PRIMS Full-text transcription (HTML)
Problematiſche Naturen.
Problematiſche Naturen.
Roman
Erſter Band.
Berlin.Verlag von Otto Janke.1861.
[1]

Erſtes Kapitel.

Es giebt problematiſche Naturen, die keiner Lage gewachſen ſind, in der ſie ſich befinden, und und denen keine genug thut. Daraus entſteht der ungeheure Widerſtreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt.
Goethe's Dichtung und Wahrheit.

Es war an einem warmen Juniabend des Jahres 184., als ein mit zwei ſchwerfälligen Braunen be¬ ſpannter Stuhlwagen mühſam in dem tiefen Sand¬ wege eines Tannenforſtes dahinfuhr.

Wird dieſer Wald denn nie ein Ende nehmen! rief der junge Mann, der allein in dem Hinterſitze des Fuhrwerks ſaß, und richtete ſich ungeduldig in die Höhe.

Der ſchweigſame Kutſcher vor ihm klatſchte ſtatt aller Antwort mit der Peitſche. Die ſchwerfälligen Braunen machten einen verzweifelten Verſuch, in Trab zu fallen, ſtanden aber alsbald von einem Vorſatze ab,F. Spielhagen, Problematiſche Naturen. I. 12den ihr Temperament und der tiefe Sand ſo wenig begünſtigten. Der junge Mann lehnte ſich mit einem Seufzer wieder in ſeine Ecke zurück, und fing wieder an, auf die einförmige Muſik des mühſam gleiſenden Fuhrwerks zu horchen, und ließ wieder die dunklen Stämme der Tannen an ſich vorübergleiten, auf die hier und da ein Streifen von dem Licht des Mondes fiel, der ſo eben über den Forſt heraufſtieg, Er be¬ gann von neuem, ſich den Empfang, der ſeiner auf dem Schloſſe harrte, und die ſo neue Situation, in die er treten ſollte, auszumalen; aber die überdies verſchwommenen Bilder einer unbekannten Zukunft wurden dunkler und dunkler; die ſchlummermüden Augen ſchloſſen ſich, und der erſte Ton, den ſein Ohr wieder vernahm, war der dumpfe Hufſchlag der Pferde auf einer hölzernen Brücke, die zu einem mächtigen ſteinernen Thorweg führte. Endlich, rief der junge Mann, ſich emporrichtend und neugierig um ſich ſchauend, als der Wagen raſcher hurch eine dunkle Allee rieſiger Bäume fuhr, auf einem mit Kies beſtreuten offenen Platze einen halben Bogen machte und jetzt vor dem Portale des Schloſſes hielt, auf deſſen dunklen Fen¬ ſtern die Mondesſtrahlen glitzerten.

Der ſchweigſame Kutſcher klatſchte zum Zeichen der Ankunft mit der Peiſche. Die einzige Antwort3 war der helle Ton einer Glocke in der Nähe, die langſam elf Uhr ſchlug. Als der letzte Ton verklungen war, that ſich die Hausthür auf, ein Diener trat heraus an den Wagen und hinter ihm wurde die Ge¬ ſtalt eines alten Herrn ſichtbar, deſſen runzliches Ge¬ ſicht von dem Schein der Kerze, die er mit der einen Hand gegen den Luftzug zu ſchützen ſuchte, hell be¬ leuchtet wurde.

Der junge Mann ſprang raſch aus dem Wagen auf den alten Herrn zu, der ihm die Rechte entgegen¬ ſtreckte und mit einer Stimme, deren Freundlichkeit das Zittern des Alters und ein etwas ausländiſcher Accent nicht verhüllten, ſagte:

Seien der Herr Doctor beſtens willkommen! Der junge Mann erwiederte herzlich den Druck der darge¬ botenen welken Hand: Im komme zwar etwas ſpät, Herr Baron, ſagte er, aber

Das thut nichts, das thut nichs, unterbrach ihn der alte Herr. Frau von Grenwitz iſt noch auf. Johann, tragen Sie die Sachen auf das Zimmer des Herrn Doctor! Wollen Sie hier hereintreten!

Oswald hatte auf dem mit Steinflieſen ausgelegten Vorſaal ſeinen Anzug flüchtig geordnet und folgte jetzt dem Baron in ein hohes, ſchönes Zimmer.

Als er eintrat, erhoben ſich zwei Damen, die an1*4dem Tiſch vor dem Sopha, wie es ſchien mit Leſen, beſchäftigt geweſen waren.

Meine Frau, ſagte der Baron, Oswald der älteren von den beiden Damen vorſtellend, einer hohen, ſchlanken Frau von etwa vierzig Jahren, die dem An¬ kömmling ein paar Schritte entgegengegangen war und jetzt mit einiger Förmlichkeit ſeine Begrüßung erwie¬ derte, und dann verbeugte er ſich auch vor der jün¬ geren, einer zierlichen kleinen Geſtalt mit einem etwas ſcharfen, echt franzöfiſchen, von langen engliſchen Locken eingerahmten Geſicht, da er in dem Umſtande, daß ſie ihm nicht beſonders vorgeſtellt wurde, keinen zwingen¬ den Grund ſah, dieſe Höflichkeit zu unterlaſſen.

Sie kommen ſpät, Herr Doctor Stein ſagte die Baronin mit einer tiefen, wohllautende Stimme, die mit dem kalten Licht ihrer großen grauen Augen nicht ganz harmonirte.

So früh, gnädige Frau, antwortete der junge Mann heiter, als es der widrige Wind, der heute Morgen das Fährboot um mehre Stunden aufhielt, und der Kutſcher des Herrn Baron, deſſen Geduld zu bewundern ich unterwegs reichlich Gelegenheit hatte, erlaubten.

Geduld iſt eine ſchöne Tugend, ſagte die Ba¬ ronin, nachdem ſie ihren Platz auf dem Sopha wieder5 eingenommen, und die Uebrigen ſich auf Stühlen um den Tiſch gereiht hatten; eine Tugend, die Sie vor Allen ſchätzen müſſen, da Sie dieſelbe in Ihrem Be¬ rufe ſo nöthig haben. Ich fürchte, die beiden Knaben werden Ihnen nur zu oft Veranlaſſung geben, dieſe Tugend im vollſten Umfange zu üben.

Ich verſpreche mir alles Gute von meinen zu¬ künftige Zöglingen, und bin zum voraus überzeugt, daß die Probe, auf die ſie meine Geduld ſtellen wer¬ den, keine Feuerprobe ſein wird.

Ich will es wünſchen, ſagte die Baronin, eine Arbeit, die ſie beim Eintritt des jungen Mannes aus der Hand gelegt hatte, wieder ergreifend; indeſſen werden Sie die Knaben gerade jetzt etwas verwildert finden, da ſich Ihre Ankunft leider um einige Tage verzögert hat, und Ihr Vorgänger uns nicht den Ge¬ fallen thun konnte oder wollte, ſeine Abreiſe ſo lange aufzuſchieben.

Es hieße gering von der guten Natur der Knaben denken, erwiederte Oswald, und nicht beſonders groß von dem Erziehertalente des Herrn Bauer, das mir ſehr gerühmt wurde, wenn ich wirklich fürchtete, ſein Einfluß auf dieſelbe ſollte ihn nicht einmal eine Woche überlebt haben.

Nun, Herr Bauer hatte ſeine Tugenden und auch6 ſeine Schwächen, ſagte die Baronin, die Stiche auf ihrer Arbeit zählend.

Das iſt ſo Menſchenloos, gnädige Frau, erwie¬ derte Oswald.

Will der Herr Doctor nicht eine Erfriſchung zu ſich nehmen, liebe Anna-Maria? ſagte hier der alte Herr; Oswald konnte nicht unterſcheiden, ob aus gaſt¬ freundlicher Fürſorge, oder um dem Geſpräch, das, er wußte ſelbſt nicht wie, einen etwas lebhaften Charakter angenommen hatte, eine andere Wendung zu geben.

Ich danke; ſagte Oswald trocken.

Sie haben, fuhr die Baronin, ohne dieſe Unter¬ brechung zu beachten, fort, wenn ich den Profeſſor Berger, der uns an Sie wies, recht verſtanden habe, ſich bis jetzt noch nicht mit Unterrichten und Erziehen beſchäftigt, Herr Doctor?

Nein.

Sie werden mich außerordentlich verbinden, wenn Sie mir gelegentlich Ihre Grundſätze in dieſer Be¬ ziehung ausführlicher darlegen wollten. Ich bin zum voraus überzeugt, daß wir in den Hauptpunkten einerlei Meinung ſein werden. Auf einige Differenzen in den Nebenſachen müſſen wir uns wohl Beide gefaßt machen. Ich werde Ihnen meine etwaigen Wünſche und An¬ ſichten ſtets unverhohlen äußern, und bitte Sie, gegen7 mich dieſelbe Rückhaltloſigkeit zu beobachten. Was den Umfang der Kenntniſſe der Knaben anbelangt, ſo wer¬ den Sie ſich darüber bald ſelbſt ein Urtheil bilden. Auch Ihrem Urtheil über den Charakter der Kinder wünſche ich nicht vorzugreifen; nur das glaube ich Ihnen ſagen zu müſſen, daß Sie in Malte, unſerm Sohn, einen etwas verzogenen Knaben, und in Bruno Sie wiſſen, daß Bruno von Löwen ein entfernter Verwandter meines Mannes iſt, den wir nach dem Tode ſeiner Eltern zu uns genommen haben einen Knaben finden werden, der eben gar nicht erzogen und in Folge deſſen auch zum Theil ſehr ungezogen iſt.

Liebe Anna-Maria, ſagte der

Ich weiß, was Du ſagen willſt, lieber Grenwitz, unterbrach ihn die Baronin, Bruno iſt nun einmal Dein erklärter Liebling, und unſere Anſicht über ihn wird wol noch lange verſchieden bleiben. Uebrigens magſt Du auch wol Recht haben, wenn Du behaupteſt, daß ich ihn nicht zu beurtheilen vermag, was übrigens weniger meine, als des Knaben Schuld iſt, deſſen dü¬ ſteres verſchloſſenes Weſen alle Annäherung von un¬ ſerer, wollte ſagen, von meiner Seite beharrlich zurück weiſt.

Aber, liebe Anna Maria,

Nun, laß es gut ſein, lieber Grenwitz, wir wollen8 Herrn Doctor Stein nicht gleich an dem erſten Abend, den er unter unſerm Dache iſt, das Schauſpiel der Uneinigkeit zweier Ehegatten geben. Ueberdies wird Herr Doctor Stein der Ruhe bedürfen. Mademoiſelle, wollen Sie die Güte haben, zu klingeln.

Dieſe letzten Worte wurden in franzöſiſcher Sprache an die junge Dame gerichtet, welche während dieſer ganzen Unterredung unbeweglich, ohne auch nur die Augen nach dem Ankömmling aufzuſchlagen, das Buch, aus dem ſie vorgeleſen haben mochte, noch immer in der Hand haltend, an dem Tiſche geſeſſen hatte. Jetzt erhob ſie ſich und ſchritt nach der Thür, neben der ſich der Klingelzug befand. Oswald kam ihr mit einem: Erlauben Sie, mein Fräulein, zuvor. Das Mädchen ſah ihn aus großen braunen Augen mit einem halb verwunderten und halb erſchrockenen Blicke an, der deutlich genug verrieth, wie wenig ſie an dergleichen Aufmerkſamkeiten gewöhnt war, und ging dann, die langen Wimpern ſchnell wieder ſenkend, zu ihrem Platz am Tiſche zurück,

Ein Diener trat ein und erhielt den Auftrag, Os¬ wald nach dem für ihn beſtimmten Zimmer zu bringen.

Ich hoffe, daß Sie vorläufig Alles nach Wunſch finden werden, ſagte die Baronin, als Oswald ſich mit einer ſtummen Verbeugung verabſchiedete; wenn9 Eines oder das Andere vergeſſen, oder weniger nach Ihrem Geſchmacke ſein ſollte, ſo haben Sie ja die Güte, dies auszuſprechen; ich wünſche dringend in un¬ ſerm eignen Intereſſe, daß Sie ſich in unſerm Hauſe behaglich fühlen.

Oswald verbeugte ſich noch einmal und folgte dem Diener aus dem Gemache.

Dieſer führte ihn über den Hausflur, an deſſen Wänden Oswald flüchtig im Schein der Kerze dunkle Portraits von alterthümlich gekleideten Herren und Damen in Lebensgröße bemerkte, eine ſteinerne Wen¬ deltreppe hinauf, durch lange Corridors in eine Flucht von kleinen Zimmern in ein größere? Gemach.

Dies iſt das Zimmer des Herrn Doctor, ſagte der Mann, die beiden Kerzen, die auf dem mit einem grünen Teppich bedeckten großen runden Tiſch in der Mitte des Gemaches ſtanden, anzündend. Die Thür dort führt in das Schlafgemach des Herrn Doctor,

Und wo ſchlafen die Knaben? fragte Oswald.

Der Herr Doctor gelangen aus Ihrem Schlafge¬ mach in das der Herren Junker. Haben der Herr Doctor noch ſonſt etwas zu befehlen?

Nein, ich danke.

Ich wünſche dem Herrn Doctor eine wohlſchlafende Nacht.

10

Gute Nacht.

Oswald war allein. Er war, eine Hand auf den Tiſch geſtützt, nachdenklich ſtehen geblieben, und hörte mechaniſch zu, wie die Schritte des Dieners allmälig auf dem Corridor verhallten. Jetzt ergriff er eine der beiden Kerzen, ging durch ſein Schlafgemach nach der Thür, von der ihm der Diener geſagt, daß ſie in das Gemach der Knaben führe, öffnete ſie behutſam und trat, das Licht mit der Hand ſchirmend, leiſe ein.

Die Betten der Knaben ſtanden dicht nebeneinander. Vor dem einen Bette lag ein Teppich, vor dem andern nicht. Ueber dem Bette ohne Teppich hing an der Wand eine kleine ſilberne, über dem mit dem Teppich eine noch kleinere goldene Uhr. In dem Bette unter der goldenen Uhr lag ein Knabe von vielleicht vierzehn Jahren, mit blondem, ſchlichtem Haar, und einem ſchmalen, feinen Geſicht, das in dieſem Augenblicke durch den halb geöffneten Mund etwas Albernes hatte; in dem Bette unter der ſilbernen Uhr ein Knabe, der wohl nur ein Jahr älter ſein mochte, als der erſte, aber mindeſtens um drei Jahre älter ausſah, und überhaupt mit jenem den ſonderbarſten Contraſt bildete. Während die Arme jenes ſchlaff auf der Decke lagen, hatte dieſer die ſeinen über der Bruſt verſchränkt. Der feſt geſchloſſene Mund, und die in dieſem Augen¬11 blick, wo ihn ein Traumbild herausfordern mochte, leiſe zuſammengezogenen dunklen Brauen, gaben dem blaſſen Geſicht mit den unregelmäßigen, aber nicht un¬ ſchönen Zügen einen Ausdruck von finſterem Trotz und Stolz, der einem gefangenen Königsſohn wohl ange¬ ſtanden haben würde.

Armer Knabe, ſagte Oswald bei ſich, als er mit unendlichem Intereſſe in das räthſelhafte junge Antlitz ſah, dir hat der Lenz des Lebens auch ſchon Thränen ge¬ bracht, wenn du überhaupt von einem Lenze ſprechen kannſt.

Er fühlte ſich ſeltſam ergriffen, er wußte ſelbſt kaum weshalb; aber er beugte ſich über den Schlum¬ mernden und küßte ihn auf die Stirn. Da regte ſich der Knabe im Schlaf, die Arme löſten ſich, er ſchlug die großen, tiefblauen Augen auf, und ſah durch die Nebel des Traumes zu Oswald empor. Und da zuckte es wie ein ſonniger Strahl über ſein Geſicht; alles Düſtre war verſchwunden, und ein warmes, hinreißend freundliches Lächeln ſpielte in den lebensvollen Zügen.

