PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Denkwuͤrdigkeiten und vermiſchte Schriften
[II][III]
Denkwürdigkeiten und vermiſchte Schriften
Erſter Band.
Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1837.
[IV]

Druck von Hoff & Heuſer in Mannheim.

[V]

Inhalt des erſten Bandes.

Biographiſches.

  • Denkwuͤrdigkeiten Juſtus Erich Bollmanns1
  • Zum Andenken Friedrich Auguſt Wolf’s136
  • Graf Schlabrendorf, amtlos Staatsmann, heimathfremd Buͤrger, beguͤtert arm142
  • Kaiſer Alexander von Rußland198
  • Denkwuͤrdigkeiten des Philoſophen und Arztes Johann Ben¬ jamin Erhard204
  • Friedrich Wilhelm Meyern304
  • Ludwig Achim von Arnim313
  • Wilhelm Nolte, koͤniglicher wirklicher Oberkonſiſtorialrath319
  • Ludwig Robert327
  • Wilhelm Neumann345
  • Chriſtian Guͤnther, Graf zu Bernſtorff358
  • Angelus Sileſius397
  • Saint-Martin404
VI

Goethe.

  • Im Sinne der Wanderer 413
  • Beſuch bei Goethe426
  • Rameau432
  • Werther's fuͤnfzigjaͤhriges Jubilaͤum440
  • Goethe's natuͤrliche Tochter. Madame Guachet444
  • Fraͤulein von Klettenberg456
  • Briefwechſel zwiſchen Goethe und Schultz463
  • Geſpraͤche mit Goethe in den letzten Jahren ſeines Lebens. Von Johann Peter Eckermann472
  • L'amour est un vrai recommenceur 499
  • Frauen in Mannskleidern503

Biographiſches.

[1]

Denkwuͤrdigkeiten Juſtus Erich Bollmanns.

I.

Wir nennen hier einen Namen, der dem groͤßten Theil unſrer Leſer, und beſonders den juͤngern, unbekannt klingen wird. Doch iſt er einſt laut genug erſchollen, und hat ſeinen Tag erlebt, der ihn fuͤr Europa und Amerika zum Gegenſtande der aufgeregteſten Theilnahme machte. In den Schriften der Frau von Staël, in den Denkwuͤrdigkeiten des Generals Lafayette, iſt er ehrenvoll aufgezeichnet. Aber auch nach der augenblick¬ lichen Beruͤhmtheit, welche die unternommene Befreiung Lafayette's aus dem Staatsgefaͤngniſſe zu Olmuͤtz ihm gab, hatte Bollmann fernerhin merkwuͤrdige Schickſale, wirkte mit großartiger Thaͤtigkeit in bedeutenden Ver¬ haͤltniſſen, und ſein ſpaͤteres, wenn gleich ſtilleres und minder beſprochenes Leben geſtaltete ſich nicht weniger betrachtungswerth, als das fruͤhere jugendliche. Durch den Reiz ſeiner Sinnesart und ſeines Geſchickes, durch die Richtung ſeiner Kenntniſſe und den Umfang ſeiner12Verbindungen, ſtellt er eines der ausgezeichnetſten Le¬ bensbilder dar, welche ſein Zeitalter aus deutſcher Hei¬ math in auswaͤrtigen Stroͤmungen zur Erſcheinung kommen ließ.

Das die Welt bewegende Ereigniß am Schluſſe des achtzehnten Jahrhunderts war die franzoͤſiſche Revolution. Alle Staaten und Voͤlker empfanden dieſe Bewegung, an welcher uͤberall die regſameren Geiſter Theil nahmen, als waͤre ſie eine auch ihnen heimiſche Angelegenheit. Deutſche Kraͤfte ſind zahlreich eingeſtroͤmt in jene nach¬ barlichen Bahnen, und durch wirkſames Handeln wie durch geiſtiges Ausbilden, ſowohl foͤrderlich als gegneriſch, haben wir von Anfang einen bedeutenden Beitrag zu den Kaͤmpfen und Entwickelungen geliefert, welche ſpaͤter allerdings im vollſten Sinne auch die unſrigen werden mußten. Allein die Verflechtung deutſcher Geſinnungen und Schickſale in den Lauf der franzoͤſiſchen Revolution behielt faſt immer eine beſondere Eigenthuͤmlichkeit, in welcher die Merkmale des Urſprungs unverkennbar blie¬ ben, und hieraus entſteht fuͤr jene Bezuͤge ein eigner Reiz, der uns wohl auffordern duͤrfte, ſie naͤher zu be¬ trachten und zu behandeln. Wir haben ihnen aber bisher nur wenige Aufmerkſamkeit gewidmet. Die Geſchicht¬ ſchreibung des Tages ſucht ſich der großen Begeben¬ heiten und Wandlungen, ſo gut ſie kann, zu bemaͤchti¬ gen, die perſoͤnlichen vernachlaͤſſigt ſie, oder weiß ſie nicht aufzufinden. Doch liegt in dieſen letztern nicht3 ſelten ein naͤherer Aufſchluß fuͤr jene, und immer eine Fuͤlle von Farben und Lichtern, ohne welche die allge¬ meinen Schilderungen kalt und leblos bleiben. Eine genauere Ueberſicht der Verhaͤltniſſe, die ſich aus der Wechſelwirkung deutſcher Einfluͤſſe in Frankreich und franzoͤſiſcher in Deutſchland ergeben haben, wuͤrde die fruchtbarſten Betrachtungen hervorrufen. Allein faſt alles fehlt uns dazu. Ueber Georg Forſter, Schlabrendorf und Oelsner ſind einige ſchaͤtzbare Nachrichten mitge¬ theilt worden, die jedoch nur den Wunſch nach voll¬ ſtaͤndigern wecken. Von andern bedeutenden Namen wiſſen wir faſt nichts, als was die franzoͤſiſchen Erzaͤh¬ lungen daruͤber im Vorbeigehen abwerfen. Eine lebendige Darſtellung der deutſchen Revolutionsverſuche in Mainz und Koblenz mangelt noch ganz, und doch koͤnnte das treue Bild dieſer Vorgaͤnge wirkſamer, als manches andre Mittel, fuͤr die Gegenwart zur Lehre dienen.

Die franzoͤſiſche Revolution, in ihrem zerſtoͤrenden Fortgange, verbrauchte und zerbrach ſehr ſchnell ihre eignen Werkzeuge, nur die geſchmeidigſten und wandel¬ barſten durchdauerten den Wechſel der ſtuͤrmiſchen Ent¬ wickelungen. In demſelben Maße, wie ſich in Frank¬ reich die Meinungen und Anſichten veraͤnderten, geſchah dies auch in Deutſchland. Jede ſpaͤtere Geſtalt der Re¬ volution buͤßte einen Theil der Anhaͤnger ein, welche die fruͤhere gewonnen hatte. Gentz und Stolberg ſagten ſich ſchon bei den fruͤheſten Wendungen los, Klopſtock1*4und Buͤrger wurden erſt durch die Graͤuel der Jako¬ binergewalt zuruͤckgeſchreckt, Fichte'n machte Napoleons unterdruͤckende Eroberung zum Gegner; wir nennen die Schriftſteller, weil durch ihre bekannte Namen und Bei¬ ſpiele am leichteſten ganze Klaſſen bezeichnet werden. So ließ die in raſchen Verwandlungen ſtets wachſende Bewegung keinen Augenblick nach, ihre deutſchen An¬ haͤnger abzuſtoßen und zu verlieren, bis endlich ſelbſt die hartnaͤckigſten bekehrt oder erſchoͤpft waren. Nicht gerade die beſſere Geſinnung und reifere Einſicht beding¬ ten jedesmal das fruͤhere Loslaſſen; die perſoͤnlichen Ein¬ fluͤſſe, Lagen, Ausſichten und Erfahrungen wirkten auf die mannigfachſten Gemuͤthsarten, wie auf die uͤber¬ kommenen und gewaͤhlten Denkweiſen, ſehr verſchieden ein. Die wunderbarſten Wahlverwandtſchaften wurden wach, die groͤßten Widerſpruͤche hielten ſich eng ver¬ knuͤpft, und der innerſte Antrieb verbarg ſich unter den raͤthſelhafteſten Erſcheinungen. Merkwuͤrdig iſt es, in dieſem vielverſchlungenen Gemiſch und Wechſel die Haupt¬ zuͤge des deutſchen Karakters im Weſentlichen faſt immer verfolgen und faſt als unzerſtoͤrbar nachweiſen zu koͤnnen, woraus auch den truͤbſten Verirrungen noch ein leuch¬ tender Funken bleibt, dem die reinſte Theilnahme ſich widmen kann.

Dieſe Theilnahme wird unſtreitig auch dem Manne nicht fehlen, mit welchem die nachfolgenden Denkblaͤtter ſich beſchaͤftigen. Wir haben die eignen Briefſchaften5 deſſelben, fuͤr deren Darbietung wir manchen Dank er¬ warten, aus muͤndlicher Mittheilung und eigner Kennt¬ niß zu vervollſtaͤndigen geſucht, ohne deßhalb den An¬ ſpruch zu machen, das hier unvermeidliche aber auch genuͤgende Fragmentariſche zur eigentlichen Lebensbe¬ ſchreibung zu erheben.

II.

Juſtus Erich Bollmann wurde geboren im Jahre 1769 zu Hoya im Hannoͤver'ſchen, wo ſeine Eltern in geachteten und wohlhabenden Verhaͤltniſſen lebten. Er zeichnete ſich fruͤh durch Faſſungskraft und Lebhaftigkeit aus; mit friſchem Geiſtesmuthe verband er koͤrperliche Geſundheit und Ruͤſtigkeit, er galt fuͤr einen kraͤftig¬ ſchoͤnen Knaben, und man zweifelte nicht, daß er in der Welt ſein Gluͤck machen wuͤrde. Zu den Studien beſtimmt, ließ er es an ſtrengem Fleiß nicht fehlen, und bemaͤchtigte ſich leicht und gruͤndlich der Kenntniſſe, die ihm dargeboten wurden. Seine Einbildungskraft aber war nicht hervorbringend; in den Werken der Dich¬ ter ſuchte er weniger ihre Geſtalten, als einen allge¬ meinen Reiz und Schwung fuͤr unbeſtimmtes Große und Schoͤne. Mit dieſer Richtung jedoch verband er thatfertige Einſicht und feſte Beſonnenheit, ſobald es Verhaͤltniſſe der Wirklichkeit zu behandeln gab. Aus dieſen Eigenſchaften, deren Verknuͤpfung faſt immer zu6 bedeutenden Ergebniſſen fuͤhrt, beſtimmten ſich fruͤh ſein Karakter und ſeine Schickſale. Die Umſtaͤnde trugen dazu bei, ſeine Eigenheiten noch ſchaͤrfer auszubilden. Die Familie war zahlreich, und es galt als erwuͤnſchte Erleichterung des Hauſes, daß angeſehene und freund¬ liche Verwandte im ſuͤdlichen Deutſchland ſich erboten, einen der Soͤhne zu fernerer Fuͤrſorge und Ausbildung bei ſich aufzunehmen. Juſtus Erich wurde hiezu erſehen, und kam in das Haus ſeines Vetters, des badiſchen Staatsraths Brauer, nach Karlsruhe. Er fand hier anmuthige, dem norddeutſchen Juͤnglinge beſonders zu¬ ſagende Lebensverhaͤltniſſe, in welchen neben ſtrenger Ehrbarkeit und Ordnung eine freimuͤthige Sinnesart gedeihen konnte. Beſonders wichtig wurde ihm auch das Haus des beruͤhmten Lehrers der Staatswirthſchaft und Gewerbkunde, des Hofraths Boͤckmann, der ihm gleichfalls verwandt war, und durch deſſen Unterricht und Verkehr in ihm fruͤhzeitig die Neigung zu dieſen wichtigen Faͤchern geweckt wurde. Die Kenntniſſe und Fertigkeiten, deren er ſich in dieſer Richtung hier ohne Muͤhe bemaͤchtigen konnte, und fuͤr welche das nahe Murgthal mit ſeiner vielartigen Betriebſamkeit den Reiz noch erhoͤhen mußte, fingen ſchon damals an, mit ſeinen aͤrztlichen Studien, fuͤr welche er ſich entſchieden hatte, zu wetteifern. Er legte aber auch in dieſen letztern ſchon hier einen vortrefflichen Grund, und bezog darauf, wohlvorbereitet, die Univerſitaͤt Goͤttingen.

7

Unter den jungen Maͤnnern, mit welchen er hier Freundſchaft knuͤpfte, waren manche, deren Namen nach¬ her beruͤhmt geworden. Eine hoͤhere Gedankenrichtung im Betrachten der Natur und des Lebens, und ein kuͤhnerer Drang, die Welt im Großen anzuſchauen, vereinigte ihn mit dem Arzte und Naturforſcher Link, der bald nachher als oͤffentlicher Lehrer nach Roſtock berufen wurde. Vorzuͤglich aber ſchloſſen ſich an Boll¬ mann mehrere junge Englaͤnder innigſt an; ſie ſchienen in ſeinem Weſen alle Vorzuͤge des engliſchen Karakters wiederzufinden, ohne den Stolz und die Schroffheit deſſelben. In der That hatte er fruͤhzeitig eine ſtarke Hinneigung zu der engliſchen Sinnes - und Handlungs¬ weiſe, und befeſtigte ſich leicht in den Anſichten, welche ihm daher uͤberkamen. Fuͤr engliſche Sprache und Litera¬ tur war ſeine Vorliebe ſchon hier entſchieden.

Nachdem er in Goͤttingen die Wuͤrde eines Doktors der Arzneiwiſſenſchaft empfangen, begab er ſich im Herbſt 1791 nach Mainz, wo er den Unterricht des beruͤhmten Arztes Hofmann und des großen Anatomen Soͤmmering benutzte. Er kam hier auch mit dem Weltumſegler Georg Forſter, der als Bibliothekar und Profeſſor in Mainz angeſtellt war, und mit dem liebenswuͤrdigen Schriftſteller Huber, der daſelbſt als ſaͤchſiſcher Diplo¬ mat lebte, in vertraute Bekanntſchaft, und nahm an dem Gegenſtande, der dieſe beiden Maͤnner begeiſterte und bald ausſchließlich beſchaͤftigte, den regſten Antheil. 8Die franzoͤſiſche Revolution ſchien eine Verkuͤndigung an das ganze Menſchengeſchlecht, und ihre Bewegungen ſchritten wie im Innern ſo auch nach außen unauf¬ haltſam vorwaͤrts. Bollmann hegte zwar gemaͤßigtere Denkart als ſeine neuen Freunde, und verwarf man¬ ches, was ſie billigten, allein im Allgemeinen ſtimmte er den Wuͤnſchen und Beſtrebungen der Freiheitsfreunde eifrigſt bei, und die Gluth ſeiner edlen Geſinnungen ſetzte bereitwillig eben ſolche uͤberall voraus, wo nur eine Staͤtte dafuͤr moͤglich ſchien.

Er begab ſich von Mainz wieder nach Karlsruhe, wo er im Kreiſe ſeiner Verwandten und Freunde einige Zeit angenehm verlebte. Doch gab er ſich, bei dem Mangel eingreifender Vorgaͤnge und anziehender Be¬ ſchaͤftigung, allzuſehr den Zerſtreuungen jugendlichen Umgangs hin. Er gefiel auch beſonders den Frauen, und ſeine aufgereizte Eitelkeit konnte ihn leicht auf Ab¬ wege fuͤhren. Allein der romantiſche Schwung, welchen ſeine Lebensvorſaͤtze genommen hatten, und die ſittlichen Anſpruͤche, die er an ſich ſelbſt machte, bewahrten ihn vor groͤßeren Verirrungen. Eine verheirathete Frau verliebte ſich in ihn, und wußte durch ihre Leidenſchaft ihn ſo weit zu gewinnen, daß er ſich von dem ſchmei¬ chelhaften Wohlgefallen einige Zeit befangen ließ; als aber dieſer Austauſch von Empfindung und Vertrauen fuͤr die beſtehenden Verhaͤltniſſe wirklich ſtoͤrend zu wer¬ den drohte, erwachte in Bollmann der Stolz ſeiner9 Grundſaͤtze, und er wandte die Macht, welche er aus¬ uͤbte, mit Erfolg dazu an, die Frau zu ihrem Gatten zuruͤckzuleiten. Er glaubte, wie er ſelbſt nachher ſagte, recht weiſe zu thun, als er nach vielen ſchoͤnen Reden es dahin brachte, ſie ihrem Manne in Thraͤnen ſchwim¬ mend in die Arme zu werfen. Auf ſolche Weiſe mit Selbſtverlaͤugnung Handlungen des Edelſinns und der Großmuth auszuuͤben, war tief in ſeinem Karakter be¬ gruͤndet, in welchem lebhafte Reizbarkeit und ernſte Ueberlegung ſich gegenſeitig nicht unterdruͤckten. Seine ſpaͤteren Handlungen, Unfaͤlle und Erfolge, laſſen ſich alle aus dieſer Miſchung ableiten.

