PRIMS Full-text transcription (HTML)
Reiſe eines Lieflaͤnders von Riga nach Warſchau, durch Suͤdpreußen, uͤber Breslau, Dresden, Karlsbad, Bayreuth, Nuͤrnberg, Regensburg, Muͤnchen, Salzburg, Linz, Wien und Klagenfurt, nach Botzen in Tyrol.
Zweyter Theil.
Berlin,1795. bei Friedrich Vieweg dem aͤltern.
Reiſe eines Lieflaͤnders von Riga nach Warſchau, durch Suͤdpreußen, uͤber Breslau, Dresden, Karlsbad, Bayreuth, Nuͤrnberg, Regensburg, Muͤnchen, Salzburg, Linz, Wien und Klagenfurt, nach Botzen in Tyrol.
Drittes Heft.
Enthaltend die Reiſe durch Lithauen, und eine Schilderung von Warſchau, nebſt Anekdoten aus der Geſchichte des Konſtitutions-Reichstages, mit den Bildniſſen der vornehmſten Theilhaber begleitet.
Berlin,1795. bei Friedrich Vieweg dem aͤltern.

Fuͤnfter Abſchnitt. Warſchau.

Fortgeſetzte Erlaͤuterungen der Schilderung eines großen polniſchen Hauſes. Schauſpiele. Spiel. Kurze Lauf - bahn eines jungen Edelmannes in Warſchau. Spiel - ſucht unter allen Staͤnden. Spatzierfahrten. Mode der Kabriolette. Prinz Joſeph Poniatowski, Wielo - hurski und Kosciusko in Einem Kabriolet. Wetteifer der ſchoͤnen Weiber mit ihnen. Schlittenfahrten. Redouten. Pickenicke. Hetze. Badehaͤuſer. Der Krebsmaͤſter. Orgien. Barbarey, an einem oͤffent - lichen Maͤdchen veruͤbt. Muthwillige Koͤpfgeſellſchaft. Oeffentliche Maͤdchen nach ihren Klaſſen. Verkehr mit ihnen. Charakter der erſten Klaſſe. Zwey merk - wuͤrdige Zuͤge. Spatziergaͤnge und Luſtoͤrter in und um Warſchau. Der Saͤchſiſche, Kraſinskiſche und Po - niatowskiſche Garten. Alleen vor Ujasdow und Bel - vedere. Lazienka. Mokatow. Villanow. Marie - mont. Wola. Powonsk. Jablonne.

A 24

Jch hole noch einige Unterhaltungen nach, welche der großen Welt in Warſchau mehr oder weniger nothwendig geworden ſind.

Das Schauſpiel fuͤllt bey ihr woͤchent - lich einige Stunden aus. Jch ſage: woͤchent - lich, weil es, wegen des Gedraͤnges anderer Vergnuͤgungen, nicht taͤglich von ihr beſucht werden kann. Als Sammelplatz der Societaͤt wird es benutzt, wie anderwaͤrts: zum Sehen, zum Geſehenwerden und zu Beſtellungen von der jungen und mitteljaͤhrigen Welt, zum wirk - lichen Zeitvertreib und Genuß, und nebenher zum Beobachten und Beurtheilen, von der al - ten. Jene ſehen es faſt nur als die Gelegen - heit an, ihre und ihrer Modenhaͤndlerinnen Kunſt in Erhoͤhung und Verbeſſerung der Na - tur, zu zeigen, und als einen Standpunkt, der durch Naͤhe oder Entfernung, durch Hoͤhe oder Tiefe, durch Licht oder Dunkel, ſehr ge - ſchickt wird, zu blenden oder zu ruͤhren, Sehn - ſucht oder Neugier zu erwecken, und dem5 Auge zu verſprechen, oder wirklich zu ge - waͤhren.

Jn der That man konnte, wenn in dem ſchon oben beſtimmten Zeitraume, bey feyerli - chen Gelegenheiten, politiſch-bedeutende Schau - ſpiele gegeben wurden, nichts reizvolleres ſehen, als die erſte und zweyte Reihe der Logen im Theater. Es geſchah dem Koͤnige und ſeinen Freunden zu gefallen, wenn man recht zahl - reich erſchien; dem Tage zu gefallen, wenn man recht praͤchtig, und ſeinen Reizen und ſeinen Liebhabern zu gefallen, wenn man recht geſchmackvoll und verfuͤhreriſch erſchien. Jch ſpreche, wie man ſieht, von den Weibern; von Weibern, die an ſich zu den ſchoͤnſten, uͤppigſten und geſchmackvollſten in der Welt gehoͤren, und die, an ſolchen Abenden, von tauſend Wachskerzen angeflammt, dreyfach blendeten und bezauberten. Die Geſchaͤftigkeit der Maͤnner, die in ihrem glaͤnzendſten An - zuge, in ſilberſtarrenden Kurtken, oder mit goldſchweren Paͤſſen, oder mit brillantenen6 Degengefaͤßen und Schnallen, mehr wie be - taͤubt und trunken, als frey und heiter, von Loge zu Loge trippelten und ſich tiefer buͤckten und noch lauter und wortreicher waren, als ſonſt: dieſe Erſcheinung zeigte, daß die Feen in den Logen mit ihrem Einfluß auf das Par - terre zufrieden ſeyn konnten und daß ihr Zweck erreicht war, wenn ſie ſich, und nicht das Schauſpiel und die Schauſpieler, zur Haupt - ſache in dem von Menſchen ſtarrenden Hauſe machen wollten. Kam dann eine politiſch-an - wendbare Stelle im Stuͤcke vor, und eine die - ſer Zauberinnen ſtreckte ein paar runde Haͤnde uͤber den Rand der Loge heraus und ſchlug ſie ſanft-patſchend zuſammen: ſo war die pa - triotiſche Trunkenheit, die durch jene Stelle erweckt wurde, vollends allgemein und ſtuͤr - mend, und tauſend Haͤnde fuhren wild und hohl zuſammen, waͤhrend eben ſo viele Stim - men bravo und fora mehr bruͤllten, als riefen. Es gab ein Geraͤuſch, das ſich nur derjenige denken kann, der die aͤltern Franzo -7 ſen eine ſchmeichelhafte Stelle fuͤr ihren Koͤ - nig, und die neuern die erſte republikaniſche Tirade hat beraſen hoͤren.

Die vornehmen Polen und Polinnen haben ſelbſt eine trefliche Anlage zur Schauſpielkunſt, die ſie von jeher auf geſellſchaftlichen Buͤhnen mit Gluͤck zeigten und ausbildeten. Doch wa - ren letztere ehedem mehr Mode, als jetzt, und man fand in vielen Pallaͤſten in Warſchau kleine, gut eingerichtete Theater, auf welchen theils freundſchaftliche Cirkel, theils Familien unter einander, Schauſpiele und Operetten, meiſt franzoͤſiſche, gaben. Waͤhrend meines erſten Aufenthalts in Warſchau, ſah ich nur Eine Vorſtellung dieſer Art bey dem Grafen Thomatis. Die Schauſpieler und Schauſpie - lerinnen waren in allen Stuͤcken ſchon der Neid und das Muſter der feinen Welt, und wurden es auch in dieſem. Was man an Leich - tigkeit, Anſtand und Feinheit in der Darſtel - lung, an Geſchmack in der Kleidung, und an Reinheit und Richtigkeit in der Ausſprache8 nur fordern kann, leiſtete dieſe elegante kleine Geſellſchaft. Es war eines von den niedlichen Stuͤcken des Favart, das man gab, deſſen Titel mir aber entfallen iſt. Die Buͤhne ſelbſt war ſehr geſchmackvoll verziert und vortreflich bedient, und des Grafen werth, der mehrere Jahre hindurch Unternehmer des hieſigen Schauſpiels war, eh 'er zu ſeiner gegenwaͤrti - gen Lage, die er großentheils der Gutmuͤthig - keit des Koͤnigs zu danken hat, hinauf ſtieg.

Ueber den Zuſtand der Schauſpielkunſt ſelbſt, mache ich weiter unten einige Anmer - kungen.

Das Spiel iſt der hieſigen feinen Welt ſo ſehr Beduͤrfniß, als irgend einer andern, und vielleicht haͤngt man nirgendwo demſelben mit ſoviel Begierde, Leichtſinn und Verſchwen - dung nach; und es iſt eine Urſach mehr von den zerruͤtteten Vermoͤgensumſtaͤnden vieler gro - ßen Haͤuſer. Außer den uͤberall gewoͤhnlichen Geſellſchaftsſpielen, ſind alle nur bekannte Zu - fallsſpiele hier gaͤng 'und gebe. Jene werden9 mit ungewoͤhnlichen Einſaͤtzen getrieben, und dieſe, beſonders wenn der Wein dazu koͤmmt, mit wahrer Wildheit. Jn gemiſchten Geſell - ſchaften bilden ſich oft kleinere Cirkel von Frauenzimmern und Kindern, die ein Pharo zur Seele ihrer Unterhaltung machen; und es iſt nichts ungewoͤhnliches, daß ſelbſt unter dieſen, Dutzende von Dukaten verloren wer - den. Oft macht die Frau vom Hauſe Bank fuͤr ihre Geſellſchaft, oft einer von den Gaͤ - ſten, oft mehrere, und es faͤllt hier nicht als unanſtaͤndig auf. Daß ſolche Baͤnke ganz ei - gentlich dazu beſtimmt waͤren, die Gaͤſte, und beſonders die Unerfahrnen oder Fremden unter ihnen, zu pluͤndern, was ehedem oft in man - chem ſtattlichen Hauſe zu Paris geſchah, dieß habe ich nie bemerkt, auch nie etwas davon ge - hoͤrt; daß aber, wenn auch alles richtig zu - geht, Alt und Jung ſich dadurch zu Grunde richten kann, verſteht ſich von ſelbſt.

Zu Anfang des Jahres 1793, erſchien ein junger Edelmann, von einem ſtillen und be -10 ſcheidenen Weſen, in Warſchau. Er kam taͤg - lich in den weißen Adler zu Tiſche, und fiel mir dort wegen eben dieſes, einem jungen Polen ungewoͤhnlichen, ſanften Weſens auf. Jn den erſten Tagen trug er ſich polniſch; die Farbe ſeines Kleides war unſcheinbar; ſein Paß nicht praͤchtig; ſein Saͤbel, nach aͤlterer Sitte, klein und ſchwarz. Er miſchte ſich we - nig in die Unterhaltung, und forderte, was er brauchte, von den Kredenzern (ſo nennt man hier die Kellner) ohne Geraͤuſch, und er - wartete es ohne Ungeduld. Auch kam er je - desmal zu Fuße. Jch erfuhr, ſein Vater, der ſehr reich ſeyn ſollte, habe ihn nach Warſchau geſchickt, daß er mit der Welt bekannt werden moͤchte. Gewoͤhnlich hatte er einen andern jungen Mann, einen Officier von der Artille - rie, der jedoch einige Jahre aͤlter war, bey ſich. Jch fand beyde haͤufig im Reichstags - ſaale, wo ſie ſehr aufmerkſam waren, und in einigen oͤffentlichen Geſellſchaften wieder, wo ſie wenig Bekanntſchaft zu haben ſchienen11 und ſich immer in einiger Entfernung hiel - ten.

An derſelben Wirthstafel aßen drey andre junge Polen, welche die Munterkeit und der Muthwille ſelbſt waren, viel Bekanntſchaft unter den juͤngern Reichsboten hatten, und in den Geſellſchaften mit der vertrauteſten Miene bey den Weibern herumſchwaͤrmten. Dieſe naͤ - herten ſich allmaͤhlig dem jungen Mann, und er ſelbſt ſchloß ſich mit jedem Tage mehr an ſie; aber ſein Begleiter blieb ſeinem vorigen Benehmen gegen ſie treu, behandelte ſie zu - ruͤckhaltend und kalt, und nahm ſelten an ih - ren Geſpraͤchen Theil.

Auf einmal erſchien, an einem Sonntage, der junge Mann, vom Kopfe bis zu den Fuͤßen neu gekleidet, zwar noch in der Nationaltracht, aber nach dem neueſten Schnitte und von der neueſten Farbe. Ein koſtbarer Paß um den Leib, ein ſchoͤner Saͤbel mit brillantirtem, ſtaͤhlernem Heft an der Seite, und ein paar rothe Stiefeln vom feinſten Saffian, machten21 den Anzug vollſtaͤndig. Seine drey neuen Freunde hatten ihn ſeit einigen Tagen uͤber ſein altpolniſches Weſen, wie ſie es nannten, geneckt; heute, wo er, ohne Zweifel auf ihre Winke hin, ſehr neumodiſch erſchien, fragten ſie ihn, wie er es denn ſo geſchickt gemacht habe, ſeine neuen Stiefeln von rothem Saf - fian und ſein neues Kleid nicht zu beflecken, da er doch zu Fuße gekommen ſey? Wo Te - lemach ſeinen Mentor gelaſſen habe? (Der Ar - tillerieofficier war nicht bey ihm) Wie ſich ſeine Lehrmeiſter befaͤnden? Ob er auch ſeine Ausgaben huͤbſch eingeſchrieben habe? u. ſ. w. Anſtatt zu lachen, ſchaͤmte er ſich und ward boͤſe. Einer ſeiner neuen Freunde bot ihm fuͤr ſeine Ruͤckkehr nach Hauſe ſeinen Wagen an, und er fuͤgte ſich dieſem Anerbieten mit Freu - den. Gegen Abend traf ich ihn bey der Schwe - ſter des Koͤnigs. Sein ſonſtiger Begleiter war nicht bey ihm, aber wohl zwey ſeiner neuen Freunde, die ihn ihren Bekannten, jungen Reichsboten und Officieren von der National -13 kavallerie, und einigen beruͤchtigten, ſchon et - was veralteten, Koketten fleißig vorſtellten.

Einige Tage hindurch kam er nicht zu Ti - ſche und zwey ſeiner neuen Freunde auch nicht. Von dem dritten vernahmen wir beylaͤufig, daß er bey Dangel einen ſchoͤnen Wagen, und von einem Staroſten, den er nannte, ein paar koͤſtliche Pferde gekauft habe. Den andern Tag war ich noch auf meinem Zimmer, als ein neuer Wagen, die Pferde im ſtaͤrkſten Sprunge, uͤber den Hof her ſtuͤrmten. Ein ſtattlicher Kutſcher in neuer Livree auf dem Bocke, ein eben ſo ſtattlicher Bedienter hinter dem Wagen, drey junge Leute darin. Unſer nouvellement debarqué (abermals in ei - nem neuem Anzuge) und zwey ſeiner neuen Freunde, ſprangen heraus.

Der junge Mann war nicht mehr derſelbe. Er hatte ein hochfahrendes, ſtuͤrmiſches Weſen angenommen, mißhandelte die Kredenzer, trank Burgunder aus einem Bierglaſe, ſprach von großen Bekanntſchaften, und als man ihm die14 Geſellſchaft bey dem Marſchall Mniczech vor - ſchlug, um einen Theil des Abends dort hin - zubringen, war ſeine erſte Frage: Ya-t-il de jolieſ femmeſ? Nach Tiſche ſetzte er ſich, ziemlich betrunken, mit ſeinen Freunden zum L'hombre. Dieſelbe Nacht traf ich ihn auf der Redoute im Radzivilſchen Pallaſt, wo er ein paar bekannten Maͤdchen die Kour machte. Nach Mitternacht ſtand er bey der Pharobank und ſetzte muthig, ohne das Spiel zu verſtehen.

Den Morgen des folgenden Tages rollte er in einem neuen Whisky, in der Mitte der beyden erwaͤhnten Maͤdchen, uͤber den Hof von Tlomazk, und einer ſeiner neuen Freunde folgte ihm in einem andern, der auf gleiche Weiſe beſetzt war. Der zweyte und dritte ſprengten zu Pferde hinterdrein.

Sein voriger Begleiter, der Artillerieoffi - cier, den Mittag an unſerm Tiſche, und von ihm erfuhren wir, daß ſein Freund in Wola zu eſſen gebe, und daß er ſeinen neuen15 Wagen ſamt den jungen Pferden gegen einen alten Whisky, ſamt abgejagten Pferden, mit Nachſchuß einer betraͤchtlichen Anzahl von Du - katen, vertauſcht habe. Einem unſerer Tiſch - genoſſen, einem verſtaͤndigen Edelmann, ſagte er, mit allen Bewegungen deſ Unwillens, noch etwas ins Ohr.

