PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
Zweiter Theil.
Das Oderland. Barnim. Lebus.
Berlin. Verlag von Wilhelm Hertz. (Beſſerſche Buchhandlung.)1863.
[II][III]

Inhalt.

  • Seite
  • Von Frankfurt bis Schwedt1
  • Tamſel (Neumark) 15
  • Hans Adam von Schöning18
  • Kronprinz Friedrich und Frau v. Wreech43
  • Zorndorf60
  • Der Blumenthal 69
  • Predikow79
  • Hans Albrecht von Barfus85
  • Schloß Coſſenblatt (Beeskow-Storkow) 101
  • Königs-Wuſterhauſen (Teltow) 118
  • Teupitz (Teltow) 131
  • Mittenwalde (Teltow) 142
  • Steinhoefel157
  • Valentin von Maſſow161
  • Buckow174
  • Der große und kleine Tornow-See185
  • Das Oderbruch190
  • Wie es in alten Zeiten war190
  • Die Verwallung197
  • Die alten Bewohner205
  • Die Coloniſirung und die Coloniſten215
  • Moeglin224
  • Albrecht Daniel Thaer226
  • Freienwalde253
  • Von Falkenberg nach Freienwalde. Die Stadt. Der Ruinenberg. Monte Caprino253
  • Falkenberg262
  • Das Schloß271
  • IV
  • Seite
  • Der Geſundbrunnen281
  • Der Roſengarten. Der Baaſee290
  • Hans Sachs von Freienwalde295
  • Der Schloßberg bei Freienwalde und die Uchtenhagens304
  • Lichterfelde325
  • Am Werbellin338
  • Schloß Friedersdorf347
  • Friedrich Auguſt Ludwig von der Marwitz360
  • Alexander von der Marwitz387
  • Quilitz oder Neu-Hardenberg415
  • Quilitz von 1763 1814416
  • Neu-Hardenberg ſeit 1814425
  • Friedland437
  • Cunersdorff451
  • Hans Georg Sigismund v. Leſtwitz453
  • Frau v. Friedland456
  • Graf und Gräfin Itzenplitz460
  • Chamiſſo in Cunersdorff469
  • Das Pfulen-Land479
  • Schulzendorf481
  • Garzin482
  • Buckow483
  • Wilkendorf485
  • Gielsdorf486
  • Jahnsfelde487
  • Kienbaum493
  • Anmerkungen.
  • Von Frankfurt bis Schwedt.
  • Eine Correktur501
  • Tamſel.
  • 1. Die Beſitzverhältniſſe Tamſels ſeit 1510501
  • 2. Der Tamſler Park502
  • 3. Die Kirche in Tamſel506
  • 4. Das Schloß509
  • 5. Briefe des Kronprinzen Friedrich an Frau v. Wreech. 1731 bis 1732. (Lettres et Vers de certain grand prince.) 512
  • 6. Briefe König Friedrichs an Frau v. Wreech. 1758 61520
  • Zorndorf.
  • V
  • Seite
  • Blumenthal.
  • Wüſtgewordene Flecken und Dörfer522
  • Predikow.
  • Coſſenblatt.
  • Friedrich Wilhelm I. und die Coſſenblatter Prediger523
  • Ein großes Gemälde in der Kirche524
  • Königs-Wuſterhauſen.
  • Teupitz.
  • Mittenwalde.
  • Steinhoefel.
  • Familien-Portraits525
  • Buckow.
  • Ein Erdfall526
  • Der große und kleine Tornow-See.
  • Der Schnitz-Altar in der Bollersdorfer Kirche526
  • Das Oderbruch.
  • Die letzten Wenden-Reſte in Sachſen und Preußen527
  • Die Unnererdſchken eine Sage aus Alt-Reetz. 530
  • Moeglin.
  • Freienwalde.
  • Ein Hexen-Proceß in Freienwalde. (1644) 531
  • Der Schloßberg bei Freienwalde und die Uchtenhagens.
  • Drei Sagen von den Uchtenhagens537
  • Lichterfelde.
  • Die Brüder Chriſtoph und Arendt v. Sparr539
  • Lichterfelde und die Groebens540
  • Am Werbellin.
  • Friedersdorff.
  • Eberhard v. d. Marwitz541
  • Quilitz oder Neu-Hardenberg.
  • Joachim Bernhard v. Prittwitz und Gaffron543
  • Die Frauen und Kinder des Fürſten Hardenberg545
  • Friedland.
  • Cunersdorff.
  • Johann George v. Leſtwitz546
  • Portraits in Schloß Cunersdorff546
  • Das Pfulen-Land.
  • Portraits im Herrenhauſe zu Jahnsfelde547
  • Kienbaum.
  • Dorf und Kloſter Kagel548
[1]

Von Frankfurt bis Schwedt.

Saßen all auf dem Verdecke,
Glocken klangen, alte Zeit,
Und der Himmel wurde blauer
Und die Seele wurde weit.

Zwiſchen Frankfurt und Stettin iſt während der Sommermonate ein ziemlich reger Dampfſchiff-Verkehr. Schleppſchiffe und Paſ - ſagierboote gehen auf und ab und die Rauchſäulen der Schloote ziehen ihren Schattenſtrich über die Segel der Oderkähne hin, die oft in ganzen Geſchwadern dieſe Fahrt machen.

Von beſonderer Wichtigkeit ſind die Schleppdampfer. Handelt es ſich darum, eine werthvolle Ladung in kürzeſter Friſt ſtromauf zu ſchaffen, ſo wird ein Schleppſchiff als Vorſpann genommen und in 24 Stunden iſt erreicht, was ſonſt vielleicht 14 Tage ge - dauert hätte. Ihre eigentlichen Triumphe aber feiern dieſe Schlepp - ſchiffe, wenn ſie, wie von ohngefähr, plötzlich inmitten einer kritiſch gewordenen Situation erſcheinen und durch ihre bloße Erſcheinung die Herzen der geängſtigten Schiffer wieder mit Hoffnung erfüllen. Sie ſind dann was der Führer für den Verirrten, was der Zu - zug für die Geſchlagenen iſt und beherrſchen natürlich die Situa - tion. Dieſe Situation iſt faſt immer dieſelbe: entweder hat der Rettung erwartende Kahn ſich feſtgefahren und müht umſonſt ſich ab, wieder flott zu werden, oder aber er iſt in ein mit Flößen verfahrenes Defilèe gerathen, ſo daß jeden Augenblick ein Zuſam - menſtoß zu gewärtigen ſteht. Im erſteren Falle handelt es ſich um12Kraft, im anderen Falle um Geſchick und Schnelligkeit, um das Bedenkliche der Lage zu überwinden, und der Schleppdampfer iſt in der glücklichen Verfaſſung, Beides, je nach Bedürfniß, bieten zu können. Aber freilich gegen Zahlung. Nun beginnen die tragikomiſchſten Unterhaltungen, die man ſich denken kann. Sie werden vom Kajütendach des Oderkahns einerſeits, andererſeits vom Radkaſten des Dampfers aus geführt. Der geängſtigte Schif - fer hebt zunächſt einfach ſeine Hand in die Höh, alle fünf Finger deutungsreich ausſpreizend. Der Mann auf dem Radkaſten ſchlägt eine verächtliche Lache auf und donnert ſeinen Befehl zu größerer Eile in den Maſchinenraum hinunter, bis das bittende Halloh des Schiffers ihn wieder zu einem stop beſtimmt. Der Schiffer hebt jetzt ſeine Hand mit den geſpreizten Fingern zweimal in die Luft. Daſſelbe Lachen als Antwort. So geht es weiter, bis der Kahnführer, der namentlich, wenn er zwiſchen Holzflößen ſteckt, ſeinen Ruin vor Augen ſieht, die Summe bewilligt, die der Ca - pitain des Dampfers zu fordern für gut befindet. Dieſe Forde - rungen wechſeln, da der letztere, mit ſcharfem Auge, je nach dem Grad der Gefahr, auch die Taxe beſtimmt. Es kommt vor, daß der geängſtigte Schiffer ſeine fünf Finger zehnmal erheben, d. h. alſo ſeine Befreiung aus dem verfahrenen Defilée mit 50 Thalern preußiſch bezahlen muß.

Die Schleppdampfer, wie hieraus genugſam erhellen wird, ſpielen alſo auf der Oderſtrecke, die ſie befahren, die Doppelrolle des Retters und des Tyrannen, und im Einklang mit dieſer Doppelrolle iſt auch die Empfindung, mit der ſie Seitens der Schiffer betrachtet werden. Man liebt ſie oder haßt ſie. Alles, je nachdem die Gefahr im Anzuge oder glücklich überwunden iſt. Die am Horizont heraufdämmernde ſchwarze Dampfſäule wird im einen Fall als Hoffnungsbanner begrüßt, im andern Fall als abziehende Piratenflagge verwünſcht. Dazwiſchen liegt die Rettung. Nichts iſt kürzer als Dank. Die Capitäne wiſſen das; aber als praktiſche Männer kennen ſie keine Empfindelei und halten ſich ſchadlos beim3 nächſten Fall. Sie haben zudem die ruhige Ueberlegenheit der herr - ſchenden Kaſte.

Die Schiffer blicken, wie wir geſehen haben, mit getheil - ter Empfindung auf den Schleppdampfer; nicht ſo die Floß - führer. Dieſe geben ſich ungeſchwächt einer einzigen Empfindung und zwar ihrem polniſchen, oder böhmiſch-oberſchleſiſchen Haſſe hin. Sie können es wagen. Das Floß, das an manchen Stellen die halbe Breite der Oder deckt, kann wohl den Schleppſchiffen, aber das Schleppſchiff kann nie und nimmer (wenigſtens nicht ernſtlich) dem Floße gefährlich werden. Es liegt alſo kein Grund vor, wes - halb ſie mit ihrer Abneigung hinter dem Berge halten ſollten. Zu dieſer Abneigung liegen allerdings die triftigſten Gründe vor. Die Schleppdampfer nämlich, da ſie, wie eben angedeutet, den Flößen in Wahrheit weder nützen noch ſchaden können, be - gnügen ſich damit, die reizbare ſlaviſche Natur zu nergeln und zu ärgern. Wie Reiter, die luſtig durch einen Tümpel jagen, alles, was in der Nähe iſt, nach rechts und links hin mit Waſſer und Schlamm beſpritzen, ſo jagen hier die Dampfer an dem ſchwer - fällig zur Seite liegenden Floß vorüber und unterhalten ſich damit, das Floß unter Waſſer zu ſetzen. Die zur Seite gedrückte Welle eilt, immer höher werdend, auf das Floß zu; jetzt trifft ſie den erſten Balken und ſpritzt hoch auf. Aber nicht genug damit; die Hälfte der Welle ſetzt ſich unter dem Floß hin fort und überall da, wo eine Lücke ſich bietet, nach oben tretend, ſetzt ſie, an ſechs, acht Stellen zugleich, das Floß unter Waſſer. Nun ſollte man glauben, die Flößer müßten gleichgültig ſein gegen ein ſolches Fußbad; aber, als wäre es Feuer, ſieht man jetzt die Beſatzung des Floßes auf den Bäumen und Querbalken hin und her ſprin - gen, als gält es vor ihrem bitterſten Feinde zu fliehen. Dieſe Zickzackſprünge nehmen ſich wunderlich genug, dabei ebenſo komiſch wie maleriſch aus. Mit vielem Geſchick wiſſen ſie immer eine Stelle zu treffen, wo ein Querbalken, ein Holzblock, oder am liebſten einer jener Erd - und Raſenhügel ſich vorfindet, deren viele (oft ein Dutzend) ſich über das Floß hin ausbreiten und einen weſent -1*4lichen Theil der häuslichen Einrichtung deſſelben bilden. Bei dieſer häuslichen oder wirthſchaftlichen Einrichtung des Floßes hab ich noch einen Augenblick zu verweilen.

Die Geſammt-Oekonomie eines ſolchen Floßes beſteht aus zwei gleich wichtigen Theilen, aus einem Kochplatz und einem Auf - bewahrungsplatz, oder aus Küche und Kammer. Beide ſind von gleich einfacher Conſtruction. Der Kochplatz, der Herd, beſteht aus dem einen oder andern jener eben erwähnten Erdhügel, d. h. aus ein paar Dutzend Raſenſtücken, die Morgens am Ufer friſch abge - ſtochen und wie Mauerſteine neben und aufeinander gelegt werden. An jedem Morgen entſteht ein neuer Herd. Den alten Herdſtellen aber gönnt man ihren alten Platz, und benutzt ſie entweder als Inſeln, wenn die Wellen kommen, oder nimmt ſie auch wohl, nach einigen Tagen, als Herdſtelle wieder auf. Auf dieſem improviſirten Herde wird nun gekocht, was ſich maleriſch genug ausnimmt, be - ſonders um die Abendſtunde, wenn die Feuer wie Irrlichter auf dem Waſſer zu tanzen ſcheinen. Ebenſo wichtig wie der Kochplatz iſt der Aufbewahrungsplatz. Seine Conſtruction iſt von noch grö - ßerer Einfachheit und beſteht aus einem halbausgebreiteten Bündel Heu. Auf dieſer Heuſchicht liegen die Röcke, Jacken, Stiefel der Floßleute, und ausgerüſtet mit dieſen primitivſten Formen einer Küche und Kammer, machen die Flößer ihre oft wochenlange Reiſe.

Nach dieſer Beſchreibung wird es jedem klar ſein, was eine ſolche Dampfſchiffs-Neckerei für die Floßleute zu bedeuten hat. Jede aus den Lücken des Floßes hervorbrodelnde Welle ſpült nicht blos über die Füße der Betroffenen hin, ſondern ſchädigt ſie auch wirklich an ihrem Hab und Gut, als handele es ſich um eine Ueberſchwemmung im Kleinen. Hier fährt das Waſſer ziſchend in das Herdfeuer und löſcht es aus; dort hebt es das Heubündel, mit ſammt ſeinen Garderobeſtücken, von unten her in die Höhe und tränkt es entweder mit Waſſer oder ſchwemmt es gar hinweg. Das weckt dann freilich Stimmungen, die der Vorſtellung von einer wachſenden Fraternität des Menſchengeſchlechts völlig Hohn5 ſprechen und zu Unterhaltungen führen, von denen es das Beſte iſt, daß ſie im Winde verklingen.

Soviel von den Schleppſchiffen. Von geringerer Bedeutung ſind die Paſſagierboote, die übrigens, wie ſich von ſelbſt verſteht, gelegentlich die Rolle tauſchen und auch ihrerſeits als Retter und Tyrannen (ganz in der oben geſchilderten Weiſe) debütiren.

Die Paſſagierboote gehen von Frankfurt aus 2mal wöchent - lich (Mittwoch und Sonnabend) und machen die Fahrt nach Küſtrin in 2, nach Schwedt in 8, nach Stettin in 10 Stunden. Die Benutzung erfolgt mehr ſtationsweiſe und auf kleineren Strecken, als für die ganze Tour. Der Grund mag darin liegen, daß die Eiſenbahn (trotz des Umweges über Berlin) die Reiſenden zwiſchen Frankfurt und Stettin, doch eher und ſicherer an’s Ziel führt. Eher unter allen Umſtänden; ſicherer in ſoweit, als es bei niedrigem Waſſerſtande vorkommt, daß die Fahrt auf Stunden unterbrochen oder wohl gar ganz eingeſtellt werden muß. Die Re - gulirung des Oderbetts, ein in den Zeitungen ſtehend gewordener Artikel, würde dieſem Uebelſtande vielleicht abhelfen und eine Con - currenz der Dampfſchiffe mit der Eiſenbahn möglich machen. Damit hat es aber noch gute Wege (einige meinen, es ginge überhaupt nicht) und ſo werden ſich die beiden Paſſagierboote, die jetzt das Bedürfniß decken, noch längere Zeit mit dem Publikum behelfen müſſen, das jetzt zu ihnen hält. Dies Publikum, wenn auch nicht zahlreich, iſt immerhin mannigfach genug. Tagelöhner, die auf die Güter, Handwerker, die zu Markte ziehen, dazu Kaufleute und Gutsbeſitzer, auch gelegentlich Badereiſende, beſonders ſolche, die in den ſchleſiſchen Bädern waren. Nur eine Klaſſe fehlt, der man ſonſt wohl auf den Flußdampfern unſerer Heimath, beſonders im Weſten und Süden, zu begegnen pflegt: der Touriſt von Fach, der eigentliche Reiſende, der keinen andern Zweck verfolgt, als Land und Leute kennen zu lernen.

