PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
[II][III]
Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
Berlin. Verlag von Wilhelm Hertz. (Beſſerſche Buchhandlung.)1862.
[IV]

Osnabrück, Kisling’ſche Buchdruckerei.

[V]

Vorwort.

Erſt die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimath be - ſitzen. Das hab ich an mir ſelber erfahren und die erſten Anregungen zu dieſen Wanderungen durch die Mark ſind mir auf Streifereien in der Fremde gekommen. Die Anre - gungen wurden Wunſch, der Wunſch wurde Entſchluß.

Es war in der ſchottiſchen Grafſchaft Kinroß, deren ſchön - ſter Punkt der Leven-See iſt. Mitten im See liegt eine Inſel und mitten auf der Inſel, hinter Eſchen halb verſteckt, erhebt ſich ein altes Douglas-Schloß, das in Lied und Sage viel - genannte Lochleven-Caſtle. Es ſind nur Trümmer noch, die Kapelle liegt als ein Steinhaufen auf dem Schloßhof und ſtatt der alten Einfaſſungs-Mauer zieht ſich Weidengeſtrüpp um die Inſel her; aber der Rundthurm ſteht noch, in dem Queen Mary gefangen ſaß, die Pforte iſt noch ſichtbar, durch die Willy Douglas die Königin in das rettende Boot führte, und das Fenſter wird noch gezeigt, über deſſen Brüſtung hin - weg die alte Lady Douglas ſich beugte, um mit weit vor - gehaltener Fackel dem nachſetzenden Boot den Weg und wo - möglich die Spur der Flüchtigen zu zeigen.

VI

Wir kamen von der Stadt Kinroß, die am Ufer des Leven-Sees liegt, und ruderten der Inſel zu. Unſer Boot legte an derſelben Stelle an, an der das Boot der Königin in jener Nacht gelegen hatte, wir ſchritten über den Hof hin, langſam, als ſuchten wir noch die Fußſpuren in dem hoch - aufgeſchoſſenen Graſe und lehnten uns dann über die Brüſtung, an welcher die alte Lady Douglas geſtanden und die Jagd der beiden Boote, das flüchtige und das nachſetzende, verfolgt hatte. Dann umfuhren wir die Inſel und lenkten unſer Boot nach Kinroß zurück, aber das Auge mochte ſich nicht trennen von der Inſel, auf deren Trümmergrau die Nach - mittagsſonne und eine wehmüthig-unnennbare Stille lag. Nun griffen die Ruder raſcher ein, die Inſel wurde ein Strei - fen, endlich ſchwand ſie ganz und nur als Phantaſiebild noch ſtand eine zeitlang der Rund-Thurm vor uns auf dem Waſſer, bis plötzlich die unſtäte Phantaſie weiter in ihre Erinnerungen zurückgriff und ältere Bilder vor das Bild dieſes See’s und dieſer Stunde ſchob. Es waren Bilder aus der Heimath.

Auch eine Waſſerfläche war es; aber nicht Schwarz - tannen faßten das Ufer ein, ſondern ein Park und ein Laub - holzwald nahmen den See in ihren Arm. Im Flachboot ſtießen wir ab und ſo oft wir das Schilf am Ufer ſtreiften, klang es, wie wenn eine Hand über kniſternde Seide fährt. Zwei Schweſtern ſaßen mir gegenüber. Die ältere ſtreckte ihre Hand in das kühle klare Waſſer des See’s und außer dem dumpfen Schlag des Ruders vernahm ich nichts als jenes leiſe Geräuſch, womit die Wellchen zwiſchen den Fingern der weißen Hand hindurchplätſcherten. Nun glitt das Boot durch Teichroſen hin, deren lange Stengel wir (ſo klar war das Waſſer) aus dem Grunde des See’s aufſteigen ſahen, dann lenkten wir das Boot bis an den Schilfgürtel und unter dieVII weitüberhängenden Zweige des Parkes zurück. Endlich legten wir an, wo die Waſſertreppe an’s Ufer führt, und ein Schloß ſtieg auf mit Flügeln und Thürmen, mit Hof und Treppe und mit einem Säulengange, der Balluſtraden und Marmor - bilder trug. Dieſer Hof und dieſer Säulengang, die Zeugen wie vieler Luſt, wie vielen Glanzes waren ſie geweſen? Hier über dieſen Hof hin hatte die Geige Graun’s geklungen, wenn ſie das Flötenſpiel des prinzlichen Freundes begleitete; hier waren Le Gaillard und Le Conſtant, die erſten Ritter des Bayard-Ordens, auf und abgeſchritten; hier waren, in bun - tem Spiel, in heitrer Ironie, fingirte Ambaſſaden aus aller Herren Länder erſchienen und von hier aus endlich waren die heiter Spielenden hinausgezogen und hatten ſich bewährt im Ernſt des Kampfs und auf den Höhen des Lebens. Hinter dem Säulengange glitzerten die gelben Schloßwände in aller Helle des Tags, kein romantiſcher Farbenton miſchte ſich ein, aber Schloß und Thurm, wohin das Auge fiel, alles trug den breiten hiſtoriſchen Stempel die Fundamente der Roman - tik lagen da. Von der andern Seite des See’s her grüßte der Obelisk, der die Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges im Lapidarſtyl trägt.

So war das Bild des Rheinsberger Schloſſes, das wie eine Fata Morgana über den Leven-See hinzog, und ehe noch unſer Boot auf den Sand des Ufers lief, trat die Frage an mich heran: ſo ſchön dies Bild war, das die Inſel im Leven-See vor dir entrollte, war jener Tag minder ſchön, als du im Flachboot über den Rheinsberger See fuhrſt, die Schöpfungen und die Erinnerungen einer großen Zeit um dich her? und ich antwortete: nein.

Die Jahre, die ſeit jenem Tag am Leven-See vergangen ſind, haben mich in die Heimath zurückgeführt und die Ent -VIII ſchlüſſe von damals blieben unvergeſſen. Ich bin die Heimath durchzogen und ich habe ſie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte. Jeder Fußbreit Erde belebte ſich und gab Ge - ſtalten heraus, und wenn meine Schilderungen unbefriedigt laſſen, ſo werd ich der Entſchuldigung entbehren müſſen, daß es eine Armuth war, die ich aufzuputzen oder zu vergolden hatte. Eine Fülle, ein Reichthum ſind mir entgegen getreten, denen gegenüber ich die beſtimmte Empfindung habe, ihrer niemals, auch nur annähernd, Herr werden zu können; denn das immerhin Umfangreiche, das ich in Nachſtehendem biete, iſt auf wenig Meilen eingeſammelt: am Ruppiner See und vor den Thoren Berlins. Und ſorglos hab ich es geſammelt, nicht wie einer, der mit der Sichel zur Erndte geht, ſondern wie ein Spaziergänger, der einzelne Aehren aus dem reichen Felde zieht.

Es iſt ein Buntes, Mannigfaches, das ich zuſammen - geſtellt habe: Landſchaftliches und Hiſtoriſches, Sitten - und Charakterſchilderung, und verſchieden wie die Dinge, ſo verſchieden iſt auch die Behandlung, die ſie gefunden. Aber wie abweichend in Form und Inhalt die einzelnen Kapitel von einander ſein mögen, darin ſind ſie ſich gleich, daß ſie aus Liebe und Anhänglichkeit an die Heimath geboren wur - den. Möchten ſie auch in Andern jene Empfindungen wecken, von denen ich am eignen Herzen erfahren habe, daß ſie ein Glück, ein Troſt und die Quelle echteſter Freuden ſind.

Th. F.

[IX]

Inhalt.

  • Die Grafſchaft Ruppin.
  • Seite
  • Wuſtrau3
  • Carwe14
  • Neu-Ruppin27
  • Ein Gang durch die Stadt. Die Kloſterkirche27
  • Die Grafen von Ruppin32
  • Kronprinz Friedrich in Ruppin39
  • General von Günther52
  • Schinkels Geburtshaus und ſeine Kinderjahre63
  • Bei Guſtav Kühn in Neu-Ruppin 74
  • Rheinsberg78
  • Einfahrt. Der Rathskeller. Das Möskefeſt78
  • Die Rheinsberger Kirche83
  • Das Schloß. Die Zimmer des Kronprinzen90
  • Prinz Heinrich. Der Rheinsberger Park100
  • Der große Obelisk106
  • Zwiſchen Boberow-Wald und Huvenow-See111
  • Der Rheinsberger Hof von 1786 1802111
  • Baron Kniphauſen und Baron Kneſebeck121
  • Die beiden Wreichs und Tauentzien123
  • Major von Kaphengſt126
  • Graf und Gräfin La Roche-Aymon133
  • Zernikow144
  • Gantzer151
  • Fehrbellin (Havelland) 162
  • Das Wuſtrauer Luch172
  • X
  • Der Barnim.
  • Seite
  • Tegel189
  • Schloß Oranienburg206
  • Bis 1650206
  • Die Zeit Louiſe Henriettens212
  • Die Zeit Friedrichs III. 217
  • Die Zeit des Prinzen Auguſt Wilhelm222
  • Seit 1758229
  • Buch235
  • Blumberg249
  • Werneuchen273
  • Prenden296
  • Guſow (Land Lebus) 317
  • Küſtrin (Neumark) 328
  • Der Teltow. Schloß Coepenick341
  • Bis 1550341
  • Die Zeit Joachims II. 343
  • Die Zeit des Kurprinzen Friedrich346
  • Die Zeit Friedrich Wilhelms I. 351
  • Die Zeit Henriette Marie’s354
  • Die Zeit des Grafen Schmettau358
  • Seit 1806361
  • Die Müggelsberge364
  • Der Müggelſee372
  • Das Schildhorn bei Spandau377
  • Klein-Machenow oder Machenow auf dem Sande383
  • Groß-Beeren393
  • Löwenbruch403
  • Schloß Beuthen414
  • Saalow422
  • Anmerkungen.
  • Wuſtrau.
  • Genealogiſches439
  • Der Rohren-Garten und das alte Rohr’ſche Haus440
  • Generalmajor v. Zieten und die Aebtiſſin440
  • Der Krückſtock des alten Zieten441
  • Zietenſche Säbel und Uniformſtücke441
  • XI
  • Seite Carwe.
  • Eine Revue vorm alten Fritz442
  • Das Lob des Krieges445
  • Neu-Ruppin.
  • Grabſchrift über der Gruft der Grafen von Ruppin446
  • Das alte Ruppin (ein Bild in der Wuthenower Kirche) 446
  • Das Palais des Prinzen Ferdinand446
  • Der Denkſtein im Gentz’ſchen Garten447
  • Rheinsberg.
  • Die Inſchriften des Obelisken447
  • Grabſchrift des Prinzen Heinrich452
  • Campagne des Prinzen Heinrich von 1778 453
  • Zernikow.
  • Donation und Verſchreibung über das Gut Zernikow für den K. Kammerdiener Fredersdorff453
  • Gantzer.
  • Generallieutenant von Wahlen-Jürgaß455
  • Schloß Oranienburg.
  • Die Autorſchaft des Liedes Jeſus meine Zuverſicht 457
  • Bielfeld und Chaſot über Prinz Auguſt Wilhelm458
  • Kirche und Waiſenhaus in Oranienburg460
  • Prenden.
  • Das Stadthaus des Feldmarſchall Sparr461
  • Das Sparr’ſche Erbbegräbniß in der Marienkirche461
  • Schloß Coepenick. Auszüge aus den Protokollen des Coepenicker Kriegsgerichts vom 28. Oktober 1730465
  • Loewenbruch.
  • Feſtgedicht zu Ehren v. d. Kneſebeck’s470
  • Schloß Beuthen.
  • Bild und Grabdenkmal Ernſt Joachims v. Goertzke in Frie - dersdorff472
  • Saalow.
  • Zwei Briefe vom alten Schadow474
[1]

Die Grafſchaft Ruppin.

[2][3]

Wuſtrau.

Da liegen wir zwei Beide
Bis zum Appell im Grab.

Der Ruppiner See, der genau die Form eines halben Mondes hat, ſcheidet ſich ſeinen Ufern nach in zwei ſehr verſchiedene Hälften. Die nördliche Hälfte iſt ſandig und unfruchtbar, und, die hübſch gelegenen Städte Alt - und Neu-Ruppin abgerechnet, ohne allen maleriſchen Reiz; die Südhälfte aber iſt theils angebaut, theils bewaldet und ſeit alten Zeiten her von vier hübſchen Dörfern ein - gefaßt. Das eine dieſer Dörfer, Treskow geheißen, war bis vor Kurzem ein altes Kämmerei-Gut der Stadt Ruppin; die drei an - dern ſind Rittergüter. Ihre Namen ſind: Gnewkow, Carwe und Wuſtrau. Das erſtere tritt aus dem Schilf - und Wald-Ufer am deutlichſten hervor und iſt mit ſeinem Kirchthurm und Bauern - häuſern eine beſondere Zierde des See’s. Es gehörte ſeit Jahr - hunderten der Familie von Woldeck. Jetzt iſt es in andere Hände übergegangen. Der letzte v. Woldeck, der das Erbe ſeiner Väter inne hatte, war ein Lebemann und paſſionirter Touriſt. Seine Excentricitäten hatten ihn in der Umgegend zu einer volksthüm - lichen Figur gemacht; er hieß kurzweg der Seebaron. Das Wort war gut gewählt. Er hatte mit den alten Seekönigen den Wanderzug und die Abenteuer gemein.

Carwe gehört den Kneſebeck’s; Wuſtrau iſt berühmt ge - worden als Wohnſitz des alten Zieten. Sein Sohn, der letzte Zieten, ſtarb hier 1854 in hohem Alter.

1*4

Wuſtrau beſtand bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts aus drei Rittergütern; nur eines derſelben gehörte den Zieten, die beiden andern (altes Beſitzthum der Familien v. Lohe und v. Güh - len) dem General-Feldmarſchall von Doſſow. Wann die Zieten in den (theilweiſen) Beſitz von Wuſtrau gelangten, iſt nicht mehr ſicher feſtzuſtellen. Eben ſo wenig kennt man das Stammgut der Familie. In der Mark Brandenburg befinden ſich neun Ortſchaften, die den Namen Zieten, wenn auch in abweichender Schreibart, führen. Als die Hohenzollern ins Land kamen, lagen die meiſten Beſitzungen dieſer Familie bereits in der Grafſchaft Ruppin. Hans v. Zieten auf Wildberg (damals ein feſter und reicher Burgflecken) war geſchworener Rath beim letzten Grafen von Ruppin, und begleitete dieſen auf den Reichstag zu Worms. Die Wildberger Zieten beſaßen Langen und Kränzlin; andere Zweige der Familie hatten Lögow und Buskow inne und einen Theil von Metzelthin. Die Wuſtrauer Zieten, ſcheint es, waren nicht reich; ſie litten unter den Nachwehen des 30jährigen Krieges und der Schwedenzeit. Der Vater Hans Joachim’s lebte noch in ſehr beſchränkten Verhältniſſen. Erſt Hans Joachim ſelbſt verſtand ſich auf Pflug und Wirthſchaft faſt ſo gut wie auf Krieg und Säbel und machte 1766 durch Ankauf der beiden Doſſow - ſchen Antheile ganz Wuſtrau zu einem Zieten’ſchen Beſitzthum. Es blieb bei ſeinem Sohne, dem letzten Zieten, bis 1854. Dieſer ernannte in ſeinem Teſtamente einen Schwerin zum Erben. Daß dieſer der nächſte Verwandte war, ſchien weniger den Ausſchlag gegeben zu haben, als die Vorſtellung, daß nur ein Schwerin würdig ſei, an die Stelle eines Zieten zu treten. Albert Julius v. Schwe - rin, der jetzige Beſitzer von Wuſtrau, wurde 1859, unter dem Namen von Zieten-Schwerin, in den Grafenſtand erhoben.