Nach etlichen Tagen erſchien der junge Mann abermals in einem neuen Wagen, mit andern Pferden, und er erzaͤhlte ſelbſt mit großem Wohlgefallen, daß er ſeinen Whisky an einem andern Wagen, der ihm im Sprunge begegnet, zuſammen gefahren habe. Dieſen Tag hatte er auch ſeine polniſche Kleidung ab - gelegt und trug ſich franzoͤſiſch. Er war da - durch in die Klaſſe der ganz neuen Polen ge - treten, hatte aber ſein ſonſt nicht unvortheil - hafteſ Aeußere in eine unleidlich-ſteife, ge - ſpannte Puppengeſtalt verwandelt. Kein ein - ziges Kleidungsſtuͤck ſaß, wie eſ haͤtte ſitzen ſollen, vom Schuh bis zum Haarbeutel. Die - ſer hatte, ſeines kurzen Haares wegen, das er16 vorher als Pole geſtutzt trug, dicht an den Kopf mehr geklebt alſ gebunden werden muͤſ - ſen. Eſ verſteht ſich, daß man ihn auch mit Ringen, Tabackſdoſen, Spitzen, und mit ei - nem brillantirten Stutzerdegen verſorgt hatte, um die Karrikatur vollſtaͤndig zu machen. Seine Rede war Spiel und Weiber. Mit ſeinem erſten Freunde ſchien er gaͤnzlich ent - zweyet, und man ſah ſie nicht beyſammen.

Einige Tage darauf bemerkte ich ihn auf der Krakauer Vorſtadt im zweyten Stock ei - nes Hauſes, das ganz zum Vermiethen be - ſtimmt war. Zwey ſeiner neuen Begleiter ſtanden um ihn. Er ſelbſt zeigte ſich in einem Anzuͤge und Benehmen, daß man wohl ſehen konnte, er ſey da zu Hauſe. Es fand ſich, auf Erkundigung, auch ſo. Er hatte ſich fuͤr neunzig Dukaten monatlich dort eingemiethet.

Jch ſah ihn in ungefaͤhr vierzehn Tagen nicht wieder, denn er kam nicht mehr in den Adler zu Tiſche, auch in keine große anſtaͤndi - ge Geſellſchaft mehr. Eſ hieß, er habe einenKoch17Koch angenommen und eſſe zu Hauſe. Seine Freunde und auch ſeine bezeichneten Freundin - nen aͤßen faſt taͤglich bey ihm.

Endlich ſah ich ihn eines Morgens wieder. Die Fenſter ſeiner Wohnung waren durch Ja - louſien dicht verſperrt, bis auf eines. An die - ſem ſtand er im Schlafrocke, den Hals dick umwunden, todtenblaß. Ein bekannter ge - ſchickter franzoͤſiſcher Wundarzt ſtand bey ihm. Auf eine Frage von mir, verſicherten ſeine Freunde, daß er ſehr krank ſey, und gaben auch deutlicher, als es bey Tiſche anſtaͤndig war, zu verſtehen, woran. Einer ließ uns durch ein freches Wortſpiel errathen, daß er zugleich Mangel an Gelde habe.

Ein paar Tage nachher ging ich abermals vor der Wohnung des jungen Mannes vor - bey. Jch konnte mich nicht mehr erwehren, einen Blick auf ſeine Fenſter zu werfen. Sie waren abermals verſperrt, bis auf eines. An dieſem lag er, den Kopf auf beyde Haͤnde ge - ſtemmt und ſtarr vor ſich hinſehend. SeinDrittes Heft. B18aͤlterer Freund, der Artillerieofficier, lehnte dicht neben ihm, und hatte theilnehmend ſei - nen Arm um ihn geſchlungen.

Denſelben Mittag, als die Tiſchgeſellſchaft ſchon verſammelt war, fuhr ein Fiaker vor, und der Artillerieofficier ſprang eilig heraus. So wie er hereintrat, ging er auf die drey erwaͤhnten Geſellſchafter ſeines Freundes zu, und zog ſie ſchnell bey Seite. Nach einigen Worten, die er ihnen ins Ohr ſagte, griffen ſie, ſichtbar verlegen, nach ihren Muͤtzen und Saͤbeln und gingen, ohne ſich zu empfehlen, ſingend und pfeifend und mit einer gezwungnen Langſamkeit, zur Thuͤr hinaus.

Sie waren kaum weg, ſo fuhr eine be - ſcheidene Remiſe vor und ein bejahrter Pole, ein ſchoͤner Mann, mit einem ſehr ſprechenden Geſichte, ſtieg heraus. Er hatte ſeine Muͤtze in der Hand, und trocknete ſich Stirn und Vorkopf mit einem Schnupftuche. Der Ar - tillerieofficier lief ihm entgegen und fuͤhrte ihn herein.

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Wir ſetzten uns zu Tiſche, und kaum ſaßen wir, ſo wußten wir auch ſchon, wer der fremde Tiſchgenoß war. Er erklaͤrte ſich in franzoͤſi - ſcher Sprache ſehr nachdruͤcklich uͤber die Le - bensart in Warſchau, uͤber Leichtſinn und Ver - fuͤhrung, und gleich darauf kam die Geſchichte ſeines Sohnes. Jn der That, er war der Vater unſers jungen Mannes. Dieſer hatte, ſeit den ſechs Wochen ſeines hieſigen Aufent - halts, tauſend Dukaten, die er ihm baar mit - gegeben, dreytauſend Dukaten in einem Kre - ditbrief auf Kabrit, wovon noch tauſend fuͤr ihn und die beyden andern tauſend zur Zah - lung an einen Geſchaͤftsfreund beſtimmt gewe - ſen waren, ausgegeben, war noch uͤberdieß funfzehn hundert auf Ehrenwort ſchuldig ge - blieben und hatte dabey weder die Miethe, noch den Schneider, noch den Kaufmann be - zahlt. Am hoͤchſten ſtieg der Unwillen des Mannes, wenn er auf den Gedanken zuruͤck kam, daß der Sohn faſt dieſe ganze Summe verſpielt habe, ohne ſpielen zu koͤnnen; undB 220ſein Auge funkelte, und ſein Geſicht roͤthete ſich, als er endlich auf die neuen Freunde ſei - nes Sohnes kam. Der Artillerieofficier ſah uns dabey an, und wir erriethen nun, warum er jene junge Leute weggeſchaft habe.

Es ging uͤbrigens ohne heftige Auftritte ab. Der Vater nahm nach einigen Tagen ſei - nen Sohn wieder mit nach Podlachien. Vor - her hatte er noch einen geſchickten Wundarzt fuͤr dreyhundert Dukaten auf drey Monat an - genommen, der mit auf ſeine Guͤter reiſete.

Die Spielſucht iſt in Warſchau unter al - len Staͤnden unglaublich tief eingeriſſen. Man ſieht die Thuͤrſteher unter den Thoren der Pal - laͤſte, die wartenden Kutſcher auf ihren Boͤcken, die Bedienten in den Vorzimmern ſpielen, ja, ich habe drey Bettler auf den Stufen der Kreutzkirche ſitzen und ſpielen und zwiſchenher die Kirchengaͤnger anbetteln ſehen. Daher kann man ſich erklaͤren, wie, laut den Verzeichniſ - ſen der Stempelkammer, im Jahre 1781 die Zahl von 22,697 Spielen franzoͤſiſcher Karten,21 bloß fuͤr den Verbrauch von Warſchau, ſind geſtempelt worden.

Spatzierfahrten an ſchoͤnen Sommer - und Winter-Tagen gehoͤhren auch zu den Er - holungen der großen Welt in Warſchau. Wer an andern Orten Wagen und Pferde fuͤr ſeine Bequemlichkeit haͤlt, faͤhrt auch mit denſelben ſpatzieren; aber hier bedarf es zu dieſem Be - hufe noch eines eigenen Fuhrwerks und eigner Pferde. Der Prinz Joſeph Poniatowski, den man als vortreflichen Taͤnzer kennt, iſt ein eben ſo vortreflicher Reiter und Fuhrmann. Er war einer der erſten, der die leichten, of - fenen, hochhangenden Wagen (in Deuſchland Whisky, hier Kabriolets genannt) in War - ſchau zur Mode machte. Anfangs legte er vier Pferde davor, nach der Zeit acht, wovon er jedesmal vier nebeneinander ſpannte, die er ſaͤmtlich vom Wagen herab und ſtehend re - gierte, was einen uͤberaus maleriſchen Anblick gab, und den Zuſchauer in die Zeiten der al - ten Wagenrenner zuruͤck verſetzte. Seine22 Pferde waren immer die ausgeſuchteſten, voll Feuer, groß und ſtark; aber er wußte ſie mei - ſterhaft zu behandeln, und dieſe ſtolzen Thiere ſtanden und gingen, ſprangen und ſprengten, wie ſeine Hand und ſeine Zunge es wollte. Man verlor Hoͤren und Sehen, wenn er eine der langen und breiten Straßen heraufflog und ſich im Sprunge durch die uͤbrigen Wa - gen, die ihm begegneten, durchwand. Ge - woͤhnlich hatte er zwey ſeiner Freunde neben ſich, und er ſtand in ihrer Mitte. Wielo - hurski, ſein Waffenbruder, mit dem er ge - gen die Tuͤrken gefochten hatte, war ſein be - ſtaͤndiger Begleiter, und nach ihm ſah man ihn am haͤufigſten mit Kosciusko fahren. Dieſe fuͤr die Polen ſo hoͤchſt anziehende Gruppe, konnte, ihre Umgebungen dazu ge - rechnet, nicht anders, als alle Augen auf ſich ziehen. Aus Bewunderung und Wohlgefallen ward Trieb, ihnen nachzuahmen, und es dauerte nicht vier Wochen, ſo war Warſchau mit Kabrioletten zu drey Perſonen uͤber -23 ſchwemmt. Wer nicht reich oder nicht ſtark genug war, acht Pferde zu halten und zu len - ken, begnuͤgte ſich mit vieren oder zwey; wem die großen fuͤrchterlich waren, der hielt ſich kleine; genug, man mußte ein Kabriolet ha - ben und es ſelbſt fahren, wenn man auch uͤbrigens dem erſten Muſter nicht gleich kom - men konnte.

Die Wagengeſellſchaft der drey beruͤhmten Maͤnner kam beſonders den Weibern ſo ſchoͤn vor, daß ſie nicht verſaͤumen konnten, aͤhnliche zu bilden. Sechs der reizendſten Eleganten von Warſchau hatten in kurzer Zeit zwey Whiskys fuͤr ſich fertig, und glaͤnzten damit auf allen Straßen. Sie traten ſehr bald in Unterhandlung mit den drey Maͤnnern, die ihnen die Aufmerkſamkeit des Publikums im - mer noch viel zu ſehr an ſich zogen; und, ehe man es ſich verſah, ſtanden dieſe drey Kabrio - lette in Buͤndniß, und das eine ließ ſich ohne die beyden andern nicht mehr ſehen. Die Weiber uͤberliſteten dabey den Fuͤhrer des24 maͤnnlichen Kabriolets ſo ſehr, daß er ſich ge - fallen ließ, jedesmal hinter den beyden weibli - chen zu fahren. So nahmen dieſe, auf eine recht gottloſe Weiſe, die Bluͤthe der Neugier und Aufmerkſamkeit jedesmal vorweg. Jndeſ - ſen iſt gewiß, daß dieſe ſchoͤnen Weiber, mit ihren kleinen tatariſchen Pferden, die ſie eben - falls, doch nur zu vieren, ſelbſt lenkten, an Schnelligkeit und Verwegenheit dem Prinzen und ſeinen Freunden nichts nachgaben.

Zwar dauerte dieſe Verbindung nur wenig Tage, und ſie ſcheint durch den Umſtand, daß ſechs Weiber, aber nur drey Maͤnner, daran Theil nahmen, eben ſo kraͤftig untergraben worden zu ſeyn, als durch die natuͤrliche Un - beſtaͤndigkeit und Wechſelſucht der Weiber; in - deſſen wirkte das Beyſpiel derſelben fort, und man ſah noch lange drey, vier, ſechs Kabrio - lette hintereinander, die theils in der Stadt ſpatzieren fuhren, theils Ausfluͤchte nach den Luſtoͤrtern um Warſchau machten. Um das Mißverhaͤltniß zwiſchen der Zahl der Maͤnner25 und Weiber nicht wieder ſo merklich zu ma - chen, ward es Mode, daß jedesmal ein Mann zwiſchen zwey Weibern ſaß und ſie fuhr. So war alles mehr in Ordnung und man blieb mehr der Gewohnheit treu, nach welcher hier, auch außerhalb dem Kabriolet, oft zwey Wei - ber mit einem Manne zufrieden ſcheinen, und Ein Mann mit zwey Weibern zufrieden iſt.

Jn kurzem war auch das Publikum der Wechsler und Kaufleute mit dieſen Kabriolet - ten verſehen; aber ihre Weiber verriethen nie ſtaͤrker ihren buͤrgerlichen Urſprung und ihren Mangel an adelichen Talenten. Sie ließen ſich entweder von ihren Freunden, oder Bruͤdern und Verwandten, oder gar, gegen alle Sitte, von ihren Kutſchern, die auf dem Sattelpferde ſaßen, herumfahren, und keine wagte, die Zuͤgel ſelbſt in die Hand zu neh - men, wofuͤr ſie auch von Kennern und Ken - nerinnen argen Spott zu erdulden hatten. Gleich nach dieſer Klaſſe erſchienen auch die Maͤdchen, die zu keiner Klaſſe gehoͤren, weil26 ſie fuͤr alle paſſen, zu dreyen in den Whiskys, welche die große Welt abgelegt und die Lohn - kutſcher zum Vermiethen angekauft hatten. Nun waren ſie nichts außerordentliches mehr, aber ſie blieben zu Spatzierfahrten, wie die gewoͤhnlichen Wagen zu Beſuchen und Geſchaͤf - ten, in der Mode.

Jm Winter machen die Schlittenfahr - ten einen andern Zweig des geſellſchaftlichen Verkehrs aus. So wie hier alles auf einen hohen Grad von Pracht getrieben wird, ſo auch dieſe. Die Schlitten ſind nach ſehr man - nigfachen, gefaͤlligen oder abenteuerlichen, For - men gebauet, zu einem, zwey und vier Sitzen, meiſt mit reichem Lack uͤberzogen, und mit Zierrathen von Bronze, von Silber, ja von Gold verſehen. Das Geſchmeide, der Putz und die Decken der Pferde, ſind jenen ange - meſſen, und ſie ſelbſt ſind gewoͤhnlich die fluͤch - tigſten aus dem Stalle. Eine Verzierung, die ich hier zum erſtenmal geſehen habe, iſt, daß man an den beyden hintern Pferden zwey laͤng -27 liche Stuͤcke von ſehr lebhaft gefaͤrbtem ſeidnem Zeuge, glatt oder geſtreift, befeſtigt und ſie, zwiſchen ihnen und dem Schlitten, locker aus - ſpannt. Sie ſchuͤtzen die Schlittenfahrer vor den Unrath, den die Pferde mit den Hufen zuruͤck zu werfen pflegen, und geben zugleich den Anblick von Seegeln, die durch die Schnel - ligkeit, womit man die Luft durchſchneidet, angeſchwellt werden. Da das Ganze des Schlit - tenfahrens ein wenig auf Tand und Abenteuer - lichkeit berechnet iſt, ſo macht dieſer Zuſatz, in dieſem Geiſte genommen, eine ſehr vortheil - hafte Wirkung.

Ein andres winterliches Vergnuͤgen iſt die Reduote. Sie faͤngt hier zu Anfange des Decembers an, dauert bis Faſtnacht, macht ſodann die Faſten hindurch Stillſtand, wird nach Oſtern fortgeſetzt, und waͤhrt bis Pfing - ſten. Sie wird an zwey Orten woͤchentlich ge - geben. Das eine Lokale begreift die Saͤle hin - ter dem Schauſpielhauſe, deren zwey große und zwey kleinere ſind; das andre iſt der Pal -28 laſt Radziwil auf der Krakauer Vorſtadt, und namentlich deſſen erſter Stock, der einen ſehr großen Saal, drey kleinere, und einige Zim - mer enthaͤlt. Dieß letztre Lokale iſt bey wei - tem nicht ſo neu, ſo gut verziert und ſo an - ſtaͤndig, als das erſtere; aber es wird mehr be - ſucht, weil der Eintritt um einen oder zwey Gulden wohlfeiler und die Maſkenfreyheit aus - gedehnter iſt.

Man koͤmmt in die Radziwil'ſche Redoute, wie man geht und ſteht, in Stiefeln und Sporn, in Rock und Jacke, mit oder ohne Larve. Die einzige Spur von Redoutenpoli - cey iſt, daß man den Saͤbel abgeben muß, wenn man eintritt. Hunde gehen unangetaſtet mit ihren Herren herein.

