PRIMS Full-text transcription (HTML)
Lovell
William Lovell.
We make ourselves fools, to disport ourselves; And spend our flatteries, to drink those men, Upon whose age we roid it up again, With poisonous spite, and envy. Who lives, that’s not Depraved, or depraves? who dies, that bears Not one spurn to their graves of their friend's gift?
Shakspeare
Erſter Band.
Berlin und Leipzig,beyCarl Auguſt Nicolai.1795.
[1]

Vorrede.

Ich will und kann hier nur wenig ſagen. Dieſe Geſchichte hat vielleicht fuͤr diejenigen Leſer einiges Intereſſe, die in einer Erzaͤh - lung die Karaktere und ihre beſtimmte Zeichnung fuͤr die Hauptſache halten: dieje - nigen, die ſich daran gewoͤhnt haben, nur abentheuerliche, unzuſammenhaͤngende Bege - benheiten anziehend zu finden, werden dieſes Buch verdruͤßlich aus der Hand werfen. Ich wende mich hier vorzuͤglich an alle die[2] Leſer, die irgend einen Beruf zum Recenſi - ren fuͤhlen, um ſie zu erſuchen, dieſer Ge - ſchichte, die in drey Theilen erſcheinen wird, nicht bloß nach dieſem erſten ein Ver - dammungsurtheil zu ſprechen.

[3]

Geſchichte des Herrn William Lovell.Erſtes Buch.

A 2[4][5]

1. Karl Wilmont an ſeinen Freund Mortimer in London.

Wie koͤmmt es denn in aller Welt, daß Du nicht ſchreibſt? Hundert Muthmaßungen ſind mir ſchon durch den Kopf geflogen, aber auch nicht eine hat eine bleibende Stelle finden koͤn - nen. Bald halt ich Dich fuͤr todt, bald fuͤr ver - reiſt, bald glaub ich Dich irgend wodurch er - zuͤrnt zu haben, bald Deine Briefe auf der Poſt verloren. Doch, wie geſagt, von allem kann ich nichts glauben. Oder biſt Du etwa auch ein Ueberlaͤufer geworden und haſt zur ſchwarzen Fahne der traurigen, langweiligen Ernſthaftigkeit geſchworen? Es ſollte mir leid um Dich thun; aber wenn Du mir nicht launige Briefe ſchrei - ben willſt, ſo ſchicke mir wenigſtens ernſthafte: doch, wie geſagt, ich will es nicht von Dir hof -6 fen, denn du biſt wie dazu geboren, aus Deinem ganzen Leben einen Scherz zu machen und in der Laune, wie in Deinem Elemente zu leben. Ich habe noch bei Niemand dieſe gluͤckliche Miſchung des Temperaments gefunden, die ihn mit vollen Seegeln uͤber die tanzenden Wellen hinfuͤhrt, indeß ihm die zeitlichen Sorgen ſchwer, unbeholfen und mit zerriſſenem Thauwerk nach - rudern, ohne ihn jemals einzuholen. Ich ſchreibe Dir dieſen Brief als eine[Bittſchrift], oder als eine Kriegserklaͤrung, antworte mir freundſchaftlich oder ergrimmt, nur ſchreib! Sei traurig, wehmuͤthig, großherzig, kriege - riſch, luſtig, ernſthaft; lobe, tadle, verachte, ſchimpfe mich, nur ſchreib!

Nach dieſer pathetiſchen Anrufung bleibt mir nun nichts weiter uͤbrig, als meinen eigentlichen Brief anzufangen, der Dir alſo vor’s Erſte ſagen mag, daß ich hier in dem angenehmen Bonſtreet noch geſund und wohl bin, daß ich an Dich denke, daß ich Dich zu ſehn wuͤnſche, daß Lon - don nicht Bonſtreet und Bonſtreet nicht London iſt, und daß, wenn ich dieſen Brief in dieſer Manier zu ſchreiben fortfahre, Du ihn ſchwer - lich zu Ende leſen wirſt.

7

Nicht wahr, Du ſiehſt mir das langweilige Leben hier auf dem Lande ſchon an? So ab - getrieben war mein Witz nicht, als ich in Euren luſtigen Geſellſchaften in London war, wo Wein,[Geſang], Tanz und Kuͤſſe von den reizendſten Lippen uns begeiſterten, wo unſre Laune mit ſechs muntern Pferden uͤber die ebne Chauſſee des Leichtſinns und der Vergeſſenheit aller Wich - tigkeiten und Armſeeligkeiten dieſes Lebens da - hinrollte, nun, wir werden uns wiederſehn! Hier komm ich mir vor wie eine Schnecke, die nur immer furchtſam mit halbem Leibe ihre Be - hauſung verlaͤßt und langſam und ſchwerfaͤllig von einem Grashalme zum andern kriecht; zwar iſt die Gegend ſehr ſchoͤn, der Garten an - genehm, auch veranſtaltet uns der Himmel man - chen praͤchtigen Sonnenuntergang, aber was iſt eine Gegend, ſei ſie noch ſo ſchoͤn, ohne Freunde, die unſre Freuden mit genießen? nichts als ein Rahm ohne Gemaͤhlde: wir ſehn nur die Veranlaſſung, die uns vergnuͤgen koͤnnte. So leb ich hier einen Tag fort, wie den andern, zuweilen bekommen wir[Beſuche] und erwiedern ſie, und ſo leben wir im Ganzen nicht unange - nehm. Wenn nur das ewige Einerlei nicht waͤre!

8

Mein beſtaͤndiger Geſellſchafter iſt William Lovell, der lebhafte, muntre Juͤngling, den Du im vorigen Jahre einigemahl in London ſahſt, er iſt zum Beſuche ſeines[Buſenfreundes] Eduard Burton hier. William iſt ein vortreflicher junger Mann, der mir noch viel theurer ſeyn wuͤrde, wenn er nur einmal erſt neben mir feſten Fuß faſſen wollte; aber er gedeiht in keinem Boden. Kein Adler ſteht mit dem Aether und allen himmliſchen Luͤften in ſo gutem Ver - nehmen, als er; oft fliegt er mir ſo weit aus den Augen, daß ich ganz im Ernſte an den armen Ikarus denke, mit einem Wort: er iſt ein Schwaͤrmer. Wenn ein ſolches Weſen einſt fuͤhlt, wie die Kraft ſeiner Fitti - ge erlahmt, wie die Luft unter ihm nach - giebt, der er ſich vertraute, ſo laͤßt er ſich blindlings herunterfallen, ſeine Fluͤgel werden zerknickt und er muß nachher in Ewigkeit kriechen.

Es mag an feuchten Abenden, beſonders fuͤr einen Mann im Amte, recht angenehm ſeyn, einen weiten warmen Mantel zu tragen, aber wenn man ihn nie ablegen ſollte, wenn man ihn zum Schlafrocke und zum Jagdkleide brauchen9 muͤßte, ſo moͤcht ich dafuͤr lieber beſtaͤndig in meinem ſchlichten Fracke gehn. Der Trank der Hippokrene mag ein ganz gutes Waſſer ſeyn, aber ſich den Magen damit zu erkaͤlten und ein Fieber zu bekommen, kann doch ſo etwas beſon - ders Angenehmes nicht ſeyn. Es giebt aber Leute, die ſich fuͤr die entgegengeſetzte Meinung todtſchießen ließen; und unter dieſen ſteht Wil - liam wahrhaftig nicht im letzten Gliede. Wir haben ſehr oft unſre kleinen Disputen daruͤber, und was das ſchlimmſte iſt, ſo werd ich jedes - mahl aus dem Felde geſchlagen; aber ganz na - tuͤrlich, denn wenn ich etwa nur Luſt habe, mit leichter[Reiterei] zu ſcharmuziren, ſo ſchießt er mir mit Vier und zwanzigpfuͤndern unter meine beſten Truppen: wenn ſich zuweilen nur ein paar Huſaren von witzigen Einfaͤllen an ihn machen wollen, ſo ſchleppt er mit einemmahle einen ganzen Train ſchwerer Allgemeinſaͤtze herbei, als: Lachen ſei nicht der Zweck des Lebens, unauf - hoͤrliche Luſtigkeit ſetze einen Mangel aller feinern Empfindung voraus, u. ſ. w. Oder er zieht ſich unter die Kanonen ſeiner Veſtung, ſeufzt und antwortet gar nicht.

Du wirſt gewiß fragen: was den unbefange -10 nem, leichtherzigen William zu einem ſo ſchwer - muͤthigen Traͤumer gemacht habe? Ich will Dir die Urſache entdecken, ob er gleich gegen ſich ſelbſt geheim damit thut, er iſt verliebt! Liebe, die den Menſchen froher, gluͤcklicher ma - chen, die ſeinen Ellenbogen einen Centner Kraft zuſetzen ſollte, um alle Sorgen aus dem Wege auf die Seite zu ſtoßen: die Liebe, o Himmel! was hat die Liebe nicht ſchon in der Welt Boͤſes gethan?

Wenn noch irgend ein Stuͤck von dem ehe - maligen Mortimer an Dir iſt, ſo wett ich, Du wirſt wiſſen wollen, wer denn die allmaͤchtige Sonne ſei, die mit ihren brennenden Strahlen das Herz des armen William, Niemand an - ders, als meine Schweſter. Sie hat ge - wiß ſeine Liebe bemerkt, aber er ſcheint es nicht bemerkt zu haben, daß ihr dieſe Bemer - kung nicht mißfallen hat, denn es fehlt nur we - nig, ſo liebt ſie ihn wieder. Es giebt die laͤ - cherlichſten Scenen, wie er ihr oft im Garten ausweicht und ſie aͤmſig in der naͤchſten Allee wieder ſucht, wie ſie Stunden lang mit einan - der zubringen, ohne faſt nur eine Sylbe zu ſpre - chen; wie er ſeufzt und ſich wunder wie un -11 gluͤcklich fuͤhlt, daß ſie ſich ihm nicht freiwillig in die Arme wirft; um kurz zu ſeyn: er iſt un - gluͤcklich, weil er gluͤcklich iſt, aber auch wie - der gluͤcklich, weil er an Ungluͤck Ueberfluß hat, denn glaube mir nur, er wuͤrde ſeine poetiſchen Leiden um vieles Geld nicht verkaufen.

Ploͤtzlich kam die Nachricht: meine Schwe - ſter ſolle von hier abreiſen. Ihr Beſuch bei mir und beim alten Burton war ſo immer ſchon von einer Woche zur andern verlaͤngert; der Barometer ſtieg um viele Grade und immer mehr, je naͤher es dem Tage der Abreiſe kam. Faſt Jedermann bemerkte ſeine Schwermuth, er behauptete aber jedem mit einer kecken verdroſ - ſenen Traurigkeit in’s Geſicht: er waͤre noch nie ſo aufgeraͤumt geweſen. Er machte ſich itzt zu - weilen an mich und ging auf den Spatziergaͤngen lange neben mir auf und ab; ich fuͤrchtete im - mer, ploͤtzlich in die Rolle eines Vertrauten ge - worfen zu werden, und unter Bedrohung des Todtſchlages, des Untergangs der Welt, oder einer aͤhnlichen Kleinigkeit, ein oͤffentliches Ge - heimniß zu erfahren; aber nein, ich hatte geirrt, dazu haͤtt ich wenigſtens vorher mein Probeſtuͤck in Seufzen und Weinen ablegen muͤſſen. Mit12 einer ſo erzwungenen Kaͤlte, daß ihm faſt die Thraͤnen in den Augen ſtanden, fragte er mich: ob ich meine Schweſter nicht zu Pferde beglei - ten wuͤrde? nun merkte ich, wo er hinaus wollte. Er wuͤnſchte, ich moͤchte meine Schwe - ſter einige Meilen begleiten, damit er einen Vor - wand haben koͤnnte, mitzureiten. Es hat mich wirklich geruͤhrt, daß ihm an dieſer Kleinigkeit ſo viel lag, er iſt ein ſehr guter Junge, ich ſagte ſogleich ja, und bat ihn ſelbſt, um ſeine Geſellſchaft. Morgen reiten wir alſo.

Sind die Menſchen nicht naͤrriſche Geſchoͤpfe? Wie manches Ungluͤck in der Welt wuͤrde ſich nicht ganz aus dem Staube machen und ſein Monument bis auf die letzte Spur vertilgt wer - den, wenn nicht jeder ſorgſam ſelbſt ein Stein - chen oder einen Stein auf die große Felſenmaſſe wuͤrfe, bloß um ſagen zu koͤnnen: er ſei doch auch nicht muͤßig geweſen, er habe doch das Seinige auch dazu beigetragen? Gingen wir ſtets mit uns ſelbſt gerade und ehrlich zu Werke, ließen wir uns nicht ſo gern von kraͤnklichen Einbildungen hintergehn, glaube mir, die Welt waͤre viel gluͤcklicher und ihre Bewohner viel13 beſſer. Aber denkſt Du, daß ich es wage, ihm ſo etwas zu ſagen? Nie. Sonderbar, daß ein Menſch vorſetzlich einſchlafen kann und ſich nachher nicht aus ſeinen Traͤumen will wek - ken laſſen, weil er ſich ſchon wachend glaubt, und ihn mit kaltem Waſſer zu begießen, halt ich fuͤr grauſam.

Du ſiehſt, wie mir die Landluft bekoͤmmt, ich, ich fange an zu moraliſiren, doch, auch das gehoͤrt unter die menſchlichen Schwaͤchen und irgend eine Abgabe zur allgemeinen Kaſſe der Menſchlichkeit muß doch jeder brave Erd - buͤrger einreichen.

Gott ſchenke Dir ein recht langes Leben, da - mit ich mir keinen Vorwurf daraus zu machen brauche, daß ich Dir durch einen langen Brief ſo viel von Deiner Zeit genommen habe; doch willſt Du mein Freund bleiben, ſo ſoll es mich eben nicht ſehr gereuen, noch hinzuzuſetzen, daß ich bin

der Deinige.

Nachſchrift. So eben leſe ich meinen Brief noch einmal durch und bemerke mit Schrek - ken, daß ich Dir einen Buͤndel Stroh ſchicken,14 in welchem Du, mit Shakſpear zu reden, auch nicht ein einziges Korn finden wirſt. Ich ſetzte mich nehmlich nieder, Dir zu ſchreiben, daß mei - ne Schweſter nach London zuruͤckgeht und daß Du ſie nun alſo kannſt kennen lernen; daß ich nicht nach London reiſe, weil es der alte Bur - ton eben ſo ungern als ſein Sohn ſehen wuͤrde, der alte Mann ſcheint an meiner Geſellſchaft Geſchmack zu finden, und wer weiß, ob ich es auch außerdem gethan haben wuͤrde.

Wie ſo? hoͤr ich dich fragen. Koͤnnt ich nun den Brief nicht ſchließen und Dich mit Deiner Frage im offnen Munde ſtehn laſſen und das Petſchaft beſehn? Haͤtteſt Du nicht Ge - legenheit, in einem Briefe an mich Deinen Scharf - ſinn zu zeigen und mir tauſend Erklaͤrungen zu ſchicken, ohne auch nur der wahren mit einer Sylbe zu erwaͤhnen?

Der junge Burton, (der wirklich ein vor - treflicher Juͤngling iſt; Schade, daß ich zeitlebens nicht ſo ſeyn werde) der junge Burton alſo hat eine Schweſter, die zugleich die Tochter des Alten iſt

Sei nur ruhig, ich werde nie in die Grube fallen, die ſich Lovell gegraben hat!

17[15]

Ich habe mir ernſthaft vorgenommen, daß es keine Liebe werden ſoll, denn, ſieh, wie ſchoͤn das zuſammenhaͤngt! denn mein Ver - moͤgen iſt gegen das ihrige viel zu geringe.

