PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Biographien der Wahnſinnigen.
Erſtes Baͤndchen.
Leipzig. 1796.
[II][III]

Vorrede.

Kann ich Dank erwarten, wenn ich den Irrenden vor dem nahen Abgrund warne, iſt's Pflicht, daß ich den erhitzten Wanderer hindere, an der kuͤhlen Quelle durch jaͤhen Trunk ſeinen Tod zu finden, ſo habe ich dieſe erfuͤllt, und kann jenen hoffen,* 2IVwenn ich Sie bitte, den Inhalt dieſes kleinen Buͤchleins wohl zu be - herzigen. Wahnſinn iſt ſchrecklich, aber noch ſchrecklicher iſt's, daß man ſo leicht ein Opfer deſſelben werden kann. Ueberſpannte, heftige Leidenſchaft, be - trogne Hoffnung, verlohrne Ausſicht, oft auch nur eingebildete Gefahr, kann uns das koſtbarſte Geſchenk des Schoͤ - pfers, unſern Verſtand, rauben, und welcher unter den Sterblichen darf ſich ruͤhmen, daß er nicht einſt im aͤhn - lichen Falle, folglich in gleicher Ge - fahr war? Wenn ich Ihnen die Biographien dieſer Ungluͤcklichen erzaͤhle, ſo will ich nicht allein Ihr Mitleid wecken, ſondern Ihnen vorzuͤglich be - weiſen, daß jeder derſelben der Ur - heber ſeines Ungluͤcks war, daß esV folglich in unſrer Macht ſteht, aͤhn - liches Ungluͤck zu verhindern. Freilich kann ich dem reißenden Strome nicht mehr widerſtehen, wenn ich mich kuͤhn in ſeine Tiefe wage, aber Dank und Lohn verdient doch derjenige, der mich durch Beiſpiele von ſeiner Tiefe uͤberzeugt, und, ehe ich das Ufer uͤberſchreite, vor der nahen Gefahr warnt. Wie herrlich, wie erhaben wuͤrde ich mich belohnt duͤnken, wenn meine Erzaͤhlungen das leichtglaͤubige Maͤdchen, den unvorſichtigen Juͤngling an der Ausfuͤhrung eines kuͤhnen Plans hinderten, der ihnen einſt den Verſtand rauben koͤnnte.

Sollten meine Leſer dieſes Baͤnd - chen mit Beifall aufnehmen, ſo wirdVI in der kommenden Michaelismeſſe das zweite ganz gewiß folgen. Dies zur Nachricht fuͤr die unberufnen Nachah - mer, die ſo oft und wiederholt auf meinem Felde zu ernden ſuchen.

C. H. Spieß.

Inhalt.

  • I.
  • Katharine P***rin. Seite 1
  • II.
  • Joſeph Carl. 31
  • III.
  • Wilhelm M *** r. und Karoline W g. [5]9
  • IV.
  • Jakob W *** r. 101
Inhalt.
  • V.
  • Friedrich M *** r und ſeine Familie. S. 121
  • VI.
  • Karoline S von H. 155
[1]

Katharine P***rin.

Heiter gieng am Abende des letzten Aprils die Sonne unter, rein und glaͤnzend ſtieg ſie am fol - genden Morgen uͤber die Gebirge empor, und ver - kuͤndigte mit freundlichem Blicke der erwachenden Erde, daß mir ihr der junge, blumenreiche Mai nahe. Ihre Strahlen weckten mich, ich erſtieg froh und munter die hohen Gebirge, welche von allen Seiten die boͤhmiſche Bergſtadt Ellbogen um - faſſen, in ihrem engen Schooße zwar vaͤterlich fuͤr Sturm und Wetter ſchuͤtzen, aber auch nur karg und ſparſam auf ihrem magern Ruͤcken ernaͤhren. Schon lange hatte ich nicht frei geathmet; der mehr als launigte, oft heimtuͤckiſche April hatte mich zwar oft mit lachendem Blicke zum Spa - ziergange geladen, aber auch ſelten ungeneckt wieder heim ziehen laſſen. Immer jagte mich ſein kalter Freund, der boͤſe Nordwind, vom Berge herab, oft uͤberraſchte er mich mit einem ſchnellen Regenſchauer, wenn ich, im Thale gelagert, michErſt. Baͤndch. A2allzutief im Anſchauen des bluͤhenden Gaͤnſebluͤm - chens verlohr, oder, gelockt vom duftenden Veil - chengeruch, unter den Felſen umher kroch.

Seine Macht hatte nun geendet, ich wollte die ſanfte Regierung ſeines jungen Nachfolgers vollkommen genießen, erſtieg gluͤcklich den hohen Galgenberg, und ſtand jetzt angelehnt an ſei - ner hoͤchſten Spitze. Die Ausſicht, welche er von daaus gewaͤhrt, iſt reizend und ſchoͤn, ich hatte ſie ſchon im Zirkel meiner Freunde, oft auch allein, genoſſen, immer fand mein Auge neue Gegenſtaͤnde, immer kehrte ich belohnt zu - ruͤck. Heute hofte ich, nach ſo langer Zeit, mich wieder an dieſem Anblicke zu laben, aber meine gereizte Erwartung wurde nach dem gewoͤhnli - chen Looſe der Sterblichen ganz vereitelt. Di - ker, undurchdringlicher Nebel fuͤllte alle die rei - zenden Thaͤler, welche man von hieraus ſonſt uͤberblicken konnte, er deckte die kleinen Silberbaͤ - che, welche ſich ſo angenehm unter Fichten und Tannen von Bergen herab nach dem Egerfluſſe ſchlaͤngeln, er verbarg die romantiſchen Huͤtten und Scheunen, mit welchen die benachbarten Ber - ge und Thaͤler uͤberſaͤet ſind, er verhinderte mich, zuzuſehen: wie die Eger im langſamen, ſchleichen - den Gange den Namen der Stadt, einen Ellbo - gen, bildet, und endlich verdruͤßlich uͤber den all - zulangen Aufenthalt im ſchnellen, eilenden Laufe links in's Felſenthal hinab rauſcht. Nur die Ruͤ - ken der hoͤchſten Berge hoben ſich aus dem Ne -3 belmeere empor, mein Auge irrte darinne umher, und konnte ſelten einen Ruhepunkt finden, weil der neidiſche Nebel ſie mir, indeß er ſich hoͤher hob, immer wieder raubte. Die Sonne kaͤmpfte mit ihm, ich beſchloß, dem Kampfe zuzuſehen, und, wuͤrde die Sonne Sieger, ihr Siegesfeſt feiern zu helfen. Gehuͤllt in meinen Mantel, ge - lagert am Boden, beſchuͤtzt von einem Felſenſtuͤcke, harrte ich geduldig des Ausgangs. Es war alles ſtill und oͤde um mich her, nur das Weibchen ei - nes Emmerlings baute im nahen Wachholderſtrau - che ſein Neſt und zwitſcherte froͤhlich, wenn ihm der geliebte Gatte eine kleine Feder im Schnabel herbeitrug. Jetzt hoben ſich in der weiten Ferne aus dem Nebelmeere die Thuͤrme der Marie Kul - mer Kirche empor, bald ſah ich auch ihre Fenſter, ſie glaͤnzten, von der Sonne beleuchtet, gleich Spiegeln und blendeten mein Auge, es ſank hin - ab in den dunkeln Wald, der ſie umgiebt, und deſſen Spitzen nun auch ſichtbar wurden. Ich erinnerte mich der großen Raͤuberhoͤhle, auf wel - cher dieſe Kirche erbaut ward, meine Einbil - dungskraft regte ſich, ich ſah die Raͤuber, mit Beute beladen, heimziehen, ſie fuͤhrten gefeſſelte Jungfrauen in ihrer Mitte, ermordeten ſie erbaͤrm - lich, und ſtuͤrzten ihre Leichname in tiefe Berg - ſchachten. Ich ſchauderte! Mein Auge eilte weg von dieſer Schreckensſzene, und blieb an der alten Veſte hangen, welche jetzt noch in Ellbo - gens Ringmauern ſteht, und einſt von den maͤch -A 24tigen Markgrafen von Wohburg erbaut wurde. Kein Fenſter blendete hier meinen Blick, ich konnte ungehindert in dieſen Ruinen umher wan - deln, ungehindert uͤberlegen: wie einſt drei Bruͤ - der dieſes maͤchtigen Stammes in wenigen Gemaͤ - chern Raum fanden, und doch oft alle Edlen rings umher fuͤrſtlich bewirtheten. Meine Ein - bildungskraft riß mich abermals mit ſich fort, ich war mit ihrer Huͤlfe eben der Minneſaͤnger der ſchoͤnen Markgraͤfin Johanna geworden, ſang eben, auf der Harfe ſpielend, ihr Lob, als mein Auge unten an der Veſte ein kleines Fenſterlein gewahrte, das dem Gefaͤngniſſe, in welchem einſt Popel Lobkowitz blutete, ſparſames Licht gab. Meine Harfe ſchwieg, ich dachte des ſchrecklichen Huſſitenkriegs, ich ſah rauben, pluͤndern, mor - den; ich zitterte, mein geſenktes Auge ſtarrte am Boden, und weigerte ſich, ferner umher zu blicken. Viele kleine Huͤgel, die in Grabesgeſtalt zu mei - nen Fuͤßen umher lagen, beſchaͤftigten es bald auf's neue, der Gedanke des Todes ward in mei - ner Seele rege. Wenn auch dein Koͤrper einſt ruhen und ſchlafen wird, dachte ſie jetzt und lei - tete die Augen nach jenen unermeßlichen Gefilden empor, in welchen ſie einſt zu wohnen hofte! Ich ſaß lange traurig und denkend, ich wollte mich zerſtreuen, blickte rechts, und die Ruinen des nahen Galgens, den Kaiſer Joſephs Gebot, gleich allen ſeinen Mitbruͤdern, zerſtoͤrt hatte, la - gen vor mir. Schnell durchbebte der Gedanke5 mein Herz, daß dieſe Huͤgel wahrſcheinlich die Graͤber waͤren, in welchen die Opfer der Gerech - tigkeit, die ihr an dieſer Staͤtte gebracht wurden, ruhten. O ihr Armen! dachte ich jetzt, euch iſt wohl; aber weh, weh war euch's gewiß damals, als ihr, umgeben von der gaffenden Menge, eu - ren Todeskampf kaͤmpftet; zum letztenmale in der weiten Natur umher blicktet, und dann hinge - ſchleppt wurdet, um unter der Hand des Henkers euer Leben zu enden! Vielleicht blutete manch - mal die verfolgte Unſchuld an dieſer Staͤtte! Vielleicht flehte ſie hier oft vergebens um Rettung und Huͤlfe, und ſtarb verzweifelnd! Kalter Schauer ergriff mich, ich ſprang auf, und wan - delte unter den Graͤbern umher. Ich gieng an den langen und großen Huͤgeln kalt voruͤber, weil mein Gefuͤhl hier die Ruheſtaͤtte der Raͤuber und Moͤrder vermuthete, ich weilte geruͤhrt an den kuͤrzern und kleinern, weil ich muthmaßte, daß hier diejenigen ſchliefen, welche das Schwert gerichtet hatte. Der Gedanke, daß unter dieſen ſich auch Kindermoͤrderinnen befaͤnden, ergriff mein Herz, und engte es maͤchtig. Ich ſah die ſchuldloſe Dirne unbefleckt und rein im einſamen Thale luſtwandeln, ihr Verfuͤhrer, ein abgefeim - ter Wohlluͤſtling, ſchlich hinter ihr her, ruͤhrte ihr offnes Herz, raubte ihre Unſchuld, und eilte frohlockend von dannen. Meine Einbildungskraft uͤberhuͤpfte einen Zeitraum von neun Monden, ich erblickte die naͤmliche Dirne wieder in ihrer6 Schlafkammer; ſtarr und verzweiflungsvoll um - her blickend, ſaß ſie einſam auf ihrem Bette, ſie rang ihre Haͤnde, ſie flehte zu Gott um Rettung aus der Schande, die ihr unwiderruflich drohte. Sie hatte ihren Zuſtand vor aller Augen bis jetzt verborgen, noch am Abende legte der alte Vater ſegnend ſeine Hand auf ihr Haupt, und nannte ſie die Hofnung ſeiner alten Tage. Am Morgen ſollte er erfahren, daß ſein einziges Kind zur Hure geworden ſei! Dieſer Gedanke allein war ihr mehr als Hoͤlle! Sie duldete die Schmerzen der Geburt im Stillen; als ſie aber gebahr, und ihr Schmerzenskind weinend die Schande der Mut - ter zu verkuͤndigen begann, da ergriff es die Un - gluͤckliche im Gefuͤhle der innigſten Schaam, und erſtickte es im Bette. Die That ward bald ent - deckt, und ſie blutete hier unter dem Schwerte des Henkers! Allmaͤchtiger, richte du: ob er, der Verfuͤhrer, der Meineidige, welcher ihre Ehre ſo boshaft vernichtete, und raubte, was er nicht wieder geben konnte, nicht auch Theil hatte an der blutigen That, nicht hier zu bluten ver - diente?

Eben wollte ich noch mehrere Faͤlle durchgehen, welche oft den rechtſchaffnen Mann zu kleinen Verbrechen verleiten, zu groͤßern zwingen, und wahrlich unverdient zum Hochgerichte fuͤhren, als ein melodiſcher Geſang, welcher aus dem nahen Thale herauf erſcholl, meine Aufmerkſamkeit weck - te. Der dicke Nebel hinderte mein Auge, nach7 den Saͤngern umher zu ſpaͤhen, ich horchte von neuem, und hoͤrte nun deutlich, daß der Geſang ſich immer naͤhere. Es waren zwei weibliche Stimmen, ein reiner Discant, begleitet von ei - nem ſehr wohlklingenden Alte. Sie ſangen aus - drucksvoll und mit einem Gefuͤhle von Andacht, welches ſich nicht beſchreiben laͤßt; da ich oft den Namen der Mutter Gottes in dieſem Liede nen - nen hoͤrte; ſo ſchloß ich, daß es fromme Pilgrin - nen waͤren, welche nach irgend einer Kirche wall - fahrteten. Der angenehme Ton lockte mich maͤch - tig, ich wollte eben folgen, als ich die beiden Saͤngerinnen gerade auf mich zu kommen ſah, ſie ſangen noch immer, ich wollte ſie nicht ſtoͤren, und trat abſeits. Der Nebel umfloß ſie nicht mehr, die Strahlen der Sonne beleuchteten ſie hell. Voran gieng im langſamen, feierlichen Gange ein junges, huͤbſches Maͤdchen. Ihr gro - ſes, ſchwarzes Auge ſtarrte gen Himmel, ihre Haͤnde waren zu ihm empor gefaltet, in ihrem Geſichte gluͤhte feurige Andacht, die mir an Schwaͤrmerei zu grenzen ſchien, weil ſich oft die ſanften Zuͤge ihres ſo ſchoͤnen Geſichtes unregel - maͤßig verzogen. Ihr folgte ein kleines Muͤtter - chen, das vom Alter tief gebuͤckt war, es ſtrickte fleißig an einem Strumpfe, und ſchien ohne be - ſondere Theilnahme mit zu ſingen. Das Maͤdchen ſtand jetzt mitten unter den Grabhuͤgeln, ſein Gefuͤhl erhob ſich, ſeine Andacht verdoppelte ſich, ſie ſchwieg gedraͤngt von innerer Empfindung8 ſtille, ihre Lippen beteten, endlich begann ſie den Geſang von neuem. Da ſie ihn dreimal wieder - holte, ſo gewann ich Zeit, das ganze Lied in mei - ne Schreibtafel zu ſchreiben. Es ſind ſeit dieſer Zeit viele Jahre verfloſſen; aber wenn ich mich dieſes Lieds erinnere, ſo toͤnt es noch immer me - lodiſch in meinem Ohre. Man denke ſich ein ſchoͤnes Maͤdchen, das im groͤßten Gefuͤhle der Andacht, mit feſtem Glauben an ſichere Erhoͤ - rung, auf der hoͤchſten Zinne eines Berges ſteht, ſeine Haͤnde zum Himmel empor hebt, und mit einem Ausdrucke, der ſich nicht beſchreiben laͤßt, ſchoͤn und melodiſch ſingt, dann nur kann man die Empfindungen meſſen, die es in mir erregte. Das Lied hat gar keine poetiſchen Schoͤnheiten, iſt voll Fehler, aber es iſt mir heilig geworden, ich mag, ich wills nicht aͤndern, ich ſchreibe es woͤrtlich ab, ich fuͤge die harmoniſche Melodie bei, und erwarte den Eindruck, welchen es, ge - ſungen von einem ſchoͤnen Munde, auf meine Le - ſer machen wird:

Sei gegruͤßt viel tauſendmal!
Sei gegruͤßt! o Jungfrau rein!
Du wuͤrkſt Wunder ohne Zahl,
Du erhoͤreſt groß und klein!
Darum rufe ich zu dir:
Mutter Gottes! Ach, hilf mir!
9
Hier lieg ich zu deinen Fuͤßen,
Mutter Jeſu, hoͤr mich an!
Ich will meine Suͤnden buͤßen,
Die ich jemals hab gethan!
Darum rufe ich zu dir:
Mutter Gottes! Ach, hilf mir!
Wann einſt kommt mein Lebensende,
Und das matte Herz ſchon bricht,
Dann, o Mutter, zu mir wende
Dein liebreiches Angeſicht!
Darum rufe ich zu dir:
Mutter Gottes! Ach, hilf mir!

