PRIMS Full-text transcription (HTML)
Problematiſche Naturen.
Problematiſche Naturen.
Roman
Dritter Band.
Berlin. Verlag von Otto Janke. 1861.
[1]

Erſtes Kapitel.

Am nächſten Tage hatte ſich der Himmel wieder aufgeklärt. Die Morgenſonne war in dichtem Nebel verhüllt geweſen, aber einige Stunden ſpäter zerriß ſie den grauen Schleier und goß ihr goldenes Licht verſchwenderiſch auf die regengetränkte Erde. In dem Schloßgarten war es ſo paradieſiſch friſch und duftig, wie am erſten Schöpfungstage. Die Blumen hoben die Köpfe wieder und wenn noch hier und da Tropfen an den bunten Kelchen hingen, ſo glichen ſie jetzt in dem funkelnden Sonnenſchein hellen Freudenthränen; die Vögel jubelirten in den dichten Laubkronen der Bäume, und das kleine Gewürm, das ſo ruhig in den Ritzen, unter den Blättern, unter den Steinen auf Sonnenſchein gewartet hatte, regte ſich wieder in ſeiner ganzen geſchäftigen Emſigkeit.

Und um die grauen Mauern des Schloſſes, die jetzt im roſigen Licht gebadet waren, ſchoſſen eiligeF. Spielhagen, Problematiſche Naturen. III. 12Schwalben und auf den Dächern, in den Dachrinnen, in den Stuckornamenten ſetzten die zankſüchtigen Spatzen die unterbrochenen Streitigkeiten wieder fort. In dem großen Saal, wo an den Wänden die Porträts der Grenwitzer Barone und Baroneſſen hingen in langer Reihe von dem halb fabelhaften Sven von Grenwitz bis hinab auf die Bilder der Großtante Grenwitz wie ſie als achtzehnjähriges Mädchen geweſen war, und Oskar's der mit dem Wodan ſtürzte, und Harald's, dem es beſſer geweſen wäre, er hätte ſich am Sarge ſeines Vaters todt geweint tanzten die Staubatome, welche aus den alten Prunkmeubeln mit den verblichenen Damaſtüberzügen aufſtiegen in den ſchrägen Lichtſäulen, die durch die drei hohen Bogen¬ fenſter fielen.

Unten im Wohnzimmer nahmen der Baron und die Baronin ein frugales Frühſtück ein. Sie ſahen reiſefertig aus und Anna-Maria hatte ſogar ſchon einen Hut mit weit vorſpringenden Flügeln, wie ſie in den zwanziger Jahren Mode geweſen waren, auf dem Kopfe. Denn der große Reiſewagen hielt ſchon vor der Thür. Die vier ſchwerfälligen Braunen we¬ delten ſich bedächtig mit den langen Schweifen die Fliegen ab, und der ſchweigſame Kutſcher klatſchte regelmäßig alle fünf Minuten mit der Peitſche, aus3 purer Gewohnheit und nicht etwa, um die Reiſeluſtigen zur Eile zu ermahnen, was dem ſeiner Herrſchaft ſchuldigen Reſpect ebenſo ſehr widerſprochen hätte, als ſeinem phlegmatiſchen Naturell.

Ich wußte es ja ſchon vorher, ſagte die Ba¬ ronin, ihrem Gemal ein Glas halb voll Moſelwein ſchenkend trink das, lieber Grenwitz, es wird Dich zu der langen Fahrt ſtärken ich wußte es ja vor¬ her. Er ſchlägt unſre freundliche Einladung aus, weil er ſich nicht ganz wohl fühle! lächerlich!

Er ſieht wirklich, ſeitdem wir in Barnewitz waren, recht angegriffen aus, liebe Anna-Maria, ſagte der alte Baron, und dann iſt es auch wol nicht ganz in der Ordnung, daß wir ihn auffordern mitzufahren in dem Augenblicke, wo der Wagen ſchon vor der Thüre ſteht. Wir hätten das auch wol früher thun müſſen.

Ich begreife Dich nicht, lieber Grenwitz, ſagte die Baronin; Du thuſt doch gerade, als ob Herr Stein unſers Gleichen wäre! Da iſt es gar kein Wunder, wenn der junge Menſch ſich vor Hochmuth nicht zu laſſen weiß. Zu einer Fahrt in die Nach¬ barſchaft ihn eine Woche vorher auffordern! Das fehlte noch! Haben wir doch ſelbſt über die Helgolän¬ der Reiſe noch nicht einmal mit ihm geſprochen!

Ich hätte es längſt gethan, wenn Du nur einen1*4beſtimmten Entſchluß hinſichtlich ſeiner faſſen könnteſt; ſagte der alte Herr, ſich hinter dem Ohre krauend.

Ich habe jetzt meinen Entſchluß gefaßt, ſagte die Baronin gereizt: in dieſem Augenblick gefaßt. Wenn er uns nicht einmal auf einer dreitägigen Fahrt in die Nachbarſchaft begleiten will, wenn es ihm zu umſtändlich iſt, bei unſeren Bekannten, die ihm alle mit der größten Herablaſſung entgegengekommen ſind, mit uns einen Abſchiedsbeſuch zu machen, ſo zeigt er ja deutlich, daß er gar nicht Abſchied zu nehmen ge¬ denkt, und ſo mag er denn auch bleiben, wo er will.

Aber liebe Anna-Maria, ſagte der Baron, das iſt doch am Ende nicht ganz daſſelbe, und dann, wo ſoll er unterdeſſen bleiben? und wie ſollen wir mit den beiden Knaben allein fertig werden?

Ich ſage Dir ja, lieber Grenwitz, entgegnete die Baronin, es iſt mir ganz gleich, wo er bleibt, ganz gleich. Er geht ja im Allgemeinen ſo gern ſeine eigenen Wege, ſo mag er es auch in dieſem Fall. Er kann eine Fußreiſe durch die Inſel machen, oder ſeinen Freund Oldenburg beſuchen, oder ſchlimmſten Falls hier bleiben, obgleich ſein Hierbleiben allerdings Umſtände machen würde. Uns iſt er auf der Reiſe, die ſo ſchon koſtſpielig genug iſt, eine ganz überflüſſige Laſt. Er wird ſich wie gewöhnlich nur um Bruno5 bekümmern, die Sorge um Malte gütigſt uns ſelbſt überlaſſen. Bleibt er hier, ſo muß Bruno ſchon noth¬ gedrungen ſich mehr an Malte anſchließen, und da es ſich während dieſer Zeit doch nur um eine Aufſicht der Knaben handelt, ſo übergebe ich die unſerm Jo¬ hann eben ſo gern und lieber noch als Herrn Stein. Ja, wir können auf der Rückreiſe, wenn wir Helene noch bei uns haben, nicht einmal alle in einem Wagen fortkommen. Nein, nein! er bleibt hier; ich bin jetzt mit mir darüber ganz im Reinen vollkommen im Reinen.

Ich weiß nicht ſagte der alte Herr verdrießlich.

Aber ich weiß es, ſagte die Baronin aufſtehend; das pflegte Dir ja ſonſt genug zu ſein, lieber Gren¬ witz. Komm, es iſt die höchſte Zeit, das wir auf¬ brechen, wenn wir zu Mittag noch beim Grafen Grieben ſein wollen. Da kommt Malte. Biſt Du auch warm angezogen, lieber Junge? Wo ſteckt denn der Bruno?

Oben beim Doctor. Er will nicht mit, wenn der Doctor zu Hauſe bleibt.

Siehſt Du, lieber Grenwitz, da haben wir's, eine vortreffliche Erziehung, in der That! Sogleich gehe hinauf, Malte! Bruno ſoll ſich ſofort fertig machen, hörſt Du: ſofort!

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Ich werde mich wohl hüten, erwiederte Malte, das magſt Du ihm ſelber ſagen.

Das werde ich, ſagte die Baronin und zog die Schelle. Ich laſſe Herrn Doctor Stein bitten, ſagte ſie zu dem eintretenden Bedienten, auf einen Augenblick zu mir zu kommen.

Der Bediente verſchwand, die Baronin ging mit ſchnellen Schritten in dem Gemache auf und ab.

Nur um Himmelswillen keine Scene, liebe Anna - Maria, ſagte der alte Herr, der ebenfalls aufge¬ ſtanden war, ängſtlich.

Die Baronin antwortete nicht, denn in dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, und hereintraten Oswald und Bruno, Bruno mit düſterem, trotzigen Geſicht und die Spuren eben geweinter Thränen in dem dunklen Auge, aber vollkommen reiſefertig, den mit Wachsleinen überzogenen Strohhut in der Hand.

Sie befehlen, gnädige Frau? ſagte Oswald, ſich vor der Baronin verbeugend.

Die Baronin war durch dieſe unerwartete Löſung der ſchwierigen Frage ein wenig aus der Faſſung gebracht.

Ich hörte, Bruno weigere ſich, uns zu beglei¬ ten, ſagte ſie, und da wollte ich

Verzeihen Sie, gnädige Frau, unterbrach ſie7 Oswald, von einer Weigerung Bruno's, einem aus¬ drücklichen Wunſche Ihrerſeits nachzukommen, kann wohl ſelbſtverſtändlich nicht die Rede ſein. Bruno hätte mir gern Geſellſchaft geleiſtet, das iſt Alles. Es bedurfte natürlich nur eines Wortes, ihn daran zu erinnern, daß er meinethalben nicht die Rückſichten aus den Augen ſetzen dürfe, die er gegen Sie und den Herrn Baron zu nehmen hat.

Nun, das dachte ich mir doch gleich, ſagte die Baronin, die im Innern ſehr froh war, der Scene mit Oswald, vor dem ſie, ohne es ſich ſelbſt geſtehen zu wollen, eine ſie demüthigende aber unüberwindliche Scheu empfand, überhoben zu ſein. Es wird ihn nicht gereuen, ſich unſeren Wünſchen accommodirt zu haben. Das Wetter iſt herrlich und wir werden, denke ich, recht vergnügt ſein. Wie Schade iſt es, lieber Herr Doctor, daß Sie nicht auch von der Partie ſein können! Nun, wir hoffen, Sie bei unſerer Rückkehr, die in zwei bis drei Tagen erfolgen wird, wieder in vollem Wohlſein zu treffen. Ah, Made¬ moiſelle! iſt Alles bereit? Nun, dann laß uns auf¬ brechen, lieber Grenwitz. Adieu, lieber Herr Doctor! Adieu, mademoiselle, n'oubliez pas ce que je vous ai dit! Ah, Herr Timm! wahrhaftig, ich hätte Sie beinahe vergeſſen

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Eben ſo ſchmeichelhaft, wie natürlich, ſagte Herr Timm! der mit der Reißfeder hinter dem Ohr und etwas ſtark derangirter Toilette ſoeben erſchienen war, um ſich den Herrſchaften zu empfehlen, und jetzt der Baronin in den Wagen half. Bon voyage! grüßen Sie den alten Grafen Grieben beſtens von mir! famoſer alter Herr, der einen capitalen Rhein¬ wein führt. All right! Hotte, ! und Herr Timm verſetzte dem ihm zunächſt befindlichen Pferde einen derben Schlag mit der flachen Hand, und warf dann den Inſaſſen des Wagens, der ſich jetzt in Be¬ wegung ſetzte, eine Kußhand zu.

Gott ſei Dank, ſagte er, als die Kutſche in dem Thor verſchwunden war, und rieb ſich vergnügt die Hände. Nun ſind wir doch einmal unter uns Mädchen! Was fangen wir nun vor Entzücken an? Qu'en dites-vous, Monsieur le Docteur? qu'en dites-vous, Mademoiselle?

Ich habe ein paar Briefe zu ſchreiben, und werde mich deshalb auf mein Zimmer begeben; ſagte Os¬ wald, in das Haus gehend.

So wollen wir eine franzöſiſche Lection im Gar¬ ten nehmen, kleine Marguerite; ſagte Herr Timm, den Arm der jungen Dame ohne Umſtände in den ſeinen legend.

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Ich nicht habe die Zeit, ſagte die hübſche Fran¬ zöſin, und verſuchte ihren Arm loszumachen.

Dummes Zeug! ſagte Albert, wenn Du nicht jetzt haſt die Zeit, wo die alte Vogelſcheuche fort iſt, wann wollen Sie Zeit haben! Kommen Sie! Venez! komm, Du kleiner Zieraffe! Wir haben ſchon ſo ſchöne Fortſchritte gemacht in der Conjugation von aimer: J'aime, tu aimes nous aimons

Und Albert zog die ſich nicht allzuſehr ſträubende Marguerite in den Garten, und wer ſich für dies ro¬ mantiſche Paar intereſſirte, konnte es bis zum Mittag daſelbſt Arm in Arm umherſchweifen ſehen, und die Beobachtung machen, daß es den verſchiedenen Bos¬ kets und den dichteren Baumgängen entſchieden den Vorzug vor den offenen Plätzen gab, was bei der großen Hitze des Tages am Ende auch ganz natür¬ lich war.

Es war am Nachmittage und Oswald ſaß wieder an ſeinem Schreibtiſche, den er nur, um mit Albert und Marguerite ein kurzes und von ſeiner Seite ſehr ſchweigſames Mittagsmahl einzunehmen, verlaſſen hatte, als ihm ein Billet gebracht wurde. Oswald war, ſeitdem er auf Grenwitz lebte, ſo wenig gewohnt, dergleichen zu empfangen, daß er den Bedienten, der es ihm einhändigte, ganz erſtaunt fragte: von wem?

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Von Baron Oldenburg, erwiederte dieſer; des Barons Wagen hält vor der Thür.

Oswald erbrach das Billet und las:

Lieber Freund! Wenn Sie die lehrbegierige Brut loswerden können und ſonſt nichts Beſſeres zu thun haben, wollen Sie nicht einem einſamen Hypochonder auf ein paar Stunden Geſellſchaft leiſten und ſich bei der Gelegenheit überzeugen, wie gut unſerm Heide¬ blümchen die Verſetzung in das fremde Erdreich be¬ kommt? Mein Kutſcher iſt der Ueberbringer dieſes. Er hat den Auftrag, mit Ihnen oder auf Ihnen zurück¬ zukommen. Alſo wählen Sie! Ihr Oldenburg.

Oswald ſchwankte, was er thun ſollte. Mit dem Sonnenſchein war die Sehnſucht nach Melitta mächtig in ſeinem Herzen erwacht. Er konnte es nicht be¬ greifen, daß er drei volle Tage hatte vorübergehen laſſen, ohne auch nur einen Verſuch zu machen, ſie zu ſehen. Und dennoch, trotzdem er wußte, daß die Wolke, die ſich an dem Ballabend zwiſchen ſie und ihn gelagert hatte, längſt verſchwunden war, trotzdem er ihr ſein Unrecht tauſend und tauſendmal im Herzen abgebeten hatte, ſcheute er ſich, den erſten Schritt zur Verſöhnung zu thun. Wer kennte nicht die Wider¬ ſprüche, in die ſich ein junges Herz ſo leicht verirrt, wenn Stolz und Liebe ſich in ihm ſtreiten! und11 Oswald's ſtolzes Herz ſollte noch manchen Schlag thun, bis es die Liebe lernte, die echte Liebe, von der es in jener wunderbar ſchönen und tiefſinnigen Stelle der Schrift heißt, daß ſie nicht hoffärtig iſt und ſich nicht erbittern läßt und Alles duldet und Alles glaubt. Die wahre Liebe lebt nur in Herzen, die viel erfah¬ ren und viel erduldet haben, wie an den Bäumen, die der herbſtliche Wind ſchon ihres ſommerlichen Blätterſchmuckes zu berauben anfängt, die ſüßeſten und köſtlichſten Früchte hängen.