Einen Domino oder Tabaro ſieht man hier aͤußerſt ſelten und nur immer bey Fremden, die noch keine polniſche Redoute beſucht haben, mithin ſich ſo einrichten, wie es an andern Orten erforderlich iſt. Jeder koͤmmt, wenn nicht etwa Beſtellungen, oder eiferſuͤchtige Be -29 ſchleichungen das Gegentheil erfordern, in ſei - nen gewoͤhnlichen Kleidern, mit offenem Ge - ſicht. Nur Weiber aus der großen Welt, wenn ſie allein, oder wenn ihrer nur zwey oder drey beyſammen ſind, vermummen ſich vom Kopfe bis zu den Fuͤßen, weil ſich doch der Wohlſtand mit dem Gegentheile nicht ver - tragen wuͤrde, da eine große Menge liederli - cher Maͤdchen hier gleichen Weg gehen. Dieſe Bedenklichkeit hoͤrt aber auf, wenn ſich ganze Geſellſchaften zuſammen thun und in den Saͤ - len herumziehen, oder ſich auf den Kanapeen und Stuͤhlen lagern; nach dem Grundſatze, daß eine große und feine Geſellſchaft uͤberall ihre Wuͤrde mitbringt, und ſich dieſelbe unter den zweydeutigſten erhaͤlt. Dieſe Gattung tanzt auch nicht auf den Redouten, ſo wenig als aͤhnliche in Berlin und Wien. Ueberhaupt tanzen in Warſchau nur die vorletzten Klaſſen und unter dieſen die Handwerksburſche, die zu den feinern gehoͤren, mit ihren Meiſters - toͤchtern oder mit oͤffentlichen Maͤdchen.

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Was in ſogenannten Charaktermasken er - ſcheint, iſt gewoͤhnlich auch nicht von feiner Abkunft, den Fall ausgenommen, daß man ſich darein ſteckte, um einen geſellſchaftlichen Scherz auszufuͤhren, oder um fuͤr irgend eine verliebte Abſicht zu kundſchaften. Man nimmt die allergewoͤhnlichſten dazu, als Moͤnche, Strußen, Kutſcher, Koſaken, Teufel, Juden, Fledermaͤuſe ꝛc. Nur ein einzigesmal iſt mir eine ſatyriſche Maske vorgekommen. Es war ein ungeheurer Stiefel mit Stulpen, ſorgfaͤl - tig gewichſt und mit Sporn nach Verhaͤltniß verſehen. Dieſer wandelte in den Saͤlen des Radziwilſchen Pallaſtes umher, war aber, ſei - ner Dicke wegen, oft gezwungen, ſtill zu ſtehn, und auszuruhen. Auf der Stulpe ſtand ein wunderlicher Name, der den Verfertiger ſol - cher Stiefeln bezeichnete. Kurz vorher waren naͤmlich die ſteifen Stiefeln mehr als vorher Mode geworden, und eine Menge Leute, die nicht gerade Bereiter oder Stallmeiſter waren, fingen an, ſie zu tragen. Darauf bezog ſich31 dieſer Scherz, deſſen Ausfuͤhrung dem Erfin - der ſehr ſchwer werden mußte, weil ſich der Stiefel nach einer Weile in eine Ecke ſtellte, und ſeine Seele, die von Schweiß triefte, her - aus ließ.

Wenn ſich die Weiber maskiren, ſo ſieht man am haͤufigſten Juͤdinnen, Ruſſinnen, Tuͤr - kinnen, Baͤuerinnen ꝛc., die bald mit mehr, bald mit weniger, Geſchmack und Reichthum angezogen ſind. Das Heer der oͤffentlichen Maͤdchen, das beſonders auf der Radziwil '- ſchen Redoute zahlreich iſt, kleidet ſich nach eigner Phantaſie, oft ſehr gut, oft hoͤchſt ge - ſchmacklos, und man kann darnach die Klaſſen beſtimmen, in welche ſie einzeln gehoͤren. Ue - brigens ſteigt die Zahl der Menſchen, die an - weſend ſind, gewoͤhnlich auf zwey und drey tauſend. Man kann alle moͤgliche Lebensmit - tel zum Eſſen, zum Trinken und zum Naſchen haben. Eine Pharobank darf nicht fehlen.

Die Redoute in den Saͤlen des Schau - ſpielhauſes iſt anſtaͤndiger, als die Radziwil '-32 ſche, aber weniger beſucht. Schmutzige Mas - ken, wie man ſie dort haͤufig findet, wer - den hier gar nicht eingelaſſen. Dieſe Re - doute behauptet ſich ſo gut in dieſem Tone, daß ſich jeder, der ſie beſuchen will, ſchon von ſelbſt beſcheidet, in einem beſſern Anzuge er - ſcheinen zu muͤſſen. Auch hier beſteht das ein - zige Vergnuͤgen darin, unter dem mannigfal - tigſten Gewimmel auf - und abzugehen und ſich weiter zu beluſtigen, wie es die Gelegenheit giebt. Getanzt wird hier ſehr ſelten. Ge - woͤhnlich beſucht man beyde Redouten in Ei - ner Nacht.

So groß die Reihe von Vergnuͤgungen iſt, die ich bisher aufgezaͤhlt habe, ſo genuͤgt ſie den Genußjaͤgern in Warſchau doch noch nicht: die ordentlichen werden noch mit außerordent - lichen vermehrt. Hieher rechne ich die Picke - nicke, die, außerhalb Berlin, wohl nirgend ſo haͤufig ſind, und von ſo mancherley Staͤn - den unternommen werden, als in Warſchau,nur,33nur, wie es ſich von ſelbſt verſteht, mit un - gleich mehr Aufwand und Koſten.

Die Pickenicke fuͤr die große Welt richtet irgend ein Großer ein, der das Ganze uͤber - nimmt. Er beſtimmt den Preis zu zehn, acht, ſechs und vier Dukaten auf die Perſon, und macht dem gemaͤß ſeine Anſtalten. Er beſorgt dafuͤr die Saͤle, die Muſik, die Tafel, den Wein und andre Getraͤnke. Jm Fruͤhling und Herbſt giebt man dieſe Pickenicke gern außer - halb der Stadt, in Mariemont, Villanow, Wola u. a. a. O.; im Winter in den Saͤlen hinter dem Schauſpielhauſe, im Radziwilſchen Pallaſt und anderwaͤrts. Jeder, der ein Bil - let bezahlen kann, nimmt Theil daran, von welcher Abkunft, von welchem Stande er auch ſey. Niemand bekuͤmmert ſich um ſolche Din - ge, die man hier bey Vergnuͤgungen fuͤr Ne - benſachen haͤlt. Dieß iſt ein Grund mit, warum dieſe Geſellſchaften, wie alle uͤbrige in Warſchau, beſtaͤndig ſehr zahlreich und heiter, und zugleich uͤberaus glaͤnzend ſind. Der TanzDrittes Heft. C34iſt dabey die Hauptſache fuͤr die junge und ſchoͤne Welt, die Karte fuͤr die aͤltere und haͤßliche. Letztre bleibt hier um ſo gewiſſer unaufgefordert, da die Mitglieder der Geſell - ſchaft einander ſelten ſo genau kennen, daß ſie aus Hoͤflichkeit oder Politik etwas fuͤr einan - der thun ſollten. Bloß Reiz und Geſchicklich - keit im Tanze werden hervorgezogen, und man iſt verſucht, die Warſchauer ſchoͤne Welt fuͤr die ſchoͤnſte zu halten, wenn man auf dieſen Pickenicken keine andre, als reitzende, treflich gebildete und gewachſene Perſonen erblickt. Man gehe indeſſen nur in die Nebenzimmer, ſo wird man die Schlacken von dieſem Silber finden.

Warſchau hat mit Wien eine Anſtalt ge - mein, die eigentlich nur fuͤr das rohe Volk beſtimmt iſt, und fuͤr dieſes beſtimmt bleiben ſollte, die aber doch auch hier, wie in Wien, von den hoͤhern Klaſſen beſucht wird ich meyne die Hetze*)Vergl. Berl. Monatsſchrift, Juny. 1792. S. 572. fg.. Man giebt ſie hier eben -35 falls an Sonn - und Feyertagen, wo dasjenige Publikum, auf die ſie berechnet iſt, die meiſte Zeit und das meiſte Geld zu verlieren hat.

Das Hetzamphitheater hat weder den Um - fang noch die Hoͤhe des Wieneriſchen, iſt aber in derſelben Form gebauet. Es hat eine Gal - lerie weniger und iſt nicht ſo gut unterhalten als jenes. Die Anzahl der wilden Thiere iſt weder ſo ſtark, noch ſind ihrer ſo viele Arten vorhanden. Der Hetzmeiſter und die Hetz - knechte haben weder ſo viel Heldenmuth, noch ſo viel Geſchicklichkeit, ihr Publikum zu belu - ſtigen, als die Wiener, die uͤbrigens ihre Mu - ſter ſind. Das Erhabene, das in ihrer Kunſt und Beſtimmung liegt, wiſſen ſie nicht gehoͤ - rig geltend zu machen. Einem wilden Stier entgegen zu gehen, ihn bey den Hoͤrnern zu faſſen, mit ihm zu ringen und ihn endlich zu ermuͤden; einen biſſigen Wolf aus den Zaͤhnen der Hunde loszumachen und ihn, an die Bruſt gedruͤckt, nach ſeiner Falle zu tragen; mit dem Raubbaͤren ſolch eine zaͤrtliche Verbindung zuC 236unterhalten, daß er Naſe und Haͤnde leckt, die er eben ſo gut wegreißen koͤnnte: dieſe und aͤhnliche Heldenthaten, die dem Wiener Hetzmeiſter zum Kinderſpiel geworden ſind, bleiben fuͤr den Warſchauer noch unerreichbar, und man ſieht daraus, daß er ſich nicht ein - bilden darf, die Liebhaber zu befriedigen. Das groͤßeſte Kunſt - und Wagſtuͤck, welches ich in Geſellſchaft einiger Bekannten von ihm geſehen habe, war, daß er, auf einem ziem - lich matten Stiere reitend, in das Amphithea - ter ſprengte und den Stier und ſich zugleich von ſechs oder acht Hunden fangen ließ. Der Poͤbel beklatſchte dieß freylich, aber bey uns feinern Kennern konnte er es nicht hoͤher als zu einem mitleidigen Achſelzucken bringen. Seine Wolfs - und Baͤrenhetzen raubten uns vollends alle Geduld; und ein junger Officier aus Wien konnte ſeinen edlen Unwillen ſo we - nig bergen, daß er ihn foͤrmlich auspfiff und auspochte. Es war gerade am Namenstage des Koͤnigs, und am Jahrstage der neuen37 Konſtitution den 3ten May 1792, an welchem man dieſe, fuͤr beyde ſehr beleidigende, gemei - ne Hetze gab, auf welcher nicht einmal ein elender duͤrrer Wolf zerriſſen wurde. Jn Wien feyert man ſolche Tage ganz anders, erzaͤhlte uns der junge Mann mit Feuer: dort hatte er an einem Annentage geſehen, daß zehn Hunde einen eilften zerriſſen; daß die Loͤwin einen, rund herum mit Katzen behaͤngten, Eſel auf Einen Schlag mit der Tatze das Kreutz zerbrochen, ſo daß Hinter - und Vordertheil, nur noch mittelſt der Haut zuſammenhangend, einander entgegengefallen waͤren; daß der Raub - baͤr ein Boͤckchen aus heiler Haut, trotz Schwaͤrmern und Granaten, weggegeſſen; und daß wenigſtens ein paar Dutzend Stier - und Baͤren-Ohren im Amphitheater, wie geſaͤet, herum gelegen haͤtten. Wir hoͤrten ſeiner Erzaͤhlung mit moͤglichſter Theilnehmung zu, und unſre Bewunderung der Wiener Hetze fiel als tiefe Verachtung auf die Warſchauer zu - ruͤck. B. R. W.

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Uebrigens hat der Koͤnig in dieſem Hetz - amphitheater eine Loge, wie in der Wiener der Kaiſer auch. Er beſucht es aber ſelten oder nie. Auf beyden Seiten neben der ſeini - gen, ſind andre Logen, die zuweilen aus den hoͤhern Staͤnden beſetzt werden. Dieſe kom - men in die Hetze, wie ſie uͤberall hinkommen, um ein paar Stunden zu toͤdten, nicht, weil ſie Geſchmack daran faͤnden. Die große Welt weiß an Sonn - und Feyertagen am wenigſten, was ſie mit ihrer Zeit anfangen ſoll, da es einmal uͤblich iſt, daß an ſolchen Tagen ſelte - ner Feſte und Geſellſchaften gegeben werden; die Stunden von vier bis ſechs des Nachmit - tags, in welche die Hetze faͤllt, ſind an ſich ſchon zu unbequem, um mit einer Luſtbarkeit ausgefuͤllt zu werden; uͤberdieß iſt es Sitte, dahin zu fahren, wo man Geſellſchaft findet, und man koͤmmt bloß dieſer zu gefallen, und nutzt das uͤbrige nur als die Gelegenheit dazu. Dieſe Umſtaͤnde muß man erwaͤgen, um ſich zu erklaͤren, wie in Warſchau, und wie in39 Wien feinere und gebildetere Leute die Hetze beſuchen und ſich bey dieſem rohen, und, trotz aller Grauſamkeit, erbaͤrmlichen Schauſpiele zu Stunden verweilen koͤnnen. Es iſt in der That ungerecht, daraus zu folgern, es fehle dieſen Klaſſen in beyden Staͤdten ſo ſehr an Geſchmack und Gefuͤhl, daß ſie wirklich Ge - fallen an dieſen blutigen Raufereyen faͤnden, und mir daͤucht, die wohlwollenden Maͤnner, die ſich beſonders uͤber die Wiener Hetze ſo nachdruͤcklich erklaͤrt haben, ſind bey ihren Schluͤſſen zu uͤbereilt geweſen. Es ſcheint frey - lich in dem menſchlichen Herzen an ſich ſchon ein Hang zu liegen, Kaͤmpfe auf Tod und Le - ben, ſo wie Hinrichtungen und Beſtrafungen, gern anzuſehen; aber bey einer genauern Un - terſuchung wuͤrde man, meyne ich, finden, daß Neugier, Nachahmungsſucht, Hang ſich zu zeigen, oder Leute zu ſehen, und hundert andre geſellſchaftliche Antriebe wenigſtens zur Haͤlfte dazu beytragen, daß bey ſolchen Gelegenhei - ten die Fenſter und Geruͤſte von Perſonen je -40 des Standes und Geſchlechts ſo dicht beſetzt erſcheinen. Als vor einigen Jahren ein Mord - brenner in Berlin verbrannt, und in Wien der Dieb und Moͤrder Zahlheim mit gluͤhen - den Zangen gezwickt wurde, war an beyden Orten die Zuſchauerſchaft ſehr zahlreich, ſehr glaͤnzend; aber wer haͤtte darum die Berliner und Wiener eines Wohlgefallens an grauſa - men Hinrichtungen bezuͤchtigen wollen?

Uebrigens wird die Warſchauer Hetze bey weitem nicht ſo haͤufig beſucht, als die Wie - ner. Zwar iſt die Volksmenge von Warſchau um mehr als zwey Drittel geringer, wie die Wiener, aber das Amphitheater faßt auch kaum halb ſo viel Zuſchauer, als das Wieneriſche und iſt, nach Verhaͤltniß, gewoͤhnlich nicht halb ſo ſtark beſetzt, als dieſes. Der Stamm der Zuſchauer iſt hier uͤbrigens derſelbe, wie dort. Die rauhern Handwerker, als Fleiſcher, Schmiedte u. dergl. vermengt mit Soldaten, Moͤnchen, Stallmeiſtern, Jaͤgern, jungen, wilden Leuten beſſern Standes, und Dirnen,41 ſind eigentlich diejenigen, die am meiſten Ge - ſchmack an der Hetze finden, und Hunde, Woͤlfe, Baͤren, Stiere, Hetzmeiſter und Hetz - knechte durch einander, am herzlichſten be - klatſchen.

