PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Inhalt.

  • I.
  • Sophie G. Seite 1.
  • II.
  • Graf von L. Seite 61.
  • III.
  • Hanns K , Bauer zu M . Seite 179.
  • IV.
  • Das ſteinerne Brantbett; oder: Hugo und Kleta. Seite 213.
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Sophie G .

Einer der beruͤhmten und bekannten Marg - grafen zu B , ſein Name thut nichts zur Sache war ein guter Fuͤrſt, ein kluger Regent, und in mancher Ruͤckſicht ein Vater ſeines Volkes und Landes. Wenn Tauſende ihn lobten, und die Wohlthaten, mit denen er ſie begluͤckte, erzaͤhlten, ſo faſſen nur we - nige im zahlreichen Zirkel, welche nicht in dies verdiente Lob einſtimmten. Auch derBiogr. d. W. 4r Bd. A2beſte Fuͤrſt iſt Menſch, auch der beſte Menſch iſt nicht fehlerfrei! Eine Leidenſchaft, die er liebte und pflegte, war oft Urſache, daß einzelne Vaͤter uͤber ihn murrten, einzelne Muͤtter ihn hart und grauſam nannten. Das Siſtem der ſtehenden Kriegsheere ward da - mals herrſchend in Deutſchland. Wilhelm, der Preuſſen Koͤnig, war das groſſe Urbild, wel - ches kleinere Fuͤrſten ihrem Verhaͤltniſſe ge - maͤß, nachzuahmen ſuchten. Der erſtere ſamm - lete in ganz Europa die groͤßten Koloſſen des menſchlichen Geſchlechts, um ſich ein Gnarde - regiment zu bilden. Der Marggraf durch - ſpaͤhte ſein ganzes Land, um aͤhnliche Rieſen zu finden, welche als Granadiere vor ſeinem Schloſſe und in den Gemaͤchern deſſelben Wa - che ſtehen mußten. Keiner ſeiner Untertha - nen entging den Forſchern, wenn ſein Koͤrper die erforderliche Groͤſſe erreichte; daher kams, daß oft die freien Buͤrgersſoͤhne, die noch freiern Kandidaten des Prieſterſtandes wider3 Gewohnheit zur Annahme der Waffen gezwun - gen wurden.

Zu eben dieſer Zeit lebte in der Haupt - ſtadt ein nicht reicher, aber auch nicht ganz armer Buͤrger, welcher einen einzigen Sohn hatte. Als dieſer, gleich einer Pappel am waſſerreichen Fluſſe empor wuchs, prophezei - ten ihm ſchon ſeine Freunde und Verwandte mit kummervollem Blicke, daß er einſt als Granadier im fuͤrſtlichen Schloſſe Wache ſte - hen wuͤrde. Dem ſorgloſen Juͤnglinge war dieſe Weiſſagung ſehr gleichguͤltig, weil er nur das Gegenwaͤrtige zu genuͤſſen ſuchte, und der Zukunft nie gedachte; aber dem liebenden Vater, der zaͤrtlichen Mutter verbitterte ſie oft manche frohe Stunde. Der Wohlſtand des erſtern hing ganz allein vom thaͤtigen Betriebe ſeines Handwerks ab, er hofte in ſeinem Sohne einen Gehuͤlfen zu erziehen, ihm in ſeinen alten Tagen alles zu uͤberge -A 24ben, und, ernaͤhrt von ihm, ein ruhiges Al - ter zu genuͤſſen. Dieſe ganze Ausſicht ſchwand, wenn er ſich das kuͤnftige Schickſal ſeines Soh - nes dachte.

Da dieſes noch nicht ganz beſtimmt war, da er durch hundert gluͤckliche Zufaͤlle der dro - henden Gefahr entgehen konnte, ſo fuhr er zwar fort, ihn in den Vortheilen ſeines Hand - werks und des damit verknuͤpften Handels zu unterrichten, aber er war auch gefaͤllig genug, den Juͤngling nicht emſig zu Geſchaͤften anzu - halten, ihm manche Freude zu goͤnnen, welche er ihm ſonſt verweigert haͤtte, wenn ihn nicht der Gedanke, es wird ihm als Soldat doch nichts nuͤtzen, nachgebend gemacht haͤtte. Wollte der arbeitſame Vater auch dann und wann den allzu nachlaͤſſigen Sohn mit Stren - ge zur Arbeit anhalten, ſo ward die zaͤrtliche Mutter Fuͤrbitterinn, und ſuchte den erſtern zu uͤberzeugen, daß es hart und grauſam ſei,5 wenn man dem Jungen izt ſchon jedes Ver - gnuͤgen rauben wolle, da ſein hoͤchſt wahr - ſcheinlicher, kuͤnftiger Stand ihn ohnehin zum Sklaven machen wuͤrde. Dieſe ſtraͤfliche Nach - ſicht weckte in dem Herzen des Juͤnglings immer mehr den Hang zum Muͤſſiggange und zum Vergnuͤgen, der mit ſeinem Koͤrper im aͤhnlichen Verhaͤltniſſe wuchs, und bald die Grundlage ſeines Karakters, der Fuͤhrer aller ſeiner Handlungen ward. Er kannte alle Haͤu - ſer, in welchen getanzt und geſpielt wurde, er war immer einer der erſten, welche dahin gingen, und einer der lezten, wenn die Ge - ſellſchaft es verließ.

Wie er neunzehn Jahre alt war, und gleich einer Roſe bluͤhte, lernte er einſt auf einem Tanzſaale die ſchoͤne Tochter eines ſehr armen Buͤrgers kennen, welche im Marg - graͤflichen Schloſſe als Laufmaͤdchen diente, und ſich durch ihre Reize, noch mehr aber durch6 ihr ſittſames Betragen unter allen uͤbrigen Taͤnzerinnen aufs vortheilhafteſte auszeichne - te. Er fuͤhrte ſie heim, geſtand ihr Liebe, und erhielt von ihr die Erlaubnis, ſie dann und wann beſuchen zu duͤrfen.

Eben hatte er zum Beweiſe ihrer Liebe den erſten Kuß erhalten, und wandelte, ihn noch fuͤhlend und genuͤſſend, uͤber den Schloß - hof, als ſich ploͤzlich ein Fenſter oͤfnete, an welchem der Marggraf ſtand, der ihn ruͤck - waͤrts rief. Zagend erſchien der Juͤngling vor ihm, langſam und trauernd ging er von dan - nen, wie man ihn auf des Marggrafs Gebot nach der Hauptwache fuͤhrte, und bald nach - her die Granadiermuͤtze aufſetzte. Weinend empfing ihn die Mutter, ſeufzend gruͤßte ihn der Vater, wie er mit dieſem untruͤglichen Kennzeichen ſeines kuͤnftigen Standes vor ih - nen erſchien. Als aber beide vernahmen, daß der Marggraf ihm, weil er der einzige Sohn7 war, eine kurze, nur drei Jahr dauernde Ka - pitulazion zugeſtanden habe, auch nebenbei noch verſichert hatte, daß ihm dieſe Zeit als eine bei ſeinem Handwerke noͤthige Wander - ſchaft angerechnet werden ſolle, ſo troknete die Mutter ihre Thraͤnen, und der Vater blickte wieder heiter in die Zukunft.

Wilhelm, ſo nannte ſich der Juͤngling, liebte ſein Maͤdchen mit dem erſten Feuer der brauſenden Jugend. Die Kaſerne der Grana - diere ſtand nahe am Schloſſe, er konnte als ein Liebling des Marggrafen denn dies war jeder Granadier dort ungehindert aus und eingehen, und ſein Maͤdchen oͤfters ſehen und ſprechen. Schon dieſer Vorzug minderte die Haͤrte ſeines Standes, und die Hofnung, daß ſie nur eine kurze Zeit dauern werde, tilgte ſeine Trauer bald ganz. Er war bald wieder der froͤhliche Wilhelm, und troͤſtete ſein Maͤd - chen, wenn ihr thraͤnender Blick auf ſeinem8 Rocke haͤngen blieb, oder ſie ihm den Kuß verweigerte, weil er leicht eben ſo flatterhaft wie ein gewoͤhnlicher Soldat werden koͤnne, denn dieſe ſtanden ſchon dazumal in dem Ru - fe, daß ſie mit jedem Standquartiere auch ihr Maͤdchen verwechſelten.

Als er ſeine Sophie uͤber dieſen Gegen - ſtand vollkommen beruhigt, ihr ewige Treue geſchworen, ſie nach Verlauf ſeiner Dienſtzeit zu heurathen gelobt hatte, langte am Hofe des Marggrafen die einzige Tochter deſſelben zum Beſuche an. Sie hatte den Erbprinzen von K geheurathet, lebte mit dieſem in der gluͤcklichſten Ehe, und fuͤhrte die Frucht derſelben eine dreijaͤhrige Prinzeſſinn an der muͤtterlichen Hand, als ihr der entzuͤckte Va - ter zum frohen Willkomme entgegen eilte.

Der Marggraf war ein groſſer Kinder - freund, wenn er auf ſeinen Spaziergaͤngen9 irgend einen Haufen ſpielender Kinder antraf, ſo trat er mitten unter ſie, und beſchenkte oft alle, wenn ſein Anblick ſie nicht zerſtreute, und ſie ungehindert fortſpielten. Der Anblik der kleinen Prinzeſſin, die ſuͤſſe Ueberzeugung, daß ſie ſeine Enkelin, das Ebenbild der gelieb - ten Tochter ſei, vermehrte daher ſeine Freu - de um ein groſſes, er nahm den kleinen En - gel auf ſeine Arme, und jubelte hoch, wie die Holde ihre kleinen Arme um ſeinen Nacken ſchlang, und ihn ohne Furcht freundlich kuͤß - te. Sein Herz hing von dieſem Augenblicke an ganz an ihr, er ſchrieb dem Vater, er bat die Mutter, und beide mußten ihre Liebe zum Kinde dem Wunſche des ehrwuͤrdigen Vaters opfern, ihm verſprechen, daß ſie wenigſtens ei - nige Jahre die Tochter an ſeinem Hofe laſſen, und ihm die Freude goͤnnen wollten, ſich ih - res Umganges zu freuen, ſie groß zu erziehen.

Die zaͤrtliche Mutter verbarg ihre Thraͤ - nen, als ſie ſich bald hernach von ihrem Kin -10 de trennen, und in die Arme ihres Gatten ruͤkkehren mußte, der Marggraf verſprach dieſe Ueberwindung hoch zu lohnen, und jubelte aufs neue, als die kleine Prinzeſſin durch den Abſchied der Mutter nicht bekuͤmmert ſchien, ſondern munter und froͤhlich zu ſeinen Fuͤſſen ſpielte. Er ordnete ihr itzt einen vollkomme - nen Hofſtaat, ernennte eine der verehrungs - wuͤrdigſten Damen ſeines Landes zur Obriſt - hofmeiſterinn der kleinen Prinzeſſin, und uͤber - ließ es ihr, die uͤbrigen Diener und Dienerin - nen nach Gefallen zu waͤhlen.

Dieſe Dame ſah bei ihrer Wahl vorzuͤg - lich auf Treue und Redlichkeit. Sophie war unter denen, welche ſie zum Kammermaͤdgen der Prinzeſſin beſtimmte. Dieſer neue Dienſt brachte ihr viel hoͤhern Lohn und Gewinn, aber die Pflicht, ſtets bei der Prinzeſſin, oft ſo gar ihre Fuͤhrerin zu ſein, verhinderte ſie, ihren geliebten Wilhelm zu ſprechen und zu11 ſehen. Oft verfloſſen Tage, ſo gar Wochen, in welchem ſie ihn nur von weiten gruͤſſen; hoͤchſtens nur im Voruͤbereilen ein paar Wor - te der Liebe zufluͤſtern konnte.

Zwang und Hinderniß ſind aͤchtes Unkraut im fetten, fruchtbaren Akker, je mehr man dieſes zu vertilgen ſucht, je ſtaͤrker und viel - faͤltiger keimt es empor. Auch Wilhelm und Sophie empfanden dieſe Wahrheit, ſie glaub - ten ſich ehe ſchon innig und zaͤrtlich zu lieben, ſie ſahen itzt ein, daß ſie ſich, getrennt von einander, noch weit ſtaͤrker, noch weit heftiger liebten.

Sophie ſuchte die Sehnſucht nach ihrem Geliebten durch treue Erfuͤllung ihrer Pflicht, durch raſtloſe Beſchaͤftigung zu mindern, Wil - helm, dem die Wache die Woche nur einmal traf, der unter dieſer Zeit ganz geſchaͤftlos umher wanderte, konnte dies Mittel zur Til -12 gung ſeiner bangen Sehnſucht nicht waͤhlen, Muͤſſiggang und Zeit zum Nachdenken ver - mehrte ſeine Marter um ein Groſſes, ſie ward ihm oft unausſtehlich, er ſuchte wenn er ſtundenlang auf einen Blick ſeiner Geliebten gelauert hatte Zerſtreuung, Erholung, und fand ſie im Trink - oder Spielhauſe.

So lange es ihm vergoͤnnt war, ſeine Sophie oft zu ſehen, und zu ſprechen, hatte er dieſe Haͤuſer aͤuſſerſt ſparſam beſucht, die maͤchtigſte Leidenſchaft des Menſchen, die all - maͤchtige Liebe hatte jede andere Leidenſchaft beſiegt, itzt raͤchten dieſe den Sieg, und keimten durch liſtige Vorſtellung, daß ihr Ver - gnuͤgen die Qualen der Liebe mindere, wie - der maͤchtig empor, Wilhelm trank und ſpiel - te bald ſtaͤrker als vorher. Um dieſen Auf - wand zu beſtreiten, langte ſeine Loͤhnung nicht zu, die Eltern gaben ihm freilich eine mo - nathliche Zulage, aber auch dieſe ward oft in13 einem Abende verſpielt, und diente daher nur zur Vergroͤſſerung ſeiner Liederlichkeit. Seine Spielſucht mehrte ſich taͤglich, um ſie zu be - friedigen, machte er fuͤr ſeinen Stand nahm - hafte Schulden, die ihn quaͤlten und aͤngſtig - ten, aber auch in der Hofnung, daß er gluͤck - lich ſpielen wuͤrde, ſtets zu neuem Spiele ver - leiteten.

Als er eben wegen einer Schuld von zehn Gulden aͤuſſerſt gedraͤngt wurde, Klage bei ſeinem Hauptmanne befuͤrchtete, und doch nicht wußte, wie er bezahlen ſollte, traf ihn die Reihe zur Wachtparade. Er mußte an der Thuͤre des Saals Wache ſtehen, in welchem der Marggraf mit den Groſſen ſeines Hofes ſpeißte, und ſeinen Geburtstag feierte. Wil - helm war ſo gluͤcklich an dieſem Tage ſeine Sophie einigemal zu ſehen und ſogar im Vor - uͤbergehen zu ſprechen. Dies machte ihn hei - ter und froͤhlich, wenn er aber ſeiner Schul -14 den gedachte, ſo ward er wieder duͤſter und traurig. Der Marggraf ſpielte ſelten, aber wenn er ſpielte, ſo ſpielte er gerne hoch, ver - lohr und gewann dann namhafte Summen. An eben dieſem Tage fand er Abends Ver - gnuͤgen am Spiele.

Wilhelm ſah mit gierigem Blicke zu, wenn auf einer Karte oft ein Haufe Goldes ſtand. Dieſer reizende Anblick wekte ſeine ganze Spiel - ſucht, und endete immer mit der Vorſtellung, daß eine einzige dieſer Karten ihn gluͤklich machen, ganz aus aller Verlegenheit retten koͤnne. Er ward abgeloͤßt, und dieſe Vorſtel - lung war die ganze Ruhezeit hindurch die ein - zige Beſchaͤftigung ſeiner erhitzten Einbildungs - kraft. Wie er wieder zur Wache an die Thuͤ - re des Saals gefuͤhrt wurde, ſpielte der Marggraf noch immer, obgleich die Mitter - nachtsſtunde begann. Erſt als dieſe geendet hatte, ſtand er auf, wikkelte ſein Gold, wel -[15]〈…〉〈…〉[16]〈…〉〈…〉

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Der Marggraf verließ erſt ſpaͤt am an - dern Tage das Bette, ſchon hatten andere Granadiere die Wache bezogen, als die klei - ne Prinzeſſin, welche jeden Morgen in ſei - nem Schlafgemache erſcheinen mußte, zu ihm eintrat. Wie er dieſe erblikte, gedachte er erſt ſeines geſtrigen Gewinns, den er zu ei - nem Geſchenke fuͤr ſie beſtimmt hatte, er ſuchte und fand ihn nicht, er erinnerte ſich endlich deut - lich, daß er das Gold in ſein Schnupftuch faßte, und dieſes im Geſpraͤche auf einen Tiſch legte. Er ging ſelbſt nach dem Saale, durchſuchte alles und fand nichts.

