PRIMS Full-text transcription (HTML)
Neue Reiſe durch Jtalien
Erſter Band. Erſtes Heft.
Berlin1797,bei Friedrich Vieweg dem Aeltern.
[1]

Neue Reiſe durch Jtalien.

Siebentes Heft. A[2][3]

Vorerinnerung.

Der Verfaſſer der Reiſe eines Lief - laͤnders, mit dem ich zu gleicher Zeit in Botzen war, iſt mein aͤlteſter und ver - trauteſter Freund. Wir ſind mit einan - der geboren und erzogen; auf einer und eben derſelben niedern und hohen Schule geweſen; auf einem und demſelben Wege ein gutes Stuͤck durch das Leben gegan -A 24gen. Beſtaͤndig wollten, dachten und tha - ten wir beyde Einerley. Es iſt hier mehr, als Damon und Pythias. Wir waren immer, im eigentlichſten Sinne der Re - densart, Ein Herz und Eine Seele.

Dieſe Nachricht ſchicke ich voraus, da - mit es den Leſer weniger befremden moͤge, daß ich nachſtehende Reiſe durch Jtalien als die Fortſetzung der Reiſe eines Lieflaͤn - ders angebe. Sie iſt es in der That, weil ſie da anhebt, wo letztere aufhoͤrt, und weil der Lieflaͤnder, vermoͤge ſeiner gedach - ten engen Verbindung mit mir, die zugleich eine voͤllige Gleichheit in der Art zu ſehen, zu fuͤhlen, zu urtheilen, ja ſogar ſich aus - zudrucken, vorausſetzt, dieſe Reiſe mit mir gemacht und mir erlaubt hat, ſie eine Fort - ſetzung der ſeinigen zu nennen.

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Wenn aber dieſer Umſtand den Zuſatz auf dem Titel rechtfertiget, ſo entſchuldigt er nicht zugleich, daß ich unternehme, nach ſo vielen Hunderten, noch eine neue Reiſe durch Jtalien zu beſchreiben. Sollten die Verhandlungen uͤber dieſes Land nicht auf funfzig und mehr Jahre, oder wenigſtens auf ſo lange, geſchloſſen werden, bis gro - ße politiſche, oder natuͤrliche, oder ſittliche Veraͤnderungen darin vorgegangen ſind? Sollte es, in ſeinem gegenwaͤrtigen Zuſtan - de, nicht bis in die innerſten Winkel der Staatskunde, der Naturbeſchreibung, der Einwohnerkenntniß, des Alterthums und der Kunſt erforſcht und beſchrieben ſeyn? Und ſollte jetzt noch ein Reiſender etwas Neues uͤber die tauſendmal beſchriebe - nen, gezeichneten und gemalten Gegenſtaͤn - de aufbringen koͤnnen?

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Etwas Neues aufzubringen, iſt uͤber - haupt ſehr ſchwer, iſt, wenn man es ge - nau nach dem Worte nimmt, unmoͤglich. Die Elemente der natuͤrlichen und morali - ſchen Dinge, die wir mit unſern Augen ſe - hen, ſind einfach und bekannt; und was im Ganzen neu ſcheint, iſt alt, wenn man es in ſeine Beſtandtheile zerlegt. Jm Grun - de gelten uns auch bekannte Dinge, die man von neuem und auf eine neue Art an - ſieht, auffaßt, miſcht und vortraͤgt, und die, in dieſer Geſtalt, eine andere Wirkung thun, oder einen andern Ausfall geben, als bisher, gewoͤhnlich ſchon fuͤr neu. Dieſes Neue, oder vielmehr dieſes Andere, koͤnnen wir immer noch an einem Gegen - ſtande finden, den Tauſende vor uns an - geſehen und beſchrieben haben. Der eigen - thuͤmliche Geiſt des Schriftſtellers, der den Bindeſtoff zu dieſer neuen Miſchung her -7 giebt, iſt es eigentlich, der den Leſer reizt, einen neu aufgeſtellten alten Gegenſtand noch einmal anzuſehen. Dieß muß mit den zahlreichen Reiſebeſchreibungen durch Jtalien beſonders der Fall geweſen ſeyn, weil ſie ſonſt nicht ſo zahlreich geworden waͤren.

Daß Jtalien, bey der großen Menge von Nachrichten, die in allen Zungen da - von vorhanden ſind, erſchoͤpfend, vom Grun - de aus, beſchrieben ſey, kann man am we - nigſten zugeben, wenn man den groͤßeſten Theil dieſer Werke geleſen hat. Die Staatskunde dieſes Landes iſt, z. B., immer noch ſehr duͤrftig. Roͤmer, Neapo - litaner, Turiner, Venetianer und Genueſer haben zwar die Haupt - und Mittelſtaͤdte ihres Vaterlandes beſchrieben, und recht nach ihrer Weiſe gelobt, nichts oder wenig8 aber von des letztern Regierung, Bevoͤlke - rung, Kunſtfleiß und Handel geſagt. Ein - ſeitig haben ſie ſich auf ihre cose stu - pende , worunter ſie ihre Kirchen, Gemaͤhl - de und Bildſaͤulen verſtehen, eingeſchraͤnkt, und die genannten Gegenſtaͤnde unberuͤhrt gelaſſen, nicht ſowohl, weil ihnen deren Erwaͤhnung durchaus verboten war, als vielmehr, weil ſie keine Kenntniß davon hatten. Wenn aber Einheimiſche dieſe große Luͤcke in der Kunde des geſammten Jtaliens nicht ausfuͤllten, wie konnten es Fremde, die nur durchreiſeten? Und man kann Jtalien nach allen Seiten, von Tu - rin nach Genua, und von Venedig nach Rom und Neapel, durchreiſen, uͤberall tappt man in den verſchiedenen Zwei - gen der Staatskunde im Finſtern, und man hoͤrt, bey aller Muͤhe, die man ſich giebt, ſo wenig davon, als man daruͤ -9 ber lieſet. Nur Florenz iſt durch Leopolds Fuͤrſorge bekannt geworden, und auch Mayland kann ſich faſt, wie es iſt, dem Lichte zeigen, weil es in neuern Zeiten ein - ſichtsvolle Herren und treue Verwalter ge - habt hat und noch hat.

Wer kann ferner ſagen, daß die Na - turbeſchreibung dieſes Landes erſchoͤpft ſey? Ferber ſah zuerſt einen Theil der - ſelben, die Mineralogie, mit denjenigen Kenntniſſen an, die damals in Schweden und Deutſchland von dieſer Wiſſenſchaft in Umlauf waren; und er gab einzelne ſchaͤtzbare Nachrichten davon. Einzeln wa - ren und ſind jetzt immer noch die Berichte, welche geborne Jtaliener, theils in eigenen Werken, theils in den Verhandlungen ei - niger ihrer gelehrten Geſellſchaften davon mittheilen; und das neueſte naturhiſtoriſche10 Werk von Umfang, das Jtalien geliefert hat, Spallanzani’s Reiſe nach den beyden Sicilien*)Die beyden letzten Theile dieſes Werkes waren kurz vor meiner Durchreiſe durch Pa - via erſchienen, und ich konnte das ganze Werk, zu meiner großen Freude, mit nach Neapel nehmen., enthaͤlt auch nur Beytraͤge, die uͤberdieß den gelehrtern deutſchen Chemico-Mineralogen nicht in allen Stuͤcken ein Genuͤgen leiſten werden. Targioni Tozzetti behandelt nur Ein Land und dazu eines der kleinſten; und die aͤltern Schriftſteller des Veſuv und des Aetna haben wohl die Erſcheinungen die - ſer Berge erſchoͤpft, aber, aus Mangel an chemiſchen Kenntniſſen, wenig zur Aufklaͤrung ihrer Urſachen beygetragen. Eben ſo verhaͤlt es ſich mehr oder we -11 niger mit den uͤbrigen Zweigen der Na - turbeſchreibung.

Die Kenntniß der Bewoh - ner der einzelnen Laͤnder Jtaliens, ih - rem hoͤchſt verſchiedenen, oͤkonomiſchen und buͤrgerlichen Zuſtande, ihrem Charakter und ihren Sitten nach, iſt vielleicht noch am allerunvollſtaͤndigſten behandelt. Kein Eingebohrner hat etwas Befriedi - gendes daruͤber geſchrieben; denn Ba - retti’s kurze, einſeitige, vertheidigende Bemerkungen daruͤber, koͤnnen nicht fuͤr zuverlaͤſſig gelten. Was man uͤber dieſen Gegenſtand in deutſchen, engliſchen und franzoͤſiſchen Reiſebeſchreibern findet, iſt theils unzulaͤnglich, theils trift es nur den Poͤbel in den Staͤdten, theils ein Volk, das ſie Jtaliener nennen, worunter ſie die Piemonteſer, die Maylaͤnder, die12 Genueſer, die Venetianer, die Bologneſer, die Florentiner, die Roͤmer, die Neapolita - taner, Kalabrier und Sicilier ſammt und ſonders begreifen, und die ſie als arm, roh, diebiſch, betruͤgeriſch, faul, aberglaͤu - biſch, meuchelmoͤrderiſch, unnatuͤrlich-wolluͤ - ſtig, ſchmutzig und feig ſchildern.

Was endlich das Alterthum und die Kunſt betrift, ſo ſcheinen dieſe Gegenſtaͤn - de, auf den erſten Blick, wirklich erſchoͤpft zu ſeyn; denn uͤber ſie iſt das meiſte ge - ſammlet und verhandelt worden. Allein, wenn man die Schriften weniger philoſo - phiſchen Alterthums - und Kunſtforſcher ausnimmt, die uns mit neuen Reſul - taten beſchenkt haben: ſo iſt alles uͤbrige, in dieſen Faͤchern geleiſtete, faſt nichts, als Namenverzeichniß, als nuͤchterne oder dichteriſche Beſchreibung, als ſogenann -13 te gelehrte Unterſuchung und als uͤber - lieferte, oft ungefuͤhlte, Bewunderung der Kunſtwerke des Alterthums, und der neuern Zeiten, die Ein ſogenannter For - ſcher, Kunſtkenner und Reiſebeſchreiber dem Andern nachgeſchrieben hat, oft ohne ſie geſehen zu haben, oft ohne ſie zu kennen, wenn er ſie, nach einer ſchon herausgege - benen Abhandlung daruͤber, erſt ſahe.

Sind vorſtehende Bemerkungen uͤber das, was wir von Jtalien in den erwaͤhn - ten vier Hauptfaͤchern wiſſen, richtig; ſo iſt, die Verhandlungen uͤber Jtalien auf eine Weile zu ſchließen, eben ſo unnoͤthig, als es unthunlich ſeyn wuͤrde; und ſo kann uns immer noch jeder Beytrag zu jenen Beytraͤgen willkommen ſeyn, bis da - hin, wo einmal alle Quellen geoͤfnet, alle Luͤcken gefuͤllt, alle Verwirrung geloͤst,14 alle Dunkelheiten aufgeklaͤrt, alle Gefuͤhle beſtimmt und alle Urtheile uͤber Jtalien und Jtalieniſche Dinge zur Feſtigkeit ge - kommen ſeyn werden.

Jn Erwartung dieſes, noch etwas weit hinaus zu ſetzenden, Zeitpunkts, bitte ich Kunſtrichter und Leſer, die Reihe von Beitraͤgen aller Art, die ſie in folgenden Blaͤttern finden werden, nach ſo vielen an - dern, noch ohne Unwillen aufzunehmen und, wo moͤglich, auch zu leſen. Jch kann ihnen dafuͤr mit Wahrheit verſprechen, daß ſie uͤber manchen darin behandelten Ge - genſtand mehr finden, und daß ſie, wenn ſie nicht ganz neue Dinge antreffen, doch andere Seiten an den alten bemerken ſol - len, als ſie in den ſchon bekannten Reiſe - beſchreibungen, deutſchen Urſchriften, wie Ueberſetzungen, ſchon gefunden haben. 15Den Namen des geſammten Landes, ſei - ner einzelnen Theile, ſeiner Staͤdte und deren Merkwuͤrdigkeiten, habe ich leider! nicht aͤndern koͤnnen, ſo ſehr ich es, vieler Leſer wegen, haͤtte wuͤnſchen moͤgen, die dieſe Namen ſo oft gehoͤret und geleſen ha - ben, daß ſie endlich wohl glauben duͤrfen, alles zu wiſſen, was daruͤber geſagt wer - den koͤnne. Dieſe Leſerklaſſe bitte ich beſon - ders bey dem Anblicke dieſes Buches um Nachſicht, und, bey deſſen etwaniger Le - ſung, um die ſtrengſte Vergleichung mit meinen reiſebeſchreibenden Vorgaͤngern. Jch will keinen derſelben uͤbertroffen, moͤchte auch keinen derſelben ausgeſchrieben, aber wohl hier und da manchen ergaͤnzt, erwei - tert, und ſtillſchweigend berichtiget haben.

Uebrigens iſt auch in dieſer Schrift der Menſch mein vorzuͤglichſtes Augenmerk ge -16 weſen; und ich bekenne gerne, daß ich mich an ihm nicht ſatt ſehen kann, und daß ich dieſen anlagereichen Queerkopf recht herzlich liebe.

Mitau, den 1ſten May, 1796.

Erſter17

Erſter Abſchnitt.

  • Abreiſe von Votzen. Weg und Gegend. Aeußeres der Landleute in dieſen Gegenden. Salurn. Deſſen alte Burg. Oedes Thal. Drohendes Gewitter in den Alpen. Wälſch-Michel. Schönheit und Fruchttrieb der dortigen Gegend. Trient. Einige Bemerkungen über dieſe Stadt. Noveredo. Eingeſperrter Weg bis dahin. Blühender Zuſtand dieſer Stadt. Zer - riſſene und zerſchmetterte Felſen, ein großes Natur - ſchauſpiel. Eintritt in Jtalien. Wahrnehmungen von den allmählichen Uebergängen in der Natur. Venetianiſcher Gränzzoll. Venetianiſche Flecken. Häu - ſer und Menſchen in Peri, nach der Natur gemalt. Venetianiſche Großmuth, durch die Regierung beför - dert. Heuſchreckenbrut auf den Poſten. Ende der Alpen. Erſter Blick in die Ebene. Bemerkungen über die zurückgelegte Reiſe durch die Alpen. Gränz - feſtung Chiuſa[.]Anbau der Lombardiſchen Felder. Landhaus. Verona. Flüchtiger Blick auf einen Ve - netianiſchen Soldaten. Vierfacher Ueberblick von Verona und deſſen umliegenden Gegenden. Feſtungs - werke. Kaſamatte delle Boccare, als Kunſtwerk ſehenswerth. Merkwürdige Brücke am Castel vec -Siebentes Heft. B18chio. Anſicht des Jnnern von Verona. Straßen. Pflaſter. Bürgerhäuſer. Palläſte und Häuſer des Adels. Oeffentliche Plätze. Der Herrenplatz. Der Kräuterplatz. Der Platz Bra. Das alte Amphi - theater. Was ein Laye darüber urtheilen könnte. Altes und neues Schöne. Das neue Hoſpital. Un - vollendeter Pallaſt des Proveditore. Gebäude der Philharmoniſchen Akademie und deren verſchiedene Jnſtitute. Lapidariſches Muſeum. Akademie der Philotimi. Adeliches Kaſino. Großes Schauſpiel - haus. Ein Blick auf italieniſche Natürlichkeit. Unbedeutende Alterthümer. Kirchen. Kapelle Pel - legrini. Uebergang auf die Einwohner.

Den 14ten September 1793, reis’te ich von Botzen ab. Der Weg lief in Kruͤmmungen bald nach Weſten, bald nach Suͤdweſten. Mir zur Seite erhoben ſich rechts und links Berge, die aber minder hoch, ſchroff und rauh waren, als die jenſeits Botzen. Anſtatt der Eiſach, hatte ich jetzt die Etſch, die jene dieſſeits Botzen aufgenommen, zur Seite. Die Thaͤler, durch die ich kam, dehn - ten ſich mehr aus, oͤfneten ſich eines in das andere, wie eine Reihe zuſammen hangender19 Becken, und zeigten den herrlichſten Fruchttrieb. Maulbeerbaͤume, oder Obſtbaͤume, oder Mays, umkraͤnzten ihre Raͤnder; Wieſen, die zum drit - tenmal die Senſe erwarteten, gruͤnten in ihrer Mitte. Die Berge zur Rechten waren unfrucht - bar, die zur Linken nicht alle, denn an vielen zogen ſich Pflanzungen von Weinreben hoch hinan. Die zur Rechten liefen in Doppel - reihen wellenfoͤrmig fort, (ungefaͤhr eben ſo, nur weit ſtattlicher, als die Berge bey Wiene - riſch-Neuſtadt) und die hinteren ragten uͤber die vorderen amphitheatraliſch hervor. Man koͤmmt auf dieſem Wege vor einer Menge von kleinen Haͤuſern vorbey, die, niedriger oder hoͤher, an dem Gehaͤnge der Berge gleichſam ſchweben; und durch zwey maͤßige Flecken, auf die ein dritter, Branſol, folgt, worin ſich die naͤchſte Poſt (2 M.) befindet.

