PRIMS Full-text transcription (HTML)
[V]
Leben und Schickſale, von ihm ſelbſt beſchrieben.
Dritter Theil, welcher deſſen Begebenheiten, Erfahrungen und Bemerkungen waͤhrend des Feldzugs gegen Frankreich von Anfang bis zur Blokade von Landau enthaͤlt.
Nebſt dem Bildniſſe des Verfaſſers.
Leipzig,in Commiſſion bey Gerhard Fleiſcher dem Juͤngern.1796.
[VI][VII]
Begebenheiten, Erfahrungen und Bemerkungen waͤhrend des Feldzugs gegen Frankreich.
Erſter Theil von Anfang deſſelben bis zur Blokade von Landau.
Nebſt dem Bildniſſe des Verfaſſers.
Leipzig,in Commiſſion bey Gerhard Fleiſcher dem Juͤngern.1796.
[VIII][IX]

An den Leſer.

Da ich den unſeligen Feldzug des Herzogs von Braunſchweig gegen die Franzoſen in den Jahren 1792 und 93 mitgemacht, und hernach vom Monat September 1793 bis in den Februar 1795 mich in Frankreich herumgetrieben habe, ſo kann ſich der Leſer ſchon vorſtellen, daß ich ihm in der Fortſetzung meiner Lebensgeſchichte Manches liefere, das ihn eben ſowohl unterhal - ten, als uͤber gar Vieles belehren kann. Schon dieſes, und dann der Gedanke, daß der Theil des Publikums, welcher meine Jugendſtreiche, akademiſche Poſſen und andere Schwindeleyen nicht ohne Vergnuͤgen geleſen hat, auch das mit Intereſſe und Nutzen leſen werde, was einer allgemeinen und hoͤhern Aufmerkſamkeit werth iſt, mußte mich beſtimmen, meine Lebensge - ſchichte fortzuſetzen.

Freilich werden Manche es ungern ſehen, auch wohl gar uͤber mich zuͤrnen, daß ich bey der Erzaͤhlung meiner und anderer Begebenheiten, ihrer namentlich gedacht, und vielleicht einiges von ihnen erzaͤhlt oder uͤber ſie bemerkt habe, das ſie freilich gern ganz unberuͤhrt wiſſen moͤgten. Aber wozu dieß in einem Zeitpunkte, wo die Begebenheiten zuviel Intereſſe haben, um ſich nicht ſelbſt zu verrathen und zu charakteriſiren! XUnd wenn ſelbſt die Staatsſchriften von England, Frankreich und Deutſchland die Fehler ihrer Verfaſſung und Verwaltung gegenſeitig haar - ſcharf durchgehen, und die Handhaber derſelben, ſie moͤgen auf dem Throne oder im Felde wirken, zur oͤffentlichen Pruͤfung oft nicht zum ruͤhmlich - ſten aufſtellen wie wir dieß entweder in jenen Staatsſchriften ſelbſt, oder auszugsweiſe in un - ſern Zeitungen und Journalen: im Moniteur, im political Magazin, im Londner Chronikel, in Girtanners und Poſſelts Annalen, in Archenholzens Minerva, in der neueſten Geſchichte der Staaten und der Menſchheit, in der Klio, in den Beytraͤgen zur Geſchichte der franzoͤſiſchen Revolution und anderwaͤrts fin - den : ſo waͤre es thoͤrig, einem einzelnen Re - ferenten das verargen zu wollen, was der gan - zen Welt ſchon vor Augen liegt, aber nicht im - mer unpartheyiſch, und oft ſehr mangelhaft. Ueberdieß ſind die Begebenheiten, welche ich er - zaͤhle, groͤßtentheils alle ſo beſchaffen, daß nicht das geringſte falſche Licht auf die Perſonen fal - len kann, die ich genannt habe; und wenn ich die Emigranten und einige Andere ausnehme, deren ich eben nicht im Beſten gedenke, ſo bin ich uͤberzeugt, daß alle andere, Große und Min - dergroße, es mir durchaus nicht verargen koͤn - nen, daß ich mein Publikum mit dem, was ſie thaten, bekannt zu machen ſuche.

Kein Menſch hat mehr Urſache, recht zu thun, und die Regeln der Bravheit genauer zuXI befolgen, als der, welcher irgend eine Rolle auf dem Kriegstheater zu ſpielen hat: denn da wird alles, von Freund und Feind, auf die verſchie - denſte Art erklaͤrt, und der groͤßte Held bringt nur mit Muͤhe ſeinen ehrlichen Namen aus dem Fel - de. Im gegenwaͤrtigen Kriege iſt dieſe Wahr - heit ſehr ſichtbar geworden; und Maͤnner, de - ren Muth, Gerechtigkeitsliebe und militaͤriſche Talente noch im Fruͤhling 1792, gleichſam als ausgemacht angenommen, und allgemein aner - kannt waren, erſchienen ſchon in ſelbigem Jahre, nach der ungluͤcklichen Expedition nach Cham - pagne, in einem ſehr zweydeutigen Lichte, und alles, was ſie hernach im Felde noch thun konn - ten, war nicht im Stande, ſie von Vorwuͤrfen zu retten, welche der Ehre ſolcher Maͤnner aͤußerſt nachtheilig ſeyn mußten.

Man ſage nicht, daß das einmal erworbene Anſehen dieſer Verunglimpften hinlaͤnglich ſey, den Folgen nachheriger ſchiefer Urtheile vorzu - beugen: denn gegen Urtheile hilft kein Anſehen, welches ohnehin wechſelt, wie das, worauf es beruht; und die Nachwelt urtheilt allemal nach ſchon gefaͤllten Urtheilen; aber nach Urthei - len von Sachkundigen und Unpartheyiſchen. Denn welcher Vernuͤnftige wird den Trajanus fuͤr das halten, wofuͤr ihn Plinius in ſeinem Panegyrikus ausgiebt, oder Karl, den Sechs - ten, ſo nehmen, wie ihn die praͤkoniſirende Bio - graphie des Hn. von Schirach aufſtellt? Wahr -XII heit entſcheidet am Ende immer; und ſo nuͤtzet unverdientes Lob eben ſo wenig, als unverdien - ter Tadel ſchadet. Der ſelbſtſtaͤndige, billige Mann bleibt alſo um beyde unbekuͤmmert, und erwartet ſein Recht von der ſichtenden Nachwelt.

Ich glaube, Buͤcher von der Art, wie die Fortſetzung meiner Biographie iſt, ſind beſonders ſchicklich, unbefangne Leſer in den Stand zu ſetzen, richtig und ohne Gefahr, zu irren, uͤber manche Vorfaͤlle des Krieges gegen die Franzoſen ſich zu unterrichten, und viele Perſonen, welche daran Antheil hatten, nach Verdienſt zu wuͤrdigen.

Ich habe kein Intereſſe, jemanden zu loben, oder zu tadeln. Ich lebe zwar noch im Preu - ßiſchen: allein keine Seele, die in dieſen Staaten einiges Gewicht haͤtte, wird von mir, wegen Wohlthaten, geliebt, oder wegen Beleidigungen, gehaſſet. Ich ſtehe nicht in der geringſten Verbin - dung, und kann in einer einzigen Viertelſtunde allen meinen Verhaͤltniſſen mit den Preußen ein Ende machen. Ich habe alſo zu Lob und Tadel noch weniger Urſache, als der ehrliche Tacitus hatte, welcher (Hiſt. L I. C. II. ) bekennen mußte, daß zwar Galba, Otho und Vitellius ihm weder Gu - tes noch Boͤſes erwieſen haͤtten (nec beneficio nec injuria ſibi cognitos), daß er aber unter Veſpaſianus, Titus und Domitianus immer in Staatswuͤrden und Aemtern hoͤher geſtiegen ſey. Aber, ſezt er hinzu, da ich einmal aufrichtig zu ſeyn verſprochen habe, ſo muß ich jeden ohne Vorliebe, und ohne Haß nennen.

XIII

Ich finde zwar, daß man ſogar in oͤffentli - chen Schriften ausſprengt: der Kronprinz von Preußen laſſe mich einen Gehalt genießen, als eine Belohnung fuͤr meine Miſſion*)Unter andern geſchieht dieß im II. B. des Fran - zoͤſiſchen Freyheitskriegs, S. 25.: allein man ſprengt gar vieles aus! Freilich wenn es wahr waͤre, dann haͤtte das Publikum ein Recht bey mir vorauszuſetzen, daß ich von dieſem Prin - zen, und von der Armee, bey welcher er eine Zeitlang ein Kommando gefuͤhrt hat, vielleicht anders ſprechen moͤgte, als ich nach meiner Ueberzeugung haͤtte ſollen. Aber ich erklaͤre hie - mit ganz unbefangen, daß ich nicht die geringſte Penſion genieße, und daß ich auch ganz und gar keine Hoffnung habe, jemals von ſeiner Hoheit im geringſten unterſtuͤzt zu werden: vielleicht verſperrte ich mir durch eigne Schuld den Weg dazu.

Aber ob ich gleich noch immer uͤberzeugt bin, daß ich nach der Aufopferung deſſen, was ich hatte, indem ich mich blos um dem Kronprinzen zu dienen, und mich ſeiner Gnade zu empfehlen, in die Gefahr begab, mein Leben auf eine ſchimpf - liche Art zu verlieren, allerdings auf einige Unterſtuͤtzung zu hoffen das Recht hatte, ſo kann ich doch dieſem vortrefflichen Herrn die Schuld nicht beymeſſen, daß ich ohne die verſprochne Huͤlfe von ſeiner Seite bleibe, und dadurch ge - noͤthiget bin, Maͤnnern laͤſtig zu ſeyn, welcheXIV blos Menſchengefuͤhl veranlaßt, mich in allen Stuͤcken nach ihrem Vermoͤgen zu unterſtuͤtzen. Es giebt zwiſchen einem Fuͤrſten, wie der Prinz von Preußen iſt, und einem armen Teufel, wie ich bin, eine zu große Kluft: er kann ſich nicht ſo tief herablaſſen, um meine Lage kennen zu lernen, und ich kann mich bis zu ihm nicht erhe - ben, um ihn daruͤber zu belehren.

Ich habe mich alſo uͤber alle wirkliche und moͤgliche Verhaͤltniſſe hinausgeſezt, und gerade ſo erzaͤhlt, wie ich die Sachen ſelbſt erfahren habe, und hoffe, daß meine Leſer hiernach von allen meinen Nachrichten urtheilen werden.

Vielleicht macht man mir den Vorwurf, daß ich uͤberhaupt eine gewiſſe Neigung fuͤr das Sy - ſtem der Neufranken blicken laſſe, und zaͤhlt mich vielleicht auch zu jenen, welche bey den politiſchen Kanngießern unſers Vaterlandes unter dem ver - haßten Namen der Jakobiner oder Patrioten be - kannt ſind.

Ich geſtehe ganz offen und ohne alle Furcht, daß ich durch meine Erfahrungen gelernt habe, von dem Syſtem der franzoͤſiſchen Republik beſ - ſer und richtiger zu urtheilen, als mancher poli - tiſche Journaliſt, der aus Eigennutz, Haß oder Schreibſucht, blos raͤſonniren und ſchimpfen will. Ich habe von den Franzoſen in ihrem eignen Lande keine Ungerechtigkeit erlitten; und ob ich gleich ſchon in Landau als Emiſſaͤr der Preußen verdaͤchtig war, und hernach in Dijon und be - ſonders in Macon beynahe voͤllig uͤberfuͤhrt wurde,XV das Werkzeug eines verraͤtheriſchen Anſchlags gegen die Republik geweſen zu ſeyn, ſo wurde es mir doch nicht ſchwer gemacht, mich gewiſſer - maßen zu rechtfertigen, und wurde, wo nicht fuͤr voͤllig ſchuldlos erklaͤrt, doch ſofern losgeſprochen, daß ich meine Freyheit wieder erhielt.

Das Verfahren der Franzoſen gegen mich war alſo edel, und unedel waͤre es nun von mir, wenn ich von ihren Anſtalten gegen meine Ueber - zeugung ſchiefe Urtheile auftiſchen und Luͤgen ein - miſchen wollte, um die ohnehin ſchon ſo verkannte und verhaßte Nation noch verhaßter zu machen.

Und ſo viel von den oͤffentlichen Nachrichten, welche ich in meinem Werkchen liefere. Was die Geſchichte meiner eignen Angelegenheiten be - trifft, ſo hoffe ich, daß meine Leſer keine Lange - weile daran haben werden. Meine Lage beſtimmte mich, ſo zu handeln, wie ich handelte, und der billige Leſer wird ſich nicht wundern, wenn Lauk - hard, der ſeit 1775 in ſtaͤtem Wirrwarr des Uni - verſitaͤten - und Soldatenlebens geweſen iſt, nicht handeln konnte, wie er wuͤrde gehandelt haben, wenn ihm das Gluͤck eines ruhigen Lebens zu Theil geworden waͤre. Es giebt Lagen in der Welt, die man troz alles guten Willens wenig aͤndern, und noch weniger verbeſſern kann; und von dieſer Art iſt die meinige: das fuͤhle, das er - fahre ich alle Tage. Wozu waͤre nun mein Be - ſtreben, meine Geſinnungen zu verlaͤugnen, und eine Maske vorzunehmen, die mich unkenntlich machte?

XVI

Außer dieſem dritten Theile wird naͤchſtens noch einer erſcheinen, welcher meine Begeben - heiten in Frankreich, meinen Aufenthalt bey den Schwaben, und meine Ruͤckkehr nach Halle enthalten wird. Daß dieſer Theil der vorzuͤg - lichſte in Ruͤckſicht der Geſchichte, und der Laͤn - der - und Voͤlkerkunde ſeyn wird, verſteht ſich von ſelbſt; und wenn das Publikum bisher meine Biographie mit einiger Theilnahme geleſen hat; ſo hoffe ich, daß der Schluß derſelben keines Le - ſers Erwartung taͤuſchen wird.

Mit den Herren Recenſenten habe ich ganz und gar nichts zu ſchaffen. Die Herren ſind ja Kunſtrichter, oder wenigſtens wollen ſie es ſeyn: ich aber ſchreibe weder nach der Kunſt noch fuͤr die Kunſt: alſo . Wollen ſie ſich aber dem ohnerachtet mit mir zu thun machen, je nun, in Gottes Namen!

Meinen Freunden und Bekannten, deren ich viele habe, und worunter gewiß viele recht - ſchaffne Maͤnner ſind, empfehle ich meine Bio - graphie im beſten. Sie koͤnnen verſichert ſeyn, daß ſie dadurch, daß ſie den Abſatz derſelben be - foͤrdern helfen, mir einen weſentlichen Dienſt er - weiſen.

Geſchrieben zu Halle, den 29ten September, 1796.

[1]

Erſtes Kapitel.

Begebenheiten waͤhrend des Marſches von Halle bis Coblenz.

Am Ende des zweiten Bandes meiner Lebens - beſchreibung habe ich meinen Leſern berich - tet, daß ich eben damals, als ich jenen Band en - digte, beſtimmt war, mit dem Thaddenſchen Re - giment, worunter ich zu der Zeit noch diente, und mit den uͤbrigen Preußiſchen Truppen den beruͤhm - ten und beruͤchtigten Feldzug gegen die Neufranken mit zu machen: was ich nun ſeit jener Zeit, oder ſeit dem Fruͤhlinge des Jahres 1792 bis auf meine Zuruͤckkunft nach Halle im Herbſt 1795, merkwuͤr - diges mitgemacht und erfahren habe, ſoll den In - halt der Fortſetzung meiner Lebensgeſchichte aus - machen.