Nun war's erwieſen, daß das Gold ge - ſtohlen ſei, nun begann die Unterſuchung. Alle Diener, welche gegenwaͤrtig waren, alle Granadiere, welche am Saale Wache ſtanden, wurden arretirt. Unter den leztern befand ſich auch Wilhelm, er war ſchon von der Hauptwache nach ſeinem Quartiere zuruͤckge -Biogr. d. W. 4r Bd. B18kehrt, und wurde von dort in den Arreſt ge - fuͤhrt. Man unterſuchte ſogleich die Wohnun - gen und Sachen aller Arretirten, und fand nicht das geringſte, man viſirte ihre Schub - ſaͤcke, und fand bei Wilhelmen kein Gold, aber das Schnupftuch des Marggrafen, welches da - durch unverkennbar wurde, weil es mit einer Krone und ſeinem Namen gezeichnet war.

Wilhelm geſtand ſogleich die That, und zeigte den Ort an, wo er das Gold hinter einem Holzſtoſſe in einem alten Topfe vergra - ben hatte. Er konnte in der Folge ſelbſt nicht ſagen, wie es geſchah, daß er das verraͤtheri - ſche Tuch nicht vernichtete, nicht von ſich warf, er ſchuͤttete das Gold aus dem Tuche in den Topf, und ſteckte es, ohne die Folgen zu be - denken, in einer wahrſcheinlich mechaniſchen Bewegung in den Sack.

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So wahr, als ich Marggraf bin! der Kerl muß haͤngen! ſprach der Marggraf zor - nig, als man ihm meldete, daß der Thaͤter entdeckt, und ein Granadier ſei. Er befahl, Standrecht uͤber ihn zu halten, und einige Stunden nachher verſammlete ſich dies wuͤrk - lich, um uͤber Wilhelmen den Tod auszu - ſprechen. Erſt um dieſe Zeit erfuhr die lie - bende Sophie das Verbrechen und das unver - meidliche Schickſal ihres Geliebten. Verzweif - lung kennt keine Schranken, uͤberſpringt ſie alle, wenn ſie jenſeits Huͤlfe erblickt. Sie eilte, als ein Raub derſelben, zu den Eltern des ungluͤcklichen Wilhelms, ſie geſtand die - ſen, was ihnen vorher noch ein Geheimniß war, daß ſie ihren Sohn aufs innigſte liebe, und von ihnen Rath, Huͤlfe und Troſt er - warte.

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Die Ungluͤcklichen konnten ihr nicht ge - ben, was ſie ſelbſt nicht beſaſſen, ſie jam - merten troſtlos mit ihr, ſuchten Freunde, Huͤlfe und Rath, und fanden keins von bei - den. Vater und Mutter knieten bald nach - her an der Schloßtreppe, welche nach dem Garten fuͤhrte, ſie flehten um Erbarmen, als der Marggraf dieſe herabſtieg, aber er winkte mit ernſtem Blicke, und die Troſt - loſen wurden weggefuͤhrt. Sie eilten von einem Miniſter zum andern, und erhielten uͤberall die toͤdende Verſicherung, daß ſolch ein Verbrechen kein Mitleid verdiene, daß nichts in der Welt den Marggrafen bewegen wuͤrde, ſeinen theuern Schwur zu brechen.

Unter dieſer Beſchaͤftigung nahte der Abend, ſie wankten nach ihrer Wohnung, und brachten die Gewißheit heim, daß das Standrecht uͤber ihren einzigen Sohn den Tod ausgeſprochen habe, daß er ihn morgen in der21 zehnten Stunde unter der Hand des Henkers dulden wuͤrde. Sophie hatte dieſe lange Zeit hindurch ihrer geharrt, ihr Jammer war ohne Grenzen, als ſie dieſe ſchreckliche Nach - richt hoͤrte, ſie eilte nach der Hauptwache, ſie wollte wenigſtens ihren Wilhelm noch ein - mal ſehen, aber ein Prieſter bereitete ihn eben zum nahen Tode, ſie ward nicht vor - gelaſſen. Mit zerrauftem Haare, mit ſtar - rem Blicke und blutig gerungnen Haͤnden er - ſchien ſie izt im Zimmer der Obriſthofmeiſte - rin, die ſchon lange ihre ungewoͤhnliche Ab - weſenheit bemerkt, vergebens nach ihr gefragt hatte.

Sophiens Schmerz war keiner Worte faͤ - hig, die Obriſthofmeiſterin brauchte viele Muͤhe und Geduld, ehe ſie die Urſache ihres ſchrecklichen Zuſtandes erfahren konnte. Sie war eine aͤuſſerſt ſanfte und menſchenfreund - liche Dame, Sophiens Jammer ruͤhrte ihr22 Herz maͤchtig, ſie ſuchte ſie zu troͤſten, durch Gruͤnde der Religion zu uͤberzeugen, daß Gottes Wege unerforſchlich, aber ſtets weiſe und gerecht waͤren, als aber die verzweif - lungsvolle Sophie ſie dreuſt verſicherte, daß ſie an Gottes Barmherzigkeit zweifle, wenn er nicht Huͤlfe und Rettung ſende, ſo ſuchte ſie ſolche mit der Vorſtellung aufzurichten, daß auch dieſe noch zu hoffen, noch moͤglich ſei.

Sophie ergrif dieſen ſchwachen Stab des Troſtes mit Begierde, ſie warf ſich zu den Fuͤſſen der Troͤſterin nieder, und flehte um Huͤlfe und Erbarmen. Ich will thun, was ich kann und vermag, ſprach die Holde, nur die Gnade des Marggrafen kann dem Ungluͤck - lichen das Leben retten, ich ſehe ein, daß meine Bitte bei ihm nichts vermag, aber ich hoffe, eine Fuͤrbitterin zu finden, die er hoͤ - ren wird. Sie deutete bei dieſen Worten auf die kleine Prinzeſſin, welche neben ihr mit23 einer Pnppe ſpielte, und ſchon oft theilneh - mend gefragt hatte: Warum die liebe Sophie ſo ſehr weine?

Sophie ſprang hoffend und ahndungsvoll empor, als ſie dieſe Worte des Troſtes hoͤr - te, ſie kannte die Liebe des Marggrafen zu dieſem Kinde, ſie glaubte uͤberzeugt zu ſein, daß er ihr nichts verſagen wuͤrde. Gewoͤhn - lich ſtand der Marggraf ſchon um ſechs Uhr des Morgens auf, ſobald die Prinzeſſin erwach - te, welches gemeiniglich um acht Uhr geſchah, mußte die Obriſthofmeiſterin ſolche zu ihm brin - gen. Die muntere Kleine blieb dann oft einige Stunden in ſeinem Kabinete, und zwang ihn, manchmal gar mit ihr zu ſpielen.

Es ward nun verabredet, daß man die Prinzeſſin am folgenden Morgen fruͤher wek - ken, und dann zum Marggrafen fuͤhren woll - te, wo ſie ſogleich um Wilhelms Leben bitten24 ſollte. Die Ausfuͤhrung war aber ſchwerer, als man anfangs glaubte. Die noch nicht drei Jahr alte Prinzeſſin plauderte zwar ſtets, aber meiſtens nur einzelne, abgebrochne Woͤrter, konnte viele derſelben gar nicht ausſprechen. Indeß Sophie mit dem wahrſcheinlichen Troſte zu Wilhelms Eltern eilte, auch dieſe der zer - ſtoͤhrenden Verzweiflung entreiſſen, und neue Hofnung in ihrem toden Herzen wecken wollte, verſuchte die gutherzige Obriſthofmeiſterin, ih - ren kleinen Eleven die Worte zu lehren, mit welchen ſie zu Gunſten des ungluͤcklichen Wil - helms das Herz des Marggrafen ruͤhren ſollte; aber ſo ſehr ſie ſich auch muͤhte, die Bitte abzu - kuͤrzen, und nur durch wenige Worte auszu - druͤcken, ſo mengte doch eben oft die kleine Plauderin dieſe wenigen untereinander, und erregte die gegruͤndete Furcht, daß der Marg - graf ihre Bitte nicht verſtehen, und daher auch nicht achten wuͤrde. Doch hofte ſie das Beſte, und trug die Prinzeſſin bald ins Bette,25 um ſie am andern Morgen fruͤher wecken, und die Lekzion wiederholen zu koͤnnen.

Sophie, deren Augen ſich nicht ſchloſſen, wachte die ganze Nacht am Bette des Engels, der ihr Erloͤſer werden ſollte, ſie betete in - bruͤnſtig zu Gott, damit er dieſen ſtaͤrken, und ihren Worten Kraft verleihen moͤge. Schon um ſechs Uhr weckte man die Prinzeſſin, aber ſie war noch ſchlaftrunken, weinte anhal - tend, und ſchlief bald aufs neue. Man den - ke ſich das Leiden der armen Sophie, die den einzigen moͤglichen Retter ſchlafend erblickte, indeß der Geliebte ihres Herzens nahe Todes - angſt duldete, die jeder Glockenſchlag mehrte.

Schon wars acht Uhr voruͤber, als die Prinzeſſin munter und froͤhlich erwachte. Es war ruͤhrend anzuſehen, mit welcher haſtigen Eilfertigkeit die zitternde Sophie ſie anzuklei - den ſuchte, und aus allzu groſſer Eile den An -26 zug nur verzoͤgerte, haͤtte die gutherzige Obriſthofmeiſterin ihr nicht Beiſtand gelei - ſtet, ſie wuͤrde dies kleine Geſchaͤft lange nicht vollendet haben. Nun begann neuer Unter - richt, und wie die Prinzeſſin ihre Bitte nur mit halben Worten ſtammlen konnte, ſo ergrif die Obriſthofmeiſterin ihre Hand, und fuͤhrte ſie zum Kabinete des Marggrafen. Sophie folgte vom weiten mit gefalteten Haͤn - den, jedes ihrer Glieder zitterte der nahen Entſcheidung entgegen.

Die Obriſthofmeiſterin oͤfnete izt die Thuͤ - re des Kabinets, und ließ die Prinzeſſin allein eintreten, ſie lehnte die Thuͤre nur langſam an, und horchte an der ofnen Spalte der Wuͤrkung entgegen. Sophie draͤngte ſich naͤ - her hinzu, und hob ihre Haͤnde zu Gott em - por. Der Marggraf ſaß an ſeinem Schreib - tiſche, und blickte auf die Kommende. Sie ging bis in die Mitte des Kabinets, kniete27 nieder, und hob ihre kleinen Haͤnde bittend empor. Liebe Großpapa, ſtammlete ſie, Ganadirle ſchenken! Liebe Großpa - pa, wiederholte ſie noch einmal, Ganadirl ſchenken! Der geruͤhrte Marggraf ſtand haſtig auf, hob die Prinzeſſin empor, und ſchloß ſie in ſeine Arme. Du verlangſt viel, ſprach er, indem er ſie kuͤßte, aber es iſt deine erſte Bitte, ich muß ſie erfuͤllen! Der Granadier hat: Gnade! Er hat Gnade! fluͤſterte die horchende Obriſthofmeiſterin der harrenden Sophie zu. Er hat Gnade! ſchrie dieſe laut[auf], daß es im Vorgemache wie - derhallte, und ſtuͤrzte fort, um die erſte Ver - kuͤndigerin derſelben zu werden.

Ich wage es nicht, den Jubel der Eltern zu ſchildern, als die athemloſe Sophie mit dieſem allmaͤchtigen Worte des Troſtes vor ihnen erſchien, ihr flehendes Gebet, ihre ſtammlende Bitte zum Ewigen mit dieſem28 freudigen Zurufe unterbrach, und ihnen noch nebenbei erzaͤhlte, daß ein Kammerjunker, wie ſie bei der Hauptwache vorbeieilte, dieſe Gnade bereits dem armen Wilhelm im Na - men des Marggrafen verkuͤndigt habe. Der groſſe Jammer hatte bereits ihre wenige Le - benskraft maͤchtig geſchwaͤcht, die ſchnelle Freu - de ſchien den Ueberreſt ganz zu rauben. Man mußte die ungluͤcklichen Alten aufs Bette le - gen, alle ihre Glieder durchbebte ein hefti - ger Fieberfroſt, ſie waren dem Tode nahe, naͤherten ſich ihm bald noch mehr, als ſie kurz hernach hoͤrten, daß der Marggraf zwar ihrem Sohne das Leben geſchenkt, ihn aber doch zur Verſoͤhnung der Gerechtigkeit auf drei Jahre zur Zuchthausſtrafe verurtheilt habe.

Damals achtete man jeden, der in die - ſem Hauſe dulden mußte, fuͤr unehrlich. Keiner unter den Buͤrgern ſprach mit dieſen29 ungluͤcklichen Opfern der Gerechtigkeit. Auch wenn die Strafe geendet hatte, und man den Erloͤſten wieder in jeder buͤrgerlichen Geſell - ſchaft und Innung dulden mußte, ſo blieb ſie doch immer als ein unvertilgbarer Fleck zuruͤck, der den reinen Glanz einer ganzen Familie verdunkelte, ihr bei jeder Gelegenheit zum geheimen, oft gar oͤffentlichen Vorwurf dien - te. Dieſe Vorſtellung, und wahrſcheinlich auch das Bewuſtſein, daß ihr Sohn die Strafe mehr als doppelt verdient habe, verbitterte die Freude ſeiner gluͤcklichen Rettung um ein Groſſes. Die Folgen des ausgeſtandnen Schreckens und Jammers, der finſtere, truͤbe Blick in die Zukunft nagte an ihrem morſchen Koͤrper, ehe zwei Monden verfloſſen, ſchlum - merten beide im Grabe. Das ganze Erbe, welches ſie ihrem Sohne hinterlieſſen, ward in gerichtliche Verwahrung genommen, und zum Beſten des Duldenden, weil er es izt30 nicht genuͤſſen, nicht verwalten durfte, in ein zinsbares Kapital verwandelt.

Sophie liebte liebte mit warmen Ju - gendfeuer, mit inniger, wahrer Zaͤrtlichkeit. Niemand wirds ihr daher verdenken, oder es wenigſtes ganz natuͤrlich finden, wenn ſie nicht gleich den Buͤrgern der Stadt, nicht wie Wil - helms Eltern dachte. Der Allgeliebte war ge - rettet, mußte zwar harte Strafe, aber nicht immer, nicht ewig dulden. Ihre Einbildungs - kraft uͤberhuͤpfte mit ſeltner Fertigkeit dieſen kurzen Zeitraum, ſie ſah ihren Wilhelm wie - der kettenlos unter den Menſchen umher wan - deln, er arbeitete emſig und anhaltend, er fand Unterſtuͤtzung und Nahrung in einer frem - den Stadt, die ſein ehemaliges Verbrechen nicht kannte, er kam als Buͤrger derſelben, um ſich eine Gattin zu waͤhlen, er reichte ihr die Hand, und ſie ſank woune - und freude - fuͤhlend in ſeine Arme. Dies war die ange -31 nehme Vorſtellung, mit welcher ſie ſich zu troͤſten ſuchte, wenn Wehmuth ſie ergrif, und ſchwarzer Tiefſinn an ihrem Herzen nagen wollte.

Wilhelm hatte ein ſchweres Verbrechen veruͤbt, die Gelegenheit war reizend und ein - ladend, aber lange nicht hinreichend genug, um den aͤchten Rechtſchafnen in die Falle zu locken! Dieſer Gedanke haͤtte ſie ſchrecken, we - nigſtens bange Sorge fuͤr die Zukunft in ihr erregen ſollen, aber nichts verzeiht, nichts entſchuldigt ſtaͤrker, als die Liebe. Sie hat zwei Maͤntel, welche ſie abwechſelnd traͤgt, einer iſt lang, weit, und dem Auge undurch - dringbar, der andere iſt klein, enge und vom duͤnſten Flore gewebt. Mit dem erſtern be - deckt ſie die Maͤngel und Fehler des geliebten Gegenſtands, wenn ſie ſich naht, in den lez - tern huͤllt ſie dieſen, wenn ſie Abſchied nehmen will, oder einen Reizendern findet.

