PRIMS Full-text transcription (HTML)
die ſchönſten Sagen des klaſſiſchen Alterthums.
Erſter Theil.
Mit einem Titelbilde.
[I][II]

Nach Paul Veronese

PERSEUS.
[III]
Die ſchönſten Sagen des klaſſiſchen Alterthums.
Nach ſeinen Dichtern und Erzählern
Erſter Theil.
Mit einem Titelbilde.
Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1838.
[IV][V]

Vorwort.

Es iſt eine ſchöne Eigenthümlichkeit der Mythen und Heldenſagen des klaſſiſchen Alterthums, daß ſie für die Blicke des Forſchers und für das Auge der Einfalt einen zwar verſchiedenartigen, aber doch gleich mächtigen Reiz haben. Während der Gelehrte in ihnen den Anfängen alles menſchlichen Wiſſens, den Grundgedanken der Religion und Philoſophie, der erſten Morgendämmerung der Geſchichte nachgeht, entzückt den unbefangenen Betrachter die Entfaltung der reichſten Ge¬ ſtalten, das Schauſpiel einer gleichſam noch in der Schöpfung begrif¬ fenen Natur und Geiſterwelt; er ſieht mit Luſt und Bewunderung die Erde mit Göttern und Götterſöhnen aus dem Chaos emporſteigen und in raſchen Bilderreihen den Prometheusfunken im Menſchen den Kampf mit der Barbarei beginnen, die Cultur der Wildniß, die Bildung der Barbarei, die Vernunft oder die Nothwendigkeit der LeidenſchaftVI den Sieg abringen. Die innere lebendige Kraft dieſer Bilder iſt auch ſo groß, daß dieſelbe nicht von der vollendeten Kunſtgeſtalt abhängig erſcheint, in welcher wir einen guten Theil jener Gebilde von den größten Dichtern verarbeitet beſitzen, ſondern daß die ſchlichteſte Darſtellung genügt, ihre Größe auch vor denjenigen zu entfalten, für welche die Kunſtform eher ein Hemmniß als eine Förderung des Verſtänd¬ niſſes ſeyn muß. In dieſem Fall iſt die Jugend im Beginn ihrer klaſſiſchen Bildung. Die Heroenſage, von der ihre Phantaſie mit dem erſten Unterrichte in den Sprachen der Alten Bruchſtücke auf¬ nimmt, übt einen Zauber über ihren Geiſt, lang ehe ſie im Stande iſt, dieſelbe in den Schöpfungen der Dichter zu faſſen. Nähere Be¬ kanntſchaft mit dieſen Mythen wird ſogar als Vorſchule für die höhere Bildung ein frühzeitiges Bedürfniß, das auch unſre Literatur längſt gefühlt hat und dem ſie durch Hülfsbücher aller Art bald in wiſſen¬ ſchaftlich belehrender, bald in unterhaltender Form abzuhelfen geſucht hat und noch ſucht.

In vorliegendem Buche nun wird der Verſuch gemacht, die ſchön¬ ſten und bedeutungsvollſten Sagen des klaſſiſchen Alterthums den al¬ ten Schriftſtellern und vorzugsweiſe den Dichtern einfach und vom Glanze künſtleriſcher Darſtellung entkleidet, doch, wo immer mög¬VII lich, mit ihren eigenen Worten nachzuerzählen. Man iſt längſt von der Anſicht zurückgekommen, daß dieſe auf mythiſchem Boden ſpie¬ lende und von Mythen durchwobene Geſchichten zum Mittel dienen könnten, der Jugend gelegentlich hiſtoriſche, geographiſche und natur¬ wiſſenſchaftliche Kenntniſſe beizubringen und daß man ſie gar zum Vehikel eines moraliſchen Lehrkurſes gebrauchen dürfe. Die Moral, die auch der antiken Weltanſchauung nicht fehlte, muß in der Dar¬ ſtellung ſelbſt empfunden werden, und auf das Einſeitige und in weſentli¬ chen Stücken Irrthümliche derſelben, auf ihre Unzulänglichkeit gegen¬ über der Offenbarung des Chriſtenthums, wird eine mündliche Unter¬ weiſung des Vaters oder Lehrers den jungen Leſer beſſer aufmerkſam machen, als das Buch ſelbſt, das von demſelben zunächſt nur mit der Abſicht, ſich eine angenehme und doch würdige Erholung zu ver¬ ſchaffen, in die Hand genommen werden ſoll. Nur dafür hat der Verfaſſer geſorgt, daß alles Anſtößige entfernt bleibe, und deßwegen unbedenklich alle diejenigen Sagen ausgeſchloſſen, in welchen unmenſch¬ liche Greuel erzählt werden, die nur eine ſymboliſche Erklärung gewiſ¬ ſermaßen entſchuldigt, die aber als Geſchichte dargeſtellt als welche der Jugend dieſe Sagen doch gelten müßen nur einen empörenden Eindruck auf ſie machen könnten. Wo aber unſern höheren BegriffenVIII von Sittlichkeit widerſtrebende oder auch ſchon im Alterthum als unſittlich und widernatürlich anerkannte Verhältniſſe (wie in der Oedipusſage) in einer ihrer Totalrichtung nach hochſittlichen Mythe nicht verſchwiegen werden konnten, glaubt ſolche der Bearbeiter dieſer Sagen auf eine Weiſe angedeutet zu haben, welche die Jugend weder zum Ausſpinnen unedler Bilder noch zum Grübeln der Neu¬ gier veranlaßt. Vorausgeſetzt wird bei dieſem Buche nur die allge¬ meinſte Kenntniß der griechiſch-römiſchen Mythologie und Vorzeit, wie ſie die Schulbildung unſrer vaterländiſchen Jugend bei Zeiten verſchafft. Das ganze Werk iſt auf drei Bände berechnet, wovon der zweite die Geſchichten von Troja, der dritte und letzte die Sagen von Ulyſſes und Aeneas enthalten wird.

Stuttgart, im Septbr. 1837.

G. Schwab.

[IX]

Inhalts-Ueberſicht.

Erſtes Buch.
  • Seite.
  • Prometheus3.
  • Die Menſchenalter11.
  • Deukalion und Pyrrha15.
  • Io20.
  • Phaethon29.
  • Europa35.
  • Kadmus44.
  • Pentheus49.
  • Perſeus58.
  • Ion67.
  • Dädalus und Ikarus82.
X
Zweites Buch.
  • Seite.
  • Die Argonautenſage.
    • Jaſon und Pelias91.
    • Anlaß und Beginn des Argonautenzuges93.
    • Die Argonauten zu Lemnos96.
    • Die Argonauten im Lande der Dolionen101.
    • Herkules zurückgelaſſen103.
    • Pollux und der Bebrykenkönig106.
    • Phineus und die Harpyien108.
    • Die Symplegaden112.
    • Weitere Abentheuer114.
    • Jaſon im Pallaſte des Aeetes119.
    • Medea und Aeetes122.
    • Der Rath des Argos126.
    • Medea verſpricht den Argonauten Hülfe130.
    • Jaſon und Medea132.
    • Jaſon erfüllt des Aeetes Begehr138.
    • Medea raubt das goldene Vließ144.
    • Die Argonauten, verfolgt, entkommen mit Medea148.
    • Weitere Heimfahrt der Argonauten154.
    • Neue Verfolgung der Kolchier160.
    • Letzte Abentheuer der Helden162.
    • Jaſons Ende170.
XI
Drittes Buch.
  • Seite.
  • Meleager und die Eberjagd179.
  • Tantalus185.
  • Pelops187
  • Niobe191.
  • Salmoneus198.
Viertes Buch.
  • Aus der Herkulesſage.
    • Herkules der Neugeborne201.
    • Die Erziehung des Herkules203.
    • Herkules am Scheidewege204.
    • Des Herkules erſte Thaten208.
    • Herkules im Gigantenkampf210.
    • Herkules und Euryſtheus214.
    • Die drei erſten Arbeiten des Herkules215.
    • Die vierte Arbeit des Herkules bis zur ſechsten220.
    • Die siebente, achte und neunte Arbeit des Herkules225.
    • Die drei letzten Arbeiten des Herkules229.
    • Herkules und Eurytus238.
    • Herkules bei Admetus240.
    • Herkules im Dienſte der Omphale248.
    • Die ſpäteren Heldenthaten des Herkules252.
    • Herkules und Deïanira256.
    • Herkules und Neſſus258.
    • Herkules, Jole und Deïanira. Sein Ende260.
XII
Fünftes Buch.
  • Seite.
  • Bellerophontes271.
  • Theſeus.
    • Seine Geburt und Jugend277.
    • Seine Wanderung zum Vater280.
    • Theſeus in Athen283.
    • Theſeus bei Minos285.
    • Theſeus als König290.
    • Der Amazonenkrieg293.
    • Theſeus und Pirithous. Lapithen - und Centaurenkampf294.
    • Theſeus und Phädra299.
    • Theſeus auf Frauenraub306.
    • Theſeus 'Ende. 308.
  • Die Sage von Oedipus.
    • Des Oedipus Geburt, Jugend, Fluch, Vatermord312.
    • Oedipus in Theben, heirathet ſeine Mutter316.
    • Die Entdeckung318.
    • Jokaſte und Oedipus ſtrafen ſich324.
    • Oedipus und Antigone326.
    • Oedipus auf Kolonos328.
    • Oedipus und Theſeus333.
    • Oedipus und Kreon335.
    • Oedipus und Polynices337.
XIII
Sechstes Buch.
  • Seite.
  • Die Sieben gegen Thebe.
    • Polynices und Tydeus bei Adraſt345.
    • Auszug der Helden. Hypſipyle und Opheltes348.
    • Die Helden vor Thebe angekommen352.
    • Menökeus355.
    • Der Sturm auf die Stadt359.
    • Der Brüder Zweikampf363.
    • Kreon's Beſchluß368.
    • Antigone und Kreon371.
    • Hämon und Antigone372.
    • Kreon's Strafe375.
    • Beſtattung der Thebaniſchen Helden377.
  • Die Epigonen379.
  • Alkmäon und das Halsband382.
  • Die Sage von den Herakliden.
    • Die Herakliden kommen nach Athen386.
    • Demophoon388.
    • Makaria393.
    • Die Rettungsſchlacht395.
    • Euryſtheus vor Alkmene399.
    • Hyllus, ſein Orakel und ſeine Nachkommen401.
    • Die Herakliden theilen den Peloponnes406.
    • Merope und Aepytus408.
[1]

Erſtes Buch.

Prometheus. Die Menſchenalter. Deuka¬ lion und Pyrrha. Io. Phaethon. Europa. Kadmus. Pentheus. Perſeus. Ion. Dädalus und Ikarus.

Schwab, das klaſſ. Alterthum. I. 1[2][3]

Prometheus.

Himmel und Erde waren geſchaffen: das Meer wogte in ſeinen Ufern, und die Fiſche ſpielten darin; in den Lüften ſangen beflügelt die Vögel; der Erdboden wimmelte von Thieren. Aber noch fehlte es an dem Geſchöpfe, deſſen Leib ſo beſchaffen war, daß der Geiſt in ihm Woh¬ nung machen und von ihm aus die Erdenwelt beherrſchen konnte. Da betrat Prometheus die Erde, ein Sprößling des alten Göttergeſchlechtes, das Jupiter entthront hatte, ein Sohn des erdgebornen Uranusſohnes Japetus, kluger Erfindung voll. Dieſer wußte wohl, daß im Erdboden der Same des Himmels ſchlummere; darum nahm er vom Thone, befeuchtete denſelben mit dem Waſſer des Fluſſes, knetete ihn und formte daraus ein Gebilde, nach dem Ebenbilde der Götter, der Herren der Welt. Dieſen ſei¬ nen Erdenkloß zu beleben, entlehnte er allenthalben von den Thierſeelen gute und böſe Eigenſchaften und ſchloß ſie in die Bruſt des Menſchen ein. Unter den Himmli¬ ſchen hatte er eine Freundin, Minerva, die Göttin der Weisheit. Dieſe bewunderte die Schöpfung des Titanen¬ ſohnes und blies dem halbbeſeelten Bilde den Geiſt, den göttlichen Athem ein.

So entſtanden die erſten Menſchen und füllten bald vervielfältigt die Erde. Lange aber wußten dieſe nicht, wie ſie ſich ihrer edlen Glieder und des empfangenen Götterfunkens bedienen ſollten. Sehend ſahen ſie umſonſt,1 *4hörten hörend nicht; wie Traumgeſtalten liefen ſie umher, und wußten ſich der Schöpfung nicht zu bedienen. Unbe¬ kannt war ihnen die Kunſt, Steine auszugraben und zu behauen, aus Lehm Ziegel zu brennen, Balken aus dem ge¬ fällten Holze des Waldes zu zimmern, und mit allem die¬ ſem ſich Häuſer zu erbauen. Unter der Erde, in ſonnen¬ loſen Höhlen, wimmelte es von ihnen, wie von bewegli¬ chen Ameiſen: nicht den Winter, nicht den blüthenvollen Frühling, nicht den früchtereichen Sommer kannten ſie an ſicheren Zeichen; planlos war alles, was ſie verrich¬ teten. Da nahm ſich Prometheus ſeiner Geſchöpfe an; er lehrte ſie den Auf - und Niedergang der Geſtirne be¬ obachten, erfand ihnen die Kunſt zu zählen, die Buchſta¬ benſchrift; lehrte ſie Thiere ans Joch ſpannen und zu Genoſſen ihrer Arbeit brauchen, gewöhnte die Roſſe an Zügel und Wagen; erfand Nachen und Segel für die Schiffahrt. Auch fürs übrige Leben ſorgte er den Men¬ ſchen. Früher, wenn einer krank wurde, wußte er kein Mittel, nicht was von Speiſe und Trank ihm zuträglich ſey, kannte kein Salböl zur Linderung ſeiner Schäden; ſondern aus Mangel an Arzneien ſtarben ſie elendiglich dahin. Darum zeigte ihnen Prometheus die Miſchung mil¬ der Heilmittel, allerlei Krankheiten damit zu vertreiben. Dann lehrte er ſie die Wahrſagerkunſt, deutete ihnen Vorzeichen und Träume, Vogelflug und Opferſchau. Fer¬ ner führte er ihren Blick unter die Erde und ließ ſie hier das Erz, das Eiſen, das Silber und das Gold entdecken; kurz in alle Bequemlichkeiten und Künſte des Lebens leitete er ſie ein.

Im Himmel herrſchte mit ſeinen Kindern ſeit Kur¬ zem Jupiter, der ſeinen Vater Kronos entthront, und5 das alte Göttergeſchlecht, von welchem auch Prometheus abſtammte, geſtürzt hatte.

Jetzt wurden die neuen Götter aufmerkſam auf das ebenentſtandene Menſchenvolk. Sie verlangten Verehrung von ihm für den Schutz, welchen ſie demſelben angedei¬ hen zu laſſen bereitwillig waren. Zu Mekone in Grie¬ chenland ward ein Tag gehalten zwiſchen Sterblichen und Unſterblichen, und Rechte und Pflichten der Men¬ ſchen beſtimmt. Bei dieſer Verſammlung erſchien Pro¬ metheus als Anwalt ſeiner Menſchen, dafür zu ſorgen, daß die Götter für die übernommenen Schutzämter den Sterblichen nicht allzuläſtige Gebühren auferlegen möch¬ ten. Da verführte den Prometheus ſeine Klugheit, die Götter zu betrügen. Er ſchlachtete im Namen ſeiner Geſchöpfe einen großen Stier, davon ſollten die Himmli¬ ſchen wählen, was ſie für ſich davon verlangten. Er hatte aber nach Zerſtückelung des Opferthieres zwei Hau¬ fen gemacht; auf die eine Seite legte er das Fleiſch, das Eingeweide und den Speck, in die Haut des Stieres zuſammengefaßt, auf die andere die kahlen Knochen, künſtlich in das Unſchlitt des Schlachtopfers eingehüllt. Und dieſer Haufen war der größere. Jupiter der Göt¬ tervater, der allwiſſende, durchſchaute ſeinen Betrug und ſprach: Sohn des Japetus, erlauchter König, guter Freund, wie ungleich haſt du die Theile getheilt! Pro¬ metheus glaubte jetzt erſt recht, daß er ihn betrogen, lä¬ chelte bei ſich ſelbſt und ſprach: Erlauchter Jupiter, größter der ewigen Götter, wähle den Theil, den dir dein Herz im Buſen anräth zu wählen. Jupiter er¬ grimmte im Herzen, aber gefliſſentlich faßte er mit bei¬ den Händen das weiße Unſchlitt. Als er es nun aus¬6 einander gedrückt und die bloßen Knochen gewahrte, ſtellte er ſich an, als entdeckte er jetzt eben erſt den Be¬ trug und zornig ſprach er: Ich ſehe wohl, Freund Ja¬ petionide, daß du die Kunſt des Truges noch nicht ver¬ lernt haſt!

