PRIMS Full-text transcription (HTML)
Leben und Schickſale,
von ihm ſelbſt beſchrieben, und zur Warnung fuͤr Eltern und ſtudierende Juͤnglinge herausgegeben. Ein Beitrag zur Charakteriſtik der Univerſitaͤten in Deutſchland.
Zweiter Theil.
Halle,bei Michaelis und Bispink.1792.
[1]

Erſtes Kapitel.

Amicus certus in re incerta cernitur.

Weißt was neues, Herr Bruder? ſchrie ich, als ich einige Tage nach meinem Un - fall in das Zimmer des Barons F ... trat: In meinem Lande iſts alle: werd nimmermehr Pfaffe!

Baron: Da iſt denn auch kein groß Ungluͤck geſchehen! Kannſt ja ſonſt was werden!

Ich: Ja, was denn? In der Kurpfalz hab ich mich verſchandlappt.

Baron: Nun, was haſt du denn angeſtellt? Haſt doch nicht gemordet? Und Huren, Sau - fen und Spektakeln wird da nicht hochgerechnet!

Ich: Sieh, ich habe mit dem Kandidaten Hundel in Korreſpondenz geſtanden, und hab da manchen Beitrag fuͤr ſein Buch geliefert, das her - nach iſt konfiſcirt worden. Hundel ſelbſt hat ſich muͤſſen ſkiſſiren, wenn er dem Galgen, oder doch ewiger Gefaͤngnißſtrafe entgehen wollte.

Zweiter Theil. A2

Baron: Haſt Recht! in Kurpfalz kommſt, hols der Teufel, nicht an! da moͤgen ſie keine Leute haben, die ihnen auf den Magen ſehen: wuͤrdeſt nicht 'n Nachtwaͤchterdienſt kriegen!

Ich: Und in meinem Lande verfolgt mich der Adminiſtrator von Zwirnlein.

Baron: Von Zwirnlein? Ach, der neu - gebackne Edelmann! Hoͤre Bruder, ſo 'n Adel, wie der, ſoll nichts gelten. Unſer Adel, ſchau, das iſt' n Adel! Vor 300 Jahren waren ſchon F ... Domherren hier, zu Koͤlln, zu Worms, zu Speier und an mehr Stiftern. Einer aus unſrer Familie war Biſchof zu Wuͤrzburg, und ein Andrer, Biſchof zu Speier und noch ein Andrer, Abt zu Fulda. Schau, Bruͤderchen, das iſt ein Adela)Der deutſche Adel iſt nirgends beſſer, d. i. aͤlter, als an den Domſtiftern. Es koͤnnen da blos uralte Fami - lien Eingang finden. Und die Ahnenprobe, welche bei der Aufnahme vorgenommen wird, iſt ſo ſtreng, daß jeder Queerbalken im Stammbaum entdeckt wird. Daher iſt der Ahnenſtolz der Familien in Mainz, Wuͤrz - burg, Koͤlln, Muͤnſter, Paderborn unausſprech - lich; und ein〈…〉〈…〉 lcher Ritter, wie Dalberg, Dienheim, Schoͤnborn, Elz, Bibra, kurz, ein Ritter, deſſen Wappen in der Domkirche befindlich iſt, wird um alles in der Welt nicht misheurathen; ja er wird eine Graͤ - fin, und ſelbſt eine Prinzeſſin ausſchlagen, wenn ihr Stamm nicht die erforderlichen Ahnen zaͤhlt. Das gilt ſogar von den dortigen proteſtantiſchen Edelleuten, die. Aber3 ſo 'ne neue Nobleſſe iſt nicht werth, daß man ſie nennt.

Ich: Du haͤlſt alſo nichts auf neuen Adel?

Baron: Nicht eine taube Haſelnuß. Schau an, wir ſind gute Freunde: du biſt buͤrgerlich, und ich bin ſtiftsmuͤßig. Das thut aber nichts: ich bin dir gut, und habe keine Schande von deinem Um - gang. Aber wenn ich mit einem neuen Edelmann konverſiren, und Freundſchaft machen wollte: mein Seel! unſer ganzer Stiftsadel wuͤrde ſich daruͤber mokiren. Aber wieder auf dich zu kommen: was willſt du nun anfangen?

Ich: Das weis ich ſelbſt nicht.

Baron: Hoͤr 'Bruder! du warteſt auf die Pfarre in Franken: bleibſt aber indeß bei mir, und lachſt den Herrn von Zwirnlein und ſeinen Anhang aus: haſt mich verſtanden?

Ich: O ja: aber wie ſollte ich

Baron: Davon ſchweige mir. Ich will kei - ne Komplimente: bin ein ehrlicher Kerl, und meyn's hol mich der Teufel, gut mit dir! Schau, ich reiſe naͤchſtens nach Strasburg: du gehſt mit, und daa)ſtiftsmaͤßig ſind. Es koͤnnte ja kommen, meynen dieſe, daß einmal einer von ihren Nachkommen katholiſch wuͤrde, und dann koͤnnte er ja nicht Domherr, Bi - ſchof oder Kurfuͤrſt werden!4 wollen wir alle Grillen vergeſſen, und ſo luſtig le - ben, wie die Voͤgel im Hanfſaamen!

Auf dieſe Art hatte ich alſo einen Freund in meinem F ... gefunden, der mir Aufenthalt gab, daß ich nicht noͤthig hatte, meinem Vater durch mei - ne Gegenwart noch truͤbere Tage zu machen, als er wuͤrklich ſchon erlebte. Ich blieb indeſſen doch nicht beſtaͤndig in Mainz; und wenn ich in dieſer Stadt auch war, ſo blieb ich nicht immer in dem Hauſe des Barons. Ich hatte mehrere Bekannte: der Vater meines Schoͤnburgs, der Aſſeſſor Schaz, ein In - genieur Philippſon, und mehr Andre gaben ſich alle Muͤhe, mich aufzuheitern, wenn ich manch - mal das doch nur ſelten geſchahe weniger leichtſinnig uͤber meine fatale Lage nachdachte.

Waͤhrend dieſer Zeit erhielt ich einen Brief vom Blumernwirth Schmid zu Gundersblum, der voll Enthuſiasmus war. Man habe, hieß es, gehoͤrt, daß man mir die Kanzel verboten und alle Hoffnung zu einer Verſorgung genommen haͤtte. Das Ding habe meine Freunde in Gundersblum, namentlich den Major von Goldenberg, den Wirth Bech - tel, und ihn, den Hrn. Schmid, ſo ſehr geaͤrgert, daß ſie beſchloſſen haͤtten, ſich meiner anzunehmen: ich ſollte nur kommen, man wuͤrde mir ſchon Mittel angeben, den Schaden zu erſetzen, und meine Fein - de auszulachen u. ſ. w.

5

Die Bitte, bald zu kommen, war ſo dringend gemacht, daß ich gleich den andern Tag von Mainz aus nach Gundersblum ging. Ich hatte nur fuͤnf Stunden. Schmid empfing mich mit der lebhafte - ſten Theilnahme an meinem widrigen Schickſale und mit tauſend Fluͤchen gegen alle, die mich meiner und ſeiner Meynung nach gedruͤckt haͤtten. Ich ſollte ſehen, ſagte er, wie man ſich hier meiner annehmen wuͤrde: er wiſſe, daß mein Vater mir beinahe ſein Haus verboten, und mich gleichſam fortgejagt haͤtte: aber hier in Gundersblum faͤnde ich alles, was ich wuͤnſchen koͤnnte. Zufoͤrderſt haͤtte der Major dafuͤr geſorgt, daß ich in Gundersblum bei ihm wohnen koͤnnte, bis ſich etwas fuͤr mich ergeben wuͤrde: ich faͤnde da guten Tiſch, rechten Wein und ein feines Logis. Das Ding gefiel mir ſchon nicht recht: lieber waͤre ich bei meinem Baron zu Mainz, als in Gundersblum geblieben. Der Major war zwar ein ehrlicher braver Mann, ohne Stolz und ohne Grobheit; aber an Jahren waren wir zu weit von einander, als daß wir haͤtten Vertraute werden koͤn - nen: und Vertraulichkeit habe ich immer geſucht, habe ſie ſogar oft fuͤr Freundſchaft gehalten, und mich dabei gar haͤßlich betrogen. Dem ohngeachtet ging ich zum Major, welcher mich aufs beſte bewill - kommte, und von dem Herrn von Zwirnlein eben nicht mit Achtung redete.

6

Sie ſollen bei mir bleiben, fuhr er fort, und bei mir alles finden, was Sie verlangen: gut Eſſen, derb naͤmlich, aber wenig Gerichte: guten Wein, Gunderblumer naͤmlich, und das in vollem Maaße, ſo viel in den Bauch hinein geht, und eine gute Pfeiffe Toback. Aber da Sie das Ding wol nicht werden umſonſt haben wollen, ſo uͤbernehmen Sie meine Jagd, und beſorgen meinen Keller, und leh - ren meine Maͤdel ein biſſel Franzoͤſiſch und auf der Landkarte. Wollen Sie das, mein Lieber? Ich ſchlug ein, und war froh, daß ich mich an ei - nem fremden Orte bequem aufhalten konnte, ohne meinen Wohlthaͤtern laͤſtig zu ſeyn.

Ich war alſo freiherrlicher Jaͤger, Sprachleh - rer und Oberkellermeiſter. Letztere Stelle war frei - lich beſſer und minder beſchwerlich, als erſtere; doch muß ichs ſelbſt von mir ruͤhmen, daß ich auch dieſes Aemtchen mit vieler Treue verſehen habe viel - leicht blos deswegen, weil ich keine Nothwendigkeit vor mir ſahe, meine Pflicht zu verletzen. Ich habe oft nachgedacht, warum ich zu einer Zeit faͤhig war, Lumpenſtreiche auszuuͤben, die ich zu einer andern fuͤr keinen Preis wuͤrde gethan haben. Ich kann mir noch nicht alles erklaͤren; aber dieſe Betrachtung machet mich aͤußerſt nachgiebig gegen Andre, beſon - ders gegen ſolche, welche aus Zerruͤttung ihrer oͤkono - miſchen Umſtaͤnde pflichtwidrig zu handeln genoͤthigt7 werden. Schwer iſt es, wider Leidenſchaften zu pre - digen, und die Regeln der Vernunft da gelten zu machen, wo das Blut in Gaͤhrung iſt; aber noch ſchwerer iſt dieſes da, wo der Mangel zu ſchlechten Handlungen antreibt.

Ich ſchrieb meinem lieben Baron meine neue Station, welcher ſehr unzufrieden damit war, und mich blos unter der Bedingung da bleiben ließ, daß ich ihn woͤchentlich einmal beſuchen ſollte. Mein Vater gab ſeine Einwilligung leicht, und ermahnte mich im fluͤchtigſten Ton von der Welt, eine ordent - lichere Lebensart anzufangen. Ich denke, der gute Mann that das nur ſo zum Scheine, weil er glaub - te, es ſey doch jede ernſthafte Ermahnung an mir verlohren. Wie wehe das einem Vater thun muß!

Meine Geſchaͤfte betrieb ich Anfangs ſehr aͤmſig. Ich ließ mir einen gruͤnlichen Ueberrock machen, den ich noch in Halle getragen habe, und den der Aufwaͤrter in D. Semlers Haus erſt vor zwei Jah - ren voͤllig aufgerieben hat: kaufte mir einen runden Hut, welchen ich mit einer goldnen Borde auszieren ließ: und in dieſem Ornate ging ich tagtaͤglich auf die Jagd. Die Titulaturen Vikarius und Kan - didat verbat ich mir uͤberall, indem ſie mich alle - mal an meine Fatalitaͤten erinnerten. Ich kann eben darum noch nicht begreifen, wie manche abgedankte Officire und Beamte ihre Titulaturen ſo eifrig ſuchen8 aufrecht zu erhalten, da es doch ſehr oft eine Art von Vorwurf fuͤr ſie iſt, wenn man ſie noch ſo nennt, wie man in ihrem Dienſte ſie nannte.

Das Ding mit meiner Jaͤgerey machte Aufſe - hen, und es fing an zu ſcheinen, als wenn ſelbſt Hr. von Zwirnlein, eben die Metamorphoſe aus einem Kandidaten in einen Jaͤger nicht haͤtte haben wol -〈…〉〈…〉 denn der Sekretaͤr Schloſſer ſchrieb an meinen Vater: meine Lage koͤnne immer noch verbeſſert wer - den: ich muͤßte nur eine Supplik eingeben, huͤbſch pater peccavi ſagen, und hernach von neuem Ge - horſam verſprechen: alsdann wuͤrde alles ſchon gut gehen. Allein das war mir erſtlich nicht gelegen, und meine uͤbrigen Zerſtreuungen verhinderten vol - lends alles.

Ich muß doch einiges von meinen Jaͤgerge - ſchichten anfuͤhren.

Wir hatten die Jagd in Gundersblum, wo ein gewiſſer Herr von B ... wohnteb)Ich ſchreibe ſeinen Namen nicht aus, weil er zwei Soͤhne hat, welche in Kriegsdienſten ſtehen, und ſehr brave Maͤnner ſind. In jener Gegend kennt jederman den Hrn. v. B .... Er beſaß ehedem mehrere Guͤter, und unter andern ein huͤbſches Dorf, Hilsheim; aber ein aͤuſſerſt aſotiſches Leben hatte ihn in Schulden ge - ſteckt, und um alle ſeine Guͤter gebracht. Nachher ging er herum ſchnurren, wie man ſagt, ſchickte Bet -. Dieſer9 B ... hatte einen Hund, welcher vor Hunger fremde Kuͤchen beſuchte, und unter andern unſre Jagden durchſtrich. Ich erfuhr das Ding, und ermahnte, oder ließ vielmehr den Herrn von B ... durch den Dolgesheimer Wirth Kuchen ermahnen, ſeinen Marki inne zu halten: ich wuͤrde ihm ſonſt eine Ladung von Numer Eins aufs Gedaͤchtniß brennen. Das ſoll er ſich nur unterſtehen, antwor - tete Hr. v. B ..., wenn er nicht will todtgeſchoſſen ſeyn, wie ein toller Hund. Kuchen gab mir von B ... s Drohung Nachricht; und nun machte ich mirs ordentlich zum Geſchaͤft, den Hund aufzu - ſpuͤren, welches auch bald geſchah: ich verſetzte ihm alſo eine derbe Ladung ins Gehirn, und da lag er.

Einige Tage hernach kam ich wieder nach Dol - gesheim; doch ehe ich noch ins Wirthshaus trat, kam Kuchen mir entgegen und bat mich um Gottes - willen, ja nicht in die Stube zu gehen: B ... ſey drinnen, und habe geſchworen bei ſeiner Ehre und bei 100000 Schock Teufeln, mir eins aufzubren - nen, daß mir der Dampf ſollte hinten heraus fah - ren. Das hat gute Wege, erwiederte ich, geb 'erb)telbriefe in der ganzen Gegend herum, und braman - baſirte doch bei jeder Gelegenheit ſo ſch〈…〉〈…〉 cklich und ſo unverſchaͤmt, als wenn ſein Adel ſich von Karl dem Großen herſchriebe, und er im Beſitz eines Fuͤrſten - thums waͤre!10 mir nur einen Schoppen Wein! Mit dieſen Worten trat ich in die Stube, ohne auf den Edelmann zu merken, der am Ofen ſaß. Kuchen brachte mir den geforderten Schoppen Wein: ich trank, ſah mich hernach um, und ſprang wie erſtaunend auf, mit der Entſchuldigung: Ei, unterthaͤniger Knecht, gnaͤdiger Herr! verzeihen Sie, daß ich Sie nicht eher bemerkt habe!

B ... (ſtumm vor ſich hinſehend).