Ich habe Dich lieb, ſagte der Knabe.

Und ich Dich, antwortete Oswald.

Da wandte ſich Bruno auf die Seite und Oswald hörte an den tiefen regelmäßigen Athemzügen, daß er wieder feſt entſchlafen ſei. Hat er Dich wirklich ge¬ ſehen, oder biſt du ihm nur als Traumbild erſchienen? 12fragte ſich der junge Mann, als er, voll von dem Ein¬ druck dieſer kleinen Scene, in ſein Zimmer zurückſchritt. Er ſtellte das Licht wieder auf den Tiſch, trat an's Fenſter, öffnete es und lehnte ſich hinaus.

Der Himmel hatte ſich mit Wolkendunſt bedeckt, durch den der volle Mond, der ſchon tief am Himmel ſtand, nur als dunkelrothe Feuerkugel ſchien. Im Oſten wetterleuchtete es. Die Luft war ſchwül und drückend. In dem Schloßgarten tief unter dem Fenſter ſchimmerten die weißen Blüthenbäume. Tiefer finſtrer Schatten lag auf den Buchen und Eichen, die von dem hohen Wall, der den Garten umgab, rieſig in den Himmel wuchſen. Nachtigallen ſchlugen in vollen langgezogenen Tönen; ein Brunnen plätſcherte leiſe, wie im Schlaf.

Oswald fühlte ſich ſeltſam bewegt. Seine Vergangen¬ heit ging in dämmernden Bildern an ſeinem Geiſte vorüber, wie die Wolkenſchleier an dem Monde vor¬ über wallten; Ahnungen der Zukunft zuckten dazwiſchen, wie das Wetterleuchten gegen Aufgang. Da rauſchte es lauter in den Bäumen, die helle Glocke, die ihn bei ſeiner Ankunft begrüßt hatte, ſchlug langſam zwölf.

Er fuhr empor. Du wollteſt dir ja das Träumen abgewöhnen. ſprach er lächelnd zu ſich ſelbſt. So ſchlafe denn, da du, ohne zu träumen, nicht mehr wachen kannſt.

[13]

Zweites Kapitel.

Oswald war jetzt eine Woche auf Schloß Grenwitz, und die Woche war ihm vergangen wie ein Tag. Es lag in ſeiner Natur, alles Neue mit Leidenſchaft zu ergreifen, ſelbſt das Alltägliche, ſo lange es neu war, und hier hatte er Neues vollauf: eine neue Situation, neue Umgebung, neue Menſchen. Das Alles verſetzte ihn, wie es bei ſanguiniſchen Temperamenten ge¬ ſchehen pflegt, auf eine Zeit lang in die heiterſte Stimmung, in welcher es ihm ein Leichtes war, Dinge und Menſchen, und Alles und Jedes, womit er in Berührung kam, ſelbſt die Baronin mit ihren ſtrengen, kalten Zügen, ſelbſt den ſchweigſamen Kutſcher, gegen den er gleich am erſten Abend einen Haß gefaßt hatte, ſelbſt den kriechenden, zuthunlichen Bedienten mit ſeinem ewigen: Befehlen der Herr Doctor ganz liebens¬ würdig, zum mindeſten intereſſant zu finden. Von14 dieſer heiteren, verſöhnlichen Stimmung geben auch die Briefe Zeugniß, die er um dieſe Zeit an ſeine Freunde ſchrieb: Da wäre ich denn nun, heißt es in dem einen, auf dieſer neuen Station meines wunderlichen Lebens angelangt, und wahrlich, ich glaube es hier, bis Schwager Kronos die Pferde gewechſelt hat und wie¬ der in ſein ewiges Horn ſtößt, trotz meiner ſo oft von Ihnen geſcholtenen Ungeduld, wohl aushalten zu können. Ja, wenn ich nicht fürchten müßte, durch voreiligen Enthuſiasmus Ihren Spott herauszufordern, ſo hätte ich nicht übel Luſt, dem guten Stern, der mich hierher geführt, ein Danklied zu ſingen. Ich bin durchaus in der dazu nöthigen lyriſchen Stimmung. Ich habe in dieſen Tagen ſchon ſo viel Wald - und Seeluft geathmet, daß mein armes, vom Staube nichtsnutziger Folianten betäubtes Gehirn ſchier trunken iſt. Wahrlich, wenn die Menſchen dieſes paradieſiſchen Aufenthalts nicht ganz unwürdig ſind, ſo öffnet ſich mir für die nächſten Jahre eine ſchöne Zukunft.

Verzeihen Sie mir, mein Freund, daß ich zu dem großen Schritte, der mich hierher geführt, nicht Ihre ſpecielle Erlaubniß eingeholt habe, wie Sie nach dem blinden Gehorſam, mit dem ich Ihrer höheren Einſicht bis jetzt immer gefolgt bin, wohl erwarten konnten. Ich war einmal entſchloſſen, ihn zu thun. Sie, das15 wußte ich, würden mir Ihre Einwilligung verſagen: ſo wollte ich denn Ihren geharniſchten Gründen ein eben ſo geharniſchtes fait accompli entgegenſtellen und Ihrem guten Rath das uralte Vorrecht, zu ſpät zu kommen, nicht rauben. Ueberdies kam mir die Sache ſo plötzlich, und ich mußte meinen Entſchluß ſo ſchnell faſſen, daß ich eben nur Zeit hatte, Ihnen den¬ ſelben mit wenigen Worten anzukündigen; und endlich iſt es auch eigentlich der Profeſſor Berger, der die ganze Schuld trägt, wenn überhaupt von Schuld die Rede ſein kann, und auf deſſen Schultern ich hiermit feierlich alle Verantwortung wälze.

Wir haben uns, ſeitdem wir uns nun faſt vor einem Jahre in der Reſidenz trennten, ſehr ſelten und immer nur ſehr flüchtig geſchrieben. So werde ich auch wohl des Profeſſors Berger kaum ein paar Mal Erwähnung gethan haben, und es iſt daher die höchſte Zeit, daß ich Sie mit dieſem originellen Manne endlich bekannt mache, der in meiner jüngſten Vergangenheit eine ſo große Rolle geſpielt hat, und dem ich es einzig und allein zu verdanken habe, daß ich in der Haupt - und Staatsaction der Tragi-Komödie Examen ge¬ nannt keine kläglichere Rolle ſpielte.

Als ich damals von B. nach Grünwald zog, in der vagen Hoffnung, ich werde in dieſer ſtillen Muſen¬16 ſtadt, in der, wie ich mir hatte ſagen laſſen, das Gras in idylliſcher Ruhe auf den Straßen wachſe, die nöthige Sammlung finden, an der es mir in den lite¬ rariſchen Cirkeln, äſthetiſchen Thees und ſingenden Butterbroden der Reſidenz ſo gänzlich gebrach, erſchien mir unter den fürchterlichen Männern, die mich ſelig machen oder verdammen konnten, der Profeſſor Berger bald als der fürchterlichſte. Ich hörte von den paar Commilitonen, deren dreimal bedenkliche Bekanntſchaft zu machen ich nicht umhin konnte, wahrhaft unheim¬ liche Dinge von ſeiner erſtaunlichen Gelehrſamkeit und allerlei Beunruhigendes über ſein excentriſches Weſen, ſeine tolle Launenhaftigkeit und ſeinen großen Einfluß auf die übrigen Mitglieder der Prüfungscommiſſion, denen er durch ſein Wiſſen, mehr aber noch durch ſeinen Witz, mit deſſen beißender Lauge er Jeden ohne Anſehen der Perſon überſchüttete, gründlich imponire. Leibhaftig hatte ich den Entſetzlichen noch nicht geſehen. Er hatte einen ſeiner hypochondriſchen Anfälle, in welchen er ſich, wie man mir ſagte, bei Tage in ſeiner Stube einſchlöſſe und des Nachts in den Wäldern der Nachbarſchaft umherſchweife.

Da werde ich eines Tages von einer reichen Fa¬ milie, an die ich empfohlen war, zu Mittag geladen. Die Geſellſchaft war ſehr zahlreich, ich führte eine der17 jungen Damen vom Hauſe zu Tiſche, ein hübſches blondes Mädchen, deſſen Munterkeit mich während des Anfangs der Mahlzeit hinreichend feſſelte. Als aber die gewöhnlichen Themata, die man mit jungen Damen, die ſeit einem Jahre aus der Schule ſind, abzuhandeln pflegt, durchgeſprochen waren, wurde ich auf einen Herrn aufmerkſam, der mir gegenüberſaß. Es war ein unterſetzter, ſchon ältlicher Mann, mit einer maſſiven, wie aus Granit gehauenen Stirn, unter der ein paar kluge Augen hervorblitzten. Die etwas vollen Wangen verkündeten eine Neigung zum Wohlleben, die ſich denn auch in dem Eifer, mit welchem der Mann den guten Gaben der Ceres und des Bacchus zuſprach, deutlich genug zu erkennen gab. Die Züge um den großen, breiten Mund waren geradezu räthſelhaft: Sinnlichkeit, Witz, Schalkheit und Melancholie Dämonen und Genien ſchienen dort zu ſpielen.

Das Geſpräch wurde an dieſem Theile der Tafel bald ein allgemeines, und ich konnte mich, ohne auf¬ dringlich zu erſcheinen, hineinmiſchen. Man ſprach über Kunſt, Literatur, Politik. Ueberall ſchien der merkwürdige Mann zu Hauſe, überall überraſchte er uns durch die geiſtvollſten Aperçüs, durch blendende Antitheſen und wunderliche Paradoxen. Ja, er ſchien ſeine Freude daran zu haben, wenn er ſo ein Tröpf¬F. Spielhagen, Problematiſche Naturen. I. 218chen Fegefeuer hineingeſprengt hatte und die hölliſchen Flämmchen den guten Leuten auf der Naſe kitzelten. So ſtellte er denn auch gelegentlich die Behauptung auf, daß Revolutionen der Menſchheit nie etwas ge¬ nützt hätten, nie und nimmer etwas nützen würden. Sie kennen meine Anſichten über dieſen Punkt, der oft der Gegenſtand unſerer Geſpräche war. Ich nahm den Fehdehandſchuh auf; ich wurde warm bei meinem Lieblingsthema, um ſo wärmer, als der Mann mir gegenüber mich durch Kreuz - und Querſprünge irrlich¬ tergleich zu verwirren ſuchte. Ich vergaß Alles um mich her, ich wurde pathetiſch, ſatyriſch ich fühlte, daß ich gut ſprach, wenigſtens in meinem Leben nicht beſſer geſprochen hatte. Der Mann hatte zuletzt das Gefecht, das, wie ich ſpäter zu meiner Beſchämung er¬ fuhr, das luſtigſte Scheingefecht von der Welt für ihn war, aufgegeben und hörte mir, den großen Kopf ein wenig auf die rechte Schulter geneigt und mich unter den buſchigen Brauen mit ſeinen kleinen klugen Augen anblinzelnd und dabei ein Glas Hochheimer nach dem anderen ſchlürfend, behaglich zu. Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Als ich meine Dame in das Theezimmer führe, frage ich ſie: Und wer war denn der Herr, mit dem ich mich in ein, für Sie ohne Zweifel ſehr langweiliges Geſpräch verwickeln ließ?

19

Wie, Sie kennen Profeſſor Berger nicht? ant¬ wortet mir die Kleine verwundert.

Das war Profeſſor Berger?

Nun freilich, ſoll ich Sie ihm vorſtellen?

Um Himmelswillen nicht, rief ich mit wahrhaftem Entſetzen; o, ich Kind des Unglücks!

Was iſt Ihnen? fragte die hübſche Blondine, was haben Sie?

Ich aber hatte ſchon ihren Arm aus dem meinen gleiten laſſen und ſuchte das entfernteſte Zimmer. Dort warf ich mich in einer einſamen Ecke auf einen niedrigen Divan, um über das Unglück, das ich angerichtet hatte, melancholiſche Betrachtungen anzuſtellen. Ich hatte mich alſo, während ich mit einem gutmüthigen Pudel zu ſpielen glaubte, mit einem grimmigen Bären gebalgt! Dieſer Mann war mir als eben ſo tückiſch geſchildert, wie er gelehrt und witzig war. Würde er ſich meiner Sarkasmen und Ausfälle nicht in jener ſchlimmen Stunde erinnern, wo ich hülflos auf dem Secirtiſch des Examinationsſaales vor ihm lag. Es war ein verzweifelter Fall.

Da hebe ich vor einem Geräuſch neben mir den Kopf, den ich nachdenklich in die Hand geſtützt hatte, in die Höhe vor mir ſteht der Profeſſor Berger. Ich erhebe mich von meinem Sitze.

2*20

Erlauben Sie, daß ich mich zu Ihnen ſetze, ſagt der ſeltſame Mann, indem er auf dem Divan Platz nimmt, und mich an ſeine Seite winkt. Sie gefallen mir und ich wünſche Ihre nähere Bekanntſchaft zu machen. Ich bin der Profeſſor Berger; mit wem habe ich die Ehre?

Mein Name iſt Stein.

Sie ſtudiren, oder vielmehr, was haben Sie ſtudirt?

Ich wollte, Herr Profeſſor, ich könnte auf dieſe Frage einfach Philologie antworten, da dies aber eine grobe Unwahrheit wäre, ſo kann ich nur ſagen: ich wünſche, ich hätte Philologie ſtudirt.

Wie ſo?

Weil mir alsdann die Ehre Ihrer näheren Be¬ kanntſchaft weniger bedenklich erſcheinen möchte.

Ein Lächeln ſpielte um den Mund des Profeſſors die Wange hinauf und verlor ſich in dem Winkel des rechten Auges.

Sie ſtehen vor dem Examen?

Ja, wie Sie kennen ja das Sprichwort, Herr Profeſſor.

Das Lächeln zuckte vom Auge wieder herunter zum Munde.

21

Und da erſchrecken Sie vor mir wie Hamlet vor ſeines Vaters Geiſt?

Wenigſtens erſcheinen Sie mir in ſehr fragwür¬ diger Geſtalt.

Nun wohl, da ſehen Sie ſelbſt, daß wir eben des¬ halb näher mit einander bekannt werden müſſen. Wollen Sie morgen Abend, oder wenn Sie ſonſt Zeit und Luſt haben, ein Glas Theepunſch mit mir trinken?

Ich ſagte natürlich nicht nein.

Und dies war der Anfang meiner Bekanntſchaft, ja ich darf wohl ſagen Freundſchaft mit dieſem außeror¬ dentlichen Manne. Wir ſind von dieſer Zeit an, ſo lange ich in Grünwald war, täglich zuſammen gekom¬ men, und ich ſchlage die praktiſchen Vortheile, die für mich aus dem Verkehr mit dem Gelehrten ſich er¬ gaben, lange nicht ſo hoch an, als die tiefen Blicke, die ich in dem vertraulichen Umgange mit dem Menſchen in einen der räthſelhafteſten Charaktere thun durfte, die mir vorgekommen ſind. Es muß, fürchte ich, eine Wahlverwandtſchaft zwiſchen ſeinem und meinem Weſen exiſtiren, oder wir hätten uns nicht ſo ſchnell finden, ſo rückhaltslos gegen einander ausſprechen, ſo auf Wort und Wink verſtehen können. Ich fürchte, ſage ich; denn Berger iſt ein ſehr unglücklicher Mann. Die Lichter ſeines glänzenden Humors ſpielen auf einem22 gewitterſchweren Hintergrunde. Er ſteht allein in der Welt, verkannt von Allen, gefürchtet von den Meiſten, geliebt von Niemanden. Warum dem ſo iſt, darüber könnte ich mich ſelbſt Ihnen gegenüber nicht auslaſſen, denn jede Freundſchaft iſt ein Tempel, zu dem jedem Dritten der Zutritt verſagt bleiben muß. Aber ich ſchaudere, ſo oft ich das Dunkel heraufbeſchwöre, das über ihn hereinbrechen muß, wenn einſt das Alter die ſtrahlende Fackel ſeines Genius, die jetzt einzig und allein die ſchauerliche Oede ſeiner Seele erhellt, düſtrer und düſtrer brennen macht. Vielleicht wer weiß es? mag das auch ein Glück für ihn ſein. Viel¬ leicht mag dann das Wort, das er jetzt oft halb im grimmen Spotte und halb voll wehmüthen Glaubens im Munde führt, das alte Wort: Selig ſind die Einfältigen, an ihm zur Wahrheit werden.

