PRIMS Full-text transcription (HTML)
Biographien der Wahnſinnigen.
Zweites Baͤndchen.
Leipzig. 1796.
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Biographien der Wahnſinnigen.
Zweites Baͤndchen.
Zweit. Baͤndch. A
[2]
[3]

Eſther L .

War die einzige Tochter eines anſehnlichen Judens zu F . Er hatte ſich im gluͤcklichen Handel ein ſehr großes Vermoͤgen erworben, ge - noß es jetzt in ſtiller Ruhe, und fuͤhlte ſich ganz gluͤcklich, wenn ſein geliebtes Kind ihm bald mit angenehmen Erzaͤhlungen die Zeit verkuͤrzte, bald auf dem Fluͤgel eine ſchoͤne Serenate vorſpielte. Sie war erſt ſiebenzehn Jahr alt, aber erfahren in allen weiblichen Kuͤnſten, in vielen Wiſſenſchaf - ten gut, in keiner ſchlecht bewandert, ſie las den Horaz und Homer, aber auch den Don Silvio von Roſalva und den Siegwart, ſie redete ſechs Sprachen, und ſchrieb in jeder derſelben Briefe, welche den meiſten ihres Geſchlechts zum Muſter dienen konnten. Sie war ſchoͤn, ſie war ſchoͤner als ſchoͤn. Ihr Rabenhaar, ihr großes, nochA 24ſchwaͤrzeres Auge, die blendende Weiße ihres Ge - ſichts, die Roſenfarbe ihrer Wangen lockte und reizte jeden Juͤngling. Sie lebte in den ſteifen Zeiten der Strickroͤcke und Puffanten, aber ſie trug ſolche nie, und unterſchied ſich daher auf die vor - theilhafteſte Art von allen ihren Mitſchweſtern. Wenn dieſe auf dem Spaziergange unter der Laſt des Reifrocks keuchten, und ihren mit Federn ge - ſchmuͤckten Kopf kaum aufrecht tragen konnten, wandelte ſie im leichten, ſchlanken Kleide einher, ſchuͤtzte ihr ungepudertes Haupt mit einem leich - ten Strohhute, ward von vielen, welche die Laſt der Mode fuͤhlten, im Herzen beneidet, obgleich oft auch als ein Sonderling verhoͤhnt.

Zu F ſtand um dieſe Zeit ein junger Offi - zier aus D auf Werbung, er ſah die ſchoͤne Eſther, er ſprach und liebte ſie. Da er den Fluͤ - gel und die Violine gleich fertig ſpielte, ſo fand er bald Eingang im Hauſe des Vaters, welcher die Muſik leidenſchaftlich liebte, alle Wochen eini - gemal ein Konzert gab, bei welchem ſich alle Ken - ner und Dilettanten zu verſammeln pflegten. Es freuete dann den guten Alten inniglich, wenn ſei - ne Tochter auf ihrem Fluͤgel die Bewunderung al - ler erzwang, oder durch ihre reine, melodiſche Stimme der ganzen Geſellſchaft vollen Beifall ab - lockte. Sein beſter Wein, die ausgeſuchteſten Le - ckerbiſſen wurden dann in Fuͤlle aufgetragen, und nichts geſpart, um den Beifall zu lohnen, mit welchem man ſeinen Liebling beehrt hatte.

5

Friedrich, ſo nannte ſich der junge Offizier, war einer der eifrigſten Bewunderer von den Ta - lenten der ſchoͤnen Eſther, er lobte ſie oͤffentlich mit Entzuͤcken, und gewann dadurch bald des ſchwachen Vaters Achtung und Liebe. Er lud ihn oft zum Eſſen, und ſchlummerte dann und wann ſanft in ſeinem Lehnſtuhl ein, wenn Friedrich und Eſther ihm ſtundenlang Arien vorſangen, oder auf dem Klaviere ſpielten. Als er einſt fruͤher, wie gewoͤhnlich, aus ſeinem Schlummer erwachte, und bemerkte, daß Eſther und Friedrich nicht ſan - gen, ſondern vertraut und leiſe mit einander ſpra - chen, ſaß er am Abende tiefſinnig beim Mahle, und ſchien's nicht zu achten, wenn ſeine Tochter ihm ein neues Liedchen vorſang.

Eſther.

Was fehlt ihnen, liebſter Vater? Sie ſind ungewoͤhnlich traurig?

Vater.

Ja, ich bins, und die Urſache mei - nes Kummers biſt du!

Eſther.

Ich? Gott ſoll mich behuͤten, daß ich einem ſo guten Vater Kummer verurſachen ſollte.

Vater.

Wenn dies die aͤchten und wahren Geſinnungen deines Herzens ſind, ſo ſchwindet mein Kummer.

Eſther.

Sie ſinds, bei Gott, ſie ſinds!

Vater.

Wie dein und des jungen D - ſchen Offiziers Geſang mich heute in Schlaf wieg - te, und ich wieder ſchnell erwachte, da war mirs, als ob deine Hand in der ſeinigen ruhe?

6
Eſther.

Es iſt moͤglich!

(verwirrt)

Mir ſchien's auch ſo!

Vater.

Raubte er dir nicht einen Kuß, wie ich eben erwachte?

Eſther.

Ich glaube! Ja, ja, er thats.

Vater.
(mit ernſtem Blicke)

Und was ſprach er denn ſo dringend, ſo heimlich mit dir?

Eſther.

Er bat mich, daß ich morgen nach unſerm Garten vors Thor gehen, und ihm erlau - ben ſolle, mich dort zu beſuchen.

Vater.

Du verweigerteſt ihm doch ſeine Bitte?

Eſther.

Nein, ich gewaͤhrte ſie ihm, und verſprach zu kommen.

Vater.

Und du wunderſt dich noch, daß Kummer mein Herz aͤngſtigt, mein altes Auge mit Thraͤnen truͤbt? O Gott, laß mich ſterben, laß mich ſchnell und bald ſterben, wenn du mir nicht die Freude, ein reines und ſchuldloſes Kind zu ha - ben, laͤnger gewaͤhren willſt.

Eſther.
(traurig)

Vater, ich will morgen nicht nach dem Garten gehen.

Vater.

Das waͤre etwas, aber noch lange nicht alles. Kannſt du dich entſchließen, den jun - gen Offizier nicht mehr zu ſehn, wenigſtens nicht mehr zu ſprechen?

Eſther.
(ihm um den Hals fallend)

Einem ſolchen Vater zu Liebe vermag ich noch mehr. Ich wills vermeiden, ihn zu ſehen, ich will ihn nie mehr ſprechen.

7
Vater.

Pruͤfe dein Herz wohl! Iſt er die - ſem nicht vielleicht ſchon unentbehrlich?

Eſther.

Theuer, Vater, theuer iſt er dieſem Herzen ſchon lange; aber unentbehrlich iſt ihm nur die Liebe des Vaters, und dieſer Gedanke wird meinen Vorſatz unterſtuͤtzen.

Vater.

Weh mir Unvorſichtigem, ich fachte ſelbſt die Flamme an, die mein Haus verzehren kann! Ich! ich! Nicht du, haͤtte vorſichtiger ſeyn ſollen! Gott ſegne, Gott ſtaͤrke dich in dei - nem Vorſatze, nur dann, wenn er Monate lang anhaͤlt, werde ich wieder ruhig leben koͤnnen. Be - denke, daß er dich nie heirathen kann, daß ſeine Liebe dich ungluͤcklich machen muß. Bedenke dies, und ſei weiſe!

Eſther.

Dieß alles habe ich mir ſchon oft ſelbſt geſagt, es iſt recht gut, daß auch ſie mich daran erinnern, es wird jetzt doppelt wirken!

Vater.

Um dich wenigſtens auf einige Zeit vor ſeinem Beſuche zu ſchuͤtzen, will ich morgen allen meinen Bekannten und auch ihm kund ma - chen, daß ein Bruder von mir zu Amſterdam ge - ſtorben ſei, deſſen Tod wir nun durch einen Mo - nat betrauern muͤſſen, und daher keinen Beſuch annehmen koͤnnen.

Eſther.

Das thun ſie, lieber Vater! Unter dieſer langen Zeit werde ich ihn, oder er wenig - ſtens mich vergeſſen, und dieß iſt ja alles eins. Nicht wahr, lieber Vater?

8
Vater.

Gott ſtaͤrke dich, mehr kann ich dir auf deine Frage nicht antworten, weil ſie mir neuen Kummer weiſſagt.

Der Plan des guten Alten wurde am andern Morgen ſchon ausgefuͤhrt, und die Trauer des Hauſes allen Freunden bekannt gemacht. Der kuͤh - ne Friedrich, welcher keine Entdeckung ahndete, hoffte ausgenommen zu ſeyn vom allgemeinen Ver - bote, er ließ ſich am Nachmittage bei der ſchoͤnen Eſther melden. Als ihm aber die Nachricht ward, daß Religion ihr die Annahme eines jeden Beſuchs zur Trauerzeit ſtreng verbiete, ſo ſchlich er trau - rig nach Hauſe, und ſchickte ihr bald nachher ei - nen Brief, in welchem er die Groͤße ſeiner Liebe zu ihr zu ſchildern ſuchte, aber doch nicht zu ſchil - dern vermochte, und ſie endlich bei allem, was ihr heilig und theuer zu ſeyn duͤnke, beſchwor, ihm zu erlauben, daß er dieſe martervolle Trauer - zeit ihr wenigſtens des Tags einmal ſchreiben, und Antwort von ihr hoffen koͤnne. Eſther las dieſen Brief mit innigem Vergnuͤgen, denn ſie liebte Friedrichen wirklich ſchon innig und zaͤrtlich; aber ihr Vorſatz war noch zu neu, die kindliche Liebe zum Beſten der Vaͤter zu groß; ſie kaͤmpf - te lange, endlich ſiegte die Vernunft doch, ſie eil - te mit dem offenen Briefe zum Vater, und foder - te Rath, wie und was ſie antworten ſolle? Der Vater las den Brief aufmerkſam, und gab ihr ſolchen ſtillſchweigend zuruͤck.

9
Eſther.

Nun, beſter Vater, ſie wollen mir nicht rathen?

Vater.

Ich kann, ich darf nicht. Nur dein eignes Herz kann hier Rathgeber werden. Was wuͤrde es nuͤtzen, wenn das vaͤterliche Anſehen dich zu einer Antwort zwaͤnge, die dieß Herz nicht billigte, es wuͤrde bald an dir und mir zum Ver - raͤther werden, und uns beide ungluͤcklich machen. Dein Herz denkt gut und vernuͤnftig, ich uͤberlaſſe es dieſem, ſelbſt zu erwaͤgen, ſelbſt zu urtheilen: Ob dieſer Liebe Nahrung gewaͤhrt werden kann? Ein unuͤberwindliches Hinderniß trennt euch, es heißt: Religion! Willſt du den Glauben deiner Vaͤter verlaſſen? Oder ſoll er's thun? Oder willſt du nur ſeine Buhlerin werden? das Anden - ken deiner Mutter ſchaͤnden? deinen alten Vater mit Jammer toͤdten? Keine andere Wahl bleibt dir uͤbrig, waͤhle unter beiden, wenn du ihn nicht vergeſſen kannſt, aber laß michs nicht zu ſpaͤt erfahren, damit nicht jaͤher Kummer mich toͤdtet, ehe ich mein Haus beſtellt habe.

Eſther.

Ich will ihm antworten, ſie ſollen es leſen, und dann urtheilen: ob ich wuͤrdig bin, ihre Tochter zu ſeyn?

Sie eilte auf ihr Zimmer, fieng mehr als zwanzig Briefe an, zerriß ſie aber alle wieder, weil jeder derſelben ihr zu hart, zu grauſam, oft auch zu beleidigend duͤnkte. Wie ſie endlich kei - nen endigen konnte, gieng ſie abermals zum Va - ter, und geſtand ihm, daß ſie zwar den feſten10 Vorſatz habe, ihren Friedrich nie mehr zu ſpre - chen, ihn ſogar, wenns moͤglich waͤre, ganz zu vergeſſen, aber nicht Muth genug beſitze, es ihm im kalten, untheilnehmenden Tone zu ſagen. Ich fuͤhle mich ſtandhaft, fuͤgte ſie hinzu, mir alle Hoffnung zu rauben, aber ich kann nicht ſo grau - ſam ſeyn, ſie auch ihm zu rauben.

Vater.

So mag Gott dir rathen, ich kann es eben ſo wenig, denn mein Rath wird nie fruchten, wenn ihn dein Herz nicht freiwillig billigt.

Eſther.

Sie muͤſſen mir rathen, ſie ſind mein Vater.

Vater.

Wohl dann! Ich will Vater ſeyn, und von dir als Kind Gehorſam fordern. Setze dich, und ſchreib:

(diktirt)

Mein Herr!

Eſther.

So habe ich ihn nie genannt.

Vater.

Ich bin Vater, ich befehle es!

Eſther.
(traurig)

Mein Herr!

Vater.
(diktirt)

Kommen ſie morgen zu meinem Vater, er will mit ihnen ſprechen.

Eſther.
(ſchreibend)

Sprechen.

Vater.

Und ihnen dasjenige entdecken, was meine Vernunft ihnen ſchon laͤngſt haͤtte ſagen ſollen, mein Herz aber nie ſagen wollte. Es iſt genug, ſende den Brief fort, und laß mich allein! Du haſt mir Stoff zum Nachdenken in Fuͤlle ge - waͤhrt, ich muß die Zeit nuͤtzen, und mich vorbe - reiten.

11

Am andern Morgen erſchien Friedrich im Hauſe ſeiner Geliebten, er wollte vorher mit ihr ſprechen, fand aber die Thuͤre verſchloſſen, und ließ ſich nun beim Vater melden. Dieſer empfing ihn mit freundlichem aber auch traurigem Blicke. Wollen ſie mich, ſprach er zu Friedrichen, wohl ruhig an - hoͤren? Mir jede meiner Fragen, die ich nicht aus Neugierde, ſondern aus Nothwendigkeit an ſie wage, aufrichtig beantworten?

Friedrich.

Der Vater der ſchoͤnen Eſther kann alles von mir fordern.

Vater.

Haben ſie noch Eltern?

Friedrich.

Ich habe noch eine Mutter, die mich als ihren einzigen Sohn innig und zaͤrtlich liebt.

Vater.

Sie ſind von Familie?

Friedrich.

Ich ſtamme aus einem der edel - ſten Geſchlechter des Koͤnigreichs. Viele meiner Anverwandten begleiten anſehnliche Aemter, und ſtehen in des Koͤnigs Gunſt.

Vater.

Was wird ihre Mutter, was wer - den ihre Anverwandten, was wird ihr Koͤnig wohl ſagen, wenn alle erfahren, daß der einzige Sohn, der edle Sproſſe ihres Stammes, der Of - fizier ſeiner Armee ſich in die Tochter eines Juden verliebt hat? Sie antworten nicht? Wohl ihnen, ſie fuͤhlen die Wichtigkeit meiner Gruͤnde tief, und werden mirs einſt noch danken, daß ich ſo frei war, ſie ihnen vorzuſtellen.

12
Friedrich.

Um Verzeihung, beſter Herr! dieſe Gruͤnde ſind meinem Herzen nicht fremd, die Vernunft hat es mit dieſen Waffen ſchon lan - ge, aber ohne den geringſten Erfolg, bekaͤmpft. Meine Liebe zu ihrer Tochter mehrt ſich taͤglich, ſtuͤndlich! Ich kaͤmpfe, aber ich unterliege. Wenn ſie mir ihr Haus verbieten, wenn ſie mich hin - dern, die Unvergeßliche zu ſehen, ſo kann ichs ihnen zwar nicht verdenken; aber ich bin dann hoͤchſt ungluͤcklich, und muß ſie als den Urheber meines Ungluͤcks verfluchen.

Vater.

Sie wollen alſo meine Tochter noch ferner lieben?

Friedrich.
(bitter)

Ob ich will? Ich muß, ich werde ſie ewig lieben!

Vater.

Und wie ſoll dieſe Liebe enden?

Friedrich.

Das mag Gott entſcheiden, der mein Herz faͤhig ſchuf, ſie lieben zu muͤſſen.

Vater.

Wollen, koͤnnen ſie mein Kind hei - rathen?

Friedrich.

Das kann ich freilich nicht.

Vater.
(heftig)

Wollen ſie es zu ihrer Buhlerin herabwuͤrdigen?

Friedrich.