Ich: Gnaͤdiger Herr, wie bin ich zu dem Un - gluͤck gekommen, daß Sie mich nicht einmal anzu - ſehen wuͤrdigen?

B ... (wie oben mit vielen hem hems).

Ich: Sollt 'ich ſo ungluͤcklich geweſen ſeyn, Ihre Ungnade auf mich zu laden!

B ... (aufſtehend und ſehr prozzig.) Herr, Sie haben mir meinen Hofhund an der Kette todt - geſchoſſen!

Ich: Gnaͤdiger Herr! wer Ihnen das geſagt hat, iſt ein Schurke! Ich Ihren Hund in Ihrem Hochadelichen Hofe todtſchießen? Wie ſollte ich mich ſo ſehr vergehen koͤnnen!

B ... Sie haͤtten meinen Hund nicht todtge - ſchoſſen?

Ich: Haben Sie die Gnade, mich anzuhoͤren. Ich habe neulich einen Hund in der Gemarkung todtgeſchoſſen: allein da hat mein Herr die Jagd,11 und ich hatte folglich das Recht, es zu thun, und wuͤrde jeden Hund todtſchießen, ſollte er auch dem Fuͤrſten gehoͤren!

B ... (viel gelaſſener) Alſo, Herr, meinen Hund haben Sie in meinem Hof nicht todtge - ſchoſſen?

Ich: (kann vor Lachen beinahe nicht antwor - ten.) Nein Gnaͤdiger Herr!

B ... (prozzig) Nun, ſo ſoll das heilige Kreuz-Donnerwetter dem verfluchten Kerl in den Wamſt fahren, dem Hofmann! Der Kerl hat mirs ſo referirt; aber warte, noch heute ſoll er zum Teu - fel! (Ich wußte recht wohl, daß Hr. v. B ... dem Hofmann, oder Pachter nichts zu befehlen hatte: das Gut ſtand unter fuͤrſtlicher Adminiſtration).

So war Herr v. B ... wieder beſaͤnftigt! Er ging ſogar, um alles wieder gut zu machen, noch den naͤmlichen Tag nach Gundersblum zum Hrn. v. Goldberg, und bat um Verzeihung, daß er aus Irrthum habe wollen ſeinen Jaͤger kalt machen. Er blieb drei Tage da, und borgte noch einige Thaler beim Abſchied, welche der Major gern hergab, um ſich nur den zudringlichen Großſprecher vom Halſe zu ſchaffen.

Der Wirth Schmid mag es indeſſen〈…〉〈…〉 ch nicht ſo gut mit mir gemeynt haben, als er ſich an - ſtellte. Denn ich war kaum vierzehn Tage in Gun -12 dersblum, als er mir einem Schurkenſtreich zumu - thete, den ich beinahe haͤtte ausfuͤhren helfen, wenn der Major, der davon erfuhr, mir ihn nicht ſehr ernſtlich abgerathen haͤtte. Ich ſollte naͤmlich den Kaiſerlichen Notarius ſpielen, und in Geſellſchaft einiger Hallunken einen guten ehrlichen Mann um zehn Faß Rheinwein betruͤgen helfen. Fuͤr meine Dienſte ſollte ich funfzig Gulden erhalten; haͤtte aber vielleicht auch, wenns herausgekommen waͤre, aufs Schloß marſchiren muͤſſen. Der Bubenſtreich iſt hernach ohne mich doch ausgefuͤhrt worden.

Unter dieſen Hallunken befand ſich ein gewiſ - ſer Belgrad von Frankfurt am Main. Er iſt ein getaufter Jude, und fuͤr Frankfurt das, was Bran - denburger fuͤr Mainz iſt ein Hurenſpediteur, Maͤkler, Spion und noch einiges mehr. Er ver - ſchrieb auch Recepte pro abortu, und iſt wegen ſeiner Schelmereien ſchon mehrmals in Verhaft ge - zogen, aber immer wieder entlaſſen worden: wahr - ſcheinlich, weil mehrere Herren ſeiner Dienſte be - durften. Herr Krug, Gaſtwirth im Roͤmiſchen Kaiſer zu Frankfurt, ein vortreflicher Mann, kann von Belgraden mehr erzaͤhlen.

13

Zweites Kapitel.

Alte Liebe roſtet nicht.

Wenn meine lieben Leſer ſich fuͤr Thereschen, das gutherzige Maͤdchen, intereſſirt haben, ſo wird es Ihnen nicht unangenehm ſeyn, wenn ich ſie wie - der auffuͤhre.

Seit meiner theologiſchen Donquiſchotterei in der Pfalz, hatte ich Thereschen wenig geſehen, und aller vertraulicher Umgang, aller Briefwechſel hat - te ſchon laͤngſt aufgehoͤrt. Meine Zerſtreuungen wa - ren zu groß, und meine Bekanntſchaften zu ausge - gebreitet, als daß ein ſo ſanfter Affekt, wie die Lie - be iſt, haͤtte in meiner Seele noch haften koͤnnen. Freilich dacht ich dann und wann ans gute Kind; allein beim Andenken blieb's. Zudem ſcheute ich mich auch, das laͤngſt verlaſſene Maͤdchen wieder zu be - gruͤßen: alſo bliebs beim Alten.

Sonſt hatte ich waͤhrend meines Aufenthalts in der Pfalz eine Menge Bekanntſchaften mit Maͤd - chen errichtet, wovon einige ſehr traulich geworden waren. Es iſt das in jenem Lande gar keine Kunſt: die Maͤdchen ſind ſammt und ſonders ſehr aufge - raͤumt, und laſſen ihre Suſpiranten nicht lange ſchmachten: oft kommen ſie einem ſchon auf der14 Haͤlfte des Weges entgegen: oft tragen ſie ſich gar ſelbſt an. Ich will von dieſer Behauptung keine Belege anbringen: meine ſchoͤnen Landsmaͤnninnen moͤchten mir ſonſt, wenn ich einige von ihnen na - mentlich nennte und ihren Kommerſch beſchriebe, ei - nen Injurienprozeß an den Hals werfen, oder mir, wenn mich ja das Schickſal, wie ich doch weder glau - be noch wuͤnſche, wieder nach der Pfalz bringen ſoll - te, die Augen auskrazzen: denn Pfaͤlzer Maͤdchen haben Muth wie die Baͤren: das macht der Wein.

Doch wieder ins Geleis! Ich hatte eine Men - ge Frauenzimmer-Bekanntſchaften gemacht, und wo ich hin kam, fand ich ſo was zum Zeitvertreib. Das waren nun freilich Liebſchaften nach der Pfaͤlzer Mo - de, wobei bloße Sinnlichkeit, oft bloße Langeweile ins Spiel kamen; woran aber das Herz wenig An - theil hatte. Bei dergleichen Affaͤren bleibt man ſo kalt wie Eis: man luͤgt da was her von Liebe, von Treue, und ſchwoͤrt unveraͤnderliche Anhaͤnglichkeit; aber in einer Stunde kommt man wo ſonſt hin, und alles wird vergeſſen! Ich wenigſtens kann mich nicht erinnern, daß meine Lorchen, Malchen, Ca - rolinchen, Luischen und andre mich auch nur um eine Viertelſtunde Schlaf gebracht haͤtten. Es galt mir wirklich ſehr gleich, ob das Maͤdchen, mit dem ich umging, konvenabel war, oder nicht. Ein - mal beſchaͤftigte ich gar eine Apothekers Tochter von15 Kreuznach, welche um ein halb Jahrhundert aͤlter war als ich.

Es muͤſſen noch eine Menge Liebesbriefe und Billets doux von mir in der Pfalz ſich vorfinden: denn daß ſie ſollten vernichtet ſeyn, kann ich deswe - gen nicht glauben, weil das Pfaͤlzer Frauenzimmer dergleichen Saͤchelchen gern aufhebt, um bei Gele - genheit mit Eroberungen Parade zu machen. Ich habe eine große Menge aͤhnliches Zeugs gehabt, wo - von ich leicht eine Sammlung, ſo groß wie die des Cicero, haͤtte in ſechszehn Buͤchern machen koͤnnen.

Daß Thereschen von meiner Flatterhaftigkeit Nachricht eingezogen, und ſich daruͤber nicht wenig gekraͤnkt habe, hab 'ich hernach von ihr ſelbſt erfah - ren. Thereſe war kein Maͤdchen vom gewoͤhnlichen Schlage: ſie dachte geſezt, und hatte natuͤrliche wahre Empfindung. Schade fuͤr das herrliche Ge - ſchoͤpf, daß ihre Neigung gerade auf mich gefallen war! Wie gluͤcklich haͤtte ſie einen Wuͤrdigern ma - chen koͤnnen! Oft nahm ich mir zwar vor, an ſie zu ſchreiben, und um Vergebung zu bitten: aber allemal ſcheuchte mich der Gedanke: Das Maͤd - chen kann dich nicht mehr lieben von meinem Vorhaben zuruͤck. Ich ſah ſie alſo ſelten und ſchrieb ihr noch weniger, oder vielmehr gar nicht mehr.

16

Ohngefaͤhr im November ja, es war gera - de der 1ſte November 1781, denn da iſt der Jahr - markt in Flonheim wollte ich dem Pfarrer Stu - ber von Flonheim meine Aufwartung machen. Ich ging dahin, und hoͤrte, daß des katholiſchen Pfar - rers Hochgeſand Vetter, Herr Advokat Schott, der von Jugend auf mein Freund und Duzbruder geweſen war, auch da ſey. Ich lief alſo hin, um ihn zu beſuchen: aber wie erſchrack ich, als ich mei - ne Thereſe erblickte! Kaum konnte ich ſprechen: doch endlich ward mirs wieder etwas leichter. The - reſens Vater, ein vertrauter Freund des Paſtors, verwieß mir ganz hoͤflich meine wenige Aufmerkſam - keit, und wunderte ſich, daß ich in ſo langer Zeit ihn nicht beſucht haͤtte. Ich entſchuldigte mich, ſo gut ich konnte, verſprach auf der Ruͤckreiſe zu ihm zu kommen, und machte, daß ich zu meinem Stu - ber zuruͤckkam: hier konnte ich es nicht mehr ausdauern! Ein boͤſes Gewiſſen iſt wahrlich die heißeſte Hoͤlle!

Drei Tage brachte ich in Flonheim zu, und dann nahm ich meinen Wanderſtab wieder zur Hand. Ich ging durch Thereschens Dorf; aber erſt ins Wirthshaus, wo ich mir in einigen Schoppen Wein Muth eintrank: und ſo ſchlich ich, unter großem Herzpochen, nach Thereſens Wohnung. Der Alte empfing mich freundlich, und gleichſam17 abſichtlich ließ er mich bald darauf mit ſeiner Tochter allein.

Einige Minuten war unſer Geſpraͤch allgemein: dann fing das gute Maͤdchen bittere Klagen uͤber mich an, und ruͤckte mir meine Vergehungen und Verſuͤndigungen recht eindringlich vor. Ich raͤumte alles ein, klagte mich ſelbſt an, und ſchilderte ihr meine Lage, die ich freilich ſelbſt verſchuldet, ja ſchon um ſie allein verdient hatte, mit recht grellen Farben. Maͤdchen von Thereſens Art ſind gute Kin - der! Sie ward jezt weich und fing an zu weinen: ich weinte bald mit, erhielt Vergebung und hieß wieder lieber Junge, lieber Friz, ward geduzt und gekuͤßt, und ſchwam von neuem in lau - ter unverdienter Seligkeit. Daß ich verſpre - chen muſte, Mittel und Wege aufzufinden, um unſe - re Verbindung bald moͤglich zu machen, verſteht ſich von ſelbſt. Ich muſte auch ſchwoͤren, wenn man mir ein Mittel von der Art anzeigen wuͤrde, ohne Bedenken einzuwilligen. Ich that alles herzlich gern, und war froh, daß ich fuͤr ſo viele Suͤnden ſo wenig beſtraft wurde!

Der Kapuziner Hermenegildus, mein Pa - tron, war aus dem Alzeyer Kloſter nach Noth-Got - tes im Rheingau auf dem Provinzialkapitel verſezt worden; alſo konnte mir dieſer mit ſeinem Mentors -Zweiter Theil. B18rath nicht weiter beiſtehen. Aber der Paſtor Neu - ner war noch uͤbrig. An dieſen ſchrieb ich einen Ellen langen lateiniſchen Brief, und bat um Aus - kunft. Seine Antwort war nicht ſehr erfreulich: es hieß: daß ich in der Pfalz zu viel Feinde haͤtte, um auf eine Verſorgung rechnen zu koͤnnen. Jedoch wuͤrde mein Uebertritt zur katholiſchen Kirche viele meiner Feinde mit mir wieder ausſoͤhnen. Ich be - ſuchte alſo gleich den Herrn Neuner ſelbſt, muſte aber da eine ſcharfe Strafpredigt wegen meiner Atheiſterei ſo nennen dieſe Leute gemeiniglich alle freiere Urtheile uͤber Religionsſachen anhoͤren. Ich erwiederte: daß ein Proteſtant, als ſolcher, nichts anders ſeyn koͤnnte, als entweder ein Freigeiſt, oder ein Dumkopf. Dieſen Satz hatte ich aus Pater Neumeyers Buch aufgefangen. Ein Proteſtant, ſagte ich, iſt ein Chriſt; aber ohne Fundament. Er nimmt die Bibel als goͤttlich an, welche doch ohne das Zeugniß der Kirche kein Anſehen haben kann. Der heil. Auguſtin ſage ja ſelbſt: er wuͤrde dem Evangelium nicht glauben, wenn ihn nicht das An - ſehen der Kirche dazu beſtimmtec)Auch Hieronymus ſagte: Soviel Abſchriften ſoviel Originale! Es muß alſo mit den Kri - terien fuͤr die Aechtheit der Evangelien im vierten Jahrhunderte ſehr mißlich ausgeſehen haben. Und nun im Achtzehnten? . Hierzu kom -19 men noch die großen Uneinigkeiten und Zaͤnkereien unter den Proteſtanten ſelbſt: wer ſolle da Recht ha - ben? Luther oder Kalvin? Bahrdt oder Goͤtz? Semler oder Reus? Bei ſogeſtal - teten Sachen muͤſſe ein geſcheuter Proteſtant allemal ein Freigeiſt werdend)Auch der geſcheute Katholik: denn Damaſus, Six - tus der Fuͤnfte, Leo der Zehnte, Paulus der Dritte, und alle uͤbrigen dictatoriſchen Beſtand - theile der kathol. Kirche waren auch Menſchen, die auch nur nach Sachkriterien entſcheiden koͤnnten auſſer wenn ſie fuͤr gut fanden, auf den aͤchten heiligen Geiſt, d. i. die Eingebungen einer gelaͤuterten, geſunden Vernunft Verzicht zu thun, und durch den Glauben Weiß ſchwarz, und Schwarz weiß zu brennen.. Sehn Sie, Herr Pfar - rer, fuhr ich fort, den Urſprung meiner Freigeiſte - rei? Aber im Syſtem der katholiſchen Kirche finde ich alle Zweifel gehoben, und eben ſo viel Gewiß - heit als in Kaͤſtners Geometrie. Herr Neuner ſchien mit dieſem Galimathias zufrieden zu ſeyn, und verſprach, ſich beſtens zu meinem Vortheil zu verwenden.

Allein, obgleich die katholiſchen Pfaffen gern ihre Kirche zu mehren ſuchen, ſeys auch mit unwuͤr - digen Mitgliedern; ſo muß doch dieſe Mehrung ei - nem groͤßern eignen Intereſſe nicht zuwider ſeyn: ſonſt ſetzen ſie das Intereſſe der heiligen Kirche hin - tan. Und das war der Fall bei Hrn. Neuner.

