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Denkwuͤrdigkeiten und vermiſchte Schriften
Denkwürdigkeiten und vermiſchte Schriften
Dritter Band.
Mannheim. Verlag von Heinrich Hoff. 1838.

Druck von Hoff & Heuſer in Mannheim.

Inhalt des dritten Bandes. Aus eignen Denkwürdigkeiten.

  • Seite
  • Studien und Stoͤrungen. Berlin 18071
  • Beſuch bei Jean Paul Friedrich Richter64
  • Tuͤbingen. 1808. 180987
  • Steinfurt. 1810. 1811127
  • Harren und Streben. Prag 1811. 1812168
  • Tettenborn213
  • Hamburg im Fruͤhjahr 1813249
  • Kriegszuͤge von 1813. 1814382
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Studien und Störungen.

Berlin 1807.

Das Fruͤhjahr trat mit ſtarken Schritten ein, ohne fuͤr Halle guͤnſtigeres Geſchick, noch dem in Preußen fortwuͤthenden Krieg eine erwuͤnſchte Wendung zu brin¬ gen; wir fuͤhlten Alle, daß ein laͤngeres Abwarten der Dinge fuͤr uns unſtatthaft ſei, und wir das beginnende Sommerhalbjahr wenigſtens ſo gut als thunlich zu be¬ nutzen haͤtten. Wolf und Schleiermacher wandten die Augen nach Berlin, und zu dieſem Orte zogen auch unſre Verhaͤltniſſe und Studien uns am ſtaͤrkſten hin. Adolph Muͤller wollte in jedem Falle die mediciniſchen Anſtalten dort benutzen; fuͤr mich boten dieſe reichlich dar, was ich am dringendſten bedurfte, und meinem und Neumann's philologiſchen und allgemein wiſſen¬ ſchaftlichen Trieben war hier, beſonders wenn Wolf und Schleiermacher folgten und ihre beabſichtigten Vorleſungen hielten, noch immer mehr bereitet, als auf jeder andern uns bekannten Univerſitaͤt. Fuͤr uns waren EntſchlußIII. 12und Ausfuͤhrung am leichteſten, und ſo fanden wir Beide uns die erſten auf dem Wege, bei ſchoͤnem Wetter um die Mitte des April, aus ſtudentiſcher Vorliebe und aus Sparſamkeit diesmal zu Fuß, welches beides jedoch nur von Halle bis Deſſau und von Potsdam bis Berlin vorhielt, denn zwiſchen Deſſau und Potsdam uͤbernahm uns die traurige Oede und muͤhſame Beſchwerlichkeit der ſandigen, damals noch ungebauten Landſtraße zu ſehr, und wir beſtiegen den Poſtwagen, der ſchon lange neben uns fuhr, und jetzt unſrer Reiſe zwar wenig Be¬ ſchleunigung, aber doch einſchlaͤferndes Ausruhen ge¬ waͤhrte.

Wir ſahen in Berlin der Reihe nach unſre Freunde mit herzlichſtem Willkommen. Leider entging uns nicht, daß der Druck des Krieges in der ganzen Stadt hart fuͤhlbar war, uͤberall zeigte ſich Zerruͤttung der Ver¬ haͤltniſſe, Verringerung der Huͤlfsmittel, Einſchraͤnkung der Lebensweiſe, dazu die unerſchwinglichen Laſten der Kriegsabgaben und der Einquartierung, und eine große Muthloſigkeit in Betreff der Zukunft. Ein knappes und ſpaͤrliches Weſen, das von jeher an dem Berliner Leben im Gegenſatz uͤppigerer Hauptſtaͤdte bemerklich wurde, zog ſich noch mehr in's Enge und Bange, und ſtach nur um ſo widriger gegen das Wohlleben ab, welches die fremden Sieger auf Koſten des bezwungenen Landes fuͤhrten. Auch fuͤr uns ſelbſt wurde dieſer Zuſtand un¬ mittelbar empfindlich, denn ſo manche Huͤlfsquellen, auf3 die wir hoffen durften, blieben aus, beſonders in Neu¬ mann's Verhaͤltniſſen trat voͤllige Ebbe ein, und wir waren beide geraume Zeit auf die Mittel beſchraͤnkt, welche mir zukamen, und bei denen fuͤr zwei doch man¬ ches Behelfen noͤthig wurde; wir wohnten und lebten indeß gemeinſchaftlich, ſo gut es ging.