Inzwiſchen war ihm durch dieſe und andre Mi߬ verhaͤltniſſe, welche in dem kleinen Kreiſe gar leicht ent¬ ſtanden und gewichtig wurden, der Aufenthalt in Karls¬ ruhe verleidet. Zudem war es Zeit, daß er ſeiner Be¬ ſtimmung folgte und in der großen Welt ſich eine Lauf¬ bahn waͤhlte. Der naͤchſte Blick mußte natuͤrlich auf Frankreich und deſſen Hauptſtadt gerichtet ſein, wo von jeher fuͤr deutſche Aerzte ein guͤnſtiger Boden war, und obgleich Bollmann durch den Gang, welchen die fran¬ zoͤſiſche Revolution in der damaligen Zeit genommen, laͤngſt nicht mehr angezogen war, vielmehr gegen die dort herrſchende Tagesgewalt eine entſchiedene Abnei¬ gung fuͤhlte, ſo war doch das Verlangen, ſich in dieſer großen Welt umzuſehen und die Gelegenheit des Wir¬ kens und des Gluͤcks aufzuſuchen, fuͤr ihn um ſo be¬10 ſtimmender, als auch die Seinigen ihm dieſen Weg anriethen, und ein in Frankreich lebender Oheim den¬ ſelben ſehr zu erleichtern verſprach.

An Empfehlungen und vorausgeknuͤpften Bezuͤgen mangelte es nicht, und ſo reiſte Bollmann im Anfange des Jahres 1792 von Karlsruhe hoffnungsvoll nach Straßburg, und bald darauf nach Paris. Seine fer¬ neren Verhaͤltniſſe und Wendungen gehen aus nachſte¬ henden, an ſeine verehrungswuͤrdige Freundin und Baſe, die Staatsraͤthin Brauer, in die Heimath nach Karls¬ ruhe geſchriebenen Briefen hervor, welche wir in der Zuverſicht, daß ihr Inhalt und Ausdruck gleicherweiſe zu lebhaftem Antheil auffordern, unveraͤndert hier fol¬ gen laſſen.

1.

Liebe Frau Baſe! Ich habe Ihnen ſogleich nach meiner An¬ kunft hier geſchrieben, aber bis jetzt auf dieſen Brief noch keine Antwort erhalten, vermuthlich auch nicht zu erhalten verdient; denn ich errinnere mich, daß ich ſehr munter war, indem ich ihn ſchrieb, ſollt 'ich es zu ſehr geweſen ſein, ſo bitte de߬ wegen um Verzeihung!

Sie werden ſich wundern, daruͤber ſowohl, daß ich noch hier bin, als daß ich Ihnen noch nicht geſandt habe, was Sie ſchon laͤngſt erwarten konnten. Beides iſt mir ſelbſt ſehr unangenehm, doch bin ich's unvermoͤgend zu aͤndern. Auf drei Briefe nach Paris erhielt ich immer keine Antwort, und erſt geſtern erfahre11 ich vom Freunde meines Onkels, an den die Briefe adreſſirt ſind, er ſei bis jetzt noch nicht in Paris angekommen. Meine Briefe liegen alſo noch bei dieſem Freunde; daß mein Onkel ſie aber nicht ſchriftlich abgefordert, iſt wenigſtens ein Beweis, daß er nach Paris kommen wird. Irgend etwas muß ihn auf¬ gehalten haben; Sie wiſſen indeß, wie ich von Ihnen wegging, koͤnnen ſich alſo das Unangenehme meiner gegenwaͤrtigen Lage denken, und werden mich entſchuldigen.

Die Unannehmlichkeiten abgerechnet, worein man ſich fuͤgen muß, befind ich mich wohl. Das genauere Studium der fran¬ zoͤſiſchen Geſchichte, vorzuͤglich in den letzten Jahrhunderten, und die Verfolgung des Spiels menſchlicher Leidenſchaften, im Gewirre der Gegenwart, machen meine Zeit intereſſant und nuͤtzlich; und der Umgang in der Familie des Herrn von Tuͤrckheim, worin einige ausgezeichnet gute Menſchen ſich befinden, und verſchiedene junge Frauenzimmer, von denen es ſchwer faͤllt zu entſcheiden, ob ſie mehr ſchoͤn oder witzig ſind gewaͤhrt mir mehr ver¬ gnuͤgte Stunden, als ein genuͤgſamer Mann zur gluͤcklichen Exi¬ ſtenz von Rechts wegen noͤthig hat. Noch vollhaltiger an Intereſſe und Lebhaftigkeit wuͤrden dieſe Geſellſchaften ſein, haͤtten nicht die politiſchen Unruhen ihnen verſchiedene der beſten Mitglieder entwandt. Ueberall iſt Uneinigkeit und Spaltung, uͤberall begeg¬ net man den traurigen Folgen davon die Demokraten ſagen, das ſind unvermeidliche Uebel aber die guten Fruͤchte der gegen¬ waͤrtigen Verfaſſung ſucht man vergeblich. Die Demokraten ſelbſt ſind uneins. Die Mitglieder des deutſchen Klubs geriethen vor ſechs Tagen ſo heftig aneinander, daß die Wache kommen mußte, ſie zu beruhigen. Seitdem ſind uͤber die Haͤlfte der Mitglieder Halb-Ariſtokraten in eine neue Geſellſchaft zuſammenge¬ treten. Viele ſind gegen den Maire aufgebracht, ſtuͤndlich erſchei¬ nen Broſchuͤren fuͤr und wider. Die Haͤlfte der Buͤrger glaubt12 uͤberzeugt zu ſein, daß die Konſtitution der Kabale Thuͤr und Thor oͤffne. Menſchen, die nichts zu verlieren haben, Fremde zum Theil, wovon niemand weiß, woher ſie kommen, draͤngen ſich vor. Die beſten Koͤpfe fuͤhlen ſich beleidigt und treten zuruͤck. Von achttauſend Aktivbuͤrgern in Straßburg gingen nur vierhun¬ dert zu den Wahlen. Von ſechzigtauſend in Paris nur zehntau¬ ſend. Und ſo iſt es verhaͤltnißmaͤßig durch ganz Frankreich. Ein Gemeiner unter der Nationalgarde bekoͤmmt taͤglich fuͤnfzehn Sous. Ein Gemeiner von den Linientruppen taͤglich acht Sous. Die undiſciplinirten Nationalgarden haben den Rang in allem vor den alten, bewaͤhrten Truppen. Daher die aͤußerſte gegen¬ ſeitige Erbitterung. Daher ſind die Linientruppen faſt alle gegen die Konſtitution. Nicht minder ſtark iſt die Religionserbitte¬ rung. Die Kirchen der geſchwornen Prieſter ſind leer; und die ungeſchwornen laſſen heimlich nichts unverſucht, ihren Anhang zu vergroͤßern. Zu allem dem koͤmmt noch der Mangel an Geld und der entſetzliche Verluſt der Aſſignaten; ſie verlieren vierzig Prozent. Alle ſchlechte Menſchen nehmen dieſen Zeitpunkt wahr, um ihre Schulden abzutragen, die zum Theil in baarem Gelde gemacht wurden. Kurz, die Ungerechtigkeiten ſind ohne Zahl, die Kabalen ohne Maß, die Zerruͤttungen ohne Graͤnzen. Noth und Erbitterung iſt allgemein, und nur eine gewaltſame, blutige Kriſe in deren Wuͤnſchung allein ſich alle, alle Koͤpfe, aus Hoffnung und Verzweiflung, vereinigen wird den Jammer zu gleicher Zeit auf’s aͤußerſte treiben und endigen koͤnnen. Doch glaub ich, daß Jahrhunderte erfordert werden, die Spuren der traurigen Tage ganz zu verwiſchen! Ich ſchriebe gern noch weiter, aber die Poſt geht fort, und ich moͤchte gern den Brief noch heute fortſenden. Leben Sie alſo wohl. Empfehlen Sie mich dem Herrn Vetter, den lieben Kleinen, dem Gries¬ bach’ſchen Hauſe und bleiben Sie ein bischen gut Ihrem Sie13 herzlich liebenden Vetter Juſtus Erich Bollmann. (Chez M. Jean de Tuͤrckheim.)

2.

Gleich nach Abgang meines letzten Briefs an Sie, liebe Frau Baſe! erhielt ich Nachricht von meinem Onkel, ſparſames Reiſe¬ geld, und ſtrengen Befehl, ſogleich nach Paris zu ihm zu kom¬ men. An Ort und Stelle war ich gezwungen, in demſelben Gaſthofe und auf demſelben Zimmer mit ihm zu wohnen. Sie wiſſen, er iſt ein ſehr braver Mann; aber er iſt ein vierzigjaͤh¬ riger Hageſtolz, ein Kaufmann und ein Englaͤnder, folglich iſt er rauh und unbekannt mit vielen Freuden des Lebens, geld¬ liebend und ein Freund von Eſſen und Trinken. Drei Wochen lang kam ich nicht von ſeiner Seite, und was macht 'ich in die¬ ſer Zeit? Er war uͤber und uͤber voll von Plaͤnen, deren Ausfuͤhrung mich zum reichen Mann machen ſollten. Schon Morgens im Bette fing er mir ſie vorzutragen an, und ſelten hatt' ich bis zu zwoͤlf Uhr Zeit genug, um ſie gruͤndlich zu wider¬ legen. Petersburg, meint 'er, London, Philadelphia ꝛc. waͤren ſehr gute Plaͤtze fuͤr mich, und ich zweifle nicht, daß ſeine red¬ lichen Wuͤnſche fuͤr mein Wohl mich unverzuͤglich nach Sibirien verpflanzen wuͤrden, wenn man ihn uͤberzeugen koͤnnte, es ſei da viel zu verdienen. Um zwoͤlf Uhr wurde gefruͤhſtuͤckt, dann ſpaziren gegangen, dann gegeſſen, oder geſchmauſt vielmehr, bis um fuͤnf Uhr, dann das Schauſpiel beſucht, dann zu Nacht geſpeiſt, dann Punſch getrunken. Den folgenden Tag dieſelbe Wiederholung, und ſo ging's fort, ohne daß ich ſonderlich etwas gewonnen haͤtte, es ſei denn einen kleinen Zuwachs in der Fer¬ tigkeit, ſich in die graͤmlichen und zuweilen ein bischen despoti¬ ſchen Launen eines Mannes zu fuͤgen, dem man Dankbarkeit14 und Liebe ſchuldig iſt, und der im Ganzen ſie verdient. Da mir's indeſſen nicht ſo leicht wurde, wie's billigerweiſe mir haͤtte werden ſollen, ſo war ich recht ſehr aus meiner Behaglichkeit herausgeworfen, gab alſo auch meinen Freunden in Straßburg keine Nachricht von mir denn Unthaͤtigkeit iſt von Unzufriedenheit eine natuͤrliche Folge und ſo kam's denn, daß ich Ihren Brief vom 14. Februar erſt heute erhielt. Die Wahrheit zu ſagen, ich hab' ihn nicht erwartet. Der Mangel an Antwort auf mein erſtes an Sie Erlaſſenes (um kaufmaͤnniſch zu reden), die Ueber¬ zeugung, meine Zeit in Karlsruhe nicht ganz ſo regelmaͤßig zu¬ gebracht zu haben, wie ich's geſollt haͤtte, und ein gewiſſer Hang zu melancholiſchen Ideen, der aus alten Zeiten Ihnen noch bekannt ſein wird, ließen das Schlimmſte mich fuͤrchten. Aeußerſt gefreut hat mich daher Ihr lieber, Ihr guter, Ihr herzlicher Brief, weil er mich aͤußerſt uͤberraſchte. Er hat mich mehr entzuͤckt, wie das erſte geſehene große pantomimiſche Ballet in der hieſigen großen Opera welches ſehr ſtark geſagt iſt, und dennoch nicht weniger wahr.

Mein Aufenthalt in Paris wird fuͤnf bis ſechs Monate dauern, weil ich gern dieſe Stadt ganz kennen lernen und der Sprache ganz maͤchtig werden moͤchte. Ich werde einige Vorleſungen uͤber Chemie und Phyſik hoͤren, in der Entbindungskunſt unter Bau¬ deloque's Anleitung mich praktiſch vervollkommnen, und die Hoſpi¬ taͤler beſuchen, um zu ſehen, wie man nicht praktiſiren muß. Um mir indeß Erfahrung in einem Zweige meiner Kunſt zu ver¬ ſchaffen, den ich vorzuͤglich liebe, um mich unabhaͤngiger von meinem Onkel zu machen, um deſſen eigene Wuͤnſche zu erfuͤllen, und um Geld zu verdienen, werd 'ich mich in den oͤffentlichen Blaͤttern als Okuliſten ankuͤndigen und dem geneigten Publiko meine Dienſte gegen baare Bezahlung entbieten. Der gluͤckliche oder ungluͤckliche Erfolg dieſes Projekts haͤngt von vielen Um¬15 ſtaͤnden ab, und laͤßt ſich ſchwerlich vorausſehen. Die Wahr¬ ſcheinlichkeit indeſſen fuͤr's erſte iſt ein bischen groͤßer. Ich habe juſt Hoffnung genug, um thaͤtig zu ſein, und doch keine ſo ge¬ ſpannte Erwartung, um mich zu aͤrgern, wenn's nicht ginge. Geld verdienen alſo! mit den feiſten Hamburgern zu reden, bin ich noch nichts werth, aber es geht darauf zu, um etwas werth zu werden. Die neuen Staarmeſſer liegen vor mir; ſie ſollen das Hebezeug werden, um die Boͤrſen meiner Nebenmen¬ ſchen zu lichten, und meine Hand ſoll dieß Hebezeug dirigiren! Es faͤllt mir ein bischen ſchwer, mich aus dieſem Geſichts¬ punkte zu betrachten. Es iſt traurig, daß alles, alles In¬ tereſſe beinahe zuletzt bis auf's Geldgewinnen zuſammenſchrumpft. Wer das Herz zu weit hat und den Kopf zu helle, um ſich bis auf dieſen Punkt beſchraͤnken zu koͤnnen, der bringt nie was recht Betraͤchtliches vor ſich! O! ich darf nicht ſagen, wo mich uͤberall der Schuh druͤckt! Wie gut, daß die meiſten Leute die engen Graͤnzen unſrer Kunſt nicht wiſſen! Der Glau¬ ben der Leute an die Kunſt des Arztes muß das Brod geben, der Menſch in ihm muß nutzen. Man muß ſich des Glaubens an die Kunſt bedienen, um dem Menſchen einen Wirkungskreis zu verſchaffen. Man muß ſich die ſcheinbaren Dienſte bezahlen laſſen, um das Leben fuͤr die unbezahlbaren zu friſten! Das alles iſt nicht ganz ſtrenge wahr, aber es iſt doch wahr im Gan¬ zen, und es iſt zugleich der Troſt des redlichen Mannes!

