PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I][II]
Lehrbuch der Landwirthſchaft auf wiſſenſchaftlicher und praktiſcher Grundlage.
Zweiter Band. Beſondere Pflanzenbaulehre.
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Mit 163 in den Text gedruckten Holzſchnitten.
Berlin,Verlag von Wiegandt, Hempel & Parey. Verlagsbuchhandlung für Landwirthſchaft, Gartenbau und Forſtweſen.1876.
[III]
Beſondere Pflanzenbaulehre auf wiſſenſchaftlicher und praktiſcher Grundlage.
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Mit 163 in den Text gedruckten Holzſchnitten.
Berlin,Verlag von Wiegandt, Hempel & Parey. Verlagsbuchhandlung für Landwirthſchaft, Gartenbau und Forſtweſen.1876.
[IV][V]

Inhalt.

  • Seite
  • II. Beſondere Pflanzenbaulehre.
  • Einleitung3
  • I. Die Mehlfrüchte. (Cultur ſtärkemehlreicher Samen.)
  • 1. Der Weizen5
  • Arten[und] Spielarten, Entwicke - lungsgeſchichte5
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen12
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung14
  • 3. Die Saat16
  • 4. Die Pflege19
  • 5. Die Ernte24
  • 2. Der Roggen26
  • Spielarten26
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen27
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung28
  • 3. Die Saat29
  • 4. Die Pflege31
  • 5. Die Ernte33
  • 3. Die Gerſte34
  • Arten und Spielarten34
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen36
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung38
  • 3. Die Saat39
  • 4. Die Pflege40
  • 5. Die Ernte42
  • 4. Der Hafer43
  • Arten und Spielarten43
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen45
  • Seite
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung46
  • 3. Die Saat46
  • 4. Die Pflege47
  • 5. Die Ernte48
  • 5. Der Reis48
  • 6. Der Mais49
  • Spielarten, Entwickelungsgeſchichte49
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen51
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung52
  • 3. Die Saat53
  • 4. Die Pflege55
  • 5. Die Ernte57
  • 7. Die Mohrenhirſe58
  • 8. Die Hirſe59
  • Arten und Spielarten59
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen60
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung60
  • 3. Die Saat61
  • 4. Die Pflege61
  • 5. Die Ernte61
  • 9. Der Buchweizen62
  • 10. Mengſaaten64
  • a. Weizengemenge65
  • b. Spelzgemenge65
  • c. Roggengemenge65
  • d. Gerſtengemenge65
  • e. Hafergemenge66
  • II. Die Hülſenfrüchte. (Cultur proteïnreicher Samen.)
  • 1. Die Erbſe66
  • Arten und Spielarten66
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen67
  • VI
  • Seite
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung68
  • 3. Die Saat68
  • 4. Die Pflege69
  • 5. Die Ernte70
  • 2. Die Linſe71
  • 3. Die Wicke72
  • 4. Die Pferdebohne74
  • 5. Die Wicklinſe, Platterbſe und Kicher76
  • 6. Die Phaſeole78
  • III. Die Oelfrüchte. (Cultur ölhaltiger Samen.)
  • 1. Der Raps80
  • Spielarten, Entwickelungsgeſchichte80
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen82
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung82
  • 3. Die Saat83
  • 4. Die Pflege83
  • 5. Die Ernte86
  • 2. Der Rübſen87
  • 3. Der Leindotter88
  • 4. Der Mohn88
  • Spielarten88
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen89
  • 2. Die Saat und die Pflege90
  • 3. Die Ernte90
  • 5. Der Senf, der Oelrettig, die Sonnenblume und die Madie91
  • IV. Die Gewürzpflanzen, der Hopfen und die Weberkarde. (Cultur ätheriſches Oel enthaltender Samen, Wurzeln und Fruchtſtände.)
  • 1. Der ſchwarze Senf94
  • 2. Der Meerrettig94
  • 3. Der Kümmel95
  • 4. Der Fenchel, der Anis und der Koriander96
  • 5. Der Safran97
  • 6. Der Hopfen98
  • Spielarten, Entwickelungsgeſchichte98
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen99
  • 2. Die Anlage des Hopfengartens100
  • Seite
  • 3. Die Pflege101
  • 4. Die Ernte102
  • 7. Die Weberkarde104
  • V. Die Farbepflanzen. (Cultur farbſtoffhaltiger Blüthen, Blätter und Wurzeln.)
  • 1. Die Malve106
  • 2. Der Saflor106
  • 3. Der Wau107
  • 4. Der Waid108
  • 5. Der Krapp109
  • VI. Die Blattpflanzen. (Cultur alkaloidhaltiger Blätter.)
  • 1. Der Tabak112
  • Arten und Spielarten, Entwicke - lungsgeſchichte112
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen113
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung114
  • 3. Die Saat115
  • 4. Die Pflege116
  • 5. Die Ernte117
  • VII. Die Geſpinnſtpflanzen. (Cultur baſtreicher Stengel.)
  • 1. Der Lein119
  • Arten und Spielarten, Entwicke - lungsgeſchichte119
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen120
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung120
  • 3. Die Saat121
  • 4. Die Pflege123
  • 5. Die Ernte124
  • 6. Die Flachszubereitung125
  • 7. Der Ertrag127
  • 2. Der Hanf128
  • Spielarten, Entwickelungsgeſchichte128
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen129
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung130
  • 3. Die Saat130
  • 4. Die Pflege131
  • 5. Die Ernte131
  • VII
  • Seite
  • VIII. Die Knollen - und Wurzelfrüchte. (Cultur ſtärkemehlhaltiger Knollen und rohrzucker - haltiger Wurzeln.)
  • 1. Der Kohlrabi134
  • 2. Die Kartoffel135
  • Spielarten, Entwickelungsgeſchichte135
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen138
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung140
  • 3. Die Saat141
  • 4. Die Pflege144
  • 5. Die Ernte147
  • 3. Der Topinambur148
  • Spielarten148
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen148
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung148
  • 3. Die Saat und Pflege149
  • 4. Die Ernte149
  • 4. Die Runkelrübe150
  • Spielarten, Entwickelungsgeſchichte150
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen155
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung156
  • 3. Die Saat156
  • 4. Die Pflege158
  • 5. Die Ernte160
  • 6. Die Rübenſamengewinnung161
  • 5. Die Kohlrübe162
  • Spielarten162
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen162
  • 2. Die Saat163
  • 3. Die Pflege163
  • 4. Die Ernte164
  • 6. Die Waſſerrübe164
  • Spielarten164
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen166
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung166
  • 3. Die Saat167
  • 4. Die Pflege167
  • 5. Die Ernte168
  • 7. Die Paſtinake168
  • 8. Die Möhre169
  • Spielarten169
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen171
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung171
  • 3. Die Saat171
  • 4. Die Pflege172
  • 5. Die Ernte173
  • Seite
  • 9. Die Cichorie173
  • 10. Der Kuhkohl174
  • 11. Der Kopfkohl175
  • Spielarten175
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen176
  • 2. Die Saat176
  • 3. Die Ernte177
  • IX. Die Futterpflanzen. (Blatt - und Stengelcultur.)
  • 1. Die Luzerne179
  • Spielarten, Entwickelungsgeſchichte179
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen179
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung180
  • 3. Die Saat181
  • 4. Die Pflege182
  • 5. Die Ernte183
  • 2. Die ſchwediſche Luzerne184
  • 3. Die Sandluzerne184
  • 4. Die Hopfenluzerne184
  • 5. Der Rothklee185
  • Spielarten, Entwickelungsgeſchichte185
  • 1. Die Wachsthumsbedingungen187
  • 2. Die Vorfrucht und Vorbereitung187
  • 3. Die Saat189
  • 4. Die Pflege189
  • 5. Die Ernte192
  • 6. Der Incarnatklee193
  • 7. Der Weißklee194
  • 8. Die Serradella195
  • 9. Die Eſparſette197
  • 10. Die Lupine199
  • 11. Der Grünraps und Grün - rübſen201
  • 12. Der Spörgel202
  • 13. Der Grünbuchweizen203
  • 14. Das Grüngetreide203
  • 15. Der Mohar204
  • 16. Der Grünmais206
  • 17. Das Kleegemenge und Klee - gras208
  • 18. Das Miſchfutter216
  • VIII
  • Seite
  • Anhang.
  • X. Die Wieſen.
  • 1. Die Zuſammenſetzung der Grasnarbe221
  • 2. Die Entwäſſerung228
  • 3. Die Bewäſſerung229
  • Bewäſſerungsſyſteme233
  • a) Die Staubewäſſerung235
  • b) Der Hangbau236
  • c) Der Rückenbau238
  • Seite
  • d) Der natürliche Wieſenbau240
  • e) Die Peterſen’ſche Drain - bewäſſerung241
  • 4. Die Düngung244
  • 5. Die Verjüngung246
  • 6. Die Pflege248
  • 7. Die Ernte250
  • XI. Die Weiden.
  • 1. Cultur der Weiden251
  • 2. Ertrag der Weiden252
[1]

II. Beſondere Pflanzenbaulehre.

Krafft, Lehrb. d. Landw. II. 1[2][3]

Die beſondere Pflanzenbaulehre (beſondere Ackerbaulehre) hat die Aufgabe, die natürlichen Bedingungen, welche in der allgemeinen Ackerbaulehre für das Wachs - thum der Pflanzen feſtgeſtellt wurden, im Beſonderen für die einzelnen Culturpflanzen Mitteleuropa’s auszuführen und das Culturverfahren anzugeben, durch welches abgeſehen von dem wirthſchaftlichen Vortheile der größte Ertrag von der einzelnen Pflanze erreicht werden kann.

Das Culturverfahren richtet ſich vorzugsweiſe nach dem Pflanzentheile, welcher in erſter Linie zur Nutzung gelangen ſoll und auf deſſen höchſte Ausbildung daher hinzuwirken iſt. Meiſt beſitzen Pflanzen der verſchiedenſten Art die gleichen nutzbaren Theile; ſie erfordern daher die gleiche Cultur, weßhalb ſie zweckmäßig, unbeſchadet ihrer Verſchiedenartigkeit in botaniſcher Hinſicht, in eine Gruppe zuſammengefaßt werden können. In nachſtehender Ueberſicht ſtellen wir den möglicherweiſe zur Nutzung ge - langenden Pflanzentheilen jene Pflanzengruppen und Pflanzen gegenüber, welche vor - zugsweiſe wegen dieſer nutzbaren Theile angebaut werden:

  • 1. Stärkemehlreiche Samen: Mehlfrüchte.
  • 2. Proteïnreiche Samen: Hülſenfrüchte.
  • 3. Oelhaltige Samen: Oelfrüchte.
  • 4. Aetheriſches Oel enthaltende Samen: Gewürzpflanzen.
  • 5. Aetheriſches Oel enthaltende Frucht - ſtände: Hopfen.
  • 6. Fruchtſtände: Weberkarde.
  • 7. Farbſtoffhaltige Narben: Safran.
  • 8. Farbſtoffhaltige Blumenblätter: Safflor, Malve.
  • 9. Farbſtoffhaltige Blätter: Waid, Wau.
  • 10. Alkaloidhaltige Blätter: Tabak.
  • 11. Baſtreiche Stengel: Geſpinnſtpflanzen.
  • 12. Stärkemehlhaltige Knollen: Knollen - früchte.
  • 13. Rohrzuckerhaltige Wurzeln: Wurzel - früchte.
  • 14. Farbſtoffhaltige Wurzeln: Krapp.
  • 15. Geſammte oberirdiſche Pflanzentheile: Futterpflanzen.

Vorerſt iſt auf die wirthſchaftliche Bedeutung der jeweiligen Pflanzengruppe aufmerkſam zu machen und weiterhin die Cultur der einzelnen, der Gruppe an - gehörigen Pflanze näher auszuführen.

Die Lehre von der Cultur der einzelnen Pflanze hat wieder von der Ermitte - lung der Arten und Spielarten auszugehen, die Entwickelungsgeſchichte für mindeſtens eine Pflanze der betreffenden Gruppe anzudeuten, weiterhin die Bedingungen für das Wachsthum feſtzuſtellen, welche Aufſchluß über die Verbreitung, über die Anſprüche1*4Beſondere Pflanzenbaulehre.an Boden und Klima und über deren Einfluß auf die Abänderung der Pflanze geben, die geeignete[Vorfrucht] und Vorbereitung (Beſtellung und Düngung) an - zuführen und ſchließlich Anhaltspunkte zu gewähren für die Ausführung der Saat (Auswahl des Saatgutes, Samengewinnung und Samenwechſel, Saat-Zeit, - Methode und - Menge, Unterbringen des Samens), der Pflege (Schutz gegen nachtheilige Witterungseinflüſſe, gegen ungünſtige Bodenzuſtände und gegen ſchädliche Pflanzen und Thiere) und der Ernte (Zeitpunkt und Ausführung der Ernte, Ernteertrag).

Zur weiteren Vereinfachung der Darſtellung ſollen mit Rückſicht auf die Gleich - artigkeit der Benutzung mehrere der obengenannten Pflanzen und Pflanzengruppen zuſammengenommen werden.

Die beſondere Pflanzenbaulehre hat daher die Cultur der nachſtehenden Pflanzen - gruppen zu umfaſſen:

  • 1. Die Mehlfrüchte.
  • 2. Die Hülſenfrüchte.
  • 3. Die Oelfrüchte.
  • 4. Die Gewürzpflanzen, den Hopfen und die Weberkarde.
  • 5. Die Farbepflanzen.
  • 6. Die Blattpflanzen.
  • 7. Die Geſpinnſtpflanzen.
  • 8. Die Knollen - und Wurzelfrüchte.
  • 9. Die Futterpflanzen.
  • Anhang: 10. Die Wieſen.
  • 11. Die Weiden.
5Die Mehlfrüchte.

I. Die Mehlfrüchte.

Die Mehl -, Getreide - oder Körnerfrüchte werden vorzugsweiſe wegen ihrer Samen angebaut. Die Samen dieſer Pflanzen enthalten neben großen Mengen von ſtickſtofffreien Nährſtoffen, 7.8 (Reis) bis 13.2 % (Weizen) Proteïnſtoffe. Be - ſonders reich ſind ſie an Stärkemehl, von welchem der Reis den größten (74.5 %) der Hafer den kleinſten (56.6 %) durchſchnittlichen Gehalt beſitzt. Der größte Theil der Mehlfrüchte die Cerealien, Halmfrüchte oder Hauptbrodfrüchte dient zur Ernährung der menſchlichen Bevölkerung. Durch den Anbau der Cerealien wird von derſelben Fläche nahezu die vierfache Menge an ſtickſtoffhaltigen Nährſtoffen als wie durch den Futterbau und die Gewinnung von Fleiſch producirt. Außerdem liefern die Körner im rohen oder verarbeiteten Zuſtande ein ſehr werthvolles Viehfutter und das Roh - material zur Bier -, Branntwein - und Stärkefabrication. Durch letztere Verwendungs - art erlangen die Getreidefrüchte auch annähernd die Bedeutung von Fabrikspflanzen. Nebenbei erhält man von den Getreidepflanzen Stroh, welches als Streu - und Futtermaterial für die Nutzthiere oder zu verſchiedenen anderen Zwecken verwendet wird.

Gegenwärtig wird die Cultur der Getreidepflanzen am ausgedehnteſten in Ländern betrieben, deren Cultur noch weniger entwickelt iſt. Die Gebiete von Südrußland, Nordamerika und Ungarn ſind daher als die Getreidekammern für die übrige civili - ſirte Welt anzuſehen. Urſache dieſer Erſcheinung iſt nicht nur die einfache Cultur, die Eignung für faſt alle Bodenarten und die geringen Anſprüche an das Klima, ſondern auch bei dem geringen Waſſergehalte (12 14 %) der Körner die Möglich - keit der leichten Transportirung und Aufbewahrung der Letzteren.

Am häufigſten werden von den Mehlfrüchten in Mitteleuropa angebaut, aus der Familie der Gramineen: der Weizen (Triticum), der Roggen (Secale cereale L.), die Gerſte (Hordeum), der Hafer (Avena), der Reis (Oryza sativa L.), der Mais (Zea Mais L.), die Mohren - hirſe (Sorghum vulgare Pers. ), die Hirſe (Panicum miliaceum L.). Polygoneen: der Buchweizen (Polygonum fagopyrum L.).