Du lachſt? Und wuͤrde die Welt nicht uͤber Dich lachen, wenn Du den Zuſammenhang hier vermißteſt?

Auch William Lovell koͤmmt naͤchſtens nach London, und darum bilde Dir ein, daß ich ſo - viel von ihm geſchrieben haben koͤnnte.

Ich bin noch einmahl, (denn ſo etwas kann man nicht zu oft ſeyn) Dein zaͤrtlichſter Freund.

Karl Wilmont.

Lovell, I. Bd. B18[16]

2. William Lovell an Eduard Burton.

Ich ſchreibe Dir, Eduard, aus einem Wirths - hauſe hinter York, es iſt Nacht und Karl ſchlaͤft im Nebenzimmer, alles umher iſt feier - lich und ſtill, die Klocke eines entfernten Dorfes toͤnt manchmal wie Grabgelaͤute zu mir her - uͤber.

Einſam ſitz ich hier, wie ein Elender, der aus einem goldenen Traume in ſeiner engen Huͤtte erwacht. Die ſchmelzenden Accorde der Symphonie ſind geſchloſſen, das Theater iſt zugefallen, ein Licht nach dem andern verloͤſcht. In dieſem Gefuͤhle ſchreib ich Dir, Freund, Bruder, meine Seele ſucht Theilnahme und fin - det ſie bei Dir am reinſten und waͤrmſten.

Ich bin nie ſo aufmerkſam als in dieſen Au - genblicken darauf geweſen, wie von einem kleinen Zufalle, von einer unbedeutenden Kleinigkeit oft die Wendung unſers Charakters abhaͤngt. Ein unmerklicher Schlag richtet und formt unſern Geiſt oft anders; wer kennt die Regeln, nach19[17] denen unſer ſchuͤtzender Genius umgewechſelt wird? Eduard, eine dunkle, ungewiſſe Ahn - dung hat mich befallen, als ſei hier, in dieſen Momenten eine der Epochen meines Lebens, mir iſt, als ſaͤh ich meinen guten Engel weinend von mir Abſchied nehmen, der mich nun unbe - wacht dem Spiel des Verhaͤngniſſes uͤberlaͤßt, als ſei ich in eine dunkle Wuͤſte hinausgeſtoßen, wo ich unter den daͤmmernden Schatten halb ungewiſſe feindſelige Daͤmonen entdecke.

Ja Eduard, ſpotte nicht meiner Schwaͤche, ich bin in dieſen Augenblicken aberglaͤubig wie ein Kind, Nacht und Einſamkeit haben meine Phantaſie geſpannt, ich blicke wie ein Seher in den tiefen Brunnen der Zukunft hinab, ich neh - me Geſtalten wahr, die zu mir emporſteigen, freundliche und ernſte, aber ein ganzes Heer furchtbarer Gebilde. Der ebne Faden meines Lebens faͤngt an, ſich in unaufloͤsliche Knoten zu verſchlingen, uͤber deren Aufloͤſung ich vielleicht vergebens meine Exiſtenz verliehre.

Bis itzt iſt mein Leben ein ununterbrochener Freudentanz geweſen, kindlich habe ich meine Jahre verſcherzt und mich lachend der fluͤchtigen Zeit uͤberlaſſen, in der hellen Gegenwart genoßB 220[18]ich und weidete mich an Traͤumen einer golde - nen Zukunft, in der gluͤcklichſten Beſchraͤnktheit liebt ich Gott wie einen Vater, die Menſchen wie Bruͤder und mich ſelbſt als den Mittelpunkt der Schoͤpfung, auf den die Natur mit allen ihren Wohlthaten ziele. Itzt ſteh ich vielleicht auf der Stufe, von wo ich in die Schule des Elends mit ernſter Grauſamkeit verwieſen wer - de, um mich vom Kinde zum Manne zu bilden, und werd ich gluͤcklicher ſeyn, als ich war, wenn ich vom harten Unterrichte zuruͤckkehre?

Und hab ich denn ein Recht uͤber mein Un - gluͤck zu klagen? und bin ich wirklich ungluͤck - lich? Liebt mich denn Amalie, iſt ſie mein, daß mich ihre Entfernung traurig machen darf? Bin ich nicht der Sohn eines zaͤrtlichen Vaters, der Freund eines edlen Freundes? und ich ſpre - che von Elend? Wozu dieſer Eigenſinn, daß ich mir einbilde, nur ſie ſei meine Seeligkeit? Ja, Eduard, ich will meiner Schwaͤche wider - ſtehn, aber Sehnſucht und Wuͤnſche ſind nicht Verbrechen. Ich will nicht mit dem Schickſal rechten, aber Klagen ſind der Schwaͤche des Menſchen vergoͤnnt; wer noch nie ſeufzte, hat noch nie verlohren.

21[19]

Wie ein Gewicht druͤckt eine aͤngſtliche Be - klemmung meine Bruſt, wenn ich an die weni - gen gluͤcklichen Tage in Bonſtreet zuruͤckdenke und damit die lange, lange freudenleere Zukunft vergleiche. Die Liebe zog mich an’s Licht, das Morgenroth ſchwang durch den Himmel ſeine purpurrothe Fahne, alle Berge umher gluͤhten und flammten im freudenreichen Scheine, itzt iſt die Sonne wieder untergeſunken, eine oͤde Nacht umfaͤngt mich. Ich habe meinen lieben Gefaͤhrten verlohren und rufe durch den dunkeln Wald vergeblich ſeinen Nahmen, ein holes Echo wirft mir ihn ohne Troſt zuruͤck, die weite einſame Leere kuͤmmert ſich nicht um meinen Jammer. Ein ſchneidender Wind blaͤſt ſcha - denfroh uͤber mein Haupt dahin und ſchuͤttelt das letzte Laub von den Baͤumen.

Schwarz war die Nacht und dunkle Sterne brannten
Durch Wolkenſchleier matt und bleich,
Die Flur durchſtrich das Geiſterreich,
Als feindlich ſich die Parzen abwärts wandten
Und zornge Götter mich ins Leben ſandten.
Die Eule ſang mir grauſe Wiegenlieder
Und ſchrie mir durch die ſtille Ruh
Ein gräßliches: Willkommen! zu.
22[20]
Der bleiche Gram und Jammer ſanken nieder
Und grüßten mich als längſt gekannte Brüder.
Da ſprach der Gram in banger Geiſterſtunde:
Du biſt zu Quaalen eingeweiht,
Ein Ziel des Schickſals Grauſamkeit,
Die Bogen ſind geſpannt und jede Stunde
Schlägt grauſam dir ſtets eine neue Wunde.
Dich werden alle Menſchenfreuden fliehen,
Dich ſpricht kein Weſen freundlich an,
Du gehſt die wüſte Felſenbahn,
Wo Klippen drohn, wo keine Blumen blühen,
Und nimmer matt der Sonne Strahlen glühen,
Die Liebe, die in allen Weſen klingt,
Des Erdenglükkes ſchönſte Freuden,
Die Götter ſelbſt dem Menſchen neiden,
Durch die er ſich zum höchſten Äther ſchwingt,
Vermeſſen mit dem Glück des Himmels ringt
Die Liebe ſei auf ewig dir verſagt.
Das Thor iſt hinter dir geſchloſſen,
Auf der Verzweiflung wilden Roſſen
Wirſt du durch’s öde Leben hingejagt,
Wo keine Freude dir zu folgen wagt.
Dann ſinkſt du in die ewge Nacht zurück,
Sieh tauſend Elend auf dich zielen,
Im Schmerz dein Daſein nur zu fühlen!
Nur erſt im ausgelöſchten Todesblick
Begrüßt voll Mitleid dich das erſte Glück.
23[21]

Ich komme mir in vielen Momenten wie ein Kind vor, welches jammert, ohne ſelbſt zu wiſ - ſen, woruͤber. Ich komme ſo eben von einem kleinen Spatziergange aus dem Felde zuruͤck: der Mond zittert in wunderbaren Geſtalten durch die Baͤume, der Schatten flieht uͤber das Feld und jagt ſich hin und her mit dem Scheine des Mon - des; die naͤchtliche Einſamkeit hat meine Gefuͤhle in Ruhe gewiegt, ich ſehe mich und die Welt gemaͤßigter an und kann itzt mein Ungluͤck nur in mir ſelber finden. Ich ahnde eine Zeit, in welcher mir meine jetzigen Empfindungen wie leere kindiſche Traͤume vorſchweben werden, wo ich mitleidig uͤber dieſen Drang des Herzens laͤchle, der itzt meine Quaal und Seeligkeit iſt, und ſoll ich es dir geſtehn, Eduard? Dieſe Ahndung macht mich traurig. Wenn dieſes gluͤhende Herz nach und nach erkaltet, dieſer Funke der Gottheit in mir zur Aſche ausbrennt und die Welt mich vielleicht verſtaͤndiger nennt, was wird mir die innige Liebe erſetzen, mit der ich die Welt umfangen moͤchte? Die Vernunft wird die Schoͤnheiten anatomiren, deren holder Einklang mich itzt berauſcht: ich werde die Welt und die Menſchen mehr kennen, aber ich werde24[22] ſie weniger lieben, ſobald man die Aufloͤſung zum ſinnreichſten Raͤthſel gefunden hat, erſcheint es abgeſchmackt.

Mein Brief ſcheint mir itzt uͤbertrieben, ich moͤchte ihn zerreißen, ich bin unwillig auf mich ſelbſt, aber nein, ich will mir meine Beſchaͤ - mung vor Dir nicht erſparen. Ich will Dir daher auch geſtehen, daß, indem ich ſchrieb, eine Art von Troſt fuͤr mich in dem Bewußtſeyn lag, daß ich auch Dich nun bald verlaſſen muͤſſe; dadurch ſchien mir meine Bitterkeit gegen mein Schickſal gerechtfertigt. Doch itzt ſind alle dieſe Traͤume verſchwunden, itzt fuͤhl ich es innig, daß Du meiner Exiſtenz unentbehrlich biſt, aber eben ſo tief empfind ich es auch, daß mir das Andenken an Amalien nie wie ein truͤber Traum erſcheinen wird, in einem Momente nur konnte mich dieſe Ahndung hintergehn, ihre Gegen - liebe wuͤrde mich zum Gott machen! Nie wer - de ich den Blick vergeſſen, mit dem ſie mich ſo oft betrachtet hat, die holdſeelige Guͤte, mit der ſie zu mir ſprach, alles, alles hat ſich ſo in alle meine Empfindungen verflochten, ſo innig bis an meine fruͤhſten Erinnerungen ge - reiht, daß ich nichts davon verliehren kann,25[23] ohne an Gluͤck zu verliehren. Ach, Eduard, wenn ſie mich liebte! Mein volles Herz will vor Wehmuth bei dem Gedanken zerſpringen, wenn ſie mich liebte, warum bin ich dann nicht an ihren Buſen geſunken, warum ſitz ich dann hier und ſchreibe nieder, was ich em - pfinde und empfinden koͤnnte? Als der freie Platz im Walde kam, wo wir Abſchied nehmen wollten, alle Baͤume und Huͤgel ſchwankten um mich her, eine unbeſchreibliche Angſt draͤngte und wuͤhlte in meinem Buſen, der Wagen wollte halten, ich ließ ihn weiter fahren und ſo immer in Gedanken von einem Baume zum an - dern fort, immer noch eine kurze Friſt gewon - nen, in der ich ſie ſah, in der ich den Klang ihrer Stimme hoͤrte, endlich ſtand der Wa - gen. Wir ſtiegen ab. Sie umarmte ihren Bruder lange Zeit, ich nahte mich zitternd, ich wuͤnſchte dieſen Augenblick im Innerſten mei - nes Herzens voruͤber, ſie neigte ſich mir ent - gegen, ich ſchwankte und ſahe ſie an, ich war im Begriffe in ihre Arme zu ſtuͤrzen, ich bog mich ihr entgegen und kuͤßte ihre Wan - ge, eine eiſige Kaͤlte uͤberflog mich, der Wagen rollte fort.

26[24]

Bei einer Waldecke ſah ſie noch einmahl mit dem holden goͤttlichen Blicke zuruͤck, o mir war’s, als wuͤrd ich in ein tiefes unterirrdiſches Gefaͤngniß geſchleppt.

Warum hab ich ihr nicht geſagt, wie viel ſie meiner Seele ſei? Wenn ich ihren letzten Blick nicht mißverſtand, war es nicht Schmerz, Traurigkeit, die daraus ſprachen? aber viel - leicht fuͤr ihren Bruder? Aber die Innigkeit, mit der ſie mich betrachtete? O, eine ſchreck - liche Unruhe jagt das[Blut] ungeſtuͤmer durch meine Adern!

Itzt ſchlaͤft ſie vielleicht. Ich muß ihr im Traume erſcheinen, da ich ſo innig nur ſie, nur ſie einzig und allein denken kann. Bald koͤmmt ſie nun in London an, macht Bekanntſchaften und erneuert alte, man ſchwatzt, man lobt, man vergoͤttert ſie, ſchmeichleriſche Luͤgner ſchleichen ſich in ihr Herz und ich bin vergeſſen! Kein freundlicher Blick wendet ſich zu mir in der nuͤchternen Einſamkeit zuruͤck, ich ſtehe dann da in der freudenleeren Welt, einer Uhr gleich, auf welcher der Schmerz unaufhoͤrlich denſelben langſamen einfoͤrmigen Kreis beſchreibt.

Karl laͤchelte als wir zuruͤckritten. Ich haͤtte27[25] weinen moͤgen. O, warum muͤſſen denn Men - ſchen ſo gern uͤber die Schmerzen ihrer Bruͤder ſpotten? Wenn es nun auch Leiden ſind, von denen ſie keine Vorſtellung haben, oder die ſie fuͤr unvernuͤnftig halten, o ſie druͤcken darum das Herz nicht minder ſchwer. Ich bedurfte Mitleid, ein empfindendes Herz, und ein ſpot - tendes Laͤcheln, eine kalte Verachtung, o Eduard, mir war als klopft ich im Walde ver - irrt an eine Huͤtte und nichts anwortete mir aus dem verlaſſenen Hauſe, als ein leiſer, oͤder Wiederhall.

Lebe wohl. Ich will itzt gleich auf einige Tage meine Tante Buttler in Waterhall beſuchen, gruͤße Deine liebe Schweſter und verzeih mir meine Schwaͤche; doch ich kenne ja Dein Herz, das alle Leiden der Menſchheit mit - empfindet, uͤber nichts ſpottet, was den Muth des ſchwaͤchern Bruders erſchuͤttert, der ſich mit den Froͤhlichen freut und mit den Weinenden weint. Lebe wohl.

28[26]

3. Der alte Willy an ſeinen Bruder Thomas, Gaͤrtner in Waterhall.

So wie ich’s vernommen, ſo haͤlt ſich ja jetzt mein lieber junger Herr auf deinem Gute auf. Bewirthe ihn recht ordentlich und ich will es anſehen, als waͤre es dem alten Willy geſchehn. Er iſt alſo, wie geſagt, entweder ſchon da, oder er wird noch hinkommen, zu Pferde ſaß er wenigſtens ſchon vorgeſtern und das ſo huͤbſch und geſchickt, als nur ein Menſch in den drei Koͤnigreichen zu Pferde ſitzen kann, der ein Frauenzimmer begleiten will, die in einer Chaiſe nach London fuhr. Wie geſagt, Fraͤulein Mal - chen iſt vorgeſtern alſo auch abgereiſt. So wirds nun nach und nach bei uns leer, aber der luſtige Herr Wilmont iſt geſtern ſchon mit ſeinem Schim - mel zuruͤckgekommen, er war ordentlich etwas muͤde und hatte nebenher ein Eiſen verlohren.