Jupiter beſchloß ſich an Prometheus für ſeinen Betrug zu rächen, und verſagte den Sterblichen die letzte Gabe, die ſie zur vollendeteren Geſittung bedurften, das Feuer. Doch auch dafür wußte der ſchlaue Sohn des Japetus Rath. Er nahm den langen Stängel des markigen Rieſenfenchels, näherte ſich mit ihm dem vorüberfahrenden Sonnenwa¬ gen, und ſetzte ſo den Stängel in gloſtenden Brand. Mit dieſem Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde, und bald loderte der erſte Holzſtoß gen Himmel. In innerſter Seele ſchmerzte es den Donnerer, als er den fernhinleuchtenden Glanz des Feuers unter den Men¬ ſchen emporſteigen ſah. Sofort formte er, zum Erſatz für des Feuers Gebrauch, das den Sterblichen nicht mehr zu nehmen war, ein neues Uebel für ſie. Der ſei¬ ner Kunſt wegen berühmte Feuergott Vulkanus mußte ihm das Scheinbild einer ſchönen Jungfrau fertigen; Minerva ſelbſt, die, auf Prometheus eiferſüchtig, ihm ab¬ hold geworden war, warf dem Bild ein weißes, ſchim¬ merndes Gewand über, ließ ihr einen Schleier über das Geſicht wallen, den das Mädchen mit den Händen ge¬ theilt hielt, bekränzte ihr Haupt mit friſchen Blumen und umſchlang es mit einer goldenen Binde, die gleich¬ falls Vulkanus ſeinem Vater zu lieb kunſtreich verfertigt und mit bunten Thiergeſtalten herrlich verziert hatte. Merkurius der Götterbote mußte dem holden Gebilde Sprache verleihen, und Venus allen Liebreiz. Alſo hatte7 Jupiter unter der Geſtalt eines Gutes ein blendendes Uebel geſchaffen, und nannte ſie Pandora, das heißt die Allbeſchenkte, denn jeder der Unſterblichen hatte dem Mägdlein irgend ein unheilbringendes Geſchenk für die Menſchen mitgegeben. Darauf führte er die Jung¬ frau hernieder auf die Erde, wo Sterbliche vermiſcht mit den Göttern luſtwandelten. Alle mit einander bewunder¬ ten die unvergleichliche Geſtalt. Sie aber ſchritt zu Epi¬ metheus, dem argloſeren Bruder des Prometheus, ihm das Geſchenk Jupiters zu bringen. Vergebens hatte dieſen der Bruder gewarnt, niemals ein Geſchenk vom Olympiſchen Jupiter anzunehmen, damit dem Menſchen kein Leid dadurch widerführe, ſondern es ſofort zurück¬ zuſenden. Epimetheus, dieſes Wortes uneingedenk, nahm die ſchöne Jungfrau mit Freuden auf, und empfand das Uebel erſt als er es hatte. Denn bisher lebten die Ge¬ ſchlechter der Menſchen, von ſeinem Bruder berathen, frei vom Uebel, ohne beſchwerliche Arbeit, ohne quälende Krankheit. Das Weib aber trug in den Händen ihr Geſchenk, ein großes Gefäß mit einem Deckel verſehen. Kaum bei Epimetheus angekommen, ſchlug ſie den Deckel zurück, und alsbald entflog dem Gefäſſe eine Schaar von Uebeln und verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle über die Erde. Ein einziges Gut war zu unterſt in dem Faſſe verborgen, die Hoffnung; aber auf den Rath des Götter¬ vaters warf Pandora den Deckel wieder zu, ehe ſie her¬ ausflattern konnte und verſchloß ſie für immer in dem Gefäß. Das Elend füllte inzwiſchen in allen Geſtalten Erde, Luft und Meer. Die Krankheiten irrten bei Tag und bei Nacht unter den Menſchen umher, heimlich und ſchweigend, denn Jupiter hatte ihnen keine Stimme gege¬8 ben; eine Schaar von Fiebern hielt die Erde belagert, und der Tod, früher nur langſam die Sterblichen be¬ ſchleichend, beflügelte ſeinen Schritt.

Darauf wandte ſich Jupiter mit ſeiner Rache gegen Prometheus. Er übergab den Verbrecher dem Vulkanus, und ſeinen Dienern, dem Kratos und der Bia (dem Zwang und der Gewalt). Dieſe mußten ihn in die ſcythiſchen Einöden ſchleppen und hier, über einem ſchauderhaften Abgrund, an eine Felswand des Berges Caucaſus mit unauflöslichen Ketten ſchmieden. Ungerne vollzog Vul¬ kanus den Auftrag ſeines Vaters, er liebte in dem Tita¬ nenſohne den verwandten Abkömmling ſeines Urgroßva¬ ters Uranos, den ebenbürtigen Götterſprößling. Unter mitleidsvollen Worten, und von den roheren Knechten geſcholten, ließ er dieſe das grauſame Werk vollbringen. So mußte nun Prometheus an der freudloſen Klippe hängen, aufrecht, ſchlaflos, niemals im Stande, das müde Knie zu beugen. Viele vergebliche Klagen und Seufzer wirſt du verſenden, ſagte Vulkanus zu ihm, denn Jupiters Sinn iſt unerbittlich und alle die erſt ſeit kurzem die Herrſchergewalt an ſich geriſſen*)Jupiter hatte den Kronos (Saturn) ſeinen Vater, und mit ihm die alte Goͤtterdynaſtie, geſtuͤrzt und ſich des Olymps mit Ge¬ walt bemaͤchtigt. Japetos und Kronos waren Bruͤder, Pro¬ metheus und Jupiter Geſchwiſterkinder., ſind hartherzig. Wirk¬ lich ſollte auch die Qual des Gefangenen ewig oder doch dreißigtauſend Jahre dauern. Obwohl laut aufſeufzend, und Winde, Ströme, Quellen und Meereswellen, die All¬ mutter Erde und den allſchauenden Sonnenkreis zu Zeu¬ gen ſeiner Pein aufrufend, blieb er doch ungebeugten9 Sinnes. Was das Schickſal beſchloſſen hat, ſprach er, muß derjenige tragen, der die unbezwingliche Gewalt der Nothwendigkeit einſehen gelernt hat. Auch ließ er ſich durch keine Drohungen Jupiters bewegen, die dunkle Weiſſagung, daß dem Götterherrſcher durch einen neuen Ehebund*)Mit der Thetis. Verderben und Untergang bevorſtehe, näher auszudeuten. Jupiter hielt Wort; er ſandte dem Gefeſ¬ ſelten einen Adler, der als täglicher Gaſt an ſeiner Le¬ ber zehren durfte, die ſich, abgewaidet, immer wieder er¬ neuerte. Dieſe Qual ſollte nicht eher aufhören, bis ein Erſatzmann erſcheinen würde, der durch freiwillige Ueber¬ nahme des Todes, gewiſſermaßen ſein Stellvertreter zu werden ſich erböte.

Jener Zeitpunkt erſchien früher, als der Verurtheilte nach Jupiters Spruch erwarten durfte. Als er dreißig Jahre an dem Felſen gehangen, kam Herkules des Weges, auf der Fahrt nach den Heſperiden und ihren Aepfeln begriffen. Wie er den Götterenkel am Caucaſus hängen ſah, und ſich ſeines guten Rathes zu erfreuen hoffte, er¬ barmte ihn ſein Geſchick, denn er ſah zu, wie der Adler, auf den Knieen des Prometheus ſitzend, an der Leber des Unglückſeligen fraß. Da legte er Keule und Löwen¬ haut hinter ſich, ſpannte den Bogen, entſandte den Pfeil und ſchoß den grauſamen Vogel von der Leber des Ge¬ quälten hinweg. Hierauf löste er ſeine Feſſeln und führte den Befreiten mit ſich davon. Damit aber Jupiters Bedingung erfüllt würde, ſtellte er ihm als Erſatzmann den Centauren Chiron, der erbötig war an Jenes Statt zu ſterben; denn vorher war er unſterblich. Auf daß10 jedoch Jupiters Urtheil, der den Prometheus auf weit längere Zeit an den Felſen geſprochen hatte, auch ſo nicht unvollzogen bliebe, ſo mußte Prometheus fortwäh¬ rend einen eiſernen Ring tragen, an welchem ſich ein Steinchen von jenem Caucaſus-Felſen befand. So konnte ſich Jupiter rühmen, daß ſein Feind noch immer an den Caucaſus angeſchmiedet lebe.

11

Die Menſchenalter*)Dieſe Sage iſt unabhaͤngig von der vorigen, und ſtimmt nicht mit ihr uͤberein. .

Die erſten Menſchen, welche die Götter ſchufen, wa¬ ren ein goldenes Geſchlecht. Dieſe lebten, ſo lange Kro¬ nos (Saturnus) dem Himmel vorſtand, ſorgenlos und den Göttern ſelbſt ähnlich, von Arbeit und Kummer entfernt. Auch die Leiden des Alters waren ihnen unbekannt; an Händen, Füßen und allen Gliedern immer rüſtig, freuten ſie ſich, von jeglichem Uebel frey, heiterer Gelage. Die ſe¬ ligen Götter hatten ſie lieb und ſchenkten ihnen auf rei¬ chen Fluren ſtattliche Heerden. Wenn ſie verſcheiden ſollten, ſanken ſie nur in ſanften Schlaf. So lange ſie aber lebten, hatten ſie alle möglichen Güter, das Erdreich gewährte ihnen alle Früchte von ſelbſt und im Ueberfluſſe, und ruhig mit allen Gütern geſegnet, vollbrachten ſie ihr Tagewerk. Nachdem jenes Geſchlecht nach dem Beſchluſſe des Schickſals von der Erde verſchwunden war, wurden ſie zu frommen Schutzgöttern, welche, dicht in Nebel ge¬ hüllt, die Erde rings durchwandelten, als Geber alles Guten, Behüter des Rechts, und Rächer aller Vergehungen.

Hierauf ſchufen die Unſterblichen ein zweites Men¬ ſchengeſchlecht aus Silber; dieſes war ſchon weit von jenem abgeartet, und glich ihm weder an Körpergeſtal¬ tung, noch an Geſinnung. Sondern ganze hundert Jahre wuchs der verzärtelte Knabe noch unmündig an Geiſt unter der mütterlichen Pflege im Aelternhauſe auf, und wenn einer endlich zum Jünglingsalter herangereift war,12 ſo blieb ihm nur noch kurze Friſt zum Leben übrig. Un¬ vernünftige Handlungen ſtürzten dieſe neuen Menſchen in Jammer, denn ſie konnten ſchon ihre Leidenſchaften nicht mehr mäßigen und frevelten im Uebermuthe gegen einander. Auch die Altäre der Götter wollten ſie nicht mehr mit den gebührenden Opfern ehren. Deßwegen nahm Jupiter dieſes Geſchlecht wieder von der Erde hin¬ weg, denn ihm gefiel nicht, daß ſie der Ehrfurcht gegen die Unſterblichen ermangelten. Doch waren auch dieſe noch nicht ſo entblößt von Vorzügen, daß ihnen nach ihrer Entfernung aus dem Leben nicht einige Ehre zum Antheil geworden wäre, und ſie durften als ſterbliche Dämonen noch auf der Erde umherwandeln.

Nun erſchuf der Vater Zeus (Jupiter) ein drittes Geſchlecht von Menſchen, dieſes nur aus Erz. Das war auch dem ſilbernen völlig ungleich, grauſam, gewaltthä¬ tig, immer nur den Geſchäften des Krieges ergeben, im¬ mer Einer auf des Andern Beleidigung ſinnend. Sie verſchmähten es von den Früchten des Feldes zu eſſen und nährten ſich vom Thierfleiſche; ihr Starrſinn war hart wie Diamant, ihr Leib von ungeheurem Gliederbau; Hände wuchſen ihnen von den Schultern, denen niemand nahekommen durfte. Ihr Gewehr war Erz, ihre Woh¬ nung Erz, mit Erz beſtellten ſie das Feld; denn Eiſen war damals noch nicht vorhanden. Sie kehrten ihre eigenen Hände gegen einander; aber ſo groß und entſetzlich ſie waren, ſo vermochten ſie doch nichts gegen den ſchwar¬ zen Tod und ſtiegen, vom hellen Sonnenlichte ſcheidend, in die ſchaurige Nacht der Unterwelt hernieder.

Als die Erde auch dieſes Geſchlecht eingehüllt hatte, brachte Zeus, der Sohn des Kronos, ein viertes Geſchlecht13 hervor, das auf der nährenden Erde wohnen ſollte. Dieß war wieder edler und gerechter, als das vorige. Es war das Geſchlecht der göttlichen Heroen, welche die Vorwelt auch Halbgötter genannt hat. Zuletzt vertilgte aber auch ſie Zwietracht und Krieg, die Einen vor den ſieben Thoren Thebe's wo ſie um das Reich des Königes Oedipus kämpften, die Andern auf dem Gefilde Troja's, wohin ſie um der ſchönen Helena willen zahllos auf Schiffen gekommen waren. Als dieſe ihr Erdenleben in Kampf und Noth beſchloſſen hatten, ordnete ihnen der Vater Zeus ihren Sitz am Rande des Weltalls an, im Ocean, auf den Inſeln der Seligen. Dort führen ſie nach dem Tode ein glückliches und ſorgenfreies Leben, wo ihnen der fruchtbare Boden dreimal im Jahre honig¬ ſüße Früchte zum Labſal emporſendet.

Ach wäre ich, ſo ſeufzet der alte Dichter Heſio¬ dus, der dieſe Sage von den Menſchenaltern erzählt, wäre ich doch nicht ein Genoſſe des fünften Menſchen¬ geſchlechtes, das jetzt gekommen iſt; wäre ich früher ge¬ ſtorben, oder ſpäter geboren! denn dieſes Menſchenge¬ ſchlecht iſt ein eiſernes! Gänzlich verderbt, ruhen dieſe Menſchen weder bei Tage noch bei Nacht von Kümmer¬ niß und Beſchwerden, immer neue nagende Sorgen ſchi¬ cken ihnen die Götter. Sie ſelbſt aber ſind ſich die größte Plage. Der Vater iſt dem Sohne, der Sohn dem Vater nicht hold, der Gaſt haßt den ihn bewirthenden Freund, der Genoſſe den Genoſſen; auch unter Brüdern herrſcht nicht mehr herzliche Liebe, wie vor Zeiten. Dem grauen Haare der Aeltern ſelbſt wird die Ehrfurcht verſagt, Schmachreden werden gegen ſie ausgeſtoßen, Mißhand¬ lungen müſſen ſie erdulden. Ihr grauſamen Menſchen,14 denket ihr denn gar nicht an das Göttergericht, daß ihr euren abgelebten Aeltern den Dank für ihre Pflege nicht erſtatten wollet? Ueberall gilt nur das Fauſtrecht; auf Städteverwüſtung ſinnen ſie gegeneinander. Nicht der¬ jenige wird begünſtigt, der die Wahrheit ſchwört, der ge¬ recht und gut iſt; nein, nur den Uebelthäter, den ſchnö¬ den Frevler ehren ſie; Recht und Mäßigung gilt nichts mehr, der Böſe darf den Edleren verletzen, trügeriſche, krumme Worte ſprechen, falſches beſchwören. Deßwegen ſind dieſe Menſchen auch ſo unglücklich. Schadenfrohe, mißlautige Scheelſucht verfolgt ſie und grollt ihnen mit dem neidiſchen Antlitz entgegen. Die Göttinnen der Scham und der heiligen Scheu, welche ſich bisher doch noch auf der Erde hatten blicken laſſen, verhüllen trau¬ rig ihren ſchönen Leib in das weiße Gewand, und ver¬ laſſen die Menſchen, um ſich wieder in die Verſammlung der ewigen Götter zurückzuflüchten. Unter den ſterblichen Menſchen blieb nichts als das traurige Elend zurück, und keine Rettung von dieſem Unheil iſt zu erwarten.