Davor ſoll mich Gott bewahren. Es waͤre ſchrecklich, wenn ich die Allgeliebte mei - nes Herzens auf immer ungluͤcklich machte, ihren guten Vater durch Jammer toͤdtete, und ſein An - denken auf Erden ſchaͤndete. Nein! Nein! So tief werde ich nie fallen!

13
Vater.

Kennen ſie ein anderes Mittel, wel - ches ihren Endzweck foͤrdern koͤnnte?

Friedrich.

Ich kenne keins, das ſich mit Ehre und Redlichkeit vertragen wuͤrde.

Vater.

Und wollen der Liebe zu meiner Toch - ter doch nicht entſagen?

Friedrich.

Nein! Nie und nimmermehr! Ich kann nicht, bei Gott, ich kann nicht!

Vater.

Ungluͤcklicher Juͤngling! Was that ich ihnen, daß ſie gluͤhende Kohlen auf meinem Haupte haͤufen, und da ich ihnen mein Leiden, meine Quaal ſchildere, ſie noch mit neuer Gluth vermehren wollen?

Friedrich.

Hartherziger Vater, was that ich dir, daß du mein unbefangenes Herz durch die unwiderſtehlichen Reize deiner Tochter zu lo - ken ſuchteſt? Mir taͤgliche Gelegenheit gabſt, es immer tiefer und gewiſſer zu fuͤhlen, daß ſie die einzige ſey, die mich gluͤcklich machen koͤnne? Deine Nachſicht hat mich in den reiſſenden Strom gefuͤhrt, jetzt, da ich unaufhaltſam von ſeiner Gewalt fortgeriſſen werde, gerne widerſtehen moͤch - te, und doch nicht widerſtehen kann, jetzt erſt zeigſt du mir die Gefahr, und rufſt mir zu, daß ich verlohren bin! Rette mich, es iſt dein Werk! Gieb mir Kraft, meine Leidenſchaft zu bekaͤm - pfen, und wenn du's nicht kannſt, ſo uͤberhaͤufe mich nicht mit Vorwuͤrfen, die ich nicht ver - diene.

14
Vater.

Wahr, aber auch ſchrecklich, daß es wahr iſt! Ich ſteckte durch Unvorſichtigkeit das Haus in Brand, und fordere nun von den Be - wohnern, die ſeine Flamme fuͤhlen, und ſich nicht retten koͤnnen, daß ſie dieſe verzehrende Flamme loͤſchen ſollen. Weh mir! Weh mir! Ich bin der eigne Stifter meines Ungluͤcks, mein Loos iſt Jammer und Elend! Edler Juͤngling, noch iſt Rettung moͤglich! Ich beſchwoͤre, ich bitte ſie, ſtehen ſie mir bei, und wir ſiegen ge - wiß.

Friedrich.

Ich will thun, was ich ver - mag, dazu verpflichtet mich Vernunft und Ehre.

Sie ſtehen hier auf Werbung, es wird ihnen ein leichtes ſeyn, ihren Ruͤckruf zu bewirken. Zeit und Abweſenheit werden ſie uͤberzeugen, daß ihre Liebe zu meiner Tochter die groͤßte Thorheit war. Sie werden bald eine ſchoͤnere und beſſere Gattin finden, und jene in ihren Armen ver - geſſen.

Friedrich.

Ah des weiſen Salomo! Waͤre Vergeſſenheit moͤglich, dann beduͤrfte ich ihres Raths nicht, er ward mir ſchon ſelbſt, und fruͤ - her, ehe ſies wohl dachten.

(er oͤfnet ſeine Brieftaſche, und zeigt ihm zwei verſie - gelte Briefe)

Sehen ſie, dieſe zwei Briefe, einer an meine Mutter, der andre an meinen Onkel, enthalten beide die Bitte zur Ruͤckberufung ins Vaterland. Da ich darin vorſtelle, daß ich bei laͤngerm Aufenthalte Schulden machen muͤßte,15 ſo bin ich uͤberzeugt, daß meine Bitte ſchnelle Er - hoͤrung findet. Ich habe dieſe Briefe wohl ſchon zwanzigmal auf die Poſt geſchickt; aber wenn ich uͤberlegte, daß ich bald weit von ihr entfernt ſchmachten, ſie nicht mehr ſprechen, nicht mehr ſehen wuͤrde, da zog michs mit Gewalt zum Poſt - hauſe, und ich nahm die Briefe zuruͤck.

Vater.

Ihr edler Vorſatz beweißt, daß ſie noch edler denken! Wie gern wollte ich ſie als meinen Sohn umarmen, wenn Gott nicht ſelbſt eine Kluft zwiſchen uns geſetzt haͤtte, die ich und ſie nicht uͤberſchreiten koͤnnen. Geben ſie mir dieſe zwei Briefe.

Friedrich.

Was wollen ſie damit beginnen.

Vater.

Ich will ſie fortſchicken, und ihren Kampf erleichtern.

Friedrich.

Nein! Ich vermags jetzt nicht mehr! Ich weiß, daß ich hoffnungslos liebe, aber ich kann ſie doch ſehen, vielleicht auch ſpre - chen, und dies iſt doch etwas.

Vater.

Ihre Umſtaͤnde ſind nicht die beſten, zuͤrnen ſie daher nicht, wenn ich ihnen einen An - trag mache, der in dieſer Lage ſie nicht beleidigen ſoll, nicht beleidigen kann: wenn ſie dieſe Briefe durch mich abſchicken, wenn ſie wirklich von hier nach Hauſe reiſen, ſo zahle ich ihnen beim Ab - ſchiede zwanzigtauſend Gulden aus.

Friedrich.

Herr, ſie verkennen mich! Doch ſie ſind ihr Vater, und dieß vernichtet die Be - leidigung, welche ich ſonſt ahnden muͤßte. Va -16 ter eines unſchaͤzbaren Kindes, das Bewußtſeyn von ihm geliebt zu werden, iſt mir nicht um Millionen feil!

Vater.

Ich habe gethan, was mein Herz verlangte, ich muß nun thun, was Vernunft und Pflicht fodert. Sie werden's daher nicht mißdeuten, wenn der beſorgte Vater ſie bittet, ſein Haus nicht mehr zu beſuchen.

Friedrich.

Sie ſind Herr ihres Hauſes, ich werde gehorchen.

Vater.

Da ſie uͤbrigens das einzige Mittel der Rettung nicht ergreifen wollen, ſo muß es meine Tochter ergreifen. Ich werde ſie noch dieſe Woche von hier entfernen, es wird mich Muͤhe koſten, meinen Augapfel zu miſſen, aber wenn eins unter uns ungluͤcklich ſeyn muß, ſo will ichs ſeyn.

Friedrich.

Sie ſind Vater ihres Kindes, und auch dieß wird gehorchen muͤſſen, aber beden - ken ſie fein, daß der aͤchten Liebe nichts unmoͤg - lich iſt, daß Zwang ſie wohl druͤckt, aber noch mehr anflammt, daß es keinen Winkel der Erde geben wird, wo ich ſie nicht finden werde, und dann ſtehe ich fuͤr nichts.

Er gieng und der kluge Vater fand nach rei - fer Ueberlegung, daß Friedrich nicht unrecht habe, daß es beſſer ſey, wenn er daheim wache, und zu verhindern ſuche, was er in der Ferne nicht verhindern koͤnne. Er ſprach nachher im ernſten,vaͤter -17vaͤterlichen Tone mit ſeiner Tochter, und ſie ge - lobte ihm feierlich, daß ſie jede Gelegenheit mei - den wolle, ihren Friedrich zu ſprechen.

Traurig und truͤbe verfloſſen nun die Tage der vorgeſchuͤtzten Trauer, der Vater fand ſeine Eſther oft weinend, wenn er dann nach der Ur - ſache ihrer Thraͤnen forſchte, ſo ſeufzte ſie tief, und geſtand ihm offen, daß ſie ihren Friedrich wohl meiden, aber nie vergeſſen koͤnne. Er geht, fuͤgte ſie hinzu, alle Morgen und Abende vor meinem Fenſter voruͤber, ich ſehe ſein Leiden, und leide mit ihm. Der gute Vater ſchwieg, weil er ſie nicht zu troͤſten vermochte. Da er fuͤr ihre Geſundheit bangte, ſo entſchloß er ſich, ſei - ner ſo theuern Ruhe zu entſagen, und mit ihr nach W zu reiſen, welches Eſther ſchon laͤngſt zu ſehen wuͤnſchte. Sie hoͤrte aber jetzt ſeinen Vorſatz mit Wehmuth an, doch widerſprach ſie nicht, und hoffte ſelbſt in dieſer Reiſe Linderung ihrer Leiden zu finden.

Wie der Vater eben an einem ſchoͤnen Som - merabende aufs neue mit ihr von dieſer Reiſe ſprach, und verkuͤndigte, daß ſie den folgenden Morgen ſchon beginnen ſollte, ſo oͤfnete ſich die Thuͤre ſchnell, und Friedrich trat raſch herein. Eſther flog ihm entgegen, und umarmte ihn mit Inbrunſt. Wenn du Abſchied zu nehmen kommſt, ſagte ſie ſchmachtend, ſo nimm das BekenntnißZweit. Baͤndch. B18von mir zum Danke, daß ich ungerne ſcheide, dich ewig ewig lieben werde.

Friedrich.
(bitter)

So iſt's alſo gewiß, was ich nur muthmaßte!

(zum Vater)

So haben ſie wirklich das Bubenſtuͤck vollendet, wel - ches ich ihnen ihres Kindes wegen ſo gerne nicht zutrauen wollte?

Vater.

Ich ſtehe rein vor ihnen, und darf mich keines Verbrechens anklagen. Ob auch ſie's vermoͤgen? Obs billig iſt, daß ſie ihr gegebnes Wort brechen? uͤberlaſſe ich ihrem eigenen Ur - theile.

Friedrich.

O ich Thor, daß ichs ſo lange redlich erfuͤllte, indeß ich namloſe Quaalen dulde - te, arbeiteten ſie an meinem Ungluͤcke.

Vater.

Davor wird mich Gott bewahren.

Friedrich.

Koͤnnen ſie's wohl noch laͤug - nen? Wer anders konnte es wohl meinen Ver - wandten ſchreiben, daß ich heftig in die Tochter eines Juden verliebt ſei, ihr, wenn nicht Aen - derung folge, wohl gar meinen Dienſt, mein Seelenheil zum Opfer bringen wuͤrde. Sie ha - ben ihren Endzweck erreicht, ich habe heute die ſtrengſte, koͤnigliche Ordre erhalten, und muß morgen ſchon abreiſen. Aber, heimtuͤckiſcher Al - ter, haſt du wohl die Folgen erwogen? Ich will ſie dir erzaͤhlen: Ich reiſe nach D , entſage trotz dir, trotz meinen Anverwandten meinem Dienſte, und kehre zuruͤck. Heiſche und fordere Liebe von Eſthern, und giebt ſie mir nicht Hoff -19 nung, ſtoͤßt ſie mich troſtlos von ſich, ſo ende ich mein Leben vor ihrer Thuͤre und fluche dir noch ſterbend.

Eſther.

Gott, das waͤre ſchrecklich! dann ich mit dir, Gott hoͤrts, dann ich mit dir!

Der Vater bemuͤhte ſich nun lange vergebens, ihm begreiflich zu machen, daß er an ſeiner Zu - ruͤckberufung ſchuldlos ſei, als er aber ſeine Hand auf ſein graues Haupt legte, und Gottes Rache uͤber ſolches erflehte, wenn er der Thaͤter ſei, ſo glaubte ihm Friedrich, und verſprach ſogar noch laͤnger zu kaͤmpfen, und ſeinen Dienſt nicht zu verlaſſen, wenn er erlauben wolle, daß er ſei - ner geliebten Eſther jeden Monat einmal ſchreiben, und ſie ihm wieder antworten duͤrfe. Der Vater gewaͤhrte die Bitte, weil ſeine Tochter ſie mit heißen Thraͤnen unterſtuͤtzte, und Friedrich verließ erſt nach Mitternacht das Haus des redlichen Alten.

Dieſer hatte ihn beim Abſchiede aufs dringend - ſte gebeten, ein Mann zu ſeyn, und wacker zu kaͤmpfen, die liebende Eſther hatte ihm aber mehr als einmal zugefluͤſtert, daß ſie ihn nie vergeſſen werde, und man urtheile nun: Ob Friedrichs Kampf mit Muth beginnen konnte?

Am fruͤhen Morgen ſtand ſie ſchon am offnen Fenſter, als Friedrichs Wagen langſam voruͤber fuhr, ihre Blicke verſprachen Friedrichen ewige Liebe und Treue. Eſther ſtieg bald hernach eben -B 220falls mit ihrem Vater in den Wagen. Die Reiſe war um ſo nothwendiger geworden, denn waͤre ſie daheim geblieben, ſo haͤtte ſicher tiefe und unheilbare Schwermuth die ſchoͤnſte Roſe vernich - tet. Selbſt die große Zerſtreuung der Reiſe, die noch groͤßere der ſchoͤnen Stadt wirkte nur ſchwach auf ihr krankes Herz, aber ſie verhinderte doch gaͤnzliches Hinwelken, und erquickte dann und wann die ſchmachtende Blume mit labendem Thaue. Ihr Vater blieb ſechs Monate lang ſei - ner Tochter wegen in der Stadt, es fanden ſich dort angeſehene Glaubensgenoſſen, die bei ihm um ihre Hand warben, da er aber ihr Leiden kannte und ehrte, ſo verſagte er ſelbſt, was ſie ohnehin nicht gegeben haͤtte. Er brachte ihr je - den Monat ſelbſt den Brief ihres Friedrichs, und ſah mit Thraͤnen, daß dieß der einzige Troſt ſei, den er ihr gewaͤhren konnte. Friedrich ſchrieb al - lemal, daß ſeine Liebe ſich nicht mindern koͤnne, und Eſther antwortete wieder, daß die ihrige ſich vergroͤßern wuͤrde, wenn Vergroͤßerung moͤglich waͤre. Als der Vater mit ihr nach Hauſe kehrte, erhielt Eſther noch zwei Briefe, im letzten derſel - ben ſchrieb er, daß er bald der Unmoͤglichkeit wei - chen, nicht mehr kaͤmpfen, und kommen werde, um zu ihren Fuͤßen zu ſterben. Eſther durchharrte nun in banger Erwartung ein langes, quaalvol - les halbes Jahr, als aber weder der Unvergeßli - che noch ein Brief von ihm kam, und ſie mit vollem Rechte an ſeiner Treue zweifeln mußte,21 da bat ſie ihren Vater um Gewißheit ihres Un - gluͤcks. Er mußte, um ſie zu beruhigen, an ei - nen ſeiner ehemaligen Korreſpondenten in D ſchreiben, und ſich genau erkundigen: ob Frie - drich noch lebe, und wie es ihm gehe? Eſther trug den Brief, deſſen Antwort ihr Schickſal auf immer entſcheiden ſollte, ſelbſt nach der Poſt, und harrte nun von neuem.

Nach einem langen Monden, deſſen Tage ſie meiſtens im Stillen durchweint hatte, ward ihr endlich Entſcheidung. Sie war ſchrecklich, ſie nagte lange an ihrem Leben, und wuͤrde es ver - nichtet haben, wenn nicht jugendliche Kraͤfte da - gegen gekaͤmpft haͤtten. Der Freund ihres Va - ters berichtete ihm, daß er lange vergebens nach Friedrichen geforſcht, endlich aber genau und ſicher erfahren habe, daß er ſein Regiment verlaſſen, und in der Provinz ein ſehr reiches und ſchoͤnes Fraͤulein geheirathet habe, mit welchem er, nach Ausſage der Augenzeugen, ſchon ſeit ſechs Mon - den in einer ſehr vergnuͤgten Ehe lebe. Dieß war alſo ſeine ewige Liebe! rief Eſther aus, als ſie den Brief mehr als einmal geleſen hatte. Ihr theilnehmender Vater ſuchte ſie zwar zu troͤ - ſten, ihr begreiflich zu machen, daß Friedrich den beſten Weg ergriffen habe, und Nachahmung verdiene, aber Eſther ſchauderte hoch empor, wenn ſie ſich in den Armen eines andern dachte, und ſchwur in dieſem Augenblicke einen fuͤrchterli -22 chen Eid, daß ſie nun ihn und jeden Mann haſ - ſen werde.