Sie erwarten wohl, liebe Frau Baſe! viel Wichtiges uͤber Paris, dieſem großen Mittelpunkte der Wiſſenſchaften, des Ge¬ ſchmacks, des Luxus und der Verhandlung der Rechte der Menſch¬ heit! aber die Wahrheit zu ſagen, ſo kenn 'ich's noch zu we¬ nig, um viel Vernuͤnftiges davon zu ſagen. Der erſte Anblick dieſer ungeheuren Stadt muß jedem eckelhaft ſein! Die Straßen ſind zwar gerade, aber entſetzlich enge, und die Haͤuſer entſetzlich16 hoch. Man glaubt ſich in einer Felſenſpalte fortzubewegen. Wer nicht im fuͤnften Stock wohnt, der kann den Himmel nicht ſehen, es ſei denn, daß er ruͤckwaͤrts den Kopf zum Fenſter hinausſtreckt und ſenkrecht uͤber ſich ſchaut. Dieß verſchafft indeſſen nicht wenigen Leuten den Vortheil, daß ſie bei hellem Tage, wie aus einem tiefen Brunnen, die Sterne ſehen koͤnnen. Dieſe engen Straßen haben nur Eine Gaſſe; das Pflaſter laͤuft abwaͤrts von den Haͤuſern zur Mitte; ſie ſind mit einem ſehr dicken Kothe bedeckt; Karren, Pferde, Kutſchen, Menſchen und Eſel arbeiten denſelben gemeinſchaftlich durcheinander, denn Fußbaͤnke ſucht man zur Seite vergebens. Ich habe mich ſehr lange bemuͤht, die vortheilhaften Seiten dieſer Unannehmlichkeiten auszufinden, um mich beſſer damit vertragen zu koͤnnen, und ich bin endlich ſo gluͤcklich geweſen, zu entdecken, daß die erſten Gruͤnde des franzoͤſiſchen Nationalkarakters in dieſen engen Straßen, in die¬ ſem Mangel an Fußbaͤnken, und in dieſem Kothe zu finden ſind. Jedermann weiß, Gewandtheit des Koͤrpers und Schlauheit der Seele ſind die Hauptzuͤge deſſelben; iſt es aber zu verwundern, daß man gewandt wird, wenn man beſtaͤndig auf den Fußſpitzen huͤpfen, wenn man unter allen nur denkbaren Stellungen und Windungen ſich um Savoyarden, Peruͤckenmacher, Mehlkraͤmer und Laternenweiber jeden Augenblick wegſchieben muß, damit man das Ausſehen eines reinlichen und rechtlichen Mannes nicht ver¬ liere! iſt es zu verwundern, wenn man zu gleicher Zeit im¬ mer vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts ſehen muß, um nicht geraͤdert zu werden? Lachen Sie nicht, liebe Frau Baſe! der Karakter des Volks bildet ſich nach dem Karakter der Hauptſtadt; dieß kann man in Deutſchland ſehen, wo weder eins noch das andre Statt hat; kleine Urſachen, aber die unablaͤſſig wirken, erzeugen große Effekte; ſelbſt zufaͤllig erworbene Eigenſchaften werden zu¬ letzt erblich hinter dieſen drei Bollwerken bin ich fuͤr jeden17 Einwurf ſicher! Es ſtehe indeß mit der Wahrheit dieſer Be¬ merkungen, wie's wolle, genug, auf die Originalitaͤt derſelben bin ich ſtolz, und eben deßwegen bin ich durch Vermittlung der bekannten Selbſtliebe jetzt ausgeſoͤhnt mit den ſchmutzigen Stra¬ ßen. Sollten ſich uͤbrigens in Ihrer Bekanntſchaft Melancho¬ liſche und Truͤbſinnige befinden, ſo geben Sie ihnen den Rath, ſich auf eine Zeit lang nach Paris zu verfuͤgen, und zugleich den ſtrengen Befehl, in den engen Gaſſen taͤglich einige Stunden ſpaziren zu gehen. Entweder der nothwendige ſchnelle Uebergang von einer Idee zur andern kurirt ſie, oder auch, man faͤhrt ſie todt, und ſie entweichen alsdann aus einmal der Suͤnde des Selbſt¬ mords und einem laͤſtigen Leben. Dies Mittel iſt auf jeden Fall zweckmaͤßig, und weil ich's in keinem Schriftſteller noch angefuͤhrt finde, ſo werde ich daſſelbe der gelehrten Welt in einem kleinen Traktate bekannt machen. Dies Werkchen wird fruͤher erſcheinen, als das bewußte, und da Sie natuͤrlicherweiſe auf die verſprochene Dedikation aͤußerſt begierig ſind, ſo bin ich geſonnen, ſie dieſem Vorſchlag eines neuen Mittels gegen die Melancholie vordrucken zu laſſen. Ich hoffe Ihren Beifall hierdurch um ſo mehr zu ver¬ dienen, da der menſchenliebende Inhalt dieſes Werkes mit Ihrem menſchenfreundlichen Herzen ſich weit beſſer vertraͤgt, als ſich die Gruͤbeleien eines andern vertragen wuͤrden mit dem einfachen und liebenswuͤrdigen Gang Ihres Verſtandes!

Vom Palais-Royal, den Tuillerien u. ſ. w. ſag 'ich Ihnen heute nichts. Eben ſo wenig von den Schauſpielen, aber ich werde mich bemuͤhen, dies nachzuholen, wenn meine Sachkennt¬ niß gruͤndlicher iſt, wie jetzt.

Die Nationalverſammlung und ihre einzelnen Mitglieder ſind bald der Gegenſtand der Anbetung, bald des Geſpoͤtts, bald der Verachtung. Im Ganzen iſt es ein wuͤthendes Chor. Ein gro¬ ßer Haufe leidenſchaftlicher, uͤbelunterrichteter, eigennuͤtziger, ehr¬218geiziger Menſchen, unter denen einige Brave in Unthaͤtigkeit be¬ graben ſind. Die Klubs tyranniſiren das Volk. Ihre Mit¬ glieder ſind der neue Adel. Man faͤngt an, vorzuͤglich die Jakobiner zu haſſen. Ariſtokraten gibt's in Menge, Demokraten noch mehr, und dennoch ſind nur hier und da zwei und zwei Koͤpfe einig. Es gibt ſo viel Arten von Demokraten, als es Modefarben gibt. Der kluͤgſte Theil iſt der beſcheidenſte, und ſeufzt im Stillen. Viele Demokraten ſind dies aus Eigenſinn und Verzweiflung. Viele ſind wirklich hingeriſſen von der ideali¬ ſchen Schoͤnheit der franzoͤſiſchen Conſtitution. Sie ſehen nicht ein, daß ſie nur ein Ideal iſt, wie die Republik des Plato. Sie meinen, es muͤſſe und muͤſſe gehen koͤnnen; da doch ein Werk wie die Conſtitution, bei einem Volke, wie das franzoͤſiſche, ſo viele Reibung gibt, daß ſie ewig nicht gehen kann. Der einzelnen Unordnungen, die aus dem Zuſtande des Gouver¬ nements fließen, ſind viel; aber die Franzoſen ſind von Natur ſanft und freundlich und geſittet, ſonſt wuͤrden ſie ohne Graͤn¬ zen ſein. Wer nicht unvernuͤnftig iſt, kann ſehr ungeſtoͤrt hier leben. Und fuͤr den Beobachter iſt der Aufenthalt ſehr intereſſant. Es wimmelt von auswaͤrtigen Kaufleuten, die we¬ gen der Wohlfeile der Waaren, in Ruͤckſicht auf den niedrigen Kurs des Papiergeldes, beim Einkauf der franzoͤſiſchen Produkte ihre Rechnung finden, und welche die Thaͤtigkeit der Manufaktu¬ ren und Fabriken des Landes faſt erſchoͤpfen. Der Tod des Kaiſers hat viele Koͤpfe auf einige Tage ſchwindlich vor Freude gemacht. Die Jakobiner betrauern ihn mit ſcharlachrothen Muͤtzen.

Ich danke nochmals, liebe Frau Baſe! fuͤr Ihren guͤtigen Brief, deſſen Zurechtweiſungen ich mir gewiß zu Nutzen machen werde, nur muß ich Sie bitten, ſowohl in dieſem als in allen meinen Briefen, der Eile, womit ſie geſchrieben werden, etwas19 zu gute zu halten. Meine Korreſpondenz wirb immer weit¬ laͤufiger, und uͤberdem gibt's in Paris der Zerſtreuungen und Beſchaͤftigungen ſo viele!

Empfehlen Sie mich dem Herrn Vetter und den uͤbrigen Verwandten und Freunden herzlich!

Mit meinem Onkel, der meine Angelegenheiten kennt und der noch hier iſt, kann ich nicht zur Abrechnung kommen bis jetzt, und muß ſehr ſaͤuberlich mit ihm umgehen. Er verreiſt indeß in einigen Tagen, und dann werd 'ich ſogleich das Bewußte nach dem Kurs der Zeit in Aſſignaten ſenden, die Herr Wil¬ liard auf Straßburg leicht verhandeln wird! Meine Sa¬ chen haͤtt' ich hier gern, doch will ich noch einige Zeit warten, bevor ich ſie nachkommen laſſe!

Einem neuen Brief von Ihnen, und vorzuͤglich Ihrem ſanf¬ ten und ſcherzhaften Tadel, der mich vorzuͤglich gefreut hat, und der mich beſſern ſoll, ſeh 'ich mit Vergnuͤgen und Begierde ent¬ gegen. Ich habe immer viel Freude darin gefunden, von Damen mich zurechtweiſen zu laſſen, und waͤre anders dieſe Vorſicht noͤthig, ſo wuͤrd' ich einige Fehler mit Fleiß erhalten, um dieſes Genuſſes nie zu entbehren.

3.

So eben, liebe Frau Baſe! war ich Augenzeuge einiger nicht unintereſſanter Auftritte! Nehmen Sie noch, als Zugabe, davon die kurze Beſchreibung. Man gab dieſen Abend, auf dem Théatre de la Nation, la mort de César , ein Trauer¬ ſpiel von Voltaire. Caͤſar, durch viele Siege groß und maͤch¬ tig geworden, droht die republikaniſche Verfaſſung des roͤmiſchen Reiches umzuſtoßen. Brutus, Caͤſar's Sohn, und Caſſius, deſ¬2 *20ſen Freund, zwei unbiegſame Stoiker voll rauher Tugend und uͤbermenſchlicher Staͤrke der Seele, beſchließen den Staat zu retten. Sie verſchwoͤren ſich gegen Caͤſar’s Leben, dieſer erfaͤhrt es, und fuͤrchtet ſich nicht. Er will die Herzen gewinnen und ſiegen. Er verachtet ein Leben, das er zu beſchuͤtzen haͤtte. Er ehrt die Groͤße im Karakter ſeines Sohn’s, und will ſie durch Gegengroͤße beugen. Brutus wußte noch nicht, daß er Caͤſars Sohn ſei; wie alle Gruͤnde, alle Bitten ſogar umſonſt ſind, dies ſtolze Herz zu erweichen, ſo entdeckt er’s ihm. Die Kaͤmpfe zwiſchen Natur und Grundſatz in der Seele des maͤchtigen Brutus veranlaſſen die ſchoͤnſten Scenen des Stuͤcks. Caſſius verhaͤr¬ tet wieder den ſchon halb Erweichten. Vaterlands - und Frei¬ heitsliebe ſiegen, und Caͤſar faͤllt. Vermoͤge der Natur des Stuͤcks iſt es voll Beziehung auf Frankreichs jetzige Lage. Und eben deßwegen ſtroͤmte eine Menge von Menſchen zu ſeiner Vor¬ ſtellung hin. Ein großer Platz vor dem Hauſe war ſchon von halb vier Uhr an mit Leuten uͤberſaͤet; zwanzig und dreißig wurden zu gleicher Zeit hineingelaſſen, und noch um halb ſechs Uhr war nicht alles darin. Vorzuͤglich draͤngten die Jakobi¬ ner mit den rothen Muͤtzen ſich zu; viele dieſer Leute ſind bezahlt, um den Ton anzugeben. Kein Bienenkorb iſt voller von ſeinen Bewohnern, als dieſes ſehr geraͤumige Schauſpielhaus es von Menſchen war; und vorzuͤglich war auf dem Parterre, welches allein mehrere Tauſend enthielt, ein Kopf auf dem an¬ dern gedraͤngt. Eben ſo war’s in den Logen, deren ſechs uͤber¬ einander dennoch nicht Raum genug enthielten fuͤr die zudring¬ liche Menge! Kaum war das Parterre voll, ſo begann dieſe dichte und kaum einer Bewegung faͤhige Maſſe unruhig zu wer¬ den. Die rothen Muͤtzen wurden auf langen Stoͤcken geſchwun¬ gen. Einige bruͤllende Stimmen erhoben ſich in patriotiſchen Liedern, und nach wenig Minuten ſang die ganze Geſellſchaft. 21 Indeß verſammelte ſich das Orcheſter. Tauſend Stimmen ſchrien durcheinander ça ira, ça ira; und dies Geſchrei ließ nicht nach bis zum Gehorſam der Virtuoſen. Man klatſchte den Takt zu dieſer Arie, das ganze Parterre war nur ein Handſchlag, man glaubte eine Maſchine vor ſich zu ſehen, die ein einziger Zug bewegte! Mehrere Lieblingsarien folgten dieſer. Sie wur¬ den vom gleichen Freudenſchall begleitet. Endlich begann das Stuͤck! Nicht wohl mehr wie hoͤchſtens zwanzig Worte konnte Brutus hintereinander reden, dann unterbrach ihn das Klatſchen. Oft eine Viertelſtunde hielt dies an, dann ſprach er wieder, dann begann das Klatſchen von neuem. Aber nicht genug, daß man klatſchte man vermehrte das Getoͤſe des Beifalls durch eigne dazu mitgebrachte Becken, nach Art der Becken bei Feldmuſik! Man ſchlug ſie uͤber den Koͤpfen zuſammen, und ein fuͤrchterli¬ ches vielfaches Bravo machte das Getoͤſe noch voller. Caͤſar wurde wenig applaudirt, doch rief man zuweilen bravo acteur! Uebrigens kann man ſich in Deutſchland keinen Begriff von der Vollkommenheit einer ſolchen Vorſtellung machen. Wir bewundern einen Iffland und Schroͤder! wir bewundern die Ein¬ zelnen, hier ſollte man fragen, wo iſt der Akteur, der’s ſchlechter macht, geſchweige der vielen, die ſie uͤbertreffen! Endlich wird Caͤſar ermordet, aber hinter der Buͤhne. Man bringt ſeinen Leichnam. Antonius ſteht vor ihm, Caͤſars Freund; ihn umringen die uͤbrigen Senatoren. Antonius uͤberlaͤßt ſich ſeinem Schmerz, er ſchildert Caͤſars Groͤße, Caͤſars Guͤte; er ſchildert das Verbrechen ſeines Sohnes; er fordert die Senatoren zur Rache. Der Akteur ſprach warm und gut, und Voltaire hatt ihm eine Rede gegeben voll Geiſt und Kraft. Er for¬ derte die Senatoren zur Rache uͤber Brutus! Zwei Maͤnner, wovon der eine dicht hinter mir und der andere in der erſten Loge unmittelbar neben mir ſaß, wurden ſehr hingeriſſen; ſie

22vergaßen ſich und klatſchten! Auf einmal entſtand ein graͤßli¬ cher Laͤrm im Parterre. Herunter, herunter, ſchrien ſie, der Mann im rothen Kleid herunter! Er blieb; das fuͤrchter¬ lichſte Geſchrei wiederholte ſich von neuem; es hielt eine halbe Stunde lang an, und endlich wich der Mann zu meinem nicht geringen Verdruß! Er haͤtte NB. uͤber dieſe Zeilen ſeh ich einigen intereſſanten Bemerkungen und freundſchaftlichen Verwei¬ ſen entgegen er haͤtte von der Loge herunter das Wort ver¬ langen, er haͤtte auf die Freiheit, auf die Rechte, die ihm die Conſtitution zuſichert, ſich berufen ſollen. Er haͤtte fragen ſol¬ len, wo das Geſetz ſei, das dem Einzelnen ſeinen Beifall zu geben verbiete. Er haͤtte erklaͤren ſollen, daß er ſich eher wuͤrde umbringen laſſen, als zuruͤckgehen. Er haͤtte die kaum beklatſch¬ ten Worte aus Brutus Munde auffaſſen und ſich damit ſchuͤtzen koͤnnen. Er haͤtt es verſtehen muͤſſen, dieſe Feſtigkeit ſelbſt der gegenwaͤrtigen Stimmung der Gemuͤther anzuſchmiegen, und ſo wuͤrd er mit Ehren ſeinen Platz behauptet haben, ſtatt wie eine feige Memme zu entweichen. Den Klatſcher neben mir hatte man zum Gluͤck nicht bemerkt, und er blieb ſitzen. Endlich endigte das Stuͤck. Ein Jakobiner erhob ſich; er that den Antrag, Voltaire’s Buͤſte mit der Muͤtze der Freiheit zu kroͤnen. Nichts, ſagt er, fehl ihm ſonſt noch zu ſeinem Ruhme. Dieſe Idee verſchlang urploͤtzlich alle Gemuͤther! Ein fuͤrchterli¬ ches, anhaltendes, immer ſteigendes Bravo ſtuͤrzte von allen Sei¬ ten her gegen das Theater ſo lange zuſammen, bis die Acteurs Anſtalt machten, um in’s Werk zu ſetzen, was der einmuͤthige Wille gebot! Man brachte ein Fußgeſtell; man ſetzte Voltaire’s Buͤſte darauf von Gyps. Ein Jakobiner warf ſeine rothe Trauermuͤtze auf’s Theater. Man bemuͤtzte damit den grinzenden Voltaire, und ſo paradirt er waͤhrend einem ganzen Luſtſpiele, das man nach dem Trauerſpiele noch gab, auf dem Theater! 23 Guter Voltaire, wie wuͤrdeſt du lachen, wenn du auferſtuͤndeſt aus deinem Grabe!