Der vertraute Umgang mit dem gelehrten Manne hatte mich in den Augen aller Andern in einen Nimbus gehüllt, in welchem ich, wie die homeriſchen Helden die Gefahren der Schlacht, die Schreckniſſe des Exa¬ mens ungefährdet durchwandeln konnte. Am Morgen des entſcheidenden Tages ſagte Berger zu mir: Wiſſen Sie, lieber Oswald, daß ich große Luſt habe, Sie durchfallen zu laſſen?

Warum?

23

Weil ich Sie zu verlieren fürchte; doppelt zu ver¬ lieren. Du lieber Himmel, welche Wandlungen können nicht mit einem Menſchen vorgehen, dem man den Großvaterſtuhl eines Amtes giebt, und die Schlaf¬ mütze einer Würde aufſetzt! Vielleicht kommen auch Sie noch dahin, den Horaz für einen großen Dichter zu halten, und den Cicero für einen eminenten Philo¬ ſophen; vielleicht werden Sie gar in dieſer engbrüſtigen Zeit aus lieber langer Weile ein gelehrter Profeſſor, wie ich.

Das Examen war vorüber; ich hatte, wie Berger ſagte, die Erlaubniß erhalten, das Stroh dreſchen zu dürfen. Da kommt er eines Tages mit einem Briefe in der Hand zu mir und fragt:

Haben Sie Luſt, in einer adligen Familie Erzieher zu werden?

Das könnte ich eben nicht behaupten.

Glaub's wohl; aber die Bedingungen ſind ſo vor¬ theilhaft, daß es ſich mindeſtens der Mühe verlohnt, die Sache in Ueberlegung zu ziehen. Sie müſſen ſich auf vier Jahre verbindlich machen.

Und das nennen Sie vortheilhafte Bedingungen. Vier Jahre! nicht vier Wochen!

Hören Sie nur! Von den vier Jahren haben Sie nur zwei in dem Hauſe zuzubringen, die übrige24 Zeit reiſen Sie mit Ihrem Zögling. Sie wollen die Welt ſehen, und Sie müſſen die Welt ſehen, und wäre es auch nur, um ſich zu überzeugen, daß die Men¬ ſchen überall mit Recht die Hunde ſo lieben. Sie haben kein Vermögen, zum Vagabunden ſind Sie zu civiliſirt. Eh bien! hier haben Sie die ſchönſte Ge¬ legenheit, die Ihnen ſo vielleicht nicht zum zweiten Male im Leben geboten wird.

Und wer iſt der Alexander, deſſen Ariſtoteles ich werden ſoll?

Ein junger Majoratsherr, wie der macedoniſche Pferdebändiger. Ich habe die noble Sippſchaft im vorigen Jahr in Oſtende kennen gelernt. Der Mann, ein Baron Grenwitz, iſt eine Null, die Frau Baronin ein X., das ich noch nicht habe herausrechnen können. Jedenfalls iſt ſie eine geſcheidte Frau. Ich weiß, daß dies für Sie keine geringe Empfehlung iſt. Sie ſpricht drei oder vier lebende Sprachen gut, ihre Mutterſprache nicht ausgenommen. Ich habe ſie ſogar in Verdacht, daß ſie mit ihrem jetzigen Hauslehrer, einem gewiſſen Bauer, der hier ſtudirt hat, und ein grundgelehrter Jüngling war, in aller Stille Latein und Griechiſch treibt.

Und Sie, der Sie mir ſelber ſagten, daß Sie ein Buch über den Adel und gegen den Adel geſchrie¬25 ben haben, das leider in Deutſchland, für das es be¬ rechnet iſt, nirgends gedruckt werden kann, Sie rathen mir, der ich über die Braminenkaſte dieſelben Pariasideen habe, mich in das Lager unſerer Erbfeinde zu begeben?

Das iſt ja eben der Humor davon, lachte Ber¬ ger; Sie ſollen hingehen wie ein Mohikaner in das Lager der Irokeſen: und ich freue mich ſchon im voraus auf die prächtigen Zöpfe, die Sie zurückbringen werden. Die hängen wir dann als Trophäen in unſerm Wig¬ wam auf, und haben unſere Freude daran.

Und wenn man mich ſelbſt dort ſcalpirt, wie dann?

Dann bin ich der letzte Mohikaner und rauche meine Friedenspfeife einſam und melancholiſch auf dem Grabe meines Unkas.

Er ſtützte den Kopf in die Hand und ſtarrte düſter vor ſich nieder. Ja, ja, ich weiß es, murmelte er, die große Schlange, wenn ſie es endlich müde iſt, die Menſchen anzuziſchen, wird in einen Sumpf kriechen und da einſam verrecken.

Ich ergriff ſeine Hand. Das wird nicht geſchehen, wenigſtens nicht, ſo lange ich lebe.

Er ſchaute mich wehmüthig an.

Aber Du wirſt vor mir ſterben, ſagte er: die große Schlange hat ein zähes Leben, und Du biſt weich.26 viel zu weich für dieſe harte Welt. Doch das bei Seite. Was ſagen Sie zu meinem Vorſchlag?

Daß er mir nur halb, und weniger als halb ge¬ fällt.

So muß ich denn doch den letzten Trumpf aus¬ ſpielen, rief Berger aufſpringend. So hören Sie denn, Sie Ungläubiger, daß jenes Haus, in das ich Sie ſenden will, einen Engel in ſich ſchließt, in Geſtalt eines wunderlieblichen Mägdeleins. Sie iſt die Schweſter Ihres Alexander und Gott ſei Dank, vor¬ läufig noch in Hamburg in Penſion. Ich haſſe ſie, denn ſie hat mir viel Qual bereitet. Alle wahnſinnigen Träume meiner Jugend lebten in mir auf bei ihrem Anblick und ängſtigten mich wie ſchöne Geſpenſter. Zuletzt lief ich davon, ſo oft ich ſie unter ihrem leichten Strohhute über den glatten Sand des Strandes heran¬ kommen ſah. Ja, ich will es nur geſtehen, ich habe die Sonette, die ich Ihnen neulich vorlas, die Sie freundlich genug waren, liebedurchglüht und Gott weiß, was noch ſonſt, zu finden, und die ich in der ſeligen Jugendzeit vor dreißig Jahren auf Helgoland gedichtet zu haben vorgab, im vorigen Jahre in Oſtende, vom Anblick der ſchönen Teufelin berauſcht, mit meinem Herzblut geſchrieben. Das ſagen Sie aber Niemanden wieder.

27

Weshalb nicht? Es würde mir ja doch keine Menſchenſeele glauben.

Da haben Sie freilich Recht; und nun?

Nun habe ich noch weniger Luſt, als vorhin. Ich wünſche nicht, die alberne Geſchichte der Liebſchaft eines Hauslehrers mit der Tochter des hochadligen Hauſes, eine Geſchichte, die ich mir ſchon in ſo und ſo vielen Romanen zum Ekel geleſen habe, an mir ſelbſt zu wiederholen. Und wenn das Mädchen wirk¬ lich ſo ſchön und liebenswürdig iſt, daß

Daß ſelbſt das dürre Holz friſche Blätter treibt, was da am grünen geſchehen ſoll? unterbrach mich lachend Berger. Nun wohl! verlieben Sie ſich! weshalb nicht! Lieber Freund, das Buch des Lebens für Leute unſeres Schlages führt denſelben Titel, wie einer der Romane Balzac’s: Illusions perdues. Jeder Tag ſchreibt nur ein neues Kapitel hinein, und je kürzer das Buch, deſto beſſer und intereſſanter iſt es. Aber da es nun einmal geſchrieben werden muß und nicht anders geſchrieben werden kann, ſo iſt es auch im Grunde gleichgültig, ob wir nach Weſten gehen oder nach Oſten. Wir machen dieſelben Erfahrungen hier wie dort. Darum ſage ich noch einmal: gehen Sie nach Grenwitz!

Was ſollte ich thun. Es erſchien mir als eine28 Pflicht, den Wunſch meines Freundes, dem ich ſo viel verdanke, zu erfüllen. Und dann, hatte Berger nicht recht, daß es gleichgültig ſei, ob ich nach Oſten gehe oder nach Weſten? Genug, ich packte meine Sachen, ſagte meinem Mentor Lebewohl und fuhr hinüber nach dieſem Eiland.

[24]

Drittes Kapitel.

Oswald hatte bis jetzt nur in Städten gelebt. Seine Sitten, ſeine Anſchauungen, ſeine Neigungen waren die eines Städters. So kam es denn, daß, als er ſich jetzt plötzlich wie mit einem Zauberſchlage auf das Land verſetzt ſah, der unſägliche Reiz der erſten leuch¬ tenden Sommertage in einem ſchönen ländlichen Auf¬ enthalte für ihn mehr als für die meiſten Menſchen etwas unſäglich Anziehendes, ja Hinreißendes und Be¬ rauſchendes hatte. Es war ihm Alles ſo neu und doch wieder ſo ſeltſam bekannt, wie wenn Jemand in eine Gegend kommt, die er ſchon lange vorher in ſei¬ nen Träumen geſehen. War dieſer blaue Dom, der ſich immer tiefer und tiefer wölbte, derſelbe Himmel, der ſich ſo troſtlos bleiern über dem Häuſermeer der Reſidenzſtadt ſpannte; waren dieſe funkelnden Lichter30 dieſelben öden Sterne, zu denen er, aus dem Theater oder einer Geſellſchaft kommend, kaum einmal flüchtig emporgeblickt hatte? Konnte ein Sommermorgen ſo reich an Glanz und Pracht, ein Sommerabend ſo weich und wollüſtig ſein? Hatte er denn den Geſang der Vögel nie vernommen, daß er ſich jetzt an ihren ein¬ fachen Liedern nicht ſatt hören konnte? Hatte er denn nie Blumen geſehen, daß er jetzt nicht müde wurde, ihre ſchönen Farben und wunderſamen Geſtalten zu betrachten? Es war ihm zu Muthe, wie Einem, der aus ſchwerer Krankheit wieder zum Leben erwacht. Die jüngſte Vergangenheit lag wie hinter einem dichten Schleier, aber weit Entferntes, im Meer der Ver¬ geſſenheit ſeit langen Jahren Verſunkenes tauchte wie eine glänzende, zauberiſche Spiegelung wieder über den Horizont der Erinnerung empor. Ei, da iſt ja auch Ritterſporn, rief er einſt in dieſen erſten Tagen freudig überraſcht, als er, träumend im Garten auf und ab wandelnd, dieſe Blume häufig auf den Beeten blühen ſah.

Nun freilich, ſagte Bruno, der bei ihm war, haben Sie denn noch nie welchen geſehen?

Es iſt lange her, murmelte der junge Mann, ſich niederbeugend und die phantaſtiſche Blume mit Rührung betrachtend. In ſeines Geiſtes Aug 'ſah er ſich wieder in einem kleinen lauſchigen Garten an der31 Stadtmauer herumſpielen und Steinchen, Blumen und andere Seltenheiten, die er auf ſeinen Entdeckungsreiſen fand, auf den Schooß einer ſchönen, jungen, blaſſen Frau ſammeln, die ihm jedes Mal, wenn er zu ihr kam, das lockige Haupt ſtreichelte und mit jener Ge¬ duld, die nur eine Mutter hat, nicht müde wurde, ſeine unzähligen Fragen zu beantworten. Und da hatte er ihr auch dieſe Blumen gebracht und die ſchöne Frau hatte geſagt: das iſt Ritterſporn. Und dann hatte ſie die Blume lange ſinnend angeſehen, bis ihr von dem langen Hinſtarren die Thränen in die Augen kamen und hatte ihn auf ihren Schooß genommen und ſein Haupt ſtürmiſch an ihre Bruſt gedrückt, und da mochte er denn wohl, von dem vielen Spielen müde, einge¬ ſchlafen ſein, denn in dieſem Augenblicke zerflatterte das Bild. Die junge, ſchöne Frau, das wußte er, war ſeine Mutter; ſie war geſtorben, als er noch nicht fünf Jahre alt war. Wer hat nicht an ſich ſelbſt ſchon die traurige Erfahrung gemacht, daß wir in dem Gewirre des Lebens, wo eine Erſcheinung die andere verdrängt, und wir ſtets unter der tyranniſchen Gewalt des Augenblickes ſtehen, Alles, ſelbſt das Theuerſte, ſelbſt die Eltern, die uns das Leben gaben, vergeſſen lernen. So hatte auch Oswald faſt ſchon vergeſſen, daß er je eine liebe Mutter gehabt; jetzt rief eine ein¬32 fache Blume die Erinnerung an die früh Verſtorbene mächtig in ihm wach. Die erſte Zeit, die er in der Einſamkeit des Landlebens verbrachte, verknüpfte ſich eng mit der erſten Zeit ſeines Lebens, denn er hatte ſeitdem nicht wieder der Natur ſo unbefangen und ſo tief in das holde, bezaubernde Antlitz geſchaut. Auch ſeines Vaters, der nun gerade vor zwei Jahren, ein¬ ſam, wie er gelebt hatte, geſtorben war, gedachte er jetzt mit jener dankbaren Liebe, die leider immer erſt dann in voller Blüthe ſteht, wenn diejenigen, denen ſie gebührt, ſich nicht mehr an ihrem Dufte laben kön¬ nen; ſeines Vaters, der wunderlichen Pygmäengeſtalt, die der Sohn ſchon als achtzehnjähriger Jüngling um zwei Köpfe überragte; des menſchenſcheuen Sonderlings, der in der ganzen Stadt der alte Candidat genannt wurde, und deſſen ſchwarzen abgeſchabten Frack, in dem er Sommer und Winter einherging, jedes Kind auf der Straße kannte; des räthſelhaften Mannes, der den reichen Schatz ſeines Wiſſens und ſeiner Güte gegen alle Welt verſchloß, nur nicht gegen den Sohn, an dem er mit unſäglicher Liebe hing, den er mit der rührenden Zärtlichkeit einer Mutter hegte und pflegte, und für den ihm, dem als Geizhals Verſchrieenen, nichts zu koſtbar geweſen war.

Dieſe lieben und doch auch wieder ſo ſchmerzlichen33 Erinnerungen zogen durch Oswalds Seele, während er in ſeinen Freiſtunden allein, oder mit ſeinen Zög¬ lingen in Garten, Feld und Wald umherſtreifte, ſich von Tage zu Tage mehr für das Landleben begeiſterte, und wenn er des Morgens, ehe die Unterrichtsſtunden begannen, noch ſchnell einmal in den Schloßgarten ge¬ eilt, in die thaufriſchen Kelche der Blumen geſchaut und ſich am Geſang der Vögel entzückt hatte, ſchlech¬ terdings nicht mehr begreifen konnte, wie es die Menſchen in den Städten, wie er ſelbſt es nur jemals in der Stadt habe aushalten können.