Dieſer Eigentliche fehlt noch, aber er wird nicht immer feh - len; denn ohne das unfruchtbare und mißliche Gebiet der Ver - gleiche betreten zu wollen, ſei doch das Eine hier verſichert, daß an6 den Ufern der Oder hin, allerlei Städte und reiche Dörfer liegen, die wohl zum Beſuche einladen können, und daß, wenn Sage und Legende auch ſchweigen, die Geſchichte um ſo lauter und ver - nehmbarer an dieſer Stelle ſpricht.

Sehen wir ſelbſt.

Es iſt Sonnabend und 5 Uhr Morgens. An dem breiten Quai der alten Stadt Frankfurt, hohe Häuſer und Kirchen zur Seite (das Ganze ausnehmend an den Cölner Quai, zwiſchen der Schiffbrücke und der Eiſenbahnbrücke, erinnernd) liegt der Dampfer und huſtet und pruſtet. Es iſt höchſte Zeit. Kaum daß wir an Bord, ſo wird auch das Brett ſchon eingezogen und der Dampfer, ohne viel Commando und Schiffs-Halloh, löſt ſich leicht vom Ufer ab und ſchaufelt ſtromabwärts. Zur Linken verſchwindet die Stadt im Morgennebel; nach rechts hin, zwiſchen Pappeln und Weiden hindurch, blicken wir in jenes Hügelterrain hinein, deſſen Name hiſtoriſchen Klang hat trotz einem, Kunersdorff. Wir werden noch oft, während unſerer Fahrt, an dieſes Terrain und dieſen Namen erinnert werden.

Der Morgen iſt friſch; der Wind, ein leiſer aber ſcharfer Nordoſt, kommt uns entgegen und wir ſuchen den Platz am Schornſtein auf, der Wärme gewährt und zugleich Deckung gegen den Wind. Es iſt nicht leicht mehr einen guten Platz ausfindig zu machen, denn bereits vor uns hat ein Gipsfigurenhändler, mit ſeinem Brett voll Puppen, an eben dieſer Stelle Platz genommen. Er iſt aber umgänglich, rückt ſein Brett bei Seite und wartet auf Unterhaltung. Das Puppenbrett bietet den beſten Anknüpfungs - punkt. König und Königin; Amor und Pſyche; Goethe, Schiller, Leſſing; drei betende Knaben und zwei Windhunde, außerdem (alle andern überragend) eine Aurora und eine Flora bilden die Beſatzung des Brettes. Der Aurora ſind ihre beiden Flügel, der Flora das Bouquet genommen; beides, Bouquet und Flügel, lie - gen, wie abgelegter Schmuck, zu Füßen der Figuren.

Was geht denn ſo am beſten? eröffne ich die Converſation.

Ja das iſt ſchwer zu ſagen, mein Herr, erwiedert der7 Figurenmann (der ſich durch das hierlandes ſelten gebrauchte mein Herr ſofort als ein Mann von gewiſſen Allüren einführt) es richtet ſich nach der Gegend.

Ich dachte König und Königin.

Verſteht ſich, verſteht ſich, unterbricht mich der Figuren - mann, als ſei er mißverſtanden, Königliches Haus und Goethe - Schiller immer voran. Selbſtverſtändlich.

Aber außerdem?

Ja, das war es eben, mein Herr. Hier herüber (dabei deu - tete er, nach rechts hin, in die Sandgegenden der Neumark hinein) verkauf ich wenig oder nichts; dann und wann einen betenden Knaben . Ich könnte von meinem Standpunkt aus ſagen und dabei überflog ein feines Lächeln ſein Geſicht wo der gute Boden aufhört, da fängt der betende Knabe an.

Nun da gehen dieſe wohl in’s Bruch, erwiederte ich lachend, indem ich auf Flora und Aurora zeigte.

Aurora und Flora gehen in’s Bruch, wiederholte er mit humoriſtiſcher Würde. Auch Amor und Pſyche. Ich nickte verſtändnißvoll.

Wir ſtanden nun auf und traten an die Schiffswandung. Er ſah, daß ich einen Blick in die Landſchaft thun wollte und wartete, bis ich die Unterhaltung wieder aufnehmen würde.

Das linke Oderufer iſt hüglig und maleriſch, das rechte flach und reizlos. Der eigentliche Uferrand iſt aber auch hier ſteil und abſchüſſig und die Wandung mit Weidengebüſch beſetzt. Das Waſ - ſer iſt gelblich, flach, voll Inſeln und Untiefen und die Paſſage, ſelbſt bei genauer Kenntniß des Fahrwaſſers, ſehr ſchwierig. We - nigſtens um die Sommerzeit. Vorn am Bugſpriet ſtehen zwei Schiffsknechte (ich weiß nicht, ob man bei Flußdampfern von Matroſen ſprechen darf) mit langen Stangen und nehmen be - ſtändig Meſſungen vor, die um ſo unerläßlicher ſind, als die Sandbänke ihre Stelle wechſeln und heute hier, morgen da zu finden ſind.

Fluß, Ufer, Fahrt, alles hat den norddeutſchen Charakter. 8Inzwiſchen iſt es heller geworden, die Nebel haben der Sonne Platz gemacht und mit dem Sonnenſchein zugleich dringen, von rechts her, Glockenklänge zu uns herüber. Dorf und Kirche aber ſind nicht ſichtbar. Ich horche eine Weile; dann wend ich mich zu meinem Nachbar und frage: wo klingt das her?

Das iſt die 7centnerige von Groß-Rade; mein beſonderer Liebling.

Was tauſend, fahr ich fort, kennen Sie die Glocken hier herum ſo genau? Ach, mein Herr, ich kenne ſie alle. Viele davon ſind meine eignen Kinder, und hat man ſelber erſt Kinder, ſo kümmert man ſich auch um die Kinder andrer Leute.

Wie das? haben Sie denn die Glocken gegoſſen? ſind ſie Gürtler oder Glockengießer? Oder ſind Sie’s geweſen?

Ach, mein Herr, ich bin ſehr vieles geweſen: Tiſchler, Korb - macher, dazwiſchen Soldat, dann Former, dann Glockengießer, nun gieß ich Gips. Es hat mir alles nicht recht gefallen, aber das Glockengießen iſt ſchön.

Da wundert’s mich doppelt, daß ſie vom Erz auf den Gips gekommen ſind.

Mich wundert es nicht, aber es thut mir leid. Wenn der Zink nicht wäre, ſo göſſ ich noch Glocken bis dieſen Tag.

Wie ſo?

Seit der Zink da iſt, iſt es mit dem reellen Glockenguß vor - bei. In alten Zeiten hieß es Kupfer und Zinn , und waren’s die rechten Leute, gab’s auch wohl ein Stück Silber mit hinein. Damit iſt’s vorbei. Jetzt wird abgezwackt; von Silber iſt keine Rede mehr; wer’s billig macht, der hat’s. Der Zink regiert die Welt und die Glocken dazu. Aber dafür klappern ſie auch wie die Bunzlauer Töpfe. Ich kam bald zu kurz; die Elle wurde länger als der Kram; wer noch für Zinn iſt, der kann nicht be - ſtehen, denn Zinn iſt theuer und Zink iſt billig.

Wie viel Glocken haben Sie wohl gegoſſen?

Nicht viele, aber doch ſieben oder acht; die Groß-Radener iſt meine beſte.

9

Und alle für die Gegend hier?

Alle hier herum. Und wenn ich mir mal einen Feierabend machen will, da nehm ich ein Boot und rudere ſtromab, bis über Lebus hinaus. Wenn dann die Sonne untergeht und rechts und links die Glocken den Abend einläuten und meine Glocken da - zwiſchen, dann vergeſſ ich vieles, was mir im Leben ſchief ge - gangen iſt und vergeſſ auch den Turban da. Dabei zeigte er auf die runde, kiſſenartige Mütze, die die Gipsfigurenhändler zu tra - gen pflegen und die jetzt, in Ermangelung eines anderen Platzes, der Goethe-Schiller-Statue über die Köpfe geſtülpt war.

So plaudernd waren wir, eine Viertelſtunde ſpäter, bis Le - bus gekommen. Der Gipsfigurenmann verabſchiedete ſich hier und während das Boot anlegte, hatt ich Gelegenheit, die alte Bi - ſchofsſtadt zu betrachten.

Freilich erinnert hier nichts mehr an die Tage alten Glanzes und alten Ruhmes. Die alte Kathedrale, das noch ältere Schloß, ſie ſind hin, und eines Lächelns kann man ſich nicht erwehren, wenn man in alten Chroniken lieſt, daß um den Beſitz von Lebus heiße Schlachten geſchlagen wurden, daß hier die ſlaviſche und die germaniſche Welt, Polenkönige und thüringiſche Herzöge, in heißen Kämpfen zuſammenſtießen und daß der Schlachtruf mehr als ein - mal lautete: Lebus oder der Tod . Unter allen aber, denen dieſer Schlachtruf jetzt ein Lächeln abnöthigen wird, ſtehen die Lebuſer ſelbſt obenan. Ihr Stadtſiegel iſt ein Wolf mit einem Lamm im Rachen ; die neue Zeit iſt der Wolf und Lebus ſelbſt iſt das Lamm. Mitleidslos wird es verſchlungen.

Lebus, die Kathedralenſtadt, iſt hin, aber Lebus, das vor dreihundert Jahren einen fleißigen Weinbau trieb, das Lebus exiſtirt noch. Wenigſtens landſchaftlich. Nicht daß es noch Wein an ſeinen Berglehnen zöge, nur eben der maleriſche Charakter eines Winzerſtädtchens (wie ſie in andern Theilen Deutſchlands ſo oft ſich finden) iſt ihm erhalten geblieben.

Die Stadt, ſo klein ſie iſt, zerfällt in eine Ober - und Unter - ſtadt. Jene ſtreckt ſich (wenigſtens vom Fluß aus gerechnet) in10 ihrem weſentlichen Theile am Firſt des Berges hin, dieſe zieht ſich am Ufer entlang und folgt den Windungen von Fluß und Hügel. Zwiſchen beiden, am Abhang, und wie es heißt an ſelber Stelle, wo einſt die alte Kathedrale ſtand, erhebt ſich jetzt die Lebuſer Kirche, ein Bau aus neuer Zeit. Die Unterſtadt hat Höfe und Treppen, die an das Waſſer führen; die Oberſtadt hat Zickzack - wege und Schluchtenſtraßen, die den Abhang bis an die Unterſtadt hernieder ſteigen. Auf dieſen Zickzackwegen bewegt ſich ein Theil des ſtädtiſchen Lebens und Verkehrs. Gänſe und Ziegen weiden dort unter Gras und Geſtrüpp; Frauengeſtalten, zum Theil in die maleriſche Tracht des Oderbruchs gekleidet, ſchreiten bergab; den Zickzackweg hinauf aber ſteigt eben unſer Freund der Gipsfiguren - mann und alle ſeine Puppen (nicht blos die Aurora , die wieder ihre Flügel angelegt hat) ſchimmern im Morgenſtrahl.

Nun aber Commandowort vom Radkaſten aus und unſer Dampfer ſchaufelt weiter.

Lebus liegt hinter uns und wir treten jetzt, auf etwa eine Meile hin, in jenes Terrain ein, wo Stadt und Dorf, zu beiden Seiten des Fluſſes, an die Tage mahnen, die jenem Kunersdorfer 12. Auguſt vorausgingen und ihm folgten. Es ſind drei Namen vorzugsweiſe, denen wir hier, am Ufer hin, begegnen: Reitwein, Goeritz und Oetſcher, alle drei mit der Geſchichte jener Tage verwoben.

In Reitwein erſchien am 10. Auguſt die Avantgarde des Königs, um eine Schiffbrücke vom linken auf’s rechte Oderufer zu ſchlagen. Man wählte dazu die Schmälung des Fluſſes, wo die alte Stadt Goeritz, maleriſch am Hügelabhang, dem Dorfe Reit - wein gegenüberliegt. Am 10. Abends erſchien der König ſelbſt und führte ſeine Bataillone (60 an der Zahl) hinüber; die Cavallerie ging durch eine Furth. In Goeritz aber blieb General Flemming mit 7 Bataillons zur Deckung der Schiffbrücke zurück. Zwei Tage ſpäter, am Abend des 12., befanden ſich die Trümmer der geſchla - genen Armee an derſelben Furth, an derſelben Schiffbrücke. Aber das Spiel war vertauſcht; ſtatt von links nach rechts ging es jetzt11 von rechts nach links. Die Brücke, die am Abend des 10ten von Reitwein nach Goeritz vorwärts geführt hatte, führte jetzt, am Abend des 12., von Goeritz nach Reitwein zurück.

Der König verbrachte die Nacht, eine Viertelmeile ſüdlich von der Schiffbrücke, im Dorfe Oetſcher; er ſchlief auf Stroh in einer verödeten Bauernhütte. Auf dem Rücken Rittmeiſters von Prittwitz (der ihn gerettet) ſchrieb er hier mit Bleiſtift die Worte an den Miniſter Finkenſtein: Alles iſt verloren, retten Sie die Königliche Familie; Adieu für immer. Andern Tags nahm er Quartier in Reitwein, damals noch den Burgsdorffs gehörig. Hier war es, wo er die berühmte Inſtruction aufſetzte (ebenfalls an Finkenſtein gerichtet), in der er den Prinzen Heinrich als Ge - neraliſſimus der Armee bezeichnete und den Willen ausſprach, daß die Armee ſeinem Neffen ſchwören ſollte.

An dieſen Plätzen führt uns jetzt unſere Fahrt vorüber. Oetſcher (wiewohl nah gelegen) verbirgt ſich hinter Hügeln, deſto maleriſcher treten Reitwein und Goeritz hervor. Schöner freilich muß der Anblick dieſes Bildes geweſen ſein, als die alte Goeritzer Kirche (ein berühmter Wallfahrtsort) auf der Höhe des Hügels lag und ſich mit der Kirche von Reitwein drüben begrüßte. Aber Goeritz und ſeine Kirche ſind in jedem Sinne von ihrer Höhe herabgeſtiegen. Keine Wallfahrer kommen mehr und als ſei es nicht länger nöthig, das berühmte Wallfahrtshaus, die Kirche, ſchon weithin ſichtbar zu machen, hat man die neue Kirche (nach - dem die alte, kurz vor der Zorndorfer Schlacht, von den Ruſſen zerſtört worden war) in der Tiefe wieder aufgebaut.

Die Goeritzer Kirche hat uns zu guter Zeit an die Ruſſen und die Zorndorfer Schlacht gemahnt; denn wir verlaſſen ſo eben das Terrain im weiteſten Sinne der Kunersdorfer Schlacht, um, in ähnlicher Weiſe, in den Schlachtengrund von Zorndorf einzutreten.

Was wir zunächſt erblicken, iſt Küſtrin ſelbſt (thurmlos, grau, in dünne Nebel gehüllt), die alte neumärkiſche Hauptſtadt, um deren Rettung es ſich handelte, als am 21. Auguſt 1758 der12 König von Schleſien her am linken Oderufer erſchien. Alle Namen hier, zu beiden Seiten des Fluſſes, erinnern an jene Tage bitterer Bedrängniß, ſchwer erkauften Siegs.