Es war wirklich ſchade, daß ich auf dem endlich mit Ernſt angetretenen Wege zu einer regelmaͤßi -Dritter Theil. A2gern und konſequentern Lebensart, worauf mich rechtſchaffene Freunde und eigenes Nachdenken uͤber meine diſſol〈…〉〈…〉 te Lage gefuͤhrt hatten, durch den Feld - zug aufgehalten und allen Verfuͤhrungen zu einem wuͤſten Leben, das mit Feldzuͤgen allemal verknuͤpft iſt, wieder preis gegeben wurde. So wollte es aber das Schickſal; und wenn meine Leſer dem ohnge - achtet ſehen, daß ich ich will nicht ſagen, beſſer doch nicht ſchlimmer geworden bin, als ich zu der Zeit war, da ich Halle verließ: ſo muͤſſen ſie, wenn ſie billig ſeyn wollen, doch ſchließen, daß ich noch nicht ganz verdorben, oder aller und jeder moraliſchen Empfindung und Beſinnung unfaͤhig geweſen ſey.

Niemand iſt dem Eigenlobe mehr Feind, als ich: ich fuͤhle zu ſehr meine eigene Unwuͤrdigkeit, und weiß, wie viel ich von der Achtung Anderer durch meine ehemalige Lebensart habe verlieren muͤſſen: ja, ich ſehe das Beſtreben, dieſe Achtung mir wie - der ganz zu erwerben, beynahe als einen Verſuch an, das Unmoͤgliche moͤglich zu machen. Ich habe daher alle Hofnung dazu auch laͤngſt aufgegeben. Aber, und nicht erſt von heute an, habe ich noch immer den feſten Vorſatz, mein Betragen ſo einzurichten, daß es keinen veranlaſſe, mich als einen Menſchen zu verſchreien, der die oͤffentlichen Sitten beleidige, und ſchwache Menſchenkinder durch ein boͤſes Bey - ſpiel zu boͤſen Handlungen verleite. Wie weit ich3 dieſes geleiſtet habe, und fernerhin zu leiſten im Stande ſeyn werde, moͤgen meine Leſer aus dieſer Fortſetzung ſelbſt abnehmen.

Mein Individuum iſt indeß immer das gering - ſte, was dieſes Werkchen dem Publikum intereſſant machen ſoll. Ich war Zuſchauer und Mitakteur, obgleich einer der geringſten, wenn gleich nicht ge - rade der kurzſichtigſten, auf einem Theater, worauf eine der merkwuͤrdigſten Tragikomoͤdien unſers Jahr - tauſends aufgefuͤhrt worden iſt. Freylich haben Andre da auch mitzugeſehn; aber da jeder ſeine eigene Art zu ſehen und zu bemerken hat, ſo will ich das, was ich geſehen, und wie ich es ge - ſehen habe, Ihnen, meine braven Leſer, nun herer - zaͤhlen; und ich hoffe, oder vielmehr, ich weiß es gewiß, daß Ihnen meine Erzaͤhlung, durch reellen Unterricht und durch reichen Stoff zum Vergleichen und Nachdenken, alle Muͤhe hinlaͤnglich erſetzen ſoll, die Sie Sich nehmen werden, mein Buch durchzu - leſen, oder wenn ich nicht aus Duͤnkel ſpreche durchzudenken.

Mein Abſchied aus Halle hat mir ſehr wehe ge - than: ich trennte mich zwar nicht, wie die mei - ſten Soldaten, von einer Frau, oder, was noch weher thun ſoll, von einem Maͤdchen; aber ich ver - ließ Freunde, welche es wahrlich gut mit mir meyn - ten, und die ihre Freundſchaft mir ſo oft und ſo4 thaͤtig bewieſen hatten. Wer den Werth der Freund - ſchaft nur leiſe fuͤhlt, und von einem wahren Freunde je geſchieden iſt, der kann ſich vorſtellen, mit wel - chen bittern Empfindungen ich Halle verlaſſen habe.

Ich hatte mich mit allem Noͤthigen, in ſofern ein Torniſter es faſſen kann, hinlaͤnglich verſehen; und durch die Bemuͤhungen des Herrn Bispink, deſſen große Verdienſte um mein moraliſches und oͤkonomiſches Weſen ſchon zum Theil aus dem zwey - ten Bande dieſes Werkchens bekannt ſind, war meine Boͤrſe in gutem Stande.

Den lezten Abend es war den 13ten Jun. 1792 brachte ich in Geſellſchaft einiger andern Bekannten noch recht vergnuͤgt bey Hn. Bispink zu: uͤber die Kirſchſuppe, die mir damals, als mein Leibeſſen, Madame Bispink vorſezte, haben her - nach unſere Koͤnigliche Prinzen, denen ich davon er - zaͤhlte, mehrmals mit mir geſpaßt.

Morgens den 14ten Junius zog unſer Regi - ment von Halle aus. Es ſchwebten allerley Em - pfindungen auf den Geſichtern der Soldaten: die wenigſten zogen freudig davon, doch ließen nur we - nige Thraͤnen erblicken; und die, welche ja naſſe Au - gen ſehen ließen, wurden von ihren Nachbarn be - ſtraft, die es fuͤr unanſtaͤndig halten wollten, daß der Soldat weine. Viele, gar viele Soldaten ha - ben aber Weiber: denn bey den Preußen iſt es nicht,5 wie bey den Oeſtreichern, wo der Soldat ſehr ſchwer zum Heurathen gelangt;*)Bey der jetzigen Neufraͤnkiſchen Armee giebt es auch wenig Verehligte; aber nicht, als ob es dem republikaniſchen Sol - daten verboten ſey, zu heurathen, ſondern weil man nur Le - dige, als andere, ausgehoben, und die Verheuratheten zu Hauſe gelaſſen hat. und wenn gleich, aus bekannten Urſachen, die meiſten verehligten Sol - daten ohne Erben bleiben: ſo haben doch auch man - che, beſonders die vom Lande, Kinder, und da haͤlt es denn hart, ſich von ihnen zu trennen. Wer keine Frau oder Kinder hat, hat doch eine Lieb - ſchaft, ſollte ſie auch von der unterſten Gattung und aus der Klaſſe derer ſeyn, die, nebſt den Soldaten unſrer Fuͤrſten, ein neuer launiger Schriftſteller zu den allerverdienteſten Staͤnden rechnet. **)In den Beytraͤgen zur Geſchichte der franzoͤſi - ſchen Revolution, iſt (Stuck 3. Seite 572) ein artiger bibliſch-politiſch-ekkleſiaſtiſch-oͤkonomiſcher Beweis zu finden: daß die Toͤchter der Freude, oder nach bibliſchem Ausdruck〈…〉〈…〉 die Huren, außer dem edlen Soldatenſtande, den verdienſtlichſten Stand ausmachen.Auch von ſolchen Liebſchaften trennt man ſich nicht gerne. Lauter Urſachen, warum unſre Soldaten mit ſchwe - rem Herzen ihre Garniſon verließen.

Vor dem Thore kam Hr. Bispink noch ein - mal zu mir, und brachte eine Flaſche Wein mit, welche wir ausleerten, oder vielmehr, welche ich in ſeiner Begleitung leerte, und darauf endlich von6 dieſem treuen Freunde mit allen Empfindungen ſchied, deren ich damals im Tumulte faͤhig war.

Unſer erſte Marſch war kurz, doch waren wir, als wir ins Quartier kamen, durchaus vom Regen naß, vergaßen aber dieſes kleinen Ungemachs bald, da die ſaͤchſiſchen Bauern uns nach ihrem Vermoͤgen gut bewirtheten.

Am andern Tage hatte ich ſchon einen Wort - wechſel mit einem ſaͤchſiſchen Kandidaten der Theo - logie. Dieſer ſollte eine halbe Stunde von unſerm Quartier fuͤr den daſigen Hr. Pfarrer auf den Sonn - tag predigen. Unterwegs war ihm der Durſt ange - kommen und ſo kehrte er in eine Schenke ein, wor - in ich mich gerade auch befand. Ich ſah ihm ſo - gleich am Aeußern an, daß er ein Kandidat des h. Predigtamts war, und ließ mich mit ihm in ein Geſpraͤch ein. Er ſagte mir, daß er nun ſchon uͤber ſechszehn Jahre Kandidat ſey, weil er kein Geld habe, um bey dem Konſiſtorium um Freunde zu werben, wo, wie beynahe uͤberall, Geld das Haupt - verdienſt ausmache, u. ſ. w.

Ich merkte, daß es in Sachſen gehen mag, wie in der lieben Pfalz, und daß man durch Geld ſich auch hier, wie aller Orten, den Weg in den Schaf - ſtall des Herrn oͤffnen muͤſſe. Beyher erzaͤhlte mir der Herr Kandidat, der auch zugleich Magiſter der Philoſophie war, worauf er ſich aber nicht viel7 einzubilden ſchien, daß die Herren Prediger in Sachſen gewaltig kommode Herren waͤren, welche immer fuͤr ſich von Kandidaten predigen ließen, und ſelbſt auf ihrem Loderſtuhle ruhig ſitzen blieben, und ihre Einkuͤnfte bey einem Glaſe Bier oder Wein, und einer Pfeife Tobak verzehrten.

Ich finde dieſes indeß recht gut; denn waͤren die Herren nicht ſo kommode: ſo wuͤrde mancher Kan - didat gar manchesmal ſchmale Biſſen eſſen muͤſſen, ſo aber wird er ſtattlich traktirt: und einige gute Mahlzeiten ſind doch immer werth, daß man da - fuͤr eine halbe Stunde ſalbadere.

Als wir den dritten Morgen fruͤh das Quartier verlaſſen wollten, hatte ich meine Uhr auf dem Stroh liegen laſſen. Meine Kameraden und ich ſuchten danach, und einer derſelben, Namens Schrader, dem ich ſonſt manchen Gefallen erzeigt hatte, fand ſie, gab ſie aber erſt wieder heraus, als ich ver - ſprochen hatte, dem Finder ein gutes Biergeld zu reichen. Das war allemal ein ſehr ſchlechtes Stuͤck - chen von einem Kameraden!

In Weimar hatte ich mein Logis bey einem Seiler, deſſen Vetter, ein Paſtor vom Lande, in die Stadt gekommen war, den Preußen mit zu zu - ſehen. Er ſpeiſete mit uns zu Mittage, und da er an mir, wie natuͤrlich, nichts anders vermuthete, als einen Soldaten von gemeinem Schlage: ſo fuhr8 er mit einem erbaulichen Sermon uͤber die Kraft des Gebetes, bey den Gefahren des Krieges, etwas feierlich heraus. Ich hoͤrte zwar anfangs gelaſſen zu, konnte mich aber endlich, als er zu theologiſch - plump ausfiel, nicht laͤnger halten, und ſtellte das Gebet in der gewoͤhnlichen Form als eine im - pertinente, unſinnige Vorſchrift auf, die man ſich er - dreiſtete, der Gottheit vorzuwinſeln oder haarklein vorzumalen: darauf griff ich das an, was man, meiner Meynung nach, ſehr irrig Vorſehung Gottes zu nennen pflegt. Der Hr. Paſtor ſtuzte ge - waltig, und verlohr gar die Sprache, als ich ei - nige Wort-Unterſchiede vorbrachte, auf die er wohl ſchwerlich je ſtudiert hatte.

Auf dem ganzen Marſche bis Gießen habe ich weiter nichts erfahren, das des Erwaͤhnens werth waͤre: wir wurden aller Orten, wohin wir kamen, ſehr gut aufgenommen und behandelt. Bey Wal - tershauſen, einem Gothaiſchen Staͤdtchen, ſahe ich die muntern und raſchen Zoͤglinge des Hn. Salz - mann, und ſprach mit einigen ihrer Lehrer, vor - zuͤglich mit meinem Freund, Hn. Guͤnther, den ich ehedem auf Univerſitaͤten gekannt hatte.

In Eiſenach machte ich eine ſehr ange〈…〉〈…〉 e Bekanntſchaft mit Hn. Rath Wolff, der mich dem Hn. Generalſuperintendent Schneider vorfuͤhr - te. In der Perſon dieſes wuͤrdigen Mannes fand9 ich einen Geiſtlichen, der einen wirklich, ſo lange man bey ihm iſt, die abſcheuliche Seite ſeines Stan - des vergeſſen macht. Ich habe wenig Maͤnner kennen gelernt, die mit Herrn Schneider zu vergleichen waͤren. Seine Gelehrſamkeit iſt be - kannt, und von ſeinem rechtſchaffenen Betragen zeugt die allgemeine Hochachtung und Liebe der Eiſenacher. Ich vermuthete, daß er, weil Herder ihm vorgezogen war, eben kein Freund von Herdern ſeyn koͤnnte: ich lenkte alſo das Geſpraͤch abſicht - lich auf dieſen Mann, und wurde gar angenehm uͤberraſcht, als ich Hn. Schneider mit Enthu - ſiasmus von den großen Verdienſten Herders reden hoͤrte. Nach Hn. Schneiders Zeugniß, worin freylich das ganze aufgeklaͤrtere Publikum einſtimmt, iſt Herder die Zierde unſers Vater - landes, der hellſte Kopf, der groͤßte Kenner des Guten und Schoͤnen, der lebhafteſte deutſche Stiliſt und der waͤrmſte Verfechter des Wahren, Guten und Schoͤnen. Weimar kann ſtolz ſeyn, in ihm einen der erſten Maͤnner unſrer Nation zu beſitzen. Wie geſagt, das, was Hr. Schneider von Herdern ſagte, hat mich uͤberraſcht; denn ich wußte, daß beyde einmahl in Wahl-Kolliſion ge - kommen waren: um deſto mehr aber mußte ich den Mann ſchaͤtzen, der des andern Verdienſte ſo un - partheiiſch wuͤrdigte. Uebrigens wird Hr. Schnei -10 ber gar wohl zufrieden ſeyn, daß er nicht die Wei - marſche, ſondern die Eiſenachſche Superintenden - ten-Stelle erhalten hat. Denn dieſe iſt eintraͤg - licher und bequemer; und der Superintendent zu Eiſenach kann in ſeiner Didces weit ungehinderter und freyer handeln, als der zu Weimar.

In Hersfeld, einer Heſſiſchen Stadt an der Ful - da, kam es zwiſchen einigen von unſern Soldaten und einigen Buͤrgern im Wirthshauſe zum Stern zu Haͤndeln, welche beynahe in Schlaͤgerey aus - artete. Die Buͤrger ſaßen am Tiſche, tranken ihr Bier, und beſprachen ſich uͤber die Zeitgeſchichte. Sie aͤußerten ihr Misvergnuͤgen uͤber das Verfah - ren ihres Herrn Landgrafen, der nun abermals ſeine Landeskinder, als Soldaten, zum Behufe des Fran - zoſenkriegs verhandelte, und fuͤr den Landbau und an - dere Gewerbe weiter nichts zuruͤckließe, als Kin - der, Weiber, Kruͤppel und Greiſe. Das fuͤhrte ſie immer weiter, und da kamen ſie darauf, daß man uͤberhaupt nicht Urſache haͤtte, die Franzoſen anzugreifen: dieſe haͤtten ja recht u. ſ. w. Unſre Soldaten, die freylich damals noch nicht ſo dachten, wie jezt, legten ſich drein, und behaupteten gerade - zu, daß die Franzoſen Spitzbuben, ſchlechte Kerls u. d. gl. ſeyen, daß man ſie vertilgen muͤſſe; und wer ihnen das Wort rede, ſey gleichfalls ein ſchlech - ter Kerl, ein Patriot. Dabey ſchlugen ſie ſie11 hatten alle eine Schnurre mit den Saͤbeln auf den Tiſch, daß die Splitter davon fuhren. Aber die Heſſen, die vor Soldaten ſich eben nicht fuͤrch - ten, verbaten ſich das Schimpfen; und als unſere Leute dennoch fortmachten, und ſogar einige Kruͤge und Glaͤſer zerſchmiſſen, griffen die Buͤrger zu, und es wuͤrde eine derbe Pruͤgeley geſezt haben, wenn nicht ein Offizier dazu gekommen waͤre, und den Friedensſtifter gemacht haͤtte. *)Es wundert mich daher ſehr, daß ein Goͤchhauſen in Eiſenach, in ſeiner abgeſchmackten Sudeley von Wanderungen, ſo viel Aufhebens macht von der Anhaͤnglichkeit der Heſſen an ihrem Landgrafen, und von der Billigung, womit ſie alles guthei - ßen ſollen, was er unternehme, u. ſ. w. um ſich vom Gegen - theile zu uberzeugen, darf man nur das erſte beſte Wirths - haus in Heſſenland beſuchen. Satyren oder Ironien von Goͤch - hauſens Art wen treffen die am ſchimpflichſten? Ein edler Mann verabſcheuet die Hohl - und Krummwege des〈…〉〈…〉 -〈…〉〈…〉 en.