20

Hr. Neuner hatte naͤmlich einen gewiſſen Herrn im Sinne, der ihm ſo eine Parthie fuͤr Thereschen zu ſeyn ſchien. Dieſen Menſchen, den ſtupideſten Dummkopf und groͤbſten Bengel auf Gotees Erdbo - den, hatte er ſchon von weitem vorgeſchlagen, war aber abgewieſen worden. Alles das hab ich nachher erfahren. Da ich ihm indeß in dieſer Ruͤckſicht im Wege ſtand; ſo ſuchte er mich zu untergraben: was er dazu fuͤr Mittel gebraucht habe, will ich bald melden.

In dieſer Lage ging ich meinen Baron an. Hier iſt unſer Geſpraͤch, woraus man die philoſo - phiſche Denkungsart dieſes rechtſchaffenen Ritters erkennen kann.

Baron: Ja, Bruder, das Unterbringen, ſo auf der Stelle, iſt nun ſo eine Sache: ich weis dir, mein Seel '! nicht zu rathen!

Ich: Nicht? Und haſt Freunde von Einfluß? Deinen Oheim, den Domherrn deinen Va - ter

Baron: Ja freilich: aber im Erzſtift! du weiſt ja, Bruder Herz, kein Proteſtant kann da ankommen!

Ich: Wohl! Wie aber, wenn ich katholiſch wuͤrde?

Baron (erſtaunt): Du katholiſch?

Ich: Warum nicht!

21

Baron: Weil du 'n geſcheuter Kerl biſt: weil du' n Freigeiſt biſt: weil du ſcheinſt Ehre im Bauch zu haben.

Ich: Iſt's denn ſo unehrlich, wenn man die Religion aͤndert?

Baron: Allerdings, wenns geſchieht, um Geld, Amt, oder 'n Menſch zu bekommen. Pfui! (ſpuckte aus).

Ich: Aber, Bruder, wenn man gluͤcklich wer - den kann!

Baron: Ei was! Gluͤcklich kannſt du doch werden: brauchſt nicht gerade erſt einen Lumpen - ſtreich vorzunehmen. Ja wenn du bei'n Lutheranern verfolgt wuͤrdeſt, oder ſie dir deine natuͤrliche oder buͤrgerliche Freiheit widerrechtlich beſchraͤnkten, dich druͤckten, oder dir dein ruhiges Fortkommen unter ſich erſchwerten: da ließ ichs noch gelten; aber ſo kann ichs unmoͤglich billigen. Ich bitte dich daher, ſchweig mir von den Poſſen ſtill! Und fuͤhrſt du ja ſo etwas aus, ſo ſag ich dir gerade ins Geſicht: wir ſind geſchiedne Leute!

Alſo wars mit Fr ... nichts. Ich ſuchte ihn zwar noch auf andre Gedanken zu bringen; aber er blieb unbeweglich. Mit ſchwerem Herzen ging ich alſo wieder nach meiner Station.

Der Paſtor Neuner, ſtatt fuͤr mich zu agi - ren, fing nun an, gerade entgegengeſezte Maaß -22 regeln zu ergreifen. Er bemuͤhte ſich, meine Lebens - art und meinen Karakter bei meinem Maͤdchen an - zuſchwaͤrzen, und mich als einen ſchuftigen Kerl dar - zuſtellen. Aber da kam er ſchoͤn an! Thereschens Neigung nahm dadurch nur zu. Das ſchlaue Maͤd - chen merkte ſeine Abſicht, und ſchlug ſie mit der Er - klaͤrung nieder: daß, wenn ich ihr nicht zu Theil werden koͤnnte, es auch kein Anderer je werden ſoll - te, am wenigſten der von ihm vorgeſchlagene Menſch. Bei Thereſens Vater fanden ſeine Beſchreibungen ſchon mehr Eingang; aber doch ließ ſich der Alte nicht bewegen, ſeine Tochter zu etwas zu zwingen: zum guten Gluͤck war der angetragene Herr auch ihm unausſtehlich.

Meiſter Neuner verzweifelte ſchon an dem Fortgang ſeines Geſchaͤfts, beſonders da er erfuhr, daß ich den Herrn Amtmann oͤfters beſuchte, und er mich jedesmal freundlich aufnaͤhme. Lange verbarg man mir Neuners Tuͤcke, bis endlich Thereschen mir rieth: mich vor dem Pfaffen in Acht zu nehmen: ſo und ſo ſpraͤche er von mir, und das und das waͤ - re ſeine Abſicht. Ich ward grimmig boͤſe uͤber den Grobian, und ſchrieb ihm gleich einen Brief voll Gift und Galle, worin ich ihm die derbſten Ti - tel beilegte. Dies wuͤrkte beim Pfaffen: er begab ſich ſogleich zu meinem Vater, und verrieth den gan - zen Handel. Dieſer wurde nur noch mehr gegen23 mich aufgebracht, und ſchickte mir ein lateiniſches Billet, worin er mir befahl, ſogleich zu ihm zu kommen, um ihm Rechenſchaft uͤber eine Sache ab - zulegen, welche er wegen der Groͤße der Bosheit nicht glauben koͤnnte.

Ich erſchrack freilich ſehr uͤber dies Zettelchen, und konnte mich durchaus nicht entſchließen, der Einladung meines Vaters, den ich ſchon ſeit einigen Monaten nicht geſehen hatte, Gehoͤr zu geben. Ich antwortete alſo kurz: mir waͤre nicht recht wohl; ſobald mir aber beſſer ſeyn wuͤrde, kaͤme ich gewiß.

In der Beklemniß meiner Seele lief ich zu Thereschen: aber auch da war ein großer Brief von meinem Vater. Ich konnte das Ding nicht aus - halten. Der alte Amtmann gab mir harte, ſehr harte Reden: Thereschen ſchwam in Thraͤnen, und ich ſtand da, wie vom Bliz gelaͤhmt und ſprachlos.

Endlich lief ich fort, und ging zum Schulzen, wo ich meine Grillen im Wein zu toͤdten ſuchte. Ge - gen Abend fuhr ich ab, und traf mein Maͤdchen noch einmal auf meinem Wege, eine halbe Stunde von ihrem Dorfe. Wir ſprachen wenig, und wein - ten deſto mehr. Thereſe verſprach mir, auf keinen Fall in Paſtor Neuners Vorſchlag einzuwilligen, und mir treu zu bleiben. Das edle Maͤdchen hat auch Wort gehalten: Mosjeh Firlefanz bekam den Ab - ſchied; und vor fuͤnf Jahren, als ich in der Pfalz24 war, war Thereschen noch ledig. Ich weis, daß mehrere um ſie geworben haben, weis aber auch, daß ſie jeden Antrag dieſer Art verbethen hat. Ich bin nicht ſtolz genug, dies ihr ſtandhaftes Betragen ihrer Liebe gegen mich zuzuſchreiben: aber etwas muß doch mein Andenken dabei bewirkt haben. Und ſo bedaure ich dieſe Edle, Verlaßne jezt um ſo mehr, je abſcheulicher ich mir bei dieſer ganzen Geſchichte ſelbſt erſcheine. Doch genug von einer Materie, an welche ich ohne den innigſten Schmerz nie denken kann. Die Reue geht wahrlich Schritt fuͤr Schritt hinten drein, wenn wir im vollen Galop dumme Streiche gemacht haben; nur Schade, daß es meiſt zu ſpaͤt iſt, ſie zu verbeſſern, wenn wir ſie recht erkennen!

Drittes Kapitel.

Eine Reiſe à la Don Quixote.

Der Baron F .... ward noch endlich mein Troſt in dieſer meiner Verlegenheit, welche mir Zentner ſchwer auf dem Herzen lag. Gedraͤngt von in - nen und außen beſuchte ich ihn neuerdings, und er - zaͤhlte ihm alles, was mir begegnet war, und was25 ich noch weiter befuͤrchtete. Der Baron ſchien an - faͤnglich geruͤhrt, legte aber die ganze Sache bald auf die leichte Achſel, nahm mich mit in Dillmanns Garten, und wuſte da ſo viel Schnurren und Schna - ken anzugeben, daß ich beim Wein Vater und Thereschen und Verlegenheit und alle Welt vergaß, und ſo ſelig ward, als irgend ein Rathsherr in Ab - dera je ſeyn konnte. So ging das Leben einige Ta - ge fort. Darauf gab mir Herr von F .... zu verſte - hen, daß ich ihn bald nach Strasburg begleiten ſoll - te, und daß wir da hoch leben wuͤrden. Das Ding gefiel mir: ich ſagte ſogleich ja, und nahm meinen Ruͤckweg nach Gundersblum.

Einige Tage hernach erſchien mein Herr von F ... und forderte, daß ich ſogleich aufpacken ſollte: es ginge vorwaͤrts. Herr von Goldenberg ſah es freilich nicht gern, daß ich ihn, ſeine Jagden und und ſeinen Keller verlaſſen wollte; aber er muſte es ſchon geſchehen laſſen, und ſich damit troͤſten, daß ich bald wuͤrde zuruͤck kommen. Ich hatte dies auch ernſtlich im Sinne: denn damals ging eben der Pro - zeß der Grafen von Leiningen mit dem Fuͤrſten die - ſes Namens zu Ende: die Linanges d'Italie, wie man ſie ſpottweiſe nannte, hatten endlich nach vieler Noth und Muͤhe ihre Anſpruͤche auf die Grafſchaf - ten Gundersblum und Heidesheim geltend gemacht. Auch hatte ſchon zu meiner Zeit Joſeph II. in der26 Sache geſprochen, und die Herren Grafen in den Beſitz ihrer Laͤnder ſetzen wollen: allein Se. Durch - laucht, der Fuͤrſt von Leiningen, Dachs - burg, waren ein intimer Freund von Sr. Durch - laucht, dem Herrn Kurfuͤrſten von der Pfalz, und wegen dieſer Freundſchaft wurde die Uebergabe der Grafſchaften lange verſchoben. Sie ging erſt nach meinem Abzug aus jenen Gegenden vor ſich.

Nun war mein Vetter Laukhard, bisheri - riger Sekretaͤr der Frau Graͤfin von Wartensleben in Mainz, mir den praͤtendirenden Grafen bekannt geworden, und dieſe hatten ihm die erſte beſte Stelle zugeſagt, wenn ſie erſt wuͤrden in den Beſitz ihrer Grafſchaften gekommen ſeyn. Die Herren haben auch Wort gehalten, und mein Vetter iſt jezt ihr Hofrath, hat auch durch ihre Vermittelung ein Maͤdchen weggekapert mit 24000 Gulden Rhei - niſch. Ich goͤnne es ihme)Es iſt freilich keine Ehre, nach Geld zu freien. Dies geſchieht aber nirgend ſo ſtark, als in der Pfalz. Geld macht da des Maͤdchens Hauptverdienſt aus; und kein Geld haben, und eine alte Jungfer werden muͤſſen, iſt beinahe einerlei. Schoͤnheit, Sitten, Geſchicklich - keit kommen da wenig in Anſchlag. Und daraus er - wachſen denn mit der Zeit Hoͤrner.! Da war es denn eben ſo dumm nicht, darauf zu rechnen, daß ich durch ſeine Huͤlfe einmal im Leiningiſchen mein27 Gluͤck machen wuͤrde. Freilich, ſo lange die Laͤnd - chen unter dem Herrn Fuͤrſten von Leiningen blieben, war daran nicht zu denken. Der Superintendent zu Duͤrkheim an der Hard, Herr Kleveſahl, ein armer Suͤnder in allem, was Wiſſenſchaft heißt, welcher auf den Herrn D. Bahrdt gefolget war, und gegen dieſen in mancher Ruͤckſicht abſcheulich abſtach, war ein Patron des im erſten Bande dieſer Biogra - phie beſchriebenen Magiſters Weitmaul, und folglich mein abgeſagter Feind. Herr Hofrath Ruͤhl hatte zwar, nach der Bahrdtiſchen Kataſtrophe, auch an mich geſchrieben, und mich erſucht, in Heidesheim eine Lehrſtelle anzunehmen. Allein das ganze Luft - ſchloß ſtuͤrzte bald vollends ein, und aus mei - ner Lehrſtelle wurde nichts. Meine Hoffnung war alſo nur noch auf die Grafen von Leiningen gerichtet.

Ich reiſete indeß mit F ... uͤber Neuſtadt, Lan - dau und Hagenau nach Strasburg. Gleich uͤber Neuſtadt geht das franzoͤſiſche Gebiet an. Ich halte mich mit Reiſebeſchreibungen nicht gern auf, und will alſo auch die treflichſte aller ſchoͤnen Gegenden, welche man dort Landes antrift, nicht beſchreiben. Ludwig XIV. war kein Narr, daß er den El - ſaß wegnahm! Ich war ſchon mehrmals in dieſen Gegenden geweſen, hatte die Stadt Stras - burg mehrmals geſehen; aber ſo innig vergnuͤgt28 hatt 'ich dort noch nie gelebt, als damals in der Ge - ſellſchaft des Barons von F ....

In Landau verließ mich eines Abends beim Schlafengehen der Baron, und geſtand mir den fol - genden Morgen, er habe in der Beſchließerin Kam - mer die Nacht zugebracht. Auf der Ruͤckreiſe kampirte gar die Beſchließerin im Bette des Barons in demſelben Zimmer, worin auch ich, obſchon in einem andern Bette, lag. Das nimmt man bei den Franzoſen und die Landauer fangen ſchon an, nach Franzoſen Art zu thun nicht uͤbel.

In Strasburg nahmen wir unſer Quartier im Gaſthofe, dem Tiefen Keller. Ich habe ſchon geſagtf)Theil 1. S. 7., daß meine Mutter eine Enkelin des ehe - maligen beruͤhmten Strasburgiſchen Juriſten, Jo - hann Schilters, geweſen ſey. Dieſer Mann hatte ſich nicht nur um die Wiſſenſchaften uͤberhaupt, ſondern auch ins beſondere um die Stadt Stras - burg ſo verdient gemacht, daß ſein Andenken daſelbſt hochgehalten wird. Eben dieſe Renommee meines Urgroßvaters hat mir in mehrere vornehme Geſell - ſchaften den Weg gebahnt. Meiner Mutter Vater, d'Autel, hatte noch Bruͤder in Strasburg gehabt, deren Kinder und Verwandte recht vetterlich mit mir29 umgingen; aber dem Baron F .... gefiel dieſe Wirthſchaft nicht. Die Philiſterei, ſagte er, iſt mein Tod: laß das verdammte Philiſterzeug gehen; haſt ja ſonſt Bekanntſchaft! Ich muſte ihm nachge - ben und durfte nur hoͤchſt ſelten meine Verwandte beſuchen.

Der im erſten Bande genannte Hofprediger, Herrenſchneider, der jezt in Strasburg an der Jakobskirche beſtellet war, begegnete mir einmal auf der Straße, als ich in Begleitung des Barons und eines Herrn von Gymnich herum ging. Er ſchau - te mir derb ins Geſicht, und als ich einige Schritte fort war, ſtand er ſtill und ſah ſich um. Gym - nich, dem dies auffiel, ging trotzig auf ihn zu und fragte: was er wolle? Ich meyne da einen Herrn zu kennen, der bei Ihnen iſt. So? welchen denn? da den im braunen Rock! Ich ging nun auch hinzu, und ſiehe da, es war der Herr Herrenſchneider, der mich hoͤflich bat, ihn in ſeiner Behauſung zu beſuchen, und hinzufuͤgte: daß er an der Uneinigkeit, worin er mit meinem Vater gelebt haͤtte, aus chriſtlicher Liebe nicht mehr daͤchte. Ich wollte etwas erwidern; aber Baron F ... kam mir zuvor. Herr Paſtor, ſagte er, Laukhard ſoll Sie nicht beſuchen: wir ſind nicht gekommen, unſre Suͤnden in Strasburg zu beichten. Adieu, Herr Paſtor! Mit dieſen Worten ließen wir den Pfaffen30 ſtehen, der gewiß das ſtrasburgiſche Anathema uͤber uns wird geſprochen haben.