Als dieſes dreimal wiederholte Lied geendigt war, kniete das Maͤdchen nieder, es betete auf's neue inbruͤnſtig, und warf ſich endlich ganz auf die Erde. Die Alte lagerte ſich unfern davon auf einen Stein, ſtrickte emſig fort, und harrte ruhig des Endes. Mehr als eine Viertelſtunde herrſchte tiefe Stille um uns her, ich wagte es nicht, das Maͤdchen in ſeiner Andacht zu ſtoͤren, blieb unverruͤckt auf meinem Platze ſtehen. End - lich erhob ſich die Betende, ihr feuriges, aber Freude verkuͤndigendes Auge ſuchte die Alte. Mutter, liebe Mutter, ſprach ſie im feſten, zu - verſichtlichen Tone, ich habe die Seele des Moͤr - ders, der unter mir ruht, erloͤßt, eben iſt er mir erſchienen, und hat ſich freundlich bedankt.

10

Die Mutter. (ohne im Stricken inne zu halten) Nun! nun! Iſt ſchon recht!

Die Tochter. Itzt will ich nur noch dieſen hier (indem ſie mit dem Finger auf ein Grab zeigte) erloͤſen, und dann gehen wir heim!

Die Mutter. Aber es iſt ſchon hoch am Tage!

Die Tochter. Er ſeufzte ſo erbaͤrmlich. Hoͤrt nur, wie er ſtoͤhnt! Ich muß mich ja ſeiner er - barmen, damit mir dort auch einſt Vergebung werde.

Die Mutter. (im kalten Tone) Mach's nur nicht zu lange, ſonſt vergeht der ganze Vormittag. Du weißt, daß wir kein Brod haben; wenn du nicht fleißig ſpinnſt, ſo kann ich dir auch keins geben.

Die Tochter. Ich will hernach recht fleißig ſeyn, will's gewiß wieder einbringen, aber (mit ſchmerzhaftem Gefuͤhle) jetzt muß ich ja beten.

Sie gieng einige Schritte weiter, warf ſich auf ein anderes Grab, und betete von neuem. Das ſonderbare Geſpraͤch hatte meine Neugierde ſehr gereizt, ich ſchlich leiſe zur Mutter hinab, die mich freundlich gruͤßte.

Ich. Iſt dies Maͤdchen eure Tochter?

Die Alte. Ja, lieber Herr, ja! (ſie ſeufzte tief).

11

Ich. Warum ſeufzt ihr?

Die Alte. Hab's wohl Urſache! Bin eine ungluͤckliche Mutter! Erzog ein Kind, das mich einſt ernaͤhren ſollte, und kann's nun nicht hoffen.

Ich. Ein ſo andaͤchtiges Kind wird gewiß willig fuͤr ſeine alte Mutter arbeiten.

Die Alte. Ach, Herr! Sie war fromm und arbeitſam, ſie wuͤrde es noch ſeyn, wenn ſie nicht ihren Verſtand verlohren haͤtte!

Ich. (mit einem Seitenblicke nach der Betenden) Iſt ſie wahnſinnig?

Die Alte. Ja, leider! Schon ſeit einigen Jahren. Sonſt arbeitete ſie vom fruͤhen Morgen bis in die ſpaͤte Nacht, jetzt nur, wenn's ihr einfaͤllt.

Ich. Und was thut ſie ſonſt?

Die Alte. Beten, nichts als Beten! Oft, wenn ſie am Spinnrade ſitzt, und ich mir eben denke, daß ſich Gott ihrer erbarmt, ihr Leiden gelindert hat, ſpringt ſie auf, wirft ſich auf die Knie, und hat Erſcheinungen, die ſie den gan - zen Tag an der Arbeit hindern. Dann muß ich immer auch weinen, und komme mit meiner Strickerei ſchlecht vorwaͤrts. Gott! was wird am Ende noch aus uns werden, wenn mich endlich der Kummer auch auf's Lager wirft, und wir gar nichts mehr verdienen koͤnnen! Es mag12 viele ungluͤckliche Muͤtter auf der Welt geben, aber eine Mutter, die ein wahnſinniges Kind hat, iſt gewiß die ungluͤcklichſte unter allen.

Ich. Glaubt's nicht, gute Frau, glaubt's nicht! Waren die Muͤtter derjenigen Kinder, welche hier ruhen, nicht noch ungluͤcklicher?

Die Alte. Ach, Gott, ja wohl! Wenn ich mir dieſer Leiden denke, da wird mir angſt und bange: Drum hindere ich's auch nicht, wenn meine Tochter hieher beten geht. Sie hat zwar ihren Verſtand verlohren, aber beten kann ſie trotz einem Pfarrer; da denke ich mir denn, Gott muͤſſe ſo inbruͤnſtiges Gebet auch hoͤren, er hoͤrt ja das Lallen der Kinder, die eben ſo unvernuͤnf - tig, wie ſie, ſind.

Ich. Kommt ſie oft hieher beten?

Die Alte. Alle Freitage! Wenn's ſchlim - mes Wetter macht, und ich nicht mit ihr, ſie auch nicht allein gehen laſſen will, ſo weint ſie unaufhoͤrlich, und arbeitet den ganzen Tag nichts. Oft macht ſie mir ſo bittre Vorwuͤrfe daruͤber, daß ich mir ein Gewiſſen daraus mache, und ih - ren Willen erfuͤlle, weil fuͤr die armen Verlaßnen ohnehin wenige beten, und ſie ihrer großen Suͤn - den wegen doch alle im Fegfeuer ſchmachten muͤſ - ſen. Zwar, wenn's wahr iſt, was meine Toch - ter ſagt, ſo ſind ſie ſchon laͤngſt alle erloͤßt, aber wer kann's wiſſen; ſie mag daher beten, ſo lange ſie will.

13

Ich. Durch welchen Zufall iſt ſie denn wahn - ſinnig geworden?

Die Alte. Es kamen allerhand Umſtaͤnde zuſammen. Anfangs war ſie nur traurig und tief - ſinnig, hernach fieng ſie an irre zu reden, und ſo blieb's! (zu ihrer Tochter, welche ſich eben aufrichtete) Kaͤthe! Kaͤthe! Wollen wir nicht nach Hauſe gehen?

Kaͤtchen. Ja, liebe Mutter, ja! (ſie kam zu uns herab, ſchien aber noch im - mer zu beten).

Die Alte. (zu ihr) Siehſt du nicht, daß ein fremder Herr hier ſteht? (ſie gruͤßte mich freundlich) Du biſt ſehr erhitzt! (ihr den Schweiß abwiſchend) Ruhe ein wenig aus, dann wollen wir wieder gehen.

Kaͤtchen. (mit zufriedner Miene) Ich habe recht fleißig gebetet.

Die Alte. Daran fehlt's nie, wenn du nur auch arbeiten wollteſt.

Das arme, gute Kaͤtchen ſchien dieſen Vor - wurf nicht zu hoͤren, ſie genoß mit zufriedner Miene die Fruͤchte ihres Gebetes im Stillen, und ſetzte ſich ruhig der Mutter zur Seite. Ich hatte jetzt volle Gelegenheit, ſie genau zu betrach - ten. Ihr Geſicht war wuͤrklich ſchoͤn, ihre wohl - geformte Habichtsnaſe, ihr kleiner Mund, das große, ſchmachtende Auge erhob es weit uͤber das Alltaͤgliche! Wenn ſie ſtill vor ſich hinblickte, da14 glich ſie ganz einer Madonna, der eben ein Engel den Gruß des Herrn bringt; wenn ſich aber ihr Au - ge hob, und ſchuͤchtern umher blickte, da verrieth ein gewiſſes Etwas, das ſich nicht beſchreiben laͤßt, ihre innere Zerruͤttung. Ich wuͤrde ſie noch lange ſtillſchweigend angeſtaunt haben, wenn ihr umher irrendes Auge mich nicht gefaßt, und auf's neue freundſchaftlich gegruͤßt haͤtte.

Ich. Wie geht dir's, liebes Kaͤtchen?

Kaͤtchen. (freundlich und ſehr ge - ſchwaͤtzig) Gott ſei Dank, recht gut! Es beſ - ſert ſich taͤglich, ich habe Hofnung, meine Ver - nunft wieder zu erhalten, wenn ich dieſe einmal ganz beſitze, dann will ich recht fleißig arbeiten, und meine arme Mutter bis in den Tod redlich ernaͤhren.

Die Alte. Das gebe der liebe Gott!

Ich. Willſt du denn jetzt nicht auch ar - beiten?

Kaͤtchen. O freilich, ich arbeite immer, wenn ich nicht bete! Aber beten muß ich oft und viel, ſonſt kann ich nicht beſtehen! (mit zufriednem Tone) Ich habe heute ſchon zwei arme Seelen erloͤßt! (ſehr geſchwaͤtzig) Sehen Sie, ich will's Ihnen wohl erzaͤhlen, wie es mir eigentlich gekommen iſt. Es war am hei - ligen Abende, die Mutter hatte einen Butterwe - ken gebacken, ich weifte mein Garn ab, und der Butterwecken ſtand auf dem Tiſche, da kam15 mein Bruder von der Wanderſchaft heim. Es war in der Stube ſchon dunkel, ich konnte ihn nicht gleich erkennen, aber wie ich ihn erkannte, da hatte ich große, große Freude Mutter, ſprecht ſelbſt, ob ich mich nicht recht freute, ob ich ihn nicht herzlich kuͤßte?

Die Alte. Ja, ich muß es ſelbſt bezeugen!

Kaͤtchen. Und doch hat er mich neulich recht erbaͤrmlich gepeitſcht!

Die Alte. Weil du nicht folgen, nicht arbei - ten wollteſt.

Kaͤtchen. (nachdenkend) Wo bin ich denn geblieben?

Die Alte. Schweig nur, ſchweig! (zu mir) Sie wird mit ihrer Erzaͤhlung nie fertig, miſcht alles untereinander und verdirbt nur die Zeit, die uns zur Arbeit ſo nothwendig iſt.

Ich. Ich will ſie euch reichlich lohnen, aber erlaubt, daß ſie weiter erzaͤhlen darf.

Die Alte. Nun, ſo erzaͤhl, Kaͤthe, erzaͤhl, wenn's der Herr ſchon ſo haben will.

Kaͤtchen. So helft mir nur, Mutter! Ja, ja! ich weis ſchon alles ſelbſt! Du brauchſt das Haͤuschen nicht, ſagte der Bruder, fuͤr dich wird ſich keine Heirath finden, gieb mir's ich kanns beſ - ſer brauchen! (fuͤr ſich hinſtaunend) Ach, er war ſo ſchoͤn! weiß wie Milch, und roth wie Blut! Er liebte mich recht herzlich, und wollte16 mich heirathen, und mit mir in meinem Haͤus - chen wohnen; hernach deſertirte er, und da gab ich dem Bruder das Haͤuschen, und hernach hernach (mit ſchauderhaftem Gefuͤhle) haben ſie ihn erſchoſſen und unter den Galgen be - graben, und dann! Ach dann mußte ich immer, immer fuͤr ihn beten! Wie ich in die Kirche kam, da ſtand er am Altare und las die Meſſe; aber er war's nicht, nein, er war's nicht! Auf der Kanzel ſtand er auch einmal, aber er war's nicht, nein, er war's nicht; Ach, wenn ich ihn nur erloͤßt haͤtte! Ich muß beten, ich muß fuͤr ihn beten! Nein, er war's nicht! er war's nicht! (leiſe) Sie haben ihn erſchoſſen, und unter den Galgen begraben.