Warſchau hat auch oͤffentliche Badehaͤu - ſer, an welchen es mancher großen Haupt - ſtadt in Deutſchland noch mangelt. Das eine iſt nahe an der Weichſel befindlich und faͤllt gut in die Augen. Es beſteht aus einem ho - hen Erdgeſchoß, das in einzelne Kabinetter ab - getheilt iſt, worin ſich Eine Badewanne, oder auch ihrer zwey befinden. Durch alle laufen Roͤhren, eine mit kaltem, die andre mit war - mem Waſſer. Die Wannen ſind zwar nur von Holz, werden aber ſauber gehalten. Das Bad koſtet vier polniſche Gulden, wofuͤr man auch das noͤthige Badelinnen erhaͤlt. Ein Ka - napé, auf welchem man ſich nach dem Bade erholen kann, ſteht in jedem Zimmer. Beyde Geſchlechter baden haͤufig hier, und man iſt (was ich wohl kaum zu bemerken brauche) ſo42 gewiſſenhaft nicht, Aufhebens zu machen, wenn Perſonen zweyerley Geſchlechts in Ein Kabi - net gehen. Wirklich ſind dieſe Baͤder oft ge - nug die Zufluchtsoͤrter bedraͤngter Liebe und wegen ihrer Abgelegenheit ſehr bequem dazu. Es iſt auch ein Kaffee - und Weinſchank da - mit verbunden, und man kann beydes auf einer Gallerie, die uͤber die Straße laͤuft und die Weichſel beherrſcht, auf eine angenehme Weiſe genießen. Wenn mich einige Merkzeichen nicht truͤgen, ſo ſorgt auch der Unternehmer dieſes Kaffeehauſes, daß zu gewiſſen Stunden, die der Badegaſt beſtimmen mag, ſich Geſellſchaf - terinnen dort treffen laſſen, die den Aufent - halt in der Wanne und auf der Gallerie ver - ſchoͤnern!

Bey Lazienka iſt ein anderes Badeinſti - tut, das ungefaͤhr auf gleichen Fuß eingerichtet iſt. Man findet hier, wie dort, oft genug auch Badende aus den hoͤhern Klaſſen.

Am Eingange der großen Allee, die nach Ujasdow fuͤhrt, wohnt eine wunderliche Art43 von Speiſewirth, der viel Zuſpruch hat. Es iſt ein Krebsmaͤſter. Er hat in mehreren Behaͤltern ſeine Thiere in der Maſt, verbirgt aber die Maſtungsart ſelbſt als ein Geheim - niß, vermuthlich aus dem doppelten Grunde, daß er Nebenbuhler vermeiden und daß er ſei - nen Gaͤſten mit dem Anblicke der Aezung die Eßluſt nicht verderben will.

Es iſt wahr, er bringt die Krebſe zu einer ungewoͤhnlichen Groͤße und Fuͤlle. Die be - ruͤhmten Oderkrebſe kommen ihnen in beyden nicht gleich, noch weniger im Geſchmacke. Die Art, ſie zuzubereiten, hat auch etwas be - ſonderes, und iſt mithin auch ein Geheimniß. Man wuͤrde vielleicht nicht glauben, daß man bey dieſem Mann Dukaten verzehren koͤnne, wenn man nicht ſchon durch mehrere Winke benachrichtigt worden waͤre, daß in Warſchau alles vornehm und theuer iſt. Zudem ſind Burgunder, Champagner und alter Unger die einzigen Weine, die man mit Anſtand dazu trinken kann, da das Gericht Krebſe ſelbſt nur44 drey oder vier polniſche Gulden koſtet! Man geht einzeln oder in kleinen, feinen Geſellſchaf - ten hieher; und ſchon der Preis zeigt, was fuͤr Klaſſen beſonders einzuſprechen pflegen.

Gewiſſe Mitglieder der beſſern Staͤnde ha - ben endlich noch einige oͤffentliche Haͤuſer, wo ſie ſich beſonders des Abends zum Schmauſen und Zechen zuſammen finden. Es ſind meiſt alte Voͤller oder junge Wuͤſtlinge vom Adel, auch Kaufleute, Beamte, Officiere und der - gleichen. Getrunken wird hier beſonders nach altpolniſcher Sitte, und geſpielt nicht minder ernſthaft. Wenn dieſe Geſellſchaften bis nach Mitternacht geſchwaͤrmt haben, ſo gehen ſie gewoͤhnlich noch, wenn es Winter iſt, auf die Redoute, und im Sommer in die liederlichen Haͤuſer. Wo ſie hinkommen, ſcheinen boͤſe Geiſter losgelaſſen zu ſeyn. Auf den Redou - ten gehen ſie in Rotten umher und treiben Muthwillen, fangen noch einmal an zu trin - ken, jagen die liederlichen Maͤdchen zuſam - men, und waͤhlen unter ihnen fuͤr ihre An -45 zahl und ihren Bedarf, und begleiten ſie nach Hauſe, oder nehmen ſie mit in ihre eigene Wohnungen. Dieſe Menſchen erlauben ſich noch, ſolche Kreaturen auf das ſchaͤndlichſte zu mißhandeln, was ſonſt in großen Staͤdten, wo die zuͤgelloſeſte Jugend iſt, nicht mehr ge - ſchieht, weil die Polizey ein wachſames Auge darauf hat. Aber hier, wo faſt keine iſt, hat der Muthwille leichtes Spiel, beſonders wenn die Unholden von Familie ſind.

So ward im Winter 1792 eines Morgens ein huͤbſches Maͤdchen von ungefaͤhr vierzehn Jahren, am Eingange des ſaͤchſiſchen Palla - ſtes, halbtodt gefunden. Jhr Haar und ihre Kleider waren in der groͤßeſten Unordnung; ſie hatte mehrere Beulen am Kopfe und blaue Flecke an ihrem Koͤrper. Man brachte ſie in ein benachbartes Haus, rieb und baͤhete ſie, und ſie kam wieder zu ſich. Jetzt erfuhr man, daß ſie einem jungen Edelmanne von der Re - doute nach ſeiner Wohnung gefolgt ſey, weil er ſie auf das dringendſte dazu aufgefordert. 46Sie habe anfangs durchaus nicht gewollt, weil ſie ihn vorher mit ſechs oder acht Andern, die ſehr laut und wild geweſen, auf - und ab - rennen ſehen. Dieſe ſeyen aber nach und nach verſchwunden, und ihre anfaͤngliche Beſorgniß habe ſich zerſtreut. Sie ſey in ſeinem Wagen mit ihm nach Hauſe gefahren, wiſſe aber bis dieſe Stunde das Haus nicht, weil ſie erſt vor ein paar Tagen nach Warſchau gekommen. Kaum ſey ſie fuͤnf Minuten dort geweſen, ſo haͤtten ſich die Uebrigen nach und nach wieder zuſammen gefunden; haͤtten die ſchrecklichſten Dinge mit ihr vorgenommen, und als ſie ſich wehren wollen, ſie gewaltſam gemißhandelt. Sie haͤtte endlich Sinne und Bewußtſeyn dar - uͤber verloren, und ſie wiſſe nicht, wie ſie da - hin gekommen ſey, wo man ſie gefunden. Jn einer andern Stadt waͤre nichts leichter geweſen, als dieſe Ungeheuer aufzufinden und zur Strafe zu ziehen; aber wo in Warſchau kein Klaͤger iſt, da iſt kein Richter; und waͤre das Maͤdchen oder ihre Wirthin laut gewor -47 den, ſo waͤren ſie fuͤr ihre Handthierung zwar zur Strafe gezogen, aber der Wuͤſtlinge waͤre nicht weiter gedacht worden.

Ein aͤhnlicher Zug des ſtrafbarſten Muth - willens zeigte ſich den folgenden Fruͤhling. Eine kleine Geſellſchaft von jungen Edelleuten, un - ter denen man zwey Stanislausritter geſehen hatte, waren nach Mokatow, dem Luſtſitze der Kronmarſchallin Lubomirska, gekommen. Die Beſitzerin hat Gefallen an ſchoͤnem Feder - vieh und man unterhielt hier, auch waͤhrend ihrer Abweſenheit, eine ausgeſuchte Samm - lung davon. Den jungen Leuten duͤnkte es ein großer Scherz, wenn ſie dieſe Thiere ſaͤmmt - lich koͤpften. Sie zogen auch ſogleich ihre Saͤ - bel und vollſtreckten ihren Einfall. Pfauen, Huͤnern, Enten, Gaͤnſen von den koſtbarſten Arten, ſchlugen ſie die Koͤpfe herunter. Den Aufſeher des Schloͤßchens, der dazu kam und ſich ihnen widerſetzte, mißhandelten ſie groͤb - lich. Sodann ſuchten ſie die Stoͤrche, Kra - niche und Schwaͤne, die in dem Garten zer -48 ſtreut waren, auf, und behandelten ſie wie das uͤbrige Gefluͤgel. So ſieht man, daß der Geiſt des beruͤchtigten Karl Radziwil doch in Polen noch nicht ganz ausgegangen iſt.

Jch bin von den hoͤhern und feinern Ge - nuͤſſen der Warſchauer großen Welt, allmaͤh - lig zu den geringern und groͤbern herabgeſtie - gen, und ſchließe nun mit einem, der wohl nirgend ſo unmaͤßig und ſo unverholen geſucht wird, wie in Warſchau ich meyne das Ver - kehr mit liederlichen Weibern und Maͤdchen. Jn dieſem Punkte, mehr als in allen andern, zeigt ſich hier noch eine altpolniſche Rauhigkeit der Sitten, die ſelbſt dem aufzufallen pflegt, der dieſen Theil in der Charakteriſtik von Ber - lin, Wien, Paris und Neapel zu beobachten Gelegenheit gehabt hat. Jch ſpreche nachher von den leichten Begriffen, die man hier uͤber die ehelichen Pflichten hat; jetzt mache ich hier nur einige Bemerkungen uͤber die oͤffentlichen Maͤdchen und ihre Art zu ſeyn.

Bey49

Bey dem Luxus, der hier, wie anderwaͤrts, die Heirathen vermindert, und der Hageſtol - zen mit jedem Jahre mehr macht; bey der Menge von jungen Leuten, die hier in den Staatskollegien, beym Militaͤr, in den Schreib - ſtuben und Gewoͤlben der Kaufleute ꝛc. ange - ſtellt ſind; bey dem ſtarken Zuſtroͤmen des Adels aus den Provinzen, der oft nur des Le - bensgenuſſes wegen hieher koͤmmt, und fuͤr denſelben mit vollen Haͤnden ausſtreuet; bey der Ungebundenheit, welche Grundſaͤtze und oͤffentliche Meynung in dieſem Punkt hier ein - mal angenommen haben; bey der ſcheuloſern Art, ſeinen Launen und Geluͤſten nachzuhan - gen, die in freyen Verfaſſungen den Staats - buͤrgern zur Natur wird; bey der verwahr - loſten Erziehung des weiblichen Geſchlechts ge - ringerer Klaſſen; bey dem ſchlechten Beyſpiele, das hierin die Weiber und Maͤnner hoͤherer Klaſſen geben; bey dem Mangel aller naͤheren Aufſicht von Seiten des Staates, durch die Polizey bey dieſen Umſtaͤnden iſt es keinDrittes Heft. D50Wunder, daß hier das unſittliche Verkehr bey - der Geſchlechter eine Ausdehnung, eine Oef - fentlichkeit, Mannigfaltigkeit und Duldung, aber auch einen Grad von Anreitzung, Koſt - barkeit, Verderblichkeit, mit einer Miſchung von Schamloſigkeit und Brutalitaͤt verbunden, erreicht hat, zu dem es vielleicht in keiner an - dern großen Hauptſtadt in Europa gelangt iſt.

Die Werkzeuge dieſer Ausſchweifungen thei - len ſich in mehrere Klaſſen. Dieſe ſind zwar durch keinen ſcharfen Graͤnzſtrich geſchieden; ihre Mitglieder ſteigen aus einer in die andre, bald hinauf, bald herab, und, da nur ihr Aeußeres die Unterſcheidungen bewirkt, ſo wer - den ſie von den Wuͤſtlingen in der Sache ſelbſt promiſcue gebraucht; aber im Ganzen giebt es doch einen gewiſſen Zuſtand fuͤr ſie, der die Beſchaffenheit und die Anzahl ihrer Kunden beſtimmt und ihnen einen hoͤhern oder niedri - gern Rang zutheilet.

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Die erſte Klaſſe bilden demnach die un - terhaltenen Maͤdchen, die fuͤr Wohnung, Nahrung, Kleidung, oder auch fuͤr einen ge - wiſſen Gehalt, ihre Freyheit und ihre Perſon vermiethen. Unter den hoͤhern Staͤnden iſt es faſt in Sitte uͤbergegangen, daß Verheirathete, Unverheirathete und Wittwer ſolche Perſonen zu ihrer Erholung unterhalten, und deßhalb iſt ihre Anzahl, beſonders zu Reichstagszeiten und uͤberhaupt bey Gelegenheiten, die den Adel nach Warſchau ziehen, ſehr ſtark, und ſie wuͤrde dreyfach ſtaͤrker ſeyn, wenn nicht manche verheirathete Frau, neben der Beſchaͤf - tigung mit ihrem Gemal, noch Zeit und Luft genug behielte, die Stelle einer Unterhaltenen, auf gleichem Fuße, bey einem zweyten einzu - nehmen.

Da man mit dieſer Klaſſe von Maͤdchen gleichſam lebt und noch andern, als den thie - riſchen Genuß bey ihr ſucht: ſo verlangt man, daß ſie neben Schoͤnheit und Ueppigkeit, auch Verſtand, Gefuͤhl, Geſchmack und Munter -D 252keit beſitzen. Daher kommt es, daß dieſe Gat - tung meiſt aus fremden Maͤdchen und Wei - bern, beſonders aus Franzoͤſinnen, Jtaliene - rinnen, (weniger aus Deutſchen) beſteht, die als Kammerjungfern, oder als Putzmacherin - nen, oder als Hofmeiſterinnen, oder als Schauſpielerinnen nach Polen theils verſchrie - ben, theils ſchon in ihrer jetzigen Beſtimmung, von Reiſen mitgebracht werden. Die Polinnen ſelbſt werden zu dieſem Behufe weniger geſucht, theils, weil diejenigen Klaſſen, die dergleichen Subjekte ſtellen koͤnnten, in Erziehung und Bildung ſehr zuruͤck ſind, theils, weil die Po - len alles Fremde, auch in dieſem Punkte, dem Einheimiſchen vorziehen, theils, weil es praͤch - tiger und vornehmer iſt, eine italieniſche oder franzoͤſiſche Maͤtreſſe zu beſitzen, theils endlich, weil es der Eitelkeit ſchmeichelt, jemand um ſich zu haben, mit dem man ſich in fremder Sprache unterhalten kann. Erſt, wenn ſolche fremde Perſonen nicht zu haben ſind, ent - ſchließt man ſich, polniſche dazu taugliche Werk -53 zeuge aufzuſuchen, und dann ſieht man ſich nach ſolchen um, die von beſſerer Geburt und Bildung ſind, die man entweder ihren Eltern oder ihrem Mann entfuͤhrt oder abhandelt, oder von ihren Kupplerinnen loskauft; kurz, die zugleich durch die Art, wie man ſie er - wirbt, ein gewiſſes Jntereſſe erhalten, das den Werth ihres Beſitzes in den Augen eines verkehrten Publikums erhoͤht, und vergeſſen macht, daß ſie nur Polinnen ſind.

Der Charakter dieſer Geſchoͤpfe iſt hier, wie uͤberall. Da ſie von der Willkuͤhr ihres Sultans abhangen, der ſie nach Gefallen ver - ſtoßen oder behalten kann, ſo benutzen ſie die Zeit, waͤhrend der ſie ſeiner gewiß ſind, und erpreſſen, erſchmeicheln und ertrotzen von ihm ſo viel ſie koͤnnen. Sind ſie klug, ſo leiten ſie ſeine Freygebigkeit auf gruͤndliche Dinge; ſind ſie bloß eitel, ſo dringen ſie auf Tand. Jene werden zuweilen nuͤtzlich. Jndem ſie bloß ihren eigenen Vortheil vor Augen haben, ſo halten ſie ihre Liebhaber von tauſend an -54 dern unnuͤtzen Ausgaben ab, und leben haͤus - lich mit ihnen, um eine Veraͤnderung in ihrer Oekonomie zu verhuͤten, die ſie zuerſt mit tref - fen koͤnnte. Sind ſolche Maͤdchen noch kluͤger und arbeiten ſie insgeheim dahin, eine eheliche Verbindung oder einen Vertrag auf lebens - laͤngliches Jahrgeld herbeyzufuͤhren: ſo geben ſie ihnen Proben von Uneigennuͤtzigkeit, ſogar von Treue, das heißt, ſie thun mehr, als hier manche Gemalin thut.