Unſre Geſellſchaften waren meiſtens franzoͤſiſche Officire, womit uns Herr von Gymnich bekannt machte. Dieſer Herr von Gymnich iſt ein gebohr - ner Mainzer, ein Anverwandter des jetzigen Main - ziſchen Kommendanten gleiches Namens, ein biede - rer rechtſchaffener junger Mann; aber voll Leicht - ſinn, und franzoͤſiſcher Flatterhaftigkeit. Er ſtand damals als Lieutenant bei einem Infanterieregimente in Strasburg, Royal Conflant. Die franzoͤſiſchen Officire zeichnen ſich in allen Stuͤcken ſehr vortheil - haft aus. Ich habe einige kennen gelernt, welche es in den Wiſſenſchaften weit gebracht hatten: Ma - thematik, Geſchichte, Erdbeſchreibung, und Zeichen - kunſt ſind die gewoͤhnlichen Kentniſſe eines jeden franzoͤſiſchen Officiers, ja viele ſind gar Meiſter in einigen dieſer Kenntniſſe. Der Graf Maſſineau in Strasburg iſt Verfaſſer einer Schrift uͤber die Mi - nirkunſt, welche ihres gleichen ſucht: die groͤßten Kenner der Kriegswiſſenſchaften geben ihm dieſes Zeugniß. Jeder Officier hat ſeine Bibliothek, wo - rin man freilich viel leichte Waare, aber doch auch die Werke eines Moliere, Racine, Montesquieu, Voltaire, Rouſſeau, Boileau, la Fontaine, Helve - tius und andrer großer Maͤnner antrift: und dieſe Buͤcher ſtehen nicht blos auf dem Pulte: ſie werden31 auch geleſen: die ſchoͤnſten Stellen wiſſen die Herren auswendig, und wiſſen ſie recht geſchickt anzubrin - gen. Ich habe mich oft gefreut, wie ganz junge Officire von 15 bis 16 Jahren die herrlichſten Stel - len aus Voltaͤrs, Ruſſos, oder andrer Autoren Schriften, ohne alle Pedanterie, in ihren Unterre - dungen einzuſchalten wuſten. Daran aber iſt die ede - le Erziehung Schuld, welche man in Frankreich dem jungen, zum Militaͤrſtande beſtimmten Adel zu ge - ben ſucht.

Die Lebensart dieſer Herren iſt aͤußerſt fein, und ihre Sitten ſo einnehmend, ſo gefaͤllig, daß ich mich gar nicht wundre, daß ein franzoͤſiſcher Faͤhn - drich einen deutſchen Grafen beim Frauenzimmer ausſticht, wie ſichs oft zugetragen hat. Dieſe Leute haben keinen Ahnenſtolz, und bilden ſich auf ihren Adel ganz und gar nichts ein. Ich bin von vie - len, die ich gekannt habe, recht freundſchaftlich be - handelt worden. Grobheit und Unhoͤflichkeit iſt da weit weg.

Die Ehre eines franzoͤſiſchen Officiers beſteht einzig und allein in der genauen Erfuͤllung ſeiner Pflichten, gerade wie ehemals in Athen und in Rom, wo nur der Ehre genoß, der ſeiner Pflicht aufs ge - nauſte entſprach. Den Dienſt verſaͤumen, wider ſeine Schuldigkeit fehlen, heißt in Frankreich ſich proſtituiren. Man ſprach damals von einem32 Kapitaͤn, welcher ſeinem Oberſten widerſprochen hatte, und deswegen auf vier Monate auf die Cita - delle gekommen war. Niemand entſchuldigte den Kapitain; und als ich einige Anmerkungen zu ſeiner Vertheidigung vorbrachte, antwortete mir ein funf - zehnjaͤhriger Officier: ich verſtaͤnde die Sache nicht: was wider die Subordination waͤre, waͤre eben da - durch malhonnete. Ein Officier, welcher ſich den ge - ringſten unredlichen Streich zu Schulden kommen laͤſt, wird kaſſirt: man kann ihn auch nicht in Dien - ſten laſſen: denn alle andre Officire wuͤrden ſich ge - gen ihn verſchwoͤren, und er wuͤrde genoͤthigt wer - den, bei Nacht und Nebel abzufahren. Zu derglei - chen unredlichen Streichen gehoͤrt das manquer de parole: daher gilt auch das Wort eines franzoͤſi - ſchen Officiers mehr als Prieſterwort und deutſche Cavaliersparole. Niemals hat ein Officier einem Soldaten, oder Rekruten etwas verſprochen, das er hernach nicht gehalten haͤtte.

Das iſt wahres ruͤhmliches point d'honneur, womit ſich aber auch viel falſches point d'honneur vereinigt. Dahin gehoͤren die haͤufigen Balgereien, die ſich ſehr oft mit einem gewaltſamen Tode endig - ten. Ein hiziges beleidigendes Wort, ein Vous avez menti (Sie haben gelogen) iſt hinlaͤnglich, einen Duel anzuzetteln. Daher gehen dieſe Herren auch auf die hoͤflichſte Art mit einander um, und be -33 handeln ſich, als haͤtten ſie alle die hoͤchſte Achtung gegen alle. Das Dutzen iſt unter ihnen nicht ge - braͤuchlich: es ſcheint auch gegen das Genie der fran - zoͤſiſchen Sprache zu ſeyn: und Raillerie muß ſehr fein getrieben werden, wenn ſie Statt haben ſoll. Neckereien und Aufziehereien, oder gar grobe Wor - te, wuͤrden augenblicklich Haͤndel erregen; deswegen werden ſie gar nicht gehoͤrt.

Von Statur ſind dieſe Herren alle gut gebil - det: kleine unanſehnliche Leute findet man unter ihnen nicht.

Die Religion der franzoͤſiſchen Officire iſt Freigeiſterei und zwar voltaͤriſche. In ihren Zir - keln wird derb uͤber alles geſpoͤttelt, was beim Poͤ - bel und bei Pfaffenfreunden fuͤr heilig gilt. Sie hoͤ - ren indeß doch Meſſe, wenn ſie katholiſch ſindg)Die jeſuitiſche Intoleranz, welche in den lezten Jah - ren Ludwigs XIII. und XIV. und unter der ganzen ſchwachkoͤpfigen Regierung Ludwigs XV. Frankreich ge - plagt hat, konnte ſich niemals uͤber die Armee erſtre - cken. Da hat zu allenzeiten Religionsfreiheit ſtatt ge - habt; und viele Proteſtanten haben da anſehnliche Po - ſten bekleidet. Ganz anders wars in Spanien, Por - tugal und Sardinien, wie auch auch ſonſt in Oeſter - reich und noch jezt in Baiern.. Die Proteſtanten beſuchen gar keine Kirche. Ich fragte einmal einen katholiſchen Officier: warum erZweiter Theil. C34in die Meſſe ginge, da er doch den Stifter der chriſt - lichen Religion fuͤr einen Baſtart hielte? Das iſt ſo Mode, erwiederte er, und die Mode muß man mit machen!

Meine Leſer moͤgen mir dieſe Digreſſion nicht uͤbel nehmen: ich war ſie den Herren ſchuldig, wel - che mich damals in Strasburg ſo herrlich behandelt haben. Daß heut zu Tage einiges anders iſt, weiß ich: aber an wem liegt die Schuld?

Quidquid delirant Reges, plectuntur Achivi!

Die Koffehaͤuſer waren die Oerter, wo wir ge - woͤhnlich hingingen, uns zu zerſtreuen. Wir ſpielten Billard, tranken fruͤh Ratafia und Nachmittags Wein und Koffe. Das Tabackrauchen iſt dort nicht ſehr gewoͤhnlich; und wenn ich laͤnger in Strasburg geblieben waͤre, meine Pfeiffe haͤtte den Abſchied bekommen. Abends ſezten wir uns in irgend eine Kneipe, wo es luſtig herging: da wurde geſoffen, getanzt und um zwoͤlf oder ein Uhr nach Hauſe ge - gangen. Aus dieſem Geſtaͤndniß ſehen meine Le - ſer, daß ich mich damals um kein Haar gebeſſert hatte, und auch noch nicht auf dem Wege war, es zu thun.

35

Viertes Kapitel.

Strasburger Univerſitaͤt, Pfafferei, Kontroverspredigten und andere Raritaͤten.

Strasburg hat vor Zeiten in allen Faͤchern große Maͤnner gehabt. Die Litteraturgeſchichte nennt uns die Namen derer, welche in den aͤltern Zeiten den Wiſſenſchaften dort Ehre und Wachsthum verſchaft haben. Aber leider hat ſich heut zu Tage dieſer Ruhm nur in der einzigen mediciniſchen Facultaͤt noch erhalten: denn wer kennt die Namen eines Spiel - manns und Lobſteins nicht? In der Theologie, in der Juriſterei und Philoſophie ſieht es graͤulich aus. Die Urſachen dieſes Uebelſtandes ſind nicht ſch[w]er zu entdecken. Die Lehrſtellen werden hier noch weit aͤrger beſezt, als in Gieſſen oder Heidelberg. Da iſts doch nur hergebracht, daß man blos Landes - kinder zu Profeſſoren befoͤrdert; in Strasburg aber iſt das geſezlich. Alle Lehrer dieſer theuren Univer - ſitaͤt ſind folglich lauter Strasburger Gruͤzkoͤpfe, vorzuͤglich bei den Proteſtanten.

Zu meiner Zeit waren Lorenz und Beykert die Matadors in der Theologie: zwei erzunwiſſende Phantaſten und aͤußerſt intolerante Koͤpfe. Man leſe folgendes! Ein halb heller Prediger, Stober,36 trug einſt den erzkezeriſchen Satz auf der Kanzel vor: daß das Gute, was man bei den Heiden faͤnde, auch von dem heiligen Geiſte herkaͤme und eine Wirkung der goͤttlichen Gnade waͤre. Dieſe kezeriſche Aeußerung machte großes Aufſehen und Lo - renz wollte durchaus, daß Stober abgeſezt werden ſollte. Dieſer konnte ſich nicht anders retten, als daß er auf der Kanzel widerrief, und den ſchoͤnen Tod des Sokrates und des Leonidas, die Tugend des Cato und den Edelmuth des Fabricius fuͤr lau - ter Veranſtaltungen des leidigen Beelzebubs ausgab! Seit jener Zeit iſt Stober behutſamer geworden und hat die ſymboliſchen Buͤcher beſſer ſtudirt.

Lorenz predigt auch ſtark gegen die hohen Hauben, Federn und Huͤte der Frauenzimmer, wie auch wider die Schlittenfahrten und Baͤlle. Alle dieſe Dinge und noch mehr andere, legte er aus als graͤuliche Verfuͤhrungen des Satanas und als Zei - chen des juͤngſten Tages. Alle Sonntage faͤhrt er auf dergleichen Sachen los, und verkuͤndigt allen, die da tanzen oder Schlitten fahren, die ewige Verdammniß.

Beukert iſt nicht um ein Haar beſſer. Er predigt roſenkreuzeriſch und ſchimpft mit unter auf die Pariſer Moden.

Die Univerſitaͤt ſelbſt iſt in den klaͤglichſten Um - ſtaͤnden. Juriſten ſind beinahe gar keine da und37 nur wenig Theologen. Dieſe ſind lauter Schan - zer, welche ſich mit Informiren durchhelfen muͤſ - ſenh)Schanzen heißt auf gut Strasburgiſch: Kinder infor - miren; daher Schanzer ein Informator. Sonſt be - deutet ſchanzen in der Pfaͤlzer Sprache Frohndien - ſte zur Strafe thun. Sehr bedeutend fuͤr die ar - men Paͤdagogen!. Dieſe theologiſchen Studenten ſind das non plus ultra aller Schmutzerei. Sie ſitzen Mittags und Abends in den Schmudelbuden oder Garkuͤ - chen, verzehren da fuͤr einige Sous Gemuͤſe und Fleiſch, und ſind gekleidet, wie weiland Donkiſchots Schildknappe.

Hier werden manche Leſer ſtutzen und fragen: wie es moͤglich ſey, daß in einer Stadt, wo ſo viel guter Ton, ſo viel Galanterie herrſcht, die Studen - ten doch ſo ein ſchmutziges Leben fuͤhren? Aber Geduld! ich werde das Raͤthſel loͤſen. Der gute Ton in Strasburg findet ſich blos bei Katholiken und ſolchen Lutheranern, die eigentlich zur Buͤrger - ſchaft nicht gehoͤren. Alle andern haͤngen an der al - ten Mode, wovon ſie nicht abweichen, aus Furcht, alle ihre Privilegien zu verlieren, ſobald ſie ſich nach franzoͤſiſcher Sitte gewoͤhnen wuͤrden. Daher ſpricht auch ein Strasburger Philiſter ſelten franzoͤſiſch, wenn er es auch noch ſo gut ſprechen kann, und die Buͤrgermaͤdchen tragen noch ihre geflochtenen Zoͤpfe38 wie vor zweihundert Jahren. Unſere Wirthstoch - ter war ein artiges Ding; aber die verfluchten neun und neunzig Zoͤpfe auf dem Kopf verſtellten ſie ganz. Ich ſprach davon mit der Mutter und rieth ihr, ihrer Tochter einen andern Kopfputz anzuſchaffen. Ach, behuͤte Gott! antwortete die Alte, ich ſollte meine Tochter zur Hure machen? Man denke an die Logik der Strasburger Phi - liſter!

Der Student, welcher als Schanzer bei einem Philiſter von der Art ſteht, muß ſich aufs niedrigſte behandeln laſſen. Er muß ſeinen Prinzipal, den Herrn Fleiſcher, Schuſter, Schornſteinfeger u. ſ. w. allemal auf einen hohen Fuß behandeln. Daß er ei - nen ſolchen Kloz nie anders anreden duͤrfe als: Um Vergebung, mein Herr, wenn es Ihnen gefaͤllig waͤre, mir die reſtirenden zwei Sols auszuzah - len! das, ſage ich, verſteht ſich von ſelbſt, wenn man die Herren Philiſter ſolcher Staͤdte uͤber - haupt nur ein wenig naͤher kennt. Daß aber der Strasburger Philiſter ſeinen Schanzer par Er traktirt, ihm ganz unten am Tiſche ſeinen Plaz an - weißt, und ſein philiſtriſches Uebergewicht bei jeder Gelegenheit fuͤhlbar macht, das iſt abſcheulich und nicht bei allen Philiſtern anderer Oerter ſo. Wehe aber allemal dem Studenten, der der Gnade der Philiſter leben ſoll!

39

Auf dieſe Art muͤſſen die theologiſchen Studen - ten in Strasburg kleinmuͤthig und niedertraͤchtig wer - den. Ich wiederhole: die Beneficiar-Studirereien taugen uͤberhaupt wenig; und wenns auch Exempel giebt, daß der eine oder andere Beneficiat ein großer Mann geworden iſt; ſo ſind doch gegen Ein ſolches Exempel allemal zehn andere vorhanden, welche be - weiſen, daß nichts eher niedertraͤchtig und ſchlecht und weggeworfen macht, als eben Beneficien. Der verſtorbene Herr von La Roche, Vater des jezt noch in Berlin lebenden Majors dieſes Namens, ſagte einmal in einer Geſellſchaft, wo ich zugegen war, beim Anblick eines Kandidaten: der hat ge - wiß in Strasburg ſtudirt; ich ſehs an den Kompli - menten: denn gerade ſolche tiefe, demuͤthige Buͤck - linge fordern die Strasburger Philiſter.

