PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Biologie, oder Philosophie der lebenden Natur für Naturforscher und Aerzte.
Vierter Band.
Göttingen,beyJohann Friedrich Röwer. 1814.
[II][III]

Vorrede.

Es sind neun Jahre seitdem der dritte Theil dieser Biologie erschien. Ich entwarf als Jüngling zu diesem Werke den Plan, weihete demselben die schönsten Jahre mei - nes Lebens, und hoffte ohne Unterbrechung es zu beendigen. Aber Veränderungen mei - ner Lage, der Drang der Geschäfte, das Geräusch des Kriegs, und der Jammer mei - nes unterdrückten Vaterlands raubten mir Muſse und Ruhe. Doch blieb mir der Baum, den ich in glücklichen Jugendstunden ge - pflanzt hatte, über alles theuer. Ich habe seiner zu jeder Zeit gepflegt, die ich mein nennen konnte, und bringe hier die Früchte, die unterdeſs zwar langsam, aber vielleicht vollkommener, als bey mehr Eile der Fall gewesen seyn würde, an ihm gereift sind.

* 2NachIV

Nach so langen Jahren haben sich mei - ne Ansichten in manchen Stücken geändert. Vieles in den drey ersten Bänden dieses Werks würde, jetzt herausgegeben, eine ganz andere Gestalt haben. Allein in der Hauptsache ist meine Ueberzeugung dieselbe geblieben. Ich habe auf dem Grund, den ich früher legte, fortbauen können, und hoffe darauf diese Arbeit zu vollenden.

Bey mehrern Abschnitten des gegenwär - tigen Bandes hatte ich an Haller’s Ele - menten der Physiologie eine Vorarbeit, auf die ich bey ältern Erfahrungen in den mei - sten Fällen verweisen konnte. Indem ich mich blos auf dieses Werk bezog, wo ich sonst sehr weitläuftig hätte seyn müssen, verschaffte ich mir Raum zur ausführlichen Darstellung der neuern Erfahrungen. Von den letztern glaube ich keine erhebliche übergangen zu haben, als einige von denen, die erst in den drey verflossenen, unglückli - chen Jahren, wo eine wahnsinnige Tyranney sogar jeden wissenschaftlichen Verkehr mit dem Auslande zum Verbrechen gemachthatte,Vhatte, bekannt geworden sind. Zu diesen ge - hören freylich manche wichtige, z. B. Ber - zelius’s neueste Arbeiten in der thieri - schen Chemie. Aber es ist einmal das Schicksal eines jeden Werks über Gegen - stände der Erfahrung, Vollständigkeit nie ganz erreichen zu können, und was zu je - der andern Zeit nicht zu entschuldigen ge - wesen wäre, kann in der verflossenen auf Entschuldigung einigen Anspruch machen.

Der billige Leser wird übrigens Mängel dieser Schrift, die von der Beschaffenheit des Gegenstandes derselben herrühren, nicht dem Verfasser zur Last legen. Bey allem Philosophiren über die Natur als ein Gan - zes läſst sich das Allgemeine nicht ohne das Besondere, und dieses nicht ohne jenes be - greifen. Beydes ist von keinem endlichen Wesen ganz zu ergründen. Wer blos mit der Untersuchung einzelner Gegenstände der Natur sein Leben hindurch beschäftigt war, wird manches besser wissen müssen, als er es hier geschildert finden wird. Vielleicht aber wird er dafür manches Resultat hier* 3antref -VIantreffen, auf welches die Betrachtung des Einzelnen allein nicht hätte führen können. Ich glaube indeſs auch gethan zu haben, was in meinen Kräften stand, um allenthal - ben mit eigenen Augen zu sehen, und man - ches richtiger als meine Vorgänger beobach - tet zu haben.

Bremen, im März 1814.

Inhalts -[VII]

Inhaltsverzeichniſs.

  • Geschichte des physischen Lebens.
  • Fünftes Buch. Die Ernährung.
  • Erster Abschnitt. Einleitung. S. 3.
  • Zweyter Abschnitt. Die vegetabilische Ernäh - rung.
  • §. 1. Ernährungsorgane der Vegetabilien. S. 7.
  • §. 2. Funktionen der äussern vegetabilischen Er - nährungsorgane. S. 30.
  • §. 3. Bewegung des Safts in den Pflanzen. S. 46.
  • §. 4. Chemische Nutritionsprocesse der Pflanzen. S. 68.
  • Dritter Abschnitt. Die animalische Ernäh - rung.
  • Erstes Kapitel. Das Athemholen und die Haut - ausdünstung.
  • §. 1. Mechanismus des Athemholens und der Haut - ausdünstung. S. 123.
  • VIII
  • §. 2. Chemische Erscheinungen des Athemholens und der Hautausdünstung. S. 171.
  • §. 3. Einfluſs des Nervensystems auf das Athemho - len. S. 215.
  • Zweytes Kapitel. Der Blutumlauf.
  • §. 1. Beweise für den Blutumlauf. S. 228.
  • §. 2. Verschiedene Art des Blutumlaufs bey den verschiedenen Thierclassen. S. 232.
  • §. 3. Mit dem Blutumlauf verbundene Erscheinun - gen. S. 253.
  • §. 4. Ursachen des Blutumlaufs. S. 260.
  • §. 5. Einfluſs des Nervensystems auf den Blutum - lauf. S. 266.
  • Drittes Kapitel. Speise und Trank. Aufnahme, Verähnlichung und Aneignung derselben.
  • §. 1. Nothwendigkeit der Speise und des Tranks für den thierischen Körper. S. 279.
  • §. 2. Nährende Beschaffenheit der verschiedenen Naturkörper. S. 284.
  • §. 3. Aufnahme der Nahrungsmittel. Stadien der Ernährung. S. 288.
  • §. 4. Nahrungsmittel der verschiedenen Thiere. S. 295.
  • §. 5. Mechanismus der Aufnahme und Zertheilung der Speisen. S. 311.
  • §. 6. Das Verschlucken der Speisen. Der Spei - chel. S. 319.
  • §. 7. Der Schlund und der Magen. S. 333.
  • §. 8. Der Magensaft. S. 343.
  • IX
  • §. 9. Der Chymus. S. 363.
  • §. 10. Bewegungen des Magens. Beziehung der Bildung desselben auf die Beschaffenheit der Nahrungsmittel. S. 377.
  • §. 11. Ausleerung des Magens. S. 397.
  • §. 12. Uebergang der flüssigen Nahrungsmittel aus dem Magen in die Masse der Säfte. S. 401.
  • §. 13. Der pankreatische Saft. S. 407.
  • §. 14. Die Leber und die Galle. S. 412.
  • §. 15. Der Darmcanal und die daraus entspringen - den Gefäſse. S. 446.
  • §. 16. Bewegungen des Darmcanals. Uebergang der Speisen in Chylus. Darmausleerung. S. 464.
  • §. 17. Uebergang des Chylus in die Masse der Säfte. S. 487.
  • §. 18. Einsaugungsvermögen der Venen des Darm - canals. Das Netz und das Fett. S. 497.
  • §. 19. Funktion des Zellgewebes bey der Ernäh - rung. S. 512.
  • §. 20. Die Milz. S. 525.
  • §. 21. Die Schilddrüse, die Thymus und die Ne - bennieren. S. 531.
  • §. 22. Das Blut. S. 545.
  • §. 23. Uebergang des Bluts in feste und flüssige Theile. S. 571.
  • §. 24. Die Harnwerkzeuge und der Harn. S. 593.
  • §. 25. Chemische Processe der thierischen Ernäh - rung. S. 614.
  • X
  • Vierter Abschnitt. Grundzüge einer Theorie der Ernährung. S. 624.
  • Zusätze.
  • I. Ueber das Eindringen der Luft in die Spuhlen der Federn beym Athmen der Vögel. S. 641.
  • II. Ueber die Entstehung von Stickgas beym Athmen. S. 641.
  • III. Versuche über den Einfluſs der Durchschneidung und Zerstörung des Rückenmarks und einzelner Ner - ven auf den Blutlauf. S. 644.
  • IV. Beobachtungen über die freywilligen Bewegungen des Bluts. S. 654.
  • V. Versuche über den Einfluſs des Magensafts auf Glas, und über die Säure dieses Safts. S. 659.
Geschicht[1]

Geschichte des physischen Lebens.

Fünftes Buch.

IV. Bd. A[2][3]

Fünftes Buch. Die Ernährung.

Erster Abschnitt. Einleitung.

In allem Lebendigen ist ein beständiges Wirken und Gegenwirken der Reitze, von welchen jeder die Erregbarkeit in Beziehung auf sich herab - stimmt, indem er sie für andere erhöheta)Biologie. Bd. 3. S. 591.. Die - se unaufhörlichen Veränderungen setzen einen Wechsel der Bestandtheile des lebenden Körpers voraus, wobey die Fortdauer desselben in einer - ley Form des Lebens nicht statt finden könnte, wenn er sich bey den Einflüssen der materiellen Welt blos leidend verhielte und nicht gegensei -tigA 24tig auf diese einwirkte. Ohne ein solches Ein - wirken würde auch kein Wachsthum und keine Fortpflanzung des Geschlechts möglich seynb)Biologie. Bd. 3. S. 592.. Der lebende Körper muſs sich ferner die Bedin - gungen seines Lebens bis auf einen gewissen Grad selber schaffenc)Ebendas. S. 593., und auch dieses würde er nicht können, wenn er nicht die Aussenwelt zu verändern im Stande wäre. Alles Lebendige muſs also beständig formlose Materie aufnehmen, sich verähnlichen und aneignen. Diese Aufnah - me, Verähnlichung und Aneignung ist die Er - nährung im allgemeinern Sinn, die folglich den dreyfachen Zweck hat:

  • 1) die Mischung des lebenden Organismus, die durch den Einfluſs der äussern Welt bestän - dig verändert wird, zu reproduciren;
  • 2) den Stoff zum Wachsthum und zur Fort - pflanzung des Geschlechts zu bilden; und
  • 3) die äussern Bedingungen des Lebens so weit, als es die Beschränktheit des Lebens zuläſst, hervorzubringen.

In dem gegenwärtigen Buch, dessen Gegen - stand die Ernährung ausmachen wird, werden wir also folgende Fragen zu beantworten haben: Welches sind die Hauptwirkungen der äussernWelt5Welt auf den lebenden Körper? Welche mecha - nische und chemische Actionen setzt derselbe je - nen Einwirkungen entgegen? Wie entsteht bey diesen Wechselwirkungen die Materie des Leben - digen? Wie und in welchem Grade bringt der lebende Körper die Bedingungen seines Lebens sich selber hervor?

Wir dürfen uns nicht schmeicheln, alle Räth - sel, worauf uns die Untersuchung dieser Fragen führen wird, lösen zu können. Was Urstoffe und was zusammengesetzte Materien sind? Welche Rolle das Licht und die Elektricität bey der Zer - setzung und Zusammensetzung der Körper spie - len? Diese und noch viele andere Dinge, die uns zu einer befriedigenden Beantwortung jener Fragen zu wissen nothwendig wären, wissen wir nicht. Es werden also nur Bruchstücke seyn, was wir liefern können. Bey unsern Un - tersuchungen werden wir übrigens ganz den Weg der Erfahrung gehen. Wir werden zuerst von der vegetabilischen und dann von der ani - malischen Ernährung handeln. Jede dieser Er - nährungsarten verdient besonders in Betrachtung gezogen zu werden. Bey der erstern werden die aufgenommenen Stoffe in denselben Gefäſsen, wo - von sie aufgenommen sind, verähnlicht; bey der letztern durchgehen sie in verschiedenen Organen verschiedene Grade der Assimilation. Die vege -A 3tabili -6tabilische Ernährung ist den Pflanzen und Phyto - zoen, die animalische den Thieren und Zoophy - ten eigen. Bey jenen besteht jedes einzelne Or - gan aus einerley Grundtheilen; bey diesen giebt es mehrere, in ihrer Zusammensetzung sehr ver - schiedene Organe, oder organische Systeme.

Zweyter7

Zweyter Abschnitt. Die vegetabilische Ernährung.

§. 1. Ernährungsorgane der Vegetabilien.

Die Pflanze bildet aus den einfachsten Stoffen sehr zusammengesetzte und höchst mannichfaltige Produkte. Wasser und Luft sind für viele zur Ernährung allein hinreichend. Ihr äusserer Bau zeigt dabey wenig verschiedenartige Theile, und im Innern dieser Organe findet das unbewaffnete Auge fast allenthalben einerley Textur.

Es gab eine Zeit, wo man die Hoffnung hegte, aus mechanischen Principien die Geheim - nisse des Pflanzenlebens erklären zu können. Der einfache Bau der Gewächse war dieser Hoffnung nicht günstig. Man überredete sich aber, daſs dieser nur scheinbar sey, und daſs das Vergröſse - rungsglas enthüllen würde, was das bloſse Auge nicht zu entdecken vermag, eine groſse Man - nichfaltigkeit der innern Theile bey der gröſsten Feinheit derſelben. Man sahe, was man zu se - hen wünschte, beschrieb eine Menge verschie -A 4dener8dener Pflanzengefäſse, eignete diesen einen sehr zusammengesetzten Bau zu, und wies jeder Art eine eigene Funktion an, die meist von der Ana - logie thierischer Organe hergenommen war.

Als ich vor zwölf Jahren den ersten Theil meiner Biologie herausgab, war ich von dem Ungrund der meisten jener Lehren durch eigene Beobachtungen überzeugt. Indeſs reichten meine Untersuchungen nicht hin, jeden Irrthum meiner Vorgänger zu verbessern. Ich läugnete mit Recht das Vorhandenseyn der vielen, besonders von Hedwig angegebenen Pflanzengefäſsed)Biologie. Bd. 1. S. 427.; Spren - gel’s, Link’s, Rudolphi’s und meines Bruders Beobachtungen haben gezeigt, daſs hierin die Wahrheit auf meiner Seite war. Aber ich ging freylich zu weit, als ich alle Pflanzengefäſse aus - ser den Spiralgefäſsen verwarf. Ich nehme diese Behauptung jetzt zurück, und theile hier, als Grundlage zu den folgenden, die Ernährung der Pflanzen betreffenden Untersuchungen, die Resul - tate meiner neuern Beobachtungen über den in - nern Bau der Pflanzen so weit mit, als der Plan dieses Werks und der durch die Menge der ab - zuhandelnden Gegenstände beschränkte Raum ge - statten.