Der alte Toby hier im Dorfe iſt nun endlich wirklich geſtorben, von dem wir es immer ſchon vor 20 Jahren zuſammen prophezeihten, und29[27] ich dachte dabei an Dich, guter Tom, denn Du biſt faſt eben ſo alt, als er nun geweſen iſt, aber ich hoffe, Gott wird Dir noch einmal einen kleinen Vorſchuß thun, wie vor zehn Jahren, als Du die große Krankheit hatteſt, und ich immer des Nachts ſo viel fuͤr Dich beten muß - te. Dafuͤr rechne ich nun aber auch auf Dich, was das Beten anbetrifft, vollends da ich nun bald in fremde Laͤnder komme, wo man meine Sprache nicht mehr verſteht.

Ja, lieber Tom, Du kannſt Dich immer wundern, ging es mir doch um kein Haar beſſer und ich hatt es doch ſchon vorher gewußt. Ich ſoll mit meinen alten Augen noch fremde Laͤnder ſehn, Italien, Frankreich, je nun, wenn’s nur nicht in die Tuͤrkei iſt, ſo lange ich noch Religionsverwandte antreffe, denk ich im - mer noch unter guten Freunden zu ſeyn, wo aber die Tuͤrken angehn, da iſt es mit der Freund - ſchaft aus, denn wer nicht meinen Gott liebt, der kann auch mich nicht lieben, ſie ſollen a part einen Gott ganz fuͤr ſich haben, und des Brod ich eſſe, des Lied ich ſinge.

Wenn ich aber meinen lieben Bruder nicht wiederſehn ſollte? Denn der Herr William ſprach30[28] da ſo etwas von ein Paar Jahren, die die Reiſe koſten wuͤrde; (das Geld abgerechnet) Ja, wollt ich nur ſagen, wenn ich nun ſo wieder kaͤme und haͤtte die ganze Welt geſehn, was haͤlf es mir, wenn ich meinen[Bruder] Tom nicht mehr ſehen koͤnnte? Mir war ſchon immer, als ſaͤh ich ein ſchwarzes Kreuz auf einem gruͤnen Huͤgelchen da in der Ecke des Kirchhofs ſtehn, wo der große Nußbaum gewachſen iſt, und Deinen Nahmen Thomas, mit großen Buchſta - ben darauf, ſo recht als mir zur Kraͤnkung; o lieber Bruder, ich wuͤrde lieber wuͤnſchen mit Dir hinterm Ofen geſeſſen zu haben, um uns vom Schottiſchen Kriege zu erzaͤhlen. Da - rum beſuche mich, ich haͤtte geſtern faſt geweint, und das ſchickt ſich doch nicht, Thomas, fuͤr ſo einen alten Mann. Nicht wahr, darinn giebſt Du mir Recht?

Vom Gelde ſprich nicht wieder. Du biſt ja mein Bruder, wir ſind ja alte Maͤnner; koͤnnt ich Dir mit aller meiner Armſeeligkeit noch Le - ben ankaufen, frage nicht, ob ich’s thaͤte. Komm nach Bonſtreet, oder laß Dich herfahren, denn Deine Fuͤße ſind in dem Alter nicht mehr zum Gehn gebohren. Das Geld iſt Dein, Du31[29] biſt lange krank geweſen, und mein Herr giebt mir immer mehr als ich brauche. Wie kann ein Bruder dem andern etwas ſchuldig ſeyn? Gott ſind wir alles ſchuldig, und der behuͤte Dich deswegen.

Willy, Dein Bruder bis ewig.

4. Eduard Burton an William Lovell.

Ich vermuthe, daß Du einige Tage in Water - hall bleiben wirſt und darum ſchick ich Dir die - ſen Brief, der geſtern angekommen iſt. Sei mein Freund, mehr kann ich Dir nicht ſagen, und wenn Du es biſt, ſo ſei heitrer, kaͤlter. Ich fuͤge nichts mehr hinzu, denn Du biſt in einer Lage, in der Du mich faſt mißverſtehen mußt; koͤnnteſt Du mich ganz verſtehen, ſo waͤre uͤberdies alles uͤberfluͤßig, was ich Dir ſagen koͤnnte. Vergiß aber nie, daß Dein Wohl meinem Herzen naͤher liegt, als mein eigenes.

Eduard Burton.

32[30]

5. Der alte Lovell an ſeinen Sohn.(Einlage des vorigen.)

Du haſt lange nicht geſchrieben, lieber William, und daraus ſchließe ich und Deine Mutter, daß es Dir noch immer in den Armen Deines Freun - des und der ſchoͤnen Natur gefalle. Dieſe Jahre, in denen Du lebſt, ſind die Jahre des reizendſten Genuſſes, darum genieße, wenn Du auch etwas von dem vergeſſen ſollteſt, was Du ehemals wußteſt: wenn Dein Verſtand in der ſtillen Betrachtung der Natur und ihrer Schaͤtze bereichert wird, ſo kannſt Du gewiſſe Gedaͤcht - nißſachen indeß als ein Kapital irgendwo unter - bringen und Du bekoͤmmſt ſie nachher mit rei - chen Zinſen zuruͤck. Vielleicht wird dadurch auch Deine Geſundheit ſo ſehr befeſtigt, daß Du nicht, wie ich, von tauſend Unfaͤllen zu leiden haſt, ungehindert koͤnnen dann alle Deine Kraͤfte in der gluͤcklichſten Thaͤtigkeit wirken, wenn der Schwaͤchere erſt von tauſend umgebenden Klei - nigkeiten die Erlaubniß dazu erbitten muß.

Seit33[31]

Seit einigen Tagen bewohne ich ein Land - haus, ganz nahe bei London, daſſelbe, von dem ich Dir ſchon mehrmahls geſchrieben habe, daß ich es vielleicht kaufen wuͤrde. Es liegt ziem - lich angenehm, im Garten hat man eine ſchoͤne Ausſicht, das Haus iſt gut gebaut, ſimpel, aber mit Geſchmack, alles ohne Pracht, aber auch ohne unbequeme baͤuriſche Einfalt. Meine Unpaͤßlichkeiten ſcheinen zuruͤckgeblieben zu ſeyn, ich halte die Luft hier in der Ebene fuͤr reiner und geſunder, als dort auf den Bergen. Meine neuliche Krankheit hat mich aber wieder auf die Zerbrechlichkeit des Lebens aufmerkſam gemacht, ich komme in ein Alter, in welchem man ſich mehr von der Welt zuruͤckzuziehn wuͤnſcht, und einen kleinen lieben Zirkel zu bil - den, in dem ein jeder Gedanke und jedes Ge - fuͤhl bekannt iſt, o lieber William, ich hab es mir ſo ſchoͤn ausgemahlt, was fuͤr ein Leben ich fuͤhren will, wenn Du nun als gebildeter Mann von Deinen Reiſen zuruͤckgekehrt ſeyn wirſt, wie ich dann meine letzten Tage in vol - lem frohen unbefangenen Genuß verleben will; dann will ich von allen Stuͤrmen ausruhn, die ſo oft den Horizont meines Lebens truͤbten, Lovell, I. Bd. C34[32]nur muß ich mich huͤten, dieſen Genuß zu weit hinauszuſchieben, ich muß anfangen mit meinen Stunden zu ſparen, ein Jahr iſt ſchon eine ſehr große Summe fuͤr mich, das der ver - ſchwendende, im Ueberfluſſe frohlockende Juͤng - ling oft ſo gleichguͤltig anſieht. Ich ſah von ohngefaͤhr in den Spiegel, meine Haare fangen wirklich ſchon an grau zu werden, darum wuͤnſcht ich ſehnlich, daß Du Deine Reiſe ſobald als moͤg - lich antreten moͤgeſt, noch fruͤher, als wir neu - lich ausgemacht hatten, antworte mir doch hierauf ſogleich, oder beſuche uns lieber ſelbſt. Fuͤr einen aͤltern Freund zu Deiner Begleitung will ich indeſſen Sorge tragen. Lebe wohl, bis ich Dich wieder an mein Herz druͤcken kann.

Dein Vater, Walter Lovell.

35[33]

9. William Lovell an ſeinen Freund Eduard Burton.

In einigen Tagen komme ich zu Dir zuruͤck, um auf lange Abſchied zu nehmen. Mein Va - ter wuͤnſcht meine Abreiſe aus England fruͤher, er iſt faſt immer krank und ich fuͤrchte wirklich viel fuͤr ihn. Es iſt alſo Kindespflicht, es iſt die Pflicht des Menſchen, daß ich jedem ſeiner Wuͤnſche zuvorkomme, es koͤnnte ſonſt eine Zeit kommen, wo es mich ſehr reuen wuͤrde, nicht ganz ſeine Zaͤrtlichkeit gegen mich erwiedert zu haben. Mein Vater wohnt izt nahe bei Lon - don und Eduard, ich werde ſie wiederſehn! Meine traurigen Ahndungen ſind izt nichts als Traͤume geweſen, uͤber deren Schrecken man beim Aufgange der Sonne lacht. Hofnungen wachen in meinem Buſen auf, ich vertraue der Liebe meines Vaters; wenn ich es nun wagte, ihm ein Gemaͤhlde won dem Gluͤcke zu entwer - fen, wie ich es in ihren Armen genießen werde, wenn ich ihn in das innerſte Heiligthum mei -C 236[34]nes Herzens fuͤhrte und ihm jenes reine und ewige Feuer zeigte, welches der holden Gottheit lodert? Wuͤrde er ſo hart ſeyn, mich von dem Bilde zuruͤckzureiſſen, mir meine ſchoͤnſten Em - pfindungen zu nehmen, die Hallen des Tempels zu ſchleifen, um von den Ruinen eine armſeeli - ge Huͤtte zu erbauen? Aber ich fuͤrchte, mein Vater betrachtet mein Gluͤck aus einem ganz verſchiedenen Standpunkte, er iſt aͤlter und je - nes ſchoͤne Morgenroth der Phantaſie iſt von der Gegend verflogen, er mißt mit dem Maas - ſtabe der Vernunft die Verhaͤltniſſe des Palla - ſtes, wo der juͤngere Enthuſiaſt in einer trunke - nen Begeiſterung anſtaunt, ach Eduard, er berechnet vielleicht mein Gluͤck, indem ich wuͤnſche daß er es fuͤhlen moͤchte, er ſucht mir vielleicht eine frohe Zukunft vorzubereiten und ſchiebt mir ſeine Empfindungen unter; er knuͤpft Verbindungen, um mir Anſehn zu ver - ſchaffen, um mich in der großen Welt empor zu heben, ohne daran[zu] denken, daß ich den laͤnd - lichen Schatten des Waldes vorziehe und in jener großen Welt nur ein unendliches Chaos von Armſeeligkeiten erblicke.

Ich habe hier einige Tage in einer ſuͤßen37[35] Schwermuth verlebt, mir ſelbſt und meinen mannichfaltigen Empfindungen uͤberlaſſen, ich behorchte in mir leiſe die wehmuͤthige Melodie meiner wechſelnden Gefuͤhle, man entdeckt in der Einſamkeit eine Menge von Ideen und Em - pfindungen in ſich ſelbſt, die man vorher nicht wahrgenommen hat, man ſchließt mit ſeiner Seele eine vertrautere Bekanntſchaft: und man iſt auch nicht ganz einſam, es giebt in der Natur keine todte Wuͤſte, alles umher ſprach zu mir und meinem Schmerze. Der Wald ſprach mir mit ſeinem ernſten Rauſchen freund - lichen Troſt zu, die Quellen weinten mit mir. Man kann nirgend verlaſſen wandeln; ſo lange man kein Boͤſewicht iſt, tritt dem leidenden Her - zen die Natur muͤtterlich nach, Liebe und Wohl - wollen ſpricht uns in jedem Klange an, Freund - ſchaft ſtreckt uns aus jedem Zweige einen Arm entgegen.

Itzt lacht der Himmel mit mir in ſeinem hellſten Sonnenſcheine, die Blumen und Baͤume ſtehn friſcher und lieblicher da, das Gras nickt mir am See freundlich entgegen, die Wellen tanzen ans Ufer zu mir heran: ich zweifle itzt, ob mich je eine Empfindung bis zur Ver -38[36] zweiflung fuͤhren koͤnnte, ich glaube, daß dieſe tiefe Schmerz eine unedle Selbſtliebe vorausſetzt die jede Freundſchaft, jede entgegenkommende Liebe zuruͤckſtoͤßt. Ein edler Geiſt traͤgt die ſchwere Buͤrde ſtets mit Anſtand und ohne jene wilden Verzuckungen, die ihn ſich ſelber unaͤhn - lich machen.

Lebe wohl, ich ſehe Dich bald. Lovell.

39[37]

7. Eduard Burton an ſeinen Freund William Lovell.

Ich freue mich innig, daß Du heitrer biſt, ich habe Deinen zweiten Brief mit Vergnuͤgen gele - ſen, komm bald nach Bonſtreet und ich will noch einige frohe Tage mit Dir genießen: dann gehſt Du einer Menge von intereſſanten Gegen - ſtaͤnden entgegen, Du betritſt die heiligen Gegen - den, die die Heimath meiner lieblichſten Traͤu - me ſind, Du wirſt in den hohen Geiſt der Kuͤn - ſte eingeweiht, Du wirſt zu jenem Tempel des Genies hinzugelaſſen, den ich nur aus der Fer - ne anbeten darf.

O koͤnnt ich doch Dein Begleiter ſeyn! Duͤrft ich mit Dir zugleich in jene Heiligthuͤ - mer treten, jene Schoͤnheiten der Natur durch - wandeln! Aber ich habe dieſe, einſt meine lieb - ſte Hofnung, ſchon ſeit lange aufgegeben, mein Vater wuͤrde die Zeit, die ich auf dieſe Art anwendete, fuͤr verlehren anſehn, abtrotzen moͤchte ich ihm ſeine Einwilligung nicht. Er40[38] haßt die Begeiſterung, mit der ich zuweilen von den Heroen des Alterthums, oder der Goͤttlich - keit eines Kuͤnſtlers ſprach, er ſieht mit Verach - tung auf dieſe kindiſchen Aufwallungen des Bluts hinab, wie er jeden Enthuſiasmus nennt, daher hat ihm auch ſtets mein Umgang mit Dir mißfallen. Er liebt Menſchen, die ſich nie aus den Gegenſtaͤnden von denen ſie umgeben wer - den, verlieren koͤnnen, er ſpottet uͤber alles, was man Erhabenheit der Gedanken und Gefuͤhle nennt. Es giebt vielleicht wenig Menſchen, die Vorurtheile und Begriffe der Konvention ſo tief in ihr ganzes Daſeyn haben verwachſen laſſen, auch ich mißfalle ihm ſehr, er nennt mich zuweilen einen jugendlichen Schwaͤrmer, der die Welt nicht kennt und ſie aus armſeligen Buͤ - chern beurtheilen will. Iſt dies Menſchenkennt - niß, die aus ihm ſpricht, o ſo beneide ich ſie ihm nicht, aber er muß ſie theuer erkauft ha - ben, da er ſie fuͤr ſo richtig haͤlt. Kann es nicht aber auch das enge egoiſtiſche Gefuͤhl ſei - nes eigenen Herzens ſeyn? Iſt dieſer Glaube nicht auch vielleicht bloß aus Studium ſeiner ſelbſt entſtanden? Wir glauben ſo oft einen Blick in die Seele andrer gethan zu haben,41[39] wenn wir bloß das Fluͤſtern unſers eignen Gei - ſtes vernommen hatten.