Armes geblendetes Voͤlkchen! wo ſind denn eure Cato's, eure Caſſius, eure Brutus? wie viele zeigt uns denn die Ge¬ ſchichte ſo ſchoͤne Ungeheuer? und was vermochten ſie im uͤppigen Rom? wo ſind ihre Thaten? Oder wollt ihr zu der nuͤchter¬ nen Maͤßigkeit des alten Roms zuruͤckkehren? das wollt ihr! und die erſten Freudenmaͤdchen dieſer Stadt ſind von den Deputirten, euren Geſetzgebern, euren Vaterlandsvaͤtern, gepachtet? verjagt die zuvor! zertruͤmmert die Denkmaͤler der Kunſt! verjagt eure Kaufleute; verbrennt eure Schiffe! zerſtoͤrt eure Staͤdte! macht euch dagegen Huͤtten! pflanzt Kohl, pflanzt Ruͤben! pflanzt Waͤlder, um jagen zu koͤnnen! Huͤtet eure Heer¬ den! und geſetzt, daß es euch dann gelingt, das ſchwere Mittel halten zwiſchen Menſchlichkeit und Viehheit; geſetzt, daß ihr das hohe Ideal von Freiheit in dieſen Zuſtand mit hinuͤbernehmen, geſetzt, daß ihr es realiſiren koͤnnt! wie lange wuͤrd 'es dauern? oder vermoͤgt ihr dem menſchlichen Geiſte Feſſeln anzulegen, der euch zu gleicher Zeit verfeinert, veredelt und entnervt! nicht weil's an und fuͤr ſich ſo ſein muͤßte, ſondern um der Schwach¬ heit willen der menſchlichen Organiſation! Bollmann.

4.

Liebe Frau Baſe! Auf meinen von Paris aus, und mit deutſchen Buchſtaben an Sie geſchriebenen Brief hab 'ich keinen Gegenbrief erhalten, und ich habe dieſe Grauſamkeit um deſto tiefer gefuͤhlt, je willkommner mir ein freundliches Wort in einer Lage geweſen ſein wuͤrde, mit deren Unannehmlichkeiten ich Sie bekannt gemacht hatte; weil aber nichts von einmal gefaßten Vorſaͤtzen uns abwendig machen muß, ſo bleib' ich meinem Ver¬24 ſprechen, wenigſtens aus jeder großen Stadt einmal an Sie zu ſchreiben, getreu; und ich erklaͤre feierlich, daß ich dies immer thun werde, wenn Sie's mir nicht feierlich unterſagen.

Mein Onkel, dieſes traurige, bemitleidenswerthe Gemiſch von Gutheit und Stolz, Anmaßung und Kleinheit, verließ mich bald nach Abgang meines letzten Briefes an Sie, und ließ mich das wohlthaͤtige Gefuͤhl der Freiheit, wiewohl einer ſehr noth¬ duͤrftigen, nach langem Entbehren derſelben, endlich wieder koſten. Feſt entſchloſſen, mich kuͤnftig ohne denſelben zu behelfen, mußt 'ich nach Arbeit mich umſehen, und ein gichtbruͤchiger Ludwigs¬ ritter, behaftet mit dem Spleen des uͤbermaͤßigen Glaubens an auslaͤndiſche Aerzte, verſchaffte mir bald eine ziemlich betraͤcht¬ liche gichtbruͤchige Bekanntſchaft, wodurch ich in den Stand geſetzt wurde, zuerſt wenigſtens rechtlich zu exiſtiren, und hernach auch Nutzen von den Anſtalten in Paris zu ziehen, Kollegia und Hoſpi¬ taͤler zu beſuchen, Merkwuͤrdigkeiten zu beſehen u. ſ. w. Ich wuͤrde dieſe Exiſtenz vermuthlich noch lange fortgeſetzt haben, allein der Tod, welchem ich bisher foͤrmlichen Widerſtand gelei¬ ſtet und den ich mehreremal gluͤcklich zuruͤckgeſchlagen hatte, nahm auf Einmal alle ſeine Wuth wider mich zuſammen. Nicht zufrie¬ den, vermittelſt der Hoſenloſen alle brave Schweizer ſich ſchlach¬ ten zu laſſen, ſchlug er mit ſchrecklichem Schlagfluß alle meine gichtbruͤchigen Ritter zu derſelben Stunde, wo das Blut der Schweizer noch dampfte! Alle meine Kunden ſtarben am 10. Auguſt vor Schreck! Was ſollt' ich nun foͤrder in Paris noch thun? was konnt 'es mir helfen, mir neue Kunden zu verſchaf¬ fen, an einem Orte, wo ſo viel wilde Auftritte es platterdings unmoͤglich machten, die Seelendiaͤt, den wichtigſten Theil meiner Kunſt, gehoͤrig zu beſorgen? was ſollt' ich noch laͤnger der Ver¬ weſung entgegenarbeiten, an einem Orte, wo ſie entſchloſſen ſchien, kuͤnftig hauſen zu wollen? Sie war mir uͤberdies zu25 verſchiedenenmalen ſelbſt auf den Hacken, vorzuͤglich am 10. Au¬ guſt, wo mir eine Pike aufgedrungen und ich fortgeriſſen wurde mitten in's Gefecht! Ich faßte den Entſchluß, ihr das Feld zu laſſen und mich ehrerbietig zuruͤckzuziehen! Aber wie und wohin? meine erſchlagenen Ritter nahmen zum Theil ihre Schul¬ den an mich in's zweite Daſein mit hinuͤber, und Billets de confiance, auf jene Welt ausgeſtellt, konnten mir in einem Lande nichts helfen, wo man an jene Welt nicht mehr glaubt! Haben Sie keine Sorge fuͤr mich, liebe Frau Baſe! Unkraut verdirbt nicht; und Sie werden bald ſehen, daß ich, der Mord¬ ſucht eine Beute entwendend, worauf ſie am meiſten geluͤſtig war, mich koͤniglich aus der Affaire zog.

Unter den verſchiedenen in Paris gemachten Bekanntſchaften war auch die der Frau von Staël, die Gemahlin des ſchwediſchen Geſandten, die Tochter Neckers, die Verfaſſerin der Briefe uͤber Rouſſeau, die ſie in ihrem ſiebzehnten Jahre ſchrieb. Sie haben wahrſcheinlich jene Briefe geleſen, und folglich haben Sie eine Idee vom Geiſt und von den uͤberwiegenden Faͤhigkeiten dieſer Frau; aber von ihrem Herzen wuͤrd 'ich mich umſonſt bemuͤhen, Ihnen einen wuͤrdigen Begriff zu machen; denn wenn ich Ihnen auch erzaͤhlte, wie raſtlos thaͤtig ſie in den Tagen der Bedraͤng¬ niß fuͤr ihre Freunde war, wie ſie ſich ſelbſt ausſetzte, wie ſie die aͤußerſten Schritte wagte, auch da, wo durchaus nur das reinſte freundſchaftliche Intereſſe, nur der Wunſch Gutes zu thun, ſie leiten konnte wenn ich Ihnen das alles erzaͤhlte, Sie wuͤr¬ den einen Roman, aber keine hiſtoriſche Wahrheit zu leſen glau¬ ben; und folglich verfehlt' ich immer meinen Zweck. Die Frau von Staël hat einen Freund, und dieſer Freund iſt Narbonne, ehemaliger Kriegsminiſter, und dieſer Narbonne iſt einer der liebenswuͤrdigſten Maͤnner, die ich jemals geſehen habe. Bei einer ſehr weitausgebreiteten Menſchen -, Welt - und Literaturkenntniß,26 bei einem unerſchoͤpflichen Fonds von Heiterkeit und Laune, bei einem Geiſt, der unablaͤſſig durchblitzt in allem, was er ſagt und thut, hat er dieſe gaͤnzliche Verlaͤugnung ſeiner ſelbſt, dieſe anſpruchsloſe Hingebung an die Umgebenden, welche gewoͤhnlich nur bei dem reinen Bewußtſein innern Werths ſtattfindet, und dieſe altritterliche Offenheit, welche in unſern Tagen ſo ſelten, und in der großen Welt ein Wunder iſt. Dies vorausgeſetzt, werden Sie eben nicht unnatuͤrlich finden, daß die Frau von Staël ihren Freund Narbonne lieb hat, und um ſo weniger, wenn ich Ihnen ſage, daß dieſe Frau von Staël nicht ver¬ heirathet, ſondern gekuppelt iſt an einen Mann, der nicht ein¬ mal die Zubereitung eines Kartoffelgerichts, und alſo noch viel weniger das Pulver erfunden haben wuͤrde. Sie werden ferner nicht unnatuͤrlich finden, daß Narbonne, bei einer hinlaͤnglichen Anzahl von Scheingeſchaͤften, um ſeine Vernunft mit ſeinem Her¬ zen einſtimmig zu machen, die Armee verlaſſen hatte, um nach Paris zu kommen und ſeine Freundin zu ſehn. Wenn Sie ſich nun erinnern, daß die Jakobiner Todfeinde von Lafayette, von Narbonne und von allen wackern Leuten ſind, die ihnen anhaͤn¬ gen, wenn Sie ſich erinnern, daß der 10. Auguſt die unum¬ ſchraͤnkteſte Gewalt in die Haͤnde dieſer Horde von Boͤſewichtern gegeben hatte, und wenn ich Ihnen zu dem allen noch ſage, daß Narbonne, deſſen Gegenwart in Paris man wußte, der erſte auf der Liſte der Schlachtopfer war, deren ihr Blutdurſt habhaft zu werden ſuchte : ſo werden Sie ſich ungefaͤhr eine Vorſtellung von der Angſt machen koͤnnen, worin ich die Frau von Staël antraf, als ich den 14. Auguſt morgens in ihr Zimmer trat. Narbonne war bei ihr; man ſah mich bald als das einzige Mittel an, ihn zu retten. Eine Menge von Motiven, wozu jedoch die Schoͤnheit der Frau von Staël nicht gerechnet werden kann, zu meiner nicht geringen Beruhigung, denn ſie iſt haͤßlich 27 ſtuͤrmten auf meine Seele los, und die Freude, dieſen Mann retten zu koͤnnen, der ſo ſchoͤn, ſo edel und ruhig vor mir ſtand, und der ſuͤße Gedanke, dieſer Frau die Ruhe wiedergeben zu koͤnnen, die ſie fuͤr ihren Freund verlor, und die ſie fuͤr ſich ſelbſt nicht verloren haben wuͤrde, und die Genugthuung des unbe¬ ſchraͤnkten Vertrauens, welches man in dieſer kitzlichen Sache auf mich ſetzte, dies alles, dem ich nichts als die augenſchein¬ liche Gefahr meines eignen Kopfes entgegenzuſetzen wußte, wirkte ſo maͤchtig auf mich, daß die erſte Idee der Moͤglichkeit ſehr bald zur Feſtigkeit des Entſchluſſes reifte! Die Sache ein¬ mal unternommen, wurde auf ihre Ausfuͤhrung durch ruhige und uͤberlegte Maßregeln hingearbeitet; ich hatte, was mir niemals gefehlt hat, Freunde, auf die ich zaͤhlen konnte, Deutſche uͤber¬ dies, alſo Leute von kaltem Blut und Courage; Gluͤck, Gegen¬ wart des Geiſtes und Muth ließen uns manche Gefahren uͤber¬ winden, wir kamen gluͤcklich nach Boulogne, waͤhrend man vor uns und hinter uns andere Fluͤchtlinge arretirte; wir flogen im Sturm uͤber die See, und liefen wohlbehalten am 20. Auguſt abends um 6 Uhr in dem Hafen von Dover ein. Wir ſetzten hernach unſere Reiſe weiter fort bis hieher, wo wir uns bei der Madame de la Châtre, einer ſehr liebenswuͤrdigen Franzoͤſin, logirten. Kaum hatten wir uns von der Reiſe ein bischen er¬ holt, ſo bekam unſre freundliche Wirthin die traurige Nachricht von der Arreſtation verſchiedener Perſonen in Paris, die ſie ſehr nahe angingen, und die ſehr liebte. Von Natur ſehr zart und empfindlich, fiel ſie bei Leſung des Briefes in fuͤrchterliche Kraͤmpfe, die ſich von Stunde zu Stunde erneuerten; und das ging zwei Tage lang ſo fort. Nach und nach kam Hoffnung und Ruhe wieder; gluͤcklicherweiſe waren die Freunde der Madame de la Châtre am Abend vor der Ermordung der Gefangenen aus der Abbaye entkommen; man erwartet ſie jetzt mit noch verſchiednen28 Andern; auch die Frau von Staël wird in kurzem hieher kom¬ men; alle dieſe Leute zuſammen, vermuthlich der Kern von Frank¬ reich, reine Freunde der Revolution, und gleichweit entfernt vom Wahnſinn der Emigrirten in Koblenz und von der Wuth der Jakobiner, werden, eine kleine franzoͤſiſche Kolonie, in der Naͤhe von London ſich etabliren, und den weitern Gang der Angele¬ genheiten ihres Vaterlandes, dem ſie jetzt nicht dienen koͤnnen, abwarten!

Verhaͤltniſſe wie die obigen, zuſammen und gegenſeitig huͤlf¬ reich miteinander durchlebt, machen die Scheidewaͤnde ploͤtzlich fallen, welche die Eitelkeit und der Wahn oft zwiſchen Menſchen und Menſchen ſetzt; man ruͤckt ſich naͤher; man koͤmmt auf ein¬ mal mit vielen Punkten heruͤber und hinuͤber in Beruͤhrung, und der Neuling, der Fremdling, tritt in den Platz bejahrter Freunde. Dies iſt gegenwaͤrtig ungefaͤhr mein Fall. Ich habe mich nicht weigern koͤnnen, mit dieſen Menſchen, von denen ich uͤberzeugt bin, daß ſie mich lieben, eine Zeit lang zu leben. Ich werde mit ihnen einige Monate auf dem Lande zubringen, und waͤhrend dieſer Zeit der engliſchen Sprache und Literatur in gluͤck¬ licher Ruhe mich widmen.

Die unbegraͤnzte Guͤte Narbonne's und der Frau von Staël ſetzen mich uͤberdies in den Stand, meinen erſten Reiſeplan zu verfolgen, und hernach meine Praxis anzufangen, ohne um die erſten Augenblicke in Verlegenheit zu ſein; denn ich habe doch von dieſen Umſtaͤnden und dem, was damit in Verbindung ſteht, red 'ich Ihnen ein andermal. Es wuͤrde mich heute zu weit fuͤhren, und ich fuͤrchte ſo ſchon Ihre Geduld zu mißbrauchen. Genug, ich glaube einen weſentlichen Schritt gethan zu haben, nicht nur um mein eignes, ſondern auch um das Gluͤck mancher meiner Freunde zu gruͤnden; und ich kann die Fruͤchte deſſelben um ſo ruhiger genießen, je weniger ich dieſelben vorherſah, je29 weniger ich um ihretwillen handelte, und je ſorgfaͤltiger ich mich auch fuͤr die geringſten Anſpruͤche huͤtete!

Ueberzeugt, liebe Frau Baſe! von dem guͤtigen Antheil, den Sie und der Herr Vetter u. ſ. w. an meinem Schickſal nehmen, wuͤrd ich ein Verbrechen zu begehn geglaubt haben durch Vor¬ enthaltung dieſer Nachrichten. Ich ſehe mich endlich auch im Stande, meine Schuld, mit herzlichem Dank fuͤr Ihre Guͤt 'und Nachſicht, Ihnen abtragen zu koͤnnen. Sie werden dieſelbe von Boͤckh bezahlt erhalten, dem ich heute eine Anweiſung auf Stra߬ burg zuſende. Sollt Ihnen dieſer ſchuldig geblieben ſein bis jetzt, ſo fall' Ihr Unwill 'auf mich. Das durchaus unvorherge¬ ſehene Betragen meines Onkels verzoͤgerte eine Bezahlung an ihn auf ſo viel Monat, als ich auf Tage rechnete; doch wuͤrd' ich andre Anſtalten getroffen haben, haͤtt 'er mir nicht geſchrie¬ ben, es geh' ihm wohl! Mein Aufenthalt in Frankreich war mir ſehr nuͤtzlich und von unbezahlbar wohlthaͤtigem Einfluß auf mein ganzes Leben. Ich habe die Menſchheit im Großen arbeiten geſe¬ hen mit denſelben Triebfedern, womit ſie im Kleinen wirkt. Ich bin mit dem Detail vieler Begebenheiten und Verhaͤltniſſe bekannt geworden, worin ich fremd ſein um vieles nicht moͤchte. Sehr gerne wuͤrd 'ich Ihnen manches uͤber die franzoͤſiſche Revolution, uͤber die Haupttriebfedern derſelben und uͤber den Karakter der wichtigſten handelnden Perſonen mittheilen, erlaubte der enge Raum eines Briefes auch nur einigermaßen ertraͤglich von dieſen Dingen zu reden. Sollten indeß dieſe oder jene Punkte Sie oder den Herrn Vetter vorzuͤglich intereſſiren, ſo werd' ich auf beſtimmte Fragen mit vielem Vergnuͤgen und mit moͤglichſter Vollſtaͤndigkeit antworten. Ich habe Paris um ſo lieber verlaſ¬ ſen, weil in den Augenblicken meines Weggehens durchaus alle Lehranſtalten in Unordnung geriethen, und weil, vorzuͤglich in meinem Fache, nichts mehr zu profitiren war, man moͤchte denn30 die Amputation des Kopfs fuͤr etwas rechnen, die haͤufig zu ſehn war, die aber in der gewoͤhnlichen Praxis nicht vorzukommen pflegt. Hier bin ich in der gluͤcklichſten Ruhe, in der ausge¬ ſuchteſten Geſellſchaft, und in dem angenehmſten Wechſel von Arbeit und Zerſtreuung!