Außerdem gelangen noch Gemenge verſchiedener Mehlfrüchte als Mengſaaten zum Anbaue.

1. Der Weizen.

Der Weizen unterſcheidet ſich von den übrigen Getreidearten durch ſeine mehr - blüthigen Aehrchen. Am häufigſten finden ſich in einem Aehrchen zwei, öfter drei und bis zu fünf Blüthen. Die Frucht iſt entweder, wie bei dem eigentlichen Weizen, nackt oder, wie bei dem Spelzweizen, derart mit den Spelzen vereinigt,6Beſondere Pflanzenbaulehre.daß ein Ausbringen durch Dreſchen nicht möglich. Beide Weizengruppen werden entweder als Winter - oder Sommerfrucht angebaut und zählen eine große Zahl von Arten und Spielarten:

A. Eigentliche Weizen. 1. Gemeiner oder weicher Weizen (Triticum vulgare Vill.) . Die Spindel iſt zäh, die Aehrchen decken ſich zur Hälfte, die Spelzen ſind weich. Die äußere Deckſpelze oft begrannt, oft unbegrannt. Die eiförmigen, nackten Körner ſind an der Keimſeite ſtumpf und ſowohl an der Rücken -, als auch an der Bauchſeite abgerundet. Die Spielarten werden häufig nach der Aehrenlänge, Begrannung, Behaarung und Farbe der Aehrchen unterſchieden, ohne daß dieſer Unterſcheidung bei der großen Veränderlichkeit der Spielarten (ſiehe weiter unten) eine erhebliche Bedeutung zukommt. Mehr Beachtung verdient die Sonderung der Spielarten nach der Farbe der Körner und der Beſchaffenheit des Bruches. In dieſer Hinſicht unterſcheidet man:

a. Weizen mit weißen oder hellgelben Körnern und rein weißem, mehligem Bruch. Dieſelben kommen am meiſten unter den Weizen von Auſtralien und Nord - amerika, ſeltener unter den europäiſchen Weizen vor. Bekanntere Sorten ſind: Auſtraliſcher Weizen aus Mount Barker, Victoriaweizen, Weißer Winter-Talavera - weizen, Californiſcher Weizen, Frankenſteiner Weizen, Sandomir-Weizen ꝛc.

b. Weizen mit rothen Körnern und mehligem Bruch. Dieſelben ſind in Frankreich, in der Schweiz, in Deutſchland, England häufig verbreitet. Sorten: Gewöhnlicher Winterbartweizen, Fig. 1, Flandriſcher Kolbenweizen, Fig. 2, Probſteier Weizen, Hallets genealogiſcher Nurſery-Weizen, Prinz Albert-Weizen, Blumenweizen ꝛc.

2. Glas - oder Hartweizen (Triticum durum Desf. ) und , Fig. 3. Dieſer Weizen unterſcheidet ſich von dem gemeinen Weizen durch einen glaſigen, hornigen Bruch der Körner. Dieſe Beſchaffenheit des Endoſperms der Körner wird hervor - gebracht durch das lückenloſe Aneinanderdrängen der Stärkekörner in dem eingetrock - neten Protoplasma, in Folge deſſen die Zellen durchſichtig oder glaſig werden. In den mehligen Körnern iſt das Protoplasma weniger ſtark entwickelt, es entſtehen daher durch das Austrocknen bei der Reife zwiſchen den Stärkekörnern zahlreiche Luftlücken, welche die Zellen undurchſichtig, mehlig erſcheinen laſſen. Der Glasweizen iſt ge - wöhnlich begrannt. Die Spelzen ſind ledrig, hart, in Folge deſſen iſt die Frucht nicht abgerundet, ſondern entſprechend den Falten der Spelzen eckig, ſcharfkantig. Der Keim iſt länglich ſpitz, faſt vorgezogen.

c. Weizen mit harten, geſtreckten, kantigen, lichtgelben Körnern mit horniger Bruchfläche. Dieſelben werden am häufigſten im Orient und in Oſteuropa angebaut.

d. Zahlreiche Mittelformen mit theilweiſe glaſigem, theilweiſe mehligem Bruch. Zu denſelben gehören die Weizenſorten von Deutſchland, Weſt - und Nordeuropa. Am meiſten verbreitet iſt derſelbe in Ungarn, Rumänien, Südrußland, Kanada, den Vereinigten Staaten Nordamerikas.

e. Banaterweizen. Die Farbe der Körner dieſes harten, zu den kleinſten Sorten zählenden Weizens iſt ein mit roth und bläulichem Aſchgrau gemiſchtes Wachs - gelb. Ihrer Form nach ſtehen ſie in der Mitte zwiſchen den abgerundeten und kantigen Körnern.

7Die Mehlfrüchte.
Fig. 1.

Aehre des gewöhnlichen Winterbartweizens (Triticum vulgare Vill.) .

Fig. 2.

Aehre des flandriſchen Kolbenweizens (Triticum vulgare Vill.) .

Fig. 3.

Aehre des Glas - weizens. (Triticum durum Desf.) .

8Beſondere Pflanzenbaulehre.
Fig. 4.

Aehre des polniſchen Weizens (Triticum polonicum L.)

Fig. 5.

Aehre des rothen, engliſchen Weizens (Triticum turgidum L.) .

3. Polniſcher Weizen. (Triticum polonicum L.) F. 4. Dieſer Sommerweizen beſitzt große breit - ſpelzige Aehren und große glaſige Körner, (Fig. 9) ſchilfartiges Stroh. Dieſer Weizen, auch ruſſiſcher Rieſen - roggen genannt, braucht viel Wärme, wenn ſein Ertrag befriedigen ſoll. Derſelbe wird noch am häufigſten im ſüd - lichen Spanien gebaut.

4. Engliſcher Weizen. (Triticum turgidum L.) u. . Die Aehre iſt etwas breitgedrückt, auf der breiteren Seite zweizei - lig, auf der ſchmäleren geſchindelt. Die Hüll - ſpelzen ſind durch einen flügelartigen gekielten Rücken gekennzeichnet. Der Anbau des eng - liſchen Weizens be - ſchränkt ſich auf ſüd - liche Länder. Sorten: Rother engliſcher Wei - zen, Fig. 5, Helena - weizen, egyptiſcher Mu - mienweizen, äſtiger Wunderweizen ꝛc.

B. Spelzweizen, 1. Spelz oder Din - kel, Beſen. (Triticum Spelta L.) u. Der Halm des Spelzes iſt ſteif, lagert ſich daher9Die Mehlfrüchte

Fig. 6.

Aehre des weißen Winter-Bartſpelzes (Triticum Spelta L.) .

Fig. 7.

Aehre des weißen Som - mer-Emmers (Triticum dicoccum Schrank.) .

Fig. 8.

Aehre des Einkorns (Triticum monococcum L.) .

10Beſondere Pflanzenbaulehre.ſeltener, die Aehre iſt ſeitlich zuſammengedrückt, die Spindel ſpröde und zer - brechlich. Die Hüllſpelzen ſind abgeſtumpft und mit einem kurzen Zahn verſehen. Die Frucht wird von den Deckſpelzen eng und feſt umſchloſſen und kann nur durch Schälen (Gerben) auf eigens eingerichteten Mühlen (Gerbegang) von den Spelzen abgeſondert werden. Der Spelz wird nur ſtellenweiſe in Oeſterreich, Südtirol, am Rhein, in Baiern, Württemberg, Dänemark und in Spanien gebaut. Sorten: Weißer Winter-Kolbenſpelz, Vögelsdinkel, blauer Sammt-Kolbenſpelz, rother, weißer Wintergrannenſpelz, Fig. 6. Er iſt etwas weniger anſpruchsvoll als der gemeine Weizen, mit welchem der Spelz in der Cultur vollſtändig übereinſtimmt.

Fig. 9.

Polniſcher Weizen1)In Betreff näherer Details über die Früchte und Samen der Cultur - und Unkrautpflanzen verweiſen wir auf Dr. F. Nobbe. Handbuch der Samenkunde. Berlin 1873 75, welchem wir dieſen und die weiteren Holzſchnitte der Früchte und Samen entnehmen. (Triticum polonicum L.) a Karyopfe (Grasfrucht) Rückſeite; b Bauchſeite: α Fruchtbaſis; c Embryo: α Scheitel des Keims, β Scutellum, γ Stamm, δ Würzelchen; d Längsſchnitt durch die Frucht: α Scutellum, β Knöspchen, γ Primordial - blättchen, ε Würzelchen, η Fruchtbaſis.

b. Emmer, Zweikorn. (Triticum dicoccum Schrank. ) und Der Emmer beſitzt eine gedrungene, zweizeilige Aehre mit zweifrüchtigen Aehrchen. Dieſer Spelzweizen wird nur im mittleren und ſüdlichen Europa (Spanien) in geringer Ausdehnung cultivirt. Sorten: Weißer Sommeremmer, Fig. 7, Reisdinkel, ſammtartiger Winteremmer, ägyptiſcher Spelz ꝛc.

7. Einkorn. (Triticum monococcum L.) und Fig. 8. Ausgezeichnet durch ſeine gedrungene, breit - gedrückte, zweizeilige kleine Aehre mit einfrüchtigen Aehr - chen. Daſſelbe wird meiſt als Winterfrucht in der Schweiz, in Schwaben und in ſüdlichen Ländern, doch ſelten in grö - ßerer Ausdehnung gebaut.

Aus dem Leben der Weizenpflanze (Triticum vulgare), als deren muthmaßliche wilde Stammformen der Boeotiſche (Triticum boeoticum Boiss. ) und der Thaoudar-Weizen (T. Thaoudar Boiss. ), nach Anderen fälſchlich der Gerſtenwalch (Aegilops ovata L.) und der weizenartige Walch (Aegilops triticoides Link. ) anzuſehen ſind, heben wir als Beiſpiel für die Wintergetreidearten Folgendes mit Rückſicht auf ihre Cultur hervor:

Die erſte Lebensthätigkeit geht von dem Samen aus. Die Figur 9 zeigt in a die Rückſeite, in b die Bauchſeite des Weizenſamens, richtiger der Weizenfrucht. d gibt einen Längsſchnitt durch die Frucht, c den losgelöſten Keim. Seine volle Keimfähigkeit behält der Weizenſame, wenn er auf dem Schüttboden aufbewahrt wird, nur durch drei Jahre, dennoch empfiehlt es ſich nur überjährigen Samen auszuſäen, da dieſer von dem Stein - brandpilze deſſen Sporen nach den Unterſuchungen von J. Kühn ſchon nach dem zweiten Jahre ihre Keimfähigkeit verlieren viel weniger zu leiden hat.

Die Entwickelung des Keimes erfolgt nach Haberlandt (Landw. Verf. -Stat. XVII, 104) noch bei einer Temperatur von 4. 75°C., während A. Uloth in einem Eiskeller in einigen Eisbrocken vollſtändig entwickelte Keimpflanzen von Weizen vorfand. Die obere Tem - peraturgrenze, bei welcher noch ein Keimen ſtattfinden kann, liegt nach Haberlandt zwiſchen 31 und 37°C. Wird der Same zu tief in den Boden gebracht, ſo erreicht von den Keim - pflanzen nach Jörgenſen bei 20.8 Cm. kaum mehr ein Procent die Oberfläche des Bodens. 11Die Mehlfrüchte.Je nach der Beſchaffenheit des Bodens wird daher der Weizenſamen in einer Tiefe von 2.5 4 Cm. am ſicherſten die Bedingungen zum Keimen finden.

Je nach der Saattiefe und der Witterung verſtreichen bis zum Sichtbarwerden der Weizenſaat bis die erforderliche Wärme-Summe von 100 138°C. aufgebracht wird 16 20 Tage. Von den aufkeimenden Körnern entwickelt jedoch nur ein Theil vollſtändige Pflanzen. Iſidore Pierre (Compt. rend. XLVII.) fand von 408 im Verhältniſſe von 2.35 Hektoliter per Hektar auf 1 Meter ausgeſäeten Körnern zur Erntezeit nur 146 Pflanzen, mithin ſind 262 Körner oder 64 % der Saatmenge verloren gegangen in der Erde verfault, von Feldmäuſen ꝛc. gefreſſen oder ſonſt wie zu Grunde gegangen.

Das weitere Wachsthum der Weizenpflanze erfordert eine mittlere Jahrestemperatur von 3. C. und eine mittlere Sommertemperatur von 14. C. Ueber die minimalen Nährſtoffmengen, welche die Weizenpflanze im Boden beanſprucht, liegt nur die Angabe von Hellriegel vor, daß 70 Theile aſſimilirbarer Stickſtoff in 1 Million-Theile Boden ent - halten ſein müſſen, wenn noch ein Maximalertrag gewährleiſtet ſein ſoll.

Das Wachsthum der Weizenpflanze erfolgt ziemlich raſch. Nach den Meſſungen von W. Bernatz (Landw. Centralbl. f. D. XVI. I. S. 126) verlängerte ſich ein Weizenhalm in 7 Tagen um 230 Mm., wovon 119 Mm. auf die Nachtſtunden und 111 Mm. auf die Tageszeit entfielen. Die Geſammtlänge der Wurzelfaſern, welche durchſchnittlich 2 3 Mm. lang werden, erreicht nach Nobbe (Landw. -Ver.-Stat. XI. 110) bei einer Sommerweizenpflanze 520 Meter. Die Wurzeln des Weizens gehen nach C. Fraas (Wurzelleben der Cultur - pflanzen, Berlin 1872) nie tiefer als 0.46 0.63 Meter, weshlab die Bodennahrung leicht zugänglich ſein muß. Ein Uebermaß derſelben ſchmälert jedoch durch die üppige Halm - entwickelung den Körnerertrag. Aus den unteren Knoten entwickeln ſich bei ungehinderter Lichteinwirkung zahlreiche Seitentriebe, Schoſſe, und zwar nach den Zählungen von J. Pierre bei einem Wachsraume von 63 Cm. im Mittel 3 4 per Pflanze. Gegenüber dieſer mittleren Beſtockung ſteht die ungewöhnliche Beſtockung einer auf einem fruchtbaren Boden und bei frühzeitigem Anbaue in Dalmatien gewachſenen Weizenpflanze, welche nach einem Berichte von Haberlandt (Landw. Centralbl. f. D. 1869 März) aus einem Korne 130 ährentragende Halme entwickelte, im Ganzen 1.112 Kilogr. wog und 6855 Körner im Ge - wichte von 0.218 Kilogr. trug. Aus den Seitenſproſſen kommen, ſo lange keine Verholzung eingetreten iſt und je mehr dieſelben der Beſchattung und der Feuchte ausgeſetzt ſind, zahlreiche Seitenwurzeln hervor. Wie ſehr die ungehinderte Einwirkung der Wachsthumsfactoren die Entwickelung der Pflanze begünſtigt, ergibt ſich aus den Blattmeſſungen von Dr. Gohren, nach welchen ſich durch das Drillen die geſammte Blattfläche einer Weizenpflanze gegenüber der breitwürfigen Saat um 72 % vergrößert hat. Je größer die Blattfläche, um ſo mehr Waſſer verdunſtet die Pflanze, und um ſo mehr Trockenſubſtanz wird producirt. Nach Dietrich verdunſtet der Weizen auf je 100 Gramm producirter Trockenſubſtanz 30.000 Gramm Waſſer.

Die Zahl der Aehren beträgt nach den Unterſuchungen von Pierre im Mittel 2 und 1.5 per Pflanze, bei einem Ertrage, welcher für ein Hektar 38.5 und 26 Hektoliter entſpricht. Jede Aehre hatte im Mittel 1064 und 706 lufttrockene Körner mit 15 % Waſſer. In 100 Gramm Körner fanden ſich 2440 und 2500 Körner, mithin hatte ein Korn ein Gewicht von 41 und 40 Mgr., woraus ſich be - rechnet, daß jede Aehre 3 40, im Mittel 25.7 und 17.7 Körner enthielt. Von jenen 25.7 Stück Körner per Aehre waren 23.91 voll - kommen und 1.79 unvollkommen entwickelt.