15

Deukalion und Pyrrha.

Als das eherne Menſchengeſchlecht auf Erden hauſte und Jupiter, dem Weltbeherrſcher, ſchlimme Sage von ſeinen Freveln zu Ohren gekommen, beſchloß er ſelbſt in menſchlicher Bildung die Erde zu durchſtreifen. Aber allenthalben fand er das Gerücht noch geringer als die Wahrheit. Eines Abends in ſpäter Dämmerung trat er unter das ungaſtliche Obdach des Arkadierkönigs Lykaon, welcher durch Wildheit berüchtigt war. Er ließ durch einige Wunderzeichen merken, daß ein Gott gekommen ſey, und die Menge hatte ſich auf die Kniee geworfen. Lykaon jedoch ſpottete über dieſe frommen Gebete. Laßt uns ſehen, ſprach er, ob es ein Sterblicher oder ein Gott ſey! Damit beſchloß er im Herzen den Gaſt um Mitternacht, wenn der Schlummer auf ihm laſtete, mit ungeahntem Tode zu verderben. Noch vorher aber ſchlach¬ tete er einen armen Geißel, den ihm das Volk der Mo¬ loſſer geſandt hatte, kochte die halb lebendigen Glieder in ſiedendem Waſſer, oder briet ſie am Feuer und ſetzte ſie dem Fremdling zum Nachtmahle auf den Tiſch. Ju¬ piter, der alles durchſchaut hatte, fuhr vom Mahle em¬ por und ſandte die rächende Flamme über die Burg des Gottloſen. Beſtürzt entfloh der König ins freie Feld. Der erſte Wehlaut, den er ausſtieß, war ein Geheul, ſein Gewand wurde zu Zotteln, ſeine Arme zu Beinen; er war in einen blutdürſtigen Wolf verwandelt.

Jupiter kehrte in den Olymp zurück, hielt mit den Göttern Rath, und gedachte das ruchloſe Menſchenge¬ ſchlecht zu vertilgen. Schon wollte er auf alle Länder16 die Blitze verſtreuen; aber die Furcht, der Aether möchte in Flammen gerathen und die Achſe des Weltalls ver¬ lodern, hielt ihn ab. Er legte die Donnerkeile, welche ihm die Cyklopen geſchmiedet, wieder bei Seite, und be¬ ſchloß, über die ganze Erde Platzregen vom Himmel zu ſenden, und ſo unter Wolkengüſſen die Sterblichen auf¬ zureiben. Auf der Stelle ward der Nordwind ſammt allen andern Wolken verſcheuchenden Winden in die Höh¬ len des Aeolus verſchloſſen, und nur der Südwind von ihm ausgeſendet. Dieſer flog mit triefenden Schwingen zur Erde hinab, ſein entſetzliches Antlitz bedeckte pech¬ ſchwarzes Dunkel, ſein Bart war ſchwer von Gewölk, von ſeinem weißen Haupthaare rannte die Fluth, Nebel lagerten auf der Stirne, aus dem Buſen troff ihm das Waſſer. Der Südwind griff an den Himmel, faßte mit der Hand die weit umherhangenden Wolken und fing an ſie auszupreſſen. Der Donner rollte, gedrängte Regen¬ fluth ſtürzte vom Himmel; die Saat beugte ſich unter dem wogenden Sturm, darnieder lag die Hoffnung des Landmanns, verdorben war die langwierige Arbeit des ganzen Jahres. Auch Neptunus, Jupiters Bruder, kam ihm bei dem Zerſtörungswerke zu Hülfe, berief alle Flüſſe zuſammen und ſprach: Laßt euren Strömungen alle Zü¬ gel ſchießen, fallt in die Häuſer, durchbrechet die Dämme! Sie vollführten ſeinen Befehl, und Neptun ſelbſt durch¬ ſtach mit ſeinem Dreizack das Erdreich und ſchaffte durch Erſchütterung den Fluthen Eingang. So ſtrömten die Flüſſe über die offene Flur hin, bedeckten die Felder, riſ¬ ſen Baumpflanzungen, Tempel und Häuſer fort. Blieb auch wo ein Pallaſt ſtehen, ſo deckte doch bald das Waſ¬ ſer ſeinen Giebel und die höchſten Thürme verbargen ſich17 im Strudel. Meer und Erde waren bald nicht mehr unterſchieden; Alles war See, und geſtadeloſer See. Die Menſchen ſuchten ſich zu retten, ſo gut ſie konnten; der Eine erkletterte den höchſten Berg, der andere beſtieg einen Kahn und ruderte nun über das Dach ſeines verſunkenen Landhauſes oder über die Hügel ſeiner Weinpflanzungen hin, daß der Kiel an ihnen ſtreifte. In den Aeſten der Wälder arbeiteten ſich die Fiſche ab; den Eber, den ei¬ lenden Hirſch erjagte die Fluth; ganze Völker wurden vom Waſſer hinweggerafft, und was die Welle verſchonte, ſtarb den Hungertod auf den ungebauten Haidegipfeln.

Ein ſolcher hoher Berg ragte noch mit zwei Spitzen im Lande Phocis über die Alles bedeckende Meerfluth hervor. Es war der Parnaſſus. An ihn ſchwamm Deukalion, des Prometheus Sohn, den dieſer gewarnt und ihm ein Schiff erbaut hatte, mit ſeiner Gattin Pyrrha im Nachen heran. Kein Mann, kein Weib war je er¬ funden worden, die an Rechtſchaffenheit und Götterſcheu dieſe beiden übertroffen hätten. Als nun Jupiter vom Him¬ mel herab ſchauend die Welt von ſtehenden Sümpfen über¬ ſchwemmt und von den vielen tauſendmal Tauſenden nur ein einziges Menſchenpaar übrig ſah, beide unſträflich, beide andächtige Verehrer der Gottheit, da ſandte er den Nord¬ wind aus, ſprengte die ſchwarzen Wolken und hieß ihn die Nebel entführen; er zeigte den Himmel der Erde, und die Erde dem Himmel wieder. Auch Neptun der Meeresfürſt legte den Dreizack nieder und beſänftigte die Fluth. Das Meer erhielt wieder Ufer, die Flüſſe kehr¬ ten in ihr Bett zurück; Wälder ſtreckten ihre mit Schlamm bedeckten Baumwipfel aus der Tiefe hervor, Hügel folg¬Schwab, das klaſſ. Alterthum. I. 218ten, endlich breitete ſich auch wieder ebenes Land aus, und zuletzt war die Erde wieder da.

Deukalion blickte ſich um. Das Land war verwü¬ ſtet und in Grabesſtille verſenkt. Thränen rollten bei dieſem Anblick über ſeine Wangen, und er ſprach zu ſei¬ nem Weibe Pyrrha: Geliebte, einzige Lebensgenoſſin! So weit ich in die Länder ſchaue, nach allen Weltgegen¬ den hin, kann ich keine lebende Seele entdecken. Wir zwei bilden mit einander das Volk der Erde, alle andern ſind in der Waſſerfluth untergegangen. Aber auch wir ſind unſres Lebens noch nicht mit Gewißheit ſicher. Jede Wolke, die ich ſehe, erſchreckt meine Seele noch. Und wenn auch alle Gefahr vorüber iſt, was fangen wir Einſamen auf der verlaſſenen Erde an? Ach, daß mich mein Vater Prometheus die Kunſt gelernt hätte, Menſchen zu erſchaffen und geformtem Thone Geiſt einzugießen! So ſprach er, und das verlaſſene Paar fing an zu weinen; dann warfen ſie vor einem halbzerſtörten Altar der Göttin Themis ſich auf die Knie nieder und begannen zu der Himmliſchen zu flehen: Sag 'uns an, o Göttin, durch welche Kunſt ſtellen wir unſer untergegangenes Geſchlecht wieder her! O hilf der verſunkenen Welt wieder zum Leben!

Verlaſſet meinen Altar, tönte die Stimme der Göt¬ tin, umſchleiert euer Haupt, löſet eure gegürteten Glieder, und werfet die Gebeine eurer Mutter hinter den Rücken.

Lange verwunderten ſich beide über dieſen räthſel¬ haften Götterſpruch. Pyrrha brach zuerſt das Schweigen. Verzeih mir, hohe Göttin, ſprach ſie, wenn ich zuſam¬ menſchaudre, wenn ich dir nicht gehorſame und meiner Mutter Schatten nicht durch Zerſtreuung ihrer Gebeine19 kränken will! Aber dem Deukalion fuhr es durch den Geiſt wie ein Lichtſtrahl. Er beruhigte ſeine Gattin mit dem freundlichen Worte: Entweder trügt mich mein Scharfſinn oder die Worte der Götter ſind fromm und verbergen keinen Frevel! Unſre große Mutter, das iſt die Erde, ihre Knochen ſind die Steine; und dieſe, Pyrrha, ſollen wir hinter uns werfen!

Beide miſtrauten indeſſen dieſer Deutung noch lange. Jedoch, was ſchadet die Probe, dachten ſie. So gingen ſie dann ſeitwärts, verhüllten ihr Haupt, entgürteten ihre Kleider, und warfen, wie ihnen befohlen war, die Steine hinter ſich. Da ereignete ſich ein großes Wunder: das Geſtein begann ſeine Härtigkeit und Spröde abzulegen, wurde geſchmeidig, wuchs, gewann eine Geſtalt; menſch¬ liche Formen traten an ihm hervor, doch noch nicht deut¬ lich, ſondern rohen Gebilden, oder einer in Marmor vom Künſtler erſt aus dem Groben herausgemeißelten Figur ähnlich. Was jedoch an den Steinen Feuchtes oder Erdigtes war, das wurde zu Fleiſch an dem Kör¬ per; das Unbeugſame, Feſte ward in Knochen verwandelt; das Geäder in den Steinen blieb Geäder. So gewan¬ nen mit Hülfe der Götter in kurzer Friſt die vom Manne geworfenen Steine männliche Bildung, die vom Weibe geworfenen weibliche.

Dieſen ſeinen Ursprung verläugnet das menſchliche Geſchlecht nicht, es iſt ein hartes Geſchlecht und tauglich zur Arbeit. Jeden Augenblick erinnert es daran, aus welchem Stamm es erwachſen iſt.

2*20

Io.

Inachus, der uralte Stammfürſt und König der Pe¬ lasger, hatte eine bildſchöne Tochter mit Namen Io. Auf ſie war der Blick Jupiters, des Olympiſchen Herrſchers gefallen, als ſie auf der Wieſe von Lerna der Herden ih¬ res Vaters pflegte. Der Gott ward von Liebe zu ihr entzündet, trat zu ihr in Menſchengeſtalt, und fing an, ſie mit verführeriſchen Schmeichelworten zu verſuchen: O Jungfrau, glücklich iſt, der dich beſitzen wird; doch iſt kein Sterblicher deiner werth, und du verdienteſt des höchſten Jupiter Braut zu ſeyn! Wiſſe denn, ich bin Ju¬ piter. Fliehe nicht vor mir. Die Hitze des Mittags brennt heiß. Tritt mit mir in den Schatten des erhabenen Hai¬ nes, der uns dort zur linken in ſeine Kühle einlädt; was machſt du dir in der Gluth des Tages zu ſchaffen? Fürchte dich doch nicht, den dunkeln Wald und die Schluchten, in welchen das Wild hauſet, zu betreten. Bin doch Ich da, dich zu ſchirmen, der Gott, der den Scepter des Him¬ mels führt, und die zackigen Blitze über den Erdboden verſendet. Aber die Jungfrau floh vor dem Verſucher mit eiligen Schritten, und ſie wäre ihm auf den Flügeln der Angſt entkommen, wenn der verfolgende Gott ſeine Macht nicht mißbraucht, und das ganze Land in dichte Finſterniß gehüllt hätte. Rings umqualmte die Fliehende der Nebel, und bald waren ihre Schritte gehemmt durch die Furcht, an einen Felſen zu rennen, oder in einen Fluß zu ſtürzen. So kam die unglückliche Jo in die Gewalt des Gottes.