Oswald nahm einen Briefbogen, um dem Baron zu ſchreiben, daß er ſeiner Einladung nicht Folge leiſten könne, und ſchon im nächſten Augenblick hatte er ſeinen Hut ergriffen und eilte hinab. Derſelbe elegante Holſteiner, in welchem er mit dem Baron von Barnewitz zurückgekommen war, hielt mit den zwei feurigen Rappen beſpannt vor dem Portale. Der Kutſcher, ein hübſcher Mann mit einem ungeheuren Barte, lächelte ihm, in Erinnerung des neulich erhal¬ tenen ſchweren Trinkgeldes, freundlich zu. Als er einſtieg, rief Albert über die Gartenmauer:

Können Sie mich nicht mitnehmen, Monsieur le docteur?

Nicht wohl! ſagte Oswald.

Nun, dann fahren Sie allein! rief Albert, zum12 Teufel , ſetzte er hinzu, als der Wagen davon rollte. Du haſt recht, Marguerite , ſagte er zu der kleinen Franzöſin, die jetzt aus dem Gebüſch, in welchem ſie ſich vor Oswald verſteckt hatte, hervorkam: Der Doctor iſt wirklich ein fat, wie Du ſagſt, und ich werde nächſtens auch anfangen, ihn zu haſſen.

Unterdeſſen rollte der Gegenſtand dieſes in Herrn Timm's anſpruchsloſem Gemüth aufſteigenden Haſſes durch das kleinere Thor dem Feldweg zu, der um den Wall herum in den Buchwald führte, welcher ſich von hier bis an den Strand zog, und den man paſſiren mußte, wenn man von Grenwitz nach Cona, dem Stammgut der Oldenburger, wollte. Es war eine köſtliche Fahrt in den hohen, kühlen Büchenhallen, wo durch die dichten grünen Baumkronen der blaue Him¬ mel leuchtete, und links, wenn zwiſchen den mächtigen Stämmen das Unterholz weniger üppig wucherte, von Zeit zu Zeit das blaue Meer herüberblitzte, im An¬ fang ſelten und nur auf Augenblicke, dann, je näher ſie dem Saum des Waldes kamen, öfter und länger, bis es plötzlich bei dem Ausgang aus dem Walde da lag, blau und unermeßlich, blitzend im prächtigen Sonnenſchein.

Der Weg führte auf der Höhe des Ufers hin, manchmal ſich ſo dem Rande nähernd, daß man das13 Branden der Wogen zwiſchen den großen Steinen des Strandes deutlich vernahm, dann wieder auf wei¬ tere Entfernung zurückweichend. Rechts ſchweifte das Auge über ungeheure Kornbreiten, die den Rücken des Plateaus bedeckten. Die langen kräftigen Halme bogen ſich unter der Laſt der Aehren, und wehten hinüber und herüber vor dem lauen Wind, der von dem Meere her über ſie dahinfuhr. Hier und da flatterte eine Lerche, deren Neſt allzudicht am Wege war, empor und ſtieg ſingend in den blauen Himmel.

Dann ſenkte ſich der Weg in ein muldenförmiges Thal, durch das ein ziemlich bedeutender Bach, der Abfluß des Faſchwitzer Moores, dem Meere zueilte. An dem Bach entlang und bis hart an's Meer lag ein Dorf, das meiſtens von Fiſchern bewohnt wurde, die dem Baron Grenwitz zinspflichtig waren. Der Wagen mußte das Dorf paſſiren, das mit ſeinen klei¬ nen ſauberen Häuschen und den kleinen mit Muſcheln eingefaßten Gärtchen vor den Thüren einen freund¬ lichen Eindruck machte. Vor der Thür eines der grö¬ ßeren Häuſer, das ſich durch ein Schild, auf welchem ein Schiff mit vollen Segeln durch grasgrüne ſchaum¬ gekrönte Wogen fuhr, als Wirthshaus ankündigte, hielt ein Reiter auf einem wundervollen braunen Voll¬ blutpferde. Er trug einen langen Ueberrock, und Os¬14 wald konnte das Geſicht nicht ſehen, da der Reiter ſich eben niederbeugte, ein Glas Branntwein entgegen¬ zunehmen, das eine blauäugige, blonde Schifferdirn mit einem allerliebſten Stumpfnäschen ihm präſentirte.

Das Pferd iſt unter Brüdern ſeine zweihundert Louisd'or werth, ſagte der Kutſcher, welcher ein Kenner war.

Wer iſt der Herr? fragte Oswald.

Weiß nicht; ich konnte ſein Geſicht nicht ſehen.

Hinter dem Fiſcherdorfe ſtieg der Weg ziemlich ſchnell zu einer bedeutenderen Höhe, als von welcher er auf jener Seite herabgeſunken war. Auch nahm die Landſchaft hier einen anderen Charakter an. Das Terrain war weniger eben; ſtatt des gelben nickenden Kornes bedeckte braunes Haidekraut den Boden, der hier und da auf große Strecken eine mit kleinen und großen Steinen und ödem, nur ſpärliche Gräſer trei¬ bendem Sande bedeckte Wüſte war. Auch die Luft ſchien weniger warm, und man hörte, da ſich der Weg näher am Rande des hohen ſteilen Ufers hinzog, deutlicher das Brauſen des Meeres. Ein Seeadler zog hoch oben in der blauen Luft ſeine Kreiſe, einige¬ mal ſchwebte ſein blauer Schatten über den ſonne¬ beſchienenen, ſteinigen Weg.

Iſt es noch weit bis Cona? fragte Oswald.

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Der Hof liegt dort hinaus, ſagte der Kut¬ ſcher, mit dem Peitſchenſtiel rechts über die Haide deutend; Sie können ihn von hier aus nicht ſehen. Ich fahre den Herrn Doctor nach dem Schweizer¬ häuschen.

Und wo liegt das?

Gerade vor uns, in den Tannen.

Ein Wäldchen von hohen Tannen krönte den höch¬ ſten Punkt des Ufers, zu dem jetzt der Weg, der immer ſteiler und ſteiniger wurde, ziemlich raſch hin¬ aufführte. Als Oswald ſich, um die zurückgelegte Strecke zu überſchauen, im Wagen umwandte, erblickte er in der Entfernung von vier bis fünfhundert Schrit¬ ten den Reiter, der vorhin vor dem Wirthshauſe ge¬ halten hatte. Er ritt mit derſelben Geſchwindigkeit, in welcher der Wagen fuhr, und als dieſer zufällig hielt, weil eine Schnalle an dem Riemenzeug auf¬ gegangen war, hielt er ebenfalls ſein Pferd an, ſo lange bis das Fuhrwerk ſich wieder in Bewegung ſetzte. Oswald, dem dies Benehmen aufgefallen war, bat den Kutſcher nach einigen Minuten abermals zu halten. Er wandte ſich um: der Reiter hielt ebenfalls. Er ließ dies Manöver noch ein paar Mal wiederholen, ſtets mit demſelben Erfolg.

Das iſt doch ſonderbar, ſagte Oswald.

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Ja, ſagte der Kutſcher; ich weiß auch nicht, was das zu bedeuten hat.

In dieſem Augenblick verließ der Reiter den Weg und trabte quer über die Haide nach der Richtung fort, in welcher, wie der Kutſcher ſagte, hinter dem Kamm des Plateaus, der Gutshof von Cona lag.

Der Wagen hatte jetzt die Tannen erreicht, die ſo dicht ſtanden, daß man vom Meere nichts mehr ſehen und nur noch ſein Brauſen hören konnte, das ſich mit dem Wehen des Windes in den hohen Bäu¬ men vermiſchte. Dann blitzte es bei einer Wendung des Weges wieder auf und vor, ihnen, auf einem freien, nach dem Meere zu offenen Platze lag ein aus Holz im Schweizerſtyl aufgeführtes Haus, Oldenburg's Sommerwohnung.

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Zweites Kapitel.

Als der Wagen auf dem von hohen Bäumen um¬ ragten und mit braunen Nadeln wie mit einem Tep¬ pich überdeckten Platze vor der Thür hielt, erſchien Oldenburg oben auf der Gallerie, welche die zwei Stockwerke trennte und ſich um das ganze Haus zog, und grüßte freundlich hinab. Im nächſten Augenblick war er an der Thür und ſchüttelte Oswald mit Herz¬ lichkeit die Hand.

Alſo doch! ſagte er; ich fürchtete ſchon, es wäre Ihnen ergangen, wie den meiſten Leuten, die, wenn ſie einmal mit mir zuſammen geweſen ſind, für alle Ewigkeit genug haben.

Ich weiß nicht, Herr Baron, ob Sie ſich den meiſten Leuten ſo zeigen, wie Sie ſich mir gezeigt haben, ſagte Oswald; wäre dies der Fall, ſo habe ich für mein Theil nicht den Geſchmack der meiſten Leute.

Wahrlich, ein Selam in optima forma! ſagteF. Spielhagen, Problematiſche Naturen. III. 218Oldenburg lachend; ein paar alte graubärtige Söhne Mohammed's könnten es nicht beſſer. Es fehlt blos noch, daß wir zum Schluß unſre eignen Fingerſpitzen küſſen! Aber kommen Sie in's Haus, da können wir die Sache noch bequemer haben.

Sie traten auf einen kleinen Flur, von welchem man auf einer niedrigen breiten Treppe in das obere Stockwerk auf ein Entrée gelangte, das von oben Licht empfing. Aus dieſem gingen ſie in ein weites, ziem¬ lich hohes Gemach, zwiſchen deſſen zwei Fenſtern eine Glasthür auf die breite Gallerie führte, die eine un¬ beſchränkte Ausſicht auf das Meer gewährte, und ob¬ gleich noch ziemlich dreißig Fuß zwiſchen dem Hauſe und dem ſcharf abfallenden Rande des Ufers lagen, unmittelbar über der Brandung, welche tief unten zwiſchen den Rollſteinen und auf den Kieſeln des Strandes murmelte, zu hängen ſchien.

Der Blick von dieſem erhabenen Standpunkte auf das blaue, unermeßliche Meer und auf das hohe weiße Kreideufer, das ſich nach links in einem weiten Halb¬ mond hinziehend, zuletzt in einem Vorgebirge endigte, welches der Buchwald von Grenwitz krönte, war ſo unbeſchreiblich großartig, daß Oswald einen lauten Ruf der Bewunderung nicht unterdrücken konnte.

Nicht wahr? ſagte Oldenburg, ſich neben Os¬19 wald auf die Brüſtung der Gallerie lehnend, es war ein geſcheidter Einfall meines würdigen Großvaters, an dieſem Punkte, nebenbei einem der höchſten der ganzen Inſel, ein Haus zu bauen. Ich habe den alten Mann mit ſeinem langen eisgrauen Barte noch gekannt, und ſehe ihn im Geiſte noch hier auf dieſer Gallerie ſitzen und, wie der König von Thule, mit ſeinen verlöſchenden Augen auf das heilige Meer ſchauen, das er verehrte, wie ein Enkel ſeine alte Großmutter ehrt, und liebte, wie ein Jüngling die Geliebte ſeiner Seele liebt. Ich wollte, er hätte mir außer ſeiner Figur auch ſeine unermeßliche Fähigkeit, für Naturſchönheit ſchwärmen zu können, vererbt. Leider bin ich in der letzten Beziehung in demſelben Grade zu kurz gekommen, wie in der erſten zu lang.

Iſt das Ihr Ernſt? ſagte Oswald.

Wahrhaftig, ſagte Oldenburg, und ich habe mich auf meinen Reiſen oft genug deshalb geſchämt, und meine äſthetiſche Verſtocktheit, die mich auf den ſchönſten Punkten, wo Andre vor Vergnügen Purzel¬ bäume ſchlugen oder ſentimentale Thränen weinten, geradezu nichts empfinden ließ, verwünſcht. Vergebens, daß ich, wie die engliſchen Miſſes an meiner Seite: beautifully, very fine indeed! ſeufzte, vergebens, daß ich Tag und Nacht die herrlichſten Naturſchilde¬2*20rungen von Byron und Lamartine las, bis ich ſie auswendig wußte es half Alles nichts. Ich brachte es nicht weiter, wie der arme Werther, als ihm die ewige Natur wie ein lackirtes Bild erſchien; und ein paar Bettelbuben, die ſich auf dem Sande des Stran¬ des balgten, und ein armer Fellah, der ſein Waſſer¬ rad drehte, waren mir intereſſanter, als der Golf von Neapel und der Nil. Ich habe nur an Menſchen und Menſchentreiben meine Freude von der Natur verſtehe ich ein für alle Mal nichts.

Aber warum verbannen Sie ſich denn in dieſe Einſamkeit? warum wohnen Sie, da Sie es doch haben können, anſtatt hier an dieſem nordiſchen Strande, nicht lieber an dem Boulevard des Capu¬ cines, oder in London auf dem Pall-Mall?

Aus demſelben Grunde, aus welchem man den Falken, bevor man ihn auf die Gazellenjagd nimmt, vierundzwanzig Stunden faſten läßt um meinen Hunger nach meiner Lieblingsnahrung zu ſchärfen. Wenn ich hier ein paar Wochen gehauſt habe, ſind meine Sinne wieder friſch und empfänglich, und das Schauſpiel des Menſchentreibens hat wieder ſeinen alten Reiz für mich.

Und wie lange gedenken Sie diesmal hier zu bleiben?

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Ich weiß noch nicht. Meine Solitude, ſo taufte nämlich mein Großvater dieſen ſeinen Lieblings¬ ort gefällt mir diesmal beſſer, als ſonſt wohl. Ich habe in den letzten Jahren ein etwas buntes Leben geführt und ſo viel Adamskinder der verſchie¬ denſten Racen und Culturzuſtände durcheinander ge¬ ſehen, daß zuletzt einer genau ſo ausſah, wie der an¬ dere, ein Beweis, daß meine Sinne vollkommen abge¬ ſtumpft waren und eine längere Hungercur nöthig iſt. Daß ich nicht ganz verhungere, dafür ſollen Sie und die Czika ſorgen.

Und wo iſt denn unſer kleiner Findling?

Irgendwo auf der Haide, wo ſie ſich in den blühenden Ginſter legt und in den Himmel ſtarrt, oder am Strande, wo ſie zwiſchen den Felsblöcken umherklettert und vor Vergnügen in die Hände klatſcht, wenn eine Welle ihre nackten Füße benetzt. Bis zu Schuhen hat ſie es nämlich noch nicht gebracht, das heißt: ich habe ſie noch nicht dazu bringen können. Ich laſſe ihr überhaupt abſolute Freiheit, ſeitdem ſie mir gleich am zweiten Tage, als ich ſie bei dem ſchauder¬ haften Wetter nicht herauslaſſen wollte, ſehr energiſch er¬ klärte: Czika ſtirbt, wenn Czika nicht in den Regen darf.

Sehnt ſie ſich denn nicht nach ihrer Mutter zurück?

Glauben Sie wirklich, das das braune Weib, das22 ich übrigens nur ganz flüchtig geſehen habe, des Kin¬ des Mutter iſt?

Unbedingt. Die Aehnlichkeit zwiſchen Ezika und der braunen Gräfin iſt unverkennbar.