In der Weizenähre ſind regelmäßig die oberen und unteren Körner merklich kleiner, als die mittleren. Nathuſius-Königsborn

12Beſondere Pflanzenbaulehre.(Anal. d. L. i. d. k. pr. St. XXII. S. 78) fand für die einzelnen Körner in derſelben Reihenfolge und Nebeneinanderſtellung, wie ſie an der Aehre paarweiſe oder einzeln vor - kommen, die auf Seite 11 ſtehenden Gewichtszahlen in Grammen.

In dem Maße, als die Frucht ausreift, wandern die in den Halmtheilen enthaltenen Stoffe allmählig in dieſelbe. Die eingewanderten Stoffe werden entweder zur Ausbildung der Frucht verwendet oder als Reſerveſtoffe in der Frucht aufgeſpeichert. Die näheren Vor - gänge während des Reifens des Getreides wurden ſchon Band I, Seite 263, ausführlich beſprochen.

Weitere Details über die Natur und die Entwickelung der Weizenpflanzen wurden ſchon an verſchiedenen Orten mitgetheilt; dieſelben können, wie auch bei den übrigen Culturpflanzen, leicht mit Hilfe des Sachregiſters nachgeſehen werden.

1. Die Wachsthumsbedingungen.

Die Verbreitung der verſchiedenen Weizenarten erſtreckt ſich über alle Länder der Erde; die geernteten Mengen ſtehen jedoch gegenüber jenen an Reis und Mais zu - rück. Der Weizen verlangt, um mit Erfolg angebaut zu werden, eine mittlere Jahres - temperatur von mindeſten 3. 75°C. und eine Sommertemperatur von 14°C. Der Weizenbau erreicht daher ſeine Grenze in Schottland bei 58°, in Skandinavien bei 64°, in Rußland bei 60° und in Nordamerika bei 50° nördlicher Breite. In rau - hen Gebirgsgegenden kommt er nicht mehr fort, wenn er auch weniger als der Roggen dem Ausfrieren unterliegt. Am Südabhange der Alpen finden ſich noch Getreide - felder bei 1264 Meter Erhebung über der Meeresfläche. Die Vegetationsdauer des Winterweizens beträgt vom Anbaue bis zur Ernte in unſeren Breiten 284 340 Tage, des Sommerweizens 120 140, des Winterſpelzes 280 308 und des Sommerſpelzes und Emmers 126 140 Tage. Der Winterweizen bedarf, die Winter - monate nicht eingerechnet, bis zur Ernte eine Wärmeſumme von 2563 3087°C.

Bei der weiten Verbreitung des Weizens liegt es nahe, daß die Eigenſchaften deſſelben unter dem Einfluſſe der Verſchiedenartigkeit des Klimas auf die mannig - faltigſte Weiſe abgeändert werden. Dieſe Abänderungen1)F. Haberlandt, Ueber die Abänderungen, welchen die Weizenpflanze, insbeſondere ihre Frucht unter verſchiedenen Verhältniſſen unterworfen iſt. Landw. Centralbl. f. Deutſch - land. 1869 Märzheft und Oeſterr. Landw. Wochenbl. 1875, S. 3. beziehen ſich ſowohl auf die Beſchaffenheit des Halmes, der Aehre und der Körner, als auch auf die Vege - tationsdauer und die chemiſche Zuſammenſetzung des Weizens.

Regenreiche Gegenden befördern die Längenentwickelung des Strohes, während plötzlich eintretende heiße und trockene Sommer die Ausbildung von kurzem und leich - terem Stroh begünſtigen. Weizen aus regenreicheren Gegenden geben unter ſonſt gleichen Verhältniſſen längeres und ſchwereres Stroh als Weizenſorten aus regen - armen Bezugsorten.

Die Beſtockung des Weizens wird durch ein feuchtes Klima begünſtigt, weshalb an ſolchen Oertlichkeiten leichter Lagerfrucht eintritt, als in Gegenden, in welchen das Ausſchoſſen der Halme durch trockene Sommerperioden beeinträchtigt wird.

Noch augenſcheinlicher als auf den Halm wirken die klimatiſchen Verſchieden - heiten auf die Form und Farbe der Aehren und Körner. Dieſe Thatſache bedingt13Die Mehlfrüchte.die Unbeſtändigkeit der zahlreichen Weizenſpielarten. Ein trockenes, warmes Klima begünſtigt die Entſtehung der begrannten Weizenſpielarten (Bartweizen). Der Bart - weizen, in einem kühlen und feuchten Klima gebaut, verliert jedoch allmählig ſeine Grannen und verwandelt ſich in den unbegrannten Weizen (Kolbenweizen).

Erhält der Weizen, wie z. B. in Gebirgsgegenden, unzureichende Wärmemengen, ſo bleiben die Aehren kurz und die Körner klein (Igelweizen). Feuchte, warme Ge - gend begünſtigt dagegen die Veräſtelung und das anſcheinend üppigere Wachsthum der Aehrchen (Wunderweizen).

Die Varietäten des Sommerweizens machen in einem Vegetationsjahre alle ihre Entwickelungsphaſen durch, während die Winterweizen vorher noch eine länger dauernde Beſtockungsperiode im Herbſte benöthigen. Der Winterweizen, im Frühjahre an - gebaut, wird ſich zwar beſtocken, gelangt aber nur ausnahmsweiſe zur Halmbildung. Der Sommerweizen, im Herbſte ausgeſäet, wird dagegen meiſt durch die Winterkälte vernichtet werden. Je nördlicher der Anbauort, um ſo größer wird dieſer Unterſchied zwiſchen Sommer - und Winterfrucht. Durch mehrjährigen Anbau derſelben Körner - ſorte im Frühjahre und im Herbſte gelingt es jedoch, den ſogenannten Wechſelweizen zu erziehen, welcher mit gleichem Erfolge in beiden Saatzeiten gebaut werden kann. In Gegenden (Südoſteuropa) mit continentalem Klima, welches ſich durch raſches Steigen der Temperatur im Frühjahre und durch Regenmangel im Sommer kenn - zeichnet, entſtehen frühreifende, in feuchtem, kühlem Klima dagegen ſpätreifende Weizenſorten.

In Betreff der chemiſchen Zuſammenſetzung der Weizenkörner bedingen hohe Sommerwärme und geringer Regenfall hohen Stickſtoffgehalt (Max. 3.97 %) in den producirten Weizenſorten. In der That ſteigt in Europa der Stickſtoffgehalt des Weizens mit der von Weſt nach Oſt vorrückenden Lage des Anbauortes. Mit der Vermehrung des Stickſtoff - oder Proteïngehaltes ſteht die Glaſigkeit der Weizenkörner im Zuſammenhange. 100 Theile glaſiger Weizenkörner enthielten 69.84 Theile Stärke und Zucker und 12.54 Theile Proteïn; mehlige Weizenkörner 73.85, reſp. 8.58 Theile. Durch ein trockenes, warmes Klima wird daher die Bildung von Weizenkörnern mit glaſigem Bruch begünſtigt, während in einem feuchten, kühlen Klima die Körner mehlig werden.

Der Weizen beanſprucht gebundenere Bodenarten, welche ſich in trockenen Ge - bieten länger als lockere Bodenarten friſch erhalten. Für den Weizen als Winter - getreide ſind vorzugsweiſe geeignet die Thonböden und der ſtrenge Lehmboden, welche wegen dieſer Eignung kurzweg von den praktiſchen Landwirthen als Weizenböden bezeichnet werden. In kühleren, feuchteren Gegenden hat die Gebundenheit des Bo - dens weniger Bedeutung. In warmen Gegenden gedieht der Weizen am beſten auf tiefgründigem Boden, welcher durch Grundwaſſer ſtets feucht erhalten wird. Der ſtrenge Thonboden, der naſſe Lehmboden, der loſe Sandboden, der Flugſand und der Moorboden ſind für die Weizencultur ausgeſchloſſen. Ebenſo ſind ſehr trockene und ſehr naſſe Bodenarten wegen der Gefahr des Auswinterns beſonders für das Wintergetreide untauglich. Weniger gebundene Bodenarten eignen ſich noch am beſten für den Winterſpelz und den Sommer-Emmer.

14Beſondere Pflanzenbaulehre.

Die Nährſtoffanſprüche einer Weizenernte von einem Hektar ſteigen mit der zu - nehmenden Entwickelung der Pflanzen. Nach J. Pierre1)J. Pierre, Studien über die Aſſimilationszeitpunkte der Pflanzennährſtoffe. Compt. rend. LXVIII. 1526 1536. Mitgeth. in den Annalen d. Landw. IX. Jahrg. S. 375. berechnen ſich dieſelben für verſchiedene Entwickelungsperioden, wie folgt:

Nach den angeführten Zahlen iſt die größte Erſchöpfung des Bodens durch die Weizenernte ſchon eingetreten, wenn der Weizen abgeblüht hat.

2. Die Vorfrucht und Vorbereitung.

Der Weizen gedeiht am beſten nach reiner Brache, indem dieſe den Boden in einem friſchen, gahren Zuſtande zurückläßt, der für das Wachsthum der Weizenpflanze am zuträglichſten iſt. Nach der Brache wird, je kühler die Gegend und je bindiger der Boden, um ſo mehr Zeit zur ausreichenden Bearbeitung des Feldes verfügbar ſein und um ſo zeitlicher wird der Anbau des Weizens erfolgen können. In trocke - nen Gegenden wird der Ertrag des Wintergetreides nach Brache dadurch geſichert, daß ein gebrachter Boden mehr Feuchtigkeit enthält, als ein Boden, auf welchem Pflanzen geſtanden. Hält man keine reine Brache, ſo wird dem Weizen, als der hervor - ragendſten Körnerfrucht, der beſte Platz in der Fruchtfolge auf unkrautreinen Feldern an - gewieſen. In dieſer Beziehung eignet ſich vorzüglich als Vorfrucht für den Weizen der nach gedüngter Brache oder Grünfutter gebaute Raps. Gleich werthvoll als Vorfrucht iſt die den Boden ſtark beſchattende Pferdebohne, die Erbſe, der Tabak. Ebenſo gedeiht der Weizen vorzüglich nach gut beſtandenem Klee, Grünmais oder Miſchling, deren Wurzelrückſtände viele Nährſtoffe zur Auflöſung bringen. Die Wurzelfrüchte und der Körnermais ſind nur bedingungsweiſe gute Vorfrüchte für den Winterweizen. Dieſelben räumen meiſtens das Feld zu ſpät und hinterlaſſen den Boden in zu ſtark gepulvertem und trockenem Zuſtande. Bei feuchter Herbſtwitterung und auf gebundenem Boden kann der Weizen noch am eheſten nach dieſen Vorfrüchten gebaut15Die Mehlfrüchte.werden. Am ungeeignetſten iſt der Weizen ſelbſt als Vorfrucht, indem, abgeſehen von der Bodenerſchöpfung, die blattarmen Halmfrüchte den Boden verdichten und den Ge - halt an Humusſubſtanzen verringern, ohne durch reichlichere Ernterückſtände einen Erſatz zu bieten. Folgen zwei Halmfrüchte nach einander, ſo wird dieſe Verſchlech - terung des phyſikaliſchen und chemiſchen Bodenzuſtandes beträchtlich geſteigert. Am eheſten bieten noch, wenn auch nur geringe Vorfrüchte für Weizen, die Wintergerſte und der Winterroggen. Der Spelz erfordert dieſelben Vorfrüchte wie der Weizen. In Wirthſchaften mit ausgedehntem Hackfruchtbau vermindert ſich die Fläche für den Winterweizen, da dieſer nur auf den früh geräumten Schlägen gebaut werden kann. Die ſpät geräumten Felder beſtellt man dann zweckmäßiger mit Sommer - weizen. Letzterer kann auch noch an Stelle eines über Winter zu Grunde ge - gangenen Winterweizens nach deſſen Umbruche ausgeſäet werden.

Bei der reichlichen, wenn auch größtentheils flach gehenden Wurzelverbreitung des Weizens bedarf derſelbe eine geringere Menge an aufnehmbarer Pflanzennahrung, als Gewächſe mit weniger verzweigter Wurzel. Der Weizen kann daher bei leichterem Boden in zweiter und bei ſchwererem Boden in dritter Tracht (Jahr) nach der Dün - gung gebaut werden. Düngung mit friſchem Stallmiſt im Weizenſchlage ſelbſt iſt zu vermeiden, da in dieſem Falle, je feuchter das Klima, um ſo eher das Lagern des Weizens eintreten kann. Der Spelz, der ein ſteiferes Stroh beſitzt, kann jedoch unbeſchadet in friſcher Düngung gebaut werden. Entſprechend ſeinem Bedarfe an Pflanzennährſtoffen empfiehlt ſich eine Düngung mit größeren Mengen Knochenmehl unter Beigabe von Kalifalzen. Dieſelben können auch, ſowie geringere Stallmiſt - mengen, nach der Saat als Kopfdüngung angewendet werden. Nach den oben mit - getheilten Unterſuchungen von Pierre kann ſich der Einfluß des Düngers bis zum Momente des Aehrenanſatzes noch auf ſehr wirkſame Weiſe geltend machen. Nach Beendigung der Blüthe iſt jede Zufuhr von Dünger nicht nur unwirkſam, ſondern ſelbſt nachtheilig. Iſt es dem Landwirthe darum zu thun, Körner von mehliger Beſchaffenheit zu gewinnen, ſo bleibt oft nichts Anderes übrig, als eine ſtarke, na - mentlich ſtickſtoffreiche Düngung direct zu Weizen zu vermeiden, nachdem dieſe bei Gegenwart von Aſchenſalzen unzweifelhaft eine reichlichere Erzeugung von Proteïn - ſubſtanzen in der Pflanze begünſtigt. Soll umgekehrt glaſiger Weizen producirt werden, ſo muß man durch die Düngung den Stickſtoffgehalt des Bodens die Bedingung zur reichlichen Erzeugung von eiweißartiger Subſtanz nach Möglich - keit zu vermehren ſuchen.

Die Vorbereitung des Bodens zur Weizenſaat iſt je nach der Vorfrucht und dem Zuſtande des Feldes verſchieden. Bei derſelben iſt unter allen Umſtänden zu beachten, daß der Boden möglichſt rein von Unkraut hergeſtellt, jedoch nicht zu ſtark gepulvert werde. Die letzte Furche iſt womöglich längere Zeit vor der Saat aus - zuführen, um den Samen nicht auf hohles Land auszuſäen und den Weizen gegen das Ausfrieren mehr zu ſichern.

Nach der Raps - und Rübſenernte iſt der Zeitraum bis zur Weizenſaat lang genug, um eine mehrmalige Bearbeitung mit dem Pfluge ausführen zu können. 16Beſondere Pflanzenbaulehre.Gewöhnlich pflügt man nach der Oelfrucht zweimal; das erſtemal flach, indem man entweder quer über die Kämme, auf welchen der Raps geſtanden war, ſtürzt, oder durch verſchieden tiefes Pflügen nach der Länge die Kämme auszugleichen ſucht. Das Keimen der ausgefallenen Rapskörner wird durch Uebereggen begünſtigt und die auf - gelaufenen Pflanzen durch wiederholtes Eggen zerſtört. Das Feld bleibt dann bis zur zweiten Furche, welche zur erforderlichen Tiefe zu geben iſt, unberührt liegen, damit die untergepflügten Rapsſtoppeln verfaulen.

Die Beſtellung nach Klee kann ein - oder mehrfurchig erfolgen, je nach der Ver - unkrautung und dem Lockerungszuſtande des Bodens. In einem mäßig feuchten Klima, welches die Bildung großer Schollen nicht zuläßt, genügt oft eine Ackerung auf 18 20 Centim. oder ein Doppelpflügen mit zwei verſchieden tief geſtellten in der - ſelben Furche gehenden Pflügen. Der Klee kann dann um ſo länger durch Weide ausgenützt werden. Bei mehrjährigem Klee und trockenem Klima ſind oft zwei Ackerungen und ſelbſt eine halbe Brache erforderlich, wenn man nicht in dieſem Falle vorzieht, dem Klee eine Sommerhalmfrucht folgen zu laſſen. Die erſte Ackerung wird tiefer zu geben ſein, damit die Kleeſtoppel, in tiefere und feuchtere Bodenſchichten gebracht, leichter verfaulen kann. In feuchten Gegenden wird dagegen das Verfaulen der Kleeſtöcke durch flaches Abſchälen der Stoppeln und durch Anwalzen beſchleunigt.

