcheint dieſe Eile wun¬ derlich, da es noch kaum vier Uhr iſt, doch fuͤgt er ſich und ſteht auf, und wir verbreiten uns in den Zimmern. Herr Seidel tritt zu mir und einigen Anderen, und ſagt leiſe und mit betruͤbtem Geſicht: Eure Freude auf das Theater iſt vergeblich, es iſt keine Vorſtellung, der Großherzog iſt todt! auf der Reiſe von Berlin hie¬ her iſt er geſtorben. Eine allgemeine Beſtuͤrzung ver¬ breitete ſich unter uns. Goethe kommt herein, wir thun als ob nichts paſſirt waͤre und ſprechen von gleichguͤlti¬ gen Dingen. Goethe tritt mit mir ans Fenſter und ſpricht uͤber die Tyroler und das Theater. Sie gehen heut in meine Loge, ſagte er, Sie haben Zeit bis ſechs Uhr; laſſen Sie die Andern und bleiben Sie bey mir, wir ſchwaͤtzen noch ein wenig. Der junge Goethe ſucht die Geſellſchaft fortzutreiben, um ſeinem Vater die Er¬ oͤffnung zu machen, ehe der Canzler, der ihm vorhin die Bothſchaft gebracht, zuruͤckkommt. Goethe kann das wunderliche Eilen und Draͤngen ſeines Sohnes nicht begreifen und wird daruͤber verdrießlich. Wollt Ihr denn nicht erſt Euren Kaffee trinken, ſagt er, es iſt ja5 kaum vier Uhr! Indeß gingen die Uebrigen und auch ich nahm meinen Hut. Nun? wollen Sie auch gehen? ſagte Goethe, indem er mich verwundert anſah. Ja, ſagte der junge Goethe, Eckermann hat auch vor dem Theater noch etwas zu thun. Ja, ſagte ich, ich habe noch etwas vor. So geht denn, ſagte Goethe, indem er bedenklich den Kopf ſchuͤttelte, aber ich begreife Euch nicht.

Wir gingen mit Fraͤulein Ulrike in die oberen Zim¬ mer; der junge Goethe aber blieb unten, um ſeinem Vater die unſelige Eroͤffnung zu machen.

Ich ſah Goethe darauf ſpaͤt am Abend. Schon ehe ich zu ihm ins Zimmer trat, hoͤrte ich ihn ſeufzen und laut vor ſich hinreden. Er ſchien zu fuͤhlen, daß in ſein Daſeyn eine unerſetzliche Luͤcke geriſſen wor¬ den. Allen Troſt lehnte er ab und wollte von derglei¬ chen nichts wiſſen. Ich hatte gedacht, ſagte er, ich wollte vor Ihm hingehen; aber Gott fuͤgt es, wie er es fuͤr gut findet, und uns armen Sterblichen bleibt weiter nichts, als zu tragen und uns empor zu halten ſo gut und ſo lange es gehen will.

Die Großherzogin Mutter traf die Todesnachricht in ihrem Sommeraufenthalte zu Wilhelmsthal, den jungen6 Hof in Rußland. Goethe ging bald nach Dornburg, um ſich den taͤglichen betruͤbenden Eindruͤcken zu ent¬ ziehen und ſich in einer neuen Umgebung durch eine friſche Thaͤtigkeit wieder herzuſtellen. Durch bedeutende ihn nahe beruͤhrende literariſche Anregungen von Seiten der Franzoſen ward er von Neuem in die Pflanzenlehre getrieben, bey welchen Studien ihm dieſer laͤndliche Aufenthalt, wo ihm bey jedem Schritt ins Freye die uͤppigſte Vegetation rankender Weinreben und ſproſſen¬ der Blumen umgab, ſehr zu Statten kam.

Ich beſuchte ihn dort einige Mal in Begleitung ſei¬ ner Schwiegertochter und Enkel. Er ſchien ſehr gluͤck¬ lich zu ſeyn und konnte nicht unterlaſſen, ſeinen Zuſtand und die herrliche Lage des Schloſſes und der Gaͤrten wiederholt zu preiſen. Und in der That! man hatte aus den Fenſtern von ſolcher Hoͤhe hinab einen reizenden Anblick. Unten das mannigfaltig belebte Thal mit der durch Wieſen ſich hinſchlaͤngelnden Saale. Gegenuͤber nach Oſten waldige Huͤgel, uͤber welche der Blick ins Weite ſchweifte, ſo daß man fuͤhlte, es ſey dieſer Stand am Tag der Beobachtung vorbeyziehender und ſich im Weiten verlierender Regenſchauer, ſo wie bey Nacht der Betrachtung des oͤſtlichen Sternenheers und der auf¬ gehenden Sonne beſonders guͤnſtig.

Ich verlebe hier, ſagte Goethe, ſo gute Tage wie Naͤchte. Oft vor Tagesanbruch bin ich wach und liege im offenen Fenſter, um mich an der Pracht der jetzt7 zuſammenſtehenden drey Planeten zu weiden und an dem wachſenden Glanz der Morgenroͤthe zu erquicken. Faſt den ganzen Tag bin ich ſodann im Freyen, und halte geiſtige Zwieſprache mit den Ranken der Weinrebe, die mir gute Gedanken ſagen und wovon ich Euch wunder¬ liche Dinge mittheilen koͤnnte. Auch mache ich wieder Gedichte, die nicht ſchlecht ſind, und moͤchte uͤberall, daß es mir vergoͤnnt waͤre, in dieſem Zuſtande ſo fort¬ zuleben.

Heute zwey Uhr, bey dem herrlichſten Wetter, kam Goethe von Dornburg zuruͤck. Er war ruͤſtig und ganz braun von der Sonne. Wir ſetzten uns bald zu Tiſch, und zwar in dem Zimmer, das unmittelbar an den Garten ſtoͤßt, und deſſen Thuͤren offen ſtanden. Er er¬ zaͤhlte von mancherley gehabten Beſuchen und erhaltenen Geſchenken, und ſchien ſich uͤberall in zwiſchen geſtreu¬ ten leichten Scherzen zu gefallen. Blickte man aber tiefer, ſo konnte man eine gewiſſe Befangenheit nicht verkennen, wie ſie derjenige empfindet, der in einen alten Zuſtand zuruͤckkehrt, der durch mancherley Verhaͤlt¬ niſſe, Ruͤckſichten und Anforderungen bedingt iſt.

Wir waren noch bey den erſten Gerichten, als eine Sendung der Großherzogin Mutter kam, die ihre Freude uͤber Goethe's Zuruͤckkunft zu erkennen gab, mit der8 Meldung, daß ſie naͤchſten Dienſtag das Vergnuͤgen haben werde, ihn zu beſuchen.

Seit dem Tode des Großherzogs hatte Goethe Nie¬ manden von der fuͤrſtlichen Familie geſehen. Er hatte zwar mit der Großherzogin Mutter in fortwaͤhrendem Briefwechſel geſtanden, ſo daß ſie ſich uͤber den erlitte¬ nen Verluſt gewiß hinlaͤnglich ausgeſprochen hatten. Allein jetzt ſtand das perſoͤnliche Wiederſehen bevor, das ohne einige ſchmerzliche Regungen von beyden Seiten nicht wohl abgehen konnte, und das demnach im Voraus mit einiger Apprehenſion mochte empfunden werden. So auch hatte Goethe den jungen Hof noch nicht ge¬ ſehen und als neuer Landesherrſchaft gehuldigt. Dieſes alles ſtand ihm bevor, und wenn es ihn auch als gro¬ ßen Weltmann keineswegs genieren konnte, ſo genierte es ihn doch als Talent, das immer in ſeinen angebore¬ nen Richtungen und in ſeiner Thaͤtigkeit leben moͤchte.

Zudem drohten Beſuche aus allen Gegenden. Das Zuſammenkommen beruͤhmter Naturforſcher in Berlin hatte viele bedeutende Maͤnner in Bewegung geſetzt, die, in ihren Wegen Weimar durchkreuzend, ſich theils hat¬ ten melden laſſen und deren Ankunft zu erwarten war. Wochenlange Stoͤrungen, die den inneren Sinn hinnah¬ men und aus der gewohnten Bahn lenkten, und was ſonſt fuͤr Unannehmlichkeiten mit uͤbrigens ſo werthen Beſuchen in Verbindung ſtehen mochten, dieſes alles mußte von Goethe geſpenſtiſch voraus empfunden wer¬9 den, ſo wie er wieder den Fuß auf die Schwelle ſetzte und die Raͤume ſeiner Zimmer durchſchritt.

Was aber alles dieſes Bevorſtehende noch laͤſtiger machte, war ein Umſtand, den ich nicht uͤbergehen darf. Die fuͤnfte Lieferung ſeiner Werke, welche auch die Wanderjahre enthalten ſoll, muß auf Weihnachten zum Druck abgeliefert werden. Dieſen fruͤher in Einem Bande erſchienenen Roman hat Goethe gaͤnzlich umzu¬ arbeiten angefangen, und das Alte mit ſo viel Neuem verſchmolzen, daß es als ein Werk in drey Baͤnden in der neuen Ausgabe hervorgehen ſoll. Hieran iſt nun zwar bereits viel gethan, aber noch ſehr viel zu thun. Das Manuſcript hat uͤberall weiße Papierluͤcken, die noch ausgefuͤllt ſeyn wollen. Hier fehlt etwas in der Expoſition, hier iſt ein geſchickter Uebergang zu fin¬ den, damit dem Leſer weniger fuͤhlbar werde, daß es ein collectives Werk ſey; hier ſind Fragmente von gro¬ ßer Bedeutung, denen der Anfang, andere, denen das Ende mangelt, und ſo iſt an allen drey Baͤnden noch ſehr viel nachzuhelfen, um das bedeutende Buch zugleich annehmlich und anmuthig zu machen.

Goethe theilte mir vergangenes Fruͤhjahr das Ma¬ nuſcript zur Durchſicht mit; wir verhandelten damals ſehr viel uͤber dieſen wichtigen Gegenſtand muͤndlich und ſchriftlich; ich rieth ihm, den ganzen Sommer der Voll¬ endung dieſes Werkes zu widmen, und alle anderen Ar¬ beiten ſo lange zur Seite zu laſſen; er war gleichfalls10 von dieſer Nothwendigkeit uͤberzeugt und hatte den feſten Entſchluß, ſo zu thun. Dann aber ſtarb der Großher¬ zog; in Goethe's ganze Exiſtenz war dadurch eine un¬ geheure Luͤcke geriſſen, an eine ſo viele Heiterkeit und ruhigen Sinn verlangende Compoſition war nicht mehr zu denken, und er hatte nur zu ſehen, wie er ſich per¬ ſoͤnlich oben halten und wieder herſtellen wollte.

Jetzt aber, da er mit Herbſtes Anfang von Dorn¬ burg zuruͤckkehrend die Zimmer ſeiner Weimariſchen Woh¬ nung wieder betrat, mußte ihm auch der Gedanke an die Vollendung ſeiner Wanderjahre, wozu ihm nur noch die kurze Friſt weniger Monate vergoͤnnet war, lebendig vor die Seele treten, und zwar im Conflict mit den mannigfaltigen Stoͤrungen, die ihm bevorſtanden und einem reinen ruhigen Walten und Wirken ſeines Ta¬ lentes im Wege waren.

Faßt man nun alles Dargelegte zuſammen, ſo wird man mich verſtehen, wenn ich ſage, daß in Goethe, trotz ſeiner leichten heiteren Scherze bey Tiſch, eine tiefer liegende Befangenheit nicht ſey zu verkennen geweſen.

Warum ich aber dieſe Verhaͤltniſſe beruͤhre, hat noch einen anderen Grund. Es ſteht mit einer Aeußerung Goethe's in Verbindung, die mir ſehr merkwuͤrdig er¬ ſchien, die ſeinen Zuſtand und ſein eigenthuͤmliches We¬ ſen ausſprach, und wovon ich nun reden will.

Profeſſor Abeken zu Osnabruͤck hatte mir in den Tagen vor dem 28. Auguſt einen Einſchluß zugeſendet,11 mit dem Erſuchen, ihn Goethe zu ſeinem Geburtstage zu ſchicklicher Stunde zu uͤberreichen. Es ſey ein An¬ denken in Bezug auf Schiller, das gewiß Freude verurſachen werde.

Als nun Goethe heute bey Tiſch von den mannig¬ faltigen Geſchenken erzaͤhlte, die ihm zu ſeinem Geburts¬ tag nach Dornburg geſendet worden, fragte ich ihn, was das Paket von Abeken enthalten.

Es war eine merkwuͤrdige Sendung, ſagte Goethe, die mir viele Freude gemacht hat. Ein liebenswuͤrdiges Frauenzimmer, bey der Schiller den Thee getrunken, hat die Artigkeit gehabt, ſeine Aeußerungen niederzuſchreiben. Sie hat alles ſehr huͤbſch aufgefaßt und treu wiederge¬ geben, und das lieſet ſich nun nach ſo langer Zeit gar gut, indem man dadurch unmittelbar in einen Zuſtand verſetzt wird, der mit tauſend anderen bedeutenden vor¬ uͤbergegangen iſt, in dieſem Fall aber gluͤcklicherweiſe in ſeiner Lebendigkeit auf dem Papiere gefeſſelt worden.

Schiller erſcheint hier, wie immer, im abſoluten Beſitz ſeiner erhabenen Natur; er iſt ſo groß am Thee¬ tiſch, wie er es im Staatsrath geweſen ſeyn wuͤrde. Nichts geniert ihn, nichts engt ihn ein, nichts zieht den Flug ſeiner Gedanken herab; was in ihm von großen Anſichten lebt, geht immer frey heraus ohne Ruͤckſicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Menſch, und ſo ſollte man auch ſeyn! Wir Andern dagegen fuͤh¬ len uns immer bedingt; die Perſonen, die Gegenſtaͤnde,12 die uns umgeben, haben auf uns ihren Einfluß; der Theeloͤffel geniert uns, wenn er von Gold iſt, da er von Silber ſeyn ſollte, und ſo, durch tauſend Ruͤckſich¬ ten paralyſirt, kommen wir nicht dazu, was etwa Großes in unſerer Natur ſeyn moͤchte, frey auszulaſſen. Wir ſind die Sclaven der Gegenſtaͤnde, und erſcheinen ge¬ ringe oder bedeutend, je nachdem uns dieſe zuſammen¬ ziehen oder zu freyer Ausdehnung Raum geben.

Goethe ſchwieg, das Geſpraͤch miſchte ſich anders, ich aber bedachte dieſe merkwuͤrdigen, auch mein eigenes Innere beruͤhrenden und ausſprechenden Worte in mei¬ nem Herzen.

Herr Hoͤnninghauſen aus Crefeld, Chef eines großen Handelshauſes, zugleich Liebhaber der Naturwiſſenſchaf¬ ten, beſonders der Mineralogie, ein durch große Reiſen und Studien vielſeitig unterrichteter Mann, war heute bey Goethe zu Tiſch. Er kam von der Verſammlung der Naturforſcher aus Berlin zuruͤck, und es ward uͤber dahinſchlagende Dinge, beſonders uͤber mineralogiſche Gegenſtaͤnde manches geſprochen.

Auch von den Vulkaniſten war die Rede und von der Art und Weiſe, wie die Menſchen uͤber die Natur zu Anſichten und Hypotheſen kommen; bey welcher Ge¬ legenheit denn großer Naturforſcher und auch des13 Ariſtoteles gedacht wurde, uͤber welchen ſich Goethe alſo ausſprach.

Ariſtoteles, ſagte er, hat die Natur beſſer geſehen als irgend ein Neuerer, aber er war zu raſch mit ſeinen Meinungen. Man muß mit der Natur langſam und laͤßlich verfahren, wenn man ihr etwas abgewinnen will.

Wenn ich bey Erforſchung naturwiſſenſchaftlicher Gegenſtaͤnde zu einer Meinung gekommen war, ſo ver¬ langte ich nicht, daß die Natur mir ſogleich Recht geben ſollte; vielmehr ging ich ihr in Beobachtungen und Ver¬ ſuchen pruͤfend nach, und war zufrieden, wenn ſie ſich ſo gefaͤllig erweiſen wollte, gelegentlich meine Meinung zu beſtaͤtigen. That ſie es nicht, ſo brachte ſie mich wohl auf ein anderes Aperç, welchem ich nachging und welches zu bewahrheiten ſie ſich vielleicht williger fand.