Von wem habe ich doch dieſen Ausdruck ſchon gehört? ſagte Oldenburg nachdenklich, von Ihnen neulich, ohne Zweifel; aber er kam mir gleich ſo be¬ kannt vor. Stammt die Bezeichnung von Ihnen?

Nein, von Frau von Berkow, ſagte Oswald, den Blick feſt auf Oldenburg richtend.

So, ſo, ſagte der Baron.

Es war das erſte Mal, daß Melitte's Namen unter den beiden Männern Erwähnung geſchah, und es war bezeichnend genug, daß ſofort eine Pauſe in dem Geſpräche eintrat.

Bei welcher Gelegenheit hat denn Frau von Berkow die Bekanntſchaft der Zigeunerin gemacht? fragte der Baron nach einiger Zeit.

Oswald erzählte in kurzen Zügen die Geſchichte von der braunen Gräfin, ſo wie ſie ihm Melitta mit¬ getheilt hatte.

Oldenburg lächelte. Ja, ja, ſagte er, jetzt er¬ innere ich mich. Frau von Berkow hat mir die Anecdote ſchon vor ein paar Jahren erzählt. Die Geſchichte iſt allerliebſt, beſonders für den, welcher23 ſich für Frau von Berkow intereſſirt, weil ſie für den liebenswürdigen, aus Muthwillen, Schalkheit und Gutmüthigkeit wunderbar gemiſchten Charakter dieſer Dame unendlich bezeichnend iſt.

Der Baron ſagte das einfach und ſo ruhig, als hätte es niemals eine Zeit gegeben, wo er für ein Lächeln dieſer Dame ſein Leben auf's Spiel geſetzt haben würde.

Aber wollen wir nicht hineingehen, fuhr er fort, ich ſehe, Hermann, mein Rabe und Factotum, hat einen Tiſch mit allerlei Appetitlichem gar zierlich ge¬ deckt, und dort kommt auch Thusnelda, ſeine Ge¬ mahlin und meine Amme, um uns feierlich zum Ves¬ perbrod zu laden.

Eine alte, ſehr würdig ausſehende Frau von ſtatt¬ lichem Umfange erſchien in der Glasthüre, machte einen tiefen Knix und ſagte:

Herr Baron, es iſt angerichtet.

Schön, ſagte Oldenburg; haſt Du die Czika nicht geſehen?

Ich dachte, ſie wäre beim Herrn Baron, ant¬ wortete die Matrone, ängſtlich umherblickend.

Nein. Bring ſie doch herauf, wenn ſie unter¬ deſſen kommen ſollte. Du kannſt Dich einmal nach ihr umſehen. Kommen Sie, Doctor, ich hoffe, der24 weite Weg hat Sie hungrig, zum mindeſten durſtig gemacht; Thusnelda hat für beide Fälle geſorgt.

Oswald ſchaute ſich, während ſie an dem mit Er¬ friſchungen aller Art reichlich beſetzten Tiſche Platz nahmen, in dem Zimmer um. Der weite Raum wurde durch einen großen Schreibtiſch von Eichenholz und durch Stühle und Sophas von mancherlei For¬ men, die den Platz häufig zu verändern ſchienen, weſentlich verringert. An den Wänden ſtanden Eichenſchränke mit Büchern angefüllt. Bücher lagen auf den Tiſchen, den Sophas, den Stühlen, Bücher lagen auf dem Boden. Einige ſchöne Büſten nach der Antike, und ein paar große Kupferſtiche waren der einzige Schmuck des im übrigen offenbar auf Eleganz nicht den mindeſten Anſpruch machenden Zimmers; zwiſchen zwei der Schränke, wo ein Kupfer¬ ſtich hingehörte, war eine grünſeidne Gardine, die ent¬ weder ein ungeſchickt angebrachtes Fenſter oder ein Bild verdeckte, welches der Beſitzer aus dieſem oder jenem Grunde dem Blicke neugieriger Beſucher nicht ausgeſetzt wünſchte.

Sodann wurde ſeine Aufmerkſamkeit wieder von dem Baron ſelbſt in Anſpruch genommen, der ihm heute in einem langen, gelben, leinenen Rock, welcher ſeiner langen, hagern Figur gar ſeltſam ſtand, ein25 ganz Anderer zu ſein ſchien. Mehr aber noch, als der veränderte Anzug war es der veränderte Aus¬ druck des Geſichtes, der Oswald auffiel. Der höhniſche Zug um den Mund, den ſelbſt der dichte Bart nicht ganz verdecken konnte, die ſcharfen kleinen Fältchen auf der hohen Stirn, um die Augen und die Naſen¬ flügel Alles war von einem freundlichen Lächeln ausgelöſcht, das den grauen, ſonſt ſo ſtechenden Augen einen Ausdruck von Milde und Gutmüthigkeit gab, den Oswald, ſo weit er auch von ſeinem Vorurtheil gegen den Baron zurückgekommen war, niemals für möglich gehalten haben würde. Ja, der Gedanke, daß ein Weib dieſen ſeltſamen Mann von ganzem Herzen lieben könnte, ſchien ihm nicht mehr ſo wunderlich, wie auf dem Balle in Barnewitz. Er dachte an das Blatt in Melitta's Album, er dachte an ſeine eigenen Worte: Dieſer Mann wird niemals glücklich ſein, weil er niemals wird glücklich ſein wollen, und an Melitta's Antwort: Darum iſt dieſer Mann aus meinem Leben losgelöſt, wie ſein Bild aus dieſem Album, und er ſagte ſich jetzt: er hätte glücklich ſein können, wenn er gewollt hätte; warum wollte er es nicht? was trennte dieſe Beiden? wer von ihnen ſprach das Wort, das ſie wie es ſcheint auf ewig trennte?

Dieſe Gedanken erweckten heute in Oswald nicht26 mehr jene wilde Eiferſucht, die ſein Herz an dem Tage, wo er dem Baron zuerſt im Walde begegnete, und hernach auf dem Balle in Barnewitz, zerfleiſcht hatte aber das geheimnißvolle Dunkel, welches über dieſen Vorgängen lag, das er nicht lüften konnte und, was ſchlimmer war, nicht einmal zu lüften wagte, erfüllte ſeine Seele mit jener Trauer und jenem Mit¬ leid, das wir mit uns ſelbſt empfinden, wenn wir da in unſerer Andacht geſtört werden, wo wir ſo gern aus vollem, überſtrömendem Herzen anbeten möchten.

Oswald ſuchte dieſer trüben Stimmung Herr zu werden; es war ihm, als ob des Barons ſcharfe Augen leſen könnten, was in ſeiner Seele vorging. Indeſſen ſchien dieſer vollkommen unbefangen und ganz von dem Thema ihres Geſprächs in Anſpruch genommen, das, wie erklärlich, ſich hauptſächlich um Czika und die braune Gräfin drehte. Beide Männer verſuchten ihren Scharf¬ ſinn vergeblich an der Löſung der vielen Räthſel dieſer wunderbaren Angelegenheit. Was hatte die braune Gräfin beſtimmt, ihr Kind, an welchem ſie doch mit großer Liebe zu hängen ſchien, ſo ohne Weiteres fremden Männern zu überlaſſen? Woher nahm ſie zu dieſer Entſagung den Muth in dem Augenblicke, wo ſie durch die brutalen Scherze der jungen Edelleute (der Reitknecht des jungen Graf Grieben hatte Oldenburg's Kutſcher27 die Sache erzählt) und durch den, allerdings blos ſcherz¬ haft gemeinten, Raub der Kleinen ſo außer ſich ge¬ bracht war? Hatte ſie das Kind Oswald, oder dem Baron, oder hatte ſie es Beiden geſchenkt? oder hatte ſie es ihnen nicht geſchenkt, ſondern verkauft, und hatte ſie nur den Zahlungstermin einen Monat hinaus¬ geſchoben, in der Hoffnung, daß die beiden Männer, oder auch einer von ihnen, das ſchöne Kind während dieſer Zeit lieb gewinnen und demnach gern einen größeren Preis zahlen würde?

Meine größte Furcht, ſagte Oldenburg, iſt, daß die braune Gräfin der noch nicht einmal abge¬ ſchloſſene Handel gereut und ſie mir das Kind wieder raubt, oder auch die Czika ſelbſt der Sehnſucht nach ihrem Wanderleben nicht widerſtehen kann und eines ſchönen Morgens verſchwunden iſt. Ich geſtehe, daß es ein harter Schlag für mich ſein würde. Ihre Prophezeihung, daß ich in der ſüßen Dirn einen Schatz gefunden habe, köſtlicher als Alladin's Wunder¬ lampe, ſcheint in Erfüllung zu gehen. Ich ſage mit dem weiſen Nathan: ich bliebe, oder richtiger: ich wäre des Mädchens Vater doch ſo gern! ich möchte ſo gern dieſer bis jetzt ſtummen Seele eine Sprache entlocken, und in dieſer Sprache meinen eigenen Ge¬ danken veredelt und verſchönert wieder hören! ich28 möchte ſie an mich ketten mit allen Banden, durch die ein Vater an ſeine Tochter, eine Tochter an ihren Vater gefeſſelt ſein kann verſteht ſich, um ſie nach¬ träglich alle dieſe Bande zerreißen und ſich dem erſten beſten Gelbſchnabel in die Arme werfen zu ſehen, deſſen Rock um einen Grad beſſer ſitzt, als die ſeiner Nachbarn. Aber bis dahin möchte ich wenigſtens, daß ſie mein wäre! Ich ſtehe jetzt in den Jahren, wo man ſich, wenn man nicht zufällig ein Swift iſt, der bekanntlich die Kinder hätte freſſen mögen, aber nicht aus Liebe nach Kindern ſehnt, wie ein müder Wanderer nach einem Stab, die erſchlaffenden Glieder zu ſtützen. Wenn wir fühlen, daß wir den höchſten Punkt auf unſerem Lebenswege erreicht haben und es nun unaufhaltſam bergab geht, und das Land unſerer Jugend hinter dem Kamm des Hügels allgemach ver¬ ſchwindet, da möchten wir fröhliche Kinderſtimmen von drüben ertönen hören, die uns unſere eigene ſelige Jugendzeit wieder in die Erinnerung rufen. Sie werden mich fragen, weshalb ich denn dieſer ſpie߬ bürgerlichen Tendenz nicht nachgebe und heirathe? oder Sie werden mich das auch nicht fragen, denn Sie werden ſich ſelber ſagen, daß für Jemand, der ſich die zehn beſten Jahre ſeines Lebens in allerlei liai¬ sons dangereuses und innocentes unausgeſetzt29 bewegt hat, das Heirathen eine moraliſche Unmöglich¬ keit iſt. Ich will keine Frau, die ſo blaſirt wäre, nicht von mir hören zu wollen: ich liebe Dich! und wie kann ich das, ohne mir ſelbſt lächerlich vorzu¬ kommen, zu ihr ſagen, wenn ich es ſchon ſo und ſo vielen anderen in allen mir bekannten Sprachen ge¬ ſagt habe? Nein, nein! mit ſolchen Geſinnungen mag man Türke werden und ſich einen Harem anſchaffen, aber für die monogamiſche Ehe im höchſten, reinſten Sinne, wo ſie eine wunderbare Alchymie iſt, die aus den Zweien Eines macht, für dieſe Ehe, die auch ich heilig halte, iſt man wahrlich zu ſchlecht.

Und doch, ſagte Oswald, liegt in der wahren Liebe eine reinigende und heiligende Macht, vor der alle Zweifel an uns ſelbſt verſchwinden, wie der Nebel vor den Strahlen der Sonne. Die wahre Liebe wiſcht, wie der echte Haß von der Tafel der Erinnerung weg alle thörichten Geſchichten und macht uns mit einem Schlage aus wüſten Barbaren zu zartfühlenden, feinſinnigen Hellenen. Die rohe Kraft, die vorher ſich nur bethätigen wollte, gleichviel ob ſie ſchaffte oder zerſtörte, nimmt jetzt Form an, und wo ſie früher einen Siva ſchuf, deſſen glühender Blick alle Creatur verzehrt, ſchafft ſie jetzt einen olympiſchen Zeus, der Alles, was iſt, mit Vateraugen ſegnet.

30

Sehr ſchön geſagt, erwiederte der Baron, wollen Sie nicht dieſe Liebfrauenmilch verſuchen, der Wein macht ſeinem Namen Ehre ſehr ſchön geſagt, auch wol wahr nur nicht für problematiſche Naturen.

Was nennen Sie problematiſche Naturen?

Es iſt ein Goethe'ſcher Ausdruck und kommt in einer Stelle vor, die mir viel zu denken gegeben hat. Es giebt problematiſche Naturen, ſagt Goethe ich glaube in Dichtung und Wahrheit die keiner Lage gewachſen ſind, in der ſie ſich befinden, und denen keine genug thut. Daraus, fügt er hinzu, entſteht der ungeheure Widerſtreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt. Es iſt ein grauſiges Wort, denn es ſpricht in olympiſcher Ruhe das Todesurtheil über eine, beſonders in unſeren Tagen, weit verbreitete Gattung guter Menſchen und ſchlechter Muſikanten. Da iſt Czika!

Wo?

Hinter Ihnen.

Oswald wandte ſich um. In der offenen Thür, die auf den Balcon führte, ſtand das ſchöne Kind, vom rothen Licht der untergehenden Sonne umfloſſen. Ihr üppiges, blauſchwarzes Haar fiel von beiden Seiten über die ſeine Stirn auf die Schultern, die aus einer blauen türkiſchen Blouſe hervorragten, welche31 mit einem dünnen, rothſeidenen Shawl um die ſchlanke Hüfte gegürtet war. Türkiſche Beinkleider reichten bis zu den nackten Füßen. Als ſie einen Fremden in dem Zimmer erblickte, hatte ſie ſich leiſe, wie ſie ge¬ kommen war, wieder wegſtehlen wollen, bis der Aus¬ ruf des Barons ſie bannte und Oswald ſich umge¬ wandt hatte. Bei ſeinem Erblicken flog ein freudiges Lächeln über ihr ernſtes, dunkles Geſicht, und die braunen Gazellenaugen ſchauten beinahe zärtlich zu ihm empor, als er jetzt, eine ihrer Hände in der ſeinen haltend und mit der andern ihr das üppige Haar ſchlichtend, vor ihr ſtand.

Czika kennt Dich, ſagte ſie; Du biſt ſehr gut. Du haſt die Armen lieb, die Armen haben Dich lieb.

Eine Liebeserklärung! ſagte Oldenburg, der am Tiſche ſitzen geblieben war, lachend, die wie vielſte, Doctor. in den letzten acht Tagen! Doctor, Sie ſind ein gefährlicher Menſch und ich werde mich genöthigt ſehen, Ihnen mein Haus zu verbieten.

Warum biſt Du nicht immer hier? ſagte Czika, ihre großen Augen von dem Baron wieder zu Oswald wendend. Czika will mit Dir an dem großen Waſſer ſitzen, Czika will Dir Blumen auf der Haide pflücken. Warum biſt Du nicht immer hier?

Er kann nicht immer hier ſein, Czika, ſagte der32 Baron, aber er wird recht oft herkommen. Nicht wahr, Doctor?

Die Thür nach dem Vorſaal wurde geöffnet und Madame Müller, oder Thusnelda, wie ſie der Baron nannte, ſchaute herein.

Ich kann ſie nicht ah! da iſt ſie ja. Wo biſt Du denn geweſen, mein Herzenspüppchen? komm, ich will Dich ein wenig zurecht machen. Wie Du wieder ausſiehſt ganz voll Haidekraut, wie ge¬ wöhnlich; was ſollen die Herren von uns denken ...