Es begegneten mir dieſen Morgen große Zuͤge von Landleuten, die, in ihrem beſten Putze, nach Botzen zum Jahrmarkte gingen. Dieſer Putz hatte viel Abenteuerliches, undB 220unterſchied ſich beſonders durch die ſchreyenden Farben, die ohne alle Wahl, eine auf die an - dere geladen waren, und durch allerley Baͤn - derwerk, Einfaſſungen, bunte Naͤthe und Zwi - ckel, von dem Anzuge der angraͤnzenden Kaͤrn - thner, Krainer und Salzburger. Jch bemerk - te unter dem bunten Getuͤmmel beſonders vier Gattungen von Trachten: eine, fuͤr die Maͤdchen und jungen Weiber; die andere, fuͤr bejahrte Frauen; die dritte, fuͤr unverheura - thete junge, die vierte, fuͤr verheurathete[ aͤl - tere] Maͤnner und fuͤr Greiſe.

Die jungen Maͤdchen und Weiber erſchie - nen entweder im bloßen Kopfe, das Haar in Flechten geſchlagen, auf dem Wirbel in ein Neſt gewunden und mit einer Neſtelnadel be - feſtigt, oder in kleinen, runden, gruͤnen, auch gelben, mit flatternden Baͤndern verzierten, Huͤten, die ſie leicht auf jenen Kopfputz ge - ſtuͤlpt hatten. Bruſt und Schultern waren ganz bedeckt, theils durch den hohen und dicken Kra - gen des Kamiſols, theils durch das ſteife Mie -21 der, das bis unter das Kinn hinauf ſtieg und noch queervor durch einen Latz unuͤberwind - licher gemacht wurde. Die Farben dieſer Kleidungsſtuͤcke waren hochroth, hochgelb, hell - gruͤn, himmelblau u. ſ. w. Jm Ruͤcken des Kamiſols, das einen ſehr kurzen und breiten Leib hatte, liefen entweder dreyfache Nathbe - ſetzungen von anderer Farbe, in der Geſtalt eines Dreyecks, deſſen Grundlage zwiſchen den Schultern war, zwiſchen die Huͤften herab; oder ſie ſtiegen in einer doppelten Reihe von dem Schnitt herauf und zogen ſich an beyden Seiten unter den Armen herum. Ueber den Huͤften endigte ſich das Kamiſol in vier duͤten - artige Falten. Es war von Tuch, ſo wie die vielfaltigen Roͤcke, die, wie Glocken, um den Untertheil des Leibes bauſchten, und ein ſtaͤm - miges Bein, mit rothen, blauen, gruͤnen, und gelben Struͤmpfen bezogen, freygebig genug ſehen ließen. Den Fuß bekleidete ein ſchwar - zer lederner Schuh mit ſpitzen Abſaͤtzen und bunten Bandſchleifen.

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Die aͤlteren Frauen hatten eben dieſelben Kamiſoͤler, Mieder, Laͤtze und Roͤcke, aber die Zierrathen waren daran mehr geſpart, die Far - ben, Schleifen und Schnuͤre minder lebhaft und zahlreich, der Schnitt weniger zierlich, der Koͤrper weniger eingerammelt. Statt des bloßen Kopfes, oder des Hutes, trugen ſie ei - ne baumwollene Zottelmuͤtze, in Geſtalt der al - ten Stutzperuͤcken, die den Kopf mit Stirn und Nacken ganz bedeckte und einen abſcheuli - chen Anblick giebt, zu der aber im Winter auch die juͤngern Weiber und Maͤdchen zu greifen pflegen.

Der Anzug der jungen Maͤnner war un - gleich vortheilhafter, als der weibliche, und verbeſſerte den Wuchs in eben dem Grade, als ihn jener verſchlimmerte. Jch zeichne hier ei - nen jungen Kerl, der zur feineren Gattung gehoͤrte, genau ſo, wie er mir begegnete. Er war groß und ohne Tadel gewachſen. Eine hellrothe Jacke, die weit kuͤrzer und ſchmaler geſchnitten war, als alle uͤbrige, die ich ſah,23 hing ihm ungezwungen uͤber den Schultern, und war mit eng an einander geſetzten, ſilbernen Knoͤpfen verzieret. Darunter trug er ein ſtroh - farbenes Leibchen, mit hellblauen Knopfloͤchern und glatten Knoͤpfchen von blaßgelbem Bern - ſtein. Die Beinkleider waren ſchwarzledern, wie an die Schenkel gegoſſen, mit gelber Naͤtherey am Latze, an den Knopfloͤchern und an den Guͤrteln, die ſich an der Seite in gelbe Qua - ſten endigten. Die Struͤmpfe waren von fei - ner, hellrother Wolle, und hatten gelbe Zwi - ckel; die Schuh waren wie Pantoffel gemacht und mit gelben Schleifen zugebunden. Sein runder Hut war gruͤn, und hatte vorne eine maͤchtige, gruͤne, flatternde Bandſchleife. Das ſchwarze Haar hatte er vorne in die Stirn gekaͤmmt, und im Nacken ſauber verſchnitten. So trug er ein Geſicht, worauf die Geſund - heit gluͤhete, zwiſchen drey oder vier ſeiner Landsmaͤnninnen einher, und er war, ſeine Bluͤthe und Kraft ihm vorbehalten, in ſeiner24 Art kein kleinerer Stutzer, als die in den gro - ßen Staͤdten.

Die aͤlteren Maͤnner waren weder ſo bunt, noch ſo leicht gekleidet. Sie hatten uͤber ihre Jacken noch weite Kamiſoͤler gezogen, die bis in die Kniekehle reichten, einen ſehr breiten Schnitt, weite Schoͤße und Aufſchlaͤge von an - derem Tuch, auch auf den Naͤthen und um die Knopfloͤcher, Schnuͤre oder Baͤndereinfaſſungen hatten. Jhre Beinkleider waren mit Traͤgern verſehen, ihre Huͤte groͤßer und mit ſchma - len Schleifen verziert; die Schuh waren mit ſchwarzen Baͤndern zugebunden. Jhre Strumpf - baͤnder, von allerley Farben, meiſt aber roth oder gruͤn, waren unter dem Knie uͤber blauen, rothen und gruͤnen Struͤmpfen befeſtigt.

Uebrigens nahm das Aeußere dieſer Men - ſchen fuͤr ſie ein. Sie waren ſehr hoͤflich, aber nicht kriechend; offen und zutraulich, aber nicht zudringlich; ſonſt von einem vier - ſchroͤtigen, ſtarken Schlage.

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Von Branſol aus bleiben Weg und Gegend wie auf dem vorigen Poſtlaufe. Das Thal verengert und erweitert ſich wechſelsweiſe, und die Becken, die es im letztern Falle bildet, ſind immer noch fruchtbar und reizend. Maulbeer - und Obſtbaͤume, Mayspflanzungen und Wie - ſen verfolgen den Reiſenden auf beyden Sei - ten, und es dauert bis zu dem Poſtflecken Neumarkt (2 M.) und von da bis zu einem aͤhnlichen Flecken, Salurn, (2 M.) auf dieſe Art fort.

Von Salurn aus wurde die Gegend, auf eine ziemliche Strecke, wieder wilder und ſtel - lenweiſe ſogar fuͤrchterlich. Am Ausgange han - gen einem ſchroffe Kalkfelſen entgegen, die von oben herab, bis zu ihrer Wurzel, zum Theil geborſten, zum Theil in ungeheuere Steinſtroͤ - me zerbroͤckelt ſind: dennoch hat hier der Un - ternehmungsgeiſt der mittleren Zeiten, auf ei - nem kleineren Felſen, der nur durch Ver - ſchwemmung und Erſchuͤtterung von den groͤ - ßeren abgeriſſen iſt, eine Burg, und zwar mit26 ſolcher Keckheit angebracht, daß deren Grund - mauer gleich ſo ſenkrecht empor ſteigt, wie der Felſen ſelbſt, daß man mithin vor deſſen Ver - witterung gar nicht beſorgt geweſen ſcheint; und doch war dieſe Burg, wie es von unten herauf das Anſehen hat, nicht unuͤberwindlich, weil man ſie, von den heruͤber ragenden Berg - ſpitzen her, mit etwas Mechanick, unter Fel - ſenſtuͤcken begraben und die Belagerten mit Steinen haͤtte zerſchmettern koͤnnen. Sie iſt uͤbrigens ſeit lange nicht mehr bewohnt, und zwar wie ein uralter deutſcher Reiſebeſchreiber, Herr Johann Wilhelm Neumair von Ramßla, ſagt: wegen der Geſpenſt, ſo ſich darin aufhalten ſollen.

Das Thal, welches hier auf beyden Seiten von unwirthbaren Felſen eingeſchloſſen, und von der Etſch durchſtroͤmt wird, giebt eine oͤde, arme Anſicht. Es iſt ſtreckenweiſe ſumpfig, und ſtreckenweiſe von dem Strome ſo aufgeriſ - ſen, daß der Boden kein Graͤschen zeigt, ſon - dern nichts, als Stein und Stein, zwiſchen27 denen an der linken Seite ein ausgetretenes, gruͤngelbes Waſſer ſtauet und ſtockt. Armſeli - ge Huͤtchen ſtehen einzeln, auf dieſem undankba - ren Boden und preſſen dem Reiſenden die trau - rige Frage ab, wie und womit ihre Bewohner ein duͤrftiges Leben friſten moͤgen?

Als ich von Salurn abreis’te hingen ſchwar - ze Wolken in den Alpen, durch die mein Weg fuͤhrte. Man rieth mir, das drohende Wetter erſt abzuwarten, weil der Donner in jenen Schluͤchten fuͤrchterlich, der Blitz zerſtoͤrend, und der Regen ſelten etwas anderes, als ein Wolkenbruch ſey, der, wie der Blitz mit ſei - nem Strahle, ſo mit ſeinen Stroͤmen, große Felſenſtuͤcke in die Thaͤler herabzuwaͤlzen pflege. Dieſe Warnung war wohlgemeynt, auch mir nicht gleichguͤltig geweſen; eine Erſcheinung aber, wie dieſe, war mir auf einem ſolchen Lokale noch nicht vorgekommen, hatte ich mir, ihrer Groͤße und Furchtbarkeit nach, als ein - zig gedacht, und ſo oft zu erleben gewuͤnſcht, daß ich, freylich nicht ohne ein lebhaftes Ge -28 fuͤhl von Aengſtlichkeit, auf meinen Kopf be - ſtanden und der zu fuͤrchtenden Gefahr entge - gen geeilt war.

Jndem ich um einen vorſtehenden Felſen in das wuͤſte Thal hinein fuhr, das ich vor - hin beſchrieben habe, flog mir eine dicke, zu - ſammen gepreßte, ſchwuͤle Luft entgegen, und ließ mich einige Augenblicke in der phyſiſchen und moraliſchen Bewegung, worein ſie mich verſetzt hatte; auf einmal folgte ihr ein ra - ſcher, kuͤhlender Wind; ein entfernter Donner ließ ſich hoͤren, und einige hoͤchſt feine, gleich - ſam diamantene, Blitze, beſchnoͤrkelten raſch hinter einander den ſchwarzen Hintergrund. Einzelne große Regentropfen, anſtatt eines Wolkenbruchs, fuhren mir auf Geſicht und Haͤnde. Mit einem Worte, das Wetter blieb in einer entfernten Alpengruppe hangen und tobte dort aus. Wenn ich ſonach das Unge - witter ſelbſt nicht in der Naͤhe ſah, ſo hatte ich dafuͤr bald nachher eine andre Erſcheinung unmittelbar uͤber meinem Haupte, die mir29 nicht weniger neu, aber zugleich im hoͤchſten Grade angenehm war. Jener Windſtoß hatte die Wetterwolken aus einander geriſſen und ſie gruppenweiſe in die Schluchten und Zwi - ſchenraͤume der Berge gejagt, aus denen er ſie nicht wieder vertreiben konnte. Bald nachher legte er ſich. Die Wolken ſchnellten wieder aus. Sie uͤberzogen terraſſenmaͤßig die Gipfel der Felſen, arbeiteten wurmfoͤrmig in ſich ſelbſt, und Stuͤck vor Stuͤck riß ſich los, hob ſich langſam bis zur Spitze des Felſens empor und ſtieg ſodann, unendlich verduͤnnt, wie ein Nebel oder Dunſt, uͤber denſelben hinaus, in den großen allgemeinen Luftſtrom. Jetzt blickte die Sonne wieder hervor und verwandelte das Ganze in ein gold - und ſilberfarbiges, mehr oder weniger durchſichtiges, Flockengewebe, das, in mancherley Geſtalten, beſonders aber in wellenartigen Zuͤgen und Streifen, die aͤu - ßerſten Spitzen der Felſen umwebte und all - maͤhlig, je mehr es dem Zuge der aͤußeren Luft wieder ausgeſetzt wurde, in den abgeklaͤrten30 Horizont verſchwand, ohne dem Auge eine Spur des vorigen Schreckens zuruͤck zu laſſen.

Die kahle Anſicht des Thales verwandelte ſich, nach Verlauf von einer Stunde, in eine mehr fruchtbare, und weiterhin allmaͤhlig in eine wahrhaft angenehme und lachende. Be - ſonders war dieß der Fall vor Waͤlſch-Mi - chel, einem ganz artigen Flecken, auf welchen, von einem hohen Felſen, ein ſtattliches Augu - ſtinerkloſter herabſieht. Das Thal dehnte ſich hier in ein Becken, wie das um Botzen, aus, und war mit allen Gaben der mildeſten Na - tur ausgeſtattet. Weinſtoͤcke bedeckten den Ab - hang der Berge, und unter ihren Blaͤttern ſahen die ſchwarzen, angeſchwollenen Beeren in maͤchtigen Trauben hervor. Pfirſchenbaͤu - me, mit herrlichen Fruͤchten belaſtet, draͤngten ſich mitten unter ihnen, und der niedliche Ty - roler Apfel zitterte in ſeinem matten Golde an der Spitze zarter Zweige. Mays, mit dichten gelben Kronen, die ein Stamm von ſechs Schuh uͤber den laͤngſten Mann empor -31 hielt, und Maulbeerbaͤume, die in der ganzen Schoͤnheit ihres muͤtterlichen Bodens prang - ten, ſtanden mir wechſelsweiſe zur Seite, waͤhrend unter mir ein lebhafter Fluß rauſchte, der bluͤhende Wieſen waͤſſerte, und um mich her maͤchtige Gebuͤrge roͤthlichſchillernden Mar - mors eines uͤber das andere emporſtiegen. Ein paar Flecken, mit heitern und geſunden Men - ſchen bevoͤlkert, verliehen dieſer ſchoͤnen Land - ſchaft vollends Jntereſſe und belebten ſie.

So dauerte Gegend und Weg bis Lavis (3 M.) einem gut gebaueten Flecken, fort[.]Von da faͤhrt man auf einer ſchnurgeraden, wie geſtampften, Straße, zwiſchen Weingaͤr - ten, die mit Maulbeerbaͤumen eingefaßt ſind, weiter. Die Rebe hat ſich an dem Baum hinaufgewunden, und dieſer laͤßt die Traube als ſeine eigene Frucht herabhangen. Oefnen ſich endlich dieſe gruͤnen Verſchlingungen, ſo hat man die Etſch wieder vor ſich, und an ihrem linken Ufer das alte Trento (2 M.) deſſen ſchwarze Daͤcher und Thuͤrme ſich an32 derſelben amphitheatraliſch erheben und auf der einen Seite das ganze Thal dergeſtalt verriegeln, daß es ſcheint, als ob man nur zu Waſſer auf der andern Seite weiter kommen koͤnnte.