Mein Studiren war bald angeordnet. Ich warf mich bei den Unſicherheiten, die ich in unſrer deutſchen Welt herrſchen ſah, nur um ſo ernſtlicher auf die Me¬ dicin, als worin mir Stand und Waffe zum bedenklichen Kampfe des buͤrgerlichen Lebens vor allem gewonnen ſein mußte, um demnaͤchſt wo moͤglich auch andre Zwecke und Ausſichten verfolgen zu koͤnnen. Manche Zwiſchen¬ ſtufe, zu welcher ich ſpaͤter zuruͤckzukehren dachte, fuͤr jetzt uͤberſpringend, und im Grunde wirklich genugſam vorbereitet, eilte ich ſogleich in die Mitte der ausuͤben¬ den Heilkunde, und machte den kliniſchen Lehrgang in dem Charité-Krankenhauſe mit, außerdem hoͤrte ich bei Willdenow Botanik und Arzneimittellehre, und, damit ich mir an Gruͤndlichkeit nichts erließe, nochmals, ich glaube zum ſiebenten oder achtenmale, die Oſteologie. In beſtimmten Stunden trieb ich mit Theremin das Spaniſche, Engliſch und Italiaͤniſch mit andern Freunden, und kein Tag verging, da ich nicht im Homer und in der griechiſchen Anthologie geleſen und aus der letztern ein paar Stuͤcke metriſch uͤberſetzt haͤtte, welches letztere mir gewoͤhnlich ſchon zuerſt am Morgen, beim Ankleiden1*4und Fruͤhſtuͤcken, ohne Anſtrengung gelang. Neumann unterdeſſen, fuͤr welchen es keine Vorleſungen gab, wandte ſich mit angeſtrengtem Fleiß auf die Ueberſetzung der florentiniſchen Geſchichte des Machiavelli, wovon er ſich gute Frucht verſprach, beſonders wenn Johann von Muͤller bewogen werden koͤnnte, wie wir hofften, durch eine Vorrede und Anmerkungen das Buch empfehlend auszuſtatten.