Sie betete jetzt ſtill vor ſich, ich wollte ſie nicht ſtoͤhren, nicht neue Gefuͤhle des Schmerzens in ihr wecken, und doch hatten die Bruchſtuͤcke ihrer Geſchichte mein Herz ſehr geruͤhrt, es wuͤnſchte, ſie ganz zu wiſſen, um vollkommnen Antheil dar - an nehmen zu koͤnnen. Ich wagte es, die Mut - ter auf's neue zu bitten, und fand ſie bereitwil - lig, mir alles zu erzaͤhlen. Mein ſeeliger Gatte, ſprach ſie, war ein ehrlicher und rechtſchaffner Mann, er wirkte Struͤmpfe, und ernaͤhrte mich und ſeine zwei Kinder redlich. Der Sohn lernte das naͤmliche Handwerk, und gieng hernach in die Fremde; da er den Vater ſchon viel gekoſtet hatte, ſich ſelbſt zu ernaͤhren im Stande war, ſo wollte er der Tochter doch auch etwas hinter -laſſen,17laſſen, und vermachte ihr in ſeinem letzten Wil - len das Haͤuschen, welches er mit ſauerm Schweiße erworben und erkauft hatte. Wenn Sie zum Thore hinein gehen, ſo koͤnnen Sie das Haͤuschen, rechts am Thurme angebaut, ſtehen ſehen, es iſt klein, ſehr klein, aber mein Gott - ſeeliger meinte, daß um des Haͤuschen willen ſich doch vielleicht ein junger Handwerksmann finden wuͤrde, der das Maͤdel heirathen, und mich mit ihr bis an meinen Tod ernaͤhren wuͤrde. Er ſtarb, wir weinten beide lange um ihn, und naͤhrten uns mit unſrer Haͤnde Arbeit. Unter der Zeit ward Friede mit den Preuſſen, die Sol - daten kehrten zuruͤck, mit ihnen kam auch ein junger Auslaͤnder an, welcher das Strumpfwir - kerhandwerk gelernt hatte, und durch Zufall mit meiner Tochter bekannt wurde. Wenn ich dann und wann in die Kirche gieng, und fruͤher nach Hauſe kam, ſo traf ich ihn immer bei ihr. Da er ſich ſelbſt gegen mich erklaͤrte, daß er redliche Abſichten auf's Maͤdchen habe, daß ſeine Kapi - tulation bald zu Ende gehe, und er ſich dann hier anſaͤſſig machen wolle; ſo konnte ich im Grunde gegen dieſen Umgang nichts Anwenden, aber er war mir doch auch nicht angenehm, weil ein Maͤdchen dadurch ſo leicht bei allen jungen Leuten verſchrien wird, und, wenn der Soldat nicht redlich denkt, am Ende ſitzen bleibt. Es war uͤbrigens ein lieber, ſtiller Menſch, der ſich nach dem Zeugniſſe aller, die ich darum befragte,Erſt. Baͤndch. B18gut und ehrbar aufgefuͤhrt hatte. Wenn ſie ihren Verſtand haͤtte, und aufrichtig reden wollte, ſo muͤßte ſie's ſelbſt geſtehen, daß ich ihr alles, was aus dieſem Umgange uͤbles entſtehen koͤnne, muͤtterlich vorgeſtellt habe; aber ſie war dazumal ein leichtes, fluͤchtiges Ding, ließ meine Ermah - nung zu einem Ohre hinein zum andern hinaus - gehen, und ſaß immer wieder mit ihrem Solda - ten auf der Ofenbank, wenn ich fruͤher als ge - woͤhnlich heimkam. Bald hernach kam mein Sohn aus der Fremde zuruͤck, er hatte ſich in ſeinem Handwerke freilich manche Kenntniß, aber kein Geld geſammlet, er hofte ſich jetzt zu Hauſe beſ - ſer zu ernaͤhren, und hoͤrte mit Wehmuth, daß ſein verſtorbner Vater der Schweſter das Haͤus - chen vermacht hatte, worauf er ſeine groͤßte Hof - nung gegruͤndet hatte. Beide waren meine Kin - der, ich wuͤnſchte von ganzem Herzen, beide gluͤcklich zu ſehen, da aber der Sohn jetzt am er - ſten Huͤlfe bedurfte, ſo laͤugne ich's nicht, daß ich oft ſelbſt der Tochter zuredete, ſie moͤchte ihm das Haͤuschen abtreten. Er konnte in dieſem Falle ſogleich ſein Handwerk treiben, ſich wahr - ſcheinlich bald gluͤcklich verheirathen, und mir Un - terhalt auf meine alten Tage ſichern. Anfangs wollte ſie von dieſem Vorſchlage gar nichts hoͤ - ren, berief ſich immer auf's vaͤterliche Teſtament, und verſicherte mich, daß ihr Soldat eben ſo gute Struͤmpfe wirken, und mich auch ernaͤhren koͤnne. Als aber kurz nachher die Garniſon verwechſelt19 wurde, und ihr Geliebter nach der Hauptſtadt zu liegen kam, auch, ungeachtet ſeines Verſpre - chens, nichts von ſich hoͤren ließ, da ward ſie un - gewoͤhnlich traurig und ſtille, arbeitete zwar im - mer, aber nicht mehr ſo fleißig, und verdiente kaum dasjenige, was ſie ſelbſt zu ihrer Nahrung brauch - te. Ich machte ihr daruͤber Vorwuͤrfe, bewies ihr deutlich, daß man ſich auf's Verſprechen der jun - gen Soldaten nicht verlaſſen koͤnne, und rieth ihr muͤtterlich, ſich in ihr Schickſal zu fuͤgen, und denjenigen zu vergeſſen, der ganz gewiß ihrer ſchon laͤngſt vergeſſen habe. Sie verſprach Folge zu leiſten, weinte aber immer noch im Stillen, und weigerte ſich hartnaͤckig, dem Bruder das Haͤuschen abzutreten, der es, da ſich eben eine Heirath fuͤr ihn fand, hoͤchſt noͤthig brauchte. Man ſah aus dieſer Weigerung deutlich, daß ſie immer noch auf die Zuruͤckkunft ihres Soldaten hofte; da dieſe aber nie erfolgte, ſo war mir's lieb und angenehm, wenn ihr der Bruder oft die Unmoͤglichkeit zu beweiſen ſuchte. An Oſtern vor drei Jahren kam er mit der Nachricht heim, daß der ſo lange erwartete Geliebte auf's neue kapi - tulirt haͤtte, und kurz nachher, vielleicht aus Reue, mit vielen andern deſertirt ſey. Er gab vor, daß er dieſe Nachricht aus dem Munde ei - nes Fuhrmanns gehoͤrt habe, welcher eben in der[Hauptſtadt] war, als der Ungluͤckliche wieder zu - ruͤck gebracht, und in's Stockhaus gefuͤhrt wurde. Meine Tochter hoͤrte dieſe traurige Nachricht mitB 220Entſetzen, ſie ſprach kein Wort, weinte aber die ganze Nacht bitterlich, und erregte durch ihr Schluchzen mein Mitleid. Ich hielt gleich An - fangs die ganze Erzaͤhlung meines Sohnes fuͤr Erdichtung, und ſprach am Morgen deswegen hart mit ihm, weil er mir und ſeiner Schweſter ſo unverdiente Kraͤnkung mache; aber er behaup - tete ſeine Ausſage, und fuͤhrte kurz darauf den Fuhrmann ſelbſt in unſere Stube, der alles be - ſtaͤtigte, und noch hinzufuͤgte, daß der Entflohne wohl ſchwerlich mit dem Leben davon kommen wuͤrde, weil er ſich bei ſeiner Gefangennehmung widerſetzt, und einige Bauern ſchwer verwundet habe. Kaͤtchen hatte ſich eben an ihren Spinn - rocken geſetzt, als er dies erzaͤhlte; wie ich den Mann hinausbegleitete, und ingeheim noch ein - mal nach ſicherer Nachricht forſchen wollte, hoͤrte ich in der Stube einen Fall, ich ſprang hinein, und meine Tochter lag ohnmaͤchtig am Boden. Sie muß durch dieſen ungluͤcklichen Fall ſich et - was im Gehirne verletzt haben, denn von dieſer Zeit an war's nicht mehr richtig mit ihr. Ich ſchleppte ſie auf's Bette, ſie ſprach ſogleich irre, ſah mich fuͤr den Soldaten an, und nahm ſo ruͤhrend von mir Abſchied, daß ich ſelbſt mit weinen mußte. Am Mittage bewegte ich ſie doch, ſich mit uns zu Tiſche zu ſetzen, ihr Bru - der lenkte das Geſpraͤch auf's Haͤuschen, und ſie war ſogleich willig, es ihm abzutreten. Ich muß noch weinen, wenn ich daran denke: Gott ſchenke21 dir die Freuden, ſagte ſie zu ihm, die ich in die - ſem Haͤuschen zu genießen hofte, und du wirſt gewiß recht gluͤcklich und zufrieden darinne leben! Sie arbeitete die folgenden Tage nicht, und brachte ſie meiſtens in der Kirche betend zu, ich war mit der nahen Hochzeit meines Sohnes be - ſchaͤftigt, und konnte ſie nicht immer beobachten. Am Abende vor dieſer vermißte ich ſie erſt ſpaͤt, ſuchte ſie in allen Haͤuſern vergebens, und mußte die Nacht hindurch troſtlos um ſie jammern. Fruͤh, als der Tag graute, gieng ich wieder nach ihr umher. Gott weis, wie mir dazumal zu Muthe war, ich beweinte ſie ſchon als todt, und ſuchte ihren Leichnam an der Eger. Einige Kin - der verſicherten mich, daß ſie ſolche am ſpaͤten Abende auf dem Galgenberge geſehen haͤtten, ich eilte dahin, und fand ſie mitten unter den Graͤ - bern auf der Erde liegend, ſie war mehr todt als lebendig, ihre rothen Augen bewieſen deutlich, daß ſie die ganze Nacht geweint hatte. Sie kannte mich nicht, ſprach ganz irre, und behaup - tete, daß man ihren Geliebten erſchoſſen, und unter den Galgen begraben habe. Moͤglich und wahrſcheinlich iſt, daß ihr vielleicht irgend ein lo - ſer Bube dieſe Nachricht, welche ſich nie beſtaͤtig - te, erzaͤhlt hatte, denn wenn ich ſie eines andern uͤberreden wollte, ſo ſagte ſie immer: Er hat mir's ja erzaͤhlt! Er hat's beſchworen! Ich brachte ſie nur mit Muͤhe heim, ich mußte ſie bald hernach zu einer Verwandtin fuͤhren, weil22 ſie die Hochzeitmuſik nicht hoͤren konnte, und daruͤber ganz raſend wurde: Von dieſer Zeit an iſt's mit ihr ſo, wie Sie ſolche jetzt ſehen, ge - blieben, bald ſchlimmer, bald auch etwas beſſer. Manchmal arbeitet ſie einige Tage anhaltend und fleißig, manche Woche auch gar nichts, und da geht mir's ſehr hart, weil ich nicht ſo viel ver - dienen kann, als wir zu unſerm nothwendigen Unterhalte brauchen.

Ich. Ernaͤhrt ſie und euch denn nicht der Bruder, es iſt ja ſeine Schuldigkeit?

Die Alte. Lieber Gott, wo ſoll er's herneh - men, wenn er's auch thun wollte. Das Hand - werk geht jetzt ſehr ſchlecht, er hat vollauf zu ſtreiten, um ſein Weib und ſeine zwei kleine Kin - der zu ernaͤhren, er kann uns mit nichts unter - ſtuͤtzen. Bekaͤme ich nicht als eine arme Buͤr - gersfrau alle Wochen einige Groſchen aus dem Spitale, ſo muͤßten wir oft hungrig ſchlafen gehen.

Ich. Aber die Aermſte klagte vorhin, daß er ſie unbarmherzig peitſchte, dies ſollte er doch nicht thun, und ihr eben ſo wenig zulaſſen.

Die Alte. Es thut dem muͤtterlichen Herzen ſehr weh, wenn es zu dieſem letzten Mittel ſchrei - ten muß. Aber, lieber Herr, Hunger thut auch weh! Wenn ſie ſo eine ganze Woche im Bette liegt, oder umher ſchlendert, ſtaͤrker als mancher Holzhauer ißt, und doch nichts arbeiten will, da23 reißt endlich die Geduld. Sie fragt nicht: Mut - ter! Wo nehmt ihr's Brod her? Wie koͤnnt ihr's verdienen? Sie fordert ihr richtiges Eſſen, und zankt wohl noch obendrein mit mir, wenn ich's aus Noth knapp zurichte. Ich dulde lange, aber wenn ich gar keine Huͤlfe mehr ſehe, dann muß ich zur Schaͤrfe ſchreiten.

Ich ſchwieg lange, ich konnte nicht mehr fra - gen, das unverdiente Leiden der Ungluͤcklichen preßte mein Herz zu ſtark. Ich verſetzte mich in ihren Zuſtand, dachte mir ihre Lage und fuͤhlte ſie ſchrecklich. Ewig von ſchwarzen Bildern und Traͤumen, die ihre uͤberſpannte Einbildungskraft ſich taͤglich neu ſchaft, gequaͤlt und gemartert, uͤberall von dem blutenden Geliebten ihres Her - zens begleitet, immer mit ſeiner ſchrecklichen Er - ſcheinung geaͤngſtiget, ſtets Troſt ſuchend, und ihn ſelbſt im Tempel des Ewigen nicht findend! Gepeitſcht von einem Bruder, dem ſie alles, was ſie beſaß, freiwillig opferte! O es muß ein ſchreckliches Gefuͤhl ſeyn! Es kann kein un - gluͤcklicheres Geſchoͤpf auf dieſer Welt umher wal - len! Ich blickte nach ihr hin, ſie ſaß ruhig und ſorglos da, ſchien von allem, was ihre Mutter erzaͤhlt hatte, nicht das geringſte gehoͤrt zu ha - ben, ſie betete noch immer, wenigſtens verriethen es ihre Lippen, die ſich unaufhoͤrlich bewegten, indeß ihr Auge in die ferne Gegend ſtarrte, und oft freundlich laͤchelte.

24

Ich. (heimlich zur Mutter) Hat ſich denn der Tod ihres Geliebten beſtaͤtigt?

Die Alte. Ach, leider, nein! Ich erfuhr's nachher ſpaͤter, daß er weder auf's neue kapitu - lirt habe, noch auch deſertirt ſei. Es kamen ſo - gar einige Briefe auf der Poſt an meine Tochter, ich konnte ſie vor Jammer nicht leſen, er ver - ſprach ihr, wie mir andre ſagten, noch immer's Heirathen. Ich ließ ihm den Zuſtand meines Kindes berichten; ſeit der Zeit haben wir keine Nachricht mehr von ihm erhalten.

Ich. Großer Gott! das war zu hart! Man raubte ihr alſo ihr Haͤuschen mit Liſt; und mit dieſem auch ihren Verſtand!

Die Alte. (weinend) Ich habe keinen Theil an der That, ich darf ſie einſt auch nicht verantworten. War's Betrug, ſo ward ich mit ihr betrogen.

Ich. Habt ihr ſie denn nicht von dem Leben ihres Liebhabers unterrichtet? Ihr nicht ſeine Briefe gezeigt?

Die Alte. Wir thaten's, aber es wurde ſchlimmer mit ihr. Sie glaubte es nicht, und hatte nachher oͤftere Erſcheinungen, die ſie oft bis zur Raſerei brachten.

Kaͤtchen. (aufſtehend) Kommt Mut - ter, wir wollen nach Hauſe gehen, wir haben kein Brod, ich muß arbeiten! (mit vieler Freude) Ach, ich werde heute recht fleißig25 ſeyn, denn ich war ſo gluͤcklich, zwei arme See - len zu erloͤſen! (mit Wehmuth). Wenn ich ihn nur auch erloͤſen koͤnnte! Es wird mir doch noch gelingen, die Mutter Gottes hat es mir ſchon oft verſprochen! Wenn ich nur mit dem rechten Fuß in die Kirche treten koͤnnte, aber ſo ſehr ich mich auch bemuͤhe, ſo kommt der linke immer voraus, und dann iſt s vorbei! Ich muß nur recht fleißig beten, dann wird's ſchon gehen, dann kann ich und er noch recht gluͤck - lich werden.

Sie gieng nun bergabwaͤrts, faltete ihre Haͤn - de, machte einige Schritte, und blieb dann im - mer gen Himmel blickend ſtehen. Die Mutter folgte, ich gieng mit dieſer, und erfuhr von der gutherzigen Alten noch manchen Umſtand, der mir merkwuͤrdig duͤnkte. Kaͤtchen verabſcheut den Tanz und kann keine Muſik hoͤren, wenn eine Hochzeit vor ihrem Fenſter voruͤber zieht, ſo ver - kriecht ſie ſich in ihr Bette, das ſie dann ſelten an dieſem Tage wieder verlaͤßt; wenn aber eine Leiche zum Thore hinaus getragen wird, ſo hin - dert ſie nichts, ihr zu folgen, und lange am Grabe des Verſtorbnen zu beten. Oft erſcheint ihrem phantaſiereichen Auge die Mutter Gottes, und verbietet ihr, die Stube zu verlaſſen, dann iſt nichts vermoͤgend, ſie in's Freie zu locken, wenn aber ein Soldat voruͤber geht, ſo eilt ſie, ungeachtet des Verbots, hinaus, und ſtarrt ihm lange nach. Sie geht ſehr fleißig in die Kirche,26 aber ſie betritt nie einen Stuhl, geht mit abge - meſſenen Schritten immer auf und nieder, laͤchelt links und rechts, und bleibt oft ſtundenlang vor einem Altare oder vor der Statue eines Heiligen ſtehen. Ihr Auge wird dann aͤußerſt beredt, es ſcheint mit der Statue zu ſprechen. Man kann, wie ich ſpaͤter ſelbſt beobachtete, deutlich ſehen, wenn ihr Herz Freude oder Leid empfindet, oft ſcheint ſie mit ſehnſuchtsvollem Blicke einer Ant - wort entgegen zu harren, und wenn dieſe ihrer Phantaſie gemaͤß endlich erfolgt, ſo dankt ihr Au - ge mit einem Ausdrucke, der ſich um ſo weniger beſchreiben laͤßt, weil die uͤbrigen Theile des Ge - ſichts gar keinen Antheil daran zu nehmen ſchei - nen, und bei dem Geſpraͤche ihrer Augen ganz gleichguͤltig bleiben.

Ehe wir das Thor erreichten, nahm ich Ab - ſchied von Mutter und Tochter; daß ich gab, was ich vermochte, und dann erſt ſchied, brauche ich wohl nicht weiter zu erwaͤhnen; ich konnte, ich wollte der Ungluͤcklichen nicht nach der Stadt folgen, meine Seele war truͤb und duͤſter, mein Herz traurig, ich ſuchte mich im Anſchauen der ſchoͤnen Natur zu zerſtreuen; aber es gelang nicht. Der Nebel war verſchwunden, heiter ſtand die Sonne am Himmel, ſchoͤn bluͤthen die Baͤume, melodiſch ſangen die Voͤgel, aber mein Herz blieb traurig, es haderte mit dem Ungluͤcke, das in ſo mancherlei Geſtalten hinter dem Menſchen einher wandert, und ihn oft ſchrecklich mißhandelt. 27 Wie ich wieder heimkehrte, erblickte ich das kleine Haͤuschen, worinne Kaͤtchen wohnte, es hieng gleich einem Schwalbenneſte am Thurme, zwei kleine Gemaͤcher fuͤllten es ganz, und die mit Papier verklebten Fenſterſcheiben verkuͤndigten laut die Armuth ſeiner Bewohner! Und doch war dies elende Haͤuschen Schuld an Kaͤtchens Ungluͤ - cke! War Urſache, daß das Meiſterſtuͤck der Schoͤpfung zerruͤttet umher wandelt! O Men - ſchen, ſeid nicht allzuſtolz auf euren Verſtand! Er iſt ein armſeliges Ding, eine zerbrechliche Waare in der Hand eines Kindes, das ſie ſorg - los auf den Boden fallen laͤßt, und auf immer zertruͤmmert!