Das Jnnere der Stadt nimmt ſich nicht ganz ſo alt aus, als das Aeußere. Die Straßen ſind zwar nicht gerade, aber meiſt geraͤumig. Um den unregelmaͤßigen Markt her, iſt faſt Gewoͤlbe an Gewoͤlbe, die von außen und innen mit einem Ueberfluß von Waaren aller Art verſehen ſind; ſo wie der Markt ſelbſt reichlich mit ſchoͤnem Obſt und andern Lebensmitteln beſetzt iſt. Die Bauart hat Aehnliches von der Botzener. Die Haͤuſer ſind ſehr gruͤndlich von roͤthlichem Marmor aufgefuͤhrt, zwiſchen zwey und drey Stock hoch, und mit Lauben, mit Balkons, und Altanen verſehen. Auch ſind viele durch Saͤulen geſtuͤtzt, die zum Theil hoͤlzerne Ga - lerien tragen, welche die Stadt in der That nicht zieren. Einzeln ſteht manches neuereBuͤr -33Buͤrgerhaus und mancher gute Privatpallaſt in den verſchiedenen Gegenden der Stadt, und die Kirchen fallen meiſt alle gut in die Augen, ſind zum Theil ganz von Marmor - quadern aufgefuͤhrt, und fuͤr den Geſchmack, worin man ſie anlegte, immer merkwuͤrdig. So iſt der Dom gothiſch genug, aber von Marmor und nicht unangenehm. Er beſitzt einen praͤchtigen Hochaltar, ein beruͤhmtes Kreuzbild, das zu reden laͤngſt aufgehoͤrt hat, und eine Kapelle, die Lotti malte, deſ - ſen Werke aber durch die Zeit faſt unkenntlich geworden ſind. S. Maria Maggiore iſt eben - falls ganz von Marmor, uͤbrigens nicht von Umfang. Hier wird die Darſtellung der be - ruͤhmten Tridentiniſchen Kirchenverſammlung aufbewahrt, die freylich ſo ausgefallen iſt, als gemalte Sitzungen, die aus Hunderten von Koͤpfen und Bruſtbildern beſtehen, auf einem kleinen Raume ausfallen koͤnnen: unbeſtimmt, ſteif und wie eine Apotheke angeordnet. Der Kuͤſter kannte indeſſen alle die merkwuͤrdigernSiebentes Heft. C34geiſtlichen Herren darunter, und nannte mir ſehr fertig die Namen derer, die waͤhrend der Dauer jener Verſammlung in Trient geſtor - ben ſind. Die uͤbrigen Gemaͤlde in dieſer Kirche fand ich nicht minder matt und geiſt - los. Niedlich iſt die ehemalige Kirche der Jeſuiten, wie faſt alles, was ſie gebauet ha - ben. Das biſchoͤfliche Schloß iſt altmodiſch und Kloſterartig. Die Peterskirche und das Rathhaus ſieht man auch wohl, wenn in ei - ner Stadt nicht viel zu ſehen iſt. Jch wenig - ſtens hatte die Merkwuͤrdigkeiten von Trient in weniger als zwey Stunden gemuſtert.

An den Einwohnern bemerkte ich nur noch entfernte Spuren von deutſcher Art, und die deutſche Sprache ſchien ganz verſchwun - den. Das Jtalieniſche, das ich an ein paar oͤffentlichen Oertern hoͤrte, klang rauh genug, und wurde in Venetianiſcher gemeiner Mund - art geſprochen. Die Kaffeehaͤuſer waren ſchon nach italieniſcher Sitte eingerichtet, d. i. ohne Billard, mehr wie die deutſchen35 Schweizerladen. Die Gaͤſte hatten ganz das Anſehen, als ob ſie den langen Tag hindurch bald davor, bald darin geſeſſen und auf jede Weiſe lange Weile gehabt haͤtten. Als das Ave Maria gelaͤutet wurde, ſetzten ſie das eine Knie auf die Baͤnke und Stuͤhle, nah - men den Hut herunter und fluͤſterten ein paar dahin gehoͤrige Worte. Sodann klapperten die Steine auf dem Damenbrete wie vorher, und die Unbeſchaͤftigten gaͤhnten dazwiſchen.

Meine eigene Fahrlaͤſſigkeit war Schuld daran geweſen, daß mich mein Poſtknecht in einen Gaſthof, wo es ihm ſehr gefiel, hatte fahren duͤrfen. Jn der That, es waͤre eine Schande fuͤr dieſe beruͤhmte alte Stadt, wenn ſie nur Einen und nur Solchen Gaſthof be - ſaͤße, als der meinige war. Jch muͤßte mich ſehr irren, wenn nicht ſchon ein Mitglied je - ner Kirchenverſammlung in dem Zimmer, das mir zu Theil wurde, gewohnt haben ſollte; wenigſtens deutete die Taͤfeley, womit daſſelbe geziert war, auf zwey Jahrhunderte und dar -C 236uͤber. Mein Abendeſſen war zum erſtenmal ganz Jtalieniſch von der geringeren Art. Harter Reis, mit einer zerkochten Taube, grobe Ma - karoni, gebratene Leber, ein Schnitt Bisquit und zwey kleine Aepfel, in Begleitung einer Flaſche rothen trientiner Weins, zum Er - ſchrecken fuͤr Jeden, der ihn nicht wie Waſſer trinkt waren die Zuthaten. Jn einem Bette, fuͤr eine ganze Geſellſchaft groß genug, ſchlief ich vortreflich. Ueberſetzt wurde ich den andern Morgen nach Gebuͤhr, denn der Wirth, der den Tag vorher mein Cicerone geweſen war, hatte die Großmuth gehabt, dafuͤr nichts von mir zu nehmen.

Uebrigens erreicht die Bevoͤlkerung von Trient die von Botzen nicht. Die Stadt hat nicht den Handel und nicht die Erzeugniſſe. Letztere ſind beſonders Wein und Oehl, die in ihrem Gebiete von einem ſtarken, ausgezeich - net gutmuͤthigen, Volke gebauet werden. Trient iſt keine Handels - und keine Manu - faktur -, ſondern eine Geiſtlich-Adeliche Stadt,37 deren leere Kirchen, und fuͤr ihre Bewohner zu große Kloͤſter und Pallaͤſte, ſchon eine mit - telmaͤßige Volksmenge andeuten. Man gab mir letztere zu Eilftauſend an, und ſelbſt dieſe Zahl ſchien mir zu hoch angeſetzt.

Die naͤchſte Poſt iſt nicht mehr Acqua - viva , wie die Poſtbuͤcher melden, ſondern Messina (2 M.), ein einzeln ſtehendes Haus. Der Weg von Trient bis dahin, und deſſen Umgebungen, ſind bey weitem nicht ſo ange - nehm, als vorher. Man faͤhrt naͤmlich zwi - ſchen hohen Mauern, welche an beyden Sei - ten Weingaͤrten einſchließen und zugleich die Ausſicht verſperren, wie in einem wahren Hohlwege und, des Staubes halber, faſt aͤr - ger noch. Die Berge dauern wie vorher fort, und die Fruchtbarkeit des Thals bleibt ſich gleich. Letzteres erweitert ſich merklich, der Fluß wird breiter und, was man aus die - ſen beyden Umſtaͤnden von ſelbſt ſchließen wird, auch die Berge ſenken ſich allmaͤhlig, und der Hintergrund zeigt kein ſo mannichfaches Ge -38 draͤnge von Klippen mehr; mit einem Worte, man merkt deutlich, daß man nicht in ein großes Gebuͤrge hinein, ſondern aus einem ſolchen hinaus faͤhrt, und ſich einer Ebene naͤ - hert. Doch geht es ſo ſchnell damit nicht, weil die Natur die Spruͤnge nicht liebt. Zwi - ſchen Meſſina und Roveredo, der naͤchſten Poſt (2 M.), hat ſie Stellenweiſe wieder Ruͤckfaͤlle, und es thuͤrmen ſich abermals Stein - maſſen an den Seiten engerer Thaͤler auf, die den vorigen nichts nachgeben; hat man ſie aber im Ruͤcken, ſo wird der Abfall bald wieder deſto merkbarer.

Der Weg, der unmittelbar nach Rove - redo (Rovereit) hinein fuͤhrt, hat wiederum die Unbequemlichkeit, daß man zwiſchen Gar - tenmauern eng eingeſchloſſen iſt, und nur die kahlen Felſenkoppen uͤber ſeinem Haupte ſieht, ohne ſich dafuͤr an den Herrlichkeiten des Thals ſchadlos halten zu koͤnnen. Aus dieſer Urſache ſieht man auch Roveredo nicht eher, als bis man dicht davor iſt; ungeachtet dieſe39 Stadt, bey einem zwar nicht betraͤchtlichen Umfange, doch anſehnliche Haͤuſer, Privat - pallaͤſte*)Wenn ich die größeren adelichen Wohnungen in Trient und Roveredo Palläſte nenne, ſo iſt es nach der Weiſe der Jtaliener, die freygebiger mit dieſem Namen ſind als die Deutſchen. Sie wür - den die Straße unter den Linden in Berlin, die Moritzſtraße in Dresden, Straßen mit Palläſten beſetzt, und Wien ſelbſt, eine Stadt von lauter Palläſten, nennen. Doch verlangen ſie meiſt immer, daß ſolch ein zum Pallaſt erhobenes, gro - ßes Haus einen adelichen Beſitzer habe.Eben ſo verhält es ſich mit dem Namen Ca - ſtello , das wir nicht mit Feſtung, ſondern mit Schloß geben müſſen, weil dieſe Kaſtelle mit unſern deutſchen Feſtungen nicht verglichen werden können. Solche Schlöſſer haben Botzen, Trient, Roveredo und alle übrige beträchtliche Städte und wichtige Eingänge in Tyrol; aber ſie werden da - durch nicht zu Feſtungen. und Kirchen hat. Gleich beym Eintritt in dieſelbe uͤberraſchte mich ein an - genehmer Anblick, den ich mir auf dieſer Reiſe noch oft zu haben verſpreche: der Anblick ei - nes ganz neuen Pallaſtes, der, mit einer rei - zenden Einfalt und in den ſchoͤnſten Verhaͤlt - niſſen, ſo eben aus den Haͤnden des Baumei -40 ſters hervor gegangen und noch nicht einmal mit Hausgeraͤth verſehen war. Jch bekenne gern, nichts aͤhnliches an Leichtigkeit in der Zeichnung, an anſpruchsloſer Eleganz in der Verzierung, und an Sorgfalt in der mecha - niſchen Ausfuͤhrung des Maurers, des Zim - mermanns und des Gypsarbeiters, geſehen zu haben.

Jch wuͤrde aber getaͤuſcht worden ſeyn, wenn ich dies Gebaͤude fuͤr das Muſter der allgemeinen Bauart von Roveredo genommen haͤtte. Man hat es kaum hinter ſich, ſo ſieht man ſich zwiſchen ſchwarzen, altmodiſchen, drey - und vierſtoͤckigen Haͤuſern, in einer en - gen Straße, die das Bild der meiſten uͤbrigen iſt, eingeſchloſſen, und dem Auge wird nur noch hier und da durch einzelne gute Werke der Baukunſt Genuß geboten. Dafuͤr hat man aber den Anblick einer lebhaften Volks - menge, die auf den Straßen und in den Haͤu - ſern geſchaͤftig, und freylich wohl eben ſo viel werth iſt, als die ſchoͤne Vorderſeite eines41 Palazzo . Ein thaͤtiger Handel und eine mannigfaltige Gewerbſamkeit, die ihre Ge - ſchaͤfte und Arbeiten mit Seide, Tabak, Baumwollenwaaren, Haͤuten, geſalzenen Le - bensmitteln und andern Artikeln, ununterbro - chen forttreiben, haben dieſe kleine Stadt in noch nicht hundert Jahren faſt um mehr als die Haͤlfte volkreicher gemacht; denn die Zahl ihrer Einwohner, die zu Anfange dieſes Jahrhunderts gegen acht tauſend war, iſt ſeit jener Zeit uͤber achtzehn tauſend geſtiegen.

Dieſer Anwachs iſt freylich nicht aus dem urſpruͤnglichen Stamme der Einwohner her - vorgeſchoſſen. Es ſind meiſt lauter fremde Handelsleute und Manufakturiſten, Deutſche, Schweizer und Jtaliener, die ſich ſeit unge - faͤhr hundert und funfzig Jahren hier nieder - ließen, und die Stadt und ihre Geſchaͤfte im - mer lebhafter machten. Dieſe Anſiedelung wurde beſonders dadurch mit befoͤrdert, daß Maximilian der Erſte, dem ſich dieſe Stadt zu Anfange des Sechzehnten Jahrhun -42 derts freywillig unterwarf, derſelben eine Zoll - freyheit fuͤr alle Waaren, die ſie einfuͤhrte und brauchte, und zugleich die freye Wahl ih - rer eigenen Obrigkeit zugeſtand.

Die Seidenwaaren von Roveredo ſind wegen ihrer Gruͤndlichkeit und ihrer ſchoͤnen Farbe geſchaͤtzt und geſucht. Die letztere Voll - kommenheit ſchreibt man der Wirkung des Waſſers aus dem Fluͤßchen Leno zu, das ſich hier in die Etſch ergießt.

Die Seide beſchaͤftigt faſt alle junge und alte Haͤnde der Buͤrger in den untern Ge - ſchoſſen und in den kleinern Haͤuſern der Stadt; aber nicht bloß ſie, ſondern ihr gan - zes Gebiet, verbeſſert durch dieſe Beſchaͤfti - gung die Natur, die hier in Abſicht der erſten Beduͤrfniſſe karg geweſen iſt.

Da ein Theil der Bewohner von Rove - redo aus Guͤterbeſitzern und Rentnern vom Adel und vom Buͤrgerſtande beſteht, ſo bildet ſich mitten unter dem groͤßeren Haufen der handelnden und arbeitenden Klaſſen ein innerer43 Kreis, der, aus den gewoͤhnlichen Bewegungs - gruͤnden, ſich mit den Kuͤnſten und Wiſſen - ſchaften abgiebt und immer ſchon abgab; und aus deſſen Schooße die Denkmale der beſſern Baukunſt und anderer Kuͤnſte, die man in Roveredo ſieht, und die Namen, die man in der Gelehrten-Geſchichte dieſer Stadt nennt, hervor gegangen ſind. Die hieſige Akademie der Agiati wurde von dem Ritter Van - netti und ſeiner Gemahlin, Laura Sai - banti, geſtiftet, und von Maria There - ſia, im Jahre 1750, beſtaͤtigt. Sie zaͤhlte gelehrte, einheimiſche und fremde, Mitglieder, doch deren mehr bey ihrem Anfange, als in der Folge der Zeit.

Uebrigens iſt das Becken, worin Roveredo liegt, angenehm. Um die Stadt her iſt Wein - garten an Weingarten, die, wie wir ſchon ge - wohnt ſind, auch ſchoͤne Fruͤchte hervorbrin - gen. Deutſch hoͤrt man wenig, doch wieder mehr als in Trient. Die Speiſen, der Haus - rath, die Kleidung, das Benehmen und die44 Gemuͤthsart der oberen und niederen Klaſſen ſind ſchon ganz italieniſch.

Den andern Tag (den 17. Sept.) fuhr ich von Roveredo ab. Man bleibt abermals, waͤhrend einer Strecke, zwiſchen Gartenmauern eingeſchloſſen. Koͤmmt man aber ins Freye, ſo wird man ſogleich von einem jener Schau - ſpiele uͤberraſcht, welche die Natur zuweilen in einer Anwandlung von Laune giebt, und die uns ſo groß, ſo erhaben ſcheinen, ihr aber ſo wenig koſten moͤgen. Man ſieht eine ſtar - rende, unfruchtbare Felſenrinde vor ſich ausge - breitet, welche die deutlichſten Zeichen traͤgt, daß ſie vormals in hochgewoͤlbter Geſtalt auf dieſem Platze geſtanden habe, durch irgend eine Kraft aber in ihren Grundfeſten erſchuͤt - tert und ausgedehnt, und ſo von oben herab in ſich ſelbſt zuſammen geſunken und faſt zur Flaͤche geworden ſey. Sie zieht ſich rechts bis zu der Etſch herab und iſt links eine maͤ - ßige Anhoͤhe geblieben, deren Schichten, durch die erwaͤhnte Kraft, langſam gehoben und auf45 die Seite gelehnt ſind, aber unzerriſſen und dicht auf einander gepreßt, wie eine ungeheure graue Moſaik, da liegen. Der Weg laͤuft am Abhange hin, und nichts erquickt das Auge auf dieſer todten Kruſte.