Mediciniſche Studenten giebt es dort auch we - nig; aber deſto mehr Barbiergeſellen. Im Jahr 1780, wenn ich nicht irre, war ein großer Krieg in Strasburg zwiſchen den Medicinern und Barbie - rern; allein leztere ſiegten wegen ihrer Menge. Lobſtein verſagte hierauf den Ba[arb]ierern ſeine Kollegien, auch Spielmann und andere: allein der hochweiſe Magiſtrat zwang ſie, nach wie vor den Bartphiloſophen aufzuwarten. Ich habe auch bei damaliger Gelegenheit ein Pasquill geleſen: der gebrandmarkte Bartkratzer, betitelt. Sonſt40 muß man geſtehen, daß fuͤr die Chirurgie, Anato - mie und Hebammenkunſt ganz vortrefliche Anſtalten in Strasburg getroffen ſind.

Schlaͤgereien fallen unter den Strasburger Stu - denten gewoͤhnlich nicht vor. Solche Sachen uͤber - laſſen ſie ſehr kluͤglich dem Militaͤr. Ueberhaupt ſpielt der dortige Student keine Rolle: er wird von allem, was ihn umgiebt, uͤberglaͤnzt, ſo daß man ihn gar nicht bemerkt.

Es iſt in Strasburg gewoͤhnlich, oder vielmehr es iſt erforderlich, daß der Student, wie auch der daſelbſt lernende Barbiergeſelle, ſich einen Beicht - vater halte, und zu geſetzten Zeiten zum Nacht - mahl gehe. Wer das nicht thut, wird zum Rector gefordert, und wenn er dann noch nicht hinge - het, wird er exkludirt, d. i. es wird ihm verbo - ten, ferner Kollegia auf der Lutheriſchen Univerſitaͤt zu hoͤren. Relegiren oder Stadtverweiſen kann die Univerſitaͤt niemanden: das gehoͤrt fuͤr die andere Obrigkeit.

So ſieht die Univerſitaͤt aus! Indeſſen giebt es doch in S[trasb]urg manche gelehrte Maͤnner, unter denen auch damals Einer Lutheriſcher Profeſſor war. Er heißt Schweighaͤuſer, und iſt ein recht guter Philolog. Herr Brunk, hernach Herr von Brunk, und jezt wieder Herr Brunk, iſt als ein großer Kenner antiquariſcher Ueberbleibſel und als41 ein maͤchtiger Kritikus, beſonders im Griechiſchen bekannt. Seine Verdienſte um den Sophokles und andere Alten, ſind unſterblich.

Zu den Zeiten der Jeſuiten hatten dieſe Herren das ganze katholiſche Studium in Strasburg unter ſich. Da mags denn auch hergegangen ſeyn, wie an allen Orten, wo die Jeſuiten den Meiſter geſpielt haben. Zu meiner Zeit hatte der Cardinal von Rohan eine Art von Seminarium fuͤr Theologen angelegt. Die uͤbrigen katholiſchen Schulen waren unter den Haͤnden der Piariſten. Jetzo mags frei - lich beſſer ſeyn, da Herr Eulogius Schneider und Herr Dorſch in Strasburg auf der katholi - ſchen Univerſitaͤt die freilich keine autoritatem imperatoriam hat, als gar helle Koͤpfe hervor - ſtechen.

Zu den Zeiten der Jeſuiten war[al]le Sonntage, Nachmittags eine Kontroverspredigt in der Domkir - che, oder dem ſogenannten Muͤnſter. An dieſen Pre - digten nahm der Poͤbel den waͤrmſten Antheil und jubelte oft laut auf! Sie wurden von zwei Jeſuiten gefuͤhrt, davon einer, der die roͤmiſche Kirchenlehre in Schutz nahm, auf der Kanzel; der andere aber, der den Sachwalter der Proteſtanten ſpielte, unten ſtand. Da wurde nun geſchimpft und geſpektakelt, daß der Poͤbel in einem fort lachte, und die armen Proteſtanten immer den Kuͤrzern zogen. Nach dem42 Fall der Jeſuiten trieben andere Geiſtliche dies jeſui - tiſche Farcenhandwerk, aber ſeltener und ohne den Opponenten, obgleich immer noch nach einem Avis ans Publikum in der Zeitung. Jezt wirds freilich ganz eingeſtellt ſeyn.

Nun auch ein Wort von den Strasburger Ga - lauterien! Privilegirte Bordelle giebt es da nicht, aber doch heißt die Zahl der Haͤuſer Legion, worin man ſeiner Sinnlichkeit ein Opfer bringen kann. Einige ſind ſehr bekannt. Der Lieutenant Gym - nich kam eines Morgens zu uns, und fragte, ob wir Nachmittags mit ins gelbe Kreuz wollten? Wir verſprachens und ich ſtellte mir vor, das gelbe Kreuz ſey ein Ort, wie andere, die wir bisher be - ſucht hatten, ein Gaſthof oder ein Kaffeehaus.

Gymnich kam des Nachmittags, uns abzuho - len; und da Herr von F ... noch Briefe zu ſchrei - ben hatte, ſo ging ich allein mit. Wir kamen in ein ziemlich artiges Haus vor dem Thor, wo eine alte Madam uns in einem Salon ganz artig empfing. Gymnich forderte eine Bouteille Wein und ging, nachdem er ein Glas davon getrunken hatte, zur Thuͤr hinaus. Ich wartete uͤber eine halbe Stun - de auf ſeine Zuruͤckkunft, und war ſchon mit meiner Flaſche am Ende, aber mein Gymnich kam nicht. Ich fragte, was der Wein koſtete? Sechzehn Sols, war die Antwort. Das befremdete mich gar ſehr,43 da es Wein war, der an andern Orten kaum ſechs Sols koſtete. Ich bezahlte indeß. Jetzt begegnete mir der Baron von F .... Wo willſt du hin? fragte er. Fort! ſagte ich. Gymnich hat mich ſitzen laſſen und iſt davon gegangen: weiß nicht, weshalb ers gethan hat! Das laß du gut ſeyn, antwortete er und zog mich zuruͤck. Er forderte Wein. Ich ſtellte ihm vor, daß der hier nicht tauge und oben - drein weit theurer ſey als anderwaͤrts; aber er ließ ſichs nicht anfechten. Nun kam Gymnich und brach - te drei Frauenzimmer mit, die er uns mit den Wor - ten vorſtellte: Voila Meſrs. les demoiſelles de la maiſon! Ich ſtand auf und machte meinen Lo - renz, woruͤber die Maͤdchen beinahe uͤberlaut gelacht haͤtten. Sie ſezten ſich und waren ſo ſittſam, daß ich gar nicht muthmaßte, wer ſie eigentlich waren. Endlich redete Gymnich ſie und mich in ſolchen Aus - druͤcken an, daß ich jezt begrif, was fuͤr ein Toͤlpel ich geweſen war, der anfaͤnglich nichts gemerkt hat - ta. Aber wer haͤtte hier auch an ein ſolches Kreuz - erfindungsfeſt denken ſollen! Alles ſo vornehm, ſo ſittſam! Ich holte indeſſen meine Zotologie her - vor und benutzte ſie ſo ſchoͤn, daß die Frauenzimmer mir nicht ungeneigt zu werden ſchienen.

Gegen Abend wurde dieſes luͤſterne Haus ganz frequent. Perſonen aller Art verſammelten ſich in Menge, und das aſotiſche Leben dauerte ſo fort44 bis gegen Tag, wo wir uns denn auch weg begaben. Die Policei laͤßt allerdings dann und wann viſitiren; aber dieſe Viſitationen gehen nicht weiter als die zu Frankfurt am Maini)Siehe Th. 1. S. 64..

Auſſer den unzuͤchtigen Dirnen, welche zu Strasburg in beruͤchtigten Haͤuſern leben, laͤuft noch eine Menge des Abends auf den Straßen herum, vor welchen man ſich aber in Acht nehmen muß. Ein - mal ſind ſie meiſt alle uͤber und uͤber veneriſch, und dann haben ſie die ſchoͤne Gewohnheit, die Fi - cken ihrer Galans zu viſitiren und mit dem, was ſie finden, fortzulaufen. Ueberdies laͤuft man auch noch Gefahr, von der Patrouille, oder ſonſt einer Po - lizeiwache ertappt und eingeſteckt zu werden.

Die Sprache der Strasburger iſt deutſch, aber das jaͤmmerlichſte Deutſch, das man hoͤren kann, in der allergroͤbſten, widerlichſten, abſcheulichſten Aus - ſprache. Hoſcht, Beſcht, Madeli, Bubeli, u. ſ. w. iſt Strasburger Dialekt. Auch Vornehme ſprechen ſo, und der Pfaffe auf der Kanzel ſpricht vum Herr Jeſſes Kreſchtes. Die Sprache iſt hier noch zehnmal groͤber als in der Pfalz. Sehr viel Franzoͤſiſch wird indeß da auch geredet, beſon - ders beim Militaͤr. Das ſonſtige Strasburger45 Franzoͤſiſche taugt eben nicht viel, und der Accent iſt vollends gar nichts nuͤtze.

Fuͤnftes Kapitel.

Der Himmel wird etwas heiterer.

Ich hatte beinahe fuͤnf Wochen in Strasburg zuge - bracht, als ich einen Brief von meinem Vater er - hielt, dem ein anderer vom Pirmaſenſiſchen Regie - rungsrath Stauch beigelegt war. Herr Stauch meldete mir, daß er mich ſeinem Herrn, dem Land - grafen, von neuem mit Erfolg empfohlen haͤtte; und obgleich die uͤblen Geruͤchte uͤber mich einen nach - theiligen Eindruck gemacht haͤtten, ſo ſollte ich doch nur getroſt ſeyn: die Darmſtaͤdter Herren wuͤrden mir nicht ſchaden koͤnnen. Ich freute mich, daß ich noch Freunde auch unter ſolchen fand, die mir hel - fen konnten; denn andere hatte ich mehr als zu - viel. Mein Vater ſchrieb mir, ich ſollte bald zu ihm kommen, das Vergangene ſollte vergeſſen wer - den, wir wollten wieder gute Freunde ſeyn, er haͤt - te ein Mittel aufgefunden, mich auf den Weg des Gluͤcks zuruͤck zu bringen. Der Brief meines Vaters war uͤber die Maßen ſanft abgefaßt. Nicht46 einen einzigen Vorwurf, auch nicht eine harte Re - densart enthielt er. Zugleich hatte er ſechs Karo - lins beigelegt und ließ den Herrn von F ... bitten, ja mit nach Wendelsheim zu kommen, wo er ſich ſeiner Schuld gegen ihn entledigen wolle.

Ich kannte F ... zu gut, als daß ich ihm dieſe Aeuſſerung haͤtte hinterbringen duͤrfen; ſonſt wuͤrde er mich gewiß nicht nach Wendelsheim begleitet ha - ben. Ich ſagte ihm daher weiter nichts als: ich muͤßte fort; zeigte ihm Hrn. Stauchs Brief und bat ihn, mich reiſen zu laſſen. Warum denn nicht! war die Antwort. Ich bin ja bloß darum hergereiſt, um dich aufzuheitern! da nun dein Stern wieder zu leuchten anfaͤngt, ſo bin ichs herzlich gern zufrieden, daß du zuruͤck kehrſt, und ich begleite dich mit Vergnuͤgen.

Es fand ſich, daß wir im tiefen Keller fuͤr fuͤnf Wochen 139 Gulden bezahlen mußten. F ... be - zahlte ſie, ohne daß ichs wußte; und haͤtte ichs auch gewußt, ſo wuͤrde ich doch meinen Theil nicht haben zahlen koͤnnen. Ich hatte ja mit meines Vaters Karolins hoͤchſtens nur 80 Gulden, und dann war eine Reiſe zu machen, welche auch viel koſtete. Ich trug alſo F ... an, wenn er mit etwa 40 Gulden zufrieden ſeyn wollte, ſo koͤnnte ich die wohl entbeh - ren; nachher wuͤrde ich ſchon fuͤr ſeine fernere Befriedigung ſorgen. Aber da kam ich ſchoͤn an! 47 Denkſt du, dummer Kerl, daß F ... ſo ein Flegel iſt, und dich zu einer Reiſe beſchwazt und am Ende dich bezahlen laͤßt? Meinſt du, daß F .... nicht ſo 'n Bettel fuͤr Kleinigkeit haͤlt? Rede mir kein Wort weiter, oder hol mich der Teufel! wir erzuͤrnen uns. Ich bin uͤberhaupt dem edlen Baron F ... viel ſchuldig: werd's aber freilich in dieſem Leben wol nicht bezahlen koͤnnen: anzeigen muß ichs indeß doch, damit er ſieht, daß ich ſeine Wohltha - thaten nicht vergeſſen habe.

Wir brachten noch einige Tage aͤuſſerſt ver - gnuͤgt in Strasburg zu, und machten uns alsdann auf den Weg nach Wendelsheim.

Mein Vater empfing uns ſehr freundlich und mit einer Herzhaftigkeit, welche ich lange an ihm nicht geſehen hatte. Das Ding drang mir in die Seele. Am erſten Abend fing F ... an, eine Apo - logie fuͤr mich zu machen; aber mein Vater verſicher - te, daß er alles vergeſſen habe, daß er nichts ſehn - licher wuͤnſche, als meine Beſſerung; verſorgt und gluͤcklich wuͤrde ich ſchon werden, wenn ich nur woll - te klug ſeyn. Ich haͤtte nun meine Hoͤrner abgelau - fen und koͤnnte ſchon aus eigner Erfahrung Klug - heitsregeln hernehmen. Mein Vater ſprach noch viel uͤber dieſe Materie, und ſeine Worte machten damals Eindruck auf mich; aber leider nicht fuͤr die Dauer. Hernach bat er den Baron, ihm anzuzei -48 gen, was er fuͤr mich bei unſerer Luſtreiſe ſo nannte der ehrliche Mann unſre Fahrt ausge - legt haͤtte, er wolle es herzlich gern erſetzen. Aber F ... drohte, noch die Nacht unſer Haus zu ver - laſſen, wenn noch ein Wort der Art geredet wuͤrde; und ſo bliebs beim Alten.

Nach des Barons Abſchied redete mein Vater ernſtlich mit mir. Hoͤre, mein Kind, ſagte er, du haſt einige meiner Hofnungen erfuͤllen ſollen, aber leider ich habe mich in dir geirrt bisher naͤmlich. Dein Leichtſinn denn daß Bosheit bei deinen Poſſen iſt, widerlegt die Natur dieſer Poſſen ſchon ſelbſt alſo dein Leichtſinn hat dich verfuͤhrt; du biſt aber angerannt, und ich will das Schickſal preiſen, wenns zu deiner Beſſerung geſchehen iſt. Sieh, es iſt noch nicht aus mit dir, du haſt noch Hofnungen; aber erſt mußt du zeigen, daß deine Seele geheilt iſt. Ich habe hin und her gedacht, wie das am beſten zu machen ſey. Da fiel mir ein, dich noch einmal auf eine Univerſitaͤt zu ſchicken. Was meinſt du?

Ich: Das haͤngt von Ihnen ab. Ich habe Ihre Guͤte zu ſehr misbraucht; ich muß mir alles gefallen laſſen!

Er: Nicht ſo, mein Kind. Sieh, ich daͤch - te, du gingſt nach Halle zu meinem Freund, dem D. Semler. Ich werde dich da noch ein Jahr49 ungefaͤhr unterhalten, ſo daß du keinen Mangel lei - deſt. Unterdeß verraucht dein uͤbler Name in un - ſern Gegenden; du vermehrſt deine Kenntniſſe unter der Anfuͤhrung dieſes treflichen Mannes und kommſt zuruͤck, mir nichts, dir nichts. Schau, ſo mach es, mein Kind und verſprich mir und deiner Mutter, unſer Alter noch einmal froh zu machen. Du willſt doch?