Nach frühem Grünfutter beſtellt man den Weizen mit 2 Pflugfurchen, nach ſpätem, welches ſchon im Frühjahre eine Lockerung erhielt, nur einfurchig. Ebenſo wird der Weizen nach Hülſen - und Hackfrucht nur einfährig beſtellt.

Erhält der Weizen eine Düngung mit Stallmiſt, ſo wird derſelbe nicht zur letzten Saatfurche, ſondern zur vorangegangenen Furche aufgefahren. Im Falle auf dem betreffenden Gute keine tief bearbeiteten Hackfrüchte gebaut werden, empfiehlt es ſich, dem Winterweizen eine Tiefackerung zu geben.

3. Die Saat.

Zur Saat wählt man, abgeſehen von den allgemeinen Anforderungen an ein gutes Saatgetreide, die ſchwerſten Körner, den Vorſprung, nachdem dieſelben das beſte Erntereſultat verſprechen. Für kleine Saatquantitäten empfiehlt ſich das als Pedigree bezeichnete Saatzuchtverfahren von F. Hallet. Daſſelbe beruht auf der Auswahl der kräftigſten Aehre, von welcher wieder das ſchwerſte und am kräftigſten entwickelte Korn, das ſich gewöhnlich in der Mitte der Aehre befindet, zum Anbaue genommen wird. Im Großen muß man ſich jedoch darauf beſchränken, das durch eine Sortirmaſchine abgeſonderte ſchwerſte Saatgut, welches per 1 Hektoliter minde - ſtens ein Gewicht von 67 Kilogr. haben ſoll, zu verwenden.

Beachtenswerth iſt es, den Samen zur Saat durch den Handdruſch zu ge - winnen, vornehmlich dann, wenn der Same zur Verhütung des Steinbrandes mit Kupfervitriol gebeitzt werden ſoll. Der mit der Maſchine gedroſchene Weizen be - kömmt leicht Brüche und Riſſe, welche das Eindringen des Beizmittels zu dem Keime erleichtern, wodurch deſſen Lebensfähigkeit vernichtet wird. Mit Kupfervitriol gebeizter17Die Mehlfrüchte.Same gab bei Handdruſch und Ausreiben nur 2 4 %1)Mecklenburger landw. Annalen. 1867. Nr. 14., dagegen bei Maſchinen - druſch, beſonders bei raſchem Gange und Patentelevator 62 % nicht keimfähiger Körner. Nach Nobbe2)Dr. F. Nobbe. Handbuch der Samenkunde. Berlin 1874. S. 276. zeigt das von einem gebeizten Korne erzeugte Pflänzchen zum mindeſten ein auffallend geſchwächtes Wurzelſyſtem. Durch das ſtarke Ab - ſorptionsvermögen des Bodens für Kupfer wird jedoch dieſer nachtheilige Einfluß des Kupfervitriols, ſobald das Korn in die Erde gelangt, abgemindert. Für die Stärke und Dauer des Kupferbades iſt das von J. Kühn (Bd. I. d. Lehrb. S. 243) angegebene Verfahren zu empfehlen. Unterläßt man das Beizen, ſo ſoll man wenigſtens zwei - jährigen Samen zur Ausſaat verwenden, nachdem die Sporen des Steinbrandpilzes nach einem Jahre ihre Keimfähigkeit größtentheils verlieren. Mit Rückſicht auf den Samenwechſel empfiehlt F. Haberlandt frühreifende Weizen aus ſüdöſtlichen Ländern Europa’s zu beziehen und zur Saat zu verwenden. Dieſelben an nördlich oder weſtlich gelegenen Punkten Europa’s gebaut, entwickeln ſich raſcher als die einheimi - ſchen und zeigen ſich gegen Hitze und Trockene des Sommers widerſtandsfähiger und gegen die Fröſte weniger empfindlich. Sie gewähren nicht nur die höchſten Er - träge, ſondern auch das größte Gewicht per Hektoliter. Umgekehrt werden ſpät - reifende Weizen aus nördlichen, feuchten Gegenden in ſüdlichen Gegenden mit con - tineutalem Klima unſichere Erträge gewähren.

Der ausgewählte, keimfähige Samen muß rechtzeitig ausgeſäet werden, damit ſich die Pflanzen noch vor dem Eintritte der Winterkälte beſtocken können. Bei einer mittleren Tagestemperatur von C. hört jede weitere Beſtockung auf, während erſt bei 5 °C. das Keimen der Weizenkörner ſein Ende erreicht. Um eine gehörige Beſtockung zu ermöglichen, welche allein den Weizen gegen die Beſchädigungen während des Winters ſichert, muß mindeſtens 4 6 Wochen vor dem Schluſſe der Beſtockung angebaut werden. Der Weizen kann jedoch noch eher als der Roggen eine Spät - ſaat ohne Nachtheil vertragen, da er im Frühjahre ſpäter als dieſer die Halme aus - bildet, ausſchoßt. Eine frühzeitige Saat iſt um ſo empfehlenswerther, als die Be - ſtockung, welche die erforderliche Menge an Wärme und Feuchtigkeit vorausgeſetzt hauptſächlich durch das directe ſonnenlicht befördert wird, und daher bei der länger dauernden und im Frühherbſte noch intenſiveren Einwirkung des Lichtes um ſo reichlicher erfolgen kann.

Abgeſehen von ungünſtiger Witterung, werden frühgeſäete Weizenkörner größere Sicherheit des Aufgehens und die Gewähr eines größeren Ernteertrages bieten. Beachtenswerth iſt die Thatſache, daß ſpätgeſäeter Weizen im Frühjahre zur gleichen Zeit wie frühgeſäeter zu ſchoſſen beginnt, weshalb ein Ausfall am Ertrage bei Erſterem leicht erklärlich iſt, indem jener nicht ausreichende Zeit gehabt hat, die zu einer kräftigen Entwickelung erforderlichen Mengen an Bildungsſtoffen zu aſſimiliren.

In ſehr kühlen und rauhen Gegenden wird der Anbau des Weizens bereits Ende Auguſt vorgenommen. In Mitteldeutſchland beginnt man, wenn die mittlere Tages -Krafft, Lehrb. d. Landw. II. 218Beſondere Pflanzenbaulehre.temperatur auf 16 8. C. herabgegangen iſt, etwa in der erſten Hälfte des Sep - tembers. In wärmeren Ländern ſäet man Anfang October bis in den November hinein. Der Spelz wird gewöhnlich etwas ſpäter als der Weizen angebaut. Der Sommerweizen wird möglichſt frühzeitig ſchon Mitte März bis in der erſten Hälfte des Aprils geſäet.

Die Saatmenge richtet ſich nach der Keimfähigkeit des Samens, der Saatzeit, der Vorbereitung und Beſchaffenheit des Feldes. Je beſſer das Feld, je frühzeitiger die Saat und je qualitätvoller der Same, um ſo weniger Saatgut iſt im Allgemei - nen erforderlich. Bei trockener Witterung iſt mehr zu ſäen, als wenn der Boden ausreichend mit Feuchte verſorgt iſt. Die angewendete Saatmethode hat gleichfalls einen bedeutenden Einfluß auf die Menge des Saatgutes. Vom Winterweizen ſäet man breitwürfig per Hektar 2 3 Hektoliter, gedrillt 1.6 2.2 Hektoliter. In ſehr günſtigem Klima und kräftigem Boden kann das Saatgut, gleichmäßige Unterbringung vorausgeſetzt, ſelbſt noch ſchwächer als 2 Hektoliter genommen werden. Bei dem Sommerweizen ſchwankt die Saatmenge zwiſchen 2.2 3 (breitwürfig) und 2 2.4 Hektoliter (gedrillt). Die Saatmenge bei dem Spelz beträgt breitwürfig 5 7 Hek - toliter; bei dem im zeitlichen Frühjahre gebauten Sommeremmer 4.5 6 Hektoliter.

Zur Keimung benöthigt der Weizen im Verhältniſſe zu anderen Samen weniger Waſſer. Nach den Unterſuchungen von Rob. Hoffmann1)Landw. Verſuchsſtationen. VII. S. 47. nimmt der Weizen bis zur Keimung, welche nach 48 Stunden beginnt, 45.5 % Waſſer auf, während z. B. die Erbſen in derſelben Zeit 106 %, der Rothklee in 72 Stunden 126 % Waſſer aufnehmen.

Ein tieferes Unterbringen des Weizenſamens als 8 Centim. iſt für das ſichere Aufgehen der Saat von Nachtheil. In feuchten Gegenden und feuchtem Boden wird der Weizen ſchon bei 4 Centim. die günſtigſten Bedingungen zum Keimen finden. Legt man den Samen tiefer, ſo iſt nicht nur der Zutritt des Sauerſtoffes der Luft gehemmt, ſondern auch der Same der Gefahr des leichteren Verfaulens ausgeſetzt. In trockenem Boden wird der Same erſt bei 8 Centim. die nöthige Feuchte zum Keimen finden. In Lagen, welche ein Auswintern des Weizens begünſtigen, wird ein ſeichteres Bedecken mit Boden dem tieferen Unterbringen vorzuziehen ſein. Im erſteren Fall wird der Weizen durch die frühzeitigere Bildung der bleibenden Kronen - wurzeln gegen das Auswintern mehr geſchützt ſein. Bei einem tiefgelegten Weizen - korne muß wie bei jedem Getreideſamen ein bis zur Oberfläche des Bodens geſtrecktes Stengelglied ausgebildet werden, an welchem ſich erſt unter der Bodenoberfläche die Kronenwurzeln entwickeln. In trockenen Gegenden wird der Same am beſten und gleichmäßigſten mit der Drillmaſchine in die erforderliche Tiefe untergebracht. Die Drillreihen werden enge, bis auf 10 16 Centim. entfernt gehalten. Breitwürfige Saaten ſind auf friſchem Boden unterzueggen, auf trockenem Boden mit dem Exſtirpator, dem ſeicht geſtellten Pflug oder noch beſſer mit dem Saatpfluge unter - zubringen.

19Die Mehlfrüchte.

Ueber die geeignetſte Saattiefe des Weizens theilt Buckmann1)Mitgeth. in A. E. Komers Jahrbuch für öſterreichiſche Landwirthe. 1871. S. 73. einen Verſuch mit, aus welchem hervorgeht, daß bei gewöhnlichem Weizenboden ein Unterbringen auf 2.6 5.2 Centim. die beſte Saattiefe iſt:

Bei den Verſuchen gingen die Samen auf

  • bei 1.3 Centim. Tiefe in 11 Tagen und entwickelten ſich Pflanzen,
  • 2.6 12 ſämmtliche Pflanzen,
  • 5.2 18 Pflanzen.
  • 7.9 20 ¾
  • 10.5 21 ½
  • 13.2 22
  • 15.8 23

4. Die Pflege.

Der Weizen kann gegen nachtheilige Witterungseinflüſſe, wie jede andere Pflanze, nur wenig geſchützt werden. Die Winterkälte ſchadet unmittelbar durch das Er - frieren der Pflanzen, beſonders dann, wenn durch längere Froſteinwirkung auf lockerem, trockenem Boden, die Bodentemperatur tiefer unter Null ſinkt. Eine ſtarke Schneedecke, wenn ſie noch dazu auf ungefrorenem Boden fällt, begünſtigt ein Verfaulen der Weizenſaat. Durch Trockene wird der Weizen weniger zu leiden haben, da er meiſt auf gebundenen, ſich feuchter haltenden Bodenarten angebaut wird. Feuchte Witte - rung befördert die Bildung von Lagerfrucht. Tritt Regenwetter während der Blüthe ein, ſo ſtört daſſelbe die Befruchtung, indem die Pollenkörner durch das aufgenom - mene Waſſer platzen und unwirkſam werden. Während der Ernte hindert die Regen - zeit die Vornahme derſelben und das Austrocknen der Garben. Bei zugleich war - mer Witterung wachſen die Körner auf die Erde zu liegen kommender Aehren, ſowie des zum Trocknen aufgeſtellten Getreides leicht aus.

Wird der Weizen nach dem Hervortreten der Aehren von einem Hagelwetter betroffen, ſo iſt die Ernte meiſt verloren, weshalb oft nichts übrig bleibt, als das Getreide abzumähen, um nach Möglichkeit noch eine andere ſchnellwachſende Grün - futterpflanze ꝛc. anbauen zu können.

Ebenſo nachtheilig können ungünſtige Bodenzuſtände werden, welche meiſt wieder durch die Witterung herbeigeführt werden. Durch Heben und Senken des Bodens be abwechſelndem Gefrieren und Aufthauen werden die Weizenpflanzen aus dem Boden gezogen, wintern aus. Dieſe Erſcheinung iſt jedoch häufig auch auf eine Beſchädigung durch Inſectenfraß zurückzuführen. In einem lockeren Boden können die Pflanzen durch den Wind herausgezogen und abgedreht werden oder die Blätter bei leicht ver - wehbarem Boden durch die Sandkörner zerſchlitzt werden. Um das Anwurzeln der auf was immer für eine Art aus dem Boden gezogenen Pflanzen zu befördern, drückt man dieſelben durch Abwalzen im Frühjahre wieder an die Erde an. Durch das Abwalzen wird gleichzeitig eine ſtärkere Kruſte, die ſich über Winter gebildet hat, zerbrochen. Die durch das Abwalzen niedergebogenen Halme richten ſich wieder auf, indem die Knoten die polſterartig aufgeſchwollene Baſis der Blattſcheiden 2*20Beſondere Pflanzenbaulehre.längere Zeit die Fähigkeit behalten, ſich ſelbſt im Finſtern nach aufwärts zu krüm - men und dadurch den vorwärts befindlichen Halmtheil emporzuheben, ſo zwar, daß oft zwei benachbarte Halmſtücke nahezu einen rechten Winkel bilden. Meiſt reicht zum Zerbrechen einer Kruſte auch ein einfaches Uebereggen aus. Steht der Weizen in entfernten Reihen, ſo wird das Wachsthum deſſelben durch ein - oder mehrmaliges Behacken in der Reihe mit der Hand oder der Pferdehacke im Herbſte und im Früh - jahre weſentlich befördert. Durch das Behacken oder das ſtarke Uebereggen bei enge gebauten Weizenſaaten wird durch Bedecken des unteren Theiles der Sproſſen, die Bewurzelung derſelben befördert, weshalb das Uebereggen ſelbſt dünnbeſtandener Saaten zu einem kräftigeren Wachsthume verhilft.

Wird die Verholzung der Halmglieder durch Beſchattung bei zu üppigem Wachs - thume auf reich gedüngtem Boden oder bei zu dichter Saat verhindert, ſo wird der Weizen durch den Regen oder Wind zu Boden gelegt, ohne durch das Aufkrümmen der Knoten bei der weichen Beſchaffenheit der Halmglieder wieder aufgerichtet werden zu können. Um dieſer Erſcheinung, dem Lagern des Weizens, vorzubeugen, läßt man den - ſelben bei zu reichlicher Beſtockung bei trockener Zeit vor oder während des Winters durch Schafe abweiden, welche ſchnell über das Feld zu treiben ſind, damit die Pflanzen nicht zu tief bis auf die Vegetationsſpitzen abgebiſſen werden. Im Frühjahre kann eine beſſere Belichtung der Weizenſaaten durch das Abnehmen, (Schröpfen, Serben) der oberſten Blattſpitzen mit der Senſe oder Sichel oder auch durch ein mehrmaliges ſcharfes Eggen, durch welches der Pflanzenſtand verdünnt wird, erzielt werden.

Schütter und ſchwach durch den Winter gekommenen Weizenſaaten iſt dagegen durch eine Kopfdüngung mit Stallmiſt oder Knochenmehl, oder durch Ueberfahren mit Jauche im Frühjahre aufzuhelfen.