21

Juno, die Göttermutter, war längſt an die Treu¬ loſigkeit ihres Gatten gewöhnt, der ſich von ihrer Liebe ab, und den Töchtern der Halbgötter und der Sterblichen zuwandte; aber ſie vermochte ihren Zorn und ihre Eiferſucht nicht zu bändigen, und mit immer wachem Mißtrauen be¬ obachtete ſie alle Schritte Jupiters auf der Erde. So ſchaute ſie auch jetzt gerade auf die Gegenden hernieder, wo ihr Gemahl ohne ihr Wiſſen wandelte. Zu ihrem großen Erſtaunen bemerkte ſie plötzlich, wie der heitere Tag auf Einer Stelle durch nächtlichen Nebel getrübt wurde, und wie dieſer weder einem Strome, noch dem dunſtigen Boden entſteige, noch ſonſt von einer natürlichen Urſache herrühre. Da kam ihr ſchnell ein Gedanke an die Untreue ihres Gatten; ſie ſpähte rings durch den Olymp und fand ihn nicht. Entweder ich täuſche mich, ſprach ſie ergrimmt zu ſich ſelbſt, oder ich werde von meinem Gatten ſchnöde gekränkt! Und nun fuhr ſie auf einer Wolke vom hohen Aether zur Erde hernieder, und gebot dem Nebel, der den Entführer mit ſeiner Beute umſchloſſen hielt, zu weichen. Jupiter hatte die Ankunft ſeiner Gemahlin geahnt und um ſeine Geliebte ihrer Rache zu entziehen, verwandelte er die ſchöne Tochter des Ina¬ chus ſchnell in eine ſchmucke, ſchneeweiße Kuh. Aber auch ſo war die holdſelige Jungfrau noch ſchön geblieben. Juno, welche die Liſt ihres Gemahls alsbald durchſchaut hatte, pries das ſtattliche Thier, und fragte, als wüßte ſie nichts von der Wahrheit, wem die Kuh gehöre, von wannen und welcherlei Zucht ſie ſey. Jupiter, in der Noth und um ſie von weitrer Nachfrage abzuſchrecken, nahm ſeine Zuflucht zu einer Lüge und gab vor, die Kuh ent¬ ſtamme der Erde. Juno gab ſich damit zufrieden, aber22 ſie bat ſich das ſchöne Thier von ihrem Gemahl zum Geſchenke aus. Was ſollte der betrogene Betrüger ma¬ chen? Giebt er die Kuh her, ſo wird er ſeiner Geliebten verluſtig; verweigert er ſie, ſo erregt er erſt recht den Verdacht ſeiner Gemahlin, welche der Unglücklichen dann raſches Verderben ſenden wird! So entſchloß er ſich denn, für den Augenblick auf die Jungfrau zu verzichten, und ſchenkte die ſchimmernde Kuh, die er noch immer für un¬ entdeckt hielt, ſeiner Gemahlin. Juno knüpfte, ſcheinbar beglückt durch die Gabe, dem ſchönen Thier ein Band um den Hals, und führte die Unſelige, der ein verzweifelndes Menſchenherz unter der Thiergeſtalt ſchlug, im Triumphe da¬ von. Doch machte der Gattin dieſer Diebſtahl ſelbſt Angſt und ſie ruhte nicht, bis ſie ihre Nebenbuhlerin der ſicherſten Hut überantwortet hatte. Daher ſuchte ſie den Argus, den Sohn des Areſtor, auf, ein Ungethüm, das ihr zu dieſem Dienſte beſonders geeignet ſchien. Denn Argus hatte hundert Augen im Kopfe, von denen nur ein Paar abwechslungsweiſe ſich ſchloß und der Ruhe ergab, wäh¬ rend die übrigen alle, über Vorder - und Hinterhaupt wie funkelnde Sterne zerſtreut, auf ihrem Poſten ausharrten. Dieſen gab Juno der armen Io zum Wächter, damit ihr Gemahl Jupiter die entriſſene Geliebte nicht entführen könne. Unter ſeinen hundert Augen durfte Io, die Kuh, des Tages über auf einer fetten Triſt weiden; Argus aber ſtand in der Nähe und wo er ſich immer hinſtellen mochte, erblickte er die ihm anvertraute; auch wenn er ſich abwandte, und ihr das Hinterhaupt zukehrte, hatte er Io vor Augen. Wenn aber die Sonne untergegangen war, ſchloß er ſie ein, und belaſtete den Hals der un¬ glückſeligen mit Ketten; bittre Kräuter und Baumlaub23 waren ihre Speiſe, ihr Bett der harte, nicht einmal immer mit Gras bedeckte Boden, ihr Trank ſchlammige Pfützen. Io vergaß oft, daß ſie kein Menſch mehr war, ſie wollte Mitleiden erflehend ihre Arme zu Argus erheben: da ward ſie erſt daran erinnert, daß ſie keine Arme mehr hatte. Sie wollte ihm in Worten rührende Bitten vortragen: dann ent¬ fuhr ihrem Munde ein Brüllen, daß ſie vor ihrer eigenen Stimme erſchrack, welche ſie daran mahnte, wie ſie durch ihres Räubers Selbſtſucht in ein Vieh verwandelt wor¬ den ſey. Doch blieb Argus mit ihr nicht an Einer Stelle, denn ſo hatte es ihn Juno geheißen, die durch Verände¬ rung ihres Aufenthalts ſie dem Gemahl um ſo gewiſſer zu entziehen hoffte. Daher zog ihr Wächter mit ihr im Lande herum, und ſo kam ſie auch mit ihm in ihre alte Heimath, an das Geſtade des Fluſſes, wo ſie ſo oft als Kind zu ſpielen gepflegt hatte. Da ſah ſie zum erſten¬ mal ihr Bild in der Fluth; als das Thierhaupt mit Hörnern ihr aus dem Waſſer entgegenblickte, ſchauderte ſie zurück und floh beſtürzt vor ſich ſelbſt. Ein ſehnſüch¬ tiger Trieb führte ſie in die Nähe ihrer Schweſtern, in die Nähe ihres Vaters Inachus; aber dieſe erkannten ſie nicht; Inachus ſtreichelte wohl das ſchöne Thier, und reichte ihm Blätter, die er von dem nächſten Strauche pflückte; Io beleckte dankbar ſeine Hand, und benetzte ſie mit Küſſen und heimlichen menſchlichen Thränen. Aber wen er liebkoſte, und von wem er geliebkost wurde, das ahnete der Greis nicht. Endlich kam der Armen, deren Geiſt unter der Verwandlung nicht gelitten hatte, ein glücklicher Gedanke. Sie fing an, Schriftzeichen mit dem Fuße zu ziehen, und erregte durch dieſe Bewegung die Auf¬ merkſamkeit des Vaters, der bald im Staube die Kunde24 las, daß er ſein eigenes Kind vor ſich habe. Ich Un¬ glückſeliger, rief der Greis bei dieſer Entdeckung aus, indem er ſich an Horn und Nacken der ſtöhnenden Toch¬ ter hing, ſo muß ich dich wiederfinden, die ich durch alle Länder geſucht habe! Wehe mir, du haſt mir weniger Kummer gemacht, ſo lange ich dich ſuchte, als jetzt, wo ich dich gefunden habe! Du ſchweigſt? Du kannſt mir kein tröſtendes Wort ſagen, mir nur mit einem Gebrüll antworten! Ich Thor, einſt ſann ich darauf, wie ich dir einen würdigen Eidam zuführen könnte, und dachte nur an Brautfackel und Vermählung. Nun biſt du ein Kind der Herde Argus, der grauſame Wächter, ließ den jam¬ mernden Vater nicht vollenden, er riß ſie von dem Vater hinweg und ſchleppte ſie fort, auf einſame Waiden. Dann klomm er ſelbſt einen Berggipfel empor und verſah ſein Amt, indem er mit ſeinen hundert Augen wachſam nach allen vier Winden hinauslugte.

Jupiter konnte das Leid der Inachustochter nicht länger ertragen. Er rief ſeinem geliebten Sohne Merkur, und befahl ihm, ſeine Liſt zu brauchen, und dem verhaßten Wächter das Augenlicht auszulöſchen. Dieſer beflügelte ſeine Füſſe, ergriff mit der mächtigen Hand ſeine einſchläfernde Ruthe und ſetzte ſeinen Reiſehut auf. So fuhr er von dem Pallaſte ſeines Vaters zur Erde nieder. Dort legte er Hut und Schwingen ab, und behielt nur den Stab; ſo ſtellte er einen Hirten vor, lockte Ziegen an ſich und trieb ſie auf die abgelegenen Fluren, wo Io waidete und Argus die Wache hielt. Dort angekommen, zog er ein Hirten¬ rohr, das man Syringe nennt, hervor und fing an ſo anmuthig und voll zu blaſen, wie man von irdiſchen Hir¬ ten zu vernehmen nicht gewohnt iſt. Der Diener Juno's25 freute ſich dieſes ungewohnten Schalles, erhob ſich von ſeinem Felſenſitze und rief hernieder: Wer du auch ſeyn magſt, willkommener Rohrbläſer, du konnteſt wohl bei mir auf dieſem Felſen hier ausruhen. Nirgends iſt der Gras¬ wuchs üppiger für das Vieh, als hier, und du ſiehſt, wie behaglich der Schatten dieſer dicht gepflanzten Bäume für den Hirten iſt! Merkur dankte dem Rufenden, ſtieg hinauf und ſetzte ſich zu dem Wächter, mit welchem er eifrig zu plaudern anfing, und ſich ſo ernſtlich ins Geſpräch vertiefte, daß der Tag herumging, ehe Argus ſich deſſen verſah. Dieſem begannen die Au¬ gen zu ſchläfern, und nun griff Merkur wieder zu ſeinem Rohre, und verſuchte ſein Spiel, um ihn vollends in Schlummer zu wiegen. Aber Argus, der an den Zorn ſeiner Herrin dachte, wenn er ſeine Gefangene ohne Feſ¬ ſeln und Obhut ließe, kämpfte mit dem Schlaf, und wenn ſich auch der Schlummer in einen Theil ſeiner Augen ein¬ ſchlich, ſo wachte er doch fortdauernd mit dem andern Theile, nahm ſich zuſammen, und, da die Rohrpfeife erſt kürzlich erfunden worden war, ſo fragte er ſeinen Geſel¬ len nach dem Urſprunge dieſer Erfindung. Das will ich dir gerne erzählen, ſagte Merkur, wenn du in dieſer ſpäten Abendſtunde Geduld und Aufmerkſamkeit genug haſt, mich anzuhören. In den Schneegebirgen Arkadiens wohnte eine berühmte Hamadryade (Baumnymphe), mit Namen Syringe. Die Waldgötter und Satyrn, von ih¬ rer Schönheit bezaubert, verfolgten ſie ſchon lange mit ihrer Werbung, aber immer wußte ſie ihnen zu entſchlü¬ pfen. Denn ſie ſcheute das Joch der Vermählung, und wollte, umgürtet und jagdliebend wie Diana, gleich dieſer in jungfräulichem Stande verharren. Endlich wurde auf26 ſeinen Streifereien durch jene Wälder auch der mächtige Gott Pan die Nymphe anſichtig, näherte ſich ihr und warb um ihre Hand dringend und im ſtolzen Bewußtſeyn ſeiner Hoheit. Aber die Nymphe verſchmähte ſein Flehen und flüchtete vor ihm durch unwegſame Steppen, bis ſie zuletzt an das langſame Waſſer des verſandeten Fluſſes Ladon kam, deſſen Wellen doch noch tief genug waren, der Jungfrau den Uebergang zu wehren. Hier beſchwor ſie ihre Schutzgöttin Diana, ehe ſie in die Hand des Gottes fiele, ihrer Verehrerin ſich zu erbarmen und ſie zu verwandeln. Indem kam der Gott herangeflogen und umfaßte die am Ufer zögernde; aber wie ſtaunte er, als er, ſtatt eine Nymphe zu umarmen, nur ein Schilfrohr umfaßt hielt; ſeine lauten Seufzer zogen vervielfältigt durch das Rohr, und wiederholten ſich mit tiefem, kla¬ gendem Geſäuſel. Der Zauber dieſes Wohllautes tröſtete den getäuſchten Gott. Wohl denn, verwandelte Nymphe, rief er mit ſchmerzlicher Freude, auch ſo ſoll unſre Ver¬ bindung unauflöslich ſeyn! Und nun ſchnitt er ſich von dem geliebten Schilfe ungleichförmige Röhren, verknüpfte ſie mit Wachs unter einander und nannte die lieblichtö¬ nende Flöte nach dem Namen der holden Hamadryade, und ſeitdem heißt dieſes Hirtenrohr Syringe ....

So lautete die Erzählung Merkurs, bei welcher er den hundertäugigen Wächter unausgeſetzt im Auge be¬ hielt. Die Mähre war noch, nicht zu Ende, als er ſah, wie ein Auge um das andere ſich unter der Decke gebor¬ gen hatte, und endlich alle die hundert Leuchten in dich¬ tem Schlaf erloſchen waren. Nun hemmte der Götter¬ bote ſeine Stimme, berührte mit ſeinem Zauberſtabe alle die hundert eingeſchläferten Augenlieder und verſtärkte ihre27 Betäubung. Während nun der hundertäugige Argus in tiefem Schlafe nickte, griff Merkur ſchnell zu dem Sichel¬ ſchwerte, das er unter ſeinem Hirtenrocke verborgen trug, und hieb ihm den geſenkten Nacken, da wo der Hals zu¬ nächſt an den Kopf grenzt, durch und durch. Kopf und Rumpf ſtürzten nach einander von Felſen herab und färb¬ ten das Geſtein mit einem Strome von Blut.

Nun war Jo befreit und obwohl noch unverwandelt, rannte ſie ohne Feſſeln davon. Aber den durchdringenden Blicken Juno's entging nicht, was in der Tiefe geſchehen war. Sie dachte auf eine ausgeſuchte Qual für ihre Nebenbuhlerin und ſandte ihr eine Bremſe, die das un¬ glückliche Geſchöpf durch ihren Stich zum Wahnſinne trieb. Dieſe Qual jagte die Geängſtigte mit ihrem Sta¬ chel landflüchtig über den ganzen Erdkreis, zu den Scy¬ then, an den Kaukaſus, zum Amazonenvolke, zum Cimme¬ riſchen Iſthmus und an die Maeotiſche See; dann hin¬ über nach Aſien und endlich nach langem verzweiflungs¬ vollem Irrlaufe nach Aegypten. Hier am Strande des Nilufers angelangt, ſank Jo auf ihre Vorderfüße nieder und hob, den Hals rücklings gebogen, ihre ſtummen Au¬ gen zum[Olymp] empor, mit einem Blicke voll Haders gegen Jupiter. Den jammerte dieſes Anblickes; er eilte zu ſeiner Gemahlin Juno, umfing ihren Hals mit den Ar¬ men, flehte um Barmherzigkeit für das arme Mädchen, das ſchuldlos an ſeiner Verirrung war, und ſchwor ihr beim Waſſer der Unterwelt, bei dem die Götter ſchwören, von ſeiner Neigung zu ihr hinfort ganz abzulaſſen. Juno hörte während dieſer Bitte das flehentliche Brüllen der Kuh, das zum Olymp emporſtieg. Da ließ ſich die Göt¬ termutter erweichen, und gab dem Gemahle Vollmacht,28 der Mißſtalteten den menſchlichen Leib zurückzugeben. Jupiter eilte zur Erde nieder und an den Nil. Hier ſtrich er der Kuh mit der Hand über den Rücken: da war es wunderbar anzuſchauen. Die Zotteln flohen vom Leibe des Thieres, das Gehörn ſchrumpfte zuſammen, die Scheibe der Augen verengte ſich, das Maul zog ſich zu Lippen zuſammen, Schultern und Hände kehrten wieder, die Klauen verſchwanden, nichts blieb von der Kuh übrig als die ſchöne weiße Farbe. In ganz verwandelter Ge¬ ſtalt erhob ſich Io vom Boden und ſtand aufrecht in menſchlicher Schönheit leuchtend. Am Nilſtrome gebar ſie dem Jupiter den Epaphus, und weil das Volk die wunderbar Verwandelte und Errettete göttergleich ehrte, ſo herrſchte ſie lange mit Fürſtengewalt über jene Lande. Doch blieb ſie auch ſo nicht ganz von Juno's Zorne ver¬ ſchont. Dieſe ſtiftete das wilde Volk der Kureten auf, ihren jungen Sohn Epaphus zu entführen, und nun trat ſie aufs neue eine lange vergebliche Wanderung an, den Geraubten aufzuſuchen. Endlich, nachdem Jupiter die Kureten mit dem Blitz erſchlagen, fand ſie den ent¬ führten Sohn an der Gränze Aethiopiens wieder, kehrte mit ihm nach Aegypten zurück und ließ ihn an ihrer Seite herrſchen. Er heirathete die Memphis, und dieſe gebar ihm Libya, von der das Land Libyen den Namen erhielt. Mutter und Sohn wurden von dem Nilvolke nach beider Tode mit Tempeln geehrt, und erhielten, ſie als Iſis, er als Apis, göttliche Verehrung.

29

Phaethon.

Auf herrlichen Säulen erbaut, ſtand die Königsburg des Sonnengottes, von blitzendem Gold und glühendem Karfunkel ſchimmernd; den oberſten Giebel umſchloß blendendes Elfenbein, gedoppelte Thüren ſtrahlten in Sil¬ berglanz, darauf in erhabener Arbeit die ſchönſten Wun¬ dergeſchichten zu ſchauen waren. In dieſen Pallaſt trat Phaethon, der Sohn des Sonnengottes Phöbus, und verlangte den Vater zu ſprechen. Doch ſtellte er ſich nur von ferne hin, denn in der Nähe war das ſtrahlende Licht nicht zu ertragen. Der Vater Phöbus, von Pur¬ purgewand umhüllt, ſaß auf ſeinem fürſtlichen Stuhle, der mit glänzenden Smaragden beſetzt war; zu ſeiner Rechten und ſeiner Linken ſtand ſein Gefolge geordnet, der Tag, der Monat, das Jahr, die Jahrhunderte und die Horen; der jugendliche Lenz mit ſeinem Blüthenkranze, der Sommer mit Aehrengewinden bekränzt, der Herbſt mit einem Füllhorn voll Trauben, der eiſige Winter mit ſchneeweißen Haaren. Phöbus, in ihrer Mitte ſitzend, wurde mit ſeinem allſchauenden Auge bald den Jüngling gewahr, der über ſo viele Wunder ſtaunte. Was iſt der Grund deiner Wallfahrt, ſprach er, was führt dich in den Pallaſt deines göttlichen Vaters, mein Sohn? Phaethon antwortete: Erlauchter Vater, man ſpottet mein auf Erden, und beſchimpft meine Mutter Klymene. Sie ſprechen, ich erheuchle nur himmliſche Abkunft, und ſey von einem dunkeln Vater geboren. Darum komme ich, von dir ein Unterpfand zu erbitten, das mich vor aller Welt als deinen wirklichen Sprößling darſtelle. 30So ſprach er; da legte Phöbus die Strahlen, die ihm rings das Haupt umleuchten, ab, und hieß ihn näher herantreten; dann umarmte er ihn und ſprach: deine Mutter Klymene hat die Wahrheit geſagt, mein Sohn, und ich werde dich vor der Welt nimmermehr verläugnen. Damit du aber ja nicht ferner zweifelſt, ſo erbitte dir ein Geſchenk! Ich ſchwöre beim Styx, dem Fluſſe der Unterwelt, bei welchem alle Götter ſchwören, deine Bitte, welche ſie auch ſey, ſoll dir erfüllt werden! Phaethon ließ den Vater kaum ausreden. So erfülle mir denn, ſprach er, meinen glühendſten Wunſch, und vertraue mir nur auf einen Tag die Lenkung deines geflügelten Sonnenwagens.