Sie werden mich recht ſehr erfreuen, wenn Sie mir bald¬ moͤglichſt einige Nachricht von ſich zukommen laſſen; in der an¬ genehmen Erwartung derſelben bin ich, liebe Frau Baſe, Ihr Sie kindlichliebender Pflegeſohn J. E. Bollmann. (Chez M. Talleyrand-ancien Evêque d'Autun, Kensington - Square.)

5.

Gute, inniggeliebte, vernachlaͤſſigte, aber nie vergeſſene Freundin! Der Ueberbringer dieſes Briefes iſt Herr Pannifex, ein guter braver Landsmann von Ihnen, welchen ich in London kennen lernte, und mit dem ich vergnuͤgt und angenehm von dort bis hieher reiſte. Ihren Brief, den einzigen, welchen Sie mir nach London geſchrieben, hab 'ich richtig erhalten; ich hab' ihn oft beantworten wollen, und ich wuͤrd 'es mir zum Ver¬ brechen rechnen, es nicht gewollt zu haben, aber die Ausfuͤhrung des guten Vorſatzes iſt immer verzoͤgert worden, vorzuͤglich da¬ durch, daß ich immer den Augenblick abwarten wollte, um Ihnen eine gewiſſe angenehme Nachricht geben zu koͤnnen, und daß eben dieſer Augenblick nicht kam. Ich bin gegenwaͤrtig auf einer Reiſe nach Berlin begriffen, die ich eigentlich nicht ſowohl zum Vergnuͤgen als in Geſchaͤften unternommen habe; von wo aus ich wieder nach London zuruͤckkehren werde, wohin meine heißeſten Wuͤnſche mich ziehn. Ich bin ſo ſehr eilig, daß ich nicht einmal die Freunde in Offenbach ſehn kann. Ich werde von hier bis31 Berlin Tag und Nacht reiſen! Verzeihen Sie daher, liebe Freun¬ din, daß ich dieſen Brief ſo kurz abbreche; ich verſpreche Ihnen einen langen und ausfuͤhrlichen, auf mein heilig Wort, von Berlin aus!

Einſtweilen ſein Sie verſichert, daß, obwohl verwickelt in mancherlei Verhaͤltniſſen und mannichfaltig ausgeſetzt geweſen, dennoch keine der Beſorgniſſe gegruͤndet geweſen iſt, die Sie in Ihrem Brief an mich aͤußerten. Ich glaube vielmehr, daß ich beſſer geworden bin! Mein Herz und mein Karakter ſollen immer rein und meiner herzlichlieben Pflegemutter wuͤrdig bleiben!

(Meine beſten Empfehlungen an den lieben Herrn Better und die Freunde. In groͤßter Eile!) I. E. Bollmann.

6.

Ich hoffe, liebe Frau Baſe! daß Sie durch Herrn Pannifex einen Brief erhalten haben, welchen ich in Frankfurt an Sie ſchrieb. Ich verſprach Ihnen darin einen ausfuͤhrlichen, und mein Verſprechen waͤre ſchon erfuͤllt, haͤtte ich mir nicht ge¬ ſchmeichelt, Sie perſoͤnlich zu uͤberraſchen. Ich glaubte naͤm¬ lich von Berlin aus zur Armee gehn zu muͤſſen, ich war ſogar ſchon auf dem Wege! aber gekommen bis Fulda erhielt ich Nach¬ richten, welche mich noͤthigten wieder umzukehren; dies wird Ihnen unten deutlicher werden!

Ich bin willens, liebe Freundin, Ihnen recht weitlaͤufig zu ſchreiben, um die Liebe zu Ihrem Pflegeſohn und das Vertrauen auf ſein gutes Herz zu retten, welche ſonſt ſchwankend werden duͤrften, und die mir doch unendlich theuer ſind. Bevor ich aber von dem ſpreche, was mir in Frankreich und in England be¬ gegnete, erlauben Sie mir einen Augenblick auf die Zeit meines32 letzten BeiIhnenſeins zuruͤckkommen zu duͤrfen; nicht um Ihnen etwas Neues zu erzaͤhlen, ſondern nur um der Genugthuung willen, Ihnen ſelbſt geſagt zu haben, was Sie durch eigne Beobachtung und durch andre Perſonen zum Theil vermuthlich ſchon wiſſen.

Mir war nicht ſo wohl bei Ihnen in der letzten Zeit, als wie im Anfange; ich war weniger offen, weil mein Betragen weniger fehlerfrei war. Ueber mein Billardſpielen und uͤber mein Verhaͤltniß mit B. macht ich mir Vorwuͤrfe, und uͤber beides verdient ich Tadel. Meine Finanzen waren durch Billard¬ ſpielen zerruͤttet; ich brauchte mehr Geld, um nach Straßburg zu kommen, als wie ich hatte. Indeſſen waren meine Be¬ muͤhungen, dem Freunde Geld zu verſchaffen, darum nicht weniger ehrlich; ich wuͤrde ohne die eigne Verlegenheit eben ſo gehan¬ delt haben, nur waren wir uͤbereingekommen, daß er mir etwas abgeben ſollte, obwohl er die ganze fuͤr ihn geſuchte Summe noͤthig hatte. Ich hofft ihm dieſes von Straßburg ſogleich wie¬ derſchicken zu koͤnnen, indem ich nicht auf das lange Ausbleiben der Briefe vom Onkel und nicht darauf rechnete, daß er mir nur eben wuͤrde zukommen laſſen, was nothduͤrftig war, um bis Paris zu kommen. Dieſe unedle Leidenſchaft des Spiels iſt erſtorben, wo ſie entſtanden war, und ich freue mich, Sie ver¬ ſichern zu koͤnnen, daß ich ſeitdem nie wieder, außer einige wenige mal mit guten Freunden, ſpielte!

In Straßburg macht ich durch Boͤckmanns Empfehlung die Bekanntſchaft von Tuͤrckheims, welche mich ſehr lieb, ſo lieb gewannen, daß ſie mir auf ihre Beihuͤlfe zu zaͤhlen erlaubten, als der Onkel in Paris mich verlaſſen hatte. Seit kurzer Zeit haben Umſtaͤnde, hoffentlich nur voruͤbergehend, uns von einander entfernt, welche ich ſelbſt noch nicht kenn und nicht begreife, und wovon ich alſo nicht reden kann.

33

In Paris wiſſen Sie wie’s ging. Sie glauben aber, Ihrem Briefe nach, ich habe meinen Onkel falſch beurtheilt. Ich verſichre Sie, liebe Frau Baſe, auch jetzt, da alle Verbindungen zwiſchen uns ſchon laͤngſt aufgehoͤrt haben, denk ich noch von ihm wie damals. Er hat alle die Anmaßung eines kleinſeeligen Emporgekommenen, und die ſchreckliche Indifferenz der Leute, deren Kopf und Herz leer ſind. Er macht beſtaͤndig ſein Gluͤck und ſeine Arbeitſamkeit geltend; ſeine Wohlthaten ſind druͤckend, das Betragen deſſelben gegen meinen juͤngern Bruder, der bei ihm iſt, der beſte Junge von der Welt, und neuere Vorfaͤlle zwiſchen mir und ihm haben dies nur zu ſehr beſtaͤtigt! Sein Wille mag nicht boͤſe ſein, aber ſeine Handlungs - und Denkungs¬ art iſt roh, und die vernuͤnftigſte Maßregel mit ihm die: alle Verbindungen und Verhaͤltniſſe moͤglichſt ſorgfaͤltig zu vermeiden! Er hatt etwas angefangen, was er nicht konnt oder wollte. Ich bat ihn alſo, mir nur noch wenigſtens etwas zu geben. Er gab mir ſechshundert Livres in Aſſignaten, und uͤberließ mich Gott und meinem Schickſal in einer ungeheuren Stadt, deren Sprach ich erſt lernen mußte, um mir ſelbſt etwas verdienen zu koͤnnen. In dieſer Zeit ſchrieb ich Ihnen meinen zweiten Brief; ein Hausknecht, der ihn auf die Poſt trug, hatte das Porto mir angerechnet, aber nicht bezahlt. Daher der Zufall, daß er Ihnen ſo ſpaͤt erſt zu Handen kam, und darum hab ich auch Ihre Antwort nicht empfangen, deren Verluſt ich recht ſchmerzlich bedaure.

Ich hatt in Straßburg einen gewiſſen Philipp Heiſch kennen gelernt, der in dem Tuͤrkheim’ſchen Hauſe freundſchaftlich um¬ ging. In Paris trafen wir uns wieder. Er begleitete dorthin ſeinen Bruder Friedrich Heiſch, einen jungen Kaufmann, welcher bei einem der erſten Banquiers einen ſehr guten Platz bekommen hatte. Er blieb ungefaͤhr drei Wochen bei ſeinem Bruder und334ging dann wieder zuruͤck nach Straßburg. Friedrich Heiſch war ein junger Mann von einundzwanzig Jahren, ein wahres unſchuldiges Naturkind. Er hatte die Handlung in einem guten Hauſe in Straßburg ſieben Jahre lang gelernt, war fuͤnf davon in ſeine Prinzipalin verliebt geweſen, und ſprach ihren Namen nicht aus ohne Erroͤthen. Seine Seele war rein wie Kryſtall, er wußte von allem Boͤſen nichts wie die Namen, und hatt 'ein ſehr gefuͤhlvolles Herz, das ganz ungetheilt und mit vollem Ver¬ trauen ſich hingab! Sie koͤnnen leicht denken, daß eine ſo ſeltene Erſcheinung mir nicht gleichguͤltig war; wir ſchloſſen uns bald aͤußerſt feſt aneinander, und nahmen ein gemeinſchaftliches Zim¬ mer, feſt entſchloſſen, Freud' und Leid miteinander zu theilen.

Mein Heiſch war nur Mittags und Abends zu Hauſe, folg¬ lich hatte ich beinahe den Alleingenuß der Wohnung. Ich wen¬ dete alles moͤgliche an, um franzoͤſiſch zu lernen, bot deutſchen Buchhaͤndlern Ueberſetzungen franzoͤſiſcher Werke an, hoͤrte zwei Kollegia, ließ mich in den oͤffentlichen Blaͤttern als Augen - und Hautkrankheiten-Doktor fuͤr nothleidende Arme ankuͤndigen, bekam ſechs bis ſieben deſperate Patienten, die nicht arm waren, dok¬ terte eine lange Zeit muͤhſam und nach beſten Kraͤften, brachte einige ein bischen zur Beſſerung und wurde von keinem bezahlt. Zuletzt fiſcht 'ich einen Abbé auf, der ſich die kleine Zehe wegen der uͤbeln am Gehen hindernden Anheilung derſelben, nachdem ſie gebrochen geweſen war, wollte abſchneiden laſſen. Wir wur¬ den eins fuͤr hundert Livres. Aber kurz vor der Operation fiel mein Abbé in eine Ohnmacht, aus der er ſich nur wieder erholte, um mich auf den Knien zu bitten, fuͤr diesmal das Abſchneiden noch zu verſchieben. Ich ging und hab' ihn nicht wieder geſeh'n! Dies iſt die Geſchichte meiner poetiſchen Laufbahn in Paris.

Dieſe Zeit wuͤrde aͤußerſt traurig geweſen ſein, haͤtten nicht die politiſchen Begebenheiten angefangen mich zu intereſſiren. Die35 damalige Lage Frankreichs war fuͤr mich ein weites Feld; ich ſuchte der Geſchichte der Revolution beſtmoͤglichſt inne zu werden, beobachtete ſoviel ich konnte, und erkannte bald (ohne mich fuͤr irgend eine der verſchiedenen Partheien zu erhitzen), in dem Sturme des Ganzen die fuͤrchterlichſte Kriſe eines ſeit langer Zeit durch die Folgen aller moͤglichen Ausſchweifungen ſchwer kranken Staatskoͤrpers. Ich ſah einen Haufen, den wilder Enthuſiasmus zu großen Bewegungen fortriß; aber nirgends ſah ich Freiheit, Geſetzkraft, Ordnung. Ueberall arbeiteten Privatleidenſchaften, vorzuͤglich Habſucht und Herrſchſucht, durch und wider einander. Ueberall war das oͤffentliche Beſte ausgeſtecktes, faſt nirgends war es wirkliches Ziel! Schon damals glaubt ich, daß nichts von Beſtand ſein wuͤrde; ich ſah ein uͤppiges, ſittenloſes Volk; die Knaben, ſagt ich, muͤſſen erſt wieder aufwachſen unter Schlachten und Blut, die Maͤdchen unter Truͤbſal und Thraͤnen eher wird’s nicht beſſer! Und noch jetzt iſt mein Wunſch, daß die Kriſe austoben, aber nicht erſtickt werden moͤge, damit die feindlichen Elemente wahrhaftig ſich zerſtoͤren, damit die Gluth der Krankheit nicht in’s Innere ſich verſchraͤnke, ſondern wirklich erloͤſche, denn nur unter dieſen Bedingungen, daͤucht mich, kann dauerhaftes Wohl aus der allgemeinen Zerruͤttung hervorgehn! Ob’s die Habſucht der Großen erlauben wird, weiß ich nicht!

Wenn ich nicht hell in dieſen Dingen geſehn habe, ſo lag die Schuld wenigſtens nicht an den Duͤnſten der Unmaͤßigkeit, denn ein magres Mittageſſen fuͤr dreißig Sous, ein Endivien¬ ſalat abends, und Rettige mit Butterbrot morgens dies war unſre taͤgliche Koſt. Meine ſechshundert Livres waren alle, und wir fingen nun an, von der Einnahme des guten Heiſch gemein¬ ſchaftlich zu leben, immer in der Hoffnung, daß bald eine Gele¬ genheit auch fuͤr mich ſich zeigen wuͤrde, um was zu verdienen;3[]36aber beinahe haͤtte der 10. Auguſt aller Noth und aller Hoffnung auf Einmal ein Ende gemacht. Wir hoͤrten in der Nacht das Laͤuten der Glocken, und ſahn am Morgen das Gewuͤhl des be¬ waffneten Volks. Mein Heiſch mußte zur Arbeit; ich ſelbſt ging mit einem Freund in den Garten der Tuilerien. Wir ſahen uͤberall viel Bewegung. Zuletzt kam der Koͤnig mit ſeiner Familie, umgeben von Soldaten, aus dem Schloſſe, und ging zur Assem¬ blée nationale, deren damaliger Verſammlungsſaal an jenen Garten ſtieß. Wir fanden Mittel, uns mit hinein zu draͤngen. Der Koͤnig war wie einer, der nicht weiß, was mit ihm iſt und mit ihm werden ſoll, betaͤubt und kraftlos. Die Koͤnigin, voll Hoheit und Wuͤrde, ſchien nur Bedauern fuͤr ihre Kinder zu haben, nur Verachtung fuͤr die Verſammlung und keine Sorge fuͤr ſich ſelbſt! Man verhandelte dies und jenes, als auf Einmal die erſten Schuͤſſe fielen. Die ganze Verſammlung verlor den Kopf, mein Freund auch! Er rannte fort wie beſeſſen, natuͤr¬ lich rann ich mit, denn trotz meiner Bemuͤhungen ließ er ſich nicht halten. Wie wir draußen waren, ging die Noth erſt an; uͤberall Waffen und Schießen; wir konnten nicht vor - und nicht ruͤckwaͤrts. Mein Freund rettete ſich in eine kleine Huͤtte, wo er in den Schornſtein kroch, ich ſelbſt entkam durch's Ge¬ tuͤmmel!