32

Wie Wilhelm zur Prinzeſſin gefuͤhrt wur - de, um ihr auf Befehl des Markgrafen fuͤr ihre Fuͤrbitte, fuͤr ſein Leben zu danken, ſtand Sophie im Gemache derſelben. Ihr rothge - weintes Auge, ihr noch thraͤnender Blick uͤber - zeugte ihn deutlich, daß ihr Leiden, ihr Jam - mer groß war, er ſah zugleich ein, daß ſie die Retterin ſeines Lebens war, und ohne ihre Mitwuͤrkung die Prinzeſſin ſchwerlich fuͤr ihn gebeten haͤtte. Dieſer große Beweis ihrer Liebe ermunterte ihn zur Dankbarkeit, er trat naͤher zu ihr. Wenn ichs je vergeſſe, fluͤ - ſterte er leiſe, was ich ihnen zu verdanken habe, ſo ſoll mir Gott ſchnell wieder rauben, was er mir ſo wunderbar ſchenkte. Vergeſſen ſie indeß den Ungluͤcklichen nicht ganz, er iſt ihres Mitleids wuͤrdig. Sophie konnte nicht antworten, aber ihr Blick ſprach um ſo ſtaͤrker, Wilhelm ging mit der Gewißheit von dannen, daß ſie ihn noch liebe, und ſeiner harren wuͤrde.

Die33

Die Obriſthofmeiſterin hatte das kurze Geſpraͤch bemerkt, und Sophiens redenden Blick geſehen, ſie achtete es fuͤr noͤthig, die letzere fuͤr unangenehmen Folgen zu warnen. Liebes Kind, ſprach die Gute, ohne zu un - terſuchen, ob der ungluͤckliche, aber auch ſtrafbare Juͤngling deiner Liebe noch wuͤrdig ſei, will ichs nicht hindern, wenn du ihm in ſeinem kuͤnftigen Zuſtande nach deinen Kraͤften Wohlthaten erzeigſt, aber ich muß es dir bei Verluſte deines Dienſtes und meiner Gnade ſtreng verbieten, ihn im Zuchthauſe zu be - ſuchen, oder mit ihm auf der Gaſſe zu ſpre - chen. Es wuͤrde deinen Ruf kraͤnken, wenn du meinen Befehl uͤbertreten wollteſt, und ſchwarzen Schatten auf mich werfen, wenn ich es duldete. Ich fordere daher dein feſtes Verſprechen, damit ich ruhig ſeyn, und mit Recht ſtrafen kann, wenn du es doch nicht er - fuͤllteſt.

Biogr. d. W. 4r Bd. E34

Sophie ſah die Billigkeit ihrer Forderung ein, ſie verſprach, ſtreng zu gehorchen, nur bat ſie flehend, ihr die einzige Erlaubniß zu goͤnnen, ihm dies Verbot kund zu machen, damit es der Ungluͤckliche nicht fuͤr Verachtung von ihrer Seite halte, und dadurch zur Ver - zweiflung gereizt wuͤrde. Obgleich die Obriſt - hofmeiſterin dieſen Schritt nicht billigen konnte, ſo war ſie doch großmuͤthig genug, ihn nicht zu verbieten, doch forderte ſie aus - druͤcklich, daß es nicht durch Sophien ſelbſt, ſondern durch einen dritten geſchehen muͤſſe, und fuͤr die Zukunft kein Briefwechſel ſtatt ha - ben duͤrfe.

Sophie dankte, und eilte noch am nem - lichen Tage zu Wilhelms Mutter, welche ſie um ihrer Theilnahme willen izt innig liebte, und herzlich gerne als Schwiegertochter um - armt haͤtte. Dort ſchrieb ſie ihrem Wilhelm alles, und fuͤgte noch manches, was ihn35 troͤſten und erquicken konnte, hinzu. Eine alte Frau, welche von der Mutter an Wil - helmen geſandt wurde, brachte muͤndlichen, innigen Dank zuruͤck, weil es ihm nicht ver - goͤnnt war, Antwort zu ſchreiben.

Die Arbeit aller Verbrecher im Zuchthau - ſe war ſchwer und anhaltend, aber noch ent - kraͤftender und haͤrter war die ſchmale, aͤuſſerſt ſchlechte Koſt, welche ihnen gereicht wurde. Die Ungluͤcklichen, welche nicht Freunde und Anverwandte hatten, nicht Wohlthaͤter in der Stadt fanden, mußten oft hungrig ſchla - fen gehen. Dieſe ſchlechte Koſt war nicht Strafe, wahrſcheinlich nur eine Folge der Habſucht der Vorſteher, weil es allen, die in dieſem Hauſe duldeten, erlaubt war, ſich beſ - ſere Speiſen zu kaufen, wenn ſie Geld von auſ - ſen erhielten.

E 236

So lange Wilhelms Eltern lebten, ſand - ten ſie ihrem ungluͤcklichen Sohn taͤglich Spei - ſen, als aber beide in ſo kurzer Zeit ſtarben, da fuͤhlte Wilhelm durch einige Tage die volle Laſt ſeines Schickſals in ſeiner ganzen Groͤſſe. Er war von Jugend auf beſſerer Koſt gewohnt, ein unuͤberwindlicher Ekel hinderte ihn izt, das Wenige zu genuͤſſen, was man ihm reich - te. Matt und kraftlos taumelte er umher, bekam Schlaͤge, weil er die vorgeſchriebne Ar - beit nicht vollenden konnte, und hofte eben, daß der Tod ſeine Marter bald enden wuͤrde, als ein altes Weib erſchien, und ihm nahr - hafte und gute Speiſe brachte. Sie ſchuͤzte ſtrenges Verbot vor, wenn er nach dem Na - men ſeines neuen Wohlthaͤters fragte, ſie laͤchelte geheimnißvoll, wenn er bald dieſen, bald jenen ſeiner Anverwandten nannte. Erſt nach einigen Wochen gab die Alte, welche von nun an taͤglich mit Speiſe erſchien, ſeiner dringenden Bitte Gehoͤr, und geſtand ihm,37 daß Sophie ſeine Wohlthaͤterin ſei, ihre Koſt mehr als mit ihm theile, ſich ſtets nur mit einer Speiſe ſaͤttige, und alle uͤbrigen ihm ſende. Dankbare Thraͤnen rollten bei dieſer Nachricht uͤber ſeine Wangen, er blickte gen Himmel, und ſchien Gott zu fragen: Wie er ſolch eine Liebe lohnen und vergelten koͤnne?

Sophie hofte, Wilhelms Strafe durch neue Fuͤrbitte abzukuͤrzen, ſie wandte ſich da - her, wie ein Jahr ſeiner Strafzeit verfloſſen war, aufs neue an die Obriſthofmeiſterin, al - lein dieſe konnte nicht mehr helfen und nuͤtzen, weil der Marggraf es ihr ausdruͤcklich und bei Verluſt ſeiner Gnade unterſagt hatte, die Prinzeſſin nie mehr zu einer aͤhnlichen Bitte aufzufordern, und dadurch den Lauf der Ge - rechtigkeit zu hemmen. Dieſe Nachricht that ihrem liebenden Herzen aͤuſſerſt weh, nur die Hofnung, daß die uͤbrigen zwei Jahre gleich dem erſten ſchwinden muͤßten, war der ſuͤſſe38 Troſt, wenn ſie das Schickſal des Ungluͤckli - chen im Verborgnen beweinte. Noch mehr als dieſer Gedanke troͤſtete ſie die Vorſtellung, daß ſie dieſe ganze Zeit hindurch ihres Geliebten Wohlthaͤterin ſeyn, und das harte Loos deſ - ſelben um vieles erleichtern koͤnne, ſie ſandte ihm nicht allein taͤglich die mehrſten der Spei - ſen, welche fuͤr ſie beſtimmt waren, ſondern ſie legte auch jede Woche etwas Geld bei, weil ſie wußte, daß Wilhelm gerne Tobak rauche, und ſie ihm dies Vergnuͤgen nicht rauben wollte.

So verfloſſen auch die zwei lezten Jahre der Strafzeit. Schnell und anhaltend klopfte Sophiens Herz, als der lezte Monden, die lezte Woche, und endlich auch der lezte Tag derſelben nahte. Noch roͤthete ſich ihre Wan - ge, reine Freude glaͤnzte in ihrem Auge, wie Wilhelm ihr durch die Ueberbringerin der Speiſen nochmals aufs waͤrmſte fuͤr die groſſe39 Wohlthat danken, und zugleich melden ließ, daß er morgen das Haus der Strafe verlaſſen wuͤrde. Er wird, fuͤgte die Alte hinzu, zu einer alten Muhme ziehen, und wenn er ſich anſtaͤndig gekleidet hat, es wagen, ſie dahin einzuladen, um ihnen muͤndlich danken zu koͤnnen.

Sophie harrte dieſer Nachricht mit der Ungeduld der Liebenden entgegen. Sie hatte ihren Wilhelm wuͤrklich durch drei volle Jahre nicht geſehen, er mußte immer im Hofe des Zuchthauſes arbeiten, ſie konnte ſich nicht da - hin wagen, weil man jedem jungen Maͤdchen den Zutritt dahi[n]verweigerte, und der Ver - luſt ihres Dienſtes ganz ſicher erfolgt waͤre, wenn nur ein Verſuch dieſer Art waͤre verra - then worden. Man denke ſich nun die Sehn - ſucht, das peinigende, heiſchende Verlangen des liebenden Maͤdchens!

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Eben wars ein Sonntag, eben kam ſie aus der Kirche zuruͤck, in welcher ſie andaͤch - tig gebetet, aber auch mit ſuchendem Auge oft und lange umher geblickt hatte, als ein kleines Maͤdchen im Schloßhofe ihrer harrte, und ihr einen Brief uͤberreichte. Wilhelm, der dankbegierige Wilhelm hatte ihn geſchrie - ben, er enthielt eine Einladung auf den fol - genden Nachmittag zu ſeiner alten Muhme, welche ihn nicht allein liebreich aufgenommen, ſondern auch wider Vermuthen ſein und So - phiens Gluͤck zu gruͤnden verſprochen hatte.

Sophie eilte um die beſtimmte Stunde zu ihrem Wilhelm. Als ſie zitternd die Thuͤre des Gemachs oͤfnete, wankte er ihr mit Thraͤ - nen im Auge entgegen, das Ungluͤck und wahr - ſcheinlich noch der Kummer hatte ſeine Wangen gebleicht, aber ſein Auge glaͤnzte um ſo feu - riger, ſein Mund ſprach zwar wenig, aber das Wenige bewies deutlich, daß er ſein Ver -41 gehen innig bereue, und ewig dankbar ſeyn werde. Die alte, geſchwaͤtzige Muhme ſtoͤhrte das Gefuͤhl der Liebenden um ein groſſes, ſie lobte Sophiens Wohlthaten, welche ſie ſo lan - ge Zeit hindurch ihrem Vetter erwieſen hatte, mit vielen Worten. Ich muß aufrichtig geſte - hen, ſprach ſie, daß ich den gottloſen Buben, der ſeine Eltern ins Grab geſtuͤrzt, mir und allen ſeinen Freunden ſo viel Schande gemacht hat, ganz vergeſſen wollte. Wie ich aber hoͤrte, daß ein fremdes Maͤdchen nicht allein ſein Leben gerettet, ſondern ihn auch drei Jah - re lang ernaͤhrt habe, da dachte ich: Du han - delſt doch zu hart, du mußt vergeben und ver - geſſen! Auch will ich mein Geluͤbde halten, will ſein kuͤnftiges Gluͤck zu gruͤnden und zu vermehren ſuchen, wenn er nur kuͤnftig auch keine luͤderliche Streiche mehr begeht, und ſeinem treuen Maͤdchen ihre Liebe lohnt.

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Sie ſprach noch lange in dieſem Tone fort, wie aber auf dem nahen Thurme die Glocken zur Nachmittagspredigt ruften, da ergrif ſie ihr Geſangbuch, eilte fort, und goͤnnte den Liebenden das ſeltne Gluͤck, ungeſtoͤrt ſprechen, ungehindert kuͤſſen zu koͤnnen. Der Bund der ewigen Treue und Liebe ward in dieſer weni - gen Zeit erneuert, ſogar Plaͤne zur kuͤnftigen Erfuͤllung entworfen.

Wilhelm erzaͤhlte ſeiner Sophie, daß ſein vaͤterliches Erbe nahe an zweitauſend Gulden betrage, wenn er nun, fuͤgte er hinzu, was er hoffen und erwarten koͤnne, von der weit reichern Muhme noch eine aͤhnliche Summe erhalten wuͤrde, ſo ſei dieſe Summe hinlaͤng - lich, ſich in einem Staͤdchen eines benachbar - ten Fuͤrſtenthums als Handelsmann zu etabli - ren, und dort gluͤcklich und vorwurfsfrei zu leben. Sophie, welche innig liebte, und ſich daher ſo gerne eine gluͤckliche Zukunft traͤumte,43 billigte den ganzen Plan vom Herzen, bat ſogar, ihn nur recht bald auszufuͤhren. Sie beſuchte nun ihren Wilhelm oͤfters, kam vor - zuͤglich alle Sonntage, um den Nachmittag deſſelben in ſeinen Armen zu durchleben. Wilhelm, den mehr die Schande und die Sorge eines kraͤnkenden Vorwurfs als aͤchte, wahre Reue an ſein Zimmer feſſelte, und an jedem geſellſchaftlichen Vergnuͤgen hinderte, ge - wann bald dadurch das volle Zutrauen der gut - herzigen Alten, ſie wollte eben ſeine Bitte er - fuͤllen, und ihm mit einer hinlaͤnglichen Sum - me unterſtuͤtzen, als ſie ein jaͤher Schlagfluß traf, und ihr nur noch ſo viel Lebensfriſt goͤnnte, um bei vollem Bewuſtſein und reifer Vernunft ihren Vetter zum Univerſalerben einzuſetzen.

Wilhelm war nun ein reicher Mann, ſein Vermoͤgen graͤnzte nahe an funfzehn tauſend Gulden, es beſtand in lauter ſichern Kapita - lien, die er jederzeit aufkuͤndigen und erhe -44 ben konnte. Er that das erſtere, und wand ſich nun aus Sophiens Armen los, um ſich einen Ort zu ſuchen, wo ſie kuͤnftig ruhig le - ben, und das Gluͤck der Liebe genuͤſſen koͤnn - ten.

Ehe er ſchied, forderte er ſchlechterdings, daß Sophie ihrem Dienſte entſagen, und bei ihren Eltern ſeine Ruͤckkunft erwarten ſollte. Die armen Eltern, welche nur auf das zeit - liche Gluͤck ihres Kindes ſahen, billigten So - phiens Wahl und Entſchluß, nur forderten ſie, daß Wilhelm ſich mit ihr vor ſeiner Ab - reiſe verloben ſollte, er war willig, dieſe Forderung zu erfuͤllen, und Sophie verließ das Schloß noch einige Tage vor Wilhelms Abreiſe. Er war mit ihr verlobt, als er ſchied, er verſprach, binnen Mondensfriſt wieder zu kehren, und ſie dann ſogleich zu heu - rathen. Wer kanns dem liebenden Maͤdchen verdenken, wenn ſie bei ſo voller Gewißheit45 ihres nahen Gluͤcks dankbar zu ſeyn wuͤnſchte, minder ſtreng eine kleine Freiheit verweigerte, und dadurch unvermerkt in die Fluthen des brauſenden Stroms gerieth, der alles mit ſich fortreißt, was ſich ſeinen Wellen naht. Als endlich Wilhelm wuͤrklich ſchied, ſo miſchten ſich in die Thraͤnen des Abſchiedes auch Thraͤ - nen der Reue, der verlohrnen Unſchuld, wel - che nur die Hofnung der baldigen Wiederkehr trocknen konnte.

Es war zwiſchen den Liebenden verabredet worden, daß Wilhelm mit jedem Poſttage ſchreiben, ſeine Geſundheit und den Erfolg ſei - nes Unternehmens berichten ſolle. Er erfuͤllte ſein Verſprechen ſtrenge, Sophie erhielt jede Woche zweimal Nachricht von ihm, nur trauer - te ſie, wenn ſie in ſeinen Briefen laß, daß er immer weiter reiſe, und es ihm nirgends beha - gen wollte. Wie ein Monat verfloſſen war, und er von Frankfurt aus zum leztenmale ge -46 ſchrieben hatte, erfolgte kein Brief, keine Nach - richt mehr.