Der Anfang jeder Pflanze und jedes neuen Theils derselben sind Bläschen, die unter einan -der9der keine Verbindung haben. In dieser Lehre, die ich schon im 3ten Bande der Biologie (S. 233.) vorgetragen habe, stimmen alle neuern Pflanzenphysiologen mit mir übereine)Vergl. K. Sprengel’s Anleitung zur Kenntniſs der Gewächse. B. 1. S. 89. 98. L. C. Treviranus vom inwendigen Bau der Gew. §. 1. Dessen Beyträge zur Pflanzenphysiologie. S. 1. Link’s Nachträge zu den Grundlehren der Anat. u. Phy - siologie der Pflanzen. S. 3..

Aber nicht alle Pflanzentheile entstehen aus diesen Bläschen. Eine solche Bildung habe ich nie behauptet. Man hat mir sehr Unrecht ge - than, mir diese Lehre aufzubürden. Meine Mei - nung ist nur diese, daſs die Entstehung jener Bläschen der Bildung aller übrigen Theile vor - hergehtf)Im 3ten Bande der Biologie (S. 233.) habe ich mich wegen des Satzes, daſs der erste Anfang aller Or - ganisation des Lebendigen ein Aggregat von Bläs - chen ist, die unter einander keine Verbindung ha - ben, auf C. F. Wolff’s Theoria generationis beru - fen. Herr J. J. P. Moldenhawer tadelt mich des - halb in seinen Beyträgen zur Anatomie der Pflanzen (S. 67.). und versichert: in allen Stel - len der Wolffschen Schrift wäre auch nicht ein Wort, welches darauf leitete, daſs alle organische Elemente, alle Gefäſse aus einzelnen, für sich be - stehen -.

JeneA 510

Jene Bläschen sind in der ersten Zeit ihres Entstehens immer rund und immer durch Zwi - schenräume von einander getrennt. Bey ihrem Wachsthum rücken sie näher an einander, be - kommen eine cylindrische oder eckige Gestalt, und bilden nun das vegetabilische Zellgewebe. Hierbey verdicken sich zugleich ihre Ränder, und erhalten das Ansehn einer Faser. In diesem Zu - stand erscheinen sie als regelmäſsige Körper, wo - von die Seitenflächen aus durchsichtigen Häuten und die Seitenlinien aus einem undurchsichtigenFadenf) stehenden Bläschen entständen, welche unter sich gar keine Verbindung haben. Aber man sehe doch unter andern die von mir angeführte 93ste Seite der zweyten Ausgabe des Werks von Wolff nach, und man wird hier folgende Worte finden: Partes constitutivae, ex quibus omnes corporis ani - malis partes in primis initiis componuntur, sunt globuli, mediocri microscopio cedentes semper. Daſs sich Wolff die Entstehung der Pflanzen und Thiere nicht aus einem Aneinanderreihen dieser Bläschen dachte, hat allerdings seine Richtigkeit. Aber wo habe ich Wolff diese Behauptung aufgebürdet? Und wo habe ich selber eine solche Meinung ver - theidigt? Es sind zwey sehr verschiedene Dinge, zu sagen, daſs die ersten, in formloser Materie sich erzeugenden Gestalten Bläschen sind, und zu be - haupten, daſs diese Bläschen sich an einander - gen, um Gefäſse, Nerven u. s. w. zu bilden.11Faden bestehen. J. J. P. Moldenhawerg)Beytr. zur Anat. der Pfl. S. 117. hat diese verdickten Ränder der Zellen für einen ei - genen Pflanzentheil angenommen, und ihn das Zellgewebe genannt, das aber, was wir unter Zellgewebe verstehen, mit dem Namen der zel - lichten Substanz belegt. Ich kann ihm hierin nicht beystimmen. Jene Seitenlinien der Zellen haben ganz die Beschaffenheit der Häute dieser Theile; sie sind starr, wo diese starr, und weich, wo diese weich sind. Das Letztere ist z. B. der Fall bey mehrern Agaven und andern fleischigen Gewächsen, wo sie wie schleimige Fäden er - scheinen.

In allem jüngern Zellgewebe, dessen Bläs - chen noch nicht an einander gedrängt sind, giebt es Zwischenräume zwischen den letztern. In älterm Zellgewebe verlieren sich diese an man - chen Stellen ganz; an andern bleiben sie übrig, und nehmen zum Theil noch an Weite zu. Diese Zwischenräume sind die Intercellular - gänge, von welchen einige Pflanzenphysiologen angenommen haben, daſs sie zusammenhängende, durch das Zellgewebe der ganzen Pflanze fort - gehende Canäle bilden. Das Letztere ist eine Meinung, womit Beobachtungen an frischen Pflanzen nicht ganz übereinstimmen. An man - chen Stellen liegen die Zellen so dicht an ein -ander,12ander, daſs sich gar keine Zwischenräume wahr - nehmen lassen. Inzwischen ist es wahr, daſs die Zellen ein Vermögen besitzen, sich bald mehr zusammenzuziehen, bald mehr auszudehnen, und daſs im zusammengezogenen Zustand derselben Intercellulargänge entstehen können, wo sonst keine vorhanden sind.

Es findet unläugbar ein Uebergang aus den Zellen in die Intercellulargänge, und aus diesen in jene statt, da gefärbte Flüssigkeiten, die von abgeschnittenen Pflanzentheilen eingesogen sind, sich von Zelle zu Zelle verbreiten. Es giebt aber zuverlässig keine Oeffnungen in den Wänden der Zellen. Schon Rudolphih)Anatomie der Pflanzen. S. 35. und Linki)A. a. O. H. 2. S. 8. haben dies bemerkt, und meine Beobachtungen stimmen mit den ihrigen ganz überein. Moldenhawerk)A. a. O. S. 111 ff. fand zwar an den Wänden der innern Zellen in Blattstielen der Cycas revoluta und im Mark des gemeinen Hollunders Stellen, die er für wahre Poren annehmen zu müssen glaubt. Aber es ist bey mikroskopischen Untersuchungen nichts leichter, als sich in Betreff der Gegenwart von Poren zu täuschen. Ich fand an einem Stück Hollundermark an einigen, neben einander lie -genden13genden Zellen ovale Stellen, die das Ansehn von Oeffnungen hatten, bey näherer Untersuchung aber blos Vertiefungen waren.

Beym Entstehen des Zellgewebes zeigt sich zugleich eine Oberhaut, welche die ganze Masse der Bläschen einschlieſst. Späterhin, nachdem die Bläschen schon eine bestimmte Form angenom - men haben, erscheinen zwischen denselben Fa - sern und endlich groſse Gefäſse.

Die Oberhaut der Pflanzen ist eine eigene Membran, die sich durch gröſsere Dicke und stärkern Zusammenhang von den Häuten der in - nern Pflanzentheile unterscheidet. In derselben giebt es ein Netz von Gefäſsen, die ich die Ge - fäſse der Oberhaut nennen werde. Sie sind enge, auf der untern Fläche der Epidermis her - vorragende, in gleicher Weite und ununterbro - chen fortgehende, häufige und regelmäſsige Ana - stomosen bildende Canäle. Hedwigl)Samml. zerstreuter Abhandl. u. Beobachtungen. Th. 1. S. 116. hat sie zu - erst als eigene Gefäſse beschrieben. In neuern Zeiten hat man sie verworfen, und sie für die Ränder der unmittelbar unter der Oberhaut lie - genden, mit dieser verwachsenen Zellen ange - nommen. Nach meinen Beobachtungen muſs ich sie aber mit Hedwig für Gefäſse halten. Dieunmit -14unmittelbar unter der Epidermis liegenden Zel - len sind immer viel kleiner, und haben eine ganz andere Gestalt als die Maschen des Netz - werks der Epidermis. Ich habe auch nie eine Spur von abgerissenen Häuten an den netzför - migen Streifen der Oberhaut bemerken kön - nen. Rudolphim)A. a. O. S. 57., der behauptet, das unter der Oberhaut liegende Zellgewebe zeige immer dasselbe Netz, wie die Epidermis, hat wahr - scheinlich diese Meinung aus Beobachtungen an Aloen und andern fleischigen Gewächsen gezogen, bey welchen sehr leicht eine Täuschung möglich ist. Hier sind die Adern des Netzes der Epi - dermis sehr dick und fasrig, so daſs man mit einem feinen und scharfen Messer eine obere Lage davon wegnehmen kann. Auf dieser sieht man denn dieselben Maschen, wie auf der un - tern. Aber man sieht dann auch, daſs nur eine einfache Haut zwischen den Adern ausgespannt ist, und daſs die darunter liegenden Zellen rund - lich, die Figuren des Netzwerks hingegen eckig und weit gröſser sind. Daſs übrigens die Adern der Oberhaut wirkliche Canäle sind, habe ich un - ter andern sehr deutlich bey der Aloe verrucosa Ait. gesehen. Wenn ich ein Stück der Oberhaut dieser Pflanze, nachdem sie eine Zeitlang der Sonne ausgesetzt gewesen war, unter Wasser schabte, so drangen allenthalben am Rande desStücks15Stücks aus den Oeffnungen jener Adern Luft - blasen hervor.

In den Zwischenräumen der Oberhaut grüner Pflanzentheile, besonders der Blätter, findet man bey den meisten Pflanzen kreisförmige, oder läng - lichrunde Stellen, in welchen die Gefäſse der Oberhaut häufig zusammenlaufen, und die in der Mitte eine, mit einer dunkeln Einfassung umge - bene Spalte zu haben scheinen. Dies sind die Spaltöffnungen oder Poren der Oberhaut. Moldenhawern)A. a. O. S. 92 ff. hat das Verdienst, die Struk - tur dieser Theile an einigen Pflanzen näher be - stimmt und manche irrige Vorstellungen seiner Vorgänger in Betreff derselben berichtigt zu ha - ben. Nach seinen Beobachtungen werden die Spaltöffnungen von eignen Zellen gebildet, die sich durch die Beschaffenheit ihrer Haut, ihre Form und die Farbe des in ihnen befindlichen Safts von den übrigen Zellen unterscheiden und so zusammengefugt sind, daſs sie oben und un - ten an einander schliessen, in der Mitte aber von einander abstehen. Die zwischen ihnen befind - liche Oeffnung führt zu einer verhältniſsmäſsig groſsen Höhle, welche mit den Intercellulargän - gen des Blatts Gemeinschaft hat. Meine Beobach - tungen stimmen mit diesen in so fern überein, daſs die Oeffnungen der Poren blos Zwischen - räume zwischen Zellen von einer eigenen Struk -tur16tur sind. Doch scheinen mir bedeutende Abwei - chungen bey verschiedenen Pflanzen in der Bil - dung dieser Organe statt zu finden. So ist bey der Hyacinthe die untere Fläche der Poren von einer gewölbten Haut bedeckt, woran ich keine Spur von einer Oeffnung bemerken kann. Auf dieser Haut liegen zu beyden Seiten zwey läng - liche, undurchsichtige Theile, die bald an einan - der schliessen, bald zwischen sich einen Zwi - schenraum haben, der dann das Ansehn einer Spalte hat. Die beyden undurchsichtigen Theile sind von zwey gröſsern, halbmondförmigen Zel - len eingeschlossen, die durchsichtig sind, und wie aus mehrern kleinern Zellen zusammenge - setzt aussehen. Bey der Aloe verrucosa Ait. fin - de ich in dem Mittelpunkt jeder Masche des Ge - fäſsnetzes der Oberhaut eine runde, durchsich - tige Vertiefung, die zuweilen in der Mitte eine Oeffnung zu haben scheint. Ausserdem aber giebt es auf der Oberhaut dieser Aloe hin und wieder noch andere runde Vertiefungen, die mit einem bräunlichen, undurchsichtigen Kreise um - geben sind, und in der Mitte eine deutliche Oeffnung haben, in welcher die Adern des Netzes der Oberhaut zusammenlaufen. Ich ge - stehe, daſs mir noch vieles an diesen Organen räthselhaft ist. Einige andere Bemerkungen über dieselben werden unten, wo von ihrer Funktion die Rede seyn wird, vorkommen.

In17

In Pflanzentheilen, worin die Bläschen noch nicht an einander gereihet und noch nicht von eckiger Form sind, zeigen sich zwischen diesen noch keine andere ungleichartige Organe. So - bald sich aber die Bläschen auf eine bestimmte Art mit einander verbunden haben, finden sich im Innern jener Pflanzentheile Fasern, die bündelweise neben einander liegen. Unter stär - kern Vergröſserungen erscheinen diese Theile als cylindrische, gewöhnlich an beyden Enden zu - gespitzte, bald längere, bald kürzere, durch - sichtige Canäle. Selten gehen sie in gerader Rich - tung fort; gewöhnlich sind sie unter einander verschlungen. Bey vielen Pflanzen haben sie in längern Zwischenräumen schiefe Queerstriche; bey andern, z. B. den Linden, findet man zu - weilen auf den Wänden derselben undurchsich - tige Punkte. Diese Bildungen scheinen aber nichts Wesentliches zu seyn. Die Queerstriche ha - ben zwar das Ansehn von Scheidewänden. Allein bey mehrern Pflanzen, z. B. beym Pinus Larix und Spartium scoparium, sieht man keine Spur derselben. Bey jenem erscheinen die Fasern als cylindrische, gerade, sehr lange, nirgends unter - brochene Canäle, die eben so weit wie die groſsen Gefäſse sind. Ich glaube daher, daſs man auch bey andern Gewächsen an den Stellen, wo die Fa - sern Queerstriche haben, keine Unterbrechung des Canals der Fasern anzunehmen berechtigt ist.

IV. Bd. BUn -18

Unläugbar führen diese Fasern Flüssigkeiten und verdienen den Namen von Gefäſsen. Daſs sie inwendig hohl sind, kann man in den er - sten Monaten des Jahrs an jedem Zweig von Weiden, Pappeln, Linden, Hollunder u. s. w. se - hen. Man findet um diese Zeit im Innern der Fasern, besonders derer, die in der Nähe des Marks liegen, Luftblasen, welche die cylindri - sche Gestalt des Canals derselben habeno)Weidenfasern, die solche Luftblasen enthalten, hat mein Bruder (L. C. Treviranus vom inw. Bau der Gew. T. I. fig. 7.) abgebildet.. In jüngern Pflanzentheilen sind sie immer weich, feucht und schleimig. In älterm Holze verdicken sich ihre Wände, und ihre innere Höhlung wird immer enger. Ganz scheint sich diese aber nicht zu verlieren, so lange die Vegetation in dem Holze fortdauertp)L. C. Treviranus a. a. O. S. 20. J. J. P. Mol - denhawer a. a. O. S. 13. 58.. Ich glaube daher, daſs die Fasern saftführende Röhren sind, und werde sie künftig Faserngefäſse, oder auch, da sie im Bast vorzüglich ausgebildet sind, Bastge - fäſse nennen. In einigen Pflanzen scheinen mir die Canäle derselben durch Anastomosen mit ein - ander Gemeinschaft zu haben. Ich wage aber nicht zu behaupten, daſs diese Struktur allge - mein ist.