Nach zehn langen Jahren fuͤhrte mich mein Schickſal wieder in Ellbogens Mauern! Mein er - ſter Blick war auf Kaͤtchens Haͤuschen gerichtet, die Anzahl der papiernen Scheiben hatte ſich in ihren Fenſtern anſehnlich vermehrt, und weiſſagte groͤßere Armuth. Ich beſuchte ſie am andern Morgen, die alte Mutter lebte noch immer, ſie empfing mich freundlich, aber Kaͤtchen ſahe ich nicht. Eine Empfindung, die Schmerz und Freu - de zugleich erregt, oder wenigſtens die Graͤnzlinie zwiſchen beiden beſtimmt, durchzitterte mein Herz, ich wuͤnſchte ſie wieder geſund zu ſehen, aber ich goͤnnte auch eben ſo willig ihrem leidenden Herzen die ſanfte, einzige Ruhe, wenn ſich's unter der Zeit nicht mit ihr gebeſſert haͤtte. Lebt Kaͤtchen nicht mehr? fragte ich forſchend. Das traurige28 Geſicht der Alten, mit welchem ſie ihre Haͤnde faltete, der langſame Athemzug, mit welchem ſich ein tiefer Seufzer von ihrer Bruſt loͤßte, ſchien mir im Voraus die Gewißheit ihres Todes zu verkuͤndigen, aber ich betrog mich diesmal ganz. Ach, Gott, ſprach die Alte, ſie lebt noch immer! Ihr Elend verbittert mir noch ſtets meine alten Tage, die ſich, wenn Jammer und Kummer ſie anders verkuͤrzen, bald enden muͤſſen.

Ich. Wo iſt ſie denn? Gewiß nicht zu Hauſe?

Die Alte. (nach einem Winkel hin - zeigend) da ſitzt ſie ja, und verzehrt eben ihr Morgenbrod! Komm her, Kaͤthe, und bewill - komm den Herrn!

Eine ſchlecht gekleidete Geſtalt erhob ſich nun aus dem Winkel und trat naͤher, ſie hielte in ih - rer gelben Hand ein Stuͤck ſchwarzes Brod, indeß ihr welkes, bleiches Geſicht daran kaute, und mich mit einem verzerrten Laͤcheln gruͤßte.

Ich. Unmoͤglich, das iſt nicht Kaͤtchen!

Die Alte. Ach, leider, iſt ſie's! (im bit - tern Tone) Ja, Herr! So kann Kummer und Elend arbeiten, ſo kann's zernichten, was Gott ſelbſt wohl gemacht nannte! (mit der Hand in der Stube umherzeigend) Sie ſehen hier die Werkſtaͤtte des Jammers, (auf Kaͤtchen deutend) und dies iſt ſein Meiſter - ſtuͤck. Ich fand keine Worte, meine Ver -29 wunderung auszudruͤcken, Kaͤtchen war vor zehn Jahren wirklich ein ſchoͤnes Maͤdchen, jetzt war ihr Geſicht bis zur Haͤßlichkeit herabgeſunken, nicht eine Spur der ehemaligen Schoͤnheit war mehr vorhanden, alle die ſo intereſſirenden, anzie - henden Mienen waren verſchwunden, ihr Auge ſelbſt war kleiner geworden, dicke, verzerrte Fal - ten umhuͤllten es. Ihr Geſicht verkuͤndigte nicht mehr unterdruͤckte Unſchuld, inneres Leiden, es war jetzt das Bild der vollendeten Narrheit. Ihr Haar, das ſich ehemals in natuͤrlichen Locken um Nacken und Schulter wiegte, war jetzt in einan - der gewirrt, und hob die Haube empor, die es decken ſollte. Fahles Gelb hatte die blaſſe Roͤthe ihrer Wangen verdraͤngt, ihr Kopf hing ſeit - waͤrts, ſelbſt ihr Koͤrper war kleiner geworden. So geht's ihr jetzt wohl ſchlimmer rief ich endlich nach langem Staunen aus.

Die Alte. Schlimmer eben nicht, nur daß jetzt auch die Hofnung zur Beſſerung ſchwindet. Sie treibt's noch immer im Alten, arbeitet nur, wenn's ihr beliebt, und betet ohne Unterlaß. Das Andenken an ihren Liebhaber, vorzuͤglich aber ſein eingebildetes, blutiges Ende, ſcheint nach und nach ganz aus ihrem Gedaͤchtniſſe zu verſchwinden, ſie ſpricht ſelten mehr von ihm, und nur in allgemeinen, fluͤchtigen Ausdruͤcken, aber der Verluſt ihres Haͤuschens liegt ihr noch gleich ſtark am Herzen, von dieſem ſpricht ſie oft und vielmals. Ich wollte noch vieles mit der30 Alten und Kaͤtchen ſprechen, noch manches ſie fragen; aber ich war's nicht vermoͤgend, inniges Mitleid mit ihrem jammervollen Zuſtande, und die gewiſſe Ueberzeugung, daß ich durch Fragen ihn nicht lindern koͤnnte, trieb mich in's Freie. Ich ſah und ſprach ſie nach der Hand oft, aber ich ſah und ſprach ſie nie, ohne mich immer deut - licher zu uͤberzeugen, daß der Verluſt des Ver - ſtandes jeden Vorzug des menſchlichen Koͤrpers, den er vor dem Thiere hat, nach und nach zer - ſtoͤrt, und ihn ganz bis zu dieſem herab - wuͤrdigt.

Kaͤtchen traͤumt oft und viel, erzaͤhlt jeden ihrer Traͤume am Morgen wieder, aber alle dieſe Traͤume haben keine Spur des Wahnſinns, ver - rathen oft viele und feine Beurtheilungskraft. Dieſer Umſtand war mir von jeher auffallend und merkwuͤrdig. Wenn ihr Koͤrper ruht, ihre Sinne keines Eindrucks faͤhig ſind, ſcheint ihr Geiſt faͤ - hig zu ſeyn, richtig denken und ſchließen zu koͤn - nen; aber ſobald ihr Koͤrper erwacht, ſind ihre Ideen wieder ganz zerruͤttet, voll des ſtaͤrkſten Wahnſinns! Sie ſingt ihr Lied noch im - mer, aber jetzt erregt's in ihrem Munde nicht mehr Bewunderung, nur Mitleid und Er - barmen.

Empfindſame Seelen, wenn ihr einſt in Ell - bogens romantiſchen Gegenden luſtwandelt, ſo ge - denkt des armen und nothleidenden Kaͤtchens! 31Weilt bei ihrem kleinen Haͤuschen, laßt eurer Lin - ken nicht wiſſen, was eure Rechte giebt! die alte Mutter wird's mit Danke, mit Thraͤnen empfan - gen, und Gott wird's lohnen!

Joſeph Karl.

Als ich vor zwei Jahren den wuͤrdigen und ver - dienſtvollen Freiherrn Emanuel M von W zu N in Boͤhmen beſuchte, ſeine vortrefliche Oekonomie bewunderte, und in ſeinen fruchtbaren Gefilden luſtwandelte, erblickte ich mitten im freien Felde einen Mann, deſſen Phyſiognomie mich ſo - gleich anzog, und mir in jedem Falle etwas außeror - dentliches verkuͤndigte. Er ſtand im Schatten ei - nes einzelnen Birnbaums, war angelehnt an ſei - nem Stamme, hielt ein gedrucktes Blatt in ſeiner Rechten, und ſchien den Inhalt deſſelben mit gie - rigem Blicke zu verſchlingen. Sein grauer, et - was abgetragner und doch noch ſaubrer Rock, ſei - ne ſchwarze Weſte und Beinkleider ließen mich mit Grunde muthmaßen, daß er ein Dorfſchul - meiſter ſei, der ſchwarz gebrannte Knotenſtock, welcher neben ihm lehnte, beſtaͤtigte dieſe Muth - maßung, aber der Kopf des Mannes wider - ſprach ihr ganz. So, dachte ich, indem ich ihn32 betrachtete, muß Sokrates ſtudiert, ſo tief und forſchend muß er geblickt haben, als er die Gruͤn - de zum Beweiſe ſeiner Unſterblichkeit ſammelte. Ein duͤnnes, ſchon vom Alter gebleichtes Haar beſchattete ſparſam ſeine Schlaͤfe, und verrieth deutlich den Mangel an Saͤften, die ihm anhal - tendes Studium geraubt hatte. Seine breite, hochgewoͤlbte Stirne, welche ſich maͤchtig faltete, verrieth den Forſcher und Denker, ſeine lange, ſpitzige Habichtsnaſe beſtaͤtigte dieſe Muthma - ſung, der unmerkbar laͤchelnde Mund bewies in - nere Zufriedenheit und Seelenruhe. Das Ganze dieſes merkwuͤrdigen Geſichts heiſchte Ehrfurcht, und ſchien ſie ganz zu verdienen. Ich wagte es nicht, ihn im Leſen zu ſtoͤren, und wollte ruhig harren, bis er geendet habe, um dann Bekannt - ſchaft mit einem Manne zu machen, deſſen Aeuſ - ſeres ſo viel verſprach. Ein kleines Geraͤuſch, das ich nach langem Harren abſichtlich erregte, und wodurch ich ſeine Aufmerkſamkeit auf mich ziehen wollte, mißlang ganz, es ſtoͤhrte ihn nicht in ſeinem tiefen Nachdenken, mit welchem er noch immer den Inhalt des Blattes zu beherzigen ſchien. Ich harrte auf's neue, aber vergebens, endlich bewog mich mein kleines, dichteriſches Verdienſt, womit ich freilich nur in entfernter Ehrfurcht auf die Bekanntſchaft eines Philoſo - phen Anſpruch machen konnte, zu der Kuͤhnheit, mich ihm zu naͤhern. Der Schatten meines Haup - tes fiel auf ſein Blatt, er blickte ſeitwaͤrts, undſah33ſah mich vor ſich ſtehen. Darf ich wohl ſo frei ſeyn, ſprach ich mit der ad captationem benevolen - tiae erforderlichen Ehrfurcht, und Sie, beſter Herr, auf einige Augenblicke in ihren tiefen Be - trachtungen ſtoͤhren? Ein langer, anhaltender Blick war ſeine ganze Antwort; aber es lag ſo viel in dieſem einzigen Blicke, daß ich einige Sei - ten brauchen wuͤrde, um alles zu beſchreiben, was ich darinne eben ſo deutlich las, als wenn er mir's mit den ausdruckvollſten Worten geſagt haͤtte. Anfangs ſchien ſein Blick Zorn zu verkuͤn - digen. So, dachte ich, zuͤrnt ein Koͤnig, der eben das Wohl ſeines Landes entſcheiden will, und in dieſer Entſcheidung durch einen unver - ſchaͤmten Bettler geſtoͤhrt wird. Bald hernach wandelte ſich dieſer grimmige Blick in ein unnach - ahmliches Laͤcheln um, welches uͤber ſein ganzes Geſicht eine herablaſſende Freundlichkeit oder viel - mehr Huld verbreitete, die mir großmuͤthige Ver - zeihung ankuͤndigte. So, dachte ich dankend, ver - zeiht ein Koͤnig die unverſchaͤmte Kuͤhnheit, und winkt dem Verbrecher Gnade zu. Der ganze Blick, im Zuſammenhange uͤberſetzt, ſchien ungefaͤhr zu ſagen: Kuͤhner Sterblicher! deine Keckheit iſt groß, aber meine Milde kennt keine Graͤnzen, ich verzeihe ſie dir willig!

Ehe ich eine neue Entſchuldigung wagen konn - te, wandte er ſich abſeits, ſteckte ſein Blatt inErſt. Baͤndch. C34die Taſche, ergriff ſeinen Knotenſtock, und wan - derte feldeinwaͤrts. Ich wagte es nicht, ihm nachzublicken, vielweniger zu folgen, und war vollkommen zufrieden, daß er mir meine Kuͤhn - heit ſo großmuͤthig vergeben hatte. Ich ſchlich endlich auch weiter, die herrlichſten Kornfelder wallten vor mir in unzaͤhlichen Wellen, ich wollte die groͤßten Aehren meſſen, aber der tiefdenkende Mann ſchien wieder vor mir zu ſtehen, und ich wich ehrfurchtsvoll zuruͤck. Daß dieſer Mann ein großer Philoſoph, ein tiefdenkender Forſcher, ein Haller oder ein Euler ſeyn muͤſſe, kam mir nun nicht mehr aus dem Sinne. Seine Phyſiognomie hatte mich davon zu deutlich uͤberzeugt, und Zwei - fel waͤre nach ſo feſter Ueberzeugung in dieſen Au - genblicken Thorheit geweſen. Meine Neugierde regte ſich nach und nach maͤchtig, ich wuͤnſchte ſo herzlich zu erfahren: wer er eigentlich ſei? Ob vielleicht, was mir am wahrſcheinlichſten duͤnkte, der fremde Gelehrte in nahen Badoͤrtern die Kur brauche, und gleich mir eine Spazierreiſe nach dieſen ſchoͤnen Gefilden gemacht habe? Ueber bei - de Fragen hofte ich daheim naͤhere, wenigſtens ei - nige Auskunft zu hoͤren, und beſchleunigte daher meinen Ruͤckweg.

Wie ich am Schloſſe anlangte, verkuͤndigte die Glocke den Mittag, ich eilte ſtaͤrker, und er - blickte im Hofe auf's neue den mir ſo merkwuͤrdi - gen, grauen Mann, er ſtand mit dem Ruͤcken ge -35 gen mich gekehrt, und zeichnete mit ſeinem Stocke einige Figuren im Sande. Meine Ehrfurcht wag - te es nicht, ihn zu ſtoͤhren, aber mein Herz labte ſich mit der angenehmen Hofnung, daß der gaſt - freie Herr des Schloſſes den ſeltnen Gelehrten ſi - cher zur Tafel geladen habe, und es mir dann beſſer gluͤcken werde, Bekanntſchaft mit ihm zu machen. Ich erwog eben: ob dieſe Figuren nicht irgend eine mathematiſche, aͤuſſerſt ſchwere Aufga - be loͤſen ſollten? als ein Ochſenknecht nahe an dem grauen Manne voruͤber gieng und ihn mit einer treuherzigen Freundlichkeit auf die Achſel klopfte. Wie gehts? Karl, wie gehts? fragte er ihn lachend, und drehte ihn, zu meinem groͤßten Erſtaunen, einigemal im Kreiſe herum. Gott im Himmel, dachte ich, der Kerl verkennt ihn ſicher, er wird's fuͤr Beleidigung nehmen, und vielleicht die Einladung verſchmaͤhen! Aber der graue Mann dachte, zu meiner groͤßten Freude, billiger. Ein Blick, eben ſo zornig, und am Ende eben ſo guͤtig, wie derjenige war, den ich vor kurzem ſo bewundert hatte, war alles, womit er dieſe rohe Beleidigung ahndete. Sein Stock war ihm im Drehen entfallen, er hob ihn ſtillſchweigend auf, und zeichnete von neuem. Da der kuͤhne Knecht bei mir voruͤber gieng, ſo hielt ich's fuͤr Pflicht, ihn auf ſeinen groben Fehler aufmerkſam zu ma - chen, und in Guͤte zur Abbitte zu bewegen.

C 236

Ich. Kennt ihr denn den Herrn dort?

Der Knecht. He? Was ſagen Sie?

