PRIMS Full-text transcription (HTML)
die ſchoͤnſten Sagen des klaſſiſchen Alterthums.
Dritter Theil. Die letzten Tantaliden. Odyſſeus. Aeneas.
Mit einem Titelbilde.
[I][II]
[figure]
[III]
Die ſchönſten Sagen des klaſſiſchen Alterthums.
Nach ſeinen Dichtern und Erzählern
Dritter Theil.
Mit einem Titelbilde.
Stuttgart.Verlag von S. G. Lieſching.1840.
[IV][V]

Vorwort.

Mit dieſem dritten Bande hat der Sagenkreis des klaſſiſchen Alterthums, ſoweit derſelbe auf allgemeines Verſtändniß Anſpruch machen kann, ſeinen Schluß in unſrem hiermit beendigten Werke gefunden, und der Verfaſſer glaubt verſichern zu dürfen, daß kein weſentliches Element dieſer Sage, das überhaupt Gegenſtand der unſerer Zeit überlieferten Erzählung oder Dichtung iſt, übergangen worden ſey. Anfangs, als der Plan des Aufnehmbaren von ihm entworfen wurde, hielt derſelbe es faſt für unmöglich, die Schick¬ ſale der letzten Tantaliden einer Leſewelt, die zum großen Theile vorausſichtlich aus Frauen und Kindern beſtehen ſollte, un¬ verkürzt mitzutheilen. Das Verlangen nach Vollſtändigkeit ermuthigte ihn jedoch zu dem Verſuche, auch dieſe Schwierigkeit zu überwinden,VI und er hofft, daß das gerechte Urtheil, welches in den früheren Bän¬ den zarte Schonung verletzbarer Ohren und mit heiliger Scheu zu behandelnder Gemüther anerkannt hat, ſich auch auf die Bearbei¬ tung des genannten Stoffes erſtrecken werde. Bei der möglichſt hergeſtellten Harmonie der Tragiker iſt beſondere Rückſicht auf dieſe Forderung der Sittlichkeit, welche ſelbſt der freieſte Schönheitsſinn anerkennen wird, genommen worden.

In der Behandlung der Odyſſee war eine ſolche Vorſicht nicht nöthig. Hier brauchte ſich der Darſteller nur ſo ſtreng als möglich an das Originalkunſtwerk des Alterthums zu halten, um den rührendſten Eindruck der Unſchuld und Sittenreinheit zu machen. Wer ſich überzeugen will, daß die menſchliche Natur, ſo untüchtig durch ſich ſelbſt zum vollkommen Guten, doch keineswegs vollkommen untüchtig zum Guten iſt, der ſtärke ſeinen Glauben an die Menſch¬ heit, welcher der frömmſten Religionsüberzeugung nicht zuwider¬ läuft, an dieſem Werke des grauen Heidenthums.

Die Aeneis hat dem Verfaſſer am meiſten zu ſchaffen gemacht. Hier die Längen abzuſchneiden, ohne das Ziel des Weges ſelbſt un¬ zugänglich zu machen; alle jene Zuthaten erſonnener Volksſage, die, nach einer Ilias und Odyſſee, in ihrem prunkenden Scheine ſelbſt einem Kinde fühlbar werden müßten, zu entfernen, ohne den ZuſammenhangVII der originellſten und lieblichſten Erfindungen, die bald einen Theil der poetiſchen Geſchichte des Gedichtes, bald unſchätzbare Epiſoden bilden, unerkennbar zu machen, oder gar zu zerſtören: dieß em¬ pfand der Bearbeiter als keine kleine Aufgabe; zumal da dieſelbe noch von keinem modernen Erzähler der Sagen des Alterthums verſucht worden war. Sein Beſtreben ging dahin, durch Zuſammendrängen weſentlicher Schönheit dem kunſtvollen Werke des Römers für die Jugend einen Reiz der Neuheit und gewiſſermaßen der Kurzweilig¬ keit zu geben, den man im Originale vergebens ſucht.

Und ſo möchten denn alle dieſe Sagen zuſammen, als der In¬ begriff der claſſiſchen Heroenmythen, ſich durch gewiſſenhafte und dem Zwecke des Buches angemeſſene Bearbeitung ihres Inhalts, zahlreiche Freunde bei den Jungen, und manche auch bei den Alten erwerben. Mit dieſem Wunſche entläßt der Verfaſſer ſein Werk, das für ihn zugleich der Wiederhall zwanzigjähriger öffentlicher und häuslicher Beſchäftigungen iſt.

G. Schwab.

[VIII][IX]

Inhalts-Ueberſicht.

Erſtes Buch. Die letzten Tantaliden.
  • Seite.
  • Agamemnon's Geſchlecht und Haus3
  • Agamemnon's Ende8
  • Agamemnon gerächt14
  • Oreſtes und die Eumeniden29
  • Iphigenia zu Tauri43
Zweites Buch Odyſſeus. Erſter Theil.
  • Telemach und die Freier67
  • Telemach bei Neſtor80
  • Telemach zu Sparta86
  • X
  • Seite.
  • Verſchwörung der Freier92
  • Odyſſeus ſcheidet von Kalypſo, und ſcheitert im Sturm95
  • Nauſikaa100
  • Odyſſeus bei den Phäaken107
  • Odyſſeus erzählt den Phäaken ſeine Irrfahrten. (Cikonen. Lotophagen, Cyklopen, Polyphem.) 123
  • Odyſſeus erzählt weiter. (Der Schlauch des Aeolus. Die Läſtrygonen. Circe.) 137
  • Odyſſeus erzählt weiter. (Das Schattenreich.) 152
  • Odyſſeus erzählt weiter. (Die Sirenen. Scylla und Cha¬ rybdis. Thrinakia und die Heerden des Sonnengottes. Schiff¬ bruch. Odyſſeus bei Kalypſo.) 160
  • Odyſſeus verabſchiedet ſich von den Phäaken170
Drittes Buch. Odyſſeus. Zweiter Theil.
  • Odyſſeus kommt nach Ithaka175
  • Odyſſeus bei dem Sauhirten182
  • Telemach verläßt Sparta191
  • Geſpräche beim Sauhirten197
  • Telemach kommt heim201
  • Odyſſeus gibt ſich dem Sohne zu erkennen205
  • Vorgänge in der Stadt und im Palaſt209
  • Telemach, Odyſſeus und Eumäus kommen in die Stadt213
  • Odyſſeus als Bettler im Saal220
  • Odyſſeus und der Bettler Irus225
  • Penelope vor den Freiern229
  • XI
  • Seite.
  • Odyſſeus abermals verhöhnt232
  • Odyſſeus mit Telemach und Penelope allein235
  • Die Nacht und der Morgen im Palaſte243
  • Der Feſtſchmaus247
  • Der Wettkampf mit dem Bogen250
  • Odyſſeus entdeckt ſich den guten Hirten254
  • Die Rache259
  • Beſtrafung der Mägde267
  • Odyſſeus und Penelope269
  • Odyſſeus und Laertes275
  • Aufruhr in der Stadt durch Athene geſtillt283
  • Der Sieg des Odyſſeus286
Viertes Buch. Aeneas. Erſter Theil.
  • Aenens verläßt die trojaniſche Küſte293
  • Den Flüchtlingen wird Italien verſprochen298
  • Sturm und Irrfahrten. Die Harpyien302
  • Aeneas an der Küſte Italiens. Sicilien und der Cyklopen¬ ſtrand. Tod des Anchiſes306
  • Aeneas nach Karthago verſchlagen311
  • Venus von Jupiter mit Rom getröſtet. Sie erſcheint ihrem Sohne316
  • Aeneas in Karthago321
  • Dido und Aeneas327
  • Dido's Liebe bethört den Aeneas330
  • Aeneas verläßt auf Jupiters Befehl Karthago334
XII
Fünftes Buch. Aeneas. Zweiter Theil.
  • Seite.
  • Der Tod des Palinurus. Landung in Italien. Latinus. Lavinia
  • 347 Lavinia dem Aeneas zugeſagt352
  • Juno facht Krieg an. Amata. Turnus. Die Jagd der Trojaner355
  • Ausbruch des Krieges. Aeneas ſucht bei Evander Hülfe361
  • Der Schild des Aeneas367
  • Turnus im Lager der Trojaner371
  • Niſus und Euryalus375
  • Sturm des Turnus abgeſchlagen382
  • Aeneas kommt ins Lager zurück387
  • Aeneas und Turnus kämpfen. Turnus tödtet den Pallas391
  • Turnus von Juno gerettet. Lauſus und Mezentius von Aeneas erſchlagen394
Sechstes Buch. Aeneas. Dritter Theil.
  • Waffenſtillſtand405
  • Volksverſammlung der Latiner408
  • Neue Schlacht. Kamilla fällt413
  • Unterhandlung. Verſuchter Zweikampf. Friedensbruch. Aeneas meuchleriſch verwundet420
  • Aeneas geheilt. Neue Schlacht. Sturm auf die Stadt427
  • Turnus ſtellt ſich zum Zweikampf und erliegt. Ende. 431
[1]

Erſtes Buch.

Die letzten Tantaliden.

Agamemnons Geſchlecht und Haus. Agamemnons Ende. Agamemnon gerächt. Oreſtes und die Eumeniden. Iphigenia zu Tauri.

Schwab, das klaſſ. Alterthum. III. 1[2][3]

Agamemnons Geſchlecht und Haus.

Troja war gefallen. Die heimſegelnde Flotte der Hellenen, vom Sturme halb vernichtet, hatte ſich in ihren Ueberbleibſeln wieder zuſammengefunden, und auf der beruhigten See fuhren die Abtheilungen der Griechen jede ihrer Heimat zu. Agamemnon, deſſen Schiffe, von der Herrſcherin Juno beſchützt, keinen Schaden genom¬ men hatten, ſteuerte rüſtig auf die Küſte des Peloponne¬ ſes los. Schon nahete er dem ſpitzigen Felſenhaupte des Vorgebirges Malea in Lakonien, als ihn plötzlich aufs Neue das Ungeſtüm eines Orkanes ergriff und ihn mit allen Fahrzeugen in die offene Flut des Meeres zurück¬ warf. Seufzend mit aufgehobenen Händen flehte der Völkerfürſt empor zum Himmel und bat die Götter, ihn nicht nach ſo vielem Ungemach und nach mühſelig voll¬ brachtem Willen der Himmliſchen im Angeſichte ſeiner Heimat mit ſo vielen tapferen Männern verderben zu laſ¬ ſen. Er wußte nicht, daß dießmal der Sturm ſein Freund und von warnenden Gottheiten ihm zugeſendet war: denn ihm wäre beſſer geweſen, an die fernſte Barbarenküſte verſchlagen, in der Verbannung ſein Leben zu beſchließen, als ſeinen Fuß in den heimiſchen Königspallaſt Mycene's zu ſetzen.

Auf Agamemnons Geschlecht ruhete ein Fluch; von ſeinem Urahn Tantalus her war es unter Gräueln1*4erwachſen; ruchloſe Gewalt hatte die einen ſeiner Glieder geſtürzt, die andern erhoben; durch einen ungeheuren Frevel im eigenen Hauſe ſollte auch Agamemnon das Ziel ſeines Lebens finden. Der Urgroßvater Tantalus hatte den zum Mahle geladenen Göttern ſeinen Sohn Pelops gekocht zu ſchmauſen vorgeſetzt, und nur ein Wunder hatte dieſen Stammhalter des Geſchlechts ins Leben zurückgerufen. Pelops, ſonſt unſträflich, ermordete ſeinen Wohlthäter Myrtilus, den Sohn Merkurs, und half durch dieſen Mord den Fluch des Hauſes weiter ſpinnen. Myrtilus nämlich, der Stallmeiſter des Köni¬ ges Oenomaus, deſſen Tochter Hippodamia Pelops durch den Sieg im Wagenrennen gewinnen ſollte, ließ ſich überreden, die Nägel aus dem Wagen ſeines Herrn zu ziehen und wächſerne ſtatt der eiſernen einzuſtecken. Dadurch ging der Wagen des Oenomaus auseinander und Pelops gewann den Sieg und die Jungfrau. Als aber Myrtilus die verſprochene Belohnung forderte, ſtürzte ihn Pelops, um keinen Zeugen ſeines Betruges zu haben, ins Meer. Vergebens ſuchte er den über dieſen Frevel zürnenden Gott Merkurius zu verſöhnen, baute dem Sohn ein Grabmal und dem Vater einen Tempel: er und ſein Geſchlecht waren der Rache des Gottes verfallen.

In den Söhnen des Pelops, Atreus und Thyeſtes, wirkte der Fluch kräftig fort. Atreus war König zu Mycene, Thyeſtes neben ihm König im ſüdlichen Theile des Argoliſchen Landes. Der ältere Bruder beſaß einen Widder, der goldene Wolle trug; nach dieſem gelüſtete Thyeſtes, den jüngeren; er verführte die Gemahlin des Bruders, Aerope, zur Untreue und erhielt von ihr das goldene Lamm. Als Atreus das doppelte Verbrechen5 ſeines Bruders inne ward, hielt ihn keine Ueberlegung ab; er handelte wie der Großvater: heimlich ergriff er die beiden kleinen Söhne des Thyeſtes, Tantalus und Pliſthenes, ſetzte ſie geſchlachtet beim gräßlichen Gaſt¬ mahle dem Bruder vor, und gab ihr Blut, zum Weine gemiſcht, dem unſeligen Vater zu trinken. Dem zuſchauenden Sonnengotte kam über dieſer Unmenſchlichkeit ein ſolches Entſetzen an, daß er ſeinen Wagen rückwärts lenkte, Thyeſtes aber floh vor dem entſetzlichen Bruder nach Epirus zu dem Könige Thesprotus. Das Land des Atreus ward von Dürre und Hungersnoth heimge¬ ſucht, und der befragende König erhielt vom Orakel die Antwort, die Landplage werde aufhören, wenn der vertriebene Bruder zurückberufen ſey. So machte ſich Atreus ſelbſt auf den Weg, den Thyeſtes in ſeiner Zu¬ fluchtsſtätte aufzuſuchen, und führte ihn mit einem Sohne Namens Aegiſthus, in die alte Heimat zurück. Auch dieſer Aegiſthus war das Kind eines Gräuels und in ſeinem Aſyle von Thyeſtes erzeugt. Aber er hatte ge¬ ſchworen, ſeinen Vater an dem Atreus und deſſen Kin¬ dern zu rächen. Das erſte vollführte er bald, nachdem die Brüder zuſammen nach Mycene zurückgekehrt waren. Ihre Freundſchaft war dort von kurzer Dauer geweſen, und Atreus hatte den Bruder in den Kerker geworfen. Da erbot ſich Aegiſthus trügeriſcher Weiſe dem Oheim, indem er ſich über den Gräuel ſeiner Geburt entrüſtet ſtellte, den eigenen Vater umzubringen. In den Kerker eingelaſſen, verabredete er mit ſeinem Vater die Rache, zeigte dem Atreus ein blutiges Schwert, und als dieſer, über den geglaubten Tod des Bruders fröhlich, am Meeresufer ein Dankopfer anſtellte, ſtieß ihm Aegiſthus6 daſſelbe Schwert in den Leib, Thyeſtes kam aus ſeiner Haft hervor und bemächtigte ſich auf kurze Zeit des brüderlichen Reiches; aber der älteſte Sohn des Atreus, Agamemnon, ſtellte ihm nach und rächte mit dem Schwert an ihm des Vaters Mord. Aegiſthus blieb verſchont, er ward von den Göttern zum Fluche des Geſchlechtes aufgehoben und regierte als König in dem alten Antheile ſeines Vaters im ſüdlichen Lande.