Zuerſt Gorgaſt am linken Oderufer. In Gorgaſt war es, wo der König ſeine chiffonirt ausſehenden Truppen mit den glatt und wohlgenährt daſtehenden Regimentern Dohna’s vereinigte und wo die berühmten Worte fielen: meine ſehen aus wie Grasteufel, aber ſie beißen.

Weiter flußabwärts die Fähre von Güſtebieſe. Ein wenig poetiſcher Name, aber doch voll guten Klangs. Hier führte der König ſeine Bataillone über, als er von Küſtrin aus (wo der Feind en front den Uebergang erwartete) jenen berühmten Bo - genmarſch machte, der ihn, an derſelben Stelle, wo der Gegner immer noch einen Front-Angriff erwartete, plötzlich in den Rücken deſſelben führte.

Rechts hin, faſt am Ufer des Fluſſes entlang, dehnt ſich die Drewitzer Haide, ein grüner Schirm, der das eigentliche Schlachtfeld dem Auge des Vorüberfahrenden entzieht. Dahinter liegen die Dörfer und Stätten, deren Namen mit der Geſchichte jenes blutigen Tages verwoben ſind: die Neu-Dammſche Mühle, der Zaber - und Galgengrund, endlich Zorndorf ſelbſt.

Wir haben Küſtrin paſſirt ein ſcheuer Blick nur traf jene enge, halb verbaute Baſtion Brandenburg, wo am 6. Nov. 1730 Katt’s Haupt in den Sand rollte auch das Schlachtfeld liegt bereits hinter uns, das 28 Jahre ſpäter dieſe Ufer und Dörfer zu hiſtoriſchem Anſehen erhob und wir fahren nun, als hätten ſich dieſe Ufer vorgeſetzt durch Contraſte zu wirken, in jene fried - lich-fruchtbaren Gegenden ein, die, vor hundert oder doch 150 Jahren noch ein ödes, werthloſes Sumpfland, ſeitdem ſo oftmals (und mit Recht) die Kornkammern unſeres Landes genannt wor - den ſind. Das Oderbruch dehnt ſich auf Meilen hin zu unſerer Linken aus.

Der Anblick, den es, im Vorüberfahren, vom Fluß aus ge - währt, iſt weder ſchön und maleriſch, noch verräth er eine beſondere13 Fruchtbarkeit; gegentheils, das Vorland, das ſich dem Auge bietet, macht kaum den Eindruck eines gehegten Stück Wieſenlands, und die Raps - und Gerſtenfelder, die ſich golden dahinter ausdehnen, werden dem Auge durch endlos ſich hinziehende, proſaiſch ausſe - hende Dämme und Deiche entzogen, die aber freilich, indem ſie die Niederung gegen die früheren Ueberſchwemmungen ſicher ſtellten, erſt den Reichthum ſchufen, der ſich jetzt hinter dieſen Deich-Linien verbirgt.

Der Reichthum dieſer Gegenden ſpricht nicht in goldenen Fel - dern zu uns, aber wir erkennen ihn doch an ſeinen erſten und natürlichſten Folgen an den Dörfern, die er geſchaffen. Da giebt es kein Strohdach mehr, der rothe Ziegel lacht überall aus dem Grün der Wieſen hervor, und ſtatt der dürftig hölzernen Kirchthürme des vorigen Jahrhunderts, die kümmerlich wie ein Schilderhaus auf dem Kirchendach zu ſitzen pflegten, wachſen jetzt in ſolidem Backſteinbau, die Campanellen Italiens heiter co - pirend, die Kirchthürme in die Luft. An dieſem Reichthum nehmen die Dörfer des andern (rechten) Oderufers Theil, und an - ſteigend an der Hügelkette gelegen, die ſich eine Meile unterhalb Küſtrin, am rechten Oderufer hinzuziehen beginnt, geſellen ſich Schönheit und maleriſche Lage (viel mehr als man in dieſen Ge - genden erwartet) zu dem Eindruck des Reichthums und beinahe holländiſcher Sauberkeit.

Nun ſind wir über Amt Kienitz (ein altes Dorf, vor zwei Jahrhunderten dem General Goertzke, dem Paladin des großen Kurfürſten gehörig) und nun über Kloſter Zellin hinaus; der Fluß wird ſchmäler aber tiefer und das Landſchaftsbild verändert ſich. Der Barnim liegt hinter uns und wir fahren in die Uker - mark hinein. Es ſind ſehr ähnliche Uferlandſchaften, wie ſie die Umgegend Stettins dem Auge bietet. Andere Namen, in nichts mehr an die triviale Komik von Güſtebieſe oder Lietzegörike erinnernd, tauchen auf, Namen voll poetiſchem Klang und Schimmer: Hohen-Saathen, Raduhn und Hohen-Krähnig.

Der Fluß bis dahin, im Weſentlichen, in einem Bette flie -14 ßend, fängt an, ein Netz von Kanälen durch die Landſchaft zu ziehen; hierhin, dorthin windet ſich der Dampfer, aber eh es uns noch gelungen iſt, uns in dem maleriſchen Wirrſal zurechtzufinden, tauchen plötzlich weiße Giebelwände, von Thürmen und hohen Lin - den überragt, aus dem Landſchaftsbilde auf. Noch eine Biegung und das übliche Hoi und Hoh, wie es immer laut wird, wenn das Schiff ſich einer Landungsſtelle nähert, beginnt auf’s Neue. Eine alte Holzbrücke, mit hunderten von Menſchen beſetzt, ſperrt uns den Weg; ein Fangſeil fliegt über unſre Köpfe weg, dem Brücken - geländer zu; der Dampfer legt an. Ein Drängen, ein Grüßen, dazwiſchen das Läuten der Glocke. Vom linken Ufer her aber wirft ein weitläuftiger Bau, in Bäumen und Laubgängen halb verſteckt, ſein Spiegelbild in den Fluß. Es iſt das alte Markgrafenſchloß. Wir ſind in Schwedt.

[15]

Tamſel.

Hoch ragt aus ſchatt’gen Gehegen Ein ſchimmerndes Schloß hervor. (Chamiſſo. )

Tamſel iſt ein reiches, ſchön gelegenes Dorf, etwa eine Wegſtunde öſtlich von der alten Feſtung Küſtrin. Waldhügel, deren gewundene Linien muthmaßlich das alte Bett der Warthe bezeichnen, ſchließen das Dorf von Norden her ein, während nach Süden hin die Landſchaft offen liegt und die Flußarme in allerlei Windungen ſich durch das Bruchland ziehen.

Die Küſtriner hängen mit großer Liebe an Tamſel, und ſo oft ſie ſeinen Namen nennen, überfliegt ein Lächeln ihre Züge, nicht unähnlich der ſtillen Heiterkeit, mit der die Berliner den Namen Charlottenburg auszuſprechen pflegen. Hier wie dort miſcht ſich kein Stolz über hiſtoriſche Erinnerungen in dieſes Lächeln; es iſt der Ausdruck vielmehr eines plötzlich wiederbelebten Wohlgefallens, einer freundlichen Rückerinnerung an Park und Schloß, an Waſſer - partieen und Feuerwerke, an eine lange Reihe heiterer Land - ſchaftsbilder, die bei bloßer Nennung des Namens noch einmal leiſe an dem inneren Auge vorüberziehen.

Und doch iſt Tamſel ein hiſtoriſcher Name, wie Charlotten - burg ein ſolcher iſt. Wir verweilen nicht bei ſeiner Vorgeſchichte; wir verſuchen nicht feſtzuſtellen, wann die Templer in ſeinen Beſitz kamen, und wann ſie dieſen ihren Beſitz an den Johanniter-Orden abtraten; wir übergehen die Jahrhunderte, wo abwechſelnd der16 Küſtriner Markgraf und der Sonnenburger Heermeiſter hier Lan - deshoheit übten. Wir beginnen mit Tamſels hiſtoriſcher Zeit, mit Hans Adam v. Schöning, der, nach einem ruhmvollen Tür - kenzuge, wenigſtens vorübergehend in die Stille ſeines väterlichen Tamſel zurückkehrte und das bis dahin, aller Wahrſcheinlichkeit nach, wenig werthvolle Gut in einen prächtigen Landſitz umzuſchaffen begann.

Hans Adam v. Schöning, bei deſſen thatenreichem Leben wir länger und eingehender zu verweilen haben werden, machte Tamſel im Weſentlichen zu dem, was es jetzt iſt, und wenn Um - und Neu-Bauten auch dem Schloß und Park von damals, nach außen hin eine veränderte Geſtalt gegeben haben, ſo iſt im Innern, in ſeiner Einrichtung und Ausſchmückung, immer noch genug vor - handen, um uns ein Bild von dem Reichthum, von der Fülle künſtleriſcher Details zu geben, die hier damals zuſammenſtrömten, als ob es eigens darauf angekommen wäre, einen Sitz Märkiſcher Schlichtheit, in einen Sitz voll fürſtlicher Pracht umzuwandeln. Griechiſche Handwerker, die Hans Adam von ſeinem Siegeszuge mit heimgebracht hatte, füllten das Schloß, das raſch emporwuchs, mit Reliefbildern und Sculpturen, und alle Hallen und Säle tru - gen Stuck-Ornamente, die bis in unſere Tage hinein, die Bewun - derung der Fremden wachzurufen pflegten. Alle Zimmer waren panellirt; die Wände der Bildergalerie aber glänzten bis hoch hinauf im Schmuck einer koſtbaren Holzbekleidung, in deren Tafel - werk die großen, goldumrahmten Bilder kunſtvoll eingelaſſen waren. Unter dieſen Bildern befanden ſich vor Allem die lebensgroßen Portraits Hans Adams und ſeiner Gemahlin ſie unter Blu - men, von ihren Kindern umſpielt, er zu Roß, den Feldmarſchalls - ſtab in der Rechten und die Füße bis zum Knie hinauf in ſchar - lachrothe Gamaſchen geſteckt. Vieles von der Pracht jener Tage, iſt durch Krieg und Brand hindurch, dem Tamſeler Schloß bis dieſen Tag erhalten geblieben. Jagd - und Blumenſtücke, von der Hand Niederländiſcher Meiſter, hängen in halb erleuchteten Corridoren; die Boiſerieen der Gemälde-Galerie blitzen wie in alter Zeit und17 die Scharlach-Gamaſchen des Feldmarſchalls mahnen noch immer an den Sturm von Ofen, wo knietief im Blute gewatet wurde. Nur die Stuck-Ornamente, die pausbackigen Engel, die in die Tuba blaſen, und Mars und Minerva, die aufhorchen, als hätten ſie ſolche Klänge nie vernommen, nur dieſe Decken-Reliefs erfreuen das Auge nicht länger wegen ihrer Fährlichkeit von Fries und Decke losgelöſt und bei Seite gethan, theilen ſie das Schickſal des großen Schöning’ſchen Wappenſteins, der früher die Front des Schloſſes krönte und nun herabgenommen und in eine dunkle Ecke des Parkes geſtellt, nur ſelten noch ein Auge findet, das ſich durch ihn erinnern läßt an alte Zeit und alten Ruhm.

Uns aber erinnert er daran und ſo erzählen wir denn zunächſt die Geſchichte Hans Adams, des Erbauers des Schloſſes.

2[18]

Hans Adam von Schöning.

Kaum gebiet ich dem kochenden Blute; Gönn ich ihm die Ehre des Worts? Oder gehorch ich dem zürnenden Muthe?
(Schiller. )

Hans Adam von Schöning wurde am 1. October 1641 zu Tamſel geboren. Sein Vater (ebenfalls ein Hans Adam) war Rittmeiſter in brandenburgiſchen Dienſten und hatte ſich das Jahr vorher (1640) mit Marianne von Schapelow aus Wulkow ver - mählt. Die Schapelows waren damals ein reichbegütertes Geſchlecht im Barnim und Lebuſiſchen (das ſpäter Derfflingerſche Guſow gehörte mit zu ihrem Beſitz), und wenn einerſeits das Vermögen, das durch dieſe Verbindung in die Schöningſche Familie kam, den Ankauf verſchiedener Güter, darunter Tamſel, geſtattete, ſo erwies es ſich in der Folge für unſern Hans Adam von kaum geringerer Wichtigkeit, daß er durch die Schapelowſche Verwandtſchaft mit den vornehmſten Familien des Landes verſchwägert war. Derfflingers erſte Frau war eine von Schapelow, muthmaßlich eine Schweſter von unſres Schönings Mutter.

Ueber die Art, wie Hans Adam ſeine erſten Jugendjahre im elterlichen Hauſe zubrachte, wiſſen wir nichts. 1658 ging er nach Wittenberg, um die Rechte zu ſtudiren, 1659 nach Straßburg, 1660 nach Paris. Er hatte damit das begonnen, was wir jetzt als die große Tour bezeichnen würden, den Beſuch der Höfe und Hauptſtädte des weſtlichen Europa. Nach längerem Verweilen in Paris, wo der Geſandte, Caspar von Blumenthal, ſeinen branden - burgiſchen Landsmann am Hofe Ludwigs XIV. einführte, begab er ſich zunächſt über Turin und Mailand nach Venedig, wo er den Carneval von 1661 mitmachte, beſuchte im ſelben Jahre noch19 Rom, Neapel, Meſſina und Syracus, erſchien im September 1662 vor dem Großmeiſter des Malteſer Ordens auf Malta, bat um die gern gewährte Ehre, einen Streifzug gegen die Ungläubigen mit - machen zu dürfen, wandte ſich dann nach glücklicher Rückkehr von Malta nach Spanien, von Spanien nach England und kehrte über Amſterdam und Hamburg, nach einer fünfjährigen Abweſenheit, in die märkiſche Heimath zurück. Er betrat ſie wieder, nachdem er wie ſein Biograph ſich ausdrückt alles geſehen hatte, was es damals Großes und Ausgezeichnetes in Europa gab: den üppi - gen Hof des prachtliebendſten Königs, die Kunſtſchätze Italiens, den Glanz der Faſtnachtsſpiele in Venedig, das ritterliche Treiben auf Malta, den Hof der Dorias, die Grandezza Spaniens und die junge Freiheit der Niederlande. Gleich nach ſeiner Rückkehr ſtarb ſein Vater (1665) und kaum 24 Jahr alt wurde Hans Adam Beſitzer von Tamſel.

Ich habe bei Aufzählung der Höfe und Hauptſtädte, die er während eines Zeitraums von fünf Jahren beſuchte, abſichtlich länger verweilt, um daran einige Betrachtungen über die Erziehung junger Edelleute von damals und von heute zu knüpfen. Wir ſind nur allzuſehr geneigt, unſere jetzige Erziehungsmethode als etwas vergleichsweiſe ungemein Vorgeſchrittenes und Zweckentſprechendes anzuſehen, und doch möchte ſich die Frage aufwerfen laſſen: wie viel Familien haben wir zur Zeit im Brandenburgiſchen, die ge - neigt ſein möchten, einen derartigen Curſus , eine fünfjährige Tour durch Europa, lediglich an die weltmänniſche Ausbildung ihrer Söhne zu ſetzen? Damals war ein derartiges die hohe Schule Beziehen ſo allgemein, daß, um nur Ein Beiſpiel zu ge - ben, unſer Hans Adam ſeinen Pariſer Aufenthalt mit einem Aufenthalt in Orleans vertauſchen mußte, weil , wie er nach Hauſe ſchrieb, die Anweſenheit ſo vieler Deutſchen in Paris, ihm an völliger Erlernung der franzöſiſchen Sprache hinderlich ſei .