Und in der That hätte Schloß Grenwitz und ſeine Umgebung auch wohl einem durch landſchaftliche Schön¬ heiten verwöhnteren Auge das lebhafteſte Intereſſe ab¬ gewinnen müſſen, obgleich es von den Touriſten, die alljährlich die Inſel durchſchwärmten, niemals aufge¬ ſucht, höchſtens von Einem oder dem Anderen zufällig aufgefunden wurde, der ſich denn nicht genug wundern konnte, wie ein ſo lieblicher und in vieler Hinſicht ſo merkwürdiger Punkt in ſeinem Reiſehandbuche, in wel¬ chem doch ſonſt jeder nichtsnutzige Gaſthof verzeichnet ſtand, übergangen ſein konnte, blos weil er eine Meile von der großen Landſtraße entfernt lag.

Das Schloß trägt noch bis auf den heutigen Tag die Spuren von dem Reichthum und der Macht desF. Spielhagen, Problematiſche Naturen. I. 334alten ritterlichen Geſchlechts derer von Grenwitz, das ſeit undenklichen Zeiten hier begütert geweſen iſt, und die Burg zu ſeinem Schutz und den benachbarten Ba¬ ronen zum Trutz in der Mitte des vierzehnten Jahr¬ hunderts erbaute. Das untere Stockwerk des einen Flügels mit ſeinen rieſigen Quaderſteinen ſtammt noch aus dieſer Zeit, ebenſo wie der gewaltige runde Thurm, in welchem jetzt das alte und das neue Schloß zuſam¬ menſtoßen. Das neue Schloß wurde gegen das Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts in dem zopfigen Styl jener Zeit gebaut und nimmt ſich mit ſeinen verſchnör¬ kelten Säulen und wunderlichen Ornamenten neben dem alten ſchmuckloſen Thurm, mit welchem es jetzt in einer Front liegt, aus, wie ein zierlicher Herr aus Louis quatorze Zeit neben einem eiſengeharniſchten Kämpen aus den Zeiten von Crech und Poitiers.

Ein zwanzig Fuß und darüber hoher Wall, der in ein noch weit ehrwürdigeres Alter hinaufragt, als ſelbſt der alte Thurm, umgiebt das Schloß in einem ſo weiten Kreiſe, daß es ſammt den Nebengebäuden von dem eingeſchloſſenen Raume nur den kleinſten Theil einnimmt. Der Wall iſt jetzt längſt ſchon in eine fried¬ liche Promenade umgewandelt, über der hohe Buchen, Nußbäume und Linden ein dichtes Laubdach bilden. Der breite Graben, der ihn ſeiner ganzen Ausdehnung35 umzieht, iſt jetzt zum Theil verſumpft, mit dichtem Röhricht angefüllt, und wo das Waſſer ſich noch einen Raum offen gehalten, mit einem grünen Teppich von Waſſerpflanzen bedeckt, in welchem halbwilde Enten luſtig ſchnattern. Offenbar hatte dieſer Wall den Zweck gehabt, im Fall einer Fehde nicht nur die Hö¬ rigen der fehdeluſtigen Barone mit ihren Weibern und Kindern, ſondern auch die Heerden und die Vorräthe zu ſchirmen; auch hatten bis zur Zeit des Neubaues die Wirthſchaftsgebäude, die jetzt ziemlich entfernt vom Schloſſe außerhalb des Walles lagen, innerhalb deſſelben gelegen. Damals hatte der Wall nur einen Durch¬ gang gehabt, ein feſtes, mit einem Thurm verſehenes Thor, aus dem eine Zugbrücke über den Graben nach einem Brückenkopfe führte. Jetzt war der Thurm ab¬ getragen, die Brücke konnte nicht mehr aufgezogen werden und aus dem Brückenkopfe hatte man längſt Backöfen und andere nützliche Dinge gebaut. Von dieſem Hauptthor führte eine Allee vielhundertjähriger prachtvoller Linden auf das Portal des Schloſſes zu. Rechts von der Allee und vor der Front des Schloſſes war ein großer Raſenplatz, in deſſen Mitte ein ſteinernes Becken mit einer Najade als Schutzpatronin ſtand, die, wahrſcheinlich aus Schmerz, daß ihrem Brunnen ſchon3*36ſeit einem halben Jahrhundert das Waſſer fehlte, den Kopf verloren hatte.

Der ganze übrige Raum innerhalb des Walles war mit Gartenanlagen ausgefüllt, die aus der Zeit des Neubaus herrührten und mit ihren geraden Gängen, kunſtvoll verſchnittenen Taxushecken, Buchsbaumpyra¬ miden und ihren Sandſteingöttern, die allen Regeln der Aeſthetik und allen Geſetzen der Anatomie ſo naiv Hohn ſprechen, den Charakter dieſer Zeit deutlich genug documentirten. Hier und da freilich war ein Geiſt der Neuerung in die Anlagen gefahren. Der Buchs hatte ſeine verkrüppelten Glieder, ſo gut es gehen wollte, in eine naturgemäße Baumgeſtalt auszurecken verſucht; die beiden Zeiten eines Heckenganges hatten gemeinſchaftliche Sache gemacht und ſich zu einem un¬ durchdringlichen Geſtrüpp vereinigt; ein Gärtner, der für die ſtumme Sprache von Taxuspyramiden kein Ver¬ ſtändniß mehr beſaß, und eine praktiſchere Richtung verfolgte, hatte, unbekümmert um den äſthetiſchen Ein¬ druck, Aepfel -, Birnen -, Kirſchen - und Pflaumenbäume gepflanzt, wo er gerade Platz fand, und hier und da ſeinen Gemüſebeeten den Luxus der Blumenrabatten geopfert. So war die Schweſter der Najade im Hof von Himbeer - und Stachelbeerſträuchern faſt über¬ wuchert, aber ſie hatte ſich in ihr Schickſal zu finden37 gewußt, ihren Kopf behalten, und plauderte in ſtiller Nacht geſchwätzig von der guten alten Zeit.

So hatte von dem Rieſenwalle, der aus der grauen Heidenzeit ſtammte, bis zu den Spargelbeeten, die geſtern angelegt waren, ſeit einem Jahrtauſend jede Generation etwas zur Befeſtigung, Verſchönerung oder Verbeſſerung dieſes Wohnſitzes beigetragen. Vieles war ſpurlos verſchwunden, Vieles hatte ſich erhalten; Altes hatte der Zeit geſpottet, Neues war mit der Zeit alt geworden; aber da ſelbſt das Aelteſte die Spuren des Lebens, der fortdauernden Nutzbarkeit trug, ſo war nirgends ein Sprung, ein Riß bemerkbar, und das Ganze machte den wohlthuenden Eindruck, als ob es eben nicht anders ſein könnte. Zwar ſeinen primi¬ tiven Charakter hatte Schloß Grenwitz gänzlich einge¬ büßt, und wenn Oswald des Abends, von einem Spa¬ ziergange mit ſeinen Zöglingen zurückkommend, auf einer Stelle des Walles ſtehen blieb, von der er den ſchattigen, grasbewachſenen Hof, den blumenreichen Garten und das Schloß überblicken konnte, um deſſen graue Mauern das Zwielicht wogte und die ſchnellen Schwalben zwitſchernd kreiſ'ten, da glaubte er nicht die alte Stammburg fehdeluſtiger Barone, ſondern das ſtille Kloſteraſyl beſchaulicher Mönche vor ſich zu ſehen.

[38]

Viertes Kapitel.

Und ein ſtilles, klöſterlich ſtilles Leben war es denn auch das Leben auf dem Schloſſe Grenwitz. Alle Unruhe, aller Lärm waren aus dem Bereich verbannt, den der alte Wall wie eine epheuberankte Kirchhofs¬ mauer umgab. Hier ertönte kein Hundegebell, kein Pferdewiehern; ſtill glitten die Stunden dahin, wie die Schatten des Zeigers der Sonnenuhr über dem Por¬ tale; ſtill, wie die Blumen im Garten dufteten und blühten. Hier ſchien ſelbſt der Wind leiſer in den Wipfeln zu rauſchen, die Vögel leiſer in den Zweigen zu ſingen; und was die Bewohner ſelbſt betraf, ſo konnte die Wanduhr auf dem Vorſaal in ihrem Eichen¬ ſchrank nicht freier von aller Neuerungsſucht ſein und ihr Tagewerk pünktlicher und ſyſtematiſcher vollbringen. Die Dienſtboten thaten ihre Obliegenheiten mit der Regelmäßigkeit von Automaten. Ja in die Möbel39 ſelbſt ſchien dieſer ſtrenge Geiſt der Ordnung gefahren, ſo daß Oswald ſich des Gedankens nicht erwehren konnte, ſie rückten ſich in aller Stille von ſelber zurecht, falls einmal eines von ſeiner ihm angewieſenen Stelle abgekommen ſein ſollte. So wenig nun Oswald in ſeinem bisherigen Leben an eine ſo peinliche Ordnung gewöhnt war, und ſo ſehr ſich auch im Grunde ſeine Natur dagegen ſträubte, ſo leicht wurde es ihm doch bei der Geſchmeidigkeit ſeines Weſens und bei der ver¬ ſöhnlichen, milden Stimmung, in die ihn der tiefe Frieden rings umher verſeßte, ſich dieſelbe zu finden. Er that, was er die Leute um ſich her thun ſah, und erwiderte die förmlichen Verbeugungen, mit denen man ſich hier begegnete, mit demſelben Grad von Ernſthaf¬ tigkeit, den er auf einer Maskerade in einer Menuet zur Schau getragen haben würde.

Er hatte es in den erſten Tagen mit den Lehr¬ ſtunden nicht allzu genau genommen, und ſich deſto eifriger mit ſeinen beiden Zöglingen draußen umher getummelt. Sie hatten den Buchwald, der ſich von Schloß Grenwitz eine halbe Stunde bis hart an das Meer erſtreckte, nach allen Richtungen durchſtreift, hatten ein Hünengrab und eine Höhle entdeckt, und waren oft ſchon von den hohen Kreideufern zum Strand hinabgeklettert, hatten dort, auf einem der mächtigen40 Röllſteine ſtehend, die Fluth heranbrauſen ſehen und gejubelt, wenn der Donner der Brandung ihre Stimme übertönte.

Auf dieſen Streifzügen, die Oswald ſcherzend ihre Vorſtudien zum Homer nannte, hatte er vielfach Ge¬ legenheit, die Naturen ſeiner beiden Zöglinge zu beob¬ achten. Ein größerer Gegenſatz war kaum denkbar. Bruno war groß für ſeine Jahre, dabei ſchlank und geſchmeidig und ſchnell wie ein Hirſch. Malte, der junge Majoratsherr, ſah neben ſeinem ſtolzen Gefähr¬ ten zurückgeblieben und verkümmert aus. Seine Schul¬ tern waren ſchmal, ſeine Bruſt eingeſunken, und ſeine eckigen und unſchönen Bewegungen ſtachen ſeltſam gegen die hinreißende wilde Anmuth ab, mit der Bruno ging, lief und ſprang. Malte ſcheute vor jeder Gefahr, ja vor jeder Anſtrengung, im Gefühl ſeiner Körperſchwäche und aus angeborner oder anerzogener Feigheit zurück; für Bruno war kein Baum zu hoch, kein Felſen zu ſteil, kein Graben zu breit, ja es ſchien, als ob er ge¬ fliſſentlich die Glut ſeiner Seele durch körperliche Er¬ müdung dämpfen wollte. Oswald flocht eine Krone aus Buchenlaub und drückte ſie dem Knaben auf die bläulich-ſchwarzen Locken, um ihn einem jungen Bacchan¬ ten noch ähnlicher zu machen. Aber wie in ſeinem Heimathlande Schweden aus eiſiger Winternacht ur¬41 plötzlich der duftende, lächelnde Frühlingsmorgen her¬ vorblüht, ſo wechſelten Sonnenſchein und Sturm in ſeinem Gemüthe übermüthige Luſt und an Schwermuth grenzende Niedergeſchlagenheit, herzliches, faſt kindliches Sichhingeben und düſtrer, mehr als knabenhafter Trotz ſchnell und unvermittelt, wie Lichter und Schatten auf den Hängen eines Gebirges an einem Tage, wo der Wind die Wolken pfeilſchnell an der Sonne vorüberjagt. So fand Oswald den Knaben, einen Fremdling im Hauſe ſeiner Verwandten, von den Einen gehaßt, von den Andern gefürchtet, ein unergründliches Räthſel für Alle, ſelbſt für den alten guten Baron, der dem Knaben, oft mehr aus ange¬ borner Großmuth, als aus Ueberzeugung, ſtets das Wort redete. Aber für Oswald hatte ein Blick in das traumumflorte dunkle Auge des Knaben genügt, den verwandten Dämon zu erkennen, und der myſtiſche Bund, den ſie in jenem Augenblick geſchloſſen, hatte jede Stunde ihres Zuſammenlebens nur gefeſtigt. Bruno hatte ihm an dem erſten Tage den düſtern Trotz entgegengebracht, den er gegen Alle zu zeigen gewohnt war. Er hatte ihn mit ſcheuem, durchdrin¬ gendem Blick zwei, drei weitere Tage beobachtet, und dann war vor Oswalds liebevollem, freundlichem Weſen der Argwohn von ihm gewichen, wie die Nebel vor42 den Strahlen der Sonne, ſein dunkles Auge war größer und glänzender geworden, als ob das unverhoffte Glück, einen Menſchen zu finden, der ihn liebte und den er wieder lieben dürfe, ihn blende und verwirre; und dann war all die ſtürmiſche Zärtlichkeit ſeiner Seele, die er ſo lange und ſo ſorgſam hatte verſchließen müſſen, hervorgebrochen, mächtig unwiderſtehlich, wie ein Bergſtrom, der die Felſenſchranken geſprengt hat und jauchzend in das Thal hinunterſtürmt.

Wiſſen Sie, ſagte der Knabe da zu Oswald, daß ich ſchon im voraus entſchloſſen war, Sie zu haſſen?

Warum, Bruno? iſt der Haß für Dich ſo ſüß? Ach nein! aber ich glaubte, es ſeien alle Erzieher wie unſer erſter, und da dachte ich, was dem Einen recht iſt, iſt dem Andern billig.

Und wie war denn Herr Bauer?

Nun, er machte ſeinem Namen Ehre, ſagte der Knabe ſpöttiſch.

Ei, ei, mein ſtolzer Junker, willſt Du mir den Bauer verachten?

Gewiß nicht! rief der Knabe eifrig, mein Vater war ſelbſt ein Bauer, trotzdem daß er ein Edelmann war; ich habe ihn oft genug hinter dem Pfluge herge¬ hen ſehen aber dieſer Mann war roh und plump43 wie ein Bauer, und feig dazu. Einmal, nach Tiſche ich weiß nicht, was ich wieder verbrochen hatte, ſchlug er mich in's Geſicht, weil Tante zugegen war und er glaubte, er thue ihr einen Gefallen. Ja, er ſchlug mich und das Auge des Knaben blitzte auf bei der Erinnerung an dieſe Schmach und die Zornes¬ ader auf ſeiner bleichen Stirn ſchwoll.

Und da, Bruno?

Da nahm ich das Meſſer, das vor mir auf dem Tiſche lag und ſprang auf ihn ein, und der Elende lief vor mir, um Hülfe ſchreiend, zur Thür hinaus. Und als ich das ſah und die bleichen Geſichter um mich her, mußte ich lachen und ging unbeläſtigt aus dem Saale. Und ich wäre am liebſten gleich in die weite Welt gerannt, aber Onkel kam hinter mir her und verſprach mir, der Menſch ſolle nun und nimmer wieder Hand an mich legen dürfen. Onkel iſt gut; Sie glauben nicht, wie gut er iſt; aber er fürchtet ſich vor der Tante; Alle fürchten ſich vor ihr; aber ich habe ſie doch lieb, denn ſie hat Muth wie ein Mann und ich haſſe nur die Feigen. Malte iſt ein Feigling.