Von dieſer ungluͤcklichen Stunde an, war alle geſellige Freude des Lebens fuͤr ſie verlohren, ſie verließ oft Wochenlang ihr Zimmer nicht, genoß wenig Speiſe, und ſprach noch weniger. Der Vater ſah ihr Leiden, und da er nicht helfen konnte, ſo vollendete der Kummer bald die voͤllige Zerſtoͤrung ſeiner Geſundheit, an welcher das Al - ter ſchon lange vorher gearbeitet hatte. Er konn - te ſein Lager nicht mehr verlaſſen, er ſtarb in den Armen ſeines einzigen Kindes, das blos deswegen Thraͤnen vergoß, weil es nicht mit ihm ſterben, nicht mit ihm eine Welt verlaſſen konnte, in wel - cher nichts als Trug und Elend herrſchte. Ehe der Vater ſchied, bat er ſeine Tochter, ihren Kummer mit in ſein Grab zu ſenken, und ſo zu enden, daß er ſie einſt dort wieder umarmen koͤn - ne. Sein Tod machte ſie zur Erbin einer hal - ben Million, welche ihr Vater bei den angeſehen - ſten Kaufleuten, und ſelbſt in der hollaͤndiſchen Bank zinsbar angelegt hatte. Da die Geſetze ih - res Landes ihr ſchon im zwanzigſten Jahre die freie Verwaltung ihres Vermoͤgens zuſicherten, ſo kuͤndigte ſie alle ihre Kapitale nach und nach auf, verkaufte alles, was ſie zu F beſaß, machte zehn arme Familien durch reiche Geſchen - ke gluͤcklich, und reiſte endlich ſo geheim und ſchnell ab, daß in ihrer Vaterſtadt niemand23 erfuhr, wohin ſie zog, und wenn ſie wiederkeh - ren wuͤrde.

Kein Mann durfte unter dieſer Zeit ſich ihrer Schwelle nahen, keiner unter den vielen Maͤn - nern der Stadt konnte ſich ruͤhmen, daß er mit ihr nach ihres Vaters Tode ein Wort geſprochen habe, ihr Maͤdchen nahm jede Geſchaͤftbotſchaft an, und brachte Antwort. Als ſie ihren Geburts - ort verlaſſen hatte, gieng unter den andaͤchtigen Matronen die Sage umher, daß man ſpaͤt am Abende einigemal den katholiſchen Geiſtlichen des Orts in ihr Haus haͤtte ſchleichen ſehen, und daß die ſchoͤne Eſther wahrſcheinlich eine Chriſtin ge - worden ſei. So wenig man ſonſt Sagen dieſer Art ſein Zutrauen ſchenken kann, ſo bewieß doch die Folge, daß die alten Weiber dießmal hell ge - ſehen hatten. Eſther ſuchte wirklich Troſt fuͤr ihr unnennbares Leiden in der chriſtlichen Religion, die ſo maͤchtig im Elende ſtaͤrkt und labt, weil ſie uns die irdiſche Pruͤfung als nothwendig zur ewigen Seligkeit ſchildert, und ihren goͤttlichen Stifter als den unſchuldigſten Buͤßer und groͤßten Dulder zur Nachahmung aufſtellte. Moͤglich, daß auch Schwaͤrmerei, die emſige Begleiterin der hoff - nungsloſen Liebe, ihre Abſicht foͤrderte, moͤglich, daß ſie eben deswegen die katholiſche Religion waͤhlte, weil nur dieſe ſie faͤhig machte, abge - ſchieden von der Welt, getrennt vom maͤnnlichen Geſchlechte, ihre Tage in ſtiller Schwermuth en - den zu koͤnnen.

24

Kurz nach ihrem Verſchwinden erſchien ſie zu P , nahm emſigen Unterricht in der katholi - ſchen Religion, und wurde auf ihr Verlangen in der Taufe Karoline, Friederike genannt. Sie wohnte dieſe ganze Zeit uͤber in einem Nonnen - kloſter, gieng nie aus, und nur ſelten im Garten deſſelben ſpazieren. Erſt am Tage ihrer oͤffentli - chen Taufe verſicherten die Juͤnglinge der ganzen Stadt, daß ſie nie ein ſchoͤneres Maͤdchen, nie ſolche gluͤhende, wahre Andacht geſehen haͤtten. Ihr ſchwarzes Rabenhaar, ihr noch ſchwaͤrzeres Auge, war der Stoff ihres Geſpraͤchs, und man - ches Maͤdchen vergaß ſich in der Folge zu pudern, weil die Erfahrung ſie belehrt hatte, daß ein na - tuͤrliches Haar ſo große Wirkung mache. Ehe man noch uͤber die Fragen: Woher die ſchoͤne Unbekannte komme? Wer ſie eigentlich ſei? Ob ſie wirklich ſo großes Vermoͤgen beſitze? einig werden konnte, war die ſchoͤne Karoline ſchon wieder aus P abgereiſet. Sie verlangte ſchon dort, Nonne zu werden, und wollte dagegen dem Kloſter ihr ganzes großes Vermoͤgen vermachen, da aber die Landesgeſetze nicht geſtatten, daß eine Nonne dem Kloſter großes Vermoͤgen zur Mitgift bringen darf, ſo konnten die Nonnen dieß nicht annehmen, und Karoline gieng wahrſcheinlich auf ihren Rath nach D im B , wo ſie von den Nonnen mit groͤßtem Vergnuͤgen aufgenommen wurde, und ſogleich ihr Probejahr antrat. Der ſeltne Fall, durch welchen das Kloſter auf ſo an -25 ſehnliche Art bereichert wurde, erlaubte hier wahr - ſcheinlich Ausnahmen, die in der gewoͤhnlichen Regel nicht ſtatt finden. Karoline vergabte zwar dem Kloſter ihr ganzes Vermoͤgen, aber ſie bedung ſich die Nutznießung bis an ihren Tod, und ob - gleich jede Nonne das Geluͤbde der Armuth ſchwoͤ - ren muß, ſo ward ſie doch diſpenſirt, und die Aebtiſſin geſtand ihr den Genuß der Intereſſen, jedoch mit der Bedingniß zu, daß ſie alles zu got - tesdienſtlichen Handlungen, und vorzuͤglich zum Beſten des Kloſters verwenden ſolle. Nie konnte ſich das Kloſter ruͤhmen, eine eifrigere, folgſamere Novizin in ſeinen Mauern gehabt zu haben, ſie unterzog ſich ohne Murren jedem Geſchaͤfte, das dieſen aufgetragen wurde, ſie murrte nur dann, wenn ſie merkte, daß man ihres Vermoͤgens we - gen ihr nicht hart genug begegnete, ſie betete im - mer, und ſprach aͤußerſt wenig.

Noch im nehmlichen Jahre baute ſie mit Er - laubniß der Aebtiſſin zwei praͤchtige Altaͤre in der Kirche des Kloſters, einer wurde dem heiligen Karl, der zweite dem heiligen Friedrich geweiht, zum letztern zeichnete ſie dem Kuͤnſtler die Idee ſelbſt vor, und gab ihm ein kleines Portrait, nach welchem er das Geſicht des heiligen genau bilden mußte. Sie laͤchelte zum erſtenmale wie - der, als dieſer Altar in der Kirche aufgeſtellt wurde, und weilte oft halbe Tage und Naͤchte betend am Fuße deſſelben.

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Wie ihr Probejahr verfloſſen war, forderte ſie mit edlem Ungeſtuͤme und mit ſichtbarer Begierde die Aufnahme, ſie war nie ſo zufrieden und ver - gnuͤgt, als am Tage der Gewaͤhrung, und ſchwor mit geſetztem und ſtandhaftem Muthe den fuͤrch - terlichen Eid der Keuſchheit in die Haͤnde des Prieſters. Das verſammelte Volk nannte ſie eine lebendige Heilige, und die Nonnen dankten der Vorſehung, welche nicht allein ein ſo reiches Maͤdchen, ſondern auch in dieſem, ein aͤchtes Bei - ſpiel der wahren Gottesfurcht in ihr Kloſter ge - fuͤhrt hatte. Sie theilte nun ihre Zeit in Gebet und Arbeit, mehr als die Haͤlfte war jenem, die uͤbrige ganz der letztern gewidmet, nur am Aben - de eilte ſie gemeiniglich nach dem großen Garten des Kloſters, wo jede Nonne ein abgetheiltes Stuͤck zur eignen Pflege und Bearbeitung erhal - ten hatte. Sie waͤhlte ſich eines im abgelegen - ſten und oͤdeſten Theile des Gartens, ſie umfaßte es mit Raute und Wermuth, pflanzte in die Mitte deſſelben einen verdorrten Roſenſtrauch und umgab dieſen mit dem Bluͤmlein, die brennende Liebe genannt. Die uͤbrigen Theile wurden von ihr mit den ſchoͤnſten Blumen beſetzt, und da ſie kein Geld ſparte, ſo bluͤhte ihr Gaͤrtchen bald herrlich, ſie gieng dann gedankenvoll darinne um - her, pflegte die Blumen, und weinte oft im Stillen, wenn alles nur die duͤrre Roſenſtaude nicht gruͤnte. Der Garten war mit einer hohen Mauer umgeben, rechts konnte man zwar einige27 Daͤcher der benachbarten Haͤuſer ſehen, doch wa - ren dieß nur die Spitzen derſelben, und dort kein Fenſter angebracht, durch welches die Neugierde die einſamen Nonnen haͤtte beunruhigen koͤnnen; links ſah man aber hohe waldichte Gebirge, wel - che maͤchtig uͤber die Mauern empor ragten, doch ſtundenweit davon entfernt lagen. Wenn dann uͤber dieſe erhabnen Gebirge am heitern Abende die Sonne nach und nach hinabſank, und nun oͤde Stille im Garten herrſchte, da weilte oft Karoline noch ſtundenlang darinne, und fragte oft im jam - mernden Tone den Schoͤpfer: Warum nicht auch der Abend ihres Leidens nahe? Warum ſie nicht gleich der Sonne in die Nacht des Grabes ſinken, und dort verklaͤrt wieder erwachen koͤnne?

Einſt ſtand ſie mit dieſem Gedanken beſchaͤfti - get noch immer im Garten, den alle Nonnen ſchon verlaſſen hatten; ihr Herz fuͤhlte heute be - ſonders die Schmerzen der eiternden Wunde, ſie erinnerte ſich eben eines Abends, den ſie in Ge - ſellſchaft ihres Friedrichs wonnevoll genoſſen hat - te, ſie weinte, rang die Haͤnde, und fuhr endlich bebend zuruͤck, als neben ihr etwas weiſſes vor - uͤber in einen nahen Strauch flog, ſie faßte Muth, trat naͤher, und fand einen Stein, der mit Papier umwickelt war, ſie entfaltete ſolches, und las folgende Worte, die in engliſcher Sprache dar - auf geſchrieben waren: Ungluͤckliche Eſther! 〟wenn du noch Mitleid mit dem ungluͤcklichſten 〟aller Menſchen, mit deinem treuen Friedrich28 〟haſt, ſo blicke auf das naͤchſte Dach, und 〟ſchließe aus ſeinem angſtvollen Haͤnderingen, 〟auf ſeine ſchreckliche Quaal. Wenn dich aber 〟hartherzige Menſchen wie mich betrogen, wenn 〟du ihn auch im Kloſter noch nicht vergeſſen haſt, 〟ſo komme in der Nacht, welche dem morgenden 〟Tage folgt, hinab in die Kirche, du wirſt mich 〟in der Todtenkapelle rechts im erſten Betſtuhle 〟verſteckt finden. An einem leiſen, dreimal wie - 〟derholten Huſten, werde ich dich erkennen, und 〟in deine Arme eilen. Ich waͤhlte abſichtlich die - 〟ſe unbekannte Sprache, damit, wenn der kuͤh - 〟ne Wurf mißlaͤnge, das Blatt nicht mein und 〟dein Verraͤther wuͤrde. Karoline ward durch dieſen Brief in einen ſchrecklichen Zuſtand verſetzt, ihr erſter Blick war zu Gott um Huͤlfe, ihr zwei - ter nach dem Dache, auf welchem ſie ihren Frie - drich wiederſehen ſollte. Er war's wirklich, er hatte die hoͤchſten Sparren des Dachs erklettert, die Ziegel deſſelben abgeloͤst, und blickte mit halb - hervorgebognem Koͤrper in den Garten hinab. Die Abendroͤthe faͤrbte ſein Geſicht, die letzten, einzel - nen Strahlen der ſchon untergegangenen Sonne beleuchteten es dann und wann noch hell. Karo - line ſah, wie er fuͤrchterlich die Haͤnde rang, und ſie wieder flehend zu ihr hinabſtreckte, ſie winkte ihm mit ihrem weiſſen Tuche, zeigte einigemal mit der Hand auf den Thurm der Kirche, und eilte von dannen, um in ihrer Zelle Kraͤfte und Faſ - ſung zu ſammeln; mehr als einmal ſank ſie athem -29 los nieder, erhob ſich aber ſchnell, weil ſie Ent - deckung fuͤrchtete. In ihrem Herzen ſtuͤrmte es maͤchtig, ſie lebte bisher fromm und heilig, kein Gedanke an die Welt und ihre Freuden ſtoͤrte ſie in ihrer Einſamkeit, ſie ſuchte Ruhe im Kloſter, Troſt im eifrigen Gebete, und glaubte beides wirklich gefunden zu haben. Nun ſah ſie aber Friedrichen wieder, ihr Herz wurde durch ſeinen Brief, durch ſeine aͤngſtlichen Geberden von ſei - ner Treue uͤberzeugt, es hatte ihn noch nie ver - geſſen koͤnnen, es liebte ihn vom Neuen, und hef - tiger als jemals. Der Eid, den ſie geleiſtet hat - te, ſchien ſie nicht zu binden, ſeine Untreue zwang ihr ſolchen ab, ſeine Treue vernichtete ihn. Aus Liebe zu Friedrichen war ſie Chriſtin geworden; um ſein Andenken ewig zu feiern, war ſie ins Kloſter gegangen, um ihn wieder ſehen und lieben zu koͤn - nen, war ſie feſt entſchloſſen, es in ſeinen Armen ſogleich zu verlaſſen. Die Grundſaͤtze der Religion, die dieſen Vorſatz hindern ſollten, hatten noch nicht tiefe Wurzel in ihrem Gewiſſen gefaßt, maͤchtiger und kraͤftiger keimte im Herzen die Lie - be wieder, welche ohnehin jede, auch die ſtaͤrkſte Feſſeln zerreißt, und alles uͤberwindet.

Der folgende Tag war ein Sonnabend, ſie be - tete und arbeitete nicht, ſie eilte zehnmal nach dem Garten, ſah immer nach dem Dache, und ſah ganz natuͤrlich nichts. Als endlich der Tag endigte, gedachte ſie erſt der großen Hinderniſſe, welche ſie noch von ihrem Friedrich trennten. Die30 Kirche war des Nachts vor jeder Nonne verſchloſ - ſen, ſie konnte zwar darinne beten, aber auf ei - nem Chore, deſſen Fenſter nur in die Kirche gien - gen. Wie ſie dort am Abende mit den andern Nonnen das Nachtgebet verrichtete, und ihren Friedrich ſchon in der Kirche ahndete, bat ſie die Sakriſtanerin um den Schluͤſſel, welcher die Thuͤ - re zur Kirche oͤfnete, weil ſie, ihrem Vorgeben nach, die Lampe an ihren erbauten Altaͤren an - zuͤnden, und dort noch einige Zeit beten wolle. Ich gebe ihnen ſolchen, ſprach ſie angſtvoll, in der Metten zuruͤck, und hatte ſchon ein Geſchenk fuͤr ſie in Bereitſchaft, wenn ſich ſolche etwa weigern wuͤrde, aber die Argloſe ahndete nichts, und gewaͤhrte ihre Bitte ohne Anſtand.

Wie alle Nonnen im Kloſter ruhten, ſtieg Ka - roline zitternd in die Sakriſtei hinab, oͤfnete ſol - che, und trat wirklich mit einer brennenden Lampe in die Kirche, ſie ſtellte ſolche auf den Altar des heiligen Friedrichs, eilte nach der Todtenkapelle, huſtete dort dreimal, und Friedrich ſank in ihre Arme. Pferde und Wagen ſtehen bereit, fluͤſterte dieſer leiſe. Wenn du mich noch liebſt, wenn du wenigſtens Mitleid mit mir haſt, und nicht willſt, daß ich vor deinen Augen mein Leben enden ſoll, ſo folge mir.