Wuſtrau liegt an der Südſpitze des See’s. Der Boden iſt fruchtbar und wo die Fruchtbarkeit aufhört, beginnt das Wu - ſtrauſche Luch, eine Torfgegend, die an Ergiebigkeit mit den Linummer Gräbereien wetteifert. Das eigentliche Dorf, ſaubere, von Wohlſtand zeugende Bauerhäuſer, liegt etwas zurückgezogen vom See; zwiſchen Dorf und See breitet ſich der Park aus, deſſen5 Baumgruppen das etwas hoch gelegene Herrenhaus überragt. Dies Schloß oder Herrenhaus gleicht auf ein Haar den adligen Wohn - häuſern, wie ſie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Städten und Dörfern hier zu Lande gebaut wurden. Unſer Pariſer Platz zeigt zu beiden Seiten noch ein Paar Muſterſtücke dieſer Bauart. Zwei Geſchoſſe (Parterre und Bel-Etage), ein hohes Dach, ein Blitzableiter, 10 Fenſter Front, eine Rampe, das Ganze gelb angeſtrichen und ein Wappen oder Namenszug als einziges Ornament. So iſt auch das alte Herrenhaus der Zieten; freilich hat es eine reizende Lage voraus. Vorder - und Hinter - front geben gleich anziehende Bilder. Jene geſtattet landeinwärts einen Blick auf Park, Dorf, Kirche und Kirchhof, ein Ueberblick, der um ſo vollſtändiger iſt, als das leis anſteigende Terrain auch das Fernerliegende dem Auge näher rückt. Die Hinterfront hat die Ausſicht auf den See.

Wir kommen in einem Boote über den See, legen an einer Waſſerbrücke an und ſpringen an’s Ufer. Ein kurzer Weg, an Parkgrün und blühenden Linden vorbei, führt uns an den ge - wöhnlichen Eingang des Hauſes. Der Flur iſt durch eine Glas - thüren-Wand in zwei Theile getheilt; die eine Hälfte, nach dem Dorf hinaus, dient als eine Art Empfangshalle und iſt mit Bil - dern und Stichen behängt, darunter der bekannte Kupferſtich Cho - dowiecki’s: Zieten ſitzend vor ſeinem König. Die andere Hälfte dient als Treppenhaus. Wir ſteigen die eichene, altmodiſch-bequeme Treppe hinauf und treten nun in die nach vornhin gelegene Zimmerreihe ein. Es ſind fünf Räume; in der Mitte ein großer 4 - oder 5fenſtriger Saal, zu beiden Seiten je zwei kleinere Zim - mer. Die kleineren Zimmer ſind durchaus ſchmucklos; über den Thüren befinden ſich Oelbilder, Copieen nach Niederländiſchen Mei - ſtern; das iſt Alles. Das Zimmer, rechts vom Saal, iſt das Sterbezimmer des letzten Zieten. Der hiſtoriſche alte Zieten ſtarb in Berlin, und zwar in einem jetzt umgebauten Hauſe in der Kochſtraße, das dem Friedrich-Wilhelms-Gymnaſium ſchräg6 gegenüber liegt. (Auch das alte ſtattliche Haus, Wilhelmsſtraße 9, galt bei ſeinen früheren Bewohnern als ein Zietenſches Haus.)

Das Zimmer links vom Saal heißt das Königs-Zimmer, ſeitdem Friedrich Wilhelm IV., etwa in der Mitte der 40er Jahre, die Grafſchaft Ruppin durchreiſte und in Wuſtrau und Koepernitz, wo damals noch die 70jährige Marquiſe La Roche Aymon lebte, einen längeren Beſuch machte.

Der große Saal iſt die eigentliche Sehenswürdigkeit des Hauſes. Alles erinnert hier an den Helden, der dieſe Stätte be - rühmt gemacht hat. Eine Koloſſal-Vaſe, in der Mitte des Saals, zeigt auf ihrer Rückſeite die Abbildung des Zietendenkmals auf dem Wilhelmsplatz; rund umher aber, an den Wänden entlang, gruppiren ſich Portraits und Büſten der allermannigfachſten Art. Unter den Skulpturen bemerken wir zunächſt zwei Büſten des alten Zieten ſelbſt. Sie ſtehen in Wand-Niſchen, auf hohen Poſta - menten, von einfacher aber gefälliger Form. Die eine Büſte, ein Gips-Modell vom berühmten Bildhauer Taſſaert, iſt ein großes Werthſtück, durchaus Portrait, das, noch bei Lebzeiten des alten Zieten, nach der Natur gefertigt wurde. Die andre Büſte, kaum zehn Jahre alt, iſt nichts wie die übrigens ſehr gelungene Aus - führung des Taſſaert’ſchen Modells in Marmor. Die Arbeit dieſes alten Meiſters iſt ganz vortrefflich, und kann der Schadow’ſche alte Zieten , den wir Alle vom Wilhelmsplatz her kennen, daneben kaum beſtehen. Die große Lebenswahrheit, die aus der Taſſaert’ſchen Büſte ſpricht, drückt, wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf, den Schadow’ſchen alten Zieten zu einer bloßen Tendenz-Statue herab. Schadow ſcheint davon ausgegangen zu ſein, den Huſaren quand même, oder das Huſarenthum an ſich, darſtellen zu wollen; er hat dies Letztere, wie mir ſcheint, als eine Idee in ſeinem Kopfe herumgetragen und dieſem idealen Huſarenthum hinterher Ausdruck gegeben. Von dem Moment ab, wo man den wirklichen alten Zieten (den Taſſaert’ſchen) geſehen hat, wird einem das mit einem Male klar. Dies übergeſchlagene Bein, dieſe Hand am Kinn, als ſolle mal wieder ein luſtiger Huſarenſtreich erſonnen und ausge -7 führt werden, iſt ganz im Charakter des Huſarenthums, aber durch - aus nicht im Charakter Zieten’s, der von Jugend auf etwas Ernſtes, Nüchternes und durchaus Schlichtes hatte. Er hatte ein verwegenes Huſaren-Herz, aber die Huſaren-Manieren, wie ſie im Buche ſtehen, waren ihm fremd. Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß mit allem dieſem kein beſonderer Tadel gegen den Schadow’ſchen Zieten ausgeſprochen ſein ſoll. Die Taſſaert’ſche Arbeit ſteht künſtleriſch auf einer höheren Stufe; die Schadow’ſche hat aber ihrerſeits gedanklich große Verdienſte, ſo große, daß die Mängel beinahe aufgewogen werden, die ihr als Portrait - Statue unbedenklich anhaften. Die vielbetonte realiſtiſche Auf - faſſung dieſer Statue iſt mehr ſcheinbar als wirklich.

Das Poſtament der Modell-Büſte erweiſt ſich, bei näherer Betrachtung, als ein Schrein von weiß-lackirtem Holz; ein Schlüſ - ſelchen öffnet die kaum bemerkbare Thür deſſelben. In dieſem ein - fachen Schrein befindet ſich der Säbel des alten Zieten, nicht jener Türkiſche, den ihm Friedrich II. nach dem zweiten Schleſi - ſchen Kriege zum Geſchenk machte, ſondern ein gewöhnlicher Preu - ßiſcher Huſaren-Säbel, wie ihn der alte Herr während des 7jährigen Krieges trug. Er zog ihn während der ganzen Campagne nur ein Mal, und dies eine Mal zu ſeiner perſönlichen Verthei - digung. Am Tage vor der Schlacht von Torgau, alſo am 2. No - vember 1760, als er in Begleitung einer einzigen Ordonnanz recognosciren ritt, ſah er ſich plötzlich von ſechs Oeſterreichiſchen Huſaren umſtellt. Er hieb ſich, im buchſtäblichen Sinne, durch und ſteckte den blutigen Säbel ruhig wieder in die Scheide. Er ſprach nie von dieſer Affaire. Die Blutflecke, ein rothbrauner Roſt, ſind noch deutlich auf der Klinge ſichtbar.

Kaum minder intereſſant, als dieſer nur einmal gezogene Helden-Säbel, ſind die 16 Lebensgroßen Bildniſſe, die ringsum die Wände bedecken. Es ſind die Portraits von 16 Offizieren des Zieten’ſchen Regiments, alle 1749, 1750 und 1751 gemalt. Die Namen der Offiziere ſind folgende: die Rittmeiſter Langen, v. Teiffel, v. Somogy, Calau v. Hofen, v. Horn, v. Seel, v. Wieck, v. Probſt,8 v. Jürgaß, v. Bader; die Lieutenants v. Reitzenſtein, v. Heinecker, v. Troſchke, und die Cornets von Schmanowski, Petri und v. Mahlen. Mit Ausnahme des Letzteren ſtarben ſie all im Felde; v. Seel fiel als Oberſt bei Hochkirch, v. Heinecker bei Zorndorf, v. Jürgaß bei Weiß-Coſtulitz, v. Wieck ſtarb als Com - mandant v. Comorn in Ungarn; wie er dort hinkam unbe - kannt. Im erſten Augenblick, wenn man in den Saal tritt und dieſe 16 Zieten’ſchen Rothröcke mit Schnauzbärten und Tigerfellen auf ſich herabblicken ſieht, wird einem etwas unheimlich zu Muthe. Sie ſehen zum Theil aus, als ſeien ſie mit Blut gemalt, und der Rittmeiſter Langen, der vergebens trachtet, ſeinen Haſenſcharten - Mund durch einen zwei Finger breiten Schnurrbart zu verbergen, zeigt einem zwei weiße Vorderzähne, als wollt er einbeißen; dazu die Tigerdecke, man möchte am liebſten umkehren. Hat man aber erſt fünf Minuten ausgehalten, ſo wird einem in dieſer Ge - ſellſchaft ganz wohl, und man empfindet alsbald, daß eine Ruben - ſche Bärenhatz oder ähnliche traditionelle Saal - und Hallen-Bilder hier viel weniger am Platze ſein würden. Die alten Schnurrwichſe fangen an, einem menſchlich näher zu treten, und man erkennt ſchließlich, hinter all dem Schreckensapparat, die wohlbekannten Märkiſch-Pommerſchen Geſichter, die nur von Dienſt wegen das Martialiſche faſt bis zum Diaboliſchen geſteigert haben. Die Bilder, zumeiſt von einem unbekannten Maler, Namens Haebert, herrüh - rend, ſind gut erhalten und, mit Rückſicht auf die Zeit ihrer Ent - ſtehung, nicht ſchlecht gemalt: das Schöne fehlt noch, aber das Charakteriſtiſche iſt da.

Der große Saal, in dem dieſe Bilder, neben ſo manchem anderen hiſtoriſchen Hausrath, ſich vorfinden, nimmt mit Recht un - ſer Hauptintereſſe in Anſpruch, aber noch vieles bleibt, in den andern Räumen des Hauſes, unſrer Aufmerkſamkeit übrig. Das ganze Schloß gleicht einer Art Zieten-Gallerie und wenige Zimmer treffen wir (ich erwähnte ſchon der Eintrittshalle im Erd - geſchoß und ihres Chodowiecki), von deren Wänden uns nicht, ſei es als Kupferſtich oder Oelbild, als Büſte oder Silhouette, das9 Bildniß des alten Helden grüßte. Alles in allem gerechnet, befinden ſich wohl an 40 Zieten-Portraits im Schloß. Viele von dieſen Bildniſſen, beſonders die Stiche, ſind allgemeiner gekannte Blätter; nicht ſo die Oelbilder, deren wir (ohne für Vollſtändigkeit zu bür - gen) zunächſt acht zählen, ſieben Portraits und das achte, ein Genrebild aus der Sammlung des Markgrafen Karl von Schwedt. Es ſtellt möglicherweiſe die Scene dar (vergl. Zietens Biographie von Frau von Blumenthal S. 56), wie der damalige Major von Zieten an den Oberſtlieutenant von Wurmb herantritt, um die Remontepferde, die ihm zukommen, für ſeine Schwadron zu for - dern, eine Scene, die bekanntlich auf der Stelle zu einem wüthen - den Zweikampf führte. Doch iſt dieſe Auslegung nur eine muth - maßliche, da die ganze Scenerie des Bildes anders iſt als die Lokalität, die Frau von Blumenthal beſchreibt. Die ſieben Por - traits, mit Ausnahme eines einzigen, ſind ſämmtlich Bilder des alten Zieten und deshalb, trotz einzelner Abweichungen in Uni - form und Haltung, in ihren unterſcheidenden Merkmalen ſchwer zu charakteriſiren. Nur das älteſte Portrait, das bis ins Jahr 1726 zurückgeht und den alten Zieten, den wir uns ohne Run - zeln und Huſaren-Uniform kaum denken können, als einen jungen Offizier bei den von Wuthenow’ſchen Dragonern darſtellt, zeichnet ſich ſchon dadurch vor allen andern Bildniſſen aus. Zieten, damals 27 Jahr alt, trägt einen Stahlküraß, wie es ſcheint, und über demſelben eine graue Uniform (früher vielleicht weiß) mit ſchmalen blauen Aufſchlägen. Ob das Bild ächt iſt, ſteht dahin; von Aehn - lichkeit mit dem alten Zieten natürlich keine Spur.

Wir verlaſſen nun den Saal und das Haus, paſſiren die andere, mehr dem Dorfe zu gelegene Hälfte des Parkes, über - ſchreiten die hübſche Dorfſtraße und ſtehen nun auf einem geräu - migen Raſenplatze, in deſſen Mitte ſich die Dorfkirche erhebt. Das Chor der Kirche liegt dem Herrenhauſe, der Thurm und die Giebel - ſeite dem Kirchhofe zu. Zwiſchen Thurm und Friedhof ſteht eine mächtige alte Linde. Die Kirche ſelbſt, in Kreuzform aufgeführt, iſt ein Ideal von einer Dorfkirche: ſchlicht, ſauber, einladend10 hübſch gelegen. Im Sommer 1756, kurz vorher, ehe es in den Krieg ging, wurde der Thurm vom Blitz getroffen. Das Innere der Kirche unterſcheidet ſich von andern Dorfkirchen nur durch eine ganz beſondere Sauberkeit und durch die Gefliſſentlichkeit, womit man das patriotiſche Element gehegt und gepflegt hat. So findet man nicht nur die übliche Gedenktafel mit den Namen derer, die während der Befreiungskriege fielen, ſondern zu der allgemeinen Tafel geſellen ſich noch ein paar Täfelchen, um die Sonder - verdienſte dieſes oder jenes zu bezeichnen. Neben dem Altar hängt ein Ebenholzkaſten mit Glasdeckel, darin ſich in ſtattlicher Reihe die Kriegsdenkmünzen derer befinden, die ihren vorangegangenen Brüdern von 1813 und 1814 nunmehr gefolgt ſind. An anderer Stelle gruppiren ſich Gewehr und Büchſe, Lanze, Säbel, Trom - mel und Flügelhorn zu einem Kriegs - und Siegeszeichen. Zwei Denkmäler zieren die Kirche; das eine, ohne künſtleriſche Bedeutung, zu Ehren der erſten Gemahlin Hans Joachim’s (einer geborenen v. Jürgaß) errichtet, das andere zu Ehren des alten Zieten ſelbſt. Dies letztere hat gleichen Anſpruch auf Lob wie Tadel. Es gleicht in ſeinen Vorzügen und Schwächen allen andern Arbeiten des raſch-fertigen, hyperproductiven Rode, nach deſſen Skizze es von dem Bildhauer Meier ausgeführt wurde. Wem eine tüchtige Technik genügt, der wird Grund zur Anerkennung finden; wer eine ſelb - ſtändige Auffaſſung, ein Abweichen vom Alltäglichen fordert, wird ſich nicht befriedigt fühlen. Ein Sarkophag und ein Relief-Portrait, eine Minerva rechts und eine Urania links, das paßt ſo ziemlich auf jeden. Es iſt das jenes gedanklich-bequeme Operiren mit über - kommenen Typen, worin unſere Bildhauer das Unglaubliche leiſten. Wenn irgend ein Leben, ſo hätte gerade das des alten Zieten die beſte Gelegenheit geboten zu etwas Neuem und Eigenthümlichem. Der Zieten aus dem Buſch, der Mann der hundert Anekdoten, die all im Volksmund leben, was ſoll er mit zwei Göttinnen thun (Einige ſagen, es ſeien ſymboliſche Figuren für Frömmigkeit und Tapferkeit), die ihn bei Lebzeiten in die ſicherſte Verlegenheit gebracht hätten. Vortrefflich iſt nur das Reliefportrait in weißem11 Marmor, das ſich an dem dunkelfarbigen Aſchenkruge des Denk - mals befindet und außer einer Silhouette im Schloß ſelber, das einzige Bildniß iſt, das uns den immer en face abgebildeten Kopf des Alten, auch ’mal in ſeinen Profillinien zeigt. Daß dieſe Linien nicht ſchön ſind, thut nichts zur Sache.