Sophiens Kummer ward bald groß, ward in der Folge unertraͤglich, weil ſie ſich ſchwan - ger fuͤhlte. Vier Monate harrte ſie vergebens auf weitere Nachricht, als aber ihre Eltern uͤber Wilhelms Stillſchweigen ebenfalls traurig wurden, ihr Vorwuͤrfe zu machen begannen, weil ſie ſich mit einem ſo ſchlechten Menſchen in ein Liebesverſtaͤndniß eingelaſſen, und ihrem guten Dienſte ſo leichtſinnig entſagt habe, da rang ſie ingeheim nach Troſt und Huͤlfe. Sie erinnerte ſich izt erſt, daß Wilhelm kurz vor ſeiner Abreiſe einem ſehr rechtſchafnen Advoka - ten die Verwaltung ſeines Vermoͤgens anver - traut habe, ſie eilte zu ihm, um zu erfahren, ob Wilhelm ihm dieſe lange Zeit hindurch eben - falls nicht geſchrieben habe, und wollte ihn dann erſt als tod beweinen, wenn er, da er nicht mehr als funfzig Dukaten mit ſich ge -47 nommen hatte, unter dieſer langen Zeit kein Geld verlangt haͤtte. Todesblaͤſſe verbreitete ſich uͤber ihre Wangen, ſie zitterte und bebte, als der ehrliche Mann ihr ſogleich erzaͤhlte, daß Wilhelm dieſe Zeit uͤber ihm ſtets geſchrie - ben, nun aber wohl nicht mehr ſo oft ſchreiben wuͤrde, weil er ihm eben mit lezter Poſt den lezten Reſt ſeines ganzen Vermoͤgens nach Frankfurt uͤberſandt habe. Er wird ſich dort, fuhr er fort, wie ich aus allem erſehe, etabli - ren und ein reiches Maͤdchen heurathen. Je nun, ſezte er hinzu, ich goͤnne ihr und ihm das Gluͤck herzlich gerne, und wuͤnſche nur, daß es von Dauer ſei. Hier kennt man den Vogel, hier waͤre es ihm nicht gelungen, eine ſo reiche Braut heimzufuͤhren.

Sophie konnte die zentnerſchwere Laſt, welche der Erzaͤhler ſo ſchnell, ſo unbarmherzig auf ſie waͤlzte, nicht ertragen, ſie ſank kraftlos zu Boden. Als der Alte ſie geweckt und ge -48 labt hatte, forſchte er nach ihrem Namen und der Urſache ihres Schreckens, als ſie den er - ſtern ſtammlete, errieth er ſogleich die Urſache des leztern. Er erinnerte ſich, daß Wilhelm ihn in einem ſeiner Briefe ſehr dringend gebe - then hatte, ſeinen Aufenthalt zu Frankfurt vor jedermann, vorzuͤglich aber vor einem ge - wiſſen Maͤdchen, welches ſich Sophie G nen - ne, geheim zu halten. Sie koͤnnen ſich, ſchrieb der Undankbare, die Urſache meiner Bitte leicht denken, ich wurde, als ich noch Granadier war, mit ihr bekannt, das Maͤdchen hieng kletten - maͤßig an mir, ſie gewaͤhrte, und ich genoß al - les. Habſucht und Eigennuz koͤnnte ſie izt leicht reitzen, dem ehmaligen armen, izt reichen Liebhaber nachzulaufen, nach Art dieſer kuͤhnen Kreaturen entweder ſeine aͤußerſt vortheilhafte, ihm ganz gluͤcklich machende Heurath zu hin - dern, oder wenigſtens ihr Stillſchweigen nur fuͤr eine namhafte Summe zu verkaufen.

Der49

Der Advokat, welcher in dieſem Falle Wil - helms ſchaͤndlichen Luͤgen vollen Glauben bei - maß, auch izt noch muthmaßte, daß ihre Nach - frage aͤhnliche Urſache zur Abſicht habe, war of - fenherzig genug, der leidenden Sophie dies alles mit trocknen Worten kund zu machen, ihr nebenbei wohlmeinend zu rathen, daß ſie ſeines Klienten Gluͤck nicht hindern moͤge, weil ſie in jedem Falle zu ſpaͤt kommen, wohl ſeinen Zorn, aber durch ſolche Mittel nie ſeine Großmuth reizen wuͤrde.

Sophiens Zuſtand war ſchrecklich, war er - barmungswuͤrdig. Ihr Blick hatte immer hoffend und feſt an der Zukunft gehangen, izt verfinſterte ſich dieſe gluͤckliche Ausſicht, ein Ab - grund oͤfnete ſich zu ihren Fuͤßen, ſie ſchauderte zuruͤck, und ein noch graͤßlicherer lag vor ihr. Sie fuͤhlte ſich verſtoßen, und verlaſſen; ſie ſah nirgends Troſt, nirgends Hofnung, noch Huͤl - fe; ihre Sinne ſtarrten wuͤrkungslos umher;Biogr. d. W. 4r Bd. D50das Rad ihrer[Einbildungskraft] ſtockte, die im - mer thaͤtige Seele konnte es nicht drehen, nicht wenden. Undank und Grauſamkeit hatten ſie toͤdlich verwundet, ihr Schmerz durchbebte jede Nerve, durchzitterte jede Faſer des ver - laßnen Maͤdchens. Mit jedem Tropfen Blu - tes rollte der zentnerſchwere Gedanke langſam durch ihre Adern, und ſtroͤmte wieder haſtig nach dem Herzen, um dort vergebens Raum zu ſuchen. Sie konnte nicht reden, kaum wanken, ſie verließ das Zimmer des Advokaten, ohne es verlaſſen zu wollen, ſie irrte in den Gaſſen der Stadt umher, ohne zu wiſſen, wohin ſie gehen wolle.

Am Abende fand ſie die ſuchende Mutter in einem Garten der entlegenſten Vorſtadt, ſie ſaß im Gipfel einer hohen Linde, und breitete ihre Arme hoch zum Himmel empor. Ein kleines Maͤdchen, welches ſie hinauf klettern ſah, verrieth ihren Aufenthalt. Die Mutter51 ſtaunte mit Recht uͤber dies ſeltne Unterneh - men, aber ſie ſtaunte bald noch mehr, als die Tochter zwar ihr aͤngſtliches Rufen hoͤrte, willig herabſtieg, aber auch nur zu deutlich be - wies, daß ihre Vernunft ſchlummere, wohl gar ein Raub des Wahnſinues geworden ſey: Die Folge beſtaͤtigte dieſe traurige Gewißheit voll - kommen, lange bliebs den jammernden El - tern ein Geheimniß, welch ein ſchreckliches Un - gluͤck ihr armes Kind in dieſen Abgrund ge - ſtuͤrzt habe, endlich entdeckten ſie durch Zufall den Beſuch, welchen ſie bei dem Advokaten ge - macht hatte, und erfuhren durch dieſen den graͤßlichen Meineid des treuloſen Wilhelms.

Die wahnſinnige Sophie hatte mit ihrer Vernunft auch den Gebrauch ihrer Sprache verlohren, ſie beantwortete keine Frage, uie - mand hoͤrte mehr ein Wort von ihr. Sie ging, wenn ſie daheim war, mit gefalteten Haͤnden, mit geſenktem Auge langſam aufD 252und nieder, und verſuchte ſtets durch tiefe Seufzer, die druͤckende Laſt ihres Herzens zu loͤſen. Schon am andern Morgen umguͤr - tete ſie ihren Koͤrper mit einem langen Flore, und heftete auf ihre linke Bruſt, unter der ihr verlaßnes Herz ruhte, einen ſchwarzen Fleck. Sie zitterte und bebte, ſie wuͤthete und raßte, wenn man ihr dieſen Zierrath rauben wollte, ſie ſchuͤttelte langſam und traurig den Kopf, wenn man ſie troͤſten wollte. Oft entwiſchte ſie der Aufmerkſamkeit ihrer Eltern, und eilte ins Freie. Die ſu - chende Mutter war dann gewiß, daß ſie ſol - che auf der hohen Linde wiederfinden wuͤrde; immer traf ſie ſolche im Gipfel derſelben, wo ſie mit hocherhabnen Haͤnden zu beten ſchien.

Wehmuth fuͤllt mein Herz, theilnehmen - de Thraͤnen treten in mein Auge, wenn ich mir das Leiden der Ungluͤcklichen denke, wenn ich der Urſache nachforſche: Warum ſie eben53 die hohe Linde erſtieg, und dort ſo andaͤchtig betete? Wahrſcheinlich wollte ſie ihren unend - lichen Schmerz, ihren uͤbergroßen Jammer dem Ewigen klagen; wahrſcheinlich glaubte ſie in ihrem Wahnſinne, daß ſie im Gipfel der Linde ihm naͤher ſey, daß er ſie in dieſer Hoͤhe beſſer hoͤren wuͤrde. Ach, es iſt ein ſchaudernerregendes Bild, wenn der Ungluͤck - liche, der nirgends Huͤlfe, nirgends Troſt auf der weiten, großen Erde findet, einen hohen Baum erklettert, um von ſeiner Hoͤhe zum Ewigen zu rufen, da er ſein Flehen aus der Tiefe nicht zu hoͤren ſcheint. Es iſt ein Beweis des hoͤchſten Dranges, des groͤßten Jammers, des fuͤhlbarſten Schmerzes!

Erſt einen Monat ſpaͤter ſahen die ungluͤck - lichen Eltern des ungluͤcklichſten Kindes, daß ihr Jammer noch kein Ziel erreiche, daß er ſich in der Folge noch um ein großes mehren muͤſſe, ſie erkannten deutlich, daß Sophie54 ſchwanger ſey. Ihre gerechte Klagen uͤber den ſchaͤndlichen und meineidigen Verfuͤhrer, wur - den nun lauter, man ſprach in der ganzen Stadt von Sophiens Ungluͤcke; die Obriſthof - meiſterin erfuhr es, und durch dieſe der Marg - graf ſelbſt. Er ſtaunte uͤber den ſchrecklichen Undank des Juͤnglings, er ging am Nachmit - tage ſelbſt nach Sophiens Wohnung, um ſich von der Wahrheit der Geſchichte zu uͤberzeu - gen. Er ſah die Ungluͤckliche, und Thraͤnen traten in ſein Auge, er beſchenkte ihre Eltern ſehr reichlich, und verſprach noch mehr zu thun.

Eine Stunde nach ſeiner Ruͤckkunft ins Schloß, ging ein Kourier nach Frankfurt ab, welcher den gemeßnen Auftrag hatte, Wilhelms Heurath wo moͤglich zu hindern, und ihm un - ter den fuͤrchterlichſten Drohungen zur Ruͤck - kehr und zum Erſatze der leidenden Unſchuld zu bewegen. Der Abgeſandte fand Wilhelmen55 nicht mehr in Frankfurt, er hatte in einem benachbarten Staͤdtchen eine ſchoͤne, reiche Kaufmannstochter geheurathet, und lebte dort mit einem Aufwande, der nach Zeugniß der Sachkundigen, ein weit groͤſſeres Vermoͤ - gen bald verſchlingen wuͤrde.

Ohne zu bedenken, daß nun keine Heu - rath mit Sophien moͤglich ſey, reiſte der Ab - geſandte nach dieſem Staͤdtchen, und machte dem in Freuden lebenden Wilhelm die Schrek - kenspoſt des Marggrafen kund. Sie ſchien ihn ſehr zu erſchuͤttern, er zitterte und bebte, verſprach dem Abgeſandten am andern Morgen eine ſchriftliche Rechtfertigung und eine Sum - me Geldes zur Unterſtuͤtzung der leidenden So - phie zu uͤberbringen. Wie aber der Abgeſand - te bis am Mittag des andern Tages vergebens auf beides harrte, und nun wieder nach Wil - helms Wohnung ging, fand er dort alles in groͤßter Beſtuͤrzung, und erfuhr, daß Wil -56 helm ſchon am Abende vorher aus dem Hauſe verſchwunden, den mitgenommeuen Sachen nach zu urtheilen, ganz entflohen ſey.

Wenn der treuloſe Undankbare mein Land jemals betritt, ſprach der Marggraf, als er dieſe Nachricht hoͤrte, ſo harrt ſeiner ewige Zuchthausſtrafe! Der menſchenfreundliche Fuͤrſt ward nun ſelbſt Vater der Verlaßnen, er ſezte ihr eine jaͤhrliche Penſion von zweihundert Tha - lern aus, er verſprach, das Kind zu verſor - gen, und gebot den Eltern, die Ungluͤckliche nicht durch Vorwuͤrfe zu kraͤnken, ihr viel - mehr durch ſorgfaͤltige Pflege den ſchrecklichen Zuſtand auf alle moͤgliche Art zu erleichtern. Oft ſandte er ihr Speiſen von ſeiner Tafel, und ſchuͤttelte immer nachdenkend den Kopf, wenn er ſich die ſeltne Liebe des Maͤdchens, den ſchrecklichen Undank des Juͤnglings dachte.

Die fuͤrſtliche Fuͤrſorge reizte die nun we - nigſtens von Nahrungsſorgen befreiten Eltern57 zur groͤſſern und mehrern Aufmerkſamkeit. Um Ungluͤck zu verhuͤten, welches in ihrem Zu - ſtande ſo leicht und moͤglich war, verhinderten ſie es ſtrenge, daß Sophie nicht mehr nach dem Garten gehen, nicht mehr die hohe Linde be - ſteigen konnte, aber eben dieſe gute Meinung war die Urſache des ſchrecklichen Todes ihres ungluͤcklichen Kindes. Sophie wollte beten, ihr Ungluͤck, das keiner aͤuſſern Linderung faͤ - hig war, forderte dieſen innern Troſt mit Heftigkeit, ihr Wahnſinn verleitete ſie zu den Gedanken, daß ſie nur auf einem erhabnen Orte beten koͤnne. Als ihr alter Vater, noͤ - thiger Geſchaͤfte wegen, abweſend war, und ihre Mutter mit einer Nachbarin an der Haus - thuͤre ſprach, verließ Sophie das Zimmer, eilte auf den Boden des Hauſes, erkletterte ein Dachfenſter, und wollte durch dieſes bis au den Fenſtern des Hauſes empor klim - men. Die Nachbarn ſahen es, ehe ſie aber zn Huͤlfe eilen konnten, verlohr ihr Koͤrper das58 Gleichgewichte, ſie ſtuͤrzte von der Hoͤhe her - ab, und lag zerſchmettert vor dem ſtarrenden Auge der bebenden Mutter.

Ich wende mein naſſes Auge von dieſer ſchrecklichen Szene; als ſie dem Marggrafen bekannt wurde, ſeufzte er tief, und legte die Hand auf ſein fuͤhlendes Herz. Bald nachher machte er es bekannt, daß er die Leiche ſelbſt zu ihrer Ruheſtaͤtte begleiten wuͤrde, ſeinem Beiſpiele folgte der Hof und die ganze Stadt. Es war ruͤhrend zu ſehen, wie der lange Zug durch alle Gaſſen in krummen Linien dem Sar - ge der Ungluͤcklichen nachwallte. Der Hofpre - diger mußte die Leichenrede halten, er waͤhlte den Text: Er hat mich verlaſſen, aber der Herr nahm mich auf! Aller Augen thraͤnten, als er begann, und manche wan - kende Tugend des luͤſternen Maͤdchens ward durch ſeine vortrefliche Rede zum ſtaͤrkern und ſiegenden Kampfe ermuntert. Der Marggraf59 ließ das Grab der Ungluͤcklichen mit einem Leichenſteine zieren, und zahlte den trauern - den Eltern die zweihundert Thaler bis an ih - ren Tod.

Zwanzig lange Jahre nachher, als der Koͤrper des redlichen Fuͤrſten ſchon in der Gruft ſeiner Vaͤter ſchlummerte, langte am Rathhauſe der Stadt eine ſogenannte Bettel - fuhre an. Ein Sterbender aͤchzte darinne auf einem Bunde Stroh. Die Schriften, welche der Fuhrmann dem Rathe uͤberreichte, uͤber - zeugten den leztern ſogleich, daß der Ster - bende der undankbare, treuloſe Wilhelm ſei. Er war als ein Bettler im benachbarten Lande an der Straſſe krank gefunden, und gemaͤß ſeiner Auſſage, nach ſeinem Geburtsorte zur noͤthigen Verſorgung abgeſandt worden. Wie man ihn nach dem Spitale tragen wollte, hatte er ſeinen fuͤrchterlichen Todeskampf ſchon vol - lendet, er ward auf dem Gottesacker des60 Zuchthauſes beerdigt, niemand ging mit ſei - ner Leiche, niemand weinte an ſeinem Gra - be. Er ruht izt dort, wo er haͤtte dulden und buͤſſen ſollen! O wie gerne moͤchte ich den Vor - hang luͤften, und in das unendliche Jenſeits blicken, um jeden Verfuͤhrer, jeden Meinei - digen mit Gewißheit zurufen zu koͤnnen: Er buͤßt auch dort, was er hier verbrach!