Karoline.

Ich folge dir, Unvergeßlicher, ich folge dir, wenn du mir vorher zwei Fragen beantwortet haſt: Warſt, oder biſt du noch ver - heirathet?

31
Friedrich.

Ich bins, ich wars nicht. O, dieſer ſchaͤndliche Betrug haͤtte dich und mich bald graͤnzenlos elend gemacht.

Karoline.

Weißt du, daß ich arm, nicht mehr reich bin, daß mein ganzes, großes Vermoͤ - gen in den Haͤnden des Kloſters iſt?

Friedrich.

Ich weiß es, und verachte dieß alles, bin hoͤchſt vergnuͤgt, wenn mans zum Loͤ - ſegeld fuͤr dich behalten will. Gott gab mir dafuͤr Reichthum in Menge, und nun das volle Ver - gnuͤgen, dich ganz damit gluͤcklich zu machen.

Karoline.
(an ſeinem Halſe)

Allge - liebter, ich folge dir. Gott ſah mein Leiden! Gott kannte meine Abſicht! Er wird den Mein - eid nicht raͤchen!

Friedrich.

Ich habe Kleider fuͤr dich mit - gebracht, du mußt dich umkleiden. Eile, aber fuͤrchte nichts, meine Diener halten Wache an der ofnen Kirchthuͤre, ſie wuͤrden mir und dir zu Huͤl - fe eilen, wenn Entdeckung folgen ſollte.

Karoline kleidete ſich in groͤßter Eile um, ſie warf ihren Nonnenhabit in einen Winkel, und entfloh, in einen Mantel gehuͤllt, an Friedrichs Arme aus der Kirche. Dreie ſeiner Bedienten ge - ſellten ſich zu ihnen, und folgten in einer kleinen Entfernung. Wie ſie die wenigen Haͤuſer, welche das Kloſter umgaben, im Ruͤcken hatten, fanden ſie auf der Heerſtraße einen Wagen, in welchen ſie ſtiegen, und in ſchnellſter Eile davon jagten. Als der Morgen anbrach, hatten ſie ſchon die32 Grenze des Landes erreicht, und langten gluͤcklich in einem proteſtantiſchen Staͤdtchen an, wo ſie in jedem Falle Schutz erwarten konnten.

Jetzt erſt fieng Karoline an, zu ſprechen, und ihr Gefuͤhl durch Worte auszudruͤcken, bisher war ſie nur ſtill und angſtvoll in Friedrichs Armen ge - legen, hatte immer ſchuͤchtern umher geblickt, im - mer zu fruͤhe Entdeckung geahndet und gefuͤrchtet. Friedrich fragte: Wie's geſchehen konnte, daß ſie F verlaſſen, die chriſtliche Religion angenom - men habe, und endlich gar Nonne geworden ſei? Karoline erzaͤhlte, und wie er deutlich vernahm, daß alles ein Werk ihrer innigen Liebe war, daß ſie um ſeinetwillen ſich ungluͤcklich gemacht habe, ſo umarmte er ſie mit noch ſtaͤrkerer Inbrunſt, und verſprach feierlich, ihr Leiden durch ewige Liebe zu lohnen. Er erzaͤhlte ihr nun ebenfalls, was ſich in der langen Zeit mit ihm zugetragen hatte.

Als er in D ankam, uͤberhaͤuften ihn ſeine Freunde mit neuen Vorwuͤrfen uͤber ſeine Liebe zu Eſthern, er erfuhr deutlich, daß nicht ihr guter Vater, ſondern einer ſeiner beſten Freunde zu F der Verraͤther derſelben geworden ſei, und ſeine ſo ſchnelle Zuruͤckberufung bewirkt habe. Man mach - te ihm kurz nach ſeiner Ankunft einige vortheil - hafte Heirathsvorſchlaͤge, er widerſtand, und gab dadurch ſeinen Freunden Gelegenheit zu neuem Argwohne, ſie muthmaßten mit Grunde, daß ernoch33noch immer liebe, ſie entdeckten wahrſcheinlich durch neue Verraͤtherei, daß er noch mit ſeiner Geliebten korreſpondire. Sein Onkel war ſehr reich, und General der koͤniglichen Truppen, er ließ ihn einſt rufen, und uͤbergab ihm eine De - peſche, welche er in ſchnellſter Eile nach dem Ha - fen uͤberbringen, und dem Befehlshaber einiger Kriegsſchiffe uͤbergeben mußte. Er traf dieſen auf einem Schiffe, welches eben nach einer In - ſel abſegeln ſollte. Sie kommen wie gerufen, ſprach er zu Friedrichen, ich erwartete ſie ſchon lange, ſie ſind als Kapitain bei den Landtrup - pen angeſtellt, welche ich nach der Inſel uͤberfuͤhre. Waͤren ſie nur eine Viertelſtunde ſpaͤ - ter eingetroffen, ſo haͤtte ich die Anker ſchon ge - lichtet, denn der Wind iſt vortheilhaft, ich muß ihn benutzen. Der erſtaunte Friedrich verſuchte es zwar, wider dieß grauſame Verfahren zu pro - teſtiren, und forderte ſchlechterdings, daß man ihm wenigſtens ſo lange Zeit goͤnnen muͤſſe, bis er ſein Gepaͤcke aus der Hauptſtadt kommen lie - ße, aber der Befehlshaber uͤberzeugte ihn von der Unmoͤglichkeit, und verſicherte ihn zugleich, daß ſeine Freunde ſchon fuͤr jedes Beduͤrfniß ge - ſorgt haͤtten.

Wirklich fand er auch alle ſeine Sachen im Schiffsraume, und bei dieſen ſeinen Bedienten, welcher ihm einen Brief von ſeiner Mutter uͤber - reichte. Sie machte ihm darin die heftigſten Vor -Zweit. Baͤndch. C34wuͤrfe uͤber ſeine thoͤrichte Liebe, welche er un - geachtet ihrer Ermahnung durch die unſinnigſten Briefe fortzuſetzen ſuche. Er habe es ſich, ſchrieb ſie ferner, daher ganz allein zuzuſchrei - ben, daß man zu ſtrengern Mitteln ſchreite, und ihn ſo lange nach den Inſeln verbanne, bis er von dieſer ſtrafbaren Liebe geheilt ſei. Ehe er noch dieſen Brief ganz geleſen hatte, eilten die Schiffe ſchon aus dem Hafen: er war un - troͤſtlich, daß er wenigſtens nicht in einigen Zei - len ſeiner Geliebten von dieſer gewaltſamen Ent - fuͤhrung Nachricht geben konnte. Die Ueberfahrt war gefahrvoll, in der ſechsmonatlichen Dauer derſelben ſchwebte Friedrich oft in der groͤßten Lebensgefahr, endlich landeten ſie, und Friedrich ſandte zwar mit den ruͤckgehenden Schiffen Brie - fe an Eſthern, die aber wahrſcheinlich verlohren giengen, weil ſie nicht mehr zu F wohnte, und niemand ihren Aufenthalt kannte.

Friedrich vergaß auch in der weiten Entfer - nung ſeine Geliebte nicht, er weihte ſich ganz ihrem Andenken, er beſchloß, ſie ewig zu lieben, und eher zu ſterben, als ſeine Hand einer an - dern zu reichen. Er harrte achtzehn Monate lang vergebens auf Nachrichten von ihr, es landeten unter dieſer Zeit verſchiedene Kaufarteiſchiffe, aber keins kam aus dem Hafen, wohin er Eſt - hers Antwort beſtimmt hatte. Endlich kamen auch von daher Schiffe, ſie brachten ihm viele Briefe, er durchwuͤhlte ſie geſchaͤftig, aber er35 fand keinen aus Deutſchland darunter. Wahr - ſcheinlich haͤtte er alle ungeleſen in einen Winkel geworfen, wenn nicht ein Paket, das ſchwarz geſiegelt war, ſeine Aufmerkſamkeit erregt haͤtte. Er oͤfnete es, und fand ſogleich, daß ſeine Mut - ter und ſein Onkel an der epidemiſchen Krankheit, die damals zu K herrſchte, geſtorben ſei. Sparſam floſſen ſeine Thraͤnen, weil ſie ſeine Lie - be ſo ſtreng gehindert hatten, aber freudig und doch tief geruͤhrt ſchauderte er bald empor, als er fand, daß eben dieſer Onkel, deſſen drei Soͤhne kurz vor ihm geſtorben waren, ihn zum Erben ſeines großen Vermoͤgens und all ſeiner Guͤter eingeſetzt hatte. Ein Brief, den der Onkel auf ſeinem Sterbebette geſchrieben hatte, verſoͤhnte Friedrichen uͤberdieß ganz mit ihm, er bat um Verzeihung, daß er ihn mit ſo ſtrenger Haͤrte be - handelt habe, ſandte ihm den koͤniglichen Befehl, mit dem erſten Schiffe ins Vaterland zuruͤckzu - kehren, und ermahnte ihn nur am Ende in den ſanfteſten Ausdruͤcken, daß er ſeine thoͤrichte und hoffnungsloſe Liebe ganz vergeſſen, bald eine edle Tochter des Landes mit ſeiner Hand begluͤcken moͤge.

Friedrich haͤtte der Bitte des Sterbenden gern nicht verweigert, was er den Drohungen des Le - benden ſo ſtandhaft verſagte, wenn das Andenken der ſchoͤnen Eſther nicht unausloͤſchlich in ſeinem Herzen geruht haͤtte. Sie war ſeine erſte, einzi -C 236ge Liebe, die ſo willig im Sturme und Wetter emporkeimt, und um ſo groͤßere und ſtaͤrkere Zwei - ge treibt, je mehr und oͤfterer man dieſe abzu - brechen ſucht. Der ſelige Gedanke, daß Eſthers alter Vater ſchon ſchlummere, ſie nun frei ſeyn, und ſich nicht weigern werde, die chriſtliche Re - ligion anzunehmen, beſchaͤftigte ihn einzig und al - lein auf der langen Reiſe, er beſchloß im Vor - aus, dann ſein ganzes Erbe zu veraͤuſſern, und in einem unbekannten Winkel der Erde mit ſei - ner Allgeliebten nicht allein vergnuͤgt, ſondern auch gemaͤchlich zu leben.

Das Gluͤck ſchien ſein Vorhaben zu beguͤn - ſtigen, ſeine Reiſe war die angenehmſte und ſchnellſte; ehe noch drei volle Monden verfloſſen, landete er ſchon an D s Kuͤſten. Da die Uebernahme der großen Erbſchaft ſeine Gegen - wart aͤuſſerſt nothwendig machte, und er wenig - ſtens durch einige Monden ſein Vaterland nicht wieder verlaſſen konnte, ſo machte er ſogleich der ſchoͤnen Eſther ſein Gluͤck und ſeinen Vorſatz in einem Briefe bekannt, flehte um ſchnelle Ant - wort, und ſandte damit ſeinen treuen Diener nach F , welcher, wenn der Vater allenfalls noch lebe, ihr den Brief heimlich uͤbergeben, aber nicht ohne Antwort ruͤckkehren ſollte. Ehe dieſe Ruͤck - kunft erfolgte, hatte Friedrich ſchon ſeinem Dien - ſte, welcher ihn ans Vaterland feſſelte, entſagt, ſeine Guͤter verpachtet, und harrte nur noch mit Ungeduld des Kommenden. Trauer erfuͤllte ſein37 Herz, als dieſer endlich anlangte, und ihm die unerwartete Nachricht brachte, daß Eſther nicht mehr in F wohne, in P Chriſtin geworden ſei, und ſehr wahrſcheinlich in einem Nonnenklo - ſter lebe. Der Diener hatte, nach langem vergeb - lichen Forſchen, dieß alles aus dem Munde ih - res ehemaligen Maͤdchens erfahren, das jetzt zu F ſehr gluͤcklich verheirathet war. Dieſes verhehlte es ihm auch nicht, daß Friedrichs Un - treue und Heirath, welche man aus D als gewiß berichtete, dieſen ſeltſamen Entſchluß im Herzen der ſtets getreuen Eſther geweckt habe.

Friedrich flog auf die ſchreckenvolle Nachricht ſelbſt nach F , und wie ihm alle Beſtaͤtigung ward, in eben ſo großer Eile von da nach P . Auch hier erfuhr er bald, daß Eſther wirklich Chriſtin geworden ſei, aber niemand wollte und konnte ihm von ihrem jetzigen Aufenthalte Nachricht ge - ben; nur durch anhaltendes Forſchen, nur durch wichtige Geſchenke oͤfnete er den Mund der Non - nen, ihm ward durch dahin geſandte Vertraute die gewiſſe Nachricht, daß ſie zu D in B wirklich ſchon Nonne geworden, wirklich ſchon das ewige Geluͤbde geleiſtet, all ihr Vermoͤgen dem Kloſter vergabet habe, und dort im Rufe der Heiligkeit lebe. Dieſe Schreckenspoſt vernichtete mit einmal all die romantiſchen Plane, welche ſeine Liebe getraͤumt und entworfen hatte, er machte im erſten Augenblicke das feſteſte Geluͤbde, alles zu verſuchen, um ſie zur Flucht aus dem38 Kloſter zu bewegen, und wollte ſie ſeine Bitte nicht hoͤren, mißlaͤnge dieſe vielleicht, ſeine Tage ebenfalls in einem Kloſter vertrauern. Mit die - ſem Vorſatze beſchaͤftigt, durch die Hofnung, daß er ſie vielleicht doch retten werde, geſtaͤrkt, reiſte er jetzt nach B , und nahm ſeinen Weg ab - ſichtlich uͤber D .

Das Kloſter lag in einem einſamen Thale, nur wenige Haͤuſer umgaben es. Ein anſehnli - ches Gaſthaus, das ehemals Nahrung durch einen nahen Geſundheitsbrunnen erhalten hatte, nun aber durch die haͤufigen Wahlfahrter nach der Kloſterkirche ernaͤhrt wurde, lag zwar nahe an den Mauern des Kloſtergartens, aber kein Fen - ſter gewaͤhrte dahin Ausſicht, und Friedrich konn - te nur die hohen Mauern, die ſeine Allgeliebte umſchloſſen, thatenlos anſtaunen.

Um nicht Verdacht zu erregen, ſeinen treuen Dienern aber doch Zeit zum Nachforſchen zu goͤn - nen, ſtellte er ſich drei Tage ſehr krank, und ver - weilte zu ſeiner groͤßten Pein, die meiſte Zeit im Bette und Zimmer. Die raſtloſen Spaͤher brach - ten ihm bald die gewiſſe Nachricht, daß die ſchoͤ - ne Eſther unter dem Namen Angelika wirklich im Kloſter lebe, und wegen ihrer großen Froͤmmigkeit und noch groͤßeren Reichthumes dort allgemein geſchaͤtzt ſei, aber naͤhere, beſtimmtere Nachrichten folgten nun aͤußerſt ſparſam.

Am Abende des dritten Tages wußte Friedrich nicht viel mehr, nur war ſeinen Dienern erzaͤhlt39 worden, daß ſie den Armen viel Gutes thue, und in der Kirche zwei praͤchtige Altaͤre erbauet habe, welche die Diener ſelbſt betrachtet hatten, und vereint behaupteten, daß der heilige Friedrich, welcher auf einem derſelben zur Verehrung aufge - ſtellt war, ihrem Herrn aͤußerſt aͤhnlich ſaͤhe. Dieſe letzte Nachricht weckte Hofnung im Herzen des Liebenden, er gieng am Morgen ſelbſt nach der Kirche, fand, daß die Diener recht geurtheilt hatten, und ſchloß nun ganz natuͤrlich, daß ſein Andenken noch im Herzen der Unvergeßlichen le - ben muͤſſe. Da er ohne Verdacht nicht laͤnger bleiben konnte, bald ohne dieſen wieder ruͤckkehren wollte, ſo eilte er nach der Hauptſtadt des Lan - des, um dort ungehindert ſichere Plane zur[Ret - tung] ſeiner Geliebten zu entwerfen.