Ein Beyſpiel davon ſah ich an dem aͤltern Sohne des bekannten Fuͤrſten P**. Da die Finanzen des Vaters ſehr zerruͤttet waren, mußte es die Haushaltung der Soͤhne nicht minder ſeyn. Sie erhielten ſich faſt allein vom Spiele. Der aͤltere gewann im Herbſte des Jahres 1791, in Einer Nacht, zwanzigtau - ſend Dukaten. Er lebte mit einer Jtaliene - rin, einem ſchoͤnen, ſehr gebildeten Maͤdchen, welche die mannigfachen Abwechslungen in ſei - ner Oekonomie mit ihm getheilt hatte. Dieſe nutzte ſein neueſtes Gluͤck zur Grundlage eines55 ſichern Auskommens fuͤr ſie beyde. Durch ih - ren Einfluß auf den jungen Mann brachte ſie es ſo weit, daß er das gewonnene Kapital auf Zinſen anlegte und ſeine haͤusliche Ein - richtung ſo traf, daß er mit dem Ertrage der - ſelben auskam, nicht mehr ſpielte und mit ihr, zwar einſam, aber ſehr gluͤcklich lebte und noch lebt. Als kluges und reizendes Maͤdchen ver - ſtand ſie die Kunſt, ihn zu feſſeln, und ihn ſich, trotz allen Nachſtellungen, zu erhalten; denn (man wird es kaum glauben, aber es iſt nur zu wahr und ein ſehr beſchreibender Zug fuͤr die Grundſaͤtze vieler Weiber aus der hieſigen großen Welt) denn manches ſchoͤne Weib ſuchte, aus bloßem Kitzel der Eigen - liebe, ihn zu erobern, damit die Jtalienerin nicht den Ruhm behalten ſollte, einen jungen, wohlgebildeten und angenehmen Mann dem geſellſchaftlichen Verkehr entzogen zu haben. Auf der andern Seite ſetzte man junge Maͤn - ner in Bewegung, das Maͤdchen ungetreu zu machen, aber dieſen gelang ihr Plan eben ſo56 wenig bey ihr, als er den Weibern bey ihm gelungen war.

Prinz J** P** war einmal in einem aͤhnlichen Falle. Er hielt ſich ein Maͤdchen, an die er ſehr hing. Um ihr dieſen Triumph zu entreißen, verbanden ſich drey der reitzend - ſten Weiber in Warſchau, ihn, koſte es was es wolle, zu erobern. Da ihnen dieß auf dem gewoͤhnlichen Wege nicht gelang, ſpielten ſie ihre Angriffe bis in ſein Schlafzimmer. Ver - fuͤhreriſch, in einem Grade, wie nur ein pol - niſches Weib der hohen Klaſſe es ſeyn kann, erwarteten ſie ihn eines Abends in demſelben, die ſchoͤnſte in ſeinem Bette, und die beyden andern, wie Nymphen gekleidet, vor demſel - ben. Dieſe flogen ihm entgegen, als er her - eintrat, und fuͤhrten ihn zu dem wolluͤſtigen Lager hin; aber ſie hatten die Beſchaͤmung, den Prinzen umkehren und ſich in die Arme ſeines Maͤdchens retten zu ſehen. Ein Hel - denmuth, den man ihm lange nicht hat ver - zeihen koͤnnen.

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Solche Beweiſe von Treue geben indeſſen der Unterhaltende und die Unterhaltene ſelten. Jener behandelt dieſe als ein Eigenthum ohne freyen Willen, und ſie behandelt ihn als einen Herrn, dem ſie zwar Dank ſchuldig iſt, und der gewiſſe Gefaͤlligkeiten von ihr verlangen kann, dem ſie aber ihr Jch nicht verkauft ha - ben will. Wenn er Anhaͤnglichkeit fuͤr ſie fuͤhlt, ſo iſt es bey den Anwandlungen des Naturtriebes oder der Eiferſucht, bey dem Ge - nuſſe, den ihr Beſitz ſeiner Eitelkeit verſchaft, oder bey dem Gedanken an das, was ſie ihm koſtet; uͤbrigens glaubt er ſich ihrentwegen nicht binden zu muͤſſen; und ſie, ihm nur in ſo fern ergeben, als er ihre Beduͤrfniſſe, ihre Launen, und ihr Begehr befriedigt, als er ſie ſchaͤtzt und ihr ausſchließend Beweiſe ſeiner Neigung darbringt, glaubt, ſobald ſie dieſe Dinge vermißt, ihm auch keinen Dank weiter ſchuldig zu ſeyn. Aus dieſem Verhaͤltniſſe fließt das Benehmen beyder gegen einander. Eins traut dem andern nie. Er giebt, um58 ihrer ſicher zu ſeyn, und ſie muß empfangen, um uͤberzeugt zu werden, daß ſie ſeiner ſicher iſt. Dieß Band des thieriſchen Triebes, der Eigenliebe und des Eigennutzes iſt nicht halt - bar. Sie findet bey ihm keine Liebe, und er bey ihr hoͤchſtens Dankbarkeit, nie perſoͤnliche Anhaͤnglichkeit, ihr Herz muͤßte denn unge - woͤhnlich gut ſeyn. Ein aͤngſtliches Mißtrauen auf beyden Seiten theilt ihnen eine Empfin - dung mit, die wie Eiferſucht ausſieht, und im Grunde haͤlt bloß dieſe eine Verbindung zu - ſammen, die ſo locker und ſo quaͤlend iſt, als ſie, fuͤr das Wohl der buͤrgerlichen Geſellſchaft und die Fortpflanzung des menſchlichen Ge - ſchlechts, zu ſeyn verdienet.

Daß die Unterhaltung einer ſolchen Per - ſon ſehr koſtbar ſeyn muͤſſe, fließt aus dem vorigen. Man miethet eine Wohnung, die der Eitelkeit des Unterhalters und den An - maßungen der Unterhaltenen angemeſſen iſt. Sie muß in einer lebhaften Straße ſeyn, da - mit man, wenn man bey ihr im Fenſter liegt,59 von Vielen geſehen werde, und damit ſie, wenn ſie allein iſt, zum Zeitvertreibe viel ſehen koͤnne; man haͤlt ihr entweder eigene Equipage, oder eine Remiſe, die durch Neuheit und Pracht auffaͤllt, damit ſie anſtaͤndig, und man mit ihr, im Publikum erſcheinen koͤnne; man ſtat - tet ſie mit Kleidern und Juwelen ſo aus, daß ſie, wo ſie nicht ausdruͤcklich gekannt iſt, fuͤr eine Frau von Stande gehalten werde; man verſorgt ihren Tiſch, man putzt ihre Wohnung praͤchtig auf, damit man gute Freunde mit Eh - ren zu ihr bitten und ſie von ihr bewirthen laſſen moͤge; mit einem Worte, man ſetzt ſie in Umgebungen, die eine Frau ſelbſt nicht ſchoͤner und reichlicher verlangen koͤnnte. Jſt man ver - heirathet, ſo wohnt man nicht gerade bey ihr, widmet ihr aber, wenigſtens die erſte Zeit, alle ſeine leeren Stunden; iſt man unverheira - thet, ſo hindert nichts, daß man zu ihr ziehe. Dieß ganze Gluͤck erkauft man ſich monatlich mit ein -, zwey - und dreyhundert Dukaten.

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Jſt ein Maͤdchen oder ein Weib auf dieſen Fuß geſetzt, ſo ſieht man ſie in ihrem neuen Glanze auf allen Straßen und Spatziergaͤn - gen, an allen oͤffentlichen Orten, bey allen Schauſpielen, und ſie macht ſich, durch ihre kindiſche Freude, ſo laͤcherlich, als es in der Natur der Sache liegt. Da ſie, um ganz gluͤcklich zu ſeyn, weibliche Bekanntſchaften braucht, um ihre Herrlichkeiten ihnen zu zei - gen und ſie vor Neid außer ſich zu ſetzen; da ſie aber dazu nur Jhresgleichen finden kann: ſo ſieht man oft in Warſchau dieſer Geſchoͤpfe zu halben Dutzenden bey einander, wie ſie, mit ihrem ganzen Reichthum uͤberladen, in das Theater, auf das Land, in die Koncerte, auf die Redouten fahren und ihren Uebermuth und ihre Schande zur Schau tragen. Ge - woͤhnlich geſtatten oder geben ihre Unterhalter ihnen gewiſſe Leute zu Geſellſchaftern, die ſie fuͤr ungefaͤhrlich halten, und die ſie ſelbſt ent - weder, oder ihre Maͤdchen, unter ihren Be - kannten ausſuchen. Dieſe eſſen, trinken, fah -61 ren und tanzen mit ihnen, werden oft aus Waͤchtern ihre Beyſchlaͤfer, und eben ſo oft ihre Kuppler; denn dieſe Maͤdchen ſind ſehr geſuchte Gegenſtaͤnde fuͤr die Begehr gewiſſer, hier ſehr haͤufiger, Dilettanten, die ihr Ver - gnuͤgen in dieſem Punkt nach dem Grade von Verbotenheit und Schwierigkeit, die deſſen Ge - nuß mit ſich fuͤhrt, abzumeſſen pflegen, und die beſonders der Umſtand dabey kitzelt, daß ſie ſchadenfroh das theure Werkzeug eines an - dern benutzen, und, freylich nicht umſonſt, die Wonne haben, ihm vorgezogen zu werden. Hierin ſchont kein Freund den andern, kein Sohn entſieht ſich, dem Vater dieſen Poſſen zu ſpielen, kein Bruder dem Bruder. Die Maͤdchen ſelbſt ſind gewoͤhnlich ſehr willig, die Hand dabey zu bieten, weil es ihre Luſt und ihre Einkuͤnfte vermehrt, und ſie ſind darin um ſo gewiſſenloſer, wenn ihr beylau - fender Liebhaber reich und ſtark genug iſt, ih - ren Verluſt zu erſetzen, im Fall ſie das Un - gluͤck haͤtten, ertappt und entlaſſen zu werden. 62So verſchwendet Einer gewoͤhnlich fuͤr den Andern, und die Folgen, die daraus oft fuͤr die Geſundheit beyder entſtehen, ſind leicht zu errathen. Mit einem Worte alles hieruͤber zu ſagen: die Ausgaben fuͤr den Wundarzt neh - men bey der Unterhaltung ſolch eines Ge - ſchoͤpfes eine betraͤchtliche Stelle ein; und nun erſpare man mir die naͤhere Erwaͤhnung der Greuel, die hierauf Bezug haben, und die ent - weder aus Leichtſinn, oder aus Schadenfreude und Rachſucht begangen werden, und die man oft in den Jahrbuͤchern der pariſiſchen Sit - tenverderbniß geleſen haben wird.

Die zweyte Klaſſe oͤffentlicher Maͤdchen bil - den ſolche, die ſich auf ihre eigene Hand ſetzen und von zufaͤlligen Beſuchen leben. Sie ſchla - gen ihren Wohnſitz mehrentheils in der Kra - kauer Vorſtadt, und zwar in dem belebteſten Theile derſelben, zwiſchen der Poſt und dem Eingange des ſaͤchſiſchen Pallaſtes, auf. Hier befinden ſich gewiſſe Haͤuſer, oder Stockwerke in Haͤuſern, die ſeit Jahren in Beſitz ſind,63 ſolche Bewohnerinnen zu hegen. Man geht zu ihnen, wie man anderwaͤrts in ein Kaffee - haus geht. Man zeigt ſich bey ihnen am Fen - ſter, man liegt mit ihnen im Fenſter, und laͤßt jedem Voruͤbergehenden ohne Scheu ſein Geſicht ſehen. Niemand faͤllt darauf, den Schein zu bewahren, und von der allgemeinen Sorgloſigkeit hierin, giebt der Zug einen Be - weis, daß an dem Tage der Konſtitutions - feyer, als der Koͤnig in Gala, der Primas in ſeinem ganzen geiſtlichen Gepraͤnge, alle Bi - ſchoͤfe, alle Senatoren und Reichsboten uͤber die Krakauer Vorſtadt fuhren, die ſaͤmmtlichen Fenſter dieſer Maͤdchen mit Officieren und an - dern Kunden, die theils ihre Generale, theils ihre Vaͤter und Verwandte in dem großen Zuge hatten, mit den Maͤdchen ſelbſt unter - mengt, die uͤber ſie hinweg, oder uͤber die ſie hinwegkletterten und ſahen, ſtarrend beſetzt waren.

Eben dahin gehoͤrt der Umſtand, daß die Hausherren, die Zimmer in ihren Haͤuſern ver -64 miethen, und daß die Gaſtwirthe es nicht ein - mal zu bemerken ſcheinen, wenn ihre Mieths - leute von ſolchen Maͤdchen oͤffentlich beſucht werden, wenn ſie ſelbſt des Abends dergleichen mit nach Hauſe bringen und ſie erſt den an - dern Morgen entlaſſen, oder auch ſie zu Wo - chen und Monaten bey ſich im Hauſe behal - ten. Es iſt ſchon hergebracht, ihnen dieſe Freyheit mit der Wohnung ſelbſt zuzugeſtehen, und es faͤllt den Wirthen nicht ein, zu glau - ben, daß ihre Haͤuſer dadurch in einen unguͤn - ſtigen Ruf kommen koͤnnten. Ja, ſie wiſſen, daß die Lohnbedienten, die ſich zu ihrem Hauſe halten, die unverſchaͤmteſten Kuppler ſind, die den Fremden liederliche Maͤdchen bey lichtem Tage zufuͤhren, und doch iſt keiner ſo eigenſin - nig, ſie darum fortzujagen! Daß die Kaffee - Wein - und Speiſe-Wirthe eben ſo wenig un - terſuchen werden, was fuͤr Perſonen unter ih - ren anſtaͤndigern Gaͤſten, ohne alle Aengſtlich - keit, Platz nehmen, verſteht ſich von ſelbſt. Auf der andern Seite findet auch keine anſtaͤn -dige65dige Familie Bedenken dabey, eine Wohnung zu beziehen, aus der ſo eben ein liederliches Maͤdchen weggezogen iſt, oder ſich an einen Tiſch zu ſetzen, welchen verdaͤchtige Perſonen ſchon zum Theil eingenommen haben. Der Leichtſinn iſt in dieſem Punkt hier allgemein, und wenn man noch einige Feinheit des Ge - fuͤhls in dieſer Hinſicht findet, ſo iſt es unter den Einwohnern deutſcher Zunge, die, trotz den boͤſen Beyſpielen, eine gewiſſe Verſchaͤmt - heit und Bedenklichkeit in Dingen dieſer Art, die ihrem Volke vor vielen andern eigen iſt, noch nicht abgelegt haben.

Die Maͤdchen dieſer zweyten Klaſſe, die eine gewiſſe Wahl unter ihren Kunden tref - fen, ſind in ihrer Haushaltung ungefaͤhr ſo eingerichtet, wie die Spieler, die heute Ueber - fluß, morgen nur genug, und uͤbermorgen nicht ſatt haben. Jhre Gunſtbezeugungen ſind zu einem gewiſſen Preis angeſchlagen, der nach ihrer koſtbarern oder aͤrmern Einrichtung ab - gemeſſen iſt, der ſich durch Ueberlieferung ziem -Drittes Heft. E66lich gleich erhaͤlt und der uͤbrigens in War - ſchau, wo Lebensmittel, Dienſte und Gefaͤllig - keiten theurer als irgendwo ſind, auch ziemlich hoch angeſetzt zu ſeyn pflegt. Einige unter ihnen (und dieß ſind die anſtaͤndigſten) erlau - ben keinen Beſuch geradezu, ſondern Liebha - ber laſſen ſich entweder durch einen ſchon be - kannten Kunden auffuͤhren, oder durch ihre Bedienten, oder durch einen Kuppler anmel - den. Sie ſitzen den ganzen Tag, mehrentheils mit Geſchmack gekleidet, am Fenſter, und ſcheinen in irgend einer weiblichen Arbeit ver - tieft. Am liebſten gelten ſie fuͤr junge verhei - rathete Weiber, oder fuͤr Wittwen, und ſie ſorgen, daß ein Kind oder mehrere, die ſie miethen, an den andern Fenſtern ſpielen; ſie gehen oder fahren auch mit ihnen aus und laſ - ſen ſich ſo in dem Saͤchſiſchen und Kraſinski - ſchen Garten ſehen. Dieſer Kunſtgriff koͤmmt ihnen freylich nur bey Auslaͤndern und Pro - vinzialen zu ſtatten; da dieſe aber immer haͤu - fig in Warſchau ſind, ſo fehlen ſolche Fliegen67 ihren Netzen ſelten. Je gefaͤhrlicher ſie nun, als junge Weiber, den Genuß ihrer Gunſtbe - zeugungen zu machen wiſſen, je hoͤher ſie, als junge Wittwen, ihre Schwachheit, die ihre Ehre bedrohet, anzuſchlagen verſtehen, deſto freygiebiger iſt der verliebte Abentheurer, der oft glaubt, ſoviel Gefahr und Liebe mit hal - ben und ganzen Dutzenden von Dukaten er - ſetzen zu muͤſſen. Wer kein geuͤbtes Auge hat, wird auch durch ihr Aeußeres und ihre Woh - nung in dieſer Taͤuſchung nicht unterbrochen. Erſteres iſt anſtaͤndig und fein, letztre ſauber aufgeputzt, mit neuem und geſchmackvollen Hausrath, beſonders aber mit einem zwey - ſchlaͤfrigen Bette verſehen, das durch ſeidene Polſter und Vorhaͤnge ſich als die Hauptſache im Zimmer anmeldet und ſelbſt in Zeiten der Noth, wo Kleider, Waͤſche und Ringe ver - ſetzt werden muͤſſen, in ſeinem vornehmen Zu - ſtande erhalten wird.