Gegen das Ueberhandnehmen von Unkrautpflanzen kann während des Wachs - thums der Weizenpflanzen nur das Jäten Abhilfe gewähren. Der Mehrertrag durch das Wegſchaffen der Unkräuter deckt oft reichlich die Jätekoſten. Zu den gewöhnlichſten Unkräutern auf Weizenfeldern zählen: die Kornrade (Agrostema githago L.) , Fig. 10, und der Wachtelweizen (Melampyrum arvense L.) , Fig. 11, welche ſchwer aus den Weizenſamen wegen der gleichen Größe ihrer Körner ausgeputzt werden können, die Ackerdiſtel (Cirsium arvense Scop.) , Fig. 12, welche wie die folgenden Un - kräuter hauptſächlich durch das Unterdrücken der Weizenpflanzen Schaden bringt, der weiße Senf (Sinapis alba L.) , der Amaranth (Amaranthus retroflexus L.) , die Gänſediſtel (Sonchus arvensis L.) , das Klebkraut (Galium aparine L.) , Fig. 13, welches wie die rankende Ackerwinde (Convolvulus arvensis L.) , Fig. 80, die Ernte erſchwert und die Halme zu Boden zieht; der Acker-Hahnenfuß (Ranunculus ar - vensis L.) , Fig. 14., der Feldritterſporn (Delphinium Consolida L.) , die Klatſchroſe (Papaver Rhoeas L.) , Fig. 22, S. 31, die knollige Platterbſe (Lathyrus tuberosus L.) , die Haftdolde (Caucalis daucoides L.) , die Wucherblume (Chry - santhemum segetum L.) , das Kreuzkraut (Senecio vulgaris Lv.) Fig. 127, die Kornblume (Centaurea Cyanus L.) , Fig. 24, S. 31, die Borſtenhirſe (Seta - ria viridis Bv.) ꝛc.

21Die Mehlfrüchte.
Fig. 10.

Kornrade (Agrostema githago L.) . a Samen in na - türl. Größe; b 7fach vergrößert.

Fig. 11.

Wachtel - weizen (Melampyrum pratense L.) .

Fig. 12.

Ackerdiſtel (Cirsium arvense Scop.) . a Achäne, nat. Gr.; b vergr., der Pappusring abgelöſt.

Der Ertrag an Weizen wird durch das Ueberhand - nehmen der mannigfaltigſten Schmarotzerpilze weſentlich beeinträchtigt. Am häufigſten treten auf:

  • Steinbrand (Tilletia Caries Tul. u. laevis Kühn).
  • Flug - oder Staubbrand (Ustilago Carbo Tul.).
  • Streifenroſt (Puccinia graminis Pers.).
  • Fleckenroſt (Puccinia straminis d. By.).
  • Kronenroſt (Puccinia coronata Corda.).
  • Rußthau (Dilophospora graminis Fuck. ), in England beobachtet.
  • Mutterkorn (Claviceps purpurea Tul.).
Fig. 13.

Gem. Klebkraut (Galium aparine L.) .

Der Steinbrand, Schmier - oder Stinkbrand ver - wandelt den Inhalt des Weizenkornes durch die Bildung ſeiner Sporen in eine ſchwarze, ſchmierige, nach Härings - lake (Trimethylamin) riechende Maſſe, welche jedoch erſt bei dem Zerdrücken des befallenen Weizenkornes wahr - genommen werden kann. Der gemeine Weizen iſt dieſer Pilzkrankheit viel mehr ausgeſetzt, als das Einkorn und der Spelz. Die Sommerfrucht leidet wieder mehr als die Winterfrucht. Die Steinbranderkrankung des Weizens kann ſchon zur Zeit der Fruchtbildung an einer eigen - thümlichen dunklen, blaugrünen Färbung der Aehre er - kannt werden. Die Entwickelung des Brandpilzes wird unſtreitig durch einen feuchten, geſchützten Standort, durch undurchlaſſenden Boden oder durch friſche Düngung be -

Fig. 14.

Frucht des Acker-Hahnen - fußes (Ranunculus arvensis L.) . a b Schließfrucht; c dieſelbe im Profil.

günſtigt. Das wirkſamſte Mittel zur Verhütung bleibt das 12 16ſtündige Einweichen des Saatgutes in eine ſtark verdünnte Löſung von Kupfervitriol, welcher die Brand - ſporen tödtet. Auf 5 Hektoliter Getreide werden ungefähr 1 Kilo blauer Vitriol verwendet.

Der Staub - oder Flugbrand befällt gleichfalls die Körner. Die Sporen dieſes22Beſondere Pflanzenbaulehre.Pilzes bleiben jedoch nicht wie bei dem Steinbrande von der Fruchthaut eingeſchloſſen, ſondern werden als ein feines, ſchwarzes Pulver verſtäubt.

Der Roſt zeigt ſich anfänglich in Geſtalt kleiner brauner Flecken oder Streifen an den Halmen und Blättern und zwar häufiger auf Winter - als auf Sommer - weizen. Aus dieſen Roſtflecken oder Streifen brechen zur Zeit der Fruchtbildung des Pilzes goldgelbe ſtaubige Puſteln hervor. Bei ſtarkem Auftreten der Roſtpilze leidet das Wachsthum der Weizenpflanzen derart, daß die Körner nicht aus - gebildet werden. Die Winter - oder Teleutoſporen der Roſtpilze beſitzen die Eigen - thümlichkeit, daß ſie einen Generationswechſel auf einer anderen Pflanze als der Getreidepflanze durchmachen, von welcher erſt die Uebertragung des Roſtes auf das Getreide ſtattfindet. Der Streifenroſt verlangt als Nährpflanze das Blatt des Berberitzenſtrauches (Berberis vulgaris L.), der Fleckenroſt die Ochſenzunge (Anchusa officinalis L.), die Beinwurz (Symphytum officinale L.) ꝛc., der Kronenroſt die Blätter des Kreuzdorns (Rhamnus cathartica L.) und des Faulbaumes (Rham - nus Frangula L.).

Durch die Ausrottung der genannten Pflanzen und durch das Verbrennen des roſtigen Weizenſtrohes, ſowie durch die ſorgfältigſte Cultur des Weizens kann die Ausbreitung der Roſtkrankheit beſchränkt werden. Desgleichen ſind geſchützte, ab - geſchloſſene Lagen für den Weizenbau zu vermeiden, dagegen offene Lagen vorzuziehen, indem bei bewegter, freier Luft die Sporen nicht ſo leicht haften bleiben und in die grüne Pflanze eindringen. Beſtimmte Arten und Varietäten werden von dem Roſte weniger befallen, dieſelben ſind daher vorzugsweiſe zum Anbaue zu verſuchen. Im Allgemeinen werden der polniſche Weizen (Triticum polonicum L.), der Spelz (Tr. Spelta L.) und der engliſche Weizen (Tr. turgidum L.) weniger vom Roſte befallen. Nach Verſuchen von P. Pietrusky1)Land - u. forſtw. Ztg. d. Prov. Preußen. 1869. Nr. 40. ſind unter 44 angebauten Varietäten am wider - ſtandsfähigſten: der weiße bengaliſche Weizen, der rothe, ſechsreihige Kolbenweizen, der braune ſammtartige Bartweizen, der engliſche St. Helenaweizen, der rothe Emmer, Vögel’s Dinkel ꝛc

Ebenſo zahlreich wie die Feinde aus der Pflanzenwelt ſind die Feinde aus der Thierwelt.

Bedeutenden Schaden verurſachen öfters die Feldmäuſe (Arvicola arvalis Pall.) Ihre Vernichtung durch Fangen in Gräben, in deren Sohle ſtellenweiſe Töpfe mit glaſirten Innenwänden eingeſenkt ſind, durch das mißliche Vergiften mit Kugeln aus Phosphorpaſta, durch das Ausgießen der Gänge mit heißem Waſſer ꝛc. gelingt nur dann, wenn gleichzeitig die Natur durch feuchte, kalte Witterung, durch Ueber - ſchwemmung zu Hilfe kommt oder die natürlichen Feinde der Mäuſe, die Füchſe, Katzen, Igel, Buſſarde ꝛc. mitwirken.

Weniger verbreitet iſt die Zieſelmaus oder das Erdzieſel (Spermophilus ci - tillus L.); daſſelbe tritt die Halme nieder und ſammelt die ausgedroſchenen Körner in unterirdiſchen Höhlen. In ähnlicher Weiſe, nur noch ausgiebiger ſchadet der Hamſter (Cricetus frumentarius Pall.).

23Die Mehlfrüchte.

Von den Vögeln kann der Sperling (Fringilla domestica), welcher ſich zur Noth durch Scheuchen und Schießen fern halten läßt, beſonders kleinen Flächen, wie Verſuchsfeldern ꝛc. nachtheilig werden.

Von den Inſecten verurſacht die Wanderheuſchrecke (Oedipoda migratoria) dem Weizen und den übrigen Feldfrüchten oft großen Schaden. Aufhacken der Eierleg - plätze und Zerſtören der Eier, Sammeln der Heuſchrecken am Morgen, Abbrennen von aufgefahrenem Stroh ſind noch die wirkſamſten Schutzmittel gegen dieſe ver - heerende Landplage. In ähnlicher Weiſe durch Ausgraben und Zerſtören der Eier vertilgt man die ſchädliche Maulwurfsgrille (Gryllotalpa vulgaris Latr.).

Außerdem iſt der Weizen den Angriffen der folgenden Schädlinge aus der Thierwelt1)Wir folgen hier den Zuſammenſtellungen von Dr. H. Nördlinger. Die kleinen Feinde der Landwirthſchaft. 2. Auflg. Stuttgart 1869. S. 728; Dr. C. G. Giebel. Landwirthſchaftliche Zoologie, Glogau 1869, u. A. Letzterem Werke ſind zum großen Theile die in den Text gedruckten Abbildungen entnommen. ausgeſetzt:

Wurzel:

Saatſchnellkäfer, Drahtwurm (Agriotes segetis Gyll.). Fig 39. Larve ſehr ſchädlich.

Maikäfer, Engerling (Melolontha vulgaris F., agri - cola F., und ruficornis F.). Larve ſehr ſchädlich.

Halme:

Getreidelaufkäfer (Zabrus gibbus F.). Fig. 15. Larve ſchädlich.

Fig. 15.

Getreidelaufkäfer nebſt Larve (Zabrus gibbus F.).

Getreideböckchen (Cerambyx marginellus Fabr.). Larve ſehr ſchädlich.

Weizeneule (Agrotis tritici L.). Fig. 45. Raupe ſchädlich.

Getreidehalmwespe (Cephus pygmaeus L.). Fig. 25, S. 33. After-Raupe ziemlich ſchädlich.

Getreidegallmücke, Heſſenfliege (Cecidomyia destructor Say.). Fig. 26, S. 33. Made ſehr ſchädlich.

Weizenmücke (Cecid. tritici Kirby.). Fig. 16. Made ſ. ſchädlich.

Scheckfüßige Weizen - mücke, Kornfliege (Chloropstaeniopus Meig.). Made ſehr ſchädlich.

Linirtes Grünauge, Weizenfliege (Chlo - rops lineata F.). Made ſehr ſchädlich.

Fig. 16.

Weizenmücke (Cecidomyia tritici Kirby.). Vergrößerte Larve in der Weizenblüthe, oben ſtark vergrößerte Larve; 2 Larve in einer geplatzten Puppenhülle; 3 Weibliche Mücke, + natürliche Größe derſelben.

Blätter:

Ackerſchnecke (Limax agrestis L.). Fig. 91. Sehr ſchädlich.

24Beſondere Pflanzenbaulehre.
Fig. 17.

Getreiderüßler, ſchwarzer Kornwurm (Sitophilus granarius L.). a Larve in einem Korne, c Käfer.

Winterſaateule, Erdraupe (Agrotis segetum Hb.). Fig. 40. Raupe ſehr ſchädlich.

Saatzünsler (Pyralis frumentalis L.). Fig. 67. Raupe ſchädlich.

Kleinzirpe (Cicada sexnotata Fall.).

Getreideblattlaus (Aphis cerealis), ſchädlich.

Blüthen, Aehren, Körner, Spelzen:

Weizenälchen (Anguillula tritici Roffr. ), verurſachen die Gicht - oder Radenkrankheit.

Getreidelaufkäfer (Zabrus gibbus F.). Fig. 15, S. 23. Käfer und Larve ſehr ſchädlich.

Getreiderüßler, ſchwarzer Kornwurm (Sitophilus gra - narius Sch.). Fig. 17. Käfer und Larve ſehr ſchädlich. Vertilgungsmittel ſiehe Band I. S. 280.

Kornmotte, weißer Kornwurm (Tinea granella L.). Fig. 37. S. 37. Raupe ſehr ſchädlich. Vertilgungs - mittel ſiehe Band I. S. 280.

Getreidemotte (Tinea cerealella Ol.). Raupe ſehr ſchädlich.

Getreideblaſenfuß (Thrips cerealium Hal.), ſchädlich.

Oscinis granarius Curt. Made ſchädlich.

5. Die Ernte.

Der zweckmäßigſte Zeitpunkt zur Ernte,1)Dr. A. Nowacki. Unterſuchungen über das Reifen des Getreides, nebſt Bemerkungen über den zweckmäßigſten Zeitpunkt zur Ernte. Halle 1870. S. 123. und zwar ebenſowohl für zur Saat, als für andere Zwecke beſtimmten Weizen, iſt jener Moment, in welchem die Körner der vollkommeneren Aehren des Getreidefeldes in die Gelbreife treten. Dabei iſt voraus - geſetzt, daß das Getreide nicht früher eingefahren wird, als bis fämmtliche Körner ganz hart geworden ſind. Wird bei Körnern, welche zur Saat beſtimmt ſind, zu früh eingefahren, ſo kann durch die eintretende Erhitzung in der Scheune oder in der Feime die Keimfähigkeit der Körner leicht vernichtet werden. Wenn das Reifen bei ſehr heißem und trockenem Wetter zu raſch verläuft, oder unzureichende Arbeitskräfte zur Verfügung ſtehen, ſo muß vor oder nach dieſem günſtigſten Momente gemäht werden, wenn auch, je weiter man ſich von dieſem Momente entfernt, der Verluſt ſich um ſo mehr vergrößert. Der größte Verluſt tritt ein, wenn das Mähen ſchon in der Milchreife vorgenommen wird es ſind dann die Körner noch nicht vollkommen ausgebildet oder wenn das Getreide bis in die Todtreife ſtehen gelaſſen wird, in welcher ſich wieder die Gefahr des Körnerausfalles beträchtlich ſteigert.

Die Anſicht der Landwirthe, daß durch eine frühzeitige Ernte, z. B. gegen Ende der Milchreife, oder durch ein langſameres Nachreifen in Puppen das Glaſigwerden25Die Mehlfrüchte.des Weizens verhindert werden kann, hat ſich nach den Unterſuchungen von Nowacki nicht beſtätigt, indem zur Erntezeit die Menge der eingewanderten Proteinſtoffe, von welchen allein die Glaſigkeit der Körner abhängt, nicht mehr verändert wird. Siehe auch die Zahlenangaben auf Seite 14. Ebenſo iſt die Anſicht der Landwirthe, daß ſich die Schale oder die äußere Umhüllung des Weizenkornes mit vorſchreitender Reife ver - dickt, unhaltbar.

Je nach der Lage und Witterung wird die Ernte zu ſehr verſchiedenen Zeiten vorgenommen .. Im ſüdlichen Ungarn beginnt man ſchon in der zweiten Hälfte des Juni. In Mitteldeutſchland, Böhmen Mitte Juli, in Norddeutſchland Mitte Auguſt, in Gebirgslagen ſteht noch Ende Auguſt der Weizen am Felde. Der Spelz wird zur ſelben Zeit wie der Weizen geerntet.