So ſprach die Matrone, das Kind mit ſanfter Ge¬ walt an der Hand aus dem Zimmer führend.

Sie müſſen wiſſen, daß eine große Liebe zwiſchen den Beiden beſteht, ſagte der Baron. Meine alte Amme hat viel blühende Kinder gehabt, die alle früh¬ zeitig geſtorben ſind. Anderer Frauen Herz wird durch ſolches Unglück oft verhärtet, aber Thusnelda's Herz iſt weich geblieben, und jetzt liebt ſie die Czika, als wäre ſie ihr Erſtgeborenes. Das iſt nun aber gerade, als wenn eine Taube einen Falken ausgebrütet hätte. Czika's Tendenzen zu einem möglichſt ungebundenen Daſein bringen die arme alte Dame alle Tage zehn¬ mal in die größte Noth und Verzweiflung. Und dann iſt noch ein Umſtand. Thusnelda iſt gut kirchen¬ fromm und Czika hat horribile dictu gar33 keine Religion es müßte denn irgend ein geheim¬ nißvoller Sterndienſt ſein, die ſie begeht, wenn ſie ſich des Nachts von ihrem Lager ſtiehlt und auf der Höhe des Strandes im Mondenſcheine tanzt, wie Thusnelda es mit Grauſen und Schaudern geſehen zu haben ſchwört. Uebrigens glaube ich Thusnelda in dieſem Falle. Ich habe wenigſtens ſchon früher die Beobachtung gemacht, daß, wenn die Zigeuner Gegenſtände der Anbetung haben, es Sonne, Mond und Sterne ſind.

Haben Sie auf Ihren Reiſen nicht öfter Ge¬ legenheit gehabt, mit dieſem intereſſanten Volke in nähere Berührung zu kommen?

O ja, ſagte der Baron, ſogar in ſehr nahe Berührung; beſonders einmal in Ungarn vor zwölf Jahren etwa.

Der Baron ſchwieg, ſchenkte ſich ein Glas Wein ein und trank es in mehren Abſätzen langſam aus, die Augen auf die Tiſchdecke geheftet, wie Jemand deſſen Gedanken von einer Erinnerung ganz in An¬ ſpruch genommen ſind.

Nun , ſagte Oswald, wie war das?

Was? ſagte der Baron, wie aus einem Traum erwachend; ja ſo, Sie wollen wiſſen, was ich in Ungarn mit den Zigeunern zu thun hatte.

F. Spielhagen, Problematiſche Naturen. III. 334

Ich vermuthe, es ſteckt dahinter eine romantiſche Geſchichte.

Allerdings , ſagte der Baron; ich ſelbſt ſtand damals noch in den Jahren, wo jeder Menſch, er müßte denn zufällig ein geborner Stockfiſch ſein, ein lebendiges Stück Romantik iſt. Ich ſchwärmte für Eichendorff's mondſcheindurchleuchtete Zaubernächte, für Brunnen und Wälderrauſchen, und vor allem ſchwärmte ich für ſchlanke Mägdelein mit und ohne Guitarre am blauen Bande.

Meine ganze Weltanſchauung war in einem emi¬ nenten Grade romantiſch, vor allem meine Moral. Das ganze Leben hatte für mich nicht mehr Bedeu¬ tung, als ein Schattenſpiel an der Wand, und das einzige Reelle, was ich gelten ließ, war die ſouve¬ räne Ironie. Mit einem Worte: ich war ein char¬ manter Kerl, und wenn man mich an den erſten beſten Galgen gehangen hätte, ſo wäre das nur mir zur gerechten Straff, anderen aber zum abſcheulichen Exempul geweſen.

Ich hatte damals das Studiren in Bonn und Heidelberg gerade herzlich ſatt. Ich hatte in tauſend Büchern vergeblich nach der Löſung des Räthſels ge¬ ſucht, über dem ſich ſchon ſo viel beſſere Köpfe als ich den Kopf zerbrochen haben, und wollte es nun35 einmal auf andere Weiſe anfangen. Ich ſchrieb an meinen Vormund und drückte ihm meinen Wunſch aus, ein paar Jahre zu reiſen. Der Vormund bil¬ ligte dieſen Plan höchlichſt, wie er denn Alles billigte, was mein Spatzenkopf ausheckte nur um mich los zu werden ſchickte mir Wechſel und Empfehlungs¬ briefe, und ich begab mich auf die Wanderſchaft. Ich reiſte durch Süddeutſchland, die Schweiz, Oberitalien. Wenn Sie aber einen auch nur oberflächlichen Bericht dieſer Reiſe von mir verlangten, ſo käme ich in die größte Verlegenheit. Ich weiß von den Gegenden noch gerade ſo viel, wie von Landſchaften, die man im Traume ſieht. Zuletzt war ich in Ungarn. Der Zufall, der überhaupt mein Reiſemarſchall war, hatte mich dort hingeführt. Ich war in Wien mit einem jungen ungariſchen Edelmann bekannt geworden, deſſen Vater am Fuße des Tetragebirges reich begütert war. Er hatte mich eingeladen, mit ihm zu kommen; ich war dieſer Einladung gefolgt. Wir führten ein ſehr idylliſches Leben, deſſen Hauptingredienzien Würfel, Wein und Weiber waren. Herr von Kryvan hatte ein paar ſehr ſchöne Schweſtern, in die ich mich der Reihe nach verliebte. Sodann begeiſterte ich mich für die franzöſiſche Geſellſchafterin der alten Frau von Kryvan, die eben friſch von Paris gekommen war,3*36und die jungen Ungarinen durch die Grazie ihrer Ma¬ niren, ihr Conſervationstalent und ihren Geſchmack in Sachen der Toilette beſchämte.

Als ich einſt, voll von dem Bilde dieſer Huld¬ göttin, die ich nebenbei einige Jahre darauf in Paris unter weſentlich andern Verhältniſſen wieder traf für den Augenblick glaubte ich an die Echtheit ihrer Perlen und ihrer Tugend als ich einſt, ſage ich, träumend in dem Walde umherlief, der ſich von Kry¬ van weit in das Gebirge hinauf erſtreckte, führte mich mein Reiſemarſchall auf eine Lichtung im Walde, die ſich eine Zigeunerbande zu ihrem temporären Wohn¬ ort erwählt hatte. Kleine Hütten aus Lehm und Reiſig in ſehr archaiſtiſchem Stile aufgeführt, eine Feuerſtelle, an der ein altes Mütterchen einen Mar¬ der briet, Thierfelle und Lumpen an den Zweigen der Bäume zum Trocknen aufgehängt das war das Bild, das ſich meinen erſtaunten Blicken darbot. Die ganze Bande war abweſend, mit Ausnahme beſagter alter Hexe, einiger ganz kleiner Kinder, die ſich in paradieſiſcher Nacktheit im Sande wälzten, und eines Zigeunermädchens von fünfzehn Jahren etwa

Der Baron ſchenkte ſich ein Glas voll und trank es mit einem Zuge aus.

Von fünfzehn Jahren etwa vielleicht war ſie37 auch älter es iſt das Alter von Zigeunermädchen ſchwer zu beſtimmen. Sie war ſchlank, und geſchmei¬ dig, wie ein Reh, und ihre dunklen Augen leuchteten in einem ſo magiſch ſinnlich-überſinnlichen Feuer, daß mich ein Schauder des Entzückens packte, als ich tief und tiefer hineinſchaute, während ſie unter allerlei wunderlichen Manipulationen mir aus der flachen Hand mein Schickſal verkündete. Mein Schickſal war in ihren Augen viel deutlicher zu leſen, als in meiner Hand. Ich war entzückt, berauſcht, außer mir; die Welt war für mich verſunken. Sie erinnern ſich, daß ich damals Zwanzig Jahre und Romantiker vom reinſten Waſſer war und daß ein Zigeuner ſein, ſich von Mardern nähren und ſich in den Augen eines Zigeunermädchens ſonnen, der Weisheit letzter Schluß und das höchſte Ziel menſchlichen Strebens ſei, war für mich über allen Zweifel erhaben. Ich blieb bei den Zigeunern ich weiß nicht, wie viel Tage. Meine Freunde im Schloſſe glaubten, die Wölfe hätten mich zerriſſen. Da eines Abends die Sonne war ſchon hinter die Bergwand geſunken, die unſern La¬ gerplatz nach Norden ſchirmte die Bande war noch nicht von ihrem Streifzuge zurück ich ſaß mit der Zingarella am Fuß einer alten Eiche und war ſelig in meiner jungen Liebe da

38

Ich glaube gar, wir bekommen noch Beſuch unterbrach ſich der Baron; war das nicht eine fremde Stimme?

Ich hoffe nicht, ſagte Oswald.

Die Thür wurde geöffnet, der alte Herrmann ſchaute herein und ſagte:

Herr von Cloten wünſcht ſeine Aufwartung zu machen, Herr Baron; ſind Sie zu Hauſe?

Bewahre, ſagte der Baron; aber freilich, ich kann ihn nicht gut abweiſen; er kommt um mich hm, hm!

Laſſen Sie ſich durch mich in der Ausübung Ihrer Gaſtfreundſchaft nicht ſtören, ſagte Oswald, aufſtehend.

Bleiben Sie! bleiben Sie! ſagte der Baron; er wird ſich hoffentlich nicht lange aufhalten. Er kommt in einer gewiſſen Angelegenheit, in welcher er meinen Rath haben will. Das iſt Alles. Führe ihn herauf, Hermann!

Einen Augenblick darauf trat Herr von Cloten ein. Er war in Reitfrack und Stulpenſtiefel und ſchien einen weiten Ritt gemacht zu haben. Wenigſtens ſah er ſehr erhitzt aus. Oswald's Anweſenheit ſchien ihn zu ärgern, oder verlegen zu machen; wenigſtens be¬ grüßte er ihn mit auffallender Förmlichkeit, nachdem er dem Baron die Hand geſchüttelt hatte.

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Sehr warm heute, näſelte er, auf einem Stuhl, den ihm der Baron anbot, am Tiſche Platz nehmend; Robin trieft von Schweiß; habe Ihrem Reitknecht ge¬ ſagt, ihn mit Stroh abzureiben. Conſervirt die Pferde merkwürdig. Angenehmer Wein, Liebfrauenmilch? famoſer Wein hatten neulich auch welchen in Barne¬ witz nicht halb ſo gut. Apropos Barnewitz gut bekommen, Baron? War etwas vor der Zeit fortge¬ fahren Hitze wirklich abominabel

Wollen Sie nicht ablegen, Cloten?

Danke, danke! Will gleich wieder fort; wollte nur einmal, weil gerade in der Nähe war auf Grenwitz Alles ausgeflogen dort vorſprechen, zu ſehen, wie es ſteht.

Aber Sie werden doch ein paar Minuten Zeit haben.

Keinen Augenblick auf Ehre, ſagte Herr von Cloten, ſein Glas leerend und aufſtehend, ſpreche morgen vielleicht wieder vor. Adieu, Baron.

Von Cloten verbeugte ſich wiederum ſehr förmlich vor Oswald und ſchritt, von dem Baron begleitet, nach der Thür.

Bitte, bitte, derangiren Sie ſich nicht; ſagte Cloten.

Ich will mir nur Ihren Robin einmal anſehen, 40ſagte der Baron, und dann zu Oswald: entſchuldigen Sie mich für ein paar Augenblicke, Herr Doctor.

Oswald war allein; das auffallend kühle Benehmen des jungen Edelmanns hatte, wie ſehr er denſelben auch verachten zu dürfen glaubte, doch ſeinen leicht verletzlichen Stolz beleidigt. Er ging erregt in dem Gemache auf und ab. Sein Adelshaß hatte wieder neue Nahrung bekommen; auch Oldenburg's Benehmen ſchien ihm während Cloten's Viſite weniger herzlich geweſen zu ſein.

Ich ſage es ja, murmelte er durch die Zähne, wo zwei zuſammen ſind, iſt der Kaſtengeiſt mitten unter ihnen und ſie fließen zuſammen wie Queckſilber.

Sein Blick haftete auf dem grünſeidenen Vorhang zwiſchen den beiden Bücherſchränken, der ſeine Auf¬ merkſamkeit ſchon vorhin erregt hatte.

Welches iſt denn dies verſchleierte Bild? irgend ein wollüſtiger Correggio vermuthlich; auf jeden Fall ein Beitrag zur intimeren Kenntniß dieſes wunder¬ lichen Mannes. Sie entſchuldigen meine Neugierde, Monsieur le Baron!

Oswald zog mit einem Ruck der ſeidenen Schnur den Vorhang zurück; und der Jüngling zu Sais, als er den Schleier von dem heiligen Bilde der Iſis hob, kann kaum erſchütterter geweſen ſein, wie es Oswald41 war, als er anſtatt eines farbetrunkenen italieniſchen Gemäldes in einer Niſche eine Büſte aus keuſchem weißen Marmor erblickte, die, obgleich in antikem Haarſchmuck und ein wenig idealiſirt, nichts war, als ein ſprechend ähnliches Porträt Melitta's. Das war ihr reiches, welliges Haar, das war ihre ſchöne zarte Stirn, die feine gerade Naſe, das waren die weichen, ſelbſt noch im Marmor thaufriſchen Lippen!

Ehe ſich Oswald von ſeinem Erſtaunen, der Ge¬ liebten ſich ſo plötzlich gegenüber zu ſehen, nur ſo weit erholen konnte, den Vorhang wieder über das Bild zu ziehen, trat der Baron in das Zimmer.

Entſchuldigen Sie meine Indiscretion, ſagte Oswald, ſich ſchnell faſſend; aber wer heißt Sie auch, verſchleierte Bilder in einem Sanctuarium auf¬ ſtellen, zu dem Sie jedem Fremden den Zutritt ge¬ währen.

Sie haben Recht, ſagte der Baron, ohne eine Spur von Verwirrung; dieſer grüne Schleier iſt, wie andere Schleier auch, geradezu provocirend, und neben¬ bei iſt es ſehr thöricht, die Copie zu verſchleiern, da Jedermann das Original unverſchleiert ſehen kann, wenn er ſich die Mühe giebt, nach Palermo zu reiſen, und ſich eine Erlaubniß verſchafft, die Villa Serra di Falco beſuchen zu dürfen.

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In der That! sagte Oswald, den die unver¬ wüſtliche Ruhe, mit welcher ihm der Baron dies Märchen aufzuheften ſuchte, ein wenig ärgerte: alſo bei Palermo? ich war ſchon verſucht, das Original weniger weit zu ſuchen.

Sie meinen im Berliner Muſeum? ſagte der Baron; es exiſtirt dort allerdings eine Muſe, die mit dieſem Bilde große Aehnlichkeit hat, aber der Unter¬ ſchied iſt doch, wenn ſie genauer vergleichen, ſehr bedeutend.

Allerdings, ſagte Oswald; die Naſe iſt an jenem Bilde energiſcher; auch iſt die Haltung des Kopfes eine andere, und überhaupt die Aehnlichkeit mit Frau von Berkow, die an dieſer Büſte ſo frappant iſt, weniger auffallend.

Finden Sie? ſagte der Baron, aufſtehend und vor das Bild tretend. Wahrhaftig, Sie haben Recht. Es iſt wirklich eine flüchtige Aehnlichkeit zwiſchen dieſem Bilde und Frau von Berkow. Nun, das macht mir das Bild nicht ſchlechter, denn ich ge¬ ſtehe, daß es wenige Damen auf der Welt giebt, an die ich mich ſo gern erinnern ließe, als an dieſe, ebenſo liebenswürdige wie geiſtreiche Frau.