Einige Tage nachher kam der Herr Gambs zu mir, der Prediger an der ſchwediſchen Kapelle. Er ſprach von der Rettung eines Ungluͤcklichen, in großer Gefahr Schwebenden; ich errieth, wer’s ſei. Er fuͤhrte mich zur Gemahlin des ſchwediſchen Ge¬ ſandten, Madame de Staël. Eine hochſchwangere, um ihren Geliebten jammernde Frau wirkte ſtark auf meine Einbildungs¬ kraft. Sie koͤnnen ſich's denken, wie ſehr ſie jammerte, denn ihr Geliebter ſeit neun Jahren, ſollte eigentlich bei der Armee ſein. Er war in Paris nur auf ihr Bitten und heimlich,37 aber man wußte ſeine Anweſenheit, man war begierig auf ſeinen Kopf, man forſchte nach ihm, und man ſprach von Durchſuchung des Hauſes. Eine Frau in Thraͤnen, ein Mann in Lebens¬ noth, die Hoffnung der Freud 'einer gelungenen Rettung, die Ausſicht auf England, die Moͤglichkeit einer Verbeſſerung meiner Lage, der Reiz des Außerordentlichen dies alles wirkte zu¬ ſammen. Mein Entſchluß war bald gefaßt. Ich uͤbernehm' es, ſagt 'ich, und will meinen Plan bringen . Auch dieſer war bald fertig! Nur den zweiten Paß zu bekommen hielt ſchwer. Ich lief drei Tage lang zu allen Englaͤndern, zu allen Freunden, die ich kannte nichts! Keiner wollt' es wagen! Zuletzt erſt fiel mein guter Heiſch mir ein. Wir gingen zum engliſchen Ge¬ ſandten; Heiſch mußte ſich fuͤr einen Hannoveraner ausgeben. Wir bekamen einen Paß. Er wurde gegen einen andern einge¬ tauſcht von Lebrun, Miniſter der auswaͤrtigen Angelegenheiten, dann unterſchrieben von Petion, dem Maire, und ſo war's richtig! Der Name von Heiſch war zum Gluͤck auf dem Paß verſchrieben, und er mußte ſich auch verborgen halten am Tage der Flucht. Er ſchied von mir mit der Verſicherung, mir ſobald wie moͤglich zu folgen; die Staël hatte ihm ein Geſchenk gemacht, waͤhrend er noch in Paris war.

Narbonne ſchlief bei mir die letzte Nacht vor der Abreiſe. Morgens um 4 Uhr ging's fort. Wir mußten auf die Wachſtube voll Menſchen gehn, bevor wir zur Stadt hinaus konnten. Das Wort Englaͤnder und unſre Freimuͤthigkeit verblendeten die Augen. Geplauder uͤber die Meinung der Englaͤnder von der Revolution zerſtreute die Aufmerkſamkeit. Unſre Paͤſſe wurden endlich unter¬ ſchrieben. Wir fuhren fort. Verſchiedene Wiederholung derſelben Scene unterwegs. Wir kamen gluͤcklich nach Boulogne. Wir flogen im Sturm uͤber's Meer. Wir ſchliefen die zweite Nacht38 ruhig in Dover. Wir waren am dritten Abend zu Kenſington, dem Ziel unſrer Reiſe.

Narbonne iſt ein ziemlich hoher, etwas plump gebauter ſtarker Mann, aber deſſen Kopf etwas Auffallendes, Großes, Ueberlegenes hat. Er iſt unerſchoͤpflich an Witz, an Reichthum von Ideen. Er iſt vollendet in allen geſellſchaftlichen Tugenden. Er verbreitet Anmuth uͤber das Duͤrrſte. Er reißt unwiderſteh¬ lich fort, und macht, wenn er will, einen Einzelnen wie eine ganze Geſellſchaft trunken! Es war nur ein Mann in Frank¬ reich, der ihm in dieſer Ruͤckſicht an die Seite geſetzt wurde, und der ihn, meiner Meinung nach, noch bei Weitem uͤbertrifft, dies iſt ſein Freund, Monſieur de Talleyrand, ehemals Evêque d'Autun. Narbonne gefaͤllt, aber er ermuͤdet auf die Laͤnge. Man koͤnnte Talleyrand Jahre lang zuhoͤren. Narbonne arbeitet und verraͤth Beduͤrfniß zu gefallen, Talleyrand entſchluͤpft, was er ſpricht, und es umgiebt ihn beſtaͤndig eine leidenſchaftloſe Be¬ haglichkeit und Ruhe. Was Narbonne ſagt, iſt mehr glaͤnzend; was Talleyrand ſagt, mehr anmuthig, fein, niedlich. Narbonne iſt nicht durchaus fuͤr alle Leute, ſehr empfindſame moͤgen ihn nicht, er hat uͤber ſie keine Herrſchaft. Talleyrand, ohne weniger moraliſch verdorben zu ſein, als Narbonne, kann die ſelbſt bis zu Thraͤnen ruͤhren, welche ihn verachten! Ich weiß hievon merkwuͤrdige Beiſpiele!

Alle Franzoſen, vorzuͤglich die der großen Welt, ſtreben nach obigen Vollkommenheiten, haben mehr oder weniger davon, und dieſe Vorzuͤge ſind meiſtens das Beſte, was ſich an ihnen auffinden laͤßt. Vorzuͤglich fehlt ihrem Ruhme großherzige Sim¬ plicitaͤt und geſunde Vernunft. Sie koͤnnen nichts grad und natuͤrlich betreiben, ſie wollen immer Gewandtheit mit in's Spiel bringen, und durch's Beſtreben, recht fein zu handeln, gehn die meiſten von ihren Unternehmungen zu Grunde. Sie wollen immer39 uͤber die Dinge mit viel Geiſt ſprechen, ſie vertiefen ſich daher blitzſchnell in die feinſten, entlegenſten Verhaͤltniſſe derſelben, ſehn daruͤber die viel weſentlichern nicht, welche dicht vor ihren Augen liegen, und ſchließen meiſtens falſch. Es fehlt ihnen uͤberdies Feſtigkeit und Ausdauer. Sie ſind uͤbrigens gutherzig und han¬ deln ſelten anders ſchlecht, als aus Schwaͤche. Waͤhrend meinem Aufenthalte in Kenſington, wo ſich in der letzten Zeit alles, was vormals in Paris den glaͤnzendſten Zirkel ausmachte, verſammelte, hab 'ich ſehr viel Gelegenheit gehabt, Belege zu obigen Schil¬ derungen zu finden. Sie glauben nicht, liebe Frau Baſe, wie verſchieden von jenen Menſchen die Englaͤnder in ihrem Karakter und Weſen ſind.

Narbonne uͤberhaͤufte mich unterwegs mit Freundſchaftsver¬ ſicherungen, mit wiederholten Aeußerungen ſeiner Dankbarkeit, mit einem Strom von ſchoͤnen Worten, die ich bewunderte, aber wobei ich mich unwillkuͤrlich zuruͤckzog. Ich ſah darin nur die Beſtrebungen, eine vermeintliche Pflicht zu erfuͤllen aber es war darin nichts Herziges, Narbonne kannte mich nicht; er konnte mich weder ſchaͤtzen noch lieben. Alſo war ich waͤhrend der ganzen Reiſe zuruͤckgezogen und ernſt, und zuweilen heiter uͤber den gluͤcklichen Ausgang des Wagſtuͤcks!

Unter dieſer Stimmung kamen wir nach Kenſington, und logirten uns ein bei Madame de la Châtre. Dieſe lag im Bett 'und war krank; ich verſchrieb ihr was, und ſuchte mich um die Wirthin verdient zu machen. Sie wurde wieder beſſer, und ſchenkte mir nachher ein Dutzend der feinſten engliſchen Schnupf¬ tuͤcher fuͤr meine Bemuͤhungen. Ich macht' ihr ein Gegengeſchenk mit einer feinen engliſchen Scheere, deren ſie bedurfte. Narbonne fuhr fort in ſeinem Betragen wie unterwegs. Ich ſagt 'ihm geradezu: Sie ſind zu gut, Sie machen mich beklommen; Sie kennen mich noch nicht; Sie wiſſen noch nicht, ob ich Freundſchaft40 verdiene. Er antwortete, ich ſei ein Original, und ließ mich ruhig! Ich habe nachher gemerkt, daß es ihm unangenehm geweſen war, mich nicht gewinnen, nicht gleich an ſich feſſeln zu koͤnnen.

Einige Tage nachher war Narbonne am Morgen fruͤh aus¬ gegangen, und ich fruͤhſtuͤckte allein mit Madame, die der fran¬ zoͤſiſchen Sitte gemaͤß noch im Bette lag. Verheirathet nur aus Convenienz, wie das bei allen Damen in Frankreich der Fall iſt, und uͤberdies noch mit einem alten grauhaͤrigen Manne, ſtand ſie ſchon ſeit neun Jahren in der engſten, vertrauteſten Verbindung mit einem gewiſſen Monſieur de Jaucourt, einem der Abgeordneten an der zweiten Aſſemblee. Madame de la Châtre bekam einen Brief, waͤhrend wir noch Thee tranken, und ſie hatt 'ihn kaum halb geleſen, ſo fiel ſie in Convulſionen, die bald auf einen fuͤrchterlichen Grad zunahmen. Sie ſchrie, ſie weinte, ſie ſchlug mit Haͤnden und Fuͤßen, ſie wollte ſterben, ſie wollte fort auf der Stelle nach Paris. Ihr Kammermaͤdchen und ihr Sohn ſtuͤrzten herein, ein Knabe von zehn Jahren, und machten noch mehr Laͤrm wie die Kranke ſelbſt. Ich ſchickte ſie fort, um Narbonne zu ſuchen. Die arme Frau fiel aus einem Paroxysmus in den andern, ſie rief unablaͤſſig: Es iſt vorbei, er iſt verloren, ſie haben ihn feſtgenommen; ſie werden ihn um¬ bringen! Ich ſchloß aus dem Allen, daß Jaucourt arretirt worden ſei, und das war auch wirklich der Fall. Ihr Zuſtand fing nun an, mich doppelt zu intereſſiren, denn ich dachte, die haͤtt' eine ſehr gute Gattin werden muͤſſen unter andern Um¬ ſtaͤnden, welche nach neunjaͤhrigem Umgang noch ſo heftig fuͤr Jemand fuͤhlt, dem ſie gut iſt! Ich wurde von dieſem Augen¬ blick an verliebt in Madame de la Châtre.

Ihre Anfaͤlle wurden immer aͤrger, ich hatte nie ſo was Fuͤrchterliches geſehn und wußte mir keinen Rath mehr; als41 endlich Narbonne kam. Sein Erſtes war, von den augen¬ blicklichen Anſtalten zur Reiſe nach Paris zu ſprechen; das Zweite, daß man einen Courier hinſenden muͤſſe, der Courier wurde gleich geholt und fortgeſchickt; das Dritte, es ſei am beſten, nur bis Dover ſelbſt zu reiſen, und da die Zuruͤckkunft des Couriers abzuwarten! Sein Benehmen war unuͤbertrefflich ſchoͤn; er fuͤhrte ſie in Zeit von anderthalb Stunden wieder zuruͤck zur Vernunft und Ruhe, und ſeine geiſtvolle Geſchaͤftigkeit um Madame herum waͤhrend der fuͤnf folgenden Tage war eins der ſchoͤnſten Schauſpiele, die man ſich denken kann.

Am ſechſten kam die Nachricht von Jaucourt's Freilaſſung. Madame de Staël war zu Manuel gefahren, damals Procureur de la Commune. Sie hatt 'ihn beinahe fußfaͤllig gebeten, ſich fuͤr Jaucourt zu verwenden. Manuel, ſtill, finſter, in ſich ge¬ kehrt, von Kindsbeinen an Republikaner, war uͤbrigens kein boͤſer Menſch. Er that das Seinige, und Jaucourt entkam aus der Abbaye am Abend vor dem Gemoͤrd' am 2. September. Es wuͤrde Schad 'um ihn geweſen ſein, haͤtt' er ſterben muͤſſen. Er iſt ein guter Mann, in dem kein Falſch iſt.

Dieſe gute Nachricht von Jaucourt's Freilaſſung errieth ich nur, foͤrmlich mitgetheilt wurde ſie mir nicht. Ich hatte einigen Antheil an dem Kummer von Madame de la Châtre genommen, und da ſie mich ſehr zu intereſſiren anfing, ſo ver¬ droß mich's um ſo mehr, daß man mich nicht Theil an der Freude nehmen ließ. Ich wollte auf der Stell 'aus dem Hauſe, und verſchwieg Narbonne nicht, warum. Sie werden mir dieſe Kraͤnkung nicht anthun, ſagt' er, die Weiber ſind ſchamhaft mit ihren Geliebten; der Schmerz treibt uͤber alle Schranken hinaus, aber mit der Ruhe kehrt die Ueberlegung wieder. Er hatte gleich mit Madame de la Châtre geſprochen, ſie nahm den erſten Anlaß, um mir weitlaͤufig und vertraulich von den42 erhaltenen guten Nachrichten zu ſprechen. Ich blieb! Von dieſem Augenblick an ſagten ſie, ich ſei empfindlich und ſonderbar wie Jean Jaques Rouſſeau, und dieſen Karakter hab 'ich hernach behalten.

Indeſſen war ich verdammt, die ſchoͤne Madame de la Châtre vom Morgen bis zum Abend zu betrachten. Ihr Weſen war nicht ſanft, nicht guͤtig, nicht empfindſam, ſie war vielmehr raſch, lebhaft, mannhaft, heftig ſchneidend zuweilen, und dieſe Frauenzimmer ruͤhren mich ſonſt nicht; aber ſie war ehrlich, fein, offen, hatte die ſchoͤnſte, vollkommenſte weibliche Form, Haͤnd 'und Fuͤße zum Mahlen, und eine Haut ſo weiß und fein, daß es ſogar in England vergeblich geweſen ſein wuͤrde, eine ſchoͤnere aufzuſuchen. Ich ſah ſie morgens ehe ſie aufſtand, abends ehe ſie einſchlief, und den ganzen Tag uͤber bald ſitzend, bald ſtehend, bald liegend auf dem Sopha in den ſchoͤnſt-moͤglichſten Attituͤden, immer voll Leichtigkeit und Anmuth in ihren Bewegungen, ſie begegnete mir uͤberdies ſehr freundſchaftlich, und hatte die Art von Freud' an mir, die man an einem Weſen von beſondrer Art hat, deſſen Freimuͤthigkeit gefaͤllt. Es war mir nicht moͤglich, unter dieſen Umſtaͤnden gleichguͤltig zu bleiben.

Nach und nach kamen von Paris Talleyrand, Jaucourt, Montmorency, und eine große Menge andrer Herren. Die Zirkel bei Madame de la Châtre wurden ſehr brillant. Wir ſpeiſten oft zu achtzehn bis zwanzig Perſonen. Gegenſtaͤnde aller Art wurden verhandelt, Syſteme aller Art wurden vertheidigt, Anek¬ doten aller Art erzaͤhlt. Witz und Laune wurden vergoſſen! Natuͤrlicherweiſe konnt 'ich mit dieſen Herrn in ihrer Art nicht wetteifern; ich hielt mich daher deſto, genauer an meine eigne; ich war ſo unfranzoͤſiſch wie moͤglich. Meiſtens kalt, ſtreng wahr in allem, was ich ſagte, naiv aufrichtig, unverbindlich in Wor¬ ten, und aͤußerſt zuvorkommend, wo ich gefaͤllig ſein konnte,43 vorzuͤglich fehlte meiner Madame de la Châtre keine Nadel, kein Etwas, ſo unbedeutend es auch ſei, das ich ihr nicht entgegen¬ trug, treffend zuweilen in meinen Bemerkungen, vorzuͤglich wenn die Herren im Disputiren ſich erhitzten und gegenſeitig einander nicht verſtanden, uneitel, ſtolz-maͤnnlich, verſchafft ich mir eine Art von Exiſtenz, die mir nicht unangenehm war, wobei mein wirklicher Karakter, glaub ich, gewann, und die ſich beſſer fuͤhlen als beſchreiben laͤßt.