Ich. Ob ihr den Herrn dort kennt?

Der Knecht. Welchen Herrn?

Ich. Den ihr vorhin im Kreiſe herum dreh - tet, der jetzt mit ſeinem Stocke am Boden zeich - net.

Der Knecht. Ach! den Herrn! (lachend) den kenne ich recht gut!

Ich. Wer iſt er denn?

Der Knecht. Der naͤrriſche Schneider aus Neukirchen.

Ich. Naͤrriſche? Schneider? O ihr ſeid wohl ſelbſt nicht recht bei Sinnen!

Der Knecht. Gott ſei dank, noch bin ich's, ob's mich aber nicht auch einmal treffen kann, ſteht bei ihm!

Ich. Unmoͤglich! Unmoͤglich! Dieſer Mann ſollte naͤrriſch ſeyn?

Der Knecht. (weiter gehend) Nun ge - ſcheid iſt er wenigſtens nicht, das werden Ihnen alle Leute ſagen, wenn Sie mir's nicht glauben wollen.

Hier ſtand ich, betrogen in meiner Erwartung, worauf ſich die Hofnung der naͤhern Bekanntſchaft mit einem großen Gelehrten gegruͤndet hatte, ich war unentſchloſſen: Ob ich der Ausſage des37 Knechts Glauben beimeſſen? Nicht vielmehr die - ſen fuͤr wahnſinnig halten ſollte? Wenigſtens ſchien des letztern Phyſiognomie nicht zu wider - ſprechen, da des grauen Mannes ſeine hingegen offenbar das Gegentheil bewieß. Um nicht laͤn - ger im Labyrinthe ungewiſſer Zweifel umher zu irren, eilte ich in's Schloß; ich erblickte unter mehrern Gaͤſten den ſo redlichen und wuͤrdigen Pfarrer des Orts und fuͤhrte ihn ſogleich an's Fenſter.

Ich. (mit geſpannter Erwartung) Kennen Sie den grauen Mann, welcher mit ſei - nem Stabe am Boden zeichnet?

Der Pfarrer. Ich kenne ihn.

Ich. Wie heißt er? Wer iſt er?

Der Pfarrer. (laͤchelnd) Ein großer, ein wichtiger Mann!

Ich. (mit innerer Selbſtzufrieden - heit) Dacht's ja gleich, daß mich mein Bischen phyſiognomiſche Kenntniß nicht truͤgen koͤnne.

Der Pfarrer. Und fuͤr was nahm ihn dieſe?

Ich. Fuͤr einen großen Philoſophen, fuͤr ei - nen tiefdenkenden Forſcher, fuͤr

Der Pfarrer. O gefehlt, weit gefehlt!

Ich. Gefehlt? Sollte er mehr noch ſeyn?

Pfarrer. Allerdings! Verſteht ſich aber in ſeiner Einbildung.

38

Ich. (im ſinkenden Tone) Einbildung?

Pfarrer. Ja, denn in der Wirklichkeit iſt er nur ein armer Schneider.

Ich. Ein armer Schneider?

Pfarrer. Der lange ſchon ſeinen Verſtand verlohren hat, ſich aber in ſeinem Wahnſinne groͤ - ſer, und wahrſcheinlich auch gluͤcklicher, als wir alle, duͤnkt.

Ich. So waͤre er wirklich wahnſinnig? Aber ſeine Phyſiognomie?

Pfarrer. Verraͤth allerdings keine Spur des Wahnſinns, wenn Sie alſo uͤber die Kennt - niß derſelben ſich ein Syſtem verfertigt haben, ſo muͤſſen Sie die ſeinige als eine Ausnahme von der allgemeinen Regel anſehen.

Ich. So wurde meine Erwartung noch nie geſpannt, ſo noch nie betrogen! Iſt er ſchon lan - ge wahnſinnig?

Pfarrer. Vielleicht ſchon zwanzig Jahre.

Ich. So lange ſchon! Worinne beſteht dieſer Wahnſinn?

Pfarrer. Er theilt ſich vollkommen in zwei Theile, welche ſich nach zwei Buͤchern ordnen, in denen er unaufhoͤrlich lieſt, und ſie fuͤr ſeinen groͤßten Schatz haͤlt.

Ich. Was ſind das fuͤr Buͤcher?

Pfarrer. Eine alte boͤhmiſche Kronik, dann39 ein eben ſo altes, wahrſcheinlich Viſionen und Traͤumereien enthaltendes Buch. Er laͤßt das letztere keinem Sterblichen ſehen, und gewaltſame Wegnahme wuͤrde ihn raſend machen. Lieſt er in der Kronik, ſo waͤhnt er ein aͤchter und wahrer Abkoͤmmling Kaiſer Karl des Vierten zu ſeyn, macht dann Anſpruch auf den boͤhmiſchen Thron, und betheuert hoch, daß ihm dieſer einſt noch wer - den muͤſſe. Hat er aber das unbekannte Buch ge - leſen, ſo ſpricht er von einer Oberwelt, in welcher er ſelbſt einſt war und die er, ſeinen verwirrten Ideen gemaͤß, oft aber recht romantiſch, ſchildert. Er predigt dann Buße, und ermahnt die jungen Leute in warmen, kraͤftigen Ausdruͤcken zur Tu - gend. Oft miſchen ſich auch beide Ideen in ſei - nem Geſpraͤche wunderlich durcheinander, er geht von einer zur andern uͤber, und wird denen, die nicht davon unterrichtet ſind, unverſtaͤndlich.

Ich. Kann ich nicht mit ihm ſprechen? Dies nicht alles aus ſeinem Munde hoͤren?

Pfarrer. Das wird ſchwer halten, denn es giebt oft Wochen und Monden, in welchen er aͤußerſt verſchloſſen umherwandelt, und uͤber neuen Ideen bruͤtet; dann kann man ihm ſelten Rede abgewinnen, er weiß jeder Frage ſehr geſchickt auszuweichen, und vereitelt die Neugierde des Forſchers. Am offenherzigſten ſpricht er gemeinig - lich mit dem Herrn des Schloſſes, der ihm ſehr40 viele Wohlthaten erweißt, ihn taͤglich ſpeißt und vollkommen ernaͤhrt.

Ich wandte mich nun mit einer Bitte an die - ſen, er war ſo gefaͤllig, ihre Gewaͤhrung zuzuſi - chern, mehrere Gaͤſte nahmen Antheil an unſerm Geſpraͤche, und aͤußerten gleiches Verlangen, den merkwuͤrdigen Mann zu ſehen, und naͤher kennen zu lernen. Es ward nun verabredet, ihn durch geſchickte Fragen auf den Gegenſtand zu leiten, vorzuͤglich aber nicht Unglauben zu verrathen, oder uͤber ſeine Aeuſſerung zu lachen, weil beides ihn ſogleich zuruͤckſcheuen, und jeden neuen Verſuch unmoͤglich machen wuͤrde. Der Herr des Schloſ - ſes gieng ſelbſt, ihn zu holen, weil er ſchwerlich einem ſeiner Bedienten gefolgt waͤre. Er trat kurz darauf mit ihm in's Zimmer; tiefe Stille herrſchte in der zahlreichen Verſammlung, jeder bewunderte ſeine ehrwuͤrdige Phyſiognomie, jeder winkte meiner Bemerkung daruͤber vollen Beifall zu. Der graue Mann ſtutzte ſehr, als er ſo viele Fremde im Zimmer erblickte, ich zitterte ſchon vor den uͤblen Folgen, und bereuete meine Geſchwaͤ - tzigkeit, wodurch ich die Neugierde aller erregt hatte. Zu meiner großen Freude ſah ich aber bald, daß dieſe Verlegenheit ſchwinde, ſeine furchtſame Miene ward wieder nachdenkend, er knoͤpfte ſeine Weſte auf, ſteckte die rechte Hand darein, und lehnte ſich mit dem Ruͤcken gegen die Mauer. Jetzt, meine Herrn, ſprach nun der41 Herr des Schloſſes, koͤnnen Sie beſſer urtheilen: ob die Ferne Sie getaͤuſcht hat? Sie behaupte - ten einſtimmig, daß dieſer Mann dem Portraͤte Kaiſer Karls des Vierten aͤuſſerſt aͤhnlich ſaͤhe, entſcheiden Sie nun! Dieſe Lockſpeiſe war fuͤr den Aermſten zu reizend, er erregte mein ganzes Mitleid, als er ſogleich die tiefdenkende Forſchers - miene in eine laͤchelnde verwandelte, ſich aufrecht ſtellte, und, indem er ſeinen Kopf rechts und links drehte, unſer Urtheil zu fordern ſchien.

Einige aus der Geſellſchaft. Nein, wir haben uns nicht betrogen! Er ſieht ihm voll - kommen aͤhnlich!

Andre. Vollkommen! Vollkommen!

Der graue Mann. (mit aͤuſſerſtem Wohlgefallen umherblickend) Glaub's gerne! (mit geheimnißvoller Miene) denn es hat ſeine wichtigen Gruͤnde, und ein Ding, das ſeine wichtigen Gruͤnde hat, muß auch wichtige Wahrheiten enthalten. (auf's neue umherblickend) Ich weiß nicht; ob Sie mich verſtanden haben.

Einige. Vollkommen! Vollkommen!

Der graue Mann. Nun daher kommt's, daß ich zwar ein armer Schneider bin, aber doch Karl dem Vierten aͤhnlich ſehe. (er lehnte ſich wieder an die Wand, und verſank in tiefes Nachdenken)

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Der Herr des Schloſſes. Wie nennt er ſich denn?

Der graue Mann. Ich nenne mich Joſeph, mein Zuname iſt Karl! ſo nannten ſich alle meine Voreltern, und daher kommt's, daß ich in gera - der Linie von weiland meinem hoͤchſtſeeligen Ahn - herrn, Kaiſer Karl dem Vierten, abſtamme.

Einer aus der Geſellſchaft. Dann waͤren Sie ja mit unſerm Kaiſer verwandt?

Der graue Mann. (mit ernſtem Bli - ke) Fuͤgt huldreichſt und gnaͤdigſt hinzu, denn er verdient's! Wir ſind unſerm vielgeliebten Neffen und Vetter mit vieler Freund - ſchaft zugethan! Wir goͤnnen ihm das Gluͤck, uͤber Boͤhmen zu regieren, von ganzem Herzen! (ſeufzend) Die Laſt der Regierung erfordert jetzt ſtarke Schultern, die unſrigen ſind zu ſchwach, wir behalten uns unſre Rechte auf beſſe - re Zeiten bevor. (Ein Bedienter, der an der Thuͤre ſtand, fieng an zu lachen).

Der graue Mann. (mit Anſtand und Wuͤrde) Kerl, du verdienteſt, daß ich dich zum Koche Kaiſer Wenzel des Vierten machte, und gleich dieſem lebendig braten ließe, aber ich ver - gebe dir's in hohen Gnaden! Meide mein Ange - ſicht! (der Herr des Schloſſes winkte, und der Bediente wollte gehen)

Der graue Mann. (freundlich, und43 im gewoͤhnlichen Tone) Bleibe er, Chri - ſtoph, bleibe er nur! Es iſt alles vergeben und vergeſſen!

Pfarrer. Wie kann er denn aber von Karl dem Vierten abſtammen? Wie iſt denn das moͤglich?

Der graue Mann. Das fragen Sie, ehr - wuͤrdiger Herr? Sie? Sind Sie denn in der Geſchichte ſo ganz unbekannt? (mit Ironie) Vor ſo vielen Zeugen moͤchte ich ſo etwas doch nicht eingeſtehen!

Pfarrer. Meine Frage verraͤth keine Un - wiſſenheit! Ich wollte nur eigentlich wiſſen, von welcher Gemahlin des Kaiſers ſein Ahnherr geboh - ren worden? Karl hatte, wie bekannt, vier Ge - mahlinnen.

Der graue Mann. (mit wichtiger, aber laͤchelnder Miene) Er hatte ihrer fuͤnfe.

Pfarrer. Nur viere. Die erſte war Blan - ka, Karls von Valois Tochter, die zweite

Der graue Mann. (ihm einfallend) War Agnes, des Pfalzgrafen Rudolphs Tochter, die dritte war Anna, Herzog Heinrichs Tochter, die vierte (er ſtockte, und muſterte mit ſeinem Blicke die Geſellſchaft)

Pfarrer. Nun, die vierte war Eliſabeth, Herzogs von Pommern Tochter.

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Der graue Mann. (unwillig) Das war die fuͤnfte.

Pfarrer. Wie nannte ſich denn alſo die vierte?

Der graue Mann. (mit Wuͤrde und Stolz) Es gnuͤgt, wenn wir es wiſſen!

Einige aus der Geſellſchaft. Wir wuͤnſchten es aber auch ſo gerne zu wiſſen!

Der graue Mann. (einige Schritte hervortretend) Die vierte war Blanka, Karls rechtmaͤßige, aber nicht oͤffentlich anerkann - te, Gemahlin. Als der Kaiſer einſt auf ſeinem Luſtſchloſſe, Bubenez genannt, jagte, ſah er ein ſchoͤnes Bauernmaͤdchen, Namens Blanka, verliebte ſich in ſie, und nahm ſie mit auf ſein Schloß. Dort gebahr ſie ihm einen Sohn, der Karl ge - nannt wurde, und von dieſem Karl ſtamme ich in gerader Linie ab, bin jetzt der zehnte ſeines er - lauchten Stammes; die damals noch lebende Anna verfolgte die Mutter ſammt dem jungen Prinzen auf's aͤuſſerſte, aber der Kaiſer nahm ſich beider vaͤterlich an. Er gab den Großen ſeines Reichs den Prinzen zur Erziehung, und ſchuͤtzte die Mutter auf ſeinem Schloſſe. Als die Kaiſe - rin ſtarb, erklaͤrte der Kaiſer ſeinen natuͤrlichen Sohn fuͤr aͤcht, und ließ ſich in geheim mit der ſchoͤnen Blanka trauen. Erſt als dieſe auch ſtarb, ſchritte er zur fuͤnften Ehe, und heirathete Eliſa -45 bethen. Dieß alles weis ich gewiß, denn wie ich Anno 1767 in der Oberwelt war, da ward mir dieß und noch weit mehr kund gethan; auch er - hielte ich daruͤber ein foͤrmliches Patent, welches ich aber auf der Ruͤckreiſe verlohren habe.

Der Herr des Schloſſes. Was hilft das alles! Er wird doch nie Koͤnig werden!

Der graue Mann. (ſeinen Zeigefin - ger an die Naſe legend) Es wird eine Zeit kommen, in welcher ich ruhig und im Frie - den uͤber Boͤhmen regieren werde, und dann, gnaͤdigſter Herr, (mit geruͤhrter Stimme) will ich's Ihnen tauſendfach lohnen, was Sie dem armen, verlaßnen, oft verachteten, ſtets verkannten Karl jemals gutes gethan haben.

Der Herr des Schloſſes. Dann werden es aber meine Knechte, die ihn immer necken, theuer bezahlen muͤſſen.

Der graue Mann. Nein! Nein! (lang - ſam und feierlich) Des Koͤnig's erſte Tu - gend muß Milde und Gnade ſeyn! Ich werde alles vergeben und vergeſſen, aber mein Vetter bekommt fuͤnf und zwanzig Pruͤgel.

Pfarrer. Dieſem muß er auch alles ver - zeihen.

Der graue Mann. Dieſer bekommt fuͤnf und zwanzig! Dabei bleibt's! So wahr ich Karl bin! Dies iſt mein hoͤchſter Schwur! Er46 hat's ſchon zweimal gewagt, freventlich Hand an mich zu legen, und mich gleich einem Buben mit der Ruthe zu zuͤchtigen. (mit aͤuſſerſtem Nachdrucke) Er bekommt fuͤnf und zwanzig, dann kaufe ich ihm aber die Muͤhle, welche un - ten im Thale liegt, da kann er ruhig und zufrie - den leben.