Dieſer Grund wirkte ſtark mit, daß ich mich beeilte, nun auch die perſoͤnliche Bekanntſchaft des großen Ge¬ ſchichtſchreibers, dem wenigſtens damals die herrſchende Meinung keinen Lebenden an die Seite ſtellte, mir nicht laͤnger entgehen zu laſſen; die Verſtimmung, welche ſich mit ſeinem Namen verbunden hatte, war mir einiger¬ maßen geſchwunden, indem die Erſten und Beſten der Nation, von denen ich nur Goethe, Wolf und Schleier¬ macher hier nennen will, fortwaͤhrend ſein Verdienſt hervorhoben und ſeine Schwaͤche entſchuldigten. Ich beſchloß, ihn zu beſuchen, und zwar gradezu, ohne Empfehlung oder Anfrage, wie mir das ſchon immer am beſten eingeſchlagen war. Der Empfang konnte in der That nicht freundlicher ſein, und wunderbarerweiſe fand ich mich ohne es zu wiſſen ſchon durch meinen eignen Namen empfohlen. Das hing ſo zuſammen. Der ſpaniſche Geſandte in Berlin, General Benito Pardo de Figueroa, ein Mann von gutem Sinn und vielfachen Kenntniſſen, hatte die ſeltne Gabe, ſeine dichteriſche5 Ader in griechiſche Verſe ausſtroͤmen zu koͤnnen, und wiewohl weder das Dichteriſche noch das Griechiſche von erſter Qualitaͤt waren, ſo blieb doch dieſe Verbindung eines griechiſchen Poeten und eines ſpaniſchen Generals und Geſandten ein unerhoͤrte Merkwuͤrdigkeit, welche in der gelehrten wie in der vornehmen Welt kein geringes Aufſehen machte. Der General nahm mit liebenswuͤr¬ diger Eitelkeit die Bewunderung auf, die ihm auf dieſem deutſchen Boden zum erſtenmal ſo recht zu Theil wurde, und ließ ſein Licht beſtens leuchten, ſelbſt in den hoͤch¬ ſten Kreiſen, wo ſeit den Zeiten der Koͤnigin Chriſtina von Schweden die Galanterie ſchwerlich in dieſer Sprache ſich hatte vernehmen laſſen. Ein griechiſches Sinngedicht auf die Schoͤnheit der Koͤnigin Luiſe hatte in den Ber¬ liner Zeitungen geſtanden, und war, aus der geringen Stellung zwiſchen den gewoͤhnlichen Anzeigen dieſes grauen Loͤſchpapiers zu dem Glanze des Hofes gehoͤrig emporgezogen worden. Die Ungluͤcksfaͤlle Preußens rauſchten uͤber dieſen Eindruck hin, und hatten ihn faſt verwiſcht, als ein zweites Gedicht hervortrat, auf ſchoͤnem Papier mit ſaubern Typen gedruckt, eine ſapphiſche Ode an den ſpaniſchen Dichter Arriaza, gewuͤrzt mit dem Lobe des Friedensfuͤrſten, den auch jener beſungen hatte. Wolf bekam das Blatt nach Halle zugeſandt, gab es mir als eine Merkwuͤrdigkeit zu leſen, mein techniſcher Trieb hatte gleich eine Ueberſetzung fertig, ſie wurde von Wolf eingeſiegelt und nach Berlin abgefertigt, wenige6 Tage vor meinem Aufbruch dahin. Jetzt fand ich hier dieſe Ueberſetzung, zugleich mit einer lateiniſchen und franzoͤſiſchen, einem neuen Abdrucke dieſes griechiſchen Originals beigefuͤgt, und Muͤller in hoͤchſter Freude be¬ theuerte, ich muͤſſe ohne Saͤumen mit ihm den General Pardo beſuchen, der uͤber jene Zuſendung aus Halle ganz entzuͤckt geweſen, der mich mit offenen Armen empfangen wuͤrde, und der uͤberhaupt ein hoͤchſt liebens¬ wuͤrdiger und vortrefflicher Mann, dazu ſein ganz be¬ ſonderer Freund ſei. Ich verſaͤumte nicht, Muͤller'n auch alsbald das Anliegen Neumann's zu eroͤffnen, und fand ihn bereitwillig genug, das Unternehmen zu foͤr¬ dern. Mit Innigkeit nnd Ehrerbietung ſprach er von Alexander von der Marwitz, den er ſelbſt fruͤher an Wolf nach Halle empfohlen hatte. Eifrig und dringend begehrte er von meinen Studien und Abſichten das Naͤhere zu wiſſen, bot mir alle ſeine Buͤcher an, und als ich ein Wort von der griechiſchen Anthologie hatte fallen laſſen, freute er ſich uͤber die Maßen, holte gleich Brunck's Analekten herbei, ſchlug mehreres auf, fragte mit Haſt und Unruhe, wie ich denn die vielen bedenk¬ lichen Sachen in meinen Ueberſetzungen zu behandeln daͤchte, und als ich erwiederte, ich gaͤbe ſie unbefangen ſo wieder, wie ſie daſtuͤnden, lobte er dieſe Vorurtheils¬ loſigkeit uͤbermaͤßig, und hielt der ganzen Richtung, in Betreff ihrer Wirkungen auf die Freundſchaft und Bil¬ dung der Juͤnglinge, eine uͤberſchwaͤngliche Lobrede, die7 mich in ernſtes Erſtaunen ſetzte. Eines der aͤrgſten Epigramme, ein Raͤthſel von Straton, las er mit froͤh¬ lichem Wohlbehagen laut vor, und verhehlte gar nicht, was manche gutwillige Seelen, die auf ihre Beſcheiden¬ glaͤubigkeit wohl gar recht ſtolz ſein wollten, zu ſeinen Gunſten hartnaͤckig laͤugneten. Ein ſchroffer Ernſt ſcheuchte alle dieſe Anſpielungen in tiefe Nacht zuruͤck, und dann erſchien wunderbar ein verſtaͤndiger Sinn, ein heitres Wohlwollen und ein unendliches Wiſſen, die in freiem, ungetruͤbtem Geſpraͤche ſich wuͤrdig darlegen mochten, und in dem Zuhoͤrer die groͤßte Befriedigung, nicht ſelten ſogar Begeiſterung erweckten. Sein ganzes Aeußere, die geſchwaͤchten entzuͤndeten Augen, die blaͤ߬ liche feine Haut, die faſt kindiſchen Zuͤge des Mundes, die unangenehme ſchweizeriſche, mit franzoͤſiſchen Ein¬ ſchiebſeln durchbrochene Sprache, die Unruhe der Glieder des nicht großen und ziemlich dicken Koͤrpers, alles dieſes war dann leicht zu vergeſſen, weil ſein Innres von einem wahren Feuer des Wiſſens und der Geſin¬ nung doch wirklich ergluͤht war, und die Funken davon mit kraͤftiger Wirkung ausſtroͤmte. Die Verehrung fuͤr dieſe Geiſteswuͤrde ließ uͤber die bemitleidenswerthen Unwuͤrdigkeiten, die ſich derſelben angeniſtet, wie uͤber Ungeziefer hinwegſehen.