Ob indeß dies Leben auf die Dauer gut fuͤr mich geweſen waͤre, weiß ich nicht. Ich las Voltaire und Rouſſeau, ſtudirte die franzoͤſiſche Sprache und die Menſchen, die um mich waren, aber meine naͤrriſche Leidenſchaft machte mich zuweilen mißmuthig, und ſtoͤrte die Freiheit meiner Seelenkraͤfte. Zum Gluͤck zerſtreute ſich die ganze Geſellſchaft. Narbonne, Madame de la Châtre, Jaucourt, Montmorency, hatten ein Landhaus gemiethet, wo natuͤrlicherweiſe fuͤr mich nichts zu thun war. Die Uebrigen gingen anderswo hin, und ich ſelbſt ging nach London, wo mein guter Heiſch eben angekommen war.

Kurz zuvor hatt ich einen ſehr freundſchaftlichen Brief von Madame de Staël erhalten, worin ſie mich bevollmaͤchtigte, zu jeder Zeit meines Lebens, dies ſind ihre eignen Worte, die Rechte eines Bruders, eines Freundes, eines Wohlthaͤters auf ſie gel¬ tend zu machen! Die Folge hat bewieſen, daß dieſer Brief ſehr ehrlich geſchrieben war.

Ich erhielt auch einen Brief von Zimmermann in Hannover, welcher mich mit Lobſpruͤchen uͤberhaͤufte, mir die ſchoͤnſten Aus¬ ſichten oͤffnete und ſogar ſchrieb, der Koͤnig wuͤrde mich ſprechen, und hernach wuͤrde mein Gluͤck gemacht ſein. Ich gab den Brief Narbonne zu leſen, er war geſcheidter wie ich, und ſagte nur blos: Der Mann ſchreibt ſehr gut franzoͤſiſch ! Wie¬44 wohl er Recht haben mochte, ſo hab 'ich dennoch ihm lange Zeit dieſe Antwort nicht verziehen.

Ueberhaupt hatte Narbonne, zuverlaͤſſig aus dem oben an¬ gegebenen Grunde, ſeit geraumer Zeit ſich ſehr zuruͤckgezogen; er hatt 'auch uͤbel genommen, daß ich ihm von meinen Empfin¬ dungen fuͤr Madame de la Châtre nichts ſagte, von denen er ſah, daß ſie mich quaͤlten. Bei verſchiedenen freundſchaftlichen Unterhaltungen, die ich in der letzten Zeit in Kenſington mit ihm einzuleiten ſuchte, blieb er kalt. Er verließ mich uͤbrigens unter vielen Freundſchaftsverſicherungen, verſprach, mich in London zu beſuchen, mich zu Lord Grenville zu fuͤhren, an meinem Gluͤcke zu arbeiten, u. ſ. w. Heiſch, der ihn beſuchte, hatt' er mit vieler Artigkeit empfangen und ihn gebeten, von ſeinen Empfeh¬ lungsbriefen noch keinen Gebrauch zu machen, indem er ſelbſt bei verſchied'nen angeſehenen Kaufleuten in London von ſeiner Bekanntſchaft ſich bemuͤhen wolle, ihm einen guten Platz zu ver¬ ſchaffen. Heiſch war erfreut daruͤber, und verſprach, Nachricht von ihm zu erwarten.

Die Trennungen in Kenſington gingen wie im Sturm, ich habe ſeitdem Madame de la Châtre, welche bald darauf nach Frankreich zuruͤckkehrte, wo ſie noch iſt, nicht wiedergeſehn. Ich logirte mich vorlaͤufig mit Freund Heiſch in London-Coffee¬ house, Ludgate-hill, einem großen Gaſthof in London, und freute mich bald recht koͤniglich meiner wiedererlangten morali¬ ſchen Freiheit.

Ich hatte damals fuͤnfzig Louisd'or, welche man mir in Paris gegeben hatte, um nicht ohne alle Huͤlfsmittel zu ſein, im Falle wir arretirt wuͤrden, oder daß uns ſonſt etwas zuſtieße. Ich ſprach in Kenſington vom Zuruͤckgeben, Narbonne fragte mich ſtatt aller Antwort, ob ich nicht geſcheidt ſei?

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Dies fuͤhrt mich, liebe Frau Baſe, wieder auf Ihren Brief. Sie ſchreiben: In Paris war Ihnen der Gedanke bitter, Ihren Nebenmenſchen gegen baare Bezahlung zu kuriren und doch. Geſetzt, ich haͤtte Narbonne geradezu fuͤr’s Geld gerettet, ſo ſehe ich kaum, was in der Sache juſt Unmoraliſches waͤre. Alles ehrliche Geldverdienen in der Welt iſt Verdienen durch Dienſt¬ leiſtungen, die hoͤheren Pflichten nicht widerſprechen, und mich daͤucht nicht, daß es mehr ſtrafbar iſt, fuͤr ein gerettetes Leben mit Gefahr des eignen ausgezeichnete Belohnung zu empfangen, als fuͤr ein gerettetes Leben durch ein kuͤhnes Aderlaß, ein kuͤhnes Brechmittel mit Gefahr des guten Rufs. Sein Leben vernuͤnftig zu wagen, d. h. mit der Wahrſcheinlichkeit es davon zu bringen, und fuͤr[einen] hinlaͤnglich wichtigen Zweck, iſt ſo wenig einer Pflicht zuwider, als vernuͤnftigerweiſe ſeinen guten Ruf zu wagen. Aber die Staël war ſchwanger, und Nar¬ bonne’s Tod waͤre zuverlaͤſſig der Untergang dreier Geſchoͤpfe geweſen! Das Einzige, was ein feines Gefuͤhl dabei Bedenk¬ liches findet, und was auch Sie, liebe Freundin, bei Ihrem Briefe geleitet hat, iſt die Bemerkung, daß es gewiſſe Dienſt¬ leiſtungen giebt, die zu edel ſind, um bezahlbar zu ſein, und die man nach Rouſſeau nicht fuͤr Geld thun kann, ohne ſich ſelbſt und die Sache zu erniedrigen! Dies iſt unſtreitig wahr! Aber ich hab auch mit Narbonne keinen Handel gemacht; es iſt nicht mit Einer Silbe von Geld als von Motiv unter uns die Rede geweſen. Ich bin innig uͤberzeugt, daß ich nicht um ein haarbreit verſchieden gehandelt haben wuͤrde, ſelbſt bei der Ge¬ wißheit, keinen Pfennig dadurch zu gewinnen; aber ich geſteh auch eben ſo aufrichtig, daß unter dem Berechnen der moͤglichen Folgen jener Handlung der Gedanke mir lieb war, meine Gluͤcks¬ umſtaͤnde dadurch vermuthlich zu verbeſſern. Ich wollte mir einen Freund auf Koſten der groͤßten Gefahr machen, deſſen46 Ueberfluß ich nicht umhin konnte als vortheilhaft fuͤr mich ſein koͤnnend mir vorzuſtellen, aber ich wuͤrde das Geld nicht als Beweggrund haben denken koͤnnen, ohne mich vor mir ſelbſt zu ſchaͤmen. Ich habe deßwegen in jener Ihrer Aeußerung die zaͤrt¬ liche Freundin tief gefuͤhlt, habe uͤber Ihre Liebe, uͤber Ihre Beſorgniſſe mich gefreut, und ich wuͤrde dieſen weitlaͤufigen Brief, dies Stuͤck Roman nicht ſchreiben, fuͤrchtet ich nicht, daß Sie von manchen Vorfaͤllen ſchief unterrichtet ſein moͤchten, und wuͤnſcht ich nicht, Sie zu uͤberzeugen, daß ich, trotz der mancherlei begangnen Fehler, doch wenigſtens die Gefahren nicht gelaufen bin, fuͤr welche Sie am meiſten zu fuͤrchten ſcheinen.

Ich fing nun an, mit meinem treuen braven Heiſch, den ich wieder zu haben mich freute, London zu beſehn, legte mich mit Eifer auf die Sprache, ſtudirte die Zeitungen, um das Volk kennen zu lernen, worunter ich mich befand.

Acht Tage waren ungefaͤhr ſo verfloſſen, als mir Narbonne eine gerichtliche Obligation zuſchickte, worin er ſich und ſeine Erben verpflichtete, mir Zeit meines Lebens fuͤnfzig Louisd’or jaͤhrlich zu bezahlen, als einen Beweis, wie es in der Obligation hieß, ſeiner Dankbarkeit fuͤr meine ihm geleiſteten Dienſte. Dies Papier war von einem Billet begleitet, worin er mich in ſehr hoͤflichen Ausdruͤcken bat, das Beikommende anzunehmen, worin er es bedauerte, daß Geſchaͤfte ihn verhindert haͤtten, mich zu beſuchen, und worin er am Ende ſagte, nichts wuͤrd ihn ab¬ halten koͤnnen, in den naͤchſten Tagen zu mir zu kommen und mich zu ſehn. Ich war geſonnen, ſeine Obligation zu behal¬ ten, im Fall ich ſie, durch Narbonne’s kuͤnftiges Betragen be¬ rechtigt, als ein freundſchaftliches Geſchenk wuͤrde anſehn koͤnnen, und ſchrieb ihm daher zuruͤck, ich ſaͤhe ſeinem Beſuche, um ihm meine Dankbarkeit beweiſen zu koͤnnen, mit heißer Erwartung entgegen. Ich war dies um ſo mehr berechtigt zu ſchreiben,47 da Narbonne ſelbſt in ſeinem Billet mir anzeigte, er ſei gegen¬ waͤrtig bald hier, bald dort, und da das Landhaus, wo er eigent¬ lich zu ſuchen war, zwanzig engliſche Meilen von London lag.

Um die Zeit machte ich im Coffeehouse durch einen Dritten, den ich ſchon in Paris gekannt hatte, die Bekanntſchaft eines gewiſſen Erichſen, eines ſchwerreichen Kaufmanns aus Kopenhagen. Es war ein ſehr huͤbſcher Mann, frei, offen, ſtolz, großmuͤthig in ſeinem Weſen, dreißig Jahr alt, aber ſeit ſeinem dreizehnten beſtaͤndig auf Reiſen; er war zweimal in Oſtindien geweſen, war, ohne gelehrte Kenntniſſe zu haben, durch eigne Erfahrung uͤber unendlich viele Dinge aͤußerſt richtig und umſtaͤndlich be¬ lehrt. Er verſtand ſich gut auf Menſchen, und kannte vorzuͤglich England, wo er wie zu Hauſe war, mit allen ſeinen Verhaͤlt¬ niſſen durch und durch! Nach einigen Unterhaltungen fing er an, ſich fuͤr mich zu intereſſiren, und dies Intereſſe wuchs bald zu einem ſolchen Grade, daß er ohne mich nicht fertig werden konnte. Er nahm ſich vor, mich London kennen zu lehren. Wir beſahen eine Merkwuͤrdigkeit nach der andern, gingen taͤglich ins Schau¬ ſpiel, beſuchten alle oͤffentlichen Haͤuſer, alle oͤffentlichen Zuſammen¬ kuͤnfte, und drei Wochen verflogen ſo im Taumel. Erichſen ver¬ ſtand in einem hohen Grade die Kunſt, zu beobachten. Sein Ver¬ ſtand brachte mannigfaltig zuſammen alles, was ſeinen Blicken be¬ gegnete. Er ſah nichts ohne zu denken, und uͤberraſchte mich oft in großen Zirkeln mit Aufſchluͤſſen uͤber einzelne Perſonen, die es unmoͤglich ſchien ohne genaue Bekanntſchaft mit denſelben geben zu koͤnnen, und die er doch, wie er mir nachher bewies, nur aus einzelnen Bemerkungen ſchoͤpfte. Er machte mich aufmerkſam auf alles, was einem jungen Reiſenden merkwuͤrdig ſein kann, er fuͤhrte mich zur Kenntniß engliſcher Sitten und engliſchen Karak¬ ters; er ſprach mir von der engliſchen Staatsverfaſſung und von den eingeſchlichnen Mißbraͤuchen in dieſelbe, mit Einem Worte

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ich war keinen Augenblick bei ihm, ohne etwas Nuͤtzliches zu er¬ beuten! Von den Koſten unſrer Zerſtreuungen bezahlt 'ich kaum nur den fuͤnften Theil, er wollte durchaus nicht, daß ich alles zur Haͤlfte bezahlte, auch haͤtt' ich's nicht koͤnnen! Er ſagt ', ihm mache das alles nichts aus, ſein Gluͤck ſei gemacht, er wuͤnſche mich zur Geſellſchaft zu haben, und ſo weiter, und er that alles mit einer ſo guten Art, daß mir darum, weil ich ihm Verbindlichkeiten ſchuldig ward, auch nicht ein bischen in ſeinem Umgange weniger leicht, weniger behaglich war!

Heiſch hatt 'unterdeß Gebrauch von ſeinen Empfehlungs¬ briefen gemacht und wieder einen ſehr guten Platz bekommen. Narbonne ließ durchaus nichts von ſich hoͤren, und das verdroß mich um ſo mehr, weil dadurch ſeine Obligation das Anſehn einer Bezahlung erhielt. Ich wollte ſie zu wiederholtenmalen zuruͤckſenden, aber Erichſen hielt mich immer davon zuruͤck. Er ſagte: Die Großen taugen nichts; ihr Geld iſt beſſer wie ſie ſelbſt; Narbonne wuͤrde ſich freuen, ſein Papier wieder zu haben, und Sie noch obendrein auslachen; behalten Sie, was Sie haben, und begehn Sie keine Thorheit aus falſcher Delikateſſe. Dieſe Gruͤnde verzoͤgerten wohl die Ausfuͤhrung meines Vor¬ habens, aber ſie befriedigten mich nicht, die Obligation war mir druͤckend.

Erichſen faßte den Entſchluß, nach Paris zu gehn, um eine Unternehmung in Getraide zu machen. Er hatt 'einen eignen Reiſewagen und folglich einen leeren Platz. Er dacht' in drei Wochen wieder nach London zuruͤckzukommen, und drang heftig in mich, ihn zu begleiten. Es ging mir mit Paris, wie's oft geht; wenn man aus einem Orte weg iſt, faͤllt 'einem erſt bei, was man noch haͤtte erforſchen, wornach man haͤtte ſehn, wovon ſich unterrichten koͤnnen; drum war mir ein neuer kurzer Auf¬ enthalt in Paris ſo unrecht eben nicht. Die Gefahr war uͤber¬49 dies nur geringe, denn theils kannte man meine Geſchichte mit Narbonne nur wenig, theils wußt' ich, daß man Niemand ohne Nutzen verfolgt. Die Gelegenheit war ſchoͤn; ich entſchloß mich und gab mein Verſprechen! Erichſen war froh daruͤber. Er ſagte, die ganze Reiſe, mein Aufenthalt in Paris, alles kurzum, ſolle mir keinen Pfennig koſten, er habe mir fuͤr's Mitgehn, nicht ich ihm fuͤr's Freihalten Verbindlichkeit.

Alles waͤre gut gegangen, wenn wir allein geblieben waͤren, aber es war in London ein gewiſſer Herr Rilliet, Banquier von Paris, mit ſeiner Frau. Er war ſo halb und halb mit Auf¬ traͤgen nach England geſandt worden, aber die Sache war nicht ganz klar. Er fuͤrchtete ſich ein bischen, wieder nach Frankreich zu gehn, weil man ſchon harte Dekrete gegen die Ausgewander¬ ten gegeben hatte. Er hatte Erichſen kennen gelernt, und bat ihn, in ſeiner Geſellſchaft reiſen zu duͤrfen, weil er dies fuͤr einen kleinen Schutz hielt; Erichſen war's zufrieden. Wir fuhren ab in zwei Reiſewagen, Rilliet mit ſeiner Frau und einem Kammer¬ maͤdchen, Erichſen und ich; ein Bedienter war zu Pferde. Wir wechſelten auf jeder Station die Plaͤtze! Natuͤrlicherweiſe kam ich auf meiner Tour bei Madame Rilliet zu ſitzen, und ich ent¬ deckte bald an ihr einen koͤſtlichen Schatz. Sie war nicht ſehr groß, aber aͤußerſt fein gebaut und ohne Fehler im Verhaͤltniß. Ihre gebogene Naſe allein haͤtte ein bischen kleiner ſein koͤnnen, aber der Mund darunter war deſto huͤbſcher, und ihre großen ſchwarzen, nie ſtummen, ſanften Augen waren unbeſchreiblich ſchoͤn! Sie war auferzogen worden zugleich mit Madame de Staël von dem beruͤhmten Abbé Raynal, welcher nichts verſaͤumt hatte, ihrem von Natur ſchon regen und thaͤtigen Geiſte Reich¬ thum und Bildung zu geben. Sie hatte uͤberdies, was mehr werth war, ein ſehr empfindſames Herz, eine reine fleckenloſe Seele und einen ſehr feinen Sinn fuͤr's moraliſche Schoͤne.