Wie nun Agamemnon in den Krieg vor Troja ge¬ zogen war, und ſeine Gemahlin Klytämneſtra, über die Opferung ihrer Tochter Iphigenia grollend, im tiefen Mutterſchmerze zu Hauſe ſaß, da däuchte dem Aegis¬ thus die rechte Zeit gekommen, auch dem Atriden mit ſeiner Rache zu nahen. Er erſchien im Königspallaſte zu Mycene, und der Wunſch, am unmenſchlichen Gat¬ ten ſich zu rächen, gab ſie nach langem Widerſtreben der Verführung des Böſewichts preis, daß ſie als mit einem zweiten Gemahle Pallaſt und Reich Agamemnons mit ihm theilte. Von ihrem rechtmäßigen Gatten lebten in deſſen Hauſe damals drei Geſchwiſter der entrückten Iphigenia: ihr zunächſt am Alter die kluge Jungfrau Elektra, eine jüngere Schweſter Chryſothemis, und ein kleiner Knabe, Oreſtes. Vor ihren Augen nahm Aegis¬ thus von dem Ehebund und Pallaſte des Vaters Beſitz. Das frevelnde Paar, als ſich der Kampf vor Troja zu ſeinem Ende neigte, war jetzt nur darauf bedacht, daß der heimkehrende Agamemnon mit ſeiner furchtbaren Kriegerſchaar ſie nicht unvorbereitet überraſchen möchte. Seit Jahren war auf den Zinnen des Pallaſtes ein Wächter aufgeſtellt, dem ein nächtliches Fackelzeichen von der Meergränze des Landes her die Nachricht von7 der Eroberung Troja's und der Ankunft des Königes geben ſollte. War die Kunde einmal gekommen, ſo ſollte es an Zurüſtungen nicht fehlen, dem König Agamemnon einen feſtlichen Empfang zu bereiten und ihn in die Falle zu locken, noch bevor er den wahren Zuſtand der Dinge in ſeiner Heimat erführe.

Endlich erglänzte die Fackel bei Nacht. Der Wäch¬ ter eilte von der Zinne herab und meldete der Herrin das erblickte Zeichen. Mit Ungeduld erwarteten Klytäm¬ neſtra und ihr Buhle den Morgen; und die Sonne war noch nicht lange aufgegangen, als ſchon ein Herold, von dem heimkehrenden König abgeſandt, mit Oliven¬ zweigen ſein Haupt beſchattend, auf den Pallaſt von Mycene zugeſchritten kam. Die Königin ging ihm mit verſtellter Freundlichkeit entgegen. Doch ſorgte ſie, daß der Bote ſich im Königshauſe nicht umſehen konnte, und als dieſer in einer langen Erzählung ſeiner Siegesfreude Luft machen wollte, unterbrach ſie ihn haſtig und ſprach: Bemühe dich nicht, am beſten werde ich das Alles aus dem Munde meines königlichen Gemahles ſelbſt er¬ fahren. Kehre zurück und beſchleunige ſeinen Weg. Sage ihm, wie erwünſcht er mir und der Stadt komme, und daß ich ſelbſt mich zum Aufbruch anſchicken werde, ihn nicht nur als meinen verehrten und geliebten Gatten, ſondern auch als den herrlichen Eroberer einer weltbe¬ rühmten Stadt nach Würden zu empfangen.

8

Agamemnons Ende.

Als der König Agamemnon im Sturme von dem Vorgebirge Malea zurückgeworfen worden war, trieb ihn der Wind mit ſeinem Schiffzuge nach dem ſüdlichen Geſtade des Landes, wo einſt ſein Oheim Thyeſtes ge¬ herrſcht hatte, und jetzt der Fürſtenſitz des Aegiſthus war. Er warf die Anker aus und wartete günſtigen Fahrwind in einer ſicheren Hafenbucht ab. Ausgeſchickte Kund¬ ſchafter brachten ihm die Nachricht, daß der König des Landes, Aegiſthus, mit ſeiner Gemahlin Klytämneſtra, ſeit dieſe von Aulis zurückgekehrt, in nachbarlicher Freund¬ ſchaft gelebt habe, ja daß derſelbe, ſchon ſeit geraumer Zeit nach Mycene berufen, in der Königin Namen das Reich Agamemnons verwalte. Der Völkerfürſt erfreute ſich dieſer Nachricht und ſuchte nichts Arges darunter. Er dankte den Göttern, daß der alte Rachegeiſt aus ſeinem Hauſe verſchwunden ſey. Ihm ſelbſt, der ſo viel Griechen - und Barbarenblut vor Troja nothgedrungen vergoſſen hatte, war der Durſt nach Blutrache ver¬ gangen, und ſein Inneres dachte nicht daran, den Mör¬ der ſeines Vaters, der doch ſelbſt nur gerechte Rache genommen hatte, zu ſtrafen. Auch das Herz ſeiner Ge¬ mahlin glaubte er durch den langen Zeitraum beſchwich¬ tiget. Unter fröhlichen Hoffnungen lichtete er die Anker bei günſtigem Wind und lief mit ſeinen Kriegern wohl¬ behalten in den Hafen ſeiner Heimat ein.

Sobald er hier den Göttern ein Dankopfer für Rettung und beglückte Fahrt am Ufer dargebracht hatte,9 folgte er mit ſeiner Kriegerſchaar dem abgeſandten Herold. Vor der Stadt Mycene kam ihm das geſammte Volk, ſeinen Vetter Aegiſthus, der im ganzen Lande als könig¬ licher Verwalter des Reiches galt, an der Spitze, ent¬ gegen. Alsdann erſchien auch, von den Frauen ihres Hauſes begleitet und von den ſtreng bewachten Kindern umgeben, die Königin Klytämneſtra. Wie man bei er¬ heuchelter Freude pflegt, empfing ſie den Gemahl mit allen erſinnlichen Ehrenbezeugungen und mit übertriebener Ehrfurcht, ja ſtatt ihn zu umfangen, warf ſie ſich vor ihm auf die Kniee nieder und ergoß ſich in Glückwün¬ ſchungen und Lobſprüchen. Agamemnon aber eilte freu¬ dig auf ſie zu, erhob ſie vom Boden, umarmte ſie und ſprach: Was denkſt du, Leda's Tochter, daß du, wie eine Sklavin den Barbarenherrn, fußfällig im Staube dich wälzend, mich empfängſt? und was ſollen dieſe herrlichen geſtickten Teppiche, die unter meinen Fußtritt gebreitet ſind? So empfängt man unſterbliche Götter und nicht ſterbliche ſchwache Menſchen. Ehre mich ſo, daß die Himmliſchen mich nicht beneiden!

Nachdem er die Gattin ſo begrüßt und die Kinder umarmt und geküßt, wandte er ſich um zu Aegiſthus, der mit den Häuptlingen der Stadt ſeitwärts ſtand, reichte ihm brüderlich die Hand und ſagte ihm freund¬ lichen Dank für die ſorgfältige Verwaltung des Landes. Dann löste er die Riemen ſeiner Schuhe und ging bar¬ fuß über das koſtbare Gewebe der Teppiche durch die ganze Stadt bis zu ſeinem Pallaſte. In ſeinem Gefolge befand ſich auch Kaſſandra, die weiſſagende Tochter des Priamus, die in der Beute dem Völkerfürſten, der ſie von den ruchloſen Händen Ajax des Lokrers befreit hatte,10 zu Theil geworden war. Sie ſaß mit geſenktem Haupt und niedergeſchlagenen Augen auf einem hohen, auch mit anderer Beute beladenen Wagen. Als Klytämneſtra die edle Geſtalt der Jungfrau gewahr wurde, überſchlich ſie ein Gefühl der Eiferſucht, zu welchem ſie freilich am wenigſten berechtigt war, gewaltiger aber noch befiel ſie ein Schrecken, als ſie den Namen der Gefangenen er¬ kundet und erfahren hatte, daß ſie die wahrſagende Prieſterin der Pallas in ihrem durch Ehebruch entweih¬ ten Hauſe beherbergen ſollte. Die höchſte Gefahr däuchte ihr deswegen, länger mit ihrem verruchten Vorhaben zu zögern, und ſchnell war ihr argliſtiger Entſchluß gefaßt, die fremde Jungfrau auf eine Stunde mit dem Gatten zu verderben. Doch verbarg ſie ſorgfältig ihr Inneres vor der Seherin, und als der ganze Zug vor dem Kö¬ nigspallaſte zu Mycene angekommen war, trat ſie freund¬ lich zu dem Wagen und rief ihr zu: Steige herab, traurige Jungfrau, und gib dem Verdruſſe Abſchied! Mußte doch ſelbſt Alkmene's unbezwinglicher Sohn, Her¬ kules, einſt in die Knechtſchaft wandern und ſein Haupt unter das Joch einer fremden Herrin beugen! Wem das Schickſal einen ſolchen Zwang zugedacht hat, der darf ſich glücklich preiſen, wenn er unter Herren kommt, bei denen alter Reichthum zu Hauſe iſt, denn wer das Glück erſt kurz und unverhofft geerntet hat, pflegt hart und übermüthig gegen Knechte zu ſeyn. Sey getroſt, du ſollſt Alles bei uns erhalten, was billig iſt!

Kaſſandra veränderte ihre Miene nicht bei dieſen Worten, lange blieb ſie ohne Regung auf dem Stuhl ihres Wagens ſitzen, die Dienerinnen mußten ſie nöthi¬ gen, ihren Platz zu verlaſſen. Endlich ſprang ſie vom11 Sitze, wie ein geſcheuchtes Wild, ihr Herz wußte Alles, was ihr bevorſtand, ſie war gewiß, daß der Schluß des Schickſals nicht zu ändern ſey; und, hätte ſie ihn ändern können, ſie hätte doch der Rachegöttin den Feind ihres Volkes nicht entziehen wollen, und weil er doch ihr Retter war, ſo verdroß es ſie nicht, mit ihm zu ſterben.

Im Pallaſte wurden der Fürſt Agamemnon und alle mit ihm Angekommenen durch Zurüſtungen zu einem prächtigen Gaſtmahle getäuſcht. Bei dieſem Mahle hätte er von den gedungenen Knechten des Aegiſthus wie ein Stier an der Krippe erſchlagen werden ſollen. Die Ankunft der Wahrſagerin aber beſtimmte die Königin und ihren Ehebrecher, die Entſcheidung nicht auf dieſen Hinterhalt auszuſetzen, ſondern raſcher und einſamer zu Werke zu gehen.

Agamemnon, von der Fahrt ermüdet, und vom Wege durch das Land nach der Stadt beſtäubt, verlangte nach einem erquicklichen Bade, und Klytämneſtra erklärte ihm mit liebreicher Zuvorkommenheit, daß ſie dieſes Be¬ dürfniß längſt vorhergeſehen und daß ein warmes Bad für ihn bereit gehalten ſey. Der König betrat ahnungs¬ los das Badegewölbe ſeines Pallaſtes, legte Panzer, Waffen und alle Gewande ab, und beſtieg wehrlos und entkleidet den Badebehälter. Da brachen Aegiſthus und Klytämneſtra aus ihrem Verſtecke hervor, warfen ihm ein feſtgewundenes Netz über den Leib und durchbohrten ihn mit wiederholten Dolchſtichen. Sein Hülferuf drang aus dem unterirdiſchen Gemache, wo die Bäder ſich befanden, nicht hinauf in den obern Pallaſt. Unmittel¬ bar nachher ward Kaſſandra, die einſam durch die dun¬ keln Vorhallen des Königspallaſtes hin und her irrte, niedergemacht.

12

Sobald die doppelte Unthat geſchehen war, gedach¬ ten die Mörder, auf ihren Anhang vertrauend, ſie nicht länger zu verbergen. Die beiden Leichname wurden im Pallaſte ausgeſtellt; Klytämneſtra berief die Häupter der Stadt und ſprach ohne Rückhalt und ohne Scheu: Ver¬ arget mir, Freunde, meine bisherige Verſtellung nicht. Ich habe dem Todfeinde meines Hauſes, dem Mörder meines geliebteſten Kindes ſeine Blutſchuld nicht anders bezahlen können; ja ich habe ihn ins Netz gelockt, wie einen Fiſch habe ich ihn gefangen; mit drei Dolchſtichen, im Namen des unterirdiſchen Pluto geführt, habe ich meine Tochter gerächt. Es iſt Agamemnon, mein Gatte, von meiner eigenen Hand umgebracht, ich läugne es nicht. Hat er doch, als handelte es ſich von dem Tode eines Schlachtviehes, ſein eigenes Kind, mir das liebſte, geopfert, um mit meinem Mutterſchmerze die thraciſchen Winde zu beſänftigen. Verdiente ein ſolcher Frevler zu leben, verdiente er ein ſo ſchönes, ein ſo frommes Land zu beherrſchen? Iſt's nicht gerechter, daß Aegiſthus euch befehle, der keinen Kindermord auf dem Gewiſſen hat, der in Atreus und im Atriden nur Erbfeinde ſeines Vaters gerächt hat? Ja es iſt billig, daß ich ihm die Hand reiche, daß ich Pallaſt und Thron mit ihm theile, der das Werk der beleidigten Mutterliebe, das Werk der Gerechtigkeit mir vollbringen half. Er iſt ein Schild meiner Kühnheit; ſo lang er und ſein Anhang mich be¬ ſchützt, wird Niemand es wagen, mich wegen meiner That zur Rechenſchaft ziehen zu wollen. Was dieſe Sklavin betrifft (mit dieſen Worten deutete ſie auf Kaſſandra's Leichnam) ſo war ſie die Buhlerin des Treuloſen; ſie hat die Strafe des Ehebruchs erlitten,13 und ſoll den Hunden zum Zerfleiſchen vorgeworfen werden.

Die Häupter der Stadt blieben auf dieſe Rede ſtumm. An Gegenwehr war nicht zu denken: Die Be¬ waffneten des Aegiſthus umgaben den Pallaſt; Waffen¬ geklirr ertönte und drohende Laute ließen ſich hören. Die Krieger Agamemnons, deren eine weit kleinere Schaar aus dem männervertilgenden Kriege von Troja heimge¬ kehrt war, waren in der Stadt zerſtreut und hatten ſorglos die Waffen von ſich gelegt. Der wilde Anhang des Aegiſthus durchzog die Stadt in voller Rüſtung und metzelte Jeden nieder, der gegen den gräßlichen Mord ſeines Fürſten ſich auflehnte.

Die Frevler verſäumten auch nichts, ihre Herrſchaft zu befeſtigen. Alle Ehrenſtellen, alle Kriegsämter wurden unter ihre treuſten Anhänger vertheilt. Die Töchter Agamemnons betrachteten ſie als gefahrloſe Weiber; aber zu ſpät fiel ihnen ein, daß in dem jungen Oreſtes, dem jüngſten Kinde Agamemnons und Klytämneſtra's, dem Vater ein Rächer nachwachſe. Obgleich er kaum zwölfjährig war, hätten ſie ihn doch gerne getödtet, um ſich von aller Furcht der Strafe zu befreien. Aber ſeine kluge Schweſter Elektra, beſonnener als die Mör¬ der, hatte ſogleich nach der That Sorge für ihn getragen, und ihn heimlich dem Sklaven, dem ſeine Aufſicht an¬ vertraut war, übergeben. Dieſer hatte ihn nach Phanote im Lande Phocis gebracht, und ihn dort als ein heiliges Unterpfand dem befreundeten Könige Strophius über¬ geben, der ſein zweiter Vater wurde und ihn mit ſeinem eigenen Sohne Pylades ſorgfältig erzog.

14

Agamemnon gerächt.