Bei dem General Pardo wurde mir die verheißene Aufnahme. Der Mann ſchwelgte in Liebhaberei zu den alten Sprachen, zur klaſſiſchen Gelehrſamkeit, taͤglich8 hatte er Gelehrte bei ſich zu Tiſch, und zeigte ihnen ſein Wiſſen, wie er das ihrige begierig annahm. Ließ von dieſer Seite eine kleine Schwaͤche ſich kaum ver¬ bergen, ſo zeigte er dagegen von andern Seiten wirklich einen erfahrnen, geſcheidten und wohldenkenden Mann. Ein laͤngerer Aufenthalt in Mejico hatte ihn mit man¬ nigfachen Anſchauungen erfuͤllt, er ſprach lebhaft und offen, die Vorurtheile eines Spaniers hatte er meiſt abgelegt, und die fuͤr ſeine fruͤhen Schulſtudien beibe¬ haltene Neigung war ihm nur guͤnſtig anzurechnen. Ich war mehrmals bei ihm zu Tiſch, gewoͤhnlich mit Muͤller, auch mit dem oͤſterreichiſchen Legationsſecretair Grafen von Bombelles, und dem Prediger Catel, meinen Mit¬ uͤberſetzern, ſpaͤterhin auch mit Wolf. Hier wurde dann nach Herzensluſt homeriſirt uod pindariſirt, dichteriſche Vorzuͤge in's Licht geſtellt, Eignes und Fremdes mit¬ getheilt, alles mit groͤßter Freiheit. Mein Franzoͤſiſch kam mir hier gut zu Statten, weil alles in dieſer Sprache vorging, aber auch meine ungefaͤhre Kenntniß des Spa¬ niſchen und meine fruͤhere Bekanntſchaft mit dem Grafen Caſa-Valencia gereichten hier zur Annehmlichkeit. Wurde zuweilen Politik verhandelt, ſo geſchah auch dies ohne viel Zuruͤckhaltung, doch durften dann keine Franzoſen gegenwaͤrtig ſein, in deren Sinne die Spanier eigentlich ſprechen ſollten, aber keineswegs alle dachten; zwar Pardo ſelbſt und Urquijo noch ſo ziemlich, aber der Andaluſier Montalbo, der ſpaͤterhin aus ſeiner diploma¬9 tiſchen Anſtellung zu den kriegeriſchen Reihen ſeiner Landsleute gluͤcklich entkam, verhehlte ſchon damals nicht, daß er ein Feind der Franzoſen ſei und dem Kaiſer Napoleon alles Unheil wuͤnſche.

Johann von Muͤller zeigte bei ſolchen Gelegenheiten eine ſtets belebte und ſtets ſachenreiche Mittheilung. Ich ſtritt oͤfters mit ihm uͤber die Angelegenheiten des Tages, und er ſuchte dann ſtets einer mildern Beur¬ theilung der franzoͤſiſchen Sachen Eingang zu verſchaffen, fuͤr Napoleon aber ſprach er unbedingte Bewunderung aus. Der Anlaß brachte ihn einesmals dazu, daß er ſeine bei dem Kaiſer gehabte Audienz ausfuͤhrlich erzaͤhlte, ungefaͤhr mit denſelben Umſtaͤnden, welche auch in ver¬ ſchiedenen ſpaͤterhin im Druck erſchienenen Briefen an¬ gegeben ſind. Eines Zuges jedoch, erinnere ich mich, deſſen ich nirgend erwaͤhnt finde, und den ich als einen hoͤchſt bezeichnungsvollen hier aufbewahren will. Unter den Gegenſtaͤnden des Geſpraͤchs, erzaͤhlte Muͤller, kam auch Caͤſar vor, in deſſen Lob Napoleon eifrig einſtimmte; Muͤller bemerkte dem Kaiſer, es ſei zweifelhaft, welchen Gebrauch Caͤſar, wenn er nicht durch Meuchelmord um¬ gekommen waͤre, von ſeiner errungenen Obergewalt zunaͤchſt wuͤrde gemacht haben, einige Andeutungen gingen darauf, daß er das Innere der Republik neu anordnen wollen, andre hingegen, daß er die Parther zu bekriegen im Sinne gehabt; bis dahin habe der Kaiſer ruhig zugehoͤrt, dann aber ſogleich raſch ausgerufen:10 Il aurait fait la guerre aux Parthes! und dieſe Worte mehrmals heftig wiederholt. Muͤller durfte uns dieſen Zug, der allerdings die Stimmung und den Geiſt Napoleon's ſehr bedenklich zu erkennen gab, muͤndlich wohl anvertrauen, doch liegen auch die Gruͤnde nahe genug, welche ihn abhalten konnten, dergleichen waͤhrend des hoͤchſten Schwebens jener Machtverhaͤltniſſe ſchriftlich in die Ferne mitzutheilen.