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Alle dieſe Genußfaͤhigkeiten und Kraͤfte blieben in ihrem taͤglichen Leben ungebraucht und unbefriedigt, denn ihr Mann, den ſie hatte nehmen muͤſſen, war nur ein guter Kaufmann. Sie war vier und zwanzig Jahr alt. Sie war eine vertraute Freundin von Madame de Staël, wiewohl ſie nicht alle Handlungen der¬ ſelben billigte. Sie kannte den Dienſt, welchen ich derſelben geleiſtet hatte. Sie war ſehr beklommen, wieder nach Frankreich zu gehn, und ſehr traurig, weil ſie in England einen vielgelieb¬ ten Sohn zuruͤcklaſſen mußte, der erſt drei Jahr alt war. Nehmen Sie alles dieſes zuſammen, und urtheilen Sie ſelbſt, ob unſre Unterhaltungen im Wagen lange gleichguͤltig bleiben konnten!

Ich bin nie verliebt geworden in Madame Rilliet, aber ſie wurde meine innigſte Freundin. Sie ſind ein Mann aus mei¬ nem Lande, ſagte ſie, nachdem wir ein paar Tage beiſammen geweſen waren, und ich fuͤhlte, daß ſie eine Frau aus dem mei¬ nigen war. Nie hab 'ich eine ſchoͤnere Reiſe gemacht; ſie dauerte ſehr lange; wir waren beinahe vierzehn Tage unterwegs. Die Rilliet hatte ſich davor gefuͤrchtet, und ihre Furcht wurde be¬ trogen. Ich hatte mir Vergnuͤgen verſprochen, aber ſo viel nicht!

Wie viel haͤtt 'ich zu thun, wollt' ich Ihnen nur halb mit¬ theilen, was all Intereſſantes und Schoͤnes zwiſchen uns vorfiel!

Ungeſtoͤrt blieb indeſſen die Freude nicht lange. Erichſen war zu fein, um nicht bald zu merken, wieviel die Rilliet anfing auf mich zu halten. Er hielt ſelbſt zu viel auf ſie, und war zu ehrgeizig, um nicht eiferſuͤchtig zu werden. Ich haͤtte ſeine ſchwache Seite ſchonen ſollen, aber ich kannte ſie nicht, und nachdem ich ſie kennen gelernt hatte, war es zu ſpaͤt. Er fing an kalt zu werden, fing an, ſich gern an mir zu reiben und bitter zu dispu¬ tiren. Manche Umſtaͤnde trugen dazu bei, ſeine uͤble Stimmung zu vermehren!

51

Widrige Winde hielten uns hier Tage lang in Dover zuruͤck. Die Rilliet war neugierig, meine Verhaͤltniſſe mit Narbonne zu[kennen], und ich erzaͤhlt ihr alles, wie wir nach und nach ver¬ trauter zu werden anfingen. Sie unterſtuͤtzte ſehr den Entſchluß, die Obligation an Narbonne zuruͤckzugeben. Ich ſchrieb an ihn auf der Stelle, ſeine Obligation wuͤrde mir lieb geweſen ſein, haͤtt ich ſie betrachten koͤnnen als wie ein Geſchenk, ſo wie es ein Freund dem andern giebt, ſelbſt ohne vorhergegangene be¬ ſondre Dienſtleiſtung; ſeine Zuruͤckgezogenheit mache daraus eine Bezahlung; ich ſei aber nicht gewohnt, mit aͤhnlichen Handlungen zu wuchern, und ſende ihm ſein Papier zuruͤck, um mich von einer Sache zu befreien, die mich nicht weniger druͤcke als ent¬ ehre; zu gleicher Zeit bekannt ich mich als ſeinen Schuldner fuͤr die fuͤnfzig empfangenen Louisd’or, und bedauert es recht ſehr, ſie nicht gleich zuruͤckgeben zu koͤnnen. Heiſch, an welchen ich dieſen Brief ſandte, mußte die Obligation beifuͤgen, und alles an die Behoͤrde befoͤrdern!

Erichſen merkte, was geſchehen war, und ob er gleich nichts ſagte, ſo haben doch ſpaͤtere Aeußerungen mir bewieſen, daß die Hintanſetzung ſeines Raths ihn nicht wenig gekraͤnkt hatte.

Es zeigte ſich endlich ein guͤnſtiger, wiewohl ſehr ſchwacher Wind, und wir ſchifften uns ein des Abends um 10 Uhr.

Es war eine truͤbe, halbhelle, ziemlich rauhe Novembernacht; die Rilliet befuͤrchtete ſehr, krank zu werden, und ich bewog ſie daher, auf dem Verdecke zu bleiben, weil man ſich da gewoͤhnlich beſſer befindet. Sie ſetzte ſich wohl eingehuͤllt auf eine Art von niedrigem Stuhl. Ich gab ihr hernach noch meinen Oberrock und meinen Mantel. Ich ſetzte mich ſelbſt hinter ſie auf einen erhoͤhten Theil des Schiffes, und ſie mußte Schultern und Kopf auf meine Knie legen, um das Schwanken des Schiffes weniger zu fuͤhlen. Sie lag auf meinem Schoß wie eine aͤgyptiſche Mumie,4 *52und ich bot alle Kraͤfte meiner Seele auf, um durch eine inter¬ eſſante Unterhaltung ſie von der Idee der Gefahr abzuwenden. Mitunter kam Schneegeſtoͤber; der Schaum der uͤbereinander¬ ſtuͤrzenden Wellen phosphoreszirte. Herr Rilliet lag in der Kajuͤte und war krank. Erichſen, gleich einem alten Seehelden, ſaß mitten auf dem Verdeck bei einer Lampe, ſchnitt Roaſtbeef vor, und theilte Portwein aus. Es war eine der ſchoͤnſten Naͤchte meines Lebens, wiewohl vor Froſt meine Kniee zitterten und meine Zaͤhne klappten!

Erichſen fand ſehr ſonderbar fuͤr einen Doktor, in einer kalten Novembernacht, mit bloßem Rock und ohne Unterweſte, ſich ſo preiszugeben. Die Rilliet wollte durchaus, daß ich meine Bedeckungen wiedernaͤhme, und ſie in die Kajuͤte gehn ließe. Ich demonſtrirt aber aus Leibeskraͤften, daß mir wohl ſei; daß ſie dann in der Kajuͤte unfehlbar krank werden wuͤrde, und daß die Kaͤlte allein noch Niemand geſchadet habe. Erichſen fuͤtterte mich und traͤnkte mich, und es gelang mir, das zarte Geſchoͤpf¬ chen vollkommen wohl nach Calais zu bringen, woran ihre Be¬ ſorgniſſe fuͤr mich keinen geringen Antheil hatten.

Kaum angekommen, erhob ſich ein fuͤrchterlicher Sturm, und wir freuten uns nicht wenig, in Sicherheit zu ſein.

Wir hatten nicht mit dem großen Schiffe bis Calais kommen koͤnnen, weil Ebbe war, und der Anblick entzuͤckt uns, wie wir, in einer kleinen Barke davon fliegend, das Packetboot ſchwebend auf der Fluth zuruͤckließen. Nach und nach kamen wir bis Rouen, wo die Rilliets blieben, und Erichſen und ich ſetzten die Reiſe fort bis Paris.

Wir beſahen da vieles und verlebten waͤhrend drei Wochen manche intereſſante Augenblicke, aber die alte Harmonie kam nicht wieder. Wir entfernten uns vielmehr immer weiter von ein¬ ander, und dazu trug die Verſchiedenheit unſrer politiſchen Mei¬53 nungen und die fortdauernde Korreſpondenz zwiſchen mir und der Rilliet nicht wenig bei. Erichſen war wuͤthender Republikaner, und kannte nur wenig die geheime Geſchichte der Revolution und die Schlechtigkeit der Menſchen, welche anfingen, ſich derſelben zu bemaͤchtigen. Unſre Urtheile waren daher faſt immer ſich ent¬ gegengeſetzt, und das war um ſo trauriger, weil man beſtaͤndig uͤberall faſt nur politiſche Gegenſtaͤnde verhandelte. Sein Auf¬ enthalt zog ſich uͤberdies in die Laͤnge, wir mußten uns trennen; wir thaten es ohne Bitterkeit, aber das gegenſeitige Verhaͤltniß zwiſchen uns war ſo ſehr veraͤndert, daß ich unwillkuͤrlich ſagte, ich woll 'ihm hundert und fuͤnfzig Livres in Aſſignaten, unge¬ faͤhr drei Louisd'or in Gold, die er mir zur Reiſe gab, weil ich mit Geld nicht reichlich mich verſehen hatte, in London zuruͤck¬ geben. Er antwortete nichts hierauf, und ich reiſte fort.

Meinen Weg nahm ich, wiewohl es Erichſen ſonderbar fand, uͤber Rouen, wo ich einige koͤſtliche Tage zubrachte. Sehn Sie, ſagt 'eines Tages die Rilliet, welche nach und nach meine ganze Lage kennen gelernt hatte, ſehn Sie, dieſe Boͤrſe iſt im eigentlichen Sinne mein unbeſchraͤnktes Eigenthum; betrachten Sie dieſes als das Ihrige, denn wenigſtens bin ich's nicht un¬ werth, daß Sie von mir nehmen, und die Thraͤnen liefen ihr uͤber’s Geſicht. Ich druͤckt' einen gluͤhenden Kuß auf ihre Hand, die groͤßte Kuͤhnheit, welche ich mir jemals mit ihr erlaubte, entwand mich ſo gut ich konnt ', und verſprach, mich ihrer zu erinnern, wenn ich jemals in Verlegenheit kommen ſollte.

Ich ſchiffte mich zu Dieppe ein, landete nach ſechsunddreißig Stunden morgens fruͤh am 23. Januar in Brigthelmſtone, und kam noch am Abend deſſelben Tages nach London.

Ich richtete mich mit Heiſch wieder auf denſelben Fuß ein, wie in Paris, ſuchte Bekanntſchaften zu machen, beſuchte Ho¬54 ſpitaͤler, legte mich ganz auf's Engliſche, ſtudirte die Geſchichte, die politiſchen Verhaͤltniſſe, die Sitten des Landes, und brachte ſo vier Monate, ich darf ſagen, fleißig zu. Ich darf von Eng¬ land nicht anfangen zu reden, ſonſt wuͤrde dieſer Brief, welcher ſo ſchon zu einer ungeheuren Groͤße anſchwillt, vollends ein Buch. Es iſt mit Einem Worte das Land der Freiheit, der geſunden Vernunft, der Maͤnnlichkeit, der Großmuth und Behaglichkeit. Das Gouvernement verflicht ſich uͤberall in die Sitten und in den Karakter der Voͤlker, und ohne zu wiſſen, daß man uͤber die Graͤnze gekommen iſt, darf man zuweilen nur einen Bauern, ein Dorf anſehn, um ſich zu uͤberzeugen, daß man auf dem Gebiet eines andern Landesherrn iſt. Nirgends iſt dies auffallender, als wie in England. Ordnungsſinn, Reſpekt fuͤr's Ganze, Halten auf Regel, Beſcheidenheit, Feſtigkeit, Formgang, Ruhe, Ehr¬ furcht fuͤr die Sitte der Vorvaͤter, Nationalſtolz, laſſen ſich beinahe in jedem Einzelnen vernehmen. Es giebt in England Mißbraͤuche, ſo gut wie anderswo, und wer ſich Muͤhe geben will, der kann davon ein wahres und haͤßliches Gemaͤlde zuſam¬ menbringen. Aber das verſteckte wenige Haͤßliche muß aufgeſucht werden, das vorwiegende, uͤberall verbreitete Schoͤn 'und Gute bietet ſich entgegen! Sie koͤnnen denken, liebe Freundin, daß, von den Vorzuͤgen Englands innig durchdrungen ſein und der Wunſch dort ſich anzubauen, fuͤr einen jungen Mann in meiner Lage nicht lange zwei geſonderte Dinge ſein konnten; nur wie dieſer Wunſch auszufuͤhren ſei? Das war die große Frage! Ich hatte wieder angefangen unter guten Bekannten zu prak¬ tiziren, und hatte ſogar einige gluͤckliche Kuren gemacht, die aber geheim gehalten wurden, um aͤltere, umſonſt ſich bemuͤht habende Hausaͤrzte nicht zu beleidigen. Aber theils begriff ich, daß ein großes Kapital dazu erfordert wuͤrd', um es auszu¬ halten bis zum entfernten Zeitpunkt, wo nach und nach er¬55 wordene große Bekanntſchaft, Ruf und Gluͤck mir eine hinlaͤng¬ liche Praxis verſchafft haben wuͤrden, um davon anſtaͤndig leben zu koͤnnen; theils war die Liebe zu meinem Fach, durch naͤhere Bekanntſchaft damit, ſchon ſeit geraumer Zeit betraͤchtlich er¬ kaltet. Die Arzneikunſt hat wirklich keine feſten Prinzipien, und kann keine haben und keine erhalten, weil wir wohl die groben Theile unſers Koͤrpers, aber nicht die feinere Struktur deſſelben kennen, nicht die innern bewegenden Kraͤfte, nicht die Art und Weiſe, wie die Zerruͤttungen in ihnen entſtehen, weil wir eben ſo wenig die innere Natur der Heilmittel und ihrer naͤchſten Wirkungen erforſchen koͤnnen, und weil es nicht moͤglich iſt, in der Medizin reine Erfahrungen zu machen, indem die[ungeheure] Menge der nicht in Anſchlag zu bringenden mitwir¬ kenden Umſtaͤnde und Zufaͤlle die vorſichtigſten Schluͤſſe der beſten Logik ſchwankend und unzuverlaͤſſig macht. Die Erfahrung be¬ weiſet dies Raiſonnement! Glauben Sie mir auf mein Wort, liebe Frau Baſe, in demſelben Falle, wo man in Deutſchland purgirt, laͤßt man zu Ader in Frankreich und gibt Opium und China in England. Letzteres in Deutſchland thun, hieße toͤdten, und dort werden die Leute geſund davon, und wuͤrden es hoͤchſt wahrſcheinlich noch beſſer, wenn ſie gar nichts naͤhmen. So viele geſcheidte, weiſe Leute haben ſeit zweitauſend Jahren ge¬ dacht, geforſcht und geſchrieben, und dennoch lacht noch immer der von heute uͤber den von geſtern, und nicht einmal uͤber die Behandlung eines einfachen Fiebers iſt man in’s Reine! Um in der Laufbahn eines praktiſchen Arztes gluͤcklich zu ſein, muß man entweder keinen Verſtand haben, oder ſeinen Verſtand gefangen nehmen, und glaͤubig werden an Ein Syſtem, oder roh genug ſein, um vom Vorurtheil der Leute Nutzen ziehn, das Geld in den Beutel ſtreichen, und in’s Faͤuſtchen lachen zu koͤnnen.

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Alle praktiſchen Aerzte befinden ſich entweder durch Kaͤrg¬ lichkeit der Natur, oder durch Gewohnheit und Nothwendigkeit, oder durch die Nichtswuͤrdigkeit ihres Karakters in einem der drei beſagten Faͤlle, und die wenigen edeln, welche nur ge¬ zwungen und vermoͤge der Ueberzeugung, daß es beſſer iſt, irgend ein ehrbares Handwerk, als gar keins zu treiben, auf der un¬ wiſſend gewaͤhlten Laufbahn fortgehn, geſtehn unter vier Augen mit Kummer ihre Bedraͤngniß. Von allen vier Klaſſen hab 'ich kennen gelernt!

Geſetzt aber auch, die obigen Bemerkungen waͤren nicht wahr, geſetzt, die praktiſche Arzneikunſt waͤr 'eine feſtgegruͤndete Wiſſenſchaft, ſo wuͤrde die Nuͤtzlichkeit derſelben dennoch nur gering ſein, indem die hitzigen Krankheiten ſich meiſtens von ſelbſt kuriren, und indem die langwierigen ihren Grund faſt immer in phyſiſchen, moraliſchen und buͤrgerlichen Verhaͤltniſſen haben, die abzuaͤndern außer der Gewalt des Arztes liegt!

Alle dieſe Vorwuͤrfe treffen indeß nur die innere Heilkunde vorzuͤglich; in der Wundarzneikunſt iſt mehr Gewiſſes, ihr Nutzen iſt mehr außer Zweifel; aber theils wuͤrde die Ausuͤbung der¬ ſelben immer empoͤrend fuͤr mein Gefuͤhl ſein, theils erfordert ſie eine lange Uebung, die ich nicht Gelegenheit gehabt habe mir zu verſchaffen.

Auch weiß ich wohl, daß trotz der Ungewißheit der Heil¬ kunde im Ganzen dennoch die Kurart von