Elektra führte inzwiſchen im Königspallaſte ihres ermordeten Vaters das traurigſte Leben, und nur die Hoffnung, ihren Bruder einſt, zum Manne herange¬ wachſen, als Rächer in den väterlichen Hallen erſcheinen zu ſehen, friſtete ihr kummervolles Daſeyn. Von der Mutter wurde ihr die bitterſte Feindſchaft zu Theil; im eigenen Stammhauſe mußte ſie mit den Mördern ihres Vaters wohnen und ihnen in Allem unterwürfig ſeyn; auf ſie kam es an, ob ſie darben, oder den nothdürftigen Unterhalt empfangen ſollte. Auf dem Thron Agamem¬ nons ſah ſie den Aegiſthus in königlicher Herrlichkeit ſitzen, ſah ihn in deſſen ſchönſte Gewande, welche die Vorrathskammern des Pallaſtes füllten, gekleidet, ein¬ hergehen, und den Schutzgöttern des Hauſes an derſelben Stelle Trankopfer ſpenden, wo er ſeinen Blutsverwandten ermordet hatte. Sie war Zeuge der zärtlichen Vertrau¬ lichkeit, mit welcher die freche Mutter den Beſudelten behandelte; denn dieſe, mit Lächeln über das hinſchlü¬ pfend, was ſie Gräuliches begangen hatte, ordnete all¬ jährlich Feſtreigen an dem Tage an, an welchem ſie den Gatten trügeriſch dahingewürgt, und brachte noch dazu den Rettungsgöttern jeden Monat reichliche Schlachtopfer dar. Die Jungfrau verzehrte ſich bei dieſem empörenden Anblicke in geheimem Gram, denn es war ihr nicht einmal frei zu weinen vergönnt, ſo ſehr ihr Herz darnach begehrte. Was weinſt du, Gott¬ verhaßte, rief ihr die Mutter zornig zu, ſo oft ſie15 dieſelbe in Thränen fand, ſtarb denn dir allein der Vater? hat denn kein Sterblicher zu trauern als du? Möchteſt du doch in deinem thörichten Jammer ſchmählich vergehen! Zuweilen ward ihr böſes Gewiſſen durch ein eitles Gerücht aufgeſchreckt, als ſey Oreſtes aus der Fremde im Anzug; dann wüthete ſie am rückhaltloſeſten gegen die unglückliche Tochter. Nun, wäre es nicht deine Schuld, rief ſie ihr zu, wenn er käme? Biſt nicht du es, die ihn aus meiner Hand hinweggeſtohlen und heimlich davongeſchickt hat? Doch wirſt du dich deiner Anſchläge nicht freuen; der verdiente Lohn ereilt dich, ehe du es denkſt! In ſolchen Scheltworten ſtand ihr dann der verworfene Gatte Aegiſthus bei, und vor beider Flüchen verbarg ſich Elektra in die dunkelſte Kammer des Hauſes.

Jahre waren ſo dahingeſchwunden, während welcher ſie unaufhörlich auf die Erſcheinung ihres Bruders Oreſtes harrte, denn dieſer hatte bei ſeiner Flucht, ſo jung er war, doch der Schweſter das Verſprechen hinterlaſſen, zur rechten Zeit, wenn er Manneskraft in ſeinem Arme mitbringen könnte, da zu ſeyn. Jetzt aber zögerte der längſt herangereifte Jüngling ſo lange, und die nahen wie die fernen Hoffnungen erloſchen allmählig in dem troſtloſen Herzen der trauernden Jungfrau.

Bei ihrer jüngeren Schweſter Chryſothemis, die nun auch längſt herangewachſen war, aber nicht das männliche Gemüth Elektra's beſaß, fand die treue Toch¬ ter Agamemnons keine Unterſtützung ihrer Plane, und wenig Troſt in ihrem Schmerz. Doch geſchah dieß nicht aus Gefühlloſigkeit, ſondern nur aus Schwäche des weiblichen Herzens. Chryſothemis gehorchte der16 Mutter und widerſetzte ſich nicht halsſtarrig ihren Be¬ fehlen wie Elektra. So kam ſie denn auch eines Tages mit Opfergeräthe und Grabesſpende für Verſtorbene im Auftrage der Mutter vor das Thor des Pallaſtes ge¬ gangen und trat der Schweſter hier in den Weg. Elektra ſchalt ſie über dieſen Gehorſam und fand es ſchnöde, daß ein Kind ſolchen Mannes des Vaters vergeſſen und der ruchloſen Mutter ſtets gedenken könne. Willſt du denn, erwiederte ihr Chryſothemis, ſo lange Zeit hin¬ durch niemals lernen, Schweſter, leerem Grame dich nicht fruchtlos hinzugeben? Glaube nur, daß mich auch kränkt, was ich ſehe, und nur aus Noth ziehe ich mein Segel ein. Dich aber, dieß vernahm ich von den Grau¬ ſamen, wollen ſie, wenn du nicht aufhörſt zu klagen, ferne von dem Elternhauſe in einen tiefen Kerker werfen, wo du den Strahl der Sonne niemals wieder ſchauen ſollſt. Bedenke dieß, und gib nicht mir die Schuld, wenn jene Noth einbricht! Mögen ſie es thun, antwortete Elektra ſtolz und kalt, mir iſt am wohlſten, wenn ich recht ferne von euch Allen bin! Aber wem bringſt du dieſes Opfer da, Schweſter? Es iſt von der Mutter unſerm verſtorbenen Vater beſtimmt, Wie, für den Ermordeten? rief Elektra ſtaunend. Sprich, was bringt ſie auf ſolche Gedanken? Ein nächtliches Schreckbild, erwiederte die jüngere Schwe¬ ſter. Sie hat, ſo geht die Sage, unſern Vater im Traume geſchaut, wie er den Herrſcherſtab, den er einſt trug und jetzt Aegiſthus trägt, in unſerm Hauſe ergriff und in die Erde pflanzte. Dieſem entſproßte alſobald ein Baum mit Aeſten und üppigen Zweigen, der über ganz Mycene ſeinen Schatten verbreitete. Durch dieſes17 Traumbild geſchreckt und zu banger Furcht aufgeregt, ſchickt ſie mich heute, wo Aegiſthus nicht zu Hauſe iſt, des Vaters Geiſt mit dieſem Grabesopfer zu verſöhnen. Theure Schweſter, ſprach Elektra auf einmal in bittendem Tone, ferne ſey, daß die Spende des feind¬ ſeligen Weibes das Grab unſeres Vaters berühre! Gib das Opfer den Winden, vergrab 'es tief in den Sand, wo auch kein Theilchen davon die Ruheſtätte unſers Va¬ ters erreichen könne. Meinſt du, der Todte im Grabe werde das Weihgeſchenk ſeiner Mörderin frohen Muthes empfangen? Wirf du vielmehr Alles hin, ſchneide dir und mir ein paar Locken des Haupthaares ab und bring ihm dieſes unſer demüthiges Haar und meinen Gürtel da, das Einzige was ich habe, als wohlgefälliges Opfer dar. Wirf dich dazu nieder und flehe zu ihm, daß er aus dem Erdenſchooß als Beiſtand gegen unſere Feinde heraufſteige, daß der ſtolze Fußtritt ſeines Sohnes Oreſtes bald erſchalle und ſeine Mörder niedertrete. Dann wollen wir ſein Grab mit reicheren Opfern ſchmücken! Chry¬ ſothemis, zum erſtenmale von der Rede der Schweſter ergriffen, verſprach zu gehorchen, und eilte mit dem Opfer der Mutter hinaus ins Freie.

Sie hatte ſich noch nicht lange entfernt, ſo kam Klytämneſtra aus den innern Hallen des Pallaſtes und fing in gewohnter Weiſe auf ihre ältere Tochter zu ſchmähen an: Du biſt heute wieder ganz ausgelaſſen, ſcheint es, Elektra, weil Aegiſthus, der dich doch ſonſt in Schranken hielt, heute fort iſt. Schämſt du dich nicht, anders als es einer ſittſamen Jungfrau geziemt, den Deinen zur Schande vor das Thor zu gehen und mich da wohl bei den aus - und eingehenden Mägden zu verklagen? Schwab, das klaſſ. Alterthum. III. 218Nimmſt du noch immer den Vater zum Vorwande deiner Anklage, daß er durch mich geſtorben ſey? Nun wohl, ich läugne dieſe That nicht, aber nicht ich allein bin es, die ſie verrichtete, die Göttin der Gerechtigkeit ſtand mir zur Seite; und auf ihre Seite ſollteſt auch du treten, wenn du vernünftig wäreſt. Erfrechte ſich nicht dieſer dein Vater, den du unaufhörlich beweinſt, allein im ganzen Volke, deine Schweſter ſich und Menelaus zum Vortheil hinzuopfern? Iſt ein ſolcher Vater nicht ſchänd¬ lich und ſinnlos? Würde der Todten gewährt zu ſprechen, gewiß ſie würde mir Recht geben! Ob aber du, Thö¬ rin, mich ſchiltſt, das gilt mir gleich.

Höre mich an, erwiderte Elektra, Du geſtehſt meines Vaters Mord. Das iſt Schande genug, mag dieſer Mord nun gerecht geweſen ſeyn oder nicht. Aber nicht um der Gerechtigkeit willen haſt du ihn erſchlagen! Die Schmeichelei des ſchnöden Mannes trieb dich dazu, der dich jetzt beſitzt. Mein Vater opferte fürs Heer und nicht für ſich, nicht für Menelaus. Widerſtrebend, gezwungen that er es, dem Volke zu lieb. Und wenn er es für ſich, wenn er es für ſeinen Bruder gethan hätte, mußte er deßwegen von deiner Hand ſterben? mußteſt du deinen Mordgenoſſen zum Gemahl nehmen, und die allerſchimpflichſte That auf die allerverruchteſte folgen laſſen? oder heißeſt du das vielleicht auch Ver¬ geltung für den Opfertod deines Kindes? Schnöde Brut, rief Klytämneſtra zornglühend ihr entgegen, bei der Königin Diana! du büßeſt mir dieſen Trotz, iſt nur erſt Aegiſthus zurückgekommen. Wirſt du dein Geſchrei einſtellen und mich ruhig opfern laſſen?

Klytämneſtra wandte ſich von der Tochter ab und19 trat an den Altar des Apollo, der vor dem Pallaſte wie vor allen Häuſern der Griechen aufgeſtellt war, Haus und Straße zu behüten. Das Opfer, das ſie dar¬ brachte, war beſtimmt, den Gott der Weiſſagungen wegen des Traumgeſichtes zu verſöhnen, das ihr in der letzten Schreckensnacht im Schlafe vorgekommen war.

Und es ſchien als wolle der Gott ſie erhören. Noch hatte ſie nicht ausgeopfert, als ein fremder Mann auf die ſie begleitenden Dienerinnen zuſchritt und nach der Königswohnung des Aegiſthus ſich erkundigte. Von dieſen an die Fürſtin des Hauſes gewieſen, beugte er die Kniee vor ihr und ſprach: Heil dir, o Königin, ich bin gekommen, dir ein willkommenes Wort von dei¬ nem und deines Gemahles Freunde zu verkündigen. Mich ſendet der König Strophius aus Phanote: es ſtarb Oreſtes; damit iſt mein Auftrag zu Ende. Dieß Wort iſt mein Tod, ſeufzte Elektra und ſank an den Stufen des Pallaſtes nieder. Was ſagſt du, Freund, ſprach haſtig Klytämneſtra, den Altar mit einem Sprunge verlaſſend. Kümmere dich nicht um jene Närrin dort! Erzähle mir, erzähle!

Dein Sohn Oreſtes, hub jener an, von Ruhm¬ begier getrieben, war nach Delphi zu den heiligen Spielen gekommen. Als der Herold den Anfang des Wettlaufes verkündigte, ſo trat er herein in den Kreis, eine glän¬ zende Geſtalt, von Allen angeſtaunt. Ehe man ihn recht ſeinen Anlauf nehmen ſah, dem Wind oder dem Blitze gleich, war er am Ziele und trug den Siegespreis davon. Ja, ſo viel der Kampfrichter Heroldsrufe ergehen ließ, in dem ganzen fünffachen Kampfe der doppelten Renn¬ bahn, erſchallte jedesmal als Name des Siegers,2 *20Oreſtes, der Sohn Agamemnons, des lkerfürſten vor Troja. Dieß war der Anfang ſeiner Wettkämpfe. Aber, wenn ihn die höhere Gewalt der Götter irre macht, ſo entgeht auch der Stärkſte ſeinem Looſe nicht. Denn als nun am andern Tage wiederum bei Sonnenaufgang das Wettrennen der geflügelten Roſſe ſeinen Anfang nahm, war auch er unter vielen andern Wagenlenkern zur Stelle. Vor ihm waren auf dem Kampfplatz ein Achaier, ein Spartaner und zwei wohlerfahrene Roſſe¬ lenker aus Libyen erſchienen. Auf ſie folgte Oreſtes als der Fünfte, mit theſſaliſchen Roſſen; dann, mit einem Viergeſpann von Braunen, kam ein Ae olier; als ſiebenter ein Wettrenner aus Magneſia, der Achte ein Kämpfer aus Aenia mit ſchönen Schimmeln, beide Thracier, aus Athen ein Neunter, und zuletzt auf dem zehenten Wagen ſaß ein Böotier. Nun ſchüttelten die Kampfrichter die Looſe, die Wagen wurden in der Ordnung aufgeſtellt, die Trompete gab das Zeichen, und dahin jagten ſie alle, die Zügel ſchwingend und den Roſſen Muth ein¬ rufend. Das Erz der Wagen dröhnte, der Staub flog empor, keiner ſparte die Geiſſel. Hinter jedem Wagen ſchnaubten ſchon die Roſſe eines andern. Bereits lenkte der Aenianer der letzten Säule zu und drängte, ſein linkes Roß ſtraff am Zügel haltend, die Nabe dorthin, während er das rechte, das Nebenroß, frei laufen ließ. Anfangs flogen auch die Wagen alle aufrecht dahin, bis die hartmäuligen Pferde des Aenianers ſcheu wurden und gegen den Wagen des Libyers anrannten. Durch dieſen Einen Fehler gerieth Alles in Verwirrung, Wa¬ gen ſtürzten an Wagen, und bald war das Feld mit Trümmern bedeckt. Nur der kluge Athener wich ſeitwärts,21 hemmte ſeine Roſſe, und ließ im innern Kreiſe den Strudel der Wagen ſich in einander wühlen. Hinter dieſem drein kommend trieb als der letzte Oreſtes ſeine Roſſe an. Wie dieſer nun Alles geſtürzt und in Unord¬ nung und den Athener allein noch übrig ſieht, klatſcht er mit der Peitſche ſeinem Viergeſpann ins Ohr, und ſo fährt bald, beide Führer im Sitz aufrecht und vor¬ gelehnt, das kühne Paar mit einander in die Wette. Oreſtes war auf der langen Bahn auch wirklich glück¬ lich vorwärts gekommen, und ließ, auf dieß ſein Glück vertrauend, allmählig mit dem Zügel nach. Da wandte ſich ſein linkes Roß, bog um, und ſtreifte kaum merklich die letzte Säule der Bahn. Und doch war der Stoß ſo groß, daß die Nabe mitten durch brach, der Arme vom Wagenſitze glitt, und an ſeinem Zaume dahinge¬ ſchleift wurde. Als er auf den Boden ſank, flogen ſeine Roſſe in wilder Flucht durch die Bahn; das Volk jam¬ merte laut auf, denn der ſchöne Jüngling wurde bald am Boden hingeſchleift, bald ſtreckte er ſeine Glieder gen Himmel. Endlich hemmten die Wagenlenker ſelbſt mit Mühe ſein Geſpann und löſten den Geſchleiften ab, der ſo mit Blut befleckt, ſo entſtellt war, daß ſelbſt ſeine Freunde den Leib nicht mehr erkannten. Der Leichnam wurde ſofort ſchleunig auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und wir Abgeordnete aus Phocis bringen in einer klei¬ nen Urne von Erz den jämmerlichen Ueberreſt ſeines ſtattlichen Leibes, damit ſein Vaterland ihm ein Grab gönne!