Seit hundert Jahren iſt bei uns die Armee die hohe Schule für die Söhne unſerer alten Familien geworden, und ſo unleugbar der große politiſche und nationale Fortſchritt iſt, der in2*20dieſer Wandlung der Dinge liegt, ſo fraglich erſcheint es doch, ob dem gegenwärtig Gültigen, auch nach der Seite der weltmänniſchen Bildung hin, der Vorzug gebührt. Jene edelmänniſche Erziehung, die Hans Adam von Schöning erhielt, erweiterte den Blick, wäh - rend unſere jetzige Ausbildung nur allzuſehr geeignet iſt, den Blick zu beſchränken. Wie vorzüglich auch das ſein mag, was daheim, es ſei wo es ſei, gehegt und gepflegt wird, die Iſolirung hindert an der Wahrnehmung, ob inzwiſchen draußen nicht doch noch ein Vorzüglicheres entſtanden iſt. Wir haben dieſen Fehler einmal in unſerer Geſchichte ſchwer gebüßt. Die Armee ſollte nur die eine Hälfte unſerer adeligen Erziehung ſein, die andere Hälfte, nach Vorbild deſſen, was früher Sitte war, ſollte folgen. Der Ein - tritt aus des Vaters Edelhof in die Armee und der Rücktritt aus der Armee in den Edelhof das genügt nicht mehr. Es iſt dies einer der Punkte, wo das Bürgerthum den Adel, wenigſtens den unſrigen, vielfach überholt hat.

Aber wenden wir uns wieder unſerem Schöning zu. Bald nach ſeiner Rückkehr in die Heimath trat er in kurfürſtlichen Dienſt, vermählte ſich (1670) mit einem Fräulein von Pöllnitz, avancirte raſch, wurde Rittmeiſter, Oberſt, Gouverneur von Spandau und mit kaum 36 Jahren (1677) Generalmajor. Dieſer ſeiner Ernen - nung waren aber bereits kriegeriſche Ereigniſſe, eine Campagne am Oberrhein gegen Turenne, wo ihm bei Erſtürmung eines feſten Platzes die drei äußern Finger der rechten Hand zerſchmettert wur - den, die Verjagung der Schweden aus der Mark (Fehrbellin)*)Schöning war übrigens nicht mit bei Fehrbellin. Er befand ſich bei den Fußtruppen, die, unter dem Oberbefehl General Görtzke’s, den Reiterregimentern nachrückten. und die Eroberung Stettins vorausgegangen.

Hans Adam von Schöning war nun Generalmajor. Die bei - den erſten Akte des Krieges mit Schweden hatten ausgeſpielt. Die Marken waren befreit, Stettin erobert. Das folgende Jahr brachte gleiches Waffenglück. Rügen wurde beſetzt und das feſte Stralſund,21 das ſeit den Tagen Wallenſteins für uneinnehmbar gegolten hatte, fiel, nach weniger als einer Woche, in die Hände des Kurfürſten. An allen dieſen Waffenthaten nahm Hans Adam rühmlichen An - theil; wir folgen ihm aber bei keiner derſelben, und begleiten ihn vielmehr auf dem weniger durch ſeine Reſultate, als durch die glän - zende Art der Ausführung berühmt gewordenen Winterfeldzuge in Preußen .

Dieſer Winterfeldzug, wie er den Schlußakt des Schweden - kriegs bildet, gab auch Schöning zum erſten Male Gelegenheit, ſich in hervorragender Weiſe geltend zu machen. Die Veranlaſſung zu dieſer Januarcampagne zwiſchen Pregel und Düna iſt bekannt. Der ſchwediſche General Horn war im November mit 16,000 Mann, von Curland her, in Oſtpreußen eingefallen, hatte die feſten Plätze weggenommen und bedrohte Königsberg. Die Nachricht von dieſem Vordringen Horn’s, das nichts anderes war als eine klug berechnete Diverſion, um die Brandenburger von ihrer Eroberung Pommerns abzuziehen, traf den Kurfürſten im December 1678. Sofort war es beſchloſſene Sache bei ihm, durch einen raſchen Ritt die Schweden ebenſo aus Oſtpreußen hinauszuwerfen, wie er, vier Jahre früher bei Fehrbellin, die Schweden aus der Mark hinausgeſchlagen hatte. Wenn dieſes letztere Unternehmen ſchon, und mit Recht, um ſeiner Kühnheit willen bewundert worden war, um wie viel mehr mußte dieſes neue Kriegsabenteuer in Erſtaunen ſetzen, das bei bitterer Kälte, in unwirthbare Gegenden hinein unternom - men wurde. Am 30. December brach der Kurfürſt auf; am 10ten Januar 1679 war er in Marienwerder und nahm Muſterung über das kleine Heer ab, das er ſo raſch von der Oder aus bis an die Weichſel geführt hatte. Die Schweden ſtanden am Pregel, dicht vor Königsberg, das durch 3000 Brandenburger unter Ge - neral Görtzke vertheidigt wurde.

Die Aufgabe, die ſich der Kurfürſt geſtellt hatte, war erſicht - lich die: mit einer Hälfte ſeiner Truppen die Königsberger Be - ſatzung unter Görtzke zu verſtärken, mit der andern Hälfte aber die Schweden zu umgehen. Dann ſollte Görtzke von Königsberg22 aus angreifen, während der Kurfürſt ſelbſt dem Feinde den Rück - zug abſchneiden und ihn auf einen Schlag vernichten wollte.

Was indeſſen auf dem berühmten Ritte vom Rhein bis an den Rhin möglich geweſen war, nämlich das Verſchwiegenbleiben des Unternehmens, das erwies ſich als unmöglich auf dem Wege von der Oder bis zur Weichſel: es wurde nicht reiner Mund gehalten und die Schweden ſchlüpften aus dem Garn. An dem - ſelben Tage (10. Januar), an welchem der Kurfürſt in Marien - werder muſterte, erhielt er auch die Nachricht, daß die Schweden in vollem Rückzuge auf Tilſit ſeien. Die Falle hatte den Dienſt verſagt, noch ehe ſie fertig war. Da es nicht mehr möglich war, die Feinde zu fangen, ſo galt es nunmehr, ſie einzuholen. In Geſchwindmärſchen ging es bis Braunsberg und Heiligenbeil, dann um Zeit zu ſparen in Schlitten über das friſche Haff. Schon am 16. war man in Königsberg (hier ſchloſſen ſich Görtzke und die Seinen an) und nach eintägiger Raſt, am 17., ging es in drei Abtheilungen den Schweden nach, die inzwiſchen in Tilſit Halt gemacht hatten. Die drei brandenburgiſchen Abthei - lungen beſtanden aus einer äußerſten Spitze von tauſend Mann, aus einer eigentlichen Avantgarde von dreitauſend und aus einem Gros von etwa fünftauſend Mann. Treffenfeld führte die Spitze, Görtzke die Avantgarde, Derfflinger und der Kurfürſt ſelbſt das Gros. Wie die Truppen zehn Tage früher das friſche Haff paſſirt hatten, ſo jetzt das kuriſche zwiſchen Labiau und Gilge; aber die Nähe des Feindes erlaubte kein Schlittenfahren, und kampffertig, in Reih und Glied, ging es über das Eis. Die Schweden ſtanden inzwiſchen nach wie vor bei Tilſit und ſchienen entſchloſſen, das preußiſche Gebiet nicht ohne Schwertſtreich zu verlaſſen. So kam es zweimal zu einem blutigen Rencontre: am 20. bei Splitter, wo Treffenfeld, ähnlich wie bei Fehrbellin, der Held des Tages war; dann Tags darauf, am 21. bei Heidekrug, wo Görtzke die feindliche Arrièregarde angriff und halb vernichtete. Bis dahin war alle Ehre des Kampfes den beiden Avantgardeführern zugefallen;23 erſt der weitere Verlauf des Kampfes führte auch Schöning auf die Bühne.

Das Gefecht bei Heidekrug hatte über die Schweden entſchie - den, und in ſchleunigem Rückzug ging es nördlich, durch die lit - thauiſchen Schneefelder hin, auf Riga zu. Die Frage für den Kurfürſten war, ob er den Rückzug ruhig geſtatten, oder die Flie - henden verfolgend, einen gefährlichen Feind wo möglich vernichten ſollte. Er entſchied ſich für das letztere. Die ſchwierige Aufgabe der Verfolgung, des Nacheilens durch verſchneite Wüſteneien hin, fiel Schöning zu. Mit 1600 Reitern brach er auf. Dieſe beſchei - dene Anzahl würde der ſchwediſchen Armee gegenüber, die immer noch nach Tauſenden zählte, ſicherlich in eine ſehr bedenkliche Lage (wie ſpäter wirklich geſchah) gekommen ſein, wenn nicht die verfolgenden Brandenburger in der litthauiſchen Bevölke - rung, die wenigſtens damals aus geſchworenen Feinden der Schwe - den beſtand, einen kaum erwarteten Bundesgenoſſen gefunden hät - ten. Kälte und Bevölkerung ſchienen ſich zu einer völligen Ver - nichtung der Schweden verſchworen zu haben. Oberſt Truchſeß, den Schöning auf dieſem Zuge mit einer Meldung an den in Königs - berg weilenden Kurfürſten zurückſchickte, traf mit den Worten im Hauptquartier ein: die Brandenburger hätten keine Wegweiſer nöthig, um dem Feinde zu folgen, weil der ganze Weg mit todten Schweden bedeckt ſei. Viele kommen vor Kälte um, aber die mei - ſten fallen von den Händen der Landesbewohner; die litthauiſchen Bauern ſchlagen die Schweden mit Keulen todt und legen die Keulen alsdann auf den erſchlagenen Körper.

So war die Lage des ſchwediſchen Heeres, dem Schöning folgte. Aber wir würden irren, wenn wir daraus den Schluß ziehen woll - ten, daß es ein Leichtes geweſen ſei, einem ſolchen Gegner nachzu - ziehen. Das Nachziehen ſelbſt, ganz abgeſehen von Kampf und Krieg, war ein Schreckniß. Die Kälte ſtieg oft auf 26 Grad, vie - len erfroren ganze Gliedmaßen, niemand hatte Geld, und die we - nigen, die noch eine Münze in der Taſche hatten, konnten meiſt nichts dafür erſtehen. So näherte man ſich Telcze, einem Städt -24 chen etwa halbwegs zwiſchen Tilſit und Riga, und nur fünf Mei - len noch von der kuriſchen Grenze (damals ſchwediſch) entfernt. Hier beſchloß Horn, der ohnehin mit Beſchämung wahrgenommen haben mochte, daß der verfolgende Gegner um vieles ſchwächer war als er ſelbſt, das Glück der Waffen noch einmal zu verſuchen, und ziemlich unvermuthet, wie es ſcheint, ſahen ſich Schöning und ſeine Brandenburger plötzlich einem ſtandhaltenden Gegner gegen - über, den man ſich gewöhnt hatte, auf dieſen Schneefeldern zu verfolgen, nicht zu bekämpfen. Vom Augenblick ab, wo ſich Horn zu dem Entſchluß eines Widerſtandes aufraffte, war die Lage Schönings eine ſehr bedrohte. Nichtſiegen war gleichbedeutend mit völligem Zugrundegehen. So kam es zum Gefecht bei Telcze.

Horn hatte von ſeinen 16,000 noch etwa 3000 Mann und eine ziemliche Anzahl von Geſchützen; Schöning, da die bittere Kälte viel Menſchenleben gekoſtet hatte, verfügte über wenig mehr als 1200 Reiter und Dragoner. Die Aufſtellung, die er nahm, war kurz folgende: die Reiterei in zwei Treffen, in Front des Feindes; die Dragoner, nachdem ſie abgeſeſſen, in ein links und rechts gelegenes Gehölz, um im entſcheidenden Moment die Schwe - den in beiden Flanken nehmen zu können. Dieſe glückliche Terrain - benutzung entſchied den Tag. Oberſt von Dewitz (ein Schwieger - ſohn Derfflingers) eröffnete den Angriff und warf einige Com - pagnien ſchwediſchen Fußvolks über den Haufen; aber er drang nicht durch und die Gegner ihrerſeits machten jetzt Miene, zum Angriff überzugehen. In dieſem Augenblick ließ Schöning die Dragoner aufſitzen und brach von zwei Seiten her mit Ungeſtüm in die vorrückenden Schweden ein. Ein Gemetzel begann, da jeder inſtinktmäßig fühlte, daß fliehen verderblicher ſei als fechten, und erſt die hereinbrechende Nacht machte dem Kampf ein Ende. Keiner hatte ein Recht, ſich den Sieg zuzuſchreiben, aber die Schweden zogen ſich in der Dunkelheit zurück und erklärten ſich dadurch für geſchlagen. Die Verluſte waren auf beiden Seiten ungeheuer; die feindlichen Offiziere hatten, während des ganzen Kampfes, immer in langer Linie vor der Front ihrer eigenen Leute gefochten und25 vom ſchwediſchen Leibregiment war alles todt oder verwundet. Auch Hans Adam war, an der Spitze ſeiner Dragoner, nur durch die Geiſtesgegenwart eines Rittmeiſters gerettet worden, der einem ſchwediſchen Reiter das Piſtol aus der Hand ſchlug, das dieſer eben auf Schöning abfeuern wollte. An den zwei folgenden Tagen ließ dieſer durch kleine Streifcorps die Verfolgung der Schweden bis in die Nähe von Riga fortſetzen; dann trat er ſelbſt den Rückzug an, um dem, wie ſchon erwähnt, in Königsberg zurück - gebliebenen Kurfürſten, wenige Trophäen nur, aber die ſchwerer wiegende Nachricht von der gänzlichen Auflöſung des ſchwediſchen Heeres zu bringen.

Dieſer glänzende Zug bis an die kuriſche Grenze, das erſte Unternehmen, das Schöning in voller Selbſtſtändigkeit ausgeführt hatte, hob ſein Anſehen in den Augen des Kurfürſten, der ihm bereits ſo mannigfache Beweiſe ſeiner beſondern Gunſt gegeben hatte, und Hans Adam, der mit 36 Jahren zum Generalmajor ernannt worden war, wurde mit 42 Jahren Generallieutenant. Im ſelbigen Jahre (1684), nachdem er bis dahin das Amt eines Gouverneurs von Spandau bekleidet hatte, wurde er Gouverneur von Berlin, das damals, von fünf Ravelins und dreizehn Baſtio - nen eingefaßt (nach Planen des alten Feldmarſchalls Sparr), durchaus den Charakter einer Feſtung hatte.

Wir verweilen aber nicht bei den Friedensjahren unſeres Generallieutenants, ſondern begleiten ihn nun auf ſeinem Tür - kenzuge, bis zur Erſtürmung der Feſtung Ofen.