Ich ſprach dieſen Mittag bey Tiſch mit Goethe uͤber Fouqué's Saͤngerkrieg auf der Wartburg, den ich auf ſeinen Wunſch geleſen. Wir kamen darin uͤber¬ ein, daß dieſer Dichter ſich zeitlebens mit altdeutſchen Studien beſchaͤftiget, und daß am Ende keine Cultur fuͤr ihn daraus hervorgegangen.

Es iſt in der altdeutſchen duͤſteren Zeit, ſagte Goethe, eben ſo wenig fuͤr uns zu holen, als wir aus14 den ſerbiſchen Liedern und aͤhnlichen barbariſchen Volks¬ poeſieen gewonnen haben. Man lieſt es und intereſſirt ſich wohl eine Zeitlang dafuͤr, aber bloß um es abzu¬ thun und ſodann hinter ſich liegen zu laſſen. Der Menſch wird uͤberhaupt genug durch ſeine Leidenſchaften und Schickſale verduͤſtert, als daß er noͤthig haͤtte, dieſes noch durch die Dunkelheiten einer barbariſchen Vorzeit zu thun. Er bedarf der Klarheit und der Aufheiterung, und es thut ihm noth, daß er ſich zu ſolchen Kunſt - und Literatur-Epochen wende, in denen vorzuͤgliche Menſchen zu vollendeter Bildung gelangten, ſo daß es ihnen ſelber wohl war, und ſie die Seligkeit ihrer Cultur wieder auf Andere auszugießen im Stande ſind.

Wollen Sie aber von Fouqué eine gute Meinung bekommen, ſo leſen Sie ſeine Undine, die wirklich allerliebſt iſt. Freylich war es ein guter Stoff, und man kann nicht einmal ſagen, daß der Dichter alles daraus gemacht haͤtte, was darinne lag; aber doch, die Undine iſt gut und wird Ihnen gefallen.

Es geht mir unguͤnſtig mit der neueſten deutſchen Literatur, ſagte ich. Zu den Gedichten von Egon Ebert kam ich aus Voltaire, deſſen erſte Bekanntſchaft ich ge¬ macht, und zwar durch die kleinen Gedichte an Perſo¬ nen, die gewiß zu dem Beſten gehoͤren, was er je ge¬ ſchrieben. Nun mit Fouqué geht es mir nicht beſſer. Vertieft in Walter Scotts Fair maid of Perth, gleich¬ falls das Erſte, was ich von dieſem großen Schriftſteller15 leſe, bin ich veranlaßt, dieſes an die Seite zu legen und mich in den Saͤngerkrieg auf der Wartburg zu begeben.

Gegen ſo große Auslaͤnder, ſagte Goethe, koͤnnen freylich die neueren Deutſchen keine Probe halten; aber es iſt gut, daß Sie ſich nach und nach mit allem In - und Auslaͤndiſchen bekannt machen, um zu ſehen, wo denn eigentlich eine hoͤhere Weltbildung, wie ſie der Dichter bedarf, zu holen iſt.

Frau von Goethe trat herein und ſetzte ſich zu uns an den Tiſch.

Aber nicht wahr? fuhr Goethe heiter fort, Walter Scott's Fair maid of Perth iſt gut! Das iſt gemacht! Das iſt eine Hand! Im Ganzen die ſichere Anlage und im Einzelnen kein Strich, der nicht zum Ziele fuͤhrte. Und welch ein Detail! ſowohl im Dialog als in der beſchreibenden Darſtellung, die beyde gleich vor¬ trefflich ſind. Seine Scenen und Situationen glei¬ chen Gemaͤlden von Teniers; im Ganzen der Anord¬ nung zeigen ſie die Hoͤhe der Kunſt, die einzelnen Figuren haben eine ſprechende Wahrheit und die Ausfuͤhrung erſtreckt ſich mit kuͤnſtleriſcher Liebe bis aufs Kleinſte, ſo daß uns kein Strich geſchenkt wird. Bis wie weit haben Sie jetzt geleſen?

Ich bin bis zu der Stelle gekommen, ſagte ich, wo Henri Smith das ſchoͤne Zittermaͤdchen durch Straßen und Umwege nach Hauſe fuͤhrt, und wo ihm zu ſeinem16 Aerger der Muͤtzenmacher Proutfut und der Apotheker Dwining begegnen.

Ja, ſagte Goethe, die Stelle iſt gut! Daß der widerſtrebende ehrliche Waffenſchmied ſo weit gebracht wird, neben dem verdaͤchtigen Maͤdchen zuletzt ſelbſt das Huͤndchen mit aufzuhocken, iſt einer der groͤßten Zuͤge, die irgend in Romanen anzutreffen ſind. Es zeugt von einer Kenntniß der menſchlichen Natur, der die tiefſten Geheimniſſe offenbar liegen.

Als einen hoͤchſt gluͤcklichen Griff, ſagte ich, muß ich auch bewundern, daß Walter Scott den Vater der Heldin einen Handſchuhmacher ſeyn laͤßt, der durch den Handel mit Fellen und Haͤuten mit den Hochlaͤndern ſeit lange in Verkehr geſtanden und noch ſteht.

Ja, ſagte Goethe, das iſt ein Zug der hoͤchſten Art. Es entſpringen daraus fuͤr das ganze Buch die guͤnſtigſten Verhaͤltniſſe und Zuſtaͤnde, die dadurch alle zugleich eine reale Baſis erhalten, ſo daß ſie die uͤber¬ zeugendſte Wahrheit mit ſich fuͤhren. Ueberall finden Sie bey Walter Scott die große Sicherheit und Gruͤnd¬ lichkeit in der Zeichnung, die aus ſeiner umfaſſenden Kenntniß der realen Welt hervorgeht, wozu er durch lebenslaͤngliche Studien und Beobachtungen und ein taͤgliches Durchſprechen der wichtigſten Verhaͤltniſſe ge¬ langt iſt. Und nun ſein großes Talent und ſein um¬ faſſendes Weſen! Sie erinnern ſich des engliſchen Critikers, der die Poeten mit menſchlichen Saͤnger¬17 Stimmen vergleicht, wo Einigen nur wenig gute Toͤne zu Gebote ſtaͤnden, waͤhrend Andere den hoͤchſten Um¬ fang von Tiefe und Hoͤhe in vollkommener Gewalt haͤt¬ ten. Dieſer letzteren Art iſt Walter Scott. In dem Fair maid of Perth werden Sie nicht eine einzige ſchwache Stelle finden, wo es Ihnen fuͤhlbar wuͤrde, es habe ſeine Kenntniß und ſein Talent nicht ausgereicht. Er iſt ſeinem Stoff nach allen Richtungen hin gewachſen. Der Koͤnig, der koͤnigliche Bruder, der Kronprinz, das Haupt der Geiſtlichkeit, der Adel, der Magiſtrat, die Buͤrger und Handwerker, die Hochlaͤnder, ſie ſind alle mit gleich ſicherer Hand gezeichnet und mit gleicher Wahrheit getroffen.

Die Englaͤnder, ſagte Frau v. Goethe, lieben beſon¬ ders den Character des Henri Smith, und Walter Scott ſcheint ihn auch zum Helden des Buchs gemacht zu haben. Mein Favorit iſt er nicht; mir koͤnnte der Prinz gefallen.

Der Prinz, ſagte ich, bleibt bey aller Wildheit im¬ mer noch liebenswuͤrdig genug, und er iſt vollkommen ſo gut gezeichnet wie irgend ein Anderer.

Wie er zu Pferde ſitzend, ſagte Goethe, das huͤb¬ ſche Zittermaͤdchen auf ſeinen Fuß treten laͤßt, um ſie zu einem Kuß zu ſich heranzuheben, iſt ein Zug von der verwegenſten engliſchen Art. Aber Ihr Frauen habt Unrecht, wenn Ihr immer Partey macht; Ihr leſet ge¬ woͤhnlich ein Buch, um darin Nahrung fuͤr Euer HerzII. 218zu finden, einen Helden, den Ihr lieben koͤnntet! So ſoll man aber eigentlich nicht leſen, und es kommt gar nicht darauf an, daß Euch dieſer oder jener Character gefalle, ſondern daß Euch das Buch gefalle.

Wir Frauen ſind nun einmal ſo, lieber Vater, ſagte Frau von Goethe, indem ſie uͤber den Tiſch neigend ihm die Hand druͤckte. Man muß Euch ſchon in Eurer Liebenswuͤrdigkeit gewaͤhren laſſen, erwiederte Goethe.

Das neueſte Stuͤck des Globe lag neben ihm, das er zur Hand nahm. Ich ſprach derweile mit Frau v. Goethe uͤber junge Englaͤnder, deren Bekanntſchaft ich im Theater gemacht.

Was aber die Herren vom Globe fuͤr Menſchen ſind, begann Goethe wieder mit einigem Feuer, wie die mit jedem Tage groͤßer, bedeutender werden und alle wie von Einem Sinne durchdrungen ſind, davon hat man kaum einen Begriff. In Deutſchland waͤre ein ſolches Blatt rein unmoͤglich. Wir ſind lauter Particu¬ liers; an Übereinſtimmung iſt nicht zu denken; Jeder hat die Meinungen ſeiner Provinz, ſeiner Stadt, ja ſeines eigenen Individuums, und wir koͤnnen noch lange warten, bis wir zu einer Art von allgemeiner Durch¬ bildung kommen.

19

Heute bey Tiſch war die heiterſte Geſellſchaft. Außer den Weimariſchen Freunden waren auch einige von Ber¬ lin zuruͤckkehrende Naturforſcher zugegen, unter denen Herr von Martius aus Muͤnchen, der an Goethe's Seite ſaß, mir bekannt war. Über die mannigfaltigſten Dinge wurde hin und her geſcherzt und geſprochen. Goethe war von beſonders guter Laune und uͤberaus mittheilend. Das Theater kam zur Sprache, die letzte Oper, Moſes von Roſſini, ward viel beredet. Man tadelte das Suͤjet, man lobte und tadelte die Muſik; Goethe aͤußerte ſich folgendermaßen.

Ich begreife Euch nicht, Ihr guten Kinder, ſagte er, wie Ihr Suͤjet und Muſik trennen und jedes fuͤr ſich genießen koͤnnt. Ihr ſagt, das Suͤjet tauge nicht, aber Ihr haͤttet es ignorirt und Euch an der trefflichen Muſik erfreuet. Ich bewundere wirklich die Einrichtung Eurer Natur, und wie Eure Ohren im Stande ſind, anmuthigen Toͤnen zu lauſchen, waͤhrend der gewaltigſte Sinn, das Auge, von den abſurdeſten Gegenſtaͤnden geplagt wird.

Und daß Euer Moſes doch wirklich gar zu abſurd iſt, werdet Ihr nicht laͤugnen. So wie der Vorhang aufgeht, ſtehen die Leute da und beten! Dieß iſt ſehr unpaſſend. Wenn Du beten willſt, ſteht geſchrieben, ſo gehe in dein Kaͤmmerlein und ſchleuß die Thuͤr hinter dir zu. Aber auf dem Theater ſoll man nicht beten.

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Ich haͤtte Euch einen ganz anderen Moſes machen wollen und das Stuͤck ganz anders anfangen laſſen. Ich haͤtte Euch zuerſt gezeigt, wie die Kinder Israel, bey ſchwerem Frohndienſt, von der Tyranney der egyptiſchen Voͤgte zu leiden haben, damit es nachher deſto anſchau¬ licher wuͤrde, welche Verdienſte ſich Moſes um ſein Volk erworben, das er aus ſo ſchaͤndlichem Druck zu befreyen gewußt.

Goethe fuhr fort mit großer Heiterkeit die ganze Oper Schritt vor Schritt durch alle Scenen und Acte aufzubauen, immer geiſtreich und voller Leben, im hiſto¬ riſchen Sinne des Suͤjets, und zum freudigen Erſtaunen der ganzen Geſellſchaft, die den unaufhaltſamen Fluß ſeiner Gedanken und den heiteren Reichthum ſeiner Er¬ findungen zu bewundern hatte. Es ging alles zu raſch voruͤber um es aufzufaſſen, doch iſt mir der Tanz der Egyptier im Gedaͤchtniß geblieben, den Goethe nach der uͤberſtandenen Finſterniß, als Freude uͤber das wieder¬ gegebene Licht, eintreten ließ.

Das Geſpraͤch lenkte ſich von Moſes zuruͤck auf die Suͤndfluth, und ſo nahm es bald, durch den geiſtreichen Naturforſcher angeregt, eine naturhiſtoriſche Wendung.

Man will, ſagte Herr von Martius, auf dem Ararat ein Stuͤck von der Arche Noahs verſteinert ge¬ funden haben, und es ſollte mich wundern, wenn man nicht auch die verſteinerten Schaͤdel der erſten Menſchen finden ſollte.

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Dieſe Aeußerung gab zu aͤhnlichen Anlaß, und ſo kam die Unterhaltung auf die verſchiedenen Menſchen¬ raçen, wie ſie als Schwarze, Braune, Gelbe und Weiße die Laͤnder der Erde bewohnen; ſo daß man mit der Frage ſchloß, ob denn wirklich anzunehmen, daß alle Menſchen von dem einzigen Paare Adam und Eva abſtammen?

Herr v. Martius war fuͤr die Sage der heiligen Schrift, die er als Naturforſcher durch den Satz zu be¬ ſtaͤtigen ſuchte, daß die Natur in ihren Productionen hoͤchſt oͤconomiſch zu Werke gehe.

Dieſer Meinung, ſagte Goethe, muß ich wider¬ ſprechen. Ich behaupte vielmehr, daß die Natur ſich immer reichlich, ja verſchwenderiſch erweiſe, und daß es weit mehr in ihrem Sinne ſey, anzunehmen, ſie habe, ſtatt eines einzigen armſeligen Paares, die Menſchen gleich zu Dutzenden, ja zu Hunderten hervorgehen laſſen.

Als naͤmlich die Erde bis zu einem gewiſſen Punkt der Reife gediehen war, die Waſſer ſich verlaufen hat¬ ten und das Trockene genugſam gruͤnete, trat die Epoche der Menſchwerdung ein, und es entſtanden die Menſchen durch die Allmacht Gottes uͤberall wo der Boden es zuließ, und vielleicht auf den Hoͤhen zuerſt. Anzuneh¬ men, daß dieſes geſchehen, halte ich fuͤr vernuͤnftig; allein daruͤber nachzuſinnen, wie es geſchehen, halte ich fuͤr ein unnuͤtzes Geſchaͤft, das wir denen uͤberlaſſen22 wollen, die ſich gerne mit unaufloͤsbaren Problemen beſchaͤftigen, und die nichts beſſeres zu thun haben.

Wenn ich auch, ſagte Herr v. Martius mit einiger Schalkheit, mich als Naturforſcher von der Anſicht Eurer Excellenz gerne uͤberzeugen ließ, ſo fuͤhle ich mich doch als guter Chriſt in einiger Verlegenheit, zu einer Mei¬ nung uͤberzutreten, die mit den Ausſagen der Bibel nicht wohl zu vereinigen ſeyn moͤchte.

Die heilige Schrift, erwiederte Goethe, redet aller¬ dings nur von Einem Menſchenpaare, das Gott am ſechsten Tage erſchaffen. Allein die begabten Maͤnner, welche das Wort Gottes aufzeichneten, das uns die Bi¬ bel uͤberliefert, hatten es zunaͤchſt mit ihrem auserwaͤhl¬ ten Volke zu thun, und ſo wollen wir auch dieſem die Ehre ſeiner Abſtammung von Adam keinesweges ſtreitig machen. Wir andern aber, ſo wie auch die Neger und Lapplaͤnder, und ſchlanke Menſchen, die ſchoͤner ſind als wir alle, hatten gewiß auch andere Urvaͤter; wie denn die werthe Geſellſchaft gewiß zugeben wird, daß wir uns von den echten Abkoͤmmlingen Adams auf eine gar mannigfaltige Weiſe unterſcheiden, und daß ſie, beſon¬ ders was das Geld betrifft, es uns allen zuvorthun.

Wir lachten; das Geſpraͤch miſchte ſich allgemein; Goethe, durch Herrn v. Martius zu Widerſpruͤchen an¬ geregt, ſagte noch manches bedeutende Wort, das, den Schein des Scherzes tragend, dennoch aus dem Grund eines tieferen Hinterhaltes hervorging.