Schrecken und Reue ward ſichtbar auf dem Ange¬ ſichte des Gottes. Drei, viermal ſchüttelte er ſein um¬ leuchtetes Haupt und rief endlich: O Sohn, du haſt mich ein ſinnloſes Wort ſprechen laſſen! O dürfte ich dir doch meine Verheißung nimmermehr gewähren! Du verlangſt ein Geſchäft, dem deine Kräfte nicht gewachſen ſind; du biſt zu jung; du biſt ſterblich, und was du wünſcheſt, iſt ein Werk der Unſterblichen! Ja, du erſtre¬ beſt ſogar mehr, als den übrigen Göttern zu erlangen vergönnt iſt. Denn auſſer mir vermag keiner von ihnen auf der gluthenſprühenden Axe zu ſtehen. Der Weg, den mein Wagen zu machen hat, iſt gar ſteil, mit Mühe er¬ klimmt ihn in der Frühe des Morgens mein noch friſches Roſſegeſpann. Die Mitte der Laufbahn iſt zu oberſt am Himmel. Glaube mir, wenn ich auf meinem Wagen in ſolcher Höhe ſtehe, da kommt mich oft ſelbſt ein Grauſen an und mein Haupt droht ein Schwindel zu faſſen, wenn ich ſo herniederblicke in die Tiefe, und Meer und Land weit unter mir liegt. Zuletzt iſt dann die Straße ganz31 abſchüſſig, da bedarf es gar ſicherer Lenkung. Die Mee¬ resgöttin Thetis ſelbſt, die mich dann in ihre Fluthen aufzunehmen bereit iſt, pflegt alsdann zu befürchten, ich möchte in die Tiefe geſchmettert werden. Dazu bedenke, daß der Himmel ſich in beſtändigem Umſchwunge dreht, und ich dieſem reißenden Kreislaufe entgegen fahren muß. Wie vermöchteſt du das, wenn ich dir auch meinen Wa¬ gen gäbe? Darum geliebter Sohn, verlange nicht ein ſo ſchlimmes Geſchenk, und beſſere deinen Wunſch, ſo lange es noch Zeit iſt. Sieh mein erſchrecktes Geſicht an. O könnteſt du durch meine Augen in mein ſorgenvolles Va¬ terherz eindringen! Verlange, was du ſonſt willſt von allen Gütern des Himmels und der Erde! Ich ſchwöre dir beim Styx, du ſollſt es haben! Was umarmſt du mich mit ſolchem Ungeſtüm?

Aber der Jüngling ließ mit Flehen nicht ab, und der Vater hatte den heiligen Schwur geſchworen. So nahm er denn ſeinen Sohn bei der Hand und führte ihn zu dem Sonnenwagen, Vulkans herrlicher Arbeit. Achſe, Deichſel und der Kranz der Räder waren von Gold, die Speichen Silber; vom Joche ſchimmerten Chryſolithen und Juwelen. Während Phaethon die herrliche Arbeit beherzt anſtaunte, thut im gerötheten Oſten die erwachte Morgenröthe ihr Purpurthor und ihren Vorſaal, der voll Roſen iſt, auf. Die Sterne verſchwinden allmählig, der Morgenſtern iſt der letzte, der ſeinen Poſten am Him¬ mel verläßt, und die äußerſten Hörner des Mondes ver¬ lieren ſich am Rande. Jetzt giebt Phöbus den geflügel¬ ten Horen den Befehl, die Roſſe zu ſchirren; und dieſe führen die gluthſprühenden Thiere, von Ambroſia geſät¬ tigt, von den erhabenen Krippen und legen ihnen herr¬32 liche Zäume an. Während dieß geſchieht, beſtrich der Vater das Antlitz ſeines Sohnes mit einer heiligen Salbe, und machte es dadurch geſchickt, die glühende Flamme zu ertragen. Um das Haupthaar legte er ihm ſeine Strah¬ lenſonne, aber er ſeufzte dazu, und ſprach warnend: Kind, ſchone mir die Stacheln, brauche wacker die Zügel; denn die Roſſe rennen ſchon von ſelbſt, und es koſtet Mühe, ſie im Fluge zu halten; die Straße geht ſchräg in weit umbiegender Krümmung; den Südpol wie den Nordpol mußt du meiden. Du erblickſt deutlich die Gleiſe der Räder. Senke dich nicht zu tief, ſonſt geräth die Erde in Brand; ſteige nicht zu hoch, ſonſt verbrennſt du den Himmel. Auf, die Finſterniß flieht, nimm die Zügel zur Hand; oder noch iſt es Zeit; beſinne dich, liebes Kind; überlaß den Wagen mir, laß mich der Welt das Licht ſchenken, und bleibe du Zu¬ ſchauer!

Der Jüngling ſchien die Worte des Vaters gar nicht zu hören, er ſchwang ſich mit einem Sprung auf den Wagen, ganz erfreut, die Zügel in den Händen zu haben, und nickte dem unzufriedenen Vater einen kurzen, freundlichen Dank. Mittlerweile füllten die vier Flügel¬ roſſe mit gluthathmendem Wiehern die Luft und ihr Huf ſtampfte gegen die Barren. Thetis, Phaethons Großmut¬ ter, welcher nichts vom Looſe des Enkels ahnte, that dieſe auf; die Welt lag in unendlichem Raume vor den Blicken des Knaben, die Roſſe flogen die Bahn aufwärts, und ſpalteten die Morgennebel, die vor ihnen lagen.

Inzwiſchen fühlten die Roſſe wohl, daß ſie nicht die gewohnte Laſt tragen, und das Joch leichter ſey, als ge¬ wöhnlich; und wie Schiffe, wenn ſie das rechte Gewicht33 nicht haben, im Meere ſchwanken, ſo machte der Wagen Sprünge in der Luft, ward hoch empor geſtoßen und rollte dahin, als wäre er leer. Als das Roſſegeſpann dieß merkte, rannte es, die gebahnten Räume verlaſſend, und lief nicht mehr in der vorigen Ordnung. Phaethon fing an zu erbeben, er wußte nicht, wohin die Zügel lenken, wußte den Weg nicht, wußte nicht, wie er die wilden Roſſe bändigen ſollte. Als nun der Unglückliche hoch vom Himmel abwärts ſah, auf die tief, tief unter ihm ſich hinſtreckenden Länder, wurde er blaß und ſeine Kniee zitterten von plötzlichem Schrecken. Er ſah rück¬ wärts; ſchon lag viel Himmel hinter ihm, aber mehr noch vor ſeinen Augen. Beides ermaß er in ſeinem Geiſte. Unwiſſend, was beginnen, ſtarrte er in die Weite, ließ die Zügel nicht nach, zog ſie auch nicht weiter an; er wollte den Roſſen rufen, aber er kannte ihre Namen nicht. Mit Grauen ſah er die mannigfaltigen Stern¬ bilder an, die in abentheuerlichen Geſtalten am Himmel herumhingen. Da ließ er, von kaltem Entſetzen gefaßt, die Zügel fahren, und wie dieſe herabſchlotternd den Rücken der Pferde berührten, ſo verließen die Roſſe ihre Spur, ſchweiften ſeitwärts in fremde Luftgebiete, gingen bald hoch empor, bald tief hernieder, jetzt ſtießen ſie an den Fixſternen an, jetzt wurden ſie auf abſchüſſigem Pfade in die Nachbarſchaft der Erde herabgeriſſen. Schon berühr¬ ten ſie die erſte Wolkenſchichte, die bald entzündet auf¬ dampfte. Immer tiefer ſtürzte der Wagen, und unver¬ ſehens war er einem Hochgebirge nahe gekommen. Da lechzte vor Hitze der Boden, ſpaltete ſich, und weil plötz¬ lich alle Säfte austrockneten, fing er an zu glimmen; das Haidegras wurde weißgelb und welkte hinweg; wei¬Schwab, das klaſſ. Altherthum. I. 334ter unten loderte das Laub der Waldbäume auf; bald war die Glut bei der Ebene angekommen: nun wurde die Saat weggebrannt; ganze Städte loderten in Flam¬ men auf, Länder mit all ihrer Bevölkerung wurden ver¬ ſengt; rings brannten Hügel, Wälder und Berge. Da¬ mals ſollen auch die Mohren ſchwarz geworden ſeyn. Die Ströme verſiegten, oder flohen erſchreckt nach ihrer Quelle zurück, das Meer ſelbſt wurde zuſammengedrängt, und was jüngſt noch See war, wurde trockenes Sand¬ feld.

An allen Seiten ſah Phaethon den Erdkreis entzün¬ det; ihm ſelbſt wurde die Gluth bald unerträglich; wie tief aus dem Innern einer Feuereſſe athmete er ſiedende Luft ein, und fühlte unter ſeinen Sohlen wie der Wagen erglühe. Schon konnte er den Dampf und die vom Erd¬ brand emporgeſchleuderte Aſche nicht mehr ertragen; Qualm und pechſchwarzes Dunkel umgab ihn; das Flü¬ gelgeſpann riß ihn nach Willkühr fort; endlich ergriff die Gluth ſeine Haare, er ſtürzte aus dem Wagen, und brennend wurde er durch die Luft gewirbelt, wie zuweilen ein Stern bei heiterer Luft durch den Himmel zu ſchieſſen ſcheint. Ferne von der Heimath nahm ihn der breite Strom Eridanos auf und beſpülte ihm ſein ſchäumendes Angeſicht.

Phöbus der Vater, der dieß Alles mit anſehen mußte, verhüllte ſein Haupt in brütender Trauer. Damals, ſagt man, ſey ein Tag der Erde ohne Sonnenlicht vorüberge¬ flohen. Der ungeheure Brand leuchtete allein.

35

Europa.

Im Lande Tyrus und Sidon erwuchs die Jungfrau Europa, die Tochter des Königes Agenor, in der tiefen Abgeſchiedenheit des väterlichen Pallaſtes. Zu dieſer ward nachmitternächtlicher Weile, wo untrügliche Träu¬ me die Sterblichen beſuchen, ein ſeltſames Traum¬ bild vom Himmel geſendet. Es kam ihr vor, als er¬ ſchienen zwei Welttheile in Frauengeſtalt, Aſien und der gegenüberliegende, und ſtritten um ihren Beſitz. Die eine der Frauen hatte die Geſtalt einer Fremden; die andere und dieß war Aſien glich an Ausſehen und Geberde einer Einheimiſchen. Dieſe wehrte ſich mit zärtlichem Eifer für ihr Kind Europa, ſpreche[nd], daß ſie es ſey, welche die geliebte Tochter geboren und geſäugt hätte. Das fremde Weib aber umfaßte ſie, wie einen Raub, mit gewaltigen Armen, und zog ſie mit ſich fort, ohne daß Europa im Innern zu widerſtreben vermochte. Komm nur mit mir, Liebchen, ſprach die Fremde, ich trage dich als Beute dem Aegiserſchütterer Jupiter ent¬ gegen; ſo iſt dirs vom Geſchicke beſchieden. Mit klopfen¬ dem Herzen erwachte Europa, und richtete ſich vom La¬ ger auf, denn das Nachtgeſicht war hell wie ein Anblick des Tages geweſen. Lange Zeit ſaß ſie unbeweglich auf¬ recht im Bette, vor ſich hinſtarrend, und vor ihren weit aufgethanen Augenſternen ſtanden noch die beiden Weiber. Erſt ſpät öffneten ſich ihre Lippen zum bangen Selbſtge¬ ſpräche: Welcher Himmliſche, ſprach ſie, hat mir dieſe Bilder zugeſchickt? Was für wunderbare Träume haben mich aufgeſchreckt, die im Vaterhauſe ſüß und ſicher3 *36ſchlummerte? Wer war doch die Fremde, die ich im Traume geſehen? Welch eine wunderbare Sehnſucht nach ihr regt ſich in meinem Herzen! Und wie iſt ſie ſelbſt mir ſo liebreich entgegen gekommen und, auch als ſie mich gewaltſam entführte, mit welchem Mutterblicke hat ſie mich angelächelt! Mögen die ſeligen Götter mir den Traum zum Beſten kehren!

Der Morgen war herangekommen; der helle Tages¬ ſchein verwiſchte den nächtlichen Schimmer des Traumes aus der Seele der Jungfrau, und Europa erhub ſich zu den Beſchäftigungen und Freuden ihres jungfräulichen Lebens. Bald ſammelten ſich um ſie ihre Altersgenoſſin¬ nen und Geſpielinnen, Töchter der erſten Häuſer, welche ſie zu Chortänzen, Opfern und Luſtgängen zu begleiten pflegten. Auch jetzt kamen ſie, ihre Herrin zu einem Gange nach den blumenreichen Wieſen des Meeres ein¬ zuladen, wo ſich die Mädchen der Gegend ſchaarenweiſe zu verſammeln und am üppigen Wuchſe der Blumen und am rauſchenden Halle des Meeres zu erfreuen pflegten. Alle Mädchen waren in ſchmucke blumengeſtickte Gewande gekleidet; Europa ſelbſt trug ein wunderwürdiges Gold¬ geſticktes Schleppkleid voll glänzender Bilder aus der Götterſage; das herrliche Gewand war ein Werk des Vulkanus, ein uraltes Göttergeſchenk des Erderſchütterers Neptunus, das dieſer der Libya geſchenkt hatte, als er um ſie warb. Aus ihrem Beſitze war es von Hand zu Hand als Erbſtück in das Haus des Agenor gekommen. Mit dieſem Brautſchmuck angethan eilte die holdſelige Europa an der Spitze ihrer Geſpielinnen den Meereswieſen zu, die voll der bunteſten Blumen ſtanden. Jubelnd zer¬ ſtreute ſich die Schaar der Mädchen da und dorthin, jede37 ſuchte ſich eine Blume auf, die nach ihrem Sinne war. Die eine pflückte die glänzende Narciſſe, die andere wandte ſich der Balſam ausſtrömenden Hyacinthe zu, eine dritte erwählte ſich das ſanfter duftende Veilchen, andern gefiel der gewürzige Quendel, wieder andere mähten den gel¬ ben lockenden Krokus. So flogen die Geſpielinnen hin und her; Europa aber hatte bald ihr Ziel gefunden, ſie ſtand, wie unter den Grazien die ſchaumgeborne Liebes¬ göttin, alle ihre Genoſſinnen überragend und hielt hoch in der Hand einen vollen Strauß von glühenden Roſen.

Als ſie genug Blumen geſammelt, lagerten ſich die Jungfrauen, ihre Fürſtin in der Mitte, harmlos auf dem Raſen und fingen an Kränze zu flechten, die ſie, den Nymphen der Wieſe zum Dank, an grünenden Bäumen aufhängen wollten. Aber nicht lange ſollten ſie ihren Sinn an den Blumen ergötzen, denn in das ſorgloſe Ju¬ gendleben Europa's griff unverſehens das Schickſal ein, das ihr der Traum der verſchwundenen Nacht geweiſ¬ ſagt hatte. Jupiter, der Kronide, war von den Geſchoßen der Liebesgöttin, die allein auch den unbezwungenen Götterva¬ ter zu beſiegen vermochten, getroffen und von der Schönheit der jungen Europa ergriffen worden. Weil er aber den Zorn der eiferſüchtigen Juno fürchtete, auch nicht hoffen durfte, den unſchuldigen Sinn der Jungfrau zu bethören, ſo ſann der verſchlagene Gott auf eine neue Liſt. Er verwandelte ſeine Geſtalt, und wurde ein Stier. Aber welch ein Stier! Nicht, wie er auf gemeiner Wieſe geht, oder unters Joch gebeugt den ſchwer beladenen Wagen zieht; nein, groß, herrlich von Geſtalt, mit ſchwellenden Muskeln am Halſe und vollen Wampen am Bug, ſeine Hörner waren zierlich und klein, wie von Händen gedrech¬38 ſelt und durchſichtiger, als reine Juwelen; goldgelb war ſeine Leibfarbe, nur mitten auf der Stirne ſchimmerte ein ſilberweißes Maal, dem gekrümmten Horne des wachſen¬ den Mondes ähnlich; bläulichte, von Verlangen funkelnde Augen rollten ihm im Kopfe.