Er verzeihe mir die kleine Bitterkeit, die zuweilen und itzt eben in mir aufſteigt, aber ich muß oft von ſeiner Kaͤlte leiden. Er iſt aͤlter als ich, er kann oft betrogen ſeyn, die ſchoͤn - ſten Gefuͤhle ſind vielleicht an ihm meineidig ge - worden, er hat vielleicht mit Muͤhe alles aus ſeinem Buſen vertilgt, was ehemals ſo ſchoͤn und herrlich bluͤhte; aber er wird nie ver - langen, daß ich ſeinen Erfahrungen ungepruͤft glaube, oder wenn ich ſie beſtaͤtigt finde, daß ich darum ein Hartherziger werde und den Glauben an jeden harmoniſchen Klang verliehre, weil alle Tangenten die ich anſchlage auf zer - ſprungene Saiten treffen, nein, er ſoll in mir einen Sohn erziehen, der einſt die Schuld bezahlt, die er mir zum Erbtheile laͤßt, es thut mir weh, denn er iſt mein Vater aber glaube mir, William, ich werde manchen Ar - men zu troͤſten und mancher Waiſe zu erſtatten haben.

Zu Dir und zu Niemand anders darf ich alſo ſprechen. Wie beneid ich Dich Gluͤcklichen! Du wirſt neue Gegenden und neue Menſchen42[40] ſehn! Du wirſt das Grabmal Virgils beſu - chen und den Ort, wo Brutus den Dolch der Freiheit ſchwang, indeß ich eingekerkert hier in Bonſtreet ſitze und mir in der Phantaſie die ſchoͤnen Scenen mahle, auf denen Du voll ho - hen Enthuſiasmus wandelſt. Ich darf mir den traurigen Gedanken nicht weiter ausden - ken. Lebe wohl.

43[41]

8. Amalie Wilmont an ihren Bruder Karl Wilmont.

Ich bin geſtern in London angekommen, das Gewuͤhl der Stadt, das Geraͤuſch der Wagen und die laͤrmende Munterkeit kontraſtirte ſehr mit der Ruhe des Landes, die ich ſo eben ver - ließ. Es war traurig, wieder in die Straßen hineinzufahren, die ich ſo freudig verlaſſen hatte, mir war es, als waͤren es die Mauern eines großen Gefaͤngniſſes.

Seitdem hab ich oft an Dich und an mei - nen ſchoͤnen Aufenthalt in Bonſtreet gedacht. Die Gegend war doch ſehr angenehm, die klei - ne Geſellſchaft ſo zutraulich, man war mit je - dem Gefuͤhle und Gedanken des andern vertraut, alle machten gleichſam nur eine Seele, und alles das im Glanze der Fruͤhlingsſonne, die ſo lieblich auf uns herabſchien, ach, ich bin vielleicht in ſehr langer Zeit nicht wieder ſo vergnuͤgt.

44[42]

Gruͤße Lovell und danke ihm fuͤr ſeine freund - liche Begleitung, ſuche ihn doch froͤhlicher zu machen, er ſchien immer ſo traurig.

London koͤmmt mir, ohngeachtet der vielen Menſchen, ſehr einſam vor, meine Zimmer ſind mir ganz fremd geworden, alles iſt ſo eng und duͤſter, man ſieht kein Feld, keinen Baum, wenn ich dagegen an den reizenden Wald denke, an den kleinen Waſſerfall neben der Wieſe, an den gruͤnen Huͤgel, von wo man die romantiſche Ausſicht uͤber den Fluß und die Felſenwaͤnde hat; wie ſchoͤn war es doch, wenn die Son - ne hinter den Felſen untergieng und der krumm - gewordene Strom in einen rothen Glanz er - gluͤhte, und dann jene Allee, wo die Nachti - gall am Morgen im Lindenbaume ſang, wo Lo - vell mir oft den Oßian vorlas, ich war nur ſo kurze Zeit von hier entfernt, aber ich habe mich ſchon ganz verwoͤhnt.

Meine Eltern ſind wohl, ſie freuten ſich recht herzlich, mich wieder zu ſehn, ich wollte, ich haͤtte mich ganz ſo freuen koͤnnen, wie ſie, ſie hatten aber auch unterdeß London nicht verlaſſen.

45[43]

Lieber Bruder, weiter haͤtt ich Dir nun nichts mehr zu ſagen, außer daß Du Lovell gruͤßen ſollſt, doch das hab ich ja ſchon einmahl geſagt, das fatale Laͤrmen auf den Straßen hat mich ſchon ganz verwirrt gemacht. Ich bin u. ſ. w.

46[44]

9. Mortimer an ſeinen Freund Karl Wilmont.

Warum ich Dir ſo lange nicht geſchrieben ha - be, willſt Du wiſſen? Du ſollteſt Dich doch ſchon daran gewoͤhnt haben, daß es in dieſer Sterblichkeit eine Menge von Vorfaͤllen, Wir - kungen, Handlungen, Unterlaſſungen ohne Ur - ſache giebt, andre die, wenn ſie Urſachen haben, oft ſchlimmer als gar keine Urſachen ſind. Es giebt Leute, die bei einem Allegro weinen koͤnnen, oder die beim ſchmelzendſten Adagio ei - nen unwiderſtehlichen Beruf zum Tanzen fuͤh - len, wer wird hier nach den Urſachen fra - gen? Dieſe Leute ſind nun einmahl ſo und nicht[anders]. Eben ſo habe ich zu gewiſſen Zei - ten Perioden von Traͤgheit, wo mir jede Feder zuwider iſt, wo mich ein Billet, was ich ſchrei - ben ſoll, in Schrecken ſetzen kann, ich bin aber noch nie darauf gefallen, tiefſinnige philoſophi - ſche Betrachtungen daruͤber anzuſtellen, ob die Seele oder der Koͤrper daran Schuld ſey, von welchen Mittelideen und Kombinationen die ganze Erſcheinung abhaͤnge.

47[45]

Wir wollen alſo ganz davon abbrechen, er - warte keine Entſchuldigungen, denn ich habe keine, ich kann Dich auch nicht um Verzeihung bitten, denn ich weiß, Du haſt es nicht uͤbel genommen; nur ſoviel will ich Dir zur[Entſchaͤ - digung] ſagen, daß dieſe Traͤgheit mit zu je - nen Eigenſchaften gehoͤrt, die ich mir mit der Zeit abgewoͤhnen will.

Deine Muthmaßung iſt uͤbrigens nicht ganz unrichtig, daß ich, wenn Du es durchaus ſo nennen willſt, ernſthafter geworden bin. Mit Dir verließ uns der Geiſt unſrer luſtigen Ge - ſellſchaften, und man darf nur etwas aufrichtig gegen ſich ſelbſt ſeyn, ſo liegt ſo etwas Ober - flaͤchliches in dieſer ſogenannten genußreichen Art zu leben, eine Nuͤchternheit, in der ich mir oft die Langeweile des Tantalus recht lebhaft habe denken koͤnnen. Ich habe mich itzt dar - um aus dieſer Geſellſchaft mehr zuruͤckgezogen, ich bin mehr allein und Du wirſt vielleicht lachen, ich habe oft wieder angefangen zu ſtudiren und mich deſſen zu erinnern, was ich auf meinen Reiſen gelernt habe.

Halte mich aber nicht fuͤr einen ſo ſchwa - chen Menſchen, der aus einer Anwandlung von48[46] Langeweile ſich gleich uͤber Hals und Kopf in eine ſo ſteinharte Ernſthaftigkeit wirft, daß ihn die Hunde auf der Straße anbellen; denke nur etwa nicht, daß ich itzt mit einem eßigherben Geſichte daſitze und wunder wie ſehr meinen Geiſt zu beſchaͤftigen glaube, indem mir die Kinnbacken vor Gaͤhnen zerſpringen moͤchten; halte mich nicht fuͤr ein Weſen, das ſich ſeine Zeit verdirbt, indem es ſich tauſend unnuͤtze Ge - ſchaͤfte macht und ſich ſelbſt zur Bewunderung uͤber die Menge ſeiner Arbeiten zwingt, nein Karl, ich bin noch immer der ſimple, unbefan - gene Mortimer, der noch eben ſo gern lacht, als zuvor, und der nichts ſehnlicher wuͤnſcht, als einmahl mit Dir ein herzliches Duett lachen zu koͤnnen. O ich moͤchte meine Dinte in ſchwar - ze Klagelieder ergießen, oder die erſte beſte Stelle aus Youngs Nachtgedanken abſchreiben, um es Dir recht fuͤhlbar zu machen, wie ſehr Du mir fehlſt.

Wenn das alles wahr iſt, was Du mir von William Lovell ſchreibſt, ſo ſteht es ſchlimm mit ihm, ſehr ſchlimm, es thut mir jedesmahl weh, wenn ich einen jungen Menſchen ſehe, der ſich ſelbſt um die Freuden ſeines Daſeynsbringt.49[47]bringt. Giebt es etwas abgeſchmackters, als zu ſeufzen, zu weinen und alle Freuden der Welt aus einer Metapher in die andre zu ja - gen, und zwar, wie aͤußerſt ſinnreich und vernuͤnftig! weil ein andres Weſen nicht auch jammert und klagt und zwar daruͤber, weil ich es thue. Denn wahrlich, ich habe ſchon Liebhaber geſehn, die ſo geliebt wurden, daß nur noch ein Gran gefehlt haͤtte und es waͤre ihnen ſelber zur Laſt gefallen, die aber beſtaͤndig die ungluͤcklichſten Geſchoͤpfe in der Welt waren; denn ihr Maͤdchen war ihnen la - chend entgegengekommen und ſie hatten ſie ſich gerade weinend gedacht, weil ſie einen Abſchied auf zwei ewig lange Stunden nehmen ſollten, um eine große Reiſe in die naͤchſte Gaſſe zu ih - rem Onkel zu thun, der ihnen einen Wechſel auszahlen wollte. Es ſind Schauſpieler, die ſich einen ellenhohen Kothurn angeſchnallt ha - ben, der nur dazu dient, ſie in jedem Augen - blicke fallen zu machen; ſie ſind unendlich uͤber alle fade Sinnlichkeit erhaben und ſitzen da und koͤnnen ſich tagelang von ihrer Geliebten uͤber die Farbe eines Bandes unterrichten laſſen; der Schooßhund ihres Maͤdchens iſt ihnen mehrLovell, I. Bd. D50[48]werth, als ein halbes Menſchengeſchlecht, ſie ſchwaͤrmen in allen Regionen der Phantaſie um - her, um endlich doch dahin zuruͤckzukommen, wo ſie ſich wieder in die Reihe der uͤbri - gen. ſterblichen Menſchen finden; denn, ich hoff es zur Ehre der Menſchheit, daß von dieſen Mondſuͤchtigen noch keiner die Anſpruͤche ge - macht hat, ſeine Geliebte ohne Augen zu ſehn und ohne Ohren zu hoͤren, wenn ſie auch ver - geſſen haben, daß die Sinnlichkeit zu dem Hau - ſe das ſie bewohnen die erſte Etage iſt, am Ende ſind ſie eben dem Winde ausgeſetzt, und ſie ziehen wieder herunter.

Merkutio hat Recht, wenn er ſagt, das fadeſte Geſpraͤch haͤtte mehr Sinn, als das Selbſtpeinigen dieſer verlohrnen Soͤhne der Na - tur, die ſich von Traͤbern naͤhren und dieſe in einem beklagenswuͤrdigen Wahnſinne fuͤr Ambro - ſia halten.

Deine Schweſter hab ich heut ſchon[beſucht], ſie iſt ſchoͤn und ſcheint eben ſo verſtaͤndig, au - ßer daß ſie traurig war und gewiß um Lo - vell, es thut mir leid um ſie.

Es waͤre uͤbrigens wohl moͤglich, daß Du Dich in Deiner Einſamkeit ganz ernſthaft ver -51[49] liebteſt. Dein Auge ſieht keinen andern Gegen - ſtand der Dich zerſtreuen koͤnnte, und die Ge - wohnheit iſt auch hierinn die zweite Natur. Dieſe allmaͤchtige Gottheit macht ja ſogar, daß ſo mancher mit ſeiner Frau zufrieden iſt, die er außerdem gegen einen Staar austauſchen wuͤrde. Die muͤßige Phantaſie naͤhrt ſich mit jeder rei - zenden Form; Regentropfen machen einen Stein hohl, und es waͤre nicht das erſte Beiſpiel, daß der groͤßte Antiplatoniker zum Regenbogenhin - anfliegendem Schwaͤrmer geworden waͤre.

Ich erwarte alſo naͤchſtens einen Brief vol - ler Seufzer und mit einer Thraͤne geſiegelt; bis dahin bin ich Dein treuer Freund

Mortimer.

D 252[50]

10. William Lovell an Eduard Burton.

Ich bin auf dem Landhauſe meines Vaters, nahe bei London, ich ſehe die Thuͤrme der Stadt, die Amalie bewohnt, ich hoͤre ihre Klocken aus der Ferne, o das Herz ſchlaͤgt mir aͤngſtlich und ungeſtuͤm daß ich ſie ſo nahe bei mir weiß und ſie noch nicht geſehen habe, ja, ich muß ſie heut noch ſehn.

Mein Vater war ungemein froͤhlich, da er mich wieder ſah, ſeine Freude hatte einen An - ſtrich von Melancholie, die mich geruͤhrt hat, er ſah bleich und krank aus, er umarmte mich mit einer Herzlichkeit, in der ich ihn noch nie geſehn habe, er findet uͤberhaupt ſein Gluͤck in dem meinigen und in der Zukunft die er mir ebnen will, er ſprach ſo manches von Verbin - dungen, die er meinetwegen ſuchen wuͤrde, er ſchien mir ankuͤndigen zu wollen, wie ſehr er einſt meine Verheirathung mit der Tochter der Lady B *** wuͤnſchen wuͤrde, wer weiß, wie viel Ungluͤck mir noch die truͤbe Zukunft auf -53[51] bewahrt. Ich uͤberlaſſe mich zuweilen mit einer unbegreiflichen Traͤgheit der Zeit, um den Knaͤuel auseinander zu wickeln, der mir zu ver - worren ſcheint.

Von Dir hab ich alſo nun auf lange Ab - ſchied genommen? Bald werden ſich Staͤdte und Meere zwiſchen uns werfen, bald wird ein Brief von Dir zu mir Wochen auf ſeiner Reiſe brauchen. Den Abend vor meiner Abreiſe von Bonſtreet ging ich noch einmahl durch die mir ſo bekannten Gaͤrten, ich nahm von jedem Orte Abſchied, der mir durch die Zeit, oder ir - gend eine Erinnerung werth geworden war, von der Linde, in die Amalie ihren Nahmen ge - ſchnitten hat und ich den meinigen ſo dicht da - neben eingrub, daß auch nicht der kleinſte Zug eines feindlichen andern Nahmens Raum zwi - ſchen uns findet. Ich ſtand lange und betrach - tete die Charaktere, dann zu der Allee, wo wir ſo oft den Oßian laſen, ach Eduard, manche Stellen daraus werd ich nie, nie ver - geſſen, die Seele des großen Barden ſprach oft ſo innig mit der meinigen und eine wehmuͤthige Freude zuckte durch alle Nerven, wie der erin - nernde Anhauch einer fruͤhern Bekanntſchaft. 54[52] Aus den Wipfeln fiel eine ſchwere Ahndung auf mich herab, daß ich nie dort wieder wandeln wuͤrde, oder im Verluſte aller dieſer großen Ge - fuͤhle, die den Geiſt in die Unendlichkeit draͤn - gen und uns aus unſrer eigenen Natur heraus - heben.