Malte iſt ſchwach und kränklich, und Du mußt Nachſicht mit ihm haben; aber, wenn Du die Tante wirklich lieb haſt, warum biſt Du ſo unfreundlich gegen ſie?

44

Bin ich unfreundlich? Der Knabe ſchwieg. Eine Wolke zog über ſeine Stirn, ſeine Naſenflügel zuckten und ſein dunkelblaues Auge war wie eine Gewitter¬ wolke, als er jetzt, haſtig aufblickend, ſagte:

Ich bin unfreundlich, ich weiß es. Aber wie ſoll ich anders ſein? Ich eſſe hier im Hauſe Gnadenbrod, ſoll ich noch dafür danken? Ich kann es nicht, ich will es nicht, und wenn ſie mich aus dem Hauſe jagten. Sehen Sie, Oswald, ich habe oft gewünſcht, man jagte mich fort, ja, ich habe es darauf angelegt, daß ſie es doch ja thäten; dann ginge ich in die weite Welt und verdiente mir mein tägliches Brod, wie tauſend und tauſend andere Knaben, die nicht ſo ſtark und ſo muthig ſind, wie ich. Heute noch, als wir am Strande gingen, und der Dreimaſter am Horizonte auftauchte und wieder verſchwand, da wünſchte ich ſo heiß, ſo heiß, ich hätte mitſegeln können, als Schiffs¬ junge, als Matroſe nur fort, fort von hier, gleich¬ viel wohin.

Wenn ſo der Knabe die geheimſten Wünſche ſeines Herzens rückhaltlos ſeinem Freunde und Lehrer offen¬ barte, da geſchah es denn wohl, daß dieſen ein Zweifel beſchlich, ob er, der ſelbſt den Weg, den er zu gehen hatte, ſo wenig deutlich ſah, der rechte Mann ſei, den wilden, leidenſchaftlichen Knaben zu leiten. Aber je45 weniger er ſich im Stande fühlte, ausſchweifende Wünſche, chimäriſche Hoffnungen zu bekämpfen, die er ſelbſt im Stillen theilte, deſto mehr verſchwand die Kluft zwiſchen Lehrer und Schüler deſto brüder¬ licher wurde nur ihr Verhältniß. Noch hatte kein menſchliches Weſen einen ſo tiefen Eindruck auf Oswald gemacht, als dieſer wunderſame Knabe. Er liebte ihn, wie ein Künſtler das Werk, an dem er ſchafft, wie ein Vater den Sohn, in welchem er zu verwirklichen hofft, was ihm ſelbſt zu erreichen verſagt war, wie eine Mutter das Kind, für das ſie wachen, ſorgen und ſchaffen muß. Allnächtlich, wenn er ſich müde geleſen und gearbeitet, ging er, ehe er ſelbſt ſein Lager ſuchte, in das Gemach des Knaben er hätte nicht ſchlafen können, ohne ſeinen Liebling noch einmal geſehen zu haben. Jenes Schamgefühl, das edleren Naturen ver¬ bietet, die ganze Fülle ihrer Zärtlichkeit zu zeigen, machte ihn den Tag über karg mit Liebkoſungen; aber jetzt nahm er des Schlafenden Hände, und ſtreichelte ſie, und küßte den Knaben zärtlich auf die Stirn.

Dich nennen ſie lieblos. Dich, meinen Liebling, deſſen Herz nur nach Liebe und abermals nach Liebe hungert. Und wenn ſie alle Dich verkennen und haſſen, ich verſtehe Dich und will Dich lieben.

[48]

Fünftes Kapitel.

Die Wirthſchaftsgebäude und Häuslerwohnungen, die zu dem Gute gehörten, lagen, wie wir ſahen, außer¬ halb des Walles, den man, um die Verbindung zwiſchen dem Schloſſe und dem Hofe zu erleichtern, nach dieſer Seite durchbrochen hatte. Ein hölzernes Gitterthor, das nicht einmal verſchloſſen, und eine Brücke, die nicht aufgezogen werden konnte, ſprachen für den fried¬ lichen Sinn der Nachkommen jener kriegeriſchen Barone, welche das maſſive Thor auf der andern Seite mit ſeiner in ſchweren Eiſenketten hängenden Zugbrücke er¬ baut hatten. Der Verkehr zwiſchen dem Schloſſe und dem Hofe beſchränkte ſich ſo ziemlich auf den Aus¬ tauſch oft höchſt energiſcher diplomatiſcher Noten zwiſchen der Wirthſchafterin und dem Verwalter, die über das Quantum und die Qualität der Naturalien, welche dieſer jener zu liefern hatte, ſtets weſentlich verſchiedener47 Meinung waren. Das Gut war, wie die übrigen Beſitzungen der Familie, verpachtet; der Pächter, ein Herr Bader, wohnte auf einem der Nebengüter, das er ebenfalls in Pacht hatte, und kam ſelten nach Grenwitz, deſſen Bewirthſchaftung er ſeinem Inſpector überließ.

Oswald, für den die Landwirthſchaft eben ſo neu war, wie das Leben auf dem Lande, lenkte ſeine Schritte bald häufig nach dem Hofe, um ſich von dem Inſpec¬ tor durch die Ställe und Scheunen führen und ſich von demſelben etwas in die Myſterien des Ackerbaus und der Viehzucht einweihen zu laſſen. Der Inſpector, Namens Wrempe, war ein rieſiger Mann, der ſtets in gewaltigen Stulpenſtiefeln einherging und dem Aber¬ glauben zu huldigen ſchien, er werde ſeine ungeheure Körperkraft verlieren, wenn er ſeinen ſtruppigen ſchwarzen Bart ſchöre, oder dem Regenwaſſer das ausſchließliche Privilegium, ſein ſonnverbranntes Geſicht zu waſchen, entzöge. Das breite Platt jener Gegend war ſeine Mutter - und Vaterſprache, das Hochdeutſche haßte er und hielt Alle, die es ſprachen, in ſeinem Herzen für Schelme; ſeine Stimme glich, aus der Ferne gehört, weſentlich dem Gebrüll eines etwas heiſeren Löwen. Seine Feinde ſagten ihm nach, daß er eine üble Ge¬ wohnheit habe, ſich von Zeit zu Zeit zu betrinken; da48 er dies aber alle Monat höchſtens einmal und dann immer gleich auf mehrere Tage that, um die übrige Zeit deſto energiſcher zu ſein, ſo drückten ſeine Freunde und zumal ſein Brodherr über dieſe kleine Schwäche freundlich die Augen zu. Oswald unterhielt ſich gern mit dem Manne, der in ſeiner täppiſchen Gutmüthig¬ keit, ſeinem derben, oftmals freilich auch rohen Weſen, ſeiner mit Sprichwörtern reichlich untermiſchten Rede ein nicht ſchlechter Repräſentant der Landleute jener Gegend war.

So hatte er denn auch eines Nachmittags mit den Knaben einen Spaziergang nach dem Hofe gemacht. Sie fanden ihn faſt ausgeſtorben. Die Leute und die Thiere waren auf dem Felde. In dem Pferdeſtall ſtanden nur die vier ſchwerfälligen Braunen des Barons, die vor lieber langer Weile mit den eiſernen Ketten ihrer Halfter ein melancholiſches Quartett ausführten. Vor der Thür des Stalles ſaß der ſchweigſame Kutſcher und ſtarrte in den blauen Himmel, da er, wenn er ſeine Pferde gefüttert, auf Erden weiter nichts zu thun hatte. Um ſeine Füße ſtrich ſpinnend ein großer ſchwarzer Kater, der ihn, als ſein spiritus familiaris, überall hin begleitete und ſelbſt auf dem Bocke zwiſchen ſeinen Füßen unter dem Schurzfell ſaß. In dem Kuh¬ ſtall fanden ſie nur eine Kuh, die ihr heute geborenes49 Kälbchen durch fleißiges Lecken in eine Verfaſſung zu bringen ſuchte, wie ſie dem Ehrgeize einer reſpectablen Kuhmutter, die etwas auf ſich und die Ihrigen hält, wünſchenswerth ſcheinen mag. Auf dem Dünger vor dem Stalle ſcharrten die Hühner, unbekümmert um den Streit zweier junger Hähne, die über einen un¬ glücklichen kleinen Käfer, der auf dem Rücken liegend in ruhiger Ergebung ſein Schickſal erwartete, in Un¬ frieden gerathen waren. Ein alter Hahn, welcher der Vater der beiden feindlichen Brüder ſein mochte, war auf eine Wagendeichſel geflogen und krähte einmal über das andere, entweder aus Freude über den ritterlichen Sinn ſeiner Sproſſen, oder um eine Wolke zu ſigna¬ liſiren, die eben über das Scheunendach heraufkam. Auf dem einen Ende des Daches ſaß eine Störchin auf ihrem Neſt. Der Storch kam eben herbeigeflogen und brachte die Beute ſeiner Jagd, eine kleine Schlange, mit nach Hauſe. Die Störchin klapperte bei dieſem Anblick vor Vergnügen, der Storch, im Bewußtſein erfüllter Pflicht, blieb ihr die Antwort nicht ſchuldig. Von dem kleinen Teiche neben dem Pferdeſtalle hatten die Enten unter dem Vortritt eines vielerfahrenen Enterichs einen Reihenmarſch quer über den Hof be¬ gonnen, da ſich ein ziemlich gut verbürgtes GerüchtF. Spielhagen, Problematiſche I 450unter ihnen verbreitet hatte, es ſei hinter der einen Scheune ein Sack Korn aufgegangen.

Oswald hatte mit vielem Vergnügen das Still¬ leben eines ländlichen Hofes an einem warmen Som¬ mernachmittag betrachtet; Bruno den ſchweigſamen Kutſcher über die beiden einzigen Themata, bei denen man es mit einiger Ausſicht auf Erfolg konnte, über ſeine Pferde und ſeinen Kater, in eine Unterhaltung zu verwickeln geſucht; Malte ſich unterdeſſen gelang¬ weilt, da er überhaupt nur ſehr wenigen Dingen Ge¬ ſchmack abgewinnen konnte, und zu dieſen Dingen Enten und Hühner, wenigſtens ſo lange ſie im Licht der Sonne wandelten, ſicherlich nicht gehörten. Er drang deshalb darauf, den Spaziergang fortzuſetzen, und ſo gingen ſie denn von dem Hofe durch das Dörfchen jämmerlicher kleiner Kathen, um auf das Feld zu ge¬ langen, In einiger Entfernung vor ihnen auf dem mit Weiden beſetzten Wege ſchien ein Knecht ſeinen Wagen im Graben umgeworfen oder feſtgefahren zu haben. Die Pferde ſtanden quer über den Weg und er zerrte an ihnen herum und fluchte und ſchimpfte, wie das Leute ſeines Schlages bei ſolchen Gelegenhei¬ ten zu thun pflegen. Zuletzt ſchien dem Manne die geringe Geduld, die ihm die Natur verliehen und der wahrſcheinlich reichlich genoſſene Schnaps noch übrig51 gelaſſen hatte, vollends auszugehen. Er faßte das eine der Vorderpferde in den Zügel und trat und ſtieß es unbarmherzig mit ſeinen plumpen, in plumpen Stiefeln ſteckenden Füßen. Oswald wurde auf das Alles eigent¬ lich erſt aufmerkſam, als Bruno mit dem Ausrufe: der Barbar, der Unmenſch! wie ein Pfeil von ihm fort auf den Wagen zueilte.

Im Nu hatte er denſelben erreicht und befahl dem Knecht mit einer mehr vor Zorn, als von der An¬ ſtrengung des eiligen Laufes bebenden Stimme, ſeine Mißhandlungen einzuſtellen.

Ich weiß, was ich zu thun habe! rief der Kerl, und trat das Pferd, das ſich vor Angſt immer mehr in den Strängen verwickelte, von neuem.

Im Augenblick läßt Du das Thier, oder

Oho! rief der Knecht, oder was

Oder ich ſtoße Dir mein Meſſer in den Leib

Der Mann taumelte ein paar Schritte zurück und ſtarrte Bruno voller Entſetzen an. Es war nicht Furcht vor dem Meſſer, das der Knabe in ſeiner er¬ hobenen Rechten hielt denn der Knecht war ein großer, ſtarker Mann, der ſeinen Gegner mit einem Schlage ſeiner ſchweren Fauſt hätte zu Boden ſchmet¬ tern können und er war überdies betrunken es war Furcht vor dem Dämon, der aus Bruno's dunkeln4*52Augen blitzte, Furcht vor der gewaltigen Leidenſchaft, die dem Knaben das Blut aus den Wangen zum Herzen trieb und ſeine Naſenflügel und die ſeinen Lip¬ pen zucken machte.

Das Thier iſt immer ſo tückiſch ſtammelte der Mann, wie zur Entſchuldigung.

Aber Bruno würdigte ihn keiner Antwort. Mit haſtigen Händen und geſchickt, als ob er im Leben nur mit Pferden umgegangen wäre, löſte er die Stränge, in denen ſich das Thier verwickelt hatte, wobei ihm Oswald, der jetzt herbeigekommen war, eine mehr durch ihre gute Abſicht löbliche, als durch praktiſchen Erfolg ausgezeichnete Hülfe leiſtete. Dann ſprang der Knabe nach dem Graben, ſchöpfte ſeinen mit Wachsleinen über¬ zogenen Strohhut voll Waſſer und wuſch dem Pferde die Wunden an den mißhandelten Beinen.

In dieſem Augenblicke ſetzte ein Reiter aus den Weiden an der Seite über den Graben auf den Weg. Es war der Inſpector Wrempe, der die Scene von fern geſehen hatte und im Galopp über die Felder herbeigeritten war.

Nun komm 'ich, ſagte der Dachdecker, und fiel vom Dach! Was iſt denn das für' ne Wirthſchaft! Warum fährſt Du durch den Graben, wenn Du zehn Schritte davon über die Brücke fahren kannſt. Und53 die braune Liſe maltraitirt er ſagte aber: mal¬ traiſirt ich will Dir Deine Faulheit eintränken, Du Himmeltauſendſappermenter!

Dieſe energiſche Rede halten, vom Pferde ſpringen, in die Hand ſpeien, um den Griff ſeiner ſchweren Reit¬ peitſche feſter faſſen zu können, und anfangen, damit den breiten Rücken des Knechts nach allen Regeln zu bearbeiten, war für den dienſteifrigen Inſpector das Werk eines Augenblicks.

Ich laſſe mich nicht ſchlagen, Herr Inſpector, remonſtrirte der Menſch.

Du läßt Dich nicht ſchlagen, Du Lümmel, ant¬ wortete der, unverdroſſen weiter arbeitend, glaub's wohl, aber Deine Schläge kriegſt Du doch.

Oswald, dem dieſe Scene peinlich wurde, ſo reich¬ lich der Menſch ſeine Züchtigung verdient hatte, bat Herrn Wrempe, es nun gut ſein zu laſſen. Der ver¬ ſtattete ſeinem Zorn noch einen letzten kräftigen Hieb, und ſagte dann, wie zum Schluß einer vernünftigen Auseinanderſetzung:

Na, nu komm, Jochen! wir wollen den Wagen wieder in Schick bringen.

Dann ſtemmte er ſeine mächtigen Schultern gegen das Fuhrwerk, hob und ſchob es zurecht, als ob es ein Kinderwägelchen geweſen wäre. Die Pferde, die54 jetzt wieder ruhig geworden waren, zogen an, und der Knecht konnte jetzt ſeinen Weg fortſetzen.

Fahr 'langſam nach Hauſe und vergiß nicht, was ich Dir geſagt habe! rief ihm der Inſpector nach.

Aber Sie haben ja nur durch Schläge zu ihm geſprochen! ſagte Oswald lächelnd.