Diese19

Diese Gefäſse sind vom Zellgewebe ver - schieden. Sie entstehen nicht, wie sich einige Schriftsteller vorgestellt haben, aus langen und engen, cylindrischen Zellen. Man findet sie auch in den Lichenen, die doch kein eigentliches Zellgewebe besitzen. Doch sind sie bey einigen Pflanzen, z. B. bey der Cucurbita ovifera, (in deren Stamm die Zellen so lang und schmal sind, daſs man zweifelhaft wird, ob man sie für Fa - sern, oder für Zellgewebe halten soll) mit dem Zellgewebe, so wie bey den Nadelhölzern mit den groſsen Gefäſsen, nahe verwandt. Die er - sten Anfänge der Fasern scheinen mir bey meh - rern Gewächsen Bündel von stabförmigen Kör - pern zu seyn, die in den Zwischenräumen des Zellgewebes liegen. Sprengel und Link haben diese Körper, die sie prismatische Körper nennen, ebenfalls schon bemerkt, sie aber für Crystallisationen gewisser Bestandtheile des Pflan - zensafts gehalten. Linkq)Grundlehren der Anat. u. Physiol. der Pflanzen. S. 97. Fig. 33. fand sie vorzüglich häufig in der Wurzel der Oenothera biennis. Ich glaube bey einigen Arten der Crassula, wo sie zwischen dem Zellgewebe des Stamms in Bün - deln, zum Theil um die groſsen Gefäſse lagen, einen deutlichen Uebergang derselben zu den Fa - sergefäſsen gesehen zu haben.

Zwi -B 220

Zwischen den Bündeln der Fasergefäſse lie - gen in mehrern Pflanzentheilen, besonders im Holze, die groſsen Gefäſse, lange, cylin - drische, meist in gerader Richtung aufsteigende Canäle, die gewöhnlich weiter als die Faserge - fäſse sind, und sich vorzüglich durch einen, oder mehrere, ihrer Haut eingewebte Dräthe auszeichnen. Diese Dräthe laufen entweder spi - ralförmig um das Gefäſs; oder sie bilden Ringe die in kurzen Zwischenräumen parallel über einander liegen. Jene Struktur ist den Spiral - gefäſsen, diese den Ringgefäſsen eigen. Von den letztern sind die Treppengänge eine bloſse Modifikation, welche daher rührt, daſs jeder Ring mit dem nächstfolgenden an einigen Stellen verbunden istr)Vergl. J. J. P. Moldenhawer a. a. O. S. 254.. Bey einer dritten Art von groſsen Gefäſsen giebt es zarte Fäden, die in ziemlich weiten Entfernungen der Queere nach und etwas schief in der Haut der Röhre liegen, und diese in Absätze theilen; zu - gleich aber sind die Wände mit spiralförmigen Reihen undurchsichtiger Punkte besetzt. Dies sind die punktirten oder porösen Gefäſse.

Ueber die Beschaffenheit der Punkte dieser punktirten Gefäſse ist viel gestritten worden. Man hat sie für Löcher, für Vertiefungen und für Körner gehalten. Moldenhawers)A. a. O. 264 ff. glaubtgefun -21gefunden zu haben, daſs die punktirten Gefäſse wirkliche Spiralgefäſse sind, deren punktirtes Ansehn daher rührt, daſs von einer Windung der Spirallinien zur andern längslaufende Fäden gehen, wodurch Zwischenräume entstehen, die desto rundlicher erscheinen, je weniger stark die Vergröſserung ist, und sich zuletzt bey schwa - chen Vergröſserungen als Punkte darstellen. Ich kann hierin Moldenhawer’n nicht geradezu wi - dersprechen. Doch ist es mir nicht wahrschein - lich, daſs die von ihm angegebene Struktur, die vorzüglich von Beobachtungen an der Mayspflanze hergenommen ist, bey allen punktirten Gefäſsen statt findett)An einer andern Stelle seiner Beyträge (S. 279 ff. ) nennt Moldenhawer noch eine zweyte Ursache, die den groſsen Gefäſsen zuweilen das Ansehn porö - ser Röhren giebt. Die Spiralgefäſse der Linde, sagt er, zeigen sich da, wo sie an andern anlie - gen, so weit sie dieselben berühren, als poröse Röhren; da aber, wo sie von zellichter Substanz umgeben sind, sind sie Treppengänge. Betrachtet man nehmlich ein Gefäſs, welches an der einen Seite von einem andern Spiralgefäſs, an der an - dern von zellichten Schläuchen gedeckt war, und zwar so, daſs es mit derjenigen Seite, welche als ein Treppengang gebildet ist, dem Beobachter zugekehrt ist, so wird das netzförmige Gewebe der. Sie sind unter den groſsen Ge -fäſsenB 322fäſsen am nächsten mit den Fasergefäſsen ver - wandt, auf deren Wänden man auch zuweilen undurchsichtige Punkte wahrnimmt, die eine spiralförmige Stellung haben. Diese rühren aber gewiſs nicht von einer solchen Struktur her, wie Moldenhawer an den punktirten Gefäſsen der Mayspflanze antraf.

Die groſsen Gefäſse sind immer von Faser - gefäſsen und cylindrischen, in longitudinale Rei - hen geordneten Zellen umgeben, und endigen sich zwischen diesen in kegelförmige Spitzen. Oeffnungen habe ich so wenig an ihnen, als an den Schläuchen des Zellgewebes und den Faser - gefäſsen, jemals gefunden. Sie sind nicht ästig, wohl aber anastomosiren sie in den Knoten der Gräser und überhaupt an solchen Stellen mit einander, wo die Vegetation eine andere Richtung annimmtv)Vergl. Rudolphi’s Anat. der Pfl. §. 136. Molden - hawer a. a. O. S. 294 ff.. Sie verwandeln sich nicht in ein -ander,t) der abgekehrten Seite durch die Spalten der zu - gekehrten durchschimmern, und man wird die durch feine Fäden abgesonderten dunkeln Punkte in den Spalten der obern, umgekehrten Wand der Röhre dunkeln Körnern ähnlich wahrzunehmen glauben, kurz man wird ein punktirtes Gefäſs haben. Diese Täuschung kann vielleicht statt fin - den. Aber ich glaube bey allem dem, daſs es punk - tirte Gefäſse giebt, deren Punkte weder von dieser, noch von der obigen Ursache herrühren.23ander, sondern jede Art bleibt unverändert in ihrem ursprünglichen Zustandew)Moldenhawer a. a. O. S. 238. 242.. Wenn Linkx)Nachträge zu den Grundlehren der Anat. und Phy - siol. der Pfl. H. 2. S. 21. gefunden zu haben glaubt, daſs die Spiral - und Ringgefäſse diejenigen wären, die sich zuerst bildeten, und daſs sich nach ihnen erst Trep - pengänge und dann punktirte Gefäſse zeigten, so läſst sich gegen diese Beobachtung erinnern, daſs die punktirten Gefäſse in ihren ersten Anfän - gen gar nicht, oder doch sehr schwer zu erken - nen sind. Ich glaube aber auch, in ganz jun - gen Pflanzen des Helianthus annuus Ringgefäſse und punktirte Gefäſse gesehen zu haben.

Die bisher erwähnten Theile sind allen voll - kommenen Pflanzen, mit Ausnahme einiger Na - jaden, eigen. Es giebt aber auch eigene Ge - fäſse, die nur gewissen Pflanzen zukommen. Man hat diese geläugnet, und sie für bloſse Höhlungen des Zellgewebes angenommen. Bey vielen Gewächsen ist allerdings blos in solchen Zwischenräumen ein eigener Saft enthalten. In einigen sind es auch senkrechte Reihen cylindri - scher Zellen, die eine besondere Flüssigkeit füh - ren. Dies ist z. B. der Fall bey der Tagetes erecta. An ganz jungen Pflanzen dieses Gewäch -ses,B 424ses, woran die ersten Blätter zwischen den Co - tyledonen erscheinen, giebt es in der Mitte jedes der Gefäſsbündel, welche rings um die Axe des Stengels liegen, ein eigenes Gefäſs, das oft einen rothen Saft enthält, oft auch farbenlos und nicht zu unterscheiden ist, und aus einer Reihe cylin - drischer Zellen besteht. Mehrere Gewächse be - sitzen aber auch eigene, röhrenförmige Behälter, worin ein ausgezeichneter Saft abgeschieden und aufbewahrt wird. Solche findet man z. B. im Rhus typhinum. Sie erscheinen, wenn man im Februar, wo der Saft noch dick und zähe ist, die grüne Rinde abgezogen hat, schon dem bloſsen Auge als gerade, senkrechte, in regelmäſsigen Ent - fernungen zwischen den Bastfasern liegende, mit einem weissen Saft angefüllte Canäle. Sie steigen ausserdem vertikal zwischen dem Marke herab. Der Saft, den sie führen, ist blos in ihnen, und nicht in den übrigen Pflanzentheilen enthalten. Er dringt, wenn man sie verwundet, mit Leb - haftigkeit aus ihnen hervor. Mit den umliegen - den Bastfasern hängen sie so locker zusammen, daſs man sie leicht davon absondern kann. Ihre Haut besteht aus sehr feinen, in vertikalen Rei - hen liegenden Zelleny)Vergl. L. C. Treviranus Beytr. zur Pflanzenphy - siol. S. 50. Tab. IV. fig. 36., und ist von den übrigen Membranen der Pflanze sehr verschieden. Erwägtman25man diese Umstände, so sehe ich nicht ein, wie man läugnen kann, daſs diese Gefäſse eine eigene und sehr ausgezeichnete Classe ausmachen. Wahr ist es freylich, daſs sie fast bey jeder Pflanze, wo sie sich finden, auf eine besondere Art modificirt sind, und daſs sich schwerlich ein allgemeiner Charakter derselben angeben läſstz)Die Charaktere, die Link (Nachträge zu den Grundlehren der Anat. u. Physiol. der Pfl. H. 2. S. 31.) von ihnen angiebt, passen schon nicht auf die eigenen Gefäſse des Rhus typhinum.. Aber bis die verschiedenen Arten derselben näher bestimmt sind, können wir immer den Namen der eigenen Gefäſse für sie beybehalten.

In einigen Pflanzen giebt es regelmäſsige Höh - lungen, die blos mit Luft angefüllt sind. Ge - wöhnlich sind diese Luftbehälter cylindrische Ca - näle, die im Stamm von der Wurzel zum Gip - fel gerade heraufsteigen, und in den Gelenken der Pflanzen durch Scheidewände unterbrochen sind. Sie entstehen immer erst in einem gewis - sen Alter der Pflanze. Ob sie dann blos Folge des Wachsthums sind, oder ob die in ihnen enthaltene Luft mit der Ernährung des Gewäch - ses in einer gewissen Beziehung steht, scheint mir noch zweifelhaft zu seyn. Doch glaube ich, daſs bey vielen Pflanzen Moldenhawer’s Mei -nungB 526nunga)A. a. O. S. 167. 170. richtig ist, nach welcher die Luftbehälter ursprünglich Zellgewebe enthalten, das nur bis zu einer gewissen Periode mit dem übrigen Or - ganismus in Wechselwirkung steht, nach dieser Periode aber verschwindet.

In der Art, wie das Zellgewebe, die Fasern und die groſsen Gefäſse im Pflanzenkörper ver - theilt und unter einander verbunden sind, fin - den bey mancher Gleichförmigkeit doch auch mehrere Verschiedenheiten in den verschiedenen Classen und Familien des Gewächsreiches statt. Gemeinschaftliche Charaktere der Pflanzen in Be - treff jener Vertheilung sind: daſs unmittelbar unter der Oberhaut immer Zellgewebe liegt, und daſs nach diesem erst Fasern und groſse Ge - fäſse folgen; daſs die Bildung des Zellgewebes sich desto mehr der ursprünglichen, blasenför - migen nähert, je näher es der Oberhaut ist; daſs die groſsen Gefäſse immer von Fasern und einem cylindrischen, in vertikalen Reihen ge - ordneten Zellgewebe umgeben sind, und daſs sie mit diesen Theilen Bündel bilden, die in dem Stamm, der Wurzel und den Aesten der Länge nach herabsteigen. Eine Hauptverschie - denheit findet im innern Bau zwischen den Mo - nocotyledonen und Dicotyledonen statt. Bey je - nen laufen die Bündel von groſsen Gefäſsen undFasern27Fasern einzeln im Stamm zwischen dem Zellge - webe herab, und es giebt in der Mitte des Stamms kein saftleeres Zellgewebe oder Mark; bey diesen liegen die Gefäſsbündel im Stamm an einander gedrängt, und bilden concentrische Kreise um einen Cylinder von Mark. Desfon - taines war der Erste, der diesen Satz als allge - mein aufstellteb)Vergl. Biologie. Bd. 1. S. 434.. Rudolphi, Link und L. C. Treviranus haben nach ihm gezeigt, daſs, wie allenthalben in der Natur, so auch in Betreff jener Verschiedenheit Uebergänge und Ausnah - men gefunden werden. Im Allgemeinen findet indeſs jener Unterschied allerdings statt.