Der Kloſterwirth, welcher ihn einigemal be - ſucht, und die Schmerzen ſeiner Kolik bemitleidet hatte, verſicherte ihn, daß der nahe Geſundheits - brunnen ein bewaͤhrtes Mittel gegen dieſes Uebel ſei, nur muͤſſe man ihn wenigſtens einen Monat lang trinken, dann aber mit einem Atteſte des Arztes, und mit der beſondern Erlaubniß des Or - densviſitators verſehen ſeyn, weil vor langen Jahren die vielen Gaͤſte die kloͤſterliche Einſamkeit geſtoͤrt haͤtten, und die jetzige allzufromme Aebtiſ - ſin unter keiner andern Bedingniß einem Fremden den Aufenthalt geſtatte. Auf dieſe Nachricht bau - te Friedrich die Grundveſte ſeines Plans, er er - hielt in der Hauptſtadt bald das erforderliche At -40 teſt und die noch nothwendigere Erlaubniß des Ordensviſitators, er kaufte ſich Pferde, und ließ weibliche Kleidung und Waͤſche verfertigen. Sei - ne zwei Bedienten, welche den Plan ihres Herrn kannten, wurden indeß mit einem Schloſſergeſel - len bekannt, welcher behauptete, daß er ihren Herrn recht wohl kenne, und ihm lebenslang dankbar ſeyn werde, weil er ihn auf ſeine drin - gende Bitte, wie er ſich einſt zu F im Trunke anwerben ließ, die Freiheit geſchenkt habe. Wie Friedrich dieß Abends durch die Bedienten er - fuhr, ſo befahl er ihnen ſogleich, dieſen Men - ſchen, morgen mit dem fruͤhſten aufzuſuchen und zu ihm zu fuͤhren. Sie erfuͤllten ſeinen Auftrag, und als Friedrich ſich auch ſeiner erinnerte, von ihm nun im Geſpraͤche vernahm, daß er kein Ka - tholik, ſondern ein Auslaͤnder ſei, und jetzt ohne Brod umherwandere, ſo trug er ihm ſeine Dienſte an, die dieſer mit Freuden annahm. Friedrich hoffte ſeine Kunſt noͤthig zu haben, und beſchloß ſogleich, ihn lebenslang zu verſorgen, wenn er vielleicht durch ſeine Huͤlfe die Geliebte retten koͤnne.

Als alles zur Ausfuͤhrung bereit war, reiſte Friedrich nach D . Er uͤbergab ſeine erforder - lichen Atteſte dem erfreuten Wirthe, und dieſer trug ſie ſogleich zu Aebtiſſin, die gar keinen An - ſtand nahm, dem fremden kranken Herrn den Auf - enthalt zu geſtatten, doch ward dabei ausdruͤcklich bedungen, daß dieſer ſich nicht dem Sprachzimmer41 der Nonnen nahen ſollte, weil dahin nur den Freunden und Anverwandten, aber keinem Frem - den der Zutritt erlaubt ſei.

Friedrichen kuͤmmerte dieſes Verbot wenig, weil er ohnehin uͤberzeugt war, daß er dort ohne Entdeckung ſeine Geliebte nicht ſprechen koͤnne. Sein einziger Wunſch war jetzt nur dahin einge - ſchraͤnkt, dieſer in geheim und durch einige Zeilen ſeine Gegenwart kund zu machen, aber der kleine Wunſch war nicht ſo leicht ausgefuͤhrt. So ſehr ſich auch alle ſeine Diener bemuͤhten, eine Boͤthin zu finden, ſo entdeckten ſie doch kei - ne, welche darzu nur faͤhig ſchiene; weil alles, was im Orte wohnte, vom Kloſter lebte, und es allen ſtreng unterſagt war, einen Brief, ohne ſolchen der Aebtiſſin vorzuzeigen, im Kloſter abzu - geben.

Schon waren vierzehn Tage der Kurzeit ver - floſſen, und Friedrich ſeinem Ziele noch nicht naͤ - her geruͤckt, ſchon verzweifelte er ganz an der Erreichung deſſelben, als er einſt auf einem ein - ſamen Spaziergange entdeckte, daß das Dach des Gaſthauſes uͤber die hohe Mauer deſſelben Gartens emporrage, und freie Ueberſicht deſſelben gewaͤhren muͤſſe. Er eilte dahin, erſtieg mit - telſt einer Leiter die hoͤchſten Sparren, hob einige Ziegel in die Hoͤhe, und uͤberblickte nun den gan - zen Garten. Von dieſem Augenblicke an, lauerte er jeden Morgen, jeden Abend auf dem einſamen Boden des Hauſes, wohin niemand kam, und42 keiner ihn ſtoͤrte. Schon am andern Abende er - kannte er unter den luſtwandelnden Nonnen ſeine Eſther, ſie hatte ihr Gaͤrtchen nahe an demjeni - gen Theile der Mauer, welcher mit dem Gaſt - hauſe graͤnzte, ſie ſchlug ihren Schleier zuruͤck, er ſah ihr ſchwarzes Haar, ihr leidendes Geſich - te, und bewunderte die ſeltene romantiſche Anlage ihres Gaͤrtchens.

Wie ihn die Erfahrung belehrte, daß ſie oft noch im Garten weile, wenn ſchon alle andre ihn verlaſſen hatten, ſo gruͤndete er auf dieſen Umſtand ſeinen Plan, den er endlich auch gluͤck - lich ausfuͤhrte. Da von auſſen keine Thuͤre nach dem Garten fuͤhrte, ſo waͤhlte er die Kirche zum Platze der Rettung, weil er glaubte, daß die Nonnen Tag und Nacht ſolche ungehindert be - ſuchen koͤnnten. Er weihte ſeinen neuen Bedien - ten in das Geheimniß ein, dieſer bedung ſich vier Tage zur noͤthigen Arbeit, und verſicherte ihn am Morgen des fuͤnften, daß er jetzt das Schloß der kleinen Kirchthuͤre ohne Muͤhe zu al - len Zeiten oͤfnen koͤnne. Nun erfolgte, was ich meinen Leſern ſchon erzaͤhlt habe, und Karoline ward gluͤcklich gerettet.

Der erſte und einzige Wunſch der Liebenden war Vereinigung auf immer, die fromme, an - daͤchtige Karoline ſo groß die Macht der Lie - be machte nicht den geringſten Anſtand, ſich von nun an zur proteſtantiſchen Religion zu be - kennen, weil dieß Bekenntniß nur ihr Geluͤbde43 loͤſen konnte, ihr Friedrich uͤberdieß in derſelben ge - bohren und erzogen war. Da dieſer nicht mit ihr nach D , wo ſeine wachſame Familie bald ihre Herkunft entdeckt haͤtte, ruͤckkehren wollte, ſo beſchloſſen ſie vereint, in den europaͤiſchen Laͤn - dern umher zu reiſen, und ſich in dieſen den an - genehmſten Ort zu ihrem kuͤnftigen Wohnort zu erwaͤhlen. Ihr Weg fuͤhrte ſie durch ein kleines Herzogthum, welches damals von einer ſehr men - ſchenfreundlichen und philoſophiſchen Fuͤrſtin re - giert wurde, ſie weilten hier einige Zeit, und ſuch - ten einen Prieſter, welcher ſie ingeheim trauen ſollte. Schwerlich wuͤrden ſie einen gefunden ha - ben, weil es ihnen an allen erforderlichen Zeug - niſſen mangelte, wenn nicht ein Zufall ihren ſehn - lichſten Wunſch auf die angenehmſte Art erfuͤllt haͤtte.

Karolinens Schoͤnheit, die jetzt wieder aufs neue zu bluͤhen begann, war eine von den weni - gen, welche man allgemeine Schoͤnheit nennt. Jeder, welcher ſie ſah, mußte ihren Reizen huldi - gen, und man ſprach bald am Hofe der Fuͤrſtin mit Entzuͤcken von der ſchoͤnen unbekannten Dame. Die Fuͤrſtin ward dadurch zur Neugierde gereizt, und ließ, nach ihrer ſo gefaͤlligen und reizenden Weiße, Karolinen bitten, ſie mit einem Beſuche zu beehren. Friedrich unterrichtete Karolinen in allem, was ſie ſagen, wie ſie ſich benehmen ſoll - te; aber die aͤußerſt herablaſſende und freundſchaft - liche Art, mit welcher die Fuͤrſtin ihr begegnete44 bezauberte bald Karolinen, riß ſie ſogar zum off - nen Bekenntniſſe ihrer ganzen merkwuͤrdigen Ge - ſchichte hin. Die Fuͤrſtin, welche die Macht der Liebe nur allzugut kannte, ſelbſt gegen große Hin - derniſſe kaͤmpfen mußte, ehe ſie ihrem innig ge - liebten, nun verewigten Gatten die Hand reichen konnte, beehrte dieß Vertrauen mit Großmuth und Freundſchaft.

Nach einigen Tagen ließ ſie Friedrichen mit Karolinen nach ihrem Schloſſe laden, und der Oberhofprediger verband ſie auf ewig im geheimen Kabinette der Fuͤrſtin, nachdem Karoline zuvor das Glaubensbekenntniß der proteſtantiſchen Reli - gion abgelegt hatte. Die großmuͤthige Fuͤrſtin war die einzige Zeugin dieſer Handlung, und ſchenkte Karolinen einen ſchoͤnen Ring, den ihr Friedrich am Finger ſteckte, und den ſie mit un - verletzter Treue mit in ihr Grab zu nehmen ge - loben mußte.

Hier iſt der Zeitpunkt, in welchem ich wenn ich anders die Wahrheit nicht verletzen will meinen Leſern aufrichtig geſtehen muß, daß die ſchoͤne Eſther und die ungluͤckliche, merkwuͤrdi - ge Alte, ein und die naͤmliche Perſon ſei, und daß dieſe Erzaͤhlung die wahre Geſchichte der letztern enthalte. Ob ich recht that, daß ich ſo lange ſchwieg, und meine Leſer abſichtlich irre fuͤhrte? Ob ich die einzige Abſicht, ihre Erwar - tung mehr zu reizen und zu ſpannen, wirklich er - reichte? moͤgen ſie nun ſelbſt entſcheiden. Heil45 mir, wenn ſie gelang! Vergebung, wenn ich fehlte! Der Reiz war zu groß, da bis zu die - ſem Umſtande, die Geſchichte, welche ihr Wahn - ſinn erfand, beinahe nicht die geringſte Aehnlich - keit mit ihrem wahren Lebenslaufe enthaͤlt, ſo konnte ich ihm nicht widerſtehen, und glaubte kluͤ - ger zu handeln, wenn ich wenigſtens bis hieher die Erwartung meiner Leſer zu taͤuſchen ſuchte.

Von jetzt an hat ihr Wahnſinn viele Bege - benheiten aus ihrer wahren Geſchichte aͤcht und deutlich herausgehoben, ich werde dieſe alſo nur dann umſtaͤndlicher erzaͤhlen, wenn er wieder ganz vom Wege der Wahrheit abweicht. Friedrich wuͤr - de wahrſcheinlich mit ſeiner Gattin dieß Herzog - thum, deſſen Fuͤrſtin ihm allen Schutz verſprach, nicht verlaſſen haben, wenn nicht jetzt erſt die Folgen des großen Leidens ſich in der zerruͤtteten Geſundheit Karolinens geaͤußert haͤtten. Die Aerzte verordneten Spaa, Friedrich reiſte im fol - genden Fruͤhjahre wirklich mit Karolinen dahin ab, und nun erfolgten alle jene Begebenheiten, welche die Alte mir ſelbſt in ihrem Wahnſinne er - zaͤhlt hatte. Friedrich verſpielte wirklich den groͤß - ten Theil ſeines Vermoͤgens zu Spaa, Piſa, Paris und London, er ward in der letztern Stadt wirklich ins Gefaͤngniß geſetzt, und durch Karo - linen mit dem Verkaufe ihres ganzen Schmuckes aus dieſem errettet. Friedrichs Freunde, welche ſeine Mesalianz wahrſcheinlich erfahren hatten, vereinigten ſich wirklich zu ſeinem Verderben, loͤ -46 ſeten ſeine Schuldſcheine ein, und kauften ſeine er - erbten Guͤter in ſehr geringem Preiſe an ſich; er gieng wirklich mit ihr nach Hamburg, und wollte von da nach D gehen, um wenigſtens noch ei - nige Truͤmmer ſeines ſo anſehnlichen Erbes zu ret - ten, als er im Duelle toͤdtlich verwundet wurde, und in Karolinens Armen ſtarb. Doch iſt es falſch, daß ſie zu London mit einer Tochter nie - derkam, ihr wahrer Zuſtand war weit ſchrecklicher; der ungluͤckliche Friedrich hinterließ ſeine troſtloſe Gattin zwar ohne alle Ausſicht, ohne alles Ver - moͤgen, aber noch uͤberdieß ſchwanger. Nach D wollte und konnte die Verlaßne nicht reiſen, was haͤtte ſie gegen die angeſehenen Freunde ihres verſtorbenen Gatten auszurichten vermocht, wie konnte ſie was kaum er ſelbſt hoffte von ihnen Unterſtuͤtzung und Huͤlfe erwarten? Ihre einzige noch moͤgliche Hoffnung war auf die huld - reiche Fuͤrſtin gerichtet, welche ſie bei der ehema - ligen Abreiſe ihres vollen Schutzes verſichert, ſo - gar gebeten hatte, ſich in jeder Noth kuͤhn an ſie zu verwenden, und dann thaͤtige Huͤlfe zu erwar - ten. Karoline entließ zu Hamburg alle ihre Die - ner, gab, was ſie noch entbehren konnte, und behielt nur ſo viel, um ohne Kummer bis ins Gebiethe der freundſchaftlichen Fuͤrſtin reiſen zu koͤnnen.

Ehe ich den Erfolg dieſer Reiſe weiter erzaͤhle, muß ich ruͤckkehren ins Nonnenkloſter, welches Karoline in den Armen ihres Friedrichs ſo ſchnell47 und unvorbereitet verlaſſen hatte. Das große Vertrauen, welches ſie ſich durch ihre große Froͤm - migkeit bei allen Nonnen erwarb, wuͤrde jeden Verdacht einer abſichtlichen Flucht verhindert ha - ben, wenn jene nicht kurz nachher ihr Nonnen - kleid im Winkel der Kapelle und in demſelben Friedrichs Brief gefunden haͤtten. Sie ſandten dieſen, weil ſie ihn nicht leſen konnten, durch ſchnelle Bothen an ihren Propſt, und erhielten bald eine getreue Ueberſetzung, welche ihre wirk - liche Flucht ganz beſtaͤtigte. Anfangs troͤſteten ſich die Nonnen ſehr leicht uͤber den Verluſt einer Meineidigen, die ihnen ihr ganzes und großes Vermoͤgen zum Opfer und Erſatze hinterlaſſen hatte; als aber ein halbes Jahr nachher die Aeb - tiſſin die Intereſſen dieſer Kapitalien erheben woll - te, und die Inhaber derſelben ſich weigerten, ſie gegen die Quittung des Kloſters auszuzahlen, da ſahen ſie erſt ein, daß ohne Karolinens Ruͤckkehr auch dieſes ganze, anſehnliche Vermoͤgen fuͤr ſie verlohren ſei. Karoline hatte ſchon, als ſie zu P Chriſtin wurde, nach dem Rathe der dor - tigen Nonnen ihr ganzes Vermoͤgen wieder in verſchiedenen Banken zinsbar angelegt, ſie uͤber - gab, als ſie zu D wirklich Nonne wurde, zwar alle Obligationen und Verſicherungsſcheine der Aebtiſſin, da dieſe aber ihr auf Lebenszeit den Genuß aller Intereſſen zugeſichert hatte, ſo ſtellte Karoline noch immer die Quittungen daruͤber aus, und die Aebtiſſin hielt es bisher vielleicht aus ge -48 heimen Abſichten, vielleicht auch aus Mangel an gehoͤriger Einſicht fuͤr unnoͤthig, die Obligationen und Schuldſcheine auf das Kloſter umſchreiben zu laſſen. Ganz natuͤrlich wars nun, daß der Wunſch, von Karolinens Aufenthalte Nachricht zu erhalten, ſie wo moͤglich wieder zur Ruͤckkehr ins Kloſter zu bewegen, aͤußerſt lebhaft in dem Herzen der Aebtiſſin erwachte. Ueberall wurden Spaͤher ausgeſandt, jedem Kloſter der deutſchen Provinzen die genaue Beſchreibung ihrer Perſon zugeſchickt, und alle moͤgliche Anſtalten getrof - fen, um ihren Aufenthalt zu entdecken. Die vornehmſten Geiſtlichen in der Naͤhe und Ferne kundſchafteten ſelbſt zu Gunſten des betrogenen Kloſters uͤberall umher, und konnten wohl ihren ehemaligen, aber nicht jetzigen Wohnort erfah - ren, weil Karoline damals ſchon mit ihrem Friedrich in Piſa war, und nicht mehr mit ihm nach Deutſchland ruͤckkehrte.