Ehe Jupiter dieſe Verwandlung mit ſich vornahm, rief er zu ſich auf den Olymp den Merkurius und ſprach, ohne ihm et¬ was von ſeinen Abſichten zu enthüllen: Spute dich, lieber Sohn, getreuer Vollbringer meiner Befehle! Siehſt du dort un¬ ten das Land, das links zu uns emporblickt? Es iſt Phönicien: dieſes betritt, und treibe mir das Vieh des Königes Age¬ nor, das du auf den Bergtriften weidend finden wirſt, gegen das Meeresufer hinab. In wenigen Augenblicken war der geflügelte Gott, dem Winke ſeines Vaters ge¬ horſam, auf der ſidoniſchen Bergwaide angekommen und trieb die Heerde des Königes, unter die ſich auch, ohne daß Merkur es geahnt hätte, der verwandelte Jupiter als Stier gemiſcht hatte, vom Berge herab nach dem ange¬ wieſenen Strande, eben auf jene Wieſen, wo die Tochter Agenors, von tyriſchen Jungfrauen umringt, ſorglos mit Blumen tändelte. Die übrige Heerde nun zerſtreute ſich über die Wieſen ferne von den Mädchen; nur der ſchöne Stier, in welchem der Gott verborgen war, nä¬ herte ſich dem Raſenhügel, auf welchem Europa mit ihren Geſpielinnen ſaß. Schmuck wandelte er im üppigen Graſe einher, über ſeiner Stirne ſchwebte kein Drohen, ſein funkelndes Auge flößte keine Furcht ein: ſein ganzes Aus¬ ſehen war voll Sanftmuth. Europa und ihre Jungfrauen bewunderten die edle Geſtalt des Thieres und ſeine fried¬ lichen Gebärden, ja ſie bekamen Luſt, ihn recht in der Nähe zn beſehen, und ihm den ſchimmernden Rücken zu39 ſtreicheln. Der Stier ſchien dies zu merken, denn er kam immer näher und ſtellte ſich endlich dicht vor Europa hin. Dieſe ſprang auf und wich anfangs einige Schritte zurück; als aber das Thier ſo gar zahm ſtehen blieb, faßte ſie ſich ein Herz, näherte ſich wieder und hielt ihm ihren Blumenſtrauß vor das ſchäumende Maul, aus dem ſie ein ambroſiſcher Athem anwehte. Der Stier leckte ſchmeichelnd die dargebotenen Blumen und die zarte Jung¬ frauenhand, die ihm den Schaum abwiſchte, und ihn lieb¬ reich zu ſtreicheln begann. Immer reizender kam der herrliche Stier der Jungfrau vor, ja ſie wagte es und drückte einen Kuß auf ſeine glänzende Stirne. Da ließ das Thier ein freudiges Brüllen hören, nicht wie andere gemeine Stiere brüllen, ſondern es tönte wie der Klang einer lydiſchen Flöte, die ein Bergthal durchhallt. Dann kauerte er ſich zu den Füßen der ſchönen Fürſtin nieder, blickte ſie ſehnſüchtig an, wandte ihr den Nacken zu und zeigte ihr den breiten Rücken. Da ſprach Europa zu ih¬ ren Freundinnen, den Jungfrauen: Kommt doch auch näher, liebe Geſpielinnen, daß wir uns auf den Rücken dieſes ſchönen Stieres ſetzen und unſere Luſt haben: ich glaube, er könnte unſerer Viere aufnehmen und beherbergen, wie ein geräumiges Schiff. Er iſt ſo ſanftmüthig anzu¬ ſchauen, ſo holdſelig; er gleicht gar nicht anderen Stie¬ ren: wahrhaftig, er hat Verſtand, wie ein Menſch und es fehlt ihm gar nichts als die Rede! Mit dieſen Wor¬ ten nahm ſie ihren Geſpielinnen die Kränze, einen nach dem andern, aus den Händen und behängte damit die geſenkten Hörner des Stieres; da ſchwang ſie ſich lächelnd auf ſeinen Rücken, während ihre Freundinnen zaudernd und unſchlüßig zuſahen.

40

Der Stier aber, als er die geraubt, die er gewollt hatte, ſprang vom Boden auf. Anfangs ging er ganz ſachte mit der Jungfrau davon, doch ſo, daß ihre Genoſ¬ ſinnen nicht gleichen Schritt mit ſeinem Gange halten konnten. Als er die Wieſen im Rücken und den kahlen Strand vor ſich hatte, verdoppelte er ſeinen Lauf und glich nun nicht mehr einem trabenden Stiere, ſondern einem fliegendem Roß. Und ehe ſich Europa beſinnen konnte, war er mit einem Satz ins Meer geſprungen, und ſchwamm mit ſeiner Beute dahin. Die Jungfrau hielt mit der Rechten eins ſeiner Hörner umklammert, mit der Linken ſtützte ſie ſich auf den Rücken; in ihre Gewänder blies der Wind, wie in ein Segel; ängſtlich blickte ſie nach dem verlaſſenen Lande zurück, und rief umſonſt den Geſpielinnen; das Waſſer umwallte den ſe¬ gelnden Stier, und, ſeine hüpfenden Wellen ſcheuend, zog ſie furchtſam die Ferſen hinauf. Aber das Thier ſchwamm dahin wie ein Schiff; bald war das Ufer verſchwunden, die Sonne untergegangen, und im Helldunkel der Nacht ſah die unglückliche Jungfrau nichts um ſich her, als Wogen und Geſtirne. So ging es fort, auch als der Morgen kam; den ganzen Tag ſchwamm ſie auf dem Thiere durch die unendliche Fluth dahin; doch wußte die¬ ſes ſo geſchickt die Wellen zu durchſchneiden, daß kein Tropfen ſeine geliebte Beute benetzte. Endlich gegen Abend erreichten ſie ein fernes Ufer. Der Stier ſchwang ſich ans Land, ließ die Jungfrau unter einem gewölbten Baume ſanft vom Rücken gleiten und verſchwand vor ih¬ ren Blicken. An ſeine Stelle trat ein herrlicher, götter¬ gleicher Mann, der ihr erklärte, daß er der Beherrſcher der Inſel Kreta ſey, und ſie ſchützen werde, wenn er41 durch ihren Beſitz beglückt würde. Europa in ihrer troſt¬ loſen Verlaſſenheit, reichte ihm ihre Hand als Zeichen der Einwilligung, und Jupiter hatte das Ziel ſeiner Wünſche erreicht. Auch er verſchwand, wie er gekommen war. Aus langer Betäubung erwachte Europa, als ſchon die Morgenſonne am Himmel ſtand. Mit verirrten Blicken ſah ſie um ſich her, als wollte ſie die Heimat ſuchen. Vater, Vater! rief ſie mit durchdringendem Wehelaut, beſann ſich eine Weile und rief wieder: Ich verworfene Tochter, wie darf ich den Vaternamen nur ausſprechen? Welcher Wahnſinn hat mich die Kindesliebe vergeſſen laſſen! Dann ſah ſie wieder, wie ſich beſinnend, umher und fragte ſich ſelbſt: Woher, wohin bin ich ge¬ kommen? Zu leicht iſt Ein Tod für die Schuld der Jungfrau! Aber wache ich denn auch und beweine einen wirklichen Schimpf? Nein, ich bin gewiß unſchuldig an allem, und es neckt meinen Geiſt nur ein nichtiges Traumbild, das der Morgenſchlaf wieder entführen wird! Wie wäre es auch möglich, daß ich mich hätte entſchlieſ¬ ſen können, lieber auf dem Rücken eines Unthieres durch unendliche Fluten zu ſchwimmen, als in holder Sicher¬ heit friſche Blumen zu pflücken! So ſprach ſie und fuhr mit der flachen Hand über die Augenlieder, als wollte ſie den verhaßten Traum verwiſchen. Als ſie aber um ſich blickte, blieben die fremden Gegenſtände unverrückt vor ihren Augen; unbekannte Bäume und Felſen umga¬ ben ſie, und eine unheimliche Meeresflut ſchäumte, an un¬ heimlichen Klippen ſich brechend, empor am niegeſchauten Geſtade. Ach, wer mir jetzt den verfluchten Stier aus¬ lieferte, rief ſie verzweifelnd: wie wollte ich ihn zerflei¬ ſchen: nicht ruhen wollte ich, bis ich die Hörner des Un¬42 geheures zerbrochen, das mir jüngſt noch ſo liebenswürdig erſchien! Eitler Wunſch! Nachdem ich ſchamlos die Hei¬ math verlaſſen, was bleibt mir übrig, als zu ſterben? Wenn ich nicht von allen Göttern verlaſſen bin, ſo ſen¬ det mir, ihr Himmliſchen, einen Löwen, einen Tiger! Vielleicht reizt ſie die Fülle meiner Schönheit, und ich muß nicht warten, bis der entſetzliche Hunger an dieſen blühen¬ den Wangen zehrt! Aber kein wildes Thier erſchien; lächelnd und friedlich lag die fremde Gegend vor ihr und vom unumwölkten Himmel leuchtete die Sonne. Wie von Furien beſtürmt, ſprang die verlaſſene Jungfrau auf. Elende Europa, rief ſie, hörſt du nicht die Stimme dei¬ nes abweſenden Vaters, der dich verflucht, wenn du dei¬ nem ſchimpflichen Leben nicht ein Ende machſt! Zeigt er dir nicht jene Eſche, an welche du dich mit deinem Gür¬ tel aufhängen kannſt? Deutet er nicht hin auf jenes ſpitze Felsgeſtein, von welchem herab dich ein Sprung in den Sturm der Meeresflut begraben wird? Oder willſt du lieber einem Barbarenfürſten als Nebenweib dienen, und, als Sclavin, von Tag zu Tag die zugetheilte Wolle abſpinnen, du, ei¬ nes hohen Königes Tochter? So quälte ſich das un¬ glückliche verlaſſene Mädchen mit Todesgedanken, und fühlte doch nicht den Muth in ſich, zu ſterben. Da ver¬ nahm ſie plötzlich ein heimliches ſpottendes Flüſtern hin¬ ter ſich, glaubte ſich belauſcht, und blickte erſchrocken rück¬ wärts. In überirdiſchem Glanze ſah ſie da die Göttin Ve¬ nus vor ſich ſtehen, ihren kleinen Sohn, den Liebesgott, mit geſenktem Bogen zur Seite. Noch ſchwebte ein Lä¬ cheln auf den Lippen der Göttin, dann ſprach ſie: Laß deinen Zorn und Hader, ſchönes Mädchen! Der verhaßte Stier wird kommen und dir die Hörner zum Zerreißen43 darreichen, ich bin es, die dir im väterlichen Hauſe jenen Traum geſendet. Tröſte dich, Europa! Jupiter iſt es, der dich geraubt hat; du biſt die irdiſche Gattin des unbeſieg¬ ten Gottes: unſterblich wird dein Name werden; denn der fremde Welttheil, der dich aufgenommen hat, heißt hinfort Europa!

44

Kadmus.

Kadmus war ein Sohn des phöniziſchen Königes Agenor, ein Bruder der Europa. Als Jupiter dieſe, in einen Stier verwandelt, entführt hatte, ſandte den Kadmus und deſſen Brüder ſein Vater aus, ſie zu ſuchen und ohne ſie erlaubte er ihnen nicht wieder zurückzukom¬ men. Lange hatte Kadmus vergebens die Welt durchirrt, ohne Jupiters Schliche entdecken zu können. Als er die Hoffnung verloren hatte, ſeine Schweſter wieder aufzu¬ finden, ſcheute er ſeines Vaters Zorn, wandte ſich an das Orakel Phöbus-Apollo's und forſchte, welches Land er inskünftige bewohnen ſollte. Apollo gab ihm die Weiſung: Du wirſt ein Rind auf einſamen Auen tref¬ fen, das noch kein Joch geduldet hat. Von dieſem ſollſt du dich leiten laſſen, und an dem Platze, wo es im Graſe ruhen wird, erbaue Mauern und nenne die Stadt Theben.

Kaum hatte Kadmus die kaſtaliſche Höhle verlaſſen, wo Apolls Orakel war, als er ſchon auf der grünen Waide eine Kuh ſich bedächtig ergehen ſah, die noch kein Zeichen der Dienſtbarkeit um den Nacken trug. Laut¬ los zu Phöbus betend folgte er mit langſamen Schritten den Spuren des Thieres. Schon hatte er die Furth des Ccphiſſus durchwatet und war über eine gute Strecke Landes gekommen, als auf einmal das Rind ſtille ſtand, ſein Gehörn gen Himmel ſtreckte und die Luft mit Brül¬ len erfüllte; dann ſchaute es rückwärts nach der Schaar der Männer, die ihm folgte, und kauerte ſich endlich im ſchwellenden Graſe nieder.

45

Voll Dankes warf ſich Kadmus auf der fremden Erde nieder und küßte ſie. Hierauf wollte er dem Jupiter opfern, und hieß die Diener ſich aufmachen um ihm Waſſer aus lebendigem Quell zum Trankopfer zu holen. Dort war ein altes Gehölz, das noch von keinem Beile jemals ausgehauen worden war, mitten darin bildete durch zuſammengefügtes Felsgeſtein, mit Geſtrüppe und Strauchwerk verwachſen, eine Kluft, reich an Quellwaſſer, ein niedriges Gewölbe. In dieſer Höhle verſteckt ruhte ein grauſamer Drache. Weithin ſah man ſeinen rothen Kamm ſchimmern, aus den Augen ſprühte Feuer, ſein Leib ſchwoll von Gift, mit drei Zungen ziſchte er, und mit drei Reihen Zähne war ſein Rachen bewaffnet. Wie nun die Phönizier den Hain betreten hatten, und der Krug, niedergelaſſen, in den Wellen plätſcherte, ſtreckte der bläuliche Drache plötzlich ſein Haupt weit aus der Höhle und erhub ein entſetzliches Ziſchen. Die Schöpf¬ urnen entgleiteten der Hand der Diener, und vor Schrecken ſtockte ihnen das Blut im Leibe. Der Drache aber ver¬ wickelte ſeine ſchuppigen Ringe zum ſchlüpfrigen Knäuel, dann krümmte er ſich im Bogenſprunge, und über die Hälfte aufgerichtet ſchaute er auf den Wald herab. Dann reckte er ſich gegen die Phönizier aus, tödtete die Einen durch ſeinen Biß, die andern erdrückte er mit ſeiner Um¬ ſchlingung, noch andere erſtickte ſein bloßer Anhauch und wieder andere brachte ſein giftiger Geifer um.