Zwiſchen Kaiſer und Kurfürſt war ein Vertrag zu gegen - ſeitiger Hülfeleiſtung geſchloſſen worden, und in Gemäßheit dieſes Vertrages ſah ſich der Kurfürſt gezwungen, zu einem bevorſtehen - den Zuge gegen die Ungläubigen , deſſen Hauptzweck die Ein - nahme Ofens war, ein Hülfscorps von 8000 Mann zu ſtellen. Der Kurfürſt ſah ſich gezwungen , dieſe Auxiliarmacht zu ſtellen; aber wir würden irren, wenn wir aus dieſer Bezeichnung ableiten wollten, daß der Kurfürſt nur einem Zwange nachgegeben und für die Beſiegung des Chriſtenfeindes kein Herz gehabt habe. Die26 Sache war einfach die, daß er ſeinem erſchöpften, durch immer neue Kriege und neue Verwüſtungen hindurchgegangenen Lande, vor allem den Frieden gönnte; jeder Krieg, auch der gebotenſte und ruhmreichſte, hinderte ihn am Auferbauen. Das lähmte ſeinen Eifer. Der proteſtantiſche Norden ſtand zu der Türkenfrage aller - dings anders, als der katholiſche Süden; ein bedrohtes Oeſterreich (bedroht gleichviel von wem) erſchien manchem lutheriſchen Herzen als gleichbedeutend mit Sicherung und Kräftigung des Proteſtan - tismus, aber weit über dieſes Abwägen Einzelner hinaus, ging doch, als Grundſtimmung, durch die ganze europäiſche Chriſten - heit das Doppelgefühl von Furcht und Haß gegen die Ungläubigen. Das ſiegreiche Vordringen der Türken bis vor die Thore Wiens (1683) war noch friſch im Gedächtniß und eine dunkle, im Volke fortlebende Erinnerung an die Tartarenhorden, die einſt bis an die Oder hin alles verwüſtet hatten, mochte, auch in den kurfürſt - lichen Landen, wenigſtens die Vorſtellung einer möglichen Gefahr und den guten Willen, ihr vorzubeugen, wachgerufen haben. *)Als Ofen endlich gefallen war, weckte die Nachricht davon in ganz Europa ein Gefühl freudigen Dankes. Aus Rom wurde berichtet: der Papſt habe mit lauter Stimme und unter den Dankesthränen der Car - dinäle das Gebet verrichtet. Ueberall wurden Feſte gefeiert (in Genua, Madrid, Brüſſel ꝛc. drei Tage lang) und der Kurfürſt ſchrieb, daß er die vergnügte, für die geſammte Chriſtenheit ſo importante Nachricht während des Gottesdienſtes in Potsdam empfangen und dem Allerhöchſten für die Beſiegung eines ſo blutdürſtigen Feindes öffentlich gedankt habe. Man empfand die Abwendung einer Gefahr, die das Chriſtenthum überhaupt bedroht hatte.

Wenn dieſes Gefühl ſchon im proteſtantiſchen Norden lebendig war, ſo ſtieg es in den katholiſchen Ländern Südeuropas bis zu einem Enthuſiasmus, ähnlich dem, wie ihn die Kreuzzüge geſehen hatten. Von allen Seiten ſtrömten Freiwillige auf den Kampfplatz, beſonders aus Spanien. In Wien fanden ſich dieſe Volontärs zuſammen, darunter allein ſechzig Catalonier, und wurden dem Stahrembergiſchen Regimente als eine eigene Truppe beigegeben. Aſtorga, ein Spanier, führte dieſes Freiwilligencorps, das ſpäter vor27 Ofen mit höchſter Auszeichnung focht und beinahe vollſtändig aufgerie - ben wurde. Gleich zu Anfang, bei einem der erſten Ausfälle der Türken, fielen der Herzog de Vecha, ein Grand von Spanien, und Karl Freiherr von Derfflinger, jüngſter Sohn des Feldmarſchalls, der, von einer Reiſe in Italien eben zurückkehrend, in die Aſtorga - ſche Volontärcompagnie eingetreten war. *)Der Herzog von Vecha wurde in vollem Ornat, angethan mit dem Orden des goldenen Vließes, vor dem Zelte des Obergenerals, des Herzogs Karl von Lothringen, zur Schau geſtellt. Windlichter umſtanden den Sarg und alles drängte ſich herbei, den Gefallenen zu ſehen. Karl von Derfflinger war derſelbe, bei deſſen Todesnachricht der alte Feldmar - ſchall die bekannten Worte: Warum hat ſich der Narr nicht beſſer in Acht genommen! geſprochen haben ſoll. Wilhelm von Oranien ſagte nach der Schlacht an der Boyne, als ihm der Tod des Biſchofs von Derry gemeldet wurde: Ganz recht, warum war er auch, wo er nicht hin gehört! Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß dieſe Wendung, etwas verändert, auf Derff - linger übertragen worden iſt.

Wir ſind aber, in der Abſicht den Geiſt zu ſchildern, der damals das chriſtliche Europa durchwehte, Schöning weit voraus geeilt, den wir zunächſt noch in Croſſen, an der märkiſch-ſchleſiſchen Grenze wieder finden, wohin von Oſt und Weſt her, aus Königs - berg und Cleve, die Truppen beordert waren, die nach dem Willen des Kurfürſten das brandenburgiſche Hülfscorps bilden ſollten. Der Kurfürſt ſelbſt nahm am 17. April die Muſterung ab. Ein Augenzeuge beſchreibt die Truppen wie folgt: Die Service war überaus koſtbar und trachtete darinnen einer den andern zu über - treffen, indem ſie etliche gar von Augsburg und andern Orten hatten bringen laſſen. Die Infanterie war blau, die Artillerie braun, die Cavallerie, ſowohl Reiter als Dragoner, in lederne Collette gekleidet. Zwei Soldaten bekamen ein Zelt und einen Strohſack (welch ein Train!), damit ſie, wenn ſie an einem Ort anlangten, nicht nach Holz oder Stroh laufen dürften. Die Unter - offiziere und Piquenire hatten Piſtolen im Gürtel und die Derff - lingerſchen Bataillone Keſſel an der Seite; die Reiter und Dra - goner führten dabei noch Dolche. So waren die achttauſend28 Brandenburger, die, durch Schleſien und den Jablunkapaß vor die Türkenfeſtung Ofen zogen, Hans Adam von Schöning als Oberſtcommandirender, General von Barfus und General von der Marwitz als Nächſte im Commando.

Am 24. Juni trafen die Brandenburger vor Ofen ein, das bereits ſeit mehreren Wochen von einer Reichsarmee von über 90,000 Mann unter Führung des Herzogs von Lothringen be - lagert und durch 14,000 Janitſcharen und Spahis, unter Ober - befehl von Abdurrahman Paſcha vertheidigt wurde. Zwölfhundert Brandenburger, unter Befehl von General v. d. Marwitz, rückten ſofort ohne allen Verzug in die Linie ein, avancirten unter dem lauten Beifall der ganzen alliirten Armee bis auf fünfzig Schritt an die Stadtmauer und ſtellten rechts und links ihre Verbindung mit den Kaiſerlichen her. Die Feſtung war nun völlig cernirt; aber noch über zwei Monate vergingen bis zum letzten ſiegreichen Sturm, und während dieſer Monate wurden, wie die Belagernden überhaupt, ſo auch namentlich die Brandenburger von immer wachſenden Verluſten betroffen. Der Minenkrieg koſtete Opfer über Opfer und die zahlreichen Ausfälle der Türken wurden immer nur mit großem Verluſt von Menſchenleben zurückgeſchlagen. Von den drei Grafen Dohna, die mit vor Ofen waren, fielen zwei, während der dritte, Graf Chriſtoph, deſſen Memoiren für die Ge - ſchichte jener Zeit und jener Belagerung ſo wichtig ſind, verwun - det wurde. In Wahrheit traf das Sprüchwort zu, das damals in Curs kam: Je näher dem Ofen, je näher der Hitze. Thaten größter perſönlicher Tapferkeit geſchahen von beiden Seiten. Lieute - nant von Wobeſer, nachdem ſein älterer Bruder, ein Capitain im Bataillon Prinz Philipp, von einem Spahi niedergeſäbelt war, ging vor, um ſeinen Bruder zu rächen oder ſein Schickſal zu theilen, und auf einen türkiſchen Anführer förmlich Jagd machend, zerſchmetterte er ihm, im endlichen Zweikampf, mit einem Morgen - ſtern den Kopf.

Der 17. Auguſt war der Tag, der über das Schickſal der Feſtung entſchied. An dieſem Tag erſchien vor Ofen das große29 türkiſche Heer, 70,000 Mann ſtark, unter Führung des Groß - veziers, das die Aufgabe hatte, die hart bedrängte Feſtung zu entſetzen. Es kam zur Schlacht Angeſichts der Belagerten, und das türkiſche Heer wurde geſchlagen. Von dieſem Augenblick an war die Einnahme der Feſtung nur noch eine Frage der Zeit. Am 2. September ſchritten die Chriſten zum Sturme. Achttauſend Mann, zur Hälfte Kaiſerliche, zur Hälfte Brandenburger, jene vom Herzog von Croy, dieſe vom General von Barfus geführt, bilde - ten die Sturmkolonne und drangen unwiderſtehlich vor. Nachdem die Palliſaden erklettert waren, drang man in die Straßen der Stadt ein. Nur Türken und Juden hausten darin und alles wurde niedergemacht, leider auch Weiber und Kinder. Die Türken ſteckten weiße Fahnen aus, zum Zeichen, daß ſie bereit ſeien ſich zu ergeben, aber die Stürmenden riſſen die Fahnen nieder und ließen alles über die Klinge ſpringen. Vergebens mühte ſich der Herzog von Lothringen, dem Gemetzel ein Ende zu machen; neun - tauſend wurden erſchlagen; ein Reſt von Janitſcharen, der ſich in das feſte Schloß gerettet hatte, capitulirte am andern Tage. Unter dieſen (da ſein Tod nicht gemeldet wird) befand ſich muthmaßlich auch Abdurrhaman ſelbſt, ein geborner Schweizer mit Namen Coigny. Schon während der Belagerung, war er von einem in die Stadt geſchickten Parlamentäroffizier Namens Wattenwyl, als Landsmann erkannt worden.

Auch die brandenburgiſchen Oberoffiziere waren, wie der Herzog von Lothringen, bemüht geweſen, dem Blutvergießen Ein - halt zu thun und hatten durch ihr Dazwiſchentreten gerettet, wo noch zu retten war. Aber nur in einzelnen Fällen war es ihnen geglückt. General von Barfus rief zwei Türken Pardon zu, welche wie Verzweifelte ſich wehrten, und brachte ſie dem Kurfürſten als die Tapferſten nach Berlin. Schöning dagegen hatte das Glück, zwei ſchöne Türkinnen, noch Kinder, den Händen der alles nieder - machenden Soldaten zu entreißen. Was aus dem älteren Mädchen geworden, entzieht ſich unſerer Kenntniß; die jüngere aber wurde, unter Beibehaltung ihres türkiſchen Namens, Fatime getauft30 und von Schöning, der ſie mit nach Tamſel nahm, ſorgfältig erzogen.

Fatime kam ſpäter nach Warſchau, wo ſie eben ſo ſehr durch ihre blendende Schönheit wie durch das romantiſche Intereſſe ihres Geſchicks, aller Augen auf ſich zog und ein Glanzpunkt der Geſell - ſchaft wurde. Unter ihren Bewerbern war auch König Auguſt, dem ſie lange widerſtand, bis ſie endlich dem Grafen Rutowski das Leben gab. Fatime vermählte ſich ſpäter in die Spiegelſche Familie; ihr Sohn Rutowski aber ſtieg bis zum ſächſiſchen Feldmarſchall und iſt, wenn wir nicht irren, derſelbe, der bei Ausbruch des ſiebenjährigen Kriegs gezwungen war, bei Pirna zu kapituliren. *)Wie Fatime in Polen und Sachſen, ſo ſpielte eine andere Türkin, Emmetah Uellah, fünfzig Jahre ſpäter in Preußen eine Rolle. Im Jahr 1766 kam der bekannte Lord Marſhall, der letzte Freund des Königs nach Potsdam und lebte in dem nach ihm genannten Hauſe in Sans - ſouci. Ihn begleitete ſeine Pflegetochter Emmetah Uellah, die Tochter eines Janitſcharenhauptmanns, welche ſein Bruder, der Feldmarſchall Keith, im Jahre 1737 bei der Erſtürmung der Feſtung Oczakow, vor ſicherem Tode gerettet hatte. Emmetah Uellah ( die Barmherzigkeit Gottes ) war eine auffallende Schönheit, ſorglich von ihrem Pflegevater gebildet und in hohem Grade liebenswürdig. Schon 1747, als ſie mit dem damals noch kaiſerlich ruſſiſchen Feldmarſchall zum erſtenmal nach Berlin kam, hatte ſie allge - meines Aufſehen durch ihre eigenthümliche Schönheit und Lebhaftigkeit er - regt, dann auf den Geſandtſchaftsreiſen ihres Pflegevaters ſich ſo vortheil - haft ausgebildet, daß ſie mit ungezwungenſtem Anſtand die Honneurs des Hauſes machen konnte. D’Alembert erzählt von ihr, Lord Marſhall, ob - gleich ſchon im Greiſenalter, habe eine leidenſchaftliche Neigung für ſie ge - faßt, ſei aber nicht erhört worden. Emmetah erwiederte auf den Antrag des Lords: Ich bin deine Sklavin, und du kannſt mit mir ſchalten, wie du willſt; aber du würdeſt mich ſehr unglücklich machen, wenn du von dei - nem Rechte Gebrauch machen wollteſt. Ich liebe dich wie eine zärtliche Tochter ihren Vater nur lieben kann, mehr aber verlange nicht von mir! Lord Marſhall dachte viel zu edel, um der Unterwürfigkeit einer Sklavin zu verdanken, was die Liebe des Mädchens ihm verſagte, und ſelbſt die giftigſte Zunge unter den Tiſchgenoſſen Friedrichs hat es nicht gewagt, das Verhältniß zwiſchen beiden zu verdächtigen. Der König, welcher nicht liebte, Frauenzimmern in Sansſouci zu begegnen, ſah ſie nur bei ſeinen Beſuchen in Lord Marſhalls Hauſe, wo ſie in den erſten Jahren die lie - benswürdigſte Wirthin zu machen wußte. Emmetah war wohl vorzüglich

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Doch wir kehren zu Schöning und dem Türkenkrieg zurück. Die Beute, welche in Ofen gemacht wurde, war überaus groß. Namhafte Summen von Dukaten und Zechinen, ſo wie Edelſteine und orientaliſche Perlen fielen den Siegern in die Hände. Unter den fünfhundert großen Geſchützen, die man eroberte, befand ſich auch eine vierundzwanzigpfündige Schlange mit dem brandenburgi - ſchen Wappen, die nun dem Führer des brandenburgiſchen Hülfs - corps als Trophäe zurückgegeben wurde. Außerdem überbrachte Schöning dem Kurfürſten einen türkiſchen Roßſchweif und ein paar tartariſche Pauken, Siegeszeichen, die ſich bis dieſe Stunde im Berliner Zeughauſe vorfinden.

Der Rückmarſch ging wieder durch die Jablunka, und am 7. December trafen die Brandenburger wieder an der märkiſchen Grenze ein. Sie hatten unzweifelhaft mit großer Tapferkeit gefoch - ten (faſt die Hälfte war vor Ofen geblieben; 30 Offiziere todt und 61 verwundet) und die Türken gaben deßhalb den brandenburgi - ſchen Soldaten nicht nur den Beinamen Feuermänner , ſondern brachten auch das Sprüchwort in Umlauf: der ſteht wie ein Brandenburger. Schöning aber, von ſeinem Landesherrn reichlich geehrt, empfing zugleich vom Kaiſer Leopold mannigfache Beweiſe ſeiner Huld, darunter einen mit Diamanten beſetzten Degen von großem Werth.

Wir nähern uns nun jener Epoche im Leben unſeres Hel - den, die durch einen kleinen, ſcheinbar geringfügigen Vorfall den Namen deſſelben ungleich bekannter gemacht hat, als aller Glanz ſeiner Siege zuſammengenommen; ich meine ſeinen Streit mit General Barfus. Das Perſönliche iſt immer das Siegreiche. Die Schlachten und Belagerungen ſind vergeſſen, oder doch halb vergeſſen, aber bis dieſen Tag lebt im Barnim - und Küſtrinſchen*)die Veranlaſſung, daß Lord Marſhall ſich von den jungen Offizieren der Potsdamer Garniſon geſucht und umgeben ſah, die er dann für die ſpa - niſche und engliſche Literatur, namentlich für den damals in Deutſchland noch wenig bekannten Shakeſpeare zu intereſſiren ſuchte.32 das Sprüchwort fort: Die haſſen ſich wie Schöning und Bar - fus. Wir wollen erzählen, wie es zu dieſem Haſſe kam.