Der Bote endete: Klytämneſtra aber fühlte ſich von widerſprechenden Gefühlen bewegt; ſie ſollte ſich eigentlich über den Tod des gefürchteten Sohnes freuen; aber22 doch regte ſich das Mutterblut mächtig in ihr, und ein unwiderſtehlicher Schmerz verkümmerte ihr das Gefühl der Sorgloſigkeit, dem ſie ſich mit dieſer Nachricht end¬ lich hingeben zu dürfen glaubte. Elektra dagegen war nur von Einem Gefühle, dem gränzenloſeſten Jammer beſeſſen, und machte dieſem in lauten Wehklagen Luft. Wohin ſoll ich fliehen, rief ſie, als Klytämneſtra mit dem Fremdling aus Phocis in den Pallaſt gegangen war, jetzt erſt bin ich einſam, jetzt erſt des Vaters beraubt; nun muß ich wieder die Dienſtmagd der ab¬ ſcheulichſten Menſchen, der Mörder meines Vaters ſeyn! Aber nein, unter demſelben Dache mit ihnen will ich künftig nicht mehr wohnen, lieber werfe ich mich ſelbſt hinaus vor das Thor dieſes Pallaſtes, und komme draußen im Elend um. Zürnt einer der Hausbewohner darob? wohl, er gehe heraus und tödte mich! das Leben kann mich nur kränken, und der Tod muß mich erfreuen!

Allmählig verſtummte ihre Klage und ſie verſank in ein dumpfes Brüten. Wohl mochte ſie ſtundenlang ſo in ſich vertieft auf der Marmortreppe am Eingange des Pallaſtes, den Kopf auf den Schooß gelegt, geſeſſen haben, als auf einmal ihre junge Schweſter Chryſothe¬ mis voll Freude daher gejagt kam und nach keinem An¬ ſtande fragend, mit einem Jubelruf die Schweſter aus ihrem brütenden Kummer weckte. Oreſtes iſt gekommen, rief ſie; er iſt ſo leibhaftig da, wie du mich ſelbſt hier vor dir ſieheſt! Elektra richtete ihr Haupt auf, blickte die Schweſter mit weitaufgeriſſenen Augen an, und ſprach endlich: Redeſt du im Wahnſinn, Schweſter, und willſt meiner und deiner Leiden ſpotten? Ich melde, was ich gefunden, ſprudelte Chryſothemis heraus,23 lachend und weinend zugleich. Höre, wie ich auf die Spur der Wahrheit kam. Als ich an das überwachſene Grab unſers Vaters kam, da ſah ich auf der Höhe Spuren einer friſchen Opferſpende von Milch, und zu¬ gleich ſeine Ruheſtätte mit mancherlei Blumen bekränzt. Staunend und ängſtlich durchſpähete ich den Ort, und als ich Niemand gewahr wurde, wagte ich es, weiter zu forſchen. Da entdeckte ich am Rande des Grabmals eine friſch abgeſchnittene Locke. Auf einmal ſteigt in meiner Seele, ich weiß nicht wie, das Bild unſeres fernen Bruders Oreſtes auf, und mich ergreift eine Ahnung, daß er, nur er es ſey, von welchem dieſe Spur herrühre. Unter heimlichen Freudenthränen greife ich nach der Locke, und hier bringe ich ſie. Sie muß, ſie muß von des Bruders Haupte geſchnitten ſeyn!

Elektra blieb bei dieſer unſicheren Kunde unglaubig ſitzen, und ſchüttelte das Haupt. Ich bedaure dich deiner thörichten Leichtgläubigkeit wegen, ſprach ſie, du weißeſt nicht, was ich weiß. Und nun erzählte ſie der Schweſter die ganze Botſchaft des Phociers, ſo daß der armen Chryſothemis, die ſich von Wort zu Wort mehr um ihre Hoffnung betrogen fand, nichts übrig blieb, als in den Weheruf Elektra's mit einzuſtimmen. Ohne Zweifel, ſagte Elektra, rührt die Locke von irgend einem theilnehmenden Freunde her, der dem jämmerlich umge¬ kommenen Bruder am Grabe des ermordeten Vaters ein Andenken ſtiften wollte! Und doch hatte ſich die Hel¬ denjungfrau unter dieſen Geſprächen wieder ermannt und machte der Schweſter den Vorſchlag: da die letzte Hoff¬ nung, den Vater durch die Hand des Sohnes zu rächen, mit Oreſtes erloſchen ſey, die große That gemeinſchaftlich24 mit ihr ſelbſt zu vollführen, und den Miſſethäter Aegis¬ thus zu tödten. Beſinne dich, ſprach ſie, du haſt das Leben und ſein Glück lieb, Chryſothemis! Nun hoffe nur nicht, daß Aegiſthus je geſtatten werde, daß wir uns vermählen, und des Agamemnons Geſchlecht, ihm und den Seinigen zur Rache, aus uns erneut hervor¬ ſproſſe. Willſt du aber meinem Rathſchlage gehorchen, ſo verdienſt du dir den Ruhm der Treue um Vater und Bruder, wirſt in Zukunft frei herangewachſen leben, wirſt durch einen würdigen Ehebund beglückt werden. Denn wer ſähe ſich nicht gerne nach einer ſo edlen Toch¬ ter um? dazu wird alle Welt uns zwei Geſchwiſter prei¬ ſen, am Feſtmahl und in der Volksverſammlung werden wir für unſere Mannesthat nichts als Ehre ärnten! da¬ rum folge mir, du Liebe! hilf dem Vater, dem Bruder; rette mich, rette dich ſelbſt aus der Noth! Bedenke doch, wie ein ſchimpfliches Leben Edelgeborene ſchändet!

Aber Chryſothemis fand den Vorſchlag der plötzlich begeiſterten Schweſter unvorſichtig, unklug, unausführ¬ bar. Auf was vertraueſt du denn, fragte ſie. Haſt du Männerfauſt und biſt nicht ein Weib? Steheſt du nicht den mächtigſten Feinden, deren Glück von Tage zu Tage ſich feſter begründet, gegenüber? Wahr iſts, wir leiden Hartes; aber, ſiehe zu, daß wir uns nicht noch Unerträglicheres zuziehen. Einen ſchönen Ruf können wir freilich gewinnen; aber nur durch einen ſchmählichen Tod! Und vielleicht iſt Sterben nicht das Schlimmſte, und es würde uns noch Schnöderes zu Theil als der Tod. Drum, ehe wir ſo rettungslos verderben, laß dich erflehen, Schweſter, bezwing 'deinen Unmuth! Was du mir anver¬ traut haſt, will ich als das tiefſte Geheimniß bewahren!

25

Deine Rede überraſcht mich nicht, erwiederte mit einem tiefen Seufzer Elektra. Ich wußte wohl, daß du meinen Vorſchlag weit von dir werfen würdeſt. So muß ich denn ganz allein, mit eigenen Händen, an das Werk gehen. Wohl, es iſt auch ſo recht! Weinend umſchlang ſie Chryſothemis. Aber die hohe Jungfrau blieb unerbittlich. Geh, ſprach ſie kalt, zeige nur Alles deiner Mutter an. Und als die Schweſter wei¬ nend den Kopf ſchüttelte und davon ging, ſo rief ſie ihr nach: Geh, geh! nie werde ich deinem Tritte folgen!

Sie ſaß noch immer unbeweglich auf der Schwelle des Pallaſtes, als zwei junge Männer in der Begleitung anderer mit einer Todtenurne dahergeſchritten kamen. Der ſchönſte und blühendſte von ihnen wandte ſich an Elektra, fragte nach der Wohnung des Königes Aegis¬ thus, und gab ſich als einen der Abgeſandten aus Pho¬ cis kund. Da ſprang Elektra auf, und ſtreckte die Hände nach der Urne aus. Bei den Göttern, Fremdling! rief ſie, wenn Ihn dieß Gefäß verhüllet, ſo gieb es mir, auf daß ich mit ſeiner Aſche den ganzen, unglück¬ ſeligen Stamm bejammere!

Wer ſie auch ſeyn mag, ſprach der Jüngling, die Jungfrau aufmerkſamer betrachtend, gebet ihr die Urne. Sicherlich hegt ſie keine Feindſchaft gegen den Todten, iſt vielmehr eine Freundin, oder gar ein ihm anverwandtes Blut! Elektra faßte die Urne mit beiden Händen, drückte ſie wieder und immer wieder ans Herz, und rief dazu in unverhaltenem Jammerton: O du Ueberreſt des geliebteſten Menſchen! Wie mit ganz an¬ derer Hoffnung habe ich dich ausgeſandt und begrüße dich jetzt, da du ſo zurückkehreſt! Wär 'ich doch lieber26 geſtorben, anſtatt dich in die Ferne hinaus zu ſenden; dann wäreſt du an demſelben Tage am Grabe des Va¬ ters als Schlachtopfer geſunken, wäreſt nicht in der Verbannung umgekommen und von Fremdlingshänden beſtattet worden! So war denn all meine Pflege, all meine ſüße Mühe umſonſt! Das Alles iſt mit dir ge¬ ſtorben; der Vater iſt todt, ich ſelbſt bin todt, ſeitdem du nicht mehr lebſt: die Feinde lachen, unſere Raben¬ mutter tobt in wilder Luſt, denn jetzt fürchtet ſie keine heimliche Rachebotſchaften, an mich von dir gerichtet, mehr. Ach, nähmeſt du mich doch mit auf in deine Urne; ich bin vernichtet, laß mich dein Nichts mit dir theilen!

Als die Jungfrau ſo jammerte, konnte ſich der Jüngling, der an der Spitze der Geſandten ſtand, nicht länger halten und ſeine Zunge nicht mehr zwingen. Iſts möglich, rief er, dieſe Jammergeſtalt ſoll Elektra's edles Bild ſeyn? O gottlos, o frevelhaft entſtellter Leib! Wer hat dich ſo zugerichtet? Elektra blickte ihn ver¬ wundert an, und ſprach: Das macht, ich muß, den Mör¬ dern meines Vaters dienen, gezwungen von der verruch¬ ten Mutter, und mit der Aſche in dieſer Urne iſt alle meine Hoffnung dahin! Stell 'dieſen Aſchenkrug weg! rief der Jüngling mit thränenerſtickter Stimme, und als Elektra ſich weigerte und die Urne feſter ans Herz drückte, da ſprach er weiter: weg mit der leeren Urne, es iſt ja Alles nur Schein! da ſchleuderte die Jungfrau das Gefäß von ſich und rief in Verzweiflung: Wehe mir! wo iſt ſein Grab denn? Nirgends, war die Antwort des Jünglings; den Lebendigen wird kein Grab gemacht! So lebt er, lebt er? Er27 lebt, wenn anders ich ſelbſt vom Lebenshauch beſeelt bin; ich bin Oreſtes, bin dein Bruder, erkenne mich an die¬ ſem Mahlzeichen, mit dem der Vater mich am Arme gezeichnet! Glaubſt du nun, daß ich lebe? O Lichtſtrahl in der Nacht! rief Elektra und lag in ſeinen Armen.

In dieſem Augenblicke kam der Mann aus dem Pallaſte, welcher der Königin die falſche Todesbotſchaft aus Phocis überbracht hatte; es war der Pfleger des jungen Oreſtes, dem einſt Elektra ſelbſt den Knaben über¬ geben, und der ihn auf ihren Befehl ins Land der Pho¬ cier geleitet hatte. Als er mit kurzen Worten der Jung¬ frau dieſes kund that, reichte ſie ihm erfreut die Hand und ſprach: O du einziger Retter dieſes Hauſes! Welchen Dienſt haben mir dieſe theuren Hände, dieſe treu bemüh¬ ten Füße geleiſtet! Wie verbargſt du dich ſo lange un¬ entdeckt? Wie habt ihr doch Alles angelegt und verab¬ redet? Aber der Pfleger ſtand ihren ungeſtümen Fragen nicht Rede. Es wird die Zeit kommen, da ich dir Alles mit Gemächlichkeit erzählen kann, edle Königs¬ tochter! Jetzt aber drängt die Stunde zum Angriff, zur Rache! Noch iſt Klytämneſtra allein im Hauſe, noch bewacht ſie kein Mann drinnen; denn Aegiſth verweilt noch in der Ferne! wenn ihr aber noch einen Augenblick zögert, ſo habt ihr mit Vielen und Ueberlegenen den Kampf zu wagen! Oreſtes ſtimmte ein und eilte mit ſeinem treuen Freunde Pylades, dem Sohne des Königes Strophius aus Phocis, der an ſeiner Seite gekommen war, und mit allen andern Begleitern in den Pallaſt, und Elektra, nachdem ſie flehend den Altar Apollo's umfaßt hatte, folgte ihnen.

28

Wenige Minuten waren verfloſſen, als Aegiſthus zurückkehrend in den Pallaſt trat, und haſtig nach den Phociern fragte, die, wie er unterwegs vernommen, die Freudenbotſchaft von Oreſtes Tode gebracht hätten. Die erſte, die ihm im Innern des Königshauſes begegnete, war Elektra und er richtete mit höhnendem Uebermuth auch an ſie die Frage: Sprich, du Hochfahrende, wo ſind die Fremdlinge, die deine Hoffnung vernichtet ha¬ ben? Elektra unterdrückte ihr Gefühl und antwortete ruhig: Nun, ſie ſind drinnen, ihrer lieben Wirthin zugeführt! Und melden ſie, fuhr er fort, auch wahr¬ haftig ſeinen Untergang? O ja, erwiederte Elektra, nicht nur dieß, ſondern ſie haben ihn ſelbſt bei ſich. Das iſt das erſte erfreuliche Wort, das ich von deinen Lippen höre! ſprach hohnlachend Aegiſthus: doch, ſiehe, da bringen ſie ja den Todten ſchon!

Frohlockend ging er dem Oreſtes und ſeinen Beglei¬ tern entgegen, die einen verhüllten Leichnam aus dem Innern des Pallaſtes in die Vorhalle trugen. O froher Anblick, rief der König und heftete ſeine gierigen Augen darauf, hebet ſchnell die Decke auf; laßt mich ihn des Anſtands halber beklagen; es iſt ja doch verwandtes Blut! So ſprach er ſpottend. Oreſtes aber entgegnete: Erhebe du ſelbſt die Decke, Herrſcher! dir allein ge¬ bührt es, liebevoll zu ſehen und zu begrüßen, was unter dieſer Hülle liegt! Wohl, antwortete Aegiſthus, aber ruf 'auch Klytämneſtra herbei, daß ſie ſchaue, was ſie gerne ſehen wird. Klytämneſtra iſt nicht ferne, rief Oreſtes. Indem lüftete der König die Decke, und fuhr mit einem Schrei des Entſetzens zurück: nicht die Leiche des Oreſtes, wie er gehofft hatte der blutige29 Leichnam Klytämneſtra's zeigte ſich ſeinen Blicken. Weh mir, ſchrie er, in welcher Männer Netze bin ich Un¬ glückſeliger gerathen? Oreſtes aber donnerte ihn mit tiefer Stimme an: Weißeſt du denn nicht ſchon lange, daß du zu Lebendigen als zu Todten ſpracheſt? Sieheſt du nicht, daß Oreſtes, der Rächer ſeines Vaters, vor dir ſteht? Laß mich reden! ſprach zuſammenge¬ ſunken Aegiſthus. Aber Elektra beſchwor den Bruder ihn nicht anzuhören. Verſtummend ſtießen ihn die Ankömm¬ linge hinein in den Pallaſt, und an demſelben Orte, wo er einſt den König Agamemnon in Bade gemordet, fiel Aegiſthus wie ein Opferthier, unter den Streichen des Rächers.