Der Ertrag hängt vorzugsweiſe von der Bodenbeſchaffenheit und der ſorgfälti - gen Cultur ab. Die Höhe deſſelben wird auf die mannigfaltigſte Art angegeben. Oft begnügt man ſich nur mit der Anführung der geernteten Anzahl Mandeln zu 15 Garben. Dieſe Angabe iſt jedoch ſehr unſicher, da die Körnerſchüttung eines Mandels, welches überdieß von verſchieden ſchweren (5 15 Kilogr.) Garben auf - geſtellt wird, 0.3 1 Hektoliter betragen kann. Ebenſo unbeſtimmt iſt die Angabe nach dem Vielfachen der angewendeten Saatmenge. In dieſem Falle iſt es leicht möglich, daß ein höherer Ertrag einer geringeren Vermehrung des Saatgutes ent - ſpricht. Werden z. B. 3.3 Hektoliter per Hektar ausgeſäet und 20 Hektoliter ge - erntet, ſo entſpricht dieß dem ſechsfachen Korne; werden anderſeits 1.5 Hektoliter geſäet und 15 Hektoliter geerntet, ſo entſpricht dieß trotz der geringeren Ernte, doch dem 10fachen Korne. Gleich unzuverläßlich iſt die hie und da übliche Angabe der Erntemenge nach Abzug des Samens. Bei der factiſch gleichen Ernte von z. B. 20 Hektoliter kann in dieſem Falle die Ernteangabe doch verſchieden, z. B. mit 16.7 und 18.5 ausfallen, wenn verſchiedene Saatmengen, in unſerem Beiſpiel 3.3 und 1.5 Hektoliter angewendet wurden.

Am ſicherſten bleibt es daher, die Höhe des Ernteertages nach der erhaltenen abſoluten Körnermenge anzugeben. Auf geringem Weizenboden ſtellt ſich der Ertrag auf 10 13 Hektoliter, auf mittlerem Weizenboden auf 17 23 Hektoliter, auf gutem, in reichem Düngungszuſtande[befindlichen] Boden auf 25 38 Hektoliter. Mit Bezug auf die erreichte Höhe der Cultur beträgt der Durchſchnittsertrag an Weizen auf Bauernfeldern 10 12 Hektoliter; in gleicher Lage bei Großgütern 16 20 Hektoliter, in hochcultivirten Ländern ſelbſt 20 27 Hektoliter.

Das Gewicht der geernteten Körner per Hektoliter wechſelt nach ihrer Größe und Glaſigkeit, der Samenvarietät, dem Boden und dem Klima. Leichte Waare wägt 63 65 Kilogr., mittelſchwerer Weizen 67 70 Kilogr., ſchwerer, kleinkörniger Banaterweizen 73 75 Kilogr. Schwere Weizen erlangen verhältnißmäßig einen viel höheren Marktpreis als leichtere Weizen.

Neben den Körnern werden per Hektar 1.3 2.6 4.5 Tonnen (à 1000 Kilogr.) Stroh gewonnen. Bei einem mittleren Weizenertrage von 19 Hektoliter (à 70 Kilogr. ) erhält man durchſchnittlich 2.6 Tonnen Stroh, oder für je 10026Beſondere Pflanzenbaulehre.Kilogr. Körner nahe an 200 Kilogr. Stroh. In feuchten Gegenden ſtellt ſich das Verhältniß von Körnern zu dem Stroh auf 100: 250 und ſelbſt 330.

Die Erträge des Sommerweizens ſind unſicherer und ſehr ſchwankend je trockener das Frühjahr war. Bei derſelben Bodenbeſchaffenheit erhält man eine um ein Viertel geringere Körnermenge und eine etwas größere Strohmenge als von Gerſte.

An Spelz und Emmer werden auf geringem Boden 25 34 Hektoliter geerntet; als mittlerer Ertrag ſind 42 64, als ſehr hoher Ertrag 74 96 Hektoliter im Gewichte von 39 45 Kilogr. anzuſehen. Vor ſeiner Verwendung wird der Spelz geſchält (gegerbt). Er gibt dann 36 45 %, der Emmer 50 % Körner. Der Strohertrag des Spelzes fällt gewöhnlich um 10 % mäßiger als wie bei dem Winter - weizen aus, während der Emmer denſelben nahezu erreicht.

2. Der Roggen.

Das Aehrchen des Roggens (Secale cereale L. und ), Fig. 18, S. 27, enthält zwei Blüthchen, welche je eine Frucht ausbilden, und zwiſchen welchen ſich ein geſtieltes, verkümmertes Blüthchen befindet. Die mittlere dritte Blüthenanlage entwickelt ſich nur ſelten, unter beſonders günſtigen Umſtänden. Es werden dann wie bei dem mehrblüthigen Roggen von Martiny-Danzig ſelbſt drei bis vier Körner in einem Aehrchen aus - gebildet, während ſich gleichzeitig die Zahl der Aehrchen in einer Aehre von 7 auf 27 ſteigern. Der Roggen, als deſſen muthmaßliche wilde Stammformen Secale montanum Guss. und Secale anatolicum Boiss. anzuſehen ſind, beſitzt keine con - ſtanten Spielarten, am wenigſten ändert ſich die Beſchaffenheit der Körner, am be - trächtlichſten die Beſtockungsfähigkeit. Gewöhnlich wird dem Stauden - oder Schilf - roggen (Sorten: Ruſſiſcher Staudenroggen, Correns Staudenroggen, Spaniſcher Doppelroggen, Zeeländerroggen ꝛc. ) eine beſonders eigenthümliche Beſtockungsfähigkeit zugeſchrieben, während bei jeder Roggenſorte durch friſchen Standort, kühle Witterung, kräftigen Boden und frühzeitige, dünne Saat eine reiche Beſtockung hervorgerufen werden kann. Der Staudenroggen verliert anderſeits ſeine reiche Beſtockungsfähigkeit, ſobald er unter weniger zuſagenden Verhältniſſen angebaut wird.

Aehnliches gilt von dem Johannisroggen, welcher frühzeitig gegen Mitte Juli angebaut, Zeit genug erhält, um ſich reichlich beſtocken zu können, ſo zwar, daß derſelbe nach einem Grünfutterſchnitte im Herbſte, noch für das nächſte Jahr zur Körnergewinnung ſtehen bleiben kann.

In den rheiniſchen Gebirgsgegenden wird ein dickſchaliger, dunklerer Roggen, das Klebkorn gebaut, welches ſelbſt noch in rauhen Lagen und auf kaltem, feuchtem Boden einen ſicheren Ertrag abwirft.

Ein vorzügliches Saatgut gewährt der Probſteier Roggen, welcher ſich durch ſein dickes und zugleich langes Korn von ſilbergraublauer Farbe auszeichnet und durch beſonders ſorgfältige Cultur und Behandlung in einem 3 Meilen großen, zur Probſtei Preetz bei Kiel in Holſtein gehörigen Landſtrich gewonnen wird.

27Die Mehlfrüchte.

1. Die Wachsthumsbedingungen.

Der Roggen bildet die Hauptfrucht für Mittel - und Nordeuropa. In ſüdlicheren Ländern, wie in Al - gier, Aegypten wird er ſeltener gebaut. An ſeine Stelle treten in jenen Ländern der Mais und das Sorghum. In Rumänien, Griechenland, zum Theile auch in Sieben - bürgen, wird der Roggen meiſt gemiſcht mit Weizen als ſogenannte Halbfrucht ausgeſäet. Nach Norden erſtreckt ſich der Roggenbau in Schweden und Norwegen bis zum 70°, im europäiſchen Rußland bis zum 65°, in Aſien bis zum 60° nördl. Breite. Sommerroggen geht in der Schweiz nicht über 1740 Meter Meeres - höhe hinaus.

Die Wärmeanſprüche des Roggens ſind etwas ge - ringer, als bei dem Weizen, weshalb er raſcher ſeine Entwickelung durchmacht. Der Vorſprung, welchen der - ſelbe gegenüber dem Weizen erreicht, wird um ſo größer, je kühler das Klima iſt. Bis zum Sichtbarwerden der Saat nach 13 16 Tagen beanſprucht derſelbe 114 bis 125°C., bis zum Blühen ohne Einrechnung der vegetationsloſen Zeit, jedoch mit Rückſicht auf die Tages - länge 1225 1425°C., bis zum Reifen nach 280 bis 322 Tagen 2250 2950°C. In Gegenden mit feuchtem Herbſte und ſtrengem Winter wird der Roggen, wenn auch in geringer Ausdehnung, als Sommerroggen gebaut, welcher in 112 140 Tagen ſeine Entwickelung beendet.

In feuchtem Klima oder auf feuchtem Boden ver - zögert ſich das Schoſſen, das Blühen und die Frucht - reife um einige Tage, dafür beſtocken ſich die Pflanzen, wie ſchon früher erwähnt, viel reichlicher, erreichen einen höheren Wuchs und geben ſomit einen größeren Stroh - ertrag.

Feuchte verträgt er weniger gut als der Weizen, be - ſonders wenn noch eine rauhe Lage hinzukommt. Er wintert dann viel leichter als der Weizen aus. Da - gegen kommt der Roggen in rauher und trockener Ge - gend viel ſicherer als der Weizen fort.

Der Roggen gedeiht auf geringeren, beſonders we - niger gebundenen Bodenarten beſſer als der Weizen, während derſelbe auf friſchen, gebundenen Bodenarten gegen den Weizen zurückſteht. Am zuſagendſten ſind

Fig. 18.

Aehre des Winterroggens. (Secale cereale L.) .

28Beſondere Pflanzenbaulehre.dem Roggen der ſandige Lehmboden und in feuchterem Klima der lehmige Sand - boden. Auf loſem Sandboden, ſowie auf Moorboden iſt er die einzige Winter - frucht, die noch fortkommt, vorausgeſetzt, daß er auf letzterem durch Auswintern nicht zu ſehr leidet. Auf Moorboden wird zweckmäßiger wegen der größeren Gefahr des Ausfrierens an ſeiner Stelle Sommerroggen angebaut. Die loſen Sandböden er - halten daher auch die Bezeichnung Roggenböden .

Eine Roggen-Mittelernte entzieht dem Boden per Hektar mehr Nährſtoffe, als eine Weizen-Mittelernte. Eine Mittelernte enthält an Aſchenbeſtandtheilen in Kilogr. in 17 Hektoliter Weizen, à 69 Kilogr. oder in

  • 1170 Kilogr. Körner: 19.77 Aſche, 6.20 Kali, 9.24 Phosphorſäure,
  • 2340 Stroh: 107.87 14.74 5.15
  • Zuſammen: 127.64 20.94 14.39

19 Hektoliter Rogen, à 65 Kilogr. oder in

  • 1235 Kilogr. Körner: 22.10 6.92 10.37
  • 3470 Stroh: 140.53 27.06 7.28
  • Zuſammen: 162.63 33.98 17.65

Trotz der größeren Erſchöpfung begnügt ſich der Roggen mit einem ärmeren Boden, vielleicht daß ſeine Wurzeln, welche eine durchſchnittliche Länge von 0.37 Meter beſitzen, die Nahrung leichter aufnehmen können. Die größere Genügſamkeit des Roggens in Betreff des Vorrathes an aufnehmbarer Bodennahrung findet auch durch die Verſuchsreſultate von Dr. Hellriegel, ſofern es die Stickſtoffnahrung betrifft, ihre Beſtätigung. Nach Hellriegel ſind 63 Theile aſſimilirbarer Stickſtoff in einer Million Theile Boden die Minimalmengen des Stickſtoffes, welche bei Roggen und Hafer den höchſten Ertrag zu erzielen vermögen, während für Weizen 70 Theile er - forderlich ſind.

2. Die Vorfrucht und Vorbereitung.

Der Roggen erhält in der Fruchtfolge einen ähnlichen Standort angewieſen, wie der Weizen. Letzterem wird man jedoch als der werthvolleren Frucht die beſſeren Plätze und die Schläge mit bindigerem Boden vorbehalten. Auf Sandboden ſind gute Vorfrüchte für Roggen der Buchweizen, der Spergel, die Lupine und die Sera - della. Eine weniger gute Vorfrucht iſt Rothklee, welcher nur auf mehr gebundenem Boden fortkommt. Dagegen ſind der Raps, die Hülſenfrüchte, beſonders die Erbſen, vorzügliche Vorfrüchte für Roggen. Nach den Hackfrüchten, welche den Boden in pulverförmigem, ausgetrockenetem Zuſtande zurücklaſſen, erhöht ſich die Gefahr des Auswinterns, abgeſehen davon, daß die genannten Früchte gewöhnlich zu ſpät das Feld räumen. Um auch nach ſpäten Hackfrüchten Roggen bauen zu können, ſäet man Sommerroggen. Nach reiner oder bebauter Brache gedeiht der Roggen gleich vorzüglich wie der Weizen. Außerdem eignet ſich der Roggen zum Anbaue auf Neu - riſſen und auf gebranntem Lande. Nach Gerſte, beſonders nach der früh vom Felde kommenden Wintergerſte, nach Weizen gedeiht der Roggen bei feuchter Herbſtwitterung29Die Mehlfrüchte.ganz gut. Nach ſich ſelbſt gedeiht er eher als der Weizen, indem die Verunkrautung bei dem ſchnelleren Wachsthume des Roggens weniger zu befürchten iſt. Auf leichtem Sandboden reifen die Lupinen oft zu ſpät, um noch Roggen ſäen zu können. Für dieſen Fall verdient ein Verſuch von J. Kühn1)Zeitſchrift des landw. Centralvereines für die Prov. Sachſen. 1869, 4. Beachtung, welcher 1.5 Hektoliter blaue Lupine auf 28.7 Ctm. der Länge nach und 1.2 Hektoliter per Hektar böhmiſchen Waldroggen in die Quere drillte. Nach der Aberntung der Lupine blieb der Roggen für das nächſte Jahr am Felde ſtehen.

Die Vorbereitung des Bodens vor der Roggenſaat richtet ſich nach der voraus - gegangenen Vorfrucht. Für dieſelbe laſſen ſich nur ſchwer allgemeine Anhaltspunkte geben, indem der Roggen unter zu verſchiedenartigen klimatiſchen und Boden-Verhältniſſen cultivirt wird. Gewöhnlich ſtimmt die Vorbereitung mit jener bei dem Weizen An - gegebenen überein. Bei lockerem Boden wird man nur ſo weit bearbeiten, als es die Vertilgung des Unkrautes erfordert. Gebundene Böden werden dagegen öfters zu bearbeiten ſein, da der Roggen ein gelockertes, reines Land verlangt. Die letzte Furche vor der Saat gibt man 1 2 Wochen vorher, damit ſich der Boden wieder etwas ſetzen kann.

Der Roggen verträgt friſchen Dünger eher als der Weizen; doch ſtellt man denſelben gewöhnlich in die zweite oder ſelbſt in die dritte Tracht der Düngung, da er auch dann noch gut lohnt. Bei phosphorſäurearmem Boden iſt, wie für den Weizen, die Düngung mit Phosphatguano, Knochenmehl ꝛc., entweder vor der Saat oder als Kopfdünger gegeben, zur Steigerung des Körnerertrages zu verſuchen.

3. Die Saat.

Zur Saat verwende man die ſchwerſten und ſchönſten Körner. Bei kleineren Saatquantitäten empfiehlt es ſich, jene Körner zu verwenden, welche beim Einfahren auf die Dreſchtenne fallen und zuſammengekehrt werden oder beim leichten Durch - klopfen der Garben mit dem Dreſchflegel aus denſelben ausſpringen. Die Keim - fähigkeit des Roggens2)Siehe die Keimungsverſuche mit verſchieden altem Samen. Bd. I. S. 205. erliſcht ſchon nach dem zweiten Jahre, weshalb ſtets nur Same von der vorangegangenen Ernte genommen werden ſoll. Aelterer Roggen geht außerdem ſpäter auf. Sehr zu empfehlen iſt der Wechſel mit dem Saatgute, indem Roggen aus ſüdlicheren Gegenden bezogen eine raſchere Entwickelungsfähigkeit zeigt und einen größeren Ertrag gewährt. In rauhen Gegenden wird ſich jedoch der Samenbezug aus nördlichen Gegenden mehr empfehlen, indem ſich bei Roggen aus ſüdlichen Gegenden die Gefahr des Auswinterns erhöht.