Daß dieſe Kruſte nur durch die letzte Schwingung einer großen Kraft ihre Bildung erhielt, zeigt ſich da, wo ſie aufhoͤrt, ganz deutlich. Denn wenn ſie der Ueberreſt Eines bloß zuſammen geſunkenen Felſen iſt, ſo ſteht man nun vor den Truͤmmern um und um ge - kehrter, aus ihren Wurzeln geriſſener, von ih - rem Standplatz hinweg geſchleuderter Alpen. Felſenbloͤcke, Hunderte von Zentnern ſchwer, liegen hier wie Kieſel verſtreuet, die Anhoͤhe hinan, das Thal herab. Unordentlich erſchei - nen ſie bald auf einander gethuͤrmt, bald ne - ben einander gelagert, bald einzeln auf ihren ſcharfen Ecken empor gerichtet. Um, zwiſchen und neben ihnen ſieht man gleichſam Guͤſſe von kleinern Steinen, die theils die Kluͤfte ausfuͤllen, theils die Flaͤche uͤberſchwemmen. 46Kein Baum, keine Staude was ſage ich? kein Grashalm zeigt ſich hier, weil er kein Wurzelfaͤdchen ausrecken konnte.

Durch dieſe Verwuͤſtung faͤhrt man uͤber eine halbe Stunde fort, und man iſt, bei der Menge von Betrachtungen, die ſich einem dar - bieten, wie betaͤubt. Auf einmal ſieht man ſich vor einem neuen Meere von Steinen, die an Groͤße alle vorigen uͤbertreffen. So weit dem Auge zu blicken geſtattet iſt, erſcheinen Anhoͤhe und Thal mit dieſen, wild durch ein - ander geworfenen, in einander geruͤttelten, auf einander gethuͤrmten, uͤber einander ſchweben - den, ungeheuren Felſenklumpen, fuͤr die der Zentner ein Kindergewicht iſt, beſtreuet und uͤberſchuͤttet. Bald ſind ſie eckigt, bald abge - rundet, bald flach, bald keilfoͤrmig; nie haben ſie die Lage, die ihre Schwere ſich gegeben haben wuͤrde; ſie waren, als ſie ſtuͤrzten, in Reibung mit tauſend andern die zugleich ſtuͤrz - ten, und arbeiteten im Gegendrucke von tau - ſend andern als ſie ſich lagerten. Man ſieht47 ungeheure Bloͤcke gegen einander ſtrebend da ſtehen, deren keiner zum Liegen gekommen iſt, und auf ihren Haͤuptern ruhen kleinere, denen ſie zu Traͤgern dienen. Wiederum liegt auf einem kleineren eine ungeheure Wacke, die ihn in den Boden gedruͤckt hat. Dort ſtehen die einzelnen Theile einer ganzen herausgetriebe - nen und umgekehrten Schicht hinter einander wie Borſten; hier iſt die Koppe einer ganzen Klippe wie ein verkehrter Kegel aufgepflanzt. So ſieht man die ſeltſamſten Gruppen um ſich her gelagert und ſo lange feſtgeſtellt, bis eine neue Kraft ſie von neuem wie einen Sack voll Tonkugeln aufruͤtteln und anders wohin aus einander ſchnellen wird.

Sehr anziehend wurde mir dies Feld der Verwuͤſtung dadurch, daß es doch einige Stel - len zeigte, die ſich entweder gebildet oder er - halten hatten, und durch ein ſparſames Gruͤn Auge und Herz wieder erquickten. Bald wa - ren es zwei Schritt Flaͤche, mit Grashalmen bekleidet und mit ein paar Baͤumchen beſetzt;48 bald war es ein Keſſel von betraͤchtlicherem Umfange, der in ſeiner Tiefe Waſſer enthielt und rund herum an ſeinem Abhange Maulbeer - oder Weidenbaͤume naͤhrte, die, fuͤr ihre be - druͤckte Lage, muthig genug gruͤnten; bald waren es Truͤmmer ehemaliger Terraſſen, auf denen Weinſtoͤcke in einer aͤrmlichen Geſtalt herum krochen; bald ein paar maͤchtige Stein - kloͤtze, deren Oberflaͤche Zeit und Wetter zu erweichen anfingen und in deren verwitterten Theilen feine Mooſe ſich anzuſiedeln wagten. Dieſe Zeichen von der unermuͤdlichen Guther - zigkeit der Natur, die den Tod ſelbſt zur Ge - burt und die Faͤulniß zur Bluͤthe macht, be - wegten mich wunderbar und beſchaͤftigten mich ſehr angenehm bey meiner Durchfahrt durch dieſe Steinhaufen, die uͤbrigens keine Spur von Feuer zeigen, mithin wohl die Kinder ei - nes Erdbebens ſeyn moͤgen.

Nach einer betraͤchtlichen Strecke wird der Weg beſſer, die Berge ſtehen wieder aufrecht, das Thal wird wieder fruchtbar und iſt ent -weder49weder mit Maulbeerbaͤumen oder mit Wein bepflanzt, oder mit gruͤnenden Wieſen uͤber - zogen. Man ſchoͤpft freyern Athem, und es wird einem um ſo behaglicher, da ſich die Berge immer mehr abſenken und das Thal ſich merklich erweitert. So erreicht man die naͤchſte Poſt, Ala oder Hall (3 M.), eine zwar kleine, aber lebhafte und wohlgebauete Stadt, die durch ein in der Naͤhe befind - liches, ergiebiges Salzwerk bekannt und die letzte im oͤſterreichiſchen Gebiet iſt. Nach ei - ner halbſtuͤndigen Fahrt befindet man ſich vor der kaiſerlichen Graͤnzmaut, wo man ſeinen Paß vorzeigt und dem Zollbeamten verſichert, daß man nichts Mautbares fuͤhrt, ſodann ei - nen Schlag zufahren laͤßt und jenſeit der Graͤnze iſt.

Man ſieht ſich nun in Jtalien, und nichts veraͤndert ſich, und doch iſt alles anders als in Deutſchland. Dieſe Erſcheinung hat man den allmaͤhligen Uebergaͤngen zu danken, welche die Natur uͤberall ſo gern anbringt. Siebentes Heft. D50Koͤnnte man aus der Gegend von Berlin mit Einem Sprunge in die Gegend von Verona gelangen, ſo waͤre einem Alles neu; da man aber uͤber Wien oder Augsburg allmaͤhlig nach Jtalien hinein faͤhrt, ſo muß man ſich von der Natur darauf vorbereiten laſſen.

Jn Wien ſieht man ſchon eine Menge Jtaliener, vom veroneſiſchen Wurſthaͤndler, vom venetianiſchen Muſikmeiſter und maylaͤndiſchen Operiſten an, bis zum Mann von Stande, bis zum Miniſter des Koͤnigreichs beyder Si - cilien. Man ſieht ſie, und hundert Andre von anderer Beſtimmung und Art, mehreremal, und ihre Bildung, ihr Weſen, ihre Kleidung fallen einem auf; weil ſie in irgend etwas von denen verſchieden ſind, die man ſonſt vor Au - gen hat. Man reiſet von Wien ab, und na - tuͤrlich nimmt man einen der Hauptwege, mittelſt deſſen Jtalien und Deutſchland zuſam - men hangen, und beyde Laͤnder einander ihre Menſchen und Waaren zukommen laſſen. Auf dieſem Wege begegnen einem italieniſche51 Fuhrwerke mit ihren Zugthieren, ihren Ge - ſchirren und ihren Reiſenden und Fuͤhrern; ferner herum ziehende Kleinkraͤmer, ihren Handel auf dem Ruͤcken; und auswandernde Familien, die in Deutſchland reiche Verwandte oder uͤberhaupt ein beſſeres Schickſal auf - ſuchen. Man bemerkt an allen dieſen Gegen - ſtaͤnden gewiſſe neue Dinge, die einem von dem Augenblick an nicht mehr neu ſind. Man ſetzt ſeine Reiſe fort und ſieht unter - wegs Landhaͤuſer, Gaͤrten, Saͤulen, Statuen, Gemaͤlde, Kirchen in italieniſchem Ge - ſchmack; weiterhin Kamine, Kaffeehaͤuſer, Balkons, Altane nach italieniſcher Sitte; zwar immer noch einzeln, aber ſo verſteht es ſich. So wie man weiter vorruͤckt, vermehren ſich die italieniſchen Vorboten. Hinter Klagenfurt ſetzt man einem Gemuͤſe mit Oehl gekocht vor, zu Lienz eine Pollenta, in Brixen waͤl - ſches Brot. Hier findet man ſchon zahme Kaſtanienbaͤume; zu Botzen feinere Fruͤchte, Maulbeerbaͤume, Mays, ein italieniſches Klima,D 252italieniſche Bauart, Menſchen von italieniſcher Abkunft. Die runden, fleiſchigten, gutmuͤthi - gen deutſchen Geſichter verſchwinden nach und nach, und machen den ſchwarzen hageren, oder gelben aufgetriebenen, mit ſchwarzen Baͤrten und ſprechenden trotzigen Augen, Platz. Ein gewiſſer Leichtſinn wird bey der dienenden, und eine große Fertigkeit im Uebervortheilen bey der handelnden Klaſſe ſichtbar. Ernſt und Beſcheidenheit verlieren ſich in den Far - ben der Kleidung, d. i. grau, blau, dunkel - gruͤn, braun und ſchwarz werden den Leuten zu unſcheinbar; aber roth, hochgelb, hellgruͤn, hellblau, in der ſchreyendſten Miſchung, wer - den immer mehr Leibfarben. Der gemeine Mann zeigt immer weniger Gefuͤhl fuͤr einen anſtaͤndigen Anzug. Auf dem Kopfe traͤgt er bald keinen Hut mehr, ſondern eine ſchmu - tzige wollene Muͤtze, oder auch gar nichts; die Bruſt hat er bis zu dem Nabel bloß; uͤber die Schenkel ſchlottern ihm Beinkleider herab, die er am Knie nicht zuknoͤpft; die53 Beine ſind ohne Struͤmpfe, die Fuͤße ohne Schuh; beydes iſt in Monaten nicht gewa - ſchen. Weiterhin begegnen einem ſchon haͤu - fig Leute in ſeidenen Lumpen.

Abzeichen dieſer Art hatte ich von Wien an, und ſie wurden immer haͤufiger, je mehr ich mich der Graͤnze naͤherte. Zu Trient bet - telte ſchon der Poſtknecht gebrochen Deutſch noch um einige Sololi uͤber ein reichliches Trinkgeld; und ein Kerl, der ihm die Pferde vom Wagen geſpannt hatte, erpochte dafuͤr von mir ein Geſchenk. Bis Roveredo iſt alles, womit der Fremde zu handeln kommt, Jtalieniſch geworden; und alles geht Jtalie - niſch mit ihm um. Wirth, Kellner, Lohnbe - dienter, Poſtknecht, Hausknecht, Hausmagd, alles betruͤgt ihn, jeder bettelt von ihm, je - der beluͤgt ihn, jeder bleibt in der beſten Laune, wenn er ihn uͤber die mannigfachen Plackereyen verdrießlich ſieht, oder wenn ihm die Woͤrter Gauner, Betruͤger, unverſchaͤmte Luͤgner, Bettler, entwiſchen. Hoͤchſtens ſagen54 ſie: es ſey einmal in Jtalien ſo! Er werde ſehen! Mein Kellner in Roveredo, dort ſchon cameriere genannt, machte mir beym Ein - ſteigen in den Wagen noch eine zweyte Rech - nung, weil er, wie er ſagte, in der ſchon be - zahlten einige Artikel vergeſſen haͤtte, die er aus ſeiner Taſche bezahlen muͤßte, was un tal Signor doch nicht zugeben wuͤrde. Jch warf ihm ein kleines Silberſtuͤck zugleich mit einem gran bricone zu, der ſo ernſthaft nicht gemeynt war. Eccellenza! rief er aus, zog die Achſeln zuſammen, lehnte den Kopf demuͤthiglich an die rechte Schulter und druͤckte die aufgefangene Muͤnze an die Bruſt. Als der Poſtknecht fortfuhr, ſagte er zu den Umſtehenden, ſo laut daß ich es wohl hoͤren mußte, un buon Signor! und als ich den Kopf herum drehte, um den Gaudieb noch einmal anzuſehen, uͤberraſchte ich ihn bey ei - nem großen Kreutze, das er mir nachſchlug.

Alle dieſe und hundert andere kleine Zuͤge und Erſcheinungen ſind Jtalieniſch, und dem55 Reiſenden ſchon gelaͤufig, wenn er nach Jta - lien ſelbſt koͤmmt. Er kennt die Menſchen ſchon, das heißt den kleinen Theil derſelben, den er auf der Reiſe braucht; er kennt die Natur ſchon, das heißt diejenige, die er bey ſeinem erſten Eintritt in Jtalien findet. Nichts daran ſcheint ihm mehr neu, und doch hatte er, noch vor Wien, weder ſolche Menſchen, noch ſolch eine Natur geſehen. Gerade ſo wird ihm ſeyn, wenn er vor dem Amphi - theater von Genua, auf der Kuppel vom St. Peter in Rom, und an dem Rande des Aetnaſchlundes ſtehet.

Von Ala fuͤhrt der Weg auf Peri, die naͤchſte Station. (Eine Poſt*)Die italieniſche Poſt haͤlt ſieben, acht, auch wohl neun Miglien.) Die Straße iſt nicht ſo ſorgfaͤltig gemacht, als bisher; aber die Gegend iſt ganz dieſelbe. Nach ei - ner Fahrt von anderthalb Stunden befindet man ſich vor dem venetianiſchen Graͤnzzoll Borghetta. Es ſind zwey kleine, einzeln56 am Wege einander gegen uͤber ſtehende, und durch ein Wetterdach, das den Wagen Schutz giebt, mit einander verbundene Haͤuſer. Aus dem einen trat mir ein Zollbedienter mit dem hoͤflichſten Weſen entgegen, war voͤllig uͤber - zeugt, daß ich keine verbotenen Waaren bey mir fuͤhrte, und bat ſich fuͤr dieſe Ueberzeu - gung, mit in dem Wagen geſtreckter Hand und ſpielenden Fingern, dalla bona grazia dell excellentissimo Signor forestiero ein kleines Geſchenk aus. Dieſer gab ihm eins; da es jener aber gern groͤßer gehabt haͤtte und dies mit einem è poco Excel - lenza! deutlich zu erkennen gab; ſo erwie - derten die Exzellenz: basta così, amico! und fuhren hartherzig weiter nach Peri.

Dies iſt ein unanſehnlicher Flecken, wie ein paar andere, durch die ich, von Ala aus, im venetianiſchen Gebiete gekommen war. Das Aeußere dieſer Oerter iſt in der That hoͤchſt abſchreckend. Sie ſind ganz offen, ihre Haͤuſer ſind zwar gemauert, aber von eben57 den Steinſtuͤcken, die im Wege herum liegen, und wie man ſie ohne Auswahl aufrafft: groß und klein, rund und eckigt, von allerley Bergarten. Sie erſcheinen wie bloß auf ein - ander gelegt, nicht mit Moͤrtel ausgefuͤllt, noch weniger beworfen. Dieſe rauhen Mau - ern ſtehen da, Theilweiſe verwittert, Theil - weiſe aus einander gegangen, Theilweiſe von Luft, Regen und Sonne grau oder ſchwarz gefaͤrbt. Sie haben im unterſten Geſchoß eine Oeffnung, welche Thuͤre und Fenſter zu - gleich bildet und in ein ſchwarzes, mit Stei - nen ausgeſetztes oder mit Lehm ausgeſchlage - nes, Gemach fuͤhrt, das eine Familienwoh - nung vorſtellt. Das zweyte Geſchoß hat zwar drey oder vier kleine Fenſteroͤffnungen, aber Glasſcheiben ſind nicht darin zu ſehen, ſondern bloß ein paar eiſerne Staͤbe, und dahinter hoͤlzerne Laden. Das Dach iſt mit Schindeln gedeckt, die von der Sonne ver - kohlt und nicht angenagelt, ſondern um die Koſten fuͤr die Naͤgel zu erſparen, mit58 Steinen belegt ſind, wodurch ſie feſt gehalten werden.