Schöning war ein Glückskind und hatte, freilich nicht ohne großes perſönliches Verdienſt, ſeine Carrière über die Köpfe anderer Leute hinweg gemacht. Er war ſechs Jahre jünger als Barfus und doch ihm immer um ſechs Jahre voraus; das ergab eine Differenz, oder, wenn man ſo will, eine Ungerechtigkeit von zwölf Jahren. Der einundfünfzigjährige Barfus hatte vor Ofen unter dem fünfundvierzigjährigen Schöning geſtanden, und zu der natür - lichen Bitterkeit, die ſich einfach ſchon aus dieſen Zahlen ergeben konnte, mochte ſich bei Barfus die Betrachtung geſellen, daß ihm die grobe Arbeit des Belagerns und ſich Herumſchlagens, dem Oberſtcommandirenden das Vergnügen des Repräſentirens, des Dinirens im herzoglichen Zelt und ſchließlich die Entgegennahme eines mit Diamanten beſetzten Degens zugefallen ſei. Jetzt, dritte - halb Jahre ſpäter, im Sommer 1689, ſtanden beide Generale ebenſo am Rhein, wie ſie damals an der Donau geſtanden hatten, d. h. Schöning war abermals dem Barfus um einen Pas vor - aus, und wiewohl ein vorliegender Bericht aus jener Zeit eigens mit den Worten beginnt: Es hat der Generallieutenant von Barfus dem General-Feldmarſchall-Lieutenant von Schöning bis - her jedesmal den gebührenden Reſpekt gegeben , ſo wagen wir doch, ohne das Gemeldete geradezu zu beſtreiten, die Vermuthung, daß dem Barfus die gebührenden Reſpektsbezeugungen in ſeinem Herzen ſehr ſchwer geworden ſind.

Das Hauptkriegsereigniß im Sommer des genannten Jahres war die Belagerung des von den Franzoſen beſetzten Bonn. Ehe die Brandenburger unter des Kurfürſten und Schönings Führung dazu ſchreiten konnten, war ein Zurückdrängen der Franzoſen aus den kleineren Plätzen, die in der Nähe von Bonn lagen, nöthig. Es kam dabei zum Gefecht bei Ordingen oder Uerdingen, das, von Schöning trefflich entworfen und von Barfus, der den rech - ten Flügel befehligte, mit vieler Bravour ausgeführt, dem Kur -33 fürſten Raum ſchaffte, Bonn enger und mit mehr Ausſicht auf Erfolg zu umſchließen.

Die Belagerung hatte ſchon über zwei Monate gewährt (von Ende Juni an), als von Mainz her, das vom Herzog Karl von Lothringen belagert wurde, die Nachricht anlangte, daß ein fran - zöſiſches Entſatzheer heranrücke und eine Verſtärkung des dortigen deutſchen Belagerungsheeres dringend wünſchenswerth mache. Bar - fus mit 6000 Brandenburgern wurde zu dieſem Zweck von Bonn nach Mainz detachirt. Als er am 30. Auguſt vor dem Kurfürſten Friedrich III. (ſpäter König Friedrich I.) erſchien, um ſich zu ver - abſchieden, fand im Vorzimmer zwiſchen den beiden Generalen folgende Scene ſtatt. *)Aehnliche Eiferſüchteleien und ein entſprechender Grad von Ver - bitterung herrſchte damals überhaupt in der brandenburgiſchen Armee, und Schöning, was neben manchem andern ihn entſchuldigen mag, war all die Zeit über gereizt. Vielfach wurden ihm die Honneurs verſagt, beſon - ders ſeitdem Feldmarſchall Schomberg bei der Armee war. Graf Dohna z. B., der ein Anhänger Schombergs und ein Gegner Schönings als Obriſtlieutenant bei den Grands Musquetaires ſtand, rief den Offi - zieren zu, als Schöning ihre Reihen paſſirte: Meine Herren, daß Sie nicht grüßen! Ich verbiete es Ihnen.

Barfus fand den Schöning auf einem Stuhle ſitzend, trat an ihn heran und meldete: daß er mit dem detachirten Corps nach Mainz marſchire, was er hiemit dem Herrn Feldmarſchall-Lieutenant zu wiſſen thue. Hierauf gab Schöning, wie es im Berichte heißt, eine choquante Antwort des Inhalts: wie es ein Wunder wäre, daß ihm der Barfus endlich einmal die Civilität thäte und ihm die gebührende Meldung machte. Barfus, dieſer choquan - ten Sprache begreiflicherweiſe choquant begegnend, antwortete ſchnell, daß er die Meldung nur auf Befehl des Kurfürſten gemacht und ſie ſicher unterlaſſen haben würde, wenn er gewußt hätte, daß er einer ſolchen Antwort zu begegnen habe. Darauf Schöning: auch ohne Befehl des Kurfürſten wäre die Meldung ſeine Schul - digkeit geweſen. Darauf trennte man ſich.

Aber dieſe Scene im Vorzimmer war nur Vorſpiel. Barfus,334als er eben das Haus verlaſſen hatte, hörte ſich von dem hinter ihm her eilenden Schöning angerufen, der ihn jetzt aufforderte, mit ihm auf die Seite zu treten. Barfus war dazu bereit; Schöning aber, ſtatt bei Seite zu treten, ſtellte ſich etwa hundert Schritte vor der Hauptwache auf und rief Barfus zu, er ſolle den Degen ziehen. Barfus durchſchaute das Spiel, das offenbar darauf aus war, ihn Angeſichts von Zeugen zu einer Inſubordination, zu einem Angriff hinzureißen, und ließ bedächtig den Degen in der Scheide. Schöning aber wiederholte ſein: Zieht, Herr Gene - rallieutenant! und rief ihm endlich zu: Der Teufel ſoll mich holen, wenn dieſer Barfus das Herz hat, den Degen zu ziehen! Dabei ſchlug er zu gleicher Zeit dem Barfus den Stock aus der Hand, auf den ſich dieſer in vorgebogener Stellung während des ganzen Zwiegeſprächs geſtützt hatte. Barfus bückte ſich, um den Stock wieder aufzuheben, und ſtieß dann mit dem ſpaniſchen Rohr nach Schöning, was dieſer durch einen Stoß gegen des Gegners Hals erwiederte. Das war zu viel. Barfus fluchte: Ei Sacra - ment! und zog ſeinen Degen. Schöning ſah ihm lächelnd zu, und ſeine beiden Arme in einander geſchlagen, rief er jetzt: Haha, Monſieur zieht ſeinen Degen zuerſt! und zog dann auch. Es ſprangen aber andere Militärs dazwiſchen und die Streitenden wurden getrennt. Arreſt folgte.

Dieſer Vorfall machte größeres Aufſehen als die ganze Be - lagerung von Bonn (die beiläufig am 2. Oktober mit Uebergabe der Feſtung endete) und führte neun Monate lang zu einem halb juriſtiſchen, halb diplomatiſchen Kampf, in dem ſich die gegenüber - ſtehenden Parteien, die Schöning’ſche und die Barfus’ſche, in un - zähligen Briefen, Eingaben, Gutachten ꝛc. befehdeten. Aber die Partei Barfus war ſtärker. Die einflußreichſten Leute des Hofes, Danckelmann, Spanheim, Otto von Schwerin, alle nahmen, ent - weder weil die Sachlage oder der hochfahrende Charakter Schönings zu Gunſten Barfus ſprach, die Partie des letzteren, und am 17. Juni 1690 erſchien endlich folgendes kurfürſtliches Reſcript, das Schöning, ohne einem Rechtsſpruch vorzugreifen, in ziemlich35 ungnädigen Worten aus dem brandenburgiſchen Dienſt entließ: Se. kurfürſtliche Durchlaucht haben Sich unterthänigſt referiren und in Dero Geheimen Rath vortragen laſſen: was Dero würk - lich Geheimer Kriegsrath und General-Feldmarſchall-Lieutenant, der von Schöningen, sub. dato Weißen-See bei Berlin den 11. Juni gehorſamſt ſupplicirt und gebeten. Wohin denn S. K. Durch - laucht Sich dahin nochmalen in Gnaden erklären: daß Sie nicht unterlaſſen werden, in den zwiſchen gemeldetem Feldmarſchall - Lieutenant und dem General-Lieutenant von Barfus entſtandenen Mißhelligkeiten gebührende Juſtiz adminiſtriren und ſolche rechtlich unterſuchen, erörtern und dediciren zu laſſen. Daß aber S. K. Durchlaucht Dero General-Lieutenant des von Barfuſen Perſon zu Dero Dienſten bei Ihrer Armee indeſſen zu employiren reſol - viret, deſſen haben Se. kurfürſtliche Durchlaucht ſowohl wegen deren hohen Intereſſe und Dienſten, als auch in Conſideration ſeiner, des von Barfuſen, bisher obſervirten unterthänigſten Con - duite und ſonſten bewegende Urſachen gehabt und laſſen es auch darbei nochmalen gnädigſt bewenden, können Sich auch darunter von Niemanden Ziel noch Maaß ſetzen oder vorſchreiben laſſen. Sie wollen aber auch dem Feldmarſchall von Schöning nicht wehren, ſondern ihm vielmehr auch gnädigſt erlauben, in einiger auswärtiger alliirter Potentaten Dienſte, welche Deroſelben und der guten Sache nicht zuwider ſein, interimsweiſe zu treten, wenn er vorher dieſelbe wird namhaft gemachet haben. In - deſſen wiederholen Sr. kurfürſtliche Durchlaucht Dero früher er - gangene gnädigſte Verordnung hiemit und befehlen dem General - Feldmarſchall-Lieutenant von Schöning nochmalen gnädigſt und ernſtlichſt: ſich nicht allein dero hieſigen Reſidenzſtädte zu enthal - ten, ſondern auch aus bewegenden Urſachen, die ſo nahe daran gelegenen Oerter zu meiden und ſich daſelbſt nicht ferner aufhalten oder finden zu laſſen.

Cölln a. d. Spree, den 17. Juni 1690.

Friedrich. gegengez. Eberhardt v. Danckelmann.

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Aus dieſem Reſcript (das wir dem nur als Manuſcript exi - ſtirenden Werke: Geſchichtliche Nachrichten über die Familie von Schöning verdanken) geht unverkennbar hervor, daß, abgeſehen vom Streite ſelbſt und von der ſchwebenden Frage: wer hat Recht? General Barfus in allem, was folgte, klug genug war, ſich nachgiebig gegen die kurfürſtliche Autorität zu zeigen, während der bedeutendere, aber rechthaberiſche, überall anſtoßende Schöning, den Kurfürſten und ſeine Umgebung durch die Art ſeiner Rechts - forderung verletzte. Während der Streit ſchwebte, hatte er, muth - maßlich bedeutet, die Reſidenz unter allen Umſtänden zu meiden, abwechſelnd in Tamſel und Weißenſee gelebt; jetzt, nachdem das oben mitgetheilte Reſcript die Streitfrage praktiſch zum Abſchluß gebracht, verließ er die Heimath, die ſeinem Wirken und ſeinem Ehrgeiz keinen Schauplatz mehr bot, und am 9. April 1691 trat er als Feldmarſchall in kurſächſiſchen Dienſt.

Wir begleiten Hans Adam, der vom 2. September 1689 an bis zu ſeinem Eintritt in ſächſiſchen Dienſt, faſt ausſchließlich in Tamſel lebte, nun durch ſeine letzten Lebensſchickſale. Mit äußeren Ehren gingen wachſende Kränkungen Hand in Hand. Schöning war nicht allein in ſächſiſchen Dienſt getreten; dreißig brandenburgiſche Offiziere waren ihm gefolgt und innerhalb der ſächſiſchen Armee wurden nun ähnliche Empfindungen rege, wie vier Jahre zuvor im Brandenburgiſchen, als Feldmarſchall Schom - berg, gefolgt von ſeinen Söhnen und andern franzöſiſchen Re - fugiés, über die Köpfe der alten brandenburgiſchen Generale hin - weg (z. B. Derfflingers, der es auch ſehr übel nahm) in die brandenburgiſche Armee eintrat. Hier wie dort glaubte man Ein - dringlinge vor ſich zu haben und bittere Empfindungen griffen Platz. Neuerungen, die Schöning einzuführen Miene machte, mach - ten ihn vollends nicht beliebt, und er mochte von Glück ſagen, daß ein Feldzug am Rhein, zu dem auch ſächſiſche Truppen be -37 ordert wurden, die Gedanken der Unzufriedenen in andere Bah - nen lenkte.

Aber von anderer Seite her kam größere und ernſtere Ge - fahr. Die ſächſiſchen Truppen im kaiſerlichen Heere waren während der Rheincampagne 1691 herzlich ſchlecht gehalten, ja bei Gelegen - heit der Winterquartiere in einer Weiſe behandelt worden, daß es einer Beleidigung oder Mißachtung des Kurfürſten von Seiten des Wiener Hofes ziemlich nahe kam. Hiegegen lehnte ſich Schö - ning, der ſeinem neuen Herrn in Ernſt und Treue diente, energiſch auf und drang in ihn, bei der kaiſerlichen Armee nur das Reichs - contingent (3000 Mann) zu belaſſen. Schöning ſo erzählt Paul von Gundling in einem Manuſcript, das der Berliner Bi - bliothek angehört handelte ſehr ſicher und war in ſeinen Re - den wider des Kaiſers Majeſtät ſehr frei. Dadurch wurde indeſſen ſeine Stellung gegen den Kaiſer ſelbſt ſehr gefährlich, um ſo ge - fährlicher, als eben jetzt ein franzöſiſcher Abgeſandter, Namens Bidal, in Dresden eingetroffen war, der häufig mit dem Kurfür - ſten und Schöning verhandelte. Der Miniſter Clary (öſterreichiſcher Geſandte) ermangelte nicht, über alles ſehr übertriebene Berichte nach Wien zu erſtatten.

Kurz, man glaubte alsbald in Wien an ein ſächſiſch-franzö - ſiſches Bündniß, oder gab ſich wenigſtens das Anſehen, an ein ſol - ches zu glauben, um, geſtützt darauf, einen Coup ausführen und die unbequeme Geſtalt Schönings vom ſächſiſchen Hofe entfernen zu können. Schöning ſelbſt hatte keine Ahnung von dem, was ihm drohte. Er reiſte, ſeit längerer Zeit ernſtlich am Podagra lei - dend, in die Bäder von Teplitz. Hier wurde er, auf den eben ge - ſchilderten Verdacht hin, von den Oeſterreichern aufgehoben, ganz unter ähnlichen Umſtänden, wie ſechszig Jahre früher Hans Georg von Arnim (ebenfalls ein Brandenburger und ſächſiſcher Feldmar - ſchall) von den Schweden aufgehoben und nach Stockholm trans - portirt worden war.

Ueber die Art der Aufhebung Schönings liegt uns folgender Bericht vor. In der Nacht zum 23. Juni marſchirte ein Offi -38 zier mit zweihundert Mann von Prag aus nach Teplitz, umſtellte Schönings Wohnung, ließ ohne weiteres eine Salve geben, brach mit Gewalt in’s Haus ein und nahm den Feldmarſchall gefangen, der, im bloßen Hemd aus dem Bett geſprungen, kaum Zeit ge - funden hatte, einen Schlafrock überzuwerfen. So, mit bloßen - ßen, ſetzte man ihn in eine Kaleſche, der Offizier und zwei Mann bei ihm, und fuhr im ſchnellſten Galopp der Feſtung Prag zu. Der Adjutant des Feldmarſchalls, Major von Droſte, jagte ſofort dem Wagen nach und griff die ſchwache Bedeckung an. Als aber einer der Soldaten das Gewehr auf Schöning anlegte und dieſen zu erſchießen drohte, überließ Droſte den Feldmarſchall den Händen ſeiner Ueberwinder. Von Prag brachte man ihn nach dem Spiel - berg bei Brünn und führte dort ſein Verhör. Man wollte einen zweiten Wallenſtein aus ihm machen und hielt die Meinung auf - recht, daß er nicht ohne Abſichten nach dem Reichscommando ge - ſtrebt habe. Aber alle Bemühungen, ihn zu einem Hochverräther, zu einem Verbrecher gegen die Intereſſen des Reichs zu machen, waren vergeblich.