Ich konnte meine Thraͤnen nicht zuruͤck halten und noch weniger ein Wort hervorbringen. Unſer Entſchluß wurde ſo gefaßt, wie mein Vater ihn an - gegeben hatte; und von dem Augenblicke an ſchien Ruhe und Frieden in unſere Familie zuruͤck zu keh - ren. O des guten, edlen Vaters! Heilig ſey mir ſein Andenken! er hats wahrlich gut mit mir ge - meint! Und ich? O, es liegt eine Hoͤlle in dieſem Gedanken.

Mein Vater ſchrieb an den ſel. Semler; ich auch. Unſere Briefe waren lateiniſch, nach meines Vaters und meiner damaligen Mode, mit griechi - ſchen Verſen und Proſe ausgeſchmuͤckt.

Indeſſen wir auf Antwort warteten, beſuchte ich meinen Major zu Gundersblum und brachte deſ - ſen Jagdgeſchaͤfte in Ordnung. Auch ſorgte ich fuͤr einen rechtſchafnen Jaͤger an meiner Stelle. Gern haͤtte der Major mich behalten; aber er fand ſich inZweiter Theil. D50in meinen Abzug, weil er von der Nothwendigkeit deſſelben uͤberzeugt war.

An meinem bisherigen Freund Bogerk)Theil 1. S. 271. be - kam ich um dieſe Zeit einen trozigen, gefaͤhrlichen Feind. Dieſer Mann hatte bei Herrn Schwan in Manheim die Brochuͤre: Karoline und Wander herausgegeben, die wirklich ſehr elend war. Aber in jener Gegend, wo nichts geleſen wurde, als etwan die Baniſe, die Meluſina, der Kaiſer Octavianus, und hoͤchſtens Gott - ſcheds deutſche Schaubuͤhne, wurde doch die Misgeburt des Bogers bewundert, und uͤber - all als ein Meiſterſtuͤck auspoſaunt.

Ich las den Wiſch auch und erklaͤrte ihn fuͤr das, was er war fuͤr die Geburt eines hirnlo - ſen Gruͤzkopfs. Noch wußte ich den Verfaſſer nicht; denn Herr Andraͤ von Woͤllſtein, von dem ich das Buch zum Durchleſen erhielt, hatte mir ihn nicht genannt. Mein Urtheil kam indeß zu Bogers Ohren und brachte ihn ſo ſehr auf, daß er mir toͤdt - liche Rache zuſchwur. Er fing damit an, daß, er ausſprengte: er habe ſich zu dem Kinde der Tochter des Schulmeiſters zu Wonsheim blos darum be - kannt, weil er von meinem Vater dazu erkauft, und51 er zu der Zeit des Geldes hoͤchſt beduͤrftig geweſen waͤre; uͤbrigens ſey ich eigentlich der Autor des Kindes; mein Vater habe ihm obendrein die ganze Summe noch nicht einmal bezahlt, u. ſ. w.

Dieſe Ausſage erfuhr ich bald und nahm mir vor, den Burſchen derb zu zuͤchtigen, ſo ſehr ſich auch mein Vater widerſezte. Ich traf ihn auch wirk - lich kurz darauf im Wirthshauſe zu Siefersheim, und troz unſerer ehemaligen Bruͤderſchaft, die nun freilich aufhoͤrte, foderte ich ihn im derben Ton auf, mir zu bekennen, ob er mich fuͤr den Urheber ſeines Baſtarts in〈…〉〈…〉 nsheim ausgegeben haͤtte? oder ich ſchluͤge ihm ſeinen verdammten Wirſingkopf in tau - ſend Granat Stuͤcke!

Boger: Mein Gott! Herr Bruder

Ich: Ei was Herr Bruder! Hier iſt nichts zu Brudern! Sag er, Herr, ob er das geſagt hat?

Boger: Das kann ich nicht. Ich bin unſchul - dig! Ich will keinen Theil an der Seligkeit haben, wenn

Ich: Kerl, hier keine Flauſen! Bekenne, oder der Teufel ſoll deinen verfluchten Schaͤdel zermalmen. Sprich, haſt du das geſagt?

Boger: Nun ja denn, wenn ich muß.

Ich: Jezt ſage, Kerl, wo haſt du〈…〉〈…〉 geſagt?

52

Boger: Zu Neubamberg im Amthaus.

Ich: Wo noch mehr?

Boger: Zu Flonheim bei Diel im Wirths - haus.

Ich: Nun geſtehe, Kerl, daß du ein erzinfa - mer Hundsfot und Flegel biſt, ein Erzluͤgner und ſchlechter Kerl! Biſt du das?

Boger: Ja!

Ich: Nun, lieben Leute, haben Sie gehoͤrt, was der Herr Amtsſchreiber fuͤr ein Schuft iſt? Sie haben ſein eigenes Geſtaͤndniß. Und du, Kerl, packe dich, oder du ſollſt noch eine Tracht Hiebe mitnehmen, daß dir das Fell vierzehn Tage rau - chen ſoll.

Boger ſchob ab und die Bauern lachten ſich beinahe bucklicht; doch blieb ich nicht lange in Sie - fersheim, weil dieſes Dorf Mainziſch und Boger ein Mainziſcher Amtsſchreiber war. Ich ſchrieb noch den naͤmlichen Tag an den Amtsverwalter Schoͤn - burg und berichtete ihm den ganzen Vorfall, und bat dahin zu ſehen, daß ich im Mainziſchen Territo - rium keine Anfechtungen haben moͤchte. Schoͤn - burg antwortete ſogleich, daß der Amtsſchreiber mir nichts in den Weg legen koͤnnte; der Kerl ſey ohnehin ein Bengel; ich haͤtte ihm obendrein die Haut noch ausgerben ſollen; uͤbrigens koͤnnte ich ins Main - ziſche gehen, wann und wo ich wollte.

53

Aber Freund Boger war nicht ſo ruhig. E[r]nahm, oder wollte vielmehr einen Advokaten an - nehmen, der einen Prozeß gegen mich anhaͤngig ma - chen ſollte. Der Advokat rieth ihm indeß, ſtill zu ſitzen und ſeine Pillen zu verſchlucken; er wuͤrde den Kuͤrzern ohnehin ziehen und ſich nur noch mehr blamiren.

So geht es aber, wenn man Schufte zu Freun - den hat. Endlich nimmt die Freundſchaft ein ſchmu - tziges Ende! Solche Freundſchaften ſind gemeiniglich auf nichts anders gegruͤndet, als auf vorbeirauſchen - des, laͤrmendes Vergnuͤgen, das man nicht allein ge - nieſſen kann, und wozu man jeden annimmt, der ſich anbietet. So lange das Intereſſe dauert, kann die Freundſchaft wol noch dauern; aber ſie hoͤrt auf, ſobald das Intereſſe aufhoͤrt; ja ſie artet bei meh - rerer Einſicht nicht ſelten in die aͤrgſte Feindſchaft aus. Von dieſer Art ſind auch die ſogenannten ewigen Univerſitaͤts-Freund - und Bruͤderſchaften, wenn gleich bei deren Stiftung hoch geſungen wird:

Unſre Freundſchaft ſoll beſtehen,
Bis der Tod ein Ende macht.

Ich will hier noch etwas anmerken: Unſere jungen Univerſi〈…〉〈…〉 er pflegen gern mit ihren Landsleuten genauen und vertrauten Umgang anzufangen und ihnen alle ihre Heimlichkeiten zu entdecken. Das54〈…〉〈…〉 nicht ſehr gut gethan! denn zu geſchweigen, daß unter den Landsleuten oft Kalefactors ſind, welche alles von der Univerſitaͤt nach Hauſe ſchreiben1)In Gieſſen war ein gewiſſer Mosjeh M ... zu mei - ner Zeit, welcher jeden Monath eine ganze Chronik nach Hauſe ſchickte. Die Frau Baſen in der Pfalz wußten daher unſre Poſſen und Streiche ſo gut als wir ſelbſt., um den Frau Baſen etwas zum Klatſchen aufzutiſchen; ſo kommen hernach die guten Leute ja in ein Land zu - ruͤck, wo ihre Abſichten oft gewaltig zuſammen tref - fen. Z. B. Es ſtreben Meh[]rere nach einem Amt, verſchießen ſich in daſſelbe Maͤdchen, u. ſ. f. Nun feinden ſie ſich einander an und ſprengen von einan - der aus, was ſie nur Skandaloͤſes von einander wiſ - ſen. Freilich iſt das niedertraͤchtig; es geſchieht aber doch und deshalb ſollte ſich der Student vo[n]dem gar zu traulichen Umgang mit Landsleuten huͤten. Der Auslaͤnder ſezt uns in dieſe Verlegenheit nicht, oder gewiß ſehr ſelten. Was vollends die Freund - ſchaften mit Adelichen auf Univerſitaͤten betrift, ſo ſind die à la mode wankend; und hat man dereinſt etwas bei ſo einem adelichen Herrn Bruder zu ſuchen, ſo iſt die Bruͤderſchaft oft mehr hinder - lich als foͤrderlich. Und nun der Aufwand, um es ihnen gleich zu thun! Auch ſieht man, daß es55 oft nur hochmuͤehige Narren ſind, die nach derglei - chen trachten.

An meinem erklaͤrten Feind; dem Pfarrer Fliedner von Bornheim, haͤtte ich mich gewaltig raͤchen koͤnnen, wenn ich gewollt haͤtte. Ich bin aber froh, daß ichs unterlaſſen habe. Dieſer Pfar - rer hatte ein Frauenzimmer im Hauſe, deren Ur - ſprung und Character der ganzen Gegend ein Raͤth - ſel war. Sie gab ſich fuͤr die Frau eines Heſſiſchen Kapitaͤns aus, der, wie ſie vorgab, nach Amerika gegangen ſey. Sie ſah ſehr gut aus und war ohn - gefaͤhr 20 Jahre alt. Die Bauern, welche ohnehin ihrem Pfarrer nicht gut waren, ſpaͤheten der Ge - ſchichte nach, und endlich brachte der Schulmeiſter aus authentiſchen Nachrichten heraus, daß das Frauenzimmer ein gemeines Maͤdchen aus dem Ha - nauiſchen waͤre, das aber ein gewiſſer junger Frei - herr zur Maͤtreſſe genommen haͤtte. Die Eltern des Freiherrn, welche ihn gern mit einem Fraͤulein von *** verheirathen wollten, haͤtten dies erfahren, und dem jungen Herrn, welcher ſonſt die Zierde des ... Adels und ein vortreflicher junger Mann war, allen Umgang mit dem Maͤdchen ſcharf unterſagt. Aber nun ſchlug Herr Fliedner ſich ins Mittel: er nahm das Frauenzimmer zu ſich und geſtattete, daß der junge Herr manche Nacht in ſeinem Hauſe zu - brachte und ſich in den Armen ſeiner Dulcinea diver -56 tirte. Das alles hatten die Bauern herausgebracht, und der Schulmeiſter trug mir jezt an, die Sache dem Vater des Barons zu hinterbringen, aber ſo in einem anonymiſchen Briefe. Er wiſſe, daß ich den Curtius Rufus haſſe und ich wuͤrde mich alſo der Gelegenheit bedienen, ihm eins zu verſetzen. Aber ich ſchlug dieſen Antrag aus und ermahnte den Schul - meiſter zur Ruhe. Die Sache kam nach meiner Ab - reiſe aus der Pfalz erſt heraus, und Herr Fliedner kann Gott danken, daß man ihn ſo durchſchluͤpfen ließ; ſolche Unterhandlungen haͤtten eine derbe Zuͤch - tigung verdient.

Sechstes Kapitel.

Abermalige Donquiſchotereien.

Der Baron F ... war dieſe Zeit uͤber ſehr oft bei mir und brachte es ſogar bei meinem Vater dahin, daß ich eine Reiſe mit ihm nach Metz thun durfte, um ein Mainzer Frauenzimmer von da abzuholen.

Man muß wiſſen, daß es in den Gegenden uͤbern Rhein fuͤr einen großen Vorzug des Frauen - zimmers gehalten wird, wenn ſie Franzoͤſiſch plap -57 pern koͤnnen. Dieſe Raſerei geht ſo weit, daß Frauen - zimmer, welche kein Franzoͤſiſch verſtehn und doch den Schein davon haben wollen, viele dergleichen Woͤrter und Redensarten in ihre deutſche Sprache einmiſchen, und ſie jaͤmmerlich verhunzen. Ich bin Ihnen obliſchirt das ſchenirt mich er traͤ[t]irt ihn nur ang Bagatel o foſchiren Sie ſich doch nicht, u. dergl. ſind gewoͤhnliche Phraſes der dortigen Weibsleute, die ſie obendrein nicht ſelten am unrechten Orte anbringen und dadurch Gelaͤchter erregen.

Um aber das Franzoͤſiſche recht zu lernen, ſchi - cken viele Aeltern ihre Toͤchter in Penſion nach Metz, Strasburg, ja ſelbſt nach Lion und Paris, wo ſie freilich das Franzoͤſiſche ziemlich fertig plappern ler - nen; aber auch einige Sitten mitbringen, die ihnen gar nicht zur Empfehlung dienen.

Aus eben dieſer Abſicht hatte auch ein Mainzer Fraͤulein, eine Verwandte des Baron von F ... einige Jahre zu Metz in[Lotharingen] bei den regulir - ten Auguſtiner-Canoniſſinnen zugebracht und ſollte nun wieder abgeholt werden. Dieſes hatte ihr Bru - der und der Baron F ... uͤbernommen. Herr von F ... waͤhlte mich zum Reiſegefaͤhrten und ich ver - ſtand mich gern dazu. Das Herumfahren war in fruͤhern Jahren ſo meine Sache. Nachher habe ich eingeſehen, wie recht Claudian ſagt:

58
Felix, qui propriis aevum tranſegit in arvis Quemque domus juvenem vidit et ipſa ſenem.
E〈…〉〈…〉 t e〈…〉〈…〉 extremos alter ſcrutetur Ibe[r]os; Plus habet hic vitae, plus habet ille viae.

Mein Vater hatte gegen meine Reiſe vieles einzu - wenden, beſonders dies: daß es nicht fein waͤre, mich dem Baron durch unnoͤthige Ausgaben fuͤr mich noch verbindlicher zu machen. Allein da ſowohl ich als der Baron mit Bitten nicht nachlieſſen, ſo gab er endlich nach, und verſah mich mit Geld, daß ich auch ohne F ... s Beutel die Reiſe vollenden konnte.

Unter Wegs fiel nichts vor, das verdiente auf - gezeichnet zu werden. Das Lotharingiſche Volk un -[t]erſcheidet ſich von den uͤbrigen Franzoſen durch ſeinen Haß gegen die Franzoͤſiſche Regierung und durch ſei - ne Freundſchaft fuͤr die Deutſchen: wenigſtens habe ich das ſo getroffen. Sonſt iſt die Nation aͤuſſerſt hart katholiſch, und das liebliche Fratzenbuch Anné ſainte (das heilige Jahr) liegt auf allen Tiſchen und wird haͤufig gebraucht. Die Kirchen in Metz ſind den ganzen Tag uͤber voll des Morgens zur Meſſe und des Nachmittags zur Veſper. Von Wall - fahrten und Proceſſionen halten die Lotharinger auch ſehr viel. Ich gab mich hier zu Lande fuͤr einen Pfaͤlziſchen Foͤrſter aus.