Ja, verſtehen es die Kerle denn, wenn man ver¬ nünftig mit ihnen ſpricht!

Haben Sie denn je den Verſuch gemacht?

Herr Wrempe ſchien durch dieſe Frage einigermaßen in Verlegenheit geſetzt. Er ſagte zur Antwort: Das hat mich warm gemacht!

Dann zog er eine Branntweinflaſche, die mindeſtens ein halbes Quart hielt, aus der Taſche, ſetzte den Daumen an die Stelle, bis zu welcher er den Inhalt zu leeren gedachte, trank, hielt die Flaſche abermals gegen das Licht und that, da er zu finden ſchien, daß er ſeine Aufgabe nicht vollſtändig gelöſt hatte, noch einen herzhaften Schluck. Dann beſtieg er ſein Pferd, das, an dergleichen Scenen gewöhnt, ruhig dageſtanden hatte, wünſchte freundlich guten Abend, ſetzte wieder über den Graben und ritt im Galopp davon.

Bei Bruno wurde Alles zur Leidenſchaft. Die Glut ſeiner Einbildungskraft verdichtete die Schemen der Poeſie zu Menſchen von Fleiſch und Blut. Der55 Tod Hektor's entlockte ihm Thränen des Mitleids und des Zornes, und der moraliſche Unwille, der ihn er¬ faßte, wenn er vor ſeinen Augen eine Ungerechtigkeit, eine Grauſamkeit verüben ſah, war ſo groß, daß er in ihm ein phyſiſches Unwohlſein zu Wege brachte.

So fand Oswald, als er in der Nacht nach dieſem Vorfall an Bruno's Bett trat, daß ſein Liebling gegen ſeine Gewohnheit noch wach war. Das mehr als ſonſt blaſſe Geſicht des Knaben und der kalte Schweiß auf ſeiner Stirn machten ihn beſorgt, und der Knabe geſtand denn auch nach einigem Zögern, daß er, nur um ſeinen Freund nicht zu ängſtigen, ſein Unwohlſein verheimlicht habe, und jetzt große Schmerzen leide. Oswald wollte ſogleich die Leute wecken und nach dem Doctor ſchicken, aber Bruno bat ihn, davon abzuſtehen, da dergleichen in dem Schloſſe immer ſogleich zu einer Haupt - und Staatsaction gemacht werde, und ihn die Umſtändlichkeit, die man bei ſolchen Gelegenheiten be¬ wieſe, nur beängſtige und noch kränker mache.

Uebrigens, ſagte er, bin ich an dieſe Anfälle ſchon gewöhnt und wenn Sie die Güte haben wollen, nur etwas Thee zu bereiten und mir ein paar Tropfen von der Eſſenz zu geben, die der Doctor neulich für mich verſchrieben hat das Fläſchchen ſteht auf mei¬ nem Pult ſo ſollen Sie ſehen, geht es bald vorüber.

56

Oswald beeilte ſich, das Gewünſchte herbeizuſchaffen. Er gab dem Knaben von der Medicin, er ließ ihn den Thee trinken, er rückte ihm das Kopfkiſſen zurecht, er holte noch eine Decke herbei, er that Alles mit jener Umſicht und Gewandtheit, mit der feinfühlende Men¬ ſchen, auch wenn ſie nicht daran gewöhnt ſind, mit Kranken umzugehen, die profeſſionirten Krankenwärter beſchämen.

Mit Ihnen als Pfleger iſt es beinahe ein Ver¬ gnügen, krank zu ſein, ſagte Bruno, dankbar die Hand ſeines Freundes drückend.

Still, ſtill! ſagte der, thue mir nur den Ge¬ fallen und habe keine Schmerzen mehr.

Ich will mein Möglichſtes thun, ſagte der Knabe lächelnd.

Wirklich ging Oswalds Wunſch bald in Erfüllung. Die kalten Tropfen auf der Stirn des Kranken wur¬ den zu warmen, und alsbald umhüllte ihn die gütige Natur mit tiefem Schlaf, um ſtill und heimlich das geſtörte Gleichgewicht des Organismus wieder herzu¬ ſtellen. Manchmal nur noch zuckte die feine, ſchmale Hand, die Oswald in der ſeinen hielt; dann ließ auch das nach, und der Arzt aus dem Stegreife gratulirte ſich im Stillen zu dem guten Erfolge ſeiner Kur. Aber er mußte doch wohl noch einige Beſorgniß vor einem57 Rückfalle haben, denn er entzog leiſe ſeine Hand der des Knaben, holte aus ſeinem Zimmer einen Lehnſtuhl und ſetzte ſich zu Häupten des Bettes. Die Lampe hatte er ausgelöſcht, damit die ungewohnte Helle den Schläfer nicht beläſtige, und ſo ſaß er denn im Dunkeln und ſah das Mondlicht, das durch eine Spalte des Vorhanges fiel, langſam an der Wand hingleiten und horchte auf die regelmäßigen Athemzüge des Knaben, bis ihn ſelbſt die Müdigkeit überwältigte.

[58]

Sechstes Kapitel.

Es war in den Abendſtunden eines der nächſten Tage, daß in dem Gartenſaale des Schloſſes zwei Damen ſaßen, von denen die eine die Baronin Gren¬ witz, die andere eine junge Frau, die vor ein paar Stunden zu Pferde von einem benachbarten Gute auf Beſuch gekommen war. Die Fenſterthür, die aus dem Gemache in den Garten und zunächſt auf einen großen, von hohen Bäumen umgebenen Raſenplatz führte, in deſſen Mitte eine Flora aus Sandſtein ſchon ſeit an¬ derthalb Jahrhunderten ſteinerne Blumen aus ihrem Horne ſchüttete, war weit geöffnet. In dem Zimmer, welches nach Norden lag, war es ſchon dämmerig, draußen aber lag noch der Abendſchein warm auf dem Raſen und den prächtigen Buchen und Eichen, und die Geſtalten der beiden Damen, die an einem Tiſche ſaßen, den man in die Thür geſchoben hatte, zeichneten ſich ſcharf auf dem hellen Hintergrunde ab.

59

Ein größerer Gegenſatz war nicht leicht denkbar. Die Baronin von Grenwitz war kaum vierzig Jahre alt, aber die Strenge ihrer männlich feſten Züge, die großen, kalten grauen Augen, die ſie ſo forſchend und ſo lange auf den Sprecher richtete, die Gemeſſenheit ihrer Bewegungen, ihre hohe, weit über das gewöhn¬ liche Frauenmaaß hinausreichende Geſtalt, vorzüglich aber ihre eigenthümliche Art ſich zu kleiden, ließen ſie manchmal faſt um zehn Jahre älter erſcheinen. Sei es übergroße Einfachheit, ſei es, wie Andere wollten, eine an Geiz grenzende Sparſamkeit, ſie bevorzugte Stoffe, die ſich, wie das Hochzeitskleid der würdigen Pfarrerin von Wakefield, mehr durch Dauerbarkeit, als durch irgend glänzende Eigenſchaften empfahlen, und ſie liebte einen Schnitt der Kleidung, von dem man deshalb nicht behaupten konnte, er ſei nicht mehr mo¬ diſch, weil er es eigentlich niemals geweſen war. Wie die Erſcheinung der Baronin für den erſten Augenblick auf Jeden den Eindruck der Würde machte, ſo be¬ merkte auch der aufmerkſame Beobachter in ihrer in jedem Momente muſterhaften Haltung und vor allem an dem ſtets ruhigen, gleichmäßigen Ton ihrer etwas tiefen, wohllautenden Stimme und ihrer immer ge¬ wählten Sprache, die jeden vulgären Ausdruck ſorg¬60 fältig vermied, daß ſie ſich dieſes Eindrucks wohl be¬ wußt war und ihn auf jede Weiſe zu erhalten ſuchte.

Ob die Dame, welche ſich bei der Baronin befand, ſich durch die ſtattliche Erſcheinung derſelben imponiren ließ, oder es für paſſend hielt, wenigſtens den Anſchein davon anzunehmen, laſſen wir dahingeſtellt; ſo viel iſt ſicher, daß ſie ſich in dieſem Momente einer Haltung befleißigte, die mit dem Ausdruck ihres Geſichts, ja nicht einmal mit ihrem Anzuge übereinzuſtimmen ſchien. Sie trägt ein Reitgewand von dunkelgrünem Sammet, das hinreichend in die Höhe geſteckt iſt, um die Ama¬ zone nicht beim Gehen zu hindern und ihre ſchmalen Füße, die in eleganten Stiefelchen ſtecken, zu verhüllen. Das enganſchließende Gewand hebt die ſchönen Formen des jugendlich-vollen Körpers vortheilhaft hervor, und der kleine runde Hut, der nebſt Handſchuhen und Reit¬ peitſche auf einem kleinen Tiſche in ihrer Nähe liegt, muß dieſem wohlgebildeten Kopfe mit den üppigen, braunen Haaren, die, einfach in der Mitte geſcheitelt, in reichen Wellen über Stirn und Ohren fallen und hinten zu einem Kranze aufgebunden ſind, vortrefflich ſtehen. Sie ſitzt der ſtreng wirthſchaftlichen und mu¬ ſterhaft fleißigen Baronin, die an einem Stück Lein¬ wand, das möglicherweiſe eine Serviette iſt, eifrig näht, gegenüber und ſcheint mit dem Sticken eines61 Namenszuges in einer ſchon geſäumten Serviette be¬ ſchäftigt. Dies nimmt ſich nun freilich bei ihrem An¬ zuge wunderlich genug aus, auch ſcheint dieſe Arbeit der Amazone nicht eben zuzuſagen, wenigſtens hebt ſie, als jetzt die Baronin aufſteht, um im Hintergrunde des Zimmers etwas zu ſuchen, ſchnell den Kopf in die Höhe und zeigt ein hübſches Geſicht mit kindlich-weichen Zügen und großen braunen, in feuchtem Schimmer glänzenden Augen, und dies Geſicht hat jetzt genau den Ausdruck eines übermüthigen Schulmädchens, deſſen ſtrenge Lehrerin auf einen Augenblick den Rücken wendet.

Was ſagten Sie, liebe Anna-Maria, fragte die Amazone, indem ſie ſich, als die Baronin ſich um¬ wandte, wieder über ihre Arbeit beugte.

Ich fragte Sie, liebe Melitta, ob Sie noch genug rothes Garn hätten?

Melitta machte eine Miene, als ob ſie ſagen wollte, mehr wie zu viel; ſie begnügte ſich indeß zu ſagen: ich denke, es wird reichen.

Die Baronin hatte ſich auf ihren Platz geſetzt und nahm die für einen Augenblick unterbrochene Conver¬ ſation wieder auf.

So ſcheint doch wenig Hoffnung auf eine voll¬ kommene Geneſung? ſagte ſie.

Wenig oder keine, antwortete Melitta; beſonders62 in der jüngſten Zeit, wo die Anfälle von Tobſucht gänzlich aufgehört haben. Doctor Birkenhain ſchreibt mir, daß nur ein Wunder Carlo'n vom Blödſinn retten könnte; das heißt wohl ſo viel, als: er iſt unrettbar verloren. "

Es iſt ein hartes Loos, das der Allmächtige über Sie verhängt hat, meine arme Melitta, ſagte die Baronin.

Melitta zuckte die Achſeln, antwortete aber nicht.

Es war in dieſen ſelben Räumen, fuhr die Ba¬ ronin, die nicht anzunehmen ſchien, daß das angeſchla¬ gene Thema Melitta irgendwie peinlich ſein könnte, ruhig fort, daß ich Berkow zum letzten Mal geſehen habe. Ich geſtehe, daß ich ſchon an jenem Abend, als er den ſo ärgerlichen Streit mit Ihrem Vetter Barnewitz anfing Baron Oldenburg ſuchte vergeb¬ lich, die wirklich fatale Scene abzukürzen mich eines leiſen Verdachtes nicht erwehren konnte.

Melitta von Berkow ſchienen dieſe Proben von dem vortrefflichen Gedächtniß der Baronin nicht eben zu entzücken; ſie wurde unruhig und warf, augenſchein¬ lich ohne recht zu wiſſen, was ſie ſagte, die Frage hin:

Haben Sie nichts von Oldenburg gehört?

Der Baron iſt ſeit acht Tagen zurück.

63

O! rief Melitta mit einem Ausdruck, der Frau von Grenwitz von ihrer Arbeit aufſehen machte.

Was haben Sie, Melitta?

Ich bin ſo ungeſchickt, ſagte dieſe, und preßte ein Tröpfchen Blut aus dem Daumen der linken Hand; alſo Oldenburg iſt zurück? Was bringt ihn denn auf einmal wieder her? Hat er ſich in Egypten eben ſo gelangweilt, wie hier?

Die Contracte mit ſeinen Pächtern laufen nächſten Martini ab, eben ſo wie auf einigen unſerer Güter. Ich vermuthe, daß ihn dies zur Rückkehr bewogen hat. Er ſcheint noch menſchenſcheuer geworden zu ſein, als er es ſchon damals war. Griebenow, unſer Förſter, iſt ihm im Walde begegnet; bei uns hat er ſich noch nicht ſehen laſſen.

Nun, dieſe Unaufmerkſamkeit des Barons werden Sie ja leicht verſchmerzen, liebe Anna-Maria; Sie waren ja nie beſonders gut auf ihn zu ſprechen.

Ich wüßte auch nicht, daß Oldenburg mir je Veranlaſſung gegeben hätte, das zu thun; mir ſo wenig wie irgend Einem von uns. Ein Mann, welcher der Religion, ich möchte beinahe ſagen, offen Hohn ſpricht, der die Würde ſeines Standes, die Intereſſen ſeiner Standesgenoſſen ſo weit vergißt, auf den Kreistagen, auf den Landtagen, bei jeder Gelegenheit die Partei64 der Neuerer zu ergreifen; der unſere Societät nur auf¬ zuſuchen ſcheint, um ſich über uns luſtig zu machen ein ſolcher Mann hat es ſich ſelbſt zuzuſchreiben, wenn wir unſer Intereſſe und unſere Theilnahme Anderen zuwenden, die es beſſer verdienen.

Ei, an Intereſſe von Seiten der Anderen hat es, däucht mir, Oldenburg ſchon damals nicht gefehlt, und wird es, glaube ich, ihm auch jetzt wieder nicht fehlen. Ich weiß eigentlich nicht, weshalb ſich alle Welt ſo viel um einen Mann bekümmert, der ſich an die Welt im Großen und Kleinen ſo ſehr wenig kehrt.

Das iſt wohl ſehr erklärlich, liebe Melitta. Die Oldenburgs gehören zu unſeren älteſten Familien, es kann uns nicht gleichgültig ſein, ob der letzte Sproſſe einer ſolchen Familie ein Plebejer wird, oder nicht.

Oldenburg wird nie ein Plebejer werden, ſagte die jüngere Dame mit einiger Wärme.

Ei, ei, liebe Melitta! Sie nehmen ſich ja des Barons recht lebhaft an. Wollen Sie auch etwa ſeinen unmoraliſchen Lebenswandel vertheidigen, ſeine Liebes¬ affairen, mit denen er die chronique scandaleuse nicht nur unſerer Gegend bereichert hat?

Ich habe nie, ſo viel ich weiß, etwas Unmora¬ liſches gethan oder gut geheißen, ſagte Frau von Berkow noch lebhafter wie zuvor. Und was Herrn65 von Oldenburg's Privatleben betrifft, ſo erlaube ich mir darüber gar kein Urtheil, da es mir vollkommen fremd iſt. Uebrigens, fuhr ſie nach einer Pauſe und mit wieder ruhiger Stimme fort, ſollte es mich doch wirklich wundern, wenn Oldenburg in der That der Don Juan wäre, zu dem man ihn durchaus machen will. Sie werden mir zugeben, liebe Anna-Maria, daß er weder die Schönheit noch die Gewandtheit be¬ ſitzt, welche die nothwendigen Eigenſchaften der Reprä¬ ſentanten dieſer Rolle ſind.