Sachſen war durch dieſen eigenmächtigen Schritt auf’s ſchwerſte beleidigt und zog zunächſt die 3000 Mann zurück, die es als Reichscontingent geſtellt hatte; alle Schritte aber, die Freilaſſung Schönings zu erwirken, blieben fruchtlos, bis endlich, nach zwei Jahren ſchmählicher Gefangenſchaft, der Regierungsantritt Friedrich Auguſts, (Auguſt der Starke, König von Polen) und die energi - ſchen Proteſte deſſelben, Schöning die Freiheit wiedergaben. Um die Ausſöhnung vollſtändiger zu machen, erſchien jetzt der bis dahin ge - fangen Gehaltene vor Kaiſer und Kaiſerin zur Audienz, und da er eben damals ſchwer vom Podagra geplagt wurde, ward er in einem Seſſel vor die beiden Majeſtäten getragen, ein Um - ſtand, der nicht ermangelte, in ganz Europa die größte Senſation hervorzurufen.

Es war das viel Auszeichnung, auch namentlich wohl in den Augen Schönings, deſſen Herz beſonders empfänglich war für der - artige Huldigungen; aber die Süßigkeit ſolcher Stunden konnte39 doch nicht wiedergeben, was jahrelange Verbitterung dem Herzen genommen hatte. Gefeiert, aber krank und im Innerſten gebrochen (ſein Lieblingsſohn war kurz zuvor geſtorben), zog er in Dresden ein und die Gnadenbezeugungen Friedrich Auguſts begleiteten nur noch einen Hinſcheidenden. Er erkrankte; Podagra und Steinſchmer - zen zehrten an ſeinem Leben, Carlsbad verſagte den Dienſt, und am 28. Auguſt 1696 ſchied er, matt und müde, aus dieſer Welt der Zeitlichkeit. Seine Leiche ward einbalſamirt und in der Kreuz - kirche zu Dresden ausgeſtellt, dann aber am 25. November nach der Neumark übergeführt und am 4. December in der Kirche zu Tamſel beigeſetzt. Dort ruht er noch jetzt in einem kupfernen Sarg, mit Gold reich verziert, ein Crucifix auf dem Deckel.

Wir verſuchen zum Schluß noch eine Schilderung Schönings, ſowohl ſeiner äußern Erſcheinung wie ſeines Charakters. Er war, namentlich dem Bruſtbilde nach zu ſchließen, deſſen Original ſich auf der Feſtung Königſtein und, in Copie, in Händen der Schö - ning’ſchen Familie befindet, ein ſchöner Mann, in deſſen Zügen ſich Soldatiſches und Hofmänniſches, Strenge und Glätte, viel Selbſt - bewußtſein und ein ironiſches Lächeln über die Eitelkeiten dieſer Welt in intereſſanter Weiſe miſchten. In andern Porträts (z. B. auf einer Denkmünze, die gleich nach ſeinem Tode geprägt wurde, ſo wie ferner auf einem großen Reiterbilde im Tamſeler Schloß) tritt das ſtreng Militäriſche beinahe ausſchließlich hervor; doch iſt es fraglich, ob letzteren Bildniſſen die Bedeutung von Porträts beigemeſſen werden darf, oder ob ſie nicht vielmehr jenen bloßen Ruhmes - und Ehrenbildniſſen zuzurechnen ſind, die nach dem Tode eines berühmten Mannes auf gut Glück hin angefertigt wurden, viel mehr in der Abſicht, ihn durch bildliche Darſtellung, gleichviel wie, überhaupt zu feiern, als durch correkte Wiedergabe ſeiner Züge ſeinem äußern Menſchen gerecht zu werden.

Uns von Schönings Charakter ein Bild zu entwerfen, iſt40 nicht eben ſchwer, wenn wir den Berichten über ihn, die in ziem - licher Anzahl auf uns gekommen ſind, unbedingten Glauben ſchen - ken wollen. Es bleibt aber doch fraglich, ob dieſen Schilderungen, trotz des Uebereinſtimmenden, das ſie haben, in allen Stücken zu trauen iſt. Alle Mittheilungen über ihn rühren nämlich von ſeinen Gegnern her, und man würde die Pflicht haben, mit Rückſicht auf dieſen Umſtand die höchſte Vorſicht walten zu laſſen, wenn nicht andererſeits die Erwägung, daß alle Berichte nur eben deßhalb von lauter Gegnern herrühren, weil er nur Gegner hatte, uns nothwendig darauf hin verwieſe, daß etwas entſchieden Un - liebenswürdiges in ſeiner Natur gelebt haben und die Quelle aller dieſer Gegnerſchaften geworden ſein muß. Barfus, die Schombergs (Vater und Sohn), Danckelmann, Grumbkow (der Vater des be - kannten), Otto von Schwerin, Graf Chriſtoph Dohna, alle waren gegen ihn, und die Memoiren des letzteren, wenn wir Gutes und Böſes, das ſie erzählen, zuſammenfaſſen, ſchildern ihn als einen begabten Feldherrn voll Muth, Umblick und Geiſtesgegenwart, aber zugleich auch als einen anmaßenden und habſüchtigen Mann, von ſpöttiſchem und zweideutigem Weſen. Seiner geiſtigen Ueber - legenheit ſich bewußt, behandelte er, was unter ihm ſtand, mit Härte, und was neben ihm ſtand, mit Geringſchätzung.

Dieſe Schilderung wird im Weſentlichen richtig ſein. Sein Streit mit General Barfus, den wir oben ausführlicher erzählt haben, zeigt ihn uns ganz von dieſer Seite. Auch Barfus wird ſeinerſeits, in den Pöllnitz’ſchen Memoiren, ebenfalls auffahrend, halsſtarrig und hochmüthig genannt; aber eine Reihenfolge von Umſtänden ſpricht dafür, daß Schöning in allem, was Dünkel und Hochmuth anging, wenigſtens ein potenzirter Barfus war. Schö - ning war wie Barfus und Barfus war wie Schöning, aber der letztere hatte von allem, vielleicht auch vom Guten, ſicherlich an Talent, ein voller geſchüttelt und gerüttelt Maaß. Mit Barfus, trotz ſeines auffahrenden Weſens und ſeiner Halsſtarrigkeit, war es immerhin möglich, in Ruh und Frieden zu leben, wenigſtens fehlt es an Berichten, die zu entgegengeſetzter Anſicht zwängen; mit41 Schöning aber erſchien überall der Unfriede und die Gekränkten und Beeinträchtigten wichen ihm entweder aus, d. h. quittirten den Dienſt, oder forderten ihn zum Duell. *)Zum Theil freilich waren die ſchiefen Stellungen, in die er be - ſtändig gerieth, unverſchuldet. General von Promnitz wollte ſich mit ihm ſchießen, weil Schöning ſtatt ſeiner das Commando zur Verfolgung Horns erhalten hatte, und General Beauvais d’Espagne nahm 1687 den Ab - ſchied, weil er es nicht ertragen konnte, daß man dem General Schöning, der nach dem ungariſchen Feldzug ein Liebling des großen Kurfürſten ge - worden war, den Vorzug einräumte. Auch dem Kurfürſten (Friedrich III. ) gegenüber verdarb er es, während der Barfusſtreit noch ſchwebte, durch ſeinen anmaßenden Ton. Er mußte Recht haben, er war ja Schöning; in dieſem Sinne ſtellte er ſeine An - träge, und dies war es, was ihn endlich ſtürzte, nachdem er ſich längſt um alle Sympathien gebracht hatte.

So weit nehmen wir nicht Anſtand, in die Angriffe ſeiner Feinde (auch den Vorwurf der Habſucht abzuweiſen, möchte ſchwer ſein) mit einzuſtimmen; aber wenn wir auch die Schatten, die ſein Charakter aufweiſt, weder leugnen noch ſie verringern wollen, ſo können wir ihm doch dadurch gerecht werden, daß wir ſeine Lichtſeiten mehr hervortreten laſſen, als ſeine befangenen Zeitge - noſſen es konnten oder wollten. Schöning hatte keine Freunde unter denen, die ihm gleich ſtanden, aber diejenigen, die über ihm ſtanden, und zwar je höher je mehr, dieſe zeichneten ihn aus und gaben ihm die Beweiſe eines beſonderen Vertrauens. Kurfürſt Friedrich III. war zu unſelbſtſtändig, zu unkriegeriſch, trotz ſeiner Kriege, und perſönlich zu leicht verletzbar, um über die Vorzüge Schönings die Schwächen deſſelben vergeſſen zu können; der große Kurfürſt aber und Friedrich Auguſt der Starke bewieſen ihm dauernd ihre Werthſchätzung und ihre Huld. Seine Stellung, zu - mal zum großen Kurfürſten, erinnert an das Verhältniß, das Win - terfeldt, ſiebzig Jahre ſpäter, zum großen König einnahm. Auch Winterfeldt erkaufte die Liebe Eines durch den Haß Vieler. Die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden, waren zum Theil die -42 ſelben: Hochmuth, Herrſchſucht, Zweideutigkeit; nur der Habſucht wagte man ihn nicht zu bezüchtigen. Schöning wurde mit 37 Jah - ren General, mit 48 Jahren Feldmarſchall; dieſe beiden Angaben genügen, um zu zeigen, was er war. Zwei Höfe, der brandenbur - giſche und der ſächſiſche, wetteiferten in Anerkennung ſeines militä - riſchen Verdienſtes. Dieſes Verdienſt war unbeſtreitbar da, aber freilich, der Stolz über ſeine Gaben verdunkelte dieſe, oder machte die Welt unwillig, da anzuerkennen, wo die höchſte Selbſtſchätzung nichts mehr zu ſchätzen übrig ließ.

Er war ſeiner Umgebung überlegen, namentlich weltmänniſch, aber ſein ſpöttiſcher Mund verrieth zu viel davon und brachte ihn um die beſte Frucht des Lebens, die Liebe der Menſchen. In wenigen Herzen hat er ſich eine Stätte gebaut, nur die Tamſeler Fiſcher haben ihm eine poetiſch-phantaſtiſche Erinnerung bewahrt bis dieſen Tag. Wie Derfflinger in Guſow und der alte Sparr in Prenden, ſo lebt Schöning in Tamſel als ein Zauberer fort, und ſie erzählen daſelbſt von ihm (ohne Fichten geht es nicht ab in brandenburgiſcher Sage), er ſei an der Spitze eines märkiſchen Fichtenwaldes vor die Türkenfeſtung Ofen gerückt, habe durch einen Zauberſpruch all ſeine Fichten in baumhohe Pickeniere verwandelt und dann, wie der Birnamwald vor Schloß Dunſinan, die Tür - kenfeſtung geſtürmt. In den zwanziger Jahren dieſes Jahrhun - derts lebte das alles noch in einem Volkslied, das die Tamſeler Fiſcher zu ſingen pflegten; nun iſt das Lied verklungen und nur noch die Sage geht von Mund zu Mund.

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Kronprinz Friedrich und Frau v. Wreech.

In edlem Zorn erhebe dich, blick auf, Beſchäme, ſtrafe den unwürdigen Zweifel.
(Schiller. )

Nach des Feldmarſchalls Tode fiel Tamſel an den einzigen Sohn deſſelben, der muthmaßlich ſchon bei Lebzeiten des Vaters, die Verwaltung der Familiengüter übernommen hatte. Aber das ſchöne Schloß, das die Hand Griechiſcher Künſtler geſchmückt hatte, ſchien kein Glück, keine Fülle des Lebens für alle diejenigen zu beher - bergen, die den Namen Schöning führten, und kaum anderthalb Jahrzehnte nach dem Tode des berühmten Vaters, folgte ihm der unberühmte Sohn in die Gruft.

Dieſer Sohn war der letzte Schöning der Linie Tamſel. Er hinterließ nur eine einzige Tochter Louiſe Eleonore, die, damals ein Kind noch, unter Vormundſchaft ihrer Mutter, die reiche Erb - ſchaft antrat. Louiſe Eleonore war mit 4 Jahren die Erbin von Tamſel und mit 14 Jahren die Gemahlin des Oberſten Adam Friedrich v. Wreech. Sie war 7 Jahre mit dieſem vermählt, alſo 21 Jahre alt, als der damals neunzehnjährige Kronprinz Friedrich, muthmaßlich in den letzten Tagen des Auguſt 1731 (bis dahin hatte er die Feſtung Küſtrin nicht verlaſſen dürfen) ſeinen erſten Beſuch in Tamſel machte.

Es iſt bekannt, daß der Prinz dieſem erſten Beſuche weitere Beſuche folgen ließ und alsbald ein intimes Verhältniß mit der ſchönen Frau v. Wreech anknüpfte, das bis in die letzten Tage ſeines Küſtriner Aufenthaltes hinein, alſo bis Ende Februar 1732, fortgeſetzt wurde.

Die Frage drängt ſich auf, welcher Art waren dieſe Be - ziehungen? War es ein intimes Freundſchaftsverhältniß, oder war44 es ein anderes? Die Anſchauungen, die bis jetzt darüber gegolten haben, waren dem guten Rufe der ſchönen Frau nicht allzu gün - ſtig; verſchiedene eigenhändige Briefe jedoch, die der Kronprinz eben damals an Frau v. Wreech richtete und deren Inhalt, ja deren Exiſtenz erſt in neueſter Zeit bekannt geworden iſt, werden vielleicht im Stande ſein, die gäng und geben Anſichten über die - ſen Punkt weſentlich zu modificiren. Dieſe an Frau v. Wreech gerichteten Briefe, die ſich jetzt im Beſitz einer Urenkelin derſelben befinden, wurden von der letzteren Dame, in ihrem von der Groß - mutter auf ſie vererbten Berliner Hauſe, zufällig aufgefunden, als ihr, beim Ordnen von Papieren, ein ziemlich vergilbtes Packet mit der kurzen Bezeichnung: Papiers concernant la famille de Wreich in die Hände fiel. Ein zweiter Umſchlag führte die Auf - ſchrift: Lettres et vers de certain grand Prince, woran ſich, wie zu beſtimmterer Bezeichnung des Inhalts, die Worte reihten: Lettres de Fréderic II. (comme Prince royal) à Mad. de Schoening et à sa fille Mad. de Wreich.

Dieſe Briefe ſind auf gewöhnlichem grobem Schreibpapier und oft bis an den unterſten Rand hin voll geſchrieben; die Li - nien ſind krumm, die Orthographie höchſt mangelhaft und die meiſten leider nicht datirt; nur einer trägt das völlige Datum und zwar den 5. September 1731. Doch ergiebt ſich aus dem Inhalt der Briefe mit Beſtimmtheit, daß ſie zwiſchen Ende Auguſt 1731 und Ende Februar 1732 geſchrieben ſein müſſen.

Die Bedeutung dieſer Briefe iſt eine doppelte. Sie werfen, wie ſchon angedeutet, nach meiner Meinung ein ganz beſtimm - tes und ein ſehr vortheilhaftes Licht auf die Art des Verhält - niſſes, das zwiſchen dem Kronprinzen und Frau v. Wreech be - ſtand; ſollten aber die traditionell gewordenen Anſchauungen über dies Verhältniß durch den Inhalt dieſer Briefe nicht erſchüttert werden, ſo werden die letzteren doch unter allen Umſtänden das Gute haben, an die Stelle bloßer Ueberſchriften, einen verhältniß - mäßigen Reichthum von Details und an die Stelle des blaſſen45 Allgemeinen, beſtimmtere Farben und plaſtiſchere Geſtaltung geſetzt zu haben.