Unſer Fraͤulein erhielt gleich bei unſerer Ankunft von unſerm Daſeyn Nachricht, und lud uns auch59 bald zu ſich. Da ich niemals Nonnen geſehen hatte, ſo war ich froh, daß ich hier einige ſehen ſollte. Aber dieſe Canoniſſinnen gefielen mir ſehr. Ich hatte ſol - che heilige Schweſtern erwartet, wie die Moͤnche heilige Bruͤder ſind: allein das war gefehlt! Die geiſtlichen Damen waren munter, froh und ſcherzten troz einem weltlichen Frauenzimmer. Nur wenige trugen das Ordenskleid; andere gingen wie Welt - maͤdchen. Sie haben keine Clauſur, aber Horas halten ſie. Denn kaum waren wir eine Stunde im Saal, ſo ſchlug die Glocke und alle Nonnen eilten zum Chor, um da das lateiniſche Brevier hin zu plaͤr - ren. Es iſt doch in der That ein erzteller Gedanke, Weibern ein Buch zum Singen aufzugeben, das ſie nicht verſtehen! Und wie ſehr iſt ſchon dagegen geeifert worden! Aber was hilfts! der Kurialiſche Herrenverſtand befiehlt und der am Gaͤngelband ge - woͤhnte Kirchenverſtand gehorcht. Das iſt ſo das Steckenpferd aller Heiligen von der Tiber bis zur Spree.

Die Elevinnen dieſer Auguſtinusſchweſtern wer - den gar nicht ſtrenge gehalten und erhalten leicht Er - laubniß, auszugehen. Doch begleitet ſie in dieſem Fall eine Beate, auf welche die Ab〈…〉〈…〉 eſſe Vertrauen ſezt. Die Nonnen werden durchgaͤngig Mes Dames genannt. Sie haben auch Eigenthum, und ſpielen ſogar l'Hombre und Tarok um Geld. Ihre Regel60 muß alſo gar nicht ſtrenge ſeyn. Den Thomas von Kempen ſchaͤtzen ſie ſehr; er hat, wenn ich nicht irre, auch zum Orden des Auguſtinus gehoͤrt.

Wir beſuchten waͤhrend unſers Aufenthalts in Metz, die Wein - und Kaffeehaͤuſer ſehr fleißig und kamen beinahe taͤglich benebelt nach unſerm Logis, der Auberge des Flamands. Eines Abends er - regten wir Spektakel, welcher nachtheilige Folgen fuͤr uns haͤtte haben koͤnnen, wenn uns nicht ein Freimaurer von Frankfurt gerettet haͤtte. Wir wa - ren naͤmlich ſehr betrunken, ich und der Baron von F ... denn unſer dritte Mann lag immer bei ſeiner Schweſter, oder bei ſeinem Liebchen, wovon ich gleich reden werde. Alſo, wir waren ſehr trun - ken. Als uns nun die Patrouille ihr: qui vit? oder qui va ? entgegen rief, ſo lachten wir uͤber - laut und ſchimpften auf ſie. Der Unterofficier trat uns hierauf an, und forderte unſere Namen, weil es ſchon Mitternacht waͤre. Aber dazu hatte F ... keine Ohren; er fuhr vielmehr fort, zu ſchimpfen, und nannte endlich die patroullirenden Soldaten gar filous, queux, fripons, voleurs u. dergl. Da lief dem Unterofficier und ſeinen Leuten die Galle uͤber, und ſie brachten uns nach der Hauptwache. Der Officier, welcher wohl ſahe, wo es uns fehlte, redete ſehr freundlich und bat uns, ruhig zu ſeyn; er61 wollte uns ſchon, ſobald es Tag wuͤrde, gehen laſ - ſen. Aber F ... fuhr fort, zu ſchimpfen und for - derte zulezt gar den Officier heraus. Nun ließ uns dieſer nach der priſon bringen, und gab uns vier Mann Wache. Wir ſetzten unſer Raͤſonniren noch lange fort, bis wir endlich auf der Pritſche einſchliefen.

Fruͤh wachten wir auf und machten uͤber unſer tolles Benehmen allerlei Anmerkungen. Wir ſahen wohl, daß wir uns grob vergangen hatten, und oh - ne ſcharfe Ahndung nicht weg kommen wuͤrden. Denn mit dem Militaͤr in Frankreich ſpaßt es ſich nicht! indeſſen ſprachen wir mit unſern Waͤchtern, und einer derſelben war ſo artig, uns Schreib - zeug zu verſchaffen, und ſich zu Ueberbringung eines Zettels an den Herrn von ... im goldnen Loͤwen anzubieten. Baron F ... meldete darin kurz unſere Lage, und bat ihn, ſogleich zu uns zu kommen. Er kam auch; aber ſtatt gemeinſchaftlich mit uns zu uͤberlegen und auf Mittel der Befreiung zu rafiniren, machte er uns Vorwuͤrfe und ſtellte uns die Dinge, die da kommen ſollten, recht fuͤrchterlich vor.

Gegen neun Uhr kam der Adjutant und exami - nirte uns. Es war ein ſehr feiner Mann, der uns mehr bedaurte, als Vorwuͤrfe machte. Er fragte bloß nach unſerm Namen. Die Familie des Barons ſchien ihm bekannt zu ſeyn, und da bezeugte er ſei -62 nen Antheil an unſerm Zufall. Auf unſere Frage, wie es mit uns werden wuͤrde? erwiederte er: das kaͤme darauf an, ob der Gouverneur die Sache un - terſuchen wuͤrde, oder nicht. Im letztern Falle wuͤrde das Ding nicht viel zu bedeuten haben; im erſtern aber koͤnnte eine Strafe von einigen Mona - ten Arreſt noch immer als gelinde angeſehen wer - den. Mit dieſem Troſt verließ er uns, verſprach aber fuͤr uns zu thun, was er koͤnnte; wenig ſtens wollte er mit dem wachhabenden Officier ſprechen, daß er nicht ſtark auf Genugthuung dringen moͤchte.

Wir waren ſehr en peine, als ploͤtzlich ein Weinhaͤndler von Frankfurt am[M]ain in unſere pri - ſon trat und uns ankuͤndigte, daß wir frei waͤren und man uns in einer halben Stunde entlaſſen wuͤr - de. Dieſer Mann, Herr Wehſarg, war ein Freimaurer; er hatte im Loͤwen auch nebſt noch ei - nem Freimaurer logirt. Mich kannte er ſchon laͤngſt; denn ſein Vetter war Pfarrer in unſerer Grafſchaft einer von den wenigen, die das Hirn nicht erfroren hatten und den Baron hatte er in Metz erſt kennen lernen. Sobald er unſer Spekta - kel erfahren hatte, war er gleich zu Officiren gegan - gen, die auch macons waren. Bei dieſen ſollicitirte er fuͤr uns und war ſo gluͤcklich, daß das ſchon be - ſtellte Verhoͤr abgeſagt und die Sache unterdruͤckt63 wurde. Wir dankten dem ehrlichen Manne, wie billig und nahmen den Wiſcher, den er uns ertheilte, gern an. F ... ſchenkte der Wache einen Carolin, und kurz hernach entließ uns der Adjutant aus dem Arreſt. Das war abermals ein Stuͤckchen!

Die Stadt Luneville haben wir auch geſehen und die Verſchoͤnerungen bewundert, womit der wohl - thaͤtige Philoſophm)Stanislaus Leszinsky, Koͤnig von Polen, wel - cher hier reſidirt hat. Er iſt der Verfaſſer von vier Baͤnden Abhandlungen, welche le Philoſophe bien - faiſant betitelt ſind. dieſe Stadt geziert hat. Das Andenken dieſes wuͤrdigen Fuͤrſten iſt bei den Lune - villern noch im Segen. Der Ton in Luneville iſt viel feiner, als der in Metz.

Nach einem Aufenthalt von zwoͤlf Tagen woll - ten wir abreiſen; allein unſer Fraͤulein fing an zu klagen und legte ſich wirklich ins Bette. Der Arzt verſicherte, daß ein Fieber auf dem Wege ſey, wel - ches man abwarten muͤßte. Herr von F ... erklaͤrte hierauf ſeinem Vetter H ..., daß er die Geneſung ſeiner Schweſter nicht abwarten koͤnne: er ſehe ſich genoͤthigt, ſeine Zuruͤckkunft zu beſchleunigen. Herr von H ... hatte nichts dawider, doch weilten wir noch einige Tage und waͤrend dieſer Zeit ſpielte ich den Unterhaͤndler bei einem Liebeshandel. Ich muß64 das Ding naͤher erzaͤhlen. Herr von H ... hatte in der Geſellſchaft ſeiner Schweſter einige Bekanntſchaf - ten gemacht und dies ohne den Herrn von F ... und mich. Wir beide ſchwaͤrmten lieber herum und mach - ten Connaͤſſanſen mit jungen Fentchen auf Koffee - haͤuſern und Kneipen.

Eines Abends kamen wir ſpaͤt zu Hauſe und fanden den Herrn von H ... beinahe wie verruͤckt: er faſelte wirklich, ſprach von nichts als Sternen, ſilbernem Mond, Sympathie und andern Faxen. Wir lachten ihn aus. Endlich brach er aus vollem Herzen los und geſtand, daß ihn das Feuer der Au - gen einer Subrette, welche bei einem gewiſſen vor - nehmen Herrn diene, bezaubert haͤtte. Ich rieth ihm, an das Maͤdchen zu ſchreiben, weil eine Schrei - berei in ſolchen Faͤllen vortreflich wirke. Ich bot mich auch an, ſeinen Brief zu beſtellen, doch ohne zu glauben, daß ich einen Auftrag dieſer Art von ihm ernſtlich erhalten wuͤrde. Allein mein Herr Ba - ron hielt mich beim Wort. Er kuͤnſtelte einen fran - zoͤſiſchen Brief zuſammen, den ich hernach orthogra - phiſch berichtigen mußte, und beſchrieb darin der Dulzinea ſeinen Herzensdrang recht Siegwartiſch. Ich mußte, ſo ſehr ich mich ſtraͤubte, die Beſtellung uͤbernehmen; aber da entſtand ein Skrupel bei mir: Wie, dachte ich, wenn der Herr der Subrette dich grob abweiſen, vielleicht gar inſultiren laͤßt, was65 willſt du ſagen, wenn dich jemand fraͤgt: was du in dem Hauſe zu thun haſt? Dergleichen Fragen beunruhigten mich ſtark; aber ich uͤberwand alle Schwierigkeiten, und ging Nachmittags um zwei Uhr in das Haus des Herrn Namen und Wuͤrde bin ich vergeſſen. Zum Gluͤck war die Herrſchaft nicht zu Hauſe. Ich fragte, wo die Demoi - ſell Chambriere logire? nach ihrem eigentlichen Namen hatte der Herr von H ... nicht gefragt und wurde an ihr Zimmer gewieſen. Ich klopfte an und die Mamſell empfing mich mit einer Unbefangenheit, die mich entzuͤckte. Erſt ließ ſie mich niederſitzen, und dann fragte ſie nach der Abſicht meines Beſuchs. Ich uͤberreichte ihr den Brief des Herrn von H ..., den ſie mit vieler Aufmerkſamkeit zu leſen ſchien. Hierauf laͤchelte ſie und ſagte mir: der Herr Brief - ſteller wuͤrde ihr willkommen ſeyn: fuͤr heute waͤre ſie allein.

Ich eilte, meinem Freund den guten Er - folg meiner Ambaſſade zu berichten, und begleite - te ihn zu ſeiner Heloiſe, zog mich aber bald zu - ruͤck, um ſeine Toridoniſchen Herzergieſſungen nicht zu ſtoͤren. Nach der Zeit habe ich dieſes Frauen - zimmer mehrmals geſprochen und an ihr eine von denen gefunden, die den meiſt Bietenden feil ſind. Der Baron H ... hatte ihr anſehnlicheZweiter Theil. E66Geſchenke gemacht und dadurch in ihrer Gunſt ſich feſtgeſezt.

Ich habe immer bemerkt, daß man dem Frauen - zimmer bloß durch Beutel-Intereſſe angenehm wer - den kann. Selten lieben ſie den Mann um ſeiner ſittlichen Vorzuͤge willen, vielleicht niemals; aber das leidige Intereſſe kettet das Maͤdchen an ihren Geliebten. Man ſagt: das Frauenzimmer ſey be - ſtaͤndiger und treuer als die Maͤnner; aber ihre Be - ſtaͤndigkeit iſt ihres Eigennutzes wegen noͤthig. Ein flatterhaftes Maͤdchen, das bald dieſem, bald jenem anhaͤngt, arbeitet gerade wider ihren großen Zweck, einen Mann zu bekommen. Bei den Maͤn - nern iſt dieſes der Fall nicht; daher ſind ſie auch manch - mal veraͤnderlich. Allein Maͤnnerliebe, im Ganzen ge - nommen, iſt ſolid und herzlich; Weiberliebe hingegen iſt meiſt oberflaͤchlich und gruͤndet ſich auf leidigen Ei - gennutz. Das hat Meiſter Naſo, der große Kenner des ſchoͤnen Geſchlechts, ſchon geſagt und die Erfah - rung lehrt, daß er recht geſagt hat. Doch genug hiervon!

Unſere Ruͤckreiſe war ſehr luſtig, weil der graͤm - liche und mokante Herr von H ... nicht bei uns war. In Kreuznach beſuchte ich noch einmal die oben ge - nannte Apothekers Tochter. Nach der Zeit habe ich ſie nicht wieder geſehen.

67

Siebentes Kapitel.

Semlers Antwort. Zweites Vikariat. Begebenheiten bei demſelben und Anſtalten zum Abzuge aus der Pfalz.

Herr Semler hatte bald geantwortet. Seine Briefe an meinen Vater und mich, waren in dem herzlichen aber etwas ſteifen Tone geſchrieben, der dem großen Manne ſo eigen war. Er ſchrieb: wenn ich nur hundert Thaler in Halle haͤtte, ſo koͤnnte ich mich da recht gut durchbringen. Er habe dem Di - rector Freylingshauſen unſere Briefe vorge - wieſen, und da er meinen Vater perſoͤnlich kenne, ſo habe er von ihm auf mich geſchloſſen, und mich beſtens empfohlen. Der Director habe ihm auch verſprochen, mir ſogleich den Tiſch und ein Logis auf dem Waiſenhauſe zu geben, wofuͤr ich bei der latei - niſchen Schule Unterricht geben wuͤrde. Uebrigens wolle er ſich meiner nach aller Redlichkeit anneh - men. (Pro eo ich erinnere mich noch man - cher Ausdruͤcke, deren ſich der große Mann in jenen Briefen bediente qui mihi eſſe conſtat, quem que ut eſſe mihi conſtaret, allaboravi, animo.) Man habe ihm zwar vorgeworfen, daß er ſich in Din - ge miſche, von denen er nicht hinlaͤnglich unterrichtet68 zu ſeyn ſchiene: allein, wo er Gutes wirken koͤnne, wolle er es auch thun, ſo verſchieden auch die Umſtaͤnde ſeyn moͤchten. (Alia licet atque alia tempora videantur, manet tamen manebit - que perpetuo mens eadem, conſilium idem.) Ich ſollte alſo in Gottes Namen kommen: er er - warte mich.

Das war der Inhalt der Briefe des edlen Mannes, worauf ich ſogleich antwortete. Von die - ſem Augenblicke an, dachte ich an nichts weiter, als an meinen Abzug nach Halle, wohin ich auf Oſtern ziehen wollte.

Indeſſen ſchrieb mir der Konſiſtorialrath Dietſch, wenn ich wollte, koͤnnte ich als Vikarius nach Oberſaulheim gehen: der bisherige Vikarius waͤre wieder fort; und wenn ich mich klug und ordentlich be - tragen wuͤrde, ſo wuͤrde auch der uͤble Ruf, den ich in der Gegend haͤtte, verſchwinden. Allein das Ding mit dem Vikariat wollte mir nicht in den Kopf. Ich antwortete Herrn Dietſch, daß ich die Pfalz verlaſſen und mich um die Geſpraͤche der Frau Baſen nicht weiter bekuͤmmern wuͤrde.