Wenn ich nun einſt wiederkehrte, den Buſen mit den ſchoͤnſten Gefuͤhlen angefuͤllt, mein Geiſt genaͤhrt mit den Erfahrungen der Vor - welt und eigenen Beobachtungen, wenn ich nun bemuͤht geweſen waͤre, die Schoͤnheiten der ganzen Natur in mich zu ſaugen, um dann ein fades, alltaͤgliches Leben zu fuͤhren, von der Langenweile gequaͤlt, von allen meinen großen Ahndungen verlaſſen: wie ein Gefangener der ſeinen Ketten entſpringt, im hohen Taumel durch den ſonnbeglaͤnzten Wald ſchwaͤrmt, und dann zuruͤckgefuͤhrt, von neuem an die kal - te gefuͤhlloſe Mauer geſchmiedet wird.

Doch, ich ſehe Dich laͤcheln, nun wohl, ich gebiete meiner Phantaſie, ſie winkt mit ih - rem Zauberſtabe, und dieſe ſchwarzen Geſtalten ſinken mit ihrem naͤchtlichen Dunkel vom Tuche herab, und ein liebliches Morgenroth daͤmmert empor, da hebt ſich nun die ganze Land -55[53] ſchaft majeſtaͤtiſch und ſchoͤn aus dem chaoti - ſchen Nebel empor, wie von der Hand eines Gottes angeruͤhrt ſteht die Natur in ihrer rei - zendſten Schoͤne da und die Phantaſie verliert ſich in den Gebirgen, den Graͤnzen des Hori - zontes. Schon iſt die Natur geſchaͤftig, in fernen Landen alle meine Ideale zu realiſiren, ſchon ſeh ich jede Landſchaft wirklich, die ich einſt als Gemaͤhlde bewunderte oder von der ich in einer Beſchreibung entzuͤckt ward, die Kunſtwerke des großen Menſchenalters ſtehn vor mir, die die grauſame Hand der unerbittlichen Zeit ſelbſt nicht zu zernichten wagte, um nicht die glaͤnzendſte Periode der Weltgeſchichte aus - zuloͤſchen, die heiligen Haine, in denen die Nymphen und Dryaden wohnten, meine Phantaſie ſchwaͤrmt ſchon in den ehrwuͤrdigen Gebieten Griechenlands umher und wandelt mit heiligem Schauer unter den Truͤmmern, die uns freundlich ernſt daran erinnern, was ſie vordem waren. Ich muß auf der Stelle ſtehen, wo Leonidas fiel, wo Miltiades die Feinde ſchlug, und freilich, wo Alexander mit einer kindiſchen Zerſtoͤrungsſucht die Bluͤthe vom Baume herab - ſchlug, ehe ſie zur Frucht gereift war.

56[54]

Meine Ausſicht wird heiterer, Italien und Griechenland liegen perſpektiviſch vor mir, hundert frohe Erwartungen erwaͤrmen mein Herz, wenn Amalie mich liebte! Eduard, ja, ich werde ſie heut noch ſehn!

57[55]

11. William Lovell an Eduard Burton.

Eduard, o freue Dich mit mir, Freund mit Deiner bruͤderlichen Seele, alle Zweifel ſind geho - ben, alle Raͤthſel aufgeloͤſt, Amalie liebt mich! Dieſes neue Bewußtſeyn hat mich aus allen kleinen armſeeligen Gefuͤhlen zum hohen Genuſſe eines Gottes emporgeriſſen, ich bin zu Empfindungen gereift, von denen mir auch kei - ne Ahndung etwas ſagte, ich ſtehe in einer Welt, wo der guͤtige Schoͤpfer Freude und Wonne an jeden Zweig gehaͤngt und uͤber jeden Huͤgel hingegoſſen hat, alles was ich ſehe, was ich hoͤre, alles was lebt iſt vom Hauche der Liebe, vom Hauche Gottes beſeelt.

Wie unter mir alles zuſammenſchrumpft, was ich einſt fuͤr groß und wichtig hielt! Ich nehme es mit der Zukunft und allen ihren Begebenheiten auf, ein Aetherglanz iſt auf mich herabgefallen, ein Gott hat meine Seele an - geruͤhrt.

Wie gleichguͤltig und oͤde kam noch geſtern58[56] die ganze Welt meinem Blicke entgegen, alles iſt heut mein Freund, alles laͤchelt mich liebe - voll an. Eduard, wie ſoll ich Dir die Empfindung beſchreiben, als ich nun die Straße betrat, in der ſie wohnt, als ich vor ihrem Hauſe ſtand, es war ſchon Abend, ein blaſ - ſer Schimmer des Mondes brach ſich durch graue Wolken, mein Herz klopfte hoͤrbar, als ich dem Bedienten meinen Nahmen ſagte und die Treppen hinaufging. Sie war allein, ich trat in das Zimmer. Himmel! war es nicht, als kaͤme mir ein Engel entgegen, um mich im Paradieſe zu bewillkommen, wie ein heiliger Duft wehte mich die Luft an, in der ſie ath - mete, ich weiß nicht, was ich ihr ſagte, ich weiß nicht was ſie antwortete, aber meinen Nahmen ſprach ſie einigemahl mit einer unaus - ſprechlichen Suͤßigkeit. Wir ſetzten uns, ich war in einer wehmuͤthigen freudigen Stim - mung, ſie ſprach von der gluͤcklichen Aus - ſicht einer ſo ſchoͤnen Reiſe, mir war, als haͤtt ich Muͤhe, meine Thraͤnen zuruͤckzuhalten, o Himmel, wie guͤtig ſie zu mir ſprach, wie jeder Ton im Innerſten meiner Seele wieder - klang, jede Silbe foderte mich auf, mich dieſer59[57] holdſeeligen Guͤte zu entdecken, ich ſank an ihren Buſen und ſtammelte ihr das Bekenntniß meiner Liebe.

Ich war auf alles gefaßt, auf Zorn und Verachtung, auf Verlegenheit und Schaam in ihrem Geſichte, auf die Bitte, ſie nie wiederzu - ſehn, aber Eduard, nicht auf dieſe Milde ei - nes glaͤnzenden Engels, mit der ſie mich ſchwei - gend noch feſter an ihren Buſen druͤckte. Ich zweifelte in dieſem Augenblicke an meinem Daſeyn, an meinem Bewußtſeyn, an allem. Meine Freude hatte mich einer Ohnmacht nahe gebracht.

Unſre Lippen begegneten ſich, ihr Mund brannte auf dem meinigen, mein Herz ging auf vom erſten Sonnenſtrahle getroffen, wie Blumen thaten ſich alle meine Sinne auf, den Glanz in ſich zu ſaugen, der ſo freundlich auf ſie herabſtrahlte. Ich druͤckte ſie inniger an mei - ne Bruſt, ich fuͤhlte das Klopfen ihres Herzens.

Eduard! ich ſoll ihr ſchreiben, ſie will mir antworten! O, ſie iſt ein Engel! Sie wuͤr - de ihr Leben opfern, mich gluͤcklich zu machen!

Was ſoll ich Dir noch ſagen? Du verſtehſt mein Herz. O Freund, welche Seeligkeiten bereitet uns dies Leben, welche Wonnen bluͤhen60[58] in der Liebe! ich beneide Dir Deine Kaͤlte nicht mehr.

Ich bleibe noch laͤnger als eine Woche bei meinen Eltern, o ich werde ſie noch oft ſehn, mir iſt ſeit geſtern, als duͤrfte nur dies das Ge - ſchaͤft meines Lebens ſeyn. Ich habe ſchon den Mann kennen lernen, der mich auf meinen Reiſen begleiten ſoll, er heißt Mortimer. Mein Freund wird er ſchwerlich werden koͤnnen, er hat eine gewiſſe kalte beiſſende Laune, die mich von ihm geſtoßen hat. Er ſoll viel wiſſen, beſonders Alterthumskenner ſeyn, er hat dieſe ganze Reiſe ſchon einmahl gemacht, er iſt aͤlter als ich; alles dies zuſammengenom - men hat meinen Vater bewogen, ihn zu mei - nem Begleiter auszuwaͤhlen. Er ſcheint ſehr unterhaltend zu ſeyn, aber ich liebe nicht dieſe Art von Charakteren, das Satyriſche in ihm gefaͤllt mir nicht, dieſe[Erhebung] uͤber die andern Menſchen, dieſe Bitterkeit fuͤhrt ſehr leicht zur Menſchenfeindſchaft, ich liebe die meiſten, moͤchte ſie gern alle lieben und mag uͤber keinen ſpotten, jeder bewache ſeine eig - ne Schwaͤche.

Dein William.

61[59]

12. Mortimer an ſeinen Freund Karl Wilmont.

Wenn ich gerade aufgelegt waͤre, uͤber die wunderbaren Wege der Vorſehung Betrachtun - gen anzuſtellen, ſo haͤtt ich heut dazu die ſchoͤn - ſte Gelegenheit. Denn wahrlich, nichts iſt ſo ſeltſam, keine Linie laͤuft in den wunderbarſten Verſchraͤnkungen ſo ſchief und krumm, um in ſich ſelbſt zuruͤckzukehren, als es ſo oft die Begebenheiten und Vorfaͤlle in dieſer Welt thun. Den Schilling, den ich heut meinem Bedienten gebe, erhalt ich morgen vielleicht vom Lord Parton zuruͤck um ihn einem Bettler zu ſchenken. Wie weit koͤnnte man dieſe Idee bis ganz jenſeit der Ideenwelt verfolgen! Du biſt begierig, welch Reſultat endlich aus dieſem Wirrwarr folgen ſoll; nun ſo hoͤre denn und erſtaune. (Erſtaunſt Du nicht, ſo ge - ſteh ich, daß Du ſelbſt ein erſtaunenswuͤrdiges Weſen biſt.)

Wer haͤtte Dir wohl damahls in’s Ohr ge -62[60] raunt, als Du Deinen neulichen Brief an mich ſchriebeſt, in welchem von William Lovell die Rede war, daß Du an den achtbaren Gou - verneur dieſes hofnungsvollen Eleven ſchrie - beſt? Und dennoch hat es dem Weſen ge - fallen, welches ſeine Sonne uͤber Hofmeiſter und Zoͤglinge, uͤber Mortimers und Lovells ſcheinen laͤßt, mich dazu zu machen. Um ernſt - haft zu ſprechen: ich reiſe mit William nach Italien und Frankreich und kehre dann als ein zweimahl gereiſter Mann in mein ſehnſuchtvolles Vaterland zuruͤck, um auch hier mein Licht glaͤnzen zu laſſen. Ich ſehe die Gegenden noch einmahl, die mich ſchon einſt ſo entzuͤckten. William iſt noch ſo ziemlich ein ertraͤglicher Menſch, und darum hab 'ich das Anerbieten des alten Lovell angenommen.

William iſt, ſoviel ich gleich bei unſrer er - ſten Zuſammenkunft bemerken konnte, nicht ganz mit mir zufrieden, ich bin ihm zu froh, zu we - nig das, was er ernſthaft nennt. Wer von uns beiden nun den andern aus ſeinen[Verſchanzun - gen] zuerſt treiben wird, iſt die große Frage. In einer Woche ohngefaͤhr reiſen wir. Ich will mir alle moͤgliche Muͤhe geben, meinen Freund aus ihm zu machen.

63[61]

Mein alter Onkel haͤtte beinahe geweint, als ich ihm die Nachricht meiner Abreiſe brachte; er iſt mir mehr gewogen. als ich dachte, er hat es mir ſo gut wie verſprochen, mich zum Erben einzuſetzen, wenn er waͤhrend meiner Abweſen - heit ſterben ſollte, wie der Himmel will! Einmahl muß er doch ſterben, ſo ſehr ich ihn auch wirklich liebe.

Koͤnnt ich uͤber Bonſtreet reiſen, ſo wuͤrde die Reiſe noch eine Annehmlichkeit mehr fuͤr mich haben, aber einige Leute, die Fait von der Geographie machen, wollen behaupten, es laͤge ganz auf der entgegengeſetzten Seite; und man muß ihnen doch wohl hierinn glauben.

Deine Schweſter iſt allerdings ein vortrefli - ches Maͤdchen, ausgenommen darinn, daß ſie gewiß Lovell liebt, doch vielleicht wird er unter der Anfuͤhrung eines geſcheuten Mannes anders, das heißt, nach meiner Ueberzeugung: beſſer.

Woruͤber ich mich verwundre, iſt, daß man mich fuͤr ſo gelehrt haͤlt um mit Nutzen der Begleiter eines jungen Mannes zu ſeyn, der nicht ohne Kenntniſſe iſt, der alte Lovell aber iſt ein vernuͤnftiger Mann, der weiß, was64[62] meiſtentheils hinter der gewoͤhnlichen Ernſthaf - tigkeit ſteckt; vielleicht hat auch eben meine Heiterkeit ſeine Wahl auf mich fallen laſſen, da er mit der zu reizbaren Empfindſamkeit und Schwaͤrmerei ſeines Sohnes nicht ganz zufrie - den iſt.

Und wenn nun auch bald viele Meilen zwi - ſchen uns liegen, ſo bin ich auch im waͤrmeren Klima, zwar nicht waͤrmer, aber eben ſo warm als itzt, Dein Freund, und wenn ich nicht auf dem Kanal untergehe, ſo erhaͤltſt Du aus Frank - reich einen Brief von

Deinem Mortimer.

13.65[63]

13. Der alte Willy an ſeinen Bruder Thomas in Waterhall.

Weiß nicht, lieber Bruder, von wo aus ich Dir ſchreiben ſoll, aber ohne daß die Schuld davon an mir liegt: denn ich bin hier ganz na - he bei London, aber doch nicht in London, ſo daß ich lieber gar kein Datum dabei ſchrei - ben will, um Dich nicht konfus zu machen, weil ich weiß, daß Du Dich nicht gut aus den Ortſchaften und Laͤndereien herausfinden kannſt, wenn ſie eine Meile von dem Garten in Wa - terhall liegen, und London, oder das Land - haus hier nahe bei London, iſt nicht ſo nahe an Waterhall, als Du glaubſt, ob es freilich wohl ganz nahe an London liegt, ſo daß man die Klocken kann ſchlagen hoͤren, wenn ſie gera - de nicht unrichtig gehn, wie denn das wohl in ſo einer großen Stadt bisweilen der Fall iſt, wo ſelten alles ganz richtig geht; es macht die Menge.

Der Herr William iſt ſo ein guter Herr, als nur ein Bedienter verlangen kann, wenn erLovell, I. Bd. E66[64]nicht ſelbſt der Herr werden will. Er ſagte, er haͤtte mich mehr aus alter Freundſchaft mit - genommen, als wie einen Bedienten, nun iſt er freilich nicht ganz ſo alt, als ich, aber ſo alt er auch immer ſeyn mag, ſo bin ich doch wuͤrk - lich von der Geburt an ſein Freund geweſen. Du weißt, Tom, was ich meinen will, daß ich ihn nehmlich ſchon vor der Geburt gekannt ha - be, als ich ſchon lange vorher beim alten Herrn Lovell als ein Bedienter geſtanden habe.

Du glaubſt uͤbrigens nicht, Thomas, wie viel Menſchen es auf der Welt giebt, den Mann wollt ich ſehn, der die Leute ſo zaͤhlen koͤnnte, die ich unterwegs alle Augenblicke ge - funden habe. Der Vikar Winter hat doch Recht, ſo wie in allen Sachen, die er in der Kirche ausruft, es ſind viele Menſchen auf der Welt. Dafuͤr iſt die Welt aber auch ſo ziem - lich groß, das hab ich nun auch geſehn, denn wie wollten ſie ſonſt auch alle Platz darauf fin - den, wenn nicht neue Einrichtungen gemacht wuͤrden. Bis dahin bin ich

Dein getreuer Bruder. Willy.