Oreſtes und die Eumeniden.

Oreſtes hatte, als er die Rachepflicht für den Va¬ ter an der Mutter und ihrem Buhlen übte, nach dem Willen der Götter ſelbſt gehandelt und ein Orakel des Apollo hatte ihm befohlen zu thun, was er gethan. Aber die Frömmigkeit gegen den Vater hatte ihn zum Mörder an der Mutter gemacht. Nach der That erwachte die Kindesliebe in ſeiner Bruſt und der durch eine andere Na¬ turpflicht gebotene Frevel gegen die Natur, den er im gräßlichen Zwieſpalte der Pflichten begangen hatte, ließ ihn den Rächerinnen ſolcher Frevel, den Erinnyen oder Rachegöttinnen (Furien) anheimfallen, welche die Griechen aus Furcht auch die Eumeniden, das heißt, die Gnädigen, oder: die uns gnädig ſeyn mögen, benannten. Töchter der Nacht und ſchwarz wie dieſe, von entſetzlicher Geſtalt,30 übermenſchlich groß, mit blutigen Augen, Schlangen in den Haaren, Fackeln in der einen Hand, in der andern aus Schlangen geflochtene Geißeln, verfolgten ſie den Muttermörder auf jedem Schritt und Tritt, und ſandten ihm ins Herz die nagenden Gewiſſensbiſſe und die quä¬ lendſte Reue.

Sogleich nach der That jagten ihn die Eumeniden fort vom Schauplatze derſelben, und als ein wahnſinniger Flüchtling verließ er die wieder gefundenen Schweſtern, das Vaterhaus Mycene und ſein Vaterland. In dieſer Noth blieb ihm ſein treuer Freund Pylades, den er in einem Augenblicke der Beſinnung mit ſeiner Schweſter Elektra verlobt hatte, redlich zur Seite, kehrte nicht in ſeine Heimath Phocis und zu ſeinem Vater Strophius zurück, ſondern theilte alle Wanderungen in der Irre mit ſeinem wahnſinnig gewordenen Freunde. Außer die¬ ſer treuen Seele hatte Oreſtes keinen menſchlichen Be¬ ſchützer in ſeinem Elend. Aber der Gott, der ihm die Rache befohlen hatte, Apollo, war bald ſichtbar, bald unſichtbar an ſeiner Seite und wehrte die ungeſtüm nachdringenden Erinnyen wenigſtens vom Leibe des Ver¬ folgten ab. Auch ſein Geiſt wurde ruhiger, wenn der Gott in der Nähe war.

So waren die Flüchtlinge auf ihren langen Irr¬ fahrten endlich ins Gebiet von Delphi gekommen, und Oreſtes hatte im Tempel des Apollo ſelbſt, deſſen Zutritt den Erinnyen verwehrt war, eine Freiſtätte für den Au¬ genblick gefunden. Der Gott ſtand mitleidig zu ſeiner Seite, wie er auf dem Aeſtrich des Heiligthums ausge¬ ſtreckt, von Müdigkeit und Gewiſſensangſt abgemattet, ge¬ ſtützt auf ſeinen Freund Pylades, ausruhte, und ſprach31 ihm Hoffnung und Muth mit den Worten ein: Unglück¬ licher Sohn, ſey getroſt. Ich werde dich nicht verrathen; mag ich nahe, oder ferne ſeyn, ſo bin ich dein Wächter, und nie werde ich deinen Feindinnen feige weichen! Du ſieheſt auch, wie dort drauſſen die grauenvollen, alten Mägde, deren Umgang Götter, Menſchen und ſelbſt Thiere ſcheuen, die ſonſt tief drunten in den Finſterniſſen des Tartarus wohnen, vom bleiernen Schlafe durch mich ge¬ bändiget, meinem Tempel ferne liegen. Dennoch verlaß dich nicht auf ihren Schlummer; er wird nicht lange dauern, denn mir iſt immer nur kurze Macht über die greiſen Göttinnen vom Schickſale verliehen. Deßwegen mußt du bald wieder auf die Flucht; doch ſollſt du nicht länger ohne Ziel umher irren. Richte vielmehr deine Schritte nach Athen, der ehrwürdigen alten Stadt mei¬ ner Schweſter Pallas Athene; dort will ich dir für ein gerechtes Gericht ſorgen, vor welchem du deine Stimme erheben und deine gute Sache vertheidigen kannſt. Keine Furcht ſoll dich darum bekümmern; ich ſelbſt ſcheide jetzt von dir, aber mein Bruder Hermes (Merkurius) wird dich bewachen und ſorgen, daß mein Schützling nicht verletzt werde.

So ſprach Apollo. Noch bevor er jedoch ſeinen Tempel und den Oreſtes verließ, war das Schattenbild Klytämneſtra's im Traum vor die Seelen der ſchlum¬ mernden Rachegöttinnen getreten, und hatte ihnen die zornigen Worte zugehaucht: Iſts auch recht, daß ihr ſchlafet? Bin ich ſo ganz von Euch verlaſſen, daß ich ungerächt in der Nacht der Unterwelt umherirren muß? Das Gräßlichſte habe ich von meinen nächſten Bluts¬ verwandten erduldet, und kein Gott zürnt darüber, daß32 ich von den Händen des eignen Sohnes ermordet ge¬ fallen bin? Wie viele Trankopfer, von meiner Hand euch ausgegoſſen, habt ihr geſchlürft, wie viele nächt¬ liche Mahle habe ich euch aufgetiſcht. Das Alles tretet ihr jetzt mit Füßen, und eure Beute laſſet ihr entrinnen, wie ein Reh, das mitten aus den Netzen davon hüpft! Höret mich, ihr Unterirdiſchen! Ich bins, Klytämneſtra, die ihr zu rächen geſchworen, und die ſich jetzt in euren Traum einmiſcht, an euren Schwur euch zu erinnern.

Die ſchwarzen Göttinnen konnten des Zauberſchla¬ fes nicht ſo bald los werden, ſie fuhren fort tief auf¬ zuſchnarchen, und erſt die lauten Worte des Schattens, die in ihren Traum hineintönten: Oreſtes, der Mutter¬ mörder, entgeht euch! rüttelten ſie endlich aus dem Schlummer empor. Eine erweckte die andere, wie wilde Thiere ſprangen ſie vom Lager auf, und ohne Scheu ſtürmten ſie in den Tempel Apollo's ſelbſt hinein, und hatten ſchon die Schwelle überſchritten: Jupiterſohn, ſchrien ſie ihm entgegen, du biſt ein Betrüger! du junger Gott trittſt die alten Göttinnen, die Töchter der Nacht, mit Füßen, du wagſt es, uns dieſen Götterverächter und Mutterfeind vorzuenthalten, du haſt ihn uns geſtohlen, und willſt doch ein Gott ſeyn! Iſt das auch vor den Göttern Recht? Apollo dagegen trieb die nächtlichen Göttinnen mit ſcheltenden Worten aus ſeinem ſonnigen Heiligthum: Fort von dieſer Schwelle, rief er, ihr Greuelhaften! Ihr gehört in die Höhle der Löwen, wo Blut geſchlürft wird, ihr Scherginnen des Schickſals, und nicht in den heiligen und reinen Sitz eines Orakels! Vergebens beriefen ſich die Rachegöttinnen auf ihr Recht und ihr Amt. Der Gott erklärte den Verfolgten für33 ſeinen Schützling, weil er in ſeinem Auftrag als der fromme Sohn ſeines Vaters Agamemnon gehandelt, und ver¬ trieb die Eumeniden von der Schwelle ſeines Tempels, daß ſie, die Macht des Gottes fürchtend, weit rückwärts flohen.

Dann übergab er den Oreſtes mit ſeinem Freunde der Obhut Merkurs, des Gottes, in deſſen Schutze die Wanderer ſtehen, und kehrte in den Olymp zurück. Die beiden Freunde aber ſchlugen, wie der Gott ihnen be¬ fohlen hatte, den Weg nach Athen ein, während die Erinnyen ihnen, aus Scheu vor der goldenen Ruthe des Götterboten, nur aus der Ferne zu folgen wagten. All¬ mählig jedoch wurden ſie kühner; und als die beiden Freunde glücklich in der Stadt Pallas Athene's ange¬ kommen waren, heftete ſich ihnen die Schaar der Rä¬ cherinnen dicht an die Ferſen und kaum war Oreſtes mit ſeinem Freund im Tempel der Athene (Minerva) angekommen, ſo ſtürmte auch ſchon der grauenvolle Chor durch die offenen Pforten deſſelben herein.

Oreſtes hatte ſich vor der Bildſäule der Göttin niedergeworfen, ſtreckte ſeine offenen Arme betend nach ihr aus und rief in der heftigſten Aufregung ſeines Ge¬ müthes: Königin Athene, auf Apollo's Befehl komme ich zu dir. Nimm einen Angeklagten gnädig auf, deſſen Hände nicht mit unſchuldigem Blute befleckt ſind, und der doch müde iſt von ungerechter Flucht und abgeſtumpft vom Flehen in fremden Häuſern. Ueber Städte und Einöden komme ich daher, gehorſam dem Orakel deines Bruders, liege hier in deinem Tempel und vor deinem Bilde, und erwarte deinen Richterſpruch, o Göttin!

Nun erhob auch der Chor der Furien, die hinter ihm herannaheten, ſeine Stimme, und ſchrie: Wir ſind dirSchwab, das klaſſ. Alterthum III. 334auf der Spur, Verbrecher! Wie der Hund dem ver¬ wundeten Rehbock, ſind wir deinen Fußſtapfen gefolgt, die von Blute triefen! Du ſollſt kein Aſyl finden, Mut¬ termörder! dein rothes Blut wollen wir dir aus den Gliedern ſaugen, und dann das blaſſe Schattenbild mit uns hinunter in den Tartarus führen! Nicht Apollo's, nicht Athene's Gewalt ſoll dich von der ewigen Qual befreien! Mein Wild biſt du, mir genährt, für meinen Altar beſtimmt! Auf, Schweſtern, laßt ihn uns mit unſrem Reigen umtanzen und ſeine beſchwichtigte Seele durch unſre Geſänge zu neuem Wahnſinn aufregen!

Und ſchon wollten ſie ihr furchtbares Lied anſtim¬ men, als plötzlich ein überirdiſches Licht den Tempel durchleuchtete, die Bildſäule verſchwunden war, und an ihrer Stelle die lebendige Göttin Athene ſtand, mit ern¬ ſten blauen Augen auf die Menge herniederblickend, die ihre Tempelhallen füllte, und den unſterblichen Mund zu der himmliſchen Rede erſchließend.

Wer hat ſich in mein Heiligthum gedrängt, ſprach die Göttin, während ich am Skamander von den Gebeten der abziehenden Griechen gerufen, das Beuteloos mir betrachte, das die frommen Söhne des Theſeus opfernd mir dort hinterließen? Was für ungewohnte Gäſte muß ich in meinem Tempel gewahren? Ein Fremdling hält meinen Altar umfaßt, und Weiber, keinem gezeugten Sterblichen ähnlich, haben ſich in drohender Stellung hinter ihn geſchaart. Redet, wer ſeyd ihr alle und was wollet ihr?

Oreſtes, von Furcht und Zittern ſprachlos, lag noch immer auf dem Boden, die Erinnyen aber ſtanden unverzagt hinter ihm, und nahmen das Wort. Jupiters35 Tochter, ſprachen ſie, ohne Umſchweif ſollſt du Alles aus unſrem Munde hören. Wir ſind die Töchter der ſchwarzen Nacht, und Furien nennt man uns drunten zu Hauſe! Wohl kenne ich euer Geſchlecht, ſprach Minerva, und euer Ruf iſt oft ſchon zu mir gedrungen. Ihr ſeyd die Rächerinnen des Meineids und des Ver¬ wandtenmordes: was kann euch in mein reines Tem¬ pelhaus führen?

Dieſer Menſch, der hier zu deinen Füßen deinen Altar durch ſeine Gegenwart beſudelt! ſprachen ſie. Er hat ſeine eigene Mutter erſchlagen. Richte du ſelbſt ihn, wir werden dein Urtheil ehren, denn wir wiſſen, du biſt eine ſtrenge und gerechte Göttin!

Wenn ihr mir denn den Richterſpruch übertraget, antwortete Pallas Athene, ſo ſprich du zuerſt, Fremd¬ ling, was kannſt du gegen die Ausſagen dieſer Unter¬ irdiſchen vorbringen? Nenne mir zuerſt dein Vaterland, dein Geſchlecht und dein Schickſal, und alsdann reinige dich von dem Frevel, der dir Schuld gegeben wird. Solches geſtatte ich dir, weil du vor meinem Altare knieend liegſt, und ihn als demüthiger Schützling um¬ faſſet hältſt! Auf alles Jenes aber antworte mir ohne Gefährde!

Jetzt erſt wagte Oreſtes den Blick vom Boden zu erheben, richtete ſich auf, doch ſo, daß er immer noch vor der Göttin auf den Knieen lag, und ſprach: Kö¬ nigin Athene! Vor allen Dingen ſey dir die Beſorg¬ niß um dein Heiligthum benommen! Ich habe keinen unſühnbaren Mord begangen; ich umfange deinen Altar nicht mit unſauberen Händen! Ich bin gebürtig aus Argos, und du kennſt meinen Vater wohl. Es iſt Aga¬3 *36memnon, der Völkerfürſt, der Führer der griechiſchen Flotte vor Troja, mit dem du ſelbſt Ilios herrliche Veſte zerſtöret haſt. Dieſer, nach Hauſe zurückgekehrt, iſt keines ehrlichen Todes geſtorben, ſondern meine Mutter, die mit dem fremden Manne buhlte, hat ihn in ein trüge¬ riſches Netz gewickelt und umgebracht; das Bad war der Zeuge ſeines Mordes. Da bin ich nach langer Zeit, der ich ſeitdem in der Verbannung gelebt, zurück gekom¬ men ins Vaterland, und habe den Vater gerächt, und, ich läugne es nicht, habe des geliebten Vaters Mord mit Mord an der Mutter gerächt. Und zu dieſer That hat dein eigener Bruder Apollo mich aufgemuntert und ſein Orakel hat mir mit großer Seelenqual gedroht, wenn ich die Mörder meines Vaters nicht beſtrafte. Nun ſollſt du Schiedsrichterin ſeyn, o Göttin, ob ich mit Recht oder Unrecht gehandelt. Auch ich unterwerfe mich deinem Richterſpruch!

Die Göttin ſchwieg eine Weile nachdenklich; dann ſprach ſie: Die Sache, die entſchieden werden ſoll, iſt freilich ſo dunkel, daß ein menſchliches Gericht nicht damit fertig würde; darum, obwohl ich ſterbliche Richter für ſie wählen will, iſt es doch gut, daß ihr euch mit eurem Rechtsſtreit an eine Unſterbliche gewendet. Denn ich ſelbſt will das Gericht verſammeln, in meinem Tempel den Vorſitz führen und bei ſchwankendem Urtheile den Ausſchlag geben. Inzwiſchen ſoll dieſer Fremdling unter meinem Schirm unangetaſtet in unſrer Stadt leben. Ihr aber, finſtre, unerbittliche Göttinnen! beflecket dieſen Bo¬ den nicht ohne Noth mit eurer Gegenwart. Gehet hinab in eure unterirdiſche Behauſung und erſcheinet nicht eher wieder in dieſem Tempel, bis der anberaumte Tag des37 Gerichtes herbeigekommen ſeyn wird. Einſtweilen ſammle jede Partie Zeugen und Beweiſe: ich ſelbſt aber will die beſten Männer dieſer Stadt, die meinen Namen führt, ausleſen, und zur Aburtheilung dieſes Streites beſtellen.