Mein Vater dachte in dieſem Stuͤck konſequen - ter. Das Vikariat ſchien ihm recht gut zu ſeyn, die uͤblen Nachreden zu vertilgen, und drang darauf, daß ich nach Oberſaulheim gehen ſollte. Ich mußte alſo nachgeben. Meine Bauern waren herzlich froh,69 daß ſie mich wieder hatten: denn der Herr Si - mon, mein Vorgaͤnger und Nachfolger, war ein trauriger Wicht geweſen, der auf der Kanzel wie ein Hahn kraͤhete und alle ſeine Weisheit woͤrtlich herlas. Ich las niemals etwas ab, und das gefiel den Bauern. Einer derſelben ſchuͤttelte mir ganz traulich die Hand und ſagte: Mer ſeyn grauſam froh, daß mer Se wedder hun: der Anner (An - dere) war ach gar neiſcht guts: der hot alles ab - geles. Mer wolle Se gehrn (gern) beholen, wann Se ſich ſchund (ſchon) mannichmol behaen (betrin - ken); Se ſeyn doch guter Parre.

Meine Leſer glauben vielleicht, daß ſo vielfaͤl - tige Zuͤchtigungen mich werden gewitzigt haben und ich endlich einmal zu einer beſſern Lebensart geſchrit - ten ſey; aber Sie irren ſich, meine Leſer! Ich fuhr fort, wie ichs ehedem getrieben hatte. Der Dichter hat recht:

Quo ſemel eſt imbura recens, ſervabit odorem teſta diu. Und Naturam expellas furca, tamen usque recurret.

Natura heißt mir in dieſer Stelle; unartige Ge - wohnheit. Ich war des wilden Lebens zu ſehr gewohnt, als daß ich mich ins Ordentliche haͤtte fuͤ - gen koͤnnen. Auſſerdem hatte ich zu wenig Intereſſe bei der Pfafferei, als daß ich mir haͤtte wehe thun70 und meinem Hang einen Zuͤgel anlegen ſollen, um dereinſt etwas mir durchaus Verhaßtes, eine Pfaffen - ſtelle, davon zu tragenn)Mancher hochweiſe Herr, mit einem goldnen oder ro - ſigten Kreuze, mag hieraus lernen, daß das beſte Mittel, ehrliche, kluge Koͤpfe von der Pfafferei zuruͤck zu ſcheuchen, darin beſtehe, daß man ihnen die Pfaf - fenlehren nur erſt verhaßt mache durch Edikte nach dieſem oder jenem Zuſchnitt und Namen. Heuch - ler werden ſchon das Uebrige vollends zernichten. Und Dumkoͤpfe ? Je nun, ſie muͤſſen auch placirt wer - den und finden immer ihres Gleichen in der Tie - fe wie in der Hoͤhe. . Ich ſchlug alſo alle Er - innerungen meiner Freunde und die redlichen Ermah - nungen meines braven Vaters in den Wind und that, was mir gefiel. Taͤglich beinahe lag ich bei einem reformirten Prediger, deſſen Tochter mir behagte. Ich war nichts weniger als verliebt; allein ich mußte ſo was zum Taͤndeln haben, und dazu war die Pfar - rerstochter gut. Sie war naͤmlich, wie jedes Pfaͤlzer - maͤdchen von der leichtern Art, im hoͤchſten Grade kokett und nahm manches nur obenhin. Auſſerdem lief ich fleißig in der Gegend herum und beſuchte mei - ne Mainzer Freunde nicht weniger.

Ein gutes Stuͤck habe ich indeß doch auf dem Saulgau ſo heiſt jene Gegend damals geſtif - tet, und ich wuͤnſche, daß meine Stiftung noch be - ſtehen moͤge. Ich hatte naͤmlich viele Bekanntſchaft71 mit Schulmeiſtern. Dieſe Leute ahmen in jenen Laͤndern ihren Herren Pfarrern nach; legen ſich auf die faule Seite und aufs Saufen: ſehr wenige trei - ben etwas Muſik und Rechenkunſt: andere Wiſſen - ſchaften und Kenntniſſe ſind ihnen Boͤhmiſche Doͤr - fer. Ich aͤrgerte mich uͤber die kraſſe, impertinente Unwiſſenheit dieſer Leute, und nahm mir vor, ſo weit es moͤglich waͤre, ſie heraus zu ziehen. Ich konferirte alſo mit dem Schulmeiſter Muͤller von Niederſaulheim, Asmus von Oberſaulheim, Taut - fes von Udenheim, Teicher von Schornsheim, und einigen andern. Ich ſchlug ihnen vor, eine Leſege - ſellſchaft aufzurichten, gute Buͤcher zirkuliren zu laſ - ſen und Convente unter ſich dann und wann anzu - ſtellen, worauf ſie von dem, was ſie geleſen haͤtten, ſich unterhalten und einer den andern auf wichtige Stellen aufmerkſam machen koͤnnten. Mein Vor - ſchlag fand Beifall: es wurde gleich etwas aufgeſezt, worin uͤber die Unwiſſenheit der Geiſtlichen und Schullehrer bittere Klagen gefuͤhrt wurden. Die Leſegeſellſchaft wurde alsdann als das beſte Mittel wider dieſes Unweſen angeprieſen, und mehr als zwanzig Schulmeiſter ſubſkribirten. Nun konnten gleich fuͤr mehr als zehn Gulden Buͤcher angeſchaft werden. Das waren z. B. Catechismus der Sit - tenlehre von Schloſſer; deſſelben Catechismus der Religion; Schroͤckhs allgemeine Weltgeſchichte fuͤr72 Kinder, der Band, welcher die deutſche Geſchichte begreift; Gellerts Werke und andere, die ſich fuͤr dieſe Klaſſe von Leuten ſchick〈…〉〈…〉 en. Ich habe ihnen noch mehrere aufgeſezt: ſogar habe ich ihnen gera - then, mit der Zeit freimuͤthige Buͤcher zu leſen, ſelbſt die neue Apologie des Sokrates, welche ich immer fuͤr eins der Hauptbuͤcher gehalten habe, wodurch man zur Kenntniß der heiligen Luͤgen und Fratzen gelangen kann. Ob aber dieſes wirklich heilſame In - ſtitut im Gange geblieben ſey, kann ich nicht ſagen. Iſt es geblieben; ſo muͤſſen jezt jene Schulmeiſter in ihren Kenntniſſen viel weiter ſeyn, als manche von ihren Herren Pfarrern.

Nun muß ich eine Frage beantworten, die meine Leſer berechtigt ſind, an mich zu thun: Wie es naͤmlich die Zeit uͤber, mit meinem Studiren ge - ſtanden habe? Es ergiebt ſich ſchon von ſelbſt, daß ich nicht ſo ſtudirt habe, wie ich haͤtte ſollen und koͤnnen. Meine Lebensart hinderte mich daran. Aber ganz muͤßig bin ich nicht geweſen. Ich habe immer manch gutes Buch geleſen, beſonders Ge - ſchichtbuͤcher. Die allgemeine Weltgeſchichte ſtudirte ich vorzuͤglich, auch Haͤberlins Geſchichte des deut - ſchen Reichs; nebenher uͤbte ich mich fleißig in den aͤltern und neuern Sprachen. Mein Vater rieth mir immer, die Philoſophie zu treiben, beſonders die Metaphyſik; aber ich verabſcheuete ſie von jeher,73 naͤmlich ſeit meines Aufenthalts in Gieſſen. Ich blieb daher von dieſer Wiſſenſchaft weg und bin bis - her immer davon weggeblieben. Ich bin naͤmlich der Meinung noch, daß Metaphyſik der wahren Aufklaͤrung ſtaͤts geſchadet und faſt niemals genuzt habe. Die tranſcendentellen Ideen laſſen ſich dre - hen wie man will. Man ſehe nur eine Dogmatik an, die ſyſtematiſch geſchrieben iſt, z. B. die eines Schuberts, Carpzovs, oder eines andern or - thodoxen Wolfiſchen Theologen; und man wird fin - den, daß, nachdem der Verfaſſer pur eitel Leibnitzi - ſche metaphyſiſche Axiomen und Theoremen zum Grunde gelegt hat, alle heilige Fratzen nach mathe - matiſcher Lehrart richtig demonſtrirt ſind. Da be - weißt man aus dem methaphyſiſchen Grundſatze: majus et minus non variare ſpeciem, daß alle Suͤnden in Abſicht ihrer Moralitaͤt intenſiv unend - lich groß ſind. Dies leitet nun die Beſchreibung ei - nes Erloͤſers ein, der Gott und Menſch in einer Perſon ſeyn muͤſſe und was der Poſſen mehr ſind. Dieſen Schaden hat die liebe Metaphyſik uͤber 40 bis 50 Jahr angeſtellt, bis endlich freimuͤthige, helle Maͤnner, ein Semler, Teller, Bahrdt und andere, theils durch die Geſchichte, theils durch ge - meine Menſchenphiloſophie die ſtolzen Syſteme nie - derriſſen, und den Ungrund und das Abgeſchmackte ſolcher uͤberforſchenden Demonſtrationen der Welt74 vor Augen legten. Die Geſchichte, beſonders die der Kirche und der Weltweisheit, zeigen allemal den ſicherſten Weg zur Einſicht und zur Aufklaͤrung. Doch ich bin ja kein kompetenter Richter: ich rede vielleicht von Dingen, die ich nicht verſtehe; aber meinen Glauben muß ich doch angeben: ſonſt wuͤrde ja mei - ne Biographie einen Hauptmangel haben.

Herr Koͤſter, der Mediciner, und ſein Bruder, Pfarrer zu Niederſaulheim, lagen mir taͤglich an, ein - gezogener zu leben, bis ſie ſahen, daß alles vergebens war. Da lieſſen dieſe Braven es gut ſeyn und be - muͤheten ſich nicht weiter, an meiner Beſſerung zu ar - beiten, auſſer bei Vorfaͤllen, die merklich auffielen.

Meinem Vater konnten meine Poſſen nicht lan - ge unbekannt bleiben: wenigſtens ſchrieb er mir, daß er ſelbſt einſaͤhe, daß es nicht gut ſeyn wuͤrde, wenn ich laͤnger in jenen Gegenden bliebe, ob er gleich auch nicht gewiß darauf rechne, daß ich mich beſſern werde, wenn ich anderswohin zoͤge; das alte Spruͤchwort:

Es flog ein Gans wol 'uͤbers Meer
und kam ein Gakkak wieder her

oder das Senekaiſche: Coelum mutant non animum, qui trans mare currunt mache ihn zwar ſchuͤchtern, doch wolle ers noch ein - mal verſuchen; ich ſollte mich alſo zum Abzuge anſchi - cken. Ich aͤrgerte mich zwar etwas uͤber den75 Brief meines Vaters; allein der Ekel, womit ich ſchon lange die Pfalz und alles, was Pfaͤlziſch war, anſahe, und die Nahrung, die bei dieſer Veraͤn - derung meine ſehr uͤbel geleitete Neugierde erhalten mußte, verwandelten alle bisherigen widrigen Em - pfindungen meiner unſtaͤten Seele in lauter Hofnun - gen und Erwartungen: und dieſe Lage macht ver - gnuͤgt und giebt uns einen gewiſſen Muth, den der wirkliche Beſitz reeller Guͤter ſchwerlich geben kann. Ich folgte alſo dem Willen meines Vaters, ſchickte mich zum Abzuge an, hielt aber von neuem in Ober - ſaulheim eine Abſchiedspredigt voll Anzuͤglichkeiten und wahren Inpertinenzen und verließ mein Vika - riat, ohne dem Konſiſtorium das Geringſte davon angezeigt zu haben.

Hierauf kuͤndigte ich aller Orten, wo ich hin - kam, meinen Abzug an, meldete aber nicht, wohin ich mich wenden wuͤrde, ſondern ſagte bloß, daß ich die Pfalz nicht fernerhin ſehen, wenigſtens in derſel - ben nicht weiter leben wollte. Auch mein Vater hatte von meiner Reiſe nach Halle nichts erwaͤhnt und ſo waren die lieben Leute wegen meiner kuͤnfti - gen Beſtimmung in Ungewißheit. Viele ſprengten aus, ich wuͤrde nach Holland und von da nach In - dien gehen; andere gaben ein Muͤſſen vor und zwar nach folgender ſkandaloͤſen Geſchichte. Von Udenheim aus, wahrſcheinlich auf Veranſtaltung des76 daſigen Pfarrers, Hrn. Wageners, ſonſt Magiſter Weitmaul genannt, hatte ſich in der ganzen Gegend das Geruͤcht verbreitet, ich haͤtte mich mit einem ge - wiſſen Maͤdchen zu weit eingelaſſen und deswegen muͤßte ich fluͤchtig werden. Waͤre dies zu der Zeit wahr geweſen, ſo wuͤrde ich es jetzt bekennen: denn an Offenherzigkeit, glaub ich, fehlt mir es wol nicht. Aber es war nicht wahr, und die Anekdote war leicht weiter nichts, als das Reſultat von Pfaffen - rache. So dumm indeß dieſe Poſſe angeſponnen war, ſo erhielt ſie doch, nach der bekannten Ur - theilsfaͤhigkeit meiner reſpectiven Herren Landesleute, ſtarken Glauben und wurde ſchon als eine gewiſſe Thatſache, von Fraubaſe zu Fraubaſe herum getra - gen. Die Zeit war zu kurz, um thaͤtige Genug - thuung zu ſuchen; ich begnuͤgte mich daher mit der Ausfertigung einer Stachelſchrift auf einige Herren und Damen, welche mich beſonders zu blamiren ge - ſucht hatten. Das Ding wurde durch mehrere Ab - ſchriften publik gemacht und was es gewirkt habe, be - richtete mir mein Vater in ſeinem erſten Brief nach Halle.

Nachdem ich zu Hauſe angekommen war, wur - den ernſtliche Anſtalten zur Abreiſe getroffen. Ich ergoͤzte mich auch noch, ſo lange ich konnte, mit mei - nen lieben Freunden, worunter aber nur Einige aus - gehalten haben bis ans Ende, ohne jemals Falſchheit77 und Tuͤcke gegen mich zu beweiſen, wie ſo viele an - dere, welche mir anfaͤnglich hofirten und hernach mich nekten und zu beſchimpfen ſuchten. Es iſt gewiſſer - maßen Pflicht, hier zu bekennen, daß Herr Haag, der Foͤrſter, Herr Herman, der Kantor, die bei - den Herren von la Roche, der Major und Kapi - taͤn, wovon ſich der erſtere jetzt in Berlin befindet, und noch im Herbſt 1790 ſeine Freundſchaft thaͤtig bewieſen hat, Herr Stuber, der Pfarrer zu Flon - heim, und Herr Forchet, der Schulmeiſter in mei - nem Geburtsorte, meine beſtaͤndigen Freunde geblie - ben ſind: daß auch dieſe ehrlichen Maͤnner mich bei jeder Gelegenheit bald gewarnt, bald vertheidigt, we - nigſtens entſchuldiget haben und daß ſie mich beſſer, folglich auch gluͤcklicher wuͤrden gemacht haben, wenn ich leider nur haͤtte folgen wollen. Habt indeſſen noch einmal Dank, ihr Edlen alle, auch Sie, Herr Baron von F ...! Verzogen war ich, verwoͤhnt war ich, leichtſinnig war ich: aber auch boßhaft? ich denke es nicht. Doch wozu dies, da noch ſo viele Fatalitaͤten zu erzaͤhlen uͤbrig ſind!

Da ich wußte<