Weil ſich hier gerade das ſo vortreflich paß - te: bis dahin bin ich u. ſ. w. ſo hatte ich mich67[65] dadurch verfuͤhren laſſen, daß der Brief hier aufhoͤren ſollte, ich hatte Dir aber noch man - ches ſagen wollen, unter andern, daß wir naͤch - ſtens abreiſen; es komme, wie es geh, ich ſchrei - be Dir manchmal, der gute Herr William hat mir erlaubt, ſo oft ich Dir etwas zu ſagen ha - be, meine Sachen in ſeinen Brief mit einzule - gen; ſo koſtet es mir und Dir nichts und ich habe nicht die Muͤhe, Deine Aufſchrift zu ma - chen und Du brauchſt ſie auch nicht zu le - ſen, ſondern du weißt denn gleich auswendig, daß jeder Brief, den Du von mir geſchickt kriegſt, an dich gerichtet iſt. Ferner dein ewiger Bruder.

Willy.

E 268[66]

14. William Lovell an Eduard Burton.

London liegt hinter mir mit allem ſeinem Gluͤk - ke, Frankreich vor mir! Ich komme ſo eben von den erhabenen Klippen zuruͤck, deren Schil - derung wir beide ſo oft in dem[gigantesken] Werke des unſterblichen Shakeſpeare bewundert haben. Die Natur wirkt wunderbar auf die Seele, mir war’s, als koͤnnt ich in die Zukunft hineinſehn, als waͤren die Schleier eben im Be - griffe herunterzufallen, die ſonſt vor dieſem Schauplatze haͤngen, die See rauſchte tief unter mir und wogte und ſchlug ohnmaͤchtig an die unerſchuͤtterlichen Klippengeſtade, Wolken ſtanden aus dem Meere auf und ſchritten durch das ruhige Blau der unuͤberſehbaren Woͤlbung, ohne froͤhlich zu ſeyn, ohne Traurigkeit ſah ich in die unendliche Natur hinaus, der Wind blies uͤber die See hin, die Dornblumen am Felſen zitterten, ich ſtand ruhig. Das Wogen der Fluth rauſchte leiſe herauf, tauſend Sonnen tanzten in dem wiegenden Meeresſpie -69[67] gel, ja Freund, der Menſch haͤlt gewiß ſelbſt die Zuͤgel ſeines Schickſals, er regiere ſie weiſe und er iſt gluͤcklich; laͤßt er ſie aber muthlos fahren, ſo ergreift ſie ein ergrimmter Daͤmon und jagt ihn wuthfrohlockend in das furchtbare, ſchwarze Thal, wo das Elend wohnt. Dar - um wollen wir Maͤnner ſeyn, Eduard, und kalt und ohne Zagen unſer Schickſal regieren, auch wenn tauſendfaches Ungluͤck den Wagen in den Abgrund zu ſchleudern droht.

70[68]

15. William Lovell an Amalie Wilmont.

Mit Thraͤnen ſieht mein Auge ruͤckwaͤrts, das Ihrige blickt mir weinend nach. Aber nein, kein Zweifel, kein Zagen ſoll in unſrer Bruſt entſtehn, ich will muthig hoffen. O ja, Ama - lie, Ordnung, Harmonie iſt das große Grund - geſetz aller unendlichen Naturen, ſie iſt das We - ſen, der Urſtoff des Gluͤcks, die erſte bewegende Kraft, auch wir werden von den Speichen des großen Rades ergriffen, wir ſind Kinder der Natur und haben Anſpruch an ihre Geſetze und gaͤb es fuͤr mich ein Gluͤck ohne Amalien? Leben Sie wohl, die Segel ſchwellen, die Win - de rufen zur Abfahrt, leben Sie wohl. Ihr Bild ſoll der Schutzgeiſt ſeyn, der mich beglei - tet, in dem Augenblicke da Sie mich vergeſſen, bin ich allen Gefahren preiß gegeben, bis dahin fuͤhle ich die Staͤrke eines Gottes in meinem Herzen.

[69]

William Lovell.Zweites Buch.

[70][71]

1. Mortimer an ſeinen Freund Karl Wilmont.

Ich bin nun wieder in der Stadt, die die Franzoſen die Hauptſtadt von Europa nen - nen, wo man in einer beſtaͤndigen Verwir - rung von Beſuchen und Vergnuͤgungen lebt, wo man ſehr lange leben kann, ohne zu ſich ſelbſt zu kommen und wo man ſich, wie William Lovell taͤglich behauptet, zu Tode langeweilt und aͤr - gert, wenn die geſunde Vernunft nur auf einen einzigen Tag aus ihrer Betaͤubung erwacht. Sonſt ſind wir alle wohl und geſund, und die Reiſe hieher war recht angenehm; auch William gewoͤhnt ſich an meine Geſellſchaft, wir kommen uns naͤher, ſo wie ich es vorhergeſehn habe, ich muß mich nur huͤten, daß ich nicht auf einen gewiſſen Eigenſinn gerathe, ihm zuviel zu wi - derſprechen, ſo paradox er auch manchmal aus74[72] ſeinen dunkeln Gefuͤhlen philoſophiren will, dies wuͤrde uns von neuem entfernen und bei ihm die Sucht veranlaſſen, mir in keiner meiner Behauptungen Recht zu geben: ſo wuͤrden alle unſre Geſpraͤche Gezaͤnke werden und dies fuͤhrt zu einer Bitterkeit, die am Ende in eine voͤl - lige Unvertraͤglichkeit ausartet.

Ich will dir mit keinen politiſch ſtatiſtiſchen Nachrichten Langeweile machen, ſoviel ich bis itzt habe ſehn koͤnnen, iſt alles hier beim Alten geblieben und hoffentlich wird es dabei noch ei - ne geraume Zeit bleiben. So lange bitt ich Dich, die erſte beſte Geographie von Frankreich aufzuſchlagen, wenn Dir hin und wieder einige Zweifel aufſtoßen ſollten.

William lebt und traͤumt und raſ’t in der vollen Begeiſterung ſeiner erſten Liebe. O Karl, es iſt doch ein Genuß, den wir niemahls empfinden werden, ſein Blick, mit dem er die ſchoͤne Natur betrachtet, die Heftigkeit, mit der ſein Herz fuͤr alles Schoͤne ſchlaͤgt, in der ganzen Welt, in allem, was er denkt und empfindet, koͤmmt ihm ihre Geſtalt verſchleiert entgegen. Mit Enthuſiasmus kletterte er auf die Klippen bei Dover und las dort eine Stelle75[73] Shakſpeares, o vergieb mir meinen Alexan - derſtolz, wenn ich nicht Mortimer waͤre, moͤcht ich wohl William Lovell ſeyn. Es thut mir aber dennoch weh, ihn oft ſo tief in Traͤumen verlohren zu ſehn, er ſeegelt uͤber einen Strom, wo er eine goͤttliche Ausſicht hat, er fuͤhlt ſich ſeelig, indem er ſein Auge an die Schoͤnheit der Landſchaft weidet; aber das Faͤhr - geld hinuͤber iſt zu theuer und er wird es ge - wiß ſelbſt bemerken, wenn die Fahrt geendigt iſt und er den Fuß an’s Ufer ſetzt. Er ſchreibt ihr, ſo viel ich bemerkt habe, und ich moͤchte mit mir ſelber zanken, daß ich zuweilen eine Art von Eiferſucht empfinde.

Der alte Willy iſt gegen ihn der ſeltſamſte Kontraſt, er iſt ſchon itzt mehr unſer Freund, als Diener, und William hat ihn ſelbſt aus ei - ner gewiſſen Vorliebe mitgenommen. Es iſt eins von den geliebten Weſen Rouſſeau’s, von keinen Wiſſenſchaften veredelt und verdorben, von keiner Gelehrſamkeit kluͤger und dummer ge - macht, von Schuͤchternheit und Praͤtenſion gleich weit entfernt: ein Weſen, ſo natuͤrlich und un - gekuͤnſtelt, als wenn es die muͤtterliche Natur nur ſo eben haͤtte in die Welt hineinlaufen laſ -76[74] ſen. Er gafft und ſtaunt alles an und theilt mir dann oft in langen Geſpraͤchen ſeine Be - merkungen mit.

William will ſich mit dem Eigenſinne ſeiner Empfindung gar nicht in den reizenden, ſchnell wandelbaren Charakter des liebenswuͤrdigſten Volkes finden, auf den Gaſſen iſt er betaͤubt, in Geſellſchaft wird er zu Tode geſchwatzt, im Trauerſpiel aͤrgert er ſich, im Luſtſpiel gaͤhnt er, in der Oper, hat er einigemahl ſogar ge - ſchlafen. Er iſt unvorſichtig genug, ſeine Be - merkungen oft Franzoſen mitzutheilen und dieſe finden dann, daß er den Sonderling ſpielt, daß ſein Geſchmack noch nicht gebildet iſt, mit einem Worte: daß er kein Franzoſe iſt. Dieſe Diſputen ſind mir immer ſehr langweilig, ein jeder haͤlt die Gruͤnde des andern fuͤr trivial und keiner verſteht den andern ganz, und beide haben Recht und beide Unrecht. Mit einem Baron hat er ſich hier ganz ernſthaft entzweit, weil er den Corneille fuͤr keinen erhabenen Dichter hielt, und ich ſeh es voraus, daß er auch naͤchſtens mit einem Marquis brechen wird, weil er die Oper nicht magnifique, superbe und divine findet. Ach, der arme William findet77[75] itzt nichts als ſein Maͤdchen divine; wenn das die Leute wuͤſten, ſie wuͤrden ihn gewiß in Ru - he laſſen.

Unter der Menge von Bekanntſchaften ha - ben wir einige ſehr intereſſante gemacht, einige habe ich von meiner vorigen Reiſe aufgefriſcht. Es iſt oft unendlich leichter, in einer ganz fremden Familie zu einer Art von Vertraulich - keit zu kommen, als in einem Zirkel, in wel - chem man ehemahls ſehr bekannt war, wo aber die Zeit die Erinnerung ganz ausgebleicht hat. Alles iſt verwittert, die neu aufgettagenen Far - ben wollen nicht ſtehn, nichts iſt in einem ge - wiſſen nothwendigen Gleichmaaß: man fuͤrchtet in jedem Augenblicke zu ſehr den Vertrauten, oder den kalt gewordenen Fremden zu ſpielen, man hat die Fugen der Seele indeß vergeſſen und greift auf dem Inſtrumente unaufhoͤrlich falſch. Den alten Grafen Melun hab ich wieder aufgeſucht, ſeine Nichte, die damahls ein huͤbſches Kind war, iſt ein ſehe ſchoͤnes Weib geworden, ihr Verſtand hat ſich nicht we - niger ausgebildet. Sie hat im vorigen Jah - re einen gewiſſen Grafen Blainville geheira - thet, der itzt ſeit einigen Monathen geſtorben78[76] iſt, ſie hat als Witwe das Anſehn des liebens[-]wuͤrdigſten Maͤdchens und ſie wuͤrde noch ge - faͤhrlicher ſeyn, wenn ſich die Koquette in ihr nicht bald verriethe. Der alte Graf iſt noch ganz der Mann, der er ehedem war, er gehoͤrt zu denen Leuten, die wenn ſie ſich aͤndern ſollen, nothwendig verliehren muͤſſen, das heißt: ſie ſind auf einen gewiſſen Punkt der Ausbildung gekommen, uͤber den ſie ihre ganze Lebenszeit hindurch nicht wegſchreiten, ſie ſind mit ihrem Verſtande und allen ihren Begriffen gluͤcklich in den Hafen eingelaufen und wagen nun um Alles keine zweite Fahrt. Sein Haus iſt noch immer ſo angenehm, wie vormahls, er verſammelt gern witzige Koͤpfe, ſchoͤne Geiſter, Gelehrte und Po - litiker um ſich her; aus mehreren Strahlen wird doch endlich ein Schein und dadurch wuͤr - de ihn mancher von unſern Doktoren auf ein ganzes Vierteljahr fuͤr einen ſehr geſcheidten Mann halten. Dort hab ich auch einen Ita - liaͤner Roſa kennen[lernen], deſſen genauere Be - kanntſchaft ich ſuchen werde. Ich kenne wenige ſo feine Geſichter; ein ſprechendes Auge, das jede ſeiner Behauptungen begleitet und ſie gleich - ſam deutlicher macht; einen Mund, gleich ſchnell79[77] ſich in das freundlichſte Laͤcheln und die Falten des bitterſten Spotts zu legen, ich habe nur noch wenig mit ihm geſprochen, aber alles, was er ſagte, hat mich zu ihm gezogen, ohne es zu wollen hat er meine Aufmerkſamkeit ganz auf ſich geheftet; er iſt kein Enthuſiaſt, aber auch kein kalter, verſchloſſener Menſch, er iſt ſehr empfindlich fuͤr das Schoͤne, ohne zum Dekla - mator zu werden. Es freut mich, daß er ſich an William ſchließt, von ſolchen Menſchen kann dieſer viel lernen, wenn er erſt den geheimen Haß abgelegt hat, den er gegen Weſen fuͤhlt, die ihm uͤberlegen ſind.

Wir ſind mit einem jungen, aufbrauſenden, ſonderbaren Deutſchen bekannt geworden, dem ſich William ganz und gar hingiebt; er heißt Balder und iſt auch nur ſeit kurzem in Paris. Zwei harmonirende Toͤne koͤnnen nicht ſo leicht in einander ſchmelzen, als dieſe beiden Seelen: beide ſind Enthuſiaſten, beide poetiſch geſtimmt, beide begegnen ſich mit gleicher Liebe. Ich mag noch itzt nichts davon merken laſſen, daß eine ſolche Freundſchaft, von zweien ſo ganz gleichgeſtimmten Weſen geſchloſſen, ſich ſelbſt bald aufzehren muß: es iſt ein ſchnelles aufloderndes80[78] Feuer, das aber keine Hitze hat und ohne Dauer iſt, denn wo man nicht fremde Fehler und fremde Vorzuͤge entdeckt, da kann man nicht verehren und nicht lieben; aber William wuͤr - de mir doch davon nichts glauben und darum ſchweig ich lieber, und wenn er ſelbſt mit der Zeit[dieſe] Erfahrung macht, ſo bietet er gewiß ſeinem eigenen Gefuͤhle Trotz, um ſich dieſe un - vermuthete Erſcheinung abzulaͤugnen.

Wenn Dir dieſer Brief große Langeweile macht, ſo haſt Du die deutlichſte Vorſtellung davon, wie William hier lebt; uͤbrigens ant - worte mir, ich bin muͤde, es iſt ſchon ſpaͤt, lebe wohl, und ſollteſt Du gerade ſo ſchlaͤfrig ſeyn, wie ich, ſo wuͤnſcht Dir eine angenehme Ruhe

Dein Freund Mortimer.