Darüber erlaube nun wieder ich mir kein Urtheil, ſagte die Baronin, nicht ohne merkliche Ironie, das müßt Ihr jungen Frauen unter Euch abmachen.

Junge Frauen, rief Melitta lachend. Sie ließ die Arbeit in den Schooß ſinken und lehnte ſich bequem in den Stuhl zurück, die Baronin, die unverdroſſen weiter nähte, mit einem Blick betrachtend, in welchem ſich ein gut Theil Schalkheit mit einem ganz kleinen Theil Böswilligkeit miſchte, junge Frauen! Wiſſen Sie, liebe Anna-Maria, daß ich noch in dieſem Jahre dreißig werde? Mein Julius wird im nächſten Monat zwölf nur vier Jahre jünger wie Ihre Helene. Apropos, wie geht es denn dem lieben Kinde? Soll ſie denn ewig in dem Hamburger Penſionat bleiben? Wie lange iſt ſie denn nun ſchon da? zwei, nein esF. Spielhagen, Problematiſche Naturen. I. 566ſind ja ſchon drei Jahre! Und nicht ein einziges Mal hier geweſen in der ganzen Zeit! Sie werden Ihr eigenes Kind nicht wieder erkennen, liebe Grenwitz!

Das Hamburger Penſionat iſt ſo ausgezeichnet, wird von Allen ſo gerühmt, daß ich mir ein Gewiſſen daraus machen würde, das Mädchen nicht ſo lange wie möglich dort zu laſſen. Uebrigens haben Sie wohl vergeſſen, liebe Berkow, daß wir mit Helenen im vorigen Sommer in Oſtende waren, und da Sie ſo große Sehnſucht nach der jungen Dame zu empfinden ſcheinen, will ich Ihnen auch in allem Vertrauen mittheilen, daß Sie dieſelbe noch in dieſem Sommer auf Grenwitz werden begrüßen können.

Noch in dieſem Sommer! ei, ſieh! das hängt doch wohl nicht etwa mit Oldenburg's Rückkehr zuſammen? Verzeihen Sie meine Indiscretion! aber ich erinnere mich, daß Sie vor einigen Jahren, als der Baron von ſeiner erſten großen Reiſe zurückkehrte, einmal äußerten, wie Ihnen eine Verbindung mit Oldenburg wohl conveniren würde.

Damals kannte ich den Baron nicht, wie ich ihn leider ſeitdem kennen gelernt habe. Auch würde das Grenwitz 'Wünſchen nicht entſprechen, der Helenen, glaube ich, nach einer andern Seite halb und halb verſprochen hat.

67

Nach einer anderen Seite? doch nicht etwa an Ihren vortrefflichen Couſin Felix?

Wie geſagt, ich weiß nichts Beſtimmtes darüber; Grenwitz iſt ſo verſchloſſen; aber ich vermuthe es faſt daraus, daß er Felix beſtimmt hat, auf ein Jahr Urlaub zu nehmen und dieſes Jahr bei uns zuzubringen. Seine Geſundheit ſoll ſehr angegriffen ſein.

Hoffentlich nicht ſo angegriffen wie ſein Vermögen, ſagte Melitta trocken.

Sein Vermögen? Was wiſſen Sie denn von Felix Privatverhältniſſen?

Ich ſage nur, was alle Welt ſagt. Sie werden mir zugeben, Liebe, daß, wenn ſchon über Oldenburg die chronique scandaleuse nicht ſtumm iſt, ſie über Felix ſehr viel zu ſagen weiß, und an Stoff hat es ihr der Herr Lieutenant doch wahrlich nicht fehlen laſſen.

Felix iſt noch jung.

Nicht jünger als Oldenburg.

Fünf Jahre.

Das ſieht man ihm wahrlich nicht an; freilich, er hat etwas ſchnell gelebt, der gute Felix.

Man ſollte wahrlich glauben, liebe Melitta, daß Felix Ihnen näher ſtände, als es der Fall iſt. Auf¬ richtig, ich möchte gern wiſſen, was Sie von dieſer5*68Heirath denken, im Falle Grenwitz das Project nicht aufgeben ſollte.

Nun denn, aufrichtig: ich würde ſie für ein Un¬ glück, für ein um ſo größeres Unglück halten, je ſchöner und unſchuldiger Helene iſt. Was, um Alles in der Welt, kann den Baron zu dieſer Heirath beſtimmen? Denn daß eine Mutter zu ſolch einer Verbindung, die ihre Tochter namenlos unglücklich machen müßte, Ja ſagen ſollte, kann ich mir nimmermehr denken.

Melitta war aufgeſprungen, hatte ihre Reitpeitſche ergriffen und hieb damit ſauſend durch die Luft, als wollte ſie ſagen: das verdient der, welcher zu dieſem Bubenſtück die Hand bietet. In der ſchlanken, hoch aufgerichteten Frauengeſtalt hätte man kaum dieſelbe wieder erkannt, die ſich vorhin ſchüchtern über ihre Arbeit beugte, oder ſich läſſig in die Kiſſen des Stuhles ſchmiegte. Selbſt die Züge des Geſichtes ſchienen anders zu werden, ſchärfer, älter; das Feuer in den großen Augen loderte düſter auf. Offenbar hatte die Er¬ wähnung dieſer Heirath eine Saite in ihr angeſchlagen, die häßlich durch ihre Seele ſchrillte. Sie fuhr in demſelben aufgeregten Tone fort:

Felix iſt ein notoriſcher Wüſtling. Wie kann ein Wüſtling Liebe fühlen? Und geſetzt, Helenens Schön¬ heit, Unſchuld und Jugend trügen für eine Zeit über69 ſeine Blaſirtheit den Sieg davon, ſo kann dies nicht von Dauer ſein. Ein gründlich Blaſirter wird niemals wieder ein ganzer Mann; und kann Helene einen ſolchen halben Mann lieben? und iſt das Leben ohne Liebe werth, daß man es lebt? und können Sie das Unheil verantworten, das aus ſo einer liebloſen Ehe wie Un¬ kraut aufſchießt? Ich weiß

Die junge Frau ſchwieg plötzlich und ging mit ſchnellen Schritten in dem Gemache auf und ab. Dann nach einer kleinen Pauſe:

Und welch 'äußere Vortheile könnte dieſe Ehe ge¬ währen? Felix hat ſeiner ungemeſſenen Eitelkeit ſein Vermögen, wie ſeine Geſundheit zum Opfer gebracht. Seine Güter ſind verſchuldet, über und über; und Aus¬ ſichten hat er, ſo viel ich weiß, auch nicht

Nur daß er, wenn mein Malte ſtirbt, was Gott verhüten wolle, das Grenwitz'ſche Majorat erbt, ſagte die Baronin.

Ja ſo! ſagte Melitta gedehnt. Die letzte Be¬ merkung der Baronin hatte der edelmüthigen jungen Frau die Angelegenheit in einem ganz neuen Lichte gezeigt; dem unheimlichen Lichte vergleichbar, das aus der Blendlaterne eines Diebes auf das Schatzkäſtlein fällt, das er ſtehlen will. Sie hütete ſich indeſſen wohl, die Baronin, was in ihr vorging, merken zu laſſen,70 ſondern fuhr, ſich wieder in ihren Schaukelſtuhl wer¬ fend, in unbefangenem Tone fort:

Ich hoffe. Malte wird Felix 'Gläubigern nicht den Gefallen thun, vor der Zeit zu ſterben, er wird ja zuſehends kräftiger, und wenn Sie dem Jungen nur mehr Freiheit laſſen wollten

Freiheit! ſagte die Baronin; muß ich das Wort ſchon wieder hören! Ich laſſe ihm ſo viel Freiheit, als ich mit einer vernünftigen Erziehung für verträg¬ lich halte. Ich meine, daß, wer wie Malte einſt über ein bedeutendes Vermögen gebieten wird, nicht zeitig genug gehorchen, ſich einſchränken, ſich Unnöthiges, Ueberflüſſiges verſagen lernen kann. Wir haben ja an unſerem Neffen Felix das lebendigſte Beiſpiel, wo¬ hin die allzugroße Nachſicht führt.

Das iſt Alles wahr, ſagte Melitta, aber

Wir haben uns ja wohl über das Thema der Erziehung unſerer Kinder ein für alle Mal des Streites begeben, ſagte die Baronin mit dem Lächeln der Ueber¬ legenheit. Ich weiß, was ich will, und das werde ich mit Gottes Hülfe durchführen.

Apropos, habe ich Ihnen ſchon geſagt, daß ich meinen Julius in dieſen Tagen nach Grünwald auf's Gymnaſium ſchicken will? warf Melitta hinein.

Wieder ſo ein Wageſtück! antwortete die Baronin. 71 Baron Oldenburg hat auch ſo eine öffentliche Er¬ ziehung, wie ſie es nennen, genoſſen, und ich denke, die Reſultate ſind danach. Freilich hat man mit den Hauslehrern auch ſeine liebe Noth.

Sie haben ja jetzt einen neuen, nicht wahr? ſagte Melitta, die aufgeſtanden war und ſich in die Thür lehnte; wie iſt er denn?

Die Baronin zuckte die Achſeln.

Aber wie kann man das auch fragen, ſagte Me¬ litta lachend. Er wird ſein, wie alle Andern: ent¬ ſetzlich gelehrt, eckig, pedantiſch, langweilig. Bemper¬ lein, Bauer das iſt Alles ein Genre. Ich will einen Hauslehrer auf hundert Schritt erkennen. Ah! wer iſt der junge Mann, der da mit Bruno über die Wieſe kommt?

Die Frage blieb unbeantwortet, da in dieſem Augen¬ blick Mademoiſelle Marguerite in das Zimmer getreten und die Baronin aufgeſtanden war, ihr einige Auf¬ träge wegen der Abendmahlzeit zu geben. Melitta wandte ſich um, aber die Baronin hatte mit einem: Entſchuldigen Sie mich! das Zimmer verlaſſen. Melitta blieb allein, und mußte ſelbſt die Antwort auf ihre Frage zu finden ſuchen. Sie zog ſich ein wenig aus der Thür zurück und muſterte mit ihren ſcharfen Augen die Erſcheinung des unbekannten jungen Mannes.

[72]

Siebentes Kapitel.

Oswald war mit Bruno aus den Bäumen, die den Raſenplatz umſäumten, dem Schloſſe gegenüber heraus¬ getreten. Sein rechter Arm ruhte auf des Knaben Schulter, der wiederum ſeinen Arm um Oswalds Hüften geſchlungen hatte und lächelnd in das Geſicht des jungen Mannes aufſchaute, während dieſer ange¬ legentlich zu ihm ſprach. Als ſie ein paar Schritte auf die Wieſe gemacht hatten, blieben ſie ſtehen. Os¬ wald deutete mit der Hand nach der Richtung, aus der ſie gekommen waren, und Bruno ſprang in das Gehölz zurück. Der junge Mann ſtand, die Rückkehr ſeines Freundes erwartend, und köpfte mit dem Stäb¬ chen, das er in der Hand trug, zum Zeitvertreib einige Gräſer, die allzu lang emporgeſchoſſen waren. Er hatte keine Ahnung davon, daß fünfzig Schritte von ihm ein Paar eben ſo ſchöner, wie ſcharfer Augen73 jeden ſeiner Züge muſterte, jede ſeiner Bewegungen ſorgfältig beobachtete.

Wenn das der neue Hauslehrer iſt, ſo iſt er ein Beweis mehr für den alten Satz, daß es zu jeder Regel Ausnahmen giebt. Der ſieht wahrlich nicht aus, als ob er zu der Familie der Bemperleins gehörte. Dieſen eleganten Sommeranzug haben Sie wohl mit aus der Reſidenz gebracht. Sehr nett, in der That, für einen Hauslehrer faſt zu nett. Sie ſcheinen etwas eitel zu ſein, mein Herr, und lange Conferenzen mit Ihrem Schneider zu halten. Aber Sie ſind hübſch gewachſen, das muß man Ihnen laſſen, und der kleine Schnurrbart ſteht Ihnen ausnehmend gut. Wollen Sie nicht gefälligſt einmal den Kopf in die Höhe heben; ich wünſchte, Ihre Augen zu ſehen. So sauve qui peut!

Melitta trat, als Oswald jetzt zufällig die Augen aufſchlug, ſchnell zurück, ſo daß ſie hinter der Thür verborgen war. Sie warf einen flüchtigen Blick in einen Spiegel, der ſich in der Nähe befand, und glät¬ tete raſch ihr üppiges Haar. Dann näherte ſie ſich verſtohlen wieder der Thür.

Bruno kam aus den Bäumen herbeigeſprungen, und zeigte Oswald ein Büchelchen: Hier iſt es, rief er, aber Sie bekommen es nicht. Oswald74 wollte den muthwilligen Knaben haſchen, der ihn immer mehr herankommen ließ, um ihm dann jedesmal durch eine blitzſchnelle Wendung, oder einen Satz, deſſen ſich ein Unkas nicht hätte zu ſchämen brauchen, zu entgehen.

Melitta war, durch das hübſche Schauſpiel ange¬ lockt, aus ihrem Verſteck getreten. Sobald Bruno ihrer anſichtig wurde, rannte er auf ſie zu, und Os¬ wald, der, über die unerwartete Erſcheinung der Ama¬ zone verwundert, ſtehen geblieben war, ſah, wie der Knabe ihre Hände ergriff und mit ſtürmiſcher Zärt¬ lichkeit an ſeine Lippen drückte.

Da biſt Du ja, mein Wilder! "ſagte die Dame und ſtreichelte die dunkeln Locken des Knaben, wo haſt Du denn den ganzen Nachmittag geſteckt?

Ich bin ſpazieren geweſen mit Oswald, wollte ſagen, mit Herrn Doctor Stein; rief Bruno, und dann zu Oswald ſich wendend, der grüßend näher ge¬ treten war, dies iſt Frau von Berkow, Oswald, von der ich Ihnen nur noch heute Morgen erzählte; dies iſt Herr Stein, Tante Berkow, den ich ſehr, ſehr lieb habe, und den Sie auch ein wenig lieb haben ſollen.

Man darf ſeine Waare nicht zu ſehr anpreiſen, Bruno, ſagte Oswald, ſich lächelnd vor der jungen Frau verbeugend, oder der Käufer wird ſtutzig.

Nicht, wenn der Verkäufer ſo gut accreditirt iſt,75 wie dieſer Wildfang bei mir, ſagte Melitta, leicht erröthend. Wie lange ſind Sie ſchon auf Grenwitz, Herr Doctor?

Seit vierzehn Tagen etwa, gnädige Frau.

Sagte mir die Baronin nicht, daß Sie aus der Reſidenz kämen? log Melitta, die neugierig war, zu erfahren, ob ſich ihre Vermuthung wegen Oswalds Anzug beſtätigte.

Nicht direct, gnädige Frau; ich lebte zuletzt in Grünwald.

In Grünwald? das intereſſirt mich. Da könnten Sie mir ja gleich die beſte Auskunft geben. Die Sache iſt nämlich die aber ich langweile Sie gewiß mit meinen indiscreten Fragen!

Bitte, gnädige Frau; ich würde mich glücklich ſchätzen, Ihnen irgendwie dienen zu können.

Sehr gütig. Die Sache iſt die. Ich will meinen Sohn er iſt ungefähr in Bruno's Alter

Oho, Tante, drei Jahre jüuger! rief Bruno, der ſich jetzt in einiger Entfernung auf einer Schaukel¬ bank wiegte.