Jn und vor ſolchen Haͤuſern ſieht man Menſchen, ſchwarzgelb von der Fußſpitze bis zum Wirbel; die Maͤnner bloß mit einem Hemde und mit einer Hoſe nicht beklei - det ſondern nur behaͤngt; die Weiber baarfuß, baarkoͤpfig, nur mit einem zerlump - ten Unterrocke, mit einem erdſchwarzen Hals - tuch und einem ſteifen, rothen oder gelben Mieder halb und halb bekleidet; das raben - ſchwarze Haar in ein Neſt auf dem Hinter - kopfe zuſammen gewickelt, und unter dem Arm einen Rocken, dem ſie dicke Faden ab - zupfen, die ſie mittelſt einer in der Luft ſchwebenden Spindel zugleich drehen und auf - winden.

Die Honoratioren von Peri zeigten ſich zwar angekleidet, aber wunderlich genug. Ein abge[ſ]chabter Rock von hellerothem, wollenen Sommerzeuge, oder von gruͤner, oder hellblauer, verſchoſſener Seide; eine59 ſtrohfarbene, oder hochgelbe, oder purpurfar - bige Weſte, nur in der Mitte oder unten mit Einem Knopfe befeſtigt, weil die uͤbrigen fehlten; Beinkleider, theils von der Farbe des Rocks, theils von allen uͤbrigen ſchreyen - den Farben, uͤber dem Knie nicht zugeknoͤpft; Zwirnſtruͤmpfe, ſo duͤnne, daß man ſie nur durch ihre groͤßere Schwaͤrze auf der Haut unterſcheiden konnte; Pantoffeln, oder viel - mehr eingetretene Schuhe; ein langer Zopf, der bald geflochten und oben mit einem Bind - faden eingebunden, bald mit einem rothge - wordenen ſchwarzen Seidenbande umwickelt war, und uͤberall Buͤſchel von Haaren heraus ließ; breite Manſchetten und große ſchmutzige Buſenſtreifen von grobem Zwirnfilet; eine duͤnne ſchmale Halsbinde, mit einer gewalti - gen Schnalle im Nacken befeſtigt dies waren die Toilettenſtuͤcke ſolch eines Ehren - mannes, denen er durch ein ungekaͤmmtes Haar, in welchem die Federn und Dunen aus dem Bette flatterten, und durch eine60 baumwollene Nachtmuͤtze, die ſich in eine lange, zwiſchen den Schultern ſchwebende Trottel endigte, die Krone aufzuſetzen gewußt hatte.

Meine Vorgaͤnger und Nachfolger auf der Reiſe durch Peri werden dieſe Zeichnun - gen treu finden. Jch habe ſie nach der Na - tur gemacht, indem ich vor dem Poſthauſe ſaß und meine Pferde erwartete.

Die Regierung hat anbefohlen, daß jeder Reiſende, der durch ihre Staaten mit Extra - poſt geht, ein Bollettone von dem Ober - poſtmeiſter aus Venedig vorzeigen ſoll. Man kann ſich durch einen Freund, oder durch ſei - nen Wechsler, ſolch einen Eingangsſchein entgegen ſchicken laſſen; oder ihn auch in Wien von dem dortigen Geſandten der Re - publik erhalten. Auf deſſen Vorzeigung muͤſ - ſen ihm die Poſtmeiſter fuͤr acht Paoli mit zwey Pferden eine Station, oder zwey deut - ſche Meilen fortſchaffen. Hat er aber kei - nen, ſo koͤnnen ſie nach Willkuͤhr, anſtatt61 acht Paoli, zwoͤlf bis funfzehn nehmen und der Reiſende darf ſich nicht beſchweren. Jch hatte um ſolch ein Bolletton geſchrieben und es in Roveredo zu finden geglaubt, aber nicht gefunden. Dieſer Umſtand half mir nichts bey dem Poſtmeiſter in Peri. Jch muͤßte Sie fuͤr acht Lire fahren, ſagte er, wenn Sie eins haͤtten; aber Sie haben keins! Da es mir alſo erlaubt iſt, mehr zu nehmen, ſo kann ich nicht gegen meinen Vor - theil handeln, und ich muß mehr nehmen. Sie ſollen aber ſehen, daß Sie mit einem großmuͤthigen Venetianer zu thun haben. Jch verlange nur zwoͤlf Paoli; dem Folgen - den muͤſſen Sie funfzehn geben! Das ſag ich Jhnen vorher!

Jn der beſten Laune uͤber ſeine ganz neue Art von Großmuth gab ich ihm die verlangten zwoͤlf Paoli, und die uͤbrigen drey einem Bettler, der neben mir ſtand; wobey ich ihm recht ernſthaft dankte, daß er mir Gelegenheit gaͤbe, gegen ſeinen armen Lands -62 mann meinerſeits auch großmuͤthig zu ſeyn. Dieſe Wendung ſchien doch ſein edles Herz ſo in Bewegung zu ſetzen, daß es ſich ver - gaß und in einige harte Worte gegen den Bettler ausbrach; allein dieſer, der alles vor - trefflich begriff, lachte ihn aus und mir dankte er fuͤr mein Almoſen nicht.

Dieſer Wettſtreit der Großmuth hatte nicht die geringſte Wirkung auf die Unter - heuſchrecken des Poſthauſes gethan. Es wa - ren ihrer ſechs trotzige, zerlumpte Kerl, wo - von der Eine mir die Vorder - und der An - dere die Hinterraͤder beſprengt, der Dritte den Koffer angezogen, der Vierte die Pferde ge - bracht, der Fuͤnfte ſie dem Poſtknecht ange - ſpannt, und der Sechſte mich gefragt hatte: ob ich etwas aus dem benachbarten Wirths - hauſe befoͤhle? Was ſie haben wollten, war, wie ſie es nannten, per la bona ma - no (fuͤr willige Handreichung), und ſie for - derten es in einem Tone, daß ich lieber gleich geben, als mir Stationen machen wollte, wie63 der uͤbellaunige Smollet, der ſie immer mit Gallenfiebern verließ und doch am Ende alles, was man von ihm haben wollen, be - zahlt hatte.

Hinter Peri hoͤren endlich die Berge auf, doch nicht ohne ſich noch einmal in ihrer Furchtbarkeit zu zeigen. Man koͤmmt nach Chiusa , einem Graͤnzſchloſſe, das an dem Gehaͤnge eines ſteilen Berges angebracht iſt. Man braucht Vorſpann, um den Weg hinan zu kommen, der dem Berge durch Kunſt ab - gewonnen und nur ſo breit iſt, daß zwey Wagen einander ſo eben ausweichen koͤnnen. Man haͤngt auf demſelben gleichſam uͤber der Etſch, ſo wie der Felſen drohend uͤber den Weg haͤngt. Unter einem, in einer Tiefe von wenigſtens 150 Schuh, draͤngt ſich die Etſch zwiſchen dieſen und dem gegen uͤber ſtehen - den, noch rauhern und ganz ſchroffen, Felſen hinein und rauſcht an den Wurzeln beyder, ohne ſelbſt dem Fußgaͤnger an den Seiten Platz zu laſſen. Sie kann hier auch64 noch mittelſt einer ſtarken Kette geſchloſſen werden.

Wenn man uͤber den hoͤchſten Punkt des Weges gekommen iſt, ſo hat man im Herab - ſteigen das Schloß vor ſich, zu welchem man uͤber eine Zugbruͤcke gelangt. Es iſt klein und ſchmal, und giebt in der That einen armſeligen Anblick. Das Mauerwerk iſt ver - altet, und aus den wenigen Schießſcharten ſehen roſtige Kanonen hervor. Vor demſel - ben hat man im Felſen ſelbſt ein Kaͤmmer - chen fuͤr den Waͤchter ausgehauen, zu wel - chem man auf kurzen Stufen gelangt. Un - mittelbar uͤber dem Schloſſe hat man Kaſa - matten angebracht, die theils in den Felſen ſelbſt gehauen, theils durch Mauerwerk an demſelben angebauet ſind. Alles iſt klein und enge; aber als Anhang zu der Feſtung, welche die Natur ſelbſt hier gebauet hat, wuͤrde dies Schloͤßchen doch dazu beytragen, den Feind, der durch dieſen Paß eindringen wollte, eine Weile abzuhalten.

Jen -65

Jenſeit dieſes Schloſſes fuͤhrt der Weg am Fuße des Felſens und hart am Ufer der Etſch fort, die hier als ein anſehnlicher Fluß erſcheint. Die Durchfahrt zwiſchen Felſen und Fluß iſt ſo ſchmal, daß man, um Plaͤtze zu gewinnen wo die Wagen einander aus - weichen koͤnnen, erſtern hat ausſchweifen muͤſ - ſen. Auf dieſe Art zieht ſich der Weg nach Volargine (eine Poſt), von wo aus man endlich auch zur Linken die Ebene uͤberſieht, die man ſchon eine Weile zur Rechten hat uͤberſehen koͤnnen. Hier hatte ich nun die Gebirge, in welchen ich, von Schottwien an, verſchloſſen geweſen war, mit ihren angeneh - men und fuͤrchterlichen Stellen im Ruͤcken, und ich blickte mit freyerem Athem in das Paradies Lombardey.

Uebrigens iſt vielleicht keines der großen Gebirge ſo leicht und anmuthig zu bereiſen, als das, welches ich von dem Semmering an bis hieher durchfahren hatte. Der Weg laͤuft beſtaͤndig, theils im Grunde der Thaͤler,Siebentes Heft. E66theils am Gehaͤnge der Berge fort. Er iſt durchweg vortrefflich unterhalten, und nur an zwey oder drey Stellen etwas enge und nicht genug durch Gelaͤnder geſichert. Er iſt hin - laͤnglich mit Bruͤcken verſehen, um mit Si - cherheit uͤber die kleinern und groͤßern Fluͤſſe zu kommen die einem ſo haͤufig begegnen, oder welchen man folgt. Er iſt ſicher zu be - reiſen, weil die Menſchen gut ſind, die laͤngs demſelben wohnen. Er bietet viel Abwechs - lung dar, weil er zugleich eine lebhafte Han - delsſtraße iſt. Das Land ſelbſt, durch das er fuͤhrt, iſt anziehend. Ungeachtet Berge und nichts als Berge um den Reiſenden her ſte - hen, ſo gewaͤhrt doch die unendliche Abwechs - lung ihrer Geſtalten und Zuſammenſtellungen, ihrer An - und Ausſichten, ihrer Erleuchtung, ihrer ungeheuren Maſſen und ihrer mannig - faltigen Beſtandtheile großen Genuß. Die Thaͤler zwiſchen ihnen ſind groͤßtentheils ſchoͤn, oft wahrhaft reizend, meiſt immer fruchtbar; und das fleißige, unverdorbene Volk, das ſie67 bewohnt, das ſich in vielen Dingen uner - ſchrocken mit der Natur ſelbſt in Kampf ein - laͤßt, erfuͤllt das Herz mit Theilnehmung und freudigem Erſtaunen. Jch bekenne, noch keine Reiſe mit ſo viel Vergnuͤgen gemacht zu ha - ben, als dieſe Bergreiſe; und wenn ich jetzt wieder die Ebene mit Freudigkeit empfing, ſo lag derſelben nicht Ueberdruß der Berge, ſondern der natuͤrliche Gefallen des menſchli - chen Herzens an Abwechslung zum Grunde.

Von Volargine bis Verona (1 ½ Poſt) fuͤhrt der Weg durch eine Landſchaft, die ei - nem großen, zuſammenhaͤngenden Garten gleicht. Pflanzungen von Maulbeerbaͤumen, oder von Ulmen und Ahorn, alleenweiſe ver - theilt, bedecken die Felder. Maͤchtige Wein - ſtoͤcke lehnen ſich an dieſe Baͤume und trei - ben Ranken, Blaͤtter und Fruͤchte bis in de - ren Kronen hinauf; von dort fallen ſie her - ab und finden andere, die, wie ſie, eines Anhalts beduͤrftig ſind. Der Winzer nimmt ſich ihrer an, fuͤgt ſie zuſammen, und ſo ver -E 268ſchlingen ſie ſich in einander und laufen in Gewinden durch alle Alleen. Das Land zwi - ſchen dieſen iſt bearbeitet, und Feldfruͤchte al - ler Art werden auf demſelben gezogen. Es iſt ein Gedanke, der fuͤr den Boden der Lombardey Achtung erweckt, daß er faſt zu gleicher Zeit Getreide und Wein hervorbringt und den Seidenbau moͤglich macht. Hier herum iſt er uͤbrigens noch ſo ſteinigt, daß die Baͤume aus den Steinen ſelbſt hervor - zuwachſen ſcheinen, und daß die eigentliche Erde kaum ſichtbar wird. Dieſe iſt ocker - braun gefaͤrbt, wie die Steine, die ganz die - ſelben ſind aus welchen die Berge von Sa - lurn bis vor Volargine beſtehen. Je mehr der Fleiß dieſen Boden uͤberwindet, deſto fruchtbarer wird er; und je weiter man ge - gen Verona hinab koͤmmt, in deſto ergiebi - gerem Stande iſt er ſchon. Um die Mitte des Weges fand ich ein artiges Luſtſchloß, das die Naͤhe einer großen Stadt verkuͤn - digte. Es war juͤngſt erſt angelegt und fiel69 angenehm in die Augen. Der dazu gehoͤrige Garten war ſchon mit Mauern eingefangen, ſchien aber nur ein Ziergarten werden zu ſol - len, denn ich ſah wohl ziemlich mittelmaͤßige Bildſaͤulen, aber keine Spur, daß man auch fuͤr Schatten ſorgen wolle, in einem Lande, wo man deſſen ſo viel braucht.

Verona ſieht man nicht eher, als bis man nur noch eine halbe Stunde davon ent - fernt iſt. Dieſe Stadt liegt gerade da, wo die Alpen allmaͤhlig bis zu ihrer tiefſten Ab - dachung gelangt ſind, und dieſe in wahre Flaͤche uͤbergeht. Jſt man alſo uͤber den letz - ten Abſatz hinunter, ſo erſcheint ſie an eben dieſen Abſatz gelehnt, der Laͤnge nach ausge - breitet, mithin ganz eigentlich an den Wur - zeln der Alpen gelagert und von der Etſch durchſtroͤmt, die ich in Jtalien auch italie - niſch, Adige, nennen will. Nach wenig Augenblicken iſt man vor ihren Thoren. Jch fuhr durch das aͤußere Biſchofsthor hinein, ohne von den Zollbedienten anders, als zu70 Borghetta, belaͤſtigt zu werden. Unter dem innern fragte mich ein Soldat großer Gott, was fuͤr ein Soldat! nach Namen und Vaterland, und ſchrieb beydes mit einer Feder! aus einem Tintenfaß! auf Papier! wahrlich, daß ich zur Schande des gefluͤgelten Loͤwen, ſeiner Vogelſcheuche von Soldaten kein Trinkgeld, wie er verlangte, ſondern ein wahres, von chriſtlicher Milde hervorgebrach - tes, Almoſen darreichte. Jch fuhr in den Gaſthof alle due torre , behandelte aus noͤthiger Vorſicht, ehe ich abpacken ließ, mit dem cameriere Zimmer, Tiſch, Bedienung und alles uͤbrige, und ließ mich ſodann erſt in einer Stadt nieder, worin ich einige an - genehme und lehrreiche Tage zu verweilen be - ſchloſſen hatte.

Es ſind mehrere Punkte in der Stadt und um dieſelbe, wo man ſie, ihrer ganzen Lage und Geſtalt nach, uͤberſehen kann. Man mag einen ihrer Kirchthuͤrme, eines ihrer Thore, eines ihrer Außenwerke, oder eines71 ihrer Schloͤſſer waͤhlen, immer hat man eine anziehende Ausſicht; die weitlaͤuftigſte aber findet man auf dem Schloſſe S. Felice, und dieſe wollte ich zuerſt aufſuchen.