Der Baron zog den Vorhang wieder über das43 Bild, als wünſchte er, jetzt das Geſpräch darüber ab¬ zubrechen.

Kommen Sie, Doctor, ſagte er, ſetzen Sie ſich wieder und thun Sie, als ob Cloten, dieſer geiſt¬ reichſte Jüngling, nicht hier geweſen wäre.

Ich glaube, es iſt die höchſte Zeit, daß ich auf¬ breche, ſagte Oswald; die Sonne iſt im Untergehen ich möchte gerade heute nicht ſpät nach Hauſe kommen.

Wie Sie wollen, ſagte der Baron; man ſoll den kommenden Gaſt willkommen heißen und den da¬ voneilenden nicht halten. Ich habe große Luſt, Sie eine Strecke zu begleiten. Sind Sie Reiter?

Ein wenig.

So wollen wir reiten, wenn es Ihnen recht iſt. Ich nehme einen meiner Leute mit. Entſchul¬ digen Sie mich für einen Augenblick. Ich will nur ein wenig Toilette machen und die nöthigen Be¬ fehle geben.

Sie ſitzen gut zu Pferde, Doctor, ſagte der Baron, als ſie eine Viertelſtunde ſpäter auf der Höhe des Strandes langſam dahinritten. Es iſt wirklich merkwürdig, welch wunderbares Talent Sie in dieſen Dingen zeigen. Ich glaube, es giebt keine körperliche44 Geſchicklichkeit, in der Sie es nicht in kurzer Zeit zur Meiſterſchaft bringen könnten.

Es iſt das um ſo merkwürdiger, ſagte Oswald, weil ich doch eigentlich in Folge meiner plebejiſchen Geburt und Erziehung gar keine Anſprüche auf dieſe ariſtokratiſchen Vorzüge machen kann.

Schade, daß ich nicht Cloten bin, ſagte der Baron.

Weshalb?

Weil ich dann die Ironie in Ihren Worten nicht im Entfernteſten ahnen, im Gegentheil durch Ihre rührende Beſcheidenheit von der an Haß grenzen¬ den Abneigung gegen Sie zurückkommen würde.

Iſt Herr von Cloten ſo gegen mich geſinnt?

Denken Sie denn, daß es einem Dandy lieb iſt, wenn ein Anderer ſich ihm im Piſtolenſchießen, Tanzen, Courmachen u. ſ. w., kurz in Allem überlegen zeigt, was der größte Stolz ſeiner kleinen Seele iſt? Weiber und weibiſche Männer verzeihen dergleichen nie. Ich habe mich an dem Abend in Barnewitz königlich über die Geſichter amüſirt, die, natürlich hinter Ihrem Rücken, von einigen dieſer geiſtreichen Jünglinge ge¬ ſchnitten wurden, und mir leider den billigen Spaß gemacht, durch allerlei kleine Teufeleien dieſe Püppchen noch mehr in Harniſch zu bringen.

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Warum leider? ich verſichere Sie, daß mir an der guten oder ſchlechten Meinung dieſer Herren ſehr wenig gelegen iſt.

Ohne Zweifel; aber Sie ſind, ſo lange Sie in dieſer Gegend bleiben, genöthigt, mit dieſen Leuten zu verkehren, und es iſt eine Regel der allergewöhnlichſten Klugheit, daß man ſeinen Mitreiſenden nicht gefliſſent¬ lich auf die Hühneraugen tritt. Wer zum Teufel kommt denn da querfeldein von Cona her?

Dieſer Ausruf des Barons galt dem geheimni߬ vollen Reiter, welchen Oswald bei ſeiner Ankunft be¬ merkt hatte, und der jetzt wieder quer über die Haide herantrabte, und ungefähr vierhundert Schritte vor ihnen auf den Weg gelangte.

Oswald erzählte dem Baron, was ihm mit dem Reiter begegnet war.

Das müſſen wir doch unterſuchen, ſagte der Baron; laſſen Sie uns einmal Trab reiten.

Sie hatten kaum ein paar Schritte zurückgelegt, als der Reiter vor ihnen, wie auf Verabredung, ſein Pferd ebenfalls in Trab ſetzte. Es ſchien, als ob er ſich einige Male verſtohlen umſchaute; doch war dies bei dem Dämmerlichte, das jetzt herrſchte, nicht mehr deutlich zu erkennen.

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Verſuchen wir es einmal mit Galopp , ſagte Os¬ wald; ich ſehe, der Geheimnißvolle macht es gerade ſo, wie heute Nachmittag.

Sie befanden ſich jetzt auf der weiten ebenen Fläche, die, ſich allmälig zum Fiſcherdorfe ſenkend, dem ſtei¬ nigen und weniger ebenen Terrain des Vorgebirges, auf welchem Oldenburg's Villa lag, folgte. Der Boden war nur mit einer dünnen Erdſchichte, in welchem ſpärliches Haidekraut wuchs, überkleideter Fels und erdröhnte vom Hufſchlag der Pferde, die jetzt wacker ausgriffen.

Der Geheimnißvolle war, ſo wie ſein Ohr den ſchnelleren Hufſchlag vernahm, dem Beiſpiel gefolgt und galoppirte jetzt, immer in derſelben Entfernung, vor ſeinen Verfolgern her.

Stern chase is a long chase, ſagte Oldenburg, dem die Sache großes Vergnügen zu machen ſchien. Der Burſche iſt übrigens ausgezeichnet beritten. Se¬ hen Sie nur, wie das Thier den Boden kaum mit den Hufen zu berühren ſcheint. Weißt Du nicht, Karl, wer es ſein kann?

Nein, Herr, ſagte der Reitknecht, der jetzt in einer Linie mit den beiden Herren ritt; es kann Niemand aus unſerer Gegend ſein, ſonſt müßten wir ihn ſchon geholt haben.

47

Karl ſchmeichelt ſich nämlich mit dem Gedanken, daß er die beſten und ſchnellſten Pferde weit und breit unter ſeinem Commando hat, bemerkte der Baron.

Er hält es auch nicht lange mehr aus, Herr! ſagte Karl.

Das müſſen wir abwarten, meinte der Baron.

Sollen wir nicht, um dem Dinge ein Ende zu machen, die Pferde einmal laufen laſſen? ſagte Os¬ wald nach einigen Minuten; es muß ſich dann ja zeigen, ob wir ihn einholen können, oder nicht.

Meinetwegen, ſagte Oldenburg, en avant!

Die drei Reiter ließen ihren Pferden die Zügel. Die edlen Thiere, wie entzückt über die ihnen ge¬ währte Freiheit, und als wüßten ſie, daß ihr Ruf als beſte Renner der ganzen Gegend heute auf dem Spiele ſtand, ſtürmten mit gewaltiger Geſchwindigkeit dahin, zuerſt Bruſt an Bruſt, bis Oldenburg's Rappe die Spitze nahm und behauptete, ſo oft auch eins der beiden andern Pferde ihm den Rang ſtreitig zu machen ſuchte.

Der Geheimnißvolle hatte, als ſeine Verfolger ihre Pferde in Carriere ſetzten, ſie bis auf zweihundert Schritt herankommen laſſen. Schon glaubten ſie die Jagd ihrem Ende nahe und der Reitknecht ſeine und ſeiner Pferde Ehre gerettet, als plötzlich der Mann48 vor ihnen ſeinem Renner die Sporen gab und ſeinen Kopf tief hinab bis faſt auf die Mähne des Thieres beugend mit einer Schnelligkeit dahinſchoß, die bald die Unmöglichkeit ihn einzuholen ſelbſt dem wüthenden Reitknecht klar machte.

Ich glaube, es iſt der Teufel ſelber, ſagte er durch die Zähne.

Oldenburg lachte; ich glaube es auch, rief er; wir wollen die Sache aufgeben.

Es dauerte einige Zeit, bis die aufgeregten Pferde ſich beruhigen konnten. Der Geheimnißvolle ſtürmte mit unverminderter Geſchwindigkeit weiter und war ſchon nach wenigen Minuten in dem Hohlwege, der nach dem Fiſcherdorfe hinunterführte, verſchwunden.

Eine, halbe Stunde ſpäter langten ſie vor dem Thore von Grenwitz an. Oswald ſtieg ab und über¬ gab die Zügel ſeines Pferdes dem Reitknecht, um dem Baron die Hand zu ſchütteln.

Wenn Sie ſich nicht allzuſehr gelangweilt haben, ſagte dieſer, ſo wollen wir das Experiment in den nächſten Tagen wiederholen. Leben Sie wohl!

Oswald gelangte auf ſeine Stube, ohne auf dem ſtillen Hofe, in dem ſtillen Hauſe auch nur einem Menſchen begegnet zu ſein. Als er ſich in das offene Fenſter lehnte und in den ſchon vom Abenddunkel er¬49 füllten Garten hinabſah, bemerkte er zwei Geſtalten, die flüſternd und toſend in den Gängen auf - und ab¬ ſchritten. Es waren Albert und Marguerite. Sie hatten offenbar die ſchöne Gelegenheit, in der Con¬ jugation von aimer weiter zu kommen, nicht unbenutzt verſtreichen laſſen.

F. Spielhagen, Problematiſche Naturen. III. 4
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Drittes Kapitel.

Mein Herr! Nach allen Seiten gleichmäßig zu reüſſiren gelingt Keinem, ſelbſt nicht dem vom Glück am meiſten begünſtigten Ritter. Werden Sie es da¬ her begreiflich finden, wenn Jemand, der mit einigem Staunen die Fortſchritte beobachtet hat, die Sie in der Gunſt einer gewiſſen Dame machten, das Ge¬ heimniß des Zaubers Ihrer Perſönlichkeit kennen zu lernen und zu dem Zwecke Ihre nähere Bekannt¬ ſchaft zu machen wünſcht? Und würden Sie wol, um ihm dies Vergnügen zu gewähren, die Güte haben heute Abend 11 Uhr einen Spaziergang aus dem kleinen Thore von Grenwitz zu machen? Sie würden vierhundert Schritte von demſelben auf dem Feldwege nach Berkow einen Wagen treffen, in den Sie nur zu ſteigen brauchten, um an den Ort des Rendezvous zu gelangen. Dort ſollen Sie Alles finden, was zur51 Anknüpfung eines intimeren Verhältniſſes unter Gent¬ lemen nöthig iſt.

Es iſt wol nicht beſonders nothwendig, Sie daran zu erinnern, daß dieſe delicate Angelegenheit in Ge¬ heimniß gehüllt bleiben muß. Der Lenker des Wa¬ gens wird aus der Antwort Moi auf ſeinen Anruf: qui vive? hören, daß Sie der Rechte ſind. Au revoir, Monsieur!

So lautete der Inhalt eines expreſſen Briefes, den der Poſtbote aus dem nächſten Städtchen am Abend des folgenden Tages Oswald brachte.

Er las das ſonderbare Schreiben mehrmals, bevor er ſich von ſeinem Erſtaunen erholen konnte. Wer war der Jemand , der ſeine nähere Bekanntſchaft zu machen wünſchte? wer die Dame, um die es ſich handelte? War das Geheimniß der Waldkapelle ent¬ weiht worden? hatte Jemand die Scene in der Fenſter¬ niſche auf dem Balle in Barnewitz belauſcht? Konnte Herr von Cloten der Herausforderer ſein? Das auf¬ fallend kühle Benehmen dieſes jungen Edelmannes bei der zufälligen Begegnung geſtern ſchien dafür zu ſprechen. Oder war dieſe Begegnung nicht zufällig, und ſtand der geheimnißvolle Reiter damit in Ver¬ bindung? war es nur ein Spion Cloten's? Aber war die Unterredung zwiſchen Herrn von Barnewitz4*52und dem Baron, bei welcher Oswald ein ſo unfrei¬ williger Zeuge geweſen war, nicht Beweis genug, daß Cloten nach einer ganz anderen Seite hin in Anſpruch genommen und mit ſeinen eigenen Angelegenheiten vollauf beſchäftigt war?

Oswald ließ die Reihe der jungen Edelleute, deren Bekanntſchaft er auf dem Balle gemacht hatte, an ſeinem Geiſte vorübergehen, und ſein Verdacht blieb ſchließlich auf dem jungen Grafen Grieben haften, jenem langen, blonden Jüngling, der ſo komiſche An¬ ſtrengungen machte, den ſtarken Geiſt zu ſpielen und ſich die Gunſt der übermüthigen Emilie zu erwerben, und in beiden Bemühungen ſo unglücklich geweſen war. Er konnte am erſten der Erfinder der Phraſe von dem vom Glück begünſtigten Ritter ſein.

Was ſollte er thun? Sollte er ſich der vielleicht nichts weniger als edlen Rache der jungen Edelleute aus¬ ſetzen? ſollte er in einen Kampf gehen, in welchem er die Wahl der Waffen, der Zeugen, des Ortes, kurz Alles ſeinem Gegner zu überlaſſen gezwungen war? Konnte es ihm ein billig denkender Mann verargen, wenn er die Herausforderung eines Namenloſen unbeachtet ließ?

Aber hatte er es denn mit billig denkenden Män¬ nern zu thun? hatte er nicht die Erfahrung gemacht, bewies nicht Alles, was er ſah und hörte, daß in53 dieſen bevorzugten Kreiſen ſubjectives Belieben für Recht galt und die frivolſte Laune des Augenblicks die Richtſchnur des Handelns war? Fand ſich dieſer Zug nicht ſelbſt bei denen, welche Geiſt und Charakter ſo hoch über den gewöhnlichen Troß ihrer Standes¬ genoſſen erhob: bei Oldenburg und Melitta?

Und würde ihm ein Ablehnen der Herausforderung nicht als Feigheit, nicht als ein Mangel jenes feinen Ehrgefühls ausgelegt werden, auf welches ſich der Adel ſo viel zu Gute thut?

Nein, nein; er mußte den Fehdehandſchuh auf¬ nehmen, wie verächtlich auch die Hand ſein mochte, die ihm denſelben aus dem Dunkel heraus vor die Füße geſchleudert hatte. Er mußte den Junkern zeigen, daß er ſich nicht fürchtete, allein, ohne Freunde, waffen¬ los ihrer Rache gegenüber zu treten.

Sein Blut kochte. Er ging erregt im Zimmer auf und ab.

Nur zu, nur zu! murmelte er durch die Zähne; ich wollte, ſie ſtellten ſich mir gegenüber, einer nach dem andern, mein Haß würde mir die Kraft geben, ſie Alle niederzuſchmettern. Es iſt ganz recht ſo, ganz recht! Was habe ich hier zu thun unter dieſen Wölfen? Zerriſſen werden oder zerreißen das hätte ich mir von vornherein ſagen können.