Das Marmor-Denkmal des alten Helden reicht an ihn ſelber nicht heran; es entſpricht ihm nicht. Da lob ich mir im Gegenſatz dazu das ſchlichte Grab, unter dem er draußen ſchläft. Das Monument, das ihn ehren ſoll, ſteht wind - und wetter-geborgen drinnen in der Kirche, der Alte ſelbſt aber ſchläft draußen im Freien, zugedeckt mit einem ſchlichten Sandſtein, ein letztes Bivouac, wie es ſich für den alten Zieten geziemt. Dieſer Begräb - nißplatz befindet ſich in einem der vier Winkel, die durch die Kreuzform der Kirche gebildet werden. Der Raum, von einem roſtigen Eiſengitter eingefaßt, war groß genug für vier Gräber. Hier ruhen die beiden Eltern des alten Zieten, ſeine zweite Ge - mahlin (eine geb. v. Platen) und er ſelbſt. Das Aeußere der vier Gräber iſt wenig von einander verſchieden. Ein Unterbau von Backſtein erhebt ſich zwei Fuß hoch über den Raſen; auf dem Ziegel-Fundament ruht die Sandſteinplatte. Noch nichts iſt ver - fallen; auch der gegenwärtige Beſitzer empfindet, daß er eine hiſto - riſche Erbſchaft angetreten hat und eifert getreulich dem ſchönen Vorbild des letzten Zieten nach, deſſen ganzes Leben eigentlich nur ein Cultus ſeines berühmten Vaters war.

1786 ſtarb Hans Joachim von Zieten; 68 Jahre ſpäter folgte ihm ſein Sohn, achtundachtzig Jahre alt. Wir treten jetzt an ſein Grab. Es befindet ſich unter der ſchönen alten Linde, die zwiſchen der Kirche und dem leis anſteigenden Kirchhof ſteht. Hinter ſich die langen Gräberreihen der Bauern und Büdner, macht dies Grab den Eindruck, als habe der letzte Zieten noch im Tode den Platz behaupten wollen, der ihm gebührte, den Platz an der Front ſeiner Wuſtrauer. Aehnliche Gedanken beſchäftigten ihn ſicherlich, als er zehn oder zwölf Jahre vor ſeinem Tode dies Grab zu bauen begann. Ein Hünengrab. Der letzte Zieten, klein12 wie er war, verlangte Raum im Tode. Er baute ein Grab nicht für ſich, ſondern für das Geſchlecht, das mit ihm ſchlafen ging. Mit Vorliebe entwarf er den Plan und leitete er den Bau. Eine Gruft wurde gegraben und ausgemauert und nun ein Rieſen - Feldſtein (wie ſich deren viele auf der Wuſtrauer Feldmark vor - finden) auf das offene Grab gelegt. Am Fuß-Ende war die Aus - mauerung nur halb erfolgt, ſo daß nun durch Zuſchrägung und Fortſchaffung des Sandes eine Art Kellerfenſter gewonnen war, durch das der alte Herr in ſeine letzte Wohnung hineinblicken konnte. Mit Hülfe dieſer Zuſchrägung wurde auch ſpäter der Sarg verſenkt. Als der König im Jahre 1844 den ſchon oben erwähnten Beſuch in Wuſtrau machte, führte ihn der Graf natürlich auch an die Linde, um ihm das eben fertig gewordene Grab zu zeigen. Der König wies auf eine Stelle des Rieſenfeldſteins und ſagte: Zieten, der Stein hat einen Fehler! worauf der alte Herr erwiederte: Der drunter liegen wird, hat noch mehr.

Dieſe Antwort iſt ſo ziemlich das Beſte, was vom letzten Zieten auf die Nachwelt gekommen iſt. Einzelne andere Repliken und Urtheile (z. B. über die Schadowſche Statue, ſo wie über Bücher und Bilder, deren Held ſein Vater war) ſind unbedeutend, oft ungerecht und faſt immer ſchief. Er ſah die Sachen zu ein - ſeitig, zu ſehr von dem bloß Zietenſchen Standpunkt an, um gerecht ſein zu können, ſelbſt wenn ihm ein feinerer äſthetiſcher Sinn wenigſtens die Möglichkeit gewährt hätte, es zu ſein. Dieſer äſthetiſche Sinn fehlte ihm aber völlig. Selber eine Curioſität, hatte er es über die Curioſitäten-Krämerei nie hinausgebracht. Sein Witz und Humor verſtiegen ſich nur bis zur Luſt an der Myſtification. Den Alterthumsforſchern einen Streich zu ſpielen, war ihm ein beſonderer Genuß. Er ließ von eigens engagirten Steinmetzen große Feldſteine concav ausarbeiten, um ſeine Wuſtrauer Feldmark zu einem heidniſchen Begräbnißplatz avan - ciren zu laſſen. Am See-Ufer hing er in einem niedlichen Glocken - häuschen eine irdene Glocke auf, der er zuvor einen Bronce - Anſtrich hatte geben laſſen. Er wußte, daß die vorüberfahrenden Schiffer ſie innerhalb acht Tagen ſtehlen würden. Er hatte ſich13 nicht verrechnet und fand nach drei Tagen ſchon die Scherben. Solche Ueberliſtungen freuten ihn und man kann zugeben, daß darin ein Aederchen von der Herz-Ader ſeines Vaters ſichtbar war. Er war unfähig, zu dem Ruhme ſeines Hauſes auch nur ein Kleinſtes hinzuzufügen, aber er fühlte ſich als Verwalter dieſes Ruhmes und dieſes Gefühl gab ihm unter Umſtänden Bedeutung und ſelbſt Würde. Wo er für ſich und ſeine eigenſte Perſon eintrat, in den privaten Verhältniſſen des alltäglichen Lebens, war er eine wenig erfreuliche Erſcheinung: kleinlich, geizig, unſchön in faſt jeder Beziehung. Von dem Augenblick an aber, wo die Dinge einen Charakter annahmen, daß er ſeine Perſon von dem Namen Zieten nicht mehr trennen konnte, wurde er auf kurz oder lang ein wirklicher Zieten. Er war nicht adlig, aber ariſtokratiſch. Dies ariſtokratiſche Fühlen, wenn geglüht in leidenſchaftlicher Erregung, konnte auf Momente den Lichtblick wahren Adels zeigen, wie die Kohle, in rechter Gluth, zum Diamanten wird; aber ſolche Mo - mente weiſt ſein langes Leben nur ſpärlich auf. Sein Beſtes war die Liebe und Verehrung, mit der er ein halbes Jahrhundert lang die Schleppe ſeines Vaters trug. In dieſem Dienſte verſtieg ſich ſein Herz bis zum Poetiſchen in Gefühl und Ausdruck. Auf dem großen Raſenplatz, der die Kirche umgiebt, etwa hundert Schritte vom Grabe Hans Joachim’s entfernt, erhebt ſich ein hoher, zuge - ſpitzter Feldſtein mit einer Eiſenplatte, die in den Stein eingelegt iſt. Auf dieſer Eiſenplatte ſtehen in Goldbuchſtaben folgende Worte:

Im Jahre 1851 den 23. April stand an dieser Stelle das Blücher’sche Husaren-Regiment, um den hier in Gott ruhenden Helden, den berühmten General der Cavallerie und Ahnherrn aller Husaren, Hans Joachim von Zieten, in Anerkennung seiner hohen Verdienste durch eine feierliche Parade zu ehren. Ruhe und Friede seiner Asche! Preis und Ehre seinem Namen! Er war und bleibt der Preussen Stolz.

Ahnherr aller Huſaren ein Poet hätt es nicht beſſer machen können.

[14]

Carwe.

Vivat et crescat gens Knesebeckiana
in aeternum.

Unſer Weg führt uns heute nach Carwe. Es liegt am Oſtufer des Ruppiner See’s und ein Wuſtrauer Fiſcher fährt uns in einer halben Stunde hinüber. Die Oſtufer des See’s, wenigſtens an ſeiner ſüdlichen Hälfte, ſind reich bewaldet und von maleriſcher, faſt romantiſcher Wirkung. Ein beſonderer Schmuck des See’s an dieſer Stelle iſt ſein dichter Schilfgürtel, der namentlich in Front des Carwer Parkes wie ein Waſſerwald ſich hinzieht und hier und da eine Breite von hundert Fuß und darüber haben mag. An dieſes Schilfufer knüpft ſich eine Geſchichte, die uns am beſten in das ſtarke und friſche Leben einführt, das hier ein halb Jahr - hundert lang zu Hauſe war, und von dem ich Gelegenheit haben werde, manchen hübſchen Zug zu erzählen.

Es war im Jahr 1785. Der Sohn des alten Zieten auf Wuſtrau war Cornet im Leibhuſaren-Regiment ſeines Vaters und der Sohn des alten Kneſebeck auf Carwe war Junker im In - fanterie-Regiment von Kalkſtein, das damals in Magdeburg ſtand. Der Zufall wollte, daß beide zu gleicher Zeit Urlaub nahmen und auf Beſuch nach Haus kamen. Die beiden Nachbarfamilien lebten auf dem beſten Fuß mit einander und auch die jungen Leute unterhielten einen freundſchaftlichen Verkehr. Man ſah ſich oft und unternahm gemeinſchaftliche Partieen. Es war im Auguſt, See und Himmel waren blau, und der Schilfwald, der ſich im Waſſer15 ſpiegelte, ſtieg wie eine grüne Mauer aus dem Grunde des See’s auf. An ſolchem Tage begegneten ſich Junker und Cornet am Ufer, plauderten hin und her von der Strenge des Dienſtes und von der Luſt des Krieges und kamen endlich überein, in Ermang - lung wirklichen Kampfes, zwiſchen Carwe und Wuſtrau eine See - ſchlacht aufzuführen. Man machte auch gleich den Plan. Die Carwe’ſchen ſollten heftig angreifen und die Zieten’ſchen bis nach Wuſtrau hin zurückdrängen, dann aber ſollten dieſe ſich recolli - giren und die Kneſebeck’s in ihren Schilfwald zurückwerfen. So war es beſchloſſen; man ſchied mit herzlichem Händeſchütteln und freute ſich auf den andern Tag. Die Eltern nahmen auch Antheil und beide Dörfer waren in Aufregung. Nach Ruppin hin ergingen Einladungen an befreundete Offiziere, Pulver wurde beſchafft, und während Cornet und Junker ihre Dispoſitionen trafen, nahmen die Herrenhäuſer von Carwe und Wuſtrau den Charakter eines Kriegslaboratoriums an, drin allerhand Feuerwerk, Schwärmer, Raketen und Feuerräder in möglichſter Eile hergeſtellt wurden. So kam der erſehnte Abend. Mit dem Schlage neun liefen beide Flotten aus, jede ſechs Kähne ſtark, das Admiral-Boot vorauf. Als man an einander war, begann die Schwärmer-Kanonade; vom Ufer her ſcholl der Jubel einer dichtgedrängten Menſchenmenge, und als ein pot à feu jetzt ſeine Leuchtkugeln in die Luft warf, zogen ſich verabredetermaßen die Zieten’ſchen nach Wuſtrau hin zurück. Aber nur auf kurze Diſtance. Eh ſie noch in die Nähe des Hafens gekommen waren, wandten ſie ſich wieder und drei große Raketen, faſt horizontal über das Waſſer hinſchießend, gin - gen ſie jetzt ihrerſeits mit verdoppeltem Ruderſchlag zur Attaque über. Die Carwe’ſchen hielten einen Augenblick Stand, dann be - gann die Retraite immer eiliger, immer raſcher. Die Wuſtrau’ſchen ſetzten nach und waren eben auf dem Punkt, die Fliehenden bis in das dichte Schilf hinein zu verfolgen, als ein lautes, ſtaunendes Ah, das vom Ufer her herüberklang, die Verfolgenden ſtutzig machte und ihre Blicke nach rückwärts lenkte. Die Sieger waren gefangen. Im Carwe’ſchen Schilf hatte eine ganze Flotte von16 Fiſcherkähnen verborgen gelegen, die der Junker vom Regimente von Kalkſtein als Miethstruppe für dieſen Tag angeworben und von ſeinem Taſchengelde bezahlt hatte. Es waren Fiſcherkähne aus Alten-Frieſack, 24 an der Zahl. In langer Linie kamen ſie jetzt aus dem Schilf hervor, jeder eine Laterne hoch am Maſt, und legten ſich quer über den See. Das Lampenlicht war hell genug, die Fiſchergeſtalten zu zeigen, wie ſie da ſtanden mit vorgehaltenem Ruder, bereit, jeden Fluchtverſuch zu vereiteln. Die Wuſtrau’ſchen machten gute Miene zum böſen Spiel und ſprangen lachend an’s Ufer. Nie wurden Gefangene ſchmeichelhafter begrüßt. Als ſie in den Park traten, ſahen ſie dicht vor dem Herrenhauſe eine Ehren - pforte errichtet, an deren Spitze das von Lichtern umgebene Bild des alten Zieten leuchtete, darunter die Unterſchrift: Voilà notre modèle. Am andern Tage erhielt der Junker v. d. Kneſebeck eine Einladung nach Wuſtrau. Der alte 86jährige Zieten, der gemein - hin einen grauleinenen Kittel zu tragen pflegte, ſaß heut in voller Uniform auf ſeinem Lehnſtuhl und rief den eintretenden Junker zu ſich heran: Komm her, mein Sohn, und küſſe mich. Werde ſo ein braver Mann wie Dein Vater. Der Junker trat heran und bückte ſich, um dem Alten die Hand zu küſſen. Dieſer aber legte beide Hände auf den Kopf des Junkers und ſprach bewegt: Gott ſegne Dich!

Das iſt die Geſchichte von der Seeſchlacht bei Carwe; ſie kann es aufnehmen mit manchem großen Sieg. Wer aber am Ruppiner See zu Hauſe iſt, den freut es zu ſehen, was in Dorf und Stadt auf ſeinem ſchmalen Uferſtreifen an Männern alles gewachſen iſt. Welche auf - und niedergehenden Sterne trafen eben damals an den Ufern dieſes See’s zuſammen! In ſeinem Lehn - ſtuhl Zieten, der Lieblingsheld unſeres Volks, und vor ihm ge - bückt jener Kneſebeck, der 30 Jahre ſpäter den ſiegreichen Ge - danken gebar, daß der Welteroberer, der durch keine menſchliche Kraft zu beſiegende Gegner, nur durch die ſtille Macht des Rau - mes, d. h. durch einen Ruſſiſchen Krieg, zu vernichten ſei. Um dieſelbe Stunde aber, wo der Junker vom Regiment von Kalk -17 ſtein den Segen eines abſterbenden Helden empfing, ſpielte im Superintendenten-Garten der Stadt Ruppin ein Knabe umher und ſah leuchtenden Auges nach den Spitzen der alten Kloſterkirche hinüber. Dann kniete er nieder und zeichnete Figuren in den Sand. Dieſer Knabe war Karl Friedrich Schinkel.