2.81[79]

2. William Lovell an ſeinen Freund Eduard Burton.

Paris, liebſter Freund, mißfaͤllt mir hoͤchlich; ich denke oft an Dich und an das einſame Bon - ſtreet zutuͤck, wenn ich mich hier in den glaͤn - zenden Zirkeln herumtreibe; dort war mei - ne Seele in einer ſteten lieblichen Schwingung, hier bin ich verlaſſen in Felſenmauern eingeker - kert, ein wuͤſter Muͤßiggang iſt mein Geſchaͤft, vom Geſchwaͤtze betaͤubt, von keiner Seele ver - ſtanden. Doch nein, ich will mich nicht an das Schickſal verſuͤndigen, ich habe hier einen Menſchen gefunden, wie ihn mein Herz bedarf, ich habe auch hier einen Freund, der mich fuͤr ſo viele verlohrne Stunden entſchaͤdigt. Ich habe die Bekanntſchaft eines jungen Deutſchen gemacht, er heißt Balder, ein Juͤngling, deſ - ſen Seele faſt allen Forderungen entſpricht, die meine uͤbertreibende Empfindung an einen Freund macht; er iſt ſanft und gefuͤhlvoll, ſein Her; wird leicht von der Schoͤnheit und ErhabenheitLovell, I. Bd. F82[80]erwaͤrmt, faſt allenthalben treffen ſich unſre verwandten Geiſter in einem Mittelpunkte, ohne daß doch unſrer Natur jene Nuͤancen mangeln, die, wie man behauptet, in der Freundſchaft und Liebe unentbehrlich ſind, um beide dauer - haft zu machen. Ich habe nicht, wie er, die - ſen tiefen Hang zur duͤſtern Schwaͤrmerei, dieſe Kindlichkeit, mit der er ſich an jeden Charakter ſchmiegt, den er liebt; ich bin kaͤlter und zu - ruͤckgezogener, meine Phantaſie iſt mehr in ſuͤ - ßen, lieblichen Traͤumen zu Hauſe, er wohnt oft unter Miltonſchen Schatten und in der Unterwelt Daute’s; alles macht auf ihn einen tiefen blei - benden Eindruck, ſobald er nur eine ſchwermuͤ - thige Seite auffinden kann, die Freude kann ihn nur aus der Ferne beleuchten, wie ein ſanf - ter untergehender Abendſchimmer. Sein Aeuße - res hat daher beim erſten Anblicke etwas Zuruͤck - ſcheuchendes, aber kaum kam ich ihm einen Schritt entgegen, als er ſogleich die ganze zwi - ſchenſtehende Wand niederwarf, die ſo oft auch die innigſten Freunde noch in manchen Stunden trennt. Aber ſo ſehr er auch mein Freund iſt, ſo kann ich ihn doch nicht mit der Liebe umfangen, mit der ich Dich liebe, Dein Bild -83[81] niß haͤngt im Vordergrunde meiner Seele, wo ſich die hellſten Strahlen verſammeln; auch in Balders Geſellſchaft fehlſt Du mir, koͤnn - teſt Du doch bei mir ſeyn, Du wuͤrdeſt ihn ge - wiß lieben, dann reiſten wir, drei Freunde mit Einem Herzen durch die ſchoͤne Welt, o Eduard, ich moͤchte weinen, wenn ich mir dieſe Seeligkeit lebhaft traͤume, und dann neben dem ſpottenden, froͤhlichen Mortimer erwache, der nur Geſellſchaft und Menſchengeſichter ſucht, um ſich die langweiligen Stunden hinwegzu - ſchwatzen. Er kann kein feinempfindendes Herz haben, er lacht beſtaͤndig, oder laͤchelt in ſeiner Kaͤlte uͤber meinen Enthuſiasmus, auch Balder ſcheint ihm nicht zu gefallen. Ich zweifle nicht an ſeinem Edelmuthe, er ſpricht, ſo ſcheint es mir, oft mit vielem Verſtande, er iſt aͤlter als ich und kennt die Welt mehr, aber ich zweifle, daß er den holden Einklang jener zarten Gefuͤhle verſteht, die ſich nur den feinern Seelen offenbaren. Zuweilen quaͤlt er mich wirklich, wenn ich eben unter goldenen Traͤu - men der Zukunft und Vergangenheit wandle, von Deinem Bilde, und der holdſeeligen Ge - ſtalt Amalien’s angelaͤchelt; mit ihm zugleichF 284[82]ein andres feindſeeliges Weſen, das ſich zu mir hinandraͤngt, ein Italiaͤner, ein ſogenannter fei - ner und ausgebildeter Mann, mein Herz kann ihm nicht vertraulich entgegenſchlagen, mir iſt in ſeiner Gegenwart aͤngſtlich und beklemmt; ich mag lieber viele Stunden mit dem alten ehrlichen Willy zubringen, ſein gutmuͤthiges Geſchwaͤtz koͤmmt aus ſeinem Herzen, ich weiß, daß er nicht uͤber mich ſpottet, daß er mich nicht ſtudiert, um ſeine Menſchenkenntniß zu vermehren.

Du wirſt mir vielleicht wieder Bitterkeit und Uebertreibung vorwerfen, mags, aber ich wuͤnſche nichts ſo ſehnlich, als den Tag an wel - chem ich Paris verlaſſe. Ich finde hier nichts von allem, was mich intereſſirt; die Stadt iſt ein wuͤſter, unregelmaͤßiger[Steinhaufen], in ganz Paris hat man das Gefuͤhl eines Gefaͤngniſſes, die Pracht des Hofes und der Vornehmen kon - traſtirt auf eine widrige Art mit der Armſee - ligkeit der gemeineren Klaſſen; alles erinnert an Sklaverei und Unterdruͤckung. Die Gebaͤude ſind mit kleinlichen Zierrathen uͤberladen, man ſtoͤßt auf kein Kunſtwerk, in welchem ſich ein erhabener Geiſt abſpiegelte, die Goͤttinn der85[83] Laune und des lachenden Witzes hat alles Gro - ße zum Reizenden herabgewuͤrdigt und ſo ſind aus den maͤnnlichen, kraftvollen Urbildern Roms und Griechenlands gezierte und unnatuͤrliche Hermaphroditen geworden. Von dem großen Zwecke, von der erhabenen Beſtimmung der Kuͤn - ſte, von jenem Gefuͤhle, aus welchem die Grie - chen ihren Homer und Phidias an die Halb - goͤtter richten, davon iſt auch hier die letzte Ahndung verlohren gegangen, man lacht, man tanzt und hat gelebt. Ach, die goldenen Zeiten der Muſen ſind uͤberhaupt auf ewig ver - ſchwunden! Als ſich noch die Goͤtter voll Mil - de auf[die] Erde herabließen, als die Schoͤnheit und Fruchtbarkeit noch in gleichgefaͤlligen Ge - waͤndern auf den bunten Wieſen verſchlungen tanzten, als die Horen noch mit goldenem Schluͤſſel Auroren ihre Bahn aufſchloſſen und ſeegnende Gottheiten mit dem wohlthaͤtigen Fuͤll - horne durch ihre lachende Schoͤpfung wandelten, ach damahls war die Zeit, in der die Menſchheit in ihrer Bluͤthe ſtand. Verſinnlicht ſtand die erhabene Weisheit[unter] den fuͤhlen - den Menſchenkindern, an mitfuͤhlende Goͤtter - herzen gelangte das Gebet des Flehenden, Goͤt -86[84] ter hielten Wacht an dem Lager des ſchlafenden Elenden, keine Wuͤſte war unbewohnt, ſeine Goͤtter landeten mit dem Verirrten an fremde Geſtade, Sturmwinde und Quellen ſprachen in verſtaͤndlichen Toͤnen, in der ſchoͤnen Natur ſtand der Menſch unbefangen da, wie ein ge - liebtes Kind im Kreiſe ſeiner zaͤrtlichen Fa - milie, aber itzt, o Eduard, ſchon oft hab ich es gewuͤnſcht und ich ſag es Dir ungeſcheut, ich bedaure es, daß man den[entzuͤckten] Menſchen ſo nahe an das ſchoͤne Gemaͤhlde ge - fuͤhrt hat, daß die taͤuſchenden Perſpektive ver - fliegen: wir lachen itzt uͤber die, die ſich einſt von dieſen grobaufgetragenen Farben, von dieſen verwirrten Strichen und Schatten hintergehn ließen und Leben auf der todten Leinwand fan - den, wir haben den Betrug mit Einem drei - ſten Schritte entraͤthſelt, aber was haben wir damit gewonnen? Die Geſtalten ſind verſchwun - den, aber unſer Blick dringt doch nicht durch den Vorhang, und wenn er es koͤnnte, wuͤr - den wir mit dieſen koͤrperlichen Augen et - was wahrnehmen? Iſt der Menſch nicht zur Taͤuſchung mit ſeinen Sinnen geſchaffen, wie iſt es moͤglich, daß ſie jemahls aufhoͤre?

87[85]

Vergieb mir meine Ausſchweifung, aber ich liebe den Regenbogen, wenn man mir gleich be - weiſt, daß er nur in meinem Auge exiſtire, iſt mein Auge nicht ein wirkliches Weſen und darum fuͤr mich auch die Erſcheinung wirk - lich? Ich haſſe die Menſchen, die mit ihrer nachgemachten kleinen Sonne in jede trauliche Daͤmmerung hineinleuchten und die lieblichen Schattenphantome verjagen, die ſo ſicher unter der gewoͤlbten Laube wohnten. In unſerm Zeit - alter iſt es vielleicht Tag geworden, aber das romantiſche Mondlicht war ſchoͤner, als die - ſes graue Licht des wolkigen Himmels; den Durchbruch der Sonne und das reine Aether - blau muͤſſen wir erſt von der Zukunft erwar - ten.

Wie mich alles hier anekelt! Man ſpricht und ſchwatzt ganze Tage, ohne auch nur ein einzigmahl zu ſagen, was man denkt; man geht in’s Konzert, ohne die Abſicht zu haben, Muſik zu hoͤren; man umarmt und kuͤßt ſich, und wuͤnſcht dieſe Kuͤſſe vergiftet. Es iſt eine Welt voller Schauſpieler und wo man uͤberdies noch die meiſten Rollen armſeelig darſtellen ſieht, wo man die fremdartigen Maſchinerien88[86] der Eitelkeit, Nachahmungsſucht oder des Nei - des ſo deutlich durchblicken laͤßt, daß bei man - chen keine Taͤuſchung moͤglich iſt.

Ich bin aus Langeweile einigemahl in’s Theater gegangen. Tragoͤdien voller Epigram - men, ohne Handlung und Empfindung, Tira - den, die mir gerade ſo vorkommen, wie auf al - ten Gemaͤhlden Worte den Perſonen aus dem Munde gehn, um ſich deutlich zu machen, dieſe hertragirt, auf eine Art, daß man oft in Verſuchung koͤmmt zu lachen; je mehr ſich der Schauſpieler von der Natur entfernt, je mehr wird er fuͤr einen großen Kuͤnſtler gehalten, Koͤ - nige und Koͤniginnen, Helden und Liebhaber ſind mir noch nie in einem ſo armſeeligen Lich - te erſchienen, als auf der Pariſer Buͤhne, kein Herz wird geruͤhrt, keine Empfindung an - geſchlagen, genug, man hoͤrt Reime klingeln und der Vorhang ſagt einem am Ende doch, daß nun das Stuͤck geſchloſſen ſey, und ſo hat man, ohne zu wiſſen wie, ein chef d’oeuvre des groͤß - ten tragiſchen Genie’s geſehn. O Sopho - kles! und goͤttlicher Shakeſpear! Wenn man den Buſen mit euren Empfindungen ge -89[87] fuͤllt, von eurem Geiſte angeweht dieſe Mario - nettenſchauſpiele betrachtet!

Und dann die froſtigen langweiligen Luſt - ſpiele! wo ein ſogenannter witziger Einfall das ganze Parterre wie mit einem elektriſchen Schla - ge trifft, wo nicht Menſchen, ſondern ausgehoͤhl - te Bilder auftreten, in welche ſich der Dichter mit ſeinem Witze verkriecht! Ein ſchaales, leeres Wortgeſchwaͤtz, alles Ein Weſen, alles Eine wiederkehrende, alltaͤgliche Idee; doch iſt fuͤr dieſe Poſſen das Schellengeklingel ihrer Reime etwas angemeſſener.

In der großen, weltberuͤhmten Pariſer Oper bin ich eingeſchlafen. Arme und Fuͤße eines Giganten an den Koͤrper eines Zwerges geſetzt, machen doch wirklich ein vortreffliches Ganzes aus! Muſiker, Mahler, Taͤnzer, Dichter, ar - beiten ſich auſſer Athem, um ein armſeeliges Ungeheuer zu Stande zu bringen, das nicht ein - mahl das Verdienſt der Unterhaltung hat.

Doch hinweg von dieſen Kleinigkeiten! Seit ich Frankreich kennen lerne, fang ich an, mein Vaterland um ſo hoͤher zu achten, dort woh - nen Freundſchaft und Liebe, dort ſchaͤmen ſich90[88] die Menſchen nicht, ein Herz zu haben und ihre Gefuͤhle zu bekennen, o Amalie! unaufhoͤr - lich denk ich an dich! Ich[erwarte] nun bald ei - nen Brief von ihr, ich habe ihr ſchon geſchrie - ben. An dieſen Nahmen knuͤpfen ſich tau - ſend ſuͤſſe und bittre, ſchwermuͤthige und frohe Empfindungen: dieſe Hofnung iſt eine Sonne, die meine neblichten Tage vergoldet, in Ama - liens Buſen liegt der Schatz, der mich einſt gluͤcklich machen muß. Ohne ihre Liebe hab ich keinen[Begriff] von Gluͤck, und daß ich ſie einſt weniger lieben koͤnnte, iſt mir undenkbar.

Ich habe indeß ſchon manche ſchoͤnere Ge - ſtalt geſehn, als Amalie iſt, aber ich habe im - mer ſelbſt in meinem Herzen daruͤber triumphirt, wie ſie in meiner Phantaſie uͤber alle uͤbrigen hinwegragt. Sie gehoͤrt nicht zu jenen Schoͤn - heiten, die das Auge augenblicklich feſſeln und die Seele kalt und erſtorben laſſen; ſo iſt die Nichte eines Grafen Melun hier vielleicht das reizendſte weibliche Geſchoͤpf, das ich je geſe - hen habe, aber das imponirende ihrer feurigen Lebhaftigkeit iſt ſehr von jener holdſeeligen Herr - ſchaft verſchieden, die[aus] Amalien’s Augen91[89] uͤber die Sele gebietet. Alle Vergleichungen, die meine Gedanken vornehmen, dienen nur, ſie mit neuen unwiderſtehlichern Reizen als Siege - ri[n]n in meine Arme zu fuͤhren.

Schreibe mir bald, ſehr bald, ich bin

Dein ewiger Freund. William Lovell.

92[90]

3. Willy an ſeinen Bruder Thomas.

Da ich Dir nun einmahl ſchreibe, ſo weiß ich doch wahrhaftig nicht, wo ich anfangen ſoll, ſo voll iſt mir der Kopf von merkwuͤrdigen Schrei - bereien und ich moͤchte die Feder in beide Haͤn - de nehmen, um Dich nur recht viel erfahren zu laſſen, aber beſonders viel wuͤrde es nicht helfen. Daß der Herr William ein guter Mann iſt, das wirſt Du Dir wohl ſchon mit Deinem bißchen Verſtande zuſammenreimen koͤn - nen, aber daß er ſo gut mit mir umgeht, wie ein Vater mit ſeinem Kinde, das die Pocken hat, das wirſt du vielleicht nimmermehr glauben wollen; aber da kann ich Dir nun nicht helfen, denn es iſt wahr, und der Wahrheit muß man die Ehre geben.