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Nach aufgehobener Tafel ließ ſich der preußiſche Miniſter, Herr v. Jordan, melden und wir zogen uns in das angrenzende Zimmer.

Tieck, mit Gemahlin und Toͤchtern und Graͤfin Finkenſtein, von ſeiner Rheinreiſe zuruͤckkommend, wurde heute bei Goethe zu Tiſch erwartet. Ich traf in den Vorzimmern mit ihnen zuſammen. Tieck ſah ſehr wohl aus, die Rheinbaͤder ſchienen eine gute Wirkung auf ihn gehabt zu haben. Ich erzaͤhlte ihm, daß ich in der Zwiſchenzeit den erſten Roman von Walter Scott geleſen, und welche Freude ich uͤber dieſes außerordent¬ liche Talent empfunden. Ich zweifle, ſagte Tieck, daß dieſer neueſte Roman, den ich noch nicht kenne, das Beſte ſey, was Walter Scott geſchrieben; allein dieſer Schriftſteller iſt ſo bedeutend, daß das Erſte, was man von ihm lieſet, immer in Erſtaunen ſetzet, man mag zu ihm gelangen von welcher Seite man wolle.

Profeſſor Goͤttling trat herein, von ſeiner italie¬ niſchen Reiſe ganz friſch zuruͤckgekehrt. Ich hatte große Freude ihn wieder zu ſehen und zog ihn an ein Fenſter, daß er mir erzaͤhlen moͤchte. Nach Rom! ſagte er, nach Rom muͤſſen Sie, um etwas zu werden! Das iſt eine Stadt! das iſt ein Leben! das iſt eine Welt! 24 Alles was in unſerer Natur Kleines iſt, kann in Deutſch¬ land nicht herausgebracht werden. Aber ſobald wir in Rom eintreten, geht eine Umwandlung mit uns vor und wir fuͤhlen uns groß wie die Umgebung. Warum ſind Sie nicht laͤnger dort geblieben? fragte ich. Geld und Urlaub, entgegnete er, waren zu Ende. Aber es ward mir wunderlich zu Muthe, als ich, das ſchoͤne Italien im Ruͤcken, den Fuß wieder uͤber die Alpen ſetzte.

Goethe kam und begruͤßte die Anweſenden. Er ſprach Verſchiedenes mit Tieck und den Seinigen, und bot ſo¬ dann der Graͤfin den Arm, um ſie zu Tiſch zu fuͤhren. Wir Andern folgten und machten, indem wir uns ſetz¬ ten, bunte Reihe. Die Unterhaltung war lebhaft und ungenirt, von dem jedoch, was geſprochen worden, weiß ich mich wenig zu erinnern.

Nach aufgehobener Tafel ließen ſich die Prinzen von Oldenburg melden. Wir gingen alle hinauf in die Zim¬ mer der Frau v. Goethe, wo Fraͤulein Agnes Tieck ſich zum Fluͤgel ſetzte, und das ſchoͤne Lied: Im Felde ſchleich 'ich ſtill und wild ꝛc. mit einer trefflichen Alt-Stimme ſo im Geiſte der Situation vortrug, daß es einen Eindruck ganz eigener unvergeßlicher Art machte.

25

Dieſen Mittag bey Tiſch war ich mit Goethe und Frau v. Goethe allein. Und wie ein Geſpraͤch fruͤherer Tage wohl wieder aufgenommen und fortgefuͤhrt wird ſo geſchah es auch heute. Der Moſes von Roſſini kam abermals zur Sprache und wir erinnerten uns gerne Goethe's heiterer Erfindung von vorgeſtern.

Was ich in Scherz und guter Laune uͤber den Moſes geaͤußert haben mag, ſagte Goethe, weiß ich nicht mehr; denn ſo etwas geſchieht ganz unbewußt. Aber ſo viel iſt gewiß, daß ich eine Oper nur dann mit Freuden genießen kann, wenn das Suͤjet eben ſo vollkommen iſt wie die Muſik, ſo daß beyde mit einander gleichen Schritt ge¬ hen. Fragt Ihr mich, welche Oper ich gut finde, ſo nenne ich Euch den Waſſertraͤger; denn hier iſt das Suͤjet ſo vollkommen, daß man es ohne Muſik als ein bloßes Stuͤck geben koͤnnte und man es mit Freuden ſehen wuͤrde. Dieſe Wichtigkeit einer guten Unterlage begreifen entweder die Componiſten nicht, oder es fehlt ihnen durchaus an ſachverſtaͤndigen Poeten, die ihnen mit Bearbeitung guter Gegenſtaͤnde zur Seite traͤten. Waͤre der Freyſchuͤtz kein ſo gutes Suͤjet, ſo haͤtte die Muſik zu thun gehabt, der Oper den Zulauf der Menge zu verſchaffen, wie es nun der Fall iſt, und man ſollte daher dem Herrn Kind auch einige Ehre erzeigen.

Es ward noch Verſchiedenes uͤber dieſen Gegenſtand26 geſprochen, dann aber gedachten wir des Profeſſor Goͤtt¬ ling und ſeiner italieniſchen Reiſe.

Ich kann es dem Guten nicht verargen, ſagte Goethe, daß er von Italien mit ſolcher Begeiſterung redet; weiß ich doch wie mir ſelber zu Muthe geweſen iſt! Ja ich kann ſagen, daß ich nur in Rom empfun¬ den habe, was eigentlich ein Menſch ſey. Zu dieſer Hoͤhe, zu dieſem Gluͤck der Empfindung bin ich ſpaͤter nie wieder gekommen; ich bin, mit meinem Zuſtande in Rom verglichen, eigentlich nachher nie wieder froh ge¬ worden.

Doch wir wollen uns nicht melancholiſchen Be¬ trachtungen hingeben, fuhr Goethe nach einer Pauſe fort; wie geht es mit Ihrem Fair maid of Perth? Wie haͤlt es ſich? Wie weit ſind Sie? Erzaͤhlen Sie mir und geben Sie Rechenſchaft.

Ich leſe langſam, ſagte ich; ich bin jedoch bis zu der Scene vorgeruͤckt, wo Proutfut in der Ruͤſtung von Henri Smith, deſſen Gang und deſſen Art zu pfeifen er nachahmt, erſchlagen und am andern Morgen von den Buͤrgern in den Straßen von Perth gefunden wird, die ihn fuͤr Henri Smith halten und daruͤber die ganze Stadt in Allarm ſetzen.

Ja, ſagte Goethe, die Scene iſt bedeutend, ſie iſt eine der beſten.

Ich habe dabey beſonders bewundert, fuhr ich fort, in wie hohem Grade Walter Scott das Talent beſitzt,27 verworrene Zuſtaͤnde mit großer Klarheit auseinander zu ſetzen, ſo daß alles zu Maſſen und zu ruhigen Bildern ſich abſondert, die einen ſolchen Eindruck in uns hin¬ terlaſſen, als haͤtten wir dasjenige, was zu gleicher Zeit an verſchiedenen Orten geſchieht, gleich allwiſſenden We¬ ſen, von oben herab mit Einem Male uͤberſehen.

Überhaupt, ſagte Goethe, iſt der Kunſtverſtand bey Walter Scott ſehr groß, weßhalb denn auch wir und unſers Gleichen, die darauf, wie etwas gemacht iſt, ein beſonderes Augenmerk richten, an ſeinen Sachen ein doppeltes Intereſſe und davon den vorzuͤglichſten Gewinn haben. Ich will Ihnen nicht vorgreifen, aber Sie wer¬ den im dritten Theile noch einen Kunſtpfiff der erſten Art finden. Daß der Prinz im Staatsrath den klugen Vorſchlag gethan, die rebelliſchen Hochlaͤnder ſich unter einander todt ſchlagen zu laſſen, haben Sie bereits ge¬ leſen, auch daß der Palm-Sonntag feſtgeſetzt worden, wo die beyden feindlichen Staͤmme der Hochlaͤnder nach Perth herabkommen ſollen, um dreyßig gegen dreyßig auf Tod und Leben mit einander zu fechten. Nun ſollen Sie bewundern, wie Walter Scott es macht und ein¬ leitet, daß am Tage der Schlacht an der einen Partey ein Mann fehlt, und mit welcher Kunſt er es von fern her anzuſtellen weiß, ſeinen Helden Henri Smith an den Platz des fehlenden Mannes unter die Kaͤmpfenden zu bringen! Dieſer Zug iſt uͤberaus groß, und Sie werden ſich freuen, wenn Sie dahin kommen.

28

Wenn Sie aber mit dem Fair maid of Perth zu Ende ſind, ſo muͤſſen Sie ſogleich den Waverley leſen, der freylich noch aus ganz anderen Augen ſieht, und der ohne Frage den beſten Sachen an die Seite zu ſtel¬ len iſt, die je in der Welt geſchrieben worden. Man ſieht, es iſt derſelbige Menſch, der die Fair maid of Perth gemacht hat, aber es iſt derjenige, der die Gunſt des Publicums erſt noch zu gewinnen hatte, und der ſich daher zuſammen nimmt, ſo daß er keinen Zug thut, der nicht vortrefflich waͤre. Die Fair maid of Perth dage¬ gen iſt mit einer breiteren Feder geſchrieben, der Autor iſt ſchon ſeines Publicums gewiß, und er laͤßt ſich ſchon etwas freyer gehen. Wenn man den Waverley geleſen hat, ſo begreift man freylich wohl, warum Walter Scott ſich noch jetzt immer den Verfaſſer jener Production nennt; denn darin hat er gezeigt, was er konnte, und er hat ſpaͤter nie etwas geſchrieben, das beſſer waͤre, oder das dieſem zuerſt publicirten Romane nur gleich kaͤme.

Zu Ehren Tiecks war dieſen Abend in den Zim¬ mern der Frau v. Goethe ein ſehr unterhaltender Thee. Ich machte die Bekanntſchaft des Grafen und der Graͤfin Medem; letztere ſagte mir, daß ſie am Tage Goethe geſehen und wie ſie von dieſem Eindruck noch im29 Innerſten begluͤckt ſey. Der Graf intereſſirte ſich beſon¬ ders fuͤr den Fauſt und deſſen Fortſetzung, uͤber welche Dinge er ſich mit mir eine Weile lebhaft unterhielt.

Man hatte uns Hoffnung gemacht, daß Tieck et¬ was leſen wuͤrde, und ſo geſchah es auch. Die Geſell¬ ſchaft begab ſich ſehr bald in ein entfernteres Zimmer, und nachdem jeder es ſich in einem weiten Kreis auf Stuͤhlen und Sopha's zum Anhoͤren bequem gemacht, las Tieck den Clavigo.

Ich hatte das Stuͤck oft geleſen und empfunden, doch jetzt erſchien es mir durchaus neu, und that eine Wirkung wie faſt nie zuvor. Es war mir, als hoͤrte ich es vom Theater herunter, allein beſſer; die einzelnen Charactere und Situationen waren vollkommener ge¬ fuͤhlt; es machte den Eindruck einer Vorſtellung, in der jede Rolle ganz vortrefflich beſetzt worden.

Man koͤnnte kaum ſagen, welche Partieen des Stuͤckes Tieck beſſer geleſen, ob ſolche, in denen ſich Kraft und Leidenſchaft der Maͤnner entwickelt, ob ruhig klare Ver¬ ſtandes-Scenen, oder ob Momente gequaͤlter Liebe. Zu dem Vortrag letzterer Art ſtanden ihm jedoch ganz be¬ ſondere Mittel zu Gebot. Die Scene zwiſchen Marie und Clavigo toͤnet mir noch immer vor den Ohren; die gepreßte Bruſt, das Stocken und Zittern der Stimme, abgebrochene, halb erſtickte Worte und Laute, das Hau¬ chen und Seufzen eines in Begleitung von Thraͤnen heißen Athems, alles dieſes iſt mir noch vollkommen30 gegenwaͤrtig und wird mir unvergeßlich ſeyn. Jeder¬ mann war im Anhoͤren verſunken und davon hingeriſ¬ ſen; die Lichter brannten truͤbe, Niemand dachte daran, oder wagte es, ſie zu putzen, aus Furcht vor der leiſe¬ ſten Unterbrechung; Thraͤnen in den Augen der Frauen, die immer wieder hervorquollen, zeugten von des Stuͤckes tiefer Wirkung, und waren wohl der gefuͤhlteſte Tribut, der dem Vorleſer wie dem Dichter gezollt werden konnte.

Tieck hatte geendigt und ſtand auf, ſich den Schweiß von der Stirne wiſchend, die Hoͤrenden aber waren noch immer wie gefeſſelt auf ihren Stuͤhlen; jeder ſchien in dem, was ihm ſo eben durch die Seele gegangen war, noch zu tief begriffen, als daß er paſſende Worte des Dankes fuͤr den haͤtte bereit haben ſollen, der eine ſo wunderbare Wirkung auf alle hervorgebracht hatte.

Nach und nach fand man ſich wieder; man ſtand auf und ſprach und ging erheitert durch einander; dann aber begab man ſich zu einem Soupé, das in den Ne¬ benzimmern auf kleinen Tiſchen bereit ſtand.

Goethe ſelbſt war dieſen Abend nicht gegenwaͤrtig; aber ſein Geiſt und ſein Andenken war unter uns allen lebendig. Er ſendete Tieck ſeine Entſchuldigung, deſſen beyden Toͤchtern Agnes und Dorothea aber zwey Tuch¬ nadeln mit ſeinem Bildniß und rothen Bandſchleifen, die Frau v. Goethe uͤberreichte und wie kleine Orden ihnen vorſteckte.

31

Von Herrn William Fraſer in London, Heraus¬ geber des Foreign Review, gelangten dieſen Morgen zwey Exemplare des dritten Stuͤcks jener periodiſchen Schrift zu mir, wovon ich das eine Exemplar dieſen Mittag Goethen uͤberreichte.

Ich fand wieder eine heitere Tiſchgeſellſchaft geladen, zu Ehren Tiecks und der Graͤfin, die auf das Bitten Goethe's und der uͤbrigen Freunde noch einen Tag zu¬ gegeben hatten, waͤhrend der uͤbrige Theil dieſer Familie ſchon am Morgen nach Dresden vorausgereiſet war.

Ein beſonderer Gegenſtand der Unterhaltung bey Tiſch war die engliſche Literatur und namentlich Walter Scott, bey welcher Gelegenheit Tieck unter andern ſagte, daß er vor zehn Jahren das erſte Exemplar des Waverley nach Deutſchland gebracht habe.

Das gedachte Foreign Review des Herrn Fraſer ent¬ hielt unter vielen bedeutenden und intereſſanten Gegen¬ ſtaͤnden auch einen hoͤchſt wuͤrdigen Aufſatz uͤber Goethe von Carlyle, den ich dieſen Morgen ſtudirte. Ich ging Mittags ein wenig fruͤher zu Tiſch, um vor der Ankunft der uͤbrigen Gaͤſte mich mit Goethe daruͤber zu bereden.

32

Ich fand ihn, wie ich wuͤnſchte, noch allein, in Er¬ wartung der Geſellſchaft. Er trug ſeinen ſchwarzen Frack und Stern, worin ich ihn ſo gerne ſehe; er ſchien heute beſonders jugendlich heiter, und wir fingen ſogleich an von unſerm gemeinſamen Intereſſe zu reden. Goethe ſagte mir, daß er Carlyle's Aufſatz uͤber ihn gleichfalls dieſen Morgen betrachtet, und ſo waren wir denn im Stande, uͤber die Beſtrebungen der Auslaͤnder manche Worte des Lobes gegenſeitig auszutauſchen.

Es iſt eine Freude, zu ſehen, ſagte Goethe, wie die fruͤhere Pedanterie der Schotten ſich in Ernſt und Gruͤndlichkeit verwandelt hat. Wenn ich bedenke, wie die Edinburger vor noch nicht langen Jahren meine Sachen behandelt haben, und ich jetzt dagegen Carly¬ le's Verdienſte um die deutſche Literatur erwaͤge, ſo iſt es auffallend, welch ein bedeutender Vorſchritt zum Beſſeren geſchehen iſt.