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Oswald fühlte, wie aus dem tiefſten Grunde ſeiner Seele, in den ſein Auge noch nie gedrungen war, es aufſtieg mit dämoniſcher Gewalt. Eine wilde Leiden¬ ſchaft, ein heißer Durſt nach Rache, ein wahnſinniges Verlangen, zu zerſtören, zu vernichten, erfaßte ihn; der ganze fanatiſche Haß gegen den Adel, den er als Knabe empfunden, wenn er ſeinem Vater in dem Garten hinter der Stadtmauer die Piſtolen lud, mit denen jener auf die Aſſe ſchoß, die eben ſo viele Her¬ zen von Adligen bedeuteten; wenn er auf der Schul¬ bank im Livius von dem Uebermuth der Tarquinier las, oder auf ſeiner Stube die thränenreiche Geſchichte der Emilia Galotti. Und das waren keine Märchen! Hier in dieſem Schloſſe, vielleicht in denſelben Zim¬ mern, die er jetzt bewohnte, war ein Opfer adliger Grauſamkeit verblutet; hier hatte die arme unglück¬ liche, ſchöne Marie mit tauſend heißen Thränen die Thorheit bezahlt, den Worten des adligen Verführers geglaubt zu haben.

Sie war als Opfer gefallen, denn ſie war ein ſchwaches Weib, und Thränen waren ihre Waffen, Thränen, die kein Erbarmen fanden. Dieſe Thränen waren noch nicht geſühnt. Wie? wenn er als Rächer für ſie aufſtände, wenn er dieſe Thränen eines Bür¬ germädchens ſühnte in dem Blut eines Adligen? ...

55

Solche Gedanken wirbelten durch Oswald's Ge¬ hirn, während er für den Fall eines ſchlimmen Aus¬ gangs den er übrigens ſonderbarer Weiſe kaum für möglich hielt, ſo ſchnell hatte er ſich in die Rolle eines Rächers gefunden einige flüchtige Vorberei¬ tungen traf, das heißt, die Briefe, von denen er nicht wünſchte, daß ſie jemals in fremde Hände fielen, ver¬ brannte und überhaupt etwas Ordnung in ſeine Pa¬ piere brachte; ſchließlich auch ein paar Zeilen an Pro¬ feſſor Berger ſchrieb, die er aber hernach wieder zer¬ riß und in den Ofen warf.

Tant de bruit pour une omelette, ſagte er; das Lumpenvolk iſt nicht werth, daß man ſeinethal¬ ſo viel Umſtände macht.

Mit Ungeduld erwartete er die bezeichnete Stunde.

Es ſchlug zehn auf der Schloßuhr. Er hörte, daß die Leute zu Bette gingen, auch aus Albert's Zimmer ſchimmerte Licht in den dunklen Garten hinab. Es ſchlug halb elf. Oswald machte ſorgfältig Toilette, nahm eine Roſe aus einem Blumenſtrauß, den er ſich heute im Garten gepflückt hatte, und ſteckte ſie ins Knopfloch.

Dann ging er leiſe aus ſeinem Zimmer die enge Treppe, auf welcher Marie in jener ſtürmiſchen Herbſt¬ nacht ſich aus dem Schloß geſtohlen hatte, hinab in56 den Garten, durch den Garten nach dem Gitterthor, welches neben dem Schloß auf den Hof führte und von dem man nur noch ein paar Schritte zu dem kleinen Thor hatte, vor welchem ihn der Wagen er¬ warten ſollte.

Der nächtliche Himmel war mit Wolkendunſt be¬ deckt, durch welchen nur ſpärliche Sterne leuchteten; es war ſo finſter, daß Oswald, bis ſich ſein Auge an das Dunkel gewöhnt hatte, den ſo bekannten Weg mit Vorſicht gehen mußte, um nicht rechts oder links in den Graben zu gerathen.

Plötzlich tauchte ein großer Gegenſtand aus dem Dunkel vor ihm auf, und in demſelben Augenblick rief eine tiefe, rauhe Stimme: qui vive!

Moi , antwortete Oswald.

Er ſah die deutlichen Umriſſe einer langen Geſtalt, die ihm die Thür des Wagens öffnete und den Schlag herabließ.

Sobald er eingeſtiegen war, wurde die Thür hin¬ ter ihm geſchloſſen und ſofort zogen auch die Pferde an; er konnte nicht erkennen, ob die Geſtalt neben dem Kutſcher Platz genommen hatte, oder der Kutſcher ſelbſt war.

Kutſcher und Pferde mußten den Weg ſehr genau kennen, oder in dunkler Nacht ſo gut ſehen können,57 wie am hellen Tage; denn der Wagen bewegte ſich mit einer Schnelligkeit, gegen die ſelbſt ein ungedul¬ diger Liebender nichts hätte einwenden können. Der Weg war gut, und wenn auch hie oder da ein Stein im Geleiſe lag, ſo hing der Wagen in ſo vortreff¬ lichen Federn, daß man den dadurch verurſachten Stoß kaum ſpürte.

Oswald lehnte ſich in die ſchwellenden Kiſſen. Der weiche Sammet ſchien einen feinen Wohlgeruch auszuſtrömen, der den engen Raum erfüllte, wie das Boudoir einer hübſchen Frau. Ja, es war Oswald, als ob es daſſelbe Parfüm ſei, das Melitta zu führen gewohnt war. Und plötzlich war es ihm, als ſäße Melitta neben ihm, als berühre ihre warme weiche Hand ſeine Hand, als fühlte er das Wehen ihres Athems an ſeiner Stirn, als legten ſich ihre Lippen leicht wie ein Hauch auf ſeinen Mund.

Und vor dieſem wonnigen Traum verſank die Wirklichkeit in nichts. Oswald vergaß, was er vor¬ hatte; er dachte nicht daran, was ſeiner harrte; er wußte nicht mehr, wo er war und nur ſie, ſie allein erfüllte ſeine ganze Seele. Wie eine Sturm¬ fluth von Seligkeit überkam ihn die Erinnerung an ihren Liebreiz, ihre Güte, ihre holde Rede und ihren ſüßen Kuß. Mit wunderbarer Klarheit zogen die köſt¬58 lichen Bilder der einzig wonnigen Stunden, die er an ihrer Seite, zu ihren Füßen verlebt hatte, durch ſeine Erinnerung, von jener erſten Begegnung auf dem Raſenplatze hinter dem Schloſſe von Grenwitz bis zu dem Augenblick, wo ſie, mit Thränen in den lieben Augen, ſich von ihm wandte in jener Nacht unſeligen Angedenkens, wo der Dämon der Eiferſucht die ſcharfen Krallen in ſein zuckendes Herz ſchlug.

Vergieb mir, Melitta; vergieb mir! ſtöhnte er, ſeinen Kopf in die Kiſſen drückend.

Da plötzlich hielt der Wagen. Die Thür wurde aufgeriſſen; die lange Geſtalt, die ihm den Schlag herabgelaſſen hatte, half ihm ausſteigen, reichte ihm die Hand, führte ihn einige Stufen hinauf zu einer hohen Fenſterthür, durch deren rothe Vorhänge ein mattes Licht ſchimmerte. Die Thür that ſich auf, und Oswald ſah ſich in dem Gartenſaal von Melit¬ ta's Schloß und Melitta ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und Melitta's Stimme flüſterte: ver¬ gieb mir, Oswald! vergieb mir!

Du Grauſamer! ſagte Melitta, als der erſte wilde Sturm des Entzückens mit ſeinen Thränen¬ ſchauern der Wonne vorübergebrauſt war; wie haſt Du nur ſo viele Tage Dein Herz vor mir verſchlie¬59 ßen können, und wußteſt doch, daß ich da draußen ſtand und um Einlaß bettelte! Aber ich will Dich nicht ſchelten. Du biſt ja hier und nun iſt Alles wieder gut.

Sie legte ihren Kopf an ſeine Bruſt und ſchaute durch Thränen lächelnd zu ihm empor: nicht wahr, lieb Herz, nun iſt Alles wieder gut? nun iſt Melitta wieder, was ſie Dir vorher war, was ſie Dir ewig ſein wird trotz aller hübſchen ſechzehnjährigen Mäd¬ chen, ſie mögen Emilie heißen oder

Melitta!

Oder Melitta! denn es giebt nur eine Melitta und wenn tauſend ſo hießen und dieſe eine bin ich. Und daß Du dieſen wichtigen Umſtand vergeſſen konn¬ teſt, welche Umſtände haſt Du mir dadurch bereitet, mir und dem armen alten Baumann! Ich will von mir nichts ſagen, denn Leid will Freud und Freud will Leid haben, und wenn man rechtſchaffen liebt, kommt es auf ein paar Thränen, ein paar durch¬ wachte Nächte, ein paar angefangene und wieder zer¬ riſſene Briefe mehr oder weniger nicht an; aber der arme Baumann! Denke Dir nur! ich war am erſten Tage ganz ruhig, denn ich dachte: er wird ſchon kom¬ men, und Dich fußfällig um Verzeihung bitten; als Du aber nicht kamſt, nicht am zweiten, nicht am drit¬60 ten Tage, da ſank mir der Muth und ich mag wohl recht troſtlos ausgeſehen haben, denn wie ich hier, den Kopf aufgeſtützt ſaß, fühlte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter und als ich aufſchaue, ſteht der gute alte Baumann da und ſagt: ſoll ich einmal nachſehen, wo er ſo lange bleibt? Ach ja, lieber Baumann , ſagte ich. Da ging die treue Seele, ohne weiter ein Wort zu ſagen fort, und kam erſt ſpät am Abend wieder. Hat Er ihn geſehen? Zu Be¬ fehl; er iſt wohl und munter; ich bin mit ihm in die Wette geritten.

So war der alte Baumann der geheimnißvolle Reiter?

Natürlich und er lachte in ſeiner ſtillen Weiſe, wie er erzählte, daß Ihr ihn gejagt hättet, als wollte er ſagen: dieſe Kinder! dachten, ſie könnten mich über¬ holen auf dem Brownlock!

Das war der Brownlock, von dem mir Bruno ſchon ſo viel vorgeſchwärmt hat; ja freilich! nun er¬ klärt ſich Alles!

Nicht wahr? nun erklärt ſich auch, weshalb ſich Baumann hinſetzte und nach meinem Dictat den Brief ſchrieb. Der Alte wollte nicht und ſagte: ein Duell iſt kein Kinderſpiel und das heißt den Scherz zu weit treiben; aber ich lachte und weinte, bis er es61 doch that und heute Morgen noch einmal auf den Brownlock ſtieg und in die Stadt ritt, und heute Abend nach Grenwitz fuhr.

Und wenn ich nun der Herausforderung nicht ge¬ folgt wäre?

Das deutete auch Baumann an und ich antwor¬ tete ihm: ſchäme Er ſich, Baumann, ſo etwas zu ſagen.

Oswald lachte: Natürlich! wir müſſen uns jedes Mal ſchämen, ſo oft wir etwas ſagen oder thun, was nicht in die Welt paßt, wie ſie ſich in Euren Köpfen malt.

Melitta antwortete nicht und Oswald ſah, daß ein Schatten über ihr Geſicht flog. Er ließ ſich vor ihr auf ein Knie nieder und ſagte, ihre herabhängende Hand ergreifend:

Habe ich Dich beleidigt, Melitta?

Nein , ſagte ſie; aber dieſe Bemerkung hätteſt Du vor acht Tagen nicht gemacht.

Wie meinſt Du das?

Komm, ſteh auf! laß uns ein wenig in den Gar¬ ten gehen. Es iſt ſo ſchwül in den Zimmern: mich verlangt nach der kühlen Nachluft.

Sie gingen hinab in den Garten und wanderten Arm in Arm zwiſchen den Beeten, bis ſie zu der nie¬62 drigen Erdterraſſe gelangten, wo Oswald, als er an jenem Sonntag Nachmittag den Beſuch auf Berkow machte, Melitta getroffen hatte. Sie ſetzten ſich unter den Tannenbaum, der ſeine Aeſte ſchützend über ſie breitete, auf eine der Bänke. Die Nacht war laut¬ los ſtill; die Bäume ſtanden unbeweglich, wie in tie¬ fem Schlaf; würziger Blumenduft erfüllte die warme thauloſe Luft; Glühwürmchen irrten wie leuchtende Sterne durch das Dunkel.

Du haſt mir auf meine Frage noch immer nicht geantwortet, Melitta? ſagte Oswald, was haben denn die letzten acht Tage an mir verändert? bin ich nicht mehr derſelbe, der ich war, nur daß die bittere Reue, Dir weh gethan zu haben, meine Liebe zu Dir nur noch tiefer und inniger gemacht hat?

Melitta antwortete nicht; plötzlich ſagte ſie, ſchnell und leiſe:

Biſt Du ſeit dem Sonntag in Barnewitz oft mit ihm zuſammengeweſen?

Mit wem, Melitta?

Nun mit mit Baron Oldenburg. Gott ſei Dank, nun iſt es endlich heraus! Es iſt recht kindiſch und thöricht, daß ich mich bis jetzt ſtets geſträubt habe, Oldenburgs zu erwähnen, und Dir zu ſagen, welches meine Beziehungen zu dem Manne waren,63 und doch fühlte ich, daß Du ein Recht hatteſt, es zu wiſſen, und daß ich die Pflicht habe, von meiner Ver¬ gangenheit, wo ſie Dir dunkel ſcheinen muß, den Schleier zu heben. Dies Gefühl wurde zuletzt, be¬ ſonders, als ich ſeit geſtern wußte, daß Du mit dem Baron auf einem intimen Fuße ſtandeſt, ſo ſtark, daß ich Dich um jeden Preis hier zu haben wünſchte, und da verfiel ich denn auf den kindiſch dummen Einfall.

Ich habe nicht, wie Du ſagſt, das Recht zu einer ſolchen Neugier, Melitta; antwortete Oswald. Für die Liebe, die Du mir gewährſt, muß ich dankbar ſein und bin ich dankbar, wie für eine holde Gnade des Himmels. Ja, ich geſtehe, es gab eine Zeit, wo meine Liebe noch den Zweifel kannte, aber da war ſie noch nicht die echte Liebe. Jetzt iſt es mir undenkbar, ich könnte je aufhören Dich zu lieben, und Deine Liebe könnte jemals aufhören. Ja, es iſt mir, als ob dieſe Liebe, wie ſie ewig ſein wird, auch ſchon von Ewigkeit geweſen wäre. Ob Du ſchon früher geliebt haſt, ich weiß es nicht; es iſt möglich, aber ich verſtehe es nicht und würde es nicht verſtehen, wenn Du es mich auch ausdrücklich verſicherteſt.

Und ich verſichre Dich, ſagte Melitta, ſich zärt¬ an den Geliebten ſchmiegend; ich habe nie geliebt.64 bis ich Dich ſah; denn, was ich früher Liebe nannte, war nur die unbefriedigte Sehnſucht nach einem Ideal, das ich im tiefſten Herzen trug, das ſich mir niemals zeigen wollte, und das, jemals zu finden, ich ſchon ſeit Jahren die Hoffnung aufgegeben hatte.

Und Du glaubſt, ich ſei dies verkörperte Ideal? Arme Melitta! wie bald wirſt Du aus dieſem Traum erwachen! Erwache, Melitta! erwache noch iſt es Zeit!

Nein, Oswald, es iſt zu ſpät. Es giebt eine Liebe, die ſtark iſt wie der Tod, und aus ihr giebt es kein Erwachen. Nein! kein Erwachen! Ich fühle es, ich weiß es. Und wenn Du Dein Antlitz von mir wendeteſt, und wenn Du mich von Dir ſtießeſt Dir gegenüber habe ich keinen gekränkten Stolz, keine verletzte Eitelkeit nur Liebe, unergründliche, unermeßliche, unerſchöpfliche Liebe. Bis jetzt wußte ich nur, daß ich lieben könne; wie ſehr ich lieben könne, haſt Du mich erſt gelehrt ....