Dieſe Art Maͤdchen laͤßt ſich auch oft ge - fallen, fuͤr die Zeit, die ſich ein Fremder inE 268Warſchau aufzuhalten gedenkt, in ſeinen Sold zu treten. Dieſer iſt dann nach der Einnahme beſtimmt, die ſie ſich ſonſt zu verſchaffen wußte, und ſteigt von fuͤnf und zwanzig bis auf funf - zig und hundert Dukaten. Da ſie ihre Liebha - ber durch ihren vorgeblichen Mann, oder Bru - der, oder Verwandten in beſtaͤndiger Schuͤch - ternheit erhalten koͤnnen, ſo ſchluͤpfen ihre ſon - ſtigen Kunden unter dieſer Maske beſtaͤndig bey ihr aus und ein; oder ſie bedingt ſich auch gewiſſe Stunden aus, wo ſie dieſe Geſchoͤpfe ihres Betrugs um ſich dulden zu muͤſſen vor - giebt. Man hat Beyſpiele, daß Maͤdchen die - ſer Art Edelleute aus der Provinz in dieſer Taͤuſchung ſo geſchickt zu erhalten und ſo an ſich zu feſſeln wußten, daß letztre ſie, als ver - meynte junge Frauen, ihren Maͤnnern, oder als vermeynte junge Wittwen, denen man eine zweyte Heirath aufdringen wollte, ihren Ver - wandten bey Nacht und Nebel, unter Zittern und Beben, entfuͤhrten, auf ihre Guͤter in Sicherheit brachten und ſie heimlich unterhiel -69 ten, wenn ſie verheirathet, oder gar ehelichten, wenn ſie unverheirathet waren. Zwey dieſer Maͤdchen, eine Jakobowska und eine Jo - hannka, beyde ſehr huͤbſch, die noch jetzt in der Krakauer Vorſtadt wohnen und großen Zu - ſpruch haben, ſind durch ſolche Abentheuer be - ruͤhmt geworden. Jhr Gluͤck hielt ſich aber immer nur ſo lange, als ſie ihre gewoͤhnliche, leichtſinnige Gemuͤthsart verbargen, oder als ſie nicht von einem vormaligen Liebhaber zu - faͤllig entdeckt und verrathen wurden.

Uebrigens erhalten ſich dieſe Maͤdchen un - abhaͤngig und frey von der Botmaͤßigkeit einer Kupplerin. Dafuͤr haben ſie die Lohnbedien - ten in Warſchau an der Hand, deren Empfeh - lung ſie ſich durch Geſchenke, oder durch ei - nen beſtimmten Antheil an ihrem Gewinnſte, zu verſchaffen und zu erhalten wiſſen. Außer dieſen machen ſie ſich mit gewiſſen Kupplern, meiſt Juden, bekannt, die, zur Befriedigung hoher Herrſchaften, in einem ewigen Treibja - gen hinter Maͤdchen aller Art, wie die Laune70 des Wuͤſtlings ſie begehrt, begriffen, und mit die verworfenſten unter den Taugenichts ſind, deren hier die niedrigen Klaſſen eine ſo große Menge darbieten.

Zu dieſer Gattung Maͤdchen gehoͤren auch die Schauſpielerinnen und Taͤnzerinnen, die ein ſo aͤrgerliches Leben fuͤhren, als ihre Mit - ſchweſtern zu Paris, Venedig, Neapel und Livorno nur immer fuͤhren koͤnnen. Die ſchoͤ - nern, juͤngern und geſchicktern unter ihnen, werden gewoͤhnlich unterhalten, aber wenn ſie ihre Unterhalter einbuͤßen, ſinken ſie ſogleich in jene zweyte Klaſſe hinab, die uͤberhaupt oͤf - ter durch den Fall der erſten Klaſſe, als durch die Erhebung der dritten, erſetzt und vollzaͤh - lig erhalten wird.

Die dritte Klaſſe lebt, und handelt auch wo moͤglich, unter den Augen einer ſogenann - ten Wirthin, und hat keinen freyen Wil - len. Die Maͤdchen aus derſelben koͤnnen nicht mehr, wie die aus der zweyten, nach Gefallen Beſuche machen und annehmen, noch ſich eine71 Zeitlang vermiethen oder verkaufen, ſondern beduͤrfen dazu des Vertrauens und der Zu - ſtimmung ihrer Beſitzerin. Dieſe haͤlt ſie durch die Schulden, die ſie bey ihr gemacht haben, verſtrickt, und bewacht ihre Perſon und kon - trolirt ihre Gunſtbezeugungen als ihre Hypo - thek. Des Scheins wegen, haͤngt ſolch eine Familie das Schild des Hutſtaffierers, des Kleiderputzers, des Weinſchenken ꝛc. aus. Ge - woͤhnlich laͤßt ſich die Tochter an dem einen, und die Mutter an dem andern Fenſter ſe - hen, und wenn ein paar luͤſterne Augen erſtre auszeichnen, ſo giebt letztre durch Nicken, Winken, Huſten und andre nicht unverſtaͤnd - liche Bewegungen kund, daß man nicht Urſach habe, es beym bloßen Anſehen bewenden zu laſſen. Dieſe Klaſſe iſt uͤbrigens am wenig - ſten zahlreich in Warſchau, theils, weil die Liebhaber einer doppelten Erpreſſung, von Sei - ten des Maͤdchens und der Kupplerin, ausge - ſetzt ſind, mithin ſparſam kommen, theils, weil die Maͤdchen ſich ungern in dieſe Skla -72 verey begeben, theils, weil ſie hier, wo die Polizey ſehr nachſichtig iſt, nicht wie ander - waͤrts noͤthig haben, ſolch ein Weib als eine Art von Ruͤckenhalt zu waͤhlen, um in der buͤrgerlichen Geſellſchaft geduldet zu werden.

Die vierte und fuͤnfte Klaſſe dieſer Maͤd - chen dienen als Ausſchenkerinnen in den zahl - reichen Bier - und Branntweinshaͤuſern von Warſchau. Es ſind gewiſſe Straßen, die ganz oder zum Theil mit ſolchen Haͤuſern beſetzt und deßhalb nicht minder uͤbel beruͤchtigt ſind, als die Kanonier - und Baͤren-Straße in Ber - lin, der Spitalberg in Wien, die Straße St - Honoré in Paris, die Chiaja in Neapel und gewiſſe Winkel in Venedig. Dahin gehoͤren die Trompeter - Zabia - Swentojurska - und Wallowa-Straße. Jn dem Erdgeſchoß faſt aller Haͤuſer der Trompeterſtraße ſind Schlupf - winkel fuͤr den Soff und die Unzucht, und in jedem derſelben befinden ſich drey bis vier weib - liche Weſen, die ſich den ſchmutzigen und wilden Ausbruͤchen derſelben darleihen muͤſſen. 73Die Kunden dieſer Haͤuſer gehoͤren noch nicht zu den gemeinſten, und oft genug kehrt noch die vornehmere Brutalitaͤt hier ein, wenn ſie, beym Trunke oder durch Verabredung einer zuͤgelloſen Geſellſchaft, alles Gefuͤhl fuͤr Ord - nung und Sittlichkeit abgelegt hat. Sonſt ſind die gewoͤhnlichen Beſucher liederliche Buͤr - ger, Bediente, Handwerksburſche u. dergl., die beſonders an Sonn - und Feyertagen dieſe Tummelplaͤtze der Rohigkeit anfuͤllen. Die Haͤuſer in den uͤbrigen genannten Straßen ſind vielleicht die phyſiſch-elendeſten und moraliſch - weggeworfenſten in der Welt. Da ſie der Hefe des Volks zu ihren wildeſten Erholungen die - nen, da dieſe Hefe vielleicht nirgend ſo ſehr Hefe iſt, als hier: ſo kann man ſich denken, wie in dieſen hausgehalten werden mag. Dieſe ſind entweder bloß Buden, von Holz zuſam - men geſchlagen, die mitten im Kothe daſte - hen, wie die beruͤchtigten Czapskiſchen hinter dem ſaͤchſiſchen Garten; oder auch hoͤlzerne Haͤuſer mit Einer Stube, und Einem Ver -74 ſchlage, der von der Stube durch einen ſchmuz - zigen Vorhang getrennt wird. Jn dieſen en - gen, tiefer als die Straße liegenden, Behaͤlt - niſſen, beluſtigt ſich der gemeine Soldat, der Struße, der Bettler ꝛc. bey Branntwein und Spiel, und bey weiblichen Scheuſalen, die Jahr aus Jahr ein, oft bloß im Hemde und Unterrock, in dieſen Hoͤlen niſten; hier ſind beſtaͤndig Schlaͤgereyen, die nicht ſelten mit einem Mord endigen; hier iſt der beſtaͤn - dige Sitz alles Ungeziefers, aller ſchrecklichen Krankheiten; hier iſt die Graͤnzlinie al - ler Darſtellung fuͤr einen Schriftſteller von Gefuͤhl, und hier ſollte die Stelle ſeyn, wo eine gewiſſenhafte Polizey mit ihren wichtig - ſten Unternehmungen zum Wohl ihrer gerin - gern Mitbuͤrger, durch eine gaͤnzliche Schlei - fung dieſer graͤulichen Huͤtten, den Anfang machen muͤßte.

Kehren wir zu aufheiternden Gegenſtaͤnden zuruͤck.

75

Die Warſchauer ſind ein reitendes und fah - rendes Volk und ſchaͤtzen das Spatzierengehen wenig. Dazu koͤmmt, daß es, wegen des ſchlechten Pflaſters, das bald mit Koth uͤber - laufen, bald mit Staub uͤberdeckt iſt, faſt un - moͤglich wird, in der Stadt ſelbſt zu Fuße fortzukommen. Selbſt der Saͤchſiſche und Kra - ſinskiſche Garten, die ziemlich im Mittelpunkte der Stadt liegen, koͤnnen, wenn es nur maͤßig geregnet hat, nicht ohne Wagen erreicht wer - den, vielweniger der Garten des Kronkam - merherrn, die Alleen von Ujasdow mit ihrem Belvedere, oder Lazienka. Dieſe fuͤnf Spaz - ziergaͤnge liegen innerhalb dem Ringwalle von Warſchau und bieten ein mehr oder weniger angenehmes und geraͤumiges Lokale dar.

Der Saͤchſiſche Garten befindet ſich hinter dem, im erſten Abſchnitte dieſes Wer - kes erwaͤhnten, Saͤchſiſchen Pallaſte. Er nimmt ein laͤngliches Viereck von ungefaͤhr ſechszehn bis achtzehn hundert Fuß in der Laͤnge und ungefaͤhr halb ſo viel in der Breite ein. An76 beyden Seiten laufen dreyfache Alleen, die durch eine hohe Hecke geſchieden ſind, hinun - ter bis zu einem großen Pavillon, der, auf einer Erderhoͤhung, dem Pallaſte auf der an - dern Seite des Gartens gegenuͤber ſtehet. Zwiſchen dieſen Alleen liegen einfache Raſen - beete, auf welchen Baͤnke zum Niederſitzen an - gebracht ſind. An der rechten Seite (wenn man vom Pallaſte her koͤmmt) ſpringt ein Dreyeck heraus, das zu einem Nutzgarten ge - braucht wird, und Treib - und andre Beete einſchließt, von dem eigentlichen Luſtgarten aber durch eine Hecke getrennt iſt. Eben ſo befindet ſich an der linken Seite, die ganze Laͤnge des Gartens hinunter, ein verwildertes Gewirre von Baͤumen, Stauden und Gebuͤ - ſchen, das ebenfalls durch Spaliere und Hecken von dem eigentlichen Garten geſchieden wird. Hinter dem erwaͤhnten Pavillon fuͤhrt eine, mit Raſen bedeckte, Erderhoͤhung unter Al - leen, zu dem Ausgange des Gartens nach der Kaſernenſtraße zu. Hier hat man rechts ein77 paar Haͤuſer, die von Saͤchſiſchen Beamten bewohnt werden, und links dergleichen, nebſt einem mit Baͤumen und Buͤſchen beſetzten Ra - ſenplatze. An dem Ausgange ſelbſt ſtehen, an beyden Seiten, kleine Haͤuſer, worin, gerade wie an dem Ein - und Ausgange des großen Gartens bey Dresden, ſogenanntes Saͤchſi - ſches Bier geſchenkt wird.

Die Alleen, Hecken und Raſenſtuͤcke im Garten ſelbſt ſind nach franzoͤſiſchem Ge - ſchmacke. Sie gewaͤhren zwar viel Raum und geſtatten weite Ausſichten den Garten hinab und hinauf, aber wenig Schatten. Deß - halb beſucht man auch dieſen Garten am haͤu - figſten des Morgens und des Abends. Ge - frornes und andre Erfriſchungen hat man un - ter dem erwaͤhnten Pavillon, in welchem Zim - mer angebracht ſind, und in einem Zelte, feil, das an der rechten Seite des Gartens, unge - faͤhr in der Mitte deſſelben, aufgeſchlagen wird; Backwerk und feine Waſſer werden theils herumgetragen, theils findet man ſie in einem78 Seitengebaͤude des Pallaſtes, wo ſich ein Schweitzerbaͤcker niedergelaſſen hat.

Dieſer Garten war, waͤhrend des Revolu - tionsreichstages, bey ſchoͤnem Wetter, vorzuͤg - lich glaͤnzend, und man fand dort zu gewiſſen Stunden Alles beyſammen, was damals Ho - hes, Reiches, Schoͤnes und Politiſch-bedeu - tendes in den Mauern von Warſchau ſich be - fand. Jch erinnere mich keines Punktes in irgend einer andern großen Stadt, die ich ge - ſehen habe, der ſolche zahlreiche Gruppen von Menſchen beyderley Geſchlechts, die ſich durch irgend etwas auszeichneten, umfaßt haͤtte. Dazu war alles gewoͤhnlich in einer rauſchen - den Bewegung. Vaterlandsliebe und Egois - mus waren damals hier in gleich-ſtarker Thaͤ - tigkeit, Liebe und Galanterie, Zufriedenheit und Mißvergnuͤgen aͤußerten ſich unverholen und, bey dem lebhaften Weſen der Polen, ſehr laut und ſichtbar. Zuweilen kam es zu beunruhigenden Auftritten zwiſchen den Par - teyen, zuweilen wurden Perſonen, die ſich79 nicht zu den herrſchenden Grundſaͤtzen bekann - ten, mit ſo heftig ausgedruͤcktem Mißfallen empfangen und begleitet, daß ſie, um die all - gemeine Stimme uͤber ſie nicht in Thaͤtlich - keiten zu verwandeln, den Garten raͤumen mußten. Man ſah in der That hier, nach verjuͤngtem Maßſtab, Auftritte, die an die im Palais Royal zu Paris, kurz nach dem Ausbruche der Revolution, erinnerten, nur mit dem Unterſchiede, daß hier Landesbeherrſcher, mit Sternen und Ordensbaͤndern, von Frey - heit ſprachen und ſchwaͤrmten und dort Skla - ven, ohne Hut und Hemde. Daß uͤbrigens hier, wie dort, die oͤffentlichen Maͤdchen den Patrioten Zerſtreuungen darboten, verſteht ſich von ſelbſt.

Der Kraſinski'ſche Garten liegt hin - ter dem Pallaſte gleiches Namens, und hat ungefaͤhr ein Drittel von dem Umfange des Saͤchſiſchen, iſt auch weniger beſucht als die - ſer, und ſein Publikum iſt nicht ſo glaͤnzend. Seine Anlage iſt ebenfalls franzoͤſiſch, und ſie80 hat alle Bequemlichkeiten und Unbequemlich - keiten dieſes Geſchmacks. An beyden Seiten ſind ſchoͤne Alleen und Hecken, die Mitte iſt frey und den ganzen Tag uͤber der Sonne aus - geſetzt. Sonſt iſt dieſer Garten, wie der Saͤch - ſiſche, gut unterhalten. Auch hier iſt fuͤr die Genießer geſorgt, die nicht trocken ſpatzieren gehen moͤgen. Jn der Mitte ſind Zelte auf - geſchlagen, worin man Erfriſchungen haben kann, und in den Seitenalleen irren Maͤdchen umher, bey denen man den beſten Willen zur Unterhaltung findet.