An Carlyle, ſagte ich, muß ich vor allem den Geiſt und Character verehren, der ſeinen Richtungen zum Grunde liegt. Es iſt ihm um die Cultur ſeiner Nation zu thun, und da fragt er denn bey den literariſchen Erzeugniſſen des Auslandes, womit er ſeine Landsleute bekannt zu machen wuͤnſcht, weniger nach Kuͤnſten des Talents, als nach der Hoͤhe ſittlicher Bildung, die aus ſolchen Werken zu gewinnen.

Ja, ſagte Goethe, die Geſinnung aus der er handelt, iſt beſonders ſchaͤtzbar. Und wie iſt es ihm33 Ernſt! und wie hat er uns Deutſche ſtudirt! Er iſt in unſerer Literatur faſt beſſer zu Hauſe als wir ſelbſt; zum wenigſten koͤnnen wir mit ihm in unſern Bemuͤ¬ hungen um das Engliſche nicht wetteifern.

Der Aufſatz, ſagte ich, iſt mit einem Feuer und Nachdruck geſchrieben, daß man ihm wohl anmerkt, daß in England noch viele Vorurtheile und Widerſpruͤche zu bekaͤmpfen ſind. Den Wilhelm Meiſter zumal ſcheinen uͤbelwollende Critiker und ſchlechte Überſetzer in kein guͤnſtiges Licht gebracht zu haben. Dagegen benimmt ſich nun Carlyle ſehr gut. Der dummen Nachrede, daß keine wahre Edelfrau den Meiſter leſen duͤrfe, wider¬ ſpricht er ſehr heiter mit dem Beyſpiele der letzten Koͤ¬ nigin von Preußen, die ſich mit dem Buche ver¬ traut gemacht, und die doch mit Recht fuͤr eine der erſten Frauen ihrer Zeit gelte.

Verſchiedene Tiſchgaͤſte traten herein, die Goethe be¬ gruͤßte. Er wendete ſeine Aufmerkſamkeit mir wieder zu und ich fuhr fort.

Freylich, ſagte ich, hat Carlyle den Meiſter ſtudirt, und ſo, durchdrungen von dem Werth des Buches wie er iſt, moͤchte er gerne, daß es ſich allgemein verbrei¬ tete, er moͤchte gerne, daß jeder Gebildete davon glei¬ chen Gewinn und Genuß haͤtte.

Goethe zog mich an ein Fenſter, um mir zu ant¬ worten.

Liebes Kind, ſagte er, ich will Ihnen etwas ver¬II. 334trauen, das Sie ſogleich uͤber Vieles hinaushelfen und das Ihnen lebenslaͤnglich zu Gute kommen ſoll. Meine Sachen koͤnnen nicht popular werden; wer daran denkt und dafuͤr ſtrebt, iſt in einem Irrthum. Sie ſind nicht fuͤr die Maſſe geſchrieben, ſondern nur fuͤr einzelne Menſchen, die etwas Ähnliches wollen und ſuchen, und die in aͤhnlichen Richtungen begriffen ſind.

Er wollte weiter reden; eine junge Dame trat heran, ihn unterbrechend und ihn in ein Geſpraͤch ziehend. Ich wendete mich zu Anderen, worauf wir uns bald zu Tiſch ſetzten.

Von dem, was geſprochen wurde, wuͤßte ich nichts zu ſagen; Goethe's Worte lagen mir im Sinn und be¬ ſchaͤftigten ganz mein Inneres.

Freylich, dachte ich, ein Schriftſteller wie Er, ein Geiſt von ſolcher Hoͤhe, eine Natur von ſo unendlichem Umfang, wie ſoll der popular werden! Kann doch kaum ein kleiner Theil von ihm popular werden! Kaum ein Lied, das luſtige Bruͤder und verliebte Maͤdchen ſingen und das fuͤr Andere wiederum nicht da iſt.

Und, recht beſehen, iſt es nicht mit allen außeror¬ dentlichen Dingen ſo? Iſt denn Mozart popular? Und iſt es denn Raphael? Und verhaͤlt ſich nicht die Welt gegen ſo große Quellen uͤberſchwenglichen geiſtigen Lebens uͤberall nur wie Naſchende, die froh ſind, hin und wieder ein Weniges zu erhaſchen, das ihnen eine Weile eine hoͤhere Nahrung gewaͤhre?

35

Ja! fuhr ich in meinen Gedanken fort, Goethe hat Recht! Er kann ſeinem Umfange nach nicht popular werden, und ſeine Werke ſind nur fuͤr einzelne Men¬ ſchen, die etwas Ähnliches ſuchen und die in aͤhnlichen Richtungen begriffen ſind.

Sie ſind im Ganzen fuͤr betrachtende Naturen, die in die Tiefen der Welt und Menſchheit zu dringen wuͤnſchen und ſeinen Pfaden nachgehen. Sie ſind im Einzelnen fuͤr leidenſchaftlich Genießende, die des Herzens Wonne und Weh im Dichter ſuchen. Sie ſind fuͤr junge Poeten, die lernen wollen, wie man ſich ausdruͤcke und wie man einen Gegenſtand kunſtgemaͤß behandele. Sie ſind fuͤr Critiker, die darin ein Muſter empfangen, nach welchen Maximen man urthei¬ len ſolle, und wie man auch eine Recenſion intereſſant und anmuthig mache, ſo daß man ſie mit Freuden leſe. Seine Werke ſind fuͤr den Kuͤnſtler, weil ſie ihm im Allgemeinen den Geiſt aufklaͤren und er im Be¬ ſonderen aus ihnen lernt, welche Gegenſtaͤnde eine kunſt¬ gemaͤße Bedeutung haben, und was er demnach dar¬ ſtellen ſolle und was nicht. Sie ſind fuͤr den Na¬ turforſcher, nicht allein weil gefundene große Geſetze ihm uͤberliefert werden, ſondern auch vorzuͤglich, weil er darin eine Methode empfaͤngt, wie ein guter Geiſt mit der Natur verfahren muͤſſe, damit ſie ihm ihre Ge¬ heimniſſe offenbare.

Und ſo gehen denn alle wiſſenſchaftlich und kuͤnſt¬3 *36leriſch Strebenden bey den reichbeſetzten Tafeln ſeiner Werke zu Gaſte, und in ihren Wirkungen zeugen ſie von der allgemeinen Quelle eines großen Lichtes und Lebens, aus der ſie geſchoͤpft haben.

Dieſe und aͤhnliche Gedanken gingen mir bey Tiſch durch den Kopf. Ich dachte an einzelne Perſonen, an manchen wackeren deutſchen Kuͤnſtler, Naturforſcher, Dichter und Critiker, die einen großen Theil ihrer Bil¬ dung Goethen zu danken haben. Ich dachte an geiſt¬ reiche Italiener, Franzoſen und Englaͤnder, die auf ihn ihre Augen richten und die in ſeinem Sinne handeln.

Unterdeſſen hatte man um mich her heiter geſcherzt und geſprochen und es ſich an guten Gerichten wohl ſeyn laſſen. Ich hatte auch mitunter ein Woͤrtchen mit drein geredet, aber alles, ohne eigentlich bey der Sache zu ſeyn. Eine Dame hatte eine Frage an mich gerichtet, worauf ich vielleicht nicht die beſte Antwort mochte ge¬ geben haben. Ich wurde geneckt.

Laßt nur den Eckermann, ſagte Goethe, er iſt im¬ mer abweſend, außer wenn er im Theater ſitzt.

Man lachte auf meine Koſten; doch war es mir nicht unlieb. Ich war heute in meinem Gemuͤth beſon¬ ders gluͤcklich. Ich ſegnete mein Geſchick, das mich, nach manchen wunderlichen Fuͤgungen, den Wenigen zugeſellet hatte, die den Umgang und das naͤhere Ver¬ trauen eines Mannes genießen, deſſen Groͤße mir noch vor wenig Augenblicken lebhaft durch die Seele gegan¬37 gen war, und den ich nun in ſeiner vollen Liebenswuͤr¬ digkeit perſoͤnlich vor Augen hatte.

Biscuit und ſchoͤne Trauben wurden zum Nachtiſch aufgetragen. Letztere waren aus der Ferne geſendet und Goethe that geheimnißvoll, woher ſie gekommen. Er vertheilte ſie und reichte mir eine ſehr reife uͤber den Tiſch. Hier, mein Guter, ſagte er, eſſen Sie von dieſen Suͤßigkeiten und ſeyn Sie vergnuͤgt. Ich ließ mir die Traube aus Goethe's Haͤnden wohlſchmecken und war nun mit Leib und Seele voͤllig in ſeiner Naͤhe.

Man ſprach vom Theater, von Wolff's Verdien¬ ſten, und wie viel Gutes von dieſem trefflichen Kuͤnſt¬ ler ausgegangen.

Ich weiß ſehr wohl, ſagte Goethe, daß unſere hie¬ ſigen aͤlteren Schauſpieler manches von mir gelernt ha¬ ben, aber im eigentlichen Sinne kann ich doch nur Wolff meinen Schuͤler nennen. Wie ſehr er in meine Maximen eingedrungen war, und wie er in meinem Sinne handelte, davon will ich einen Fall erzaͤhlen, den ich gerne wiederhole.

Ich war einſt gewiſſer anderer Urſachen wegen auf Wolff ſehr boͤſe. Er hatte Abends zu ſpielen und ich ſaß in meiner Loge. Jetzt, dachte ich, ſollſt du ihm doch einmal recht aufpaſſen; es iſt doch heute nicht die Spur einer Neigung in dir, die fuͤr ihn ſprechen und ihn entſchuldigen koͤnnte. Wolff ſpielte und ich wen¬38 dete mein geſchaͤrftes Auge nicht von ihm. Aber wie ſpielte er! wie war er ſicher! wie war er feſt! Es war mir unmoͤglich, ihm nur den Schein eines Ver¬ ſtoßes gegen die Regeln abzuliſten, die ich ihm einge¬ pflanzt hatte, und ich konnte nicht umhin, ich mußte ihm wieder gut ſeyn.

Oberbergrath Noeggerath aus Bonn, von dem Verein der Naturforſcher aus Berlin zuruͤckkehrend, war heute an Goethe's Tiſch ein ſehr willkommener Gaſt. Über Mineralogie ward viel verhandelt; der werthe Fremde gab beſonders gruͤndliche Auskunft uͤber die mi¬ neralogiſchen Vorkommen und Verhaͤltniſſe in der Naͤhe von Bonn.

Nach aufgehobener Tafel traten wir in das Zimmer mit der coloſſalen Buͤſte der Juno. Goethe zeigte den Gaͤſten einen langen Papierſtreifen mit Contouren des Frieſes vom Tempel zu Phigalia. Man betrachtete das Blatt und wollte bemerken, daß die Griechen, bey ihren Darſtellungen von Thieren, ſich weniger an die Na[tur]gehalten, als daß ſie dabey nach einer gewiſſen Conve¬ nienz verfahren. Man wollte gefunden haben, daß ſie in Darſtellungen dieſer Art hinter der Natur zuruͤckge¬ blieben, und daß Widder, Opferſtiere und Pferde, wie39 ſie auf Basreliefs vorkommen, haͤufig ſehr ſteife, unfoͤrm¬ liche und unvollkommene Geſchoͤpfe ſeyen.

Ich will daruͤber nicht ſtreiten, ſagte Goethe, aber vor allen Dingen muß man unterſcheiden, aus welcher Zeit und von welchem Kuͤnſtler ſolche Werke herruͤhren. Denn ſo ließen ſich wohl Muſterſtuͤcke in Menge vorle¬ gen, wo griechiſche Kuͤnſtler, in ihren Darſtellungen von Thieren, die Natur nicht allein erreicht, ſondern ſogar weit uͤbertroffen haben. Die Englaͤnder, die erſten Pferdekenner der Welt, muͤſſen doch jetzt von zwei an¬ tiken Pferdekoͤpfen geſtehen, daß ſie in ihren Formen ſo vollkommen befunden werden, wie jetzt gar keine Raçen mehr auf der Erde exiſtiren. Es ſind dieſe Koͤpfe aus der beſten griechiſchen Zeit; und wenn uns nun ſolche Werke in Erſtaunen ſetzen, ſo haben wir nicht ſowohl anzunehmen, daß jene Kuͤnſtler nach einer mehr vollkom¬ menen Natur gearbeitet haben, wie die jetzige iſt, als vielmehr, daß ſie im Fortſchritte der Zeit und Kunſt ſel¬ ber etwas geworden waren, ſo daß ſie ſich mit perſoͤn¬ licher Großheit an die Natur wandten.

Waͤhrend dieſes geſprochen wurde, ſtand ich mit einer Dame ſeitwaͤrts an einem Tiſch, um ein Kupfer¬ werk zu betrachten, und ich konnte zu Goethe's Worten nur ein halbes Ohr wenden; deſto tiefer aber ergriff ich ſie mit meiner Seele.

Die Geſellſchaft war nach und nach gegangen und40 ich mit Goethe allein gelaſſen, der ſich zum Ofen ſtellte. Ich trat in ſeine Naͤhe.

Euer Excellenz, ſagte ich, haben vorhin in der Äuße¬ rung, daß die Griechen ſich mit perſoͤnlicher Großheit an die Natur gewandt, ein gutes Wort geſprochen, und ich halte dafuͤr, daß man ſich von dieſem Satz nicht tief genug durchdringen koͤnne.

Ja, mein Guter, ſagte Goethe, hierauf kommt alles an. Man muß etwas ſeyn, um etwas zu ma¬ chen. Dante erſcheint uns groß, aber er hatte eine Cultur von Jahrhunderten hinter ſich; das Haus Roth¬ ſchild iſt reich, aber es hat mehr als Ein Menſchen¬ alter gekoſtet, um zu ſolchen Schaͤtzen zu gelangen. Dieſe Dinge liegen alle tiefer, als man denkt. Unſere guten altdeutſchelnden Kuͤnſtler wiſſen davon nichts, ſie wenden ſich mit perſoͤnlicher Schwaͤche und kuͤnſtleriſchem Unvermoͤgen zur Nachahmung der Natur, und meinen es waͤre was. Sie ſtehen unter der Natur. Wer aber etwas Großes machen will, muß ſeine Bildung ſo ge¬ ſteigert haben, daß er gleich den Griechen im Stande ſey, die geringere reale Natur zu der Hoͤhe ſeines Gei¬ ſtes heranzuheben, und dasjenige wirklich zu machen, was in natuͤrlichen Erſcheinungen, aus innerer Schwaͤch[e]oder aus aͤußerem Hinderniß, nur Intention gebli[e][b]en iſt.

41

Heute war bey Tiſch von den Frauen die Rede, und Goethe aͤußerte ſich daruͤber ſehr ſchoͤn. Die Frauen, ſagte er, ſind ſilberne Schalen, in die wir gol¬ dene Äpfel legen. Meine Idee von den Frauen iſt nicht von den Erſcheinungen der Wirklichkeit abſtrahirt, ſon¬ dern ſie iſt mir angeboren, oder in mir entſtanden, Gott weiß wie. Meine dargeſtellten Frauen-Charactere ſind daher auch alle gut weggekommen, ſie ſind alle beſſer, als ſie in der Wirklichkeit anzutreffen ſind.

Goethe ſprach von einem neuen Stuͤck des Edin¬ burgh Review. Es iſt eine Freude, zu ſehen, ſagte er, zu welcher Hoͤhe und Tuͤchtigkeit die engliſchen Cri¬ tiker ſich jetzt erheben. Von der fruͤheren Pedanterie iſt keine Spur mehr, und große Eigenſchaften ſind an de¬ ren Stelle getreten. In dem letzten Stuͤck, in einem Aufſatz uͤber deutſche Literatur, finden Sie folgende Äußerung: Es giebt Leute unter den Poeten, deren Neigung es iſt, immer in ſolchen Dingen zu verkehren, die ein Anderer ſich gerne aus dem Sinne ſchlaͤgt. Nun, was ſagen Sie? da wiſſen wir mit einem Male, woran42 wir ſind, und wiſſen, wohin wir eine große Zahl unſerer neueſten Literatoren zu claſſificiren haben.

Ich war heute mit Goethe in ſeiner Arbeitsſtube allein zu Tiſch; wir ſprachen uͤber verſchiedene literari¬ ſche Dinge.

Die Deutſchen, ſagte er, koͤnnen die Philiſterey nicht loswerden. Da quaͤngeln und ſtreiten ſie jetzt uͤber verſchiedene Diſtichen, die ſich bey Schiller gedruckt finden und auch bey mir, und ſie meinen, es waͤre von Wichtigkeit, entſchieden herauszubringen, welche denn wirklich Schillern gehoͤren und welche mir. Als ob et¬ was darauf ankaͤme, als ob etwas damit gewonnen wuͤrde, und als ob es nicht genug waͤre, daß die Sachen da ſind!

Freunde wie Schiller und ich, Jahre lang verbun¬ den, mit gleichen Intereſſen, in taͤglicher Beruͤhrung und gegenſeitigem Austauſch, lebten ſich in einander ſo ſehr hinein, daß uͤberhaupt bei einzelnen Gedanken gar nicht die Rede und Frage ſeyn konnte, ob ſie dem Einen ge¬ hoͤrten oder dem Andern. Wir haben viele Diſtichen ge¬ meinſchaftlich gemacht, oft hatte ich den Gedanken und Schiller machte die Verſe, oft war das Umgekehrte der43 Fall, und oft machte Schiller den einen Vers und ich den andern. Wie kann nun da von Mein und Dein die Rede ſeyn! Man muͤßte wirklich ſelbſt noch tief in der Philiſterey ſtecken, wenn man auf die Entſcheidung ſolcher Zweifel nur die mindeſte Wichtigkeit legen wollte.

Etwas Ähnliches, ſagte ich, kommt in der literari¬ ſchen Welt haͤufig vor, indem man z. B. an dieſes oder jenes beruͤhmten Mannes Originalitaͤt zweifelt, und die Quellen auszuſpuͤren ſucht, woher er ſeine Cultur hat.

Das iſt ſehr laͤcherlich! ſagte Goethe; man koͤnnte eben ſo gut einen wohlgenaͤhrten Mann nach den Och¬ ſen, Schafen und Schweinen fragen, die er gegeſſen und die ihm Kraͤfte gegeben. Wir bringen wohl Faͤhigkeiten mit, aber unſere Entwickelung verdanken wir tauſend Einwirkungen einer großen Welt, aus der wir uns an¬ eignen was wir koͤnnen und was uns gemaͤß iſt. Ich verdanke den Griechen und Franzoſen viel, ich bin Shak¬ ſpeare, Sterne und Goldſmith Unendliches ſchuldig ge¬ worden. Allein damit ſind die Quellen meiner Cultur nicht nachgewieſen; es wuͤrde ins Grenzenloſe gehen und waͤre auch nicht noͤthig. Die Hauptſache iſt, daß man eine Seele habe, die das Wahre liebt, und die es aufnimmt wo ſie es findet.

Überhaupt, fuhr Goethe fort, iſt die Welt jetzt ſo alt, und es haben ſeit Jahrtauſenden ſo viele bedeutende Menſchen gelebt und gedacht, daß wenig Neues mehr zu finden und zu ſagen iſt. Meine Farbenlehre iſt auch44 nicht durchaus neu. Plato, Leonardo da Vinci und viele andere Treffliche haben im Einzelnen vor mir daſ¬ ſelbige gefunden und geſagt; aber daß ich es auch fand, daß ich es wieder ſagte, und daß ich dafuͤr ſtrebte, in einer confuſen Welt dem Wahren wieder Eingang zu verſchaffen, das iſt mein Verdienſt.

Und denn, man muß das Wahre immer wiederho¬ len, weil auch der Irrthum um uns her immer wieder geprediget wird, und zwar nicht von Einzelnen, ſondern von der Maſſe. In Zeitungen und Encyklopaͤdien, auf Schulen und Univerſitaͤten, uͤberall iſt der Irrthum oben auf, und es iſt ihm wohl und behaglich, im Gefuͤhl der Majoritaͤt, die auf ſeiner Seite iſt.

Oft lehret man auch Wahrheit und Irrthum zu¬ gleich und haͤlt ſich an letzteren. So las ich vor eini¬ gen Tagen in einer engliſchen Encyklopaͤdie die Lehre von der Entſtehung des Blauen. Obenan ſtand die wahre Anſicht von Leonardo da Vinci; mit der groͤßten Ruhe aber folgte zugleich der Newtoniſche Irrthum, und zwar mit dem Bemerken, daß man ſich an dieſen zu halten habe, weil er das allgemein Angenommene ſey.

Ich mußte mich lachend verwundern, als ich dieſes hoͤrte. Jede Wachskerze, ſagte ich, jeder erleuchtet[e]Kuͤchenrauch, der etwas Dunkeles hinter ſich hat, jeder duftige Morgennebel, wenn er vor ſchattigen Stellen liegt, uͤberzeugen mich taͤglich von der Entſtehung der blauen Farbe und lehren mich die Blaͤue des Himmels45 begreifen. Was aber die Newtoniſchen Schuͤler ſich da¬ bey denken moͤgen, daß die Luft die Eigenſchaft beſitze, alle uͤbrigen Farben zu verſchlucken und nur die blaue zuruͤckzuwerfen, dieſes iſt mir voͤllig unbegreiflich, und ich ſehe nicht ein, welchen Nutzen und welche Freude man an einer Lehre haben kann, wobey jeder Gedanke voͤllig ſtille ſteht und jede geſunde Anſchauung durchaus verſchwindet.

Gute Seele, ſagte Goethe, um Gedanken und An¬ ſchauungen iſt es den Leuten auch gar nicht zu thun. Sie ſind zufrieden, wenn ſie nur Worte haben womit ſie verkehren, welches ſchon mein Mephiſtopheles gewußt und nicht uͤbel ausgeſprochen hat:

Vor allem haltet euch an Worte!
Dann geht ihr durch die ſich're Pforte
Zum Tempel der Gewißheit ein;
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da ſtellt ein Wort zur rechten Zeit ſich ein. ꝛc.

Goethe recitirte dieſe Stelle lachend und ſchien uͤberall in der beſten Laune. Es iſt nur gut, ſagte er, daß ſchon alles gedruckt ſteht, und ſo will ich fortfahren, fer¬ ner drucken zu laſſen, was ich gegen falſche Lehren und deren Verbreiter noch auf dem Herzen habe.

Treffliche Menſchen, fuhr er nach einer Pauſe fort, kommen jetzt in den Naturwiſſenſchaften heran und ich ſehe ihnen mit Freuden zu. Andere fangen gut an, aber ſie halten ſich nicht; ihr vorwaltendes Subjective fuͤhrt46 ſie in die Irre. Wiederum Andere halten zu ſehr auf Facta und ſammeln deren zu einer Unzahl, wodurch nichts bewieſen wird. Im Ganzen fehlt der theoretiſche Geiſt, der faͤhig waͤre, zu Urphaͤnomenen durchzudrin¬ gen und der einzelnen Erſcheinungen Herr zu werden.

Ein kurzer Beſuch unterbrach unſere Unterhaltung; bald aber wieder allein gelaſſen lenkte ſich das Geſpraͤch auf die Poeſie, und ich erzaͤhlte Goethen, daß ich die¬ ſer Tage ſeine kleinen Gedichte wieder betrachtet, und beſonders bey zweyen verweilet habe, bey der Bal¬ lade naͤmlich von den Kindern und dem Alten und bey den gluͤcklichen Gatten.

Ich halte auf dieſe beyden Gedichte ſelber etwas, ſagte Goethe, wiewohl das deutſche Publicum bis jetzt nicht viel daraus hat machen koͤnnen.

In der Ballade, ſagte ich, iſt ein ſehr reicher Ge¬ genſtand in große Enge zuſammengebracht, mittelſt aller poetiſchen Formen und Kuͤnſte und Kunſtgriffe, worun¬ ter ich beſonders den hochſchaͤtze, daß das Vergangene der Geſchichte den Kindern von dem Alten bis zu dem Punkt erzaͤhlt wird, wo die Gegenwart eintritt und das Übrige ſich vor unſern Augen entwickelt.

Ich habe die Ballade lange mit mir herumgetra¬ gen, ſagte Goethe, ehe ich ſie niederſchrieb; es ſtecken Jahre von Nachdenken darin, und ich habe ſie drey bis vier Mal verſucht, ehe ſie mir ſo gelingen wollte wie ſie jetzt iſt.

47

Das Gedicht von den gluͤcklichen Gatten, fuhr ich fort, iſt gleichfalls ſehr reich an Motiven; es erſcheinen darin ganze Landſchaften und Menſchenleben, durchwaͤrmt von dem Sonnenſchein eines anmuthigen Fruͤhlingshim¬ mels, der ſich uͤber dem Ganzen ausbreitet.

Ich habe das Gedicht immer lieb gehabt, ſagte Goethe, und es freut mich, daß Sie ihm ein beſonderes Intereſſe ſchenken. Und daß der Spaß zuletzt noch auf eine Doppel-Kindtaufe hinausgeht, daͤchte ich, waͤre doch artig genug.

Wir kamen ſodann auf den Buͤrgergeneral, wo¬ von ich erzaͤhlte, daß ich dieſes heitere Stuͤck in dieſen Tagen mit einem Englaͤnder geleſen, und daß in uns beyden der lebhafte Wunſch entſtanden, es auf dem Theater zu ſehen. Dem Geiſte nach, ſagte ich, iſt darin nichts veraltet, und im Einzelnen der dramatiſchen Ent¬ wickelung iſt darin kein Zug, der nicht fuͤr die Buͤhne gedacht waͤre.

Es war zu ſeiner Zeit ein ſehr gutes Stuͤck, ſagte Goethe, und es hat uns manchen heiteren Abend ge¬ macht. Freylich, es war trefflich beſetzt, und ſo vortreff¬ lich einſtudirt, daß der Dialog Schlag auf Schlag ging,[im]voͤlligſten Leben Malkolmi ſpielte den Maͤrten, man konnte nichts Vollkommneres ſehen.

Die Rolle des Schnaps, ſagte ich, erſcheint mir nicht weniger gluͤcklich; ich daͤchte, das Repertoir haͤtte nicht viele aufzuweiſen, die dankbarer und beſſer waͤren.

48

Es iſt in dieſer Figur, wie im ganzen Stuͤck, eine Deutlichkeit, eine Gegenwart, wie ſie das Theater nur wuͤnſchen kann. Die Scene, wo er mit dem Felleiſen kommt und nach einander die Sachen hervorbringt, wo er Maͤrten den Schnurbart anklebt und ſich ſelbſt mit Freyheitsmuͤtze, Uniform und Degen bekleidet, gehoͤrt zu den vorzuͤglichſten.

Dieſe Scene, ſagte Goethe, hat in fruͤherer Zeit auf unſerm Theater immer viel Gluͤck gemacht. Es kam dazu noch der Umſtand, daß das Felleiſen mit den Sachen ein wirklich hiſtoriſches war. Ich fand es naͤmlich zur Zeit der Revolution auf meiner Reiſe an der franzoͤſi¬ ſchen Grenze, wo die Flucht der Emigrirten durchge¬ gangen war, und wo es einer mochte verloren oder weggeworfen haben. Die Sachen, ſo wie ſie im Stuͤck vorkommen, waren alle darin; ich ſchrieb danach die Scene, und das Felleiſen mit allem Zubehoͤr ſpielte nachher, zu nicht geringem Vergnuͤgen unſerer Schau¬ ſpieler, immer mit, ſo oft das Stuͤck gegeben wurde.

Die Frage, ob man den Buͤrgergeneral noch jetzt mit Intereſſe und Nutzen ſehen koͤnne, machte noch eine Weile den Gegenſtand unſerer Unterhaltung.

Goethe erkundigte ſich ſodann nach meinen Fort¬ ſchritten in der franzoͤſiſchen Literatur, und ich erzaͤhlte ihm, daß ich mich abwechſelnd noch immer mit Vol¬ taire beſchaͤftige, und daß das große Talent dieſes Mannes mir das reinſte Gluͤck gewaͤhre. Ich kenne49 immer nur noch wenig von ihm, ſagte ich; ich halte mich noch immer in dem Kreiſe ſeiner kleinen Gedichte an Perſonen, die ich leſe und immer wieder leſe und von denen ich mich nicht trennen kann.

Eigentlich, ſagte Goethe, iſt alles gut, was ein ſo großes Talent wie Voltaire ſchreibt, wiewohl ich nicht alle ſeine Frechheiten gelten laſſen moͤchte. Aber Sie haben nicht Unrecht, wenn Sie ſo lange bey ſeinen klei¬ nen Gedichten an Perſonen verweilen; ſie gehoͤren ohne Frage zu den liebenswuͤrdigſten Sachen, die er geſchrieben. Es iſt darin keine Zeile, die nicht voller Geiſt, Klarheit, Heiterkeit und Anmuth waͤre.

Und man ſieht darin, ſagte ich, ſeine Verhaͤltniſſe zu allen Großen und Maͤchtigen der Erde, und bemerkt mit Freuden, welche vornehme Figur Voltaire ſelber ſpielt, indem er ſich den Hoͤchſten gleich zu empfinden ſcheint, und man ihm nie anmerkt, daß irgend eine Majeſtaͤt ſeinen freyen Geiſt nur einen Augenblick hat geniren koͤnnen.

Ja, ſagte Goethe, vornehm war er. Und bey all ſeiner Freyheit und Verwegenheit hat er ſich immer in den Grenzen des Schicklichen zu halten gewußt, welches faſt noch mehr ſagen will. Ich kann wohl die Kaiſerin von Öſtreich als eine Autoritaͤt in ſolchen Dingen anfuͤhren, die ſehr oft gegen mich wiederholt hat, daß in Voltaire's Gedichten an fuͤrſtliche PerſonenII. 450keine Spur ſeh, daß er je die Linie der Convenienz uͤberſchritten habe.

Erinnern ſich Euer Excellenz, ſagte ich, des kleinen Gedichtes, wo er der Prinzeß von Preußen, nachherigen Koͤnigin von Schweden, die artige Liebeserklaͤrung macht, indem er ſagt, daß er ſich im Traum zum Rang der Koͤnige habe erhoben geſehen?

Es iſt eins ſeiner vorzuͤglichſten, ſagte Goethe, indem er recitirte:

Je vous aimais princesse et j'osais vous le dire,
Les Dieux à mon reveil ne m'ont pas tout oté,
Je n'ai perdu que mon empire.

Ja, das iſt artig! Und dann, fuhr Goethe fort, hat es wohl nie einen Poeten gegeben, dem ſein Talent jeden Augenblick ſo zur Hand war wie Voltaire. Ich erinnere mich einer Anekdote, wo er eine Zeitlang zum Beſuch bey ſeiner Freundin Du Chatelet geweſen war, und in dem Augenblick der Abreiſe, als ſchon der Wagen vor der Thuͤre ſteht, einen Brief von einer gro¬ ßen Anzahl junger Maͤdchen eines benachbarten Kloſters erhaͤlt, die zum Geburtstag ihrer Äbtiſſin den Tod Ju¬ lius Caͤſars auffuͤhren wollen und ihn um einen Prolog bitten. Der Fall war zu artig, als daß Voltaire ihn ablehnen konnte; ſchnell laͤßt er ſich daher Feder und Papier geben, und ſchreibt ſtehend auf dem Rande eines Kamins das Verlangte. Es iſt ein Gedicht von etwa zwanzig Verſen, durchaus durchdacht und vollendet,51 ganz fuͤr den gegebenen Fall paſſend, genug, von der beſten Sorte. Ich bin ſehr begierig, es zu leſen ſagte ich. Ich zweifle, ſagte Goethe, daß es in Ihrer Sammlung ſteht, es iſt erſt kuͤrzlich zum Vor¬ ſchein gekommen, wie er denn ſolche Gedichte zu Hun¬ derten gemacht hat, von denen noch manche hie und dort im Privatbeſitz verborgen ſeyn moͤgen.

Ich fand dieſer Tage eine Stelle in Lord Byron, ſagte ich, woraus zu meiner Freude hervorging, welche außerordentliche Achtung auch Byron vor Voltaire ge¬ habt. Auch ſieht man es ihm wohl an, wie ſehr er Voltaire mag geleſen, ſtudirt und benutzt haben.

Byron, ſagte Goethe, wußte zu gut wo etwas zu holen war, und er war zu geſcheidt, als daß er aus dieſer allgemeinen Quelle des Lichts nicht auch haͤtte ſchoͤpfen ſollen.

Das Geſpraͤch wendete ſich hiernaͤchſt ganz auf By¬ ron und einzelne ſeiner Werke; wobey Goethe haͤufigen Anlaß fand, manche ſeiner fruͤheren Äußerungen von Anerkennung und Bewunderung jenes großen Talentes zu wiederholen.

In alles was Euer Excellenz uͤber Byron ſagen, erwiederte ich, ſtimme ich von Herzen bey; allein wie bedeutend und groß jener Dichter als Talent auch ſeyn mag, ſo moͤchte ich doch ſehr zweifeln, daß aus ſeinen Schriften fuͤr reine Menſchenbildung ein entſchie¬ dener Gewinn zu ſchoͤpfen.

4 *52

Da muß ich Ihnen widerſprechen, ſagte Goethe. Byrons Kuͤhnheit, Keckheit und Grandioſitaͤt, iſt das nicht alles bildend? Wir muͤſſen uns huͤten, es ſtets im entſchieden Reinen und Sittlichen ſuchen zu wollen. Alles Große bildet, ſobald wir es gewahr werden.

[53]

1829.

[54][55]

Ich habe im Schubart zu leſen fortgefahren, ſagte Goethe; er iſt freylich ein bedeutender Menſch, und er ſagt ſogar manches ſehr Vorzuͤgliche, wenn man es ſich in ſeine eigene Sprache uͤberſetzt. Die Hauptrichtung ſeines Buches geht darauf hinaus, daß es einen Stand¬ punct außerhalb der Philoſophie gebe, naͤmlich den des geſunden Menſchenverſtandes; und daß Kunſt und Wiſ¬ ſenſchaft, unabhaͤngig von der Philoſophie, mittelſt freyer Wirkung natuͤrlicher menſchlicher Kraͤfte, immer am beſten gediehen ſey. Dieß iſt durchaus Waſſer auf unſere Muͤhle. Von der Philoſophie habe ich mich ſelbſt immer frey erhalten; der Standpunct des geſunden Menſchenverſtan¬ des war auch der meinige, und Schubart beſtaͤtiget alſo, was ich mein ganzes Leben ſelber geſagt und gethan habe.

Das Einzige, was ich an ihm nicht durchaus loben kann, iſt, daß er gewiſſe Dinge beſſer weiß als er ſie ſagt, und daß er alſo nicht immer ganz ehrlich zu Werke geht. So wie Hegel zieht auch er die chriſtliche Reli¬56 gion in die Philoſophie herein, die doch nichts darin zu thun hat. Die chriſtliche Religion iſt ein maͤchtiges Weſen fuͤr ſich, woran die geſunkene und leidende Menſchheit von Zeit zu Zeit ſich immer wieder empor¬ gearbeitet hat; und indem man ihr dieſe Wirkung zuge¬ ſteht, iſt ſie uͤber aller Philoſophie erhaben und bedarf von ihr keiner Stuͤtze. So auch bedarf der Philoſoph nicht das Anſehen der Religion, um gewiſſe Lehren zu beweiſen, wie z. B. die einer ewigen Fortdauer. Der Menſch ſoll an Unſterblichkeit glauben, er hat dazu ein Recht, es iſt ſeiner Natur gemaͤß, und er darf auf re¬ ligioͤſe Zuſagen bauen; wenn aber der Philoſoph den Beweis fuͤr die Unſterblichkeit unſerer Seele aus einer Legende hernehmen will, ſo iſt das ſehr ſchwach und will nicht viel heißen. Die Überzeugung unſerer Fort¬ dauer entſpringt mir aus dem Begriff der Thaͤtigkeit; denn wenn ich bis an mein Ende raſtlos wirke, ſo iſt die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Da¬ ſeyns anzuweiſen, wenn die jetzige meinem Geiſt nicht ferner auszuhalten vermag.

Mein Herz ſchlug bey dieſen Worten vor Bewun¬ derung und Liebe. Iſt doch, dachte ich, nie eine Lehre ausgeſprochen worden, die mehr zu edlen Thaten reizt, als dieſe. Denn wer will nicht bis an ſein Ende un¬ ermuͤdlich wirken und handeln, wenn er darin die Buͤrg¬ ſchaft eines ewigen Lebens findet.

Goethe ließ ein Portefeuille mit Handzeichnungen57 und Kupferſtichen vorlegen. Nachdem er einige Blaͤtter ſtille betrachtet und umgewendet, reichte er mir einen ſchoͤnen Stich nach einem Gemaͤlde von Oſtade. Hier, ſagte er, haben Sie die Scene zu unſerm Good man und good wife. Ich betrachtete das Blatt mit großer Freude. Ich ſah das Innere einer Bauernwoh¬ nung vorgeſtellt, wo Kuͤche, Wohn - und Schlafzimmer alles in Einem und nur ein Raum war. Mann und Frau ſaßen ſich nahe gegenuͤber; die Frau ſpinnend, der Mann Garn windend; ein Bube zu ihren Fuͤßen. Im Hintergrunde ſah man ein Bette, ſo wie uͤberall nur das roheſte allernothwendigſte Hausgeraͤthe; die Thuͤr ging unmittelbar ins Freye. Den Begriff beſchraͤnkten ehelichen Gluͤckes gab dieſes Blatt vollkommen; Zufrie¬ denheit, Behagen und ein gewiſſes Schwelgen in lie¬ benden ehelichen Empfindungen, lag auf den Geſichtern vom Manne und der Frau wie ſie ſich einander an¬ blickten. Es wird einem wohler zu Muthe, ſagte ich, je laͤnger man dieſes Blatt anſieht; es hat einen Reiz ganz eigener Art. Es iſt der Reiz der Sinnlichkeit, ſagte Goethe, den keine Kunſt entbehren kann, und der in Gegenſtaͤnden ſolcher Art in ſeiner ganzen Fuͤlle herrſcht. Bey Darſtellungen hoͤherer Richtung dagegen, wo der Kuͤnſtler ins Ideelle geht, iſt es ſchwer, daß die gehoͤ¬ rige Sinnlichkeit mitgehe, und daß er nicht trocken und kalt werde. Da koͤnnen nun Jugend oder Alter guͤnſtig oder hinderlich ſeyn, und der Kuͤnſtler muß daher ſeine58 Jahre bedenken und danach ſeine Gegenſtaͤnde waͤhlen. Meine Iphigenie und mein Taſſo ſind mir gelun¬ gen, weil ich jung genug war, um mit meiner Sinn¬ lichkeit das Ideelle des Stoffes durchdringen und beleben zu koͤnnen. Jetzt in meinem Alter waͤren ſo ideelle Ge¬ genſtaͤnde nicht fuͤr mich geeignet, und ich thue vielmehr wohl, ſolche zu waͤhlen, wo eine gewiſſe Sinnlichkeit bereits im Stoffe liegt. Wenn Genaſts hier bleiben, ſo ſchreibe ich euch zwey Stuͤcke, jedes in einem Act und in Proſa. Das eine von der heiterſten Art, mit einer Hochzeit endend, das andere grauſam und erſchuͤt¬ ternd, ſo daß am Ende zwey Leichname zuruͤckbleiben. Das letztere ruͤhrt noch aus Schillers Zeit her, und er hat auf mein Antreiben ſchon eine Scene davon geſchrie¬ ben. Beyde Suͤjets habe ich lange durchdacht, und ſie ſind mir ſo vollkommen gegenwaͤrtig, daß ich jedes in acht Tagen dictiren wollte, wie ich es mit meinem Buͤr¬ gergeneral gethan habe.

Thun Sie es, ſagte ich, ſchreiben Sie die beyden Stuͤcke auf jeden Fall; es iſt Ihnen nach den Wan¬ derjahren eine Erfriſchung und wirkt wie eine kleine Reiſe. Und wie wuͤrde die Welt ſich freuen, wenn Sie dem Theater noch etwas zu Liebe thaͤten, was Niemand mehr erwartet.

Wie geſagt, fuhr Goethe fort, wenn Genaſts hier bleiben, ſo bin ich gar nicht ſicher, daß ich euch59 nicht den Spaß mache. Aber ohne dieſe Ausſicht waͤre dazu wenig Reiz, denn ein Stuͤck auf dem Papiere iſt gar nichts. Der Dichter muß die Mittel kennen, mit denen er wirken will, und er muß ſeine Rollen denen Figuren auf den Leib ſchreiben, die ſie ſpielen ſollen. Habe ich alſo auf Genaſt und ſeine Frau zu rechnen, und nehme ich dazu La Roche, Herrn Winterberger und Madam Seidel, ſo weiß ich was ich zu thun habe, und kann der Ausfuͤhrung meiner Intentionen gewiß ſeyn.

Fuͤr das Theater zu ſchreiben, fuhr Goethe fort, iſt ein eigenes Ding, und wer es nicht durch und durch kennet, der mag es unterlaſſen. Ein intereſſantes Fac¬ tum, denkt jeder, werde auch intereſſant auf den Bret¬ tern erſcheinen; aber mit nichten! Es koͤnnen Dinge ganz huͤbſch zu leſen und huͤbſch zu denken ſeyn, aber, auf die Bretter gebracht, ſieht das ganz anders aus, und was uns im Buche entzuͤckte, wird uns von der Buͤhne herunter vielleicht kalt laſſen. Wenn man meinen Hermann und Dorothea lieſet, ſo denkt man, das waͤre auch auf dem Theater zu ſehen. Toͤpfer hat ſich ver¬ fuͤhren laſſen es hinaufzubringen; allein was iſt es, was wirkt es, zumal wenn es nicht ganz vorzuͤglich geſpielt wird, und wer kann ſagen, daß es in jeder Hinſicht ein gutes Stuͤck ſey? Fuͤr das Theater zu ſchreiben iſt ein Metier, das man kennen ſoll, und will ein Talent, das man beſitzen muß. Beydes iſt ſelten,60 und wo es ſich nicht vereinigt findet, wird ſchwerlich etwas Gutes an den Tag kommen.

Goethe ſprach viel uͤber die Wahlverwandtſchaften, beſonders daß jemand ſich in der Perſon des Mittler getroffen gefunden, den er fruͤher im Leben nie gekannt und geſehen. Der Charakter, ſagte er, muß alſo wohl einige Wahrheit haben, und in der Welt mehr als Ein Mal exiſtiren. Es iſt in den Wahlverwandtſchaften uͤberall keine Zeile, die ich nicht ſelber erlebt haͤtte, und es ſteckt darin mehr, als irgend jemand bey einmaligem Leſen aufzunehmen im Stande waͤre.

Ich fand Goethe umringt von Charten und Plaͤnen in Bezug auf den Bremer Hafenbau, fuͤr welches großartige Unternehmen er ein beſonderes Intereſſe zeigte.

Sodann viel uͤber Merck geſprochen, von welchem er mir eine poetiſche Epiſtel an Wieland vom Jahre 1776 vorlieſet, in hoͤchſt geiſtreichen aber etwas derben Knittelverſen. Der ſehr heitere Inhalt geht beſonders gegen Jacobi, den Wieland, in einer zu guͤnſtigen Re¬61 cenſion im Merkur, uͤberſchaͤtzt zu haben ſcheint, welches Merck ihm nicht verzeihen kann.

Über den Zuſtand damaliger Cultur, und wie ſchwer es gehalten, aus der ſogenannten Sturm - und Drang¬ periode ſich zu einer hoͤheren Bildung zu retten.

Über ſeine erſten Jahre in Weimar. Das poetiſche Talent im Conflict mit der Realitaͤt, die er, durch ſeine Stellung zum Hof, und verſchiedenartige Zweige des Staatsdienſtes, zu hoͤherem Vortheil in ſich aufzunehmen genoͤthigt iſt. Deßhalb in den erſten zehn Jahren nichts Poetiſches von Bedeutung hervorgebracht. Fragmente vorgeleſen. Durch Liebſchaften verduͤſtert. Der Vater fortwaͤhrend ungeduldig gegen das Hofleben.

Vortheile, daß er den Ort nicht veraͤndert, und daß er dieſelbigen Erfahrungen nicht noͤthig gehabt zweymal zu machen.

Flucht nach Italien, um ſich zu poetiſcher Producti¬ vitaͤt wieder herzuſtellen. Aberglaube, daß er nicht hin¬ komme, wenn jemand darum wiſſe. Deßhalb tiefes Geheimniß. Von Rom aus an den Herzog geſchrieben.

Aus Italien zuruͤck mit großen Anforderungen an ſich ſelbſt.

Herzogin Amalie. Vollkommene Fuͤrſtin mit voll¬ kommen menſchlichem Sinne und Neigung zum Lebens¬ genuß. Sie hat große Liebe zu ſeiner Mutter, und wuͤnſcht, daß ſie fuͤr immer nach Weimar komme. Er iſt dagegen.

62

Über die erſten Anfaͤnge des Fauſt.

Der Fauſt entſtand mit meinem Werther; ich brachte ihn im Jahre 1775 mit nach Weimar. Ich hatte ihn auf Poſtpapier geſchrieben und nichts daran geſtrichen; denn ich huͤtete mich, eine Zeile niederzuſchrei¬ ben, die nicht gut war und die nicht beſtehen konnte.

Mit Oberbaudirector Coudray bey Goethe zu Tiſch. Coudray erzaͤhlt viel von der weiblichen Induſtrie-Schule und dem Waiſen-Inſtitut, als den beſten Einrichtungen dieſer Art des Landes; erſtere von der Großfuͤrſtin, letzteres vom Großherzog Carl Auguſt gegruͤndet. Mancherley uͤber Theater-Decoration und Wegebau. Coudray legt Goethen den Riß zu einer fuͤrſtlichen Ca¬ pelle vor. Über den Ort, wo der herrſchaftliche Stuhl anzubringen; wogegen Goethe Einwendungen macht, die Coudray annimmt. Nach Tiſch Soret. Goethe zeigt uns abermals die Bilder von Herrn von Reutern.

Goethe lieſet mir das friſch entſtandene, uͤberaus herr¬ liche Gedicht: Kein Weſen kann zu nichts zer¬63 fallen ꝛc. Ich habe, ſagte er, dieſes Gedicht als Widerſpruch der Verſe: Denn alles muß zu n chts zerfallen, wenn es im Seyn beharren will ꝛc. geſchrieben, welche dumm ſind, und welche meine Ber¬ liner Freunde, bey Gelegenheit der naturforſchenden Ver¬ ſammlung, zu meinem Ärger in goldenen Buchſtaben ausgeſtellt haben.

Über den großen Mathematiker Lagrange, an wel¬ chem Goethe vorzuͤglich den trefflichen Character hervor¬ hebt. Er war ein guter Menſch, ſagte er, und eben deßwegen groß. Denn wenn ein guter Menſch mit Talent begabt iſt, ſo wird er immer zum Heil der Welt ſittlich wirken, ſey es als Kuͤnſtler, Naturforſcher, Dich¬ ter, oder was alles ſonſt.

Es iſt mir lieb, fuhr Goethe fort, daß Sie Coudray geſtern naͤher kennen gelernt haben. Er ſpricht ſich in Geſellſchaft ſelten aus, aber ſo unter uns haben Sie geſehen, welch ein trefflicher Geiſt und Cha¬ racter in dem Manne wohnt. Er hat anfaͤnglich vielen Widerſpruch erlitten, aber jetzt hat er ſich durchgekaͤmpft und genießt vollkommene Gunſt und Vertrauen des Ho¬ fes. Coudray iſt einer der geſchickteſten Architekten un¬ ſerer Zeit. Er hat ſich zu mir gehalten und ich mich zu ihm, und es iſt uns beyden von Nutzen geweſen. Haͤtte ich den vor funfzig Jahren gehabt!

Über Goethe's eigene architektoniſche Kenntniſſe. Ich bemerke, er muͤſſe viel in Italien gewonnen haben. Es64 gab mir einen Begriff vom Ernſten und Großen, ant¬ wortete er, aber keine Gewandtheit. Der Weimariſche Schloßbau hat mich vor allem gefoͤrdert. Ich mußte mit einwirken, und war ſogar in dem Fall, Geſimſe zeichnen zu muͤſſen. Ich that es den Leuten von Metier gewiſſermaßen zuvor, weil ich ihnen in der Intention uͤberlegen war.