Denn die Frau v. Wreech-Literatur (wenn man dieſen Ausdruck geſtatten will) war bisher eine ziemlich kümmerliche, und die Zuſammenſtellung alles deſſen, was man wußte, hatte auf einem Quartblatt Platz. Es waren eigentlich nur zwei Brief-Ci - tate, von denen das eine Citat einem Briefe des Grafen Schu - lenburg (wenn ich nicht irre, an Grumbkow), das andere Citat einem Briefe Grumbkows an Seckendorf entnommen war. Beide Citate unterſchieden ſich von einander dadurch, daß ſich das eine mit der Perſönlichkeit der Frau v. Wreech, das andere mit der Art ihres Verhältniſſes zum Kronprinzen beſchäftigte; aber beide Briefſtellen waren äußerſt aphoriſtiſch, und während Schulenburg meldete: Frau v. Wreech ſei ſehr ſchön und habe einen Roſen - und Lilien-Teint, ſprach Grumbkow von einer ſtarken amour, in die der Prinz verfallen ſei, und fügte einige derbe Worte hin - zu, die der König, gewiſſermaßen in Billigung und Gutheißung des Verhältniſſes, geäußert haben ſollte. Dies iſt Alles. Wohl ſprechen die diplomatiſchen Klatſch-Briefe, die damals mit wichtig - ſter Miene hin - und hergeſchrieben wurden, von allerhand De - bauchen, in die der Prinz verfallen ſei, dieſer Ausdruck aber be - zieht ſich erſichtlich nur auf ſein Küſtriner Leben und nicht auf ſeine Tamſeler Beſuche. Ja, ich möchte weiter gehen und die Be - hauptung wagen, daß Tamſel damals die Kehrſeite, der Gegen - ſatz von dem Küſtriner Leben geweſen ſei, ganz geeignet, durch Sitte, Feinheit und Anſtand ein Leben wieder zu reguliren, das ſolcher Regulatoren allerdings dringend bedürftig war.

Auch wir heute, geſtützt auf die Briefe des Kronprinzen, be - ſchäftigen uns zunächſt mit der Perſönlichkeit und dem Cha - rakter der Frau v. Wreech. Haben wir dieſe beiden feſtgeſtellt, ſo haben wir, anderer Aufklärungen zu geſchweigen, bereits viel ge - wonnen; denn die Handlungen der Menſchen ſind im Einklang mit ihrem Sein.

Ein Teint wie Lilien und Roſen ſchreibt Schulenburg und46 ſtellt durch dieſe wenigen Worte, das Bild einer ſchönen Blondine vor uns hin, jung, heiter, blendend, von gefälligen Formen. Aber die Briefe des Kronprinzen geben uns mehr: ſie beleben, ſie durch - geiſtigen die ſchöne Geſtalt. Frau v. Wreech ſcheint ſich Ausgangs November 1731, während der Vermählungstage der Prinzeſſin Wilhelmine in Berlin, mit bei Hofe befunden zu haben, und wäh - rend dieſer Tage iſt es, daß der Kronprinz ſich niederſetzt, um an Frau v. Schöning, die Mutter der Frau v. Wreech, zu ſchreiben. Madame, ſo heißt es in dieſem Briefe, ich habe das Vergnügen gehabt Ihre Frau Tochter in Berlin zu ſehen. Ich ſah ſie, aber ſo flüchtig, daß ich kaum Gelegenheit fand, ihr guten Tag und guten Weg zu wünſchen. Dennoch, ſo kurze Zeit ich ſie ſah, konnte mir es nicht entgehen, wie ſehr ſie ſich vor allen anderen Damen des Hofes auszeichnete, und obſchon ein ganzer Haufe von Prinzeſſinnen (une foule de princesses) zugegen war, die an Glanz ſie übertrafen, ſo verdunkelte Ihre Frau Tochter doch alle durch Schönheit und majeſtätiſche Miene, durch Haltung und feine Sitte. Ich war wirklich in einer Tantalus-Lage, immer verſucht zu einer ſo göttlichen Perſon (à une si divine personne) zu ſprechen, und nichts deſto weniger zum Schweigen verpflichtet. Ihre Schönheit feierte ſchließlich einen völligen Triumph und al - les am Hofe kam überein, daß Frau v. Wreich den Preis der Schönheit und feinen Sitte davontrage. Dieſe Worte müſſen Ih - nen wohlthun, da Sie dieſer liebenswürdigſten aller Frauen ſo nahe ſtehen. Aber ſeien Sie verſichert, Madame, daß Ihre Theil - nahme an dieſem Allem nicht lebhafter ſein kann, als meine eigene, der ich Alles liebe, was dieſer liebenswürdigen Familie zugehört, und immer bin und ſein werde Ihr ergebenſter Freund, Neffe und Diener Friedrich.

Wenn uns dieſer Brief von der Feinheit und Grazie der ſchönen Frau erzählt, ſo erzählt uns ein anderer Brief von dem Reſpect, den ihre Gegenwart einzuflößen verſtand. Der Kron - prinz ſchreibt unterm 5. September 1731 an Frau v. Wreech ſelber:

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Ich würde die härteſte Strafe verdienen, in Ihrer Ge - genwart eine betise wie die geſtrige begangen zu haben, wenn ich nicht Entſchuldigungen hätte, die glaub ich (einigermaßen) ſtich - haltig ſind. Der Graf ſagte wirklich Dinge, die mir ganz und gar nicht gefielen, Dinge, deren raſche und ruhige Verdauung über meine Kräfte ging. Dennoch hab ich nur allzu guten Grund, Ihre Verzeihung für mein albernes Betragen nachzuſuchen. Sie werden mir erlauben, meinen letzten Beſuch durch einen anderen wieder gut zu machen, wo ich verſuchen will, wenn’s möglich iſt, den Eindruck meiner geſtrigen Thorheit zu verwiſchen.

So am 5. September. Aber die aufgefundenen Briefe fügen dem Bilde weitere Züge hinzu und wir ſehen Frau v. Wreech nicht nur im Beſitz von Jugend, Schönheit und einer Reſpect er - zwingenden Haltung, wir gewinnen auch einen leiſen Einblick in ihre geiſtige Begabung und in die Liebenswürdigkeit ihres Cha - rakters. Am 20. Februar 1732 ſchreibt der Kronprinz:

Ich würde ſehr undankbar ſein, wenn ich Ihnen nicht mei - nen Dank darüber ausſprechen wollte, einmal, daß Sie überhaupt nach Tamſel kamen und dann, daß Sie mir die reizenden Verſe überreichten, die Sie für mich gemacht hatten. Ich hätte mich einer Sünde ſchuldig zu machen geglaubt, wenn ich die Verſe gleich geleſen und dadurch, wenn auch nur auf einen Augenblick, mich um den Zauber Ihrer Unterhaltung gebracht hätte. Geſtern, in abendlicher Einſamkeit, fand ich Gelegenheit, Alles in ungeſtör - teſter Muße zu leſen und zu bewundern. Da haben Sie meine Kritik. Alles, was von Ihnen kommt, entzückt mich durch Geiſt und Grazie. Doch genug, ich breche ab, ſeh ich Sie im Geiſte doch ohnehin erröthen. Ihrer Beſcheidenheit aber jedes wei - tere Verlegenwerden zu erſparen und zugleich von dem Wunſche geleitet, Ihnen einen neuen Beweis meines blinden Gehorſams zu geben, ſchicke ich Ihnen, was Sie von mir gefordert haben.

Das, was der Prinz ſchickt, was Frau v. Wreech von ihm gefordert hat, iſt ſein Portrait, und er begleitet daſſelbe mit einem Abſchieds-Sonett, deſſen Liebesgeſtändniß, eben weil es Ab -48 ſchiedszeilen ſind, vielleicht ein gut Theil ernſthafter zu nehmen iſt, als alle die andern gereimten Huldigungen, auf die ich ſpäter zu - rückkomme. Das Sonett lautet:

Als mein Geſandter ſoll mein Bild dich grüßen,
Und des Geſandten Dollmetſch ſei dies Lied,
Was ich zu ſagen Dir bisher vermied,
Ich ſag es nun: Ich liege Dir zu Füßen.
Ich trage Feſſeln, aber jene ſüßen,
Von denen nie ein Herz freiwillig ſchied,
Mit jedem Ringe, jedem neuen Glied
Wächſt nur die Luſt zu tragen und zu büßen.
Doch halt, o Lied, verrathe nicht zu viel,
Verberge lieber hinter heitrem Spiel
Den Schmerz des Abſchieds und des Herzens Wunde;
Verberge Deiner Wünſche liebſtes Ziel,
Verſchweige, daß nur Eine Dir gefiel,
Um die du ſterben möchteſt jede Stunde.

Ich habe die Ueberſetzung dieſes Sonetts mit gutem Vor - bedacht hierher geſtellt, weil es mir, ganz abgeſehen von ſeinem Inhalt oder ſeinem Werth oder Unwerth, ganz einfach in ſeiner Eigenſchaft als etwas Gereimtes oder Gedichtetes, einen paſſenden Uebergang zu dem zu machen ſcheint, was ich zunächſt noch zu ſagen haben werde.

Nachdem ich nämlich bis hierher bemüht geweſen bin, das Bild der Frau v. Wreech zu zeichnen, drängt ſich nun zweitens wieder die bis hieher zurückgewieſene Frage auf: Wie ſtanden der Kronprinz und die Beſitzerin von Schloß Tamſel zu einander? Wie eng oder wie weit waren die Grenzen ihrer Intimität ge - zogen?

Die Antwort, die ich auf dieſe Frage habe, weicht, wie ſchon angedeutet, durchaus ab von der üblichen Anſchauung. Es ſtehen die Grumbkow’ſchen Klatſchereien und die eigenhändigen Briefe des Kronprinzen ziemlich diametral einander gegenüber, und die vor - ſichtigſte Prüfung dieſer Briefe, ſelbſt ein argwöhniſches Suchen und Leſen zwiſchen den Zeilen, hat mir ſchließlich nur um ſo fe -49 ſter die Ueberzeugung verſchafft, daß das Ganze die Huldigung eines etwas verliebten, poetiſirenden jungen Prinzen war, eine Huldigung, die, mal leichter mal leidenſchaftlicher auftretend, von Frau von Wreech halb als eine Zerſtreuung, eine Ehre, eine Schmeichelei, aber halb auch als eine Laſt entgegen genommen wurde.

Dem entſprechend war denn auch wohl das Verhältniß, das zwiſchen Frau von Wreech und Kronprinz Friedrich, dieſem glän - zenden Typus eines jungen poetiſirenden Berliners, ins Leben trat. Die blendende Schönheit, der ſinnliche Reiz der jungen Frau gaben dieſen Beziehungen im Laufe der Wochen und Monate eine andere Färbung; es kamen leidenſchaftliche Stunden, aber ſie kamen doch nur wie Anfälle und ließen im Weſentlichen das auf äſthetiſchen Intereſſen aufgeführte Verhältniß fortbeſtehen. Es war das geiſtreiche Bedürfniß, das immer wieder nach Tamſel hindrängte; der Eſprit der Küſtriner Garniſons-Offiziere reichte nicht aus, ihr Verſtändniß für Verſe war vollends zweifelhaft, und ſo ſehen wir denn die Correſpondenz nach Tamſel hin nicht nur von zahlreichen Poetereien, wie Oden, Stanzen, Hymnen, Sonetten ꝛc., beſtändig begleitet, ſondern auch die Briefe ſelbſt, zumal den vorletzten, in jener halb ironiſchen, halb humoriſtiſchen Weiſe abgefaßt, die ſich immer da einſtellt, wo junge Männer dem Zuge nicht widerſtehen können, jeden Brief auch zugleich als eine kleine literariſche That, als eine Anhäufung origineller Gedanken, oder als eine witzig-geiſtvolle Beſchreibung in die Welt zu ſenden.

Den erſten Brief des Kronprinzen, der übrigens in eſprit - voller Weiſe die Correſpondenz eröffnet, übergeh ich hier; ich be - ginne mit dem zweiten, worin der junge Poet, dem nichts ſo ſehr am Herzen liegt, als das Schickſal ſeiner Verſe, unverkennbar hervortritt.

Madame, ſo ſchreibt er, die Heuſchrecken, die das Land ver - wüſten, haben die Rückſicht genommen, Ihre Beſitzungen und Län - dereien zu verſchonen. Ein zahlloſes Heer viel ſchlimmerer und ge - fährlicherer Inſekten indeß ſteht auf dem Punkt, ſich bei Ihnen niederzulaſſen, und nicht zufrieden damit, das Land zu zerſtören, haben dieſe Geflügelten die Dreiſtigkeit, Sie perſönlich und in450Ihrem eigenen Schloſſe zu überfallen. Dieſe Geflügelten führen den Namen Verſe, ſind Sechsfüßler, haben ſcharfe Zähne und einen langgeſtreckten Körper, dazu eine gewiſſe Kadenz, die genau genommen ihr Grundprincip iſt und ihnen das Leben giebt. Es iſt eine böſe Race, jüngſt vom Parnaß angekommen, wo ſie der gute Geſchmack nicht länger dulden wollte. Ein gleiches Schickſal wird ihrer in Tamſel harren. Wie immer dem ſein möge, ich freue mich, daß Apollo ſich aufgerafft hat, um ſeinen Muſenberg von der Spreu der unächten Poeten zu ſäubern. Sein Staub - beſen hat gründlich aufgeräumt. Ich ſelbſt freilich bin unter den zumeiſt Getroffenen, aber ich verzeihe alles, verzeihe es um ſo lie - ber, als ich ſehr wohl weiß, daß überall da, wo das Böſe ſeine Strafe, auch das Gute ſeinen Lohn erhält. Sie, Madame, wer - den dieſen Lohn empfangen und ich bitte Sie dann um Ihr aller - gnädigſtes Fürwort. Sagen Sie dem Apoll, daß er als Direc - teur der Künſte und Wiſſenſchaften eigentlich doch zu grob operirt und mich kaum noch als einen Mann von Ehre behandelt habe. Bitte, ſagen Sie ihm ferner, daß es eigentlich nur ein Mittel gäbe, ſolche Züchtigungen und Backenſtreiche erträglich zu machen, nämlich die Stiftung eines Ordens vom ſchlechten Reim. Willigt er darin, ſo kann er uns von da ab treffen, wie er will, wir werden es ruhig und dankbar hinnehmen Ritter, die wir dann ſind.

So der Brief. Der Kronprinz hat in den erſten Zeilen deſ - ſelben ein ganzes Heer von Verſen angekündigt, Sechsfüßler mit ſcharfen Zähnen und langgeſtrecktem Körper, und dieſe Verſe, die dem Briefe beiliegen, ſo wie andere, die folgten, beſchäftigen uns jetzt. Alle dieſe Verſe theilen ſich in zwei Gruppen, in ſolche, die in directer Huldigung gegen die ſchöne Frau geſchrieben, und ſolche, die ihr bloß zur Kritik, muthmaßlich zur mildeſtdenkbaren, vorgelegt wurden.

Eine Ode, an Frau von Wreech gerichtet, eröffnet den Rei - gen. Man muß es damals mit den Gattungs-Eintheilungen und den demgemäßen Ueberſchriften nicht ſehr genau genommen haben,51 denn die Zeilen verhalten ſich zu dem Schwung einer wirklichen Ode etwa wie ſich Kotzebues armer Poet zum Goetheſchen Taſſo verhält. Der Prinz erklärt, daß er Frau von Wreech liebe und ver - ehre; daß es freilich Menſchen gäbe, die da meinten, Liebe ſei eine Schwäche, daß er für ſein Theil aber die ſchwachen Herzen angenehmer fände, als die Herzen von Stein. In der Mitte der ſogenannten Ode, bei deren Uebertragung ich übrigens, wie auch bei den folgenden Stücken, die im Ausdrucke proſaiſchſten Stellen we - ſentlich gemildert habe, heißt es in leidlich wohlgeſetzten Alexandrinern:

Hab ich zu viel geſagt