Auch wir kommen von Wuſtrau minder raſch als damals der Cornet von Zieten, aber ſicherer und nähern uns, ohne unſere Rückzugslinie gefährdet zu ſehen, durch eine der Straßen, die ſich durch den Schilfwald ziehen, dem Holzſteg, an dem die Boote anzulegen pflegen. Wir ſpringen an’s Ufer und befinden uns in dem Park von Carwe. Er iſt ziemlich groß, mit vielem Geſchmack und in einem einfach noblen Stiel angelegt, das Ganze vorwiegend eine Schöpfung unſeres Junkers vom Regi - ment von Kalkſtein , des am 12. Januar 1848 verſtorbenen Feldmarſchalls von dem Kneſebeck. Dieſer ausgezeichnete Mann wird überhaupt den Mittelpunkt alles deſſen bilden, was ich in Weiterem zu erzählen habe, da er, wie der Hauptträger des Ruh - mes der Familie, ſo auch zugleich derjenige iſt, der am ſegens - reichſten an dieſer Stelle gewirkt und den todten Dingen entweder den Stempel ſeines Geiſtes aufgedrückt oder ihnen, durch irgend eine Beziehung zu ſeiner Perſon, zu einem poetiſchen Leben ver - holfen hat.

Wir haben den Park ſeiner Länge nach paſſirt und ſtehen jetzt vor dem Herrenhauſe. Es iſt einer jener Flügelbauten, wie ſie dem vorigen Jahrhundert eigenthümlich waren und erinnert in Form und Farbe an das Radziwill’ſche Palais in Berlin, das jeder meiner Leſer kennen wird. Das letztere iſt größer und hat mehr Roccocoſchmuck an ſeiner Façade. Auch das Eiſengitter, das den Hofraum abſchließt und die Flügel verbindet, fehlt dem Carwe - ſchen Herrenhauſe, das aber dafür ſeinerſeits wie in Blumen ſteht und an ſeinem Eingange von zwei Moloſſer-Hunden in Erzguß flankirt wird. Trotz der Blumenfülle, die den Grasplatz zwiſchen den Flügeln überdeckt, ja trotz der Pfauenſtange, die vom Hof her über das Dach hinwegragt, und auf deren höchſter Spitze die218ſchönen, farbenprächtigen Thiere ſitzen, ruft das Herrenhaus einen ernſten, beinah düſtern Eindruck hervor und macht einem, auch ohne praktiſche Probe, die Verſicherung glaubhaft, daß es ein Spukhaus ſei. Leider entbehrt die überlieferte Spukgeſchichte ſelbſt aller charakteriſtiſchen Züge und paßt inſofern ſchlecht nach Carwe hin, wo einem alles Andere plaſtiſch beſtimmt, gut motivirt und voll feſſelnder Eigenthümlichkeit entgegentritt. Die übliche hohe Frau, deren ſchwarze Seide durch die Zimmer rauſcht; das übliche Poltern, Rumoren und Thürenklappen; der traditionelle Seufzer, womit die Erſcheinung verſchwindet nichts Beſonderes, nichts Abweichendes. Niemand weiß, wer die ſchwarze Dame iſt, und wer es weiß, will es vielleicht nicht wiſſen. Ihrer Erſcheinung fehlt das beſtimmte, hiſtoriſche Fundament, jener dunkle Fleck, ohne den es keine Geſpenſter und keine Geſpenſtergeſchichten giebt.

Carwe gehört den Kneſebeck’s in der vierten Generation. Der Urgroßvater des jetzigen Beſitzers kaufte es im Jahre 1721 von dem Vermögen ſeiner Frau und errichtete das Wohnhaus, das wir, wenn auch verändert und erweitert, noch jetzt vor uns er - blicken. Die Umſtände, die dieſen Kauf und Bau begleiteten, ſind zu eigenthümlicher Art, um hier nicht erzählt zu werden. Der Ur - großvater Carl Chriſtoph Johann von dem Kneſebeck, zu Wittingen im Hannoverſchen geboren, trat früh in Preußiſche Kriegsdienſte. Er war ein großer, ſtarker und ſtattlicher Mann, aber arm. Die Regierungszeit Friedrich Wilhelm’s I. indeß war juſt die Zeit, wo das Verdienſt des Großſeins die Schuld des Armſeins in Balance zu bringen wußte und gemeinhin noch Ueberſchüſſe ergab. Carl Chriſtoph Johann war ſehr groß und ſo erfolgte alsbald eine Cabinets-Ordre, worin die reiche Wittwe des General-Adjutanten v. Köppen, eine geborne v. Bredow, angewieſen wurde, den Oberſt - Lieutenant v. d. Kneſebeck zu ehelichen. Die Hochzeit erfolgte und Carwe wurde vom Gelde der reichen Frau gekauft. Aber die Gnadenbezeigungen gegen den ſtattlichen Oberſt-Lieutenant hatten hiermit ihr Ende noch nicht erreicht. Im Kopfe des Königs mochte die Vorſtellung lebendig werden, daß eigentlich die reiche Wittwe19 bis dahin Alles und die Gnade Sr. Majeſtät ſehr wenig gethan habe; ſo verſprach er denn, dem jungen Paar ihr neues Wohn - haus in Carwe einzurichten und ſogar zum Aufbau deſſelben die Balken und den Kalk zu liefern. Bald ſtand das Haus da, und die innere Einrichtung, die Möblirung erfolgte mit ſo viel Muni - ficenz, wie es dem ſparſamen und ſchlicht gewöhnten König nur immerhin möglich war. Selbſt Königliche Familien-Portraits, zum Theil von der Meiſterhand Pesne’s, wurden geliefert und in einem Empfangsſaal des erſten Stockes in das Mauerwerk eingefügt. Wir werden gleich ſehen, wie wichtig es für den neuen Beſitzer von Carwe war, dieſe ſtattliche Bilderreihe nicht aufgehängt, ſon - dern eingemauert zu haben. Es waren nämlich kaum einige Monate in’s Land gegangen, als ein großer Planwagen vor dem Kneſebeck’ſchen Hauſe erſchien und mit ihm zugleich die Ordre, das durch Königliche Munificenz erhaltene Ameublement wieder zurück - zuliefern. Es waren nicht die Zeiten, um ſolcher Ordre irgend - welchen erheblichen Widerſtand entgegenzuſetzen und die Spiegel und Tiſche und Kommoden, die der gebornen v. Bredow bereits lieb und theuer geworden waren, verſanken alsbald zwiſchen den Heu - und Strohbündeln des draußen harrenden Wagens. Was zu dieſer Ordre geführt hat, ob einfach Laune oder aber die öko - nomiſche Erwägung, daß der von Kneſebeck nunmehro reich genug ſei, um ſich auch ohne geſchenkte Königliche Möbel behelfen zu können, iſt nie bekannt geworden. Der Planwagen kam nie wie - der; zurückgelaſſen hatte er nur die eingemauerten Bilder und einen alten Eichentiſch, den ſeine Unſcheinbarkeit rettete, mit deren Hülfe er dem Kneſebeck’ſchen Hauſe bis dieſen Tag erhalten worden iſt.

Wir treten nun an den Hunden des Phidias (den Moloſſern) vorbei, in das Haus ſelber ein. Das erſte Zimmer mit der Aus - ſicht auf den Park iſt das Bibliothekzimmer. Auf ſchlichten Regalen ſtehen ſchlichte Einbände, keine Goldſchnitts-Literatur zum Anſehen, ſondern Bücher zum Leſen, Krieger für den Werkeltag. Es ſind Bücher und Broſchüren, die der alte Feldmarſchall in ſeinem 80jährigen Leben geſammelt hat und über deren Inhalt und Rich -2*20tung ſeine eigenen Worte Auskunft geben mögen: Mit meinen Studien in Geſchichte, Philoſophie und ſchönen Wiſſenſchaften ging es beſſer; ſie intereſſirten mich über Alles, beſonders Geſchichte und Lebensbeſchreibungen, zu denen auch bis ins ſpäte Alter mir die Neigung geblieben iſt. Die poetiſche Grund - anlage des alten Herrn ſpricht ſich in dieſen Worten aus; hätt es je eine ſchaffende dichteriſche Natur gegeben, der nicht Biogra - phieen und Memoiren die liebſte Lectüre geweſen wären!

Aus dem Bibliothekzimmer tritt man in das dahinter gelegene Empfang - und Familienzimmer. Es hat die Ausſicht auf die Hof - und Stallgebäude; Tauben ſitzen auf den Fenſterſimſen, und in der Mitte des Hofes ſteigt die Pfauenſtange wie ein tropiſcher Wunderbaum hoch in die Luft. Das Zimmer iſt groß und geräu - mig und macht vor Allem den Eindruck behaglichen Geborgenſeins. An Bildern weiſt es nichts von beſonderem Intereſſe auf, außer einer Anſicht von Schloß Tilſen, dem alten Familienſitz (in der Nähe von Salzwedel) der Kneſebeck’s. Die eigentliche Sehenswür - digkeit dieſes Zimmers iſt jener alte Eichentiſch, deſſen Unſcheinbar - keit ihn vor der Verſenkung in den Planwagen rettete. Und doch war dies ſchlichte Wirthſchaftsſtück das eigentliche chef d’œuvre des Ameublements, wenn auch damals nicht, ſo doch jetzt. Dieſer Tiſch nämlich bildete einen Theil jener langen Tafel, an der die Sitzungen des Tabaks-Collegiums gehalten wurden. Es exiſtiren ihrer nur noch zwei, dieſer Kneſebeck’ſche in Carwe und ein Zwillings - bruder deſſelben in Potsdam. Eine Decke von braunem ſchweren Seidenzeug verhüllt wie billig die eichene Derbheit dieſes nicht ſalonfähigen Möbels, deſſen Conſtruction ganz eigenthümlicher Art iſt. Die Platte beſteht aus zwei abgeſtutzten Dreiecken und ruht auf ſechs Füßen, deren Stellung unter einander wiederum zwei Dreiecke bildet. Verbindungshölzer und Eiſenkrampen halten das Ganze zuſammen und ſtellen einen Bau her, der allen Anſpruch darauf hatte, überſehen zu werden, als die Trumeaux hinaus - getragen wurden.

Links neben dem Empfangs-Saal befindet ſich das Arbeits -21 zimmer des gegenwärtigen Beſitzers. Es iſt ſehr klein, etwas geräuſchvoll gelegen und ſelbſt zur Nachtzeit jener Ruhe entbehrend, ohne die es kein eigentliches Studium giebt. Die Dame im ſchwarzen Seidenkleid nämlich beginnt von hier aus ihren Rund - gang durch das Haus, und es iſt begreiflicherweiſe nicht Jeder - manns Sache, um die zwölfte Stunde ruhig ein Buch zu leſen, wenn man fürchten muß, die ſchwarze Frau ſteht hinter einem und lieſt mit, wie zwei Leute, die aus einem Geſangbuch ſingen.

Ueber dem Schreibpult im ſelben Zimmer hängt ein ſehr gutes Crayon-Portrait des Feldmarſchalls, und auf einem Tiſchchen daneben ſteht ein porzellanenes Schreibzeug mit einer Roſen-Guir - lande, ein Geſchenk vom alten Gleim, der dem Feldmarſchall in ſeinen Lieutnantstagen nah befreundet war.

Zur Rechten des Empfangszimmers iſt der Speiſeſaal. Hier befinden ſich neben anderen Schildereien vier Familienportraits: zunächſt der Ahnherr des Hauſes, einem Grabſtein-Relief nach - gebildet, das ſich in der Kirche zu Hannoveriſch-Wittingen bis dieſen Tag erhalten hat. Unmittelbar darunter hängen die Bilder vom Urgroßvater und Großvater des jetzigen Beſitzers, von denen wir den Erſteren als ſtattlichen, reich verheiratheten Oberſt-Lieute - nant bei der Garde, den andern als Vater des Junkers vom Regiment v. Kalkſtein bereits kennen gelernt haben. Er war bei Kollin durch Arm und Leib geſchoſſen worden und derſelbe, auf den der ſterbende Zieten die Worte bezog: Gott ſegne Dich und werde ſo brav wie Dein Vater. Unter dieſen beiden Portraits hängt das vortrefflich ausgeführte Oelbild des Feldmarſchalls v. d. Kneſebeck, damals (während der Befreiungskriege) noch General-Lieutenant in der Occupations-Armee. Das Bild zeigt in ſeiner linken Ecke den Namen: Steuben; Paris, 1814 , kurze Worte, die beſſer als jede Beſchreibung für den Werth des Bildes ſprechen.

An der gegenüberliegenden Wand des Saales befindet ſich eine Copie jenes berühmten Correggio’ſchen Chriſtuskopfes auf dem Schweißtuche der heiligen Veronica. Das Original bildet jetzt22 bekanntlich eine Zierde unſeres Berliner Muſeums; früher hing es im Eßſaal zu Carwe, an derſelben Stelle, die ſich jetzt mit der bloßen Copie behelfen muß. Intereſſant iſt es, wie das Original in den Beſitz der Familie kam. Der Feldmarſchall bereiſte, un - mittelbar nach dem Kriege, Italien und kam nach Rom. Kurz vor ſeiner Rückreiſe wurde ihm von einem Trödler ein Chriſtus - kopf zum Verkauf angeboten, deſſen hohe Schönheit auch ſeinem Laienauge auf der Stelle einleuchtete. Er kaufte das Bild für eine anſehnliche Summe. Kaum war er im Beſitz deſſelben, als ſich das Gerücht verbreitete, eins der Italieniſchen Klöſter ſei be - raubt worden der Correggio’ſche Chriſtuskopf auf dem Schweiß - tuch der heiligen Veronica ſei fort. Der nächſte Tag brachte die amtliche Beſtätigung und Belohnungen wurden ausgeſetzt für die Wiederbeſchaffung und ſelbſt für den Nachweis des berühmten Gemäldes. Der damalige General-Lieutenant begriff die Gefahr und traf ſeine Vorkehrungen. Das Bild wurde in ein Wagen - kiſſen eingenäht; der glückliche Beſitzer, der bis dahin kaum ſelbſt gewußt haben mochte, was er beſaß, nahm auf ſeinem neuen Schatze Platz und brachte ſo ſein ſchönes Eigenthum über die Alpen. Ich kann nicht ſagen, wie lange das Bild in Carwe blieb; muthmaßlich nur kurze Zeit. Das Haus Kneſebeck, das zu Anfang des 18. Jahrhunderts von den Hohenzollern ein halbes Dutzend Familienportraits geſchenkt erhalten hatte, nahm zu Anfang des 19. Jahrhunderts Veranlaſſung, dem Königlichen Hauſe ein Gegen - geſchenk zu machen und warf (in aller Pietät gegen die Hohenzollern ſei es geſagt) einen Correggio’ſchen Chriſtuskopf gegen ſechs Pesneſche Kurfürſten ſiegreich in die Waage. Friedrich Wilhelm III. acceptirte in Gnaden das Geſchenk ſeines General-Lieutenants und willigte gern in Erfüllung des einen Wunſches, den Kneſebeck bei Ueber - reichung des Bildes geäußert hatte, daß daſſelbe nämlich unwan - delbar in der Königlichen Hauskapelle verbleiben möge. Dieſe Zu - ſage iſt aber im Lauf der Jahre entweder vergeſſen oder aus Hohenzollern’ſcher Humanität, die nichts Schönes für ſich allein haben mag, abſichtlich geändert worden. Das Bild gehört nicht23 mehr der Hauskapelle, ſondern, wie Jedermann weiß, dem Bilder - Muſeum an. Nur bei Gelegenheit der Taufe des jungen Prinzen, deſſen Geburt im Februar dieſes Jahres alle loyalen Herzen in Stadt und Land mit Freude füllte, kam auch der Correggio zu ſeinem zugeſagten Recht und wandelte auf 24 Stunden aus den Sälen des Muſeums in den prächtigen Kuppelbau der Schloß - kapelle hinüber.