61

Graf von L .

Selten, ſagt man im gemeinen Spruͤchwor - te, ſind die Ehen der Groſſen und Vorneh - men gluͤcklich, weil ſie ſelten aus aͤchter Liebe und Neigung, meiſtens nur aus Eigennutz und Nebenabſichten die Gehuͤlfin waͤhlen, wel - che mit ihnen Hand in Hand durchs Leben wan - dern, Kummer und Freude, Gluͤck und Un - gluͤck mit ihnen theilen ſoll. Graf L war unter den Wenigen, welche blos aus Nei - gung und Liebe waͤhlten, der gluͤcklichſte! Als ſein ſterbender, ſehr reicher Vater von dem jammernden Sohne die Erfuͤllung des einzigen Wunſches, ihn vor ſeinem Ende verheurathet zu ſehen, mit Wehmuth heiſchte, da fuͤhrte der Gehorſame ein ſehr armes, aber ſchoͤnes und tugendhaftes Maͤdchen vor ſein Sterbe -62 bette. Nur wenige Stunden hatte der Alte noch zu leben, ſie waren ihm zu wichtig, um ſie zur Unterſuchung des Stammbaums der Braut zu verwenden, er ſegnete die Verlob - ten, und genoß in der lezten Stunde ſeines Lebens die Freude, ſeinen einzigen Sohn ver - heurathet zu ſehen.

Der zahlreiche Adel der ganzen groſſen Hauptſtadt ſtaunte uͤber dieſe ſeltne und ſchnel - le Heurath. Viele Muͤtter hatten bisher Ur - ſache, zu hoffen, daß der ahnen - und geld - reiche Graf eine ihrer Toͤchter zur Gemahlin waͤhlen wuͤrde, viele Vaͤter glaubten mit Zu - verſicht, daß er den Glanz ihrer zahlreichen Ahnen erkennen, und die durch ihre Ver - ſchwendung arm gemachte Tochter wieder reich und gluͤcklich machen wuͤrde. Aller Ausſichten waren nun vernichtet und verſchwunden, ein unbekanntes, armes Maͤdchen, das nie in einer Aſſemblee erſchienen war, war Graͤfin63 geworden, konnte nun alle an Glanz und Pracht verdunkeln!

Man achtete damals noch ſtreng auf Eti - kette und Ahnenprobe, der zankſuͤchtige Neid wuͤrkte noch ſtaͤrker, als dieſe Achtung, alle Damen beſchloſſen daher, daß keine unter al - len, nach damaliger Sitte und Gewohnheit, die junge Graͤfin in irgend einer Geſellſchaft auffuͤhren wolle, wenn ihr Gatte nicht vorher im Zirkel der Maͤnner deutlich und klar erwie - ſen haͤtte, daß ſie vom aͤchten Adel abſtamme, und apartementmaͤſſig ſei. Sie kannten die Geſinnungen des Grafen aus Erfahrung, ſie wußten, daß er ſich oft ſchon uͤber den Stolz des Adels luſtig gemacht hatte, ſie hoften, daß er aus dieſer Urſache, wenn er es auch vermoͤge, die Probe nicht leiſten wuͤrde, und wollten ſich dann herrlich an ihm raͤchen.

Graf L war erſt acht und zwanzig Jahr alt, als er ſich vermaͤhlte, ſein groſſer Reich -64 thum berechtigte ihn, frei und unabhaͤngig auf ſeinen ſchoͤnen Landguͤtern zu leben, aber ſein thaͤtiger Geiſt verachtete Muͤſſiggang und laͤ - ſtige Ruhe, ſchon im achtzehnten Jahre ſeines Alters trat er in die Dienſte ſeines Monar - chen, ſtieg durch Verdienſt, nicht durch Fuͤr - ſprache, immer hoͤher, und ward nach zwei Monaten, nach dem Tode ſeines Vaters, zum Praͤſidenten der Landesregierung ernannt. Er hatte bisher mit ſeiner ihn aͤuſſerſt liebenden Gattin in ſtiller, haͤußlicher Ruhe gelebt, er war der Trauer wegen mit ihr an keinem oͤf - fentlichen Orte erſchienen, und wuͤrde wahr - ſcheinlich nie dort erſchienen ſeyn, wenn ihm ſein neues Amt nicht neue Pflichten auferlegt haͤtte. Er empfing als Praͤſident vom Mo - narchen ſogenannte Tafelgelder, mußte dafuͤr taͤglich an gewiſſen Tagen eine oͤffentliche Tafel geben, und wahrſcheinlich im Namen des Monarchen den hoͤhern Adel bewirthen. Ehe ein Monat verfloß, erſchien einer dieſerTage,65Tage, er ſandte die gewoͤhnlichen Einladungs - billets umher, und ſtaunte, als er eben ſo viele Entſchuldigungen zuruͤck erhielt. Er glaubte die Urſache zu errathen, und ging am andern Morgen zum Monarchen. Mein Fuͤrſt, ſprach er im offnen Tone, ich bitte, mir die Tafelgelder nicht mehr auszahlen zu laſſen, denn ich kann ſie nicht benutzen, man hat mir alle meine Einladungsbillets mit leeren Ent - ſchuldigungen zuruͤckgeſendet.

Fuͤrſt. Zuruͤckgeſendet? Aus welcher Ur - ſache?

Graf. Ausdruͤcklich vermag ich ſie nicht anzugeben, aber hoͤchſt wahrſcheinlich iſt's dieſe, daß ich ein armes Maͤdchen heurathete, daß ich nur ihre Tugend, ihre vortrefliche Den - kungsart bewunderte, und aus Bewunderung uͤber dieſe ſeltnen Vorzuͤge zu fragen vergaß: Ob ſie auch einen gemahlten, mit ſechszehnBiogr. d. W. 4r Bd. E66Namen beſchriebnen Baum von ihrem Vater geerbt habe?

Fuͤrſt. (laͤchelnd) So iſt's alſo wuͤrk - lich wahr, was man bisher nur im Geheim munkelte, daß der Graf L , einer der ange - ſehenſten Kavaliere meines Landes, eine Buͤr - gerliche geheurathet habe?

Graf. (mit warmer Empfindung) Der Adel ihrer Seele iſt noch groͤſſer, als die Schoͤnheit ihres Koͤrpers! Ich ſehe alſo gar nicht ein, was fuͤr ein Unterſchied zwi - ſchen ihr und andern Damen ſtatt finden koͤn - ne, da ſie des Grafen L s, des fuͤrſtlichen Praͤſidentens Gattin iſt.

Fuͤrſt. Sie ſprechen mit Waͤrme.

Graf. Und ich glaube, auch mit Wahr - heit.

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Fuͤrſt. Wer war der Vater ihrer Gat - tin?

Graf. Er nennte ſich , ſtand als Hauptmann im Dienſte des Koͤnigs von , und ſtarb auf dem Schlachtfelde zu L .

Fuͤrſt. Eine kurze, aber ehrenvolle Bio - graphie.

Graf. Wuͤrklich ruhmvoller, als die Le - bensgeſchichte manches Domherrn, manches deutſchen Ritters mit zwei und dreiſig doku - mentirten und ſtiftsmaͤßigen Ahnen.

Fuͤrſt. (lachend) Lieber Graf, ſie ſind ein Sonderling, aber ich habe Sonderlinge die - ſer Art gerne zu Praͤſidenten, weil ſie nur auf Verdienſt, nicht auf Geburt und Zufall ſe - hen.

E 268

Graf. Dieſe Antwort machte Euer Durch - laucht zum Fuͤrſten, wenn ſie es nicht ſchon waͤren.

Fuͤrſt. Ich danke, lieber Graf, und nehm's nicht als Schmeichelei, ſondern als reine Empfindung ihrer Wahrheitsliebe. Aber, was werden wir nun machen? Die Tafel muß doch wie gewoͤhnlich gegeben werden.

Graf. (laͤchelnd) Ohne Gaͤſte?

Fuͤrſt. O dieſe werden nicht ausbleiben! Doch warten ſie Ich will die Sache an - ders ordnen! Ich werde die Tafel ſelbſt ge - ben, meine Einladungsbillets wird wohl nie - mand mit Entſchuldigung zuruͤckſenden?

Graf. O ganz gewiß nicht.

Fuͤrſt. Alſo auch ſie nicht, denn ſie muͤſ -69 ſen nebſt ihrer mir izt noch unbekannten Ge - mahlin mein Gaſt ſeyn.

Graf. Wenn ich mich nicht abermals hoch an der Etikette verſuͤndigte. Mein Weib be - trauerte bis izt mit mir den Verluſt eines ge - liebten Vaters, der kurz vor ſeinem lezten Augenblicke ihre Hand in die meinige legte, und unſre Verbindung kraͤftig ſegnete. Sie iſt bei unſrer durchlauchtigſten Fuͤrſtin noch nicht vorgeſtellt worden, ſie darf alſo ohnedies bei Hofe nicht erſcheinen, wenn nicht uͤberdies noch

Fuͤrſt. O ich weiß, was ſie ſagen wollen! Das alles entſchuldigt ſie nicht, ich werde mit meiner Fuͤrſtin ſprechen, und ſie erſcheinen mit ihrer Gattin am beſtimmten Tage um zwoͤlf Uhr im Kabinete der Fuͤrſtin. Keine Ausrede findet ſtatt! Sie muͤſſen erſcheinen!

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Graf. Wenn Euer Durchlaucht ausdruͤck - lich befehlen!

Fuͤrſt. Ja, ich befehle es! Bis dahin leben ſie recht wohl!

Der Graf ging, und machte ſeiner Gattin den Befehl des Fuͤrſten kund, er war ihr laͤſtig, denn ſie liebte Einſamkeit und Ruhe, und fuͤrchtete Hohn und Verachtung der hoffaͤrtigen Damen, doch fuͤgte ſie ſich dem Willen des Gatten, dem Befehle des Fuͤrſten. Indeß dieß alles geſchah, war in allen Geſellſchaften und Aſſembleen das Geſpraͤch uͤber die leere Ta - fel des Praͤſidenten in der Tagesordnung. Je - der Wizling, und dieß will ja ſtets jeder junge Kavalier ſeyn, erſchoͤpfte ſich an luſtigen Ein - faͤllen. Alles lachte, wenn ſie ſprachen, ſogar die aͤlteſten Damen billigten vom ganzen Her - zen die Rache, welche man an dem Praͤſidenten uͤbte, weil ſonſt das uͤble Beiſpiel leicht Fol -71 gen nach ſich ziehen, und mancher unerfahrne Junker das buͤrgerliche, reizende Geſicht ſchoͤ - ner, als das ahnen - aber auch fleckenreiche Geſicht einer ſtiftsmaͤßigen Fraͤulein finden, und ſo die Zahl der ſchreckensvollen Meßallianzen vermeh - ren koͤnne.

Der Rachetriumph mehrte ſich um ein großes, als allen am andern Tage kund ward, daß der Fuͤrſt aus wichtigen Gruͤnden bewogen worden ſey, die Tafel, welche ſonſt der Praͤſi - dent in ſeinem Namen geben mußte, ſelbſt zu geben, und aus dieſer Urſache wuͤrklich ſchon die Einladung gemacht hatte.

Seht ihr nun die Folgen der ſchrecklichen Meßallianz! ſprachen die Alten, und blickten mit warnendem Auge ihre Soͤhne an, die dann und wann nach einem Buͤrgerhauſe ſchlichen, und die haͤußliche Ruhe und Gluͤckſeligkeit deſſelben zu zerſtoͤhren ſuchten. Stolzer und72 freier blickten die ahnenreichen Fraͤulein umher, und dankten ingeheim Gott, daß er ſie in einem Stande auf die Welt ſezte, der appartement - maͤßige Tafeln geben, Heiducken halten, und bei oͤffentlichen Aufzuͤgen mit ſechs Pferden fah - ren konnte.

Gebt acht, riefen die alten Raͤthe aus; welche unter dem Vorſitze des jungen Praͤſiden - ten fleiſſiger im Rathe erſcheinen, und thaͤtiger arbeiten mußten, er verliert naͤchſter Tage ſei - ne Praͤſidentenſtelle! Nichts gewiſſers als die - ſes, antworteten die Damen, da er ſeine vor - nehmſte Pflicht nicht erfuͤllen, nicht Tafel ge - ben kann, bei welcher wir ohne Kraͤnkung unſe - rer Ehre erſcheinen koͤnnen. Der arme, durch die unſeligen buͤrgerlichen Reize verfuͤhrte Graf wirds am Ende bereuen, wenn er verach - tet und verlaſſen von allen aufs Land ziehen, und dort in unertraͤglicher Langenweile, in Ge - ſellſchaft roher Bauern ſeine jungen Tage ver -73 leben muß. Die Rache iſt ſchrecklich, aber er hat ſie verdient, ſein kuͤhner Schritt beleidigte die Geſezze der Natur, die ausdruͤcklich gebieten, daß ſich gleich und gleich verbinden ſoll, die Fol - gen koͤnnen nicht ausbleiben!

Ich ende das Geſchwaͤz des ſtolzen Un - ſinns, ich eile zu wichtigern, und ſchoͤnern Be - gebenheiten: Der Graf erſchien zur beſtimmten Zeit mit ſeiner ſchoͤnen Gattin im Kabinete der Fuͤrſtin. Sie war gnaͤdig und gut, ſie liebte ihren Fuͤrſten mit Leidenſchaft und Waͤrme, er hatte es ausdruͤcklich gefordert, und die Fuͤr - ſtin eilte mit offnen Armen der jungen Graͤfin entgegen. Sie mußte Plaz an ihrer Toilette nehmen, die beſcheidne Art, mit welcher ſie das unerwartete Gluͤck annahm, und zu verdienen ſuchte, die Richtigkeit, mit welcher ſie ſprach, die Waͤrme, mit welcher ſie im Geſpraͤche je - de Wahrheit vertheidigte, die vielen Kennt - niſſe, welche ſie in ihrem Geſpraͤche verrieth,74 erwarben ihr bald die wuͤrkliche Achtung und Freundſchaft der Fuͤrſtin. Gute Seelen finden ſich bald, und wiſſen ſich noch ſchneller zu ſchaͤtzen. Der Dank der Fuͤrſtin war daher aufrichtig, als endlich der Fuͤrſt ins Kabinet trat, und laͤchelnd fragte: Wie ihr die neue Geſellſchaft behage? Sie iſt meine Freundin worden, antwortete die Fuͤrſtin, und ich hof - fe noch manche angenehme Stunden in ihrer Geſellſchaft zu genuͤßen. Die Wahl macht alſo ihrem Herzen und Verſtande gleich große Ehre, ſprach der Fuͤrſt mit vergnuͤgtem Blicke zum Grafen, reichte der Graͤfin den Arm, und ging voran, um ſie nach dem Speiſeſaal zu fuͤhren; die Fuͤrſtin folgte am Arme des Gra - fen.

Der ganze hohe Adel der Hauptſtadt war im Speiſeſaale verſammlet, die Thuͤren oͤfue - ten ſich, und manches Geſicht bleichte, ver - zog ſich in maͤchtige Falten, als es die ver -75 haßte Buͤrgerin am Arme des Fuͤrſten erblickte. Viele kannten ſie noch nicht, ehe ſie aber for - ſchen und fragen konnten: Wer die fremde Dame ſey? Ergriff die Fuͤrſtin die Hand der Graͤfin, und fuͤhrte ſie bei allen Damen des Hofs mit der Bemerkung auf, daß dies die wuͤrdige Gemahlin des Herrn Praͤſidenten Gra - fen von L ſey, und daß ſie ſich gluͤcklich ſchaͤtze, ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben.

Es war des Mitleids wuͤrdig, wie die ſtaunenden Damen ihre Faſſung zu erhalten ſuchten, nicht freundlich ſeyn wollten, und doch freundlich ſeyn mußten. Der Fuͤrſt ſah zu, und laͤchelte. Man nahm Platz an der Tafel, die Graͤfin ſas an der Seite des Fuͤr - ſten, der Graf neben der Fuͤrſtin. Alles ſchwieg, nur dieſe ſprachen, und die Graͤfin, welche izt ihren innern Werth zu fuͤhlen be - gann, zeichnete ſich bald auf eine aͤuſſerſt vor - theilhafte Art aus. Jeder der Tafelnden ſuch -76 te ſich nun in ſein Schickſal zu fuͤgen, die Wunde, welche der Stolz eines jeden empfing, war groß und fuͤhlbar, aber man eilte auch, ſie eben ſo geſchwind, als ſie fuͤhlbar wurde, zu verbinden und zu verheelen.