Nach einer kleinen Stille, welche jetzt in der ganzen Geſellſchaft herrſchte, trat aus den vielen anweſenden fremden Geiſtlichen ein junger Ka - plan hervor, und unternahm's, uns durch neue Fragen, die er an den grauen Mann ſtellte, zu unterhalten. Seine Abſicht, durch welche er wahrſcheinlich ſeinen Witz wollte glaͤnzen laſſen, ſchien anfangs ganz zu mißlingen. Der graue Mann beantwortete einige ſeiner Fragen nur mit ſtummen Blicken, endlich begann er zu ant - worten.

Der Kaplan. Hoͤr 'er, mein lieber Karl! wenn er einſt Koͤnig in Boͤhmen wird, muß er mich zum Erzbiſchof von Prag machen.

Der graue Mann. (ihn mit laͤcheln - dem Blicke meſſend) Wird ſchwerlich ge - ſchehen koͤnnen.

Der Kaplan. Warum denn nicht! Ach der gute Karl thut's gewiß!

Der graue Mann. (mit dem Kopfe ſchuͤttelnd) Es geht nicht! Es geht nicht!

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Der Kaplan. Aber warum denn nicht?

Der graue Mann. Es gaͤbe Urſache zum Murren. Unſer Koͤnig, wuͤrden die Leute ſagen, iſt ein Narr, jetzt hat er auch einen Narren zum Erzbiſchof gemacht, das wird eine naͤrriſche Re - gierung werden!

Alles lachte, der Kaplan zog ſich beſchaͤmt in einen Winkel, ich ſelbſt konnte mich nicht enthal - ten, mit Oldenholm auszurufen: wenn das Narrheit iſt; ſo liegt doch wenigſtens viel Metho - de darinne! Keiner wollte es nun wieder wagen, den wahnſinnigen Wahrheitsverkuͤndiger mit neuen Fragen zu belaͤſtigen, er konnte ruhig denken, und ungeſtoͤrt ſeinen Plan zur kuͤnftigen Regie - rung ordnen, denn dies iſt eins ſeiner Lieblings - geſchaͤfte. Die Neugierde der Geſellſchaft war noch nicht halb befriedigt, viele, an deren Spitze ich mit ſtand, wuͤnſchten etwas von ſeinem Auf - enthalte in der Oberwelt zu erfahren, der gefaͤlli - ge Herr des Schloſſes erbarmte ſich unſrer auf's neue. Wie war's denn, ſagte er, in der Ober - welt?

Der graue Mann. (mit vieler Waͤr - me) O ſchoͤn, herrlich! Wenn ich dort haͤtte bleiben koͤnnen, dann wuͤrde ich an kein irrdiſches Reich mehr denken! Ach! es war eine ſelige Zeit, ſo wohl kann mir's hienieden nie werden.

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Der Herr des Schloſſes. Wie lange war er denn dort?

Der graue Mann. Acht volle Wochen, ſie ſchwanden mir wie Stunden! Ich bat um laͤngere Erlaubniß, aber ſie wurde mir abge - ſchlagen.

Der Herr des Schloſſes. Wie ſieht's denn aber oben aus? Eben ſo wie in unſrer Welt?

Der graue Mann. Eben ſo! Nur viel ſchoͤner, ach, viel ſchoͤner! Es herrſcht ewiger Fruͤhling, kein Winter. Alles waͤchſt von ſich ſelbſt, und gedeiht vortreflich! Kuͤhe giebt's da wie die Elephanten, und die Kornaͤhren ſind ſo lang, als ich bin!

Der Herr des Schloſſes. (laͤchelnd) Da haͤtte er uns einigen Saamen mitbringen ſollen!

Der graue Mann. Was haͤtte es genuͤtzt! Er waͤre hier doch nicht gerathen. Unſre Suͤn - den, unſre Miſſethaten machen das Vieh ſo klein! die Kornaͤhren ſo duͤnn, und den Boden ſo un - fruchtbar. Oben giebt es beſſere, andaͤchtigere Menſchen! Ich war dort alle Tage in der Kir - che, wenn der Name Gottes genennt wurde, da ſtuͤrzte die ganze Schaar zu Boden, und betete an den Maͤchtigen, der alle Himmel, und alleunzaͤhl -49unzaͤhlbare Erden mit Weisheit und Ordnung regiert.

Der Herr des Schloſſes. Giebt's dort keine Advokaten, keine Doktoren?

Der graue Mann. (laͤchelnd) Nichts, von allen rein nichts! Auch keine Richter, keine Gefaͤngniſſe! Wer irgend etwas verbricht, oder einen Fehltritt begeht, der muß ſeine Wanderung vom Anfange beginnen?

Ich. Wanderung?

Der graue Mann. (mich ernſthaft anblickend) Ja! ja! Wanderung! Dieſe Erde iſt nur der Ort der Strafe und Beſſerung! Oben iſt das Paradies, in welchem unſre Stamm - eltern erſchaffen, und daraus verſtoßen wurden, jetzt wird es von unſern Geiſtern bewohnt.

Ich. Das verſtehe ich nicht ganz!

Der graue Mann. (laͤchelnd) Glaub's gerne, aber den Unwiſſenden muß man belehren. Fragen Sie, ich will antworten.

Ich. Iſt denn die Oberwelt, in welcher Sie waren, derjenige Ort, welchen unſre Religion Himmel nennt?

Der graue Mann. Ja, darinne liegt's eben verborgen! Ihre Frage beweißt, daß Sie noch ganz unwiſſend ſind, es wahrſcheinlich auchErſt. Baͤndch. D50bleiben, weil es aͤuſſerſt ſchwer iſt, einem Kinde den Mechanismus einer Uhr begreiflich zu machen. Wenn man ſich auch noch ſo beſtimmt auszudruͤ - ken glaubt, ſo verſteht's das Kind doch nicht, und fragt am Ende alberner, als vorher. Sehen Sie: dasjenige geiſtige Weſen, was wir unſre Seele nennen, iſt anfangs von Gott in der Oberwelt erſchaffen worden, jetzt wird's dort ge - zeugt und gebohren, hat einen Anfang, aber kein Ende; waͤchſt und gedeiht, wie unſer Koͤrper, iſt aber Geiſt, und kein Koͤrper. Verſtehen Sie mich?

Ich. Vollkommen.

Der graue Mann. Je groͤßer dieſer Geiſt waͤchſt, je groͤßer werden auch ſeine Kenntniſſe, er hat freien Willen, ſie zum Boͤſen oder zum Guten anzuwenden. Geſchieht das letztere, ſo ſteigt er nach zweihundert Jahren eine Stufe hoͤ - her, die ihm der Vollkommenheit naͤher fuͤhrt, denn Paulus ſah ja ſelbſt ſieben Himmel. Han - delt er aber boͤſe, ſo wird ſein Geiſt ſo klein wie eine Raupe, er wird gleich dieſer in ein dickes, feſtes Gewebe eingeſponnen, und durch ein klei - nes Loch auf unſre Erde herabgeſtuͤrzt, hier faͤllt er nun in den thieriſchen Koͤrper eines neugebohr - nen Kindes, iſt feſt eingehuͤllt, kann nicht reden, nicht denken, nicht handeln.

Ich. Wie lernt er dies aber?

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Der graue Mann. (geheimnißvoll) Ja, wie lernt er's? Die Vorſehung gab ihm in ſeine dunkle Huͤlle ein kleines Meſſerchen mit. Er beginnt ſogleich das Werk ſeiner Erloͤſung, und ſchabt damit an der Huͤlle, die ihn umgiebt, dieſe wird nach und nach durchſichtiger, der Geiſt kann hie und da durchblicken, und der thieriſche Koͤrper faͤngt an zu handeln, der Geiſt regiert, bewegt ihn. Je fleißiger dieſer ſchabt, je groͤßer werden natuͤrlich die Kenntniſſe des Kindes, das zum Juͤnglinge, zum Manne empor reift, und bei der Arbeit des Geiſtes auch immer an Kennt - niſſen zunimmt. Daher kommt's, daß es dum - me, einfaͤltige, aber auch ſehr gelehrte und ver - nuͤnftige Menſchen giebt, je nachdem ihr Geiſt fleißig ſchabt oder nicht ſchabt: denn je duͤnner ſeine Huͤlle wird, je mehr kann er ſehen und denken.

Ich. Oft ſtirbt aber das neugebohrne Kind ſogleich, oder in wenig Tagen, wenn

Der graue Mann. (eifrig) Dies iſt ſehr natuͤrlich! Der Geiſt wird nach Maßgabe ſeiner Verbrechen auf Stunden, Tage, Monden, oder Jahre in den thieriſchen Koͤrper verbannt. Iſt die Zeit ſeiner Strafe voruͤber, ſo fliegt der Geiſt empor, und der Koͤrper ſtirbt, verweßt. Verleitet unter dieſer Zeit der Geiſt den KoͤrperD 252zu boͤſen Handlungen, ſo muß er entweder hinab zur Hoͤlle, aus welcher keine Erloͤſung zu hoffen iſt, oder er kommt noch um einen Grad tiefer, als er auf Erden war, in's Fegfeuer, aus wel - chem noch Erloͤſung zu hoffen iſt.

Ich. Hat der Geiſt aber gut gehandelt?

Der graue Mann. So kehrt er nach der Oberwelt zuruͤck, und lebt dort von neuem. Ich habe da mit einem meiner Vorfahren geſprochen, welcher ſchon fuͤnfmal auf unſrer Erde war, aber jetzt hat er ſich's feſt vorgenommen, nie wieder herab zu kommen.

Ich. Waren wir denn auch ſchon einmal in der Oberwelt?

Der graue Mann. O weh! Wie koͤnnen Sie ſo albern fragen? Haben Sie eine Seele?

Ich. Ich hoff's.

Der graue Mann. Wenn Sie dieſe haben, ſo muß ſie auch aus der Oberwelt gekommen ſeyn, denn nur dort koͤnnen die Geiſter gezeugt und gebohren werden.

Ich. Aber mein Geiſt erinnert ſich ja deſſen nicht.

Der graue Mann. Das kann und darf er nicht, ſo lange er noch mit dem Haͤutchen oder Gewebe umgeben iſt. Schaben Sie fleißig, mein Herr Geiſt, ſo kann's Ihnen auch gluͤcken, wie53 es mir gegluͤckt iſt. Im Jahre 1767 am erſten Maie gelang es meinem arbeitſamen Geiſte, das ſchon aͤuſſerſt duͤnne Haͤutchen mit einmal zu ver - nichten, es platzte, und mein Geiſt konnte frei denken, frei handeln, und ſich ſeines vorigen Zuſtandes erinnern. Er wollte ſich vom irrdi - ſchen Koͤrper losmachen, aber es war nicht moͤg - lich, er wandelte nach der Oberwelt, der Koͤr - per gieng mit, aber wir durften nicht dort blei - ben, weil die Zeit der Strafe noch nicht vollendet iſt! (nachdenkend) Haben Sie ſchon ei - nen Taubſtummen geſehen?

Ich. O ja!

Der graue Mann. Das ſind elende Ge - ſchoͤpfe! Blos Koͤrper, blos Maſchine; als ſie gebohren wurden, fiel eben kein Geiſt aus der Hoͤhe herab, und nun wandeln ſie ſo lange oh - ne dieſen herum, bis irgend einmal ein herab - gefallener Geiſt kein neugebornes Kind findet, und in ſeinem Koͤrper den Wohnſitz nimmt. Da - her kommt's, daß man jetzt in Zeitungen lieſt, wie die Stummen reden lernen.

Pfarrer. Hat denn der alte Jobſt auch einen Geiſt?

Der graue Mann. Der iſt ja ein Narr, liegt an der Kette, und raßt.

Pfarrer. Eben deswegen frag ich.

Der graue Mann. (ſeufzend) Ja54 wohl hat er einen! Sein Geiſt war arbeitſam und thaͤtig, aber er ſchabte ſtets an einem Or - te, machte gluͤcklich ein Loch in die Huͤlle, doch iſt's zu klein, jetzt kann er nicht heraus: win - det, kruͤmmt ſich, aber es geht nicht.

Pfarrer. Zu welchem Amte, mein lieber Karl, wird er mich wohl faͤhig finden, wenn er einſt Koͤnig wird?

Der graue Mann. Sie, Ehrwuͤrdiger Herr, mache ich zum oberſten Schulmeiſter meines Lan - des, denn ich ſeh's mit großem Vergnuͤgen, wenn Sie oft in die Schule gehen, die Kinder zur Thaͤ - tigkeit, zum Fleiße ermahnen, und ihnen Ihre eigne Kenntniſſe mittheilen. Das nutzt, das fruchtet! denn jemehr unſere Geiſter ihre Haͤut - chen verduͤnnen, je gluͤcklicher kann's auf dieſer Welt werden.

Die Speiſen rauchten ſchon lange auf der Ta - fel, wir mußten Platz nehmen, und indeß wir's thaten, entfernte ſich der graue Mann. Ich konnte ihn nicht mehr ſehen, nicht mehr ſprechen, denn er war uͤber Feld gewandert, und niemand konnte ihn finden. Nach Tiſche ließ ich mir ſeine Lebensgeſchichte vom Pfarrer erzaͤhlen:

Karl war der einzige Sohn eines Schuſters, der ſich redlich, aber kuͤmmerlich, naͤhrte. Als der Knabe acht Jahre alt war, ſtarb Vater und Mutter; ein Bruder der letztern nahm die ver -55 laßne Waiſe zu ſich. Alle Zeitgenoſſen erinnern ſich, daß Karl in der Schule vorzuͤglich gut lern - te, und immer vom Schulmeiſter beſonders gelobt wurde. Er wollte ſehr gerne ſtudieren, da aber ſein Vetter die Koſten dazu nicht hergeben konn - te, ſo mußte er wider ſeinen Willen ein Schnei - der werden. Er war ſtets ſtill und fleißig, aber er brachte es in ſeinem Handwerke nicht einmal zur mittelmaͤßigen Vollkommenheit, und verrieth in ſeiner Arbeit oft große Zerſtreuung. Endlich gieng er einige Jahre auf die Wanderſchaft, kam aber nicht viel geſchickter nach Hauſe; er wuͤrde indeß doch daheim ſein Brod verdient haben, wenn er nur fleißig haͤtte arbeiten wollen, aber nur Hunger konnte ihn zur Arbeit zwingen: hatte er ein Stuͤckchen trocknes Brod, ſo ſperrte er ſich in ſein Stuͤbchen ein, und las Buͤcher, welche ihm der Zufall in die Haͤnde fuͤhrte. Daß er die meiſten unrecht verſtand, ſich darinne Ideen zum Wahnſinne ſammlete, lehrte und bewieß die Folge. Wahrſcheinlich wuͤrde er ein großer, ein tiefdenkender Gelehrter geworden ſeyn, wenn ſeine Armuth ihn in der Jugend nicht am Studieren gehindert haͤtte. Selbſt ſein beinahe fuͤnf und zwanzigjaͤhriger Wahnſinn hat die Spuren ſeines offenen Kopfes, ſeines Genies noch nicht ganz vertilgt. Er ſchreibt eine gute, lesbare Schrift, er iſt ſehr gut in der Geſchichte bewandert und ſpricht vom puniſchen wie vom huſſiten Kriege mit gleicher Wahrheit. Er kann die Bibel beinah56 auswendig, und iſt in der Rechenkunſt weit uͤber's Mittelmaͤßige hinaus.

Da er ſtets eingezogen, immer nur fuͤr ſich lebte, nie an oͤffentlichen Oertern, nur in der Kirche aͤußerſt richtig, erſchien, ſo vermißten ihn ſeine Freunde erſt einſt an einem Sonntage, als er wahrſcheinlich ſchon eine ganze Woche zuvor in ſeinem kleinen Stuͤbchen ohne Pflege und Huͤlfe krank gelegen war. Sie fanden ihn wenigſtens dort ohne Gefuͤhl, ohne Verſtand. Nach langer, anhaltender Pflege kehrte endlich ſeine Geſundheit, aber nie mehr ſein Verſtand, zuruͤck. Die Zeit ſeiner Krankheit ſtimmt genau mit derjenigen uͤberein, welche er in der Oberwelt will zuge - bracht haben. Anfangs ſprach er auch nur von dieſer; die Idee, daß er ein Abkoͤmmling Karl des Vierten ſei, kam erſt lange nachher zum Vorſchei - ne, iſt aber jetzt der groͤßte Gegenſtand ſeiner Beſchaͤftigung.