Jch gelangte durch einige ziemlich ver - ſchlungene und unreinliche Straßen zu der Bruͤcke della Pietra , die uͤber die Adige fuͤhrt, und beſahe im Vorbeygehen zwey ih - rer Bogen, die noch von altroͤmiſcher Arbeit ſind und gegen welche die benachbarten aller - dings ſehr abſtechen. Jenſeits dieſer Bruͤcke erhebt ſich die Anhoͤhe, auf welcher das feſte Schloß S. Felice uͤber dem andern feſten Schloſſe S. Pietro liegt. Eine Anzahl von Haͤuſern iſt amphitheatraliſch an derſelben hinangebauet, die ſich zwar, weder durch Neuheit, noch Groͤße, noch Geſchmack em - pfehlen, dennoch aber dieſes Ufer der Adige gut verzieren. Jch ſtieg langſam die Anhoͤhe hinauf, ohne die Truͤmmer zu ſuchen, die an derſelben von einem alten Theater und einem alten Kapitolium nicht mehr zu ſehen ſind,72 und uͤberrumpelte die Feſtung S. Pietro, die freylich keine Thore hatte, und deren Ring - mauer an mehreren Stellen ohne Kanonen und Kugeln eingeſchoſſen war. Jch beſtieg ihre Schanzen und Waͤlle, fand aber keinen Punkt, von welchem ich Stadt und Gegend ganz ohne Hinderniß fuͤr das Auge haͤtte uͤberſehen koͤnnen; eilte alſo vollends nach S. Felice hinan, und traf es wirklich mit Thoren, mit wohlerhaltenen Ringmauern, mit Kanonen und Beſatzung verſehen, und ſonderbar! aus eben dem Grunde, aus wel - chem S. Pietro nichts von dem allen hat. Um dies Raͤthſel zu loͤſen, erinnere man ſich, daß der Loͤwe, der von hier herab Verona beherrſcht, trotz ſeinen Fluͤgeln, zu einem ſehr mißtrauiſchen Geſchlechte gehoͤrt; und daß er dieſen obern Platz fuͤr ſich behalten, den un - teren aber, ſo wie die ganze Stadt, in den Haͤnden der Veroneſer gelaſſen hat.

Auf einem der hoͤchſten Außenwerke von S. Felice fand ich, was ich ſuchte: einen73 Platz, der zu einer allgemeinen Ueberſicht der Stadt und Gegend alle Erforderniſſe hatte. Er war mit einem Altan bezeichnet, den ich zwar nur mit Ziegelſteinen ausgeſetzt, und mit einem alten Dache, auf vier verwitterten Saͤu - len ruhend, bedeckt fand, der aber nach allen Seiten offen war, und ſeine Beſtimmung vor - trefflich erfuͤllte. Die ganze Stadt lag vor mir ausgedehnt da, ſo klar und hell, daß ich das entfernteſte Gartenhaͤuschen unterſcheiden konnte. Von der umliegenden koͤſtlichen Flaͤche uͤberſah ich einen Halbcirkelſchlag von vier bis fuͤnf Meilen, und nordweſtlich zitterte da, wo der dunkelblaue, ganz reine Horizont ſich auf die ſchwarzgruͤne Scheibe lehnte, Man - tua mit ſeinen Thuͤrmen, waͤhrend die naͤhe - ren Staͤdte und Flecken, weiß und roth, wie hollaͤndiſche Doͤrfer in einem großen Luſtgar - ten, gelagert erſchienen. Auf der entgegen geſetzten Seite hingen die Alpen, durch die ich gekommen war, mir noch einmal uͤber dem Haupte, ſo nahe ſchienen ſie. Der Baldo74 ragte hier am hoͤchſten unter ihnen hervor, und an ſeiner Seite liefen nach Nordoſten kleinere Berge herab, deren Gipfel mit Baͤu - men gekroͤnt waren, unter denen ein Volk lebt, das, ſo wie ſeine Berge einzeln ſtehen, einzeln fuͤr ſich beſteht, nicht mehr zu den Deutſchen gehoͤrt, und noch nicht zu Waͤlſchen umgeſchaffen iſt: ich meyne die ſogenannten Cimbern, welche die bekannten dreyzehn Ge - meinen bilden. Von ihrem Wohnort an da - chen ſich wellenfoͤrmig immer niedrigere Berge dergeſtalt ab, daß ſie in der Ferne nur noch als Anhoͤhen das Land umſchließen, und ſich allmaͤhlig in die ſchoͤne Ebene verlieren, die, durch nichts mehr unterbrochen, als der uͤp - pigſte, fruchtbarſte, wohlhabendſte Theil von Jtalien, ſich uͤber Mantua, Mayland und Turin bis an die Wurzeln der jenſeitigen Al - pen hinzieht, durch welche die Schweitz und Frankreich von Jtalien geſchieden werden.

Nachdem ich uͤber eine Stunde auf dieſem anziehenden Platze zugebracht hatte, ſtieg ich75 die Anhoͤhe wieder hinunter und ließ mich zu der Stelle fuͤhren, wo man vermuthet, daß vor Alters Baͤder geſtanden haben. Man ſchließt dieß aus einigen Roͤhren, die man dort gefunden hat. Jetzt dringt noch aus dem Felſen ein ſehr lebhafter Strahl von Waſſer hervor, der mit einer Roͤhre einge - faßt und mit einem Becken verſehen iſt. Dieſe Quelle wird im Fruͤhling und Som - mer von den Einwohnern haͤufig beſucht und als Geſundbrunn getrunken. Das Waſſer hat im Geſchmack viel Aehnliches mit dem Eger - brunnen und ſoll auch eine aufloͤſende Kraft haben.

Als ich zu der Bruͤcke della Pietra zu - ruͤck kam, verweilte ich auf derſelben, um ſie als Standpunkt fuͤr eine Ausſicht uͤber einen Theil des Jnneren der Stadt zu benutzen. Maffei empfiehlt ſie als einen ſolchen, ich bekenne aber, daß in dieſem Fall, wie in vie - len andern, ſeine Vaterſtadtsliebe ihn zuviel hat ſagen laſſen. Das linke Ufer des Fluſſes,76 an welchem die Anhoͤhe, die ich beſtiegen hatte, ſich hinzieht, gewaͤhrt wohl eine angenehme Ausſicht, aber das rechte eine deſto unange - nehmere; denn die daran ſtehenden Haͤuſer kehren demſelben alle ihre roſtigen, hoͤlzernen Gaͤnge, Altane und heimlichen Gemaͤcher, und ihre uͤber dieſelben hingebreitete Sudelwaͤſche zu; und auf den Balkonen der oberen Ge - ſchoſſe bemerkte ich einige ſorgfaͤltige Haus - wirthinnen, die ihre frechſten Feinde in den Falten der Bettdecken aufſuchten und ſie, wo nicht erhaſchten, doch in die Adige ſprengten. Dieß war fuͤr mich kein Standpunkt per formare prospettive così nobili et cosi vaghe, che scene non si videro mai meglio ideate. *)Verona illustrata, Tom. II. 4. des Auszugs.Vielleicht benahmen ſich Maffei’s Landsleute zu ſeiner Zeit aͤſthetiſcher oder we - nigſtens verſchaͤmter.

Angenehmer uͤberſieht man von dem Neuen Thor herab einen Theil der Stadt, und zwar77 einen der ſchoͤnſten. Dieſes Thor, das auch, wie das Thor del Pallio , als Werk der Kunſt ſehenswerth iſt, liegt auf der andern Seite der Stadt, den Schloͤſſern S. Pietro und S. Felice gerade gegenuͤber. Jm Vor - dergrunde hat man die Ueberſicht der ganzen Neuen Straße, einer der ſtattlichſten und lebhafteſten in der Stadt. Dieß wird ſie be - ſonders um die Zeit der Korſofahrt. Sie iſt ſehr lang, verhaͤltnißmaͤßig breit, an beyden Seiten mit erhoͤheten Fußwegen, und in der Mitte mit einem gut gepflaſterten Fahrwege, verſehen. Gegen Abend ſind ſo viel Wagen auf dieſer Straße, als in der Stadt gehalten werden, weil ſie einen Theil des Korſo aus - macht, den niemand verſaͤumt, der ein Fuhr - werk beſitzt, und den zu beſuchen, manche Fa - milie ſich den Koſten eines Zwey - oder Vier - ſpannes unterzieht. Dieſe Korſofahrer neh - men ſodann ihren Weg unter dem gedachten Neuen Thore hin und man uͤberſieht das Ge - draͤnge, welches ſich hier durch die Heraus -78 und Hereinfahrt bildet, von oben herab ganz in der Naͤhe. Die Fußgaͤnger, die unterdeſſen die Wege an den Seiten fuͤllen, ziehen in mannigfachen Gruppen von dem Platze Bra daher, draͤngen ſich zwiſchen den Wagen hin - durch und bilden außerhalb der Stadt auf der Bruͤcke und in den daran ſtoßenden Alleen bunte Reihen, durch welche die Wagen hin - fahren. Viele der Fußgaͤnger kommen auch auf die Waͤlle, die zu beyden Seiten des Neuen Thors hinlaufen, gehen auf denſelben ſpatzieren oder ſetzen ſich in langen Reihen nieder, um das Getuͤmmel auf der Bruͤcke und in den Alleen zu beobachten.

Die Ausſicht uͤber den lebendigen Theil von Verona machte mir dieſen Standpunkt lieber, als irgend einen andern in der Stadt. Er beſchraͤnkt ſich aber nicht auf das Getuͤm - mel des Korſo allein, er beherrſcht zugleich die Haͤuſermaſſe der Stadt, in ihrer ganzen Ausdehnung, nach allen Seiten. Man ſieht, wie ſie ſich noͤrdlich und nordoͤſtlich an den79 Wurzeln der Alpen erhebt, und in die beyden aͤuſſerſten Baſtionen des Schloſſes S. Felice auslaͤuft; wie nordweſtwaͤrts die Adige hinein -, und nach einer Schlangenwindung durch die Stadt, ſuͤdlich wieder hinausſtroͤmt; und wie oͤſtlich, ſuͤdlich und weſtlich jener große Lom - bardiſche Garten an ihre Mauern ſtoͤßt und ſie gleichſam zu einem der großen Gartenhaͤu - ſer macht, deren er ſo viele in ſeinen gruͤnen - den Labyrinthen einſchließt.

Eine dritte angenehme Ausſicht uͤber die Stadt gewaͤhrt der Garten des Grafen Giuſti, deſſen Terraſſen bis zu dem Fuße der Mauern des Schloſſes S. Pietro hinan ſteigen. Man uͤberſieht hier beſonders ihre Geſtalt und den eigentlichen Lauf der Adige. Der Garten ſelbſt iſt nicht von Umfange, auch in Abſicht ſeiner Anlagen nicht auſſerordentlich. Dieſe ſind nach altem Geſchmack, und beſtehen in Heckenlabyrinthen, in kleinen, mit Marmor eingefaßten, Springbrunnen und andern Waſ - ſerſpielereyen; in Grotten, aus Muſcheln und80 Steinſtuͤcken zuſammen geſetzt, und andern altmodiſchen Verzierungen. Auch iſt der Gar - ten ſchon ziemlich bejahrt, und Burnet und Addiſon, die zu Ende des vorigen Jahr - hunderts hier waren, erwaͤhnen ſeiner ſchon in dieſer Geſtalt. Fuͤr den Nordlaͤnder er - haͤlt er durch eine vortreffliche Weinterraſſe und eine Reihe koͤſtlicher Cypreſſen, die man vielleicht in ganz Jtalien nicht ſo ſchoͤn wie - der findet, viel Anziehendes.

Meine naͤchſten Ausfluͤchte hatten die Kennt - niß des Jnnern der Stadt zum Zweck.

Verona iſt wie eine altgewordene Schoͤne, die noch in dem altmodiſchen Anzuge, der in ihrer Jugend fein und zierlich war, einher tritt, und der man wegen der Ueberbleibſel von vormaligen Reizen, die man an ihr ent - deckt, Gerechtigkeit wiederfahren laͤßt.

Die Stadt iſt theils mit einer bloßen Mauer, theils mit Waͤllen und Graben um - geben, theils wird ſie durch den Fluß und theils durch die beyden erwaͤhnten Kaſtelleein -81eingeſchloſſen. Ein drittes, das castel vecchio liegt in der Stadt ſelbſt am rechten Ufer des Fluſſes und beherrſcht dieſen da, wo er herein tritt.

Die Mauern ſind ſehr hoch, von laͤnglich - viereckigten Werkſtuͤcken erbauet, oben mit ei - nem nach alter Weiſe ausgezackten Kranze verſehen, alt und verwittert, doch nirgends noch bis zum Einfallen vernachlaͤßigt. Den Waͤllen, Graben und Außenwerken kann man dieß eher nachſagen. Die Bruſtwehren ſind zum Theil eingeſchoſſen und in die Graben gefallen; letztere ſind mit Schutt und ande - rem Unrath ausgefuͤllt, und die Kaſamatten und bedeckten Gaͤnge großentheils zuſammen geſtuͤrzt. Auch gehen dieſe Werke nicht hin - ter einander fort, und ſind an einigen Stel - len unvollendet geblieben. Was aber davon uͤbrig iſt, zeigt in der That von Einſicht in der Kriegsbaukunſt, von Feſtigkeit, und von gluͤcklicher Benutzung oder Ueberwindung des Lokals. Reiſende, die ſich uͤber dieſen Gegen -Siebentes Heft. F82ſtand Kenntniſſe und Unterricht verſchaffen wollen, finden in Verona Gelegenheit dazu. Zwar ſind viele der hieſigen Befeſtigungsarten durch neuere Erfindungen verdraͤngt worden, viele andere aber gelten auch jetzt noch, und ſind in der That ungleich lehrreicher, als die zu Graudenz und Pleſſe, weil man ſich ihnen mit der Bleyfeder naͤhern darf, ohne zu fuͤrchten, daß die Signorie von Venedig eine edle Lernbegierde in eine ihrer Kaſamatten verſchließen moͤchte. Es iſt in der That vor keiner derſelben eine Thuͤre mehr.

Jch mache dieſe Anmerkung, um die Ma - nen des, fuͤr den Ruhm ſeines Vaterlandes und ſeiner Vaterſtadt, ſo eifrigen Maffei be - ſaͤnftigen zu helfen. Er klagt,*)Ver. illustr. Tom. II. 102. daß noch kein Reiſender dieſer merkwuͤrdigen Seite von Verona erwaͤhnt hat. Gewoͤhnlich glaubt man, ſagt er, daß die Befeſtigungskunſt in Jtalien nicht zu Hauſe ſey, und man ſtellt83 nur immer die franzoͤſiſchen, hollaͤndiſchen und deutſchen Erfindungen zur Schau; und doch iſt dieſe Kunſt in Jtalien geboren und ausge - bildet. Man kennt aber die Bosheit der Al - tromontaniſchen Schriftſteller. Weil die Jta - lieniſche Sprache bey ihnen nicht getrieben wird, ſo legen ſie ſich wenigſtens mit Fleiß darauf, um ſich in vielen Dingen unentdeckt fuͤr Erfinder ausgeben zu koͤnnen. Mit wenig Worten zu zeigen, daß die Befeſtigungskunſt ganz unſere iſt, darf ich nur die Buͤcher an - geben, durch die ſich der Leſer davon ver - ſichern kann. Hier zieht er eine Reihe von Werken an, die im ſechzehnten und ſieb - zehnten Jahrhundert uͤber jene Wiſſenſchaft in Jtalien geſchrieben ſind; und zeigt ſodann, daß eine Menge von Befeſtigungsarten, wo - durch Vauban und die deutſchen und hollaͤn - diſchen Kriegsbaumeiſter beruͤhmt geworden ſind, lange vorher von italieniſchen vorgeſchla - gen waren. Sein Landsmann, San Mi - chele, ein vorzuͤglicher Baumeiſter, habeF 284viele davon bey den drey Feſtungen von Ve - rona wirklich ausgefuͤhrt.

Man zeigt in Verona gern die Baſtion delle Boccare , und ſie verdient in der That, wegen einer Kaſamatte geſehen zu wer - den, die unter derſelben angebracht iſt. Die Veroneſer fuͤhren ſie als ein Probeſtuͤck von der ehemaligen Vorzuͤglichkeit ihrer Befeſti - gungen an und nehmen dieſe Gelegenheit wahr, um durch ein bedeutendes Achſelzucken den Fremden errathen zu laſſen, was ſie da - von halten, daß die Regierung ſie abſichtlich hat verfallen laſſen. Jene Kaſamatte nimmt den ganzen Umfang der uͤber ihr liegenden Baſtion ein. Sie hat die Figur eines Cirkels, und hundert und fuͤnf Schuh im Durchmeſ - ſer. Jn der Mitte ſteht ein runder Pfeiler, gegen fuͤnf und zwanzig Schuh dick, auf wel - chen die ganze gewoͤlbte Decke zuſammen laͤuft, die in der Mitte vier und zwanzig Schuh uͤber den Boden erhaben, und von dem Pfei - ler an, nach allen Punkten der Mauer hin,85 vierzig Schuh breit, und doch ſo flach gehal - ten iſt, daß ſie in einem Winkel von nur fuͤnf und vierzig Graden ſich an die Mauer lehnt. Dieſe ſchwere architektoniſche Aufgabe iſt mit einer Leichtigkeit ausgefuͤhrt, und mit einer Feſtigkeit, welcher drey Jahrhunderte, mit allem ihren Regen und Schnee, noch kei - nen Riß, noch keinen ausgeſprungenen Stein, haben abgewinnen koͤnnen. Der breite und hohe Eingang, einige Schießſcharten und uͤber denſelben und in der Decke angebrachte Luft - loͤcher, geben dem Ganzen ein trefliches Licht. Einem deutſchen Fuͤrſten, der dieſe Kaſamatte beſah, gefiel ſie ſo wohl, daß er eine Zeich - nung davon mitnahm, um einen Pferdeſtall darnach anlegen zu laſſen.