Bey den Dicotyledonen macht das unter der Oberhaut liegende Zellgewebe des Stamms und der Aeste die Rinde aus. Sie besteht immer aus mehrern Schichten, die bey einigen Pflan - zen stärker, bey andern schwächer unter einan - der zusammenhängen. Auf die Rinde folgt der Bast, eine Schicht von Fasergefäſsen, die mit langen, in vertikalen Reihen geordneten Zellen durchflochten sind. Der Bast schlieſst den Holz - körper ein, der aus ähnlichen, aber weniger saftreichen Fasern und Schläuchen, und aus gro - ſsen Gefäſsen besteht. Bey einem Queerdurch - schnitt zeigt dieser netzförmige, concentrische Schichten, die von aussen nach innen an Dich -tigkeit28tigkeit zunehmen, und mit den Jahren des Baums an Zahl übereinkommen. Die äussern Schichten enthalten vorzüglich punktirte Gefäſse und Trep - pengänge; in der innersten findet man mehr Spi - ralgefäſse. Die innerste Schicht schlieſst das Mark ein, ein Gewebe, welches aus groſsen, eckigen Zellen besteht, welche in frühern Zei - ten Flüssigkeiten führen, in der Folge aber diese verlieren, doch niemals ganz austrocknen. Von diesem Mark gehen nach allen Seiten zwischen den Gefäſsbündeln bis zur Rinde horizontale, strahlenförmige Fortsätze des Zellgewebes, von Grew Insertionen des Parenchyma der Rinde in den Holzkörper genannt. Sie sind wie das Mark nur in frühern Zeiten saftreich; hingegen mit dem Alter ziehen sie sich immer mehr zu - sammen, und erscheinen endlich, unter dem Ver - gröſserungsglase von der Seite angesehen, nur noch als dünne Queerlinien.

Das Mark ist derjenige Theil des Pflanzen - körpers, der am frühesten die Gränze seines Wachsthums erreicht. In ganz jungen Pflanzen aber ist dasselbe noch nicht vorhanden. Unter - sucht man den Keim einer Sonnenblume (He - lianthus annuus), woran sich die Cotyledonen noch nicht entfaltet haben, so findet man in der Axe des Keims einen, aus Fasergefäſsen bestehen - den Cylinder, und zwischen diesem und derRinde29Rinde vertikale Reihen länglicher Zellen. Unter - sucht man ihn später, wenn die ersten Blätter zwischen den Cotyledonen sich zu zeigen anfan - gen, so findet man unter der Rinde die längli - chen Zellen wieder, unter diesen aber mehrere vertikale Bündel von groſsen Gefäſsen und Bast - fasern, und zwischen diesen Bündeln in der Axe des Stamms ein groſszelliges Gewebe, welches mit einem farbenlosen Saft angefüllt, sonst aber dem Zellgewebe des künftigen Marks ganz ähn - lich ist. Der bey jüngern Pflanzen in der Mitte des Stamms liegende Cylinder von Fasern theilt sich also bey zunehmendem Wachsthum in meh - rere Bündel; diese weichen aus einander; es er - zeugen sich in ihnen groſse Gefäſse, und in dem Raum, den sie einschlieſsen, bildet sich das Zell - gewebe des Markkörpers. Bey jüngern Pflanzen geht also das Wachsthum nicht nur im Umfange, sondern auch in der Mitte des Stamms vor sich. Der Markcylinder scheint zwar, wenn er einmal ausgebildet ist, nicht weiter an Dicke zuzuneh - men. Aber zwischen ihm und dem Holzkörper dauert der Ansatz neuer Theile fort. Linden - zweige, im ersten Frühjahr untersucht, zeigen um das Mark eine Schicht von saftreichen Fa - sern und grünem Zellgewebe, die offenbar von neuer Entstehung ist, und sich ohne Zweifel nachher in Holz verwandelt.

§. 2.30

§. 2. Funktionen der äussern vegetabilischen Ernährungsorgane.

Die bisherigen Bemerkungen werden als Ein - leitung zu den folgenden Untersuchungen hin - reichend seyn. Wir werden jetzt zuerst sehen, wie die Nahrungsstoffe der Pflanzen auf das Aeussere derselben wirken, und wie dieses wie - der auf sie zurückwirkt. Folgende Sätze sind in Beziehung auf diese Punkte unmittelbare Re - sultate der Erfahrung.

1. Die Hauptorgane der vegetabili - schen Ernährung sind die Wurzel und die Blätter. Beyde saugen Feuchtigkei - ten ein, und zwar die Blätter im Allge - meinen mit der untern Fläche.

Die Ernährung der Pflanzen durch die Wur - zel bedarf keines Beweises. Die übrigen Punkte dieses Satzes ergeben sich aus den Versuchen Bonnet’s. Dieser legte zwey gleich groſse Blät - ter von einerley Pflanze, das eine mit der obern, das andere mit der untern Fläche auf Gläser voll Wasser, und beobachtete die Zeit ihres Ab - sterbens. Unter vierzehn Arten von Kräutern lebten die Blätter von acht Arten ohngefähr gleich lange, sie mochten das Wasser durch die obere oder untere Seite einziehen. Von sechs andern Arten schien die obere Fläche geschickter zur Einsaugung als die untere zu seyn. Unter sechs -zehn31zehn Arten von Bäumen und Sträuchern waren nur zwey, deren Blätter mit der obern Seite eben so gut als mit der untern die Nässe ein - sogen. Bey den übrigen Arten wurde die obere Fläche von der untern in der Einsaugung merk - lich übertroffen. Blätter des weissen Manlbeer - baums, die das Wasser durch die untere Fläche aufnahmen, lebten fast ganze sechs Monate, in - dem andere, die mit der obern Fläche auf dem Wasser lagen, schon am fünften Tage welk wurdenc)Bonnet’s Untersuchungen über den Nutzen der Blätter bey den Pflanzen. Uebers. von Arnold. Abth. 1. §. 4 6.. Bey den Kräutern geschieht also die Einsaugung der Feuchtigkeit sowohl durch die obere, als durch die untere, bey den holzarti - gen Gewächsen mehr durch die untere Fläche der Blätter. Man sieht hieraus, warum die Blät - ter an den Pflanzen so vertheilt sind, daſs je - des untere von dem nächst höhern nicht be - deckt wirdd)Biologie. Bd. 1. S. 170 ff..

2. Der Einsaugung entspricht eine Ausdünstung, die vorzüglich durch die Blätter, und zwar zur Tageszeit ge - schieht.

Nach32

Nach Versuchen von Halese)Statik der Gewächse. Erf. 1 5., Duhamelf)Physique des arbres. T. I. p. 135. und St. Marting)Voigt’s Magazin f. d. Neueste aus d. Physik etc. B. 7. St. 2. S. 18. ist diese Ausdünstung sehr beträchtlich. Hales fand, daſs binnen zwölf Ta - gesstunden eine viertehalb Fuſs hohe Sonnenblu - me im Durchschnitt 16 Unzen, ein mittelmäſsi - ger Kohlkopf 3 Unzen, ein Weinstock 5 Unzen 240 Gran, ein Apfelbaum 9 Unzen, und ein Ci - tronenbaum 6 Unzen ausdünstete. Schrankh)Briefe naturhist. physikal. u. ökonom. Inhalts an Nau. S. 146. hat zwar richtig bemerkt, daſs die meisten dieser Versuche die Menge der verdünsteten Materie zu groſs angeben. Aber auch nach einem beträchtli - chen Abzug bleibt diese noch groſs genug.

Daſs die Ausdünstung vorzüglich durch die Blätter, und zwar während des Tages, geschieht, ergiebt sich aus einem andern Versuch von Ha - les, wobey dieser einem von zwey Aesten eines Apfel -, Birn -, Kirsch - und Aprikosenbaums, die 3 bis 6 Fuſs lang waren, seine Blätter nahm, und dann beyde in Gläser mit einer abgewogenen Menge Wasser setzte. Die Aeste, denen die Blät - ter gelassen waren, zogen 15 bis 30 Unzen Was -ser33ser binnen 12 Tagesstunden ein, und waren des Abends leichter als des Morgens. Die entblät - terten Aeste hingegen nahmen nicht mehr als Eine Unze auf, und waren des Abends schwerer als des Morgensi)Hales a. a. O. S. 17. Erf. 7..

Hales beobachtete auch, daſs eine Musa und eine Aloe von fünf Uhr Morgens bis Mittag mehr, als von Mittag bis Abends sechs Uhr ausdünste - ten, und daſs sie in der Nacht nicht nur viel weniger an Gewicht als am Tage verloren, son - dern zuweilen an Gewicht zunahmenk)Ebendas. S. 13 15..

Von dem Einfluſs des Lichts auf die Aus - dünstung der Pflanzen überhaupt kann man sich auf eine einfache Art überzeugen, wenn man von zwey mit Glasglocken bedeckten Topfpflanzen die eine in ein helles, die andere in ein finsteres Zimmer setzt. Die Glocke des erstern Topfs wird man immer mit Wassertropfen bedeckt, die letztere hingegen trocken finden.

Nach Knight’s Erfahrungen ist es vorzüg - lich die untere Fläche der Blätter, wodurch die Ausdünstung, wie nach Bonnet’s Versuchen die Einsaugung, geschieht. Jener legte an Blättern von verschiedenen Pflanzen bey einigen auf dieuntere,IV. Bd. C34untere, bey andern auf die obere Fläche eine Glasplatte. Die auf der untern Fläche liegende Platte war immer nach einiger Zeit mit Thau be - deckt; hingegen zeigte sich auf der, welche mit der obern Fläche in Berührung gewesen war, keine Feuchtigkeitl)Philos. Transact. 1803. P. 2. p. 277..

3. Was die Pflanzen einsaugen und was sie ausdünsten, sind sowohl gas - förmige, als wässrige Materien. Luft wird vorzüglich durch die Blätter ein - gesogen und ausgehaucht. Die Aufnah - me derselben geschieht in der Dunkel - heit, die Ausleerung aber beym Einfluſs des Sonnenlichts.

Die Pflanze saugt Wasser durch die Wurzel ein, wie die tägliche Erfahrung zeigt. Auch von den Blättern wird Wasser sowohl aufgenommen, als ausgeleert, wie unter andern die obigen Er - fahrungen Bonnet’s und Knight’s beweisen. Daſs die Blätter auch gasförmige Stoffe aufneh - men, sieht man, wenn man einen mit Blättern versehenen Zweig unter einen Recipienten mit atmosphärischer Luft bringt. Während des Nachts vermindert sich dann das Volumen der einge - schlossenen Luft; hingegen des Tages, beym Einfluſs des Sonnenlichts, nimmt dieses wiederzu35zum)Th. von Saussure’s chemische Untersuchungen über die Vegetation. Uebers. von Voigt. S. 54. 66. 73 ff.. Dieses Einsaugen gasförmiger Stoffe scheint aber bey manchen Pflanzen nur in feuch - ter Luft von statten zu gehen. Linkn)Grundlehren der Anat. u. Physiol. der Pfl. S. 283. versi - chert gefunden zu haben, daſs gesunde Zweige von Maurandia semperflorens, Jasminum fruticans und Cactus curassavicus, in ein völlig trocknes, mit Quecksilber gesperrtes Glas gebogen, nicht die geringste Veränderung in dem Volumen der Luft, weder des Nachts, noch am Tage, her - vorbrachten. Ueberhaupt wird das Athmen der Pflanzen durch Feuchtigkeit befördert. Setzt man frische Pflanzenblätter unter Wasser dem Son - nenlichte aus, so bedecken sich die Blätter au - genblicklich mit Luftblasen, und diese Einsau - gung wird gegen Abend geringer und hört mit Sonnenuntergang ganz auf. Einige Gewächse, z. B. der Weinstock, die Linde und der Nuſs - baum, geben viele, andere, z. B. der Epheu, nur wenig Luftblasen. Manche, z. B. die Kar - toffelnblätter, fangen sehr früh des Morgens an auszuhauchen, und hören sehr spät des Abends mit dieser Ausleerung auf; andere, z. B. die Kirschlorbeerblätter, fangen sehr spät an und hören bald wieder auf. Die meisten BaumblätterbildenC 236bilden ihre Luftblasen zuerst auf der untern, die Kirschlorbeerblätter zuerst auf der obern Fläche; bey noch andern, z. B. den Malvenblättern, ent - stehen die Luftblasen auf beyden Seiten zu glei - cher Zeito)Ingenhouss’s Versuche mit Pflanzen. Uebers. von Scherer. S. 25. 28.. Vergleicht man diese Erfahrungen mit den obigen Resultaten der Versuche von Bon - net und Knight, so wird man finden, daſs sich die Blätter bey der Bildung der Luftblasen auf ähnliche Art wie bey der Einsaugung des Wassers verhalten, und daſs ihre einsaugende und aus - dünstende Fläche zugleich diejenige ist, durch welche Luft ausgehaucht wird.

Für die bisher vorgetragenen Lehren sprechen so viele und so wenig zweydentige Erfahrun - gen, daſs sich keine erhebliche Zweifel dagegen vorbringen lassen. Mehr Schwierigkeiten hat die Beantwortung der Frage: Durch welche Theile der Oberfläche der Blätter und der Wurzel die Aufnahme und Ausleerung von Wasser und Luft eigentlich geschieht? Manche jener Schwierigkei - ten rühren indeſs nur von unrichtigen oder un - vollständigen Beobachtungen, oder von einer fal - schen Auslegung der Erfahrung her.

Die Oberfläche der Pflanzen hat keine andere Organe, die eine eigene Funktion haben könnten, als die Spaltöffnungen und Haare. Die Spaltöff -nungen37nungen sind vorzüglich den Blättern eigen. Sie finden sich nie an der Wurzel, selten an den Geschlechtstheilen und Früchten. Sie kommen nicht bey den Tangen, Conferven, Pilzen, Flech - ten, Lebermoosen, Najaden und unter dem Was - ser lebenden Pflanzen vorp)Rudolphi’s Anat. der Pfl. S. 62 ff.. Unter den Laub - moosen giebt es nur einige Arten, welche Spalt - öffnungen haben, und diese besitzen sie blos an den Fruchtkapselnq)L. C. Treviranus’s Beyträge zur Pflanzenphysiol. S. 9 ff.. Die Poren fehlen also im Allgemeinen solchen vegetabilischen Körpern und solchen Pflanzentheilen, die blos im Wasser oder wenigstens in einer feuchten Atmosphäre wach - sen. Hieraus folgt, daſs sie nicht zur Einsau - gung des Wassers dienen können. In dem Vor - kommen dieser Organe an den beyden Flächen der Blätter ist aber, wie Rudolphir)A. a. O. S. 101. gezeigt hat, eine groſse Uebereinstimmung mit den Re - sultaten der obigen Bonnetschen Versuche über das Einsaugungsvermögen dieser Flächen nicht zu verkennen. Ferner ist, wie wir oben gesehen ha - ben, die einsaugende Blattfläche zugleich die aus - hauchende, und das Einsaugen wie das Aushauchen erstreckt sich sowohl auf Luft, als auf Wasser. Wir müssen also weiter schlieſsen, daſs dieSpalt -C 338Spaltöffnungen die Respirationsorgane der Pflanzen sind.

Mit dieser Theorie stimmt auch der Bau der Poren und die Art, wie die Luft in den Pflanzen befindlich ist, überein. Die Poren zeigen sich, wo sich ihre Struktur deutlich wahrnehmen läſst, als Zwischenräume zwischen Zellen von eigenem Bau, die mit den Intercellulargängen und mit den Gefäſsen der Oberhaut Gemeinschaft habens)M. s. oben §. 1. dieses Abschn.. Diese Gänge und Gefäſse scheinen die eingeath - mete, oder zum Aushauchen bestimmte Luft zu enthalten. Sowohl aus den Gefäſsen der Epider - mis mancher Aloen und ähnlicher fleischigen Gewächse, als aus den Intercellulargängen meh - rerer Pflanzenblätter, z. B. der Saamenblätter des Helianthus annuus, sahe ich immer eine Menge Luftblasen hervordringen, so oft ich, nachdem das Gewächs der Sonne ausgesetzt gewesen war, ein Stück der Oberhaut, oder des grünen Zellge - webes unter Wasser brachte und gelinde drückte. Schon Rudolphit)A. a. O. S. 158. hat ähnliche Beobachtungen gemacht, aber für eine seltene Erscheinung ge - halten, was in der That bey allen Pflanzen, nur nicht bey allen in gleichem Grade statt findet.

Hiermit übereinstimmend sind ferner die Resultate einiger Versuche, die Jurine über dieWir -39Wirkung des luftverdünnten Raums auf Blätter von Geranium peltatum, Rumex sanguineus und Olea fragrans machte. Die Blätter der beyden erstern Pflanzen, die ihre Spaltöffnungen auf beyden Seiten haben, gaben, in Wasser unter den Recipienten der Luftpumpe gebracht, aus beyden Flächen eine Menge kleiner Luftblasen von sich, die sich in das Blatt zurückzogen, wenn die Luft in den Recipienten wieder ein - gelassen wurde. Hingegen bey den Blättern der Olea fragrans, deren Poren nur auf der untern Seite liegen, drangen nur aus dieser Fläche Luft - blasen hervorv)Journal de Physique. T. (XIII.) 56. p. 185..

Nicht so leicht scheinen einige, von Mol - denhawer, Sennebier, Link und Schrank über die Funktion der Spaltöffnungen gemachte Beobachtungen mit unserer obigen Theorie zu vereinigen zu seyn. Bey näherer Prüfung wird man aber finden, daſs die Einwürfe, die sich von diesen hernehmen lassen, nicht von Ge - wicht sind.

Moldenhawerw)Beytr. zur Anat. der Pfl. S. 97. will gefunden haben, daſs die Spalten an regenhaften Tagen und thauigen Nächten immer geschlossen, hingegen an einem heitern Morgen, wenn die Blätter von der Sonnebeschie -C 440beschienen wurden, immer offen waren. Er schlieſst hieraus, daſs die Funktion der Poren nicht Einsaugung, sondern Aushauchung ist, und findet eine Bestätigung seiner Meinung in dem erwähnten Versuche Jurine’s. Die Ein - würfe, die sich gegen seine Meinung von den Bonnetschen Erfahrungen hernehmen lassen, sucht er durch die Voraussetzungen zu ent - kräften, daſs sich von dem, Verhalten kränkeln - der, vor dem Versuch immer etwas einschrum - pfender Blätter auf die Wirkungsart der gesunden nicht schlieſsen läſst, und daſs die Oberhaut beyder Blattflächen, besonders der untern, mit groſser Leichtigkeit wäſsrige Materie durchläſst.

Ich gestehe, daſs ich nicht begreife, wie sich des Nachts die Beschaffenheit der Spaltöffnungen an der mit dem Blatt verbundenen Oberhaut wahrnehmen läſst, und daſs ich deshalb wenig Gewicht auf diese Beobachtung legen kann. Viel - leicht hat Moldenhawer die Oberhaut erst ab - gezogen, ehe er sie unter das Vergröſserungsglas brachte. Daſs aber nach dieser Operation die Poren noch dieselbe Beschaffenheit haben soll - ten, wie vorher, wird man doch nicht glauben. Wäre indeſs jene Beobachtung auch richtig, so bewiese sie doch nur, daſs an Regentagen und feuchten Nächten keine, oder nur eine geringe Absorbtion der atmosphärischen Luft durch diePoren41Poren statt findet, nicht aber, daſs diese über - haupt nicht einhauchen. Sollte Moldenhawer’s Erfahrung vollständig seyn, so hätte die Be - schaffenheit der Poren auch an dunkeln, aber trocknen Tagen und trocknen Nächten unter - sucht, und ausgemacht werden müssen, ob sich die Spalten an sonnigen Tagen eben so auf der untern, als auf der obern Fläche der Blätter ver - halten. Wie Moldenhawer aus dem Jurineschen Versuch blos auf Aushauchung durch die Poren schlieſsen kann, sehe ich ebenfalls nicht ein. Daſs die Luftblasen in die Poren zurücktraten, sobald wieder Luft unter den Recipienten der Luftpumpe zugelassen wurde, läſst ja gerade auf Einhauchung schlieſsen. Was endlich Molden - hawer’s Einwürfe gegen die Bonnetschen Ver - suche betrifft, so ist dagegen zu bemerken, daſs an den abgeschnittenen Blättern, womit diese ge - macht wurden, die Funktionen zwar geschwächt, aber nicht in die entgegengesetzten verwandelt seyn konnten.

Ein anderer Einwurf läſst sich von Senne - bier’s Beobachtung hernehmen, nach welcher die Luftblasen, die sich aus Blättern unter Wasser beym Einfluſs des Sonnenlichts entwickeln, vor - züglich an den Rippen und Nerven derselben, und nicht so sehr aus den Zwischenräumen der Adern, welche doch allein die Spaltöffnungen be -C 5sitzen,42sitzen, aufsteigenx)Sennebier Expériences sur l’action de la lumière solaire sur la végétation. p. 77.. Aber diese Beobachtung ist sehr unzuverlässig. Die entwickelten Luft - blasen sammeln sich nur an den Rippen und Nerven als an den rauhern Theilen an, ohne doch aus denselben zu entstehen.

Wenn ferner Linky)Grundlehren der Anat. u. Physiol. der Pfl. S. 113 ff. Nachträge zu den Grundl. H. 1. S. 33 ff. sowohl das Einsaugen, als das Aushauchen durch die Spaltöffnungen läugnet, weil viele Pflanzen diese Poren nicht ha - ben, die doch einsaugen; weil die Blumen sie nicht besitzen, die doch sehr stark ausdünsten; und weil Blätter, deren beyde Flächen gleich locker und zart sind, deren obere aber keine Spaltöffnungen hat, dennoch mit beyden gleich viel tropfbare Flüssigkeiten einsaugen: so treffen diese Einwürfe nur die Hypothese, daſs tropf - bare Flüssigkeiten durch die Spaltöffnungen aufgenommen werden, und daſs blos durch sie das Einsaugen und Ausdünsten geschieht, nicht aber die Meinung, daſs Luft durch sie ein - und ausgeathmet wird, und daſs auch die Oberhaut das Vermögen besitzt, einzusaugen und auszu - dünsten. Es verhält sich in Betreff des Athem - holens und der Ausdünstung mit den Pflanzen, wie mit den Thieren. Diese dünsten durch die ganze Oberfläche des Körpers aus, und hauchenzu -43zugleich dadurch ein, obgleich dieselben Funktio - nen auch durch die Lungen, Kiemen und andere eigene Organe geschehen. Wenn endlich Linkz)Nachträge. H. 1. S. 35. noch den Umstand geltend macht, daſs die Poren oft durch einen stärkemehl - oder wachsartigen Ueberzug verschlossen sind, so heiſst dies be - haupten, daſs eine Funktion im gesunden Zu - stand nicht statt findet, weil sie in Krankheiten gestört oder aufgehoben ist.

Es ist überhaupt, um die Funktion der Spalt - öffnungen richtig einzusehen, nöthig zu bemer - ken, daſs einige Pflanzen mehr die Luft im gas - förmigen Zustande, andere aber dieselbe mehr mit Wasser oder Wasserdünsten vermischt ein - athmena)Vergl. Biologie. Bd. 2. S. 474. 475., und daſs nur die erstern der Spalt - öffnungen zur Respiration bedürfen, die letztern aber schon durch die bloſse Oberhaut lufthaltiges Wasser einziehen und ausleeren. Zur letztern Classe gehören die unter dem Wasser lebenden Pflanzen und die fleischigen Gewächse. Jene haben gar keine Spaltöffnungen. Diese ziehen wenig Wasser durch die Wurzeln, aber desto mehr durch die Blätter einb)Biol. Bd. 1. S. 460.. Manche derselben haben groſse Spaltöffnungen. Wenn ihnen aber Sprengelc)Ueber den Bau und die Natur der Gewächse. S. 191. im Allgemeinen groſse Poren zu -schreibt,44schreibt, so kann ich hierin nicht mit ihm ein - stimmen. Bey mehrern Arten der Aloe und Cras - sula habe ich nicht gröſsere Poren, als bey man - chen Gewächsen mit dünnern Blättern gefunden, und immer traf ich bey Saftpflanzen, die groſse Poren hatten, eine weit geringere Anzahl der letztern, als bey den meisten nicht saftigen Pflan - zen an. Auf der Rochea falcata, einem sehr saft - reichen Gewächs, habe ich sogar nirgends Spalt - öffnungen entdecken können.

Diejenigen Pflanzen, die keine Poren be - sitzen und sich vorzüglich von den Wasserdün - sten der Atmosphäre nähren, zeigen eine andere Eigenheit im Bau der Oberhaut ihrer Blätter. Bey der Rochea falcata, welcher die Poren feh - len, ist die Oberfläche der Blätter mit einem kurzen, aber sehr dichten, blaugrünen Filz be - deckt. Einen ähnlichen Ueberzug fand Rudol - phid)Anat. der Pfl. S. 84. bey mehrern andern Pflanzen, die keine Spaltöffnungen haben. Dieser Ueberzug besteht aus Haaren, und die Haare sind Fortsätze der Oberhaut und der unter derselben liegenden Zellen. Sie entstehen auf der Oberfläche des Stamms, der Zweige, oder der Blätter bey Pflan - zen, die auf einem trocknen Boden und in einer feuchten Atmosphäre wachsen; hingegen ver - schwinden sie an jenen Theilen und treibendafür45dafür desto stärker an den Wurzeln hervor bey Pflanzen, die auf einem nassen Boden stehen. Der gemeine Quendel (Thymus serpyllum L.) hat auf feuchtem Grunde ganz glatte, auf dürrem Boden behaarte Blumenköpfe. Beständig rauh ist Myosotis arvensis, immer glatt aber Myosotis palustris. Auf den Alpen, wo die Luft immer feucht ist, sind die meisten Pflanzen behaart; die Sumpf - und Wasserpflanzen hingegen haben immer glatte Stengel und Blätter. Die untere Blattfläche, die nach Bonnet’s Versuchen ge - wöhnlich am stärksten einsaugt, und nach Knight’s Erfahrungen auch am meisten aus - dünstet, ist bey den mehrsten Pflanzen zugleich die am stärksten behaartee)Schrank’s Baiersche Reise. S. 15. Du Hamel Physique des arbres. T. I. p. 183. Vergl. Biol. Bd. 2. S. 493, 494., wo aber auf der letztern Seite in der 3ten Zeile statt nassen Boden zu lesen ist: trocknen Boden..

Aus diesen Erfahrungen folgt, daſs, so wie die Spaltöffnungen zum Ein - und Aus - hauchen der Luft, so die Oberhaut über - haupt, besonders aber die als Haare sich zeigenden Fortsätze derselben, zum Einsaugen und Ausdünsten der atmos - phärischen Wasserdünste dienen. Inso - fern die Wasserdünste immer Luft enthalten, wird durch die Haare auch Luft mit eingesogen. Esläſst46läſst sich also erklären, wie diese Theile die Stelle der Spaltöffnungen einigermaſsen ersetzen können. Wenn übrigens die Haare der Pflan - zen von einigen Schriftstellern blos für ein - saugende, von andern blos für aushauchende Or - gane angenommen sind, so sind diese von unrichtigen Begriffen ausgegangen, haben Man - nichfaltigkeit finden wollen, wo Einfachheit ist, und aus einzelnen Erfahrungen zu allgemeine Schlüsse gezogen. Im ganzen Thierreiche ge - schieht das Ein - und Ausathmen durch einerley Organe. Warum sollte der weit einfachere ve - getabilische Organismus zu beyden Funktionen verschiedene Organe besitzen? Daſs die Haare aushauchen, beweist das Cicer arietinum, an wel - chem diese Theile die Kichernsäure ausschwit - zenf)Deyeux Journ. de Pharmacie. T. I. No. 13. S. 131.. Wer aus dieser einzelnen Erfahrung blos auf Exkretion durch jene Organe schlieſst, übersieht, daſs die Haare der Wurzeln, denen doch niemand die Funktion des Einsaugens ab - sprechen kann, ebenfalls zugleich wässrige oder schleimige Flüssigkeiten absonderng)K. Sprengel über den Bau u. die Natur der Gew. S. 404 ff..

§. 3. Bewegung des Safts in den Pflanzen.

Auf den untersten Stufen der Organisation, besonders bey den Conferven, sind die Grund -theile47theile des Organismus blos an einander gereihet, ohne durch andere heterogene Organe mit ein - ander in Verbindung zu stehen. Bey diesen Körpern nährt sich daher jeder einzelne Theil für sich, ohne zur Erhaltung des Ganzen bey - zutragen. Bey allen wahren Pflanzen aber lebt jeder Theil für das Ganze und das Ganze für jeden Theil. Die Wurzel führt dem Stamm, den Aesten und jedem einzelnen Blatt Nahrung zu, und jedes einzelne Blatt saugt dagegen nicht nur für sich selber, sondern auch für die ganze Pflanze ein. Bonneth)Untersuch. über den Nutzen der Blätter bey den Pflanzen. Abh. 1. §. 9. S. 13. fand bey seinen Ver - suchen über das Einsaugungsvermögen der Blät - ter, daſs einige dieser Organe, die mit ihrer untern Fläche auf Wasser lagen, andere, die mit ihnen durch den abgeschnittenen Stengel zusammenhiengen, aber nicht das Wasser berühr - ten, mehrere Tage und selbst Wochen lang er - nährten. Eine ähnliche, sehr auffallende Beob - achtung von einem einzelnen Blatt des Sinapis arvensis, das die ganze übrige Pflanze drey Wo - chen hindurch lebend erhielt, hat Rudolphii)A. a. O. S. 101. gemacht.

Der Einfluſs der Wurzel und der Blätter auf die Ernährung des ganzen vegetabilischenOrga -48Organismus setzt eine Bewegung des Nahrungs - safts von den einsaugenden Organen zu den übri - gen Theilen voraus. In welchen Gefäſsen und nach welchen Gesetzen geschieht nun diese Be - wegung?

Eine ziemlich allgemein angenommene Mei - nung ist, daſs die Rinde das Hauptorgan ist, worin sich der Saft der Gewächse bewegt. Al - lein diese Hypothese ist, so allgemein ausge - drückt, keinesweges richtig. Versteht man unter Rinde die unter der Oberhaut liegenden Schich - ten von Zellgewebe, so ist jener Satz ganz un - gegründet. Die Zellen sind allenthalben mehr Behälter der Säfte, als zuführen - de Organe. Es findet zwar ein Uebergang der Flüssigkeiten aus einer zur andern statt. Aber dieser geschieht zu langsam, als daſs jene Schläu - che zur Fortleitung der Säfte von der Wurzel zu den Blättern, und umgekehrt tauglich seyn könn - ten. An der Rinde deutet alles darauf hin, daſs in ihr eine langsame Einsaugung und Ausleerung, nicht aber eine schnelle Fortbewegung der Säfte statt findet. In der Mitte ihrer Zellen liegen körnige Niederschläge, die nicht ihre Stelle ver - ändern, so lange nicht der Bau dieser Theile durch Maceration, oder durch mechanische Ge - walt zerstört wird, und die Zellen sind alle durch Scheidewände von einander abgesondert, durchwelche49welche nur ein langsamer Uebergang der Flüssig - keiten möglich ist. Eher noch könnte man den Intercellulargängen die Funktion der Bewegung des Pflanzensafts zuschreiben, wenn diese nicht im Ganzen zu eng wären, um eine erhebliche Menge Flüssigkeit fassen zu können. Die Beob - achtungen, woraus man die Bewegung des Safts durch die Rinde darzuthun gesucht hat, lassen sich auch insgesammt auf andere Art erklären. Sie beziehen sich alle auf Versuche, wo die Rinde verletzt oder unterbunden war. An solchen Stel - len entsteht aber von dem Einfluſs der Luft, oder vom Druck der Ligatur ein Zufluſs des Safts aus allen Theilen der Pflanze, der im gesunden Zu - stande nicht statt findet. Zudem lassen sich jene Versuche nicht leicht machen, ohne den Bast zu verletzen, und dieser ist allerdings ein Haupt - organ der Bewegung des Pflanzensafts.

Aber auch der Bast ist es keinesweges allein, worin die Bewegung der Säfte vorgeht. Beym Anbohren von Birken, Ahornen und andern thrä - nenden Bäumen im Frühjahre findet man die Rinde ganz trocken. Zwischen ihr und dem Bast aber ist Flüssigkeit enthalten, und diese dringt noch häufiger aus dem Holzkörper, besonders aus dem jüngern Holze. In dem Holz steigt der Saft immer höher auf, so daſs anfangs nur die un - tern und erst später auch die höhern EinschnitteIV. Bd. Dthrä -50thränenk)Walker Transact. of the Royal Soc. of Edinburgh. Vol. 1. p. 3.. Diese Erfahrungen führen auf den Schluſs, daſs der ganze Holzkörper Flüs - sigkeiten leitet.

Der Holzkörper besteht aus Fasern, groſsen Gefäſsen und den Insertionen des Parenchyma. Daſs die Fasern, besonders des Basts, Flüssig - keiten führen, ist schon oben (§. 1.) gezeigt wor - den. Indeſs besitzen sie bey den meisten Pflan - zen nicht die Länge und Weite, die zur schnel - lern Ueberbringung einer gröſsern Menge Safts erforderlich ist. Daſs die Zellen des Parenchyma hierzu ebenfalls nicht tauglich sind, haben wir vorhin gesehen. Es müssen also die gro - ſsen Gefäſse seyn, wodurch die schnel - lere Leitung des Safts geschieht.

Mehrere Pflanzenphysiologen haben zwar von diesen Gefäſsen geglaubt, daſs sie blos Luft und nicht Saft führten, aber ohne hinreichende Be - weise. Der Hauptgrund, den man seit Mal - pighi’s Zeit für diese Hypothese angeführt hat, ist die Aehnlichkeit der Spiralgefäſse der Pflan - zen mit den Luftröhren der Insekten. Diese Analogie findet allerdings statt. Einige Schrift - steller haben sie geläugnet, weil jene Spiral - gefäſse sich nicht, wie die Tracheen der In - sekten, zerästeln, und weil man voraussetzte,daſs51daſs die Windungen der Spiraldräthe bey jenen nicht, wie bey diesen, durch eine Haut ver - bunden wärenl)A. a. O. §. 134. 135.. Allein die Hauptähnlichkeit be - ruhet immer auf den spiralförmigen Dräthen, die beyde mit einander gemein haben. Moldenha - wer fand aber auch auſser diesen Spiralfäden an den groſsen Pflanzengefäſsen eine ähnliche, den Canal des Gefäſses einschlieſsende Haut, wie es an den Luftröhren der Insekten giebtm)Moldenhawer Beytr. zur Anat. der Pfl. S. 205 ff.. Mit gröſserm Recht läſst sich die Richtigkeit der aus jener Analogie gezogenen Folgerung bezweifeln. Es giebt auch bey den Insekten Ge - fäſse, die ebenfalls aus einem spiralförmigen Band bestehen, und doch nicht Luft, sondern Saft ent - halten. Von dieser Art sind die Spinngefäſse mancher Raupen, z. B. der Weidenraupenn)Lyonnet Traité de la chenille du saule. p. 500., und der Canal des Rüssels der Bienen und Wespen.

Ausser jener Analogie hat man auch die Ab - wesenheit aller andern Organe, wodurch die ein - gesogene Luft im Pflanzenkörper verbreitet wer - den könnte, als einen Grund für die Meinung, daſs die groſsen Gefäſse luftführende Behältersind,D 252sind, angeführt. Aber dieser Grund beruhet auf der unrichtigen Voraussetzung, daſs bloſse Luft im Pflanzenkörper fortgeleitet wird. Nach mei - nen Beobachtungen enthält das Innere des Pflan - zenkörpers nicht anders Luft, als in den Luft - behältern, im Mark, in den Intercellulargängen des Zellgewebes der Rinde und in den Gefäſsen der Oberhaut. Das in den Luftbehältern und im Mark befindliche Gas rührt gewiſs nicht von aussen her, sondern ist immer aus den Pflan - zensäften entbunden. Im Mark findet man es vorzüglich während des Februars zur Zeit der wieder beginnenden Vegetation. Gewöhnlich ent - halten dann auch die in der Nähe desselben lie - genden Fasern in ihren Canälen hin und wieder Luft. Aber selten giebt es in den benachbarten groſsen Gefäſsen eine Luftblase. In den Intercel - lulargängen des Rindenzellgewebes und in den Gefäſsen der Oberhaut befindet sich die einge - athmete, oder zum Aushauchen bestimmte Luft, doch niemals als bloſse Luft, sondern immer mit dem Pflanzensafte vermischt. Zum Einsaugen und zur Entbindung von Luft bedürfen auch die Pflanzen der groſsen Gefäſse gewiſs nicht, da jene Funktionen eben so lebhaft bey den Con - ferven und Najaden, denen diese Gefäſse fehlen, als bey den vollkommenern Pflanzen von stat - ten gehn.

Wenn53

Wenn endlich Linko)Nachträge zu den Grundlehren. H. 2. S. 25. daraus, daſs die gro - ſsen Gefäſse immer trocken erscheinen, bewei - sen will, daſs sie luftführend sind, so ist dies ein Grund, der auf einer unrichtigen Beobach - tung beruhet. In vielen saftigen Pflanzen, z. B. in der Hyacinthe, sind die Spiralgefäſse nichts weniger als trocken, sondern durch und durch feucht. Daſs sie im Holzkörper unter dem Ver - gröſserungsglase trocken zu seyn scheinen, rührt von ihrer Sprödigkeit und davon her, daſs sie meist eine dünne, wässrige Flüssigkeit führen.

So wenig haltbar diese Gründe sind, so er - hebliche Beweise giebt es dagegen für die Mei - nung, daſs die groſsen Gefäſse tropfbare Flüssig - keiten leiten. Zuerst ist es eine bekannte That - sache, daſs die groſsen Gefäſse abgeschnittener und in eine farbige Flüssigkeit gesetzter Zweige diese einsaugen, daſs hingegen die Zellen und Fasern niemals unmittelbar, sondern erst nach einiger Zeit durch Mittheilung aus den groſsen Gefäſsen gefärbt werdenp)Die bisherigen Versuche über diesen Gegenstand hat Sprengel (Ueber den Bau u. die Natur der Gew. S. 153.) zusammengestellt.. Aus H. D. Mol - denhawer’s Erfahrungen ergiebt sich auch, daſs die von den groſsen Gefäſsen eingesogene Flüs -sigkeitD 354sigkeit wirklich zur Ernährung der Pflanze dient, indem ein Zweig, an dessen unterm Ende man alles Zellgewebe bis auf die Bündel der groſsen Gefäſse weggenommen hat, und wovon man blos diese in Wasser taucht, allein durch diese eine Zeitlang frisch erhalten wirdq)H. D. Moldenhawer de vasis plantarum. p. 30..

Man hat die Resultate, die sich hieraus in Hinsicht auf die Funktion der groſsen Gefäſse ziehen lassen, durch die Beobachtung umzusto - ſsen gesucht, daſs das Aufsteigen gefärbter Flüs - sigkeiten blos in den Spiralgefäſsen abgeschnitte - ner Zweige statt findet, ganz unverletzte Wur - zeln aber niemals Pigmente aufnehmenr)J. L. F. Mayer’s Naturgetreue Darstellung der Entwickelung, Ausbildung und des Wachsthums der Pflanzen. S. 17. Link’s Grundl. der Anat. u. Physiol. der Pfl. S. 72. Dessen Nachträge zu den Grundl. H. 1. S. 18. Sprengel a. a. O. S. 153.. Al - lein diese Beobachtung beweiset nur, was man auch schon vorher wissen konnte, daſs gröbere Färbestoffe nicht durch die Oberhaut eingeso - gen werden. Die groſsen Gefäſse endigen sich in den mit Saft angefüllten Zwischenräumen des Zellgewebes. Es ist nicht einzusehen, warum sie in unverletzten Pflanzen diesen Saft nicht eben so wohl aufnehmen sollten, als sie in ab - geschnittenen Zweigen die Flüssigkeit, worin diesegestellt55gestellt sind, absorbiren. Wendet man ein, daſs die groſsen Gefäſse in unverletzten Gewächsen keine sichtbare Oeffnungen haben, wodurch die Absorbtion geschehen könnte, so macht man ei - nen Einwurf, der eben so wohl die Hypothese trifft, daſs jene Gefäſse luftführende Canäle sind. Ueber die Gegenwart oder Abwesenheit von ein - saugenden Oeffnungen an zarten Gefäſsen ist es aber überhaupt so schwer, etwas Gewisses zu bestimmen, daſs sich davon kein Grund für oder wider eine Meinung hernehmen läſst. J. J. P. Moldenhawers)Beytr. zur Anat, der Pfl. S. 329. hat indeſs an dem Sphagnum obtusifolium eine Entdeckung gemacht, woraus sich nicht nur vermuthen läſst, daſs die groſsen Gefäſse mit solchen Oeffnungen versehen sind, sondern die auch überhaupt über die Funktion der Spiralgefäſse Licht verbreitet. Es giebt in der äussersten Schicht des Stengels und in den Blät - tern dieses Mooses Schläuche, die offenbar die erste Anlage zu den Spiralgefäſsen der eigentli - chen Pflanzen sind. Diese zeigen deutliche run - de Oeffnungen, und saugen durch dieselben Was - ser ein. Taucht man die Blätter der untern hän - genden Zweige, welche die Stelle der Wurzeln vertreten, und deren Spiralgefäſse vorzüglich viele Oeffnungen haben, in eine gefärbte Flüssigkeit, ohne daſs der Stengel diese berührt, so färbtdie -D 456dieselbe sehr bald die Spiralgefäſse des Stengels, dringt aus diesen in die Gefäſse der übrigen Blät - ter, und schwitzt so stark aus den runden Oeff - nungen derselben hervor, daſs die ganze Ober - fläche der Blätter von dem Pigment bedeckt wird.

Zu diesen Gründen kömmt endlich noch, daſs sich die groſsen Gefäſse abgeschnittener Pflan - zentheile beym Einsaugen gefärbter Flüssigkei - ten keinesweges nur als leblose Haarröhren ver - halten, sondern daſs ihre absorbirende Kraft mit der Vegetationskraft der ganzen Pflanze in Ver - bindung steht. Ich habe oft Zweige von Wei - den, Pappeln, Linden, Hollunder und mehrern Stauden des Winters in eine Abkochung von Fer - nambukholz gesetzt, und drey bis vier Tage hindurch im geheitzten Zimmer stehen lassen, ohne daſs die Flüssigkeit in den groſsen Gefäſsen der Zweige aufgestiegen wäre, da doch die Ge - fäſse belaubter Zweige im Sommer sehr schnell von dem Pigment durchdrungen werden. Eben so wenig steigen gefärbte Decokte in verwelk - ten Pflanzentheilen auf, und alle Zusätze zu sol - chen Abkochungen, die dem vegetabilischen Le - ben nachtheilig sind, z. B. geistige Tinkturen, verhindern das Einsaugen.

Nach allen diesen Gründen halte ich für wahrscheinlich, daſs die groſsen Gefäſse eben sowie57wie die Fasern saftführende Canäle sind, daſs beyde ihre Flüssigkeiten aus den Intercellular - gängen erhalten, und daſs durch jene alles schnellere Aufsteigen des Pflanzensafts geschieht.

Jedes groſse Gefäſs kann den Saft sowohl aufwärts, als abwärts leiten, wie die bekannte Erfahrung beweist, daſs abge - schnittene Zweige mancher Bäume, mit dem obern Ende in die Erde gesteckt, Wurzeln schlagen. Indeſs zeigen Knight’s Versuche, daſs das Wachsthum solcher umgekehrten Zweige doch weit langsamer als die Vegetation von Stecklingen, die mit dem untern Ende gepflanzt sind, von statten gehtt)In sechs Zweigen der Salix Capraea, die mit den obern Enden gepflanzt waren, nahm die Vegetation mit der Entfernung von dem untern Ende immer mehr ab, und hörte gegen Ende des Sommers in einer Höhe von vier Fuſs fast ganz auf. In sechs andern ähnlichen Zweigen hingegen, die mit den untern Enden in die Erde gesteckt waren, ging die Vegetation an den höchsten Punkten auf das kräf - tigste von statten. (Philos. Transact. 1804. P. 1. P. 183.). Die Umkehrung der Bewegung des Pflanzensafts muſs also Schwie - rigkeiten haben, und es läſst sich daher schlie - ſsen, daſs diese Gefäſse entweder zur Führung des Safts nach oben, oder zur Leitung dessel -benD 558ben nach unten, oder theils zu dieser, theils zu jener Funktion bestimmt sind. Welcher von die - sen möglichen Fällen wirklich statt findet, dar - über werden die folgenden Bemerkungen Auf - schluſs geben.

Es giebt in den Pflanzen keinen so regel - mäſsigen Umlauf der Säfte, wie in den Thie - ren, sondern der Trieb der Pflanzensäfte ist immer nach denjenigen Theilen ge - richtet, worauf äussere Potenzen am meisten wirken. Das Ausströhmen von Luft - blasen aus den Blättern geschieht nur beym Ein - fluſs des Sonnenlichts. Wirkt dieses in Verbin - dung mit Wärme auf den obern Theil einer Pflanze, z. B. eines in ein Treibhaus geleiteten Asts eines Weinstocks, so fängt derselbe schon an zu grünen, wenn die Vegetation des untern Theils noch weit zurück ist.

Licht und Wärme sind überhaupt die vor - nehmsten unter den äussern Potenzen, wodurch die Bewegung der Pflanzensäfte bestimmt wird. Da der Einfluſs derselben während der Jahres - und Tageszeiten regelmäſsig wächst und abnimmt, so muſs auch in dieser Bewegung eine regel - mäſsige Veränderung statt finden. Die letztere besteht in einem Auf - und Abflieſsen des Safts. Bey den baumartigen Gewächsen unsers Himmelsstrichs tritt das Aufsteigen im Frühjahre. das59das Absteigen gegen das Ende des Sommers ein. Beym Aufsteigen hebt sich der Saft täglich nach der verschiedenen Temperatur der Luft bald mehr, bald weniger, doch so, daſs er, nach Wal - ker’s Versuchenv)Transact. of the Roy. Soc. of Edinburgh. Vol. 1. p. 3., bey der Birke fünf bis sechs Wochen braucht, um zwanzig Fuſs hoch zu steigen. Nach dem Aufsteigen fangen die ver - schiedenen Lagen der Rinde und des Holzes an, sich von einander zu trennenw)Walker a. a. O., und von die - ser Zeit an bis zur Mitte des Sommers treiben die Pflanzen vorzüglich ins Laub, nachher aber mehr in die Wurzeln. Auſserdem geht bey al - len Pflanzen, sobald sie Blätter haben, des Ta - ges die Bewegung des Safts mehr nach unten, des Nachts mehr nach oben. Gewächse, die im Dunkeln aufwachsen, schieſsen schnell in die Höhe, treiben aber wenig Wurzeln; umgekehrt verhält es sich mit Pflanzen, die dem Lichte aus - gesetzt sind. Diese Regeln sind indeſs nicht ohne Ausnahmen, und können es nicht seyn, da es ausser dem Einfluſs des Lichts noch an - dere Ursachen giebt, wovon der Trieb der Säfte abhängt. So treibt jede Pflanze im Anfang ihres Entstehens vorzüglich nach unten, und bildet Wurzeln, ehe sie aus der Erde hervordringt, und eben so sieht man an jeder, im Wasser stehen -den60den Hyacinthenzwiebel, daſs das Wachsthum der Wurzeln schneller als das der Blätter von statten geht. Die auf - und absteigende Bewegung des Safts ist auch nicht so streng an die Zeit des Tages und der Nacht gebunden, daſs in der letztern Periode gar kein Wachsthum nach oben und in der letztern keines nach unten statt fände.

Wir können jetzt auf unsere obige, die Funk - tion der groſsen Gefäſse betreffende Frage zurück - kommen, und diese dahin beantworten, daſs die äuſsern, der Rinde zunächst liegen - den Fasergefäſse, oder der Bast, den Pflanzensaft abwärts, die um das Mark liegenden groſsen Gefäſse, besonders die Spiralgefäſse, aber denselben aufwärts führen. Folgende Gründe beweisen diesen Satz:

1. Wo blos eine absteigende Bewegung des Pflanzensafts ist, finden sich nur Fasergefäſse umgeben von Zellen. Dies ist der Fall mit den Flechten, den meisten Moosen und mehrem Na - jaden, die sich blos durch die Blätter ernähren, ohne etwas von der Wurzel zu empfangen. Dies hat ferner bey den Blättern der meisten Dicoty - ledonen statt. Die Nerven derselben bestehen gröſstentheils aus Bastbündeln ohne zahlreiche Spiralgefäſse, und ihre übrige Substanz enthält blos Zellen. Sie führen aber auch dem Stammweit61weit mehr zu, als sie von ihm empfangen. Früchte verwelken, wenn man dem Zweige, der sie trägt, die über ihnen sitzenden Blätter nimmt, und ein Stück Rinde, das durch Einschnitte von der übrigen Rinde getrennt ist, verdorret, wenn sich keine Knospen daran befinden, grünet aber fort, wenn es Knospen hat, deren Blätter ihm Nah - rung zuführenx)Link’s Nachträge zu den Grundl. H. 1. S. 49.. Ein Tropfen Salzsäure auf ein Blatt gebracht, verursacht einen gelben Fleck, der sich wenig gegen die Spitze, desto mehr aber gegen die Basis des Blatts, und von dieser durch den Blattstiel bis zum Stamm verbreitet, und blos durch die Nerven des Blatts fortgehty)Link a. a. O. S. 20..

2. Eine blos absteigende Bewegung findet auch in dem ersten Keim der Pflanze statt. Die - ser erhält anfangs seine Nahrung blos aus den Saamenblättern, und das Erste, was sich an ihm bildet, ist die Wurzel. Indem diese entsteht, geht der Trieb des Nahrungssafts aus den Co - tyledonen blos abwärts, und während dieser Zeit sieht man in dem Keim noch keine andere Ca - näle als Fasergefäſse. Sobald aber der Anfang des Stamms hervorzubrechen und der Trieb der Säfte aufwärts zu gehen anfängt, zeigen sich in der Mitte des Pflänzchens Spiralgefäſse.

3.62

3. Spiralgefäſse giebt es allenthalben, wo die Bewegung der Säfte aufwärts gerichtet ist. Bey den baum - und strauchartigen Dictyledonen bildet sich jährlich im Herbst eine neue Lage derselben um das Mark, die bey manchen Bäu - men, z. B. den Linden, im Frühjahre mit grü - nen Zellen und saftreichen Fasern umgeben ist. Die grüne Farbe dieser, von der Oberhaut durch den ganzen Holzkörper getrennten und dem Lichte völlig unzugänglichen Theile, und ihre saftige Beschaffenheit beweisen, daſs zwischen dem Mark und dem Holz ein ähnlicher Proceſs, wie zwischen der Rinde und dem Holze, statt findet. Völlig gleich können aber beyde Processe nicht seyn, indem es zwischen der Rinde und dem Holz keine Spiralgefäſse, wie in der Nähe des Marks, giebt, und eine andere Verschiedenheit in den Funktionen beyder Theile ist nicht zu den - ken, als daſs der Saft durch die einen auf -, durch die andern niedersteigt. In dem Mark und den dem Marke zunächst liegenden Fasergefäſsen der Bäume und Sträucher findet man aber auch im Januar und Februar eine Menge Luftblasen. Mit der Entbindung dieser Luft beginnt ohne Zweifel die Vegetation. Nie trifft man sie um jene Zeit in dem Zellgewebe der Rinde und in den Bastfasern an. Der Anfang der Vegetation geschieht daher in der Mitte des Stamms, und wahrscheinlich tritt also auch die nächste Wir -kung63kung dieser innern Bewegung des Safts, das Aufsteigen desselben, nicht im Umfange des Stamms, sondern in den um das Mark liegen - den groſsen Gefäſsen ein.

4. Werden diese Gefäſse im Frühjahr an einem Ast ausgeschnitten, so treibt zwar der - selbe im folgenden Sommer aus den im Bast und der Rinde vorräthigen Säften noch Blätter; aber im folgenden Jahre ist er abgestorbenz)J. L. F. Mayer’s naturgetrene Darstellung der Ent - wickelung u. s. w. der Pfl. S. 49.. Nimmt man alles Holz weg, und läſst blos die Rinde übrig, so fängt der Zweig sogleich an zu welken und ist in kurzer Zeit völlig leblos. Hingegen kann man rings um einen blätterrei - chen Ast die Rinde und einen beträchtlichen Theil des Holzes wegschneiden; der Ast fährt doch fort in allen Theilen zu grünen, wenn nur eine Lage Holz um das Mark übriggeblieben ist.

5. Endlich geschieht, wie oben gezeigt ist, alle schnellere Bewegung des Pflanzensafts durch die groſsen Gefäſse. Nur von der Wurzel zu den Blättern findet aber eine schnelle Bewegung der eingesogenen Flüssigkeiten statt; hingegen was von den Blättern aufgenommen ist, gelangt nur langsam zur Wurzel. Durch das bloſse Be - gieſsen der Wurzel läſst sich eine Pflanze bey kräftigem Wachsthum erhalten, und sie richtetsich,64sich, wenn sie Mangel an Wasser leidet, schnell wieder auf, sobald ihre Wurzeln hinreichend getränkt sind; aber das bloſse Begieſsen der Blätter unterhält nur dürftig die Vegetation, und eine welke Pflanze wird nur langsam dadurch gestärkt. Auch aus diesem Gesichtspunkt er - scheinen also die groſsen Gefäſse als diejenigen, die den Saft aufwärts führen.

Diese Meinung von der Bewegung des Pflan - zensafts hat zwar mehrere wichtige Authoritäten gegen sich. Seitdem Perrault, Mariotte und ein Hamburgischer Arzt, Major, zuerst bewie - sen, daſs es ein Auf - und Abflieſsen des Safts in den Gewächsen giebt, und daſs beyde in ver - schiedenen Theilen geschehena)Perrault Oeuvres de Physique et de Mechanique. Vol. 1. p. 69. Hist. de l’Acad. des sc. de Paris. A. 1709. Ed. 8. p. 56., hat man fast allgemein für das Organ der absteigenden Bewe - gung die Rinde, und für die Theile, die den Saft aufwärts leiten, die Bastfasern angenommen. Die letztere Funktion des Basts hat besonders Sprengel zu beweisen gesucht. Doch glaubt die - ser, daſs das Aufsteigen auch im Holze, und das Absteigen zwischen dem Bast und dem Holze erfolgtb)Sprenoel über den Bau u. die Natur der Gew. S. 431. 440. 463..

Für65

Für die Hypothese von dem Abflieſsen des Safts durch die Rinde giebt es aber keinen erheb - lichen Grund, als die Erfahrung, daſs wenn rings um den Stamm oder den Ast eines Baums ein Streifen Rinde weggenommen ist, sich mehr Saft aus dem obern, als aus dem untern Rande der Wunde ergieſst, und der Baum über dem Schnitt anschwillt, unter demselben aber nicht zunimmtc)Cotta’s Naturbeobachtungen über die Bewegung u. Funktion des Safts in den Pflanzen. Weimar 1806. S. 14. Link’s Grundlehren der Anat. u. Physiol. der Pfl. S. 85. Dessen Nachträge zu den Grund - lehren. H. 1. S. 21.. Gegen diesen Beweis gilt, was schon oben gegen die Meinung von der Bewegung des Safts durch die Rinde im Allgemeinen erin - nert ist. Nach meinen Erfahrungen findet aber auch jener Erfolg keinesweges in allen Fällen statt, wenn man, statt die Rinde auszuschneiden, sie unterbindet. Ich lieſs vor einigen Jahren um neu gepflanzte Obstbäume meines Gartens Eisen - dräthe, woran Bleche mit den Namen der Bäume hingen, theils unter dem Anfang der Krone, theils an dem untern Ende eines Hauptasts legen. An sieben Stämmen, die aus Pflaumen, Kirschen, Aepfeln und Birnen bestanden, wurden die Drä - the beym Wachsen der Bäume nicht genug er - weitert. Im folgenden Jahr waren sie schon soweitIV. Bd. E66weit in das Holz eingedrungen, daſs sie sich ohne eine sehr gewaltsame Operation nicht wieder her - ausziehen lieſsen. Jetzt sind zum Theil selbst die Bleche ganz verwachsen. Alle diese unterbunde - nen Stämme oder Aeste verlieren im Herbste weit früher als die übrigen ihre Blätter, schlagen aber auch im Frühling weit zeitiger wieder aus, blü - hen sehr voll, und tragen zum Theil viele, doch kleine, unschmackhafte Früchte. Bey allen fin - det sowohl unter, als über dem Bande eine An - schwellung statt. Da, wo das Band um den Stamm unter dem Anfang der Krone liegt, ist bey einigen, doch auch nicht bey allen, die An - schwellung oberhalb dem Bande stärker als unter - halb demselben. Bey den übrigen Bäumen hin - gegen, an welchen blos ein Ast unterbunden ist, finde ich keinen Unterschied zwischen der obern und untern Anschwellung. Nach Ligaturen tritt also wenigstens nicht immer eine stärkere Ver - dickung über dem Bande ein, und vielleicht ist auch nach kreisförmigen Ausschnitten der Rinde diese Verdickung nicht allgemein. Fände sie aber auch ohne Ausnahme statt, so würde doch noch erst zu beweisen seyn, was noch nicht bewiesen ist, daſs die Verdickung ursprünglich von der Rinde, und nicht von dem Bast oder Holz her - rührt, ehe man daraus auf ein Absteigen des Safts durch die Rinde schlieſsen dürfte. Uebrigens weiſs man ja auch, daſs manchen Bäumen dieganze67ganze Rinde, ihrem fortdauernden Wachsthum unbeschadet, abgeschält werden kann. Wie wäre dies möglich, wenn sie eine so wichtige Funktion hätte, wie sie bey jener Meinung haben müſste!

Die zweyte Hypothese, daſs das Aufsteigen des Safts durch den Bast geschieht, hat man dar - aus beweisen wollen, weil es Bäume gäbe, in welchen das Mark mit dem Holze verfault, und blos der Bast nebst der Rinde noch gesund wären, und welche doch Jahre lang fortlebten. Aber diese Beobachtung halte ich für unrichtig. Nie habe ich inwendig verfaulte Bäume gesehen, die noch vegetirt und nicht unter dem Bast noch ge - sundes Holz gehabt hättend)Das Nehmliche erinnert Rudolphi (Anat. der Pfl. S. 231.). Kein Baum, der dieses nicht besitzt, kann dem Winde widerste - hen. Das übrig gebliebene Holz enthält aber noch so viele groſse Gefäſse, als zur Unterhal - tung des immer nur sehr kümmerlichen Lebens solcher Bäume nöthig ist.

Was endlich Sprengel’s Hypothese betrifft, daſs das Absteigen des Safts zwischen dem Bast und dem Splint geschieht, so ist diese eine Folge seiner übrigen Meinungen. Daſs die Rinde zu jener Funktion nicht passend wäre, sahe er ein; den Bast und die Fasergefäſse des Holzes nahmerE 268er für die Organe des Aufsteigens an; die groſsen Gefäſse aber lieſs er nicht für saftführend gelten. So blieb freylich kein anderer Ort zum Absteigen des Safts als der Zwischenraum zwischen dem Bast und dem Splint übrig. Daſs im Frühling zwischen dem Bast und der Rinde viele Flüssig - keit enthalten ist, hat freylich seine Richtigkeit. Allein diese ergieſst sich dahin aus dem Holzkör - per. Schon Walkere)A. a. O. sagt ausdrücklich in sei - nen Bemerkungen über die Bewegung des Safts in den Bäumen, daſs sich im Frühling der Saft zwar häufig zwischen dem Bast und der Rinde zeigt, daſs er aber erst beym Anbohren des Hol - zes in Menge hervordringt. Auch bemerkt Wal - ker, daſs sich der Bast von der Rinde erst nach dem Aufsteigen des Safts und nicht früher trennt. Der Saft muſs also schon im Holze aufgestiegen seyn, ehe er sich in den Zwischenraum zwischen dem Bast und der Rinde ergieſsen kann.

§. 4. Chemische Nutritionsprocesse der Pflanzen.

Was wir bisher von innern Bewegungen des Pflanzenkörpers aufgefunden haben, ist der bloſse Mechanismus der Vegetation, der erst durch die dabey zum Grunde liegenden, oder daraus hervorgehenden chemischen Veränderun - gen eine höhere Bedeutung erhält. Wir kommenjetzt69jetzt auf diese chemischen Erscheinungen des Pflanzenlebens, und fangen unsere Untersuchun - gen mit der Beantwortung der Frage an: Wel - chen Einfluſs das Athmen der Pflanzen auf die umgebende Luft äuſsert?

Es war zuerst Priestley, und auf dessen Veranlassung Scheele, die über diesen Gegen - stand Versuche anstelltenf)Priestley’s Versuche u. Beobacht. über verschie - dene Gegenstände der Luft. Th. 1. S. 89. Dessen Vers. u. Beobacht. über versch. Theile der Natur - lehre. Th. 1. S. 229.. Beyde fanden, daſs die Pflanzen in einigen Fällen Sauerstoffgas, in andern eine mephitische Luft aushauchten. Ueber die Ursache des entgegengesetzten Erfolgs ihrer Versuche blieben beyde in Ungewiſsheit. Diese wurde in der Folge von Ingenhoussg)Versuche mit Pflanzen. Uebers. von Scherer. Dessen vermischte Schriften. Uebers. von Molitor. 2te verm. Aufl. und Sen - nebierh)Ueber den Einfluſs des Sonnenlichts auf alle drey Reiche der Natur. entdeckt. Die letztern fanden, daſs grüne Pflanzentheile, besonders die Blätter, beym Einfluſs des Sonnenlichts unter Wasser Sauerstoff - gas ausathmen, daſs aber dieselben Organe im Dunkeln die atmosphärische Luft für Thiere irre -spira -E 370spirabel machen, und daſs diesen Einfluſs die Wurzeln, Schoten, reifen Früchte, Saamenkörner und andere nicht grüne Theile zu allen Zeiten, doch mehr in der Nacht und im Schatten, als bey Tage, und am wenigsten im Sonnenlichte, auf die Atmosphäre äuſsern.

Diese Beobachtungen wurden durch spätere Erfahrungen von Sternbergi)Mayer’s Samml. physikal. Aufsätze von einer Ge - sellsch. Böhmischer Naturforscher. B. 2. S. 47., Succowk)Commentat. Acad. Theodor. Palatin. Vol. V. phys. p. 166., Spallanzanil)Journ. de Phys. T. (V.) 48. p. 135. und dem jüngern Saussurem)Chemische Untersuchungen über die Vegetation. Uebers. von Voict. in der Hauptsache völlig bestätigt. Nur darin ha - ben die Resultate der Versuche von Ingenhouss und Sennebier einige Einschränkungen erlitten,

  • 1) daſs die Menge Sauerstoffgas, welche die Blätter beym Einfluſs des Tageslichts in der Luft erzeugen, weit geringer ist, als die, welche sie unter Wasser liefern
    n)Spallanzani a. a. O.
    n);
  • 2) daſs die grüne Farbe nicht, wie Ingenhouss ohne Einschränkung behauptete, ein wesent - licher Charakter der Pflanzentheile ist, welcheSauer -71Sauerstoffgas ausathmen, sondern daſs es ei - nige, obgleich nicht häufige Ausnahmen hier - von giebt
    o)Saussure a. a. O. S. 50.
    o);
  • 3) daſs auch unreife Weintrauben den Sauer - stoffgehalt der atmosphärischen Luft an der Sonne vergröſsern
    p)Saussure ebendas. S. 119. §. 10.
    p);
  • 4) daſs die Blätter bey der Entwickelung von Sauerstoffgas auch Stickgas entweichen las - sen
    q)Ebendas. S. 51.
    q).

Wie die Blätter der Pflanzen, so verhalten sich auch unter den Phytozoen die zur Familie der Wasserfäden gehörigen Arten, die eine grüne Farbe haben, vorzüglich Priestley’s grüne Ma - terie. Alle diese Körper entbinden eine sehr groſse Menge Sauerstoffgas, und zwar die letztere nicht nur bey der Einwirkung des Lichts, son - dern auch im Dunkeln, ja selbst wenn sie ge - trocknet, zerrieben und wieder angefeuchtet ist; die übrigen aber nur beym Einfluſs der Sonnen - strahlenr)Ingenhouss’s verm. Schriften. B. 2. S. 189. J. A. Scherer’s Beobacht. u. Vers. über das pflanzenähn - liche Wesen in dem warmen Carlsbader u. TöplitzerWasser..

AuchE 472

Auch die Blasen des Fucus vesiculosus ent - halten eine Gasart, die weit reicher an Sauerstoff als die atmosphärische Luft ists)Priestley’s Vers. u. Beobacht. über versch. Theile der Naturl. Th. 1. S. 241..

Die Schwämme hingegen hauchen nach von Humboldt’s Versuchen Tag und Nacht Wasser - stoffgas aust)Von Humboldt’s Aphorismen aus der chem. Phy - siologie der Pflanzen. S. 107. 122..

Auf eine andere Art wie die schon gebildete Pflanze wirkt das keimende Saamenkorn auf die atmosphärische Luft. Während des Keimens ver - mindert sich der Sauerstoffgehalt der letztern; es entsteht dagegen kohlensaures Gas, und zwar im Verhältniſs zu dem verschwundenen Sauerstoff - gasv)Rollo, Annales de chimie. T. 25. p. 37. Saus - sure’s chem Untersuch, über die Vegetat. S. 7. Huber u. Sennebier über den Einfluſs der Luft und einiger gasartigen Stoffe auf die Keimung ver - schiedener Saamenkörner. Uebers. von Riem. S. 21. 22. An Inquiry into the Changes, induced on atmospheric Air by the Germination of Seeds, the Vegetation of Plants and the Respiration of Animals. By D. Ellis.. Befinden sich die Saamenkörner unterReci -r)Wasser. S. 15 ff. Sennebier, Journ. de phys. T. (V.) 48. p. 357.73Recipienten, die mit reinem Stickgas oder Was - serstoffgas angefüllt sind, so keimen darin zwar nicht alle, doch manche Arten von Körnern, z. B. Erbsen, und man findet dann auch in diesen Luftarten kohlensaures Gas, zugleich aber auch bloſsen Kohlenstoff, der sich von den Saamen - körnern abgesondert, und jene Gasarten in koh - lenhaltiges Stickgas oder Wasserstoffgas verwan - delt hatw)Huber u. Sennebier a. a. O. S. 11. 35. 50. 139. 151. Zwölf Erbsen hatten in Wasserstoffgas eine Quantität kohlensaures Gas erzeugt, die einer Masse von 60 Unzen Wasser gleich war. Ebendas. S. 146..

Kohlensaures Gas ist es auch, welches von den nehmlichen Pflanzentheilen, die beym Ein - fluſs des Lichts Sauerstoffgas aushauchen, in der Dunkelheit erzeugt wirdx)Spallanzani a. a. O. Gough, Nicholson Journ. of nat. Philos. Vol. 3. No. 26. p. 1. Saus - sure a. a. O. S. 60.. Sie absorbiren da - bey ebenfalls, wie die keimenden Saamenkörner, Sauerstoffgas, doch die Blätter der fleischigen Gewächse weniger, als die der meisten übrigen Pflanzeny)Saussure a. a. O. S. 82., die Sumpfgewächse weniger, als der gröſste Theil der übrigen krautartigen Ge - wächse, die Blätter der immergrünen Bäume we -niger,E 574niger, als die der Bäume, die im Winter ihr Laub verlieren, und die Blätter solcher Pflanzen, welche auf einem magern Boden, oder in tief - liegenden und feuchten Gegenden wachsen, we - niger als diejenigen, die nur auf einem frucht - baren Boden unter freyem und reichlichem Zu - tritt der atmosphärischen Luft gedeihenz)Saussure ebendas. S. 86. 87.. Viel - leicht aber findet in der Dunkelheit auch eine ge - ringe Aushauchung von Sauerstoffgas statta)Ebendas. S. 49..

Ferner ist es kohlensaures Gas, welches von den Wurzeln, den holzigen, entblätterten, vom Stamm getrennten Zweigen, und den Blüthen der Pflanzen unter allen Umständen ausgehaucht wird. Die Wurzeln absorbiren blos das Sauer - stoffgas, nicht aber das Stickgas der atmosphä - rischen Luftb)Ebendas. S. 99.. Das Holz und die Blüthen ab - sorbiren ebenfalls Sauerstoffgas, und zwar die letztern mehr im Sonnenschein, als im Dunkeln. Auch erzeugen diese mit dem kohlensauren Gas zugleich Stickgasc)Ebendas. S. 104. 114. Nach einer von Saussure (S. 117.) mitgetheilten Tabelle war in sechs Fällen von sieben die Menge des erzeugten Stickgas der des absorbirten Sauerstoffgas gleich..

Woher75

Woher und wozu nun diese verschiedenen Gasarten, die von der Pflanze ausgehaucht und eingesogen werden? Die Beantwortung dieser Frage ist der erste Schritt zur Enthüllung der Geheimnisse der Vegetation.

Am wenigsten befriedigend hat sie ohnstrei - tig Rumford beantwortet. Dieser behauptete, die unter Wasser gehaltenen Blätter befänden sich in einem unnatürlichen Zustande, und man erhalte auch von andern Körpern, z. B. von fein gespon - nenem Glase, roher Seide, gemeiner Baumwolle und der Wolle des Pappelbaums im Sonnenlicht und unter Wasser Sauerstoffgasd)Philosoph. Transact. Y. 1782.. Allein die erste dieser Behauptungen wird durch Spallanza - ni’s und Saussure’s Versuche widerlegt, nach welchen grüne Pflanzentheile auch in der Luft dem Sonnenlichte ausgesetzt Sauerstoffgas ausath - men. Die Versuche, worauf sich die zweyte Be - hauptung gründet, lehren, daſs 40 Gran roher Seide nach 3 Tagen nicht mehr als Cubikzoll Luft lieferten, und daſs zuweilen 4 Tage vergin - gen, ehe sich so viel sammelte, als zu einer eu - diometrischen Prüfung der Luft nöthig war. Kann nicht diese unbedeutende Quantität Gas durch eine geringe, vielleicht kaum sichtbare Menge grüner Materie, die sich während des Ver - suchs im Wasser erzeugte, gebildet seyn? AberWood -76Woodhouse’s Beobachtungen zeigen auch, daſs jene von leblosen Körpern im Wasser hervorge - brachte Luft mit der von lebenden Blättern aus - geathmeten so wenig der Qualität, als der Quan - tität nach verglichen werden kann. Woodhouse setzte Asbestfäden, gesottene Pferdehaare, gemei - ne Baumwolle, Wolle der Asclepias Syriaca, die Blüthenrispen des Rhus Cotinus, die feinhaarigen Federn von Clematis crispa, die Aehren von Panicum glaucum und gepulverte Holzkohle in 40 Unzen Brunnenwasser einen Tag hindurch dem Sonnenlichte aus. Jeder von diesen Körpern lieferte 2 bis 4 Drachmen unreines Sauerstoffgas, indem Blätter von irgend einer Pflanze, in dem nehmlichen Wasser der Sonne ausgesetzt, binnen wenig Stunden 8 bis 19 Drachmen weit reinere Luft gabene)Nicholson Journ. of nat. Phil. Vol. 2. p. 150..

Jetzt läſst sich die obige Frage bestimmter so stellen: Rührt das Sauerstoffgas, das von den Pflanzenblättern beym Licht excernirt wird, und das kohlensaure Gas, das sie im Dunkeln aus - hauchen, von der eingesogenen atmosphärischen Luft, oder von dem aufgenommenen Wasser her? Denn nur aus diesen beyden Quellen können jene Gasarten entstehen.

Vorzüglich Woodhouse und Saussure sind es, welche diese Fragen durch Versuche zu be -antwor -77antworten gesucht haben. Beyder Meinung ist, daſs das kohlensaure Gas der Atmosphäre und des Wassers die Quelle