Haſt Du wohl ſchon ein ordentliches Pup - penſpiel mit lebendigen Perſonen geſehn? Sol - che ſind hier viele und man hat beſondre Haͤu - ſer dazu fuͤr die Leute gebaut, die es auch mit anſehn wollen. Man ſollte nicht glauben, daß93[91] ſo viele Leute eine ſolche Neugier in ſich haͤt - ten. Es iſt immer ſehr hell bei ſolchen Gele - genheiten, von den vielen Lichtern nehmlich, Thomas, mußt Du verſtehn, die ringsum in dem ganzen Hauſe brennen, denn ſonſt wuͤrden die Leute, die es gern ſehn wollen, wenig ſehn, und bei Tage muͤſſen ſich doch wohl die Komoͤ - diantentruppen ſchaͤmen, ihre Sachen vorzuſpie - len, ich wenigſtens wuͤrde auch ebenfalls am Abende nicht mitſpielen, und wenn ſie mir auch die vornehmſte Rolle geben wollten. Eine Art von Stuͤcke giebt es, wo man immer wei - nen muß, ich habe es aber, bei aller Muͤhe, noch nicht dahinbringen koͤnnen; die vornehmen Da - men ſind darinn mehr geuͤbt, aber der gute Herr William nimmt mich manchmal doch wie - der mit: er hat auch noch kein einziges mahl darinn geweint, ich denke, es macht, weil wir hier nur Fremde ſind.

In einem andern großen[Hauſe] lachen die Leute immer aus vollem Halſe, es iſt doch wirk - lich viel, daß das die Komoͤdiantenleute nicht uͤbel nehmen, denn ich wenigſtens, ſo ein alter Mann ich auch ſonſt bin, ich wuͤrde grauſamlich anfangen zu ſchimpfen und zu fluchen. Ich94[92] kann darum hier den jungen Italiaͤner nicht lei - den, der meinen Herrn manchmal beſucht, er hat ein paarmal angefangen zu lachen, als ich mit meinem Herrn William eine ernſthafte Rede anfing; das Auslachen kann ich gar nicht lei - den, Thomas, Du weißt noch, daß wir uns ſchon in einigen der ehemaligen Jugendjahre tuͤchtig ausſchlugen, weil Du mich etlichemahl hatteſt auslachen wollen, doch, das iſt itzt vor - bei und ich hab es Dir vergeben.

Wie ich Dir ſagen wollte, ſo gefaͤllt mir das Ding am beſten, was ſie hier zu Lande die Oper nennen, da braucht man nicht zu thun, als wenn man es verſtuͤnde, denn da wird ei - nem jeden alles weitlaͤuftig vorgeſungen und es iſt ein recht vernuͤnftiger Gedanke, daß wenn ſie uͤberdruͤſſig ſind zu ſingen, ſo ſpringen ſie etli - che Saͤtze herum, nur wuͤrde ich dieſe Taͤnze nicht mitmachen koͤnnen, es iſt mir zu kuͤnſtlich. Aber ſonſt gefaͤllt mir die ganze Sache ſo ziem - lich, die Muſik iſt Dir immer unter ſehr viel Inſtrumente abgetheilt, damit der Laͤrmen deſto groͤßer wird und die Komoͤdiantenſaͤnger nicht die Herzhaftigkeit verliehren, denn das iſt nicht ein ſchlechter Spaß, wenn auf etliche darunter95[93] immer geſchoſſen wird, oder manchmahl werden ſie auch ordentlich geſtochen und ſterben, ſo einen Mann moͤchte ich wenigſtens nicht vorſtel - len. Herrlich ſind dabei die Bilder, welche Haͤu - ſer, oder Gaͤrten, oder ſo etwas vorſtellen, man moͤchte manchmahl hineingehn, ſo natuͤrlich ſcheint es in der Ferne auszuſehn. Neulich war eine große Pruͤgelei hier, ich glaube, es war eine Schlacht, die der beruͤhmte Alexander mach - te. Sie war gut.

Es giebt in Paris erſtaunlich viele Menſchen, der Koͤnig muß doch einen großen Kopf haben, der ſo das ganze Volk regiert. In Paris giebt es auch ſehr viel arme Leute; ach Thomas, ich denke doch immer, daß die armen Franzoſen auch meine Bruͤder ſind, wenn ich auch im Grunde ein Englaͤnder bin, ich habe manchem ſchon etwas von meinem Ueberfluſſe gegeben und die bedanken ſich denn immer ſo ſehr, als wenn ich wunder was! gethan haͤtte, manche ſa - gen immer, daß ſie ſo ſehr hungern. Wozu doch der liebe Gott wohl die ſo ganz armen Menſchen in der Welt geſchaffen haben mag? Wenn ich erſt einem etwas gebe, ſo kommen gleich eine Menge um mich herum, die mich ſo96[94] mit barmherzigen Augen anſehn, daß ich es gar nicht laſſen kann, ihnen auch was zu geben; der eine druͤckt mir dann die Hand, der andre ſieht nach dem Himmel, der dritte weint, o da hab ich oft mitgeweint und mich nicht dazu gezwungen, es kamen mir die Thraͤnen ganz unverhofft, ach, es ſind recht gute Leute, wenn ſie nur ihr gehoͤriges Brod in der Welt haͤtten.

Die vornehmen Leute fahren hier in der Stadt ſehr geſchwinde, viel zu geſchwinde, wie ein Jagdpferd. Es werden oft Leute uͤberge - fahren und da machen ſie ſich nicht viel draus, ſie fahren uͤber die Menſchen ganz geruhig weg, Thomas, auch daruͤber hab ich neulich geweint, wie ſie ſo einen armen alten Mann uͤbergefahren hatten, der eben ſeinen Kindern Brodt eingekauft hatte, es war gerade ein Feſt und er hatte ſich weiß Brod gekauft, um ſich doch auch eine Freude zu machen, und nun fuh - ren ſie ihn gerade ſo unbarmherzig uͤber, daß er ſchon am Abende ſtarb. Es iſt nicht recht, Thomas, ich koͤnnte nicht wieder recht ruhig ſchlafen, aber das iſt hier nicht anders, wir97[95] war beide haben noch Niemand uͤbergefahren, denn wir ſind immer zu Fuße gegangen, auſſer ſeit ich mit meinem Herrn auf Reiſen bin, da wuͤrd ich nicht ſehr gut mit kommen. Uebri - gens bleibe mein Bruder, ſo wie ich bin

Dein guter Bruder. Willy.

Lovell, I. Bd. G98[96]

4. Thomas an ſeinen Bruder Willy.

Ich habe Deinen Brief bekommen, Willy, und es freut mich, daß Du auch immer noch in der großen weiten Welt an Deinen Bruder denkſt, das iſt ſehr brav von Dir. Ich habe ſchon von ſolchem naͤrriſchen Zeuge und auch von ſolchen Greuelthaten gehoͤrt, wie Du mir da ſchreiben willſt, es iſt in der Welt einmahl nicht anders. Ich weiß nicht, ob Du ſchon da - von gehoͤrt haſt, daß ich itzt in Bonſtreet woh - ne und in Dienſten beim alten Lord Burton bin. Die Lady Buttler iſt geſtorben und da bin ich nun hierhergekommen. Der alte Lord iſt bei weitem nicht der Mann, der er ſeyn koͤnnte, wenn er ein recht guter Chriſt waͤre, nun, Du wirſt ihn ja kennen, aber der junge Herr iſt auch ein deſto lieberer Herr, wenn der erſt einmahl die Herrſchaft kriegen wird, da werden ſich die Unterthanen recht freuen, zu de - nen ich doch itzt auch gehoͤre. Ich wuͤnſchte wohl, daß ich’s noch erlebte, und daß Du, Wil -99[97] ly, mich dann in Bonſtreet beſuchteſt, oder gar hier bliebeſt, der junge Herr Burton naͤhme Dich gewiß gleich in Dienſte, dann wollten wir unſre letzten Tage noch recht vergnuͤgt zuſam - men leben. Gruͤße doch Deinen Herrn von mir und ſage ihm, er moͤchte mein guter Freund bleiben, ſo wie ich

der Seinige. Thomas.

Nachſchrift. Schreibe mir ſo oft Du kannſt, Willy, nur muß ich Dir noch ſa - gen, daß Deine Art zu ſchreiben gerade nicht die ſchoͤnſte iſt, alles iſt immer ſo dunkel, wenn man nicht ſelbſt etwas Verſtand haͤtte, ſo wuͤr - de man Dich nimmermehr verſtehn. Dem - ohnerachtet bin ich

Dein zaͤrtlicher Bruder, Thomas.

G 2100[98]

5. Eduard Burton[an] William Lovell.

Es thut mir ſehr leid, William, Dich in ei - ner ſo menſchenfeindlichen Stimmung zu wiſſen, denn von dieſer zeugt Dein ganzer neulicher Brief. Ich mag Dir es nicht auseinander - ſetzen, wie ich glaube, daß Du die Sachen an - ſehn muͤßteſt, Du wuͤrdeſt mich zum Theil[nicht] recht verſtehn und theils wuͤrdeſt Du das an Deinem Freunde fuͤr Kaͤlte halten, was gerade die waͤrmſte Freundſchaft aus ihm ſpraͤche: dar - um ſchweig ich und troͤſte mich mit dem Ge - danken, daß Deine Empfindung ſelbſt, die Dich itzt noch in ſo vielen Stuͤcken ungluͤcklich macht, Dich endlich zu jenem Standpunkte fuͤhren wird, von wo Du jede Geſtalt in ihrem wahren Ver - haͤltniſſe zum Ganzen ſiehſt. Waͤr ich doch bei Dir! von den Lippen des Freundes faßt man jede Idee leichter und williger, alles ſieht dann freundlich aus, was in der Ferne kalt und verdruͤßlich ſcheint.

In Deiner Anwandelung von Schwermuth101[99] klagſt Du uͤber die Verſchwindung jener liebli - chen Phantome, an die einſt die Menſchheit ſo feſt hing, Du glaubſt, die ganze Menſchheit ha - be ſoviel dadurch verlohren, als Du in einer elegiſchen Stimmung zu verliehren glaubſt. Sollten aber die Menſchen ſeit ſo vielen Jahr - hunderten gar nichts gewonnen haben? Sie ſind aus ſuͤßen Traͤumen geweckt und die erſten Empfindungen des Erwachens koͤnnen freilich nuͤchtern und unangenehm ſeyn, aber willſt Du Dir darum einen Schlaf zuruͤckwuͤnſchen, der doch nur Schlaf, nur Mittel war, Dich zur Thaͤtigkeit vorzubereiten? Im Kindesalter der Welt unterwieſen Weiſere ſpielend die Menſch - heit, mit der Phantaſie im Bunde traten auf ihr Geheiß neugeſchaffene Traumwelten hervor, Dichter und Kuͤnſtler bauten das Gebaͤude aus und verſchoͤnerten es mit verehrender Liebe. Das Kind aber ward zum Juͤnglinge, der Juͤng - ling naͤherte ſich dem Manne, die Zeit ſtuͤrzte die Grundfeſten des ſchoͤnen Pallaſtes, deſſen Truͤmmern Du bedauerſt: man dachte ohne Bil - der, man liebte die Tugend ohne Furcht der Strafe, ohne Hofnung der Belohnung; waͤren die Jahrhunderte ſeitdem gleichmaͤßig fortge -102[100] ſchritten, o ſo koͤnnten wir freilich jenem glaͤn - zenden Ziele ſchon ungleich naͤher ſeyn, das uns nur noch an der Graͤnze des Horizontes ſchim - mert und deſſen Daſeyn daher der Kurzſichtige laͤugnet.

Und glaubſt Du denn nicht, daß uns jene Truͤmmern nicht vielleicht einen ſchoͤnern Tem - pel verſprechen, als wirklich auf jener Stelle ſtand? Es iſt ſchwer die Vergangenheit nicht in einem falſchen Lichte zu ſehn, denn die Phan - taſie hat zum Idealiſiren ganz freien Spiel - raum, unſre Lieblingstraͤume pflanzen wir in Zeiten, bei denen wir eine Vorliebe empfinden und ſo bluͤht nach und nach ein Garten auf, der die haͤßlichen Theile der Landſchaft mit ſei - nen angenehmen Schatten verdeckt, aber laß Dir die Wahrheit lieber ſeyn, als dieſen magiſchen Betrug. Es gab in allen Zeiten große Menſchen, es gab von jeher veraͤchtliche Weſen: die Schlange ſaugt auch aus Blumen Gift; einige Menſchen verſtehn ewig nicht die Groͤße ihrer Beſtimmung, dieſe kriechen ſtets im Staube, ſie kennen die Sonnenſtrahlen nicht. Laß die Menſchheit nicht die Veraͤchtlichkeit dieſer buͤßen, oder Du biſt in Deinem Eifer ungerecht.

103[101]

Aber Du magſt ſelbſt Recht behalten; mag ſelbſt der Fruͤhlingsgeiſt entwichen ſeyn, der jene fruͤheren Jahre beſeelte, laß die Welt in eine truͤbe Dumpfheit geſunken ſeyn, den Himmel mit Wolken verhuͤllt, die uns den Verluſt des Morgenrothes bereuen laſſen, aber Du wirſt nicht laͤugnen wollen, daß ſchoͤnere Jahre kom - men werden, daß ſie kommen muͤſſen, daß ſie nicht mehr ſo fern ſind, als uns itzt jenes Zeit - alter holder Traͤume entfernt liegt, ſcheuſt Du Dich in dieſer Ueberzeugung der hoͤheren Veredlung ein kleines Opfer zu bringen? Laß es auch die ſchoͤnſten Blumen der Flur ſeyn, ſie werden der ſchoͤnſten Gottheit gebracht.

Was kuͤmmern Dich auch die Weſen umher? Fuͤhlſt Du in Deinen Adern die Kraft des Al - ciden, o ſo beſteige kuͤhn den Felſen, der Dir der hoͤchſte ſcheint. Spuͤrſt Du in Deinem Bu - ſen Raum fuͤr Gottergefuͤhle, ſammle ſie ſorg - faͤltig ein, verbinde im Wachsthume Deiner Seele alles, was Du ſchoͤn und edel nennſt und laß es bluͤhen und reifen. Gegruͤßt ſeyſt Du mir dann mit dieſen Schaͤtzen, mit neuer Liebe will ich Dich dann an meinen Buſen druͤcken und demuͤthig den Geiſt in Dir verehren, der hoch erhaben uͤber dem meinigen flammt.

104[102]

Vielleicht ſind die Schatten dieſer Melan - cholie indeß ſchon voruͤbergezogen und ein heite - rer Brief von Dir iſt auf dem Wege hierher: auch in dieſem Falle wird mein William ſeinem Eduard verzeihen. Ich glaube aber, daß Du dem guten Mortimer ſehr Unrecht thuſt, ein falſcher Blick in die Seele eines Menſchen bei der erſten Bekanntſchaft kann uns ihn auf lan - ge unverſtaͤndlich machen, und ich glaube, daß dies hier der Fall iſt, ich habe ihn von Leuten, die ich ſehr ſchaͤtze, loben hoͤren, auch Dein Va - ter achtet ihn ſehr.

Traͤume, lieber William, und berauſche Dich in Enthuſiasmus und Begeiſterung, nur glaube mir, daß zum Handeln eine Art von Kaͤlte nothwendig iſt, glaube mir, daß jener Taumel ſehr leicht zur Erſchlaffung fuͤhrt. Ich fuͤrchte, daß Dein neuer Freund Dir ſchon itzt ſeine finſtre Laune mitgetheilt hat, die eben ſo gut, wie die Heiterkeit, anſteckend iſt, vorzuͤg - lich bei Deinen reizbaren Empfindungen, bei Deiner feurigen Phantaſie. Zuͤrne aber nicht auf mich, wenn ich ſo oft den Philoſophen ſpie - le, waͤr ich weniger Dein Freund, ſo wuͤrd ich mehr ſchuͤchtern ſeyn.

105[103]

Ich lebe hier im einſamen