In Nordeck wohnt der Kammerherr von Rhau auf einem Schloſſe, das einen hohen Berg bekroͤnt, und eine ganz vortrefliche Ausſicht hat. Ich beſuchte ihn, und beſſern Rheinwein, als ich hier trank, habe ich ſeitdem nicht wieder getrunken. Es war Nierſteiner von 1748. Gute Gaben aus den Haͤnden guter Menſchen erquicken doppelt.

Wir waren noch eine gute Stunde von Gießen, als ſchon Studenten und Buͤrger uns haufenweiſe entgegen zogen. Ohne Ruhm zu melden, muß ich ſa - gen, daß ich an dieſem Entgegenzuge vielen Antheil12 hatte: denn die guten Leute waren begierig, den Laukhard wieder einmal zu ſehen, der ehedem eine ſo eklatante Rolle in Gießen geſpielt hatte. Sie entdeckten mich bald, und nun war ich wie umringt. Ich konnte kaum vorwaͤrts: von allen Seiten ertoͤnte: Da iſt Laukhard! da iſt Laukhard! Unſre ganze Kompagnie kam in Unordnung; denn alles ſtuͤrzte hinein, um den alten Laukhard recht zu begaffen. Jeder hatte etwas anzubiethen, und wenn ich haͤtte wollen, wie ſie: ſo waͤre Laukhard wieder à la Gielsen geworden.

Unter den Neugierigen befand ſich auch Hr. Chaſte!, Lehrer der franzoͤſiſchen Sprache zu Gießen: er begleitete mich eine gute Strecke. Er war immer mein Freund geweſen, und glaubte, nichts boͤſes zu thun, wenn er die alte Freundſchaft wieder erneuerte. Koch, der ſeltſame Mann, fand dieſes, wie ich erſt vor kurzem auf meiner Ruͤckkehr nach Halle erfahren habe, ſehr unrecht, und tadelte den Hn. Chaſtel in bittern Vorwuͤrfen: daß er einen ſo gottloſen Kerl, als Laukhard ſey, habe begleiten koͤnnen: und ſeit dieſer Zeit iſt Koch dem ehrlichen Lektor nicht wieder gut geworden. Wohl ihm, daß, ſeit der jetzigen Regierung, Kochs Anſehn ſehr geſunken iſt, und daß Hr. von Ga - tzert ganz anders denkt und handelt, als Koch.

13

Wir maſchirten gerade durch Gießen, und ka - men auf die naͤchſten Doͤrfer zu liegen, wo wir den folgenden Tag Raſttag hatten.

Nachmittags kamen viele, wenigſtens uͤber drey - ßig Studenten zu mir ins Quartier, brachten Wein und Eßwaaren mit, und wir machten uns nach Herzensluſt einen frohen Tag. Ich mußte Ihnen verſprechen, ſie den folgenden Morgen in Gießen zu beſuchen, und hielt Wort, da ich immer gern einen Ort wiederſehe, der mir ehedem ſo viel ange - nehme und unangenehme Stunden gemacht hat.

Ich gieng alſo den andern Tag fruͤhe hinein, und fand, daß das gute Gießen nichts mehr und nichts weniger war, als Gießen. Die Straßen waren noch eben ſo ſchlecht gepflaſtert, eben ſo ſchmutzig, als ehedem; und die Buͤrger und Buͤrgerinnen, ſamt den jungen Burſchen und Maͤdchen, ſaßen noch, wie ſonſt, in den Bier - und Branteweinsſchenken: kurz, Alles war noch beym Alten.

Ich erkundigte mich nach der Beſchaffenheit der Univerſitaͤt; konnte aber nichts erbauliches heraus - bringen. Die Univerſitaͤt hatte an Studenten ſehr abgenommen, aber an Profeſſoren gewonnen, we - nigſtens der Zahl nach, wie in Halle, Leipzig, Jena und anderwaͤrts. Der Komment der Burſche hatte zwar jenes alte Rohe nicht mehr, wie ich es im erſten Theile dieſes Werkchens beſchrieben habe;14 er war aber doch eben auch nicht beſſer geworden: denn ehedem lebten die Herren Gießer wild, jezt leben ſie kindiſch. Kinderey iſt aber doch immer eben ſo ſchlimm, als Wildfaͤngerey.

Meine Lebensbeſchreibung war in Gießen flei - ßig geleſen worden. Da man vorausſezte, daß ich ſie zu ſeiner Zeit fortſetzen wuͤrde, ſo entdeckte man mir Anekdoten und ſkandaloͤſe Hiſtoͤrchen die Menge, und bat mich, dieſelben dereinſt mit anzubringen. Aber warum ſollte ich mein Buch von neuem zum Repertorium der Gießer Skandale machen? Es ſind, wie die Folge zeigen wird, ganz andere und weit wichtigere Berichte uͤbrig. Dann liegt ja auch dem lieben Publikum nicht viel daran, wenn es weiß, was die unbedeutende Frau Gemahlin dieſes oder jenes unbedeutenden Herrn zur Beruͤhmtma - chung ihres Mannes beytrug! Verzeihen Sie mir alſo meine Herren zu Gießen, daß ich von alle dem, was ſie mir ſo reichhaltig mittheilten, keinen Ge - brauch mache!

Von den Profeſſoren beſuchte ich nur die Herren Koͤſter und Roos: ich fand ſie gegen mich noch immer ſo gut geſinnt, wie es Maͤnnern anſteht, die ihre Bekannten nicht nach der Kleidung beurtheilen.

Mit Vergnuͤgen hoͤrte ich, daß die liebe Theo - logie an dem Doktor Bechtold fuͤr Gießen denn außer Gießen iſt Herr Bechtold wenig be -15 kannt eine Stuͤtze verlohren haͤtte. So war es zwar ſchon 1787, wie ich im I. B. S. 83 erzaͤhlt habe. Aber ſeit dieſer Zeit hat Hr. Bechtold ſich noch mehr bekehrt, und 1793 gieng er ſchon ſo weit, daß er ganz frey erklaͤrte: alle Geheimniſſe, Sakra - mente, und alle ſogenannten uͤbernatuͤrlichen An - ſtalten Gottes zum Heile der Menſchen ſeyen Pro - dukte der Unwiſſenheit, Furcht, Herrſchſ〈…〉〈…〉 cht, oder der idealiſirenden Phantaſie; die Bibel ſey ein Buch, das die moraliſchen Einſichten der Men - ſchen durchaus nicht beſtimmen koͤnne: in den Fa - beln des Aeſopus und in Ovidius Verwandlungen fin - de man mehr Menſchenverſtand, und beſſere mora - liſche Maximen, als in den meiſten Gleichnißreden Jeſu: dieſer ſey zwar ein großer Lehrer fuͤr ſeine gleichzeitigen Juden geweſen; aber auch ein großer Schwaͤrmer u. d. gl. So weit iſt ſelbſt Bahrdt, als er in Gießen haußte, nicht gegangen; und doch wurde Bahrdt damals verfolgt, und Hr. Bech - told bleibt im ruhigen Beſitze ſeiner Aemter als Superintendent und als Profeſſor. So ſehr aͤndern ſich Menſchen und Zeiten!

Auf meiner Ruͤckreiſe im October 1795 ſprach ich bey dem Pfarrer Diefenbach in Reiskirchen ein: es iſt der Vater meines Freundes, deſſen ich im I. B. S. 112 gedacht habe. Dieſer Mann, welcher noch ganz feſt an Doctor Benners Notitia16 ſalutis haͤngt, erzaͤhlte mir die Fehden, welche er mit Bechtold ſchon gehabt haͤtte, und beklagte es ſehr, daß ein Mann, der ſonſt ein Mann nach dem Herzen Gottes geweſen waͤre, und die Abhandlung: Calvinianorum Deus a ſana ratione abhorrens ge - ſchrieben habe, nun ein voͤlliger Socinianer, wenn nicht gar noch was aͤrgeres geworden ſey.

Die ſkandaloͤſe Chronik machte ſich damals auch recht luſtig uͤber einen Geiſtlichen zu Gießen, wel - cher bey einem Leichenbegaͤngniſſe beſoffen auf die Kanzel geſtiegen war. Ich mag den Ehrenmann nicht nennen: in Gießen wiſſen aber die kleinen Kinder das Hiſtoͤrchen.

So ſehr der ſogenannte Komment auch abge - nommen hatte, ſo gab es doch noch Orden in Gie - ßen: ſogar der Orden der Amiciſten war noch da, hatte aber nicht mehr als drey Anhaͤnger, wovon der eine Senior, der andere Subſenior und der dritte Sekretaͤr war. Als wir aus Champagne zuruͤck waren, und im November 1793 bey Koblenz kan - tonnirten, ſchrieb der Hr. Landgraf von Darmſtadt an den Hn. General von Thadden: er habe meine Hiſtorie geleſen, und daraus erſehen, daß ich viele Wiſſenſchaft um daß Gießer Ordensweſen haben muͤßte; der Hr. General moͤchte mich daher uͤber einen und den andern Punkt befragen laſſen, u. ſ. w. Dieſes ließ Hr. v. Thadden durch17 unſern Auditeur denn thun, und ich benachrichtete den Fuͤrſten, ſo wie es meine Pflicht mit ſich brachte, von dem Verfall und der Beſchaffenheit der ganzen Gießer Univerſitaͤt, und fuͤgte einige unmaßgebli - che Vorſchlaͤge zu ihrer Verbeſſerung hinzu. Da - hin gehoͤrte vorzuͤglich die Entfernung der Quodam - modariorum der Pandediſtaxen und der Quackſalber, und die Anſtellung braver geſchickter Maͤnner zu Lehrern. Ich nahm mir auch die Freyheit, Sr. Durch - laucht manchen Vorſchlag zur Ausrottung der Or - den anzugeben. Aber ohne Zweifel hat man mei - nen Plan unausfuͤhrbar gefunden, und ihn als ein pium deſiderium hingelegt: denn noch im Herbſte 1795 waren die Orden in Gießen, und die Quodam - modarii dozirten noch nach wie vor. Was dieſe ſind, ſteht im I. B. S. 81.

Mein Hauptmann, Hr. von Mandelsloh, war, wegen eines Anfalls von Fieber, in Nordeck zuruͤckgeblieben; und als er einige Tage nachher uns durch Gießen folgte, klagte bey ihm der Muͤller im Einhorn: daß ich ihn in meinen Beytraͤgen zu D. Bahrdts Lebensgeſchichte einen groben, impertinen - ten Kerl genannt haͤtte. Er brachte aber die Klage in einem ſo groben Tone vor, daß Hr. von Man - delsloh ihm geradezu erklaͤrte: Wenn Laukhard Sie einen groben Kerl genannt hat, ſo hat er nichtDritter Theil. B18geirrt: ich ſah ſelten einen Menſchen von groͤßerer Impertinenz, wie Sie. Da war denn der grobe Muͤller abgewieſen, nach dem Spruͤchelchen: Wie man in den Wald hineinruft, ſo ſchallt es zuruͤck.

Von Gießen bis Koblenz hatten wir gute Quar - tiere und leichte Maͤrſche. Bey Limburg an der Lahn ſahe ich das erſtemal Emigranten: ſie waren praͤchtig bekleidet, auch ſtattlich beritten, und nann - ten ſich la gendarmerie françoi〈…〉〈…〉 e oder royale. Dieſe Gendarmerie beſtand groͤßtentheils aus Edelleuten, und viele von ihnen trugen das croix de ſaint Louis.

Zweytes Kapitel.

Koblenz. Manifeſt.

Wir kamen den 9ten Jul. 1793 in Koblenz an, und hier hoͤrte die Art von Subſiſtenz auf, welche wir bis dahin genoſſen hatten: denn bishiehin waren wir von Buͤrger und Bauer ernaͤhrt wor - den, und hatten kein Kommisbrod erhalten; jetzt aber erhielten wir dieſes, und mußten fuͤr unſre Subſiſtenz von nun an ſelbſt ſorgen.

Ich und noch drey Mann wurden in ein Haus einquartirt, worin weder Tiſch, noch Stuhl, noch Bank zu ſehen war. Der Hausherr war geſtorben,19 und deſſen Erben wohnten weit von Koblenz. Es war alſo unmoͤglich, da zu bleiben, zumal da auch weder Stroh noch Holz verhanden war. Ich lief alſo zum Hauptmann, und dieſer wirkte uns, frey - lich mit Muͤhe (denn die Herren zu Koblenz auf der Billetſtube waren gar ungeſchliffene, maſſive Herren) einen Zettel aus, nach welchem wir in ein Benediktiner Nonnenkloſter verlegt wurden.

Hier war es nun ganz ertraͤglich; und nachdem ich mir durch mein biſſel Latein die Gunſt des Hn. Wolff, als des Oekonomen des Kloſters, erworben hatte, reichte er mir vom aͤchten Moſelwein mehr als ich verlangte, wenn er ihn gleich den Uebrigen ſehr ſparſam mittheilte. Pecu〈…〉〈…〉 hauriat undam, ſagte er; aber doctus vina: oder Vinum da Docto; Laico de flumine cocto ganz nach der Kirchen - Oekonomie der katholiſchen Geiſtlichkeit, bey wel - cher pecus und laicus dem doctus und clericus gegen - uͤber ſteht.

Hr. Wolff war Prieſter, aber nicht der Beicht - vater des Kloſters, welcher, wie ich merkte, ein herrſchſuͤchtiger, ſtolzer Pfaffe war. Von den Wiſſenſchaften hielt Hr. Wolff wenig, und außer ſeinem Brevier und Meßbuch vergriff er ſich an kei - nem weiter. Vanitas vanitatum praeter amare Deum et bonum haultum vini bibere war ſo ſein Symbolum; und ſeine ganze Lebensart ſtimmte20 damit uͤberein. Die Franzoſen haßte er von gan - zem Herzen, ſowohl die Patrioten, weil ſie der h. Kirche ſich widerſezten, als die Emigrierten, weil ſie ein Wirthshaus, dem Kloſter gegen uͤber, in ein Bordel verwandelt hatten.

Ein Offizier unſeres Regiments, Hr. Graf von Einſiedel, der auch in dieſem Barbara - oder Baͤr - belkloſter logirte, wuͤnſchte meine Biographie zu leſen, und ich, um ihm zu willfahren, ſuchte dieſelbe bey dem Buchhaͤndler in Koblenz: denn es iſt nur Einer da. Der Buchhaͤndler, welcher nicht ein - mal ein Verzeichniß von ſeinem Buͤchervorrathe fuͤhrte, ſagte mir kurzum: daß er dergleichen Schrif - ten gar nicht fuͤhren duͤrfte, ſelbſt auch nicht fuͤhren moͤchte. Das ſeyen alles gottloſe, gefaͤhrliche Buͤ - cher, beſonders die von den Proteſtanten, oder wie er nach der damaligen Koblenzer Art ſagte, von den Un - katholiſchen. Was von dieſen komme, ſey gar nicht rathſam, unter die Leute zu bringen: die Welt ſey ohnehin pfiffig und arg genug! u. ſ. w.

Der Menſch raͤſonnirte beynahe, wie die Herren Verfaſſer der Cenſur-Edikte! Ich ließ ihn, und er - ſtaunte uͤber den Vorrath von den Buͤchern des Pater Cochem, Aloyſius Mertz und ſolcher mehr.