Welch 'ſcharfes Ohr der Junge hat, ſagte Me¬ litta, ihre Stimme ſenkend. Alſo, ich will meinen Julius nach Grünwald auf's Gymnaſium ſchicken. Oder viel¬ mehr, ich muß, denn ſein Lehrer, ein Herr Bemper¬76 lein, der ſchon ſechs Jahre bei ihm iſt, hat eine Pre¬ digerſtelle bekommen und wird uns in dieſen Tagen verlaſſen. Nun weiß ich nicht aber da kommt die Baronin ich muß meine tauſend und eine Frage über tauſend und ein verſchiedene Dinge, die mir ſo voll¬ kommen fremd ſind wie meinem guten Bemperlein, der längſt verlernt hat, wie es in der Stadt ausſieht, wenn er es überhaupt jemals wußte, auf eine gelege¬ nere Zeit verſparen. Hier kommt man ja doch nicht dazu. Wie wär’s, Herr Doctor, wenn Sie mich in dieſen Tagen mit Ihrem Beſuche beehrten; morgen Nachmittag etwa?

Oswald verbeugte ſich.

Ich habe den Herrn Doctor gebeten, mir morgen ſeinen Beſuch zu ſchenken, ſagte Melitta, zur Baronin gewandt, die in dieſem Augenblick mit Mademoiſelle Marguerite wieder in's Zimmer trat. Es iſt wegen der Grünwalder Angelegenheit. Ihr habt doch nicht morgen Nachmittag etwas Beſonderes vor, denn ich möchte nicht, daß der Herr Doctor mir ein allzugroßes Opfer bringt.

Wir etwas vorhaben? "ſagte die Baronin; Sie kennen ja unſer ſtilles Leben, liebe Melitta; im Gegen¬ theil, ich denke, eine kleine Zerſtreuung der Art wird Herrn Doctor Stein, der die Einförmigkeit eines länd¬77 lichen Aufenthalts ſicher ſchon empfunden hat, recht willkommen ſein. Ich ſelbſt wollte Sie für morgen ſchon zu einem Beſuche zu beſtimmen ſuchen, Herr Stein; bei unſerm Paſtor, der ſchon empfindlich ſein wird, daß Sie ſich ihm noch nicht vorgeſtellt haben.

Nun, das läßt ſich ja ganz gut vereinigen, ſagte Melitta; morgen iſt Sonntag, der Paſtor Jäger wird entzückt ſein, wenn Sie die nicht allzu große Schaar ſeiner Zuhörer durch Ihre Perſon vermehren. Berkow iſt von Faſchwitz durch den Wald nur ein halbes Stündchen entfernt. Ich würde Sie gleich zu Mittag einladen, aber ich weiß, daß die Frau Paſtorin Sie nicht ſobald wieder fortlaſſen wird. Nun, was ſagen Sie, Herr Doctor?

Ich kann den Damen nur meinen tiefgefühlten Dank ausſprechen, daß Sie die Güte haben wollen, über meine Zeit beſſer zu disponiren, als ich es auf jeden Fall im Stande wäre, antwortete Oswald mit einer höflichen Verbeugung.

Das heißt: der Weiſe ſchickt ſich in das Unver¬ meidliche, ſagte Melitta lachend. Und hier kommt der Baron mit Malte, und wir können zu Tiſche gehen, wonach ich, offen geſtanden, großes Verlangen trage.

Die Tafel war auf dem niedrigen Perron, der nach78 dem Garten zu dem Schloſſe in ſeiner ganzen Länge angebaut war, unter einem Zeltdache gedeckt. Der Abend war herrlich. Die Sonne war im Untergehen. Roſige Lichter ſpielten in den Wipfeln der hohen Buchen, die den ſchattigen Raſenplatz umgaben. Schwalben ſchoſſen zwitſchernd und zirpend durch die klare Luft. Ein Pfau kam, durch das wohlbekannte Klappern der Teller herbeigelockt aus dem Gebüſch eilig über die Wieſe geſchritten, und ſammelte die Brocken auf, die der alte Baron ihm über das Steingeländer des Per¬ rons zuwarf.

Die Unterhaltung war heute um Vieles lebhafter, als es wohl ſonſt der Fall war. Die Baronin konnte, wenn ſie wollte, eine ſehr angenehme Wirthin machen, und ſie war, trotz ihrer zur Schau getragenen Abnei¬ gung gegen weltlichen Sinn, durchaus nicht ſo frei von Eitelkeit, daß es ihr gleichgültig geweſen wäre, neben Melitta überſehen zu werden. Melitta aber war in der liebenswürdigſten Laune; ſie ſcherzte und lachte, neckte und ließ ſich necken, unbefangen, harmlos, wie ein Kind. Es fiel Oswald, während er ſich dem Zauber von Melitta's reizender Erſcheinung willig überließ, nicht ein, zu glauben, ſeine Gegenwart könne etwas zur Erhöhung ihrer Stimmung beitragen, und doch war dies in einem hohen Grade der Fall. Es giebt wenige79 Frauen, die vollkommen indifferent dagegegen ſind, welchen Eindruck ſie auf ihre Umgebung hervorbringen, und Melitta gehörte durchaus nicht zu dieſen wenigen Frauen, wohl aber zu jenen Naturen von leicht erreg¬ licher Sinnlichkeit, die ſich durch gefällige und ſchöne Formen in einer Weiſe beſtechen laſſen, die kälteren Temperamenten unbegreiflich iſt. Nun war Oswald, ohne das zu ſein, was man einen ſchönen Mann nennt, von der Mutter Natur nichts weniger als ſtiefmütter¬ lich ausgeſtattet, und die gute Geſellſchaft, in der er ſich ſtets bewegt, hatte die natürliche Grazie ſeiner Manieren noch erhöht. Das Alles überraſchte Me¬ litta um ſo angenehmer, als ſie es bei einem Manne von einer nach ihren Begriffen ſo untergeordneten Stellung am wenigſten erwartet hatte. Oswald er¬ ſchien ihr mit jedem Augenblick bedeutender; ſie fing an, ihre brüske Einladung von vorhin doch recht un¬ paſſend zu finden, und zugleich entzückte ſie der Ge¬ danke, den liebenswürdigen jungen Mann ſo bald bei ſich zu ſehen. Es ſchmeichelte ihr, wenn, was über Tiſche mehr als einmal geſchah, Oswalds Blicke den ihren begegneten, und doch ſenkte ſie jedesmal die Wimpern vor einem Augenpaar, das bei aller Unbe¬ fangenheit ſo beredt und forſchend blicken konnte.

Nach Beendigung der Mahlzeit brachte die Baronin,80 da Melitta erklärte, noch ein Stündchen bleiben zu können, ein Reifſpiel in Vorſchlag, Bruno ſprang fort, die Reifen zu holen, die weder verlegt noch außer Stande waren, ein Umſtand, der gewiß für die muſter¬ hafte Ordnung, die in dem Schloſſe Grenwitz herrſchte, beredt genug ſpricht; und bald hatte ſich die Geſell¬ ſchaft auf dem Raſen in einem weiten Kreiſe aufge¬ ſtellt und die bunten Reifen flogen luſtig durch die weiche, warme Abendluft von Einem zum Anderen. Alle, ſelbſt der alte Baron, legten eine größere oder geringere Geſchicklichkeit an den Tag, mit Ausnahme von Malte, der ſeinen Reif in den meiſten Fällen, wo er ihm nicht unmittelbar auf den Stock geflogen kam, fallen ließ, eine Gelegenheit, die Melitta, ſeine Nach¬ barin, zum großen Aerger Bruno's, der die Spiel¬ regeln eingehalten wiſſen wollte, jedesmal benutzte, ihren Reif aus der Reihe einem der Mitſpieler blitz¬ ſchnell über den Kopf zu ſchleudern, wobei Oswald nicht umhin konnte, zu bemerken, daß Melitta ihn häufiger wie die Uebrigen auf dieſe Weiſe auszeichnete.

Unterdeſſen war der Abend tiefer herabgeſunken; der alte Baron hatte eine ſchwache Spur von Thau auf dem Raſen bemerkt; Abendthau aber war nach ſeiner Meinung reines Gift für Malte, der als kleines Kind eine Zeit lang viel an der Bräune gelitten hatte,81 und er mahnte deshalb dringend, das Spiel einzuſtellen. Melitta fand, daß es hohe Zeit für ſie ſei, aufzubrechen, und bat, ihrem Reitknecht Befehl zu geben, die Pferde zu ſatteln. Bruno war fortgeſprungen, den Auftrag auszurichten; die Baronin mit Mademoiſelle in das Zimmer getreten; der Baron beſchäftigt, Malte, der ſich durchaus erkältet haben ſollte, ein dickes Shawl¬ tuch um den Hals zu wickeln; Oswald und Melitta waren zum erſten Male ſeit ihrer unterbrochenen Con¬ verſation von vorhin allein geblieben. Melitta hatte von einem Roſenſtrauch, der zu den Füßen der Flora wuchs, eine Roſe gepflückt und betrachtete ſinnend die köſtliche Blume.

Verzeihen Sie, mein Herr, ſagte ſie plötzlich, leiſe und raſch, aber ohne die Augen aufzuſchlagen, daß ich vorhin die Unſchicklichkeit beging, Sie ohne weiteres um einen Beſuch zu bitten, der Ihnen am Ende beſchwerlich fällt, aber

Kein Aber, gnädige Frau; ich wiederhole im Ernſt, was ich vorhin aus bloßer Höflichkeit ſagte, daß ich mich glücklich ſchätzen würde, Ihnen irgendwie dienen zu können.

Sie kommen alſo morgen?

Wie Sie befehlen.

Nein: wie ich wünſche. Sehen Sie nur, wieF. Spielhagen, Problematiſche Naturen. I. 682wundervoll dieſe Roſe iſt! Lieben Sie auch die Roſen ſo?

Ich liebe Alles, was ſchön iſt, ſagte Oswald, nicht auf die Roſe, ſondern auf Melitta blickend.

Sie hob die langen Wimpern und ſchaute dem jungen Mann tief und voll in die leuchtenden Augen.

Da! ſagte ſie plötzlich und hielt ihm die Roſe entgegen, als ob er ihren Duft einathmen ſollte; er aber fühlte nur, wie ſich die ſchlanken Finger der Dame leicht wie ein Hauch auf ſeine Lippen legten.

Die Pferde ſind da, Tante! rief Bruno.

Ich komme! antwortete Melitta und eilte von Oswald fort.

Die Roſe lag zu ſeinen Füßen; er bückte ſich ſchnell, hob ſie auf und verbarg ſie an ſeiner Bruſt.

Mademoiſelle Marguerite brachte Melitta Federhut, Reitpeitſche und Handſchuh.

Iſt die Baronin im Zimmer?

Ja.

So will ich gehen, ihr Adieu zu ſagen.

Der alte Baron, Oswald und die Knaben gingen durch die Gitterthür des Parks nach dem Schloßhofe, wo ein Reitknecht zwei Pferde am Zügel führte. Oswald bewunderte die Schönheit der Thiere, beſonders das83 mit dem Damenſattel, ein herrliches Vollblut, Melit¬ ta's Lieblingspferd. Bella.

Melitta trat, von der Baronin und Mademoiſelle gefolgt, aus dem Portale raſch auf ihr Pferd zu. Der alte Baron hob ſie in den Sattel.

Adieu, adieu! rief ſie herunter. Allez! Bella! und ſo ſprengte ſie aus dem Schloßhof hinein in den dämmrigen Abend.

Die Anderen waren wieder in's Haus getreten. Oswald ſtand, die Augen nach dem Thor gerichtet, durch das Melitta verſchwunden war, in ſich verſunken da.

Wollen wir nicht hineingehen, Oswald? ſagte Bruno, ſeine Hand ergreifend; es iſt dunkel geworden.

Es iſt dunkel geworden, wiederholte der junge Mann und folgte träumend dem Knaben.

6*
[84]

Achtes Kapitel.

Der Baron hatte Oswald angeboten, ihn nach der Kirche fahren zu laſſen; der junge Mann aber, der die ſchwerfälligen Braunen noch von dem Abend ſeiner Ankunft her in böſem Angedenken hielt, es abgelehnt. Bruno und Malte erwarteten heute die Knaben eines benachbarten Edelmanns zum Beſuch. Bruno wäre am liebſten mit Oswald gegangen, da dieſer aber ſelbſt ihn zu bleiben bat, ſagte er:

Sie ſind recht froh, daß Sie mich auf ein paar Stunden los ſind, aber ich weiß, was ich thue. Ich gehe in den Wald und komme vor Abend nicht wieder nach Hauſe.

Das wirſt Du nicht thun, Bruno!

Und weshalb nicht? fragte der Knabe trotzig.

Weil Du mich lieb haſt.

Nun denn, ſo will ich Ihnen zu Liebe hier bleiben,85 den albernen Hans von Plüggen nicht prügeln und mich überhaupt ſo muſterhaft benehmen, daß ſelbſt Tante zufrieden ſein ſoll.

Thue das, lieber Junge. Leb 'wohl!

Leb 'wohl, Lieber, Beſter! rief der Knabe und warf ſich ſtürmiſch an die Bruſt ſeines einzigen Freun¬ des, und eilte von ihm fort, in den Garten, dort mit ſeinem wilden Herzen allein zu ſein.

Oswald ging aus dem Schloßhofe den Weg, von dem er wußte, daß er nach dem Pfarrdorfe führte. Die Sonne ſchien hell aus dem blauen Himmel, an welchem weiße Wolkenballen unbeweglich ſtanden. Es war nicht heiß, denn der Athem des nahen Meeres hauchte Kühlung durch die Sommerluft. Lerchen ju¬ belten hoch droben im blauen Raum verloren. An dem Rande des nahen Waldes, von dem eine Ecke, Oswald zur Rechten, weit in das bebaute Land hinein¬ ſchoß, zog ein Gabelweih ſeine Kreiſe. Auf den Fel¬ dern ſah man keine Arbeiter; die Ackergeräthe lagen müßig. In einer Koppel, an welcher der Weg vor¬ überführte, lagen in ſatter Ruhe Kühe und Kälber; ein paar muntre Füllen kamen an den Zaun, und ſahen neugierig nach dem Wanderer.

Oswald hatte ſchon den Hof des Gutes hinter ſich. Er kam auf dem mit Weiden an beiden Seiten86 beſetzten Wege an der Stelle vorüber, wo der Streit zwiſchen Bruno und dem Knecht ſtattgefunden hatte. Unwillkürlich blieb er ſtehen; die ganze Scene wurde wieder lebendig vor ſeinem Auge; er ſah den ſchönen Knaben, zürnend und drohend, wie ein jugendlicher Gott; und den feigen zurücktaumelnden Knecht. Schon that es ihm leid, daß er ſeinen Liebling zum Zurück¬ bleiben vermocht hatte. Er fühlte ſich ſo leicht, ſo froh an dieſem ſchönen Morgen, und es war ihm ſchon zur lieben Gewohnheit geworden, wenn ſeine Seele ein Feſt feierte, den Knaben zu Gaſt zu haben. Du, wie Al Hafi, Wilder, Guter, Edler! ſprach er bei ſich, was willſt Du in dieſer Welt von weibiſchen Männern! Fürchten ſie ſich doch jetzt ſchon vor Dir, da Du ein Knabe biſt, was werden ſie thun, wenn Du ein Mann geworden! Ein Mann thut uns noth, ſchreien die Gelehrten aller Arten. Wie wollt ihr Männer haben, wenn Haus und Schule und Leben ſich gegenſeitig unterſtützen, die ſtolze Kraft im Keim zu brechen! Da ſchnitzeln ſie an dem Bogen und ſchnitzeln immerfort, und wundern ſich, wenn das feine Ding hernach zerbricht. Pygmäengeſchlecht, das den Rieſen, den ein