Adolph Muͤller traf nun auch aus Halle ein, wo er noch im Stillen eilig Doctor der Medizin geworden war. Dieſer junge Mann, fruͤher oft geiſtig ſchwankend und geſellig zuruͤckhaltend, entfaltete jetzt die herrlichſten Schwingen, und erſchien als ein edler, ſtarker, fuͤr das Leben und die Wiſſenſchaft ausgeruͤſteter, frei und ſicher umſchauender, entſchloſſen und maßvoll thaͤtiger Arzt und Menſch, der auf der Stelle Gunſt und Zutrauen gewann, ja, durch Feinheit und Wuͤrde eines nie feh¬ lenden, und doch ſtets lebhaften und beſeelten Betragens, Liebe und Bewunderung erweckte. Man konnte von ihm ſagen, je ſtaͤrker er in die Wirklichkeit des Lebens einging, am Krankenbette beſchaͤftigt war, Anſtalten beſuchte, Verhaͤltniſſe anknuͤpfte, deſto reiner und kraͤf¬ tiger lebte er in hoͤherer Sphaͤre, und jener Sommer war unſtreitig fuͤr ihn eine Zeit ununterbrochenen Gluͤckes, daß durch die Ausſicht auf eine Reiſe nach Paris, ſo wie auf den kuͤnftigen Aufenthalt in Bremen, wo ihm alles die ſchoͤnſten Lebenstage verſprach, noch erhoͤht11 wurde. Der Reimer'ſche Kreis war ganz von ihm ein¬ genommen; Marwitz, der vom Lande hereinkam, ſtaunte den ſchnell Emporgeſtiegenen an, und knuͤpfte innigere Freundſchaft mit ihm, Theremin, Wilhelm von Schuͤtz, Bernhardi, wer ihn nur kennen lernte, bewieſen ihm achtungsvolle Aufmerkſamkeit. Einige Schaͤrfe und Strenge, die bisweilen aus ſeiner urſpruͤnglich milden, aber durch Fruͤhling und Gluͤck aufgeregten Gemuͤthsart hervorbrachen, verletzten wohl tief, aber nicht lange, da weder Abſicht noch Folge dabei zu ſpuͤren war. Wenig¬ ſtens verzieh ich ihm gern und leicht, wenn er in ſolcher Art gegen mich bisweilen ſich uͤbernehmen wollte.

Bald kam auch Schleiermacher mit ſeiner Schweſter, und kurz darauf Wolf an, ſo daß der halliſche Kreis in Berlin ſich gleichſam neu anbaute. Nur Harſcher und Bekker fehlten noch, aber auch ſie wollten kommen, und aus Frankreich erwartete ich Chamiſſo'n. Die fort¬ dauernden Kriegsunfaͤlle und die ſteigende Verarmung ſtoͤrten den Drang und Sinn geiſtiger Thaͤtigkeit nicht, ſie belebten ihn vielmehr. Wolf bereitete ſeine Zeitſchrift der Alterthumswiſſenſchaft in heitrer, mittheilungsfroher Geſchaͤftigkeit vor; Schleiermacher las einer anſehnlichen Zuhoͤrerſchaft von Juͤnglingen und Maͤnnern die Ge¬ ſchichte der griechiſchen Philoſophie, ein geiſtreiches Kol¬ legium, noch beſonders merkwuͤrdig, durch den freien, redneriſchen Vortrag, der ohne Stocken in ſchoͤnem Eben¬ maße gebildeter Sprache klar dahinfloß, ohne daß der12 Sprechende ein leitendes Heft, oder auch nur, bei ſo vielen griechiſchen Stellen, die er woͤrtlich anfuͤhrte, ein aushelfendes Blatt zur Hand gehabt haͤtte. