PRIMS Full-text transcription (HTML)
Deutſches Leben.
Eine Sammlung geſchloſſener Schilderungen aus der deutſchen Geſchichte mit beſonderer Berückſichtigung der Culturgeſchichte und der Beziehungen zur Gegenwart.
Erſter Band. Die deutſche Trachten - und Modenwelt.
Leipzig,Verlag von Guſtav Mayer.1858.
Die deutſche Trachten - und Modenwelt.
Ein Beitrag zur deutſchen Culturgeſchichte.
Zweiter Theil. Die Neuzeit.
Leipzig,Verlag von Guſtav Mayer.1858.

Ueberſicht.

Drittes Buch. Die Neuzeit.

  • Seite
  • Erſtes Kapitel. Die Reformation an Haupt und Gliedern. 1500 15501
  • Zweites Kapitel. Die Reaction und die ſpaniſche Tracht. 1550 160081
  • Drittes Kapitel. Der Naturalismus und das Stutzerthum des dreißigjährigen Kriegs. 1600 1650168
  • Viertes Kapitel. Die Staatsperrücke und die abſolute Herrſchaft der franzöſiſchen Mode. 1650 1720213
  • Fünftes Kapitel. Die Periode des Zopfes und die Revolution. 1720 1805263
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Drittes Buch. Die Neuzeit.

Erſtes Kapitel. Die Reformation an Haupt und Gliedern. 1500 1550.

Nunmehr angekommen auf dem großen Wendepunkt der Geſchichte, wo mit dem Entwicklungsausgange der modernen Ideen auch die moderne Tracht ihren Anfang nimmt, Schritt vor Schritt, aller Launen der Mode ungeachtet, mit ihrem eigenen Charakter den der Geſchichte begleitend, da möchte es nicht un - angemeſſen erſcheinen, einen flüchtigen Blick zurückzuwerfen auf die Vergangenheit und das Werden aus den Urformen, die Höhe und Blüthe, ſowie die vielgeſtaltige Entartung raſchen Laufes zu überfliegen. Wenn wir uns aus dem Vergleich der Entwick - lung mit dem Gewordenen den Standpunkt klar machen, auf welchem das Coſtüm an der ſcharfen Scheide zwiſchen dem Mit - telalter und der Neuzeit ſich befindet, ſo werden wir es dann leichter den Weg durch die letzten Jahrhunderte herabführen kön - nen, bis wir ſchließlich die Verbindung mit der Gegenwart her - geſtellt haben.

Tauſendjährig war der Kampf geweſen, den die alte nationale Tracht der Deutſchen mit dem römiſchen Coſtüm zu führen gehabt hatte. Endlich war er mit dem Beginn des neuen Jahrtauſends vollendet, doch ſchien nicht der Sieg auf nationaler Seite zu lie - gen. Gleichwie damals im ganzen chriſtlichen Abendlande, nichtFalke, Trachten - und Modenwelt. II. 12III. Die Neuzeit.in Deutſchland allein, die lateiniſche Sprache zur Schriftſprache geworden war, wie die humaniſtiſch-antike Bildung auf den Pfaden, die ihr das Chriſtenthum geebnet hatte, ſich aller nach Civiliſation ſtrebenden Claſſen der Geſellſchaft wenigſtens äußer - lich bemächtigt hatte, ſo war auch in gewiſſem Sinne die äußere Erſcheinung dieſer Welt eine griechiſch-römiſche geworden. Aber freilich nur in gewiſſem Sinne: denn es waren nur die todten Formen, der antike Geiſt war aus ihnen gewichen. Ueber den kurzen und engen deutſchen Rock hatte die lange und weite, fal - tig gegürtete Tunica den Sieg davon getragen: ſie war bei Mann und Frau das Hauptkleid geworden. Der Mantel, von hinten herumgelegt und vorn auf der Bruſt mit einer Agraffe befeſtigt, glich dem Pallium. Die langen deutſchen Locken waren gefallen; der deutſche Kopf trug nach römiſcher Sitte das ſchön gekürzte Haar und zeigte ein völlig bartloſes Geſicht. Aber dieſe Erſcheinung war weit davon entfernt, den befriedigenden Ein - druck plaſtiſcher Schönheit zu machen wie griechiſch-römiſche Ge - ſtalten; Stoff und Schnitt und der prunkende, aber roh geformte Goldbeſatz verhinderten in gleicher Weiſe Größe und Würde wie Reiz und Anmuth. Die Menſchen verſtanden es noch nicht, ſich zu tragen und die Schönheit der Gewandung oder des Wuchſes gefällig ins Licht treten zu laſſen.

In der Zeit der Ottonen ſchien durch den Einfluß der ita - liſchen Adelheid und der griechiſchen Theophanie, ſowie durch den Cultus des jungen Otto III. für das claſſiſche Rom die Herrſchaft antiker Civiliſation feſt begründet zu werden, aber kaum iſt ſie auf dieſem Punkte angekommen, wo ſie befruchtend zu wirken beginnt, ſo ſchießt aus der innigeren Verſchmelzung der germaniſchen und antik-chriſtlichen Elemente das neue, ſelbſt - eigene Leben der mittelalterlichen Welt in Jugendfriſche und zu originaler Schönheit empor. Die Kunſt wie die Poeſie ſtreifen das claſſiſche Element ab und umbilden die neue und eigenthüm - liche Ideenwelt, den neuen Geiſt mit neuen Formen. So ent - äußert ſich auch das Coſtüm des römiſchen Scheines. Zwar iſt es die alte Tunica, welche den Mann und die Frau bedeckt, und31. Die Reformation an Haupt und Gliedern.derſelbe Mantel, das Pallium, legt ſich um die Schultern. Aber beide wandeln ſich faſt unſcheinbar und dennoch ſo gründlich in Phyſiognomie und Charakter um, wie es nur immer der Schritt von der Natur, um nicht zu ſagen von der Barbarei, zur Civiliſa - tion, der Schritt von der Roheit zu geläuterter Form vermag. Indem ſich die Tunica, die obere wie die untere, am Oberkörper und an den Hüften bei beiden Geſchlechtern verengt, nach unten aber ſich verlängert und erweitert, indem der Mantel Schnitt und mäßige Weite gewinnt und zugleich die weiche Wolle an die Stelle der harten Leinwand tritt, iſt es erſt möglich, daß der ſchlanke Wuchs der Frauen und die kräftigen Formen der Män - ner in gleicher Weiſe wie ein edler fließender Faltenwurf die menſchliche Geſtalt als den ſchönſten Vorwurf des plaſtiſchen Künſtlers erkennen laſſen. Solche Umwandlung geſchah im Zeit - alter der Minnepoeſie und des Frauencultus. Zugleich verach - tete der Mann das kurze Haar als knechtiſch, und die Frau warf die nonnenhaft ernſten, verhüllenden Kopftücher und Hauben weg, und die einen wie die andern ließen nun in ſanft welliger Lockenfülle das Haar herabfallen, die Frauen in ungehindertem Wuchs über Rücken und Schultern, die Männer in gemäßigter Länge.

So blieb es noch das ganze dreizehnte Jahrhundert hin - durch. Als aber im vierzehnten der Geiſt des Mittelalters zu ſinken begann und mit wachſender Sittenloſigkeit und Auflöſung der bisherigen Ideen die Entartung eintrat, da führte auch in der Tracht derſelbe Drang, welcher früher die Roheit in Schön - heit verändert hatte, jetzt ins Uebermaß geſteigert, zur Unſchön - heit, Unnatur, zum Unſinn und zur Schamloſigkeit. Die ſtei - gende Neigung zur Verengung und Verkürzung verwandelte die lange anſchmiegende Tunica in den wider den Anſtand verkürzten und wider alle Bequemlichkeit verengten Scheckenrock oder Lend - ner und endlich gar in die nur zur Hüfte reichende Jacke. Die - ſelbe Urſache, die Sucht der Verengung, hatte noch eine andere Folge, welche die Tunica im eigentlichſten Weſen veränderte und ſie der Grundform nach mit einem Schlage in den modernen1*4III. Die Neuzeit.Rock verwandelte. Dieſes Kleidungsſtück hatte in ſeiner alten und urſprünglichen Form durch Ueberwerfen über den Kopf an - gelegt werden müſſen, die zunehmende Enge machte das am Ende unmöglich. Nachdem man eine Zeit lang durch Einſchnitte vorn von oben und unten her vergeblich dem Uebel abzuhelfen ge - ſucht hatte, ſchnitt man das Kleid auf in ſeiner ganzen Länge herab, ſo daß es nun im buchſtäblicheren Sinne angezogen werden konnte. Der Knopfbeſatz, der den Schnitt begleitete, that ohne - hin der Enge Vorſchub. Auch die obere Tunica, der ſpätere Trappert und die Schaube, obwohl ſie ſich als Vertreterin des Mantels faſt durchgängig in größerer Weite und Länge hielt, wurde ganz in derſelben Weiſe aus dem Ueberwurf in den An - zug verwandelt. Doch wurde für ſie dieſe Form erſt an der Grenze des Mittelalters gegen das Jahr 1500 allgemein.

Mit der allmähligen Verkürzung und Verengung der Tunica oder des Rockes bis zur Jacke ſteht die Entwicklung des Bein - kleides in nothwendigem Zuſammenhang. Wenn wir als die allgemeinere Form für die früheren Jahrhunderte des Mittel - alters die der ſ. g. Bruche annehmen, d. h. der langen, die gan - zen Beine deckenden Strümpfe, in welche von oben her eine den Unterleib ſchützende Leinwandhoſe hineingeſteckt wurde, ſo mußte dieſe Art doch völlig verſchwinden, als ſich der Rock in ſo bedeu - tender Weiſe verkürzte. In der That haben wir auch erfahren, daß dieſes in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts bei jener Um - änderung gleichzeitig geſchah. Damals wurde das lange, von der Hüfte bis zur Zehe in einem Stück herabreichende Beinkleid zur allgemeinen Tracht in der ganzen vornehmen und bürgerli - chen Welt. Wie wir geſehen haben, ſchrumpfte der Rock bis zur Jacke zuſammen. Um die Hüfte herum wurde nun das Beinkleid rings mit Neſteln an dieſelbe befeſtigt. So war die Form noch um 1500. Beinkleid und Jacke lagen damals wie angegoſſen in läſtigſter Enge jedem Gliede an, ſoweit nicht die keimende Mode der Aufſchlitzung ſchon am Arme ihren Einfluß anzukündigen begann. Es läßt ſich nicht ſagen, daß der Anſtand dabei völlig gewahrt worden wäre und um ſo weniger, als Hals und Schul -51. Die Reformation an Haupt und Gliedern.tern und ein gut Theil von Bruſt und Rücken von Leuten jeden Standes nackt getragen wurden, und ſtatt der Schaube nur zu häufig das kurze Mäntelchen, kaum die eine Achſel und den hal - ben Rücken bedeckend, zwecklos und luftig umherflatterte. Ueber den blanken Nacken und die bloßen Schultern wallte das lange, fein gekräuſelte Haar herab in weit größerer Länge als in der Blüthezeit des Mittelalters, ſo daß der Bart noch weniger auf irgend eine Pflege oder Berückſichtigung Anſprüche erheben durfte. Bis gegen den Ausgang des funfzehnten Jahrhunderts ſind noch alle modiſchen Geſichter glatt. An der Kopfbedeckung hingegen wie an den Füßen ſuchen ſich bereits die neuen For - men in Geſtalt der Barette und der breitgeſchnäbelten Schuhe geltend zu machen, obwohl nicht ohne noch auf bedeutenden Wi - derſtand zu ſtoßen. Denn die bunte Mannigfaltigkeit des funf - zehnten Jahrhunderts, die Regelloſigkeit und Regelwidrigkeit in Form und Farbe, erſcheint am Ausgang deſſelben noch in voller üppiger Blüthe; was wir ſo eben angegeben haben, iſt nur die allgemeine Grundgeſtalt, an welcher und um welche die ſeltſame Eitelkeit und die unfaßbare Phantaſtik dieſes Geſchlechts ein tolles Spiel treibt.

Faſt noch mehr tritt das an der Frauenkleidung hervor. Schon ſeit der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts ſind die freien Locken verſchwunden; das aufgelöſete, über Schultern und Rücken herabwallende Haar mußte ſich in Zöpfe flechten, aufbinden und unter eine mannichfach wechſelnde Menge von Hauben der aben - teuerlichſten und unbequemſten Geſtalten mit lang wehenden Schleiern verbergen laſſen. Das Frauenhaar war gänzlich un - frei geworden; wo es widerſpenſtig an Schläfen und Stirn her - vorlugte, wurde es wegraſirt oder abgebrannt. Ebenſo unfaßbar im Charakter wie die bizarren Hauben iſt die übrige weibliche Kleidung; man ſieht ihr die Auflöſung an: Maß, Form, Scham und Zucht ſind mit einander verſchwunden, aller Halt verloren. Gleich der männlichen hatte ſie den Höhepunkt der Schönheit im dreizehnten Jahrhundert erreicht; im vierzehnten geht ſie rück - wärts und wird bald zum Zerrbild. Die Enge am Oberkörper6III. Die Neuzeit.wird bis zur Unnatur fortgeſetzt, die Taille rückt großen Theils bis hart unter die Brüſte, die übermäßigen Schleppen hindern die Bewegung, die Aermel verlängern und erweitern ſich ins Ungemeſſene, und die wachſende Decolletirung legt Bruſt und Rücken bloß bis hinab zum Gürtel. Daneben blühen die Thor - heiten der flatternden Zattel, der klingenden Schellen, der Schna - belſchuhe und der klappernden Pantoffel.

Im Weſentlichen herrſcht dieſer Zuſtand noch auf der Scheide des funfzehnten und ſechszehnten Jahrhunderts. Was noth thut, iſt leicht zu bemerken: Maßhaltigkeit und Zucht, äſthetiſche wie moraliſche; der Leichtfertigkeit, der unbequemen Enge, den läſtigen und widerſinnigen Moden mußte größerer Anſtand, Freiheit der Bewegung und eine gewiſſe Vernunft - mäßigkeit in feſten, faßbaren Formen entgegentreten. Freiheit und Charakter waren es, was in die zerfahrene Welt der Trach - ten und Moden einkehren mußte, grade wie im Uebrigen die abendländiſche Welt einer ähnlichen Regeneration bedurfte. Mit dem Ausſterben des mittelalterlichen Geiſtes war ihr der Boden unter den Füßen verſchwunden, und der verlorne Halt mußte ihr wiedergegeben werden.

Es vereinigten ſich gar viele Momente um die angegebene Zeit, dieſes Reſultat herbeizuführen. Hier genügt es, den ge - waltigen Umſchwung anzudeuten, in deſſen Strömung das Coſtüm hineingezogen wurde. Von der allgemeinen Erſchütterung und Umwandlung blieb kein Stand, keine Lebensſphäre, keine Thä - tigkeit unergriffen: Fürſten und Adel wie Kaiſer und Reich, Städter und Bauer, der Gelehrte, der Geiſtliche und das Waf - fenhandwerk, Handel, Gewerbe und Kunſt ſie alle wurden in gleicher Weiſe mitgeriſſen und tragen fortan die deutlichen Spu - ren der neuen Zeit.

Mit dem Verfall des Lehnsweſens, der Turniere, der He - raldik waren dem Ritterthum die Lebensbedingungen abgeſchnit - ten, und ſo trat der alte Adel ſeine politiſchen und ſocialen Vor - rechte einerſeits den Fürſten, andrerſeits dem dritten Stand ab. Damit lockert ſich auch ſocial die ſtrenge Gliederung der alten71. Die Reformation an Haupt und Gliedern.Stände, an deren Stelle der Rang und eine faſt willkürlich er - ſcheinende Claſſificirung tritt, wie ſie in den Luxusgeſetzen be - obachtet wird. Nicht einmal Wehr und Waffen konnte ſich der Adel vorbehalten. Obwohl er Anfangs ſich erſt recht durch Dicke und Undurchdringlichkeit der Rüſtung zu ſchützen ſuchte, konnte er doch ſo wenig dem Feuerrohr widerſtehen, das ihn fällte, be - vor er ſeinem Mann das Weiße im Auge ſah, wie den geſchloſſe - nen oder leicht beweglichen Gliedern der Landsknechte. Das Fußvolk übt jetzt die Entſcheidung der Schlachten; der Ritter kann ſeinen Harniſch als Erinnerung in der Väter Hallen auf - hängen, ſtatt der adligen Lanze den gemeinen Spieß ergreifen und ſich als Gleicher in die Reihen des Fußvolks ſtellen.

In dem politiſchen Umſchwunge trugen die Fürſten den Preis davon. Durch das Sinken des Adels nicht bloß von einem Gegner befreit, ſondern poſitiv an Macht gewachſen, bald durch die Seculariſation geiſtlicher Güter verſtärkt, durch die öffentliche Meinung gehoben und durch die Religion befeſtigt, errangen ſie die völlige Landeshoheit und legten den Grund zu der unum - ſchränkten Gewalt, welcher die nächſten Jahrhunderte zuſtrebten. Ihnen gegenüber verloren Kaiſer und Reich und wie der Adel, ſo auch die freien Städte.

Nach unten hin wurde die Umwandlung der Dinge mehr ſocialer oder ſocial politiſcher Natur bis auf den Bauer herab, der, hier bedrückt, dort übermüthig, hier darbend, dort reich und üppig, eine Zeit lang durch die Gährung aus dem Grunde an die Oberfläche geſchleudert wurde. Dann verſank er wieder in die Tiefe, denn ſeine Zeit war noch nicht gekommen, wo er mit feſtſtehender Bedeutung als ein nothwendiges und in ſeinem Werthe erkanntes Glied in die politiſche Ordnung der menſch - lichen Geſellſchaft eingereiht werden ſollte.

In der ganzen Welt des Bürgerthums, in der gelehrten wie ungelehrten, in Handel und Gewerbe und bei den gebietenden Herren dürfte kaum eine Sphäre zu finden ſein, die nicht auch ohne die religiöſe Erſchütterung von der Bewegung mächtig ergriffen geweſen wäre. Abgeſehen von der Aufregung der Ge -8III. Die Neuzeit.müther, welche das Neue, Wunderbare und Unerhörte immer hervorbringt, hatten die großen Entdeckungen zur See und in deren Folge die veränderten Verkehrsſtrömungen den Kaufmann in neue Bahnen gelenkt, was durch wachſenden Reichthum, durch Vermehrung ſeines Anſehns, durch die leichtere Zugänglichkeit dieſer oder jener fremden Produkte, ſowie durch vergrößerten Ab - ſatz auf das Gewerbe und die arbeitenden Claſſen ſeinen noth - wendigen Rückſchlag äußerte.

Im Handwerk verurſachte zudem bei Bevorzugung der Technik der veränderte Kunſtgeſchmack mehr, als man glauben möchte, lebhafte Aufregung. Denn damals galt eine Arbeit, wenn ſie fertig war, damit noch nicht für abgethan, ſondern wie ſie unter den Händen ihres Meiſters gedieh und der Vollendung entgegen ging, wuchs ſie ihm ans Herz und empfing in Form und Zierrath die bleibenden Zeichen ſeiner Liebe und bewahrte ſein Intereſſe. Fabrikmäßige Maſſenarbeit kannte man nicht; jedes einzelne Erzeugniß, das nur im geringſten irgend ein Schönheitsintereſſe erwecken konnte, erhielt größere Individua - lität, gewiſſermaßen eine individuelle Phyſiognomie. Bis in den Anfang des ſechszehnten Jahrhunderts hatte man in der alten deutſchen Weiſe fortgearbeitet, in dem reichen, blühenden Stil der ſpäteren Gothik, der grade auf dem Gebiet des Kunſt - gewerbes für die Kirche wie für das Haus in Holz, Metall, Stein und Thon ſo bewunderungswürdige Erzeugniſſe hervor - gebracht hat. Nun drang der italieniſche Geſchmack, die in freier Weiſe wieder aufgelebte Antike über die Alpen, und was bisher für ſchön gegolten, was aus dem deutſchen Herzen entſprungen und mit deutſcher Liebe und Hingebung ausgeführt war, das ſollte nun häßlich, roh, barbariſch, das ſollte gothiſch ſein in der italieniſchen Bedeutung des Worts. Kein Wunder, daß der Handwerksmann an ſeinen Erfindungen irre ward; ob er ſich in die neue antikiſche Weiſe hineinfinden konnte oder nicht, er mußte ihr folgen. Anfangs ſuchte er noch das neue Ornament in die alten Grundformen einzufügen, bis er auch dieſes auf - geben mußte. Dann rief er die Kunſt des gelernten Malers und91. Die Reformation an Haupt und Gliedern.Zeichners zu Hülfe, während früher ſeine eigene Erfindungsgabe und Geſchicklichkeit ausgereicht hatte.

Ehe die eigentliche deutſche Kunſt, die Malerei und Bild - hauerei, dem directen Einfluß der Italiener erlag, ſollte ſie grade noch in Folge des großen Umſchwungs ihre höchſte Blüthezeit feiern, wenn dieſelbe auch kaum der Dauer eines Menſchenalters ſich rühmen konnte. Es waren die letzten zwanzig bis dreißig Jahre der künſtleriſchen Wirkſamkeit Dürers; ſeine Schüler arbeiteten eine kurze Zeit in ſeinem Geiſte fort und erlagen dann dem alles überfluthenden Strom der Renaiſſance, die ſchon in einzelnen Werken des Meiſters, wie z. B. in der Triumphpforte und noch mehr im Triumphwagen in unverkennbaren Zügen her - vortritt. Der Realismus, der am Ausgang des vierzehnten Jahr - hunderts in die Kunſt eindrang und namentlich in den Nieder - landen ſo großartige Erfolge herbeigeführt hatte, konnte in der Verwilderung des funfzehnten Jahrhunderts die Kunſt freilich nicht auf der Höhe der van Eyck’s erhalten; aber vor eigentlicher Manierirtheit bewahrte ſie die Tiefe und Naivetät der Empfin - dung, unſchätzbare Eigenſchaften, die ein Jahrhundert ſpäter völlig verloren gingen. Jedoch ſchlug bei der Verſchrobenheit der Zeit das Streben nach individueller Charakteriſirung nur zu oft ins Extrem, ins Eckige, Verzerrte und Häßliche um, ſodaß durch die Uebertreibung wieder Unnatur in Form, Bewegung und Aus - druck entſtand, wie das Wohlgemuth und ſeine Genoſſen von Kunſt und Handwerk deutlich lehren. Oft ſtreift dieſer Realis - mus, der wohl das Leben ſelbſt, aber wenig den dargeſtellten Gegenſtand berückſichtigt, wieder hart an die Manier.

Auf die freie Höhe der Vollendung, zu ächter Naturwahr - heit wirklichen und charakteriſtiſchen Lebens führte Dürer die Kunſt. Ohne im geringſten an Innerlichkeit, an geiſtigem Ge - halte aufzugeben, riß er ſie heraus aus der Unbeholfenheit, welche noch die deutſchen Meiſter des funfzehnten Jahrhunderts gelähmt hatte und befreite ſie von aller Uebertreibung, Manier und Ver - ſchrobenheit. Er ſtrebte nicht nach idealen Formen, ſondern nahm ſeine Geſtalten wie er ſie in der Wirklichkeit um ſich fand, jedoch10III. Die Neuzeit.mit voller Berückſichtigung der darzuſtellenden Charaktere. Und ſo reich und mannichfaltig iſt er darin wie das Leben ſelbſt. So iſt er im vollſten Sinne des Worts realiſtiſch wie die ganze ächt deutſche Kunſt ſeiner Zeit. Ideal erſcheint er nur darin, daß er ſeine Schöpfungen mit einem Reichthum, einer Kraft und Tiefe des geiſtigen Inhalts, mit einer Fülle von Gedanken und Em - pfindungen begabte, die weit über das gewöhnliche Maß menſch - licher Größe hinausliegen. Die ganze deutſche Kunſt ſeiner Zeit riß er in dieſe Bahn hinein, einerlei, ob die Meiſter ſeine Schü - ler geweſen oder nicht; aus ſeinen Kupferſtichen und Holzſchnit - ten lernten ſie alle. Das ganze bewegte Leben jener Periode dringt in die Kunſt ein und erfüllt ſie als Inhalt; ſie wird ein Spiegelbild der Welt, welches die Fortſchritte der Wiſſenſchaft, die geiſtigen und religiöſen Kämpfe, die politiſchen und kriegeri - ſchen Wirren und Ausgeburten, das ſociale Leben in derber, nackter Sinnlichkeit zurückſtrahlt. Nie fand eine innigere Ver - bindung zwiſchen der Kunſt und dem Leben ſtatt. Dürers Nach - folger, die ſ. g. Kleinmeiſter, zeigten ſich faſt noch derb natura - liſtiſcher, wie Hans Sebald Beham. Als aber gegen die Mitte des Jahrhunderts der italiſche Geſchmack bewältigend über die Alpen drang, da war es mit der deutſchen Kunſt vorbei. Es kam die Zeit der geiſt - und gehaltloſen Manieriſten.

Weit bekannter iſt die Umwälzung, welche in Wiſſenſchaft und Schule ſtattfand. Obwohl ſie bereits ſchon lange in der wieder erwachten Liebe zum claſſiſchen Alterthum vorbereitet war, und die Buchdruckerkunſt ihr die Möglichkeit gegeben hatte, eine allgemeine zu werden und bis in den tiefſten Kern des Volks zu dringen, ſo traten doch erſt ſeit dem Jahre 1500 die Reſultate in entſprechender Weiſe auf. Der menſchliche Geiſt wurde der ſcho - laſtiſchen Befangenheit entriſſen und ihm die freie Forſchung ge - wahrt, auf welcher alle Erfolge der Neuzeit beruhen.

Während ſo das geſammte Culturleben im Begriff ſteht, theils freiwillig, theils gezwungen mit dem Mittelalter zu bre - chen, während es bemüht iſt, die todten, erſtarrten Formen, die es drücken und beengen, von ſich abzuſtreifen und die neuen111. Die Reformation an Haupt und Gliedern.Ideen neu zu geſtalten, treten noch die großen politiſchen und religiöſen Weltereigniſſe im brauſenden Sturm hinzu, welcher die ſtilleren Bewegungen des Geiſtes und der Geſellſchaft über - täubt. Durch die Vereinigung der vielen und auseinander lie - genden Länder unter dem Scepter der Habsburger, die nun von gemeinſamer Politik geleitet wurden, durch die unaufhörlichen großen Kriege, die den Zankapfel Italien betrafen, waren die Völker des abendländiſchen Europa in eine Fülle von Wechſel - beziehungen gerathen, welche dem ganzen Mittelalter unbekannt geweſen war. Das Kriegsleben, die Soldaten, die nun aus dem Volke hervorgingen und in daſſelbe zurückkehrten, ließen die Wirkung hinunterfühlen bis in die unterſten Schichten.

Ohne Vergleich noch ausgebreiteter und intenſiver bis ins Innerſte der Herzen wirkten die religiöſen Bewegungen, die man unter dem Namen Reformation zuſammenzufaſſen gewohnt iſt. Das ſeit langem gefühlte und in Concilien anerkannte Bedürf - niß nach Reformen auf dieſem Gebiet machte ſich am Ende ge - waltſam Luft. Recht aus der Tiefe des Volkes hervorgegangen, verbreitete ſich die Bewegung wie ein vom Sturm gejagtes Feuer und ergriff in kürzeſter Friſt, freundlich oder feindlich, die ge - ſammte Maſſe des deutſchen Volks in allen Ständen und ſpaltete es in zwei Lager, die in beſtändig aufgeregter Wachſamkeit ein - ander gegenüber ſtanden.

Dieſe allgemeine und allſeitige Aufregung, welche die öffentlichen Verhältniſſe umwandelte, wie ſie zugleich das ganze Sein und Denken der Menſchen erſchütterte und in eine neue Bahn warf, konnte nicht umhin, auch das Aeußere derſelben in gleicher Weiſe umzugeſtalten. Wie ſich die Leidenſchaften des Menſchen ſeinem Geſichte eingraben, wie die Geſchichte ſeines Lebens von ihren ſchwerſten Momenten die Eindrücke zurückläßt, ſo trägt auch die Menſchheit von den erſchütternden Weltereig - niſſen, von den aufregenden und vorwärts treibenden Ideen die Zeichen unverkennbar an ſich in ihrem Aeußern bis auf die Klei - dung und die Phyſiognomie. In dem Sturm und Drang der neuen Zeit, da Schlag auf Schlag große Begebenheiten die er -12III. Die Neuzeit.regten Gemüther trafen, mußte die alte Leichtfertigkeit zu Grunde gehen. Das ſorglos heitre Treiben, die Eitelkeit der Welt, die an ſo luſtig narrenhafter Kleidung ihr Gefallen gefunden hatte, ſchwand hin vor den ernſteren Dingen, den ernſteren Mahnun - gen, die ans menſchliche Herz ſchlugen und es in ſich kehrten, den Geiſt innerlich machten und endlich die Sündhaftigkeit ins eingeſchüchterte Gewiſſen riefen. Die Folge iſt, daß einerſeits unter der Schwere der Zeit, wie das Eiſen auf dem Ambos, die Kleidung aus der alten Zerfahrenheit und Geckenhaftigkeit zu Charakter, zu klaren Formen mit feſten, beſtimmten Umriſſen zurückkehrt, andrerſeits, wie die Sünde ins Bewußtſein tritt, die Unſittlichkeit verſchwindet und die Blößen allmählig ſich decken bis zu förmlicher Verhüllung.

Aber das iſt nur die eine Seite. Im allgemeinen Drange nach Freiheit fielen die Feſſeln, in der Erregung wurden die Lei - denſchaften gelöſet, um hierhin und dorthin die Dämme der Sitte zu durchbrechen: ſo duldet der Menſch auch an ſeinem Körper nichts Läſtiges mehr; er muß ſich frei und leicht bewegen können und ungehindert Herr ſeiner Glieder ſein. Auch in dieſem Sinne ändert ſich die Kleidung, aber nicht ohne ſich fortreiſſen zu laſſen und in ein tolles Uebermaß auszuarten, gleichwie die ſociale und religiöſe Bewegung ſich in dem Aufruhr der Bauern und dem Wahnſinn der Wiedertäufer überſchlug. Ihnen ſteht die Klei - derthorheit der Landsknechte ebenbürtig zur Seite.

Hierin aber lag die Gefahr der Zeit. Indem ſie im Drang der Leidenſchaften über das Maß hinausging und ſich überſtürzte, rief ſie die Oppoſition hervor, die ſchließlich um ſo leichteres Spiel hatte, als der Ueberſpannung und Ueberreizung eine Zeit der Schwäche in Abſpannung und Erſchlaffung folgen mußte. In dieſem Zuſtand der Willenloſigkeit und Nachgiebigkeit wurde mit Erfolg den reformatoriſchen Bewegungen ein Damm geſetzt und ſelbſt verlorenes Gebiet zurückerobert. Während ſo der Ka - tholicismus die Reſtauration unternimmt, und zugleich die Re - formation in ſich ſelbſt zu Dogmatismus und Moral erſtarrt, erfaßt die Reaction auch die Kleidung, welche ſich ſteift, verengt131. Die Reformation an Haupt und Gliedern.und ſelbſt unnatürliche Formen ſich wieder auflegen läßt. Wir werden ſehen, wie ſich ſeit der Mitte des Jahrhunderts mit dem ſiegreichen Vordringen Spaniens in Politik, Religion und Sitte ein kalter, ertödtender Hauch über das noch blühende Leben legt, die Gemüther erſchreckt, die bunte Trachtenwelt aber entfärbt und des leichten Schmuckes entkleidet. Das Leben wird ſteif und ſtarr, ſtirbt langſam ab oder verpuppt ſich wie die Raupe in die harte Schale, des neuen Frühlings harrend. Dieſer kam zwar mit dem Beginn des ſiebzehnten Jahrhunderts in einer Art von erneuertem Naturalismus, aber ſein Gegenſtoß war wohl wir - kungsvoll, vermochte jedoch nicht ganz die Menſchheit wieder in die verlorne Bahn zurückzureißen. Was dieſen Naturalismus auf den Gipfel hob, der dreißigjährige Krieg, ſtürzte ihn auch wieder, und aufs Neue feſſelt Erſtarrung, Verknöcherung die todesmüden Geiſter, ſelbſt als unter Ludwig XIV. und der Herr - ſchaft der Staatsperrücke neue pomphafte und anſpruchsvoll ſtolze Formen ſich gebildet haben. Dann kommt im achtzehnten Jahr - hundert mit Puder und Zopf die Zeit des Winterſchlafes, bis der Sturm der Revolution, gleich der Aequinoctionalzeit vor dem Frühling den Puderſchnee verweht und die Bande des Zopfes zerreißt.

Wir werden aber noch von einer andern Seite, freilich nur andeutungsweiſe, die Geſchichte des Coſtüms zu betrachten ha - ben. Bis hierher haben wir geſehen, wie das ganze Mittelalter hindurch die Kleidung unter den Völkern der abendländiſchen Chriſtenheit keineswegs bedeutende Verſchiedenheiten an ſich trug, ſondern gleichmäßig dem allgemeinen Gange der Cultur gefolgt iſt. Demgemäß hat ſie uns zu derſelben Zeit immer den gleichen Charakter gezeigt, wie ſich auch bereits directe Einflüſſe der Mode von hierher und dorther und ſelbſt von Deutſchland nach andern Ländern hin nachweiſen ließen. Dennoch hatte ein jedes Volk, wie es nach Urſprung und Geſchichte beſonders ge - artet war, und wie die Momente der Cultur und die großen Weltereigniſſe unter verſchiedenen Bedingungen an daſſelbe her - antraten, der jedeswaligen Tracht und Mode innerhalb gewiſſer14III. Die Neuzeit.Grenzen einen ihm eigenthümlichen Charakter aufgedrückt. Es iſt daher ebenſowohl möglich für ein jedes Coſtüm nach dem all - gemeinen Charakter die Zeit ſeiner wirklichen Exiſtenz zu beſtim - men, wie an den Beſonderheiten Land und Volk, dem es ange - hört, zu unterſcheiden. Dieſe Gleichheit und Verſchiedenheit der Kleidung zugleich theilen alle Claſſen der Geſellſchaft, ſodaß z. B. die niedern Stände Deutſchlands von denen Frankreichs und Englands in der Tracht nicht mehr abweichen als die höhe - ren dieſer Länder. Und in noch viel geringerem Maße unter - ſcheiden ſich in jedem Lande für ſich die Bewohner der einzel - nen Provinzen oder Gegenden von einander, ſodaß von einer eigentlichen Volkstracht im ganzen Mittelalter nicht die Rede ſein kann.

Das ändert ſich aber im ſechszehnten Jahrhundert, indem einerſeits die nationalen Unterſchiede verſchwinden, dagegen die provinziellen und localen ſich zur feſten Volkstracht ausbilden. Anfangs ſchien es, als ob bei dem grundverſchiedenen Ausgange, welchen die großen Bewegungen in den einzelnen Ländern nah - men, ſich wirklich nationale, die ganzen Völker kennbar ſcheidende Trachtenformen herausbilden ſollten, allein wir ſehen bald, wie diejenigen eines einzigen Volks als Mode die unbedingte Herr - ſchaft übernehmen und die civiliſirte Welt des chriſtlichen Abend - landes ſich autokratiſch unterwerfen. Das hatte zwei Urſachen. Einmal verlöſcht unter der allgemeinen Erſtarrung bei dem Aus - ſterben mittelalterlicher unbefangener Lebensluſt und Fröhlichkeit die im Volk liegende Triebkraft zu neuer Trachtenbildung, und zweitens wurde durch die immer näheren und innigeren Wechſel - beziehungen der Völker, ſowie durch die Verſchmelzung der Stände die Bildung mehr und mehr ausgeglichen und erhielt einen uni - verſaliſtiſchen Charakter: wie ſie in der That eine gleiche wurde, mußte ſie auch ein gleiches Kleid tragen. Wir ſehen daher in der ganzen gebildeten Welt, ſoweit ſie der Mode folgt, ſeit der Mitte des ſechszehnten Jahrhunderts die nationalen Unterſchiede verſchwinden, bis Ludwig XIV., der Schöpfer des franzöſiſchen Hofweſens und des franzöſiſchen Abſolutismus, auf Jahrhun -151. Die Reformation an Haupt und Gliedern.derte hin Paris und ſeinem Hofe die unbedingteſte Herrſchaft im Reich der Mode begründet.

Aber dieſer univerſaliſtiſchen Richtung tritt eine andere, die particulariſtiſche, gegenüber. Es war eine der Folgen der großen Umgeſtaltung im ſechszehnten Jahrhundert geweſen, daß mit der Schwächung des Reichsoberhaupts die Landeshoheit der Fürſten ſich feſtigte und erweiterte, und ſomit die einzelnen größeren oder kleineren Herrſchaften an Selbſtändigkeit gewannen, die allge - meinen Reichsintereſſen aber zurücktraten. Wie losgeriſſene Tropfen für ſich die Kugelgeſtalt wieder finden, ſo zieht ſich jeder Landestheil zu einem eigenen für ſich beſtehenden Daſein zuſam - men und ſchließt ſich von den übrigen ab. Er führt nun ein po - litiſches Leben für ſich, welches nicht umhin kann, alsbald auch einen ihm eigenen ſocialen Charakter anzunehmen. Wie die Fürſten mit ihren Ländern, wo die angeſtrebte Centraliſation auf admi - niſtrativem Wege durch die mehr oder weniger abſolute Regi - rungsform weſentlich befördert wurde, ſo machten es auch die Reichsſtädte oder wer ſonſt Autonomie hatte. So geſchah es auch weiter in den Ländern der größeren Fürſten, wo ſich wieder kleinere und immer kleinere Kreiſe und Gebiete, durch admi - niſtrative oder geographiſche Bedingungen begünſtigt, von ein - ander trennten und je in ſich zuſammenſchloſſen bis auf das Amt, bis auf das Dorf herunter.

In Anbetracht der culturgeſchichtlichen Folgen verdanken wir allerdings dieſer Zerlegung und Zergliederung des deutſchen Reichskörpers die Entwicklung des reichſten und mannigfachſten Geiſteslebens und eine möglichſte Verallgemeinerung von Bil - dung und Kenntniſſen durch die Tiefen des Volks: aber ſie be - günſtigte auch die Entſtehung des Spießbürgerthums, einer Er - ſcheinung, die dem Mittelalter fremd war. Der Spießbürger iſt dieſe fleiſchgewordene Abſchließung der kleinſten Kreiſe, die ab - ſolute Abſperrung des ſocialen und politiſchen Horizontes inner - halb der Grenzen ſeiner Stadt oder ſeiner Gemeinde. Dieſe Beſchränkung oder Beſchränktheit erhält aber auch wieder eine ehrwürdige Seite, indem ſie an dem, was ſich langſam einwur -16III. Die Neuzeit.zelnd ausgebildet hat, an hergebrachter, alter Sitte und Gewohn - heit mit treuer Hingebung und zäher Ausdauer feſthält, unbe - kümmert freilich darum, ob noch Vernunftmäßigkeit darin iſt, oder ob die forteilende Zeit unhaltbare Widerſprüche aufdeckt.

Dieſe Entwicklung oder wenn man will Erſtarrung des vom Reich losgeriſſenen und in ſeinen Sonderungen conſervativ beharrenden Bürgerthums, der die an ſich ſchon zähe und feſt - haltende Natur des Landvolks zur Seite tritt, gab erſt die Be - dingungen zur Entſtehung der ſ. g. Volkstrachten als des ſepa - ratiſtiſchen oder particulariſtiſchen Gegenſatzes zur univerſaliſti - ſchen Mode. Somit ſind ſie weſentlich ein Erzeugniß der neuern Zeit, Ausflüſſe oder Niederſchläge des Stromes moderner Cul - turgeſchichte ſeit der großen Umgeſtaltung im ſechszehnten Jahr - hundert. Aber man würde irren, wenn man glauben wollte, daß, wie ſich nun in verſchiedenen Zeitmomenten und unter verſchie - denen Verhältniſſen ſolche Trachten herausgebildet haben, welche dieſe oder jene Localität als eine ihr eigenthümliche in Anſpruch nimmt, daß dieſe Form, wie ſie einmal kryſtalliniſch geworden iſt, nun für alle Zeiten regungslos, aller Fortbildung erman - gelnd geblieben ſei. Allerdings kann von eigentlicher Fortbil - dung der Volkstrachten nicht die Rede ſein, denn da ſie nichts anders ſind, als Erſtarrungen der aus den höhern Sphären der Geſellſchaft in die Tiefe gedrungenen Moden, wenn auch nicht ohne auf dieſem Wege mancherlei Veränderungen erlitten zu ha - ben, ſo iſt ihnen das eigentliche Leben, die Bildungsfähigkeit verloren gegangen. Doch haben auch ſie ihre Geſchichte. In dem Kampfe nämlich des Spießbürgerthums gegen den Kosmo - politismus, der particulariſtiſchen Volkstracht gegen die univer - ſaliſtiſche Mode konnte es nicht ausbleiben, daß die letztere Par - tei in immer erneuerten Angriffen ab und zu ſich Boden errang und bald dieſes, bald jenes Stück in die alte Tracht einſchob, unter günſtigen Umſtänden auch dieſe völlig umſchuf. In letzte - rem Falle blieb die Umgeſtaltung ſofort wieder ſtehen, um auf’s neue, nachdem die Erinnerung des Urſprungs kaum ein wenig trübe geworden, als alte ehrwürdige Ueberlieferung wie ein171. Die Reformation an Haupt und Gliedern.Heiligthum von den Anhängern des Alten vertheidigt zu werden. Große politiſche oder culturgeſchichtliche Ereigniſſe, wie z. B. der dreißigjährige Krieg, die Angriffe Ludwigs XIV. und das Ueber - gewicht[f]ranzöſiſcher Sitte und Sprache, leiſteten natürlich dem Eindringen der Mode bedeutenden Vorſchub, ja ſie bezeichnen gewiſſermaßen die Grenzmarken für die coſtümgeſchichtlichen Perioden dieſer oder jener Gegend oder Stadt. Natürlich war die Dauer ſolcher Perioden als abhängig von den Zeitereigniſſen ſehr verſchieden, ſowie auch die Anzahl derſelben bei den einzel - nen Provinzen, indeß dürfte wohl jede von ihnen zu erzählen haben. Wir können ſie bis ins achtzehnte Jahrhundert verfol - gen, bis ans Ende deſſelben, ja vielleicht noch darüber hinaus. Grade das achtzehnte Jahrhundert, die Periode des Zopfes und die Blüthezeit des Spießbürgerthums, iſt auch vorzugsweiſe die Geburtszeit der Volkstrachten, der nämlich, welche wir heutiges Tages noch zu ſehen gewohnt ſind. Denn man kann wohl ſagen, die meiſten von ihnen, die wir jetzt nur noch auf dem Lande finden, erhielten in dieſer Zeit ihre Entſtehung und führen uns daher ein karrikirtes Bild der damaligen Modenwelt lebendig vor Augen; manche ſetzten ſich erſt feſt durch den Anſtoß, welchen die franzöſiſche Revolution gab. Oft glauben wir in einem Bauer - burſchen, wenn wir uns nur die Jacke mit blanken Knöpfen zum Frack verlängert denken, ein leibhaftiges Abbild des jungen Wer - ther vor uns haben. Vielleicht dürfte noch mancher Greis vom Lande ſich erinnern, daß in ſeiner Knabenzeit die Leute ſeines Dorfes ſich anders gekleidet haben, und wenn er von ſich ſelbſt den alten Spruch gebrauchen wollte:

Da wir noch ſangen unſern Sang,
Da wir noch tranken unſern Trank,
Da wir noch trugen unſer Gewand,
Stund es gut im deutſchen Land,

ſo dürfte ſein Großvater oder Vater dieſelben Worte auf die eigene Jugendzeit angewendet haben, und der Enkel möchte wie - der in denſelben Fall kommen. Am deutlichſten tritt uns die Geſchichte einer Volkstracht vor Augen, wenn ſich an ihr TheileFalke, Trachten - und Modenwelt. II. 218III. Die Neuzeit.vereinigt finden, die verſchiedenen Zeiten angehören: man möchte dann die ganze Geſchichte ihrer Heimath in den Hauptzügen an ihr zurücklegen wollen. Mit einzelnen Stücken kommen wir da - bei nicht grade ſelten ins ſechszehnte Jahrhundert hinauf, aber zu den Ausnahmen gehört es, wenn wir irgendwo den Urſprung in das funfzehnte Jahrhundert zu den barocken und unförmlichen Moden dieſer Zeit zurück zu datiren haben.

Unſerem Plane freilich liegt es völlig fern, im Verlauf der folgenden Darſtellung die Geſchichte jeder einzelnen Volkstracht oder nur der hauptſächlichſten geben zu wollen: wir haben nur den Gang der allgemeinen Trachten und Moden zu verfolgen, von dem ſich eben die Volkstracht oppoſitionell ausſchließt. Den - noch wird aus der Vergleichung der Trachten bürgerlicher und niederer Stände mit den modiſchen, ſowie durch den Kampf des bürgerlich conſervativen Elements gegen das univerſaliſtiſche das - jenige, was wir über die Entſtehung der Volkstrachten geſagt haben, auch an einzelnen Beiſpielen ſeine Beſtätigung erhalten.

Indem wir es nun verſuchen, den allgemeinen Umſchwung der Dinge auch ebenſo an dem geſammten Aeußern des Menſchen gewiſſermaßen als eine buchſtäbliche Reformation an Haupt und Gliedern in allen Einzelheiten nachzuweiſen, ſtellen wir den männlichen Kopf in unſerer Unterſuchung voran und laſſen die Glieder folgen.

Ohne es zu wollen und zu beabſichtigen wird ſich an jedem menſchlichen Kopf ſtets ein Theil der Individualität ſeines Trä - gers offenbaren; an dem Schnitt des Haares, an der Art, wie es geordnet, gehalten und gepflegt wird, ſelbſt an dem Hut und der Weiſe, wie er auf dem Kopf ſitzt, werden ſich Eitelkeit oder Nachläſſigkeit, Verwilderung oder Verbildung, Roheit oder Fein - heit, Männlichkeit oder weibiſches Weſen, Leidenſchaft oder Schwäche nicht verbergen laſſen. Ebenſo iſt der Kopf ein ſicherer191. Die Reformation an Haupt und Gliedern.Barometer für den Culturzuſtand eines Volks und begleitet, wie wir das auch ſchon geſehen haben, die Wandlungen deſſelben in treuer Weiſe oder kündigt ſie wohl gar ſchon im Voraus an. Völlig vernachläſſigt und verwildert, rein dem natürlichen Wachs - thum, dem Sturm und Regen und andern Vorfällen des Tages überlaſſen, war das Haar zu keiner Zeit und bei keinem Volke, das einmal den erſten Schritt auf dem Wege der Cultur gemacht hat. Ein größerer oder geringerer Mangel an Pflege und Hal - tung, ein natürlicher, freier, aber in gefälligem Maß gehaltener Wuchs, ein Zuviel von Pflege, eine künſtliche oder verkünſtelte und widernatürliche Anordnung, ſie werden uns allemal genau den Stand angeben, welchen ein Volk in ſeiner Entwicklung ein - genommen hat, ob es der Höhe zuſtrebt, ob es ſie erreicht hat, oder durch Luxus, Verweichlichung, Entartung ſeinem Unter - gange entgegengeht. Davon geben uns frühere Völker, Aſſyrier und Aegypter, eben ſo gut Beiſpiele wie Griechen und Römer. Ausnahmen von beſonderer Eitelkeit oder abſichtsvoller Oppoſi - tion wie in der römiſchen Kaiſerzeit der bärtige ſtoiſche Philoſoph im vornehmen Hauſe unter den mit Bimſtein geglätteten Ge - ſichtern und den kunſtvoll coiffirten Damenköpfen beſtätigen nur dieſe Regel.

Seit dem Beginn der neueren Geſchichte freilich hat ſich das öffentliche und innere Leben der Völker zu reich geſtaltet, als daß wir nur dieſen einfachen Prozeß des Werdens, Blühens und Vergehens zu beobachten hätten; die bewegenden Ideen ſind mannigfacher, die Unterſchiede feiner, die Perioden kürzer ge - worden, und der raſchere Wechſel gleicht mehr dem Auf - und Abſteigen der Wellen auf der Waſſerfläche als dem Hinunter - ſtürzen in die Tiefe ohne Wiederkehr. Nichtsdeſtoweniger iſt die Haartracht ihr treuer Begleiter in beſtändiger Parallele; es iſt keine Wandlung der neueren Cultur, kein Umſchwung in den Ideen, der ſich nicht ſofort oder ſchon im Voraus an ihr an - kündigt.

Wir haben geſehen wie noch am Ende des funfzehnten Jahrhunderts in der weibiſch entarteten Zeit, da die Modelaunen2*20III. Die Neuzeit.und die Geckenhaftigkeit noch in reicher Blüthe ſtanden, zu völ - lig glattem Geſicht und nacktem Hals, der weiteren Entblößung nicht zu gedenken, ein langes, in künſtlichen Locken über die Schultern fallendes Haar die allgemeine Männertracht war. Selbſt der würdige Handwerksmeiſter, und nicht bloß der ſchmucke Geſelle, trägt ſich ſo, wenn auch die dunkle, pelzgeränderte Schaube weit und formlos, aber ehrbar den ganzen Körper um - hüllt. Aber ſchon auf der Scheide des Jahrhunderts erkennen wir die Dämmerung der neuen Zeit: hier und da beginnt das Haar die Schultern und den Rücken zu verlaſſen, ſelbſt Köpfe mit kurzem Haar werden ſichtbar, und vereinzelte Bärte tauchen auf, erſt noch in ſehr verſchiedener Geſtalt, Knebelbärte, Voll - bärte, lang und geſtutzt, halbe Bärte, d. h. nur auf der einen Seite des Geſichts, die andre aber geſchoren, denn theils iſt die rechte Form noch nicht gleich gefunden, theils klebt ihnen noch ein Stück der alten phantaſtiſch eitlen Luſt an Seltſamkeiten an. Die Sittenprediger, die Vertheidiger des Alten, alſo des glatten Geſichts, bemerken das ſofort und rügen die neue Sitte. Sie ſehen darin nur neuen Zuwachs zu der alten Modenmenge und vermögen bei ſo ſtutzerhaftem Auftreten freilich nicht zu erkennen, daß ein andrer Geiſt, ein männlicher, im Werden iſt und zur Erſcheinung ringt. So ſieht Geiler von Kaiſersberg in ſeinen Predigten über das Narrenſchiff die Sache an. Es ſein andere , ſagt er, die tragen Bärt us üppiger Ehr, ſie wöllen ſein Ehr haben, und daß man mit dem Finger uff ſie zög (diciet hic est). Das ſein groß Narren, ſie haben als viel Narrenſchellen, als manch Haar ſie um das Maul und um das Kinn haben. So ſie kein Tugend noch Weisheit in ihnen haben, davon ſie ruhmreich möchten ſein, ſo wöllen ſie von dem Bart gelobet ſein, daß ſie etwas ſonderlichs haben. Dann heißt es ferner: Alſo wird es unſern gebärtechten Narren auch gon, wann ſie von Sonder - heit des Bartes glorieren, heimlich von dem hölliſchen Löwen werden ſie gefangen; ſie ſein die, die nüt ehrlichs und mannlichs verbringen, ſo glorieren ſie in den kleinen Dingen als in dem Bart, ſie ſein weibiſch Mann, glorieren wie die Weiber in Kränz -211. Die Reformation an Haupt und Gliedern.lin, in Scheppeln und in den Blumen, aber das Glück kehret ſich um, davon ſie gerühmt ſein wollen, werden ſie geſcholten und kumen zu Geſpott und zu Schanden, wann ein fremd Mann etwan kumpt und fragt, wer iſt der mit dem Bart, es hat ſunſt keiner kein Bart, ſo ſpricht er, der (denn er) iſt ein Narr, er meint, man ſoll viel uff ihn halten, darum daß er ein Bart trägt. Es ſein darnach ander Narren, die tragen halbe Bärt als ſtette, ſein uff einer Seiten geſchoren, etliche tragen Knebelbärt, etliche hond ein klein Stücklin an den Backen ſton, es will jeglicher etwas beſunders tragen, und iſt alles Narrenwerk.

Aus dieſer Stelle geht hervor, daß wenigſtens im Jahr 1498, in welchem dieſe Predigten gedruckt wurden, der Bart zwar eine auffallende und allen ehrbaren Leuten anſtößige, doch keineswegs mehr ſeltne Sache war, ſodaß alſo jene Erzählung in ſich zuſammenfällt, welche den Papſt Julius II., der 1503 den päpſtlichen Stuhl beſtieg, als den erſten nennt, der ſich den Bart habe wachſen laſſen. Ebenſo iſt es mit jener andern Anekdote, welche die Tracht des kürzeren Haares König Franz I. zuſchreibt, wenigſtens was Frankreich und Deutſchland betrifft. Der König habe ſich einſt es war im Jahr 1521 mit ſeinen Hofleuten am Schneeballwerfen ergötzt; er und ſeine Partei ſollten das Haus des Grafen St. Paul ſtürmen, welches von der Gegen - partei vertheidigt wurde. In der Hitze des Gefechts habe man auch zu Steinen und anderm Wurfmaterial gegriffen, und dem Könige ſei ein großes Stück brennenden Holzes an den Kopf ge - flogen. Um die Heilung der Wunde zu befördern, ſei das Haar am ganzen Kopf geſchoren worden, und da der König eine ſchöne Stirn gehabt, ſo habe ihm die Sitte des kürzeren Haupthaares ſo gefallen, daß er ſie fortan beibehalten, wie es ſchon in der Schweiz und Italien der Brauch geweſen, und alle Hofleute ſeien ſeinem Beiſpiel gefolgt. Von Frankreich aus ſei die Mode dann auch nach Deutſchland gekommen.

Dieſer Erzählung ſteht entgegen, daß, wie in der Geſchichte der Trachten die zufälligen Ereigniſſe überhaupt nur eine äußerſt geringe Rolle ſpielen, ſo auch in dieſem Falle ſich die naturge -22III. Die Neuzeit.mäße Entwicklung aufs deutlichſte nachweiſen läßt. Wenn mit der kürzeren Haartracht des Königs Franz die ſogenannte Kolbe gemeint iſt, die wir ſogleich werden kennen lernen, ſo war dieſelbe gegen das Jahr 1520 und nicht ſpäter als anderswo be - reits allgemein in Deutſchland, wenn aber das ganz kurz ver - ſchnittene Haar, wie es die Spanier trugen, ſo wurde dieſe Form erſt einige Jahrzehnte ſpäter durch die eintretende Reaction zur herrſchenden Mode.

An den Köpfen ſelbſt, wie ſie uns die in dieſer Zeit ſo be - liebten Holzſchnittilluſtrationen von Jahr zu Jahr in unzähliger Menge darbieten, können wir aufs genaueſte verfolgen, wie Schritt um Schritt das Haar den Charakter der Eitelkeit ablegt und einer feſten, männlich geziemenden Form zuſtrebt. Die Locken ſchlichten ſich wieder, und wie das Hemd und ſpäter auch das Wamms aufwärts rücken, verkürzt ſich das Haar und erhält regelmäßigen Schnitt; der Bart, voll, aber in anſtändiger Kürze gehalten, tritt in ſeine Würde und ſein Recht als Zeichen der Männlichkeit ein, indem ſich langſam die öffentliche Meinung dahin umkehrt, daß ihr nun das glatte, bartloſe Geſicht für wei - biſch gilt. Um das Jahr 1520 etwa iſt in Geſtalt der ſogenann - ten Kolbe die Hauptform vollendet. Das vordere Haar wird nicht geſcheitelt, ſondern über die Stirn heruntergekämmt und von Schläfe zu Schläfe in einer graden Linie auf der halben Höhe der Stirn verſchnitten; hinten iſt es ebenfalls in grader Linie von einem Ohr zum andern hart unter denſelben abge - ſchnitten. Das Haar ſoll nicht übers Vorhaupt hangen, auch nicht auf den Schultern umherfliegen , ſo ſchreibt es des Eras - mus Goldenes Büchlein von der Höflichkeit der Knaben vor. Anfangs erblicken wir dieſe Kolbe noch häufig ohne die Beglei - tung des Bartes, im Laufe der zwanziger Jahre aber ſtellt er ſich regelmäßig ein und nun in ganz beſtimmter, feſter Geſtalt: es iſt ein kräftiger Vollbart, unter dem Kinn in grader, breiter Fläche ſtumpf abgeſchnitten. Solche Geſichter machen durchaus den Eindruck einer ausgeprägten, charaktervollen Männlichkeit, die im ſtolzen Bewußtſein eigner Kraft und geſtählt von der Schwere231. Die Reformation an Haupt und Gliedern.der Zeit mit den Schlägen der Zukunft es aufzunehmen ge - denkt.

Es iſt intereſſant, an hiſtoriſchen Köpfen, ſoweit uns Por - traits aus verſchiedenen Altersſtufen vorliegen, dieſen Wandel des Haares zu verfolgen. Kaiſer Maximilian trug, wie wir ſchon früher mitgetheilt haben, in der erſten Hälfte ſeines Lebens zu glattem Geſicht die langen, wohlgepflegten blonden Locken in wenig krauſer Geſtalt; die ſpäteren Portraits aber zeigen die ausgebildete Kolbe ohne Bart, deſſen Blüthezeit er nicht mehr erlebte. Nicht weniger eitel auf die Fülle der langen blonden Locken, die er auch ſo unnachahmlich zu malen verſtand, war ſein Freund Dürer; auf ſeinen bekannten Selbſtportraits ſehen wir ſie von der geſcheitelten Stirn herabfließen und reich die Schultern umwallen. Trotz dieſer Eitelkeit folgte er dennoch der wandelnden Mode, verſchnitt das Haar über der Stirn, legte die Locken ab und ließ den Bart wachſen; und ſo ſehen wir dann auf den ſpäteren Portraits, etwa der letzten zehn Jahre ſeines Lebens, wie ſie Medaillen und Holzſchnitte darbieten, die Kolbe und den geſtumpften Vollbart in völlig regelrechter Geſtalt. Karl V. und Ferdinand I. wuchſen grade hinein in die Sitte der Kolbe und des Bartes; darum zeigen nur ihre Jugendportraits die erſtere ohne den zweiten; aber ſpaniſche Einflüſſe gaben bald dem Bart eine ſpitzere Geſtalt und erlaubten dann auch ihrem Haar nur kürzeren Wuchs.

In einer ſo aufgeregten Zeit, wie die erſte Hälfte des ſechs - zehnten Jahrhunderts, die ſich mannichfach in Extremen erging, mußte freilich die Regel der Ausnahmen gar viele zulaſſen; ſie zeigen ſich auch an Haupthaar und Bart. Jenes fühlte ſich nicht immer mit der Kürze der Kolbe befriedigt, und ſo tritt hier und da, namentlich an ſoldatiſchen Köpfen, ein ganz kurzer, nachläſ - ſig unregelmäßiger Schnitt auf, noch lange bevor unter dem Einfluß der ſpaniſchen Mode die hoch zu Halſe gehende Krauſe zu dieſer Mode zwang. Weit ſeltener iſt es, wenn die Locken noch nicht gefällt ſind und tiefer an Hals und Nacken herunter - hängen. Mannigfaltiger ſind die Formen des Bartes, aber im24III. Die Neuzeit.Verhältniß zu der oben beſchriebenen Geſtalt umſpielen ſie nur als Abnormitäten die herrſchende Mode. Es giebt Geſichter, die zeigen bloß den Schnurrbart, aber das iſt eine große Selten - heit; häufiger ſchon iſt der Vollbart mit freier Oberlippe, und zuweilen hängt er auch zweigetheilt über die Bruſt herab. Leute von etwas phantaſtiſcher Natur hielten auch wohl die eine Seite des Geſichtes in ziemlicher Kürze, an der andern aber ließen ſie wachſen, was wollte, und flochten daraus einen Zopf zuſammen, der ihnen ſeitwärts vom Kinn herabhing. So trug ſich auch der berühmte Graf Eitelfritz von Zollern. Den längſten Bart hatte wohl der bekannte und oft abgebildete Freiherr Andreas von Rauber: in einen Zopf geflochten, konnte er ihn um den Leib winden; ſonſt fiel er herab bis auf den Boden. Aber wie an Länge des Bartes wich dieſer edle Freiherr auch an Stärke des Leibes niemanden auf Erden, wie das ſein berühmter Zweikampf mit dem Spanier beweiſet.

Wenn in die geſammte Haartracht ein gewiſſer Charakter von Ernſt und männlicher Würde einzukehren ſcheint, ſo liebt die Kopfbedeckung dafür das Freie, Leichte und in ſeiner Ausartung ſelbſt Luftige und Phantaſtiſche. Aber eine Form gelangt zur allgemeinen Herrſchaft und zwar in dem Maße, daß ſie der männ - lichen und weiblichen Köpfe in ganz gleicher Weiſe ſich bemäch - tigt. Es iſt das Barett, das freilich um ſeiner ihm eigenthüm - lichen Geſchmeidigkeit willen ebenſo geeignet iſt, in den Ernſt ſich zu fügen wie in die Narrheit, das der ausgelaſſenen Laune des Landsknechts wie der Strenge der reformatoriſchen Geiſtlich - keit zu entſprechen verſteht, das der fürſtlichen Pracht, der Würde des ſtädtiſchen Rathsherrn und der Einfachheit des Handwerks - mannes in gleich charakteriſtiſcher Weiſe zu dienen vermag. Und ebenſo ziert es die fürſtliche Dame und das Ritterfräulein wie die ſtädtiſchen Schönen und ſelbſt ehrbare Bürgerfrauen, ja auch des fahrenden Landsknechts Begleiterin, ſein Weib oder ſein flandriſches Mädchen.

Wir haben geſehen, wie noch am Ausgang des funfzehnten Jahrhunderts die bunte Formenfülle der Kopfbedeckungen in251. Die Reformation an Haupt und Gliedern.ungeſchwächter Kraft blühte; das neu auftauchende Barett ſchien nur die Anzahl noch zu vergrößern. Die Art der Kopftracht, welche mit dieſem italieniſchen Wort bezeichnet wird, iſt eigent - lich kein neues Stück, ſondern nur eine Umwandlung der alten zu neuer, zeitgemäßer Geſtalt, welcher Hut und Mütze in glei - cher Weiſe zuſtreben, jener, indem er mit dem Deckel flach her - abſinkt und den Rand ausdehnt, dieſe, indem ſie alle charakter - loſen Formen abſtreift und der einen, beſtimmten ſich nähert. Schon vor dem Jahre 1500 können wir hier und da das Barett in völlig ausgebildeter Geſtalt erblicken, und zwar ſo, daß im Jahr 1498 Geiler von Kaiſersberg in ſeinen Predigten bereits Notiz davon nimmt; doch leben gleichzeitig noch alle die von uns geſchilderten Kopfbedeckungen fort und friſten ihr Daſein bis ins zweite Zehnt des neuen Jahrhunderts, die weiblichen Hauben ſogar noch länger. Die verſchiedenen Mützenformen, die gerän - derten und ungeränderten, die turbanartigen mit der Sendelbinde und die ſpitzen wie die weichen mit dem in den Nacken fallenden Stoff und desgleichen die bunten Reife und Federkränze ver - ſchwinden ganz und der Filzhut wird in die unterſten Stände hinabgedrängt, bis auf den gemeinen Handwerksmann und den Bauer, wo er ſich freilich erhalten mußte, da ihnen die Reichs - ordnung von 1530 das Barett ausdrücklich verbot.

Dieſe und die Kloſtergeiſtlichkeit ausgenommen, oder wem ſonſt Stand und Armuth es nicht erlaubten, ſitzt ſeit dem Jahre 1520 etwa das Barett auf allen männlichen Köpfen, aber ſehr verſchiedenartig. Der Weltgeiſtliche, die Männer der Reforma - tion, die Gelehrten und mancher ehrbare Städter vornehmen und reichen Standes tragen es dunkelfarbig, gewöhnlich ſchwarz, und von höchſt einfacher Geſtalt: nachgiebig und doch in be - ſtimmter Form, die vordere Hälfte des Randes aufgekrämpt, die hintere in den Nacken heruntergelaſſen, ſo bedeckt es bei freier, offner Stirn faſt den ganzen Haarwuchs. So einfach mochten es nicht leicht andere in dieſer bewegten Zeit tragen. Manche frei - lich entſagten noch allem Schmuck daran und auch den lebhafte - ren Farben, aber ihr Barett ſaß doch ſchief auf der einen Seite26III. Die Neuzeit.mit breitem und geſteiftem, ſcheibenförmigem Rande. Andere hatten die Krämpe und das wurde zur allgemeinen Sitte nach der beliebten Weiſe der Aufſchlitzung in mehr oder weniger einzelne Lappen zerſchnitten oder auch Einſchnitte gemacht, ſei es willkürlich oder in beſtimmten Muſtern, und dieſe mit buntfar - bigem Stoff durchzogen; wer dieſe Mode phantaſtiſch übertrieb, zerſchnitt und zerlappte auch den weichen Deckel des Baretts. Der junge Stutzer liebte lebhafte, helle Farben oder eine bunte Zuſammenſetzung verſchiedenfarbiger Lappen; hochroth trug es gern der Ritter, dem Fürſten und dem Grafen war carmoiſin vorbehalten. Allgemeine Sitte wurde es, koſtbaren Schmuck an Gold, Perlen und Edelſteinen am Barett zu tragen oder in Ge - ſtalt von Portraitmedaillons, die damals in ſo außerordentlicher Menge wie von vorzüglichem Kunſtwerth gemacht wurden, die theuren Erinnerungen von Angehörigen oder geliebten Perſonen. Am meiſten übertrieb man den Federſchmuck, den man ſchon aus dem funfzehnten Jahrhundert überkommen hatte. Anfangs ſcheint es nur eine kecke Hahnenfeder zu ſein, die über dem Kopfe ſchwankt, dann ein breiter, mächtiger Buſch von einfachen oder verſchiedenfarbigen Federn, die endlich das ganze Barett umziehen und umlagern, daß ſie rundum über den Rand her - unterſchwanken. Straußfedern waren die koſtbarſten und die beliebteſten, aber auch wohl die unächten häufiger als die ächten, ſodaß es mehr der Vollſtändigkeit wegen geſchehen ſein mag, wenn die Reichsordnung von 1530 ſie dem Bauer und dem Handwerksgeſellen unterſagt. Eine Luxusordnung, die für Nie - deröſterreich im Jahr 1518 projectirt wurde, wollte allen Edel - leuten einen Federbuſch verbieten, der mehr als zehn Gulden koſtete.

Schon früh liebte man es renommiſtiſcher Weiſe das Barett ſchief auf die eine Seite des Kopfes zu ſetzen, doch war es mit ſeinem flachen Deckel und breiten Rande ſchwer in dieſer Lage zu halten, zumal da die Befeſtigung durch ein Kinnband nicht ſehr Beifall gefunden zu haben ſcheint, denn wir ſehen ſie verhältniß - mäßig ſelten. Es mußte alſo ein Mittel geſucht werden dieſem271. Die Reformation an Haupt und Gliedern.Uebelſtande abzuhelfen, und es fand ſich auch in der ſogenann - ten Haarhaube oder Calotte, die nichts anderes iſt als das Haarnetz oder die kleine Haube, mit welcher die Frauen in der zweiten Hälfte des funfzehnten Jahrhunderts die zuſammen - gelegten Flechten umfaßten. Von der Damenwelt ging ſie auf die Männer über, wie das Barett von dieſen den Weg zu jenen genommen hatte. Es gon jetzt Frauen wie die Man, ſagt Gei - ler von Kaiſersberg, und hond Baretlin mit Hahnenfederlin uff. Und an einer andern Stelle heißt es: und das ganz ein Schand iſt, daß die Weiber jetzt Barett tragen mit Ohren, die Man tragen jetzund Huben wie die Frauen mit Seiden und mit Gold geſtickt. Die Köpfe der Männer und Frauen erhalten dadurch auf den Bildern oft eine ſolche Aehnlichkeit, daß der Bart als ein um ſo nothwendigeres Unterſcheidungsmittel er - ſcheint. Da die Calotte eng umſpannend dem Kopfe feſt anſaß, ſo konnte das Barett in beliebiger Weiſe daran befeſtigt werden, und wir ſehen es daher oft ſo auf dem rechten Ohr ſitzen, daß, von links her im Profil geſehen, der ganze Kopf davon wie in einer Folie umrahmt erſcheint, während er von der rechten Seite völlig verdeckt iſt. Eine andere Folge war, daß man nun mit dem Barett jede willkürliche Veränderung ohne Rückſicht auf ſei - nen Zweck vornehmen konnte; es wurde z. B. ſo flach, daß es nur eine Scheibe von Pappe blieb, mit Sammet oder Seide überzogen und mit Federn bedeckt. Es wurde ſo zur bloßen Zierde des Kopfes, und ſeinen Zweck mußte die Haube erfüllen. Dem Landsknecht ſehen wir es oft an einem Bande hinten im Nacken oder auf dem Rücken hängen.

Die Calotte wurde auch für ſich wieder zu einem Gegen - ſtand des Luxus durch die Koſtbarkeit des Stoffes. Schon die früheren kleinen Hauben der Frauen waren vorzugsweiſe von Gold - und Silberſtoff geweſen, oder der dazu beliebte rothe Sammet oder die Seide waren wenigſtens mit ſolchen Fäden in reicher Weiſe beſtickt worden. Das erhielt ſich grade ſo. Män - ner wie Frauen trachteten nach den goldenen und ſilbernen Hau - ben, ſodaß ſie ſchon in der Reichsordnung von 1498 den reiſigen28III. Die Neuzeit.Knechten verboten werden. Die erwähnte öſterreichiſche Ordnung vom Jahre 1518 will ſie allen Bürgern in den Städten, die nicht von Adel, Ritter oder Doctoren ſind, unterſagt wiſſen. Im Jahre 1530 werden von der ausführlichen Reichsordnung, welche auf dem Tage zu Augsburg erlaſſen wurde, ſelbſt den Bürgern in den Städten, ſo vom Rath, Geſchlechtern oder ſonſt fürneh - men Herkommens ſind und ihrer Zins und Renten geleben nur ſeidene Haarhauben erlaubt, der Adel darf die goldenen und ſil - bernen tragen, doch ſoll das Gebänd und Geſchmück darauf nicht über 40 Gulden werth ſein.

Wie der Landsknecht ſein Barett auf dem Rücken hängen ließ, ſo konnte auch wohl ein anſtändiger Mann in der Calotte allein erſcheinen und das Barett in der Hand halten und ebenſo ſich ihrer als eine Art von Hauskappe bedienen. Wie das Ba - rett in der Hand zu halten war, dafür hatte die Sitte wenigſtens der höflichen Jugend beſtimmte Vorſchriften gegeben. So heißt es in dem Anſtandskatechismus, welcher nach des Erasmus gol - denem Büchlein ausgearbeitet worden war: Unter dem Ge - ſpräch, wo ſoll er ſeine Hände und Barett halten? Antw.: Mit beiden Händen zuſammen ſoll er das Barett für ſeinem Bauch halten, alſo daß allein die zwei Daumen herfürſcheinen. Soll der Jung auch das Barett oder Bücher unter den Arm thun[und] tragen? Antw.: Solches pflegen die Bauern zu thun. Eras - mus ſelbſt ſchreibt folgendes vor: Unter dem Reden ſoll man das Barett (oder Hut, wie es in der ſpätern Verdeutſchung lau - tet) in der linken Hand halten, alſo, daß man die rechte Hand fein ſanfte an den Bauch ſetze, oder welches noch zierlicher oder höflicher gehalten wird, das Barett auf beiden Händen hängend, alſo daß beide Daumen oben herausſcheinen, ſoll den Ort der Scham bedecken.

Den raſcheſten Sprung von einem Extrem ins andere machte die Fußbekleidung; ihre Umwandlung war eigentlich ſchon vollendet, als die Reformation begann. Wir haben die Mode der Schnabelſchuhe im Früheren herab verfolgt bis gegen das Ende des funfzehnten Jahrhunderts und geſehen, wie auch ſie291. Die Reformation an Haupt und Gliedern.noch in den Anfang des neuen hinein ein freilich ſehr ſporadiſches Daſein friſten. Schon in den achtziger Jahren wird der Um - ſchlag in Frankreich wie in Deutſchland gleich bemerklich, und ſtatt der Schiffsſchnäbel hören wir nun von Entenſchnäbeln, Bärentatzen, Ochſen - oder Kuhmäulern und ähnlichen Ehren - titeln der Schuhe. Geiler von Kaiſersberg zieht auch dieſe Mode in den Bereich ſeiner Predigten hinein: Die Schuch waren etwan zu ſpitz, jetzund ſo ſeint ſie ſtumpf wie Kalbsmäuler, etwan waren die Schuch zu eng, jetzt ſo ſeint ſie zu weit, die Schuch ſeint ausgeſchnitten und zerhacket, weren doch beſſer ganz dann zerſchnitten.

Dieſelbe Richtung der Zeit, welche das leichte, geſchmeidige Barett hervorrief, wirkte auch auf die Fußbekleidung. Da man ſich aller Enge und läſtigen Unbequemlichkeit entledigen wollte, machte ſich natürlich zunächſt die Stelle fühlbar, wo der Schuh drückte, und darum warf man die loſen hölzernen Unterſchuhe und Pantoffel, welche klappernd aller freien Bewegung hinder - lich waren, bei Seite und ſchnitt die langen und geſpitzten Schnä - bel ab. Aber weil man noch unter dem Einfluß des alten Mode - geiſtes ſtand, der nur an Uebertreibungen und Seltſamkeiten Gefallen fand, ſo verfiel man ſogleich in das andre Extrem und machte die Schuhe in ähnlichem Verhältniß vorne breit, wie man ſie früher ſpitz getragen hatte. Nur vereinzelt zeigten ſich etwa bis zum Jahre 1510 nach Uebergangsformen im bürgerlichen Stande: Schuhe, die vorn weder ſpitz noch breit, ſondern nur abgerundet waren, ohne aber nach der natürlichen Form des Fußes ſich zu richten, ſodaß ſie nur ein rohes, bäuriſch klotziges Machwerk vorſtellten, welches weder auf Schönheit, noch auf Feinheit und Eleganz irgendwie Anſpruch machen konnte.

Der alte Schuh des funfzehnten Jahrhunderts hatte ſo ziem - lich den ganzen Fuß bis an die Knöchel bedeckt, den neuen ſuchte man vielmehr auf das geringſte nothwendige Maß zurückzufüh - ren, um den Fuß möglichſt frei und unbedeckt zu haben. In vollendeter Ausbildung hatte dieſer Schuh an der feſten Sohle nur den breiten Schnabel, der nichts weiter als die Zehen be -30III. Die Neuzeit.deckte, und hinten die Kappe, welche die Ferſe umſchloß; wenig - ſtens wurden die Seiten ſo ſchmal wie irgend möglich gemacht oder ſelbſt ganz weggelaſſen. Die Kappe mußte daher aufs engſte anſchließend gemacht werden, weil ſonſt der Schuh den Halt verloren hätte; zu feſterem Schluß lief auch wohl ein Rie - men oder ein Band über den Spann des Fußes; ſie kamen dann aber in Abnahme wie das Kinnband des Baretts. Dieſen Schuh, der in ſeiner breiten Form ſo allgemein wurde, daß er ſelbſt, wie einſt der ſpitze Schnabel, auf die Rüſtung des Ritters überging, trug der Landsknecht wie der Fürſt, der Handwerksmann wie der Gelehrte und der Geiſtliche. Bequem mochte er ihnen ſitzen, aber im Schmutz und bei feuchtem Wetter gab er wenig Schutz gegen das hereinlaufende Waſſer, worüber auch Klage geführt wird, zumal als auch das, was noch übrig war, von der Mode der Zerſchlitzung ergriffen wurde. Die Stoffe waren wie früher neben Leder, namentlich dem feinen eleganten Corduan, Sam - met, Seide und Wolle; man liebte vorzugsweiſe helle Farben, Roth, Blau und Geld, einfach oder getheilt und durch die bunt unterlegten Schlitze zu mannichfacherer Wirkung gebracht. Die Breite des Schnabels übertraf nicht ſelten die halbe Länge des Fußes und wurde auch zu mehrerer Schönheit im Contour ein - wärts geſchweift.

Die Kleidungsſtücke, welche ſich zunächſt dem Körper an - ſchloſſen, alſo das Wamms und das Beinkleid, ſchienen Anfangs ihre Grundgeſtalt, wonach ſie auf der Hüfte mit Ne - ſteln an einander ſchloſſen, nicht verändern zu wollen, und den - noch verwandelten ſie dabei ihren Charakter in das beſtimmteſte Gegentheil und in einer Weiſe, die ihren Urſprung und ſelbſt ihre Bedeutung völlig unkenntlich macht. Die enge Jacke mit nacktem Hals und nackten Schultern und das enge Beinkleid, welches in einem Stück von der Hüfte bis zu den Füßen ſchloß, waren bereits am Ausgang des funfzehnten Jahrhunderts von einer Menge verſchiedener Moden umſpielt; namentlich war die erſtere ſchon vielfach von der freieren Richtung durchbrochen worden und die Schranken leichter, ungenirter Bewegung zeigten311. Die Reformation an Haupt und Gliedern.ſich größtentheils aufgehoben. Weniger war dies letztere beim Beinkleid der Fall: wie bunt es auch aus Lappen und Läppchen in regelmäßiger oder unregelmäßiger Geſtalt, in Blumen, Flam - men und andern Zierfiguren, zuſammengeſetzt war, ſo ſaß es doch ſtraff geſpannt um Knie und Schenkel, und gab den Moraliſten immer noch daſſelbe Aergerniß wie früher. Nur der Soldat, d. h. der Fußgänger, wie denn dieſer damals den eigentlichen Sol - daten zu bilden begann, hatte ſich wohl in ſeiner ungenirten Weiſe zu helfen gewußt, indem er einen Theil des Beinkleides, da wo es ihm läſtig war, ohne weiteres wegließ. So ſind denn auf colorirten Kriegsbildern dieſer Zeit um die Scheide beider Jahrhunderte ſolche Kriegsleute eine gewöhnliche Erſcheinung, welche das eine Bein vermuthlich das linke, welches bei ge - fälltem Spieß am meiſten genirt war von dem halben Ober - ſchenkel herab bis unter das Knie oder ſelbſt bis zum Schuh nackt tragen. Allein unmöglich konnte dieſe Weiſe zur herrſchenden Mode für die ganze gebildete und ungebildete Chriſtenwelt wer - den, welche grade ſo gut nach Freiheit rang und des ungehin - derten Gebrauchs der Glieder in gleichem Maße bedürftig war. Kein Fall in der ganzen Coſtümgeſchichte iſt lehrreicher als dieſer für die Entwicklung und Entſtehung neuer Trachtenformen. Es lag die reinſte Nothwendigkeit zur Aenderung vor, und wer den unerbittlichen Zwang nicht ertragen konnte, ſuchte ſich einſtwei - len zu helfen in ähnlicher Weiſe wie der Soldat. So machten es fromme Pilgersleute, welche gleich jedem andern das enge Beinkleid trugen, ſtraff in die hochgehenden Schuhe hineinge - zogen: auf ihrer langen, mühſamen Wanderung war es ein be - ſchwerliches Hinderniß und um ihm zu entrinnen, ſchnitten ſie das ganze Stück vor dem Knie heraus, ſodaß dieſes bloß und blank vor Augen lag. Man hätte meinen können, daß ein wei - tes Beinkleid in Weiſe des heutigen am einfachſten und leichte - ſten dem Bedürfniß entſprochen hätte: aber eine ſo totale Um - änderung mit einem Schlage iſt völlig wider den Geiſt der Ent - wicklung in der Trachtengeſchichte; drei Jahrhunderte mußten vergehen, drei Jahrhunderte mit einer Fülle von Formen, die32III. Die Neuzeit.mit einer früher ganz unbekannten Schnelligkeit wechſelten, bis aus der mittelalterlichen Hoſe die moderne als Reſultat her - vorging.

Das Mittel nun, welches dem gepreßten Körper Luft ſchaffte und den Drang nach Licht und Freiheit befriedigte, erſcheint wie das einfachſte und naturgemäßeſte von der Welt. Als es gefun - den war, ſchwanden vor ihm alle die ungenügenden Verſuchs - mittel, wie das nackte Bein des Soldaten und die entblößten Kniee der Pilger und ebenſo die noch unter dem Einfluß der Sonderlingsgelüſte des funfzehnten Jahrhunderts ſtehenden Zer - ſchneidungen und Verkleinerungen der Jacke oder des Wammſes. Da, wo man ſich gehindert fühlte, alſo an den Gelenken, zu - nächſt an den Schultern und Ellbogen und ſpäter auch an den Knieen und auf den Hüften, machte man quer oder ſenkrecht einen oder mehrere Einſchnitte neben einander, ſodaß die Preſ - ſung aufhörte und die Glieder ſich leicht und bequem bewegen konnten. Am Oberkörper ließ man durch dieſe Schlitze, wie das ja ſchon bei dem Ausſchneiden der Jacke der Fall geweſen war, das Hemd faltig heraustreten, während man bei den Beinen, da man doch die Blöße verdecken mußte, gar bald ſie mit dün - nem, farbigen Stoff, der ebenfalls ein wenig in Falten heraus - treten konnte, unterlegte. So wurde zur lebendigen Zierde, was die einfache Nothwendigkeit geſchaffen hatte. Und da die Auf - ſchlitzung nun Mode wurde, und von den Stellen, wo ſie vom Bedürfniß hervorgerufen war, ſich auch über andere Theile des Körpers auszubreiten begann und auch das Barett, die Schuhe und ſelbſt die Schaube ergriff, ſo gerieth ſie gewiſſermaßen in den Strudel der großen allgemeinen Bewegung hinein und fort - geriſſen, wuchs ſie heran zu einer ſo üppigen Blüthe, überwu - cherte die ganze deutſche Menſchenwelt in einer ſo alles Maß überſchreitenden und zugleich ſo allgemeinen Weiſe, daß wir in ihr gradezu das Hauptkennzeichen, den Hauptcharakterzug der Tracht des ſechszehnten Jahrhunderts haben, der ihr vor allen übrigen Zeiten eigenthümlich angehört.

Da alle civiliſirten Nationen der abendländiſchen Chriſtenheit331. Die Reformation an Haupt und Gliedern.im funfzehnten Jahrhundert gleichmäßig die enge Kleidung hat - ten, und da man wohl annehmen kann, daß ſich bei dem allge - meinen Drange, die erſtarrten Formen des Mittelalters von ſich abzuſtreifen, ihnen allen gleichzeitig das Gefühl von der läſtigen Enge aufdrängte, ſo iſt es im Grunde ein müſſiges Ding, dar - nach zu forſchen, welcher Nation für die Aufſchlitzung die Ehre der Erfindung gebührt, oder gar nach dem Namen des erfinderi - ſchen Kopfes zu fragen, der zuerſt auf dieſen glücklichen Gedan - ken gekommen. Dieſe Frage ſteht ganz gleich derjenigen nach dem Urſprung und dem erſten Urheber der Reformation. Zwar ſtellen die deutſchen Sittenrichter unſre Nation wiederholt als die nachahmende dar, aber theils weichen ſie in der Angabe des Erfinders ab, indem die einen die Italiener nennen, die andern die Franzoſen, die dritten die Spanier, theils iſt ihr Urtheil be - fangen und parteiiſch, da ſie die Gegner dieſer Mode ſind und ſich beſtreben, ſie verächtlich zu machen. Die Aufſchlitzung mit allen paraſitiſchen Auswüchſen iſt eine That der großen reforma - toriſchen Bewegung, und wie dieſe nur in Deutſchland zu ſelb - ſtändiger Ausbildung und Durchbildung gekommen, in den an - dern Ländern aber im Keime erſtickt oder abgelenkt oder in feſte Schranken eingeſchloſſen worden, ſo hat auch nur in Deutſch - land dieſe Mode ſich in freier, origineller Weiſe entwickeln kön - nen, daß es ihr endlich möglich ward, ſich zu überſtürzen und ins Maßloſe auszuarten. Obwohl wir ſie vielleicht am frühſten in Italien finden, wo es ſchon am Ende des funfzehnten Jahr - hunderts junge Stutzer giebt, die Wamms und Beinkleid von oben bis unten überall zerſchlitzt haben, ſo gewann ſie hier doch nie ein eigentliches, organiſches Leben und verſchwand bald wie - der mit Hinterlaſſung unbedeutender Spuren. In Frankreich und in Spanien nahm ſie, wie wir das noch ſehen werden, bald eine völlig andere Richtung, welchem Beiſpiel auch England folgte, ſeiner halb durchgeführten Reformation gemäß. Deutſch - land iſt ihre wahre Heimath, und die Grenzen deſſelben und des germaniſchen Nordens, ſoweit er ſich der Reformation angeſchloſ - ſen hatte, ſind auch die ihren. Die Pluderhoſe, in ihrer coloſſal -Falke, Trachten - und Modenwelt. II. 334III. Die Neuzeit.ſten Geſtalt den Höhepunkt der Aufſchlitzung bezeichnend, iſt ſo ſehr ein Ausfluß des ſpeciell reformatoriſchen Geiſtes, daß ſich dieſe Bemerkung ſelbſt nicht den evangeliſchen Sittenpredigern entziehen kann. So ſagt Andreas Musculus in ſeinem Hoſen - teufel: Es möchte ſich billig ein Chriſt hoch darüber verwun - dern und der Urſachen nachdenken, wie es immer mehr komme, daß ſolche unzüchtige und unehrliche Kleidung ſonſt bei keinem Volk erfunden als allein bei den Chriſten und nirgend in keinem Land ſo allgemein und erſchrecklich als eben in den Ländern und Stätten, in welchen Gott ſeine Gnade ausgegoſſen, ſein liebes Wort und reine Lehr des Evangelii hat laſſen predigen. Denn wer Luſt hätte von wunders wegen, ſolche unflethige, bübiſche und unzüchtige Pluderteufel zu ſehen, der ſuch ſie nit unter dem Papſtthum, ſondern gehe in die Stätt und Länder, die jetzund lutheriſch und evangeliſch genennet werden, da wird er ſie häu - fig zu ſehen kriegen, bis auf den höchſten Greuel und Ekel, daß ihm auch das Herz darüber wehe thun und dafür als für dem greulichſten Meerwunder ſich entſetzen und erſchrecken wird.

Wie die ganze Bewegung aus der Tiefe des Volkslebens heraufſtieg und eine That des Bürgerthums genannt werden kann, ſo kam auch diesmal der Anſtoß zur Umgeſtaltung in der Trachtenwelt von unten her und riß den ruhigen vornehmen Bürger und den Adel und auch die Fürſtenhöfe mit ſich fort. Die Landsknechte waren es, ſelber erſt ein Geſchöpf der neuen Zeit, welche die Mode der Aufſchlitzung zu beſtimmter Geſtaltung brachten, welche fortan den Reigen führten, aber auch zu ſolchem Uebermaß ſich verſtiegen, daß endlich der Reaction der Sieg nicht ſchwer werden konnte. Wir müſſen uns darum dieſes Kriegsvolk etwas näher beſehen.

Wir haben ſchon oben bemerkt, wie mit dem Sinken des Ritterthums die Entſcheidung der Schlachten auf den Fußknecht übergegangen war. Die Schweizer hatten in dieſer Kampfesart die erſten Lorbeeren errungen. Da ſchuf Maximilian die Lands - knechte, und die Noth der Zeit, die unaufhörlichen Kriege der Völker, welche an die Stelle der kleinen Fehden traten, machten351. Die Reformation an Haupt und Gliedern.ſie bald jedem Kriegführenden unentbehrlich und hoben ſie zu raſcheſter Blüthe. Nur mit ihnen oder den Schweizern, die jenen einen Theil des Ruhmes und bald den ganzen überlaſſen mußten, vermochten noch die ſtolzen franzöſiſchen Ritter, Bayard und ſeine Genoſſen, das letzte aufflackernde Licht des Ritterthums, zu ſiegen; wider ſie erlagen ſie ruhmlos den Hakenſchützen oder dem gewandten Spießträger, der dem ſchweren Stoße auswich. Die Landsknechte gingen aus der Maſſe der Bürger und Bauern hervor und rekrutirten ſich fortwährend daraus. Aber ſie waren nicht der Auswurf derſelben, ſondern wackre Zunftgenoſſen, denen der Umſchwung der Dinge die Arbeit verſagte, oder die, ſanges - luſtig und ſangeskundig, von der allgemeinen Bewegung der Gemüther fortgeriſſen, lieber ein freies, friſches Leben führen wollten, als auf der Schuſterbank oder am Webſtuhl ſitzen; und ebenſo Bauern, jüngere Söhne, welche die harte Arbeit verdroß, da ſie es im Kriegsleben luſtiger haben konnten.

Es ſoll kein Landsknecht garten
Vor eines Bauren Haus,
Denn er muß tratten und harken,
Daß ihm der Schweiß bricht aus,
Dazu das Mark in ſein Gebein.
Viel lieber dien ich dem König allein
Denn einem reichen Bauren,
Er giebt uns das Geld mit Trauren.

Bettelgeſindel konnte man nicht brauchen in den tapfern Reihen; denn wer ſich ſtellte, wenn die Werbetrommel erklang, mußte die Muſterung paſſiren und ſich ausweiſen als geſund und ſtark und mit Kleidung, Wehr und Waffen wohl verſehen, denn er mußte ſelbſt dafür ſorgen. Auch Söhne edler Patrizierfamilien, denen im Drang nach Abenteuern die Schreibſtube zu eng wurde, zogen es vor, mit dem Haufen in den Krieg zu ziehen; und als die Landsknechte zu Ehren gekommen waren und die Ueberzeugung ſich feſtgeſtellt hatte, daß die Zeit des ſchweren Eiſenmannes vorbei ſei, da waren es auch Herren und Grafen, welche das Roß und die ritterliche Lanze zu Hauſe ließen und mit dem Spieß3*36III. Die Neuzeit.oder der Hellebarde auf der Schulter ſich in die Reihe der Fuß - knechte ſtellten. Gar manchen erlauchten Namen finden wir unter ihnen, manchen, der ſich von unten auf zum Hauptmann, Ober - ſten oder berühmten Führer emporrang, aber auch gar mancher fand ſeinen Tod als gemeiner Landsknecht.

Vaterlandsliebe darf man nicht allzuviel bei ihnen ſuchen; es war genug, daß, wo und wem ſie dienten, ſie überall mit ihrer Tapferkeit die Kriegsehre des deutſchen Namens aufrecht erhielten.

Wir han gar kleine Sorgen
Wohl um das römiſch Reich,
Es ſterb heut oder morgen,
Es gilt uns alles gleich.

Sie dienten, wer ihnen am meiſten zahlte, und ſchlugen ſeine Schlachten, wo und gegen wen es auch ſein mochte. Sie dien - ten dem Kaiſer auf allen Grenzen des Reichs gegen die Franzo - ſen wie gegen die Türken und den Papſt; und wieder ſtanden ſie im Sold Frankreichs gegen das Vaterland und kämpften in Spa - nien, in England, in Italien, Afrika und Amerika. Wo immer nur eine Schlacht geſchlagen wurde, deutſche Landsknechte waren gewiß dabei. Nicht leicht trat in jener bewegten Periode eine Zeit ein, wo es nichts für ſie zu thun gegeben hätte, wo nicht irgendwo ein ehrlicher oder unehrlicher Krieg im Gange geweſen wäre. Und ereignete es ſich einmal, daß der abgeſchloſſene Friede ſie in die Heimath ſchickte, bevor ſchon an neuer Stelle die Trom - mel wieder geſchlagen war, oder daß der Winter ſie zur Unthä - tigkeit gezwungen hatte, ſo zogen ſie mit der gemachten Beute denn nicht leicht verſchmähten ſie eine nach Haus und ver - brachten ſie, wie ſie gewonnen war, bis wieder ein bekannter Oberſt ſeinen Ruf ergehen ließ. Dann fleugt und ſchneit es zu wie die Fliegen in dem Sommer, daß ſich doch jemand zu Tode verwundern möchte, wo dieſer Schwarm nur aller herkam und ſich den Winter erhalten hat.

Kein abenteuerlicheres und wechſelvolleres Leben iſt denk - bar, als wie es dieſer Haufe trieb. Der Krieg war ihre Lebens -371. Die Reformation an Haupt und Gliedern.aufgabe, und dieſes Handwerk trieb ſie durch die ganze Welt von der Jugend, vielleicht von der Kindheit an, denn nicht wenigen war auch das Lager die Geburtsſtätte geweſen, bis Wunden oder das kommende Alter ſie zum Dienſt, zur Ertragung der Mühſale unfähig gemacht hatten. Ein freier Haufe zogen ſie ins Feld, denn freiwillig, unter guten, ehrenvollen Bedingungen hatten ſie zur Fahne geſchworen; ein ſelbſtvertrauendes, übermüthiges, trotziges Volk, denn ſie wußten, daß von ihnen die Entſcheidung abhing. Ueberluſtig, wenn ſie im Siege waren und im Strome des Glückes ſchwammen, aber auch verzagt und kleinlaut oder meuternd, wenn es ihnen den Rücken zugekehrt hatte. Dann waren ſie ſchlimm zu behandeln von Seiten ihrer Führer, zumal wenn ihnen der Sold nicht pünktlich ausgezahlt werden konnte. Wenn der Feind heranrückte und im Angeſichte war, fielen dieſe frommen Landsknechte auf die Kniee und verrichteten ihr Ge - bet zu Gott um gnädigen Sieg, ſtimmten auch wohl ein geiſt - liches Lied an und dankten ihm in gleicher Weiſe nach gewonne - ner Feldſchlacht. Dieſe Frömmigkeit hielt ſie aber nicht ab, auch in Kirchen ihre Beute zu machen und mit dem Heiligen ihren Spott zu treiben. Einmal reich an raſch und leicht gewonnener Beute ſchwelgten ſie bei allem Ueberfluß im Lager oder in der eroberten Stadt, dem Trunk und Spiel gleich ergeben, und dann wieder darbten ſie im Elend, von Bauer und Bürger gehetzt, vom langen Marſche abgeriſſen, im fremden Land, im Feld oder in einer belagerten Stadt, Wochen lang, Monate lang dem Hun - ger und tödtlichen Krankheiten ausgeſetzt. Zu Tauſenden hat ſie unter ſolchen Umſtänden das mörderiſche Klima Italiens hinge - rafft. Die prieſen ſich glücklich, welche in der Schlacht einen ehrlichen Soldatentod fanden, denen Trommel und Pfeifen das Sterbelied ſangen.

Kein ſelger Tod iſt in der Welt,
Als wer vom Feind erſchlagen
Auf grüner Heide, im freien Feld,
Darf nicht hören groß Wehklagen.
Im engen Bett ſonſt einer allein
38III. Die Neuzeit.
Muß an den Todesreihen,
Hier aber findt er Geſellſchaft fein,
Fallen mit wie Kräuter im Maien.
Ich ſag ohne Spott,
Kein ſel’ger Tod
Iſt in der Welt,
Als ſo man fällt
Auf grüner Haid
Ohn Klag und Leid.
Mit Trommelklang
Und Pfeifengeſang
Wird man begraben.
Davon wir haben
Unſterblich Ruhm.
Mancher Held frumm
Hat zugeſetzt Leib und Blut
Dem Vaterland zu gut.

So abenteuerlich wie ihr Leben war auch der Anblick dieſer Schaaren: ein bunt zuſammengewürfelter Haufe; trotzige, ver - wegene Kerle mit mächtigen Schritten unter ihrem Spieß daher - ſchreitend, das kurze, breite Schwert quer vor den Magen ge - ſchnallt; wilde, bärtige, wettergebräunte Geſichter, denen Schlach - ten und Kriegsjahre ihre Spuren eingegraben hatten; alte Grau - bärte, die bereits allen Herren gedient, und neben ihnen bartloſe Jünglinge, die kaum den Knabenſchuhen entwachſen waren. Hinter ihnen zog der lange Troß der Huren und Buben einher unter Anführung des Hurenweibels , eines alten bärtigen Kriegsmanns, der hoch zu Roß ſaß und den derben Vergleicher in der Hand führte. Seine Aufgabe war, die an Zahl nicht ge - ringere Maſſe der Knechte, Buben und Weiber zuſammenzuhal - ten, daß ſie auf dem Marſch oder bei den Operationen nicht hin - derten. In dieſem Troß folgten die Packwagen mit Beute und Bedarf beladen, etwaige Gefangene, alles lebendige Schlacht - vieh; die Weiber mit umgebundenen Kopftüchern oder kokett mit Federbarett, den Rock zu beſſerem Marſchiren hoch aufgeſchürzt, trugen das Kochgeſchirr und den Schnappſack, die Buben halfen mit, ſoviel ſie konnten. Mit der wilden, phantaſtiſchen Kleidung391. Die Reformation an Haupt und Gliedern.dazu war ſo ein Landsknechtshaufe das Staunen und der Schrecken aller Leute, wohin er kam. Der Anblick war ſo fürch - terlich, daß ſie bei Hans Sachs es war aber ſchon in der ſpä - teren Zeit ihrer Entartung ſelbſt dem Teufel Grauſen erre - gen. In dem Schwank: der Teuffel leſt kein Landsknecht zur Helle faren (1558) ſpricht Beelzebub zu Lucifer:

Wilder Leut hab ich nie geſehn:
Ihr Kleider auf den wildſten Sitten
Zerflambt, zerhauen und zerſchnitten,
Eins Theils ihr Schenkel blecken theten,
Die andern groß weit Hoſen hetten,
Die ihnen bis auf die Füß rab hingen,
Wie die behoſten Tauber gingen;
Ihr Angeſicht ſchramet und knebelpartet,
Auf das allerwildeſt geartet:
In Summa wüſt aller Geſtalt,
Wie man vor Jahrn uns Teufel malt.

Schon zu Lebzeiten Maximilians hatten ſie die tolle Will - kür ihrer Kleidung ſo ins Maßloſe getrieben, daß die feinen Hof - herren dem Kaiſer Vorſtellungen machten und ihm riethen, der - gleichen Uebermaß öffentlich zu verbieten. Allein Maximilian, der zwar früher von dem ſtattlichen Häuflein der Nürnberger, das ihm Wilibald Pirkheimer ganz gleich in Roth gekleidet zu - geführt hatte, herzlich erfreut worden war, dachte hier anders und antwortete lachend: Ach was närriſcher Bekümmerniß iſt das! Gönnet ihnen doch für ihr unſelig und kümmerlich Leben, deſſen Endſchaft ſie ſtündlich gewärtig ſein müſſen, ein wenig Freud und Ergötzlichkeit; ſie müſſen oftmals, wenn ihr dahinten ſteht, davornen die Köpfe zerſtoßen. Es iſt der Speck auf der Falle, darmit man ſolche Mäuſe fängt. Seid ihr zufrieden und laſſet ſie machen; wann dieſe Hoffart aufſpringt, wagen ſie ge - meinlich all ihr Gut, und es währet nicht länger dann von der Vesper bis die Hühner auffliegen. Spaniern und Franzoſen waren ſie in ſolchem Aufzug ein Greuel; die feinen Leute konn - ten der wilden maßloſen Weiſe keinen Geſchmack abgewinnen. 40III. Die Neuzeit.So beſchreibt ſie ein Franzoſe beim Sturm auf Rom: Das Barett ſitze wegen ſeiner Größe nur ſchlecht auf dem Kopf, ſchlott - rig weit ſeien die Hoſen, ebenſo die Schuhe und noch weiter die Harniſche, und an der ganzen Kleidung von Kopf zu Fuß ſei wegen der Uebertreibung nichts, was die Augen erfreuen könne.

Aber es gab Zeiten, in denen ſie auch einen andern Anblick gewährten. In langen Feldzügen, zumal wenn ihnen das Glück nicht immer hold geweſen war, dann hielt das lappenhafte Zeug nicht lange zuſammen. Mit zerfetzter Kleidung, die der Blößen genug gab, abgeriſſen an den Schuhen, mochten ſie den Italie - nern wohl Grund zu allerlei Spott geben. So wagte es der Venetianer Feldherr Bartolomeo d’Alviano an Georg Fronds - berg das Anerbieten zu machen: wenn ſeine nackten Landsknechte die Waffen niederlegen wollten, ſo würde er ſie mit weißen Stä - ben aus dem Lande ziehen laſſen. Aber der Vater der Lands - knechte kannte ſeine Kinder und erwiderte: er habe nackte Kna - ben, wenn aber jeder einen Pokal Wein im Buſen habe, ſo ſeien ſie ihm lieber denn die Venediger, die Harniſch antragen bis auf die Füße. Schlimm erging es dem Befehlshaber Roms Renzo da Ceri, der zu den Seinen äußerte, als Bourbon mit den Lands - knechten und Spaniern zu dem grauſenvollen Sturm heranrückte: er wolle die Stadt wohl erhalten vor den ſchwarzen Köpfen und den deutſchen Weinſäufern; es wären elende Leute, denen Hun - ger und Tod im Magen ſtäke, die nackt und bloß, weder Schuhe noch Kleider und roſtige Degen hätten, mit denen man nicht einen Salat möchte abſchneiden.

Es war nur natürlich, daß, ſobald ein ſolches Volk im Ge - biet der Trachten und der Mode ſich an die Spitze der Bewegung ſtellte, die Entwicklung ſich raſch überſtürzen mußte, zumal da die Haupteigenſchaft der Kleidung dieſer Zeit ohnehin ſchon ein Erzeugniß des Freiheitsdranges war. Indem nun das nackte Bein des Landsknechts ſich wieder bedeckte und die Jacke durch Wiederherſtellung der arg verſchnittenen Aermel und des fehlen - den Bruſtſtückes ſich ergänzte, begann gleichzeitig die Zerſchlitzung den ganzen Körper zu überwuchern. Was man damit zu erzielen411. Die Reformation an Haupt und Gliedern.ſuchte, nachdem der urſprüngliche Zweck, freie Beweglichkeit, er - reicht und dann zur Nebenſache geworden, war ein buntes renom - miſtiſches Aeußere ſowohl in den Farben wie in den Formen. Die Farbenvertheilung und Zerſtückelung hatte das ſechszehnte Jahrhundert bereits vom funfzehnten überkommen, und der Landsknecht gedachte nicht dieſe ihm ſo entſprechende Errungen - ſchaft aufzugeben. Wo er alſo einen Schlitz in irgend ein Klei - dungsſtück machte, unterlegte er denſelben mit andersfarbigem Stoff, was auch zur Deckung etwaiger Blößen nothwendig er - ſchien; oder es war auch das ganze Kleidungsſtück mit einem farbigen Unterfutter verſehen, welches überall durch die Schlitze hervortrat. In letzterem Fall wurde freilich nur die Wirkung von zwei Farben erreicht, wenn nicht noch andere Mittel ange - wendet waren, denn theils ließ ſich das Unterfutter mit der Un - terlegung zugleich anwenden, theils konnte auch der obere ge - ſchlitzte Stoff aus einer Anzahl beliebiger Farben zuſammenge - ſetzt ſein, und endlich konnten an den verſchiedenen Stücken, an Barett, Wamms, Beinkleid, Schuhen wieder verſchiedene Far - ben ſymmetriſch und unſymmetriſch vertheilt werden. Beim Beinkleid erfand der Landsknecht für ſeine Zerſchlitzung eine große Vereinfachung, indem er über die eigentliche unzerſchlitzte Hoſe eine weite zerſchlitzte Kniehoſe zog, zu welcher die erſtere ſich dann wie ein durchſcheinendes Unterfutter verhielt. Daher nannte Franz von Sickingen die Landsknechte ſeine Geſellen von den Halbhoſen mit den langen Spießen. Vom Knie ab - wärts war das Beinkleid immer unzerſchlitzt, und der Lands - knecht zog zu größerem Schutze auch Strümpfe darüber, die er unter dem Knie feſtband oder ſchlotternd herabhängen ließ. Die Mode dieſer Halbhoſen wie der Strümpfe verſchwand wieder, lebte aber, wie wir ſehen werden, nach dem Jahre 1550 in neuer durchgreifender Geſtalt wieder auf.

Wenn nun dieſe Farbenvertheilung, die der des funfzehnten Jahrhunderts in aller Willkür und Tollheit um nichts nachſtand, den bunteſten Eindruck hervorbrachte, ſo wurde doch derſelbe durch die Art, wie die Schlitze gemacht waren, noch unendlich42III. Die Neuzeit.erhöht. Nirgends war eine Schranke, irgend ein Geſetz, welches der überſchwänglichſten Laune ein Hinderniß geboten hätte; die Reichsordnung von 1530 nahm den Soldaten im Felde aus - drücklich von aller Verpflichtung aus und erlaubte ihm in Stoff und Schnitt ſich zu kleiden, wie er wollte. Zuerſt waren es ein - fache, grade Schnitte geweſen, welche entweder ſenkrecht oder rundherum den Gelenken Luft verſchafft hatten. Sowie man darüber hinausging, brauchte man auch nicht bei dieſen einfachen Schlitzen ſtehen zu bleiben. Um das Knie herum bildete ſich ein ſchleifenartiger Kranz, der faſt ſtehend wurde. Man verſuchte es erſt noch auf den Schenkeln,[auf] Bruſt, Rücken und Aermeln kleine grade Schlitze zu machen, aber man ſtellte ſie bald figürlich zuſammen, ſowie man auch mit krummen, welligen, flammenden abwechſelte. Man bildete Kreuze, Sterne, Blumen, Arabesken in Tapetenmuſter an geeigneten Plätzen, z. B. auf Bruſt und Rücken, Sonnen mit flammenden Strahlen, die von einem Mit - telpunkt, einer geſchlitzten Roſette, ausgehen. Die Schlitze wach - ſen zu ſolchen Maſſen an, daß, was übrig bleibt, nur mehr oder weniger ſchmale bandartige Streifen ſind, welche wieder noch mit kleinen Einſchnitten verſehen werden. Zuweilen beſtehen dieſe Streifen beim Beinkleid aus verſchiedenfarbigen geflochtenen Gurten, aus deren weiten Zwiſchenräumen das Unterfutter her - vorſcheint; zuweilen ſind ſie ſo ſchmal, daß ſie den untergelegten Stoff nur wie mit einem Netz überziehen, und auf die Knoten - punkte ſind kleine bunte Läppchen in Geſtalt von Blumen oder Sternen aufgenäht. Ein toller, wenn auch nicht grade phanta - ſiereicher Kopf hat gar den Einfall gehabt, mit dem einen Bein ſeiner Hoſe ein ganzes Fenſter mit den kleinen runden Butzen - ſcheiben und der Bleieinfaſſung nachahmen zu wollen. Andere ſchneiden dreieckige und viereckige Löcher in den obern Stoff und laſſen die Lappen hängen; andere zerſchneiden wieder den Rand der Schlitze in Zacken oder wellige Linien. In dieſer bunten Willkür iſt alle Symmetrie verſchwunden; wenigſtens ſind es die bei weitem ſeltneren Fälle, wenn ein Arm dem andern, die Bruſt dem Rücken, ein Schenkel dem andern in dem Muſter der431. Die Reformation an Haupt und Gliedern.Schlitze wie in der Farbe entſpricht. Oft capriciren ſich dieſe tollen Köpfe einen recht grell in die Augen fallenden Widerſpruch hervorzubringen, indem ſie z. B. den einen Arm oder das eine Bein, oder beide zuſammen, auf die wildeſte und farbenbunteſte Art zerſchlitzen, und die gegenſeitige Hälfte, vielleicht einen Kranz von Schlitzen um Knie und Ellbogen ausgenommen, mög - lichſt einfach, einfarbig, etwa roth oder ſchwarz, und ganz unzer - ſchnitten laſſen. Im Volk wurde dies renommiſtiſche Aeußere der Landsknechte, ſoviel auch davon in die allgemeine Bürgertracht überging, nicht mit freundlichen Augen angeſehen, und der ein - zelne hatte viel Hohn und Spott darüber zu erfahren. Künſtler, welche die Kreuzigung Chriſti darzuſtellen hatten, hingen auch wohl einen Landsknecht in der vollen Pracht ſeiner Kleidung bis auf die Schuhe und das Federbarett als einen der Schächer an das Kreuz. Die Landsknechte ſelbſt waren um ſo zufriedener da - mit und nannten das

zerhauen und zerſchnitten
nach adelichen Sitten.

Es konnte nicht ausbleiben, daß bei dieſen Uebertreibungen auch die Form der Kleidungsſtücke Veränderungen erleiden mußte. Eine ſolche war zeitweilig ſchon an der übergezogenen Schlitzhoſe eingetreten, dauernder wurden andere Veränderungen am Wamms. Schon aus andern Gründen, wie wir das noch näher ſehen werden, war das Hemd und nach ihm die Jacke wieder bis zum Halſe in die Höhe gegangen, unter der landsknechtiſchen Modelaune verlor ſie auch die anliegenden Aermel, welche ſich zu faltigen und ſackartig herumhängenden Maſſen erweiterten; nur am Handgelenk ſchloſſen ſie eng. Deſſenungeachtet verzich - teten ſie nicht auf die Zerſchlitzung, welche an dieſen weiten Aer - meln ihr Spiel trieb, wie früher an den engen; ſie hatte nur noch größeren Raum erhalten. Ferner wurde in dieſer Zeit die leichte Jacke zum geſteppten Wamms. Um die Pracht ſeiner Kleidung für die Augen der Zuſchauer nicht wirkungslos zu ma - chen, auch wohl leichterer und flotterer Beweglichkeit wegen ent -44III. Die Neuzeit.ſagte der Landsknecht meiſtens aller weiten und verhüllenden Oberkleidung; wir ſehen ihn daher gewöhnlich ohne Mantel oder Oberrock abgebildet. Später hing er ſich freilich das kleine ſpa - niſche Mäntelchen um die Schulter. Um es aber doch etwas wärmer zu haben und einigermaßen gegen den Wechſel der Wit - terung geſichert zu ſein, unterfütterte er das Wamms mit dicker Baumwolle, worin er wahrſcheinlich dem Beiſpiel des Spaniers folgte. Das geſteppte Wamms blieb lange und mußte ſich ſpäter noch weitere Einflüſſe der ſpaniſchen Mode gefallen laſſen.

Man ſollte glauben, daß die Pracht der landsknechtiſchen Hoſe mit der oben geſchilderten Willkür der Zerſchlitzung und bunten Farbenvertheilung ihren Höhepunkt erreicht hätte, allein dem war nicht ſo; ſie ſollte noch eine neue Entwicklungsphaſe beginnen und in derſelben es in kürzeſter Friſt bis zu dem gren - zenloſeſten Uebermaß der Entartung bringen. Denn in der That war es nun die volle Entartung in einen widerſpruchsvollen Un - ſinn, ſowie die Landsknechte ſelbſt zu einem zucht - und ehrloſen Kriegsgeſindel wurden, während man die frühere Lappen - und Farbenluſt noch der naiven Renommiſterei eines flotten Solda - tenhandwerks zu gute gerechnet hatte.

Zweierlei Veränderungen erlitt das Beinkleid in der Mitte des ſechszehnten Jahrhunderts, beide durch die Lands - knechte. Die eine und weit unſcheinbarere ſollte die folgenreichſte werden; ſie ſchuf gradezu das Beinkleid der Neuzeit, obwohl es bis dahin noch der Entwicklung einer ganzen Reihe von Formen bedurfte. Das war die Trennung in die Kniehoſe und den Strumpf, welche wir ſchon früher in der übergezogenen Schlitz - hoſe und dem kamaſchenartigen Strumpf des Landsknechts an - gedeutet finden. Es wiederholt ſich nun gewiſſermaßen, was ſchon da geweſen war. Ein Franzoſe verſichert uns, daß die deut - ſchen Kriegsleute die Sitte gehabt hätten, beim Sturm die Ho - ſen am Knie aufzuſchneiden; nun hatten ſie es leichter, ſie löſe - ten die Bänder und ließen die Strümpfe fallen. Das gefiel ihnen und ſie pflegten nun auch anderswo mit nacktem Knie zu erſchei - nen, wo ſie ſich ein trotzig wildes, herausforderndes Anſehn451. Die Reformation an Haupt und Gliedern.geben wollten. In dieſem Aufzuge, das eine Bein faſt nackt, das andre aufs bizarrſte bedeckt, im übrigen aber wohl und reich gekleidet, zeigten ſich auch die deutſchen Hauptleute, welche in franzöſiſchen Dienſten ſtanden, am feinen, italieniſch eleganten Hofe der Königin Katharina von Medicis zu Paris und harrten im Vorſaal des Louvre mitten unter den geputzten und gezierten franzöſiſchen Hofleuten. Welche Entwicklung dann weiter mit dem Strumpfe und der Kniehoſe in der feinen Welt vor ſich ging, werden wir ſpäter ſehen.

Die zweite Veränderung des Beinkleides, ſo coloſſal ſie auch in ihrer Ausdehnung war, und ſo gewaltiges Aufſehen ſie er - regte, hatte doch keine bleibenden Folgen. Nach kaum funfzig - jähriger Lebensdauer verſchwand ſie wieder ſpurlos, ohne daß ſich eine Entwicklung an ſie anknüpfte. Der Zeit nach gehört ſie zwar der zweiten Hälfte des ſechszehnten Jahrhunderts, unſerm nächſten Abſchnitt, an, welche unter dem Einfluſſe der ſpaniſchen Reaction ſtand, da ſie aber nur ein entarteter Ausfluß der refor - matoriſchen Bewegung iſt, welcher ſich ſpurlos verläuft, ſo ziehen wir ſie an dieſer Stelle in die Darſtellung hinein.

Schon gegen das Jahr 1550 war es bei den Deutſchen mehr und mehr Sitte geworden, den unterlegten Stoff faltig und flatternd aus den Schlitzen heraustreten zu laſſen. Dieſe Mode trieben nun die Landsknechte zuerſt ins Coloſſale und zwar unter einer ganz beſtimmten Form. Die nur bis zum Knie her - abgehende Hoſe, welche von feſterem Stoffe war, wurde von oben herab in lauter ſenkrechte, etwa handbreite oder ſchmälere Streifen rundherum zerſchnitten, welche oben und am Knie zu - ſammenhingen. Um das Bein herum zog man nun durch dieſe Schlitze eine ſolche Menge leichtern und andersfarbigen Stoffes, daß er aus den Oeffnungen heraus in dichten faltigen Maſſen bis gegen die Füße herabfiel. Das war die eigentliche Plu - derhoſe, welche nun fortwährend mit dieſem Namen bezeich - net wird, obſchon auch die zerſchlitzte in der erſten Hälfte des ſechszehnten Jahrhunderts bereits alſo genannt wurde. Die Entſtehung dieſer neuen Form des Beinkleids, welche nicht ver -46III. Die Neuzeit.fehlte, ſofort das größte Aufſehen zu erregen, wird von verſchie - denen Zeugniſſen gleich nach 1550 angegeben. Eine Nürnberger Chronik berichtet, daß dieſelbe im Jahre 1553 im Lager des Kurfürſten Moriz vor Magdeburg erfunden ſei. Sie giebt an, daß ein Landsknecht zur eigentlichen Hoſe vier bis fünf Ellen wollenes Tuch und zwanzig Ellen Seidenzeug zur Unterlage verwendet habe. Oldekopp ſchreibt in ſeinen Annalen für das Jahr 1555: Um dieſe Zeit kamen die großen Hoſen auf; Schlodder oder durchzogene Hoſen wurden gemacht von 6 Ellen Engliſch Tuch und 99 Ellen Karteken durchzogen, hatten vorn ſo große Ritze auch kraus mit Karteken durchzogen, was biswei - len ganz ſchändlich ließ. Ein altes Volkslied dieſer Zeit, wel - ches ſich auf einem fliegenden Blatt von 1555 gedruckt findet, weiſet ebenfalls das Verdienſt der Erfindung den Landsknechten zu und macht folgende Beſchreibung:

Welcher nun will wiſſen,
was doch erfunden ſei:
die Kriegsleut ſind gefliſſen
auf ſolche Buberei,
ſie laſſen Hoſen machen
mit einem Ueberzug,
der hangt bis auf die Knochen,
dran han ſie nicht genug.
Ein Latz muß ſein daneben
wol eines Kalbskopfs groß,
Karteken drunter ſchweben
Seiden ohn alle moß,
kein geld wird da geſparet
und ſollt er betteln gon,
damit wird offenbaret,
wer ihn wird geben den lon.

Während die Nürnberger Chronik noch ein verhältnißmäßig beſcheidenes Maß des zu dieſem Beinkleid verwandten Stoffes angiebt, ſpricht Oldekopp zwei Jahre ſpäter bereits von einer erſtaunlichen Anzahl Ellen. Warum es grade 99 ſind, erklär471. Die Reformation an Haupt und Gliedern.uns ächt landsknechtiſch die folgende Anekdote. Es wird erzählt, ein Landsknecht habe ſich 99 Ellen unterfüttern laſſen, da iſt er gefragt worden, warum er nit hab 100 Ellen genommen, hat er geantwort, neun und neunzig ſei ein lang Wort und gut lands - knechtiſch, hundert aber ſei kurz und nit ſo prächtig zu reden. Andreas Musculus, der in ſeiner Predigt wider den Hoſenteufel dieſe Erzählung mittheilt, ſagt, daß zu dieſer Zeit (1555) 20, 30 und 40 Ellen Kartek zum Unterfutter gewöhnlich geweſen ſeien, fügt aber hinzu: wie man es aber darein bringet, da laß ich die Schneider für ſorgen, ich acht wohl, ſie behalten auch ihr Theil davon. Er ſelbſt erwähnt noch in zweifelndem Tone, daß einer 130 Ellen unter eine Hoſe gebracht habe, und andere ſprechen gar von 200. Will man nun mit Musculus einiges davon für den Schneider abziehen, anderes auf Rechnung ge - wöhnlicher Uebertreibung ſetzen, ſo würde bei der deutlichen Ver - ſicherung vieler Augenzeugen immer noch eine ſolche Maſſe übrig bleiben, daß die Möglichkeit der Verwendung nur durch die Fein - heit des Stoffes erklärlich wird. Und allerdings wurde ein ſehr dünner Seidenſtoff, Kartek oder Raſch (Arras), dazu genommen. So wurde aber die Pluderhoſe ein ſehr koſtbares Kleidungsſtück, und oft konnte der Landsknecht die Beute eines ganzen Feldzugs hineinſtecken, um das Vergnügen zu haben, zu dem Federhut, dem bärtigen Geſicht und dem geſteppten Wamms und den fal - tigen Aermeln noch mit der flatternden und rauſchenden Maſſe Seidenſtoffes um die Beine einherſtolziren zu können, ein Mu - ſter von ſoldatiſcher Eleganz in ſeinen eigenen Augen, aber ein Greuel für die ganze anſtändige und ſolide Welt. Es rauſchete, wenn die Hoſenhelden kamen, als wenn der Elbſtrom durch die Brücke oder über ein Wehr liefe.

Und doch fand er der Nachahmer gar viele. Die Jugend, namentlich die ſtudentiſche, folgte alsbald ſeinem Beiſpiele und übertrieb es vielleicht noch, daß ſelbſt der große Philologe Hie - ronymus Wolf in der Einleitung eines gelehrten Buches über Demoſthenes mit Hinblick auf die Pluderhoſe der Studenten den Stoßſeufzer nicht unterdrücken kann: O secula! o mores! o48III. Die Neuzeit.disciplinam academicam! Die Studenten waren es auch, welche den erſten Widerſpruch der Geiſtlichen hervorriefen. Im Jahre 1555 hatte eines Sonntags in der Oberkirche zu Frankfurt an der Oder der Diaconus gegen dieſe Mode gepredigt, und als er am nächſten Sonntag wieder die Kanzel betrat, fand er ſich gegenüber an einem Pfeiler ein Paar mächtige Pluderhoſen, welche die Studenten dort aufgehängt hatten. Da trat der Ge - neralſuperintendent der Mittelmark und Profeſſor in Frankfurt, Dr. Andreas Musculus, ſelbſt auf und hielt eine gewaltige Rede, welche er ſodann (1556) mit einer Widmung an den Bür - germeiſter der Stadt Frankfurt in den Druck gab, unter dem Titel: Vom zerluderten, Zucht - und Ehrverwegenen pludrigten Hoſenteufel; Vermahnung und Warnung. Außerdem hat er für dieſen Teufel noch andere Beiwörter: er nennt ihn lumpend, zerlumpet, unverſchämt, zerflammt und flammicht. Der gelehrte Geiſtliche findet folgende acht Sünden auf, welche mit der Plu - derhoſe begangen werden:

  • 1) wider die Scham, Zucht und Ehrbarkeit von Natur den Menſchen angeboren und eingepflanzet;
  • 2) wider Gott, ſeine Einſatzung und Ordnung;
  • 3) wider den Bund, Pflicht und Eid der heiligen Taufe;
  • 4) wider das 4. Gebot und Gehorſam der Aeltern;
  • 5) wider die Gewohnheit, Gebrauch und Recht aller Völker auf Erden;
  • 6) wider unſre jetzige Religion und Lehr des heiligen Evan - gelii;
  • 7) wider das Ebenbild Gottes, danach der Menſch geſchaffen;
  • 8) wider den gemeinen Nutz und Wohlfahrt teutſcher Nation.

Dieſe acht Sünden bilden auch die Eintheilung ſeiner Predigt. Zur Charakteriſirung des Stils ſei die folgende Probe aus der 6. Sünde mitgetheilt. Nachdem er nachgewieſen, daß die Plu - derhoſe vorzugsweiſe in proteſtantiſchen Ländern ſich finde, und daß ſie ein Werk des Teufels ſei, welcher am liebſten da wohne, da die Kinder Gottes am dickſten ſtehen, fährt er fort: Deßhalb folgt hieraus unwiderſprechlich (ob der Hoſenteufel491. Die Reformation an Haupt und Gliedern.gleich noch ſo ſauer dazu ſehe und ſolches nicht gern hören will), daß alle die, es ſeien Landsknecht, Edel, Hofleut[oder] noch grö - ßeren Standes, ſo ſich mit ſolchen unzüchtigen Teufelshoſen be - kleiden, des neuen herfürkommenden Hoſenteufels, aus dem aller - hinterſten Ort der Höllen, geſchworne und zugethane Geſellen und Hofgeſinde ſeind, durch welche als ſeine Mittel und Werk - zeug dieſer letzte Hoſenteufel das hoch und theuer Wort Gottes verunreinigt, das heilige Evangelium und Sacrament veruneh - ret, zum Aergerniß, böſen Geſchrei und übeln Nachreden, ſetzet und bringet, daß ſich die Feinde des Herrn Chriſti und dieſer jetzigen ſeiner Lehr daran ſtoßen, ärgern und gänzlich ſchließen, daß nicht möglich ſei, man ſing, ſag und ſchreib von dieſer Lehr, wie und was man will, daß ſie von Gott ſei. Nach welcher Verkündigung und Offenbarung und eben in denſelbigen Län - dern, da ſie an Tag kommen, die Leut zu ſolcher unzüchtiger und unmenſchlicher Kleidung gerathen ſeind, daß die da wöllen für fromme Chriſten und Gottes Kinder gehalten ſein und ſehn doch in Wahrheit mit ſolcher Kleidung dem unflethigen Teufel ähnli - cher als Menſchen, geſchweige denn Gottes Kindern.

Dem Vorgange des Musculus folgten andere Geiſtliche und griffen tapfer in Rede und Schrift die Pluderhoſe mit dem übrigen Luxus an. Dennoch aber breitete ſie ſich immer mehr aus und ergriff, wenn auch in bedeutend gemäßigter Geſtalt, den ſoliden Handwerker wie den Edelmann und drang ſelbſt zu den Höfen der Fürſten vor, ſodaß ſie förmlich als eine deutſche nationale Tracht dem ſpaniſchen Beinkleid entgegentreten konnte. Wir werden auf dieſen Kampf ſpäter wieder zurückkommen. Alle ſtädtiſchen Kleiderordnungen dieſer Zeit nehmen Notiz von ihr und müſſen wenigſtens ein gewiſſes Quantum des durchzogenen Stoffes zugeſtehen. Der Braunſchweiger Rath erlaubt ſeinen Bürgern (1579) zwölf Ellen Seide, und ähnlich der von Roſtock (1585) zwölf bis vierzehn Ellen, aber nur den Adligen. Der Rath von Magdeburg, der im Jahre 1583 eine ſehr ausführliche Kleiderordnung erließ, beſtimmt die Größe nach dem Werth des Seidenſtoffes. Die höchſte Anzahl iſt achtzehn Ellen Kartek,Falke, Trachten - und Modenwelt. II. 450III. Die Neuzeit.aber dieſe wird allein den Schöffen, denen von den Geſchlechtern, den vornehmſten Perſonen aus den Innungen und den Wohl - habenden von der Gemeinde zugeſtanden.

Bei der Leichtigkeit, welche die Pluderhoſe renommiſtiſchen Uebertreibungsgelüſten darbot, hörte die ſtrengſte Oppoſition nicht auf. Die Geiſtlichen gedachten die Gemüther in Furcht zu ſetzen, und wie ſie mit dem Teufel gedroht hatten, ſo ſchreckten ſie nun mit Mißgeburten und Wunderzeichen, welche den Zorn des Himmels andeuten ſollten. Im Februar 1583 ſollte ihrer Ausſage gemäß ein Schaf zu Templin in der Uckermark außer zwei wohlgeſtalteten Lämmern ein Stück Fleiſch zur Welt gebracht haben, welches ein Paar Pluderhoſen darſtellte. In demſelben Jahre habe auch eine Frau in Prenzlau ein Kind geboren, wel - ches mit Pluderhoſen zur Welt gekommen ſei, die bis auf die Füße hingen, und zudem habe es noch um den Hals und die Hände große Kröſen gehabt. Schon Musculus hatte ähnliche Geſchichten vorgebracht.

Mehr Wirkung that vielleicht der Widerſtand einiger pro - teſtantiſcher Fürſten, welche ſehr ſummariſch verfuhren. In Dänemark, wo die Pluderhoſe bis zu achtzig Ellen gekommen war, wurde ſie rundweg verboten und jedem, der ſich damit öffentlich ſehen ließe, angedroht, daß ſie ihm ſofort am Leibe zer -