Nachdem die Göttin ſodann den Tag des abzuhal¬ tenden Gerichtes feſtgeſetzt hatte, wurden die Parteien aus dem Tempel entlaſſen. Die Rachegöttinnen gehorch¬ ten dem Ausſpruche Minerva's ohne Murren, ihre Schaar verließ den Boden von Athen und ſie ſtiegen wieder zur Unterwelt hinab; Oreſtes mit ſeinem Freunde wurde von den Bürgern Athens gaſtlich aufgenommen und verpflegt.

Als der Gerichtstag erſchienen war, berief ein He¬ rold die auserwählten Bürger der Stadt auf einen Hügel vor derſelben, der dem Mars oder Ares heilig war, und deßwegen der Areopag oder Aresberg hieß, wo die Göt¬ tin in Perſon ihrer harrte und Klägerinnen und Ange¬ klagter bereits ſich eingefunden hatten. Aber noch ein Dritter war erſchienen und ſtand dem Angeklagten zur Seite. Es war der Gott Apollo. Als die Erinnyen dieſen erblickten, erſchracken ſie und riefen zornig: Kö¬ nig Apollo, kümmere du dich um deine eigenen Ange¬ legenheiten! Sprich, was haſt du hier zu ſchaffen? Dieſer Mann, erwiederte der Gott, iſt mein Schützling, der in meinem Tempel zu Delphi ſich in meinen Schirm begeben, und ich habe ihn von dem vergoſſenen Blut entſündigt. Darum iſt es billig, daß ich ihm beiſtehe; und ſo bin ich denn erſchienen, einentheils für ihn zu zeugen, aiderntheils als ſein Anwalt vor dem ehr¬ würdigen heimlichen Gerichte dieſer Stadt, das meine38 himmliſche Schweſter Athene in ihrem Tempel verſammelt hat, aufzutreten. Denn ich bin es, der ihm den Mord der Mutter, als eine fromme, den Göttern wohlgefäl¬ lige That, angerathen hat!

Mit ſolchen Worten trat der Gott ſeinem Schützling noch näher. Die Göttin erklärte nun das Gericht für eröffnet und forderte die Erinnyen auf, ihre Klage vor¬ zubringen. Wir werden kurz ſeyn, nahm die Aelteſte unter ihnen, als Sprecherin, das Wort. Angeklagter! beantworte uns Frage um Frage: Haſt du deine Mutter umgebracht oder läugneſt du's? Ich läugne nicht, ſprach Oreſtes, doch erblaßte er bei der Frage. So ſprich, wie haſt du's vollbracht? Ich habe ihr, antwortete der Angeklagte, das Schwert in die Kehle gebohrt. Auf weſſen Rath und Anſtiften haſt du es gethan? Der hier neben mir ſteht, erwiederte Oreſtes, der Gott hat mirs durch einen Orakelſpruch befohlen; und er iſt da, mir dieß zu bezeugen. Darauf vertheidigte ſich der Angeklagte kürzlich gegen die Richter, daß er in Klytämneſtra nicht mehr die Mutter, ſondern nur die Mörderin des Vaters geſehen, und Apollo als Anwalt ließ eine längere und beredtere Vertheidigung folgen. Die Rachegöttinnen blieben auch nicht ſtumm, und wenn der Gott mit ſchwarzen Farben den Mord des Gatten den Richtern vor Augen geſtellt, ſo ſchilderten ſie dagegen mit giftig funkelnden Augen den Frevel des Muttermordes. Und als ihre Rede zu Ende war, ſagte die Sprecherin: Jetzt haben wir alle unſre Pfeile aus dem Köcher verſendet; wir wollen ruhig erwarten, wie die Richter urtheilen werden!

Minerva hieß die Stimmſteine, jedem einen ſchwarzen39 für die Schuld, einen weißen für die Unſchuld des Beklagten, unter die Richter vertheilen, die Urne, in welche die Steine zu legen waren, wurde in der Mitte des umzäunten Platzes aufgeſtellt und ehe die Richter ſich zum Abſtimmen anſchickten, ſprach die Göttin noch von der erhöhten Stelle herab, auf welcher ſie als Vorſitze¬ rin des Gerichtes ihren Thronſeſſel eingenommen hatte, indem ſie ſich aus demſelben erhob und in ihrer ganzen himmliſchen Hoheit daſtand: Höret dieſe Beſtimmung der Gründerin eurer Stadt, Bürger von Athen! jetzt wo ihr den erſten Streit wegen vergoſſenen Blutes richtet! Für alle Folgezeit ſoll dieſer Gerichtshof in euren Mauern beſtehen. Hier auf dieſem heiligen Marshügel, wo einſt im Amazonenkriege gegen Theſeus die feindlichen Hel¬ dinnen ihr Lager hatten und dem Gotte des Krieges ihr Opfer darbrachten, ſoll, nach dem Orte benannt, der Areopag ſein Blutgericht halten, und durch fromme Scheu die Bürger Tag und Nacht zurückſchrecken. Aus den heiligſten Männern der Stadt gebildet ſtifte ich ihn, unzugänglich dem Gewinne, ehrwürdig, ſtreng, einen wachſamen Schutz für die Schlafenden im ganzen Lande. Ihr alle Einwohner ſollet ſeine Würde ſcheuen und ihn ſchirmen als eine heilſame Stütze einer Stadt, wie kein anderes Volk in Griechenland oder unter den Ausländern ſie beſitzt. Dieß ſey für die Zukunft verordnet. Nun aber, ihr Richter, erhebet euch, ſcheuet euren Eid, und leget zur Entſcheidung des Streites eure Stimmen in die Urne nieder!

Schweigend erhuben ſich die Richter von den Sitzen und traten einer um den andern an die Urne, und die Stimmſteine rollten nach einander hinein. Als Alle40 abgeſtimmt hatten, traten auserleſene, durch einen Eid verpflichtete Bürger hinzu und zählten die ſchwarzen und die weißen Steine ab. Da befand es ſich, daß die Zahl beider gleich war, und die Entſcheidung der vorſitzenden Göttin zukam, wie ſie ſich im Beginne des Gerichtes dieſelbe vorbehalten hatte. Athene ſtand abermals von ihrem Sitze auf und ſprach: Ich bin von keiner Mut¬ ter geboren, bin das alleinige Kind meines Vaters Ju¬ piter und aus ſeiner Stirne entſprungen, eine männliche Jungfrau, des Ehebundes unkundig, doch die geborne Beſchützerin der Männer. Ich werde nicht auf die Seite des Weibes treten, das ſeinen Ehegatten freventlich er¬ ſchlagen hat, dem ſchnöden Buhlen zu gefallen. Nach meines Herzens Meinung hat Oreſtes wohl gethan, er hat nicht die Mutter umgebracht, ſondern die Mörderin des Vaters. Er ſiege! Damit verließ ſie den Rich¬ terſtuhl, ergriff einen weißen Stimmſtein und fügte ihn den andern weißen Steinen hinzu. Dieſer Mann, ſprach ſie ſodann feierlich, auf ihren Thron zurückgekehrt, iſt durch Stimmenmehrzahl von dem Vorwurf ungerechten Mordes freigeſprochen!

Als das Urtheil gefällt war, bat Oreſtes die Göt¬ tin um das Wort und ſprach in tiefer Bewegung ſeines Herzens: O Pallas Athene, die du mein Geſchlecht und mich des Vaterlands Beraubten gerettet haſt, in ganz Griechenland wird man deine Wohlthat preiſen und ſagen: So wohnet denn jener Argiver wieder in der Väter Pallaſt, erhalten durch die Gerechtigkeit Mi¬ nerva's, und Apollo's, und des Göttervaters, ohne deſſen Willen auch das nicht geſchehen wäre. Ich aber ziehe heim, dieſem Land und Volke ſchwörend, daß für41 ewige Zeiten kein Argiver kommen ſoll, die frommen Athener zu bekriegen! Ja wenn lange nach meinem Tode einer meiner Landsleute es wagen wollte, dieſen meinen Eid zu verletzen, ſo wird von der Väter Gruft aus noch mein Geiſt ihn ſtrafen und ihm Unheil auf den Weg ſenden, daß er ſeine verfluchten Plane gegen dieſe Stadt nicht ausführen kann. Lebe denn wohl, du erhabene Beſchützerin des Rechtes, und du, frommes Volk der Athener; möge dir in jedem Kriege und in allen Dingen Sieg und Heil zu Theile werden!

Unter ſolchen Segenswünſchen verließ Oreſtes den heiligen Hügel des Mars, geleitet von ſeinem Freunde, der während des ganzen Gerichts nicht von ſeiner Seite gewichen war; die Rachegöttinnen wagten es nicht, ge¬ gen den Spruch der Göttin ſich an dem Freigeſprochenen zu vergreifen, auch ſcheueten ſie die Gegenwart Apollo's, der bereit war, den Ausſpruch des Gerichtes aufrecht zu erhalten. Aber die Sprecherin des Chores ſtand von dem Sitze der Klägerinnen auf und in übermenſch¬ licher Größe dem Gott und der Göttin als ebenbürtig entgegenſtehend, ließ ſie, mit der rauhen Stimme der Töch¬ ter der Nacht, ihre trotzige Einſprache gegen das Urtheil alſo vernehmen: Wehe uns, die uralten Geſetze habt ihr zu Boden getreten, ihr jüngeren Götter, habt ſie uns älteren Göttern aus den Händen gerungen! Ver¬ achtet, machtlos zürnend ſtehen wir da. Doch ſoll euch euer Urtheil gereuen, ihr Athener! Alles Gift unſres erzürnten Herzens werden wir über dieſen Boden aus¬ ſchütten, wo die Gerechtigkeit verachtet worden iſt. Der Fraß ſoll über alle Pflanzen, das Verderben über alles Leben kommen; mit Unfruchtbarkeit und Peſt wollen wir42 Land und Stadt heimſuchen, wir, die gekränkten, die beſchimpften Göttinnen der Nacht!

Als Apollo dieſen fürchterlichen Fluch vernahm, trat er ins Mittel und ſprach beſänftigend zu den mäch¬ tigen Göttinnen: Folget mir, ihr Gnädigen! Zürnet nicht allzuſehr über das gefällte Urtheil! Seyd ihr doch nicht beſiegt worden; aus der Urne iſt die gleiche Zahl ſchwarzer und weißer Steine hervorgegangen; das Gericht iſt nicht zu eurer Schmach ausgefallen, nur die Barm¬ herzigkeit hat geſiegt, nur die Billigkeit hat den Ange¬ klagten, der zwiſchen zwei heiligen Pflichten wählen und eine von beiden verletzen mußte, gerettet! Und das haben wir Götter gethan, nicht die Richter dieſes Landes; und Jupiter hat es gut geheißen! Darum laſſet euren Grimm nicht an dem unſchuldigen Volke aus. Verſpreche ich euch doch in ſeinem Namen, daß ihr ein Heiligthum und einen würdigen Sitz in ſeinem Lande erhalten ſollet, daß ihr auf glänzenden Altären der gerechten Stadt euren Sitz nehmen werdet, verehrt als die unerbittlichen Göttinnen gerechter Rache von allen Bürgern dieſer Stadt!

Dieſe Verſicherung bekräftigte auch Athene ſelbſt: Glaubet mir, ehrwürdige Göttinnen, ſetzte ſie hinzu, wenn ihr in einem andern Lande euren Sitz aufſchla¬ get, daß euch das gereuen, daß ihr euch nach dem verſchmähten ſehnen werdet. Die Bürger dieſer Stadt ſind bereit euch in hohen Ehren zu halten: Chöre von Männern und Frauen werden euren Ruhm feiern, neben dem Tempel des vergötterten Königes Erechtheus ſollt ihr ein geweihetes Heiligthum erhalten! Kein Haus wird geſegnet ſeyn, das euch nicht verehrt!

Solche Verſprechungen beſänftigten allmählich den43 Zorn der ſtrengen Rachegöttinnen, ſie gelobten ihren gnädigen Sitz in dem Lande zu nehmen, fühlten ſich hoch geehrt, daß ſie gleich Athenen und Apollo Altäre und Heiligthum in der berühmteſten Stadt beſitzen ſoll¬ ten,*)Vergl. B. 1. S. 329. und endlich wurde ihr Sinn ſo milde, daß ſie auch ihrerſeits das feierliche Verſprechen vor den anwe¬ ſenden Göttern ablegten, die Stadt zu ſchirmen, böſe Wetter, Sonnenſtich, giftige Seuchen von ihrem Gebiete abzuhalten, die Herden des Landes zu ſchirmen, den Bund der Ehen zu ſegnen, und im Einverſtändniſſe mit ihren Halbſchweſtern, den Parzen oder Schickſalsgöttin¬ nen, das Wohl des ganzen Landes auf alle Weiſe zu befördern. Ja ſie wünſchten dem ganzen Volke ewige Eintracht und holden Frieden, und ihr ſchwarzer Chor brach unter Dankſagungen des himmliſchen Geſchwiſter¬ paares auf, und verließ von der ganzen Einwohnerſchaft unter Lobgeſängen begleitet den Areopag und die Stadt.

Iphigenia zu Tauri.

Von Athen hatten ſich die beiden Freunde, Oreſtes und Pylades, der erſte nun wieder von ſeiner Schwer¬ muth geneſen, nach Delphi zu dem Orakel Apollo's gewendet und dort fragte Oreſtes den Gott, was er weiter über ihn beſchloſſen hätte. Der Spruch der Prie¬ ſterin lautete dahin, daß der Königsſohn von Mycene die Endſchaft ſeiner Noth erreichen ſollte, wenn er nach44 den Gränzen der tauriſchen Halbinſel, in die Nachbar¬ ſchaft der Scythen, ſich begeben hätte, wo Apollo's Schweſter Diana oder Artemis ein Heiligthum beſitze. Dort ſollte er das Bildniß der Göttin, das nach der Sage dieſes Barbarenvolkes vom Himmel gefallen war und daſelbſt verehrt wurde, durch Liſt oder andere Mittel rauben und, nach beſtandenem Wageſtück, daſſelbe nach Athen verpflanzen, denn die Göttin ſehne ſich nach mil¬ derem Himmelsſtriche und griechiſchen Anbetern, und ihr gefalle das Barbarenland nicht mehr. Wäre dieſes glücklich vollführt, ſo ſolle der landesflüchtige Jüngling am Ziele ſeiner Noth ſtehen.

Pylades verließ ſeinen Freund auch auf dieſer rau¬ hen Wanderung nach einem gefahrvollen Ziele nicht. Denn das Volk der Taurier war ein wilder Menſchen¬ ſtamm, der die an ſeiner Hufe Geſtrandeten und andere Fremde der Jungfrau Artemis zu opfern pflegte. Den gefangenen Feinden hieben ſie den Kopf ab, ſteckten ihn an einer Stange über den Rauchfang ihrer Hütten, und beſtellten ihn ſo zum Wächter ihres Hauſes, der Alles von der Höhe herab für ſie überſchauen ſollte.

Die Urſache, warum das Orakel den Oreſtes in dieſes wilde Land unter den grauſamen Völkerſtamm ſandte, war aber dieſe. Als Agamemnons und Klytäm¬ neſtra's Tochter auf Anrathen des griechiſchen Sehers Kalchas, im Angeſichte der Griechen, am Strande von Aulis geopfert werden ſollte, und der Todesſtreich ge¬ fallen war, der eine Hindin anſtatt der Jungfrau ge¬ troffen hatte,*)B. II. S. 44. da ſtahl die erbarmungsvolle Göttin45 Artemis das Mägdlein aus den Blicken der Griechen weg, und trug ſie durch das Lichtmeer des Himmels auf ihren Armen über Meer und Land nach dieſem Tau¬ rien, und ließ ſie hier in ihrem eigenen Tempel nieder. Dort fand ſie der König des Barbarenvolkes, Thoas mit Namen, und beſtellte ſie zur Prieſterin des Dianen¬ tempels, wo ſie im Dienſte der Göttin des fürchterlichen Brauches pflegen, und, wie die alte Sitte des rohen Landes heiſchte, jeden Fremdling, deſſen Fuß dieß Ufer betrat, und meiſtens waren es Landsleute von ihr, Griechen, die dieſes jammervolle Loos traf, der Landesgöttin opfern mußte. Indeſſen hatte ſie nur das Todesopfer einzuweihen. Niedrigere Diener der Göttin mußten daſſelbe ſodann in das Heiligthum hinein zur grauſen Schlachtbank ſchleppen.