Wir machen von dem Eßſaal aus noch einen Rundgang durch die Räume des oberen Stockwerkes, inſpiciren im Hof den hiſtoriſchen alten Kaleſchwagen, in dem der damalige Oberſt v. Kneſebeck die berühmte Reiſe nach Petersburg antrat, um dem Kaiſer Alexander zuzurufen: Krieg und wieder Krieg! Die Qua - dratmeilen Rußlands ſind die Rettung Europa’s! und kehren dann in das Empfangs - und Familienzimmer zurück, deſſen bequeme Polſterſtühle zu einer kurzen Raſt einladen. In dieſem Zimmer pflegte der alte Feldmarſchall, beide Hände auf dem Rücken, den kurzen Sammetrock durch eine Schnur zuſammengehalten, mit großen Schritten auf und ab zu ſchreiten. Hier war die Arbeits - ſtätte ſeiner Gedanken, hier, wo er in beſten Mannesjahren ſein Gehirn zerſonnen hatte, wie Rettung zu ſchaffen und dem Feinde ſeines Landes, dem Feinde alles Lebens ſiegreich beizukommen ſei. Und hier fand er es. Hören wir, was er ſelbſt darüber ſchreibt: Die Karte von Rußland kam nicht von meinem Pult. Ich ſah die unermeßliche Fläche, berechnete die möglichen Märſche des Er - oberers und ſiehe da, die beiden großen Alliirten Rußlands: der Raum und die Zeit, traten mit einer Lebendigkeit vor meine Seele, die mir keine Ruhe mehr ließ. Zur Gewißheit wurde es mir: ſo iſt er zu beſiegen und ſo muß er beſiegt werden.

Wir Alle wiſſen jetzt, wie praktiſch-richtig das poetiſch Ge - ſchaute jener nächtlichen Stunden geweſen iſt. Das glänzendſte Zeugniß aber ſtellte unſerem Kneſebeck ſein Gegner ſelber aus. Dieſer hatte den Kneſebeck’ſchen Plan gekannt, aber ignorirt. Im Frühjahr 1813 fand folgende Unterhaltung zwiſchen Napoleon und dem Grafen St. Marſan (bis dahin Geſandter am Preu -24 ßiſchen Hofe) ſtatt. Der Kaiſer: Erinnern Sie ſich noch eines Berichtes, den Sie mir im Jahre 1812 von einem gewiſſen Herrn v. Kneſebeck geſchickt haben? St. Marſan: Ja, Ew. Majeſtät. Der Kaiſer: Glauben Sie, daß er im gegenwärtigen Kriege mitfechten wird? St. Marſan: Allerdings glaub ich das. Der Kaiſer: Der Menſch hat richtig vorausgeſehen, und man darf ihn nicht aus dem Auge verlieren.

So Napoleon im Frühjahr 1813. Andere Zeiten kamen, der 46jährige Oberſt von dem Kneſebeck war ein Siebziger geworden und ſtatt der Karte von Rußland und vorausberechneter Märſche und Schlachten, lagen nun die Memoiren derer auf dem Tiſch, die damals mit ihm und gegen ihn die Schlachten jener Zeit ge - ſchlagen hatten. Nach einer Epoche reichen, thatkräftigen Lebens war auch für ihn die Zeit philoſophiſcher Betrachtung gekommen. Die Lieutenantstage von Halberſtadt wurden ihm wieder theuer, das Bild des alten Gleim trat wieder freundlich nickend vor ſeine Seele, und der Mann, der zeitlebens wie ein Poet gedacht und gefühlt hatte, fing als Greis an, auch jenem letzten zuzuſtreben, das den Dichter macht der Form. Aehnlich wie Wilhelm v. Humboldt in Tegel, ſo ſaß der alte Kneſebeck auf ſeinem väter - lichen Carwe und beſchloß ein gedankenreiches Leben mit dem Con - cipiren und Niederſchreiben von Sinn - und Lehr-Gedichten, von Epiſteln und Epigrammen.

Sprecht mir doch nur immer nicht;
Für die Nachwelt mußt du ſchreiben;
Nein, das laſſ ich weislich bleiben,
Denn es lohnt der Mühe nicht!
Was die alte Klatſche ſpricht,
Die ihr titulirt Geſchichte,
Bleibt, beſehn bei rechtem Lichte,
Doch nur Fabel und Gedicht,
Höchſtens ein Partei-Gericht.

Das klingt hart, aber wenn irgend einer competent war zu urtheilen, ſo war er es. Es nimmt der Wahrheit ſeines Aus -25 ſpruches nichts, daß eine leiſe Bitterkeit oder ein Wort der Reſig - nation ſeine Sentenzen gelegentlich färbte:

Wie du gelebt, ſo geh zu Grabe,
Still, prunklos, wenig nur gekannt.
Was du für Welt, für Vaterland,
Für Andre hier gethan, ſei ſtumme Gabe,
Des Gebers Name werde nie genannt.

So ſchrieb er am Abend ſeines Lebens. Bis tief in die Nacht hinein ſaß er an ſeinem Pult. Die ſchwarze Frau kam und ging, aber das Kniſtern ihrer Seide ſtörte ihn nicht, eben ſo wenig wie das Kniſtern im Kamin; er, der dem großen Geſpenſt des Jahr - hunderts mit ſiegreichem Gedanken entgegengetreten war, war ſchuß - feſt gegen die Geiſter. Ein Jahr vor ſeinem Tode ward er Feld - marſchall. Drei Jahre früher war ihm ein erſter Enkel geboren worden, zu deſſen Taufe der König verſprochen hatte, nach Carwe zu kommen. Er kam nicht, aber ſtatt ſeiner traf ein Entſchuldi - gungs-Brief ein, deſſen Namenszug mit Hülfe eines angehängten Schnörkels in ein Wickelkind auslief. Vor dieſem Wickelkind, das natürlich den kleinen Kneſebeck repräſentiren ſoll, ſteht der König ſelbſt (ein wohlgelungenes Portrait von Königlicher Hand) und macht dem Täufling ſeine Verbeugung; darunter die Worte: Vivat et crescat gens Knesebeckiana in aeternum.

Wir verließen das Empfangszimmer und traten wieder in den Park. An einer der ſchönſten Stellen deſſelben hatte uns die Gärtnersfrau ein Nachmittagsmahl ſervirt: ſaure Milch mit jener chamoisfarbenen Sahnenſchicht, die den Reſidenzler mit allem Zau - ber der Neuheit berührt. Um uns her, als ſtumme Zeugen unſrer Freude, ſtanden 21 Edeltannen und neigten ſich gravitätiſch im Abendwind. Dieſe 21 Tannen pflanzte der alte Feldmarſchall im Sommer 1821, als die Nachricht nach Carwe kam, daß Napoleon auf St. Helena geſtorben ſei. Auch das Datum ſeines Todes ſchuf noch eine letzte Berührung zwiſchen den alten Gegnern; der 5. Mai war der Geburtstag Kneſebeck’s, wie er der Todestag26 Napoleon’s war. Unter den Papieren des Feldmarſchalls aber fanden ſich folgende Zeilen, die der Ausdruck ſeines Lebens und vielleicht ein treffendes Motto Märkiſchen Adels ſind:

Mit dem Schwerte ſei dem Feind gewehrt,
Mit dem Pflug der Erde Frucht gemehrt;
Frei im Walde grüne ſeine Luſt,
Schlichte Ehre wohn in treuer Bruſt.
Das Geſchwätz der Städte ſoll er flieh’n,
Ohne Noth von ſeinem Heerd nicht zieh’n,
So gedeiht ſein wachſendes Geſchlecht,
Das iſt Adels Sitt und altes Recht.
[27]

Neu-Ruppin.

1. Ein Gang durch die Stadt. Die Kloſterkirche.

Wir kennen jetzt die Südufer des Ruppiner See’s, haben Carwe und Wuſtrau durchſtreift und ſchicken uns nun an, der alten Hauptſtadt dieſes Landestheiles unſeren Beſuch zu machen, der Stadt Ruppin ſelbſt, die dem See, woran ſie liegt, wie der ganzen Grafſchaft den Namen gegeben hat. In ſchräger Linie kreu - zen wir, von Carwe aus, den an dieſer Stelle ziemlich breiten See, laben uns, die Juli-Sonne zu unſeren Häupten, an der feuchten Kühle des Waſſers und traben endlich, nachdem wir das Weſtufer erreicht haben, in offnem Wagen die kahle, ſtaubige Chauſſee entlang, unſere Regenſchirme als Schutz - und Schatten - dächer über uns. Grau wie die Müllerthiere erreichen wir die Stadt, ſehen, mit geblendeten Augen, wenig oder nichts, und athmen erſt auf, als wir vor’m Gaſthof zum Deutſchen Hauſe halten und freundlich bewillkommt in die Kühle des Flures treten. Moſelwein und Selterwaſſer ſtellen bald unſre Lebensgeiſter wieder her und geben uns Muth und Kraft eine erſte Promenade zu machen und dem Pflaſter der Stadt zu trotzen. In unſeren dünn - ſohligen Stiefeln werden wir freilich mehr denn einmal an jenen mecklenburgiſchen Gutsbeſitzer erinnert, den ſeine revoltirenden Hinterſaſſen auf ſpitzen Steinen hatten tanzen laſſen.

Die Stadt Ruppin hat eine ſchöne Lage See, Gärten28 und der ſogenannte Wall ſchließen ſie ein. Nach dem großen Feuer, von dem ſie faſt ganz verzehrt ward (wie wenn man von einem runden Brot die beiden Kanten übrig läßt) wurde ſie in einer Art Reſidenzſtil wieder aufgebaut. Lange, breite Straßen durchſchneiden die Stadt, nur unterbrochen durch ſtattliche Plätze, auf deren Areal unſere Vorvordern ſelbſt wieder kleine Städte er - richtet hätten. Für eine reiche Reſidenz voller Paläſte und hoher Häuſer, voll Leben und Verkehr, mag ſolche Anlage die empfeh - lenswertheſte ſein; für eine kleine Provinzialſtadt aber iſt ſie bedenk - lich. Sie gleicht einem auf Auswuchs gemachten Staatsrock, in den ſich der Betreffende nie hineinwachſen kann. Dadurch entſteht eine Oede und Leere, die zuletzt zu dem Gefühl einer verſteinerten Langeweile führt.

Die Billigkeit erheiſcht hinzuzufügen, daß wir es unglücklich trafen: das Gymnaſium hatte Ferien und die Garniſon Mobil - machung. So fehlten denn die rothen Kragen und Aufſchläge, die, etwa wie die zinnoberfarbenen Jacken auf allen Cuypſchen Bildern, in unſerm farbloſen Norden dazu berufen ſcheinen, der etwas monotonen Landſchaft Leben und Friſche zu geben. Alles war ſtill und leer; auf dem Schulplatz wurden Betten geſonnt es ſah aus, als wollten ſie die ganze Stadt auffordern, ſich ſchlafen zu legen.

Aber nicht die Oede und Stille der Stadt ſollen uns beſchäf - tigen, ſondern ihre Sehenswürdigkeiten, klein und groß. Treten wir unſre Wanderung an. Vor dem maleriſch im Schatten hoher Linden gelegenen Rathhaus, in deſſen Erdgeſchoß ſich auch die Hauptwache befindet, ruht, auf leichter Lafette, eine jüngſte Kriegs - trophäe, ein Feldgeſchütz, das die Ruppiner Bataillone (die Vier - undzwanziger ) den Dresdner Inſurgenten im Kampfe abnahmen, während, weiter abwärts, in Front des ſtattlichen Gymnaſial - Gebäudes (mit ſeinem Laternenthurm und ſeiner Inſchrift: » Civi - bus aevi futuri «) das Bronzebildniß König Friedrich Wilhelm’s II. aufragt, das die Stadt ihrem Wohlthäter und Wiedererbauer er - richtete. Es heißt, es ſei dies die einzige Statue des Königs im29 ganzen Preußenlande, König Friedrich Wilhelm II. beſitze kein zweites Denkmal. Wenn dem ſo iſt, dann um ſo beſſer, daß keine politiſche Erwägung, keine moraliſche Ueberhebung mit zu Rathe ſaß, als vor etwa 30 Jahren bürgerliche Dankbarkeit einfach aus - ſprach: Wir ſchulden ihm ein Denkmal, weil er unſer Wohl - thäter war, und gedenken dieſe Schuld zu zahlen. Die Statue, in etwas mehr denn Lebensgröße, iſt eine Arbeit Friedrich Tiecks. Gedanklich iſt ſie ziemlich unbedeutend und alltäglich; zeigt aber doch in Form und Haltung jenes Maß und jene Einfachheit, die, wo andre Vorzüge fehlen, ſelbſt ſchon als Vorzug gelten mögen.

Mehr als dies Denkmal nimmt unſre Aufmerkſamkeit die alte Kloſterkirche in Anſpruch, die ſich an der Oſtſeite der Stadt, in unmittelbarer Nähe des See’s erhebt und das einzige Gebäude von Bedeutung iſt, das von dem großen Feuer von 1787 ver - ſchont wurde. Dieſe Kloſterkirche iſt ein alter, in gothiſchem Stile aufgeführter Backſteinbau aus dem Jahre 1253; ſie gehörte zu dem unmittelbar daneben gelegenen Dominicaner-Kloſter, von dem, ſeit Reſtaurirung der Kirche, auch die letzten Spuren verſchwunden ſind. Ueber dieſe Reſtaurirung giebt eine die halbe Wand des Kirchenſchiffs bedeckende Inſchrift folgende Auskunft: Dieſes Gottes - haus wurde ſeit dem Jahre 1806 wiederholt durch feindliche Trup - pen entweiht und verfiel während des Krieges dergeſtalt, daß es über 30 Jahre nicht für den öffentlichen Gottesdienſt benutzt wer - den konnte. Durch Königliche Gnadenwohlthat wurde dieſes erhabene Denkmal ächt Deutſcher Kunſt und Frömmigkeit ſeiner eigentlichen Beſtimmung zurückgegeben, indem es auf Befehl Sr. Majeſtät Friedrich Wilhelm’s III. wiederhergeſtellt und in Gegenwart Sr. Majeſtät unſeres jetzt regierenden Königs Friedrich Wilhelm IV. feierlich eingeweiht wurde am 16. Mai 1841.

Ueber dieſer Inſchrift befindet ſich eine andere aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, worin die Ueberweiſung dieſer Kirche ſeitens des Kurfürſten Joachim II. an die Stadt Ruppin ausge - ſprochen wird. Noch andere Inſchriften, theils in Deutſcher, theils30 in lateiniſcher Sprache, geſellen ſich hinzu und mindern in etwas den Eindruck äußerſter Oede und Kahlheit, an dem die ſonſt ſchöne alte Kirche bedenklich leidet. Dies Verfahren, durch Inſchriften zu beleben und anzuregen, ſollte überall da nachgeahmt werden, wo man zur Reſtaurirung alter Kirchen und Baudenkmäler ſchreitet. Ich ſah vor einigen Wochen die in früh-romaniſchem Stil erbaute, höchſt bemerkenswerthe Kirche von Jerichow (bei Genthin); aber die kahlen Wände des Gotteshauſes gaben über nichts Auskunft, weder über die frühere Geſchichte dieſes intereſſanten Baues, noch über die Art, Zeit und Umſtände ſeiner Reſtaurirung. Selbſt Leu - ten von Fach ſind ſolche Notizen gemeinhin willkommen; dem Laien aber geht erſt aus derartigen Inſchriften die ganze Bedeu - tung ſolchen Baues auf. Zu den Laien gehört vor allem die Gemeinde ſelbſt. Ohne ſolche Hinweiſe weiß ſie in der Regel kaum, welche Schätze ſie beſitzt. Die Unkenntniß und Indiffe - renz iſt grenzenlos und ſollte denen nachzudenken geben, die nicht müde werden, von dem Wiſſen und der Erleuchtetheit unſerer Zeit zu ſprechen. Erſtaunlich iſt es namentlich, wie abſolut nichts unſer Volk von jener Periode unſrer Geſchichte weiß, die der vorlutheriſchen Zeit angehört. Man kennt weder die Dinge, noch die Bezeichnun - gen für die Dinge; die bloßen Worte ſind unſerer proteſtantiſchen Sprache wie verloren gegangen. Man mache die Probe und frage z. B. einen Märkiſchen Landbewohner, was der Krummſtab ſei? Unter Zwanzigen wird es nicht Einer wiſſen. In der Ruppiner Kloſterkirche fragte ich die Küſtersfrau, welche Mönche hier früher gelebt hätten? worauf ich die Antwort erhielt: Mein Mann weeß et; ich jlobe, et ſind kattolſche geweſen.