Der Krongroßkammerherr, aͤlterer Bruder des Koͤnigs, beſitzt einen Garten von Umfang, den er nach ſeiner Laune, weder ganz nach engliſchem, noch ganz nach franzoͤſiſchem Ge - ſchmack, angelegt hat. Zum engliſchen fehlen ihm die ſchneckenfoͤrmigen Staudenbeete, und die Lufthoͤlzchen, aber die dazu gehoͤrigen Er - hoͤhungen und Vertiefungen, kuͤnſtlichen Fel - ſen, Obelisken, Teiche, Thuͤrme hat er; zum franzoͤſiſchen fehlen lange Alleen, Hecken, Par -terre,81terre, Porzellainbeete mit Buchsbaum einge - faßt; aber Pavillons, Terraſſen und Lauben ſind vorhanden. Da die Grundflaͤche des Gar - tens ſich von oben uͤber das hohe Ufer, das die Weichſel ehedem beſpuͤhlte, von dem ſie aber zuruͤck getreten iſt, nach der Niederung, worin die Schulitz liegt, hinabzieht, ſo hat der Beſitzer dieſe Erhoͤhung und Vertiefung zu natuͤrlichen Terraſſen benutzt; und da das Erd - reich ſehr locker iſt, ſo hat er es in mancher - ley Richtungen aushoͤlen und zu unterirrdiſchen Gaͤngen vorrichten laſſen, die, mittels einiger Durchbruͤche nach oben, Luft und Licht erhal - ten und zu artigen unterirrdiſchen Anlagen, theils Grotten, theils Saͤlen fuͤhren, die ſehr geraͤumig und heiter ſind und betraͤchtliche Ge - ſellſchaften faſſen koͤnnen*)Coxe erwaͤhnt dieſes Gartens, in ſeinem bekannten Werke, (Th. I. S. 129. fg. ) und ich wuͤnſche, daß man dort nachleſen moͤge, was er daruͤber ſagt, aber auch die ſchoͤnen Farben, mit denen er malt, ein wenig mildern. Man ſieht ihn nicht immer in dem. Die ſuͤdoͤſtlicheDrittes Heft. F82Seite des Gartens iſt zu Terraſſen benutzt, die mit Weinreben beſetzt ſind, und an deren Fuße ſich eine kleine Meyerey befindet, von welcher herab man zu einem Teiche gelangt, in deſſen Mitte eine Niederlaſſung angelegt iſt, deren kleine hoͤlzerne Haͤuſer vor der Hand nur noch von Froͤſchen bevoͤlkert ſcheinen. Auf dieſem Teiche ſchwimmen auch einige artige Fahrzeuge. Das Ganze indeſſen iſt mir mehr ſonderbar, als geſchmackvoll vorgekommen.

Bey meinem erſten Aufenthalt in Warſchau, ſtand dieſer Garten zwar jedem Wohlgekleide - ten offen, aber er war nicht oͤffentlich. Jetzt fand ich ihn an einen Unternehmer verpachtet, der Wein, Bier und Kaffee ſchenkt und da - durch, beſonders des Sonntags, ein zahlrei - ches Publikum aus allen Staͤnden dahin zieht.

*)magiſchen Glanze des Mondes, und in der bezaubern - den Geſellſchaft eines liebenswuͤrdigen Koͤnigs, und unter den Toͤnen einer reizenden Harmonie. Auch iſt er ſeit 15 Jahren ziemlich vernachlaͤßigt worden.

83

Die Alleen vor Ujasdow, einem ehema - ligen Luſtſchloſſe, das jetzt zu Kaſernen einge - richtet iſt, bedecken vor demſelben, an der ſuͤd - oͤſtlichen Spitze der Stadt, ein dreyeckigtes Lokale. Die Hauptallee nimmt am Ende der Ujasdow-Straße ihren Anfang und fuͤhrt, in einer Laͤnge von ungefaͤhr fuͤnftauſend Schu - hen, zu einer Terraſſe, unter welcher ſich der Boden abſenkt und ſich, in einer großen, mit Vorwerken, Luſtſchloͤßchen und reichen Saaten beſetzten Flaͤche, von dem Auge uͤberſpannen laͤßt. Hier iſt das Belvedere. Jn der Mitte jenes Dreyecks laͤuft eine zweyte Allee herauf, die, wie die erſte, von mehreren Queer - alleen, in mancherley Richtungen durchſchnit - ten wird, welche verſchiedene kleinere, mit Ra - ſen bedeckte, Dreyecke bilden. Unmittelbar vor Ujasdow iſt der Uebungsplatz der dort liegen - den Regimenter, und zur Linken dieſer ſchoͤnen Kaſerne hatte man das Lokale zu der neu zu erbauenden Providenz-Kirche gewaͤhlt, deren Grundlage jetzt verlaſſen da liegt. Man fin -F 284det an der erwaͤhnten großen Allee mehrere Land - und Garten-Haͤuſer mit Altanen, und ein groͤßeres Gebaͤude, das der Koͤnig fuͤr die Generalin Grabowska, ſeine Freundin, in dieſer angenehmen Landſchaft hat bauen laſ - ſen. Jn die Alleen ſelbſt darf kein Wagen hinein, und deßhalb iſt der Weg zwiſchen den - ſelben fuͤr die Fußgaͤnger ſehr bequem. Sie werden aber verhaͤltnißmaͤßig von der großen Welt nicht ſo haͤufig beſucht, als ſie verdien - ten, eben weil man darin zu Fuße gehen muß; deſto haͤufiger kommen, beſonders des Sonn - tags, die Buͤrgerklaſſen hieher, die, unter ih - nen hin, ihren Weg nach und von Lazienka nehmen.

Dieß Lazienka (zu deutſch Bad, Ba - dehaus) liegt unterhalb Ujasdow*)Es iſt ein Gedaͤchtnißfehler, wenn Coxe ſagt, La - zienka ſey zwey Stunden von der Stadt entfernt. Vom Mittelpunkte derſelben kann man in drey Vier - telſtunden bequem hinausgehen und, vom koͤniglichen Schloſſe aus, in einer halben Stunde dahin fahren. und ge -85 hoͤrt dem Koͤnige, der dieſe ſchoͤne Anlage ganz nach eignem Geſchmacke hat ausfuͤhren laſſen. Sie nimmt ein laͤngliches Viereck ein, das auf der noͤrdlichen Seite etwaſ ſchmaler iſt, als auf der ſuͤdlichen. Ein Kanal laͤuft der Laͤnge nach hindurch und bildet, faſt in der Mitte deſſelben, ein viereckigtes Becken, in welchem das Hauptgebaͤude des Gartens, ein Luſt - ſchloß, auf einer Erhoͤhung ſteht, die vom Waſſer umgeben und durch zwey Bruͤcken, die angezogen werden koͤnnen, auf zwey Seiten mit dem Lande verbunden wird. Das Schloß ſelbſt faͤllt hoͤchſt anmuthig in die Augen, weil es in einem ſehr heitern und leichten Geſchmack erbauet iſt. Bey Mondenſchein geſehen, be - ſonders von der Bruͤcke her, die uͤber den Ka - nal fuͤhrt, ſcheinen deſſen ſchlanke Saͤulen leicht auf der Oberflaͤche des Waſſers zu ruhen und, wenn der Wind den Waſſerſpiegel bewegt, unter der hellbeglaͤnzten Maſſe, die ſie empor - tragen, ſanft zu erzittern. Die ſchwarzen Gruppen von Nadelholz, die auf beyden Sei -86 ten den Kanal beſchatten, erheben das Male - riſche dieſer Anſicht ungemein.

Das Jnnere dieſes Pallaſtes iſt ebenfalls ſehr heiter, bequem eingerichtet und mit Ge - ſchmack moͤblirt. Mehrere Gemaͤlde darin, worunter auch einige von aͤltern Jtalieniſchen Meiſtern ſind, verdienen die Aufmerkſamkeit des Kenners, und einige vom Hofmaler Bac - ciaelli verſchaffen dem Auge des Liebhabers Genuß. Der Koͤnig wohnt gern im Fruͤhjahre hier, in der kleinen Geſellſchaft ſeiner liebſten Freunde und Freundinnen. Fuͤr ſeine Schwe - ſter iſt ſeitwaͤrts ein Pavillon, der einen reitzen - den Saal und mehrere niedliche Kabinetter ein - ſchließt, und fuͤr die Generalin Grabowska iſt eine groͤßere, ſehr bequeme Wohnung erbauet. Auch iſt eine neue Hauptwache, nach einem, zu ihrem Behufe ſehr paßlichen Plan ange - fangen, aber noch nicht vollendet. Eben ſo ein Amphitheater, mit gemauerten Sitzen, auf welchem, ſtatt einer Baluͤſtrade, die Figuren alter Weiſen, in Gyps uͤber Staͤben gearbei -87 tet, in gewiſſen Entfernungen herum geſtellt ſind. Dieß Werk ſteht einem Gartentheater, deſſen Kouliſſen von Felſen und Baͤumen ge - bildet werden, und das von einem Arme des erwaͤhnten Kanals umſchlungen wird, gegen - uͤber, und ſoll bey zu gebenden Vorſtellungen fuͤr die Zuſchauer dienen. Jch hatte, waͤhrend meines doppelten Aufenthalts in Warſchau, das Vergnuͤgen nicht, eine dieſer Vorſtellungen zu ſehen, aber man hat mir verſichert, daß ſie ſehr angenehm und glaͤnzend ausfielen. Mehrentheils werden laͤndliche Feſte und Spiele und Waſſerfahrten damit verbunden, die, un - ter Erleuchtung und Muſik ausgefuͤhrt, eben ſo mannigfaltig in der Erfindung, als fuͤr das Auge reitzend ſeyn ſollen.

Die gaͤrtneriſchen Anlagen dieſes angeneh - men Ortes, ſchraͤnken ſich auf Alleen, bedeckte Gaͤnge, Engliſche Stauden Beete, Raſen - plaͤtze ꝛc. ein, die mit Sorgfalt unterhalten werden. Ein Chineſiſches Geruͤſt, zu welchem breite, bequeme Treppen hinanfuͤhren, erhebt88 ſich an der einen Seite des Gartens, und bil - det oben einen, von allen Seiten offenen, Saal, von welchem herab man ganz Lazienka uͤberſehen kann. Weiterhin findet man einen Behaͤlter fuͤr fremde Thiere, worin jetzt nur zwey ungeheure Strauße befindlich ſind, ein Geſchenk, wenn ich nicht irre, vom Koͤnige beyder Sicilien. Voran, nach der Schulitz zu, ſteht ein geraͤumiges Gebaͤude, worin ſich ein Speiſewirth befindet, der fuͤr kleine Geſell - ſchaften beſtaͤndig angerichtet hat, und fuͤr groͤßere, wenn man es beſtellt, reichlich anrich - ten kann. Er hat Platz fuͤr große Pickenicke, und was ſie an Speiſen, Wein und Leckereyen beduͤrfen, ſchafft er herbey; er hat auch einzelne Zimmer fuͤr kleine, feine Geſellſchaften; mit einem Worte, er hat alles, was Spatziergaͤn - ger jedes Standes, wenn ſie der Reitze des Gartens genoſſen, zu ihrem Genuſſe noch wuͤn - ſchen koͤnnen. Die Lauben und ſchattigen Baͤume um ſein Haus her, ſind, beſonders an Sonn - und Feſttagen, mit frohen Gaͤſten, meiſt aus dem Buͤrgerſtande, beſetzt.

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Lazienka haͤngt, durch den erwaͤhnten Ka - nal mit einem andern nicht minder angeneh - men Luſtſitze, Mokatow, zuſammen, wel - cher, wie ſchon gedacht, der Kronmarſchallin Lubomirska gehoͤrt. Dieſe Anlage iſt nicht vom groͤßeſten Umfange, aber ſie enthaͤlt einen Reichthum von gaͤrtneriſchen Verzierungen, von Terraſſen, welche die umliegende Gegend beherrſchen, von Lauben, die am Ufer klarer Teiche liegen, von Jrrgaͤngen, Luſthoͤlzchen, von Waſſerfaͤllen, Becken, Pavillons und Ein - ſiedeleyen, die mit dem, was die Natur fuͤr Grund und Boden gethan hat, ſehr gluͤcklich vereiniget ſind. Von der Anhoͤhe herab, die ſich in Terraſſen uͤber die niederen Theile des Gartens erhebt, hat man eine ausgebreitete Ausſicht uͤber die Gegend um Warſchau jen - ſeits der Weichſel. Am Eingange des Gar - tens ſteht ein artiges Luſtſchloͤßchen, das von Außen nicht praͤchtig in die Augen faͤllt, aber von innen ſehr geſchmackvoll verziert und mit allen Bequemlichkeiten verſehen iſt, die man90 fuͤr einen laͤndlichen Aufenthalt wuͤnſchen kann.

Weiterhin liegt der Luſtſitz des Grafen Thomatis, von einem weitlaͤuftigen Garten umgeben. Man verſicherte mir, daß beyde vorzuͤglich angenehm waͤren. Jch ſelbſt habe ſie nicht geſehen.

Eine Allee fuͤhrt von da auf den Weg nach Villanow, verlaͤßt einen aber bald, und man faͤhrt weiter durch angebauetes Land, das einen weiten Geſichtskreis darbietet. Kurz vor Villanow empfaͤngt einen eine andre Allee, die ſich in mehreren Zweigen um dieſen Ort aus - breitet. Das hieſige Luſtſchloß, das auch der Beſitzerin von Mokatow gehoͤrt, faͤllt gut in die Augen. Es ſchließt, im Halbzirkel erbauet, einen geraͤumigen, mit Raſen bedeckten Hof ein, und ſeine Vorderſeite iſt mit einer Folge von Basreliefs verziert, welche die merkwuͤr - digſten Thaten des Koͤnigs Johann So - bieski darſtellen. Man weiß, daß dieſer Koͤ - nig dieß Schloß ſelbſt erbauete, und den dazu91 gehoͤrigen Garten anlegte. Er lebte am lieb - ſten hier, ſtarb hier auch, und die nachfolgen - den Beſitzer haben, aus Ehrfurcht fuͤr das An - denken dieſes Stolzes der Polen, ſeine Zim - mer ſo gelaſſen, wie ſie waren, als er ſie be - wohnte. Auch ſein Sterbebette ſteht noch an derſelben Stelle, mit eben den Vorhaͤngen da, die es hatte, alſ ſeine Huͤlle darin erſtarrte. Die uͤbrigen Zimmer mit ihren Mobilien ſind neuern Geſchmacks, und werden, der Abwe - ſenheit der Beſitzerin ungeachtet, ſorgfaͤltig un - terhalten.

An den Pallaſt iſt eine kleinere Anlage ge - bauet, die ein Bad einſchließt, welches mit den feinſten und uͤppigſten Bequemlichkeiten verſehen iſt und ſich neben den ſchoͤnſten ſeiner Art mit Ehren zeigen darf.

Der Garten, der das Schloß an drey Sei - ten umgiebt, hat große Vorzuͤge. Wenn man hineintritt, ſo hat man ein langes, praͤchtiges Gewaͤchshaus vor ſich, das eine Orangerie einſchließt, die man, nach der im Zwinger zu92 Dresden, noch mit Wohlgefallen anſieht, be - ſonders wenn man ſich an den Himmelsſtrich und an die Schwierigkeit und Koſtbarkeit, ſie zu ſammeln, erinnert. Vor demſelben hat man den Boden mit allerley Beeten in franzoͤſiſchem Geſchmack verziert. An Bildſaͤulen mancher Art fehlt es nicht, doch habe ich keine gefun - den, die als vortreflich ausgezeichnet werden koͤnnte. Der Reſt des Gartens iſt ſehr man - nigfach benutzt. Theils durchſchneiden ihn alte Kaſtanien Alleen, theils nehmen ihn Jrr - gaͤnge, durch Hecken umgeben, ein. theils hat man ſeinen Boden zu Terraſſen erhoͤht, theils ihn zu Teichen ausgegraben, theils zu Nutz - beeten beſtellt. Gruppen von ungewoͤhnlich ho - hen und dicken Baͤumen, in deren Hoͤlung man zum Theil Sitze angebracht hat, umge - ben einen großen Teich, auf welchen Gon - deln ſchwimmen, und von deſſen Ufern man eine freye Ausſicht auf die umliegende, von der Weichſel durchſtroͤmte, Landſchaft hat. Jn der Naͤhe deſſelben iſt eine ſchoͤne gewoͤlbte93 Grotte, worin zahlreiche Geſellſchaften ſpeiſen koͤnnen, ohne die gewoͤhnlichen Unbequemlich - keiten der Grotten, feuchte Luft und feuchten Fußboden, zu empfinden. Weiterhin iſt ein kuͤnſtlicher Berg aufgethuͤrmt, der mit dem feinſten Raſen uͤbergruͤnt iſt, und, nach einer andern Seite hin, einen Theil der umliegen - den Gegend uͤberſpannen laͤßt. Das alles, ver - mengt mit ſeinen Obſtbaͤumen, Treibbeeten, Lauben, Parterren und Waͤldchen, giebt die - ſem angenehmen Flecke zugleich eine Abwechs - lung, die man zu finden kaum erwartet hat.