Viele der anweſenden Kavaliere ſtammle - ten der neuen Graͤfin nach aufgehobner Tafel ihre Verehrung, und manche Dame ſtahl ſich hin zu ihr, und ihr ingeheim zufluͤſtern zu koͤnnen, daß ſie ſich gluͤcklich ſchaͤtzen wuͤrde, wenn ſie ſich bald ihres Beſuches erfreuen koͤnnte. Als man noch an der Tafel ſaß, ſprach der Fuͤrſt mit einmal: Apropos! lie - ber Praͤſident, eben faͤllt mirs bey, daß ich ſie heute des Vergnuͤgens beraubte, den groͤß - ten Theil meiner angenehmen Geſellſchaft in meinem Namen zu bewirthen, ich kann und will ſie dieſer Pflicht nicht entbinden. Beſtim - men ſie alſo, da wir alle beiſammen ſind, deu Tag, an welchem ſie ſolche erfuͤllen wollen.

77

Der Graf. Ich uͤberlaſſe die Beſtim - mung Euer Durchlaucht.

Fuͤrſt. So ſey's der kuͤnftige Montag, weil an dieſem eben meine Frau ihren Geburts - tag feiert, ich hoffe, daß ſie mich und ſie auch laden werden, wir werden willig erſchei - nen, und dieſen ſchoͤnen Tag in ihrer Geſell - ſchaft gewiß recht angenehm zubringen. Die Wahl der uͤbrigen Geſellſchaft uͤberlaſſe ich ih - nen, und bin dann gewiß, daß ſie nur ihre und meine Freunde waͤhlen werden!

Dieſe Donnerworte wuͤrkten maͤchtig, je - der wuͤnſchte herzlich an der Tafel Theil zu nehmen, um fuͤr einen Freund des Fuͤrſten geachtet zu werden, daher kams, daß ſich die Verachtung in ſo ſchnelle Verehrung verwandel - te, daß man izt mit groͤßter Begierde die Freundſchaft des Grafen und ſeiner Gattin ſuchte. Beide waren großmuͤthig genug,78 nicht Gegenrache zu uͤben, ſie genoſſen den verdienten Triumph im Stillen, und kamen jeden, der ſich ihnen nahte, mit Freundlich - keit entgegen. Jeder, welcher geladen zu werden wuͤnſchte, wurde geladen, und dies verpflichtete wenigſtens alle zur aͤußerlichen Hochachtung, zum innerlichen Danke.

Fuͤrſt und Fuͤrſtin bemuͤhten ſich, am be - ſtimmten Tage die Graͤfin aufs neue unter al - len Damen auszuzeichnen, und dieſe Bemuͤ - hung war die Urſache, daß man ganz zu ver - geſſen ſchien: Wer ſie einſt war? nur darauf achtetete: Was ſie izt ſey? Der Graf genoß als Praͤſident das volle Zutraun ſeines Fuͤrſten, ſeine Tafel ward immer zahlreich beſucht, und die Graͤfin erſchien nun, ohne aufgefuͤhrt zu werden, an allen oͤffentlichen Oertern, und in allen Geſellſchaften bei Hofe, wurde uͤberall hoch geſchaͤzt und geehrt, weil die Fuͤrſtin ſie als Freundin liebte. Freilich wurde im gehei -79 men, vertrauten Zirkel noch oft der Name der guten Graͤfin eitel genannt, und bitter uͤber das allzu leutſelige Betragen des fuͤrſtlichen Paars gloſſirt! Freilich gabs noch viele hoch - adliche Herren und Damen, welche dieſe Hand - lung als eine Verlezzung der theuer beeideten Landesverfaſſung, als einen Eingriff in die Rechte des Adels, als einen despotiſchen Machtſpruch ſchilderten, aber alle kamen doch darinne uͤberein, daß man dem reiſſenden Strome nicht widerſtehen koͤnne, und auf ge - legnere Zeit harren muͤſſe, bis man dieſe un - verdiente, hoͤchſt kraͤnkende Demuͤthigung raͤ - chen koͤnne.

Es verfloſſen acht lange Jahre, und die ſo oft gewuͤnſchte, ſo ſehnlich erwartete Gele - genheit zur Rache erſchien nicht. Immer mehrte ſich das Vertrauen des Fuͤrſten gegen den Grafen, die Freundſchaft der Fuͤrſtin ge - gen die Graͤfin. Man hatte geduldig zuſehen80 muͤſſen, wie der Fuͤrſt zwei der unadlichen Baſtarden, mit welchen die Graͤfin ihren Gat - ten erfreute, auf eigner Hand zur Taufe trug, und ſie durch ſeinen Namen hoch adelte. Man haͤtte gerne den Ruf der Graͤfin durch den Ver - dacht befleckt, daß der Fuͤrſt ſeine Urſachen zu dieſer ſo auszeichnenden Handlung haben muͤſſe, wenn nur er oder die Graͤfin irgend einen moͤg - lichen Scheingrund zu dieſer Vermuthung gelie - fert, die leztere nicht ſelbſt durch ihre auſſer - ordentliche, uͤberall hervorleuchtende Liebe gegen ihren Gatten derſelben geradezu wider - ſprochen haͤtte. Kurz zu ſeyn: Man be - muͤhte ſich wuͤrklich ſchon, das eingebildete, geduldete Unrecht zu vergeſſen, als mit einmal die ſo ſehnlich erwartete Gelegenheit zu nahen ſchien, die ſchlafende Rache weckte, und die Kaͤmpfer zum allgemeinen Kampfe vereinte.

Ein fremder Kavalier erſchien um dieſe Zeit bei Hofe, er und ſeine wuͤrklich ſehr ſchoͤneund81und reizende Schweſter ſuchten bei dem Fuͤrſten die Wohlthat zu erlangen, einen in einer rei - chen Erbſchaft nach aller Form Rechtens ver - lohrnen Prozeß wieder zu erneuern, und durch groͤſſere, neue Beweiſe zu ihrem Vortheile zu lenken. Der Fuͤrſt begegnete in jeder oͤffent - lichen Geſellſchaft dem fremden Kavalier, noch mehr aber ſeiner ſchoͤnen Schweſter mit beſon - derer Achtung, und gab endlich, ungeachtet der Praͤſident es wiederrieth, und die neuen Beweiſe als geringfuͤgig verwarf, die ausdruͤck - liche Erlaubniß, daß der Prozeß vom Neuen beginnen, und die voͤllige Entſcheidung ihm ſelbſt vorbehalten ſein ſolle.

Schon dieſe ſonſt ganz ungewoͤhnliche Ent - ſcheidung des Fuͤrſten gab Urſache zum Nach - denken, dies vermehrte ſich noch weit ſtaͤrker, als man deutlich gewahrte, daß der Fremde ſamt ſeiner Schweſter ſehr groſſen Aufwand mache, da es doch allgemein bekannt war, daßBiogr. d. W. 4r Bd. F82beide wirklich ſehr arm waͤren, nur von der Hofnung des neuen, unſichern Prozeſſes lebten. Man ſpuͤrte eifrig der Quelle des ſo unerwar - teten Aufwands nach, und eilte, als man ſie entdeckt zu haben glaubte, mit groͤßter Be - gierde zur anſcheinenden Favoritin, um theils aus ihrer Bekantſchaft kuͤnftigen Nutzen zu zie - hen, theils aber auch Gelegenheit zu finden, ſich durch dieſen ſo maͤchtigen Kanal an dem Praͤſidenten und ſeiner Gattin nachdruͤcklich zu raͤchen. Die fremde Dame ſchien ganz in das Komplot einzuſtimmen, weil ſie auf der wei - ten, groſſen Erde bisher nichts auszeichnendes und kein anderes Eigenthum als ihren ahnen - reichen Adelsbrief beſeſſen hatte, dieſen einzigen Reichthum daher uͤber alles ſchaͤtzte, und bei jeder Gelegenheit von ihren glorreichen Vor - fahren ſprach.

Als die Fremde ſich lange genug mit Be - weiſen erſchoͤpft hatte, daß der Adel ihres83 Vaterlauds ſo etwas nicht dulden wuͤrde, als ſie mit vielem Witze beigefuͤgt hatte, daß man nun wohl die Urſache einſehen koͤnne: Warum der Praͤſident einer ſo uralten, anſehnlichen Familie die reiche Erbſchaft ab, und einer weit geringern, weit ahnenaͤrmern Familie zuge - ſprochen habe? trat ihr Bruder in den zahl - reichen Zirkel, welcher ſich um ſie verſammelt hatte. Aber ſagt mir nur, ſprach er im bra - marbaſirenden Tone, ihr Herrn und Damen insgeſamt: Ob denn keiner unter euch allen den edlen Stolz beſaß, dieſe groſſe Beleidi - gung zu ahnden und zu raͤchen.

Einige. Sollten, konnten wir gegen den Willen des Fuͤrſten handeln?

Der Fremde. Nicht gegen dieſen, ſon - dern gegen das Buͤrgermaͤdchen, welches ſich ſo gewaltſam in eure geſchloßnen Geſellſchaf - ten eindraͤngt, und jeden ehrliebenden Aus -F 284laͤnder verhindert, daran Theil zu nehmen. Haͤtte ich von der abſcheulichen Meßallianz nur ein Wort erfahren, ich haͤtte an des Praͤſi - denten Tiſche nie einen Biſſen gegeſſen, in ſei - nem Hauſe keine Karte angeruͤhrt. Wo Ge - walt nichts vermag, da muß Liſt ſiegen! Waͤre ich ein Mitglied eures Bundes, ſchon laͤngſt haͤtte die Buͤrgerliche aus der Geſellſchaft wei - chen, und daheim es tief fuͤhlen muͤſſen, daß man eine hohe Treppe nicht uͤberſpringen, ſon - dern nur Stufenweiſſe erſteigen muß. (Alle Anweſende zukten die Achſeln.) War - tet, nur wartet, ich wills euch lehren, wie man in dergleichen Faͤllen handeln muß. Mor - gen iſt Spiel bei Hofe, iſts moͤglich, daß ich mich zum Tiſche der Frau Buͤrgerin draͤngen kann, ſo ſollt ihr alle eure Freude erleben, wie ich blos durch Witz und treffende Anſpie - lungen das ſtolze Ding demuͤthigen will. Ich wette, was ihr wollt, ſie wird, ſie muß es fuͤhlen, und ſollte die buͤrgerliche Haut fuͤr85 feine Stiche nicht reitzbar genug ſein, ſo wie - derholt man ſie ſtaͤrker, bis ſie's fuͤhlt, und ſich demuͤthiglich in ihr Schneckenhaus zuruͤck - zieht!

Alles lachte, alles freute ſich auf dieſe herrliche Szene, nur einige wenige gaben ab - ſichtlich dem Fremden den wohlmeinenden Rath, zu uͤberlegen und zu bedenken, daß ſolch ein Scherz leicht die Ungnade des Fuͤrſten und der Fuͤrſtin nach ſich ziehen koͤnne, als aber der Fremde mit einem ſehr bemerkbaren Seiten - blick auf ſeine Schweſter verſicherte, daß der Fuͤrſt eines ſolchen Bagatells wegen, ihm ſeine Gnade nicht entziehen wuͤrde, und die Schwe - ſter uͤberdies impertinent genug war, ihres Bruders Behauptung mit einem geheimnißvol - len Laͤcheln zu beſtaͤtigen, ſo wußte man, was man wiſſen wollte, und war nun uͤberzeugt, daß die Rache gelingen wuͤrde.

86

Aller Augen ruhten auf dem Fremden, als er am andern Tage ſich kuͤhn zum Spiel - tiſche der Praͤſidentin draͤngte, und von der Gefaͤlligen ſogleich die Erlaubniß erhielt, an ihrem Spiel Theil zu nehmen. Wider Ge - wohnheit wnrde an den benachbarten Tiſchen aͤuſſerſt zerſtreut geſpielt, man ſprach kein Wort, weil man gerne hoͤren wollte, wie der ſtolze Fremde ſein Wort erfuͤllen wuͤrde. Das Tarokſpiel war dazumal noch nicht in die Buͤr - ger - und Bierhaͤuſer verbannt, man ſpielte es haͤufig bei Hofe, und die Praͤſidentin ſpielte es eben mit ihrer Geſellſchaft. Nach einigen ſtill durchſpielten Parthien ereignete ſich der Zufall, daß die Praͤſidentin eben eine ſ[k]iſirte Kavallerie anſagte, als der Fremde eine wirk - liche und natuͤrliche beſaß.

Um Verzeihung, ſprach dieſer im laͤcheln - den Tone, als ſie ſolche vorzeigte, diesmal muß mir ihr Bruder der Monſieur Skis den87 Vorzug goͤnnen, denn ich habe eine natuͤrli - che Kavallerie.

Die Praͤſidentin. (im laͤchelnden, unſchuldigen Tone) Seit welcher Zeit iſt denn der Skis mein Bruder geworden?

Der Fremde. (ſeine Karten ord - nend im hingeworfenen Tone) Seit acht Jahren Madam!

Die Praͤſidentin. Wie ſo?

Der Fremde. (im gleichen Tone fortſprechend) Der Monſieur Skis iſt ein rechtkuͤhner Kerl, er mengt ſich in alles, giebt ſich izt eben fuͤr eine Dame aus, und iſt doch weiter nichts als ein ganz gemeiner Geſelle, den man nur im Nothfalle dazu brauchen kann. Es iſt mir herzlich lieb, daß ich eben den Hoffaͤrtigen demuͤthigen, und ihm beweiſen88 kann, daß eine wirkliche Dame weit mehr ſei, als eine ſkiſirte Dame. (die Praͤſidentin anblickend) Madam, ſie ſpielen aus!

Sie thats, ohne ein Wort zu ſprechen. Ihre Wangen waren hoch geroͤthet, ihr nie - dergeſchlagnes Auge ruhte auf den Karten. Dies vermehrte den Triumph der Anweſen - den, welche das Geſpraͤch deutlich gehoͤrt hat - ten, und es nun mit ſtillem Hohngelaͤchter von einem Tiſche zum andern verbreiteten. Die Praͤſidentin ſpielte noch einige Zeit fort, end - lich endigte ſie das Spiel unter einem Vor - wande fruͤher als gewoͤhnlich. Wie ſie die gebrauchten und verlohrnen Marken gegen Geld auswechſeln wollte, entfiel ihrer merkbar zit - ternden Hand ein Dukaten, ſie buͤckte ſich dar - nach, und ſuchte ihn unter dem Tiſche. Der Fremde, welcher aus Prahlſucht einen groſſen Pack Bankuoten herausgezogen hatte, um ſeine kleine Spielſchuld zu bezahlen, ergrif ſogleich89 eine Banknote von hundert Thaler, drehte ſie in Gegenwart vieler hinter ihm ſtehenden Kavaliers in die Geſtalt eines Fidibus zuſam - men, zuͤndete ſolche behende an der Wachs - kerze an, und leuchtete damit der ihren Du - katen ſuchenden Graͤfin.

Alles ſchrie und lachte, man war ſogar ſo kuͤhn, der Graͤfin am Ende den herrlichen Gedanken zu erzaͤhlen, und das Noble und Erhabne deſſelben zu loben.

Die Praͤſidentin entfernte ſich ſtillſchwei - gend, und eilte nach Hauſe. Wie ihr Gatte, dem eine laͤngere Parthie am Spieltiſche gefeſ - ſelt hatte, auch heimkehrte, wiſchte ſie die Thraͤnen aus ihren Augen, und ging ihm mit der gewoͤhnlichen Freundlichkeit entgegen. Du ſuchſt mir, ſprach dieſer im ernſten Tone, vergebens deine Thraͤnen zu verbergen, ſie flieſſen gerecht, und mein iſt die Pflicht, ſie90 zu ſtillen, und den Schimpf zu raͤchen. Unge - achtet ſich die Graͤfin alle Muͤhe gab, ihren Gatten zu beſaͤnftigen und zu bewegen, daß er um ihrer willen nicht Zank und Streit ſuchen, nicht Genugthuung fordern moͤge, ſo beſtand er doch hartnaͤckig auf lezterer, nur verſchwieg er ihr die Art, wie er ſie fordern wuͤrde.

Wie der Tag anbrach, verließ er ſein La - ger, auf welchem er die Nacht ſchlaflos durch - wacht hatte, und ging unter dem Vorwande, daß er wichtige Geſchaͤfte habe, nach ſeinem Kabinete. Er ſchrieb einen Brief, und ſandte den Kammerdiener damit fort, der erſt nach einigen Stunden die Ruͤckantwort uͤberbrachte. Er las ſie mit merkbarem Vergnuͤgen, blieb einige Zeit im Kabinete allein, und wollte eben ſeine Kinder beſuchen, als ein Leibhuſar des Fuͤrſten erſchien, und ihn ſchnell nach Hofe berief. Der Fuͤrſt empfing ihn mit ernſtem91 Blicke. Sie haben, ſprach er, den fremden Grafen R herausgefordert?