Die Ruppiner Kloſterkirche wird in der oben citirten Inſchrift ein erhabenes Denkmal ächt Deutſcher Kunſt genannt. Dies iſt richtig und falſch, je nachdem. Die Mittelmark Brandenburg, im Gegenſatz zur Alt-Mark, iſt ſo arm an hervorragenden Bau - denkmälern der gothiſchen Zeit, daß keine beſondere Schönheit nöthig iſt, um mit unter den ſchönſten zu ſein.

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Das Innere der Kirche, das glücklicher Weiſe den Rohziegel ſtatt der nüchternen weißen Tünche zeigt, hat doch immer noch, wie ſchon angedeutet, zu viel von proteſtantiſcher Kahlheit, als daß man ſich des glücklichen Einfalls des Malers (das Decken - gewölbe hat einen Anſtrich) nicht freuen ſollte, der, gemäß der ein - zigen nennenswerthen Tradition, die die Kirche beſitzt, eine Maus und Ratte erkennbar an die Decke malte. Dieſe Tradition iſt folgende. Im Sommer 1564, wenige Tage nachdem die Kirche dem lutheriſchen Gottesdienſte übergeben worden war, ſchritten zwei befreundete Geiſtliche, von denen der eine bei der alten Lehre ge - blieben war, durch das Schiff der Kirche und disputirten über die Frage des Tages. Eher wird eine Maus eine Ratte hier über die Wölbung jagen, rief der Dominikaner, als daß dieſe Kirche lutheriſch bleibt. Dem Lutheraner wurde die Antwort darauf erſpart; er zeigte nur an die Decke, wo ſich das Wunder eben vollzog. Unſer Sandboden hat wenig von ſol - chen Legenden gezeitigt und wir müſſen das Wenige werth halten, was überhaupt da iſt. Einige local-patriotiſche Ruppiner erzählen auch in etwas blasphemiſcher Nachahmung des Bibliſchen: und der Tempel zerriß, daß in der Sterbeſtunde Martin Luther’s das Mittelgewölbe der Kloſterkirche geborſten ſei. Die Sache indeß iſt entweder eine völlig müßige Erfindung, oder aber die Uebertragung eines merkwürdigen Vorfalls von einer Kirche auf die andere. Ruppin hatte nämlich außer der Kloſterkirche noch zwei andere gothiſche Pfarrkirchen, die während des großen Feuers zerſtört wurden. Die Kloſterkirche iſt eine Schöpfung Gebhardt’s von Arn - ſtein, Grafen zu Lindow und Ruppin. Dies mag uns, im nächſten Kapitel, zu einer kurzen Beſprechung dieſes berühmten Geſchlechts führen.

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2. Die Grafen von Ruppin.

Friedrich Wilhelm III., wenn er im Auslande reiſte, liebte es, unter dem Namen eines Grafen von Ruppin ſein Incognito zu wahren. Auch andre königliche Hohenzollern vor ihm haben ein Gleiches gethan, Friedrich der Große z. B., als er kurz nach ſeiner Thronbeſteigung eine Reiſe nach Baireuth und in die weſt - phäliſchen Landestheile unternahm. Dieſe Erwägung mag es recht - fertigen, wenn wir uns auch heute noch, nachdem der Letzte jenes alten Grafen-Geſchlechts bereits vor drei Jahrhunderten zu ſeinen Vätern verſammelt wurde, die Frage vorlegen: wer waren die Grafen von Ruppin? was war es mit ihnen? wo kamen ſie her? wie war ihr Anfang, ihr Ende?

Mit den erobernden Anhaltinern kam auch ein thüringiſch - mansfeldiſches Grafenhaus, die Grafen von Arnſtein, in die Marken und wurden früher oder ſpäter (die Angaben ſchwanken hierüber) mit Lindow*)Dies Lindow iſt nicht das Städtchen gleiches Namens, zwei Meilen öſtlich von Ruppin, deſſen Kloſterruinen bis dieſen Tag höchſt maleriſch zwiſchen dem Wutz - und dem Gudelack-See liegen, ſondern die Grafſchaft Lindow in der Nähe von Zerbſt. und Ruppin belehnt. Bis in’s drei - zehnte Jahrhundert hinein nannten ſich die neubelehnten Grafen bei ihrem alten Geſchlechtsnamen (Grafen von Arnſtein) und nahmen ſpäter erſt den Titel der Grafen zu Lindow an. Grafen zu Ruppin wurden ſie nur ausnahmsweiſe und irr -33 thümlich genannt, da das Ruppiner Land eine Herrſchaft und keine Grafſchaft war. Wir aber ohne archäologiſche Skrupel folgen der ſpäter allgemein gewordenen Sitte und ſprechen in Nachſte - hendem von den Grafen zu Ruppin.

Die Grafen zu Ruppin waren die mächtigſten Vaſallen der brandenburgiſchen Markgrafen und auch die treuſten wohl. In einem Zeitraum von drei Jahrhunderten ſchwankten ſie in ihrer Loyalität nur einmal, und zwar in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, als die Verwirrungen der bairiſch-luxembur - giſchen Periode durch das Auftreten des falſchen Waldemar ihren Gipfelpunkt erreichten.

Die Ruppiner Grafen waren anders wie andre im Lande. War es der Umſtand, daß ſie als mächtigſte Lehnsträger des Landes faſt eben ſo oft neben den Markgrafen und Kurfürſten als unter ihnen ſtanden, oder waren es in Kraft erhaltene Tra - ditionen, ein ererbter Segen aus dem alten Kulturlande Thü - ringen her, gleichviel, ihre Sitte, ihr Auftreten hatte wenig gemein mit der Haltung des halb raufluſtigen, halb bäuriſchen Landadels um ſie her, und die Künſte des Friedens ſtanden ihnen höher als das Waffenhandwerk, das ſich ſelber Zweck iſt, oder gar einem fremden Intereſſe dient.

Streitbare Grafen comites bellicosissimi, werden ſie zwar gelegentlich in alten Urkunden genannt, und die Geſchichte (wie nicht verſchwiegen werden ſoll) erzählt von einzelnen, die auf der lombardiſchen Ebene oder auch auf den Haiden von Schonen und Schleswig als Krieger geglänzt hätten, aber das Glück war ihnen ſelten hold und ſchien ſie durch Nicht-Erfolge belehren zu wollen, daß ihr Schlachtfeld ein anderes ſei. Sie waren mit am Cremmer Damm (1331) und wurden geſchlagen; ſie unterlagen in vielfachen Fehden mit den Pommerherzögen, und Graf Otto, der tapferſte unter den Ruppiner Grafen, der bei Falköping an der Seite des Schweden-Königs Albrecht gegen die ſchwarze Margarethe ſtritt, theilte das Schickſal ſeines Königlichen Freundes (eines geborenen Herzogs von Mecklenburg) und wurde geſchlagen334und gefangen. Nicht nur die Traditionen des Hauſes, die Natur ſelber ſchien die Ruppiner Grafen auf ein andres Feld als das des Krieges zu verweiſen, denn während es von den Grafen zu Pappenheim heißt, daß ſich auf ihrer Stirn zwei blutrothe Schwerter gekreuzt hätten, erzählt der Chroniſt von den Ruppiner Grafen nur, daß ſie alle mit einem Loch im Ohrläppchen geboren wurden. Welch entſchiedener Hinweis auf das zartere Geſchlecht!

Sie waren nicht comites bellicosissimi, aber ſie waren ſicherlich, wie ſie in anderen Urkunden genannt werden, viri nobiles et generosi. Feine Sitte und wahre Frömmigkeit zeich - neten ſie aus; ſie ſtanden feſt zur Kirche, und Mitleid und Gut - thätigkeit waren erbliche Züge. Graf Ullrich’s Sprüchwort hieß:

Hew ick Geld, ſo mütt ick gewen
Andre Stände mütten ock lewen;

und als, vorher oder nachher, ein andrer Graf Ullrich hinaus ge - tragen wurde, ſang man im ganzen Lande Ruppin:

Ullrich, det was en gode Herr
Schade, dat he lewt nicht mehr.

Aber die Ruppiner Grafen gingen weiter, weit über ſo all - gemeine Züge wie Frömmigkeit und Gutthätigkeit, hinaus. Graf Waldemar war ein paſſionirter Touriſt, wenn man ein ſo modernes Wort will gelten laſſen, und Graf Burchardt, ein Freund des dichteriſchen Markgrafen Otto mit dem Pfeil, dichtete ſelbſt und turnirte mit Verſen ſo gut wie mit Lanzen. Das war damals nicht Landesbrauch zwiſchen Elbe und Oder, und nur die Grafen von Ruppin, in deren Adern noch das thüringiſche Blut floß, konnten ſolch Beginnen wagen. Spärliche Zeilen aus Burchardt’s Dichterthum ſind auf uns gekommen, Worte die er an Eliſabeth, ſein geliebt Gemahl richtet:

Fulget Elisabeth et floret inter uxores
Quas Rupina fovet clarissimas inter sorores,
Haec mea Lux, mea spes per omnes inter nitores.
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Alſo etwa:

Es leuchtet Eliſabeth unter den Frauen
Wie Ruppin unter ſeinen Schweſtern zu ſchauen,
Mein Troſt, meine Hoffnung, um drauf zu bauen.

Die Ruppiner Grafen waren von ihrem erſten Auftreten an Männer von Welt, von Wiſſen, von Vorausſicht und Klugheit, und da ſich derartige Elemente damals auf märkiſchem Boden ſchwer betreffen ließen, ſo war ihre vorzüglichſte Wirkſamkeit in aller Beſtimmtheit vorgezeichnet: es waren ritterliche Herren, aber vor allem Hofleute, Diplomaten. Sie kannten und übten die ſchwere Kunſt der Nachgiebigkeit und wußten zwiſchen Feſtigkeit und Eigenſinn zu unterſcheiden. Daher begegnen wir ihnen oft auf den Reichstagen in Koſtnitz und Worms, als Begleiter und Berather ihrer markgräflichen Herren, und wo es einen Streit zu ſchlichten gab, da waren die Ruppiner Grafen die Vertrauens - männer beider Partheien, und das Schiedsrichteramt lag, wie erblich faſt, in ihren Händen.

Sie waren ein bevorzugtes, hoch-vornehmes Geſchlecht, ein Geſchlecht vom feinſten Korn, aber eines mußten ſie entbehren und vermiſſen die Liebe ihrer Unterthanen. Haftitius der Chroniſt erzählt uns: die Grafen waren fromm und demüthig und gut - thätig, aber waren doch wenig geliebt und geachtet trotz aller - tigkeit. Denn obwohl die Herren Grafen oftmals den Rath und die fürnehmſten Bürger zu Neuen-Ruppin mit ihren Weibern und Kindern zu Gaſte geladen und unter den Bäumen zwiſchen Alten - und Neuen-Ruppin haben Maien-Lauben machen und Tänze auf - führen laſſen, ſie auch wohl traktiret und alles Liebſte und Beſte ihnen angethan, ſo ſind doch Rath und Bürger den Herren Grafen immer entgegen geweſen.

Woran es lag, wer die Schuld trug wer mag es ſagen? kaum Vermuthungen laſſen ſich ausſprechen. Einen erſten Grund zu Zerwürfniſſen gaben vermuthlich die Geldverhältniſſe des gräf - lichen Hauſes, die, zumal im Lauf des 15. Jahrhunderts, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zerrütteter wurden. Rath und Bürger -3*36ſchaft mußten aushelfen, die Verpfändungen begannen; ſo ging der Glanz des Hauſes hin, und mit dem Glanz endlich Anſehn und Liebe. Alles ſank hin, zuletzt das Geſchlecht ſelber.

Der letzte war Graf Wichmann, geboren 1503 auf dem alten Seeſchloß zu Alten Ruppin. Kaum 4 Jahr alt, verlor er beide Eltern, und nur die Großmutter, Anna Jacobine, eine geb. Gräfin von Stolberg-Wernigerode, ſtand neben dem ver - waiſten Kinde. Sie war eine ſtolze, herrſchluſtige Frau, und während Johann von Schlabberndorf, Biſchof zu Havelberg, nur dem Namen nach die Vormundſchaft führte, führte ſie Anna Jacobine in Wirklichkeit. Während der Zeit dieſer Vormund - ſchaft, im Jahre 1512, fand zu Ruppin auch jenes große mehrfach beſchriebene Turnier ſtatt, das damals im ganzen Lande von ſich reden machte und mit einer Pracht begangen wurde, wie ſie weder in Berlin noch zu Cöllen an der Spree bis dahin geſehen worden war. Kurfürſt Joachim erſchien mit einem reichen Gefolge von bewaffneten Rittern und 300 Speer-Reitern, und mit dem Kur - fürſten kam ſein Bruder, der Kurfürſt Albrecht von Mainz. Die Kurfürſtin kam in einer vergoldeten, mit Atlas bedeckten Kutſche (der erſten, deren in Norddeutſchland Erwähnung geſchieht) und wurde von 12 andern Wagen, die mit purpurfarbenen Decken behangen waren, in welchen das Hof-Frauenzimmer ſaß, be - gleitet. Ihnen folgten die Herzoge Heinrich und Albrecht von Mecklenburg, Johann und Heinrich von Sachſen, Philipp von Braunſchweig, die Biſchöfe von Havelberg und Brandenburg und andre Fürſten mehr. Der Kurfürſt und der Herzog Albrecht von Mecklenburg erwieſen ſich als die ſtärkſten und gewandteſten beim Turnier. Da die Bewirthung ſo vornehmer Gäſte wohl nur kleinen Theils durch die Stadt und vorwiegend aus dem gräflichen Säckel erfolgte, ſo iſt es nicht unwahrſcheinlich, daß die gedachte Ehre den finanziellen Ruin beſchleunigte.

1520 ſtarb der Biſchof von Havelberg, und der 17jährige Wichmann wurde mündig erklärt. Der Druck großmütterlicher Autorität hatte die raſche Entwicklung ſeiner Gaben nicht zurück -37 halten können, und der Kurfürſt ſelbſt war es, der dem früh herangereiften, trotz ſeiner Minderjährigkeit, die Verwaltung des väterlichen Erbes anvertraute. War doch der Kurfürſt ſelbſt mit 15 Jahren zur Herrſchaft über die Marken gelangt. Graf Wich - mann nahm ſogleich den Hans von Zieten zu Wildberg zu ſeinem geſchwornen Rath und ging 1521 im Gefolge des Kurfürſten auf den wichtigen Reichstag zu Worms; aber der Stern des Hauſes ſtand im Niedergang und ſein Erlöſchen war nah. Zu dem Schwinden von Hab und Gut, zu jeder äußeren Zerrüttung ge - ſellte ſich, wie es ſcheint, ein geſchwächter Körper, eine zerrüttete Geſundheit. Wodurch zerrüttet, ſteht dahin. Der Graf war ein Freund der Jagd und der Frauen, wenigſtens erklärt ſich nur ſo die erſte Strophe des alten Liedes, das ich, weiter unten, noch mitzutheilen gedenke.