Da unſere Leute nicht ſo viel Geld hatten, als die franzoͤſiſchen Emigranten, von welchen ich21 bald reden werde, ſo konnten ſie nicht ſo viel ver - ſchleudern, als dieſe; und wir waren daher bey den eigennuͤtzigen Koblenzern gar niedrig angeſchrie - ben. Die Leute ſagten uns unverholen: Wir waͤren ſchrofe, garſtige Preußen, und haͤtten die franzoͤſiſche Eleganz ganz und gar nicht. Ein Kaufmann, in deſſen Laden ich mich uͤber die ſchlechte Beſchaffenheit ſeines Tobaks beſchwerte, ſagte mir gerade heraus: die Emigranten rauchten beynahe gar nicht; ſonſt wuͤrden die Koblenzer fuͤr guten Tobak gewiß geſorgt haben: dieſer da ſey fuͤr die deutſchen Voͤlker vollkommen gut: die haͤtten ohnehin nicht viel wegzuwerfen, und koͤnnten den theuren Tobak nicht bezahlen.

Ich hatte mich uͤber dieſe und andere Imperti - nenzen der Koblenzer eines Tages ſehr geaͤrgert, als ich bey meiner Zuhauſekunft alle Urſache fand, meine muntere Laune zuruͤck zurufen. Der Her - zog Friedrich von Braunſchweig, jezt re - gierender Fuͤrſt zu Oels, den ich ſchon im erſten Bande als einen der erſten Menſchen beſchrieben habe, und den jederman dafuͤr anerkennt, hatte fuͤr gut gefunden, mir auf einen lateiniſchen Brief gleichfalls lateiniſch zu antworten. Dieſen Brief fand ich in meinem Quartier, und war uͤber die edlen Geſinnungen dieſes ehrwuͤrdigen Fuͤrſten bey - nahe außer mir. Es iſt wirklich uͤberaus angenehm,22 wenn man erfaͤhrt, daß noch große Maͤnner ſich unſrer erinnern: man verſoͤhnt ſich dann wieder mit den Menſchen, und iſt uͤber den Schwaͤchling, der uns zu verachten meynt, nicht weiter boͤſe, ja, wir duͤnken uns alsdann viel zu gut, als daß wir ihn auch nur mit Verachtung beſtrafen ſollten. Dieß war jezt mein Fall. Der Herzog verſicherte mich nebenher: daß man mir den ganzen Feldzug hindurch, auf ſeine Veranſtaltung, doppelte Loͤh - nung reichen wuͤrde; und dieſe habe ich auch bis zu meinem Uebergang nach Frankreich im Herbſte 1793 richtig gezogen.

Hier ließ nun auch der Herzog von Braun - ſchweig, als Generaliſſimus der vereinigten Ar - meen, jenes Manifeſt an die Bewohner Frank - reichs ausgehen, welches ſo viel Laͤrmen weit und breit erregt, den Politikern ſo reichen und mannig - faltigen Stoff zum Raͤſonniren und Deraͤſonniren geliefert hat, und eine der Haupturſachen geworden iſt an dem Verfall des Koͤnigthums in Frankreich, an dem Ungluͤcke der Preußiſchen Armee, und an dem Tode des ungluͤcklichen Louis Capet und ſeiner Familie. Ich enthalte mich aller An - merkungen uͤber dieſe Schrift: denn ich bin kein Politiker, kein Ariſtokrat, kein Demokrat. Doch muß ich dem Leſer ein Geſpraͤch mittheilen, welches ich lange Zeit hernach mit einem Buͤrger in Landau23 Namens Brion, gefuͤhrt habe. Es enthaͤlt den Hauptgrund von der Entwickelung und Concentri - rung der National-Energie der Neufranken.

Haben ſie hier, fragte ich dieſen einſichtigen Mann, das Manifeſt des Herzogs von Braun - ſchweig damals auch angenommen und geleſen?

Brion: Allerdings! Man hat es hier zwar nicht annehmen wollen, als es ankam: Einige wollten es gar oͤffentlich verbrennen laſſen, wie hier und da ſchon geſchehen war;*)Das iſt, wie ich auf meiner Wanderung durch Frankreich er - fuhr, in Metz und auch in Strasburg geſchehen: im in - nern Frankreich hat man daruͤber gelacht. aber alle gutge - ſinnten Patrioten, welche der Sache tiefer auf den Grund ſahen, waren dafuͤr, daß das Manifeſt an - genommen und ſogar oͤffentlich angeſchlagen wer - den ſollte.

Ich: Und dazu konnten gutgeſinnte Patrioten rathen?

Brion: Allerdings: nicht um unſern Reſpekt gegen den Herrn Herzog zu beweiſen: denn der hat uns nichts zu befehlen, ſondern wegen der Fol - gen, die dieſes Manifeſt bey unſern Leuten unfehl - bar haben mußte.

Ich: Eben wegen der Folgen, duͤnkt mich, war es wohl nicht rathſam, das Ding oͤffentlich bekannt24 zu machen. *)Ich bitte meine Leſer, zu bedenken, daß ich zu der Zeit, als dieſe Unterredung vorfiel, in den Haͤnden der Franzoſen war, folglich den preußiſchen Ton nicht fuͤhren durfte.Wie, wenn die Leute erſchrocken waͤren, und ſich vor den angedrohten Strafen ge - fuͤrchtet hatten, und dann zum Kreuz gekrochen waͤren?

Brion: So kann doch auch nur ein Preußi - ſcher Korporal raͤſonniren! Eine Nation, wie un - ſere, ſollte ſich vor den Drohungen eines kleinen Reichsfuͤrſten, der nebenher General uͤber eine maͤßige Armee Preußen und Oeſtreicher war, fuͤrch - ten und nachgeben? Wenn ſo feige die Franzoſen haͤtten ſeyn koͤnnen, ſo verdienten ſie wahrlich, von einem Tyrannen tyranniſirt zu werden, der Beth - bruͤder, Verſchnittene und Huren zu Vollziehern ſeiner Befehle machte. Ich glaube nicht, daß der Herzog, der doch auch Menſchenverſtand haben wird, dieſes ſelbſt je erwartet habe. Dieſe Folge konnte man alſo durchaus nicht vorausſetzen, aber wohl andere und wichtigere.

Ich: Und die waͤren?

Brion: Nicht wahr, Freund, wenn einer, der Ihnen nicht eine Bohne zu befehlen hat, Befehle mit Gewalt aufdringen will, Was thun Sie?

Ich: Ich gehorche nicht.

25

Brion: Werden ſie nicht auch uͤber die Im - pertinenz des Befehlers erboßen, und alles aufbie - then, um ſeiner Uſurpation zu trotzen? *)Zwang erbittert die Schwaͤrmer immer, aber bekehrt ſie nie: ſagt Sekretaͤr Wurm in Kabale und Liebe von Schiller. Warum große Herren auf einige Wahrheiten der Natur nicht mehr Ruͤckſicht nehmen moͤgen! Uebertriebne Kunſt faͤllt doch durch und wird veraͤchtlich, oder empoͤrt.

Ich: Nicht anders!

Brion: Nun, ſo mußten alle Franzoſen das auch thun uͤber die Impertinenz und die Uſurpa - tion eines fremden Generals, der viel zu ſchwach, und noch weit von ihren Graͤnzen war; und ihrer ganzen Nation in einem ſo gebietheriſchen Tone Geſetze vorſchrieb, als wenn er wirklich mit ſeinen Soldaten zu Halberſtadt, oder mit ſeinen Leibeig - nen zu thun gehabt haͤtte. Iſt das nicht an dem?

Ich: Ja wohl aber

Brion: Ich verſtehe ſchon, wohin das Aber zielt: doch davon nachher. Unſere Ehre, wie un - ſer Recht, war durch dieſes widerſinnige und zweck - widrige Manifeſt vor der ganzen Welt compromit - tirt. Mußte nun nicht der feſte Vorſatz bey jedem braven Ehr - und Rechtliebenden Franzoſen rege wer - den, der Großſprecherey des Herzogs und der dar - auf folgenden Gewaltthaͤtigkeit aufs thaͤtigſte zu widerſtehen? Legte alſo nicht ſelbſt das Herzogliche Manifeſt den haltbarſten Grund zu dem thaͤtlichen26 Widerſtande, den er vom 20ten September 1792 an, immer empfunden hat?

Ich: Alſo war es ja wohl eben ſo unpolitiſch, als unmoraliſch, ſo ein Manifeſt an Frankreich er - gehen zu laſſen!

Brion: Das verſteht ſich von ſelbſt, wenn naͤmlich ſonſt, wie ich vermuthe, kein geheimer Grund das Manifeſt bewirkt hat. Denn waͤre der Herzog ohne alles Manifeſt, unter der bloßen Erklaͤrung, daß er die unterbrochene Ruhe in Frank - reich mit Huͤlfe aller Ruheliebenden Franzoſen, wiederherſtellen wollte, zu uns gekommen: ſo haͤtte man denken koͤnnen, daß aus ſeiner Unternehmung doch noch etwas Gutes fuͤr den armen bedraͤngten Buͤrger und Landmann entſpringen duͤrfte. Aber ſo erklaͤrte er geradehin, daß er kein Geſetz wolle gelten laſſen, als den unbedingten Willen Ludwigs des Sechszehnten; und da konnte wohl ein Diſtelkopf einſehen, daß man uns alsdann wieder unter das alſo und allgemein verhaßte Joch des Hofes, des Adels, der Pfaffen, der Finanziers und alles andern Lumpengeſindels gewaltſam zuruͤckpreſchen wuͤrde: und da haͤtte man ſollen ruhig ſitzen, oder gar noch huͤlfreiche Hand mit anlegen?

Ich: Wohl nicht aber

Brion: Jezt ein Wort auf Ihr Aber. Nicht wahr, Sie wollen ſagen, daß der Herzog auf den27 Anhang des Koͤnigs und des Adels gerechnet, und ſo gehofft habe, es werde ihm alles zurennen, ſobald er ſich ihnen nur naͤhere. Aber wenn er dieſes wirk - lich gedacht hat, ſo war er von der innern Be - ſchaffenheit Frankreichs und von dem regen und allgemeinen Willen des groͤßten Theils der Nation ſehr ſchlecht unterrichtet. Niemand war mit der Neuerung unzufrieden, als der Hof, der Adel, die Pfaffen und die Finanziers: alle andere Franzoſen, der Soldat, der Bauer, der Buͤrger, der Hand - werker und ſelbſt der Kaufmann groͤßtentheils wuͤnſchten die Revolution, und ſahen in derſelben die wohlthaͤtigſte Anſtalt fuͤr ſich und fuͤr ihr Va - terland. Was iſt aber der ganze Adel

Ich: der Adel iſt die Stuͤtze des Staats!

Brion: Der Adel Stuͤtze des Staats? dann muͤßte wohl auch ein Profeſſor, der keine Kollegia ließt, Stuͤtze der Univerſitaͤt ſeyn! Nein, nur der einſichtige und fleißige Buͤrger iſt dem Staate nuͤtz - lich, und folglich deſſen Stuͤtze. Einſichtig und nuͤtzlich ſind aber die Herren Adliche ſelten. Die meiſten von ihnen leben bloß von dem Erwerb der arbeitenden Klaſſe, und tragen zum gemeinen Be - ſten großentheils nicht einer Bohne werth bey. Ohne ſie alſo kann der Staat recht gut beſtehen; aber nicht ohne den Buͤrger und Bauer; ja, was dieſe verdienen, verzehren jene, und machen obendrein28 noch Schulden. Und wenn die gemeine Klaſſe der Nationen nur erſt ihr Vorurtheil, ich meyne die blinde Ehrfurcht fuͤr Pfaffen und Adel, ablegt: dann kann ſich der Pfaffe und der Edelmann nicht mehr ſtuͤtzen: er faͤllt von ſelbſt: er kann hoͤchſtens emigriren, kabaliren und Spektakel machen; aber thaͤtig ſich und Andern helfen kann er nicht. Der Herzog konnte alſo nur hoffen, daß der kleinſte Theil der Nation auf ſeine Seite treten wuͤrde: den maͤch - tigern Theil behielt er immer wider ſich. Alſo war es immer ſehr unklug, auch unter dieſer Vor - ausſetzung, ein Manifeſt nach Frankreich zu ſchicken, zumal ein ſolches.

So Buͤrger Brion in Landau. Einige von uns ſprachen ſchon damals in Koblenz nicht anders. Viele fanden den Ton darin zu derbe, und die Aeu - ßerungen des Verfaſſers zu voreilig.

Uebrigens iſt noch nicht ausgemacht, wer der ei - gentliche Verfaſſer davon ſey. Der Ton und die Denkungsart des Calonne iſt mehr als zu ſicht - bar darin. Was fuͤr Meynungen uͤber die Entſte - hung und die Abſicht dieſer beruͤchtigten Schrift, noch zu meiner Zeit, in Frankreich kurſirten, werde ich an Ort und Stelle anbringen. Der Gang der Zeit wird noch mehr daruͤber aufhellen. Bis dahin bleibt es auf Rechnung des Herzogs von Braun - ſchweig. Ein Fuͤrſt von ſo viel Einſicht und Ruh -29 me haͤtte nie einwilligen koͤnnen, daß etwas unter ſeinem Namen, vor aller Welt, diplomatiſch kur - ſire, das er nicht von Wort zu Wort gepruͤft und ge - billigt haͤtte.

Drittes Kapitel.

Franzoͤſiſche Emigranten.

In Koblenz bin ich mit einer großen Menge von den ausgewanderten Franzoſen ſo genau bekannt ge - worden, daß ich mich nicht enthalten kann, ihnen ein eigenes Kapitel zu widmen: dieſes ſchaͤndliche und ſchreckliche Ungeziefer kann noch immer nicht ge - nug an den Pranger geſtellt werden.

Diejenigen Deutſchen, welche dieſen Auswurf der Menſchheit, zur Zeit ihres Sardanapaliſchen Hochlebens, nicht geſehen haben, koͤnnen ſich ihre damalige Impertinenz leicht vorſtellen, wenn ſie nur die betrachten, mit der ein Ludwig der Acht - zehnte, ſamt Conſorten, durch wiederholte unſin - nige Manifeſte und Proclamationen, dem geſunden Menſchenverſtande jetzt noch immer troz biethen, auch nachdem alle Hoffnung fuͤr ſie verſchwunden, und ſie ſelbſt aufs aͤußerſte gedemuͤthigt und ver - aͤchtlich geworden ſind. Noch jezt ſind dieſe cy -30 devant abgeſchmackte Großſprecher, voll Dunkel und dummer Rachſucht.

Wie tief muß dieſen elenden Hof-Inſekten der alte diplomatiſche Hofſchlamm ankleben, und wie verpeſtet muß die Luft ehedem um ſie geweſen ſeyn, da ſie es jezt noch immer iſt! Die haͤrteſten Stoͤße des Schickſals haben ihre adlichen Halbſeelen noch nicht zur vernuͤnftigen Beſinnung bringen koͤnnen: und ſo wandern ſie, wie verdammte Scheuſale, zur exemplariſchen Belehrung fuͤr alle die, welche auf Vorrechte des Standes geſtuͤtzet, die Rechte der Menſchheit ihrer uſurpirten Convenienz auf - opfern, und alles wie Sklav behandeln moͤgten, was nicht zum Hof, zum Adel oder zur Soͤldne - rey gehoͤret.

Vielleicht meynen einige meiner Leſer, daß man doch nun der Emigrirten ſchonen muͤſſe, da ſie, von der ganzen Welt verlaſſen, die Strafe ihrer rachſuͤchtigen oder leichtglaͤubigen Entweichung aus ihrem Vaterlande nur gar zu ſehr fuͤhlen; und aus dieſem Grunde verdenkt es mir vielleicht Mancher, daß ich die aͤrgerliche, empoͤrende Beſchreibung ih - res Betragens vom Jahr 1792 jezt noch aufſtelle. Auch iſt der Grund, daß man den Geſtuͤrzten nicht noch mehr niederdruͤcken muͤſſe, ſtark genug, je - den, der Gefuͤhl hat, von der Verfolgung eines Elenden abzuhalten.