Haͤtte die arme, verlaſſene Karoline in der Folge dieſen beſondern Umſtand nur muthmaßen koͤnnen, haͤtte ſie aus einem proteſtantiſchen Lan - de den Nonnen geſchrieben, dieſen nur die Haͤlfte ihres Vermoͤgens gehoͤrig zedirt, ſie wuͤrden ihr willig die andere Haͤlfte der ihnen ganz unnuͤ - tzen Schuldſcheine uͤberſendet, und ſehr wahrſchein - lich auch Ruh und Sicherheit gelobt haben. Aber die Troſt - und Hoffnungsloſe Karoline ahn - dete dieß ſonderbare Gluͤck nicht, ſie durchreiſteauf49auf einer elenden Landkutſche einige Handlungs - ſtaͤdte, wo die angewachſenen Intereſſen ihres Kapitals gegen ihre bloße Quittung und Namens - unterſchrift zum Empfange lagen. Da ſie alle ihre Hofnung auf die Huͤlfe der großmuͤthigen Fuͤrſtin ſetzte, und bald erfuhr, daß zwar ihr Sohn regiere, ſie aber doch noch lebe, ſo eilte ſie auf dem naͤchſten Wege nach dem Herzogthum, und durchreiſte einen Theil des katholiſchen Bis - thums B . Die Sonne neigte ſich eben zum Untergange, als ſie in einem kleinen Staͤdtchen deſſelben anlangte, ein Kloſter lag dem Gaſthau - ſe gegen uͤber, die Thuͤre der Kirche ſtand offen, ihr Ungluͤck hatte ſie wieder andaͤchtig gemacht, und ihr Gewiſſen geweckt, ſie gieng hinein, be - tete dort anhaltend und lange. Wie ſie wieder heraustrat, gieng ein Moͤnch hinter ihr her, wel - cher bald mit ihr zu ſprechen ſuchte, ſie mit vie - len Fragen belaͤſtigte, bis ins Gaſthaus begleite - te, dort aber zu ihrer groͤßten Freude gleichguͤlti - gen Abſchied nahm. Sie hatte aus den beſondern Reden und Fragen des Moͤnchs Verdacht ge - ſchoͤpft, und jetzt erſt uͤberlegt, daß Entdeckung ihres ehemaligen Standes, ihr in einem katholi - ſchen Lande hoͤchſt nachtheilig werden koͤnne. Sie forderte zur Vermeidung aͤhnlicher Zufaͤlle von dem Wirthe ein beſonderes Zimmer, und uͤberlegte eben, um wie viel ſich ihr ſehr großes Ungluͤck noch vergroͤßern koͤnnte, als einige Gerichtsperſo -Zweit. Baͤndch. D50nen ins Zimmer traten, ihre Paͤſſe und ihre rech - te Hand zu ſehen verlangten. Karoline zeigte die erſtern ſtandhaft vor, zitterte aber ſehr, als die Gegenwaͤrtigen den kleinen Finger der letztern ſehr aufmerkſam betrachteten, und mit dem Ausrufe: es iſt richtig! wieder ſtillſchweigend fortgiengen. Sie hatte dieſen Finger im Kloſter durch einen Zufall gebrochen, er war merkbar krumm geheilt worden, und die Ungluͤckliche ahndete mit Recht ſichere Entdeckung. Schon wollte ſie entfliehen, all ihr weniges Haabe zuruͤcklaſſen, und zu Fuße forteilen, aber ſie erblickte bald an ihrer Thuͤre Waͤchter, und mußte auch dieſem einzigen Ret - tungsmittel entſagen.

Nach einer angſtvoll durchharrten halben Stunde nahten ſich die Gerichtsperſonen wieder, mit ihnen kamen einige Moͤnche, welche ſie for - ſchend anblickten und ſtillſchweigend Platz nah - men. Das Verhoͤr begann, man behandelte ſie ſehr hart, drohte mit noch haͤrtern Zwangsmit - teln, und die huͤlfloſe Karoline geſtand bald, daß ſie wirklich Nonne zu D in B war, und in den Armen eines bereits verſtorbnen Offiziers aus dem Kloſter entflohen ſei. Sie ſchauderte zu - ruͤck, als man ihr trocken ankuͤndigte, daß ſie in dieſes wieder zuruͤckkehren muͤſſe, ſie geſtand nun auch, daß ſie ſchwanger ſei, aber man verlachte dieſe ſchreckliche Wahrheit, als eine kahle Ausflucht, und fuͤhrte ſie um Mitternacht nach dem Rath - hauſe, wo ſie in einem engvergitterten Zimmer51 verwahrt wurde. Gedanken des Selbſtmordes be - ſchaͤftigten den folgenden Tag ihre Seele, wuͤrden wahrſcheinlich geſiegt haben, wenn nicht die Erin - nerung an das Kind, welches ſie unter ihrem Herzen trug, dieſen ſchrecklichen Entſchluß ver - nichtet, ſie wenigſtens bis zu ſeiner Geburt zur Ausdauer ermahnt haͤtte.

Am Abende, der dieſem quaalvollen Tage folg - te, ward ſie nach einem verſchloßnen Wagen ge - fuͤhrt, ein altes Weib und zwei Moͤnche nahmen neben ihr Platz. Das Weib war zu ihrer Bedie - nung beſtimmt, die Moͤnche wahrſcheinlich zu ih - ren Waͤchtern, denn ſie folgten ihr uͤberall, und uͤbernachteten auf der Reiſe, die ſechs Tage dauer - te, meiſtens nur in Kloͤſtern, wo Karoline mit ihrer Waͤchterin in ein beſonderes Zimmer verſperrt wurde. Sie hatte wenig Geld und keine Koſtbar - keiten bei ſich, nur den Ring, welchen ihr die guͤ - tige Fuͤrſtin ſchenkte, hatte ſie ſtets heilig aufbe - wahrt, wollte ihn, als den Beweis ihrer unver - letzten Treue derſelben vorzeigen, und verbarg ihn jetzt zur Nachtszeit ſorgfaͤltig in die Falten ihres Unterrocks, weil uͤberdieß Friedrichs Name darein gegraben war, und er außer dem Kinde, das ſie unter ihrem Herzen trug, das einzige Andenken war, welches ihr Noth und Zufall nicht geraubt hatte.

Sie ſank in eine anhaltende Ohnmacht, als die hartherzigen Moͤnche ihr am Ende der ReiſeD 252von Ferne die Thuͤrme des Kloſters zeigten, wo ſie nun ewig eingekerkert ſchmachten ſollte, ſie ſank abermals zu Boden, als die fuͤrchterliche Pforte ſich wahrſcheinlich auf ewig hinter ihrem Ruͤcken ſchloß. Die Nonnen uͤberhaͤuften ſie zwar mit den bitterſten Vorwuͤrfen, aͤußerten aber doch auch uͤber ihre unerwartete, und ſo unverhoffte Ankunft des nun geretteten Vermoͤgens wegen die groͤßte Freude. Karoline ward zwar in einer hohen, en - gen, feſt vergitterten Zelle verwahrt, aber ſanfter und menſchlicher behandelt, als ſie vermuthet hat - te. Die vorige Aebtiſſin war geſtorben, eine juͤn - gere, einſt mit ihr ſehr vertraute Schweſter, war ſeit kurzem erſt an ihre Stelle gewaͤhlt worden, die Ungluͤckliche waͤhnte daher mit Recht, daß dieſe Erbarmen an ihr uͤben, und Mitleid mit ih - rem elenden Zuſtande haben wuͤrde. Aber ſie be - trog ſich, die neue Aebtiſſin mußte die Kloſterge - ſetze und die Forderung der aͤltern Schweſtern er - fuͤllen, konnte nur ſehr wenig zur Linderung ihres ſchrecklichen Schickſals beitragen, das nur dann erſt begann, als ſie die erforderliche Zeſſion ihres ganzen Vermoͤgens ausgeſtellt hatte, und die Nonnen durch Erhebung der Intereſſen, und durch Erfahrung uͤberzeugt waren, daß ſie der Ungluͤck - lichen Huͤlfe nicht mehr bedurften.

Karoline mußte dann vor der vollen Verſamm - lung der Nonnen in einem haͤrnen, ſchwarzen Sacke mit einer gelben Kerze in der Hand er - ſcheinen, und ihr Urtheil anhoͤren. Es war53 grauenvoll und ſchrecklich. Schon laͤngſt hatten die Paͤpſte alle Moͤnche und Nonnen, welche ih - re Geluͤbde brachen, und das Kloſter treulos ver - ließen, mit dem Bannfluche belegt, den niemand als ſie ſelbſt loͤſen konnten. Dieſer Bann ward jetzt mit allen ſeinen ſchrecklichen Wirkungen der ungluͤcklichen Karoline kund gemacht. Du biſt, lauteten die Donnerworte, ausgeſchloſſen aus der Gemeinſchaft der Kirche, verſtoßen aus unſrer Mitte, verbannt in nie ſich oͤfnenden Kerker. Du darfſt nicht betreten die heilige Schwelle des Got - teshauſes, haſt keinen Theil an unſerm Gebete, du kannſt beten, kannſt bereuen, aber dein Gebet wird der Sturmwind fruchtlos verwehen, und dei - ne Reue Gottes Barmherzigkeit nicht erweichen, denn er hat auf die Bitte ſeiner Diener, ſeine Augen von dir abgewandt, und ſein Ohr vor dei - nem Flehen verſchloſſen. Verflucht ſind deine Haͤnde und Fuͤße, verflucht alle deine Glied - maßen, verflucht dein ganzer Koͤrper, verflucht und ewig verdammt deine Seele, wenn derjenige nicht loͤſt, der den Loͤſe - und Bindeſchluͤſſel in Haͤnden hat. Verflucht ſind alle, welche mit dir in fernerer Gemeinſchaft leben! Verflucht ſei die - jenige, welche mit dir ein Wort des Troſtes ſpricht! Verflucht ſei jede, welche dir Labung ge - waͤhrt, wenn du krank biſt, oder dir in deinem Todeskampfe beiſteht! Verflucht ſei endlich die Hand, welche dir mehr als Brod und Waſſer reicht! Dieß iſt das ſchreckliche Urtheil, fuhr die54 Aebtiſſin fort, welches ich im Namen des heiligen Oberhauptes unſrer Kirche uͤber dich auszuſprechen verordnet worden bin, damit aber nicht Verzweif - lung deine Seele ergreift, ſo wiſſe, daß wir uns, ob du es gleich nicht verdienſt, zum Throne des heiligen Vaters nahen, und um deine Loͤſung fle - hen werden. Bis dahin harre im Kerker, bis da - hin rufe aus der Tiefe zum Ewigen empor, da - mit er das Herz ſeines Statthalters auf Erden erweiche, und dich faͤhig mache, durch aͤchte Reue und Buße den Himmel wieder zu gewinnen, den du ſo muthwillig verſcherzet haſt.

Karoline.
(im ſtandhaften Tone)

Muthig und entſchloſſen wuͤrde ich in meinen Ker - ker wandern, ruhig buͤßen, was ich verbrochen habe, denn derjenige, welcher jedes Haar auf dem Haupte des Menſchen gezaͤhlt hat, ohne deſſen Willen kein Sperling vom Dache fallen kann, wuͤrde trotz eures ſchrecklichen Fluchs, mein Schutz und Schirm ſeyn, mit mir enden nach ſeiner un - ermeßlichen Barmherzigkeit; aber

(ſie ringt weinend ihre Haͤnde)

aber ich bin ſchwanger! Fuͤhlts, denn ihr ſeid Menſchen! Ich trage ein Kind unter meinem Herzen, das ſchuldlos am Verbrechen der Mutter iſt, und nicht buͤßen kann ihre Suͤnden! Erbarmt euch des Un - gebohrnen, uͤbt wenigſtens Barmherzigkeit an dieſem!

Einige Nonnen.

Verflucht ſei's mit ihr, der unausloͤſchliche Beweiß ihres Meineides! Sie55 hat unſer Kloſter mit Schande uͤberhaͤuft, Fluch und Tod verdient!

Karoline.

Segnet die, welche euch fluchen! So ſprach der goͤttliche Stifter unſrer Religion, ich will ihn nachahmen, und die Wirkung erwar - ten! Gottes Segen ſei mit euch, thut, was euch gefaͤllt, ich habe nun geendet.

Aebtiſſin.

Wir muͤſſen dem Gebote der Kirche gehorchen, ich kann dein Schickſal nicht lindern, aber ich werde uͤber dieſen hoͤchſt traurigen Zuſtand Bericht erſtatten, und dann der Verord - nung gemaͤß handeln.

Karoline ward nun in Begleitung aller Non - nen nach dem beſtimmten Kerker gefuͤhrt. Wie ſich die eiſerne Thuͤre deſſelben oͤfnete, ſchauderte ſie zuruͤck, aber ſie ward hineingeſtoßen, und die Thuͤre hinter ihr verſchloſſen. Drei Schloͤſſer ver - wahrten ſolche, die Aebtiſſin, die Priorin und die Subpriorin mußte immer eines derſelben verſchlie - ſen, und den Schluͤſſel in Verwahrung nehmen. Jede druͤckte noch uͤberdieß ihr Siegel daran, da - mit niemand die Thuͤre oͤfnen koͤnne. An der rechten Seite derſelben war eine runde Maſchine von Eiſenblech angebracht, welche halb offen war, und ſich auf ihrer Achſe rund herum bewegte. Wenn nun die Nonnen der armen Gefangnen ihr taͤgliches Brod und Waſſer brachten, ſo drehten ſie die Oefnung in den Kerker, der verſchloßne Theil der Maſchine trat dann heraus, und verhin - derte die Ueberbringerin die Gefangne zu ſehen56 oder zu ſprechen. Der Kerker ſelbſt enthielt ein foͤrmliches Quadrat, das vier Ellen breit und lang war, ein kleines engvergittertes Fenſter erleuchtete ſolchen nur ſparſam, ein hoͤlzerner Tiſch und Stuhl, ein ſchwarzer Sarg, waren die einzigen Geraͤthe, welche ſich darinne befanden. Der Sarg war mit zwei haͤrnen Decken gefuͤllt, und diente der Gefangnen zum Bette; kein Buch, kein Arbeitsgeraͤthe war ihr vergoͤnnt, ſie durfte ſich mit nichts beſchaͤftigen, ſollte nur die Groͤße ihres Verbrechens erwaͤgen, und ewig buͤßen. Daß uͤbrigens die Gefangene durch eben dieſe Maſchine die noͤthige Waͤſche erhielt, durch eine andere aͤhn - liche Maſchine ſich jedes Unraths entledigen konn - te, muß ich noch um deßwillen anfuͤhren, damit ich nicht ſchwaͤrzeres Licht uͤber die ehemaligen Kloſtergefaͤngniſſe verbreite.

Wahrſcheinlich handelte die Aebtiſſin edler, als ſie ſprach, denn nach drei Monaten langte durch ihre Vermittlung nicht allein die Loͤſung des Ban - nes im Kloſter an, ſondern der Gefangnen ward auch zugleich ein weit milderes Schickſal beſtimmt. Sie hat, lautete die Verordnung, genug gebuͤßt, und muß nun, da die Kirche ſie wieder in ihren Schoos aufnimmt, menſchlicher behandelt werden. Sollte ſie wirklich ſchwanger ſeyn, ſo ward der Aebtiſſin die Sorge fuͤr ihre gluͤckliche Niederkunft ans Herz gelegt, den Nonnen aber zugleich auf - getragen, zur Vermeidung des Aergerniſſes das neugebohrne Kind, auf eine ſchickliche und geheime57 Art ſogleich aus dem Kloſter zu entfernen, jedoch in Anſehung des großen Vermoͤgens der Mutter fuͤr die Erziehung deſſelben Sorge zu tragen, und die Mutter bis an ihren Tod ſo zu verpflegen, daß ſie einſt ihren Tod nicht zu verantworten haͤtten.