Fuͤr Spatziergaͤnger, die außer dem allen noch etwas mehr brauchen, iſt nicht weit von dem Schloſſe ein geraͤumiges Wirthshaus er - richtet, das ein paar große Saͤle und mehrere Zimmer, mit allem, was - und Trinkluſt verlangen kann, darbietet. Jn demſelben, wie in dem zu Lazienka, koͤnnen große Geſellſchaf - ten zu Mittag und Nacht-Eſſen, zu Fruͤhſtuͤcken und Pickenicken ſich verſammlen, und es wird auch haͤufig dazu benutzt.

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Auf der entgegengeſetzten Seite der Stadt liegt Mariemont, ein anderer Luftort fuͤr die Bewohner von Warſchau. Nicht weit von der Weichſel, die hier ſehr breit iſt und meh - rere mit Weiden beſetzte Jnſeln bildet, erhebt ſich uͤber eine Flaͤche tiefen Sandes, eine maͤßi - ge Anhoͤhe, auf der ſich ein einfaches Schloͤß - chen befindet, welches das erwaͤhnte Marie - mont iſt. Es war ein Jagdſchloß der beyden Koͤnige aus dem Saͤchſiſchen Hauſe, und ge - hoͤrt letzterm noch, wie das am Eingange auf - gepflanzte Wappen beweiſet. Jetzt iſt es an einen Unternehmer vermiethet, der Geſellſchaf - ten und einzelne Perſonen aller Art darin bewirthet, vom Handwerksburſchen an, bis zum Fuͤrſten. Fuͤr letztern iſt ein großer Saal, eine Treppe hoch, der den ganzen er - ſten Stock einnimmt, mit großen Spiegeln verziert iſt und ſehr zahlreiche Geſellſchaften zu Fruͤhſtuͤcken, Mittags - und Nacht-Eſſen und zu Baͤllen faßt; fuͤr erſtern ſind Zimmer im Erdgeſchoß, und hoͤlzerne Baͤnke und Tiſche95 im Freyen und in dem Hoͤlzchen, das hinter dem Schloſſe ſich ausbreitet, von ſchmalern und breitern Gaͤngen durchſchnitten wird, und angenehme, ſchattenreiche Promenaden darbie - tet. Ganz in der Naͤhe liegt die bekannte Muͤhle, die den Koͤnig nach ſeiner gewaltſa - men Entfuͤhrung aufnahm.

Die Ausſicht von dem obern großen Saale herab iſt ſehr ausgebreitet. Man umſpannt die Weichſel, den Strom hinauf und hinun - ter, in einer betraͤchtlichen Strecke, und uͤber - ſieht Warſchau in ſeiner ganzen Ausdehnung. Jn dieſer Entfernung hat die Stadt etwas Ehrwuͤrdiges, das ſie verliert, wenn man naͤ - her kommt und dann auch die ſchwarzen Huͤt - ten bemerkt, die zwiſchen den großen Pallaͤ - ſten modern.

An dem Gehaͤnge der Anhoͤhe, worauf das Schloß ſteht, hat der Unterkanzler von Lit - thauen, Chreptowicz, ein gutmuͤthiger Greis, eine kleine Meyerey angelegt, die aus einem artigen Landhauſe und einem daran -96 ſtoßenden Gaͤrtchen beſteht, welche beyde ſehr ſorgſam unterhalten ſind. Zur Meyerey wird dieſe Klauſe dadurch, daß der Beſitzer einge Schweitzerkuͤhe unterhaͤlt, die dort herum gute Weide finden. Er ſelbſt wohnt den Fruͤhling und einen Theil des Sommers hier, und koͤmmt nur nach der Stadt, wenn ſeine Ge - ſchaͤfte ihn hinein rufen.

Von Mariemont aus rechts, liegt Wola, von der Stadt ſelbſt ungefaͤhr drey Viertel - meilen entfernt. Es iſt eigentlich ein Dorf - mit einem Landſitz und Garten, die zu einem oͤffentlichen Beluſtigungsorte gemacht ſind und an einen Unternehmer vermiethet werden. Bis - her hatte der Wechsler Schultz dieſe Anlage in Beſitz, jetzt iſt ſie mit im Konkurſe. Das Haus iſt geraͤumig und ziemlich bequem ange - legt. Es hat zwey oder drey große Saͤle, an welchen auf beyden Seiten mehrere Zimmer ſtoßen, die auf einem beſſern Fuße moͤblirt und unterhalten ſind, als man in oͤffentlichen Haͤuſern zu finden gewohnt iſt. Auch iſt esunter97unter den Luftoͤrtern um Warſchau bey wei - tem der glaͤnzendſte und beſuchteſte. Bey gu - tem Wetter vergeht kein Mittag oder Abend, wo nicht kleinere und groͤßere Geſellſchaften hier ſpeiſten, und die zahlreichſten Pickenicke werden hier ſehr haͤufig gegeben. Als Teppers Haus noch ſtand, wurden alle Luftpartieen und Pickenicke, die man außerhalb der Stadt ma - chen wollte, und an denen er ſelbſt und ſeine Bekanntſchaft Antheil nahm, hieher geleitet und verlegt, um dem Unternehmer der Wirth - ſchaft Einnahme, mithin ſeinem Schwieger - ſohne Schultz die ſichere Zahlung des Pacht - zinſes zu verſchaffen. Man uͤberſah dieſe kauf - maͤnniſche Kleinlichkeit, weil ſie in dieſem Falle ihren Vortheil mit dem Vergnuͤgen der Ge - nießer verband, die in der That in Wola eine beſſere Aufnahme, ſorgfaͤltigere Bedienung, auſsgeſuchtere Speiſen und Getraͤnke und ein angenehmeres Lokale fanden, als ſonſt irgend - wo. Es war nicht ſelten, hier Mittags - und Nacht-Eſſen von funfzig bis ſechszig Gedecken,Drittes Heft G98und Pickenicke von hundert und funfzig Per - ſonen zu ſehen, die vortreflich bedient wurden.

Der Garten, der an das Haus ſtoͤßt, ob - gleich von noch nicht alter Anlage, hat keinen Mangel an Alleen, Berceaus und andern Werken der Gartenkunſt, die an ſchoͤnen Mor - gen und Abenden viel Reitz gewaͤhren. Jm Fruͤhlinge wartete man in demſelben haͤufig Brunnenkuren ab.

Powonsk und Jablonne, erſteres dem Fuͤrſten Czartoryski und letzteres dem Primas gehoͤrig, ſind Luftſchloͤſſer mit artigen Gaͤrten und Parks, jenſeits der Weichſel, die aber nicht zu den oͤffentlichen Beluſtigungsorten ge - hoͤren. Man leſe bey Core*)Th. I. S. 131. fg das nach, was er davon ſagt, hauptſaͤchlich der Auftritte und der Geſellſchaft wegen, die er dort ſah, und deren Schilderung mehrere Zuͤge darbie - tet, die der Leſer auf das anwenden und zu99 dem fuͤgen moͤge, was ich von dem geſelligen Leben, dem Ton, dem Geſchmack und Auf - wande der polniſchen großen Welt bisher mit - getheilt habe.

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Sechster Abſchnitt. Warſchau.

Fortgeſetzte Erlaͤuterungen der Schilderung eines großen polniſchen Hauſes. Anmerkung uͤber das Eigenthuͤm - liche des Luxus und Aufwandes in Polen. Koſtbar - keit des Bauens; der Hofmeiſter; der Aerzte; der Kuͤnſtler, und der Huͤlfsmittel zur Bildung des Gei - ſtes und Geſchmacks. Politiſcher und gerichtlicher Auf - wand. Folgen des Luxus. Zerruͤttetes Vermoͤgen. Egoismus. Politiſcher Charakter der Polen. Kaͤuf - lichkeit. Jahrgelder von auswaͤrtigen Maͤchten. Po - litiſche Spaltungen in Familien. Gleichguͤltige Staats - buͤrger. Politiſch-freundſchaftliche Verbindungen. Ein merkwuͤrdiges Beyſpiel davon. Gang der Staats - geſchaͤfte. Landtage. Reichstage. Konfoͤderationen. Unwiſſenheit und Leichtſinn vieler Reichsboten. Ein - fluß der Weiber. Fuͤrchterliche Verſchwoͤrung derſel - ben gegen den Koͤnig. Wie der Verkauf der Staro - ſteyen durchgeſetzt wurde. Merkwuͤrdiger Auſtern - ſchmaus. Reichstagsausſchuͤſſe. Hoͤchſtlangſame und doch hoͤchſtſchnelle Entſcheidung eines wichtigen Staats - Rechts-Handels. Art zu ſolicitiren. Gang der Ju -101 ſtiz-Geſchaͤfte. Richter, Berichtſteller, Anwalde. Einfluß des Egoismus auf alle uͤbrige Verhaͤltniſſe. Freundſchaften. Ehen. Galanterie. Weiber. Klei - dung der Weiber und Maͤnner. Erziehung. Egoiſti - ſche, gleißneriſch-demuͤthige, ſklaviſche Gruͤße und Ergebenheitsbezeugungen. Sprache der Hoͤflichkeit und Unterwuͤrfigkeit. Beſchluß der erlaͤuterten Schil - derung eines großen polniſchen Hauſes.

Nach vielen einzelnen Zuͤgen, die den bisher aufgeſtellten Bemerkungen eingeſtreuet ſind, wird ſich der aufmerkſame Leſer von dem Luxus und Aufwande der polniſchen großen Welt ei - nen ziemlich deutlichen Begriff haben machen koͤnnen; jetzt erlaube man mir, noch einige Be - merkungen hinzu zu fuͤgen, die dieſen Begriff erweitern und vervollſtaͤndigen werden.

Die orientaliſche Uebertreibung und Aben - theuerlichkeit, welche die polniſchen Großen in Handlungen der Gaſtfreyheit und der Geſellig - keit legen, erſtrecken ſich auch auf alle uͤbrige, nur erdenkliche oͤkonomiſche, politiſche, ſinnliche102 und geiſtige Beduͤrfniſſe. Schon dieſer große Maßſtab, der ihnen, hauptſaͤchlich durch ih - ren hohen Standpunkt im Staate, durch Reich - thum und die daraus folgende Auszeichnung im buͤrgerlichen und geſellſchaftlichen Leben, mit - hin durch Hochmuth, Eitelkeit und eingefuͤhrte Sitte, eigen geworden iſt, macht ihnen, mehr als andern Jhresgleichen in dem uͤbrigen Eu - ropa, ihre Exiſtenz theuer; aber noch koſtbarer wird ſie durch den Umſtand, daß die Polen, außer den allernoͤthigſten und einfachſten Er - forderniſſen des Lebens, Alles, vom Kleide an bis zur Stecknadel, aus fremden Laͤndern, theils ziehen muͤſſen, theils, aus Liebhaberey, Vorurtheil und Mode, freywillig zu ziehen pflegen.

Wenn, zum Beyſpiel, der engliſche Große Aufwand in Pferden, in Mobilien, in Klei - dung macht, ſo kommen ihm dieſe Gegen - ſtaͤnde bey weitem nicht ſo hoch zu ſtehen, als dem polniſchen Großen, der engliſche Pfer - de, Mobilien, Tuͤcher und Zeuge aller Art,103 hunderte von Meilen aus England her, durch den dritten und vierten Kaufmann, mit dem dritten und vierten Zoll, mit der dritten und vierten Fracht belaſtet, empfaͤngt und ver - braucht. Eben der Fall iſt es mit denjenigen natuͤrlichen und kuͤnſtlichen Erzeugniſſen, die er aus Frankreich, aus Spanien, aus Jta - lien ꝛc. in eben der Menge und reichlicher braucht, als der Franzoſe, Spanier und Jta - liener in denſelben Laͤndern, wo ſie gezogen und verfertigt werden. Selbſt ſolche Dinge, die dieſe Nationen, wie er, aus fremden Laͤndern ziehen, kommen ihm ungleich hoͤher zu ſtehen, als jenen, theils, weil er entfernter wohnt, theils, weil ihm die bequemere und wohlfei - lere Verbindung mit dem Meere fehlt, auch die Provinzen ſeines Landes ſelbſt, weder Straßen noch Kanaͤle haben; und theils, weil ſeine Kaufleute, wegen Theurung der Le - bensmittel und Handarbeit, wegen des einge - fuͤhrten Luxus, wegen der Gefahren einer wei - ten, zuſammengeſetzten, vielfach bezollten An - fuhr und wegen haͤufigen Borgens und ſpaͤter,104 unſicherer Zahlung, hoͤhere Preiſe machen muͤſ - ſen, als es in wohlgeordneten Laͤndern der Fall iſt und ſeyn darf.

So iſt es in Polen in Abſicht der Gegen - ſtaͤnde, die man genießt, die man an ſeinem Koͤrper traͤgt, die man um ſich hat; und ſo iſt es mit denen, die man zur Wohnung, zur Erziehung, zur Lektuͤre, und zur Bildung des Geiſtes und des Koͤrpers braucht.

Ein Pallaſt in Warſchau, von bloßen Back - ſteinen, koſtet mehr, als in Genua ein aͤhnli - cher von behauener Pietra di Lavagna, als in Rom ein aͤhnlicher von Travertin. Die Ziegel - und Kalkbrennereyen um Warſchau koͤnnen, bey maͤßigen Bauten, nicht Materia - lien genug liefern; die zum Auf - und Aus - bau noͤthigen Handwerker haben nicht Geſellen genug, und die erforderlichen Tageloͤhner ſind nicht aufzubringen, in einem Lande, wo der niederen, zahlreichern Volksklaſſe verwehrt iſt, zu Handthierungen und Handwerken uͤberzu - treten. Deßhalb ſind hier fruͤhe und große105 Vorbereitungen noͤthig, wenn man einen be - traͤchtlichen Bau unternehmen will. Steine, Kalk und Holz muͤſſen, lange vorher, aus der Naͤhe und Ferne zuſammen gefahren, die Baumeiſter oft aus der Fremde verſchrieben, und die Handwerker durch Vertraͤge und Vor - ſchuͤſſe in den Stand geſetzt werden, ſich mit Geſellen zu verſehen. Was man an Werk - ſtuͤcken zu Treppen, zu Fenſter-Verzierungen, zu Geſimſen ꝛc. braucht, muß man auswaͤrts beſtellen, und, bearbeitet oder roh, weit her anfahren laſſen; und zu Handlangern muß man zum Theil Weiber und Kinder anneh - men, um nur Aerme zu haben, die zur Auf - fuͤhrung der nackten Mauern mitwirken hel - fen. Stehen dieſe endlich, ſo erfordert der in - nere Bau und Aufputz eine neue koſtbare Zu - ruͤſtung, deren tauſendfache Beſtandtheile faſt ſaͤmmtlich, oft mit den Haͤnden zugleich, die ſie einrichten und anordnen, aus der Fremde gezogen werden muͤſſen. Unter dieſen Umſtaͤn - den iſt es vielleicht ein groͤßeres Wunder, daß106 Warſchau fuͤnf und neunzig Kirchen, Kapellen und Pallaͤſte einſchließt, als daß Rom drey - hundert und fuͤnf und vierzig Kirchen und Ka - pellen und hundert und ſechs und vierzig Pal - laͤſte zaͤhlt.

Wenn in Jtalien und Deutſchland nichts wohlfeiler iſt, als Erziehung und Aufſicht uͤber die Kinder, ſo iſt in Polen nichts theurer. Dort wimmelt es auf allen Straßen von Ab - baten und Kandidaten, die fuͤr einen Spott - preis das muͤhſamſte aller Geſchaͤfte uͤberneh - men, und Geſchicklichkeit und Kenntniſſe aller Art, oft in einem ausgezeichneten Grade, da - zu beſitzen; hier ſind dergleichen Subjekte, ſelbſt von der gemeinen Art, ſelten, und man iſt auf die Welt - und Ordensgeiſtlichen einge - ſchraͤnkt, die ſich mit Unterricht abgeben. For - dert man Sitten, ſogenannte galante Kennt - niſſe und Sprachen, ſo leiſten ſie keine Genuͤ - ge; man iſt gezwungen, Hofmeiſter aus Deutſch - land, Frankreich und Jtalien, mit großen Ko - ſten, kommen zu laſſen, und