Graf. Ja, Euer Durchlaucht! (mit fe - ſtem Tone) Ich kanns nicht laͤugnen!

Fuͤrſt. Er hat verſprochen zu erſcheinen?

Graf. Ja, Euer Durchlaucht.

Fuͤrſt. Aber ich habe es ihm verboten, und verbiete es auch ihnen bei groͤßter Ungna - de, bei ſchaͤrfſter Ahndung! Dem Fremden verdenke ich es nicht, daß ers zuſagte, wie man ihn forderte, aber ihnen ihnen muß ichs doppelt verdenken. Kennen ſie die Geſetze mei - nes Landes nicht? Ich wuͤrde es nicht wagen, den Chef und Vertheidiger derſelben auf dieſe Art zu fragen, wenn er es nicht ſelbſt geſtan - den haͤtte, daß er ſie mit ſo feſtem Vorſatze verletzen wolle. Nur ihr unbedingter Gehor -92 ſam kann die That vergeſſen machen, ſonſt muͤßte ich ſie ahnden und raͤchen.

Graf. Euer Durchlaucht haben recht, ich fuͤhls, daß ich die Wuͤrde meines Amtes kraͤnk - te, und mich deſſen ganz unwuͤrdig machte. Ich bitte daher Euer Durchlaucht unterthaͤ - nigſt, mich meines Amtes zu entlaſſen.

Fuͤrſt. (zornig) Iſt das ihre ernſtli - che Bitte?

Graf. Noch nie bat ich ſo dringend, ſo ernſtlich!

Fuͤrſt. Sie ſei ihnen gewaͤhrt.

Graf. Ich danke innigſt und demuͤthigſt.

Fuͤrſt. Aber glauben ſie nicht etwan, daß dieſe ſtolze Entſagung meines Dienſtes ſie93 berechtigt, nur den Gedanken eines Duelles auszufuͤhren. Ich unterſage es ihnen aufs neue, und verſichere ſie auf Wort und Ehre, daß ich ernſte Maasregeln ergreifen, daß ich ſie zeitlebens auf eine Feſtung ſetzen wuͤrde, wenn ſie nur Mine machen wuͤrden, mein ſtren - ges Verbot zu uͤbertreten.

Graf. Ah, das iſt hart! Ah, das hat der raſtloſe Eifer im Dienſte meines Fuͤrſten nicht verdient!

Fuͤrſt. Ich ſpreche izt nicht mit dem wuͤr - digen Praͤſidenten meines Landes, ſondern mit dem Kuͤhnen, der meine Geſetze mit Fuͤſſen tre - ten will. Als dieſer muß es ihnen angenehm ſeyn, wenn der Fuͤrſt nur warnt, wenn er ſtra - fen koͤnnte. Was hat ihnen denn der Graf ge - than, daß ſie zu einer ſo verwegnen Rache ſchreiten wollen?

94

Graf. Er hat meine Gattin beleidigt.

Fuͤrſt. Wer weiß

Graf. Er hat meine Gattin tief belei - digt.

Fuͤrſt. So wie ich von allen gegenwaͤrti - gen Zeugen, denen ich glauben kann und glau - ben muß, erfahren habe, ſo wars mehr Be - gierde, durch Witz zu glaͤnzen, als eigentliche Abſicht, ihre Gattin zu beleidigen. Schon aus dieſer Ruͤckſicht verdient die ganze Sache Ver - geſſenheit, die ich ihnen dringend anempfehle.

Graf. So etwas kann, darf ich nicht ver - geſſen. Meine Ehre erlaubt es nicht.

Fuͤrſt. Ein wahres Vorurtheil!

Graf. Sei's ein Vorurtheil, aber die Welt achtet einmal darauf, und ich will nicht der einzige ſeyn, der's zu vernichten wagt.

95

Fuͤrſt. Sie ſind ein Sonderling! Ver - zeihen ſie, daß ich es ſagen muß, ſie ſind ein Undankbarer! Sie haben ſich kuͤhn uͤber ein weit ſtaͤrkeres Vorurtheil hinweggeſezt, als ſie heuratheten; es koſtete mir Muͤhe und Arbeit, ihren Schritt zu vertheidigen, und izt, da ich ein billiges Vergeltungsrecht, die Ueberwin - dung eines weit kleinern und obendrein ſtraͤf - lichen Vorurtheils fordere, beſtehen ſie auf ih - rem Vorſatze.

Graf. Darf ich mich entfernen?

Fuͤrſt. Nein! ſie muͤſſen mich weiter hoͤ - ren.

Graf. Der Fuͤrſt ſpreche, der treue Un - terthan hoͤrt.

Fuͤrſt. Ich erwarte dies. Koͤnnen ſie es dem fremden Grafen wohl verdenken, wenn96 auch er auf ſein Vorurtheil ſtolz iſt, und es zu vertheidigen ſucht?

Graf. O ich verdenke es ihm gar nicht, und hoffe gleiche Billigkeit von ihm.

Fuͤrſt. Sie wandeln wieder auf einem verbotnen Schleichwege.

Graf. Euer Durchlaucht zwangen mich dazu.

Fuͤrſt. (mit Guͤte) Ich will ſie auf die grade Straſſe zuruͤckfuͤhren, will vergeben und vergeſſen, will ſelbſt Gelegenheit zur[Verſoͤh - nung] machen. Werden ſie ſolche ausſchlagen?

Graf. Nein! Wenn Graf R in eben der zahlreichen Geſellſchaft, in welcher er meine Gattin beleidigte, mich und ſie oͤffentlich um Vergebung bittet.

Fuͤrſt. O ſie verlangen Unmoͤglichkeiten!

Graf.97

Graf. Eine ſehr leichte Moͤglichkeit, wenn ihm anders ſein Leben nicht gleichguͤltig iſt.

Fuͤrſt. (ſehr zornig) Genug und uͤbergenug! Binnen einer Stunde werden ſie die Reſidenz verlaſſen, ihre Frau wird ihnen in ſo viel Tagen folgen. Sie werden nie da, wo ich bin, nie mehr vor meinem Angeſicht erſchei - nen! Gehen ſie, und wenn ihnen Reue anwan - delt, ſo bedenken ſie, daß ſie dieſe Strafe durch ihre Hartnaͤckigkeit verdienten.

Graf. Ich danke! Ich danke! Darf ich mich izt entfernen?

Fuͤrſt. Gehen ſie! Gehen ſie auf im - mer!

Der Graf ging. Unterdruͤckter, gehemm - ter Zorn und Begierde nach Rache leitete ſeineBiogr. d. W. 4r Bd. G98Schritte, wurde Meiſter ſeiner Vernunft, wel - che die ſchrecklichen Folgen nicht mehr erwaͤgen konnte. Ohne eigentlichen Vorſatz, ohne es ſelbſt zu wollen, trat er in die Wohnung des fremden Grafen, in deſſen Zimmer ſich eben eine zahlreiche Geſellſchaft befand, welche ge - kommen war, ihm Gluͤckwuͤnſche uͤber ſeine heroiſche That, uͤber ſeinen glaͤnzenden Witz zu machen, und zu fernern Thaten anzufeuern. Eben ſchwur er hoch und theuer, daß er nicht raſten, nicht ruhen wuͤrde, bis er die buͤrger - liche Praͤſidentin aus allen Geſellſchaften ver - draͤngt habe, als der Praͤſident ins Zimmer ſtuͤrmte. Der ſtolze Bramarbas erbleichte, und ſeine eben ſo niedrig denkenden Schmeich - ler zogen ſich zuruͤck.

Graf L . Haben ſie meinen Brief er - halten?

Graf R . Ich habe, ich habe auch geant -99 wortet, allein der Fuͤrſt hat's ausdruͤcklich un - terſagt, und ich

Graf L . Und ſie ſind ein feigherziger Schurke, der wohl wehrloſe Weiber beleidigen kann, aber dem Manne nicht Rede ſtehen will.

Graf R . Herr Graf! Herr Praͤſident!

Graf L . Sie haben meine Ausforde - rung abſichtlich bekannt gemacht, damit der Fuͤrſt ſie erfahre und verhindere. Sie ſind ein zaghafter Bube: Raͤchen ſie dieſen Schimpf, wenn ſie Muth haben.

Graf R . (zu den Gaͤſten) Meine Herren, verhindern ſie Ungluͤck

Graf L . Schurke! zieh!

G 2100

Er drang mit dem Degen auf ihn ein, Graf R zog den ſeinigen, aber er vertheidigte ſich nur ſchwach, furchtſam und ungeſchickt, ehe die Anweſenden Muth faßten, die Streitenden zu hindern, ſank Graf R roͤchelnd zu Boden, ein Stich durch die Lunge raubte ihm in zwei Stunden das Leben. Niemand wagte es, den wuͤthenden Grafen L anzuhalten, als er ſich, wie Graf R zu Boden ſank, eilend ent - fernte.

Wie das Blut aus der Wunde des Ermor - deten hervorſtroͤmte, entfloh hohnlachend die geſaͤttigte Rache, Zorn und Wuth folgten, und uͤberlieſſen den Thaͤter der ruͤckkehrenden Vernunft. Dieſe rieth zur ſchnellen Flucht, er hatte, ehe er zum Fuͤrſten berufen wurde, zu ſatteln geboten, er erinnerte ſich izt dieſes Befehls, eilte nach Hauſe, ſchwang ſich auf das bereitſtehende Roß, und jagte unaufhalt - ſam von dannen. Er liebte ſein Weib aufs101 innigſte, er war der zaͤrtlichſte Vater ſeiner Kinder, aber Furcht, Angſt und Reue erlaub - ten ihm nicht, beide noch einmal zu ſehen[u]nd an ſein Herz zu druͤcken, er war uͤberzeugt, daß er ſich nicht von ihnen trennen koͤnnte, wenn er ihr Flehen hoͤrte; er wußte, daß der Rabenſtein ſein Todenbette werden muͤſſe, wenn er bliebe; er eilte fort, um ſich vor die - ſem ſchmaͤhlichen Tod zu retten, und ſeinem Weibe groͤſſern Jammer, ſeinen Kindern Schande zu erſparen.

Erſt nach zwei Stunden erfuhr der Fuͤrſt die That und des Grafen R s Tod mit ein - mal. Er wuͤthete und raßte, er ſchwur hoch und theuer, daß er beides ſtreng raͤchen wuͤrde. Nicht allein Gerechtigkeitsliebe, ſondern auch eine heftige Leidenſchaft war die Urheberin die - ſes Schwurs. Die Spaͤher ſeiner Handlungen hatten gut und weiſe geurtheilt; er liebte die fremde Graͤfin innig und zaͤrtlich, er ſuchte102 ihre Gegenliebe durch praͤchtige Geſchenke, durch noch groͤſſere Verſprechungen zu gewin - nen. Sie nahm beides, aber ſie widerſtand, und fachte dadurch die Flamme noch heller an.

Als er ſich am Morgen nach ihrer Woh - nung ſchlich, durch neue Geſchenke nur einen Kuß erbetteln wollte, trat ihr Bruder, der Graf R , mit bleichem Angeſichte ins Zim - mer, ſprach heimlich mit ihr, und uͤbergab ihr das ſchreckbare Ausforderungsbillet des Grafen L . Sie verſprach den Furchtſamen Vermitt - lung, und er ging mit leichtem Herzen von dannen. Als er fort war, erzaͤhlte die Liſtige dem verliebten Fuͤrſten alles, verſprach ihm ſechs freiwillige Kuͤſſe, ließ ihn noch mehrere hoffen, wenn er die Sache ſo vermittle, daß der Praͤſident ſchweigen muͤſſe, und ihr Bru - der ſeines Scherzes wegen der Todesgefahr entriſſen wuͤrde.

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Der Fuͤrſt gab ſein Wort, glaubte es durch die Entfernung des Praͤſidenten ganz erfuͤllt zu haben, und wollte eben wieder zur Graͤfin ei - len, um die Fruͤchte ſeiner Bemuͤhung zu ernd - ten, als ihm dieſe ſchreckliche Nachricht ward. Um ſeine Unſchuld zu beweiſen, um darzuthun, daß er ſein Wort getreu erfuͤllte, und endlich die betruͤbte Schweſter zu troͤſten, fuhr er zum er - ſtenmale oͤffentlich nach der Wohnung der Graͤfin. Sie weinte, als ſie aber den Fuͤrſten erblickte, ſtock - ten ihre Thraͤnen, ſie ergrif ſeine Hand, und fuͤhrte ihn ſtillſchweigend nach dem Zimmer des Ermordeten. Dies war, ſprach ſie im furcht - baren Tone, mein Bruder, der Praͤſident war ſein Moͤrder. Wenn dieſer auf dem Raben - ſteine geblutet hat, wenn ſein Weib ſammt ihrer verfluchten Brut an fremden Thuͤren um Brod bettelt, dann. Fuͤrſt, ſpreche ich wieder mit ihnen, dann bin ich ganz die Ihrige. Wenn aber der Ruchloſe nicht blutet, wenn ſein Weib und ſeine Kinder nicht betteln, ſo ſei das104 Wort, welches ich mit ihnen ferner ſpreche, das lezte, welches mein Mund auszuſprechen vermag. Ich ſchwoͤrs bei der Leiche des gelieb - ten Bruders, ich wills halten all mein Lebe - lang! Mit dieſen Worten entſchluͤpfte ſie der Hand des Fuͤrſten, und war nicht mehr zu be - wegen, die Thuͤre ihres verſchloßnen Kabinets zu oͤfnen.

Der ſonſt ſo guͤtige, ſo menſchenfreundliche Fuͤrſt liebte innig, liebte aͤuſſerſt heftig. Dieſe Leidenſchaft, die zwar oft ſchmachtet, aber auch raßt und wuͤthet, wenn ſie Widerſtand findet, leitete izt ſeine Handlungen, die uͤberdies in Eile und Hitze ausgeuͤbt wurden. Noch ſaß die arme Gattin, unbekannt mit allen, in ihrem Zimmer, ſah dem Spiele ihrer Kinder zu, als Abgeſandte des Fuͤrſten eintraten, ihr ohne Schonung die raſche That ihres Gatten, und zugleich den ſtrengen Befehl des Fuͤrſten be - kannt machten, daß ſie das ganze Haus durch -105 ſuchen, den Thaͤter ohne Schonung arretiren, und in jedem Falle ſein ganzes Haab und Ei - genthum verſiegeln ſollten.

Die Arme zitterte und bebte, ſie hatte kurz vorher geweint, weil der Graf ſo lange nicht heimkehrte, und ſie ſeinen Vorſatz ahnde - te; izt bat ſie innig Gott, daß er ſeine Schrit - te von ihr entfernen moͤge, und dankte ihm inbruͤnſtig, als ihr ein treuer Diener, der ihre Sorge errieth, heimlich zufluͤſterte, daß der Graf ſchon zwei Stunden vorher auf ſeinem ſchnell - ſten Reitpferde ausgeritten, und wahrſcheinlich entflohen ſei. Man unterſuchte ſtrenge, und erſtattete, wie man ihn nicht fand, Bericht. Die Wuth des Fuͤrſten ward dadurch hoch ge - reizt, alle ſeine Huſaren mußten aufſitzen, und mit Steckbriefen in der Hand das Land durch - jagen. Die Poſt hatte nicht Pferde genug, um alle Kuriere zu foͤrdern, welche mit den drin - gendſten Erſuchſchreiben in die benachbarten106 Staaten abgeſandt wurden, um den Moͤrder anzuhalten und auszuliefern. Alle Haͤuſer der groſſen Stadt waͤren ſtreng durchſucht worden, wenn nicht Zeugen aufgetreten waͤren, und ausgeſagt haͤtten, daß man den Grafen durchs Thor jagen ſah. Ehe eine Stunde verfloß, erſcholl in der ganzen Stadt die Nachricht, daß man den Ungluͤcklichen, welcher eine halbe Stunde vor der Stadt mit ſeinem Pferde ſtuͤrz - te, und ſich den Fuß verrenkte, in einer Bau - ernhuͤtte, wo er ſich verbergen wollte, ent - deckt und nach dem Gefaͤngniſſe zuruͤckgefuͤhrt hatte.