Mit der Roggenſaat wird gewöhnlich der Herbſtanbau begonnen, nur in rauhen Gebirgsgegenden wird der Weizen vor dem Roggen beſtellt. Je frühzeitiger der Roggen in den Boden kommt, um ſo größer wird unter ſonſt gleichen Verhältniſſen der Körnertrag ausfallen. Die Frühſaat iſt für Roggen um ſo angezeigter, als derſelbe im Frühjahre bald zu ſchoſſen beginnt, daher ſich ſchon im Herbſte kräftig30Beſondere Pflanzenbaulehre.beſtocken muß. Der Weizen kann im Frühjahre noch eher etwas in der Beſtockung nachtragen. In Gebirgsgegenden beginnt man mit der Ausſaat des gewöhnlichen Roggens ſchon Anfang Auguſt; in unſeren Breiten Mitte September, ſo daß die Roggenſaat Ende September, Anfang October vollendet ſein kann. In milden Lagen kann bei trockener Beſtellung und nachfolgender feuchter Witterung der Roggen aus - nahmsweiſe ſelbſt noch im November und December (Chriſtkorn) angebaut werden.

Die Saatmenge kann etwas geringer als bei dem Weizen genommen werden, da die Roggenkörner etwas kleiner und leichter als die Weizenkörner ſind. 1000 Roggenkörner wägen durchſchnittlich 17 30 Gramm, ebenſoviele Weizenkörner 30 bis 40 Gramm. Je geringer der Boden und ungünſtiger die Lage, ein um ſo grö - ßeres Saatquantum iſt zu nehmen; in Gebirgsgegenden oft bis zu 4 Hektoliter per Hektar, in milden Lagen dagegen breitwürfig 1.8 2.8, gedrillt 1.5 2 Hektoliter und darunter. Der Staudenroggen wird um ¼ ſchwächer angebaut. Der Sommerroggen ſoll zeitlich im Frühjahre, im März oder April, etwas ſtärker (2.1 bis 2.9 Hektoliter) als der Winterroggen geſäet werden.

Es genügt, den Roggen auf 4 5 Ctm., bei oberflächlich trockenem Boden auf 5 8 Ctm. Tiefe unterzubringen. Ein tieferes Unterbringen im Herbſte hat keinen Zweck; im Gegentheile wird dadurch das Keimen und die Bildung der Kronenwurzeln ver - zögert. Die Drillweite wird, beſonders auf trockenem Boden und bei freier Lage enge (12 Centim. ) bemeſſen. Staudenroggen drillt man auf 20 26 Centim., wenn man nicht das Dibbeln deſſelben vorzieht.

Fig. 19.

Roggen - keimpflänzchen.

Die größte Tiefe, bis zu welcher der Roggenſamen, wie jeder Pflanzenſamen, untergebracht werden kann, hängt von der Länge der Keimpflanze, Fig. 19, ab, welche ſich aus den Reſerveſtoffen des Sa - mens entwickelt. Ein 0.030 Mgr. ſchweres Roggenkorn, welches wir im Waſſer in einem dunklen Raum keimen ließen, um jede Neu - bildung durch Aſſimilation fern zu halten, ergab eine etoilirte Keim - pflanze, welche fünf verkürzte, zuſammen 320 Mm. lange Wurzeln aufzuweiſen hatte und nebſt der Scheide noch zwei vergilbte 3 und 2.5 Mm. breite Blätter entfaltete. Dieſelbe maß von dem aus - geſchöpften Samen bis zur Spitze des längſten Blattes 210 Mm. Es wäre dieß ſomit die größte Tiefe geweſen, bis zu welcher das Roggenkorn in den Boden hätte gelegt werden können, unbeſchadet ſeiner weiteren Entwickelung, die von dem Ergrünen der hervor - tretenden Blätter abhängig iſt. C. Tiſchert1)C. Tiſchert, Keimungsverſuche mit Roggen und Raps bei verſchieden tiefer Unter - bringung. Halle 1872. fand, daß von je 100 Saat - körnern die meiſten, und zwar im Sandboden 78.2 bei 10.4 Ctm., im humoſen Boden 80.9 bei 2.6 Ctm., im Lehmboden 86.4 bei 5.2 Ctm., im Thonboden 73.6 bei 5.2 Ctm. Saattiefe aufgingen. Ueber 10 Ctm. Saattiefe hinaus zeigte ſich ſchon bei allen Bodenarten eine ſtarke Abnahme der Zahl der aufgehenden Pflanzen. In Betreff des Zeitpunktes, zu welchem die Pflänzchen aus verſchiedener Bodentiefe von 2.6 13.0 aus dem Boden hervorkamen, ergab ſich, daß der Vertiefung der Saatlage um etwa 2.6 Ctm. eine Verzögerung des Auflaufens um je einen Tag entſpricht. Tiefer (15.6 18.2 Ctm.) gelegte Körner keimten, erreichten jedoch nicht die Oberfläche des Bodens.

31Die Mehlfrüchte.

4. Die Pflege.

Durch den Winterfroſt ausgezogene Roggenſaaten werden im Frühjahre durch Abwalzen des Bodens an denſelben angedrückt. Nach Kühn1)Dr. J. Kühn, Krankheiten der Culturpflanzen. 1859. S. 11. ſchützt das Behacken der Drillſaaten im Herbſte gegen das Ausfrieren, indem dabei zwiſchen den Pflanzen - reihen kleine Rillen gebildet werden, in die ſich die Näſſe vorzugsweiſe zieht. Ein Aufziehen des Bodens beobachtet man dann in den Zwiſchenräumen, während die trockener ſtehenden Pflanzenreihen unbeſchädigt bleiben.

Auf feuchtem, ungefrorenem Boden kann bei ſchneereichen Wintern und voran - gegangener üppiger Entwickelung der Pflanzen ſelbſt ein Ausfaulen Ausſauern der Roggenſaaten eintreten. Unter den angeführten Bedingungen verfaulen entweder die Blatttheile oder noch häufiger die Wurzeln durch das ſtehende Waſſer im Boden. Unkrautgräſer, wie die Trespe, ſind gegen das Ausfaulen unempfindlicher, ſie ent -

Fig. 20.

a Kleiner Klappertopf (Alectorolophus [Rhinanthus L.] minor Ehrh.) ; b Gemeiner Klappertopf (Alectorolophus major Rchb.) ; c Feld-Klappertopf (Alectorolophus hirsutus Allione.) .

Fig. 22.

Klatſchmohn (Papaver Rhoeas L.) . a und b vergrößerter Same; c natürl. Größe.

Fig. 21.

Rauhhaarige Wicke (Vicia hirsuta Koch. ) u. . a Fruchtzweig; b und c Same mit unvollſtändigem ſich ablöſendem Samenmantel (Aril - lus); d Samen im Profil mit Nabel und Samennaht. (Raphe).

Fig. 23.

Scabioſenartige Flockenblume (Centaurea Scabiosa L.) . a na - türl. Größe; b vergrößerte Frucht.

Fig. 24.

Blaue Kornblume (Centaurea cyanus L.) . a u. b Frucht mit ſitzender Haarkrone; c ein Haar des Pappus, ſtark ver - größert.

32Beſondere Pflanzenbaulehre.wickeln ſich daher im nächſten Frühjahre in den gelichteten Roggenſaaten um ſo üppiger. Dieſer Umſtand mag zu der irrigen Anſicht Veranlaſſung gegeben haben, daß ſich in feuchten Wintern die Roggenpflanzen in Trespenpflanzen umwandeln.

Im Frühjahre durch Spätfröſte beſchädigter Roggen kann zuweilen noch zu einem Ertrage gebracht werden, wenn er gleich abgemäht wird. Bei günſtiger Witte - rung und kräftigem Boden ſchoßt er dann vom Neuen und bietet einen theilweiſen Erſatz für die durch den Froſt vernichteten Pflanzen. Der Erfolg des Abſchneidens iſt um ſo ſicherer in einem je früheren Entwickelungsſtadium vor der Blüthe der Froſtſchaden eingetreten iſt. Bei trockenem Frühjahrswetter iſt es jedoch zweckmäßiger, auf das Nachſchoſſen zu verzichten und in das umgebrochene Roggenfeld Kartoffeln oder eine andere geeignete Pflanze anzubauen.

Verſchließt ſich im Herbſte oder Frühjahre der Boden des Roggenfeldes, ſo empfiehlt ſich ein leichtes Uebereggen der Saat. Daſſelbe ſchützt gleichzeitig, wenn er - forderlich, durch Verdünnung des Pflanzenſtandes und durch Erleichterung des Licht - eintrittes vor dem Lagern. Zur Verhütung dieſer Erſcheinung kann der Roggen wie der Weizen im Winter mit Schafen abgeweidet werden oder vor Beginn des Schoſſens mit der Senſe geſerbt werden.

In der Blüthezeit des Roggens einfallender Froſt hindert die Befruchtung, weshalb oft zahlreiche Aehrchen unfruchtbar bleiben, ſchartig werden. Ebenſo ſtören den ungehinderten Verlauf der Befruchtung heftige Winde und anhaltende Regengüſſe in der Blüthezeit.

Außer einer Mehrzahl jener Unkräuter, welche wir als auf Weizenfeldern vorkommend bezeichneten, finden ſich häufig die Roggentrespe (Bromus secalinus L.) , der jährige Ziſt (Stachys annua L.) , der ſchwer auszuputzende Klappertopf (Rhi - nanthus) , Fig. 20, S. 31, die rauhhaarige Wicke (Vicia hirsuta Koch.) , Fig. 21, der Klatſchmohn (Papaver Rhoeas L.) , Fig. 22, die Flockenblume (Centaurea Sca - biosa L.) , Fig. 23. Die Kornblume (Centaurea cyanus L.) , Fig. 24, iſt nach Mög - lichkeit von den Roggenfeldern fernzuhalten, weil ſie zur Verbreitung der Roggenälchen, welche die ſogenannte Knoten - oder Stockkrankheit des Roggens hervorrufen, beiträgt.

Pflanzenkrankheiten werden bei dem Roggen durch folgende Pilze hervorgerufen:

  • Roggenkornbrand (Ustilago secalis Rabh. ), ſelten.
  • Roggenſtengelbrand (Urocystis occulta Rabh. ), ſelten.
  • Streifenroſt (Puccinia graminis Pers.).
  • Fleckenroſt (Puccinia straminis d. By.).
  • Mutterkorn (Claviceps purpurea Tul.).
  • Mehlthau (Erysiphe communis Wallr.).

Unter den genannten Pilzen treten am verheerendſten die Roſtpilze auf. Dieſelben vermögen oft den geſammten Ernteertrag zu vernichten. Erſcheint das Mutterkorn häu - figer (10 12 %), ſo iſt daſſelbe durch Sortiren von den Roggenfrüchten abzuſon - dern, da es mit dieſen vermahlen, dem Mehle eine ungeſunde Beſchaffenheit verleiht.

Ueberdies iſt der Roggen den Angriffen der folgenden Thiere ausgeſetzt:

Wurzel:

Saatſchnellkäfer (Agriotes segetis Gyll. ), Fig. 39. Larve ſchädlich.

Maikäfer, Engerling (Melolontha vulgaris F.). Larve ſehr ſchädlich.

Wurzel und Schoſſe:

Roggenälchen (Stockkrankheit) (Auguillula devastatrix Kühn.). Sehr ſchädlich.

33Die Mehlfrüchte.

Roggenzünsler (Pyralis secalis L.). Raupe ſchädl.

Gemeine Halmwespe (Cephus pygmaeus L.). Fig. 25. Afterraupe ſehr ſchädlich.

Heſſenfliege (Cecydomia destructor Say.). Fig. 26. Made ſehr ſchädlich.

Weizenmücke (Cecydomia tritici Kirby.). Fig. 16, S. 23. Made ſehr ſchädlich.

Scheckfüßige Weizenmücke (Chlorops taeniopus Meig.). Made ſehr ſchädlich.

Fritfliege (Chlorops frit L.). Made ſehr ſchädlich.

Roggenfliege (Chlorops pumilionis L.). Made ſ. ſch.

Linirtes Grünauge (Chlorops lineata F.). Made ſehr ſchädlich.

F. 25.

Gemeine Halmwespe (Cephus pygmaeus L.) 1 Larve; 2 dieſelbe eingeſponnen im Winterlager; 3 Halm - wespe, vergr.

  • Blätter:
  • Ackerſchnecke (Limax agrestis L.). Fig. 91. Sehr ſchädlich.
  • Aaskäfer (Silpha atrata L.). Fig. 101. Unmerklich ſchädlich.
  • Winterſaateule (Agrotis segetum Hb.). Fig. 40. Raupe ſehr ſchädlich.
  • Kleinzirpe (Cicada sexnotata Fall.). Wanze ſchädlich.
  • Getreideblattlaus (Aphis cerealis F.). Blattlaus und Nymphe ſchädlich.
  • Aehre und Körner:
  • Brach - und Junikäfer (Melolontha sol - stitialis L.). Käfer ſchädlich.
  • Getreidelaubkäfer (Melolontha fruticola F.). Larve ziemlich ſchädlich.
  • Kornwurm (Sitophilus granarius Sch.). Fig. 17, S. 24. Käfer ſchädlich?
  • Queckeneule (Hadena basilinea W. F.). Fig. 35, S. 41. Raupe ſehr ſchädlich.
  • Getreidemotte (Tinea cerealella Ol.). Raupe ſehr ſchädlich.
Fig. 26.

Heſſenfliege (Cecidomia destructor Say.). 1 Eier an einem Blatte; 2 Tonnenpuppe in einem Halme; 2′ dieſelbe ſehr ſtark vergrößert; 3 ſehr ſtark vergr. Larve; 4 die in der Tonne liegende, ſtark vergr. Puppe; 5 weibl. Mücke, daneben der vergr. Hinterleib der männl. Mücke, + natürliche Größe der weibl. Mücke.

5. Die Erute.

In Betreff des richtigen Zeitpunktes zur Vornahme der Roggenernte gelten die - ſelben Anhaltepunkte wie bei dem Weizen; doch verträgt der Roggen eher als der WeizenKrafft, Lehrb. d. Landw. II. 334Beſondere Pflanzenbaulehre.das Hinausſchieben des Mähens über den günſtigſten Erntezeitpunkt, indem derſelbe weniger als der Weizen dem Körnerausfalle unterliegt. Der Roggen reift in kühleren Gegenden um 8 14 Tage früher als der Weizen, in warmen Lagen fällt die Ernte beider Halmfrüchte nahezu in dieſelbe Zeit. Gewöhnlich wird der Roggen Anfangs Juli geſchnitten, in ſüdlichen Lagen aber auch ſchon Ende Juni, in rauhen Lagen im Auguſt.

Die Erträge verſchiedener Gegenden unterliegen noch größeren Unterſchieden als wie bei dem Weizen, indem der Roggen unter den verſchiedenartigſten Verhältniſſen zum Anbaue gelangt. Auf Bodenarten, welche dem Flugſande naheſtehen, ſind kaum 5 8 Hektoliter per Hektar zu erwarten, auf geringem Boden 14 17 Hektoliter, in zuſagenden Lagen 17 19 30 Hektoliter, auf Niederungsboden 32 42 Hekto - liter. Das Gewicht der Körner ſchwankt per Hektoliter zwiſchen 60 65 70 Kilogr. Je feuchter die Gegend und die Jahreswitterung, um ſo leichter fällt gewöhnlich das Gewicht aus.

Der Roggen beſitzt unter den Getreidearten gewöhnlich das längſte (1.2 bis 2 Meter) Stroh; die Erträge an demſelben ſind daher mit Ausnahme ſehr trockener Gebiete anſehnlich und erreichen per Hektar 2.6 4 5.2 Tonnen à 1000 Kilogr. Das Verhältniß von Stroh zu den Körnern ſtellt ſich meiſtens auf 100 Kilogr. Körner: 250 300 Kilogr. Stroh.

Der Sommerroggen gibt meiſt nur unſichere Erträge, je ſpäter in das Früh - jahr hinein derſelbe zum Anbaue gelangte oder je trockener die Frühjahrswitterung war. In beiden Fällen kann ſich der Sommerroggen nicht ausreichend beſtocken. Der Körnerertrag ſtellt ſich auf 10 17 20 Hektoliter à 53 61 Kilogr. per Hektar, der Strohertrag auf 1.5 3 Tonnen.