Und nun kann ich auch ruhig über die Zeit ſprechen, in der ich Dich noch nicht kannte denn jenes Leben war nur ein Scheinleben und Alles, was ich fühlte und dachte, war nur ein unbeſtimmtes Träumen ohne Zuſammenhang und Sinn. Jetzt weiß ich es, jetzt, wo ich in dem Sonnenſtrahl Deiner65 Liebe die Augen aufſchlug und nun das Leben ſo durchſichtig klar vor mir liegt, daß mir die dichte Nacht, die uns umgiebt, heller däucht, wie ſonſt der lichteſte Tag, und die dunkelſten Räthſel meines Her¬ zens gelöſt ſind. Jetzt kann ich von der Melitta der früheren Zeit ſprechen, wie von einem fremden We¬ ſen, für deſſen Thun und Laſſen ich mich nicht ver¬ antwortlich fühle; jetzt kann und will ich Dir erzäh¬ len, was es für eine Bewandniß mit dem Bilde in meinem Album hat, dem losgelöſten Blatt, deſſen Vor¬ handenſein Dich damals ſo erſchreckte, liebes Herz. Ja, ja, ich hab es wol bemerkt Du entfärbteſt Dich und konnteſt nicht faſſen, wie ich Dich um Dein Urtheil über den Mann befragen konnte, den Du für meinen Geliebten halten mußteſt. Und doch war das Oldenburg nie, oder es müßte in der Liebe tau¬ ſend Grade geben, von denen der niedrigſte von dem höchſten ſo weit entfernt iſt, wie die Erde von dem Himmel.

Ich kannte Oldenburg ſchon von meiner früheſten Kindheit an. Salchow, das Gut meines Vaters, grenzt an Cona, wo Du geſtern warſt. Meine Tante, die nach dem frühen Tode meiner Mutter meine Er¬ ziehung leitete, und Oldenburg's Mutter waren ſehr gute Freundinnen und kamen faſt täglich zuſammen. F. Spielhagen, Problematiſche Naturen. III. 566Natürlich auch wir Kinder. Oldenburg war ein paar Jahre älter als ich, aber da die Mädchen den Knaben ſtets in der Entwickelung voraus ſind, ſo wurde der Unterſchied des Alters von uns nicht empfunden, wir ſpielten und arbeiteten zuſammen, und hielten gute Kameradſchaft für gewöhnlich; denn es kam auch manchmal zu heftigem Wortwechſel und Zank und Thränen. Ich gab ſelten Veranlaſſung dazu, denn ich war wenig rechthaberiſch und ſtets zu Conceſſionen bereit, aber Adalbert war über die Maßen empfind¬ lich, ſtörriſch und eigenwillig. Die Doppelnatur ſeines Weſens, die er ſpäter auszugleichen ſich be¬ mühte und vor weniger Scharfſichtigen auch meiſtens zu verbergen wußte, lag damals offen zu Tage. Es war unmöglich, ſich nicht für ihn zu intereſſiren, aber ich glaube, es gab Niemanden, der ihn wirklich liebte. Er fühlte das, und dies Gefühl, welches er wie eine geheime Wunde ſtets mit ſich herumtrug, machte ihn ſchon ſehr früh zu einem Hypochonder und Menſchen feind. Was half es ihm, daß Jedermann ſeine emi¬ nenten Gaben bewunderte, daß Niemand an ſeinem Muth, ſeiner Wahrheitsliebe zweifelte! ſein ſtörriſches, eigenſinniges Weſen ſtieß Alle zurück, verletzte Alle; ja ſelbſt ſeine lange, unſchöne Geſtalt und ſeine täp¬ piſchen, linkiſchen Bewegungen trugen dazu bei, die67 Herzen der Menſchen von ihm zu wenden. Wenigſtens war es ſo bei mir, da ich mich von Jugend auf zu allem, was ſchön und anmuthig war, unwiderſtehlich hingezogen fühlte, und einen wahren Abſcheu vor dem Häßlichen und Formloſen hatte. Ich konnte mich nicht überwinden, Adalbert zu lieben, obgleich er mit großer, aber freilich ſtets hinter Schroffheit und Kälte ſorg¬ ſam verſteckter Zärtlichkeit an mir hing und manch¬ mal, wenn ſeine Leidenſchaftlichkeit über die künſtliche Ruhe, die er zur Schau trug, ſiegte, mir in den herbſten, bitterſten Ausdrücken meine Liebloſigkeit, meinen Leichtſinn, meinen Wankelmuth vorwarf.

Dies Verhältniß blieb, bis Adalbert mit ſechzehn Jahren das Gymnaſium bezog, denn er hatte es bei ſeinem Vormunde ſeine Mutter war jetzt auch ge¬ ſtorben durchgeſetzt, daß er ſtudiren durſte. Er kam nur noch ſelten und immer nur auf wenige Tage nach Cona. Dann war ich zwei Jahre lang in Pen¬ ſion. So kam es, daß wir uns, bis er nach Heidel¬ berg ging, nur im Vorübergehen ſahen. Als er von der Univerſität und ſeiner erſten größeren Reiſe zu¬ rückkehrte, war ich ſchon zwei Jahre verheirathet ge¬ weſen.

Es dauerte eine geraume Zeit, bis er einen Be¬ ſuch auf Berkow machte. Unſer Wiederſehen war5*68eigenthümlich genug. Er ſchien den ganzen, ſo verän¬ derten Zuſtand nur als ein fait accompli hinzu¬ nehmen, dem man ſich beugt, weil man muß. Er beläſtigte mich nicht mit Fragen; er verlangte keine vertrauliche Mittheilung, auf die der einzige Freund meiner Kinder - und Mädchenjahre doch wohl An¬ ſpruch hatte. Er machte mir auch keine Vorwürfe; er ſagte mir nicht, daß er mich geliebt, daß er auf meine Hand gehofft hatte, obgleich ich nachher erfuhr, daß dies doch der Fall geweſen, und daß er, als ihn die Nachricht von meiner Verheirathung in Heidel¬ berg traf, faſt in Raſerei gefallen war und wochen¬ lang, monatelang an einer unbeſieglichen Schwermuth gekrankt hatte. Er ſuchte ſich durch eigene Beobach¬ tung ein möglichſt klares Bild meines jetzigen Ver¬ hältniſſes zu verſchaffen. Ich ſah, daß ihm nichts entging, daß keine meiner Aeußerungen von ihm un¬ berückſichtigt, keine meiner Mienen von ihm unbeobach¬ tet blieb. Dieſes Bewußtſein, unter der Controle eines ſo ſcharfſichtigen Auges zu ſtehen, war nichts weniger als behaglich, zumal wenn, wie in dieſem Falle, ſo Vieles hätte anders ſein können, anders ſein müſſen. Es trat bald wieder daſſelbe Verhält¬ niß ein, welches früher zwiſchen uns geherrſcht hatte, nur daß die heftigen Scenen wegblieben, die damals69 durch ſeine Leidenſchaft gelegentlich herbeigeführt wur¬ den. Wie er mir früher alle hübſchen Muſcheln, Steine und Blumen, die er am Strande, zwiſchen den Klippen, auf den Wieſen gefunden hatte, zutrug, ſo theilte er mir jetzt alles mit, was er Intereſſantes auf den vielen Feldern des Wiſſens, auf denen ſich ſein unerſättlicher und unermüdlicher Geiſt umhertrieb, entdecken konnte: bald ein ſchönes Gedicht, bald eine tiefſinnige Sentenz, und er empfand es jetzt nicht weniger ſchmerzlich, daß ich mit den geiſtigen Schätzen nicht haushälteriſcher umging, als mit den Blumen, die ich vertrocknen ließ, und den Steinen und Muſcheln, die ich wegwarf. Ich wußte, daß ich keinen treueren Freund hatte, als ihn, und er, daß ſich in das Ge¬ fühl, welches ich für ihn empfand, auch nicht die min¬ deſte Liebe miſchte; um ſo uneigennütziger war ſeine Freundſchaft, und um ſo unverantwortlicher die Lau¬ nenhaftigkeit, mit der ich ihn behandelte.

Seine Freundſchaft ſollte bald eine traurige Ge¬ legenheit finden, ſich zu bethätigen. Die Schwermuth, in die Carlo kurz nach Julius Geburt gefallen war, nahm einen immer krankhafteren Charakter an. Aus¬ brüche einer unberechenbaren Laune, die Vorboten der letzten fürchterlichen Kataſtrophe, wurden immer häu¬ figer. Er wollte jetzt Niemand um ſich haben, als70 Adalbert, was um ſo auffallender war, als er, der Lebemann, den tiefſinnigen, melancholiſchen, und um ſo viel jüngeren Baron den Jüngling von Sais nannte er ihn früher ſtets verlacht, verſpottet und eigentlich wohl gehaßt hatte. Jetzt begleitete er ihn auf Tritt und Schritt, jetzt war Oldenburg's Stimme die einzige, welche die finſtern Dämonen, die um ſein Haupt die Flügel ſchlugen, auf Augenblicke wenigſtens verſcheuchen konnte. Und die Aufopferung, mit der Oldenburg ſich dieſem Liebesdienſt unterzog, iſt nicht hoch genug anzuerkennen und ich müßte ſie ihm, ſo lange ich lebe, danken. Dann kam die Kataſtrophe. Oldenburg ſtand mir in dieſen ſchweren Tagen treu zur Seite; oder genauer: er nahm alle Laſt und Ver¬ antwortung ſo ganz auf ſich und leitete Alles mit ſolcher Energie und Umſicht, daß ich nur immer Ja zu ſagen hatte.

Carlo war in eine Anſtalt im ſüdlichen Deutſch¬ land gebracht und ich war allein hier auf Berkow, mich ganz der Erziehung meines Julius, der damals fünf Jahre alt war, und dem ich auf Oldenburg's Rath ſchon jetzt in Bemperlein einen Freund und Lehrer gegeben hatte, widmend. Oldenburg kam jetzt ſeltener als früher, aber doch noch immer ſehr häufig, wie mir ſchien. Ich glaubte zu bemerken, daß ſich71 ein Ton von Zärtlichkeit in die Freundſchaft miſchte, die ich einzig von ihm wünſchte und erwartete; und kaum hatte ich dieſe Bemerkung gemacht, als ich mich ſchon berechtigt glaubte, ihn, ſo ſchonend wie möglich freilich, auf die allzugroße Häufigkeit ſeiner Beſuche aufmerkſam zu machen. Es war dies vielleicht ent¬ ſetzlich undankbar von mir; aber uns Frauen wird es auch entſetzlich ſchwer, gegen den dankbar zu ſein, den wir nicht lieben.

Den nächſten Tag ſchon war Oldenburg abgereiſt; Niemand wußte wohin. Dann wollte ihn ein halbes Jahr ſpäter Einer in London geſehen haben; ein An¬ derer ſah ihn ein Jahr darauf in Paris. Er war bald hier, bald dort, ruhelos umhergetrieben von ſeinem wilden Herzen und ſeinem unerſättlichen Wiſſensdurſt.

So waren vier Jahre verfloſſen, die in meinen Verhältniſſen ſehr wenig geändert hatten. Oldenburg's gedachte ich ſelten und immer wie eines Verſtorbenen. Da es iſt nun drei Jahre her ließ ich mich von meinem Vetter und meiner Couſine bereden, ſie auf der Reiſe nach Italien zu begleiten. Als wir eines Abends im Mondenſchein das Coliſeum beſuchten, ſtand plötzlich Oldenburg vor uns. Endlich! ſagte er leiſe, indem er mir die Hand drückte. Er wollte uns ganz zufällig getroffen haben; hernach geſtand er72 mir, daß er in Paris, ich weiß nicht durch wen? unſern Reiſeplan erfahren, uns ſchon von München aus verfolgt und immer verfehlt habe, bis es ihm endlich hier gelang, uns einzuholen. Ich muß ge¬ ſtehen, daß ich mich über dies Zuſammentreffen auf¬ richtig freute und es mit einiger Genugthuung em¬ pfand, daß es kein zufälliges war. Es vereinigte ſich Alles, um Oldenburg bei mir einen guten Empfang zu bereiten. Man ſchließt ſich auf Reiſen ſelbſt an Fremde leicht an: wie ſollte uns der Freund unſerer Jugend, wenn wir ihn plötzlich in fernen Landen treffen, nicht willkommen ſein? Oldenburg hatte Ita¬ lien ſchon mehrmals bereiſt und kannte jeden Meiſter von jedem Altargemälde in jeder Kloſterkirche Seine lehrreiche Unterhaltung ſtach gegen das banale Ge¬ ſchwätz meiner Verwandten gar ſehr zu ſeinem Vor¬ theile ab, und dazu kam, daß Oldenburg durch die vielfache Berührung mit der feinſten Geſellſchaft jetzt die ſchroffen und rauhen Seiten ſeines Weſens be¬ deutend abgeſchliffen hatte. Sein Auftreten war, wie Du es jetzt ſiehſt, das heißt, bei aller bis an Nach¬ läſſigkeit ſtreifenden Ungezwungenheit, doch im ſchönſten Sinne des Wortes ariſtokratiſch. Mit einem Worte: er machte jetzt einen Eindruck auf mich, den ich früher nie für möglich gehalten hätte. Es war nicht Liebe,73 was ich für ihn empfand, aber es war doch auch mehr als die kühle Freundſchaft, welche ich ihm bis jetzt entgegengebracht hatte. Aber ſeltſam, in dem¬ ſelben Maße, in welchem ich die geheime Antipathie, die ich ſchon von meinen Kinderjahren her gegen ihn hatte, einer beinahe herzlichen Zuneigung weichen fühlte, wurde ſein Benehmen gegen mich ſchroffer und kälter. Er richtete ſeine Unterhaltung, wenn wir beiſammen waren, faſt ausſchließlich an meine Couſine und be¬ handelte mich wie ein verzogenes Kind, dem man den Willen thut, nur damit es nicht anfängt zu weinen. Das verletzte meine Eitelkeit und dieſer verletzten Eitel¬ keit und der Eiferſucht, die ich gegen meine Couſine empfand, zu Liebe, legte ich es ernſtlich darauf an, mir Oldenburg's Zuneigung, die ich durch eine mir unbekannte Urſache verloren zu haben glaubte, wieder zu gewinnen. Das bewirkte alsbald eine völlige Um¬ wandlung in Oldenburg's Betragen. Er überſchüttete mich jetzt mit Aufmerkſamkeiten, er ſchien Hortenſe vollkommen vergeſſen zu haben, und ſobald wir allein waren, zeigte er eine Leidenſchaft, die mich zuerſt in Verwunderung und dann in Schrecken ſetzte. Dabei wußte er jeder eigentlichen Erklärung ſorgfältig aus¬ zuweichen und mich ſtets in Zweifel zu erhalten, ob dies nur eine ſeiner tollen Launen war, die er ge¬74 legentlich annimmt und ablegt, wie ein Kleid, oder der Ausdruck einer wirklichen tiefgewurzelten Neigung. Es war unmöglich, Oldenburg in dieſer Zeit nicht zu bewundern. Sein Genius zeigte ſich glänzender, wie je zuvor; die Fülle von Geiſt, die er verſchwenderiſch entfaltete, war in der That außerordentlich. Er war die Seele jeder Geſellſchaft; man riß ſich förmlich um ihn, und da er franzöſiſch, engliſch, italieniſch und ich weiß nicht, wie viel Sprachen außerdem, ſo gut wie deutſch ſpricht, ſo ſchien jede Nation ihn als einen der ihrigen anſehen zu dürfen und zu wollen. Wenn er nun mich zur Königin jedes Feſtes machte, wenn er Alle zwang, mir zu huldigen, wenn er alle Schätze ſeines reichen Geiſtes mir entfaltete, um ſie mir zu Füßen zu legen, ſo iſt es wol natürlich, daß ich da¬ gegen nicht gleichgültig bleiben konnte, daß ich mir eine kurze Zeit lang einbildete, ihn zu lieben. Ohne ihn geradezu aufzumuntern, ließ ich ihn doch gewähren, wenn er mich in Augenblicken, wo wir allein waren, mit dem vertraulichen Du unſerer Kinderjahre an¬ redete, wenn er in Geſellſchaft mir jene Aufmerkſam¬ keiten erwies, die man ſonſt nur von einem erklärten Liebhaber entgegenzunehmen gewohnt iſt.