Schrecklich war dieſe Nachricht fuͤr ſeine Freunde, noch ſchrecklicher fuͤr ſeine Gattin, die nur deswegen aus einer Ohnmacht geweckt wurde, um in eine neue und ſtaͤrkere ſinken zu koͤnnen. Alle Buͤrger liebten den gerechten Praͤſidenten, viele vom Adel mußten ihn ver - ehren, und bemitleideten ihn izt wuͤrklich, da107 da es ſo weit mit ihm gekommen war. Trau - er und ſtiller Ernſt war daher in der Stadt allgemein, nur der Fuͤrſt, welcher doch ehe - mals ſein Beſchuͤtzer, ſein Freund war, jubelte, als er ſeine Gefangenſchaft vernahm, vergaß alles andere, und verließ die Tafel, an der er eben ſaß, um zur Schweſter des Ermordeten zu eilen, und ihr den Erfolg ſeiner Bemuͤhung kund zu machen.

Er ward wider Vermuthen vorgelaſſen. Im ſchwarzen Kleide, das ihre Schoͤnheit um vieles erhoͤhte, ſaß ſie auf dem Sopha, hoͤrte ſeine Erzaͤhlungen ſtillſchweigend an, ſchien zu laͤcheln, beantwortete aber keine ſeiner Fra - gen, und war nicht zu bewegen, nur ein Wort mit dem verliebten Fuͤrſten zu ſprechen. Ob ich gleich nur ein Weib bin, ſchrieb ſie, als er anhaltend flehte, auf ein Stuͤckchen Papier, ſo werde ich doch gleich dem ſtaͤrkſten Manne meinen Schwur halten und treu erfuͤllen. 108Mehr konnte der Fuͤrſt nicht erhalten, er eilte mit dem feſten Vorſatze fort, um dieſe Erfuͤl - lung nach Kraͤften zu befoͤrdern.

Mit einer Eile, die ganz der heftigſten Rache, aber nicht der aͤchten Gerechtigkeits - liebe aͤhnlich ſah, ward von ihm noch am nem - lichen Tage eine beſondere Kommiſſion nie - dergeſezt, welche den ernſten Auftrag erhielt, die That des Ungluͤcklichen nach aller Strenge zu unterſuchen, und wuͤrde ſie wahr befun - den, das Todesurtheil und die Konfiska - zion ſeines ganzen Vermoͤgens ſogleich auszu - ſprechen. Alle Mitglieder dieſer Kommiſſion waren als Feinde und Neider des Grafen all - gemein bekannt, nur Vorſatz, nicht bloſſer Zufall konnte ſie vereint haben, und da der Fuͤrſt ausdruͤcklich erklaͤrt hatte, daß man nur die Wahrheit der That unterſuchen, ſich nicht an Formalien binden ſolle, ſo wars ſehr leicht zu begreifen, wie die Kommiſſion ſchon109 binnen drei Tagen dem Fuͤrſten nebſt den ge - ſchloßnen Akten auch das Todesurtheil und den Befehl zur Vermoͤgenskonfiskazion vorlegen konnte.

Der ungluͤckliche Graf hatte die Unterſu - chung durch ſein freiwilliges Geſtaͤndniß ſehr erleichtert, er appellirte an die Gnade ſeines Fuͤrſten, aber ſie ward verweigert, und To - desurtheil und Befehl ſogleich unterſchrieben. Indeß der Fuͤrſt zu ſeiner Geliebten eilte, um fuͤr dieſe Nachricht einen guͤnſtigen Blick zu erndten, eilten die Kommiſſairs in das Haus der ungluͤcklichen Praͤſidentin. Hofnung, den Theuern zu retten, hatte ſie aus ihren Ohn - machten geweckt, Begierde, ſein Leben zu fri - ſten, hatte ſie durch dieſe angſtvollen Tage aufrecht erhalten. Sie ließ unter dieſer Zeit nichts unverſucht, um ihren edlen Zweck zu erreichen; ſie flehte bei dem Fuͤrſten um Au - dienz, er verweigerte ſie ſtrenge, ſie ſuchte oft110 in ſeine Gemaͤcher zu dringen, aber die auf - merkſame Wache vereitelte jede ihrer Bemuͤ - hungen, ſie wollte zu ihrer Freundin, zur guͤtigen Fuͤrſtin eilen, aber auch hier verſagte ihr die Wache den Zutritt, und ob ſie gleich taͤglich auf Gelegenheit lauerte, die Fuͤrſtin auf einem ihrer gewoͤhnlichen Spaziergaͤnge zu ſprechen, ſo ward ihr doch am Ende die traurige Nachricht, daß der Fuͤrſt ſeiner Ge - mahlin ſehr ſtreng begegne, und jeden Spa - ziergang unterſagt habe. Eben ſah ſie mit groͤßtem Verlangen einer Antwort auf einen Brief entgegen, den eine alte Kammerfrau, durch ihre Thraͤnen erweicht, der Fuͤrſtin heimlich zu uͤbergeben, verſprochen hatten, als die Kommiſſaͤre in ihr Zimmer traten, und der Ungluͤcklichen ohne Schonung bekannt machten, was der Fuͤrſt kurz vorher unter - zeichnet hatte.

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Ihre Kraͤfte wichen, ſie ſank leblos zur Erde, aber Angſt und nahende Verzweiflung riß ſie wieder auf ihre Knie empor, ſie ſtreck - te ihre Arme fuͤrchterlich in die Hoͤhe, und flehte mit zitternden Lippen, mit ſtammeln - den Worten Gottes Allmacht und Barmher - zigkeit zu ihrer Rettung herab. Sie ſchiens nicht zu achten, nicht zu fuͤhlen, als man auch noch das Wenige, was man anfangs fuͤr ihr Eigenthum erkannte, mit Siegeln beleg - te, ſie folgte willig, wie man ihr kund mach - te, daß ſie ein Haus, welches auf fuͤrſtlichen Befehl konfiszirt ſey, verlaſſen muͤſſe.

Einer ihrer alten, aber auch treuſten Diener, leitete ſie nach ſeiner elenden Woh - nung, ſie fuͤhrte ihre Kinder am Arme, und blickte mit ſtarrem Auge zum Himmel empor. Eine Menge Volks folgte der Leidenden mit thraͤnendem Auge, mit geruͤhrtem Herzen. Schon waͤhnte der treue Diener, daß ihre112 Vernunft ein Raub des Jammers geworden ſey, als ſie nach einer langen Stunde aus ihrer Starrſucht erwachte, und ihn dringend bat, zur alten Kammerfrau der Fuͤrſtin zu eilen, und anzufragen: Ob noch Hofnung fuͤr ſie auf Erden gruͤne? Der Greis eilte fort, und kehrte athemlos mit einem Briefe zuruͤck, welchen er von der Kammerfrau er - halten hatte. Es war die einzige Hofnung, an der ihr Herz hing, die ſie noch auf Erden erwarten konnte, ſie grif ſehnſuchtsvoll und haſtig darnach, und las folgendes:

Erſt izt, theure Freundin und Gefaͤhr - din des Jammers, fuͤhle ich mein eignes Un - gluͤck vollkommen, da es mich ſo deutlich uͤberzeugt, daß ich nicht einmal mehr faͤhig ſey, anderer Thraͤnen zu ſtillen, da ich nur die meinigen mit den ihrigen vermiſchen kann. Schon ehe ihr Flehen zu meinen Ohren drang, und mein Herz ſchrecklich preßte, wagte iches,113es, den Fuͤrſten dringend zu bitten, Gnade fuͤr Recht ergehen zu laſſen, den armen Wai - ſen einen Vater, der jammernden Gattin ei - nen geliebten Gemahl zu erhalten, aber ich bat, ich flehte vergebens! Freundin! Es iſt ſchrecklich, aber es iſt eben ſo wahr! Ich ha - be die Liebe meines Gatten verlohren, eine andere feſſelt ſein Herz, und fuͤllt es mit Ra - che. Wie kann, wie ſoll der Ueberſatte die Bitte ſeines Weibes hoͤren, wenn die Allge - liebte, die immer ſtaͤrker reizende Schweſter des Ermordeten unaufhoͤrlich nur blutige Ra - che heiſcht! Ich trage mein hartes Schickſal mit Geduld und Standhaftigkeit, kein Sterb - licher ſoll ſich ruͤhmen, meine Thraͤnen zu ſe - hen, ſollten ſie in Zukunft mein empfindſames Auge zu hart preſſen, ſo werden ſie nur in Gegenwart des Allwiſſenden ſtroͤmen, der mein Leiden kennt, der entſcheiden mag: Ob mir dort dafuͤr Lohn gebuͤhrt? Ich wuͤrde ih - nen gleichen Rath ertheilen, wenn ihr ſchreck -Biogr. d. W. 4r Bd. H114liches Ungluͤck einer ſolchen Standhaftigkeit faͤ - hig waͤre! Ich blicke vergebens nach Rettung umher, ich ſehe nur einen Weg, der dahin leitet. Es faͤllt meinem Stolze hart, ſie darauf zu fuͤhren, aber es gilt das Wohl und Leben guter Menſchen, und der Stolz muß weichen. Ein Wort der Schweſter des Getoͤd - teten, welches nur einer Bitte aͤhnlich lautet, wird den Fuͤrſten zur Gnade bewegen. Sie iſt ein Weib, ſie muß auch ein Herz haben. Wird dies dem Flehen der Gattin, dem Wim - mern der unſchuldigen Kinder widerſtehen koͤnnen? Verſuchen ſie dies Mittel, vielleicht harrt die zur Rache gereizte Schweſter auf die - ſen Schritt, ſie ſind ſchuldig, ihn zu thun, da ihr ungluͤcklicher Gatte ihr wuͤrklich einen geliebten Bruder raubte, der wohl Strafe, aber nicht Tod verdiente. Laſſen ſie mir in jedem Falle die Wuͤrkung meines Raths durch den bekannten Kanal erfahren, damit ich wenn allzugroßes Ungluͤck ihre Kraͤfte mindert,115 wenigſtens den Troſt genuͤße, fernere Huͤlfe zu ſuchen, wenn Huͤlfe noch moͤglich iſt.

Der Anfang dieſes Briefs raubte dem Herzen der Leidenden allen Troſt, das Ende deſſelben fuͤllte es mit neuem, auch ſie hofte, daß ihr Flehen das Herz der Rachbegierigen erweichen, und zur Fuͤrbitte bewegen wuͤrde. Sie ergriff ihrer Kinder Hand, und eilte nach der Wohnung der Graͤfin. Ihr muͤßt flehen, ihr muͤßt fuͤr euern Vater bitten! ſprach ſie zu jenen, als ſie dieſe betrat. Ein Bedien - ter, den ihre Thraͤnen ruͤhrten, fuͤhrte ſie ins Vorgemach, und meldete ſie. Ich will, ich mag die Frau des Moͤrders, die Urhebe - rin meiner Thraͤnen nicht ſehen! erſcholls durch die halbe ofne Thuͤre ins Ohr der Leiden - den.

Haben ſie Erbarmen mit der Ungluͤcklich - ſten ihres Geſchlechts! rief dieſe im verzweif -H 2116lungsvollen Tone aus, und drang ins Ge - mach der Graͤfin. Sie hatte im Gehen die Worte geordnet, mit welchen ſie das Herz derſelben erweichen wollte, izt hemmte die Groͤſſe ihres Leidens die Organe der Sprache, ſie ſtuͤrzte wimmernd zu den Fuͤßen der Graͤ - fin nieder, ſie umklammerte ihre Knie, ſie wollte ſprechen, und vermochte es nicht. Die armen Kinder knieten hinter ihr, hoben ihre Haͤnde in die Hoͤhe, und weinten laut. Weg von mir, Schlange! Weg von mir! Nat - terbrut! ſchrie die Graͤfin, entriß ſich den Haͤnden der Bittenden, und entſchluͤpfte in ihr Kabinet, das ſie feſt hinter ſich verrie - gelte.

Einige Bedienten ſchleppten die Jam - mernde ins Vorgemach, und uͤberließen ſie dort der Verzweiflung zum Raube. Bald hernach wankte ſie heim, ſchrieb einige zit - ternde Zeilen an die Fuͤrſtin, und wollte117 eben was ihr bisher noch nie gelungen war aufs neue verſuchen: Ob ſie nicht wenig - ſtens ihren ungluͤcklichen Gatten noch einmal ſehen und ſprechen koͤnne? als ein Kommiſ - ſaͤr des Fuͤrſten erſchien, ſie ſammt ihren Kindern nach einem Wagen fuͤhrte, und mit ihr nach dem Rathhauſe fuhr, wo man ihr zwar auf ſeinen Befehl ein anſtaͤndiges Zim - mer oͤfnete, aber auch zugleich kund machte, daß ſie bis auf weitere Entſcheidung eine Ge - fangne ſey.

Die rachſuͤchtige Graͤfin R war die Ur - ſache ihres neuen Kummers, dieſe Furie beobachtete noch immer in Gegenwart des Fuͤrſten ein ſtrenges Stillſchweigen, aber, wenn ſie etwas von dem Verliebten erhalten wollte, ſo ſchrieb ſie ihm, und war dann des Erfolgs gewiß. Der lezte ihrer Briefe, ent - hielt die Drohung, daß ſie augenblicklich ab - reiſen werde, wenn man die Frau des Moͤr -118 ders nicht hindere, ſie ferner plagen zu koͤn - nen, und die Aermſte wurde ſogleich arretirt, um die Moͤglichkeit eines neuen Verſuchs zu hindern. Hier duldete und ſchmachtete ſie dem ſchrecklichen Tage entgegen, an welchem ihr Gatte auf dem Rabenſteine bluten ſollte. Sein Urtheil war unwiderruflich, man mach - te es ihm am Morgen des andern Tages kund, und er bereitete ſich ſtandhaft zum nahen To - de. Seine Miene war, oder ſchien wenig - ſtens heiter und ruhig, nur dann truͤbte ſie ſich, und einige Thraͤnen rollten unaufhalt - ſam uͤber ſeine Wangen herab, als man ihm die ſchreckliche Nachricht brachte, daß ſeine lezte Bitte nicht erfuͤllt werden, daß er ſeine Gattin nicht mehr ſehen und ſprechen koͤnne. Alſo dort, wo keine Trennung mehr moͤglich iſt! ſprach er ſeufzend, und trat ans Fen - ſter, um neue Kraͤfte zur Standhaftigkeit zu ſammeln.

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Die zahlreichen Buͤrger der großen Reſi - denzſtadt liebten den gerechten Praͤſidenten, keiner hatte, gleich ihm, ſo willig einen je - den gehoͤrt, keiner ſo anhaltend die Sache des Unterdruͤckten vertheidigt, ihr Herz nahm da - her Antheil an ſeinem ungluͤcklichen Schickſale, ſie verſammelten ſich und beſchloſſen einſtim - mig, nach Hofe zu gehen, und den Fuͤrſten anzuflehen, daß er ihm wenigſtens das Leben ſchenken moͤge. Aller Augen weinten, wie ſie am andern Tage wuͤrklich in ſchwarzen Maͤn - teln und mit traurendem Blicke nach der Burg zogen, und Audienz forderten. Der Fuͤrſt trat willig unter ſie, er hoͤrte ihre Bitte ge - duldig an, aber er verſicherte ſie eben ſo ſtand - haft, daß er Gerechtigkeit in ſeinem Staate uͤben muͤſſe, und denjenigen nicht begnadigen koͤnne, der ſeine Haͤnde in unſchuldiges Blut getaucht, nach einſtimmigen Beweiſen vor - ſezlich gemordet habe. Er blickte geruͤhrt um - her, er ſeufzte tief, als die ganze Menge120 mit einmal nieder kniete, und abermals Gnade! Gnade! rief, aber er faßte ſich ſchnell, winkte den Knienden mit der Hand, und eilte in ſein Zimmer.

Viele nahmen dieſen Wink als einen Be - weis der Erhoͤrung, aber mehrere meinten, daß den Ungluͤcklichen nur Gott retten koͤnne, und bei dem Fuͤrſten keine Gnade zu hoffen ſey. Ihre Meinung ward durch die Folge be - ſtaͤtigt; noch am nemlichen Tage wards all - gemein kund, daß der ungluͤckliche Graf am folgenden Morgen unwiderruflich auf dem Ra - benſteine bluten muͤſſe. Jeder, der es hoͤrte, weihte ihm eine neue Thraͤne, und blickte dann betend zu Gott empor, damit ſein To - deskampf kurz und ſtandhaft ſeyn moͤge.

Es war eben hoch im Sommer, ſchon um vier Uhr fruͤh ging die Sonne auf. Mit ihrem Aufgange verſammelten ſich auch die121 Soldaten, welche den Verurtheilten<