Als Kaiſer Joſeph ſtarb, und ſich die boͤhmi - ſchen Staͤnde zur Huldigung ſeines erlauchten Nachfolgers in Prag verſammelten, ſandte er wirklich eine Schrift an dieſe ehrwuͤrdige Ver - ſammlung, worinne er gegen die Wahl eines neuen Koͤnigs foͤrmlich proteſtirte, und jene auf ſeine Rechte, die er auf die boͤhmiſche Krone zu haben vermeinte, aufmerkſam zu machen ſuchte. Ich beſitze das von ihm ſelbſt entworfene Konzept die - ſer merkwuͤrdigen Schrift, ich wuͤrde ſie woͤrtlich57 herſetzen, wenn ſie nicht eine genaue Wiederho - lung desjenigen enthielte, was ich ſchon durch ihn ſelbſt erzaͤhlen ließ. Nachdem er den hohen Lan - desſtaͤnden genau erwieſen hat, daß er von Karl dem Vierten abſtamme, verirrt er ſich auf einmal in die Oberwelt, und ſpricht lange Zeit von die - ſer, endlich kehrt er zuruͤck, und macht billigere Bedingungen. Sollte, ſagt er, etwann aus mei - ner gerechten Anforderung ein Krieg entſtehen, ſo will ich in Gnaden davon abſtehen, und bin's zu - frieden, wenn der kuͤnftige Koͤnig mir das Pleiß - ner - und Egerland abtritt, welches Kaiſer Al - brecht an den Koͤnig Wenzel verpfaͤndet hat, und das mir daher (wie? und warum? weis ich nicht) unſtreitig zugehoͤrt. Will man mir, faͤhrt er noch billiger fort, aber die Pfandſumme von fuͤnfzig tauſend Mark, nebſt den vertagten Inter - eſſen, welche bis heutigen Tag eine Summe von einer Million, einmalhundert achtzig tauſend Mark ausmachen, ohne Weigerung auszahlen, ſo begebe ich mich hiermit freiwillig aller meiner gerechten Anſpruͤche, und will meine uͤbrigen Tage in Frie - de und Ruhe beſchließen.

Keiner ſeiner Freunde wußte etwas von dieſem kuͤhnen Schritte, wuͤrde vielleicht auch in der Fol - ge nie etwas davon erfahren haben, wenn ſeine Schrift nicht die Aufmerkſamkeit der Landesſtelle erregt haͤtte. Sie ſchloß ganz natuͤrlich auf Wahn - ſinn, forderte aber doch Bericht, und befahl, den58 armen Karl in Verwahrung zu nehmen; da aber die Obrigkeit ſeine ganzen Umſtaͤnde einberichtete, und zugleich erwieß, daß ſein Wahnſinn von kei - ner gefaͤhrlichen Art ſei, ſo ward er noch ferner der Verſorgung ſeiner Freunde uͤberlaſſen.

Er lieſt aͤuſſerſt gerne Zeitungen, und iſt ſehr genau mit allen politiſchen Begebenheiten bekannt. Er geht jederzeit auf die Poſt, und holt die Zei - tungen, welche in ſeinem Geburtsorte gehalten werden, er lieſt ſie dann unterwegs; ſehr wahr - ſcheinlich war das Blatt, welches ich in ſeiner Hand erblickte, auch ein Zeitungsblatt. Die trau - rigen Begebenheiten Frankreichs reizten ſeine Auf - merkſamkeit ſehr, er behauptet, daß er mit dem Hauſe Bourbon verwandt ſei, und ebenfalls An - ſpruch auf Frankreichs Krone machen koͤnne.

Vor Jahresfriſt iſt er aus der Gegend ver - ſchwunden. Fuhrleute wollen ihn zu Strasburg geſehen und erkannt haben; hat ihn vielleicht der ungluͤckliche Gedanke, von Frankreichs verwaißtem Throne Beſitz zu nehmen, zu dieſer Reiſe verlei - tet, ſo hat er wahrſcheinlich ſchon laͤngſt ſein Le - ben unter der Guillotine geendigt.

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Wilhelm M***r und Karoline W g.

Im ſchrecklichen ſiebenjaͤhrigen Kriege, welcher halb Deutſchland verwuͤſtete, manchem Hausvater ſeine Haabe, mancher Mutter ihren Sohn raub - te, reiſte der junge Wilhelm auf die Univerſitaͤt nach Leipzig. Sein Vater, ein Landpfarrer, war ſchon laͤngſt geſtorben, ſeine noch lebende Mutter hatte ihr Aeuſſerſtes gethan, um ihn auf der Schule zu ernaͤhren, ſie konnte ihm jetzt nicht mehr als zehn Thaler und ihren muͤtterlichen Se - gen mit auf die Reiſe geben, ſie hofte, daß der hofnungsvolle Juͤngling durch ſeine gute, untadel - hafte Auffuͤhrung bald Goͤnner zu Leipzig finden wuͤrde, die ihn unterſtuͤtzen und Vater der[ver - laßnen] Waiſe werden ſollten. Als er zu Kolditz uͤbernachtete, wurde das Staͤdtchen von feindli - chen Huſaren uͤberfallen, ſie fanden den jungen Wilhelm, er war ſchoͤn, jung und wohlgewachſen und wurde am andern Morgen, nebſt mehrern jungen Leuten, nach des Feindes Land gefuͤhrt, um dort als Soldat zu dienen. Seine Gelaſſen - heit, mit welcher er ſich in ſein unverdientes Schickſal fuͤgte, ſein Eifer, mit welchem er ſich im60 Exerzieren uͤbte, und endlich ſeine nicht geringen Kenntniſſe, welche er ſich auf der Schule geſam - melt hatte, erwarben ihm bald die Achtung ſeiner Vorgeſetzten, ſie erleichterten ihm nicht allein ſein ungluͤckliches Loos, ſie halfen ihm auch vorwaͤrts. Er diente im andern Jahre ſchon als Korporal unter dem Regimente, welches ihn gefangen ge - nommen hatte. Sein Schickſal, das nun wieder zu laͤcheln ſchien, fuͤhrte ihn in ein ruhiges Win - terquartier nach M***dorf, wo er bei dem Pfar - rer des Orts ein gutes Quartier fand, und von dieſem bald als Sohn, von ſeinen drei erwachſe - nen Toͤchtern als Bruder geliebt wurde. Die juͤngſte derſelben war ein ſehr ſchoͤnes, bluͤhendes und gefuͤhlvolles Maͤdchen, ſie nahm warmen An - theil an dem Schickſale der ebenfalls ſchoͤnen, und leider auch empfindſamen Juͤnglings, ihr in - niges Mitleid verwandelte ſich bald in eben ſo in - nige Liebe, der Juͤngling fuͤhlte und erwiederte ſie im vollen Maße. Zeit und Gelegenheit war der - ſelben gleich guͤnſtig. Lottchens zwei Schweſtern waren von einer alten Muhme, die ſie zu beerben hoften, nach der Stadt berufen worden, ſie muß - te daheim bleiben, und die Wirthſchaft fuͤhren, weil die Mutter ſchon laͤngſt geſtorben war. Der alte Vater gieng gewoͤhnlich ſehr fruͤh zu Bette, die muͤden Knechte und Maͤgde folgten bald nach, und nun konnten die Liebenden oft halbe, manch - mal ganze Naͤchte Arm in Arm allein ſitzen, ſich ewige Liebe ſchwoͤren; und ihre reinen, unſchuldi -61 gen Fruͤchte ungeſtoͤrt genießen. Kalte gefuͤhlloſe Seelen, deren feuchtes Pflegma jede Leidenſchafts - flamme ſogleich loͤſcht, kann's wundern, daß dieſe geheimen Zuſammenkuͤnfte bald ſtrafbar wurden; mich wundert's, daß die Liebenden einen langen Monat kaͤmpften, und nicht fruͤher unterlagen. Umſtaͤnde und Gelegenheit verleiten oft den redli - chen Mann zu Verbrechen, die des Hochgerichts wuͤrdig ſind. Zeit und Gelegenheit rauben dem liebenden Maͤdchen allemal ihren groͤßten Schatz, die nur einmal bluͤhende Unſchuld, mit welcher ih - re ſtolze Nachbarinn ſich deswegen nur noch bruͤ - ſten kann, weil ihr nicht gleiche Gelegenheit wur - de. Vater! Mutter! Dein iſt die Pflicht, die fuͤhlende Tochter vor dieſer zu warnen, vor dieſer zu ſchuͤtzen; haſt du dieſe vernachlaͤßigt, ſo iſt dein die Schuld ihres Falles, ſo kann die Ungluͤck - liche von dir mit vollem Rechte, Mitleid, Troſt und Huͤlfe fordern, denn ihr Ungluͤck war dein Werk, ihre Thraͤnen klagen dich bei Gott an, und traͤufeln in deine Suͤndenſchaale.

Lottchen und Wilhelm liebten ſich aͤußerſt zaͤrt - lich, aber ſie bangten auch oft vor der fuͤrchterli - chen Zukunft, vor der wahrſcheinlichen ſchreckli - chen Trennung. Die Friedensgeruͤchte, welche ſich dieſen Winter hindurch immer mehr und mehr verbreiteten, durch alle Zeitungen beſtaͤtigt wur - den, belebten ihr Herz mit Hofnung, beſchleunig - ten aber auch eben ſo wahrſcheinlich den Fall des62 unſchuldigen Maͤdchens. Wilhelm hofte mit dem Frieden auch ſeine Entlaſſung zu erhalten, der Schulmeiſter des Orts war aͤußerſt alt, er brauch - te hoͤchſt noͤthig einen Subſtituten, Wilhelm woll - te dieſer werden. Er hatte Gruͤnde zu dieſer Hof - nung, denn die ganze Gemeinde, welche dieſen Dienſt zu vergeben hatte, liebte ihn, und verſi - cherte ihm ſolchen oft im voraus, wenn er Sonn - tags anſtatt des kranken Schulmeiſters recht an - genehm auf der Orgel praͤludirte, und mit melo - diſcher Stimme das Lied begann. Er wollte dann ſogleich ſein Lottchen heirathen, und konnte dies ebenfalls mit Grunde hoffen, weil der alte, lieb - reiche Vater oft im Scherze zu ihm ſagte: wenn Sie beim nahen Frieden hier Subſtitut meines alten Schulmeiſters werden wollen, ſo gebe ich Ihnen mein Lottchen zur Frau. So lange der Alte lebt, habt ihr die Koſt bei mir, und ſtirbt er einſt, ſo iſt ſein Dienſt im Stande, euch wohl zu ernaͤhren, denn er ſteht ſich beſſer als mancher Pfarrer im Gebirge!

Daß die Liebenden ihre Hofnung nicht auf Scheingruͤnde bauten, habe ich deutlich erwieſen, daß dieſe angenehme Ausſicht ſich bei der guͤnſti - gen Wendung noch Jahrelang verzoͤgern koͤnne, liegt freilich eben ſo klar am Tage aber wer kann im Sturme, im Drange der heftigſten Lei - denſchaft immer kalt uͤberlegen? Wer kann in63 der Fieberkaͤlte ſich die Medizin im Loͤffel tropfen, die der Arzt als heilſam verordnet hat?

Wie der Schnee ſchmolz, und Wilhelm mit ſeinem Lottchen oft ſchon im nahen Garten luſt - wandelte, erſchollen vom Gebirge herab wieder Kriegstrompeten, ihr Schall erſchreckte die Lieben - den maͤchtig, die folgende Zeitung brachte ſogar die Hiobspoſt, daß der Friedenskongreß fruchtlos auseinander gegangen ſei, daß die Blutfahne auf's neue wehen, das Schwert auf's neue wuͤ - then werde. Lottchen weinte, Wilhelm blickte traurig zur Erde, ſuchte Troſt fuͤr ſeine Geliebte, und fand keinen. Ehe noch eine volle Woche ver - floſſen war, und die Liebenden eben an einigen kleinen Scheingruͤnden traurig, aber doch hoffend nagten, kam ſchneller Befehl zum noch ſchnellern Aufbruche. Wilhelm ſollte ſich mit ſeiner wenigen Mannſchaft ſchon am Morgen des andern Tages zum Stabe, der einige Stunden von ihm entfernt lag, ziehen, und dann mit dem ganzen Regimen - te vorwaͤrts marſchiren. Schrecklich war die gan - ze Nacht, die er in den Armen ſeiner Geliebten durchwachte, noch ſchrecklicher wurde der Kampf der Trennung, weil Lottchen zwar nicht gewiß, aber doch durch dunkle Vorboten immer mehr und mehr uͤberzeugt wurde, daß ſie ſchwanger ſei. Die Furcht vor der großen und nahen Schande mar - terte ſie ſchrecklich, die Gewißheit der nahen Trennung machte ſie unfaͤhig, dieſe Martern zu64 ertragen. Wilhelm that, was er vermochte, er ſchwur ihr ewige Treue, er gelobte ihr fruͤh oder ſpaͤt ſeine Hand zum Erſatz fuͤr ihr kuͤnftiges Lei - den. Sie wird fuͤr dich, ſprach er, dann fleißig arbeiten, ſie wird dich bis in den Tod redlich und treu ernaͤhren! Auch verſprach er, ihr jeden Monat wenigſtens einmal zu ſchreiben, und den Brief an den alten Schulmeiſter zu addreſſiren. Dieſe Troſtgruͤnde ſtaͤrkten freilich Lottchens Muth auf einige Augenblicke, aber wenn ſie ſich wieder die Gefahren dachte, in welchen ihr Geliebter nun jeden Tag ſchweben wuͤrde, wenn ſie uͤber ihm das feindliche Schwert erblickte, oder ihn, von einer feindlichen Kugel getoͤdet, vom Pferde ſin - ken ſah, da ſchwand dieſer Muth aufs neue. Erin - nerte ſie ſich nun vollends ihres ſchrecklichen Zu - ſtandes, erblickte ſie ſich vom alten Vater ver - flucht, von ihren Schweſtern verachtet, von der ganzen Gemeinde verſpottet in ihrer einſamen Kammer, ſo war ſie der Verzweiflung nahe. Als der Tag anbrach, und Wilhelm nun ſcheiden mußte, da war ſie unfaͤhig, ihn bis an die Thuͤ - re zu begleiten, ſie warf ſich wuͤthend auf ihr Bette, verſtopfte ſich mit den Kiſſen den Mund, damit das Geſinde ihr Schluchzen nicht hoͤre, nicht Zeuge ihrer Verzweiflung werde.

Der alte Pfarrer, welcher nichts arges ahnde - te, und Wilhelmen wirklich als einen Sohn ge -liebt65liebt hatte, weinte ſelbſt, als dieſer Abſchied zu nehmen kam. Alles in der Welt iſt eitel, ſagte er treuherzig mit Salomo, und uͤbergab ſegnend den jungen Helden Gottes allmaͤchtigem Schutze.

Dieſer duldete zwar mit aͤußrer Standhaftig - keit, er ſchaͤmte ſich, vor ſeinen Huſaren mit Thraͤnen zu erſcheinen, aber ſein Herz blutete. Wie er um's Haus nach dem Dorfe hinabritt, und Lottchen ihm vom Bodenfenſter noch ſchluch - zend ein graͤßliches Lebewohl zurief, da brach's, er konnte ihr nur mit naſſem Auge danken, die aͤußerſte Beklemmung hatte ihm ſeine Sprache ge - raubt, ſeine Haͤnde gelaͤhmt. Er war noch gleich ſprachlos, als die gutherzigen Bauern ihn im Dorfe umringten, ihm Gluͤck und Segen wuͤnſch - ten, und ein Glas Brandwein zur Labung reich - ten. Ein Gluͤck fuͤr ihn, daß ſeine zitternde Hand es ganz verſchuͤttete, es haͤtte ihm in die - ſen Umſtaͤnden zum Gifte werden muͤſſen. Auf der Anhoͤhe blickte er noch einmal hinab in's kleine Thal, wo er der ſuͤßen Stunden ſo viele genoſſen hatte, am kleinen Kappfenſter des Pfarrhofes wehte das weiſſe Tuch ſeiner troſtloſen Geliebten, er ſah's, er fuͤhlte die Groͤße ihres Schmerzes und ſpornte ſein Pferd, damit er's nicht mehr ſaͤ - he, nicht vollen Stoff zur Verzweiflung ſammle.