Still, Melitta, mir war, als hörte ich Jemand im Garten.

75

Ich hörte nichts.

Sind wir hier auch vor jeder Störung ſicher?

Vollkommen. Indeſſen, laß uns in's Haus zurück¬ kehren; mir däucht, der Nachtthau beginnt zu fallen.

Sie erhoben ſich und gingen Arm in Arm nach der Treppe, die von der Terraſſe in den Garten führte. Als ſie die letzte Stufe hinabſtiegen, ſtand plötzlich ein Mann vor ihnen. Das Zuſammentreffen war für Oswald und Melitta ſo unerwartet, daß ſie unwillkürlich zurückzuckten. Indeſſen war an ein Aus¬ weichen nicht mehr zu denken, und überdies hatte Herr Bemperlein denn Niemand anderes war es ſie ſchon erkannt, denn die Sterne leuchteten jetzt in voller Pracht, und aus den Fenſtern des Gartenſaales fiel ein Lichtſchimmer den Gang hinab, gerade in die Ge¬ ſichter der Beiden.

Mein Gott, gnädige Frau, wie kommen Sie hier¬ her? rief Herr Bemperlein.

Ich gebe die Frage zurück, ſagte Melitta, und dann zu Oswald, deſſen Arm ſie nicht losgelaſſen hatte, leiſe: Sei ruhig, Herz; er verräth uns nicht.

Es iſt doch Julius kein Unglück zugeſtoßen? Sprechen Sie, lieber Bemperlein, ich habe keine Ge¬ heimniſſe vor Oswald.

Herr Bemperlein ergriff Oswald's Hand und76 drückte ſie, als wollte er ſagen: ich weiß jetzt Alles, rechnet auf mich.

Nein, ſagte er; Julius iſt wohl und munter, aber ich bekam heute einen Brief von Dr. Birkenhain, dem zufolge es mit dem Befinden Herrn von Berkow's ſo ſchlecht ſteht, daß man täglich ſein Ende erwartet. Seltſamer Weiſe iſt er bei vollkommener Beſinnung und verlangt dringend nach Ihnen. Dr. Birkenhain hielt es für ſeine Pflicht, Ihnen dieſen Wunſch eines Sterbenden mitzutheilen. Jedenfalls wird dies der Inhalt des eingelegten Briefes an Sie ſein. Ich habe ihn ſelbſt gebracht, damit Sie ſofort über meine Dienſte verfügen könnten, im Falle Sie ſich zu einer Reiſe entſchließen ſollten. Der Wagen, in welchem ich gekommen bin, wird jetzt wol ſchon vor dem Hauſe halten; ich hatte den kürzeren Weg durch den Garten vorgezogen.

Die Drei waren in den Gartenſaal getreten. Me¬ litta hatte Oswald's Arm losgelaſſen und ſich der Lampe genähert, den Brief zu leſen, welchen Bem¬ perlein ihr überbracht hatte. Oswald ſah, daß ſie ſehr blaß geworden war, und daß ihre Hand, die den Brief hielt, zitterte. Bemperlein ſtand, den Blick von Melitta auf Oswald, von Oswald auf Melitta wendend, da, wie Jemand, der, aus einem ſchweren77 Schlaf erwachend, ſich noch nicht von der Wirklichkeit deſſen, was er vor ſeinen Augen ſieht, überzeugen kann.

Melitta hatte den Brief geleſen: Da, Oswald, ſagte ſie, lies und ſage, was ſoll ich thun.

Oswald durchflog das Schreiben, welches, wie Bemperlein ſchon geſagt hatte, Melitta auffor¬ derte, ſich ſofort auf den Weg zu machen, falls ſie den ſterbenden Gatten noch einmal zu ſprechen wünſche.

Du mußt reiſen, Melitta, ohne Frage, ſagte Oswald, den Brief wieder zuſammenfaltend. Du würdeſt es Dir nie vergeben können, wollteſt Du jetzt dieſe Pflicht nicht erfüllen.

Melitta warf ſich ſtürmiſch in die Arme ihres Ge¬ liebten: Es war von vornherein mein Wille zu reiſen; ich wollte ihn nur von Dir beſtätigt hören, ſagte ſie. Ich reiſe noch in dieſer Nacht, noch in dieſer Stunde. Wollen Sie mich begleiten, lieber Bem¬ perlein?

Ich bin in dieſer Abſicht hierher gekommen, gnä¬ dige Frau, ſagte Herr Bemperlein, und habe den Reiſeplan ſchon entworfen. Wenn wir in einer Stunde etwa aufbrechen, ſind wir noch vor Sonnenaufgang an der Fähre. Drüben nehmen wir Extrapoſt bis P.,78 von da Eiſenbahn. So ſind wir übermorgen Nacht ſpäteſtens an Ort und Stelle.

Sie guter, treuer Freund, ſagte Melitta, Bem¬ perlein's beide Hände in die ihren nehmend und herz¬ lich drückend.

Bitte, bitte, gnädige Frau! rief Herr Bemper¬ lein, ganz im Gegentheil, wollte ſagen, nur meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit.

Ich will mich ſogleich zur Reiſe fertig machen, ſagte Melitta, ein Licht ergreifend. Bleibe ruhig hier, Oswald. Wenn Jemand von den Leuten Dich ſehen ſollte, biſt Du mit Bemperlein gekommen; es wird Dich aber Niemand ſehen.

Melitta hatte das Zimmer verlaſſen. Bald hörte man in dem eben noch ſo ſtillen Hauſe das Geräuſch von eiligen Schritten, von Thüren, die haſtig auf - und wieder zugemacht wurden, von dumpfen Stimmen, die ängſtlich durcheinander ſprachen.

Von den beiden Männern wagte in den erſten Minuten keiner das Schweigen zu brechen. Beide fühlten das Wunderliche der Situation, in die ſie ſo urplötzlich gerathen waren; vor allem Bemperlein, der ſich innerlich noch immer nicht von ſeinem tiefen Er¬ ſtaunen erholen konnte. Melitta ſtand in ſeinen Augen ſo unerreichbar hoch da, daß er ſchlechterdings79 nicht zu begreifen vermochte, wie es irgend einem Sterblichen gelingen könnte, ſich zu dieſer Höhe zu erheben, und auf der andern Seite war er ſeit vielen Jahren ſo daran gewöhnt, Alles, was ſie that, für gut und recht und unverbeſſerlich zu halten, daß er von dieſer Regel ſelbſt jetzt eine Ausnahme zu machen nicht den Muth hatte.

Wir ſehen uns auf eine gar ſeltſame Weiſe wie¬ der, Herr Bemperlein, ſagte Oswald endlich.

Ja wohl, ja wohl! ſagte Herr Bemper¬ lein. Mein Kommen war weder erwartet, noch er¬ wünſcht, ich begreife das vollkommen die arme gnädige Frau! aber welchen Muth ſie hat, welche Schnelligkeit des Entſchluſſes! ich habe es ja immer geſagt: ſie iſt aus beſſerem Stoffe, als wir an¬ deren Menſchenkinder. Ein wahres Glück, daß Dr. Birkenhain den geſcheidten Einfall hatte, nicht direct an ſie zu ſchreiben. So kann ich, wenn auch nicht viel, doch etwas wenigſtens zu ihrer Unterſtützung thun.

Sie Glücklicher! ſagte Oswald. Sie dürfen für ſie wirken und ſchaffen; und ich kann nichts thun, nichts als ihr eine glückliche Reiſe wünſchen und ſo¬ dann die Hände müßig in den Schooß legen.

Ich bedaure Sie von ganzem Herzen, wahr¬80 haſtig, ſagte Herr Bemperlein. Es iſt eine ſchwere Aufgabe, die Ihnen zugemuthet wird; aber wo viel Licht iſt, da iſt auch viel Schatten. Wir werden fleißig ſchreiben Sie ſollen von jedem Schritte, den wir thun, Nachricht erhalten. Und dann hoffe ich, daß unſere Reiſe nicht lange dauert, und vor allem, daß Herr von Berkow ſchon geſtorben iſt, wenn wir in N. angekommen.

Das hoffen Sie? und doch ſcheinen Sie dieſe Reiſe für nothwendig zu halten?

Gewiß, ſagte Herr Bemperlein. Es giebt ge¬ wiſſe traurige Pflichten, die man erfüllen muß, nicht der Welt wegen, die uns nicht ſchelten könnte und ſchelten würde, wollten wir ſie unerfüllt laſſen; nicht des Andern wegen, dem unſere Opferfreudigkeit zugute kommt, und den wir vielleicht weder lieben noch achten, ſondern um der Achtung willen, die wir vor uns ſelber haben. Doch was demonſtrire ich Ihnen noch lange vor, was Sie ſo gut und noch beſſer wiſſen wie ich. Sie haben ja auch zu dieſer Reiſe gerathen, obgleich Sie doch am meiſten dabei verlieren. Es muß eine ſchauerliche Empfindung ſein, ſo plötzlich aus allen ſeinen Himmeln geriſſen zu werden. Seltſam! ſeltſam! je länger ich über dies Alles nachdenke, deſto begreiflicher wird es mir. Ja, ja daß Sie81 die herrliche Frau lieben, das iſt ja ſo natürlich, ſo ich möchte ſagen: logiſch das Gegentheil würde baarer Unſinn ſein: Es muß ſie Jeder lieben, und um ſo mehr lieben, je edler ſein Herz, je empfäng¬ licher ſeine Seele für das Gute und Schöne iſt. Ihr Herz iſt edel, Ihre Seele klingt harmoniſch mit allem Schönen zuſammen; ſo müſſen Sie auch dieſe ſchönſte und beſte Frau von ganzem Herzen, von ganzer Seele lieben. Und auf der anderen Seite: iſt ſie nicht frei? wenn auch nicht vor den Menſchen, ſo doch vor dem Richter, der in's Verborgene ſieht? hat ſie ihren Gemahl jemals geliebt? konnte ſie ihn lieben, dem ſie verkauft wurde um ſchnödes Geld verkauft von dem eigenen Vater, als ſie noch viel zu jung und unſchuldig war, das Bubenſtück auch nur zu ahnen, geſchweige denn zu durchſchauen? O! mein Blut kocht, wenn ich daran denke! nein, nein! ſie durfte Sie lieben, ſie mußte Sie lieben, ſie, deren Herz ganz Liebe und Güte iſt. Ich freue mich, daß es ſo ge¬ kommen iſt, ich wünſche Ihnen Glück von ganzem Herzen. Ich bin ein einfacher, unbedeutender Menſch und würde im Gefühl dieſer meiner Unbedeutenheit nimmer den Blick zu ſolcher Höhe zu erheben wagen; aber, wenn ich einen Andern kühn und ſtolz auf dieſer Höhe wandeln ſehe, ſo erfüllt das meine Bruſt mitF. Spielhagen, Problematiſche Naturen. III. 682Bewunderung, die von Neid frei, ganz frei iſt, und noch einmal: ich wünſche Ihnen Heil und Segen von ganzem Herzen!

Herr Bemperlein ergriff Oswald's beide Hände und drückte ſie mit Lebhaftigkeit. Die Augen ſtanden ihm voll Thränen; er war innerlichſt erſchüttert.

Und ich danke Ihnen von ganzem Herzen, ſagte Oswald gerührt. Das Urtheil eines Mannes, den ich ſo tief achte, iſt mir tauſendmal mehr werth, als das Urtheil der dummen, blinden Welt. Die Welt wird unſere Liebe verketzern und verdammen, aber die Welt weiß nichts von Gerechtigkeit.

Nein, ſagte Herr Bemperlein, und dennoch iſt ſie unſere Richterin, deren Ausſpruch wir uns fügen müſſen, wir mögen wollen oder nicht. Und dieſer Gedanke iſt es, welcher für meine Augen einen tiefen Schatten auf das ſonnige Bild einer ſo reinen, un¬ eigennützigen Liebe wirft. Doch ich will Ihr Herz, das in dieſem Augenblicke ſchon ſchwer genug iſt, nicht noch ſchwerer machen. Dem Starken und Muthigen hilft das Glück. Sie ſind ja ſtark und muthig, und ſind es doppelt und dreifach, weil Sie lieben. Es ſoll ja der Glaube Berge verſetzen können. Was dem Glauben gelingt, kann der Liebe nicht un¬ möglich ſein. Doch ſtill, da kommt die gnädige Frau.

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Die Thür wurde geöffnet und Melitta erſchien im Reiſeanzug. Der alte Baumann war bei ihr.

Ich bin bereit, lieber Bemperlein, ſagte ſie zu dieſem, und dann, ſich in Oswald's Arme werfend: Leb wohl, liebes Herz! leb wohl!

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Viertes Kapitel.

Die Baronin Grenwitz war aus mehr denn einem Grunde feſt entſchloſſen, Oswald auf der projectirten Badereiſe nach Helgoland nicht mitzunehmen, und ſie hatte während der dreitägigen Viſitentour vielfach bei ſich überlegt, wie ſie, ohne ſich ſelbſt doch gar zu viel zu vergeben, dieſen Entſchluß ausführen könnte. Wie erfreut war ſie deshalb, als Oswald bei ihrer Zu¬ rückkunft (es war den Tag nach Melitta's Abreiſe) ihre leiſeſte Anſpielung, ob es ihm nicht lieber wäre, dieſe Zeit ganz zu ſeiner Erholung zu verwenden, be¬ gierig ergriff; als er erklärte, während dieſer Zeit nicht einmal auf dem Schloſſe bleiben, ſondern eine Reiſe, vielleicht durch die Inſel, die er noch nicht kannte, vielleicht nach der Reſidenz zu ſeinen Freun¬ den machen zu wollen. Anna-Maria freute ſich ſo ſehr über dieſes ganz unerwartete Entgegenkommen, daß ſie nicht einmal über die Motive, die Oswald85 dazu beſtimmt haben mochten, nachdachte, eben ſo we¬ nig wie über ſein düſteres zerſtreutes Weſen, und über die Gleichgültigkeit, mit der er den Vorbereitun¬ gen zur Reiſe zuſah und ſchließlich am Tage der Ab¬ reiſe von Allen, ſelbſt von Bruno Abſchied nahm. Vielleicht ärgerte er ſich, daß man ihn nicht mitnahm, vielleicht wußte er nicht, wo er bleiben ſollte. Gleich¬ viel, wenn er nur nicht auf dem Schloſſe blieb, wenn er nur, wie er es wirklich that, in demſelben Augen¬ blicke, wo die Familienkutſche, beſpannt mit den vier ſchwerfälligen, von dem ſchweigſamen Kutſcher gelenk¬ ten Braunen langſam und würdevoll zu dem Haupt¬ thor hinausfuhr, den leichten Ränzel auf dem Rücken durch das andere Thor