Die vier Bruͤcken, die uͤber die Adige laufen, ſind, in Ruͤckſicht der Laͤnge und der Groͤße des Anblicks, mit keiner der beruͤhm - tern deutſchen zu vergleichen. Die einzige Bruͤcke beym alten Schloſſe (Castel vecchio) hat einen Bogen, der ſich durch die kuͤhne86 Ausſpannung ſeines Gewoͤlbes, die, nach Maffei 142 Fuß betraͤgt, und durch Zierlich - keit und Leichtigkeit empfiehlt. Dieſe beyden Vorzuͤge, die freylich durch Backſtein beque - mer zu erreichen ſind, als durch Werkſtuͤcke, machen aber den Veroneſern bange, daß der Bogen unter der Laſt eines Wagens einfallen moͤchte, und ſie halten deswegen dieſe Bruͤcke geſperrt. Die Fuͤrſorge, ihrer Stadt ein Kunſtwerk zu bewahren, traͤgt zu dieſer Maß - regel mit bey. Die drey uͤbrigen Bruͤcken ka - men mir ganz gemein vor.

Die Straßen von Verona ſind großen - theils gerade und haben eine verhaͤltnißmaͤßige Breite. Einige darunter, z. B. der Korſo und die Neue Straße, ſind wegen ihrer Geradheit, Breite und guten Haͤuſer und Pallaͤſte, wirklich ſchoͤn. Auch bleiben ſie den ganzen Tag uͤber ſehr lebhaft, theils, weil ſie zu den beyden Marktplaͤtzen, dem Herren - und Kraͤuterplatz, und uͤberhaupt zum volkreichern Mittelpunkt der Stadt fuͤhren;87 theils, weil ſie mit Gewoͤlben fuͤr Waaren aller Art, mit Trink - Speiſe - und Kaffeehaͤu - ſern, mit Laͤden fuͤr erfriſchende Naͤſchereyen und mit Werkſtaͤtten verſchiedener Kuͤnſtler und Handwerker, dicht beſetzt ſind; theils, weil ſie gegen Abend der Tummelplatz der großen, oder der muͤßigen Welt uͤberhaupt, und mit Wagen und mit Spatziergaͤngern an - gefuͤllt, werden. Die uͤbrigen Straßen um und an dem Kerne der Stadt und bey den Bruͤcken, ſind auch lebhaft, aber nicht zugleich ſo glaͤnzend; die entferntern hingegen ſind menſchenleer, ſtille und zum Theil ſehr enge und unanſehnlich.

Die meiſten dieſer Straßen moͤgen vor Alters ein gutes Pflaſter gehabt haben, aber jetzt iſt es ſehr vernachlaͤßigt und be - ſchwerlich. Die Seitenwege fuͤr Fußgaͤnger ſind aus kleinen Steinen, wie ſie der Fluß fuͤhrt, zuſammen geſetzt, und durch die Traufe in eben ſo viel Stacheln verwandelt worden. Dieſe Moſaik wird durch eiſerne, zum Theil88 eingetretene, zum Theil wandelbare Gitter, die uͤber den Luftloͤchern der Keller liegen, unterbrochen und in der That gefaͤhrlich. Jn manchen Straßen ſind die Fußpfade auch mit Marmorplatten belegt, die aber theils auf der einen Seite verſunken, theils in Stuͤcke ge - ſprengt ſind, und einen ungewiſſen Schritt veranlaſſen. Da, wo dieſes Seitenpflaſter klaͤfft, waͤchſt ungeſtoͤrt langes Gras hervor, außer an gewiſſen Stellen, die man erraͤth, und die zu keiner Zeit des Tages und in der Nacht mit Sicherheit zu betreten ſind. Das Mittelpflaſter iſt nicht minder vernachlaͤßigt, beſonders in den entlegenern Straßen, in die vielleicht binnen Jahren kein Fuhrwerk koͤmmt, und die wie Wieſen gruͤnen.

Die Buͤrgerhaͤuſer in der Stadt ſind ohne Ausnahme alt und raͤuchrig, und haben im untern Geſchoſſe mehrentheils finſtre Ge - woͤlbe oder Lauben, mit ſchwarzen, hoͤlzernen Wetterdaͤchern daruͤber. Der erſte Stock hat meiſt immer zwey hohe und breite Fenſter,89 mit Saͤulen eingefaßt, und vor denſelben ei - nen Balkon, mit einem eiſernen oder mar - mornen Gelaͤnder umgeben. Der zweyte Stock hat bald Austritte vor den Fenſtern, bald nicht, und im dritten ſind die Fenſter meiſt immer mit ſchwarzen Laden vermacht, uͤber welche die eben ſo ſchwarze Dachtraufe weit heruͤber ſteht. Auf dem flach gehaltenen Dache ſchwanken hoͤlzerne Altane, unter welchen die Waͤſche der Hausbewohner ſehr widerwaͤrtig im Winde ſpielt. Ein deutſches Auge, das an abgeputzte, oder wenigſtens reinliche, Auſ - ſenſeiten der Haͤuſer gewoͤhnt iſt, findet in Verona ſeine Rechnung nicht. Die urſpruͤng - liche Beraffung iſt abgefallen und die Steine, woraus die Mauern beſtehen, in welchen Bruchſteine, Werkſtuͤcke und Backſteine unter einander gemengt ſind, erſcheinen in ihrer gan - zen Nacktheit. Um den Eindruck von Duͤſter - keit zu vollenden, bemerkt man noch den Um - ſtand, daß alle Haͤuſer geſperrt gehalten wer - den, und daß die Bewohner derſelben nur90 mit dem Hausſchluͤſſel heraus und hinein koͤnnen. Die Straßen beſonders, die keine Gewoͤlbe und Kramladen im Erdgeſchoſſe ha - ben, geben ein wahres Bild der Veroͤdung, und ihrer findet man immer mehrere, je wei - ter man ſich von den lebhaftern, oͤffentlichen Plaͤtzen entfernet.

Die Gegenden um letztre her, ſind in Ve - rona, wie uͤberall, auch heiterer und lebendi - ger. Hier ſtehen die groͤßeren und ſchoͤneren Haͤuſer des Adels und ſeine Pallaͤſte. Von beyden Arten ſind viele in Verona, und man findet ſie, bis auf einige, ziemlich in und an dem Mittelpunkte der Stadt beyſammen, z. B. um und an dem Platze Bra, dem Herrenplatze, dem Kraͤuterplatz und in den Straßen, die mit zum Korſo gehoͤren. Jn dieſen Gegenden ſieht man auch die merk - wuͤrdigen oͤffentlichen Gebaͤude und die Ueber - bleibſel aus den mittlern und aͤltern Zeiten, deren Verona einige ganz merkwuͤrdige und ein faſt einziges aufzuweiſen hat.

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Die Haͤuſer und Pallaͤſte des Adels fallen, wie vorhin erwaͤhnt, weniger oͤde und duͤſter in die Augen, aber den allgemeinen Anſtrich von Veraltung und Vernachlaͤſſigung tragen doch die meiſten. Hier muß man das Auge zwingen, ſich nur ſchoͤnen Verhaͤltniſſen und an die Nettigkeit und Leichtigkeit, die ſie her - vorbringen, zu halten, und nicht bey dem Roſt und der Vernachlaͤſſigung zu verweilen; man muß es anleiten, ein zierliches Portal zu bemerken, wenn es auch mit Brettern ver - ſchlagen iſt; eine geſchmackvoll verzierte Vor - derſeite, nach Verdienſt zu ſchaͤtzen, ungeachtet man ſie nicht vollendet hat; ein kuͤhn empor geworfenes Treppengewinde gehoͤrig zu ſchaͤ - tzen, obgleich es von Staub und Unrath ſtarrt; und endlich eine Reihe, im gefaͤlligſten Maaß und in Licht und Luft ſtehender, Zim - mer, bey noch nicht fertigem Fußboden, mei - ſterhaft zu finden. Es iſt in der That in ganz Verona kein ſehenswuͤrdiges Haus, kein Pal - laſt, keine Kirche, kein oͤffentliches Werk, wo92 man nicht das muthwillige und einſeitige Auge im Zaume halten muͤßte, damit es nicht uͤber der Menge von oft ſehr laͤcherlichen und un - anſtaͤndigen Abſtichen, ſehr ſchoͤne und vollen - dete Dinge uͤberſieht oder verſchmaͤhet.

Die Plaͤtze der Stadt ſind, bis auf den Platz Bra, mehr enge als geraͤumig, und fallen altmodiſch in die Augen, weil ſie zum Theil oͤffentliche Gebaͤude einſchließen, deren Anlage in ſehr fruͤhe Zeiten faͤllt. Dahin gehoͤren der Herrenplatz und der Kraͤu - terplatz.

Der Herrenplatz iſt ein regelmaͤßiges Vier - eck. Auf demſelben ſteht der Stadtpallaſt, ein altes Gebaͤude, mit einer geraͤumigen Loge, und einem Engel und einer Maria in Bronze, von dem veroneſiſchen Kuͤnſtler Campagna. Anziehender ſind die Bildſaͤulen einiger be - ruͤhmten, aus Verona gebuͤrtigen, aͤltern Ge - lehrten, welche die Stadt zu Ende des funf - zehnten Jahrhunderts dort hat aufſtellen laſ - ſen; es ſind Katullus, Kornelius Ne -93 pos, Aemilius Macrus, Vitruvius und Plinius der aͤltere. Den Fraca - ſtor und Maffei ſieht man auf den beyden Bogen, durch die man zu dieſem Platze ge - langt. Jn den Saͤlen des gedachten Stadt - pallaſtes ſind einige hiſtoriſche Gemaͤlde, die meiſt auf die Kriegsthaten der Stadt Verona Bezug haben, die aber die Zeit ſehr unſchein - bar gemacht hat. Der Pallaſt des Podeſta und des Capitano, beydes veraltete Wer - ke, ſtehen auch auf dieſem Platze; und in deſ - ſen Naͤhe findet man die Grabmaͤler einiger ehemaligen Beherrſcher von Verona aus dem Hauſe Scala, als des Can Grande , des Can Signorio und des Can Mastino , Werke in gothiſchem Geſchmack, die im Gan - zen eben keine gefaͤllige Wirkung thun, deren einzelne Theile aber mit viel Feinheit und Leich - tigkeit gemeiſelt ſind.

Der Kraͤuterplatz, ein laͤngliches Vier - eck, wenigſtens noch einmal ſo groß als der Herrenplatz, iſt, beſonders des Vormittags,94 einer der lebhafteſten Punkte in Verona, und vorzuͤglich geſchickt, von dem Aeußern, der Sprache und dem Weſen der niederen Volks - klaſſen einen Begriff zu geben. Maͤnner und Weiber kaufen hier die Beduͤrfniſſe fuͤr den Mittag ein; und ich glaube die erſtern zahl - reicher auf dieſem Markte geſehen zu haben, als die letztern. Die Gewohnheit, daß Haus - vaͤter fuͤr die Kuͤche ſorgen und den Einkauf in eigener Perſon nach Hauſe tragen, war mir nicht neu mehr, weil ich ſie ſchon in Ro - veredo geſehen hatte; Maͤnner aber mit eben der Beredſamkeit, Waarenkenntniß und Zaͤhig - keit, (wenn man mir dieſen Ausdruck erlauben will) feilſchen und bieten zu ſehen, als die Weiber, war mir ganz neu und beluſtigte mich außerordentlich. Ueberhaupt hat die Art, wie die Jtaliener handeln, ſo viel Eigenthuͤmliches, daß ich vielleicht weiter unten der Verſuchung nachgebe, einige Bemerkungen daruͤber mitzu - theilen. Jm Ganzen genommen iſt es eine Art von Krieg, den man mit großer Heftig -95 keit fuͤhrt, waͤhrend deſſen man ſich eine Men - ge boͤſer und hoͤhniſcher Worte ſagt, und der endlich, wie alle, doch damit endigt, daß einer der ſtreitenden Theile hinter das Licht gefuͤhrt wird. Außer den gruͤnen Waaren, die dieſem Platze den Namen geben, ſind in den Ge - woͤlben, die das Erdgeſchoß der Haͤuſer ent - haͤlt, eine Menge anderer von jeder Art feil.

Hier ſteht das große Kaufhaus (Casa de Mercanti), das ſchon zu Anfange des vierzehnten Jahrhunderts erbauet wurde. Jn demſelben ſind Boͤrſe, Niederlage, und Ge - richtshof der Kaufleute in Handelsſachen, bey einander. Man ſieht hier abermals ein Ma - rienbild in Bronze von Campagna; und uͤber einem benachbarten Springbrunnen eine noch weit aͤltere marmorne Bildſaͤule (vom Jahre 806, nach Maffei) welche die Stadt Verona vorſtellt, mit einer Krone auf dem Haupt und einem Papier in der Hand, worauf die Worte ſtehen:96 Est iusti latrix Urbs haec, et laudis amatrix. *)Gerechtigkeit übt dieſe Stadt, Nach Ehr ſie groß Gelüſten hat.

Das hieſige Kollegium der Advokaten gruͤn - det auf dieſe Jnſchrift ſein Alterthum und ſeine Gerechtigkeitsliebe; der Adel ſein Ehr - gefuͤhl; die Gelehrten und Kuͤnſtler ihren ſchon fruͤh erkannten Eifer fuͤr Gelehrſamkeit und Kunſt; und alle wiederholen dem Frem - den gern dieſe kurze Charakteriſtik ihrer Stadt, die, was wenigſtens den letzten Zug derſelben betrifft, in der That noch jetzt paſſend iſt. Wie man aber mit dem erſteren das wunder - liche Vorrecht reimen will, das eine benach - barte, noch ſtehende, oben mit einem Loͤwen beſetzte, Saͤule hatte, vermoͤge deſſen ein Schuldner, der ſie beruͤhrte, vor allen Verfol - gungen ſeiner Glaͤubiger ſicher war, ſehe ich nicht wohl ein; und Verona mag ſich mit Padua und Neapel, die aͤhnliche Jnſtitutehaben,97haben, und mit den deutſchen Gerichtshoͤfen, die eiſerne Briefe geben, vereinigen, um die Gerechtigkeit fuͤr dieſe Sitte zu ge - winnen.

Einige rieſenhafte, gemalte Figuren, ein großer Heiliger, Chriſtoph, und ein hoher Thurm, der mit zu den ſieben oder acht Wunderthuͤrmen Jtaliens gehoͤrt, verſchoͤnern noch, ſo gut ſie koͤnnen, dieſen Platz. Der Pallaſt Maffei, der die obere ſchmale Seite deſſelben einnimmt, thut dies auf eine mehr befriedigende Art. Doch koͤnnte er noch ſchoͤ - ner ſeyn, wenn ſeine Vorderſeite nicht zu ſehr mit Zierrathen des Steinmetzen uͤberla - den waͤre. Die uͤbrigen Haͤuſer um dieſen Platz ſind meiſt anſehnlich genug, aber ver - altet, wie alle uͤbrige, und ohne Merkwuͤrdig - keiten in Abſicht der Bauart. Nichts kann haͤßlicher ſeyn, als der Anblick ihrer Erdge - ſchoſſe an einem Sonntage, wenn die alten verwitterten Thuͤren und Fenſterladen der Ge - woͤlbe geſchloſſen ſind.