Jahre ſchon hatte die Jungfrau ihres traurigen Amtes wartend, übrigens hochgehalten vom Könige und um ihrer milden, griechiſchen Sitte und ihrer eigenthüm¬ lichen Liebenswürdigkeit willen verehrt vom Volke, fern von der Heimath und gänzlich unbekannt mit den Ge¬ ſchicken ihres Hauſes, vertrauert, als es ihr einsmals in der Nachtruhe träumte, ſie wohne fern von dieſem Barbarenſtrand im heimathlichen Argos, und ſchlafe von den Sklavinnen des Elternhauſes umringt. Da fing auf einmal der Rücken der Erde zu beben und zu zittern an, und ihr war, als flöhe ſie aus dem Pallaſte, ſtände draußen und müßte ſehen und hören, wie das Dach des Hauſes zu wanken begann, und der ganze Säulenbau bis auf den Grund erſchüttert, zu Boden raſſelte. Ein einziger Pfeiler ſo dünkte ihr vom väterlichen Hauſe blieb übrig. Mit einemmal bekam dieſer Pfeiler46 Menſchengeſtalt, aus dem Säulenknauf wurde ein Haupt, von blondem Haupthaar umwachſen, und dieſes fing an in vernehmlichen Lauten zu reden, deren Inhalt jedoch der Jungfrau entfallen war, als ſie wieder erwachte. Im Traum aber geſchah es noch, daß ſie, ihrem Frem¬ denmord befehlenden Amte getreu, den Menſchen, der ein Pfeiler ihres Vaterhauſes geweſen war, als zum Tode beſtimmt, mit dem Weihwaſſer beſprengte, und dazu bitterlich weinen mußte, bis ſie der Traum verließ.

Am Morgen, der auf dieſelbe Nacht folgte, war Oreſtes mit ſeinem Freunde Pylades am tauriſchen Ufer¬ ſtrande ans Land geſtiegen und beide ſchritten auf den Tempel der Artemis zu. Bald ſtanden ſie vor dem Bar¬ barengebäude, das eher einem Zwinger, denn einem Götterhauſe glich, und blickten ſtaunend an dem hohen Mauerringe empor. Endlich brach Oreſtes das Schwei¬ gen. Du treuer Freund, ſprach er, der auch dieſes Weges Gefahr mit mir getheilt hat, was fangen wir an? Wollen wir den Treppenkranz, der ſich um den Tempel ſchlingt, erklimmen? Aber wenn wir droben ſind, werden wir nicht in dem unbekannten Gebäude wie in einem Labyrinthe umhertappen? Und werden nicht eherne Schlöſſer uns den Zugang zu den Gemächern verſchließen? Würden wir aber, indem wir Einlaß ſuchen, indem wir öffnen, an dem Thore von den Wachen, die ohne Zweifel bei dem Heiligthum aufgeſtellt ſind, erhaſcht, ſo ſind wir des Todes. Denn das wiſſen wir ja, daß Griechenmord den Altar dieſer unerbittlichen, Göttin unaufhörlich beſpritzt! darum, wäre es nicht ge¬ rathener, zu dem Schiffe zurückzukehren, deſſen Segel uns hierher gebracht hat?

47

Ey, erwiederte Pylades, das wäre wahrlich das erſtemal, daß wir mit einander die Flucht ergriffen! Heilig ſoll uns der Ausſpruch Apollo's ſeyn! doch, wahr iſts, fort müſſen wir von dieſem Tempel! das Klügſte iſt, wir verbergen uns in den dunkeln Grotten, die das Meer beſpült, ferne von unſrem Fahrzeug, damit Keiner, der es erblickt, dem Herrſcher dieſes Landes von uns melden könne, und wir nicht von Waffengewalt, die ge¬ gen uns ausgeſendet wird, übermannt werden. Wenn aber dann die Nacht anbricht, dann laß uns friſch ans Werk ſchreiten. Die Lage des Tempels kennen wir nun ſchon; irgend eine Liſt wird uns ins Innere des Tem¬ pelraumes führen, und haben wir das Götterbild einmal auf den Armen, ſo iſt mir vor dem Rückwege nicht mehr bange. Tapfre ſtürzen ſich muthig in die Gefahr! haben wir rudernd nicht einen unermeßlichen Weg zu¬ rückgelegt? Nun wäre es doch ſchmählich, wenn wir am Ziele umkehrten, und ohne die Beute, die der Gott uns bezeichnet hat, heimkehrten!

Wohlgeſprochen, rief Oreſtes, es geſchehe, wie du räthſt! Wir wollen uns verbergen, bis der Tag vor¬ über iſt, die Nacht kröne unſer Werk!

Die Sonne ſtand ſchon höher am Himmel, als auf die Prieſterin Diana's, die an der Schwelle ihres Tem¬ pels ſtand, ein Rinderhirte, der mit ſchnellen Schritten vom Meergeſtade herbeigeeilt kam, zuſchritt. Er brachte die Meldung, daß ein Paar Jünglinge, wohlgefällige Schlachtopfer der Göttin Artemis, am Ufer gelandet ſeyen. Bereite nur, erhabene Prieſterin, ſprach er, je eher je lieber das heilige Waſſerbad, und ſchicke dich zu dem Werke an! Was für Landsleute ſind die48 Fremdlinge? fragte Iphigenia traurig. Griechen, erwiederte der Hirt; weiter wiſſen wir nichts, als daß der eine von ihnen Pylades heißt, und daß ſie unſre Gefangenen ſind. Laßt hören, fragte die Prie¬ ſterin weiter, wo geſchah's, und wie ſinget ihr ſie? Wir badeten eben, erzählte der Hirt, unſre Rin¬ der im Meere, und warfen eins ums andere in das Waſſer, das ſtrömend durch die Felſen fällt, welche man die Symplejaden heißt. Es findet ſich dort ein hohler, durch¬ brochener, ſtets vom Waſſer beſchäumter Felsſturz, eine Grotte für die Schneckenfiſcher. Hier gewahrte ein Hirte von unſrer Schaar ein paar Jünglingsgeſtal¬ ten, und ſie kamen ihm ſo ſchön vor, daß er ſie für Götter hielt, und vor ihnen niederfallen wollte. Ein anderer aber, der neben ihm ſtand, ein frecher ungläu¬ biger Menſch, war nicht ſo thöricht; er lachte, als er ſeinen Kameraden die Knie beugen ſah, und ſprach: Sieheſt du denn nicht, daß es ſchiffbrüchige Seeleute ſind, die ſich in jene Felſenkluft gelagert haben, um ſich zu verbergen, weil ſie voll Angſt von dem Gebrauche gehört haben, daß wir hier zu Lande die Fremden, die an unſern Strand gerathen, zu opfern pflegen! Dieſe Rede gefiel der Mehrzahl, und wir ſchickten uns an, Jagd auf die Opfer zu machen. Da trat der eine der Fremdlinge zu der Felskluft heraus, ſchüttelte ſein Haupt und warf es wild umher, Arme und Hände ſchlotterten ihm; laut aufſtöhnend, vom Wahnſinne ge¬ packt, rief er: Pylades, Pylades! ſieheſt du dort nicht die ſchwarze Jägerin, den Drachen aus dem Ha¬ des, wie ſie mich zu morden begehrt, wie ſie mit den wilden Schlangen züngelnd auf mich zufährt? Und das49 die andre, die Feuerathmende, die hat ja meine eigene Mutter im Arm, und drohet ſie auf mich zu ſchleudern! Weh mir! Sie erwürgt mich! Wie ſoll ich ihr entflie¬ hen? Von allen dieſen Schreckbildern, fuhr der Hirte fort, war weit und breit nichts zu ſehen, ſondern er hielt wohl das Gebrüll der Rinder und das Hundegebell für Stimmen der Furien. Uns aber faßte alle ein Schre¬ cken, zumal da der Fremdling ſein Schwert von der Seite zog und ſich wie raſend auf die Rinderſchaar warf, und ihnen das Eiſen in die Bäuche ſtieß, daß ſich bald die Meeresfluth roth färbte. Endlich ermannten wir uns, blieſen mit unſern Muſcheln das Landvolk zuſam¬ men und nahten uns den bewaffneten Fremdlingen in einem geſchloſſenen Haufen. Der Raſende, den die Zu¬ ckungen des Wahnſinns allmählig verlaſſen hatten, ſtürzte nun, am Mund von Schaume triefend, zu Boden. Wir alle wandten uns ihm zu mit Werfen und Schleu¬ dern, während ſein Genoſſe ihm den Schaum abwiſchte und ſeinen eigenen Mantel ihm gewandt um den Leib ſchlug. Bald aber ſprang der Darniedergeworfene mit vollem Bewußtſeyn wieder auf und wehrte ſich ſeines Lebens. Zuletzt jedoch mußten ſie der Ueberzahl weichen, wir umſchloſſen ſie in einem Kreiſe; die wiederholten Steinwürfe machten, daß ihnen die Waffen aus den Händen fielen und ihre Kniee ermattet zu Boden ſanken. Nun bemächtigten wir uns ihrer und geleiteten ſie zu Thoas, dem Beherrſcher des Landes. Dieſer hatte ſie kaum zu Geſichte bekommen, als er auch ſchon befahl, die Gefangenen dir als Todesopfer zuzuſenden. Flehe nur, o Jungfrau, daß du recht viel ſolche Fremdlinge abzuſchlachten bekommſt, denn es ſcheinen recht herrlicheSchwab, das klaſſ. Alterthum. III. 450Griechen zu ſeyn. Tödteſt du Solcher Viele, ſo büßt Griechenland deine Todesangſt nach Gebühr und du biſt gerächt dafür, daß ſie dich in der Bucht von Aulis um¬ bringen wollten!

Der Hirte ſchwieg und erwartete die Befehle der Richterin, die ihm auch wirklich auftrug, die Fremd¬ linge zu holen. Als ſich Iphigenia allein ſah, ſprach ſie zu ſich ſelber: O mein Herz, ſonſt wareſt du doch immer barmherzig gegen die Fremdlinge, ſchenktest gerne deinen Stammesgenoſſen eine Thräne, ſo oft dir grie¬ chiſche Männer in die Hände fielen! Nun aber ſeit der Traum dieſer Nacht mir die bittre Ahnung eingeflößt hat, daß mein geliebter Bruder Oreſtes das Licht der Sonne nicht mehr ſieht nun ſollet ihr Alle, die ihr nahet, mich grauſam finden! Sind doch die Unglücklichen den Beglückten immer abhold! O ihr Griechen, die ihr mich wie ein Lamm zum Opferherde ſchlepptet, wo mein eigener Vater der Schlächter war! O, nie ver¬ geſſe ich dieſe Schreckenszeit! Ja wenn Jupiter mir mit friſchen Winden den Mörder Menelaus einmal herbei¬ führen wollte, und die trügeriſche Helena

Sie ward in ihrem Selbſtgeſpräch unterbrochen durch das Herannahen der Gefangenen, die ihr in Feſſeln vorgeführt wurden. Als ſie dieſelben kommen ſah, rief ſie ihren Führern entgegen: Laſſet den Fremden die Hände frei; die heilige Weihe, die ſie empfangen ſollen, ſpricht ſie von allen Banden los! Dann gehet in den Tempel und beſtellet Alles, was dieſer Fall erfordert! Hierauf wandte ſie ſich zu den Gefangenen und redete ſie an: Sprechet, wer iſt euer Vater, eure Mutter, wer eure Schweſter, wenn ihr eine habt, die jetzt eines51 ſo ſchmucken, ſtattlichen Bruderpaares beraubt, allein in der Welt ſtehen ſoll? Woher kommet ihr, bejam¬ mernswürdige Fremdlinge? Ihr hattet wohl eine weite Fahrt bis zu dieſen Ufern. Doch bereitet euch zu einer weiteren; denn jetzt geht eure Fahrt hinunter ins Schat¬ tenreich!

Ihr erwiederte Oreſtes: Wer du auch immer ſeyeſt, o Weib, was beklagſt du uns? Wer das Henkerbeil ſchwingt, dem ſteht es übel an, ſein Opfer zu tröſten, ehe er den Streich führt; und wem der Tod ohne Hoff¬ nung droht, dem will auch das Jammern nicht geziemen! Keine Thränen, weder von dir noch von uns! Laß das Geſchick ergehen!

Welcher von euch beiden iſt Pylades? das laſſet mich zuerſt wiſſen! fragte nun die Prieſterin. Dieſer hier! ſprach Oreſtes, indem er auf ſeinen Freund hin¬ deutete. Seyd ihr Brüder? Durch Liebe, antwortete Oreſtes, nicht durch Geburt! Wie hei¬ ßeſt denn aber du? Nenne mich einen Elenden, erwiederte er, am beſten iſts, ich ſterbe namenlos; dann werd 'ich doch nicht zum Geſpötte! Die Prieſterin verdroß ſein Trotz und ſie drang in ihn, ihm wenigſtens ſeine Vaterſtadt zu nennen. Als der Name Argos im Ohr klang, zuckte es ihr durch die Glieder und ſie rief heftig: Bei den Göttern, Freund, ſtammſt du wirklich dorther? Ja, ſprach Oreſtes, von Mycene, wo mein Haus einſt beglückt war. Wenn du von Argos kommſt, Fremdling, fuhr Iphigenia mit geſpannter Er¬ wartung fort, ſo bringſt du wohl auch Nachrichten von Troja mit? Iſts wahr, daß es ſpurlos vertilgt iſt? Kam Helena zurück? Ja, beides iſt ſo, wie du fragſt! 4 *52 Wie gehts dem Oberfeldherrn? Agamemnon, deucht mich, hieß er, der Sohn des Atreus? Oreſtes ſchau¬ derte bei dieſer Frage: Ich weiß nicht, rief er mit abgewandtem Haupte. Sprich mir von dieſem Gegen¬ ſtande nicht, o Weib! Aber Iphigenia bat ihn mit ſo wei¬ cher flehender Stimme um Nachricht, daß er nicht zu wider¬ ſtehen vermochte. Er iſt todt, ſprach er, durch die Gemahlin ſtarb er grauſenhaften Todes! Ein Schrei des Entſetzens entfuhr der Prieſterin Diana's. Doch faßte ſie ſich und fragte weiter: Sprich nur das noch! lebt des armen Mannes Weib? Nicht mehr, war die Antwort, ihr eigener Sohn hat ihr den Tod ge¬ geben, er übernahm das Rächeramt für ſeinen ermordeten Vater: doch gehet es ihm ſchlimm dafür! Lebt noch ein anderes Kind Agamemnons? Zwei Töch¬ ter, Elektra und Chryſothemis. Und was weiß man von der Aelteſten, die geſchlachtet ward? Daß eine Hindin an ihrer Statt ſtarb, ſie ſelbſt aber ſpurlos verſchwunden iſt. Auch ſie iſt wohl ſchon lange todt! Lebt der Sohn des Gemordeten noch? fragte die Jungfrau ängſtlich. Ja, ſprach Oreſtes, doch im Elend, vertrieben, überall und nirgends! O trü¬ geriſche Träume, weichet! ſeufzte Iphigenia vor ſich hin. Dann hieß ſie die Diener ſich entfernen, und als ſie mit den Griechen allein war, ſprach ſie flüſternd zu ihnen! Vernehmet etwas, Freunde, das zu eurem und meinem Vortheile dient, wenn wir einig ſind. Ich will dich retten, Jüngling, wenn du mir ein Briefblatt in deine und meine Heimath Mycene, an die Meinigen gerichtet, nehmen willſt! Ich mag mich nicht retten, ohne den Freund, antwortete Oreſtes; ich bin ein53 Unglücklicher, von dem er nicht gewichen iſt. Wie ſollte ich Ihn in der Todesnoth verlaſſen? Edler, brü¬ derlich geſinnter Freund! rief die Jungfrau. O wäre mein Bruder, wie du! denn wiſſet, Fremdlinge, auch ich habe einen Bruder, nur daß er ferne aus meinen Augen iſt. Aber beide kann ich euch nicht entlaſſen: das duldet der König nimmermehr. Stirb denn du, und laß deinen Pylades ziehen; welcher von euch mir das Blatt beſorgt mir gilt es gleich! Wer wird mich opfern? fragte Oreſtes. Ich ſelbſt; auf Befehl der Göttin, antwortete Iphigenia. Wie, du, das ſchwache Mädchen, ſchwingſt auf Männer dein Schwert? Nein, ich benetze nur mit dem Weihwaſſer deine Locken! Die Tempeldiener ſinds, die das Schlachtbeil ſchwingen! Dein verbranntes Gebein empfängt ſodann ein Felſenſchild. O daß mich meine Schweſter be¬ ſtattete, ſeufzte Oreſtes. Das iſt freilich nicht möglich, ſagte die Jungfrau gerührt, wenn deine Schweſter im fernen Argos weilt. Doch, lieber Lands¬ mann, ſorge nicht, ich will deinen Scheiterhaufen mit Oele löſchen, und mit Honig beträufeln, und deine Gruft ausſchmücken, als wäre ich deine leibliche Schweſter! Jetzt aber laß mich gehen, die Zuſchrift an die Meinen zu beſtellen!