Lottchen erſchien mit rothgeweinten Augen beim Mittagsmahle, ſie konnte nichts eſſen, hatteErſt. Baͤndch. E66Muͤhe, ihre Thraͤnen zu verbergen, der Vater ſahs, aber da Erinnerung an den guten Wilhelm ſein Auge ſelbſt truͤbte, ſo verdachte er's der Toch - ter um ſo weniger, weil er uͤberzeugt war, daß die jungen Leute ſich gerne geſehen hatten, und er wirklich nichts wuͤrde entgegen gehabt haben, wenn Wilhelm ohne Soldatenrock mit einer Aus - ſicht zu einem Dienſte um ſeiner Tochter Hand geworben haͤtte. Das war aber auch alles, was ſich der gute Alte dachte, ſein Herz, das des jungen Maͤdchens Empfindung nach ſeinem kalten Gefuͤhle maß, ahndete keine ſtaͤrkere, viel weni - ger ſtrafbare Vertraulichkeit. Er hatte ſeine Kin - der in Gottesfurcht erzogen, war von ihrem rei - nen, tugendhaften Lebenswandel uͤberzeugt, und hielt Abweichung davon fuͤr unmoͤglich. Er war gutherzig genug, ihren Gram zu dulden, er zankte nicht, wenn ſie in der Folge ſeine Suppe verſalzte, oder ſein Lieblingsgerichte, den Eier - kuchen, verbrannte. Des armen Lottchens Lage, ihr ſich immer mehrendes Leiden, verdiente aber auch dieſe Schonung, es war ſchrecklich, es war der Erbarmung aller Menſchen wuͤrdig. Sie hat - te zwar Staͤrke des Geiſtes genug, ſich uͤber den Abſchied des innig Geliebten zu troͤſten, ſie beſaß zwar Muth, ſich mit der Hofnung des gluͤcklichen Wiederſehns zu laben, aber die marternde Ver - muthung, daß ſie wirklich ein Pfand der Liebe unter ihrem Herzen trage, die in jeder Stunde der Nacht ſie weckte, mit jedem Morgen ſich neu -67 te, mit jedem Abende ſich beſtaͤtigte, und nach und nach zur ſchrecklichen Gewißheit wuchs, dieſe Vermuthung raubte ihr Staͤrke und Muth, Troſt und Hofnung, fuͤhrte ſie oft an den Abgrund der Verzweiflung, und weckte ſelbſt moͤrderiſche Ge - danken in ihr. Von beiden retteten ſie bisher im - mer noch die Briefe des heißgeliebten Wilhelms, die ſie oft jede Woche erhielt, und eben ſo fleißig beantwortete. Er ſchrieb ſo zaͤrtlich, er nahm ſo innigen Antheil an ihren Leiden, er waͤlzte die ganze Schuld des Verbrechens auf ſich; aber er flehte auch ſo ruͤhrend um Vergebung, daß die Leidende ſie ihm nie verſagen konnte, und um ſeinetwillen noch laͤnger zu dulden beſchloß.

Lottchen ſuchte indeß ihren Zuſtand vor aller Augen auf's ſorgfaͤltigſte zu verbergen, ſie hatte nicht Muth genug, ihn irgend jemanden zu ent - decken. Das Gefuͤhl der Schaam, der Schande war zu groß, es bekaͤmpfte den Vorſatz, welchen ſie oft deswegen faßte, und er unterblieb. Oft, wenn der alte Vater ſie mitleidig anlaͤchelte, und wegen ihrer bleichen Wangen theilnehmend nach ihrem Befinden fragte, wollte ſie ſich ihm zu Fuͤ - ſen werfen, alles bekennen und um Mitleid fle - hen, aber die Vorſtellung ſeines Jammers ſchreck - te ſie ſtets zuruͤck. Ihre jetzt mehr als je beſchaͤf - tigte Einbildungskraft zeigte ihr den Zuſtand des Leidenden Alten im Bilde, ſie ſah ihn, voll Entſe -E 268zen uͤber dieſe unerwartete Nachricht, leblos vom Stuhle ſinken, ſie hoͤrte, wie er ſtammelnd ihr fluchte, und Rache flehend verſchied. Dieſe noch graͤßlichere Vorſtellungen bewogen ſie immer zu laͤngerm Stillſchweigen, ſie ſann unter dieſer Zeit wohl auf Mittel, ihren Zuſtand ſtets verbergen zu koͤnnen, da ſie aber keine fand, ſo verſchob ſie die fuͤrchterliche Entdeckung von einer Zeit zur andern, und ſuchte nur immer noch einen Tag zu gewinnen, an welchem ſie ſchuldlos und ohne kraͤnkenden Vorwurf vor den Augen der Dienſtbo - ten umher wandeln konnte. Sie hatte Wilhelmen auf ſeine dringende Bitte gelobt, daß ſie nicht Hand an ſich und ihr Schmerzenskind legen wol - le, ſie beſchloß den Schwur zu halten, aber ſie hofte, daß die Geburt des aͤrmſten ihr Tod wer - den ſollte, und zoͤgerte daher ſtets noch laͤnger, ihn durch vorher genoßne und gefuͤhlte Schande zu verbittern.

Indeß ſie oft einſam mit ſich kaͤmpfte, ſich die ruͤhrenden Worte: Vater und Mutter haben mich verlaſſen, aber der Herr nimmt mich auf! zu ihrem Leichentext waͤhlte, und ſchwarze Schlei - fen band, die ihr Sterbekleid zieren ſollten, ſprach ſchon das ganze Dorf von ihrem ungluͤcklichen Zu - ſtande. Jede Hausfrau muthmaßte ihn ſchon lan - ge, jeder war er ſchon zur Gewißheit geworden; ihre Taille, die ſonſt eine der ſchoͤnſten war, hatte ſich zu ſehr veraͤndert, ſie mußte dem geuͤb -69 ten Auge dieſer Weiber auffallen. Lottchen wurde einſt, als man eine Kindbetterin begrub, auf dem Kirchhofe ohnmaͤchtig, der Anblick ihres kuͤnftigen Looſes mochte zu ſtark auf ihre Nerven gewirkt haben. Einige Weiber fuͤhrten ſie abſeits, loͤßten ihre Schnuͤrbruſt, und wurden dadurch von ihrem ungluͤcklichen Zuſtande ganz uͤberzeugt. Bald ſpra - chen auch die Juͤnglinge und Dirnen des Dorfs davon, es kraͤnkte die Vaͤter und Muͤtter, daß in ſo gefahrvoller, verfuͤhrungsreicher Zeit die Toch - ter des Pfarrers ihren Kindern ein ſo uͤbles Bei - ſpiel gab, und ſie gleichſam zur Nachahmung reiz - te. Einige wenige Mißvergnuͤgte, welche der al - te Pfarrer in aͤhnlichen Faͤllen, oft nur Vermu - thungen, mit zu harten Worten ermahnt hatte, nuͤtzten die guͤnſtige Gelegenheit zur Rache, und ermunterten die Gemeinde zur foͤrmlichen Klage. Einige Deputirte derſelben giengen wirklich in die Stadt zum Superintendenten, klagten ihren Pfar - rer der Verwahrloſung ſeines Kindes an, und for - derten, zur Steuer des allgemeinen Aergerniſſes, zur Warnung ihrer eigenen Kinder, hinlaͤngliche Genugthuung. Der rechtſchaffne Superintendent, welcher ganz natuͤrlich glaubte, daß dem Vater nicht unbekannt ſeyn koͤnne, was eine ganze Ge - meinde wiſſe, ſchrieb ſogleich dem alten Pfarrer und bat ihn mit ſchonenden Worten, ſeine Ge - meinde in der Stille zu beruhigen, ſie durch ein - heimiſche Genugthuung zu verſoͤhnen, weil er ſonſt bei wiederholter Klage an's Oberkonſiſtorium70 Bericht erſtatten muͤſſe, und dieſes leicht auf Ent - ſetzung vom Dienſte entſcheiden koͤnne. Der naͤch - ſte Poſtbote brachte dieſen Schreckensbrief mit. Lottchen harrte ſeiner beim alten Schulmeiſter; Wilhelm hatte ſchon drei Wochen nicht geſchrie - ben, ſein Regiment zog nach der Oder gegen die Ruſſen, ſie hofte ſo ſehnlich auf Troſt und Nach - richt von ihm, erhielt abermals keine, und eilte nach Hauſe, um in ihrem Kaͤmmerlein ungeſtoͤrt weinen zu koͤnnen. Ihr Jammer war durch einen Zufall noch um ein großes vermehrt worden, zwei Bauernweiber waren ihr auf dem Heimwege be - gegnet, hatten ſie nicht Jungfer Lottchen, nur ſchlechtweg Lottchen gegruͤßt, und ſich mit hoͤhni - ſchem Laͤcheln nach ihrem Wohlbefinden erkundigt. Die Ueberzeugung, daß man ihren ungluͤcklichen Zuſtand ſchon muthmaße, bald im ganzen Dorfe mit Gewißheit davon ſprechen werde, verurſachte ihr toͤdtliches Schrecken, ſie lag eben auf ihren Knien, und flehte Gottes Beiſtand an, als eine Magd ihr meldete, daß der Vater ſie eilend zu ſprechen verlange. Sie trocknete ihre Augen, und eilte zu ihm hinab. Der arme Alte ſaß in ſeinem Großvaterſtuhl, in ſeiner herabgeſunkenen Rechten hielt er einen offnen Brief, mit ſeiner Linken unterſtuͤtzte er auf ſeiner Naſe die Brille, welche ſein zitterndes Haupt herabzuſchuͤtteln droh - te. Er blickte ſtarr nach ſeiner Tochter, und fieng endlich laut zu ſchluchzen an.

71

Lottchen. (bebend und zitternd) Liebſter Vater, was iſt Ihnen widerfahren?

Vater. (im ſchrecklichen weinenden Tone) Kind des Jammers! kannſt du mir Troſt gewaͤhren, kannſt du's widerlegen, ſo eile, damit dich dein ſterbender Vater noch ſegnen kann. (mit erhoͤheter Stimme) Iſt's aber wahr! O dann fliehe eilend, damit dich mein ge - rechter Fluch nicht mehr erreicht, nicht dort auch ungluͤcklich macht.

Lottchen. (auf ihre Knie ſinkend) Vater! Vater!

Vater. (mit graͤßlicher Stimme) So iſt's wahr? Du antworteſt, du vertheidigſt dich nicht? (aufſpringend) O, ich ungluͤckſeli - ger! O, ich geſchaͤndeter! O, ich erbarmungs - wuͤrdiger Vater! Mutter! Mutter! Dein Lieb - ling, dein Lottchen, das du mir noch in deiner Todesangſt ſo dringend empfahlſt, das mir um dieſer ſchrecklichen Stunde willen ſo theuer wur - de, iſt gefallen, hat Ehre und Tugend vergeſſen, hat dein unbeflecktes Andenken bei der Nachwelt gebrandmarkt, ſtuͤrzt mich mit Leid und Kummer in die Grube! Sie haben Recht, daß ſie Genugthuung fordern, ich muß ſie leiſten! (ſtoͤßt Lottchen von ſich) Weg, weg, da - mit ich dich nicht laͤnger ſehe, ſonſt vermag ich's nicht! (Lottchen will fortwanken, mit geruͤhrter Stimme) Gott ſchuͤtze dich vor72 Verzweiflung, darum flehe und bitte ich ihn, mehr vermag ich nicht, mehr kannſt du nicht fordern! (Lottchen will ihm auf's neue zu Fuͤßen fallen) Weg! Weg! Sonſt wirſt du auch Vatermoͤrderin!

Lottchen wankte zur Thuͤre hinaus, eine vor - uͤbergehende Magd fand ſie ohnmaͤchtig am Bo - den, ſie rufte mehrere herbei, ſie trugen ſie in ihr Bette, weckten endlich ihre Sinne, und wach - ten die ganze Nacht an ihrem Lager. Es war eben Sonnabend, als dieſe ſchreckliche Szene ſich ereignete; am andern Morgen, wie Lottchen zu beten verſuchte, trat der alte Vater in ihre Kam - mer. Er war im Prieſterrocke gekleidet, und trug die Bibel unter dem Arme. Lottchen, ſprach er im ernſten, aber gefaßten Tone, du mußt heute in die Kirche gehen.

Lottchen. Wie vermag ich's?

Vater. (ihr geruͤhrt die Hand rei - chend) Dein Vater fordert's, er will dich und ihn mit Gott verſoͤhnen! Kannſt du ihm den Gehorſam verweigern?

Lottchen. (ihm die Hand kuͤſſend) Ich folge! Gott gebe, daß es mein letzter Gang ſei.

Vater. Verſuͤndige dich nicht auf's neue durch thoͤrichte Wuͤnſche, flehe zu ihm, nur er kann Kraft zur Beſſerung verleihen!

Der Vater gieng ſtandhaft fort, und Lottchen73 ließ ſich durch die Maͤgde ankleiden, ſie war nicht vermoͤgend allein zu gehen, die Maͤgde mußten ſie auch nach der Kirche fuͤhren, ſie nahmen Platz neben ihr, und gaben ihr oft ſtaͤrkenden Geiſt zu riechen, weil ſie immer ohnmaͤchtig zu werden drohte. Die ganze verſammlete Gemeinde ſah ihr Leiden, ſchloß auf Entdeckung und fuͤhlte Mitleid. Der Gottesdienſt begann, alle ſangen im trauri - gen Tone das froͤhliche Morgenlied; als nachher der alte Vater, welcher ſchon zwei und vierzig Jahre ihr Lehrer geweſen war, zum Altare wank - te, oft die truͤben Augen ſich wiſchte, und doch das Evangelium nur ſtotternd leſen konnte, da weinten ſchon viele, und das folgende Lied ward im noch traurigern Tone abgeſungen. Endlich be - ſtieg der ehrwuͤrdige Greis die Kanzel, er ruhte oft auf ihren Stufen, blickte nach Kraft in die Hoͤhe, und langte oben an, als ſchon tiefe Stille der Gemeinde ihn erwartete. Er rang fuͤrchterlich ſeine Haͤnde, und rief weinend aus: O meine Tochter! O meine Tochter, wie beugſt du mich! Dies, fuhr er fort, war nicht der Text, welchen ich zu meiner heutigen Predigt gewaͤhlt hatte, aber jetzt aus innerm Gefuͤhle waͤhlen muß. O meine Tochter! O meine Tochter! wie beugſt du mich! Zwei und vierzig Jahre ſtand ich aufrecht an dieſer heiligen Staͤtte, und ward geſtaͤrkt durch die innere Ueberzeugung, daß ich handelte, wie ich lehrte. O meine Tochter, wie beugſt du mich! Jetzt muß ich, vom ſchrecklichen Grame74 und Kummer niedergedruͤckt, an dieſer Staͤtte er - ſcheinen, darf's nicht wagen, meine Augen zu Gott zu erheben, muß reumuͤthig an meine Bruſt klopfen, und demuͤthig ausrufen: Gott ſei mir Suͤnder gnaͤdig! Ich kann nicht mehr, andaͤch - tige Zuhoͤrer, in euer Auge vertrauend blicken, tiefe Schaam feſſelt das meinige am Boden, weil ich euch Aergerniß gab, weil ich verdient habe, daß man einen Muͤhlſtein an meinen Hals haͤnge, und mich im Meere verſenkte, wo es am tiefſten iſt. Oft, liebe Hausvaͤter und Muͤtter, habe ich eure wenige Wachſamkeit, mit welcher ihr eure Kinder erzogt, in heftigen Worten getadelt, jetzt muß ich mich dieſes Verbrechens bei euch ankla - gen, muß ausrufen: Schaͤndlicher Vater! du haſt's geduldet, als deine Tochter buhlte, du haſt ruhig geſchlafen, als ſie deinen und ihren Ruf entehrte, als ſie dem Volke Aergerniß gab! Dir wird es