31

Allein, ſo wahr und ehrwuͤrdig das alles fuͤr jeden Ungluͤcklichen im allgemeinen iſt, ja, auch fuͤr manchen Emigrirten im beſondern, ſo wahr iſt es auch, daß die Haͤupter der Emigrirten, und deren erſter, thaͤtiger Anhang durchaus es nicht ver - dienen, unter dieſer menſchenfreundlichen Bemer - kung mitbegriffen zu werden. Ich muß mich naͤ - her daruͤber erklaͤren, um den Vorwurf abzulehnen, daß ich Gefallen an dem Ungluͤcke Anderer finde.

Ich will mich gar nicht auf die Verbrechen ein - laſſen, welche die ausgewanderten Herren und Pfaffen in Frankreich vorher begangen, und da - durch ſich ſowohl an ihrer Nation, als an dem ganzen Menſchengeſchlechte verſuͤndiget haben. Dieſe Verbrechen habe ich waͤhrend meines Aufent - halts in Frankreich von 1793 bis 1795 mehr als zu viel erfahren, und beſchreibe ſie in den Be - gebenheiten des Marquis von Vilen - çon dereinſt ausfuͤhrlich. Ich frage nur: Ob ein Haufen zuͤgelloſer, deſpotiſcher Menſchen befugt war, ſich den einhellig-reclamirten und viudicirten Vor - rechten, der rechtmaͤßigen Gewalt und den gemein - nuͤtzigen Anordnungen einer gerade durch ſie aufge - wiegelten Nation nicht nur rebelliſch zu widerſetzen, ſondern auch dann noch Anſpruch auf das Mitleid und den Beiſtand anderer Menſchen zu machen, nachdem ſie alles verſucht haben, und nach Moͤg -32 lichkeit noch verſuchen, ihr bedraͤngtes Vaterland der ſchrecklichen Verwuͤſtung preis zu geben, alle Maͤchte gegen daſſelbe aufzuhetzen, und ſo Land und Leute weit und breit den verheerenden Folgen eines der entſetzlichſten Kriege bloszuſtellen: und das Alles, um nur ihre uſurpirten und zum Ruin der Nation misbrauchten Vorrechte wieder zu〈…〉〈…〉 et - ten, und dann den alten Despotismus, mit Ein - ſtimmung aller Despotieluſtigen, ſo zu befeſtigen und zu verallgemeinen, daß Menſchenrecht bloß ein leeres Wort, und Fuͤrſtenwille die einzige Richt - ſchnur unſeres Frohnlebens forthin uͤberall gewor - den waͤre? Man bedenke dieß reiflich, und uͤber - ſehe die Folgen nicht, welche die von den Emi - grirten betriebene gewaltſame Unterdruͤckung der Franzoͤſiſchen National-Reform, fuͤr alle uͤbrigen Voͤlker gewiß auch gehabt haͤtte; und ſey alsdann denen noch hold, welche dieſe Unterdruͤckung haupt - ſaͤchlich zu bewirken ſtrebten.

Ueberdieß berechne man den ſchrecklichen Scha - den und das unzaͤhlige, mannigfaltige Elend, wel - ches die Sittenloſigkeit, die Luͤgen und die Auf - hetzerey der Emigrirten weit und breit geſtiftet ha - ben, und frage ſich ſelbſt, was eine Bande werth ſey, welche das Ungluͤck von Europa, vorzuͤglich von Deutſchland, am meiſten geſchaffen hat? Man muͤßte, duͤnkt mich, weder Menſch, noch Deut -33 ſcher ſeyn, wenn man ein Geſindel beguͤnſtigen wollte, welches das Alles verſchuldet hat, und ne - benher doch noch mit Verachtung auf uns Deutſche herabblickt, als auf plumpe, unbeholfene Men - ſchen, welche nicht fuͤr gut fanden, in Maſſe auf - zuſtehen, um uns fuͤr die Vindicirung ihrer adli - ſchen und pfaͤffiſchen Vorrechte die Haͤlſe brechen zu laſſen, und am Ende zum ſchuldigen Dank in ein Joch hinein zu kriechen, wie ein Calonne, Artois und Condé es fuͤr die ganze Welt angemeſſen ge - funden haͤtten.

Die Fuͤrſten das will, das muß ich noch ſagen welche dieſe cy-devant noch jezt aufneh - men und beguͤnſtigen, moͤgen immer auf ihrer Hut ſeyn: denn bey der geringſten unruhigen Begeben - heit wuͤrden dieſe unſtaͤten, herrſchſuͤchtigen Geiſter Parthey nehmen, und das Arge aͤrger machen hel - fen. Auch moͤgen ſie es nicht uͤberſehen oder uͤber - hoͤren, mit welcher Verachtung man jezt von Fuͤr - ſten ſpricht, welche den Emigrirten Vorſchub gelei - ſtet, und dadurch Frankreichs Unwillen gegen Deutſchland ſo gereizt haben, daß Deutſchland in Jahrhunderten es nicht vergeſſen wird: daß die Unklugheit vieler ſeiner Fuͤrſten all das Ach und Wehe mitverſchuldet hat, das ganz Deutſchland noch lange fuͤhlen wird.

Dritter Theil. C34

Und welcher einſichtige Unterthan koͤnnte Ach - tung und Zutrauen zu einem Fuͤrſten hegen, der Leute beguͤnſtiget oder gar um ſich hat, deren ge - kraͤnkter Stolz und Egoismus gegen alles, was Volk heißt, ewig Rache kochen und darum auch nicht aufhoͤren wird, die hoͤhern Staͤnde gegen die untern aufzuhetzen! Aſpekten von dieſer Art entzweyen immer mehr, heben alles Zutrauen, und laſſen fuͤr die Zukunft nicht viel Gutes erwarten.

Der Koͤnig in Preußen hat vollends keine Ur - ſache, dieſen Auswurf der Menſchheit zu hegen oder zu ſchuͤtzen: ſie haſſen ihn alle, und ſprechen mit der bitterſten Verachtung von ihm, ſeitdem der Separatfriede zwiſchen den Neufranken und ihm geſchloſſen iſt. Sie prophezeihen wie Schrif - ten von ihnen ausweiſen dem Hauſe Preußen noch obendrein, nach ihrer tollen Emigranten-Po - litik, viel Uebel und Niederlagen, welche es der - einſt von Oeſtreich zu befuͤrchten haben ſoll.

Nach dieſer Abſchweifung erlaubte man mir jezt, die geweſenen Franzoͤſiſchen Herren ſo zu beſchreiben, wie ich ſie gefunden habe.

Unſer General hatte zwar verbieten laſſen, mit den Emigranten zu ſprechen, oder uns ſonſt mit ihnen einzulaſſen: er glaubte naͤmlich, dieſe geſetz - loſen Herren moͤchten durch ihr Geld unſre Leute zur Deſertion auffodern, und ſie unter ihr Corps,35 welches Einige damals ſchon die franzoͤſiſche Spiz - buben-Armee nannten, verleiten. Das hatten die Herren auch ſchon gethan, und manchen, ſogar von den trieriſchen Soldaten, zu ſich herangekirrt.

Ich gieng aber doch ſchon den erſten Tag in ein Weinhaus, wo Franzoſen ihr Weſen trieben, und ließ mich mit ihnen in ein Geſpraͤch ein. Aber ab - geſchmaktere Großſprecher habe ich mein Tage nicht gefunden, und ich kann es noch immer nicht ſpitz kriegen, wie irgend ein Deutſcher fuͤr ſolche Franzoſen einige Achtung hat haben koͤnnen! Dieſe elenden Menſchen verachteten uns Deutſche mit unſrer Sprache und unſern Sitten aͤrger, als irgend ein Tuͤrk die Chriſten verachtet. Im Wirthshauſe machte die Haustochter beym Aufwarten ein Verſe - hen; und facrèe garce d'allemande (verfluchter deutſcher Nickel) Chien d'allemand, bête d'alle - mand, con de garce d'allemande waren die Eh - rentitel, die dieſe facrès bougres d'émigrés uns Deutſchen anhaͤngten. Unſre Sprache verſtanden ſie nicht, und mogten ſie auch nicht lernen: ſie nannten ſie jargon de cheval, de cochons Pferde - und Schweineſprache, u. ſ. f.

Ich ſagte einmal bey Gelegenheit einer ſchoͤnen Tobaksdoſe, daß ich nicht Geſchmack genug haͤtte, um von dem darauf gemalten Portraͤt zu urtheilen. Que dites-vous, Mr. erwiederte ein Emigrant,36 c'eſt aſſez que de favoir le françois pour avoir le gout juſte: un homme qui ſait notre langue ne peut jamais manquer d'eſprit. Das war doch ein ſehr anmaßliches Kompliment!

Und doch waren die Deutſchen herablaſſend ge - nug, dieſen Emigranten zu hofiren und ſie zu un - terſtuͤtzen. Daruͤber habe ich mich oft recht innig geaͤrgert, und aͤrgere mich noch, wenn ich bedenke, wie geringſchaͤtzig uns die Koblenzer, die Trierer und ſelbſt die Luxemburger gegen die Emigranten - Kanaille behandelten. Ich bediene mich hier frei - lich nicht ſehr edler Ausdruͤcke: aber wie das Ori - ginal, ſo deſſen Copie!

Die Emigranten hatten damals Geld noch voll - auf, und folglich das Mittel, ſich alles zu ver - ſchaffen, was ſie geluͤſtete. Aber ſie habens auch toll genug verſchleudert! Die koſtbarſten Speiſen und der edelſte Wein, der bey ihren Bacchanalen den den Fußboden herabfloß, waren fuͤr ſie nicht koſt - bar und edel genug. Fuͤr einen welſchen Hahn zahlten ſie fuͤnf große Thaler ohne Bedenken. Mancher Kuͤchenzettel, nicht eben eines Prinzen, oder Grafen, ſondern manches ſimpeln Markis oder Edelmanns, koſtete oft vier, fuͤnf und mehr Carolins. Die Leute ſchienen es ganz darauf an - zulegen, brav Geld zu zerſplittern: ſie zahlten ge - rade hin, was man verlangte. Ich ſagte einmal37 zu einem, daß er etwas zu theuer bezahle: le François ne rabat pas (der Franzoſe zieht nichts ab) erwiederte er, und gab ſein Geld.

Das ſchoͤne Rockenbrod, welches in Koblenz geba - cken wird, wollte den edlen Herren nicht behagen: ſie aßen daher lauter Weitzenbrod, und nur deſſen Rinde: die Krume kneteten ſie in Kuͤgelchen und benutzten ſie zu Neckwuͤrfen bey Tiſche. Andere warfen die Krume geradezu aus dem Fenſter. Dieſes Benehmen hat jedoch ſelbſt die Koblenzer geaͤrgert; und ich dachte mehrmals:

Exiget ah dignas ultrix Rhamnuſia poenas!

Oder: Nur Geduld! es wird ſchon eine Zeit kommen, wo ihr weder Krume noch Rinde haben werdet.

Das iſt auch bald hernach eingetroffen: denn ſchon auf der Retirade, im October 1792, haben die ſaubern Herren mehr Noth gelitten, als wir Preußen, wenn gleich auch wir rohen Weitzen da - mals abbruͤhten und aßen vor lauter Hunger, wie man dereinſt ſehen wird.

Die Emigranten waren alle luſtige Bruͤder und Windbeutel von der erſten Klaſſe. Den gan - zen Tag ſchaͤkerten ſie auf der Straße herum, ſangen, huͤpften und tanzten, daß es eine Luſt war, anzuſehn. Sie giengen alle praͤchtig gekleidet, und trugen ſchreckliche Saͤbel. Die Saͤbel wur -38 den groͤßtentheils in Koblenz verfertiget, und ſo hatten die daſigen Schwerdfeger Arbeit und Ver - dienſt genug.

Daß Leute von dieſer Art mir nicht gefielen, nicht gefallen konnten, iſt fuͤr ſich klar. Ich nannte ſie, wie ich ſie fand, die Peſt fuͤr unſer Vaterland in jeder Ruͤckſicht, phyſiſch, politiſch und moraliſch. Man widerſprach mir, berief ſich auf die Ausge - wanderten unter Ludwig, dem Vierzehnten, und ſchloß von den Vortheilen durch dieſe auf Vortheile durch jene. Ich verſezte, daß es mit jenen ge - ruͤhmten Vortheilen nur ſo und ſo ſtuͤnde; daß, deutſch zu ſprechen, auch jene Emigration fuͤr un - ſer Vaterland in mancher Ruͤckſicht eher ſchaͤdlich als nuͤtzlich geweſen ſey, und dieß wohl noch ſey. Allein auch zugegeben, aber noch lange nicht als Wahrheit eingeraͤumt, daß jene Hugenotten, welche nach dem Widerruf des Ediktes von Nantes nach Deutſchland gewandert ſind, fuͤr Deutſchland wirklich nuͤtzlich geweſen ſeyen, ſo waͤren doch jene Emigranten mit den jetzigen im geringſten nicht zu vergleichen. Jene wanderten aus, weil ſie muß - ten, weil ihr Gewiſſen ſie druͤckte, und ſie Sankt Cal - vins Lehre mit der des heiligen Vaters zu Rom nicht vertauſchen wollten. *)Daß ſie dieß gerade darum haͤtten thun muͤſſen, um der Lehre des St. Calvins nachzukommen, ſuchte vorzeiten darzuthunUebrigens fuͤgte ich hin -39 zu waren es doch meiſt ehrliche, kunſtvolle, betrieb - ſame, ſtille Leute, deren Sitten die Sitten unſrer Vor - fahren nicht ſo ſehr verderbten, als die der jetzigen unſere. *)Ich trete den ehemaligen Hugenotten nicht zu nahe, denn es iſt wirklich an dem, wie Geſchichtkundige wiſſen, daß man ſeit dem unſeligen Widerrufe des Nanteſer Edikts eine Epoche in der Geſchichte der Sitten mancher deutſcher Provinzen machen kann. Frivolitat, Luxus und Ausſchweifungen aller Art kamen mit vielen von den damals ausgewanderten Franzoſen nach Deutſchland: und da, wohin ihr Fuß nicht gekommen iſt, ſind die Sitten noch weit deutſcher, einfacher, biederer und liebenswuͤrdiger, als dort wo die Re〈…〉〈…〉 igi〈…〉〈…〉 s ihre franzoͤſiſchen Kuͤnſte, Gewandheit, Moden, Grillen und Poſſen mithinbrach - ten. Oeſtreich, Bayern, Schwaben, Weſtphalen und andere Laͤnder ſind freylich durch die fremden Sittenlehrer nicht viel feiner geworden, aber in Bayern z. B. iſt vielleicht auf einem Dorfe mehr achter Biederſinn und altdeutſche Tugend, als in mancher andern vor Feinheit ſtrozenden Provinz: es iſt naͤm - lich nicht alles Gold, was glaͤnzt. Denn laſſen ſie uns, fuhr ich fort, die Her - ren einmal recht anſchauen: und wir werden bekennen muͤſſen, daß ſie uns weiter nicht nuͤtzen, als daß ſie unſere Kaufleute, Gaſtwirthe, Huren u. dgl. reicher machen, aber auch alles Uebrige verpeſten und zu Grunde richten, was nur ihr Hauch beruͤhrt. Als ich dieſes und mehr anderes geſagt hatte, leg - ten ſich endlich mehrere von den Anweſenden in unſer Geſpraͤch, und da wurden denn allerley ſkan - daloͤſe Hiſtoͤrchen uͤber die Herren Emigrirten auf - getiſcht. Ich erſpare ſie bis zu den Begebenheiten des Marki von Vilcuçon.