Wie die Jünglinge allein, nur in der Ferne von Dienern bewacht waren, hielt ſich Pylades nicht länger: Nein, rief er, bei deinem Tode leben kann ich nicht! dieſe Schmach verlange nicht von mir. Ich muß dir in den Tod folgen, wie ich dir aufs weite Meer gefolgt bin. Phocis und Argos würden mich der Feigheit zeihen. Alle Welt denn böſe iſt die Welt würde ſagen,54 ich, um die Heimath mir zu gewinnen, hätte dich ver¬ rathen, dich getödtet, dir nach dem Reich, nach dem Erbe getrachtet, zumal da ich dein künftiger Schwager bin und um deine Schweſter Elektra ohne Mitgift gefreit habe. Jedenfalls alſo will ich, muß ich mit dir ſterben! Oreſtes wollte nichts von dieſem Entſchluſſe hören, und noch ſtritten ſie, als Iphigenia, das beſchriebene Blatt in der Hand, zurückkehrte. Als ſie den Empfänger Py¬ lades ſchwören laſſen, daß er den Brief gewiß den Ih¬ rigen abliefern wolle und dagegen geſchworen, ihn zu retten, beſann ſich die Jungfrau, und, auf den Fall, daß das Schreiben durch irgend einen Unglücksfall von der See verſchlungen würde, während der Ueberbringer mit dem Leben davonkäme, wollte ſie ihm den Inhalt überdieß auch noch mündlich mittheilen, Melde, ſprach ſie, dem Oreſtes, dem Sohne des Agamemnon: Iphi¬ genia, die in Aulis vom Opferheerde entrückt wurde, lebt, und beſtellet an dich, was folgt. Was höre ich, fiel ihr Oreſtes ins Wort, wo iſt ſie? ſteht ſie von den Todten auf? Hier ſteht ſie, ſagte die Prieſterin, doch, ſtöre mich nicht! Lieber Bruder Oreſtes! ehe ich ſterbe, hole mich aus der fernen Bar¬ barei nach Argos; erlöſe mich vom Opferheerd, an dem ich im Dienſte der Göttin die Fremdlinge morden muß. Thuſt du es nicht, Oreſtes, ſo ſeyen du und dein Haus verflucht!

Die beiden Freunde konnten lange vor Staunen keine Worte finden, bis zuletzt Pylades das Blatt aus ihren Händen nahm und gegen den Freund gewendet und ihm den Brief überreichend, ausrief: Ja, ich will den Eid auf der Stelle halten, den ich geleiſtet. Da nimm,55 Oreſtes, ich händige dir das Schreiben ein, welches die Schweſter Iphigenie dir überſchickt. Oreſtes warf es auf den Boden und umſchlang die Wiedergefundene mit den Armen. Sie wollte ihm wehren, ſie konnte es nicht glauben, bis Erzählungen aus der innerſten Geſchichte des Atridenhauſes ihn ihr als denjenigen beglaubigten, der er von Pylades bezeichnet ward. O Geliebteſter, rief die Jungfrau jetzt, denn das biſt du und nichts Anderes, du der Meine, der Meine, der Einzige, der Bruder! Aus dem geliebten Argos kommend! Wie ju¬ gendlich zart wareſt du, als ich dich verließ, im Arme des Pflegers ruhend, ſorglos und glücklich! Ja, glück¬ lich, wie wir beide in dieſem Augenblick es ſind. Doch Oreſtes war ſchon zur Beſinnung gekommen und ſein Antlitz hatte ſich umwölkt. Freilich ſind wir jetzt glücklich, ſprach er, aber wie lange wird es währen? Iſt nicht der Jammer, der Untergang uns gewiß? Auch Iphigenia bedachte ſich voll Unruhe: Was erſinne ich nun, ſagte ſie bebend, wie erlöſe ich dich aus dem Reiche des Barbarenfürſten, wie ſende ich dich frei vom Tode nach Argos zurück, daß du nicht mit ſamt deinem Freunde am Opferheerde dem Stahl erliegen mußt? Aber ſchnell, ehe der Herr dieſes Reiches, ungeduldig über den ver¬ zögerten Tod der Gefangenen, erſcheint, erzähle mir, Bruder, und verſchweige mir nichts von den entſetzlichen Ereigniſſen in unſrem unglücklichen Hauſe.

Oreſtes meldete ihr mit gedrängten Worten Alles, wie es ſich begeben, und ſchloß das Fürchterliche mit einer guten Kunde, mit der Verlobung Elektra's und ſeines Freundes. Während der Erzählung hatte ſich die Jungfrau, ſo ganz ſie Ohr war, doch auch mit der56 Rettung ihres geliebten Bruders im Geiſte beſchäftigt, und zuletzt hatte ſich ihr ein glücklicher Gedanke dar¬ geboten. Ich habe, rief ſie, endlich, dünkt mir, den rechten Weg erdacht. Dein Seelenleiden, das ſich bei eurer Gefangennehmung am Strande noch einmal regte, ſoll mir zum Vorwande bei dem König dienen. Du kommeſt, ſage ich ihm, wie denn dieß die Wahrheit iſt, als Muttermörder von Argos. Deßwegen ſeyeſt du unrein und noch nicht entſündiget, um als angenehmes Opfer der Göttin dargebracht zu werden. Erſt müſſe ein Waſſerbad im Meere die Blutſpur abwaſchen, welche deinem Leibe noch von dem entſetzlichen Mord anklebe. Und weil du, im Tempel der Göttin dargeſtellt, ihr Bild als Schutzflehender berührt habeſt, ſo ſey auch dieſes verunreinigt worden, und bedürfe einer Reinigung in der Meeresfluth. Da nun mir, der Prieſterin, allein ver¬ gönnt iſt, das heilige Bildniß zu berühren, ſo trage ich ſelbſt daſſelbe auf meinen Armen und in eurer Begleitung (denn auch dich, Pylades, nenne ich als Theilhaber der Blutſchuld, wie du es denn auch in der That wareſt) an den Meeresſtrand, dort wo euer Schiff in der Bucht verſteckt vor Anker liegt. Dieß Alles ſoll durch Ueber¬ redung des Königes geſchehen, denn hintergehen ließe ſich der Wachſame nicht. Das weitre Gelingen des Planes, wenn wir einmal am Schiff angekommen ſind, iſt eure Sache, ihr Freunde!

Dieß Alles war zwiſchen den Geſchwiſtern und ih¬ rem Freund im Vorhofe des Tempels verhandelt worden, ferne von den Dienern und Wachen. Jetzt wurden die Gefangenen den Aufſehern wieder übergeben und Iphi¬ genia führte ſie in das Innere des Tempels. Nicht lange57 darauf erſchien Thoas, der König des Landes mit einem anſehnlichen Gefolge und fragte nach der Tempelwächterin, denn der Verzug gefiel ihm nicht, und er konnte nicht begreifen, warum die Leiber der Fremdlinge nicht ſchon lange auf den Hochaltären der Göttin brannten. Wie er nun eben vor dem Tempel angekommen war, trat Iphigenia zu den Pforten deſſelben heraus und trug die Bildſäule der Göttin auf den Armen. Was iſt das, Agamemnons Tochter, rief der König erſtaunt, warum trägſt du dieſes Götterbild von dem heiligen Geſtelle in deinen Armen fort? Es iſt Abſcheuliches geſchehen, o Fürſt! erwiederte die Prieſterin mit bewegter Miene, die Opfer, die am Strande erjagt worden, ſind nicht rein; das Standbild der Göttin, als ſie ſich ihm näher¬ ten, es ſchutzflehend zu umfangen, drehte ſich freiwillig auf ſeinem Sitze und ſchloß die Augenlieder. Wiſſe, dieſes Paar hat Grauſenhaftes verübt. Und nun er¬ zählte ſie dem Könige, was im Weſentlichen Wahrheit war, und ſtellte das Verlangen an ihn, die Fremdlinge ſamt dem Bilde entſündigen zu dürfen. Um ihn recht ſicher zu machen, verlangte ſie, daß die Fremden wieder gefeſſelt würden, und ihre Häupter als Frevler vor dem Strahl der Sonne verhüllt; auch begehrte ſie Sklaven zur Sicherheit, die im Gefolge des Königs erſchienen waren. Nach der Stadt auch dieß hatte die Jung¬ frau ſchlau in ihrem Sinne ausgedacht ſollte der Fürſt einen Boten ſenden, der den Bürgern befehle, ſich, bis die Entſündigung vorüber ſey, innerhalb der Mauern zu halten, um von der alles verpeſtenden Blutſchuld nicht angeſteckt zu werden. Der König ſelbſt ſollte in ihrer Abweſenheit im Tempel bleiben, und für die Ausräucherung58 des geſammten Gewölbes beſorgt ſeyn, damit die Prie¬ ſterin daſſelbe nach ihrer Rückkehr gereinigt wieder¬ finde. Sobald die Fremden aus dem Thore des Tem¬ pels träten, ſollte der König ſein Antlitz ins Gewand hüllen, damit der Gräuel ſich ihm nicht mittheilen könnte. Und wenn es dir, ſchloß die Prieſterin ihren Antrag, auch dünken ſollte, als ſäumte ich lang am Meeres¬ ſtrande: werde darum nicht ungeduldig, o Herrſcher; bedenke, welchen großen und beſteckenden Frevel es zu entſündigen gilt!

Der König willigte in Alles und verhüllte ſich das Haupt, als bald darauf Oreſtes und Pylades aus dem Tempel geführt wurden, und es währte nicht lange, ſo war Iphigenia mit den Gefangenen und einigen Tra¬ banten des Königes auf dem Wege zum Meeresufer aus dem Geſichtskreiſe des Tempels verſchwunden. Thoas begab ſich in das Innere deſſelben, und ließ dort die von der Prieſterin gebotene Räucherung vornehmen, die bei der Größe des Gebäudes eine geraume Zeit erforderte.

Nach mehreren Stunden kam ein Bote vom Meeres¬ ufer daher geeilt. Treuloſe Weiberſeelen! fluchte er vor ſich hin, als er erhitzt und keuchend vor der Tempel¬ pforte ſtand und an das verſchloſſene Thor pochte. Holla, ihr, Leute drinnen, ſchrie er, öffnet die Rie¬ gel; thut dem Herrn zu wiſſen, daß ich als Ueberbringer ſchlimmer Neuigkeit vor dem Thore ſtehe! Die Thür¬ flügel öffneten ſich, und Thoas ſelbſt trat aus dem Tempel. Wer iſt's, ſprach er, der mit ſeinem Lärm den Frieden dieſes heiligen Hauſes zu ſtören ſich herausnimmt? Vernimm, o König, welche Botſchaft ich dir bringe, hub der Diener an. Die Prieſterin des Tempels,59 dieſes Griechenweib, iſt mitſamt den Fremden und dem Standbild unſerer erhabenen Schutzgöttin aus dem Lande entronnen! das ganze Entſündigungsfeſt war eine Lüge! Was ſagſt du? rief der König, der Unmögliches zu hören glaubte. Welcher böſe Geiſt hat dieſes Weib ergriffen? Wer iſt es, mit dem ſie flieht? Ihr Bruder Oreſtes, erwiederte der Bote, derſelbe, den ſie hier dem Opfertode geweiht zu haben ſchien. Hör 'die ganze Geſchichte, und dann ſinne auf Mittel, wie wir die Flüchtigen verfolgen und beifahen, denn ihre Fahrt iſt lang und dein Speer kann ſie ſchon noch er¬ reichen! Als wir ans Geſtade des Oceans gelangt waren, wo das Schiff des Oreſtes vor Anker lag, winkte Iphigenia uns, die wir die Fremdlinge in Feſſeln daher¬ führten, Halt zu machen, damit wir dem heiligen Brand¬ opfer und der beſchloſſenen Feier fern blieben. Sie ſelbſt nahm den Fremden die Feſſeln ab, hieß ſie vorangehen, und trug ſie, ihnen folgend. Zwar ſchien uns dieſes ſchon etwas verdächtig, indeſſen glaubten deine Diener, o Herr, es ſich doch gefallen laſſen zu müſſen. Hierauf, damit es ſchien, als würde mit der Sühnungshandlung wirklich der Anfang gemacht, ſang die Prieſterin Zauber¬ formeln ab, und ſprach in fremden Weiſen allerlei Gebete. Wir aber hatten uns gelagert und harrten. Endlich kam uns der Gedanke, das entfeſſelte Paar könnte die wehrloſe Frau getödtet haben und entſprungen ſeyn. Wir machten uns daher auf, und eilten der Felſenbucht zu, die uns den Anblick der Prieſterin und der Fremdlinge entzogen hatte. Als wir dicht an den Felſenſtrand ge¬ langt waren, ſahen wir ein Griechenſchiff auf dem Waſ¬ ſerſpiegel ſchwebend, und an fünfzig Ruderer auf ſeinen60 Bänken; am Hintertheile des Schiffes, noch auf dem Ufer, ſtanden die beiden Fremden, der Feſſeln entledigt; die Einen lichteten die Anker und hängten ſie ein, Andere ſchlugen Zugbrücken, wanden an den Tauen, ließen Lei¬ tern für die Fremdlinge nieder. Da beſannen wir uns denn freilich nicht länger; wir hatten das ganze Trug¬ gewebe vor uns, und ergriffen das Weib, das auch noch am Strande verweilte. Oreſtes aber, ſein Geſchlecht und Vorhaben laut verkündend, wehrte ſich mit Pylades für ſeine Schweſter, die wir ſchleifend zwingen wollten, uns zu folgen. Da weder wir noch die Fremdlinge Schwer¬ ter hatten, ſo ſetzte es einen hartnäckigen Fauſtkampf. Indeſſen zwangen uns die Griechenjünglinge zum Rück¬ zuge, da auch die Schützen vom Hintertheile des Schiffes uns mit Pfeilen aus der Ferne ſcharf zuſetzten