3. Die Gerſte.

Die Gerſtenähre beſteht aus einblüthigen Aehrchen. Je nachdem alle oder nur einige Aehrchen vollkommen ausgebildete Körner entwickeln und von der Spindel abſtehen, oder an dieſelbe angedrückt ſind, ergeben ſich die verſchiedenen Gerſtenarten. Mit Ausnahme einer Gerſtenart ſind alle mit langen Grannen verſehen. Die Körner ſind meiſtens mit den Deckſpelzen verwachſen, ſeltener nackt. Als wilde Stammformen ſind muthmaßlich Hordeum spontaneum C. Koch., am Kaukaſus einheimiſch, und H. ithaburense Boiss. anzuſehen.

1. Zweizeilige, große gemeine Gerſte (Hordeum distichum L.) . Die Aehre enthält zwei ſich gegenüberſtehende Reihen von vollkommen entwickelten Blüthchen, während zu jeder Seite zwei weitere Reihen verkümmerter Blüthchen ſtehen. Ihr Halm iſt höher, die Frucht größer, die Vegetationszeit länger als bei den übrigen Gerſtenarten. Die Gerſtenſpielarten zeigen weniger Beſtändigkeit als jene des Weizens, doch erhalten ſie unter veränderten Anbauverhältniſſen ihre Eigen - thümlichkeiten länger, als die Spielarten des Roggens.

a. Weißgelbe, zweizeilige Gerſte mit mehligem Bruche. Dieſelbe wird am meiſten gebaut in den mittel - und weſteuropäiſchen Ländern, in Auſtralien, Amerika, (Canada). Sorten: Chevaliergerſte, durch die röthlich violette Färbung ihrer Aehren von anderen Spielarten unterſchieden, Fig. 27, Imperialgerſte, Schottiſche Annatgerſte,35Die Mehlfrüchte.Phoenix-Gerſte, Probſteier Gerſte, Kalinagerſte, Gerſte aus der Hanna, Weiße auſtraliſche Gerſte, Prophetengerſte, Jeru - ſalemsgerſte ꝛc. Eine beſondere Spielart iſt die Pfauen - oder Reisgerſte (deutſcher Reis), deren Aehren durch die Stellung der Grannen ein fächerförmiges Ausſehen zeigen.

b. Weißgelbe, zweizeilige Gerſte mit glaſigem Bruche. Die Körner dieſer Gerſte beſitzen einen mehr glaſigen Bruch, welcher beſonders deutlich hervortritt, wenn die Bruchfläche benetzt wird. Sorten: Bläuliche Gerſte. Die auf der Rückſeite durch die weißgelben Spelzen ſchimmernde, glaſige Beſchaffen - heit des Kornes verleiht demſelben ein bläuliches Ausſehen.

c. Schwarze, zweizeilige Gerſte mit glaſigem Bruche. Die ſchwarz beſpelzte Gerſte beſitzt einen entſchieden glaſigen Bruch. Dieſelbe kommt am häufigſten unter den Gerſten aus Spanien, Algier, Abyſſinien, Rumänien, Kleinaſien, ſomit in trockenen, warmen Gebieten vor. Schwarze und bläuliche Gerſten ſind jedoch auch in Norwegen und Schweden verbreitet.

d. Nackte Gerſte mit mehligem oder glaſigem Bruche. Die Verbreitung dieſer Gerſte erſtreckt ſich über kein zu - ſammenhängendes Gebiet; man findet ſie nur hie und da in Rußland, Rumänien angebaut. Ihrem allgemeineren An - baue ſteht, trotz des größeren Körnerertrages gegenüber den Spelzgerſten, das leichte Ausfallen der Körner entgegen. Sorten: Nackte Kaffeegerſte, Nackte Phoenixgerſte ꝛc.

2. Vierzeilige, kleine Gerſte (Hordeum vul - gare L.) und . Die vierzeilige Gerſte unterſcheidet ſich von der ſechszeiligen Gerſte dadurch, daß jederſeits der Aehre zwei Aehrchen abſtehen, zwiſchen welchen ein Aehr - chen an die Spindel angedrückt iſt, ſo zwar, daß die Aehre ein vierkantiges Ausſehen erhält. Dieſelbe macht geringe Anſprüche an Klima und Boden und vollendet, als Sommerfrucht angebaut, ihr Wachsthum in 11 14 Wochen. In milden Lagen kann dieſelbe auch als Winter - frucht angebaut werden. Vierzeilige Wintergerſten werden in Ungarn, Südrußland, Aegypten ꝛc. gebaut.

a. Gemeine weiße, vierzeilige Gerſte. Sorten: Große gemeine Wintergerſte, Mammuth-Wintergerſte, Ge - meine vierzeilige Sommergerſte, Warthebruchgerſte, Victoria - gerſte, Mandſchureigerſte.

b. Bläuliche und ſchwarze vierzeilige Gerſte. Som - mer - und Winterfrucht.

Fig. 27.

Zweizeilige Chevalier - gerſte (Hordeum distichum L.) .

3*36Beſondere Pflanzenbaulehre.
Fig. 28.

Sechszeilige Frühgerſte (Hordeum hexastichon L.) und .

c. Nackte vierzeilige Gerſte. Sorten: Aegyptiſches Korn, Himalayagerſte, Nackte Namptogerſte ꝛc.

3. Gabelgerſte (Hordeum trifurcatum Ser.). Dieſe vierzeilige Gerſte beſitzt keine Grannen, ſondern an Stelle dieſer befinden ſich an den Hüllſpelzen lederartige, dreigabelige Fortſätze. Dieſe nackte Wintergerſte wird in Aegypten cultivirt.

4. Sechszeilige Gerſte (Hordeum hexastichon L.) und , Fig. 28. Dieſe als Winter - und Sommerfrucht angebaute Gerſte beſitzt ſechs, regelmäßig von der Spindel ab - ſtehende Zeilen von Aehrchen.

1. Die Wachsthumsbedingungen.

Bei den geringen Wärmeanſprüchen und der Kürze der Vegetationszeit der Gerſte kann dieſelbe, als einzige Getreidepflanze, noch in dem kurzen nordiſchen Sommer unter dem 70° nördlicher Breite angebaut werden. Ihr Anbau iſt überall unter der Iſothere (Orte gleicher mittlerer Sommertemperatur) von 10°C. möglich. Sie wird am Nordcap noch unter dem 70° nördl. Br., am weißen Meere unter dem Polarkreiſe angebaut. In den mitteleuropäiſchen Alpen geht ihr Anbau bis nahe an 1000 Meter Höhe. Ebenſo gut wie ein kaltes, verträgt ſie auch ein heißes, trockenes Klima. Sie kommt in heißen Ge - genden, wie z. B. in Arabien, leichter als der Hafer fort. Sie gedeiht bei 5 10° und auch bei 30°C. Bodenwärme.

In jenen nördlichen Himmelsſtrichen bil - det die Gerſte in Schweden Korn ge - nannt die Hauptbrodfrucht für die Be - völkerung, während ſie in ſüdlichen Ländern ausſchließlich zur Graupen -, Stärke -, Bier - und Malzbereitung und zur Fütterung der Nutzthiere, beſonders der Pferde verwendet wird. Am weiteſten nach Norden geht die vierzeilige Gerſte. Die zweizeilige Gerſte, die gewöhnlichſte37Die Mehlfrüchte.Gerſtenart in Mittel - und Weſteuropa reift auch noch dort, wo der Weizen als Winterfrucht gedeiht und die Rothbuche (Fagus sylvatica L.) zuſammenhängende Wälder bildet. Im Süden überwiegt die Cultur der ſechszeiligen Gerſte.

Die vierzeilige Sommergerſte kommt früher zur Entwickelung, als die zwei - zeilige. Trotz der verſchiedenen Vegetationsdauer, welche bei der zweizeiligen Sommer - gerſte durchſchnittlich 100 120 Tage, bei der vierzeiligen Wintergerſte 190 300 Tage beträgt, benöthigen doch beide Gerſtenarten, bei Außerachtlaſſung der Wintermonate, eine Wärmeſumme von 2200°C., in feuchten Klimaten von 2500°C. Die Winter - gerſte kann jedoch nur in Gegenden mit mildem Winter gebaut werden, da ſie bei Blachfröſten vollſtändig ausfriert.

Die Abänderungen, welchen die Gerſtenpflanze unter verſchiedenen klimatiſchen Einflüſſen unterliegt, zeigen manche Uebereinſtimmung mit den bei dem Weizen an - geführten Beobachtungen. Die Gerſtenpflanze bei conſtanter Bodenwärme von 10°C. cultivirt iſt ſtämmig, breitblätterig, ihre Wurzel weiß, aus wenig verzweigten Aeſten beſtehend; die bei 30°C. cultivirte iſt ſchwächlich, ihre Wurzel viel verzweigter, dünner und intenſiv braun, doch kommt ſie vollſtändig zur Entwickelung und Körner - bildung1)Bialoblocki, Ueber den Einfluß der Bodenwärme auf die Entwickelung einiger Culturpflanzen.. Die Länge (60 85 Ctm.) des Strohes und damit aber auch die grö - ßere Geneigtheit zum Lagern nimmt in nördlicheren und feuchteren Lagen zu. Der Strohertrag, welcher bei der zweizeiligen Gerſte höher als bei der vierzeiligen aus - fällt, wächſt im Allgemeinen mit der Annäherung an den Pol. In Gegenden mit früheintretenden, trockenen und heißen Sommern wird die Entwickelung und das Ausreifen beſchleunigt. Feuchtigkeit des Klimas verzögert dagegen die Reifezeit.

In Bezug auf den Boden iſt die Gerſte anſpruchsvoll. Gute Braugerſte wächſt nur auf einem kräftigen, tiefgründigen Lehmboden. Auf zu ſtark gebundenen Boden - arten kann die Gerſte leicht durch die Näſſe leiden, in Folge deſſen ihre Blätter ver - gilben. Auf trockenem Boden, wie dem Sandboden, ſchoßt ſie in dürren Jahren nicht vollkommen aus und wird nothreif. Doch kommt ſie in ſolchen Lagen noch eher fort, als der Hafer, da ſie bei ihrer kürzeren Vegetationszeit, die wenn auch noch ſo geringe Winterfeuchtigkeit beſſer ausnutzen kann. Am beſten gedeiht ſie auf mildem Lehmboden, auf tiefgründigem, ſandigem Lehm, kalkreichem Lehm, bis lehmi - gem Sand, welche Bodenarten daher als Gerſtenböden bezeichnet werden.

In Betreff der Bedingungen, unter welchen das Wachsthum der Gerſtenpflanzen vor ſich geht, liegen im Verhältniß zu anderen Nutzpflanzen noch die meiſten Unter - ſuchungen vor, welche wir vorzugsweiſe Dr. E. Hellriegel zu verdanken haben.

Vor allem nimmt das abſolute Gewicht des Samens (1000 Körner wiegen 20 bis 50 Gramm) auf die geerntete Pflanzenmaſſe Einfluß, indem mit jenem das Gewicht der Pflanze ſteigt. Unter gleichen äußeren Vegetationsverhältniſſen ändern ſich die Ernte - mengen je nach dem verfügbaren Lichte. Nach Hellriegel (Chemiſcher Ackersmann XIV. 17) verhalten ſich die Erntemenge von Gerſtenpflanzen, welche im Freien, an der Vorder - und Hinterſeite eines Glashauſes gezogen wurden, wie 8.56: 3.7: 1. Jene Pflanzen, welche an der Hinterſeite des Glashauſes im diffuſen Lichte gewachſen waren, ſchoßten lang38Beſondere Pflanzenbaulehre.aber dünn und weich in die Höhe, ohne Körner zu bilden. Ueber die Minimalmengen an Kali und Stickſtoff, welche die höchſten Erträge gewähren, ſowie über das Waſſerbedürfniß der Gerſtenpflanzen und deren Verhalten zu einem verſchiedenen Bodenvolum hatten wir ſchon Band I. S. 23, 27, 42, 61 und 122 berichtet. Ebenſo machten wir ſchon Band I. S. 21 auf den Einfluß eines Stickſtoff -, Kalk - und Magneſiamangels auf die äußere Er - ſcheinung der Gerſtenpflanze aufmerkſam.

2. Die Vorfrucht und Vorbereitung.

Die Gerſte gedeiht am beſten auf einem nicht abgetragenen, Unkraut reinem Felde. Sehr gute Vorfrüchte für die Gerſte ſind daher die gedüngten Hackfrüchte, wie Zuckerrüben, Kartoffeln und der Mais. Dieſelben laſſen den Boden in gut gelockertem Zuſtande und möglichſt frei von Unkraut zurück. Auf nährſtoffreichem Boden gedeiht die Gerſte auch nach gut beſtandenem Klee, deſſen Wurzelrückſtände viele Nährſtoffe zur Auflöſung bringen, vortrefflich; noch beſſer lohnt jedoch der Hafer den Klee. Nach ſich ſelbſt gedeiht die Gerſte, wie der Weizen, ſchlecht, indem ſie bei ihrem ſchnellen Wachsthume einen reichlichen Vorrath an aufnehmbaren Bodennährſtoffen bedarf. Sehr häufig, wie bei den Felderwirthſchaften, kommt die Gerſte nach Winter - getreide zu ſtehen, wenn auch die Aufeinanderfolge zweier Halmfrüchte nicht zu em - pfehlen iſt. Die Wintergerſte, wenn ſie fortkommt, erhält den beſten Platz in der Fruchtfolge; gewöhnlich wird ſie nach gedüngter Brache oder nach Raps gebaut.

Die Gerſte findet ihre beſte Ernährung bei leichterem Boden in der zweiten, bei ſchwererem Boden in der dritten Tracht der Düngung, wenn ſie auch eine friſche Düngung eher als eine andere Getreidefrucht, wegen ihrer geringeren Geneigtheit zum Lagern verträgt. Friſche Düngung erhöht den Stickſtoffgehalt der Körner, weshalb ſie beſonders für Braugerſte zu vermeiden iſt, von welcher man größere Mehligkeit und geringeren Proteïngehalt verlangt.

Die Vorbereitung des Bodens zum Gerſtenanbaue richtet ſich nach der Be - ſchaffenheit des Bodens, dem Klima und der Vorfrucht. Im Allgemeinen ſoll die Gerſte in ein gut zubereitetes Land gebracht werden. Nach den Hackfrüchten iſt die Beſtellung einfach; gewöhnlich gelangt das Feld ſchon nach einer Pflugfurche in den erforderlichen klaren und reinen Zuſtand. Im Frühjahre ſäet man entweder un - mittelbar auf die Herbſtfurche oder man wendet, im Falle der Boden ſich über Winter geſetzt hat, vorher noch den Exſtirpator an. Bei Zuckerrüben und Kartoffeln, welche am Felde eingemietet werden, können die Feldſtreifen, auf welchen die Mieten ſtehen, erſt nach der Abfuhr der Wurzeln oder Knollen im Frühjahre umgebrochen werden. Dieſer Umſtand ſchädigt den Ertrag der Sommerung, welche an ſolchen Plätzen wegen Entganges der Winterfeuchte im Wachsthume zurückbleibt. Nach im Herbſte tief - geſtürztem Kleegras kann im Frühjahre nach vorausgegangenem Eggen gleichfalls auf die Herbſtackerung geſäet werden. Nach Wintergetreide erfordert jedoch die Gerſte eine mehrfurchige Beſtellung. Nach dem Stoppelſturze wird am zweckmäßigſten gleich im Herbſte noch eine zweite Ackerung, welche dann in rauher Furche über den Winter liegen bleibt, gegeben und im Frühjahre unmittelbar auf die abgeeggte Furche ge - ſäet, um beſonders in trockenen Gegenden die Winterfeuchte möglichſt beiſammen zu halten.

39Die Mehlfrüchte.

3. Die Saat.

Bei der Auswahl der Gerſte zur Saat muß der Zweck, für welchen dieſelbe angebaut wird, berückſichtigt werden. Von der Braugerſte verlangt man, daß die Körner eine kurze, gedrungene, in der Mitte ſtark bauchige Form beſitzen, daß die feinen, querrunzeligen, lichtgefärbten Spelzen einen möglichſt geringen Bruchtheil von dem Gewichte des Kornes ausmachen. Dunkle Färbung der Spelzen iſt nicht er - wünſcht, da dieſelben häufig durch Beregnen hervorgerufen wird, welches nachtheilig auf die Gleichmäßigkeit des Keimens einwirkt. Die Bruchfläche des Kornes ſoll