Auf der Jagd war es auch, wo ihn die tödtliche Krankheit befiel. Verſchiedene ſeiner Hofleute riethen zu einem Arzt, aber in Neuen-Ruppin war keine ärztliche Hülfe zu beſchaffen (die Städte Ruppin, Wuſterhauſen und Granſee hatten ſeit 1466 einen gemeinſchaftlichen Bader), und einen Arzt von Berlin herbei zu holen, dazu war man bereits zu arm. Das Fieber wuchs, und um es zu bekämpfen (similia similibus), heizte man das Zimmer des Kranken wie einen Backofen und gab ihm Meth und Wein. Er ſtarb ſchon nach einigen Stunden. Die alte Gräfin, Anna Jakobine, (geſt. 1526) die ihn, unbeſchadet ihrer Herrſch - ſucht, von Herzen geliebt hatte, war untröſtlich über den Tod des Enkels, und die Mönche in Ruppin beklagten den Verluſt in folgendem Lied:

Der edle Herr Wichmann zog jagen aus,
Eine falſche Frau ließ er zu Haus
Mit ihren vergüldeten Ringen.
Ach Kerſten, lieber Jäger mein,
Mir iſt von Herzen allzu weh,
Ich kann nicht länger reiten.
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Sie machten ihm eine Stube heiß,
Darinnen ein Bett war weich und weiß,
Drin ſollte der Herre ruhen.
Sie ſchenkten ihm Meth und ſchenkten ihm Wein,
Das nahm dem Herrn das Leben ſein,
Dem edlen Herrn Wichmanne.
Großmutter und lieb Schweſter mein,
Steckt in meinen Mund ein Tüchelein
Und kühlt doch meine Zunge.
Daß ich nun von Euch ſcheiden ſoll,
Das machet all der bittre Tod;
Wie gern noch möcht ich leben.
Ein ſchwarzer Wagen, drin legten ſie ihn,
Sie führten zu Nacht ihn nach Ruppin,
Sie begruben ihn in das Kloſter.
Sie ſchoſſen ihm nach ſein Helm und Schild,
Sie hingen auf ſein Wappenbild
Am Pfeiler im hohen Chore.
Die alte Gräfin murmelte ſtill:
O weh, o weh, mein liebes Kind,
Daß ich hier ſteh die Letzte.

Wenige Tage nach dem Tode Graf Wichmanns erſchien Kurprinz Joachim (der ſpätere Joachim II. ), um dem Leichen - begängniß beizuwohnen und die Unterthanen in Eid und Pflicht zu nehmen. Das Lehn war erledigt und die Herrſchaft Ruppin wurde als Kreis in die Kur - und Mittelmark eingereiht. Die Hohenzollern aber geſellten von jenem Tage an zu der ſtattlichen Reihe ihrer andern Namen und Würden auch noch den Titel eines Grafen von Ruppin.

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3. Kronprinz Friedrich in Ruppin.

Das, der Thronbeſteigung des großen Königs vorhergehende Jahr - zehnt, alſo der Zeitraum von 1730 1740, pflegt, nach einer Geſetz gewordenen Annahme, in zwei ungleiche Hälften getheilt zu werden, in die düſtern Tage von Küſtrin und in die lachenden Tage von Rheinsberg.

Dieſe Eintheilung, die ſich noch durch den Reiz des Gegenſatzes empfiehlt, mag der ganzen Welt ein Genüge thun, nur die Stadt Ruppin hat ein Recht, dagegen zu proteſtiren und eine Dreithei - lung in Vorſchlag zu bringen. Zwiſchen den Tagen von Küſtrin und Rheinsberg liegen eben die Tage von Ruppin.

Es iſt wahr, die Ruppiner Epiſode iſt unſcheinbarer, un - dramatiſcher; kein Bayard-Orden wird geſtiftet und kein Katt tritt auf das Blutgerüſt, aber auch dieſe ſtilleren Tage haben ihre Be - deutung. Verſuch ich es, ihnen in Nachſtehendem zu ihrem Recht zu verhelfen, ihnen ihre Exiſtenz gleichſam zurückzuerobern.

Am 26. Februar war Kronprinz Friedrich von Küſtrin in Berlin wieder eingetroffen; zwölf Tage ſpäter (am 10. März) folgte ſeine Verlobung. Aller Zwieſpalt ſchien vergeſſen. Obriſt - lieutenant Fritz, über deſſen Haupt vor nicht allzu langer Zeit das Schwert geſchwebt hatte, war wieder ein lieber Sohn und Oberſt und Chef eines Regiments. (Seit dem 29. Februar 1732.) Dies Regiment, das bis dahin compagnieweiſe in den kleinen Städten der Priegnitz und des Havellandes, in Perleberg, Pritz -40 walk, Lentzen, Wittſtock, Kyritz und Nauen in Garniſon gelegen und nach ſeinem frühern Chef den Namen des von der Goltz - ſchen Regiments geführt hatte, wurde jetzt, zu größerer Bequem - lichkeit für den Kronprinzen, oder behufs beßrer Controle, in zwei Garniſonen, Ruppin und Nauen, concentrirt. Das Regiment ſelbſt erhielt den Namen Regiment Kronprinz, ſpäter von 1744 an Prinz Ferdinand, unter welchem Namen es die Schlachten des ſiebenjährigen Krieges, den Zug in die Champagne und end - lich die Kataſtrophe von Jena mit durchmachte. (Bratring, in ſeiner Geſchichte Ruppins, ſchreibt, daß im Jahre 1732 das zweite Ba - taillon des Prinz v. Preußen Infanterie-Regiments nach Ruppin verlegt worden ſei. Dies iſt erſichtlich falſch. Es gab damals gar kein Prinz v. Preußen Infanterie-Regiment und konnte keins geben, denn es gab noch keinen Prinzen von Preußen. Erſt 1744 wurde Prinz Auguſt Wilhelm zum Prinzen von Preußen ernannt und ſeinem Regiment der entſprechende Name Prinz von Preußen Infanterie-Regiment gegeben. Sein Regiment hieß bis dahin das Prinz Wilhelm’ſche Regiment. Dies ſtand allerdings bis 1732 zu Neu-Ruppin in Garniſon und daher muthmaßlich der Fehler, den Bratring macht. Es wurde aber in genanntem Jahre von Neu-Ruppin nach Spandow verlegt, um dem einrücken - den Regiment Kronprinz [bis dahin von der Goltz] Platz zu machen.)

Wenn wir, wie im Nachſtehenden geſchehen ſoll, die Entſchlüſſe und Erlaſſe des Königlichen Vaters zuſammenſtellen, die jener Zeit der Wiederverſöhnung angehören und die ſich ſämmtlich und ganz erſichtlich damit beſchäftigen, dem wieder angenommenen Sohne ſein Entrée und ſein Leben in Neu-Ruppin möglichſt angenehm zu machen, ſo wird man von der Vorſorglichkeit und einer gewiſſen Zärtlichkeit des Vaterherzens (eines Vaters, der 18 Monate früher mit dem Tode gedroht hatte) nicht wenig überraſcht. So ſcheint es ihm zu Ohren gekommen zu ſein, daß Ruppin eine rußige alte Stadt ſei und auf einem ſeiner Plätze, auf dem noch jetzt exiſti - renden Neuen Markte, einen alten Militair-Galgen für die Deſer -41 teure habe. Voll feinen Gefühls erkennt er, daß ſolch ein Anblick, gleich beim Eintritt in die Stadt, an die erſten Küſtriner Tage, an den November 1730 erinnern könnte, und in folgenden Er - laſſen trifft er Vorſorge, daß dem Auge des Sohnes ſolch Anblick erſpart werden möge. Der Galgen ſoll außer der Stadt heraus - geſchafft, auch die Palliſaden an die Mauer geſetzt und alle Schlupf - löcher zugemacht werden. Muß alles gegen den 20. Juni fertig ſein. Auch ſoll das Haus dicht bei des Obriſten von Wreech Quar - tier, ſo der Kronprinz zu Dero Quartier choisiret, gehörig aptiret werden. (Potsdam Reſkript vom 24. Mai 1732.) Aber nicht nur der häßliche Schmuck des Neuen Marktes ſoll fort, die ganze Stadt ſoll ſich dem Einziehenden, dem neuen Mitbürger in ihrem beſten Kleide präſentiren und ſo heißt es in einer zweiten Ordre vom Tag darauf: das Printz Wilhelmiſche Regiment ſoll den 1. Juni aus Neu-Ruppin ausmarſchiren. Dann ſoll gleich der Koth aus der Stadt geſchafft und die Häuſer, ſo noch nicht abge - putzt ſind, ſollen abgeputzt werden.

Wir haben in Vorſtehendem feſtzuſtellen geſucht, welches Regi - ment damals als Regiment Cronprintz nach Ruppin und Nauen hin verlegt wurde; ſchwerer iſt es, ſich zu vergewiſſern, welches Bataillon in Ruppin und welches in Nauen lag. Wir finden dar - über Widerſprechendes. Am 22. April (1732) erläßt der König folgendes Reſkript an den Kriegsrath Lütkens: Das erſte Batail - lon des cronprinzlichen Regiments ſoll in Nauen und das andre Bataillon in Neu-Ruppin vom 1. Juli 1732 an einquartieret werden, und im Einklang mit dieſer Ordre ſchreibt derſelbe Kriegs - rath Lütkens noch am 20. Juni an den Ruppiner Magiſtrat: So wird denn alſo das zweite Bataillon des beſagten Regiments am 26. Juni in Ruppin einmarſchiren. Aber der König oder der Kronprinz müſſen plötzlich ihre Anſicht hierüber geändert haben, denn ſchon Anfang Juli heißt es in einem Briefe aus Ruppin: Unſre neue Garniſon iſt eingerückt, das erſte Bataillon des Re - giments Cronprintz iſt hier, auch der Cronprintz ſelbſt, der Obriſtwachtmeiſter ꝛc. Dieſe letztere Angabe ſtimmt auch mit Preuß42 überein. Ingleichen beſtätigen die Papiere, die mir zur Hand ſind, die Angabe, daß von den 5 Compagnien des zu Nauen in Gar - niſon liegenden Bataillons eine weggenommen und der Ruppiner Garniſon zugetheilt wurde. In einem Reſkripte vom 30. November 1733 heißt es: Von den 5 Compagnien des Cronprintzlichen Regiments, die zu Nauen liegen, ſoll eine Compagnie und zwar die des von Calebutz nach Neu-Ruppin verlegt werden. (Dies geſchah, weil Nauen zu klein war für eine ſo große Garniſon.) So viel von dem Regiment, dem der Kronprinz als Chef und Oberſter vorgeſetzt war.

Die nächſte Frage iſt: wann traf der Kronprinz in Neu - Ruppin ein? Preuß ſagt: bereits im April. Dies ſcheint nur in gewiſſem Sinne richtig zu ſein. Er war allerdings im April da, aber wie wir annehmen müſſen, nur auf einen oder auf wenige Tage, nur ausreichend, um eine paſſende Wohnung zu ſuchen. Der König in dem oben citirten Reſkript vom 24. Mai ſchreibt: Die Wohnung, die der Cronprintz zu ſeinem Quartier choiſirt, ſoll aptiret werden, woraus ſich mit ziemlicher Gewißheit ergiebt, daß er (der Kronprinz) ſelber da war, um eben die Wahl, die choix zu treffen. Aber eben ſo ſicher ſcheint es, daß er erſt Ende Juni zu wirklichem Aufenthalte in Ruppin eintraf, denn nicht nur, daß den Behörden (oder Privaten) die für die Aptirung der Oberſt von Wreech’ſchen Wohnung Sorge zu tragen hatten, ausdrücklich bis zum 20. Juni Zeit gelaſſen wurde, es ſchreibt auch der Fähnrich von Buddenbrock ausdrücklich am 22. Juni: Die neue Garniſon wird am 26. d. erwartet und der Cronprintz wird im Wreech’ſchen Hauſe logiren. Alſo er war noch nicht da und traf erſt (muthmaßlich am gleichen Tage mit ſeinem Ba - taillon) gegen Ende des Juni am neuen Wohnort ein.

Das Palais, das er bezog, lag in der Nähe der Stadtmauer, nur durch einen Garten von ihr getrennt und war durch die Ver - bindung zweier Nachbarhäuſer, der Wohnung des mehrgenannten Obriſten von Wreech und des Obriſtlieutenants v. Möllendorff (die bis dahin wahrſcheinlich das Prinz Wilhelm’ſche Regiment ge -43 führt hatten), ſo gut es die Eile geſtattete, hergeſtellt worden. An Comfort mochte Mangel ſein und dieſer Umſtand trug gewiß das Seine dazu bei, daß, zwei Jahre ſpäter, das Rheinsberger Schloß gekauft und nachdem es hergerichtet war, zum entſchieden bevor - zugten Aufenthaltsort wurde.

Suchen wir nun feſtzuſtellen, wie der Kronprinz ſeine Rup - piner Tage zubrachte.

Was ihn nachweisbar zuerſt und zumeiſt in Anſpruch nahm, war die Ausbildung ſeines Regiments und die Verſchö - nerung der Stadt. Die ernſtliche Beſchäftigung mit dem Dienſt fing an, ihm den Soldatenſtand lieb zu machen. Er achtete auf Kleines und Großes; nichts erſchien ſeinem Intereſſe zu gering. Standen Revuen vor dem Könige in Ausſicht, ſo wurden beide Bataillone in Ruppin zuſammengezogen, um dem Regimente durch gemeinſchaftliche Manövres eine Haltung wie aus einem Guß zu geben. Der Kronprinz ſah ſeine Anſtrengungen belohnt. Sein Regiment bewährte ſich gleich bei der erſten Revue ſo glänzend, daß es durch Erſcheinung und Exercitium allgemeine Bewunderung erregte. Die neue Uniform, in der es erſchien, war der von des Königs Grenadier-Regimente ähnlich, aber mit ſilberner Stickerei und carmoiſin-farbenen Aufſchlägen. *)Gleich nach ſeinem Eintreffen in Ruppin fand zu Ehren der neuen Uniform (das Goltz’ſche Regiment hatte bis dahin blau und Gold getragen) folgende Scene ſtatt. Der Kronprinz lud die Offiziere vor eins der Thore, wo ſie einen brennenden Holzſtoß fanden. Erfriſchungen wur - den gereicht. Als alles guten Humores war, begann der Prinz: Nun, meine Herren, da wir hier alle verſammelt ſind, ſo dächte ich, wir erzeig - ten der Goltziſchen Uniform die letzte Ehre. Dabei zog er Rock und Weſte aus und warf ſie in’s Feuer. Die Offiziere thaten desgleichen. Unter lautem Gelächter folgten ſchließlich auch die Beinkleider. In neuer Uniform kehrte man in die Stadt zurück. Dieſe Scene iſt charakteriſtiſch für den Ton, der herrſchte.Der ſtrenge Vater war be - friedigt.

Kaum minder als der Dienſt, beſchäftigte ihn die Ver - ſchönerung der Stadt. Daß Ruppin bis dieſen Augenblick ſich44 ſeines Walls, einer prächtigen, mit den ſchönſten und älteſten Bäumen bepflanzten Promenade, erfreut, iſt des Kronprinzen Ver - dienſt. Hier erwies er ſich, von einem richtigen Gefühl geleitet, ausnahmsweiſe als Conſervator, während er ja im Allgemeinen den Geſchmack ſeiner Zeit theilte, die ſich eitel darin gefiel, an die Stelle des poëtiſch Mittelalterlichen, die Flachheit des Kaſernen - baues, oder die Schnörkelei des Roccoco zu ſetzen. Drei Wälle hatten in alter Zeit die Stadtmauer zu weiterem Schutz umgeben. Schon während der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte man mit Abtragung dieſer Wälle begonnen und die zuge - ſchütteten Gräben als Gartenland parzellirt. Kaum aber war der Kronprinz in Ruppin erſchienen, ſo erkannte er, welchen Schmuck man auf dem Punkt ſtand, der Stadt zu rauben. Dies erkennen und dagegen einſchreiten, war eins.