Kadmus wußte nicht, warum ſeine Diener ſo lange zauderten. Zuletzt machte er ſich auf, ſelbſt nach ihnen zu ſchauen. Er deckte ſich mit dem Felle, das er einem Lö¬ wen abgezogen hatte, nahm Lanze und Wurfſpieß mit ſich, dazu ein Herz, das beſſer war, als jede Waffe. Das46 erſte was ihm beim Eintritt in den Hain aufſtieß, wa¬ ren die Leichen ſeiner getödteten Diener und über ihnen ſah er den Feind mit geſchwollenem Leibe triumphiren und mit der blutigen Zunge die Leichname belecken. Ihr armen Genoſſen, rief Kadmus voll Jammer aus, entwe¬ der bin ich euer Rächer, oder der Gefährte eures Todes! Mit dieſen Worten ergriff er ein Felsſtück und ſandte es gegen den Drachen. Mauern und Thürme hätte wohl der Stein erſchüttert, ſo groß war er. Aber der Drache blieb unverwundet, ſein harter ſchwarzer Balg und die Schuppenhaut ſchirmten ihn wie ein eherner Panzer. Nun verſuchte es der Held mit dem Wurfſpieß. Dieſem hielt der Leib des Ungeheuers nicht Stand, die ſtählerne Spitze ſtieg tief in ſein Eingeweide nieder. Wüthend vor Schmerz drehte der Drache den Kopf gegen den Rücken und zermalmte dadurch die Stange des Wurf¬ ſpießes, aber das Eiſen blieb im Leibe ſtecken. Ein Streich vom Schwerte ſteigerte noch ſeine Wuth, der Schlund ſchwoll ihm auf, und weißer Schaum floß aus dem giftigen Rachen. Aufrechter als ein Baumſtamm ſchoß der Drache hinaus, dann rannte er mit der Bruſt wieder gegen die Waldbäume. Agenors Sohn wich dem Anfalle aus, deckte ſich mit der Löwenhaut und ließ die Drachenzähne an der Lanzenſpitze ſich abmüden. Endlich fieng das Blut dem Unthier aus dem Halſe zu fließen an, und röthete die grünen Kräuter umher; aber die Wunde war nur leicht, denn es wich jedem Stoß und Stiche aus, und verſtattete ihnen nicht feſt zu ſitzen. Zu¬ letzt jedoch ſtieß ihm Kadmus das Schwert in die Gurgel, ſo tief, daß es rücklings in einen Eichbaum fuhr und mit dem Nacken des Ungeheuers zugleich der Stamm47 durchbohrt wurde. Der Baum wurde von dem Gewichte des Drachen krumm gebogen und ſeufzte, weil er ſich den Stamm von der Spitze des Schweifes gepeitſcht fühlte. Nun war der Feind überwältigt.

Kadmus betrachtete den erlegten Drachen lange; als er ſich wieder umſah, ſtand Pallas-Athene (Minerva), die vom Himmel herniedergefahren war, zu ſeiner Seite, und befahl ihm ſofort die Zähne des Drachen als Nachwuchs künftigen Volkes in aufgelockertes Erdreich zu ſäen. Er gehorchte der Göttin, öffnete mit dem Pflug eine breite Furche auf dem Boden, und fing an die Drachenzähne, wie ihm befohlen war, die Oeffnung entlang auszuſtreuen. Auf einmal begann die Scholle ſich zu rühren, und aus den Furchen hervor blickte zuerſt nur die Spitze einer Lanze, dann kam ein Helm hervor, auf welchem ein far¬ biger Buſch ſich ſchwenkte, bald ragten Schulter und Bruſt, und bewaffnete Arme aus dem Boden, und endlich ſtand ein gerüſteter Krieger, vom Kopf bis zum Fuße der Erde entwachſen, da. Dieß geſchah an vielen Orten zugleich, und eine ganze Saat bewaffneter Männer wuchs vor den Augen des Phöniziers empor.

Agenors Sohn erſchrack und war gefaßt darauf, einen neuen Feind bekämpfen zu müſſen. Aber einer von dem erdentſproſſenen Volke rief ihm zu: Nimm die Waffen nicht, menge dich nicht in innere Kriege! So¬ fort holte dieſer auf einen der ihm zunächſt aus der Furche hervorgekommenen Brüder mit einem Schwert¬ ſtreich aus; ihn ſelbſt ſtreckte zu gleicher Zeit ein Wurf¬ ſpieß nieder, der aus der Ferne geflogen kam. Auch der, welcher ihm den Tod gegeben, verhauchte unter einer Wunde den kaum empfangenen Lebensathem bald wieder. 48Der ganze Männerſchwarm tobte in fürchterlichem Wech¬ ſelkampfe; faſt alle lagen mit zuckender Bruſt auf dem Boden und die Mutter Erde trank das Blut ihrer eben erſt geborenen Söhne. Nur fünf waren übrig geblieben. Einer davon er ward ſpäter Echion genannt warf zuerſt auf Minervens Geheiß die Waffen zur Erde, und erbot ſich zum Frieden; ihm folgten die Anderen.

Mit dieſer fünf erdentſproſſenen Krieger Hülfe baute der phöniziſche Fremdling Kadmus die neue Stadt, dem Orakel des Phöbus gehorſam, und nannte ſie, wie ihm befohlen war, Theben.

49

Pentheus.

Zu Theben ward Bacchus oder Dionysos, der Sohn Jupiters und Semele's, der Enkel des Kadmus, wunderbar geboren, der Gott der Fruchtbarkeit, der Er¬ finder des Weinſtocks. In Indien erzogen, verließ er bald die Nymphen, ſeine Pflegerinnen, und durchreiste die Länder, um allenthalben die Menſchen zu bilden, den Bau des herzerfreuenden Weines zu lehren, und die Ver¬ ehrung ſeiner Gottheit zu gründen. So gütig er gegen ſeine Freunde war, ſo hart beſtrafte er diejenigen, die ſeinen Gottesdienſt nicht anerkennen wollten. Schon war ſein Ruhm durch die Städte Griechenlands und bis zur Stadt ſeiner Geburt, nach Theben, gedrungen. Dort aber herrſchte Pentheus, welchem Kadmus das Königreich über¬ geben hatte, der Sohn des erdentſproßenen Echion und der Agave, einer Mutterſchweſter des Bacchus. Dieſer war ein Verächter der Götter und zu meiſt ſeines Ver¬ wandten, des Dionyſos. Als nun der Gott mit ſeinem jauchzenden Gefolge von Bacchanten herannahte, um ſich dem Könige von Theben als Gott zu offenbaren, hörte dieſer nicht auf die Warnung des blinden, greiſen Se¬ hers Tireſias, und als ihm die Nachricht zu Ohren kam, daß auch aus Theben Männer, Frauen und Jungfrauen zur Verehrung des neuen Gottes hinausſtrömten, fing er an ergrimmt zu ſchelten: Welch ein Wahnſinn hat euch bethört, ihr drachenentſproſſenen Thebaner, daß ihr, die kein Schlachtſchwert, keine Trompete jemals geſchreckt hat, jetzt ein weichlicher Zug von berauſchten Thoren und Weibern beſiegt? Und ihr Phönizier, die ihr weit überSchwab, das klaſſ. Alterthum. I. 450Meere hierher gefahren ſeyd, und euren alten Göttern eine Stadt gegründet, habt ihr ganz vergeſſen, aus wel¬ chem Heldengeſchlecht ihr gezeugt ſeyd? Wollt ihr es dul¬ den, daß ein wehrloſes Knäblein Theben erobere, ein Weichling mit balſamtriefendem Haar, auf dem ein Kranz aus Weinlaub ſitzt, in Purpur und Gold anſtatt in Stahl gekleidet, der kein Roß tummeln kann, dem keine Wehr, keine Fehde behagt? Wenn nur Ihr wieder zur Beſinnung kommet, ſo will ich ihn bald nöthigen, einzuge¬ ſtehen, daß er ein Menſch iſt, wie ich, ſein Vetter, daß nicht Jupiter ſein Vater und alle dieſe prächtige Gottes¬ verehrung erlogen iſt! Dann wandte er ſich zu ſeinen Dienern, und befahl ihnen, den Anführer dieſer neuen Raſerey, wo ſie ihn anträfen, zu faſſen und in Feſſeln herzuſchleppen.

Seine Freunde und Verwandte, die um den König waren, erſchracken über dieſen frechen Befehl, ſein Ahn¬ herr Kadmus, der in hohem Greiſenalter noch lebte, ſchüt¬ telte das Haupt und mißbilligte das Thun des Enkels; aber durch Ermahnungen wurde ſeine Wuth nur geſtachelt, ſie ſchäumte über alle Hinderniſſe hin, wie ein raſender Fluß über das Wehr.

Unterdeſſen kamen die Diener mit blutigen Köpfen zurück. Wo habt ihr den Bacchus? rief ihnen Pentheus zornig entgegen. Den Bacchus, antworteten ſie, haben wir nirgends geſehen. Dafür bringen wir hier einen Mann aus ſeinem Gefolge. Er ſcheint noch nicht lange bei ihm zu ſeyn. Pentheus ſtarrte den Gefangenen mit grimmigen Augen an, und ſchrie dann: Mann des To¬ des! denn auf der Stelle mußt du, den andern zu einem warnenden Beiſpiele, ſterben! Sag an, wie heißt dein51 und deiner Eltern Name, wie dein Land; und, ſag 'auch, warum verehrſt du die neuen Gebräuche?

Frei und ohne Furcht erwiederte Jener: Mein Name iſt Akötes, meine Heimath Mäonien, meine Eltern ſind aus dem gemeinen Volke. Keine Fluren, keine Heerden ließ mir der Vater zum Erbtheil, er lehrte mich nur die Kunſt mit der Angelruthe zu fiſchen, denn dieſe Kunſt war all ſein Reichthum. Bald lernte ich auch ein Schiff regieren, die leitenden Geſtirne, die Winde, die wohlgele¬ genen Häfen kennen, und fing an, Schiffahrt zu trei¬ ben. Einſt, auf einer Fahrt nach Delos, gerieth ich an eine unbekannte Küſte, wo wir anlegten. Ein Sprung brachte mich auf den feuchten Sand, und ich übernachtete hier noch ohne die Gefährten am Ufer. Des andern Tages machte ich mich mit der erſten Morgenröthe auf, und beſtieg einen Hügel, um zu ſehen, was der Wind uns verſpreche. Inzwiſchen hatten auch meine Gefähr¬ ten gelandet, und auf dem Rückwege nach dem Schiffe begegnete ich ihnen, wie ſie gerade einen Jüngling mit ſich ſchleppten, den ſie am verlaſſenen Geſtade geraubt hatten. Der Knabe, von jungfräulicher Schönheit, ſchien vom Weine betäubt, taumelnd wie von Schläfrigkeit, und hatte Mühe, ihnen zu folgen. Als ich Angeſicht, Hal¬ tung, Bewegung des Jünglings näher ins Auge faßte, ſchien ſich mir an demſelben etwas Ueberirdiſches zu of¬ fenbaren. Was für ein Gott in dem Jüngling ſey, ſo ſprach ich zu der Mannſchaft, weiß ich noch nicht recht; aber ſo viel iſt mir gewiß, daß ein Gott in ihm iſt. Wer du auch ſeyeſt, ſprach ich weiter, ſey uns hold und fördere unſere Arbeit! Verzeih auch dieſen, die dich geraubt! Was fällt dir ein, rief ein anderer, laß4 *52du das Beten! Auch die übrigen lachten über mich, von Raubgier verblendet, und ſomit faſſten ſie den Knaben, um ihn in das Schiff zu ſchleppen. Vergebens ſtellte ich mich entgegen: der Jüngſte und Kräftigſte unter der Rotte, aus einer Tyrrheniſchen Stadt wegen eines Mor¬ des flüchtig, packte mich an der Gurgel und ſechleuderte mich hinaus. Ich wäre im Meere ertrunken, wenn mich das Tackelwerk nicht aufgefangen hätte. Inzwiſchen war der Knabe wie in tiefem Schlummer auf dem Schiffe, wohin man ihn gebracht hatte, gelegen. Plötzlich, wie vom Geſchrei erwacht und vom Rauſche zurückgekehrt, raffte er ſich auf, trat unter die Schiffer und rief: Wel¬ cher Lärm? Sprecht ihr Männer, durch welches Geſchick kam ich hierher? Wohin wollt ihr mich bringen? Fürchte dich nicht Knabe, ſprach einer der falſchen Schiffer, nenne uns nur den Hafen, nach welchem du gebracht zu werden wünſcheſt, gewiß wir ſetzen dich ab, wo du es verlangſt. Nun wohl, ſprach der Knabe, ſo richtet den Lauf nach der Inſel Naxos, dort iſt meine Heimath! Die Betrüger verſprachen es ihm bei allen Göttern und hießen mich die Segel richten. Uns zur rechten Seite lag Naxos. Wie ich nun die Segel rechtshin ſpanne, winken und murmeln ſie mir alle zu: Unſinniger, was machſt du? Was für ein Wahnwitz plagt dich? Fahr links! Ich erſtaunte darüber, und be¬ griff ſie nicht. Nehme ſich ein anderer des Schiffes an! ſprach ich, und trat auf die Seite. Als ob das Heil unſrer Fahrt allein auf dir beruhte! ſchrie mich ein roher Geſelle an, und verrichtete das Geſchäft anſtatt meiner. So ließen ſie Naxos liegen, und ſteuerten in der entgegengeſetzten Richtung. Hohnlächelnd, als ob er53 den Trug jetzt erſt bemerke, ſchaute der Götterjüngling vom Hinterverdeck in die See, und mit verſtellten Thrä¬ nen ſprach er: Wehe, nicht dieſe Geſtade verhießet ihr mir, Schiffer, dieß iſt nicht das erbetene Land! Iſt es auch Recht, daß ihr alten Männer ein Kind auf dieſe Weiſe täuſchet? Aber die gottesvergeſſene Rotte ſpottete ſeiner und meiner Thränen, und ruderte eilig davon. Plötzlich aber, als umſchlöße ſie ein trockenes Schiffs¬ werft, ſtand die Barke mitten im Meere ſtill. Vergebens ſchlagen ihre Ruder die See, ziehen ſie die Segel herab, ſtreben fort mit doppelter Kraft. Epheu fängt an die Ruder zu umſchlingen, kriecht rückwärts in geſchlängelter Windung herauf, ſtreift mit ſeinen ſchwellenden Träub¬ chen ſchon die Segel; Bacchus ſelbſt denn er war es ſteht herrlich da, die Stirn mit beerenbelaſteten Trau¬ ben bekränzt, den mit Weinlaub umſchlungenen Thyrſus¬ ſtab ſchwingend. Tiger, Luchſe, Panther erſchienen um ihn gelagert, ein duftiger Strom von Wein ergoß ſich durch das Schiff. Jetzt ſprangen die Männer ſcheu em¬ por, in Furcht und Wahnſinn. Dem erſten, der auf¬ ſchreien wollte, krümmte ſich Mund und Naſe zum Fiſchmaul, und ehe die andern ſich darüber entſetzen konnten, war auch ihnen das gleiche geſchehen, ihr Leib ſenkte ſich von blauen Schuppen umgeben, der Rückgrat wurde hochge¬ wölbt, die Arme ſchrumpften zu Floßfedern ein, die Füße vereinigten ſich zu einem Schwanze. Sie waren alle mit¬ einander zu Fiſchen geworden, ſprangen in das Meer und tauchten auf und nieder. Ich von zwanzigen war allein übrig geblieben, aber ich zitterte an allen Gliedern und erwartete jeden Augenblick dieſelbe Verwandlung. Bacchus jedoch ſprach mir freundlich zu, weil ich ihm ja54 nur Gutes erwieſen habe. Fürchte dich nicht, ſagte er, und ſteure mich gen Naxos. Als wir dort gelandet hatten, weihte er mich an ſeinem Altar zum feierlichen Dienſte ſeiner Gottheit ein.

Schon zu lange horchen wir deinem Geſchwätz, ſchrie jetzt der König Pentheus, auf, ergreifet ihn, ihr Diener, peinigt ihn mit tauſend Martern und ſchickt ihn zur Unterwelt hinab! Die Knechte gehorchten und war¬ fen den Schiffer gefeſſelt in einen tiefen Kerker. Aber eine unſichtbare Hand befreite ihn.

Nun begann erſt die ernſtliche Verfolgung der Bac¬ chusfeier. Des Pentheus eigene Mutter, Agave und ihre Schweſtern, hatten Theil an dem rauſchenden Gottes¬ dienſte genommen. Der König ſandte nach ihnen aus, und ließ alle Bacchantinnen in den Stadtkerker werfen. Aber ohne Hülfe eines Sterblichen werden auch ſie ihrer Bande ledig, die Pforten ihres Gefängniſſes thun ſich auf, und ſie rennen in bacchiſcher Begeiſterung frei in den Wäldern umher. Der Diener, der abgeſandt worden, mit bewaffneter Macht den Gott ſelbſt einzufangen, kam ganz beſtürzt zurück, denn Jener hatte ſich willig und lä¬ chelnd den Feſſeln dargeboten. So ſtand er jetzt gefangen vor dem Könige, der ſelber nicht umhin konnte, ſeine ju¬ gendliche göttliche Schönheit zu bewundern. Und doch beharrte er in ſeiner Verblendung, und behandelte ihn als einen Betrüger, der den Namen Bacchus fälſchlich führe. Er ließ den gefangenen Gott mit Feſſeln belaſten und im hinterſten und tiefſten Theile ſeines Pallaſtes, in der Nähe der Pferdekrippen, in einem dunkeln Loche ver¬ wahren. Auf des Gottes Geheiß ſpaltete jedoch ein Erd¬ beben das Gemäuer, ſeine Bande verſchwanden. Er trat55 unverſehrt und herrlicher als zuvor in die Mitte ſeiner Verehrer.

Ein Bote über dem andern kam vor den König Pentheus und meldete ihm, welche Wunderthaten die Chöre begeiſterter Frauen, von ſeiner Mutter und ihren Schweſtern angeführt, verrichteten. Ihr Stab durfte nur an Felſen ſchlagen, ſo ſprang Waſſer oder ſprudelnder Wein heraus, die Bäche floßen unter ſeinem Zauberſchlage mit Milch, aus den hohlen Bäumen träufelte Honig. Ja, fügte einer der Boten hinzu, wäreſt du zugegen geweſen, o Herr, und hätteſt den Gott, den du jetzt ſchiltſt, ſelbſt geſehen, du würdeſt dich in Gebeten vor ihm nie¬ dergeworfen haben!

Pentheus, immer entrüſteter, bot auf dieſe Nachrichten alle ſchwerbewaffneten Krieger, alle Reiter, alle Leichtbe¬ ſchildeten gegen das raſende Weiberheer auf. Da erſchien Bacchus ſelbſt wieder, und trat als ſein eigener Abgeord¬ neter vor den König. Er verſprach, ihm die Bac¬ chantinnen entwaffnet vorzuführen, wenn nur der Kö¬ nig ſelbſt die Frauentracht anlegen wolle, damit er nicht als Mann und Uneingeweihter von ihnen zerriſ¬ ſen werde. Ungerne und mit ſehr natürlichem Mi߬ trauen ging Pentheus auf den Vorſchlag ein; doch folgte er endlich dem Gotte zur Schlachtbank. Aber als er hinausſchritt zur Stadt, war er ſchon vom Wahn¬ ſinne, den ihm der mächtige Gott zugeſandt hatte, beſeſſen. Ihm däuchte es, als ſchaue er zwei Sonnen, ein gedop¬ peltes Theben, und jedes ſeiner Thore zwiefach. Bacchus ſelbſt kam ihm vor, wie ein Stier, der mit großen Hör¬ nern an dem Kopfe vor ihm herſchreite. Er ſelbſt wurde wider Willen von bacchiſcher Begeiſterung ergriffen, ver¬56 langte und erhielt einen Thyrſusſtab, und ſtürmte in Ra¬ ſerei dahin. So gelangten ſie in ein tiefes, quellenrei¬ ches, von Fichten beſchattetes Thal, wo die Bacchus¬ prieſterinnen ihrem Gotte Hymnen ſangen, andere ihre Thyrſusſtäbe mit friſchem Epheu bekleideten. Des Pen¬ theus Augen aber waren mit Blindheit geſchlagen, oder ſein Führer Bacchus hatte ihn ſo zu leiten gewußt, daß ſie die Verſammlung der begeiſterten Frauen nicht gewahr wurden. Der Gott faßte nun mit ſeiner wunderbar in die Höhe reichenden Hand den Gipfel eines Tannenbau¬ mes, beugte ihn hernieder, wie man einen Weidenzweig biegt, ſetzte den wahnſinnigen Pentheus darauf, und ließ den Baum ſachte und vorſichtig allmählig wieder in ſeine vorige Lage zurückkehren. Wie durch ein Wunder blieb der König feſt ſitzen und erſchien auf einmal, hoch auf dem Tannenwipfel hingepflanzt, den Bacchantinnen im Thale, ohne daß er ſie erblickte. Dann rief Dionyſos mit lauter Stimme ins Thal hinab: Ihr Mägde, ſchauet hier den, der unſere heiligen Feſte verſpottet; beſtrafet ihn! Der Aether ſchwieg, kein Blatt im Walde regte ſich, kein Schrei eines Wildes ertönte. Auf richteten ſich die Bacchantinnen, ſperrten ihre Augenſterne weit auf, und horchten auf der Stimme Hall, die zum zweitenmal er¬ tönte. Als ſie in dem Wort ihren Meiſter erkannt, ſchoſſen ſie dahin, ſchneller denn Tauben; wilder Wahnſinn, vom Gotte geſandt, trieb ſie mitten durch die angeſchwol¬ lenen Waldbäche. Endlich waren ſie nahe genug gekom¬ men, um ihren Herrn und Verfolger auf dem Tannenwi¬ pfel ſitzen zu ſehen. Schnell flogen Kieſel, abgeriſſene Tannenäſte, Thyrſusſtäbe gegen den Unglücklichen empor, ohne die Höhe zu erreichen, in der er zitternd ſchwebte.

57

Endlich durchwühlten ſie mit harten Eichenäſten den Bo¬ den rings um den Tannenbaum, bis die Wurzel bloß war, und Pentheus unter lautem Jammergeſchrei mit der ſtür¬ zenden Tanne aus der Höhe zu Boden fiel. Seine Mut¬ ter Agave, vom Gotte geblendet, daß ſie den Sohn nicht wieder erkannte, gab das erſte Zeichen zum Morde. Dem Könige ſelbſt hatte die Angſt ſeine volle Beſinnung wie¬ der gegeben. Mutter, rief er, ſie umhalſend, kennſt du deinen Sohn nicht mehr, deinen Sohn Pentheus, den du im Hauſe Echions geboren? Hab 'Erbarmen mit mir, ſey du es nicht, Mutter, die meine Sünden am eigenen Kinde ſtraft! Aber die wahnſinnige Bacchusprieſterin, ſchäu¬ mend und mit weit aufgeſperrten Augen, ſah nicht ihren Sohn in Pentheus, ſondern glaubte einen Berglöwen in ihm zu erblicken, faßte ihn an der Schulter und riß ihm den rechten Arm vom Leibe; die Schweſtern verſtümmel¬ ten den linken; die ganze, wüthende Rotte ſtürmte auf ihn ein, jede ergriff ein Glied des Zerriſſenen; Agave ſelbſt umklammerte das entriſſene Haupt mit blutigen Fingern und trug es als ein Löwenhaupt auf einen Thyr¬ ſusſtab geſteckt durch die Wälder des Cithäron.

So rächte der mächtige Gott Bacchus ſich an dem Verächter ſeines Gottesdienſtes.

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Perſeus.

Perſeus, der Sohn Jupiters, wurde mit ſeiner Mutter Danae von dem Großvater Akriſius, Könige von Argos, dem ein Orakelſpruch geſagt hatte, daß ein Enkel ihm Leben und Thron rauben würde, in einen Kaſten eingeſchloſſen und ins Meer geworfen; Jupiter behütete ſie in den Stürmen des Meeres, und ſie ſchwammen bei der Inſel Seriphos ans Land. Dort herrſchten zwei Brüder, Dik¬ tys und Polydektes. Diktys fiſchte eben, als der Kaſten angeſchwommen kam, und zog ihn ans Land. Beide Brüder nahmen ſich der Verlaſſenen liebreich an; Poly¬ dektes erhob die Mutter zu ſeiner Gemahlin, und der Sohn Jupiters, Perſeus, wurde von ihm ſorgfältig erzo¬ gen.

Als Perſeus herangewachſen war, überredete ihn ſein Stiefvater, auf Thaten auszuziehen und etwas Großes zu unternehmen. Der muthige Jüngling zeigte ſich willig, und bald waren ſie einig darüber, daß Perſeus der Me¬ duſa ihr furchtbares Haupt abſchlagen und dem Könige nach Seriphos bringen ſollte. Perſeus machte ſich auf den Weg und kam unter Leitung der Götter in die ferne Gegend, wo Phorkus, der Vater vieler entſetzlicher Unge¬ heuer, hauste. Zuerſt traf er auf drei ſeiner Tochter, die Gräen oder Grauen; dieſe waren grauhaarig von Geburt an; alle drei mit einander hatten ſie nur Ein Auge und Einen Zahn, die ſie einander gegenſeitig abwechslungsweiſe zum Gebrauche liehen. Perſeus nahm ihnen beides weg, und als ſie ihn flehentlich baten, das unentbehrlichſte ih¬ nen doch wieder zu geben, zeigte er ſich zur Zurückerſtat¬59 tung mir unter der Bedingung bereit, daß ſie ihm den Weg zu den Nymphen zeigen ſollten. Dieſes waren andere Wundergeſchöpfe, die Flügelſchuhe, einen Schubſack als Taſche und einen Helm von Hundefell beſaßen. Wer ſich damit bekleidete, konnte fliegen, wohin er wollte; ſah, wen er wollte, und wurde von Niemand geſehen. Die Töchter des Phorkus zeigten dem Perſeus den Weg zu den Nymphen und erhielten Zahn und Auge von ihm zu¬ rück. Bei den Nymphen fand und nahm er, was er wollte, warf den Schubſack um, ſchnallte die Flügelſchuhe an ſeine Knöchel und ſetzte den Helm aufs Haupt. Dazu erhielt er von Merkurius eine eherne Sichel, und ſo aus¬ gerüſtet flog er zu dem Ocean, wo die andern drei Töch¬ ter des Phorkus, die Gorgonen, hausten. Die dritte, die Meduſa hieß, war allein ſterblich; darum war auch Perſeus ausgeſandt worden, ihr Haupt zu holen. Er fand die Ungeheuer ſchlafend; ihre Häupter waren mit Drachenſchuppen überſäet, mit Schlangen, ſtatt Haaren bedeckt, große Hauzähne hatten ſie, wie Schweine, eherne Hände, und goldene Flügel, mit welchen ſie flogen. Jeden, der ſie anſah, verwandelte dieſer Anblick in Stein. Das wußte Perſeus. Mit abgewandtem Geſichte ſtellte er ſich deßwegen vor die Schlafenden, und fing nur in ſeinem ehernen, glänzenden Schilde ihr dreifaches Bild auf. So erkannte er die Gorgo Meduſa heraus, Minerva führte ihm die Hand, und er ſchnitt dem ſchlafenden Ungeheuer ohne Gefährde das Haupt ab. Kaum war dieß vollbracht, ſo entſprang dem Rumpfe ein geflügeltes Roß, der Pe¬ gaſus, und ein Rieſe, Chryſaor. Beides waren Geſchöpfe des Poſeidon oder Neptunus. Perſeus ſchob nun das Haupt der Meduſa in den Schubſack, und entfernte ſich60 rücklings, wie er gekommen war. Indeſſen hatten ſich die Schweſtern Meduſa's vom Lager erhoben. Sie er¬ blickten den Rumpf der getödteten Schweſter und erho¬ ben ſich auf ihren Fittichen, den Räuber zu verfolgen. Dieſen aber verbarg der Nymphenhelm vor ihren Augen und ſie konnten ihn nirgends inne werden. In der Luft faßten inzwiſchen den Perſeus die Winde und ſchleuderten ihn, wie Regengewölk, bald da bald dorthin; als er über den Sandwüſten Libyens ſchwebte, rieſelten blutige Tro¬ pfen vom Meduſenhaupte auf die Erde nieder, welche ſie auffing und zu bunten Schlangen belebte. Seitdem iſt jenes Erdreich an feindſeligen Nattern ſo ergiebig. Perſeus flog nun weiter weſtwärts und ſenkte ſich endlich im Reiche des Königes Atlas nieder, um ein wenig zu raſten. Dieſer hütete einen Hain voll goldener Früchte mit einem gewaltigen Drachen. Umſonſt bat der Beſieger der Gorgone ihn um ein Obdach. Für ſein goldenes Beſitzthum bange, ſtieß ihn Atlas unbarmherzig von ſei¬ nem Pallaſte fort. Da ergrimmte Perſeus und ſprach: Du willſt mir nichts gönnen: empfange du wenigſtens ein Geſchenk von mir. Er holte die Gorgo aus ſeinem Schubſacke hervor, wandte ſich ab und ſtreckte ſie dem König Atlas entgegen. Groß wie der König war, wurde er augenblicklich zu Stein und in einen Berg ver¬ wandelt, Bart und Haupthaar dehnten ſich zu Wäldern aus; Schultern, Hände und Gebein wurden Felsrücken; ſein Haupt wuchs als hoher Gipfel in die Wolken. Per¬ ſeus nahm ſeine Fittiche wieder, und ſchnallte ſie ſich an die Sohlen, hängte ſich den Schubſack um, ſetzte den Helm auf und ſchwang ſich in die Lüfte. Auf ſeinem Fluge kam er an eine Küſte Aethiopiens, wo der König Cepheus61 regierte. Hier ſah er an eine hervorragende Meeres¬ klippe eine Jungfrau angebunden. Wenn nicht ihr Haupt¬ haar ein Lüftchen bewegt hätte und in ihren Augen Thränen gezittert, ſo würde er ſie für ein Marmorbild gehalten haben. Faſt hätte er in der Luft die Flügel zu bewegen vergeſſen, ſo bezaubert war er von dem Reize ihrer Schönheit. Sprich, ſchöne Jungfrau, redete er ſie an, du, die du ganz anderes Geſchmeide verdienteſt, warum biſt du hier in Banden? nenne mir doch den Namen dei¬ nes Landes, nenne mir deinen eigenen Namen! Das ge¬ feſſelte Mädchen ſchwieg verſchämt; ſie ſcheute ſich den fremden Mann anzureden, und hätte gern ihr Angeſicht mit den Händen bedeckt, wenn ſie ſie hätte regen können. So aber konnte ſie nur ihre Augen mit quellenden Thrä¬ nen füllen. Endlich, damit der Fremdling nicht glauben möchte, ſie habe eine eigene Schuld vor ihm zu verber¬ gen, erwiederte ſie: Ich bin Cepheus des Königs der Aethiopier Tochter, und heiße Andromeda. Meine Mut¬ ter hatte gegen die Töchter des Nereus, die Meeres¬ nymphen, geprahlt, ſchöner zu ſeyn als ſie Alle. Darüber zürnten die Nereiden, und ihr Freund, der Meeresgott, ließ eine Ueberſchwemmung und einen alles verſchlingenden Haifiſch über das Land kommen. Ein Orakelſpruch ver¬ ſprach uns Befreiung von der Plage, wenn ich, die Toch¬ ter der Königin, dem Fiſche zum Fraße hingeworfen würde. Das Volk drang in meinen Vater, dieſes Rettungsmittel zu ergreifen, und die Verzweiflung zwang ihn, mich an dieſen Felſen zu binden.

Sie hatte die letzten Worte noch nicht ausgeſprochen, als die Wogen aufrauſchten und aus der Tiefe des Mee¬ res ein Scheuſal auftauchte, das mit ſeiner breiten Bruſt62 die ganze Waſſerfläche umher einnahm. Das Mädchen jammerte laut auf; zugleich ſah man Vater und Mutter herbeieilen, beide troſtlos, doch in der Mutter Zügen drückte ſich noch dazu das Bewußtſeyn der Schuld aus. Sie umarmten die gefeſſelte Tochter, aber ſie brachte ihr nichts mit als Thränen und Wehklagen. Jetzt begann der Fremdling: Zum Jammern wird euch noch Zeit genug übrig bleiben; die Stunde der Rettung iſt kurz. Ich bin Perſeus, der Sprößling Jupiters und der Danae, ich habe die Gorgone beſiegt, und wunder¬ bare Flügel tragen mich durch die Luft. Selbſt wenn die Jungfrau frei wäre und zu wählen hätte, wäre ich kein verächtlicher Eidam! Jetzt werbe ich um ſie, mit dem Erbieten, ſie zu retten. Nehmet ihr meine Bedingung an? Wer hätte in ſolcher Lage gezaudert? Die erfreuten El¬ tern verſprachen ihm nicht nur die Tochter, ſondern auch ihr eigenes Königreich zur Mitgift.

Während ſie dieſes verhandelten, war das Unthier wie ein ſchnellruderndes Schiff herangeſchwommen und