*)das beruͤchtigte Avis aux réfugiés, welches man dem be - ruͤhmten Baylr zugeſchrieben hat.
*)40

Es iſt uͤberhaupt keine laͤppiſchere Kreatur auf Gottes Erdboden, als ein franzoͤſiſcher Emigrant dieſer Zeit. Stolz und aufgeblaſen, wie der Froſch in der Fabel, verachtet er alles, was nicht ſo wie er, Franzos und von Adel iſt. Die Preußiſchen Offiziere hatten gar nicht Urſache, den Emigranten gewogen zu ſeyn: denn dieſe haben ſehr oft erklaͤrt, daß der preußiſche Adel, wie uͤberhaupt der deutſche Adel eine nobleſſe de rotare ſey; eine nobleſſe - taide; daß ein preußiſcher Offizier fût il Colonel, noch lange nicht aſſez noble waͤre, pour étre Mous - quetaire dans la maiſon du roi*)Die ſogenannten Mousquetaires waren ehedem alle von Adel. Jetzt hat dieſer Popanz ein Ende. u. ſ. w. So ſprachen die Emigranten von unſern Offizieren, und doch buhlten dieſe um ihre Freundſchaft, und waren ſtolz auf die Ehre, mit ſolchen Meſſieurs um - zugehen. Ueberhaupt haͤtten unſre Deutſche ſich ſchaͤmen ſollen, daß ſie den franzoͤſiſchen Windbeu - teln ſo nachliefen, und wohl gar glaubten, daß ſie von einer naͤhern Verbindung mit ihnen Ehre haͤtten. Dieſes Geſindel verachtete ja uns, unſre Sprache und unſre Sitten, und wir haͤtten ſie ehren ſollen?

Ich habe mich allemal geſchaͤmt, wenn ich ſah, wie manch ſonſt braver, ehrwuͤrdiger deutſcher Mann dieſen veraͤchtlichen Poſſenkindern hofirte, und ſich41 alle Muͤhe gab, ihre Geberden u. d. gl. affenmaͤ - ßig nachzumachen. Die Franzoſen ich rede hier nur von den emigrirten verdienen unſern ganzen Abſcheu, unſere ganze Verachtung, und koͤnnen nicht einmal auf die Achtung einer Gaſſennymphe, ge - ſchweige auf die eines einſichtigen braven Mannes Anſpruch machen.

Unter den Emigrirten gab es jedoch einige, wel - che ſich mit ihrem Emigriren uͤbereilt hatten, und gern zuruͤck geweſen waͤren, wenn es ohne Gefahr und mit Ehren haͤtte geſchehen koͤnnen. Dahin ge - hoͤrte in Koblenz beſonders der ehemalige franzoͤſi - ſche Geſandte, Graf von Vergennes, welcher die heimlichen Anſtalten zu ſeiner Ruͤckkehr nach Frankreich endlich bloß darum aufgab, weil man ihm ſeine Privilegien weigerte. Ich habe den Be - dienten dieſes Grafen oft geſprochen, und einen Mann an ihm gefunden, welcher von den neufraͤn - kiſchen Angelegenheiten weit richtiger urtheilte, als alle Haͤupter und Unterſtuͤtzer der Emigrirten.

Unter andern vernuͤnftigen Aeußerungen dieſes Mannes war auch dieſe, daß nicht alle Ausgewan - derte willig und frey ihr Vaterland verlaſſen haͤtten. Stellen Sie ſich, ſagte er, an die Stelle des Edel - manns oder des Geiſtlichen, und fragen Sie ſich ſelbſt, was ſie unter aͤhnlichen Umſtaͤnden haͤtten thun koͤn - nen oder thun wollen? Die Prinzen, ein Conde,42 ein Artois, ein Monſieur fodern den Adel auf, auszuwandern, um die armée contrerévolutionnaire formiren zu helfen. Sie ſprechen von einem Ein - verſtaͤndniß des Hofes mit den Hauptmaͤchten Eu - ropens, und ſchildern die Wiederherſtellung der al - ten Verfaſſung, durch deren Huͤlfe, wie gewiß. Sie erklaͤren alle, welche ſich weigern, hieran Theil zu nehmen, als infam, als Verraͤther an dem Throne, und bedrohen ſie mit den ſchrecklichſten Strafen. Was ſoll der Adliche nun thun, zumal der im Dienſte des Hofes? Bleibt er zuruͤck, und gelingt das, was ihm als ſo leicht ausfuͤhrbar geſchildert wird: ſo wird er ein Opfer der Rache, wird, als ein Feind des Mo - narchen, entweder gefaͤnglich eingezogen, ſeines Standes, ſeines Poſtens und ſeiner Guͤter[fiska - liſch] beraubt, oder uͤber die Graͤnze gejagt; und er, wie ſeine Familie, iſt beſchimpft, arm und dem Schickſale preisgegeben. Dies Verhaͤltniß hat wirklich ſehr viel Adliche angetrieben, ihr Vaterland zu verlaſſen, und zwar ſolche, welche ſonſt immer bereit geweſen waͤren, zu bleiben, und auf die Vor - rechte ihrer Geburt Verzicht zu thun.

Mit den Geiſtlichen, fuhr er fort, hatte es eben dieſe Bewandniß. Ein Geiſtlicher, der im Lande bleiben wollte, mußte der Nation den Eid der Treue ablegen. Aber ſchon dieſer Eid machte, daß er von den rechtglaͤubigen Katholiken, deren43 es anfaͤnglich noch immer ſehr viele gab, als ein widerrechtlicher, unregelmaͤßiger Prieſter angeſe - hen wurde, deſſen geiſtliche Verrichtungen man als gotteslaͤſterliche Handlungen betrachtet, und ſie ſelbſt als Gottesſchaͤnder gemieden und, je nachdem unſer Staats-Looß gefallen waͤre, exemplariſch be - ſtraft haͤtte. Zwar gab es bey uns, wie in Ita - lien, Portugal und Spanien, ſehr viel Scheinka - tholiken; und ich ſelbſt war nur dem Namen nach katholiſch: meine Voreltern waren naͤmlich refor - mirt, muſten aber zum katholiſchen Glauben uͤberge - hen, um ihre politiſche Exiſtenz nicht zu verlieren: indeſſen blieb die reformirte Lehre in unſrer Fami - lie: wir haßten die Katholiken, und gingen doch in ihre Meſſe. So haben es viele Familien der Hugenotten gemacht. *)Daß er〈…〉〈…〉 recht hatte, habe ich 1794 zu Frankreich haͤu - fig erfahren. Wozu alſo Religionszwang! Ich wuͤrde jezt, da in Frankreich jeder ſeine Religion nach Gefallen haben kann, mich, wie viele Andere oͤffentlich als Refor - mirt erklaͤrt haben, wenn mich Voltaire nicht bekehrt haͤtte. Nun aber iſt mir alles gleich viel: Pabſt, Doktor Luther, Calvin, alles iſt mir eins! Ich glaube weder dem einen noch dem andern: ſie alle treiben Hoͤkerey mit Fratzen, und die Pfaffen aller Religionen ſind immer Pfaffen.

44

Laſſen wir jetzt, unterbrach ich ihn, die Pfaf - fen Pfaffen ſeyn: ich bin nur begierig auf die Folge Ihrer Bemerkung .

Ich ſagte, daß, wenn unſre emigrirten Pfaf - fen im Lande geblieben waͤren, man ſie wegen ih - res Eides auf die neue Conſtitution als irregu - laͤre, meineidige und gottloſe Pfaffen betrachtet haͤtte: und nun denken Sie deren Schickſal bey ei - nem Verfall der Conſtitution, oder auch nur bey ei - ner Herſtellung der alten Hierarchie in Frankreich! Es wuͤrde ihnen auf jeden Fall klaͤglich ergangen ſeyn. Nein, mein Herr, wenn ja jemand mit Recht Frankreich verlaſſen hat: ſo waren es die Pfaffen, welche ſich auf ihre Pfafferey ernaͤhren mußten. Die, welche den Nationaleid geſchworen haben, um unangefochten in ihrem Vaterlande blei - ben zu koͤnnen, ſind dennoch immer in Gefahr, und werden vielleicht noch von ihren eignen Patrioten abgeſezt.*)Gegen das Ende des Jahres 1793 iſt dieſe Prophezeihung eingetroffen

Nun ſehen Sie fuhr er fort daß nicht alle Edelleute, auch nicht alle Prieſter, ohne Noth und ans bloßem Haß gegen die Conſtitution, oder aus Stolz auf ihre Praͤrogativen, oder aus Leicht - ſinn fortgelaufen ſind. Viele haben wirklich Urſa - che dazu gehabt, und unter dieſen verdienen meh -45 rere unſer Mitleid. So dieſer fachkundige Mann.

Auf die Frage, warum man denn uͤberhaupt emigrirt ſey, erhielt ich groͤßtentheils von allen de - nen, die ich darum befragte, nur Achſelzucken zur Antwort; und wenn ich denn ſo meine Anmerkungen machte, und bewies: daß es doch weit leichter ge - weſen ſeyn wuͤrde, eine Gegenrevolution alsdann zu bewirken, wenn die Herren Prinzen, mit ihrem Anhange in Frankreich geblieben waͤren, gab man mir meiſtens Recht. Aus allen Geſpraͤchen aber ſah ich, daß die, freilich mit der politiſchen Lage von Europa ſehr unbekannten franzoͤſiſchen Prinzen, feſt darauf gerechnet hatten, daß alle Koͤnige und alle Maͤchte von ganz Europa zuſammen grei - fen, und ihnen alle Huͤlfe leiſten wuͤrden. Da nun dieſes ſofort nicht geſchah, ſo ſchimpften ſie und die uͤbrigen Emigrirten auch nicht ſchlecht auf die Hoͤfe unſrer Großen, und ſchrieben hernach all und jedes Ungluͤck, das die Verbuͤndeten erlitten, dieſer Saumſeligkeit zur Laſt. Auch hatten die Herren Prinzen auf eine weit ſtaͤrkere Emigration gehofft, und beyher ſogar geglaubt, daß die ſtehende Armee in Frankreich ſich auf ihre Seite ſchlagen wuͤrde, und was der Dinge mehr ſind, worauf ein Prinz rechnet, der wohl den Ton des Hofes, aber nicht den der Nation kennt, und dann die Welt,46 wie die Menſchen darin, als ſein Eigenthum be - trachtet.

Viertes Kapitel.

Noch von den Emigranten.

Schon ehe ich von Halle gieng, hatte ich mir von den Emigranten, ſo wie von der ganzen damaligen Lage der Dinge einen Begriff gemacht, welchen ich bis auf dieſe Stunde noch keinen Augenblick Urſache gehabt habe, zu veraͤndern. Die Emigranten ha - be ich gleich Anfangs jedoch wie ſichs von ſelbſt verſteht, mit Ausnahmen fuͤr Schufte und Erz - luͤgner gehalten, und habe ſie von Grund der Seele gehaßt und verachtet, weil ich uͤberzeugt bin, daß ſie die Haupturſache des jetzigen Krieges, und des vielen unbeſchreiblichen Ungluͤcks in Deutſchland geworden ſind.

Daß ſie ſchon lange die Blutegel geweſen wa - ren, welche ihren Landsleuten, den Einwohnern von Frankreich, das Blut ausſaugten, und eine ihren Regenten, auch dem allerſchwaͤchſten, ich meyne, einem Ludwig dem Funfzehnten, ſo treu und bis zum Enthuſiasmus ergebene Nation end - lich in Harniſch jagten, und folglich die Revolu -47 tion gewaltſam herbeyzogen iſt klar am Tage und bedarf keines Beweiſes: das geſtehen ſogar die Herren Girtanner und Conſorten, und dann muß es doch wohl ſo ſeyn. Die ſchaͤndlichen Menſchen Artois, Condé, Provence, Lamballe, Po - lignac und hundert andre traten die Nation ſo lan - ge mit Fuͤßen, bis dieſe endlich das fuͤrchterliche Joch abſchuͤttelte, und bis das Gebaͤude des Deſpotis - mus uͤber dieſe Unmenſchen ſelbſt zuſammenſtuͤrzte.

Nun rennten dieſe elenden Menſchen aus ihrem Lande und poſaunten in der ganzen Welt herum aus: Frankreichs Verfaſſung ſey zu Grunde gerich - tet: in Frankreich herrſche Anarchie; und wenn nicht alle Monarchen hier haͤlfen Einhalt thun: ſo ſtaͤnde ihnen das Naͤmliche bevor. Sie fanden hin und wieder Gehoͤr, und durch ihre ſcheuslichen Luͤgen und verdrehte Nachrichten zogen ſie mehrere Großen in ihre Parthey, bis endlich ihr Zweck er - reicht war, das iſt, bis ſie einen Krieg angezettelt hatten, welcher fuͤr ihr Vaterland und fuͤr ganz Europa ſo ſchrecklich geworden iſt.

Als ich in Koblenz war, fragte ich mehrmals nach den Angelegenheiten Ludwigs XVI. und der Regierung von Frankreich, bekam aber nirgends befriedigende Antwort.

Hier iſt mein Geſpraͤch mit Hn. Gronard von Caen!

48

Ich: Aber Herr Gronard, da Sie zugeben, daß die Bedruͤckung des Volks in Ihrem Lande die naͤchſte Urſache der Rebellion geweſen iſt: ſo ſagen Sie mir doch: ſah denn der Koͤnig das Ungewitter nicht vorher?

Grouard: Niemals!

Ich: Aber man hats ihm doch immer und derb genug vorhergeſagt.

Er: Und doch hat er es nimmer begreifen koͤnnen! Der hergebrachte Herrſcherſtolz, von Hoͤf - lingen unterſtuͤzt, haͤlt dergleichen fuͤr unmoͤglich. Und dann iſt der Koͤnig ein recht guter Mann, aber er iſt, wie alle Burbonniſchen Prinzen*)Er hatte recht: alle Burbonniſchen Prinzen, ſelbſt Heinrich IV. troz ſeiner Pan〈…〉〈…〉 airiſten, waren ſchwache Koͤpfe. Man leſe Eloge hiſtorique de l'Abbé Mably. ſchwach.

Ich: Aber ein ſchwacher Koͤnig, wohl verſtan - den ein Koͤnig, nicht ein Menſch, der ſchwach iſt, iſt allemal ein ſchlechter Koͤnig.

Er: (Zuckt die Achſeln.) Wahr, Freund! Der Koͤnig hat ſeine großen Fehler: aber er iſt wahrlich nicht Schuld an den Unordnungen: er haͤngt zu ſehr von ſeiner Gemahlin ab.

Ich: So? Er haͤngt von ſeiner Gemahlin ab? Und von wem haͤngt denn die ab?

49

Er: Von der Spielſucht, vom Stolz, von der Sucht, ſich Kreaturen zu machen, und vom Wie - ner Hofe.

Ich: Weiß man denn in Frankreich, daß Ma - dam Antoinette vom Wiener Hofe regiert wird?

Er: Leider zu gut! Auch ſind ſelbſt unſre Prinzen, beſonders Condé, daruͤber laͤngſt aͤrger - lich geweſen; allein ſie durften dem Unweſen nicht ſteuren.

Ich: Warum denn nicht? Was konnte Ihnen der Wiener Hof ſchaden oder nuͤtzen?

Er: Mehr, als Sie ſich vorſtellen. Sehn Sie, es iſt nicht von vorgeſtern, daß man eine Revolution in Frankreich befuͤrchtete. Brach dieſe aus, ſo mußte man einen Hinterhalt haben; und wer in ganz Europa war wohl beſſer im Stande, dieſen Hinterhalt zu leiſten, als eben Oeſtreich? Alſo war es, denk ich, immer klug, einer Perſon nachzugeben, welche das Haus Oeſtreich in das Intereſſe der franzoͤſiſchen Herren ziehen, und dar - in erhalten konnte. Es iſt auch gelungen: Oeſt - reich hat unſre Hof-Parthey zuerſt ergriffen.