Siebentes Heft. G98

Heiterer, neuer und geraͤumiger, obgleich unregelmaͤßig, iſt der Platz Bra. Er wird von dem alten Amphitheater, von dem neuen Hoſpital, von dem angefangenen, aber nicht vollendeten, Pallaſte fuͤr den Proveditore, von den Gebaͤuden der philharmoniſchen Aka - demie, von drey oder vier neuen, in die Augen fallenden, Pallaͤſten, worunter ſich der Pallaſt Verza beſonders auszeichnet, und von einer Reihe guter Buͤrgerhaͤuſer eingeſchloſſen. Rund herum vor dieſen Haͤuſern und Pallaͤ - ſten laufen breite Leiſten von Marmorplatten, zur Bequemlichkeit der Spatziergaͤnger, die beſonders gegen Abend dieſen Platz aufſuchen, und ihn bis nach Mitternacht anfuͤllen. Un - ter den Arkaden der Haͤuſer ſind Kaffee -, Feinbaͤcker - und Kaufmanns-Gewoͤlbe aller Art hart neben einander, vor welchen Stuhl an Stuhl ſteht, die immer mit Menſchen be - ſetzt ſind, waͤhrend der Reſt innerhalb oder außerhalb dieſer Arkaden ſich auf - und ab - draͤngt, oder ſich Zugweiſe in die daran ſtoßende99 Neue Straße verliert, von daher aber beſtaͤn - dig zu dieſer Stelle zuruͤckkoͤmmt. Die Naͤhe jener Straße vermehrt uͤberhaupt die Lebhaf - tigkeit des Platzes Bra, weil die Korſofahrer immer ein Stuͤck deſſelben beruͤhren; wer in das Theater faͤhrt oder geht, koͤmmt gewoͤhn - lich auch uͤber dieſen Platz, weil es unmittel - bar an denſelben ſtoͤßt.

Jn der Mitte dieſes Platzes ſteht ein Denkmal, welches die Vereinigung der Adige und Venedigs, mithin die Unterwerfung von Verona an dieſen Freyſtaat, vorſtellt, das aber weder anſehnlich genug iſt, um dieſen Platz zu zieren, noch gut genug gearbeitet, um den Kenner anzulocken und zu feſſeln. Als eine Schmeicheley fuͤr Venedig iſt es zu ſchwach, als ein Kunſtwerk fuͤr Verona zu ſchlecht.

Die Zierde, die das alte Amphitheater die - ſem Platze verſchafft, muß ein wenig durch Gelehrſamkeit, Einbildungskraft und Liebha - berey heraus gehoben werden, wenn ſie nichtG 2100fuͤr eine Verunſtaltung deſſelben gelten ſoll. Wer bloß Laye iſt, ſieht an dem Aeußern deſ - ſelben nichts, als eine hoͤhere Mauer, die ſo alt, ſo roſtig, und eine niedrigere, die ſo zu - ſammen gedruͤckt, ſo verwittert und benagt iſt, daß ſie ein Bild der Verwuͤſtung vorſtel - len koͤnnte. Er hat wohl einmal davon gele - ſen, aber was er las, nicht im Geiſte des Al - terthums genommen; deshalb vermuthet er ein glattes, feſtes, majeſtaͤtiſches Werk, etwa nach altdeutſcher Art von großen Werkſtuͤcken aufgefuͤhrt, zu ſehen; aber er findet in dieſen Mauern kleine, groͤßere und große Steine durch einander gemengt und plump mit Moͤr - tel beworfen. Betritt er das Jnnere, ſo ſieht er links[und] rechts gewoͤlbte Gaͤnge, die hoͤchſt unanſehnlich ſind, weil ſie aus kleinen, run - den Steinen beſtehen, zwiſchen welche der Moͤrtel abermals Klumpenweiſe hinein gewor - fen iſt, und die eben ſo wenig berafft ſind, als die Haͤuſer in Peri. Die Kieſel, die nun ſchon ſeit Jahrhunderten unerſchuͤttert an ein -101 ander kleben, ſcheinen ihm endlich auf den Kopf fallen zu wollen, und er ſchaͤmt ſich, daß er nicht einmal von einem ſtattlichen Quader - ſtein erſchlagen werden ſoll. Der innere Umgang des Erdgeſchoſſes iſt ihm unertraͤg - lich ſchmutzig; er findet ihn voll Waſſer; und die Ein - und Ausgaͤnge der Arena ſind ihm zu klein, und die Treppen zu enge nach Ver - haͤltniß des Ganzen. Eine beſſere, aber keine große, Wirkung thut auf ihn die Arena ſelbſt, mit den rund herum emporſteigenden Sitzen. Er verwundert ſich uͤber die aufgethuͤrmte Steinmaſſe, aber er bewundert ſie nicht; er hat, nach ſeiner Meynung, nicht den Genuß des Schoͤnen und Großen. Die uͤber einan - der gereiheten Sitze druͤcken ſich, von der ent - gegen geſetzten Seite geſehen, ganz auf einan - der, und er bemerkt nichts, als eine Ring - mauer, in Abſaͤtzen aufgefuͤhrt. Und wie moͤ - gen, ſagt er laut, die ſchmutzigen Fuͤße deſſen, der auf der naͤchſten Stufe uͤber dem Andern ſaß, dieſem zwiſchen den Schultern geſpielt102 und ihm die Toga verdorben haben! Die beyden Ehrenplaͤtze des Ovals, die einander gegenuͤber ſtehen, und die ihm wohl auch Staͤnde fuͤr die Spielleute geweſen ſind, was ſie ihm klein und unanſehnlicher ſcheinen! Die Vomitorien, die zwey und zwanzig tau - ſend Menſchen zu Ausgaͤngen dienen ſollen, duͤnken ihm bloße Luftloͤcher; und wenn man ihm vorſtellt, daß alle dieſe Dinge, eben we - gen der Groͤße des Ganzen, ihm ſo klein vorkommen, ſo antwortet er mit der wunder - lichen Frage: warum hat der Baumeiſter nicht fuͤr Verhaͤltniſſe geſorgt, die dem Um - fange des Ganzen und dem Vermoͤgen des Geſichts beſſer entſprechen?

Gelehrte und Alterthumsforſcher wiſſen, wie ſolchen Layen zu antworten iſt. Sie kennen aus Kupfern und Beſchreibungen die - ſes Werk des Alterthums zu gut, und haben das Maaß ſeines Umfangs von außen und innen, die Anzahl der Sitze, die Ordnung der Bauart, den Namen des vermuthlichen103 Erbauers und die uͤbrigen Merkwuͤrdigkeiten deſſelben zu ſehr im Gedaͤchtniſſe, als daß ich noͤthig haͤtte, es noch einmal zu beſchreiben, und dadurch die Bemerkungen aller und jeder Layen und zugleich die, an modernen Putz gewoͤhnten, Kunſtkenner zu widerlegen. Ge - gen die letzteren wiederhole ich nur, daß man in Jtalien einen gewiſſen Stutzerſinn in Be - urtheilung der Werke der Kunſt ablegen muͤſſe, den man ſich ſo leicht in Frankreich und England angewoͤhnt. Wer in dieſen Laͤndern ſein Kunſtgefuͤhl gebildet hat, laͤßt erſt etwas ſpaͤt den Alten und ihren Nachah - mern Gerechtigkeit widerfahren, weil er das, was er fuͤr ſchoͤn und vollkommen haͤlt, von dem Charakter der neuern Schoͤnheit und Vollkommenheit abgezogen hat. Dieſer iſt Nettigkeit, Glanz und Vollendung; bey den Alten war er nichts, als Erfuͤllung des Zwecks. Wer auf der andern Seite ſein Kunſtgefuͤhl aus Jtalien holte, befreundet ſich wiederum ſchwer mit den Werken der fran -104 zoͤſiſchen und engliſchen Meiſter. Hat man alſo einen recht aufrichtigen, gefuͤhlten Ge - fallen an dem Dom der Jnvaliden zu Paris, ſo haͤlt man die aͤußere Form des Pantheons in Rom fuͤr einen großen Backofen, mit einem ſchoͤnen Portikus, der nicht dazu gehoͤrt; und das Jnnere, beſonders nach einem ſtarken Regen, fuͤr eine Art von Marſtall; hat man hingegen einen aͤhnlichen Gefallen am Pantheon, ſo vergleicht man jenen Dom, ſeiner aͤußern Form nach, mit einer Nuͤrnbergiſchen Bindfadenbuͤchſe, und ſeiner innern Geputztheit nach, mit dem Gar - tenpavillon einer galanten Frau.

Das neue Hoſpital, das man nahe an dem Amphitheater jetzt auffuͤhrt, ſcheint eins der ſchoͤnſten in Jtalien zu werden. Die Anlage iſt groß und erhaͤlt durch eine Saͤu - lenſtellung, die an der Vorderſeite hinlaͤuft, jetzt ſchon, da ſie noch nicht vollendet iſt, ei - nen Anblick von Pracht und Groͤße. Aber eben dieſe Groͤße und Pracht laſſen fuͤrchten,105 daß die Liebe zur Kunſt und Wohlthaͤtigkeit, zwar nicht nachlaſſen, aber ſich an den Mit - teln erſchoͤpfen moͤchte, die zu ihren Werken unentbehrlich ſind. Dieſe Furcht begruͤndet der unvollendete, in der Naͤhe ſtehende Pal - laſt des Proveditore, der ſeit dem Jahre 1609, wo er angefangen wurde, noch nicht zur Haͤlfte vollendet iſt, auch wohl ſchwerlich vollendet werden wird, da ſeit mehr als hundert Jahren kein Stein hinzu gekom - men, und jetzt weder Verona noch die Repu - blik in den Umſtaͤnden iſt, dem praͤchtigen und geſchmackvollen Anfang ein aͤhnliches Ende hinzu zu fuͤgen. Von dieſem Pallaſt iſt das Gebaͤude der Philharmoniſchen Akademie nur durch zwey neben einander ſtehende Bogen getrennt, durch die man von dem Platze Bra in die neue Straße gelangt. Es macht den Veroneſern Ehre, daß eine oͤffentliche Anlage, die mit zum Anbau der ſchoͤnen Kuͤnſte und Wiſſenſchaften beytraͤgt, in ihrer Stadt nicht unvollendet geblieben iſt. 106Man war aber auch vorſichtig genug, dieſes Muſeum nicht ausſchließend auf den Eifer fuͤr die Muſenkuͤnſte zu gruͤnden, ſondern den ſinnlichen Genuß, die Bequemlichkeit und Wirthſchaftlichkeit zu Miterbauern und Mit - erhaltern deſſelben zu machen. Die verſchie - denen Anlagen dieſes Gebaͤudes werden dar - uͤber naͤhere Aufklaͤrung geben.

Vor demſelben, nach dem Platze Bra zu, iſt ein Vorhof, der auf drey Seiten von ei - ner Galerie umſchloſſen wird, die auf Dori - ſchen Saͤulen ruhet, und ſich nach innen oͤff - net. Die Umgaͤnge enthalten eine Menge von Alterthuͤmern, die in der Gegend von Verona und in dieſer Stadt ſelbſt gefunden ſind, und hier nach einer gewiſſen Ordnung aufbewahrt werden. Dem Reiſenden duͤnken ſie mehr oder weniger merkwuͤrdig, je nach - dem er von Rom oder aus Deutſchland koͤmmt. Jm letztern Falle wird ihm die große Sammlung alter Jnſchriften, die in die Mauern der Galerie eingelegt, und alter Al -107 taͤre, Basreliefs, Meilenzeiger, Fußgeſtelle ꝛc. die zwiſchen den Saͤulen aufgeſtellt ſind, viel Unterrichtendes und Anziehendes darbieten; im erſteren Falle wird er freylich in dieſer ganzen Sammlung nichts mehr finden, was ihm neu waͤre, und er wird ſich ſogar wun - dern, wie eine Menge Dinge als Merkwuͤr - digkeiten hier aufgenommen worden, die theils hoͤchſt unbedeutend, theils wohl auch ſichtbar von neueren Pfuſchern nachgemacht ſind.

Der innere Raum, den der Vorhof ein - ſchließt, iſt urſpruͤnglich zu einem botaniſchen Garten beſtimmt, der aber bis jetzt noch ver - mißt wird.

Die beſchriebene bedeckte Galerie und ihr Vorrath, fuͤhren den Namen des Lapida - riſchen Muſeums und ſind fuͤr die Phil - harmoniſche Akademie, eine gelehrte Geſell - ſchaft, berechnet und ihr zur Aufſicht anver - trauet worden. Niemand konnte auch dieſer Pflicht ſich beſſer entledigen, als ſie, da ſie mehrere Mitglieder beſitzt, die in den dahin108 gehoͤrigen Kenntniſſen theils ſehr bewandert ſind, theils ſie zu ihrer Liebhaberey gemacht haben. Dem gelehrten Grafen Muſelli hat dies Muſeum ſeine jetzige Ordnung zu danken.

Ehe man in das Hauptgebaͤude der Aka - demie eintritt, laͤßt man das Auge bey dem Portikus deſſelben, der auf ſechs Joniſchen Saͤulen ruhet, wohlgefaͤllig verweilen, und ſieht mit Vergnuͤgen das Bruſtbild Maffei’s, der ſo viel gruͤndliche Verdienſte um ſeine Vaterſtadt und beſonders auch um dieſe Aka - demie hatte, uͤber der Thuͤre. Man tritt ſo - dann in einen großen Saal zu ebener Erde, der links zu den Verſammlungszimmern der Philharmoniſchen, und uͤberhaupt der guten, Geſellſchaft von Verona, rechts aber zur Akademie der Philotimi fuͤhrt. Der Name deutet den Zweck dieſer Geſellſchaft an: ſie ſollte eine Schule ſeyn, worin der Adel ſich im Fechten, Reiten, Springen und andern Kuͤnſten, die ſeinem Stande, theils aus Be -109 duͤrfniß, theils aus Vorurtheil, unentbehrlich ſind, uͤben ſollte nur der Adel, denn ein jeder, der daran Theil nehmen will, muß ſich der Adelsprobe unterziehen. Dies iſt das zweyte Jnſtitut der Akademie.

Auf das dritte habe ich oben ſchon hinge - winkt. Sie ſoll der Sammelplatz der beſten Geſellſchaft in Verona ſeyn, und ſie iſt es auch als Casino della Nobilità. Die meiſten adelichen Haͤuſer nehmen Theil daran und ſetzen einen Werth auf dieſe Theilnahme. Man findet woͤchentlich mehrere Tage eine Geſellſchaft von beyden Geſchlechtern dort, und einen angenehmen Zeitvertreib, mag man ihn am Spieltiſch, oder in der Unterhaltung, oder vor einem Orcheſter ſuchen. Der Fremde iſt hier eingefuͤhrt, wenn er eine Empfehlung an irgend ein adeliches Haus hat. Dieſe Leichtigkeit erkauft er freylich damit, daß er in dem Hauſe[ſelbſt], dem er empfohlen iſt, nie ſo eingefuͤhrt wird, wie man es in Deutſchland verſteht; und dies iſt eben der110 Umſtand, weshalb ich oben geſagt habe, daß auch Wirthſchaftlichkeit dazu tritt, dieſe Aka - demie aufrecht zu erhalten. Außer der in Jtalien uͤblichen, ſparſamen haͤuslichen Ein - richtung, die einen ſolchen oͤffentlichen Ver - ſammlungsort noͤthig macht, wird auch kein Land ſo von Fremden angefallen; und das Haus, das ihnen mit Gaſtfreyheit entgegen kaͤme, wuͤrde bald in einen Gaſthof verwan - delt werden, den Umſtand ungerechnet, daß ein gefaͤlliger Hauswirth ſeinen Gaſtfreunden Dinge zeigen, und Dinge daruͤber ſagen muͤßte, die er tauſendmal ſchon gezeigt und geſagt haͤtte. Jch halte dieſe beyden Gruͤnde fuͤr ſtark genug, die Jtaliener zu entſchuldi - gen, daß ſie ſich der Fremden ſo wenig an - zunehmen, und ſie mit Fleiß der Raubſucht der Gaſtwirthe und noch mehr ihres Geſin - des zu uͤberlaſſen ſcheinen. Es ſind nur drey oder vier Haͤuſer in ganz Verona, die zu Gunſten regierender Fremden eine Aus - nahme machen und ſie zu einem Thee oder111 Gefrornem einladen, aber auch, bey ihrer Ab - reiſe, fuͤr dieſe gaſtfreundliche Aufnahme, ein gut gewaͤhltes und dargebotenes Andenken nicht verſchmaͤhen.

Das vierte Stuͤck der Akademie iſt end - lich noch das große Schauſpielhaus, welches ſie in ihrem Gebiete einſchließt. Es ſteht erſt ſeit 1750, in welchem Jahre das vorige ab - brannte. Der Saal iſt geraͤumig und laͤßt dem Auge, in Ruͤckſicht ſeiner Verhaͤltniſſe, nichts zu wuͤnſchen uͤbrig