Das Geſpraͤch kam auf Zelter. Ich habe einen Brief von ihm, ſagte Goethe; er ſchreibt unter andern, daß die Auffuͤhrung des Meſſias ihm durch eine ſei¬ ner Schuͤlerinnen verdorben ſey, die eine Arie zu weich, zu ſchwach, zu ſentimental geſungen. Das Schwache iſt ein Characterzug unſers Jahrhunderts. Ich habe die Hypotheſe, daß es in Deutſchland eine Folge der An¬ ſtrengung iſt, die Franzoſen los zu werden. Maler, Naturforſcher, Bildhauer, Muſiker, Poeten, es iſt, mit wenigen Ausnahmen, alles ſchwach, und in der Maſſe ſteht es nicht beſſer.

Doch, ſagte ich, gebe ich die Hoffnung nicht auf, zum Fauſt eine paſſende Muſik kommen zu ſehen.

Es iſt ganz unmoͤglich, ſagte Goethe. Das Ab¬ ſtoßende, Widerwaͤrtige, Furchtbare, was ſie ſtellenweiſe enthalten muͤßte, iſt der Zeit zuwider. Die Muſik muͤßte im Character des Don Juan ſeyn; Mozart haͤtte den Fauſt componiren muͤſſen. Meyer-Beer waͤre vielleicht dazu faͤhig, allein der wird ſich auf ſo etwas nicht ein¬ laſſen; er iſt zu ſehr mit italieniſchen Theatern verflochten.

65

Sodann, ich weiß nicht mehr in welcher Verbindung und welchem Bezug, ſagte Goethe folgendes ſehr Be¬ deutende.

Alles Große und Geſcheidte, ſagte er, exiſtirt in der Minoritaͤt. Es hat Miniſter gegeben, die Volk und Koͤnig gegen ſich hatten, und die ihre großen Plane einſam durchfuͤhrten. Es iſt nie daran zu denken, daß die Vernunft popular werde. Leidenſchaften und Gefuͤhle moͤgen popular werden, aber die Vernunft wird immer nur im Beſitz einzelner Vorzuͤglicher ſeyn.

Mit Goethe allein zu Tiſch. Ich werde nach Be¬ endigung der Wanderjahre, ſagte er, mich wieder zur Botanik wenden, um mit Soret die Überſetzung weiter zu bringen. Nur fuͤrchte ich, daß es mich wieder ins Weite fuͤhrt, und daß es zuletzt abermals ein Alp wird. Große Geheimniſſe liegen noch verborgen, man¬ ches weiß ich, von vielem habe ich eine Ahndung. Et¬ was will ich Ihnen vertrauen und mich wunderlich aus¬ druͤcken.

Die Pflanze geht von Knoten zu Knoten und ſchließt zuletzt ab mit der Bluͤthe und dem Samen. In der Thierwelt iſt es nicht anders. Die Raupe, der Bandwurm, geht von Knoten zu Knoten und bildetll. 566zuletzt einen Kopf; bey den hoͤher ſtehenden Thieren und Menſchen ſind es die Wirbelknochen, die ſich anfuͤgen und anfuͤgen und mit dem Kopf abſchließen, in welchem ſich die Kraͤfte concentriren.

Was ſo bey Einzelnen geſchieht, geſchieht auch bey ganzen Corporationen. Die Bienen, auch eine Reihe von Einzelnheiten, die ſich aneinander ſchließen, bringen als Geſammtheit etwas hervor, das auch den Schluß macht, und als Kopf des Ganzen anzuſehen iſt, den Bienen-Koͤnig. Wie dieſes geſchieht iſt geheimnißvoll, ſchwer auszuſprechen, aber ich koͤnnte ſagen, daß ich daruͤber meine Gedanken habe.

So bringt ein Volk ſeine Helden hervor, die, gleich Halbgoͤttern, zu Schutz und Heil an der Spitze ſtehen; und ſo vereinigten ſich die poetiſchen Kraͤfte der Fran¬ zoſen in Voltaire. Solche Haͤuptlinge eines Volkes ſind groß in der Generation in der ſie wirken; manche dauren ſpaͤter hinaus; die meiſten werden durch Andere erſetzt und von der Folgezeit vergeſſen.

Ich freute mich dieſer bedeutenden Gedanken. Goethe ſprach ſodann uͤber Naturforſcher, denen es vor allem nur daran liege, ihre Meinung zu beweiſen. Herr von Buch, ſagte er, hat ein neues Werk herausgege¬ ben, das gleich im Titel eine Hypotheſe enthaͤlt. Seine Schrift ſoll von Granitbloͤcken handeln, die hier und dort umherliegen, man weiß nicht wie und woher. Da aber Herr v. Buch die Hypotheſe im Schilde fuͤhrt,67 daß ſolche Granitbloͤcke durch etwas Gewaltſames von Innen hervorgeworfen und zerſprengt worden, ſo deutet er dieſes gleich im Titel an, indem er ſchon dort von zerſtreuten Granitbloͤcken redet, wo denn der Schritt zur Zerſtreuung ſehr nahe liegt, und dem argloſen Leſer die Schlinge des Irrthums uͤber den Kopf gezogen wird, er weiß nicht wie.

Man muß alt werden, um dieſes alles zu uͤber¬ ſehen, und Geld genug haben, ſeine Erfahrungen bezah¬ len zu koͤnnen. Jedes Bonmot das ich ſage, koſtet mir eine Boͤrſe voll Gold; eine halbe Million meines Privatvermoͤgens iſt durch meine Haͤnde gegangen, um das zu lernen was ich jetzt weiß, nicht allein das ganze Vermoͤgen meines Vaters, ſondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes literariſches Einkommen ſeit mehr als funfzig Jahren. Außerdem habe ich anderthalb Millionen zu großen Zwecken von fuͤrſtlichen Perſonen ausgeben ſehen, denen ich nahe verbunden war und an deren Schritten, Gelingen und Mißlingen ich Theil nahm.

Es iſt nicht genug, daß man Talent habe, es ge¬ hoͤrt mehr dazu, um geſcheidt zu werden; man muß auch in großen Verhaͤltniſſen leben, und Gelegenheit haben, den ſpielenden Figuren der Zeit in die Karten zu ſehen, und ſelber zu Gewinn und Verluſt mitzu¬ ſpielen.

Ohne meine Bemuͤhungen in den Naturwiſſenſchaf¬5*68ten haͤtte ich jedoch die Menſchen nie kennen gelernt wie ſie ſind. In allen anderen Dingen kann man dem reinen Anſchauen und Denken, den Irrthuͤmern der Sinne wie des Verſtandes, den Character-Schwaͤchen und - Staͤrken nicht ſo nachkommen; es iſt alles mehr oder weniger biegſam und ſchwankend, und laͤßt alles mehr oder weniger mit ſich handeln; aber die Natur verſteht gar keinen Spaß, ſie iſt immer wahr, immer ernſt, immer ſtrenge; ſie hat immer Recht, und die Fehler und Irrthuͤmer ſind immer des Menſchen. Den Unzulaͤnglichen verſchmaͤht ſie, und nur dem Zulaͤngli¬ chen, Wahren und Reinen ergiebt ſie ſich und offenbart ihm ihre Geheimniſſe.

Der Verſtand reicht zu ihr nicht hinauf, der Menſch muß faͤhig ſeyn, ſich zur hoͤchſten Vernunft erheben zu koͤnnen, um an die Gottheit zu ruͤhren, die ſich in Ur¬ phaͤnomenen, phyſiſchen wie ſittlichen, offenbaret, hinter denen ſie ſich haͤlt und die von ihr ausgehen.

Die Gottheit aber iſt wirkſam im Lebendigen, aber nicht im Todten; ſie iſt im Werdenden und ſich Ver¬ wandelnden, aber nicht im Gewordenen und Erſtarrten. Deßhalb hat auch die Vernunft in ihrer Tendenz zum Goͤttlichen es nur mit dem Werdenden, Lebendigen zu thun; der Verſtand mit dem Gewordenen, Erſtarrten, daß er es nutze.

Die Mineralogie iſt daher eine Wiſſenſchaft fuͤr den Verſtand, fuͤr das practiſche Leben, denn ihre Ge¬69 genſtaͤnde ſind etwas Todtes, das nicht mehr entſteht, und an eine Syntheſe iſt dabey nicht zu denken. Die Gegenſtaͤnde der Meteorologie ſind zwar etwas Le¬ bendiges, das wir taͤglich wirken und ſchaffen ſehen, ſie ſetzen eine Syntheſe voraus; allein der Mitwirkungen ſind ſo mannigfaltige, daß der Menſch dieſer Syntheſe nicht gewachſen iſt, und er ſich daher in ſeinen Beob¬ achtungen und Forſchungen unnuͤtz abmuͤhet. Wir ſteuern dabey auf Hypotheſen los, auf imaginaͤre Inſeln, aber die eigentliche Syntheſe wird wahrſcheinlich ein unent¬ decktes Land bleiben. Und mich wundert es nicht, wenn ich bedenke, wie ſchwer es gehalten, ſelbſt in ſo einfachen Dingen, wie die Pflanze und die Farbe, zu einiger Syntheſe zu gelangen.

Goethe empfing mich mit großem Lobe wegen mei¬ ner Redaction der naturhiſtoriſchen Aphorismen fuͤr die Wanderjahre. Werfen Sie ſich auf die Natur, ſagte er, Sie ſind dafuͤr geboren, und ſchreiben Sie zunaͤchſt ein Compendium der Farbenlehre. Wir ſprachen viel uͤber dieſen Gegenſtand.

Eine Kiſte vom Niederrhein langte an, mit ausge¬ grabenen antiken Gefaͤßen, Mineralien, kleinen Dom¬70 bildern und Gedichten des Carnevals, welches alles nach Tiſch ausgepackt wurde.

Viel uͤber den Großkophta geſprochen. Lavater, ſagte Goethe, glaubte an Caglioſtro und deſſen Wun¬ der. Als man ihn als einen Betruͤger entlarvt hatte, behauptete Lavater: dieß ſey ein anderer Caglioſtro, der Wunderthaͤter Caglioſtro ſey eine heilige Perſon.

Lavater war ein herzlich guter Mann, allein er war gewaltigen Taͤuſchungen unterworfen, und die ganz ſtrenge Wahrheit war nicht ſeine Sache; er belog ſich und An¬ dere. Es kam zwiſchen mir und ihm deßhalb zum voͤlli¬ gen Bruch. Zuletzt habe ich ihn noch in Zuͤrich geſehen, ohne von ihm geſehen zu werden. Verkleidet ging ich in einer Allee, ich ſah ihn auf mich zukommen, ich bog außerhalb, er ging an mir voruͤber und kannte mich nicht. Sein Gang war wie der eines Kranichs, we߬ wegen er auf dem Blocksberg als Kranich vorkommt.

Ich fragte Goethe, ob Lavater eine Tendenz zur Natur gehabt, wie man faſt wegen ſeiner Phyſiognomik ſchließen ſollte. Durchaus nicht, antwortete Goethe, ſeine Richtung ging bloß auf das Sittliche, Religioͤſe. Was in Lavaters Phyſiognomik uͤber Thierſchaͤdel vor¬ kommt, iſt von mir.

71

Das Geſpraͤch lenkte ſich auf die Franzoſen, auf die Vorleſungen von Guizot, Villemain und Couſin, und Goethe ſprach mit hoher Achtung uͤber den Stand¬ punct dieſer Maͤnner, und wie ſie alles von einer freyen und neuen Seite betrachteten, und uͤberall grade aufs Ziel losgingen. Es iſt, ſagte Goethe, als waͤre man bis jetzt in einen Garten auf Umwegen und durch Kruͤm¬ mungen gelangt; dieſe Maͤnner aber ſind kuͤhn und frey genug, die Mauer dort einzureißen und eine Thuͤr an derjenigen Stelle zu machen, wo man ſogleich auf den breiteſten Weg des Gartens tritt.

Von Couſin kamen wir auf indiſche Philoſophie. Dieſe Philoſophie, ſagte Goethe, hat, wenn die Nach¬ richten des Englaͤnders wahr ſind, durchaus nichts Frem¬ des, vielmehr wiederholen ſich in ihr die Epochen, die wir alle ſelber durchmachen. Wir ſind Senſualiſten, ſo lange wir Kinder ſind; Idealiſten, wenn wir lieben und in den geliebten Gegenſtand Eigenſchaften legen, die nicht eigentlich darin ſind. Die Liebe wankt, wir zwei¬ feln an der Treue und ſind Skeptiker ehe wir es glaub¬ ten. Der Reſt des Lebens iſt gleichguͤltig, wir laſſen es gehen wie es will, und endigen mit dem Quietis¬ mus, wie die indiſchen Philoſophen auch.

In der deutſchen Philoſophie waͤren noch zwey große Dinge zu thun. Kant hat die Critik der reinen Vernunft geſchrieben, womit unendlich viel geſchehen, aber der Kreis nicht abgeſchloſſen iſt. Jetzt muͤßte ein72 Faͤhiger, ein Bedeutender, die Critik der Sinne und des Menſchenverſtandes ſchreiben, und wir wuͤrden, wenn dieſes gleich vortrefflich geſchehen, in der deutſchen Phi¬ loſophie nicht viel mehr zu wuͤnſchen haben.

Hegel, fuhr Goethe fort, hat in den Berliner Jahrbuͤchern eine Recenſion uͤber Hamann geſchrieben, die ich in dieſen Tagen leſe und wieder leſe und die ich ſehr loben muß. Hegels Urtheile als Critiker ſind im¬ mer gut geweſen.

Villemain ſteht in der Critik gleichfalls ſehr hoch. Die Franzoſen werden zwar nie ein Talent wie¬ der ſehen, das dem von Voltaire gewachſen waͤre. Von Villemain aber kann man ſagen, daß er in ſeinem gei¬ ſtigen Standpunct uͤber Voltairen erhaben iſt, ſo daß er ihn in ſeinen Tugenden und Fehlern beurtheilen kann.

Wir ſprachen uͤber die Farbenlehre, unter andern uͤber Trinkglaͤſer, deren truͤbe Figuren gegen das Licht gelb und gegen das Dunkele blau erſcheinen, und die alſo die Betrachtung eines Urphaͤnomens gewaͤhren.

Das Hoͤchſte, wozu der Menſch gelangen kann, ſagte Goethe bey dieſer Gelegenheit, iſt das Erſtaunen; und wenn ihn das Urphaͤnomen in Erſtaunen ſetzt, ſo73 ſey er zufrieden; ein Hoͤheres kann es ihm nicht gewaͤh¬ ren, und ein Weiteres ſoll er nicht dahinter ſuchen; hier iſt die Grenze. Aber den Menſchen iſt der Anblick eines Urphaͤnomens gewoͤhnlich noch nicht genug, ſie denken es muͤſſe noch weiter gehen, und ſie ſind den Kindern aͤhnlich, die, wenn ſie in einen Spiegel gegukt, ihn ſo¬ gleich umwenden, um zu ſehen was auf der anderen Seite iſt.

Das Geſpraͤch lenkte ſich auf Merck, und ich fragte, ob Merck ſich auch mit Naturſtudien befaßt. O ja, ſagte Goethe, er beſaß ſogar bedeutende naturhiſtoriſche Sammlungen. Merck war uͤberall ein hoͤchſt vielſeitiger Menſch. Er liebte auch die Kunſt, und zwar ging die¬ ſes ſo weit, daß, wenn er ein gutes Werk in den Haͤn¬ den eines Philiſters ſah, von dem er glaubte, daß er es nicht zu ſchaͤtzen wiſſe, er Alles anwendete, um es in ſeine eigene Sammlung zu bringen. Er hatte in ſolchen Dingen gar kein Gewiſſen, jedes Mittel war ihm recht, und ſelbſt eine Art von grandioſem Betrug wurde nicht verſchmaͤht, wenn es nicht anders gehen wollte. Goethe erzaͤhlte dieſer Art einige ſehr intereſ¬ ſante Beyſpiele.

Ein Menſch wie Merck, fuhr er fort, wird gar nicht mehr geboren, und wenn er geboren wuͤrde, ſo wuͤrde die Welt ihn anders ziehen. Es war uͤberall eine gute Zeit, als ich mit Merck jung war. Die deut¬ ſche Literatur war noch eine reine Tafel, auf die man74 mit Luſt viel Gutes zu malen hoffte. Jetzt iſt ſie ſo beſchrieben und beſudelt, daß man keine Freude hat ſie anzublicken, und daß ein geſcheidter Menſch nicht weiß, wohin er noch etwas zeichnen ſoll.

Mit Goethe in ſeiner Arbeitsſtube allein zu Tiſch. Er war ſehr heiter und erzaͤhlte mir, daß ihm am Tage manches Gute widerfahren, und daß er auch ein Ge¬ ſchaͤft mit Artaria und dem Hof gluͤcklich beendigt ſehe.

Wir ſprachen ſodann viel uͤber Egmont, der am Abend vorher, nach der Bearbeitung von Schiller, gegeben worden, und es kamen die Nachtheile zur Er¬ waͤhnung, die das Stuͤck durch dieſe Redaction zu lei¬ den hat.

Es iſt in vielfacher Hinſicht nicht gut, ſagte ich, daß die Regentin fehlt; ſie iſt vielmehr dem Stuͤcke durchaus nothwendig. Denn nicht allein, daß das Ganze durch dieſe Fuͤrſtin einen hoͤheren, vornehmeren Character erhaͤlt, ſondern es treten auch die politiſchen Verhaͤltniſſe, be¬ ſonders in Bezug auf den ſpaniſchen Hof, durch ihre Dialoge mit Machiavell durchaus reiner und entſchiede¬ ner hervor.

Ganz ohne Frage, ſagte Goethe. Und dann ge¬75 winnet auch Egmont an Bedeutung durch den Glanz, den die Neigung der Fuͤrſtin auf ihn wirft, ſo wie auch Claͤrchen gehoben erſcheint, wenn wir ſehen, daß ſie, ſelbſt uͤber Fuͤrſtinnen ſiegend, Egmonts ganze Liebe allein beſitzt. Dieſes ſind alles ſehr delicate Wirkungen, die man freylich ohne Gefahr fuͤr das Ganze nicht ver¬ letzen darf.

Auch will mir ſcheinen, ſagte ich, daß bey den vie¬ len bedeutenden Maͤnnerrollen, eine einzige weibliche Fi¬ gur, wie Claͤrchen, zu ſchwach und etwas gedruͤckt er¬ ſcheint. Durch die Regentin aber erhaͤlt das ganze Gemaͤlde mehr Gleichgewicht. Daß von ihr im Stuͤcke geſprochen wird, will nicht viel ſagen; das perſoͤnliche Auftreten macht den Eindruck.

Sie empfinden das Verhaͤltniß ſehr richtig, ſagte Goethe. Als ich das Stuͤck ſchrieb, habe ich, wie Sie denken koͤnnen, alles ſehr wohl abgewogen, und es iſt daher nicht zu verwundern, daß ein Ganzes ſehr empfindlich leiden muß, wenn man eine Hauptfigur herausreißt, die ins Ganze gedacht worden und wodurch das Ganze beſteht. Aber Schiller hatte in ſeiner Natur etwas Gewaltſames; er handelte oft zu ſehr nach einer vorgefaßten Idee, ohne hinlaͤngliche Achtung vor dem Gegenſtande, der zu behandeln war.

Man moͤchte auf Sie ſchelten, ſagte ich, daß Sie es gelitten und daß Sie in einem ſo wichtigen Fall ihm ſo unbedingte Freyheit gegeben.

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Man iſt oft gleichguͤltiger als billig, antwortete Goethe. Und dann war ich in jener Zeit mit anderen Dingen tief beſchaͤftigt. Ich hatte ſo wenig ein Intereſſe fuͤr Egmont wie fuͤr das Theater; ich ließ ihn gewaͤh¬ ren. Jetzt iſt es wenigſtens ein Troſt fuͤr mich, daß das Stuͤck gedruckt daſteht, und daß es Buͤhnen giebt, die verſtaͤndig genug ſind, es treu und ohne Verkuͤrzung ganz ſo aufzufuͤhren wie ich es geſchrieben.

Goethe erkundigte ſich ſodann nach der Farben¬ lehre und ob ich ſeinem Vorſchlage, ein Compendium zu ſchreiben, weiter nachgedacht. Ich ſagte ihm wie es damit ſtehe, und ſo geriethen wir unvermuthet in eine Differenz, die ich bey der Wichtigkeit des Gegenſtandes mittheilen will.

Wer es beobachtet hat, wird ſich erinnern, daß bey heiteren Wintertagen und Sonnenſchein, die Schatten auf dem Schnee haͤufig blau geſehen werden. Dieſes Phaͤnomen bringt Goethe in ſeiner Farbenlehre unter die ſubjectiven Erſcheinungen, indem er als Grundlage annimmt, daß das Sonnenlicht zu uns, die wir nicht auf den Gipfeln hoher Berge wohnen, nicht durchaus weiß, ſondern, durch eine mehr oder weniger dunſt¬ reiche Atmoſphaͤre dringend, in einem gelblichen Schein herabkomme; und daß alſo der Schnee, von der Sonne beſchienen, nicht durchaus weiß, ſondern eine gelblich tingirte Flaͤche ſey, die das Auge zum Gegenſatz und alſo zur Hervorbringung der blauen Farbe anreize. Der77 auf dem Schnee geſehen werdende blaue Schatten ſey demnach eine geforderte Farbe, unter welcher Rubrik Goethe denn auch das Phaͤnomen abhandelt, und danach die von Sauſſuͤre auf dem Montblanc gemachten Beob¬ achtungen ſehr conſequent zurechtlegt.

Als ich nun in dieſen Tagen die erſten Capitel der Farbenlehre abermals betrachtete, um mich zu pruͤfen, ob es mir gelingen moͤchte, Goethe's freundlicher Auf¬ forderung nachzukommen und ein Compendium ſeiner Farbenlehre zu ſchreiben, war ich, durch Schnee und Sonnenſchein beguͤnſtigt, in dem Fall, ebengedachtes Phaͤnomen des blauen Schattens abermals naͤher in Augenſchein zu nehmen, wo ich denn zu einiger Über¬ raſchung fand, daß Goethe's Ableitung auf einem Irr¬ thum beruhe. Wie ich aber zu dieſem Aperç gelangte, will ich ſagen.

Aus den Fenſtern meines Wohnzimmers ſehe ich grade gegen Suͤden, und zwar auf einen Garten, der durch ein Gebaͤude begrenzt wird, das, bey dem niede¬ ren Stande der Sonne im Winter, mir entgegen einen ſo großen Schatten wirft, daß er uͤber die halbe Flaͤche des Gartens reicht.

Auf dieſe Schattenflaͤche im Schnee blickte ich nun vor einigen Tagen, bey voͤllig blauem Himmel und Sonnenſcheine, und war uͤberraſcht, die ganze Maſſe vollkommen blau zu ſehen. Eine geforderte Farbe, ſagte ich zu mir ſelber, kann dieſes nicht ſeyn, denn mein78 Auge wird von keiner von der Sonne beſchienenen Schneeflaͤche beruͤhrt, wodurch jener Gegenſatz hervorge¬ rufen werden koͤnnte; ich ſehe nichts als die ſchattige blaue Maſſe. Um aber durchaus ſicher zu gehen und zu verhindern, daß der blendende Schein der benachbar¬ ten Daͤcher nicht etwa mein Auge beruͤhre, rollte ich einen Bogen Papier zuſammen, und blickte durch ſolche Roͤhre auf die ſchattige Flaͤche, wo denn das Blau un¬ veraͤndert zu ſehen blieb.

Daß dieſer blaue Schatten alſo nichts Subjectives ſeyn konnte, daruͤber blieb mir nun weiter kein Zweifel. Die Farbe ſtand da, außer mir, ſelbſtſtaͤndig, mein Subject hatte darauf keinen Einfluß. Was aber war es? und da ſie nun einmal da war, wodurch konnte ſie entſtehen?

Ich blickte noch einmal hin und umher, und ſiehe! die Aufloͤſung des Raͤthſels kuͤndigte ſich mir an. Was kann es ſeyn, ſagte ich zu mir ſelber, als der Wieder¬ ſchein des blauen Himmels, den der Schatten herablockt, und der Neigung hat, im Schatten ſich anzuſiedeln? Denn es ſteht geſchrieben: die Farbe iſt dem Schatten verwandt, ſie verbindet ſich gerne mit ihm, und erſcheint uns gerne in ihm und durch ihn, ſobald der Anlaß nur gegeben iſt.

Die folgenden Tage gewaͤhrten Gelegenheit, meine Hypotheſe wahr zu machen. Ich ging in den Feldern, es war kein blauer Himmel, die Sonne ſchien durch79 Duͤnſte, einem Heerrauch aͤhnlich, und verbreitete uͤber den Schnee einen durchaus gelben Schein; ſie wirkte maͤchtig genug, um entſchiedene Schatten zu werfen, und es haͤtte in dieſem Fall, nach Goethe's Lehre, das friſcheſte Blau entſtehen muͤſſen. Es entſtand aber nicht, die Schatten blieben grau.

Am naͤchſten Vormittage, bey bewoͤlkter Atmoſphaͤre, blickte die Sonne von Zeit zu Zeit herdurch, und warf auf dem Schnee entſchiedene Schatten. Allein ſie waren ebenfalls nicht blau, ſondern grau. In beyden Faͤllen fehlte der Wiederſchein des blauen Himmels, um dem Schatten ſeine Faͤrbung zu geben.

Ich hatte demnach eine hinreichende Überzeugung gewonnen, daß Goethe's Ableitung des mehrgedachten Phaͤnomens von der Natur nicht als wahr beſtaͤtiget werde, und daß ſeine dieſen Gegenſtand behandelnden Paragraphen der Farbenlehre einer Umarbeitung dringend beduͤrften.

Etwas Ähnliches begegnete mir mit den farbigen Doppelſchatten, die mit Huͤlfe eines Kerzenlichtes Mor¬ gens fruͤh bey Tagesanbruch, ſo wie Abends in der erſten Daͤmmerung, deßgleichen bey hellem Mondſchein, beſonders ſchoͤn geſehen werden. Daß hiebey der eine Schatten, naͤmlich der vom Kerzenlichte erleuchtete, gelbe, objectiver Art ſey und in die Lehre von den truͤben Mit¬ teln gehoͤre, hat Goethe nicht ausgeſprochen, obgleich es ſo iſt; den andern, vom ſchwachen Tages - oder Mond¬80 lichte erleuchteten, blaͤulichen, oder blaͤulich-gruͤnen Schat¬ ten aber, erklaͤrt er fuͤr ſubjectiv, fuͤr eine geforderte Farbe, die durch den auf dem weißen Papier verbreite¬ ten gelben Schein des Kerzenlichtes im Auge hervorge¬ rufen werde.

Dieſe Lehre fand ich nun, bey ſorgfaͤltigſter Beob¬ achtung des Phaͤnomens, gleichfalls nicht durchaus be¬ ſtaͤtigt; es wollte mir vielmehr erſcheinen, als ob das von außen hereinwirkende ſchwache Tages - oder Mond¬ licht einen blaͤulich faͤrbenden Ton bereits mit ſich bringe, der denn, theils durch den Schatten, theils durch den fordernden gelben Schein des Kerzenlichtes verſtaͤrkt werde, und daß alſo auch hiebey eine objective Grund¬ lage Statt finde und zu beachten ſey.

Daß das Licht des anbrechenden Tages, wie des Mondes, einen bleichen Schein werfe, iſt bekannt. Ein bey Tagesanbruch oder im Mondſchein angeblicktes Ge¬ ſicht erſcheint blaß, wie genugſame Erfahrungen beſtaͤti¬ gen. Auch Shakſpeare ſcheint dieſes gekannt zu ha¬ ben, denn jener merkwuͤrdigen Stelle, wo Romeo bey Tagesanbruch von ſeiner Geliebten geht, und in freyer Luft Eins dem Andern ploͤtzlich ſo bleich erſcheint, liegt dieſe Wahrnehmung ſicher zum Grunde. Die bleich¬ machende Wirkung eines ſolchen Lichtes aber waͤre ſchon genugſame Andeutung, daß es einen gruͤnlichen oder blaͤulichen Schein mit ſich fuͤhren muͤſſe, indem ein ſol¬ ches Licht dieſelbige Wirkung thut, wie ein Spiegel aus81 blaͤulichem oder gruͤnlichem Glaſe. Doch ſtehe noch Fol¬ gendes zu weiterer Beſtaͤtigung.

Das Licht, vom Auge des Geiſtes geſchaut, mag als durchaus weiß gedacht werden; allein das empiriſche, vom koͤrperlichen Auge wahrgenommene Licht wird ſelten in ſolcher Reinheit geſehen; vielmehr hat es, durch Duͤnſte oder ſonſt modificirt, die Neigung, ſich entweder fuͤr die Plus - oder Minus-Seite zu beſtimmen, und entweder mit einem gelblichen oder blaͤulichen Ton zu erſcheinen. Das unmittelbare Sonnenlicht neigt ſich in ſolchem Fall entſchieden zur Plus-Seite, zum gelblichen, das Kerzenlicht gleichfalls; das Licht des Mondes aber, ſo wie das bey der Morgen - und Abenddaͤmmerung wirkende Tageslicht, welches beydes keine directe, ſondern reflectirte Lichter ſind, die uͤberdieß durch Daͤmmerung und Nacht modificirt werden, neigen ſich auf die paſſive, auf die Minus-Seite und kommen zum Auge in einem blaͤulichen Ton.

Man lege in der Daͤmmerung, oder bey Monden¬ ſchein, einen weißen Bogen Papier ſo, daß deſſen eine Haͤlfte vom Mond oder Tageslichte, deſſen andere aber vom Kerzenlichte beſchienen werde, ſo wird die eine Haͤlfte einen blaͤulichen, die andere einen gelblichen Ton haben, und ſo werden beyde Lichter, ohne hin¬ zugekommenen Schatten, und ohne ſubjective Stei¬ gerung, bereits auf der activen oder paſſiven Seite ſich befinden.

II. 682

Das Reſultat meiner Beobachtungen ging demnach dahin, daß auch Goethe's Lehre von den farbigen Dop¬ pelſchatten nicht durchaus richtig ſey, daß bey dieſem Phaͤnomen mehr Objectives einwirke als von ihm be¬ obachtet worden, und daß das Geſetz der ſubjectiven Forderung dabey nur als etwas Secundaͤres in Betracht komme.

Waͤre das menſchliche Auge uͤberall ſo empfindlich und empfaͤnglich, daß es bey der leiſeſten Beruͤhrung von irgend einer Farbe ſogleich disponirt waͤre die ent¬ gegengeſetzte hervorzubringen; ſo wuͤrde das Auge ſtets eine Farbe in die andere uͤbertragen, und es wuͤrde das unangenehmſte Gemiſch entſtehen.

Dieß iſt aber gluͤcklicher Weiſe nicht ſo, vielmehr iſt ein geſundes Auge ſo organiſirt, daß es die gefor¬ derten Farben entweder gar nicht bemerkt, oder, darauf aufmerkſam gemacht, ſie doch nur mit Muͤhe hervor¬ bringt; ja daß dieſe Operation ſogar einige Übung und Geſchicklichkeit verlangt, ehe ſie, ſelbſt unter guͤnſtigen Bedingungen, gelingen will.

Das eigentlich Charakteriſtiſche ſolcher ſubjectiven Erſcheinungen, daß naͤmlich das Auge zu ihrer Hervor¬ bringung gewiſſermaßen einen maͤchtigen Reiz verlangt, und daß, wenn ſie entſtanden, ſie keine Staͤtigkeit ha¬ ben, ſondern fluͤchtige, ſchnell verſchwindende Weſen ſind, iſt bey den blauen Schatten im Schnee, ſo wie bey den farbigen Doppelſchatten, von Goethe zu ſehr83 außer Acht gelaſſen; denn in beyden Faͤllen iſt von einer kaum merklich tingirten Flaͤche die Rede, und in beyden Faͤllen ſteht die geforderte Farbe beym erſten Hinblick ſo¬ gleich entſchieden da.

Aber Goethe, bey ſeinem Feſthalten am einmal er¬ kannten Geſetzlichen, und bey ſeiner Maxime, es ſelbſt in ſolchen Faͤllen vorauszuſetzen, wo es ſich zu verber¬ gen ſcheine, konnte ſehr leicht verfuͤhrt werden eine Syntheſe zu weit greifen zu laſſen, und ein liebgewon¬ nenes Geſetz auch da zu erblicken, wo ein ganz anderes wirkte.

Als er nun heute ſeine Farbenlehre zur Erwaͤhnung brachte, und ſich erkundigte, wie es