Ich: Ja wohl; aber zu ſeinem eignen Scha - den, und zum Verderben des koͤniglichen Hauſes in Frankreich, wie die Zeit lehren wird.

Dritter Theil. D50

Er: Herr, reden Sie doch nicht ſo! Verbun - den mit Preußen und Oeſtreich werden wir bald mit de〈…〉〈…〉 e bellen fertig ſeyn.

Ich: Das wird ſich weiſen!

Ein andrer Emigrant hatte uns zugehoͤrt, und fiel ein: Ja ja, mein Herr, Monſieur Grouard hat Recht. Sie duͤrfen ja nicht glauben, daß die elenden Wichter in Frankreich (ces marauts de Fran - ce) uns was anhaben werden!

Ich: Sie geben ihren Landsleuten ſchoͤne Titel!

Emigrant: Ei, was Landsleute! Schurken ſind es, eingemachte Baͤrenhaͤuter (gueux fieffés) elendes Geſindel (canaille); und wer wollte da ſagen, das ſeyen Landsleute von Maͤnnern unſers Gleichen!

Der ſaubre Herr ließ ſich noch weiter mit der frechſten Ausgelaſſenheit uͤber gar viele ſchon da - mals beruͤhmte Maͤnner in der Nationalverſamm - lung aus, wie ein Troßbube: beſonders bekam der geweſene Herzog von Orléans, damals Egalité, ſeine derben Hiebe. In Abſicht dieſes freylich erz - abſcheulichen, elenden Menſchen, waren die Emi - granten an ſkandaloͤſen Hiſtoͤrchen und Schimpf - woͤrtern ganz unerſchoͤpflich.

Von der Koͤnigin habe ich keinen Emigranten gut ſprechen hoͤren: uͤberhaupt meynten ſie, ſchick - ten ſich die oͤſtreichiſchen Maͤdchen (Filles d'Autriche) nicht auf den franzoͤſiſchen Thron: und ſie fuͤhrten51 dabey das Beyſpiel der Anna von Oeſtreich, Ludwigs XIII. Gemalin an. Das Buͤchlein: Vie privée de la Reine de France und die Mémoire de M. Lamotte de Valois hatten auch einige geleſen, und geſtanden gern, daß das meiſte darin wahr ſey; doch aber ſollen auch viele Unrichtigkeiten mit un - tergelaufen ſeyn. *)Von einem Vie privée de Marie Antoniette, femme du dernier Paris in 12. (3 Theile) rede ich weiter unten.

Dadurch nun, daß die Emigranten die allerluͤ - genhafteſten Vorſtellungen von der Lage ihres Va - terlandes verbreiteten, ſind ſie eigentlich die rechten Stifter, die rechte fax und tuba des fuͤrchterlichen Krieges und aller ſeiner graͤuelvollen Folgen ge - worden. Man hat ihnen, leider, auf die unverant - wortlichſte Art geglaubt; und die abgeſchmackten Zeitungsſchreiber, beſonders der zu Wien, Bayreuth, Neuwied und Leipzig, haben die Luͤgen des elenden franzoͤſiſchen Hofgeſindels nachpoſaunt, und dadurch unſerm leichtglaͤubigen deutſchen Publikum eine Brille aufgeſetzt, die jezt viele Provinzen in tiefer Trauer verwuͤnſchen. Aber ich mag mich nicht laͤnger bey einer Sache aufhalten, welche, leider, mehr als zu bekannt iſt.

Von dem traurigen Sittenverderben, welches die Emigrirten in Deutſchland geſtiftet haben, bin ich auch Zeuge geworden. Hier in Koblenz, ſagte52 ein ehrlicher alter Trieriſcher Unteroffizier, giebts vom zwoͤlften Jahre an keine Jungfer mehr: die verfluchten Franzoſen haben hier weit und breit alles ſo zuſammen gekirrt, daß es Suͤnde und Schande iſt.

Das befand ſich auch in der That ſo: alle Maͤd - chen und alle noch etwas brauchbaren Weiber, ſelbſt viele alte Betſchweſtern nicht ausgenommen, wa - ren vor lauter Liebeley unausſtehlich.

Gerade gegen dem Kloſter uͤber, wo ich im Quartier lag, war ein Weinhaus, deſſen drey Toͤchter die Franzoſen haufenweiſe an ſich zogen. Ich gieng eines Tages auch mit einem Emigrirten hinein. Il y a la trois couplets, ſagte er, a peux re - freins. *)Das iſt eine ſehr feine Unflaͤterey, welche nur in dem Munde eines ſchluͤpfrigen Franzoſen witzig klingt.Als wir hinkamen, ſaßen die drey Haus - nymphen den Franzoſen auf dem Schooße, und hoͤrten ihren unſauberen Reden mit dem groͤßten Vergnuͤgen zu. Bald hernach fanden ſich noch mehr Dirnen ein, und es gieng da wenigſtens ſo arg her, als in der Talgfabrike oder in der Tran - pulle zu Berlin wohl nimmer: man gieng ab mit den Menſchern, und kam mit ihnen zuruͤck, mir nichts, dir nichts. Mein Begleiter, der ohne Zweifel glaubte, daß ich kein Geld haͤtte, um eine53 Buhldirne fuͤr ihr Verdienſt zu begnuͤgen, erbot ſich, dreißig ſous fuͤr mich zu zahlen: denn mehr, meynte er, wuͤrde eine ſolche Mamſell von einem pauvre pruſſien doch nicht verlangen. Der Ausdruck: pauvre pruſſien, wuͤrde mich im Munde eines Emigrirten ſehr geaͤrgert haben, aber wegen ſeiner Gutmuͤthig - keit lachte ich daruͤber, und nahm das Anerbieten nicht an.

Der General unſeres Regiments ließ alle Sol - daten vor dem Umgang mit den Koblenzer Mam - ſellen ernſtlich warnen: er wußte wohl, daß ſie von den ausgewanderten Franzoſen ſamt und ſon - ders mit einem Geſchenke begabt waren, welches er bey ſeinen Leuten nicht gerne haͤufig geſehen haͤtte. Indeſſen half doch die Warnung nicht gar viel; denn ich habe nachher bemerkt, daß viele mit der fran - zoͤſiſchen Krankheit aus Koblenz gezogen ſind: manche ſind hernach auch in den Lazarethen daran geſtorben. Dieſe Erfahrung hat aber manchen Ehe - mann tolerant gemacht. Denn nach der Zuruͤck - kunft nach Halle fanden ihrer mehrere ihre Fami - lie ohne ihr Zuthun vermehrt; druͤckten aber wegen des Aehnlichen in Coblenz und anderwaͤrts ein Auge zu, und behielten ihr Hauskreuz in Geduld.

In Coblenz muß die Patrouille die praktiſiren - den Verliebten, welche ſie in den Winkeln der Straßen antrift, anhalten, und auf die Haupt -54 wache abfuͤhren. Die Geiſtlichen ſind davon aus - genommen, fuͤr welche unter dieſen Umſtaͤnden eine Wache ein gar zu profaner Aufenthalt ſeyn wuͤrde. (Man denke!) Anfaͤnglich, wie man mir geſagt hat, wurden auch viele Franzoſen mit ihren feilen Liebchen dahin abgefuͤhrt, und troz ihres Fut - terns, Proteſtirens und Geldbietens bis an den Tag dort gehalten, und dann an die Polizey gemeldet. Da aber dieſe fuͤr gut fand, es mit den franzoͤſi - ſchen Herren nicht gar ſtrenge zu nehmen: ſo wur - den die Koblenzer Soldaten bald gewitzigt, ließen ſich bezahlen, und die Winkel-Mosjehs treiben, was ſie wollten; ja endlich wurden ſie gar ſelbſt ihre Spediteurs, und hatten an ihrer Caſerne, fuͤr einige Batzen, Waare von der Art nach Belieben.

Die Maͤdchen zu Coblenz reichten nicht hin fuͤr die Emigranten, und fuͤr die daſelbſt hernach haͤu - fig durchziehenden deutſchen Voͤlker: es kam daher von weit und breit viel Geſindel dorthin zuſammen, und theilte mit den Koblenzerinnen ihre verdienſtliche Arbeit. Anfaͤnglich giengen die lockern Thierchen ſchlecht gekleidet, warfen ſich aber, durch die Frei - gebigkeit der Franzoſen, bald ins Zeug, und er - hoͤheten hernach auch, wie billig, den Preis ihrer Reize, welche zwar an innerer Konſiſtenz durch den ſtarken Gebrauch ſehr verloren hatten, doch aber immer mit beſſern Lappen ausſtaffirt wurden.

55

So wie in Koblenz hatten es die Emigrirten an allen Orten gemacht, wohin ſie nur gekommen wa - ren. Der ganze Rheinſtrohm von Baſel bis Koͤlln iſt von dieſem Auswurf des Menſchengeſchlechts vergiftet und verpeſtet, und die Spuren der graͤu - lichen Zerruͤttung in den Sitten werden in jenen un - gluͤcklichen Gegenden noch lange erſchrecken. Es ergiebt ſich daher von ſelbſt, daß alle Landesherren, welche franzoͤſiſche Emigranten in ihren Laͤndern be - guͤnſtigten, ſich an ihren Unterthanen ſchaͤndlich und jaͤmmerlich verſuͤndigt haben. Freylich iſt es hart, Fluͤchtlingen einen Zufluchtsort zu verſagen: aber wenn das hart iſt, ſo iſt es im Gegentheil abſcheu - lich, ein Geſindel einniſten zu laſſen, welche das biſſel gute deutſche Sitten vollends zu Grunde rich - tete, und die infame Krankheit, welche man ſchon in den Rheingegenden Emigranten-Galante - rie nennt, allgemein machte und allen Staͤnden mittheilte. Haͤtte auch jeder ausgewanderte Fran - zoſe ganze Kaſten voll Gold mit nach Deutſchland gebracht, ſo waͤre das doch lange kein Erſatz fuͤr das Elend, worin ſie unſre deutſchen Weiber und Maͤdchen, und durch dieſe einen ſo großen Theil unſrer luͤſternen Jugend geſtuͤrzt haben. Man gehe nur an den Rhein und frage: und ich weiß, daß man uͤber die Antwort erſtaunen und erſchrecken wird. Schon allein in Koblenz fand man uͤber56 700 infizirte Weibsperſonen, als man ihnen nach - her unentgeldliche Heilung anboth.

Fuͤnftes Kapitel.

Noch einmal von den Emigranten.

Die Emigranten waren alle gewaltige Windbeutel und fuͤhrten einen Ton, wie ein Faͤhndrich von vor - geſtern, doch mit dem Unterſchiede, daß der Herr Faͤhndrich oft auch noch etwas Baurenflegeley mit ſeinem Junkerſtolz verbindet, die wenigſtens bey den Franzoſen nicht iſt, wie ich ihnen zum Ruhme nachſagen muß. Allein vom Stolz und von der Bengeley der jungen Faͤhndriche werde ich wei - ter unten Gelegenheit zu ſprechen haben: fuͤr jetzt habe ich mit den Emigranten zu thun.

Alſo dieſe waren ſtarke Windbeutel, prunkten und prahlten mit Sternen und Ordenskreuzen, oft unterſchobnen, und ſpielten den Groshans laͤcherlich unbeſchreiblich. Wenn man ſie reden hoͤrte, haͤtte man glauben ſollen, ſie haͤtten alle Reichthuͤ - mer der Welt, und waͤren aus den groͤßten und vornehmſten Familien in Frankreich. Mein Vetter der Duc, meine Baſe die Ducheſſe, mein Onkel der Comte, mein Schwager der Marquis u. ſ. w. lie -57 ßen die Leutchen jedesmal einfließen, wenn ein Fremder, auch nur ein ſehr geringer z. B. ein Kerl, wie ich, ihre Gelage beſuchte. Sie hatten es recht gern, wenn man ſich nach ihrer Familie, und nach ihren ſonſtigen Verhaͤltniſſen erkundigte: dann er - goſſen ſie ſich mit thraſoniſcher Beredſamkeit uͤber ihre und ihrer Vorfahren Heldenthaten: vergaßen denn auch die nicht, welche aus ihrem Stamme ehedem Biſchoͤfe, Praͤlaten und Aebte geweſen wa - ren. Ich habe oft lachen muͤſſen, wenn mir emigrirte Kaufleute erzaͤhlten, wie ihr Geſchlecht ehedem ſehr noble*)Das Wort noble bedeutet jetzt in der republikaniſchen Spra - che ſo viel als liederlich, veraͤchtlich u. ſ. w. Von dieſer merk - wuͤrdigen Veraͤnderung der Wortbedeutungen in Frankreich rede ich an einem andern Orte weitlaͤufiger. geweſen, hernach aber durch den großen Aufwand derer von ihnen, welche im Militaͤrſtande gedient haͤtten, zur Armuth herabgeſunken, und die Familie dadurch endlich genoͤthigt worden ſey, ſich der Kaufmannſchaft zu widmen, nur um Mittel zu fin - den, dem Hauſe ſeinen alten Glanz (ſon prémier lu - ſtre) wieder herzuſtellen. So ſtolz waren ſelbſt ver - loffene Kraͤmer aus Frankreich! Was mag wohl ein Kerl werth ſeyn, der hauptſaͤchlich arbeitet, um erſt reich zu werden, und dann als Edelmann wieder paradieren zu koͤnnen! Aber, leider, be - deutete adelich und geehrt in Frankreich ſonſt58 gleichviel, wenn gleich das eine das andere mei - ſtentheils wirklich aufhob. Dank ſey es der deut - ſchen Aufklaͤrung, daß adelich bey uns einen ganz anderen Begriff zu bezeichnen anfaͤngt! Man leſe den vierten Band von Friedrich Brack, und erbaue ſich zur Herzſtaͤrkung aller Edlen!

Mit dem Manifeſte des Herzogs von Braun - ſchweig waren die Herren gar nicht zufrieden: ſie wa - ren hier uͤberſehen, die ſich Goͤtter der Erde duͤnkten. Daß die Patrioten in Frankreich bald geſtuͤrzt wer - den wuͤrden, war bey ihnen wie gewiß. Nun fuͤrch - teten ſie, indem das Manifeſt nichts ausdruͤckliches von der Wiederherſtellung des Adels enthielt, ſie moͤgten an ihren cy devant Privilegien, Vorzuͤgen, Aemtern, Penſionen u. d. gl. verlieren, und wur - den dem Herzog deswegen gram. Der Aerger dar - uͤber vermochte ſo viel, daß auch in ihrem Namen ſie ein Manifeſt nach Frankreich ſchickten, welches wie der Augenſchein lehrt, ohne Zweifel von einem ſtolzen Edelmann und einem herrſchſuͤchtigen Pfaf - fen zuſammengeſtoppelt iſt. Ich habe niemals ei - nen Aufſaz geleſen, welcher ſo viel edelmaͤnniſche,〈…〉〈…〉 pertinente Poltronerie, und ſo viel tollen, pfaf - fiſchen Aberwitz enthalten haͤtte, als dieß Mani - feſt der Emigrirten. Der Wiſch verdient keine naͤ - here Erwaͤhnung. Der Henker hat das Ding hier und da in Frankreich verbrannt. Der Koͤnig von59 Sardinien heißt darin der Neſtor der Koͤnige! Guter Neſtor von Pylos, muſt du dich noch mit dem Viktor Amadeus von Sardinien vergleichen laſſen! Gorani kannte ihn beſſer. Er ſchildert ihn in ſeinen Nachrichten von Italien. Aber freilich geht es dem guten Viktor Amadeus, wie dem Neſtor:

quaerit ab omni Quisquis adelt ſocio, cur haec in tempora duret.
*)Iuvenalis Sat. X.
*)

Obgleich die Emigrirten alle ſchrecklich bra - marbaſirten, und ganz impertinent enthuſiaſtiſch fuͤr ihren Koͤnig, ihren Adel, und ihre Pfafferey ſpra - chen, ſo merkte man doch bald, daß manche gute Patrioten unter ihnen herumſchlichen. Wie konnte dieſes auch anders ſeyn! Es war ja ſo leicht, die Gaͤnge der Emigranten auszuſpaͤhen, und die Na - tional-Verſammlung oder vielmehr in derſelben jene, welche eigentlich die Stuͤtzen der Nation wa - ren, daruͤber zu belehren. Dieſer Gedanke mußte ſchon den einen und den andern von den Patrioten anreizen, ſich unter die wahren Emigranten zu miſchen, und durch Ausſpaͤhung ihrer donquiſchotti - ſchen Anſtalten dem Vaterlande zu nuͤtzen.

Zu Koblenz gaben die eigentlichen Emigrirten einige von dieſen an, unter andern den Grafen von Vinaiſal, Ritter der koͤniglichen Orden und Co -60 lonel bey der Maiſon du roi; ſodann den Marquis von Pontbruiant, Major-géneral. Mein Hauptmann war gerade damals, als man ſie ein - zog, auf der Hauptwache, und ich mußte hin, um mit dieſen Herren zu reden, und den Dolmetſcher vorzuſtellen. Der Graf war ein alter Wolluͤſtling, und daher ſchien er mir gleich eben kein ſtarker Pa - triot zu ſeyn: der Marquis war ein junger feuriger Mann, der mir als hoͤchſt verſchmizt vorkam. Um ihn auf die Probe zu ſtellen, nicht zu verra - then fing ich an, Emigrantenmaͤßig aufzuſchnei - den, und die großen Thaten anzufuͤhren, welche wir, vereint mit den Emigrirten, gegen die Pa - trioten verrichten wollten. Der Marquis machte zu meinem Geſchwaͤtze eine Mine, die mir mehr ſagte, als Worte je konnten; und ſeine ganze Ant - wort war: daß man wohl mehr Schwierigkeiten finden wuͤrde, als man glaubte. Von Mirabeau ſagte er: er iſt zwar unſer Feind, doch immer ein großer Kopf. Dieſe Sprache, im Munde eines Emigranten, zeigte mir den[Mann]; und gerne haͤtte ich ihm meine Gedanken mitgetheilt, aber die Furcht vor den Juden, wie Bahrdt zu ſagen pflegte, hielt mich zuruͤck. Beyde Herren ſind hernach nebſt andern entlaſſen; aber auch Beyde haben ſich nach ihrem Vaterlande zuruͤckbegeben: das hoͤrten wir bey Verdun.

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Als der Herzog von Braunſchweig inne ward, was er leicht voraus haͤtte ſehen koͤnnen, daß ſich unter den Ariſtokraten Patrioten aufhielten, befahl er: Niemanden in Coblenz ein - oder auszulaſſen, ohne einen Paß entweder vom franzoͤſiſchen Kom - mandeur oder von dem Preußiſchen General Cour - biere. Allein dieſes half wenig: denn Paͤſſe wa - ren bald nachgemacht. Man griff daher zu andern Mitteln, und ließ alle in Coblenz befindliche Emi - granten namentlich aufſchreiben. Ich habe dieſes Geſchaͤft einige Male mitverrichtet. Die Emigran - ten gaben zwar, weil es einmal ſo ſeyn mußte, ihre und ihrer Weiber und Toͤchter Namen an: allein ſie wurden uͤber dieſes Aufſchreiben, als et - was, das ſie erniedrige, ſehr erboßt.

Bey dieſer Gelegenheit habe ich bemerkt, daß manche Franzoͤſiſche Schoͤnen mehr Einſicht ver - riethen, als mancher deutſche Offizier Lebens - art. Ein Graf naͤmlich deſſen Namen ich ver - geſſen bin logirte gerade gegen einem Hauſe uͤber, worin einige Offiziere unſeres Regiments ihr Quartier hatten. Dieſe Offiziere vigilirten, wie man in Halle ſpricht, oder nach einem andern Dialekt, glimmerten von fruͤh bis auf den Abend nach den beyden ſehr ſchoͤnen Toͤchtern dieſes Gra - fen. Als ich nun, meinem Auftrage gemaͤß, die62 Namen dieſer Familie verzeichnet hatte, fragte die eine Dame: wer ſind denn die Herren dort druͤ - ben im Fenſter?

Ich. Das ſind Offiziere von unſerm Regi - ment.

Dame. Das muͤſſen Leute ſeyn, die nicht zu leben wiſſen. Den ganzen Tag liegen ſie im Fenſter und gucken nach uns.

Ich. Ohne Zweifel, meine Damen, um Ihre Schoͤnheit zu bewundern.

Dame. So? Iſts denn vielleicht in Deutſch - land Mode, daß man nach dem Frauenzimmer mit Lorgnetten hinblickt, dann unter ſich lacht, und allerley poͤbelhafte Geberden macht, als wenn man, wer weiß, was laͤcherliches oder auffallen - des geſehen haͤtte? Nein wahrlich, das iſt grob und ſehr ſchlechte Lebensart.

Graf. Meine Tochter, wenn es dir nicht anſteht, von den Offizieren begafft zu werden, ſo bleib vom Fenſter weg.

Dame. Nein, Papa, den Herren zum Troz will ich und die Schweſter uns hinſtellen, und uns ſtundenlang begaffen laſſen. Die Leute werden vielleicht doch dadurch ſehen, daß wir ſie fuͤr Ge -〈…〉〈…〉 e halten.

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Ich. Madame*)Das Wort Mademoiſelle war ganz verbannt, und nur noch in der Anrede an〈…〉〈…〉 Maͤdchen Mode. Jedes Frauenzim - mer, das nur ein wenig mehr war, als eine Kammerjungfer, hieß Madame verſteht ſich bey d〈…〉〈…〉 Em〈…〉〈…〉 n. In Frankreich iſt Mademoiſelle ohnehin jezt Ko〈…〉〈…〉 bande: denn alles heißt jezt dort Bu〈…〉〈…〉 ger oder Bu〈…〉〈…〉 gerin., thun Sie das nicht: die Herren denken ſonſt gar, Sie und Ihre Schweſter ſeyen in ſie verliebt.

Dame. (lachend) Ah, les bêtes, les bêtes! (Sie ſtellt ſich wirklich mit ihrer Schweſter ans Fenſter, lacht, und laͤßt ſich von den Offizieren nach Herzensluſt begaffen. Die Offiziere nehmen das fuͤr ein Zeichen der Gewogenheit, und ſpren - gen nun uͤberall aus: die franzoͤſiſchen Maͤdel mit den niedlichen Geſichtchen ſeyen verliebte Luder - chen.) Offiziere ſollten doch ſo poͤbelhaft weder handeln, noch ſprechen.

Das Aufzeichnen der Namen war auch frucht - los: alſo befahl der Herzog, daß ſich alle Emi - granten, ihre Kranken allein ausgenommen**)Unter den Emigranten waren ſehr viele durch und durch veneriſch., ſofort aus Coblenz und allen Orten, wo Preußen waͤren, wegbegeben ſollten. Einen aͤhnlichen Be - fehl gab auch der Kurfuͤrſt von Trier; aber der Be -64 fehl von dieſem haͤtte ohne den des Herzogs wenig gefruchtet. *)Der Befehl des Kurfuͤrſten war gedruckt, und aͤrgerte die Herren um ſo mehr, da er, aller Orten angeſchlagen, all - gemein zu leſen war. Dieß brachte einige von ihnen ſo ſehr in Harniſch, daß ſie geradesweges auf das Rathhaus liefen, und daſelbſt ſo viel Aufhebens daruͤber machten, daß man aus Furcht vor ihnen den Befehl endlich abriß. Ohne die ernſtliche Dazwiſchenkunft des Herzogs haͤtten ſie alſo ihr unweſen in Koblenz gewiß noch weiter getrieben.

Der ernſtliche Befehl des Herzogs machte gleichfalls viel Bewegung unter den Emigranten; aber vergebens. Selbſt die Herren Coblenzer woll - ten es hoͤchſt unbillig finden, daß man ſo viel brave, um das Trierland (durch ihre Verſchwen - dungen) ſo wohlverdiente Leute fortjagen wollte. Die Emigranten ſchwuren hoch und theuer, daß es hoͤchſt ſchimpflich ſey, von den Preußen vertrieben zu werden, aber jezt muͤſſe man ſich in die Zeit ſchicken. Sie ſchienen ſogar zu glauben, daß es eigentlich auf ſie haͤtte ankommen ſollen, ob deut - ſche Truppen uͤberhaupt, alſo ob auch wir Preu - ßen, in Koblenz ſeyn duͤrften oder nicht. Dieſer Wahn plagte ſie, weil ihnen der Kurfuͤrſt von Trier, als der Herr Vetter von ihren Prinzen, ſo - wohl in Civil - als Militaͤrſachen alle Gewalt uͤber - laſſen und beſtaͤtigt hatte. Sie waren eben darum in ihrer uͤbertriebnen Impertinenz anfaͤnglich ſoweit65 gegangen, daß ſie ſogar foderten: der Herzog ſolle den Rapport jeden Tag an ihre Prinzen einſchicken, wie wenn der Herzog von Braunſchweig Subalterngeneral des Artois oder des Pro - vence geweſen waͤre.

Nach langem Zaudern alſo denn der Befehl des Herzogs wurde nicht ſtraks befolgt zogen die Emigranten endlich aus Koblenz. Es waren ihrer mehrere tauſend. Der Abzug geſchahe des Nachts, weil ſie ſich ſchaͤmten, am hellen Tage eine Stadt zu verlaſſen, wo ſie ſo lange den Mei - ſter geſpielt hatten. Ihnen folgte vieles Lumpen - geſindel, beſonders weiblichen Geſchlechts, aus Koblenz nach. Sie nahmen ihren Weg nach Neu - wied, Limburg, Bingen und ſonſt wohin, wo vor - her ſchon alles von ihnen vergiftet worden war, und nun noch weit mehr vergiftet wurde.

Man haͤtte denken ſollen, die Koblenzer wuͤrden nach dem Abzuge der Franzoſen hoͤflicher gegen uns geworden ſeyn: aber ſie blieben grob, ja ſie wurden noch groͤber; denn ſie ſahen uns als die Urſache von der Entfernung von[Leuten] an, die zwar ihre Wei - ber und Toͤchter mit der veneriſchen Krankheit nach allen Graden angeſteckt, aber zur Schadloshaltung doch brav Geld in die Stadt und in die umliegende Gegend geſchleppt hatten.

Dritter Theil. E66

Die Geſchichte der Emigranten muß ich leider in der Folge noch mehrmals beruͤhren: und darum mags fuͤr dießmal hier davon genug ſeyn. Ich ſage nur noch: Wehe allen denen, welche ihren Aufent - halt in Deutſchlamd beguͤnſtigten!

Sechſtes Kapitel.

Begebenheiten in Koblenz und im Lager bey Koblenz.

Ich denn mein theures Individuum laſſe ich niemals aus den Augen: was waͤre das auch fuͤr eine Biographie von mir ſelbſt, wenn ich nicht im - mer auf dem Theater bliebe, oder doch hoͤchſtens nur dann und wann hinter die Kuliſſen traͤte? Alſo ich befand mich in Koblenz ganz gut, und da ich meinem Hauptmann und andern Offizieren als Dol - metſcher diente, ſobald man mit Franzoſen zu thun hatte, ſo war ich von allen Dienſten frey, und konnte meine Zeit nach Wohlgefallen anwenden. Meiſtens ſaß ich bey Emigranten im Weinhauſe oder bey einem gewiſſen Preußiſchen Feldjaͤger, welcher ein ganz heller Kopf und braver Mann war.

Eines Tages erlebte ich in Koblenz eine uner - wartete Schnurre. Ich kam fruͤh aus meinem67 Quartier und wollte aus einem Laden an der Moſel - bruͤcke Tobak holen. Eine Frau von wenigſtens 40 Jahren lag am Fenſter und rief mir zu: Wo - hin Mosjeh?

Ich: Tobak holen, Madam!

Sie: Ei, und das ſo eilig?

Ich: Allerdings, ich habe kein Korn mehr.

Sie: Kommen Sie doch ein wenig herein!

Ich thats, um zu ſehen, was Madame wollte: und da gieng unſer Geſpraͤch folgender Geſtalt fort.

Sie: Haben Sie denn keinen Schatz zu Koblenz?

Ich: Bewahre mich der Himmel vor den Koblen - zer Schaͤtzen: die Menſcher ſind ja alle veneriſch!

Sie: Das iſt auch wahr: aber es giebt doch noch welche, die nicht ſo ſind: das koͤnnen Sie mir glauben.

Ich: Ja wohl: aber wer noch nicht ganz und gar des Teufels iſt, haͤngt ſich nicht an einen Soldaten.

Sie: Warum denn nicht? Ich ſelbſt bin keine Feindinn von den Herren Preußen.

Ich ſtuzte, ſchaute der Dame ins Geſicht, und bemerkte, daß ſie beynahe keine Zaͤhne mehr hatte; folglich phyſiſch eben ſo haͤßlich war, als moraliſch: ich griff alſo nach der Thuͤre, und wollte fort, er - hielt aber nicht eher die Erlaubniß dazu, bis ich ihr verſprochen hatte, noch denſelben Tag zu ihr zuruͤck zu kommen. Ich hielt indeß mein Wort nicht,68 erzaͤhlte aber dieſen Vorfall einem Burſchen von unſerer Kompagnie, der gleich nachher hingegan - gen war, ſie aufzuſuchen, um die Stelle bey ihr einzunehmen, welche ſie mir zugedacht hatte. Der Burſche hat ſich, wie er mir eingeſtand, recht gut dabey befunden. So arg war die Delikateſſe der Koblenzer Damen abgeſtumpft!

Ueberhaupt war es ſehr leicht, bey den dortigen Damen und Mamſellen anzukommen: durch die Zuͤgelloſigkeit der Emigranten ſelbſt zuͤgellos ge - macht, trieben ſie ihre Frechheit und Unverſchaͤmt - heit ins Wilde. Eine Kaufmannstochter ich meyne hier das pockige Maͤdchen neben dem Bar - barakloſter ſagte ganz oͤffentlich, daß ſie ihre Jungferſchaft fuͤr 6 Carolins, oder 39 Thlr. an einen Franzoſen verkauft haͤtte: andere geſtanden eben ſo frey heraus, daß ſie ſo und ſo viele Lieb - haber unter den Emigrirten zugleich gehabt haͤt - ten. Nein, ſo verdorben waren die deutſchen Maͤd - chen ſonſt nie! Doch genug davon!

Nach ohngefaͤhr zwoͤlf Tagen ruͤckten wir in ein Lager, eine Stunde von Koblenz, wo der Koͤ - nig ſeine Armee muſterte. Bey dieſer Muſterung aͤußerten die groben franzoͤſiſchen Prinzen, daß dieſe Parade fuͤr Deutſche ſchon ganz gut ſey. Ich wundre mich, daß der Herzog von Braunſchweig, gegen welchen der Graf von69 Provence ſo geſprochen hat, dieſem Poltron nicht auf der Stelle eine derbe Ruͤckantwort gegeben hat: aber er ſtrafte ihn nur mit Verachtung. Man ſieht indeß, wie hoch dieſe Leutchen ſich und ihre Horde taxirten! Und doch waren eben ſie es mit, um derer willen wir uns zur Schlachtbank anſchick - ten!

Ueber den geringen Aufwand, den der Herzog machte, raͤſonnirten die Emigranten auch nicht we - nig. Sie meynten, er muͤſſe ein ſehr armer Teu - fel von Fuͤrſten ſeyn, daß er nicht mehr aufgehen ließe. Aber ſo urtheilten Menſchen, denen weiſe Sparſamkeit ganz fremde war, und die ihr Lob und ihre Groͤße in der unſinnigſten Verſchwendung ſuchten.

Der Marketender unſers