Viele der Nonnen freuten ſich uͤber dieſe Nach - richt, nur wenige fanden die Strafe fuͤr ſolch ein ſchreckliches Verbrechen zu gering, und meinten, daß das große Vermoͤgen der Verbrecherin keine Ruͤckſicht verdiene. Als man den Kerker oͤfnete, fand man Karolinen ſo geſund als moͤglich, ſie empfieng die freudige Nachricht, ohne ein Gefuͤhl der Freude zu aͤußern, und hoͤrte gleichguͤltig zu, wie der Beichtvater des Kloſters ſie von ihrem Banne losſprach. Ihre Schwangerſchaft hatte den hoͤchſten Grad erreicht, ſpaͤtere Huͤlfe wuͤrde ſie und ihr Kind vielleicht todt gefunden haben. Man fuͤhrte ſie nach dem Krankenhauſe, wo ſie in einer abgeſonderten Zelle zwar immer noch als eine Gefangne verwahrt, aber doch von einer be - ſondern Waͤrterin bedient, und vom Tiſche der Nonnen geſpeiſet wurde. Sie ſprach aͤußerſt we - nig, oft viele Tage hintereinander gar nicht, ſaß nur immer gedankenvoll auf ihrem Bette, und ſtarrte ſtundenlang einen und den nemlichen Ge - genſtand an. Ehe noch volle vierzehn Tage ver - floſſen, nahte ſich die Stunde ihrer Geburt. Die Huͤlfe war gering, ihr Leiden groß, aber ſie duldete gelaſſen, und gebahr endlich in der fol -58 genden Nacht eine geſunde Tochter. Wie die Waͤrterin ſolche in ihre Arme legte, und Karoline ihres Gatten Ebenbild in ihr erblickte, da ſiegte Natur und Liebe, das Gefuͤhl einer Mutter er - wachte, Freude und Wonne kehrte in ihr oͤdes Herz zuruͤck, ſie aͤußerte ſolche durch Worte, und ſprach in dieſer Stunde mehr, als ſie die ganze Zeit vorher geſprochen hatte.

Am Morgen meldete die Waͤrterin der Aebtiſ - ſin die Geburt des Kindes; da ſchon im Voraus geheime Anſtalt getroffen war, ſo befahl dieſe ſo - gleich, die beſtellte Amme zu rufen, und ihr das Kind zu uͤbergeben. Karoline war eben in erſten ruhigen Schlaf verſunken, als man ihr das Schmerzenskind ſanft aus ihren muͤtterlichen Ar - men nahm, und es aus dem Kloſter ſandte. Wie ſie erwachte, blickte ſie aͤngſtlich umher, und forſchte nach ihrem Kinde. Sie habens ermordet, ſie habens getoͤdtet! ſchrie ſie verzweifelnd, als die Waͤrterin ihr berichtete, daß man es einer Amme zur Pflege uͤbergeben habe. Sie forderte es mit Ingrimme zuruͤck, wie man ihr aber ſol - ches ſtandhaft verweigerte, ihr ſogar die Bitte es noch einmal zu ſehen, hartnaͤckig abſchlug, da be - gann ſie fuͤrchterlich zu raſen. Nur mit groͤßter Muͤhe konnte mans verhindern, daß ſie die Waͤr - terin nicht erdroſſelte, man mußte ihr eine andre ordnen, weil ſchon der Anblick derſelben ſie in die groͤßte Wuth verſetzte. Ein hitziges Fieber, wel - ches ſie Tages darauf ergriff, ſchien ihr Leben59 enden zu wollen, aber die Natur ſiegte, ſie ge - nas, und ihre Raſerei verwandelte ſich in einen gluͤcklichen Wahnſinn, welcher ihre Einbildungs - kraft irre fuͤhrte, und ihr gewaͤhrte, was ihr die Geſetze nicht erlauben konnten. Sie bildete ſich bald aus Waͤſche und andern Flecken ein Kind, das ſie mit der groͤßten Sorgfalt pflegte und war - tete, ſie that niemand etwas zu leide, aber weh derjenigen, welche es nur verſuchen wollte, ihr die elende Puppe zu rauben, ſie war dann Tage lang nicht zu beſaͤnftigen, und wachte nachher im - mer einige Naͤchte am Bette des kleinen Abgotts. Auf den Rath des Kloſterarztes ward ihr mehr Freiheit verſtattet, ſie konnte im Garten und Kreuzgange umher wandeln, aber ſie thats ſehr ſelten, weil man ihr nicht erlaubte, die Puppe mitzunehmen.

Als ſie einſt in der Zelle einer Nonne einen Haubenſtock erblickte, ſtuͤrzte ſie wild hinein, um - armte den Klotz mit innigſtem Gefuͤhle, und rief freudetrunken aus: Nun habe ich mein geraub - tes Kind wieder! Sie warf die ſonſt ſo ſchaͤtz - bare Puppe in einen Winkel, und der Hauben - ſtock vertrat von nun an die Stelle derſelben. Ihre einzige Beſchaͤftigung war die Pflege und Wartung des Kindes, oft ſchlich ſie traurig und weinend in den Kloſtergaͤngen umher, wenn man dann nach der Urſache ihrer Trauer forſchte, ſo erzaͤhlte ſie mit dem ſchmerzhafteſten Gefuͤhle und der innigſten Ruͤhrung, daß ihr Kind krank ſei,60 und mit dem Tode kaͤmpfe. Sie flehte oft die Voruͤbergehenden um Arzenei an, und dankte aufs innigſte, wenn es ſich ihrer Einbildung nach mit dem Kleinen beſſerte. Sie verrieth uͤbrigens in allen ihren Geſpraͤchen nicht die geringſte Spur eines weitern Wahnſinnes, ſie erzaͤhlte oft den Nonnen ſtundenlang von den Staͤdten und Laͤn - dern, welche ſie an der Seite ihres Friedrichs durchreiſet hatte, ſie war vorſichtig genug, die zweite Veraͤnderung ihrer Religion und die wirk - liche Heirath mit ihm nie zu erwaͤhnen, beides blieb den Nonnen ein Geheimniß. Nur in der ſpaͤtern Folge ward ihr auch das Gedaͤchtniß un - getreu, ſie verwechſelte Friedrichs Geſchichte mit der ihrigen, ſprach viel von einer barbariſchen Mutter, von einem harten Onkel, der ſie noch immer verfolge, ihr alle ihre Landguͤter geraubt habe, und ſolche nicht wieder zuruͤckgeben wolle. Sie vergaß es endlich ganz, daß ſie Nonne ſei, verlangte, daß man ihr als einer vornehmen Da - me begegnen ſolle, und duldete kein Nonnenkleid mehr an ihrem Koͤrper.

Da ſich der Haß ihrer Mitſchweſtern durch ih - ren ungluͤcklichen Zuſtand ſehr gemindert hatte, da jene uͤberdieß dem großen Vermoͤgen der ar - men Karoline ihren groͤßern Wohlſtand zu danken hatten, ſo duldete man jetzt ihre Launen mit vie - ler Nachſicht, die Aebtiſſin ließ ihr weltliche Klei - der machen, und wuͤrde ihr laͤngſt ſchon ihr Kind zuruͤckgegeben haben, wenn es nicht im zweiten61 Monate ſeines Alters geſtorben waͤre. Lange Zeit nachher kam zur Nachtszeit Feuer im Kloſter aus, es wuͤthete eben ein gewaltiger Sturmwind, und ehe die ſchlafenden Nonnen erwachten, ſtanden ſchon alle Gebaͤude in hellen Flammen. Alles rettete ſich in der groͤßten Eile und Verwirrung, wie ſich die Nonnen am Morgen wieder ſammel - ten, vermißten ſie viere ihrer Mitſchweſtern, und unter dieſen auch die ungluͤckliche Karoline. Alle glaubten, daß auch ſie ein Raub der Flamme geworden ſei, und Ehre dem Ehre gebuͤhret viele weihten ihrer Aſche eine dankbare Thraͤne, denn nur ihr großes Vermoͤgen ſetzte die Nonnen in Stand, das Kloſter ſchnell, weit ſchoͤner, und ohne Schulden wieder aufbauen zu koͤnnen.

Daß Karoline nicht in den Flammen umkam, daß ſie ſogar auch daß Kind ihres Wahnſinns rettete, beweiſt die Folge, wie ſie aber entkam, und ungehindert den weiten Weg nach Boͤhmen machte, wie ſie ſich endlich auf dieſer Reiſe er - naͤhrte, bin ich nicht im Stande zu erzaͤhlen. Eben ſo wenig vermag ich die Urſache anzugeben: Wie es geſchehen konnte, daß eine Wahnſinnige ihre eigne, wahre Lebensgeſchichte ſo ganz ver - gaß, und dagegen eine erdichtete, aber doch ſehr wahrſcheinliche Geſchichte erfand? Die Wirkungen des Wahnſinnes ſind oft ſehr merkwuͤrdig; nur ſchade, daß ich ſie hier nicht enthuͤllen kann. Wenn man die Zeit, in welcher das Kloſter ab - brannte, mit ihrer Ankunft in Boͤhmen vergleicht,62 ſo iſts erwieſen, daß ſie laͤnger als ein Jahr huͤlflos in der Welt umherirrte. Ob ſie vielleicht in dieſer Zeit Ideen zu dieſer Geſchichte ſam - melte, laͤßt ſich nur vermuthen, aber nicht be - haupten.

Wahrſcheinlich wuͤrde die ungluͤckliche Karo - line ihr Leben in dem einſamen Dorfe geendet haben, wenn nicht ein neuer Zufall, oder viel - mehr der Vorſehung Wille ihr Schickſal verbeſſert haͤtte. Die großmuͤthige Fuͤrſtin, welche Karoli - nen den koſtbaren Trauring ſchenkte, gedachte ih - rer noch ſehr oft, und verwunderte ſich immer, daß ſie, ihrem Verſprechen gemaͤß, nicht wieder in ihr Land zuruͤckgekehrt ſei. Gott weiß, fuͤgte ſie dann ſtets hinzu, wie es jetzt der Armen geht, ich gaͤbe viel darum, wenn ich von ihrem Schick - ſale naͤher unterrichtet waͤre. Als ſie nachher die Regierung ihrem Sohne uͤbergab, und viele Jahre ſchon auf ihrem Luſtſchoſſe ruhte, ſprach man einſt an ihrer Tafel von einigen beſondern Schoͤn - heiten. Dieß Geſpraͤch erinnerte die Fuͤrſtin aufs neue an die noch nie ganz vergeſſene, ſchoͤne Ka - roline, ſie aͤußerte die nehmlichen Geſinnungen, und ein fremder Graf, welcher eben an der Tafel ſpeiſte, erzaͤhlte nun der Fuͤrſtin, daß er einen al - ten Diener habe, welcher viele Jahre bei Friedri - chen diente, und ſehr viel von ihm und Karolinen zu erzaͤhlen wiſſe. Die Fuͤrſtin verlangte dieſen zu ſprechen, und er erſchien am andern Morgen in ihrem Kabinette.

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Da es eben derjenige war, welcher Friedrichen ſchon zu F diente, mit ihm nach den Inſeln ſchiffte, und erſt nach ſeinem Tode von der troſt - loſen Karoline entlaſſen wurde, ſo konnte er die Neugierde der Fuͤrſtin im vollen Maße befriedi - gen. Sie ſchenkte der Ungluͤcklichen ihr ganzes Mitleid, ſie weinte, als ſie durch eben dieſen Be - dienten erfuhr, daß ſie auf der Reiſe zu ihr in einem kleinen Staͤdtchen ſei angehalten, und ge - fangen nach dem Kloſter gefuͤhrt worden. Der alte Diener war ihr aus aͤchter, aufrichtiger Treue nachgereiſet, er wollte ihr aufs neue ſeine Dienſte ohne Abſicht auf Vergeltung anbieten, und hatte die ſchreckliche Nachricht aus dem Munde des Wirthes, in deſſen Hauſe ſie arretirt wurde, ver - nommen. Auch mir, ſagte der treue Diener, als er die Fuͤrſtin weinen ſah, hat ihr Andenken man - che Thraͤne gekoſtet. Wenn ich aber nicht ganz irre, ſo muß ſie wieder aus dem Gefaͤngniſſe des Kloſters entflohen ſeyn, denn vor ſechs Jahren las ich in den Zeitungen eine Beſchreibung von einer Wahnſinnigen, die ihr ganz aͤhnlich war, ich habe das Blatt ausdruͤcklich deswegen aufgehoben, und will jetzt Euer Durchlaucht urtheilen laſſen: ob ich mich irre? Er uͤberreichte nun dieß Blatt der Fuͤrſtin, ſie erkannte in der Beſchreibung ſogleich Karolinen, weil uͤberdieß die Kennzeichen des Rin - ges ſo deutlich darinne enthalten waren. Sie ward aufs aͤußerſte geruͤhrt, als ſie las: daß die64 arme, elende Wahnſinnige, dieſen Ring nie von ſich geben, und mit in ihr Grab nehmen wolle.

Sie ſandte ſchon am andern Tage einen alten Haushofmeiſter, welcher Karolinen ehemals geſe - hen hatte, nach Boͤhmen ab, trug ihm auf, nach - zuforſchen: ob die Ungluͤckliche noch lebe, und bei dem Abte anzufragen: ob man ſolche freiwillig ihrer Verſorgung uͤberlaſſen wolle? Der Haus - hofmeiſter vollzog den Befehl ſeiner Gebieterin aufs genauſte, er war derjenige, welcher nach der Ausſage des Pfarrers mit der Alten in einer frem - den Sprache redete. Er fragte ſie: ob ſie ſich der Fuͤrſtin nicht mehr erinnere? ob ſie nicht mit ihm dahin reiſen wolle? Aber, ihr Wahnſinn gab ihm ſehr verwirrte Antworten, er mußte, ohne ih - ren Entſchluß zu erfahren, abreiſen, doch brachte er der Fuͤrſtin die Verſicherung des Abtes, daß man ſie ohne die geringſte Hinderniß ihrer Vor - ſorge uͤberlaſſen werde. Dieſe ſandte dann in der Folge einen eignen Wagen dahin ab, und Karoli - ne wurde ſogleich ausgeliefert. Damals machte man im Kloſter verſchiedene Gloſſen: wer die Alte wohl ſeyn muͤſſe, da eine Fuͤrſtin ſich ihrer an - nehme, ſie in einem Wagen mit vier Pferden ab - holen laſſe? Aber, bald erfuhr man durch einen fremden Geiſtlichen, dem man dieß alles erzaͤhlte, Karolinens wahre und aͤchte Geſchichte. Briefe, welche nachher mit dem entfernten Nonnenkloſter gewechſelt wurden, ſetzten ſolche außer Zweifel,und65und man unterdruͤckte abſichtlich die ganze Bege - benheit, weil man ſich Vorwuͤrfe machte, daß man eine Nonne an eine proteſtantiſche Fuͤrſtin ausgeliefert habe.

Dieſe erhabne Edle genoß die Fruͤchte ihrer Wohlthaten nicht, die ungluͤckliche Wahnſinnige nahm ſie fuͤr ihre Mutter, welche ſich ihre Ein - bildungskraft zwar einſt todt, aber jetzt wieder lebend dachte. Sie machte der Großmuͤthigen die heftigſten Vorwuͤrfe, forderte im Namen ihres Kindes die Guͤter zuruͤck, welche ſie ihr einſt ent - riſſen haͤtte, und behauptete kuͤhn, daß der Fuͤrſtin Schloß dieſem gehoͤre. Die Fuͤrſtin beweinte die Ungluͤckliche noch oft, ſie raͤumte ihr ein ſchoͤnes Haus zu ihrer Wohnung ein, ließ ſie anſtaͤndig bedienen, und ſorgfaͤltig verpflegen. Sie verwei - gerte ſie ſchlechterdings den Nonnen, welche, durch die Moͤnche von ihrem Leben und Aufenthalte un - terrichtet, um ihre Auslieferung anſuchten.