Die Miscellanea historica unſres Gewährsmannes, des Dr. Bernhard Feldmann, geb. 1704 in Berlin, geſt. 1776 in Neu-Ruppin, enthalten darüber folgendes: Schon 1732 inhibirte S. K. Hoheit die Abtragung der Wälle und conſervirte alſo die noch übrigen, land - oder nordwärts vom Rheinsbergiſchen bis zum Berliner Thore gelegenen, ſo noch ſtehen und mit alten Rüſtern, Eichen, Buchen, Haſeln ꝛc. bewachſen ſind; auch ließ ſie der Cronprinz noch mit vielerlei Sorten Bäumen bepflanzen und an ihrem Ende (beim Berliner Thore) mit einem ſchönen Garten zieren, wodurch der Wall zum angenehmſten, beſchatteten Spatzier - gang voll Nachtigallen geworden iſt.

Kronprinz Friedrich hatte vier volle Jahre, von 1732 1736, ſeinen feſten Wohnſitz in Ruppin, aber nur während des erſten Jahres gehörte er dem Ruppiner Stillleben mit einer Art Aus - ſchließlichkeit an. Vom Juni 1733 an drängten ſich die Ereigniſſe, die ihn oft Monate lang und länger von Haus und Garten, die ihm lieb geworden waren, fern hielten. Seiner Vermählung im Juni 1733 folgte, vier Monate ſpäter, die Erwerbung Rheins - bergs und eh noch der Umbau des Rheinsberger Schloſſes, der ohnehin ſein lebhaftes Intereſſe in Anſpruch nahm, zur Hälfte45 beendet war, führte die Wiedereröffnung der Feindſeligkeiten zwi - ſchen Frankreich und dem Kaiſer (im Sommer 1734) unſern Kronprinzen an den Rhein. Am 7. Juli war er in Wieſenthal, wo der General-Lieutenant v. Röder mit den preußiſchen Truppen im Lager ſtand. Aber im Kaiſerlichen Heere war nur noch der Schatten des großen Eugen; der einundſiebenzigjährige Held hatte ſich überlebt. Philippsburg ging verloren; das thatenloſe Hin - und Herziehen wurde unerträglich, und gegen Ende October erblicken wir den Prinzen wieder daheim, in ſeiner geliebten Garniſon.

Zweierlei hatte ihm dieſer lorbeerarme Kriegszug eingetragen: zunächſt und allgemein einen Einblick in die Schwächen der Kaiſer - lichen Armee, daneben ſpeciell und allerperſönlichſt einen Freund. Dieſer Freund war Chaſot.

Wie das Jahr 1734 einen längern Aufenthalt am Rhein gebracht hatte, ſo brachte das folgende Jahr eine mehrmonatliche Reiſe nach Oſtpreußen. Uns aber beſchäftigen dieſe Ausflüge nicht länger, ſondern wir halten uns innerhalb der Bannmeile von Ruppin und ſuchen uns ein Bild dieſer ſpätern Ruppiner Tage zu entwerfen.

Das Rheinsberger Schloß ſchmückt und erweitert ſich mehr und mehr, aber der Tag der Ueberſiedelung iſt noch fern und die beſcheidenen Ruppiner Räume müſſen zunächſt noch genügen. Die Stadtwohnung läßt viel zu wünſchen übrig; aber die Sommer - monate gehören dem Garten am Wall. Hier lebt er heitere, mußevolle Stunden, die Vorläufer jener berühmt gewordenen Tage von Rheinsberg und Sansſouçi. Allabendlich, nach der Schwere des Dienſtes, zieht es ihn nach ſeinem Amalthea *)Amalthea, die Nymphe, welche den Jupiter mit der Milch einer Ziege ernährte, auch dieſe Ziege ſelbſt; alſo hier etwa Milchwirth - ſchaft, Meierei. hinaus. Der Weg durch die unſaubern Straßen der alten Stadt iſt ihm un - bequem, ſo hat er denn für ein Mauerpförtchen Sorge getragen, das ihn unmittelbar aus dem Hofe ſeines Palais auf den Wall46 und nach kurzem Spatziergang unter den alten Eichen deſſelben in die lachenden Anlagen ſeines Gartens führt. Da blüht es und duftet es; Levkojen-Beete ziehen ſich an den Steigen hin, Melonen werden gezogen und auf leiſ anſteigender Erhöhung, ziemlich in - mitten des Gartens, erhebt ſich der Tempel, der Vereinigungs - ort des Kreiſes, den der Kronprinz hier allabendlich um ſich ver - ſammelt. Das Souterain enthält eine Küche, und der Tempel ſelber iſt einer jener oft abgebildeten Pavillons, die auf ſechs korinthiſchen Säulen ein flachgewölbtes Dach tragen und in den Parks und Gärten jener Epoche als Eßzimmer ſich einer beſon - deren Gunſt erfreuten. Der Mond ſteht am Himmel, in dem dich - ten Gebüſch des benachbarten Walls ſchlagen die Nachtigallen, die Flamme der Ampel, die von der Decke herabhängt, brennt unbe - weglich, denn kein Lüftchen regt ſich und keine froſtig abwehrende Prinzlichkeit ſtört die Heiterkeit des Kreiſes. Noch iſt kein Voltaire da, der ſeine Piquanterien mit graziöſer Handbewegung präſentirt, noch fehlen die Algarotti, d’Argens und Lamettrie, all die berühm - ten Namen einer ſpäteren Epoche Offiziere ſeines Regiments ſind es zunächſt noch, die hier der Kronprinz um ſich verſammelt: v. Kleiſt, v. Rathenow, v. Schenkendorff, v. Groeben, v. Budden - brock, v. Wylich, vor allem Chaſot. *)Chevalier Chaſot, der während der Rheincampagne (1734) im fran - zöſiſchen Heere diente, hatte das Unglück, einen Anverwandten des Herzogs von Boufflers im Duell zu tödten. Er floh deshalb in das Lager des Prinzen Eugen, zunächſt nicht, um in Dienſt zu treten, ſondern nur um ein Aſyl zu finden. Beim Prinzen Eugen lernte ihn der Kronprinz kennen, dem er ſpäter nach Ruppin hin folgte.

Das Leben, das er mit dieſen Offizieren führte, war frei von allen Feſſeln der Etiquette, ja ein Uebermuth griff Platz, der unſern heutigen Vorſtellungen von Anſtand und guter Sitte kaum noch gefallen will. Fenſtereinwerfen, Liebeshändel und Schwärmer abbrennen (zur Aengſtigung von Frauen und Landpaſtoren) zählte zu den beliebteſten Unterhaltungsmitteln. Man war noch ſo un - philoſophiſch wie möglich.

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So kam der Auguſt 1736 heran; der Umbau des Rheins - berger Schloſſes war beendet und der Umzug, die Ueberſiedelung fand ſtatt. Von da ab beginnen die glänzenden, die vielgefeierten Rheinsberger Tage. Aber dieſe ſchönen Rheinsberger Tage, die das Ruppiner Leben verdunkelt haben, waren doch nicht ſo völlig das Ende, der Tod des Ruppiner Interregnums, wie, einer allge - meinen Vorſtellung nach, geglaubt wird. Vielmehr fand jetzt ein Austauſch, eine Art Rückzahlung ſtatt und wenn von 1733 an, die Ausflüge nach Rheinsberg Ruppin um die andauernde An - weſenheit des Kronprinzen gebracht hatten, ſo war von jetzt an Ruppin der Gegenſtand und das Ziel beſtändiger, freilich zum Theil durch den Dienſt gebotener Beſuche. Aber nicht nur waren es die militairiſchen Inſpektionen, die dieſe Ausflüge nöthig machten, auch Neigung, Gefallen an der Stadt, in der er vier glückliche Jahre verlebt hatte, zogen ihn immer neu in die alten Kreiſe zu - rück. Viele ſeiner Briefe geben Auskunft darüber; entweder tragen ſie das Datum Ruppin und führen dadurch den Beweis längeren oder kürzeren Aufenthalts daſelbſt, oder flüchtige Zeilen, von Pots - dam, Berlin und andern Punkten aus geſchrieben, ſprechen ſeine Sehnſucht aus nach ſeiner geliebten Garniſon. So ſchreibt er im Juni 1737 von Berlin aus an Suhm: Den 25. gehe ich nach Amalthea, meinem Garten in Ruppin. Ich brenne vor Ungeduld meinen Wein, meine Kirſchen und meine Melonen wieder zu ſehn; und 1739 noch (am 16. Juni) heißt es in einem, vom Ruppiner Garten aus datirten Briefe: Ich werde morgen nach Rheinsberg gehn um allda nach meiner kleinen Wirthſchaft zu ſehen; hier wollen keine Melonen reif werden, ſo gerne wie ich auch gewollt, daß ich meinem Gnädigſten Vater die Erſtlinge des Jahres hätte ſchicken können.

Dieſe beiden Briefe ſind in ſoweit wichtig, als ſie keinen Zweifel darüber laſſen, daß Kronprinz Friedrich ſeinem Amalthea zu Ruppin keineswegs den Rücken kehrte, vielmehr vom Auguſt 1736 an, eine Art Doppelwirthſchaft führte und an die Gär - ten und Treibhäuſer, hier wie dort, die gleichen Anſprüche erhob. 48Sonntags las er in Ruppin ſeine Predigt, während Des Champs vor der Kronprinzeſſin und dem Hofe in Rheinsberg predigte.

Selbſt noch unmittelbar nach der Thronbeſteigung (im Sommer 1740) ſah die Stadt Ruppin den nunmehrigen König Friedrich II. häufig in ihren Mauern und bis zum Spätherbſt deſſelben Jahres blieb es zweifelhaft, ob Ruppin oder Potsdam oder Rheinsberg der erklärte Lieblingsaufenthalt des neuen Königs werden würde. Großartige Gartenanlagen, die eben damals entworfen wurden, ſchienen für Ruppin zu ſprechen, aber die weite Entfernung von der Hauptſtadt, führte endlich zu andern Entſchlüſſen. Die Ter - raſſen von Sansſouci wuchſen empor und Ruppin war vergeſſen. Es iſt zweifelhaft, ob der große König in 46jähriger Regierung es jemals wieder geſehn.

Die Frage bleibt uns zum Schluſſe übrig, was wurde aus dieſen Schöpfungen, großen und kleinen, die die Anweſenheit des Kronprinzen in’s Daſein rief, was haben 120 Jahre zerſtört, was iſt geblieben?

Zunächſt das Stadt-Palais. 1744 ſchenkte es der König an ſeinen jüngſten Bruder, den Prinzen Ferdinand, der ſchon früher zum Chef des ehemaligen Kronprinzlichen Regiments ernannt worden war und in der Epoche, die dem 7jährigen Kriege voraus - ging, in Ruppin ſeine Garniſon hatte. Auch nach 1763, und zwar bis 1787, wo das große Feuer die Stadt zerſtörte, ſcheint ſich der Prinz, wenn nicht andauernd (er lebte zum Theil auch in Friedrichsfelde bei Berlin), ſo doch vielfach bei ſeinem Ruppiner Regimente aufgehalten zu haben, wenigſtens muß ich das aus der Exiſtenz zweier Bilder ſchließen, die als einzige Ueberbleibſel aus dem[ehemalig] Kronprinzlichen, ſpäter Prinz Ferdinand’ſchen Palais, bis dieſen Augenblick in Ruppin exiſtiren. 1787 brannte dies Palais nieder und nichts wurde gerettet als zwei große Oel - portraits, die Bildniſſe der Königin Marie Antoinette und der Kaiſerin Catharina. Beide Bilder (einem einfachen Ruppiner Bürger gehörig) rühren, wie aus dem hier dargeſtellten Lebensalter der beiden Fürſtinnen unſchwer zu berechnen iſt, etwa aus dem Jahre49 1780 her, denn Marie Antoinette erſcheint als eine jugendliche Schönheit von einigen zwanzig, Catharine aber als eine mehr denn ſtattliche Matrone von über 50 Jahr. Aus dem einfachen Umſtande, daß das abgebrannte Palais dieſe beiden Bilder über - haupt enthielt, zieh ich den Schluß, daß Prinz Ferdinand bis 1787 häufiger in Ruppin gelebt haben muß; denn aus der kronprinzlichen Zeit von 1732 1740 können natürlich die Bildniſſe zweier Fürſtinnen nicht ſtammen, von denen die eine damals ein Kind, die andre noch gar nicht geboren war. Privat - perſonen aber waren damals in den allerſeltenſten Fällen in der Lage, die Wände ihres Zimmers mit den lebensgroßen Portraits fremder Fürſtlichkeiten ſchmücken zu können. Was die Bilder ſelbſt angeht, ſo macht das wohlerhaltene Portrait der ſchönen Habs - burgerin einen ſehr gefälligen Eindruck, während das Bildniß der Kaiſerin Catharine, mit dem Andreaskreuz auf der Bruſt, nicht nur quantitativ durch Umwandlung aus einem urſprünglichen Knieſtück in ein Bruſtſtück, ſondern weit mehr noch qualitativ durch einen plump aufgetragenen Firniß verloren hat. Die Um - wandlung in ein Bruſtſtück erfolgte, wie mir der Beſitzer vertrau - lich mittheilte, durch einfache Anwendung einer großen Zuſchneide - Scheere und war nöthig, weil die untre Parthie, bis zum Gürtel hinauf, ſchwer gelitten hatte. Der Erzähler hatte keine Ahnung von der Symbolik ſeiner Rede, oder von der hiſtoriſchen Gerech - tigkeit, die die große Zuſchneide-Scheere geübt.

Das Palais ſelbſt iſt niedergebrannt, aber ein apart aus - ſehendes Haus (das ſogenannte Mollius’ſche Haus) iſt an der - ſelben Stelle aufgeführt worden, wo 1732 die nachbarlichen Häuſer des Obriſten Wreech und des Obriſtlieutnants Möllendorf zu einer Art von prinzlichem Palais verbunden wurden. Die Straße, die zu dieſem Hauſe führt, führt wie billig den Namen der Prinzen - Straße und der prächtige alte Lindenbaum, der wie ein grüner Schild ſeine Zweige vor dem poëtiſch dreinſchauenden grauweißen Hauſe ausbreitet, ſchafft hier ein Bild, wie es dieſer Stelle wohl paßt und kleidet.

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Zwiſchen dem Hauſe und der Stadtmauer liegt jetzt ein Gärtchen. Wir paſſiren es und ſtehen vor der Mauerpforte, die den Kronprinzen allabendlich auf den ſchönen Wall zu führen pflegte, wenn er nach dem Dienſt und der Arbeit des Tages ſich erhob, um im Tempel den obengenannten Freundeskreis zu ver - ſammeln.

Die Pforte iſt jetzt vermauert und es koſtet uns einen Um - weg, um die Außenſeite der Mauer und den Wall zu gewinnen. Seine ſchattigen Gänge führen uns jetzt nach Amalthea.

Hier im Garten iſt noch manches wie es war. Die Einrich - richtungen ſind verändert, allerhand Neubauten ſind entſtanden, aber die Einfaſſungsmauer iſt geblieben und die hohen Platanen im Hintergrunde, die über die Mauer hinweg mit den draußen ſtehenden Bäumen Zwieſprach halten, ſind noch lebendige Zeugen aus den fridericianiſchen Tagen her. Vor allem exiſtirt noch der Tempel. Nicht ſind es Säulen mehr, die das Kuppeldach tragen; ein ſolides Mauerwerk, mit Thür und Fenſtern, iſt an ihre Stelle getreten und bildet ein rundes Zimmer von mäßiger Größe, eben ausreichend zu einem Souper von Sechs.

Wir ſind die glücklich Geladenen. Der Wein lacht in den Gläſern, die Unterhaltung wächſt an Friſche und Leben, die Wand - leuchter brennen und durch die offenſtehende Thür trifft Mondlicht und Abendkühle den froh verſammelten[]Kreis. Es iſt als wäre die alte Zeit wieder da und ungeſucht wird unſer Beiſammenſein zu einer Darſtellung, zu einer Scene aus: Kronprinz Friedrich in Ruppin , ein Stück, das noch geſchrieben werden ſoll. Die paſſenden Koſtüme fehlen freilich