Die Ungluͤckliche ward nach einem halben Jah - re krank, und eine heftige Lungenentzuͤndung ende - te ihr Leben. Zwei Tage vor ihrem Tode kehrte ihr Verſtand vollkommen zuruͤck, man meldete es der Fuͤrſtin, ſie eilte herbei, und die Kranke dank - te ihr jetzt mit einer Innigkeit, die allen Anwe - ſenden Thraͤnen entlockte. Auf ausdruͤcklichen Be - fehl der Fuͤrſtin ward der Ring und der Hauben - ſtock, welchen ſie im Todeskampfe wieder forderte und an ihr Herz druͤckte, mit ihr begraben. IhrZweit. Baͤndch. E66Koͤrper ruht in dem großen Garten des Schloſſes, man muß ſich durch Dornenheken hindurch win - den, wenn man das ſchoͤne Grabmahl der ungluͤck - lichen Liebe naͤher betrachten will. Es ſtellt die Ruinen eines Tempels vor, der wahrſcheinlich einſt der Liebe geheiligt war. Die Statuen des Amors, des Hymen, und der Venus liegen am Eingange verſtuͤmmelt, die Fackel des Hymen, die Pfeile des Amors, die ſchnaͤbelnden Tauben der Venus, ſind zerbrochen. Epheu und Winter - gruͤn kriechen auf den Ruinen umher, und werden bald alles bedecken. Viele Turteltauben hecken in den Hoͤhlen und Loͤchern. Das freche Gelaͤchter des buhlenden Taubers, kontraſtirt mit der tiefen Stille, welche in dieſen Ruinen herrſcht, aber der klagende ſchmachtende Ruf der verlaßnen Taͤubin, erinnert lebhaft an die Ungluͤckliche, welche hier ruht.

Franz L r.

Baron M beſaß großen Reichthum und viele Guͤter. Er war von fruͤher Jugend an ein Lieb - ling des ſonſt ſo veraͤnderlichen und launiſchen Schick - ſals, jede ſeiner Unternehmungen ward mit dem herrlichſten Erfolge gekroͤnt, jeder ſeiner oft kuͤh -67 nen Wuͤnſche erreichte gluͤcklich das ausgeſteckte Ziel, nur in einem einzigen Falle, konnte das Kind des Gluͤcks den ſehnlichſten ſeiner Wuͤnſche nie erfuͤllt ſehen. Er heirathete drei der ſchoͤn - ſten Maͤdchen, ſie liebten ihn innig und zaͤrtlich, aber ſie ſtarben alle, ehe ſie ihm einen Erben ſchenkten. Er nahm die vierte Frau, in dem er - ſten Jahre der Ehe erſchien ſchon die Hofnung ei - nes nahenden Erben, ſie gebahr ihm wirklich eine Tochter, aber ihr Leben war der Mutter Tod, und M ward aufs neue Witwer. Nur der Gedanke, daß er jetzt einen Erben beſitze, troͤſtete ihn uͤber den fruͤhen Verluſt ſeiner Gattin, aber bald ſchien auch dieſer Troſt wieder weichen zu wollen. Man nahm in der ſchweren Geburt mehr Ruͤckſicht auf die Erhaltung der Mutter, als auf das Leben des Kindes, und dieß mußte jetzt die Folgen buͤßen. Durch ſechs lange Monate ſchweb - te die kleine Wilhelmine immer zwiſchen Leben und Tod, jeden Morgen forſchte der Vater aͤngſtlich: ob ſeine Hofnung ſchon geendet habe? ob ſein ein - ziges Kind ſchon im Sarge ruhe? Nach dieſer Zeit wurden ihm endlich troͤſtlichere Nachrichten, die geliebte Tochter fieng an zu gedeihen, war nicht mehr ſo krank, und laͤchelte oft, wenn der gute Vater ſie in ſeinen Armen wiegte. Aber bald ward dieſe angenehme Hofnung durch neuen Kummer verbittert, Wilhelmine bekam die Blat - tern, das ganze Gift derſelben zog ſich in die Au -E 268gen des Kindes, die Huͤlfe der geſchickteſten Aerzte war vergebens, Wilhelmine genas, aber ihre Au - gen waren ein Raub der Blattern geworden, ſie blieb ganz blind.

Von dieſem Augenblicke an war dauerhafte Ge - ſundheit das Loos der armen Kleinen, ſie bluͤhte gleich einer Roſe, und ſah ganz einem Amor aͤhn - lich, wenn man ihre geſchloßnen Augenlieder mit einem ſchwarzen Bande bedeckte. Das unverſchul - dete Ungluͤck raubte ihr nicht die Liebe des Va - ters, ſie ward ihm dadurch werther und theuerer, er war noch nicht fuͤnfzig Jahr alt, aber er hei - rathete nicht mehr, damit er ſein blindes Kind wenigſtens mit all ſeinem Reichthume begluͤcken koͤnne.

Wilhelmine ward in der Folge eins der ſchoͤn - ſten Maͤdchen ihres Zeitalters, die ſchwarze Bin - de, welche ſtets ihre Augen deckte, hinderte ihre Reize nicht, erhoͤhte ſie vielmehr. Man konnte, wenn man in ihr holdes Angeſicht blickte, ſie aus - drucksvoll ſprechen hoͤrte, ihr Liebe und Bewun - derung ſelten verſagen, man war froh, daß ſich ihr Auge nicht enthuͤlle, weil man allzuſtark be - ſiegt zu werden, fuͤrchtete, man, dankte ihr, daß ſie nur ſanft regieren wolle, wo ſie doch unum - ſchraͤnkte Siegerin ſeyn konnte. Sie verrieth in ihrer fruͤhen Jugend ſchon die herrlichſten Talen - te, und beſaß ſie in der Folge wirklich. Ihr wahrhaft großes Genie, ihre unermuͤdete, aushar - rende Geduld uͤberwand die groͤßten Schwierigkei -69 ten, und erregte Staunen. Sie war in allen weiblichen Kuͤnſten erfahren, ſie konnte ſtricken, naͤhen und Spitzen kloͤppeln, ſie ſchrieb nicht al - lein ſchoͤne Buchſtaben, ſondern auch ſehr ſchoͤne Briefe. Das feine, unglaublich zarte Gefuͤhl ih - rer Finger vertrat beinahe die Stelle ihrer Au - gen, ſie konnte durch bloßes Beruͤhren die Far - ben der leinenen und wollenen Zeuge beſtimmen, wer ihr einmal ſeine Hand reichte, der ward zum zweitenmale ſicher an dieſer von ihr erkannt.

Ihr Geruch war eben ſo fein, durch ſeine Huͤlfe unterſchied ſie jede Gattung des Holzes, der Blumen, Kraͤuter, Thiere, Voͤgel und Fiſche, wenn ſie ſolche auch nicht beruͤhrt hatte. Sie war Meiſterin all ihrer Gebaͤrden, und ſprach mit einem reizenden, bezaubernden Ausdrucke. Die Idee einer weiblichen oder maͤnnlichen Schoͤnheit, war ihr freilich unbekannt, aber ſie erſchuf ſich eine eigene. Schoͤn war bei ihr der Mann, wel - cher vernuͤnftig und melodiſch ſprach, er mußte uͤberdieß groß von Perſon ſeyn, denn nach ihrer Idee konnte ein kleiner Mann nicht Anſpruch auf Schoͤnheit machen.

Ihr reicher Vater ſparte keine Koſten, um ſeine Wilhelmine immer mehr zu vervollkommnen, und ihr Gelegenheit zu verſchaffen, neue Kenntniſſe zu ſammeln. Er wohnte zwar mit ihr auf einem ſeiner Landguͤter, aber er beſoldete mehrere Lehr - meiſter und Lehrerinnen, welche ſeine Tochter un - terrichten, und ihr alle neue Buͤcher vorleſen70 mußten. Sie ſprach franzoͤſiſch, engliſch, und italieniſch, und verdankte dieſe Sprachkenntniß mehr ihrem vortreflichen Gedaͤchtniſſe, als der Geſchicklichkeit ihrer Lehrer.

Wie ſie ſechszehn Jahr alt war, aͤußerte ſie ein heftiges Verlangen den Fluͤgel ſpielen zu ler - nen. Der Sohn des Schulmeiſters, welcher im nahen Dorfe wohnte, war eben von der Univer - ſitaͤt zuruͤckgekommen, er ſpielte an einem Sonn - tage mit großer Geſchwindigkeit und mit noch groͤßerer Anmuth die Orgel, ſein Spiel entzuͤckte Wilhelminen, ſie wuͤnſchte eben ſo ſchoͤn zu ſpie - len, und Franz, ſo hieß des Schulmeiſters Sohn, ward bald hernach ihr Lehrer.

Franz war ein ſchoͤner, ſanfter Juͤngling, er hatte nach des Vaters Willen die Theologie ſtu - diert, und ſollte, wenn der Himmel ſeinen Segen und der Baron ſeinen Willen dazu gaͤbe, einſt auf den Guͤtern des letztern eine Pfarre erhalten. Vater und Sohn waren gleich ſtark erfreut, als ihnen der Baron das Verlangen ſeiner Tochter vortrug, und in den gnaͤdigſten Ausdruͤcken hinzu - fuͤgte, daß, wenn ſeine Muͤhe mit gutem Erfolge gekroͤnt wuͤrde, er zum Lohne die erſte ledige Pfarre erhalten ſollte.

Wie der Fluͤgel, ſamt einem praͤchtigen Forte - piano aus der Stadt anlangte, zog Franz aufs Schloß, und begann ſeinen Unterricht. Anfangs ſchraͤnkte ſich dieſer nur auf zwei Stunden des Tages ein, bald fand aber Wilhelmine groͤßern71 und nach kurzer Zeit ſo innigen Geſchmack an der Muſik, daß ſie oft den ganzen Tag dazu verwen - dete, und bald auch in dieſer Kunſt die Bewun - derung aller erregte. Franzens Eifer ermuͤdete nie, er war wirklich ſehr geſchickt, und erfand verſchiedene Methoden, wodurch er ſeiner blinden Schuͤlerin den Unterricht ſehr erleichterte. Sie war dankbar, und lohnte ſeine Muͤhe mit anſehn - lichen Geſchenken. Er ſang einen aͤußerſt ange - nehmen Tenor, mußte Wilhelminen oft ſtunden - lang vorſingen, und erndete ihren Beifall im vol - len Maße.

Ehe noch ein Jahr vergieng, fuͤhlte Wilhel - mine, daß nicht allein Dankbarkeit, ſondern auch wahre, aͤchte Liebe ihr Franzens Umgang ſo an - genehm und nothwendig machten. Der ſeltene Eifer des Juͤnglings, ſeine unermuͤdete Geduld im Unterrichte, ſeine edle Seele, ſein gutes red - liches Herz, das ſich bei jeder Gelegenheit ſo vor - theilhaft auszeichnete, ſeine ſanfte, melodiſche Stimme, das allgemeine Lob ſeiner Schoͤnheit, hatte unbemerkt ihr Herz gefeſſelt, und fieng nun maͤchtig an, Gegenliebe zu heiſchen. Oft ſprach ſie mit ihm von ſeiner kuͤnftigen Beſtimmung, und forſchte dann aͤngſtlich: Ob er ſich ſchon eine Gattin auserkohren habe? Freudig klopfte ihr Herz, wenn der gute Juͤngling dieſe Frage im aufrichtigſten Tone verneinte, aber weh that es auch dieſem, wenn er den ſanften Haͤndedruck, den er zum Lohne fuͤr dieſe Nachricht erhielt,72 nicht erwiederte, wohl gar die Hand zitternd zu - ruͤcke zog.

Eben hatte die ſchmachtende Wilhelmine mit ihrem Herzen Rath gehalten, und war belehrt worden, daß es nicht laͤnger hoffnungslos ſchmach - ten wolle, als Franz in ihr Zimmer trat. Sie kannte ſeine Schritte ſchon von Ferne, und freute ſich ſeiner Ankunft. Er machte ihr ſein gewoͤhn - liches, ehrfurchtsvolles Kompliment, und trat ſtillſchweigend ans Fenſter. Die tiefen Seufzer, welche dann und wann willkuͤhrlich ſeine Bruſt hoben, uͤberzeugten Wilhelminen, daß ihr Lieb - ling leide, ſie forſchte theilnehmend nach der Ur - ſache ſeines Kummers.

Franz.

Der Pfarrer zu L iſt heute Nacht geſtorben.

Wilhelmine.

Troͤſte Gott ſeine arme Witt - we, ſeine unerzogenen Kinder.

Franz.
(ſtotternd)

Der Herr Baron hatten die Gnade, mir zu verſprechen Wenn ſie keine Muͤhe, keinen Fleiß im Unter - richte meiner Tochter ſparen, ſagte er, ſo ſollen ſie die erſte ledige Pfarrſtelle erhalten. Ich weiß nun nicht, ob ich von dieſer Seite einiges Lob verdiene, ob ich

Wilhelmine.
(feurig)

Und ſollte ich mir auch fuͤr die Zukunft alles Vergnuͤgen, alle Freude rauben, ſo werde ich doch ihren Verdien - ſten das beſte Zeugniß nicht verſagen.

73
Franz.
(traurig)

Mein Vater will, daß ich um den Dienſt anhalten ſoll.

Wilhelmine.
(freudig)

Ihr Vater, nur ihr Vater will es?

Franz.

Er forderts mit vollem Rechte. Meine Erziehung, meine Studien haben ihm viel gekoſtet, alles, was er einſt zu einem Noth - pfennig brauchen konnte, hat er mir willig geop - fert, es iſt billig, daß ich ihm ruhige Ausſicht auf ſeine alten Tage gewaͤhre, und ihn, wenn ich den Dienſt erhalte, zu mir nehme.

Wilhelmine.

Es iſt hoͤchſt billig!

(trau - rig)

Ich will meinen Vater ſelbſt bitten, er verſagt mir ſelten eine Bitte, und wird dieſe ge - wiß gewaͤhren.

Franz.
(mit Thraͤnen)

Ich danken, Euer Gnaden, aufs innigſte.

Wilhelmine.

Sie weinen? Sind's Thraͤ - nen der Freude? Der Ton ihrer Stimme wider - ſprach.

Franz.

Verzeihen ſie, gnaͤdiges Fraͤulein, ich dachte nur daran, daß es mir aͤußerſt ſchwer fallen wuͤrde, mich von ihrem von ih - nen von ihrem Unterrichte zu trennen.

Wilhelmine.

Und dieſe Erinnerung koſtete ihnen Thraͤnen?

Franz.

O Gott, ſollte ſie es nicht?

Wilhelmine.
(ſeine Hand ergrei - fend)

Franz, ſprachſt du dieß im Ernſte?

74
Franz.

Koͤnnten ſie in meinem Herzen leſen?

Wilhelmine.

Koͤnnteſt du in dem meini - gen leſen!

(in ſeine Arme ſinkend)

Nein, Theurer, ich bitte nicht fuͤr dich! du bleibſt bei mir! bei mir!

Ich will dieſe Scene, welche ſich endlich mit voller Erklaͤrung, und Verſicherung einer ewigen Liebe endigte, nicht weiter fortſetzen, ſie wuͤrde, ſie muͤßte langweilig werden, weil nur ſelten ein - zelne, abgebrochne Worte die uͤberſtroͤmenden Em - pfindungen ausdruͤcken konnten. Auch Franz hat - te ſchon laͤngſt den Reizen der ſchoͤnen Blinden ge - huldigt, auch er hatte innige Liebe in ſeinem Her - zen zu ihr gefuͤhlt, Ehrfurcht und Unmoͤglichkeit der Erfuͤllung feſſelten aber ſeine Empfindung maͤchtig, jetzt, da die Unvergeßliche ſelbſt in ſei - nen Armen ruhte, ihm leiſe das Geſtaͤndniß ih - rer Liebe zufluͤſterte, wichen beide ſchnell, und machten der balſamreichen Hoffnung Platz. Ehe Franz wieder ſchied, ward verabredet, daß er nicht um die erledigte Pfarrſtelle anhalten, und ſeinem Vater berichten ſolle, daß Wilhelmine in der Haͤlfte des Unterrichts unmoͤglich ſtehen blei - ben koͤnne, ihm aber um der betrogenen Hoff - nung willen, jaͤhrlich hundert Thaler, ſo lange er lebe, auszahlen wolle. Der arme Schulmei - ſter war uͤber dieſe Nachricht hoch erfreut, er meinte nun ſelbſt, daß es ein Beweiß der groͤß - ten Undankbarkeit ſeyn wuͤrde, wenn ſein Sohn75 jetzt ſchon Lohn fuͤr ſeinen Unterricht fordern wolle. Der redliche Baron erinnerte ſich aber ſelbſt ſei - nes Verſprechens, er wuͤrde es gewiſſenhaft er - fuͤllt haben, wenn nicht Franz ſelbſt verſichert haͤtte, daß er noch nicht fordern koͤnne, was er nicht verdient habe.

Die Liebenden genoſſen jetzt die ruhigſten und gluͤcklichſten Tage, welche nur ungeſtoͤrter, reiner Genuß und ungehinderter Umgang gewaͤhren koͤn - nen. Ungeachtet Franz Wilhelminens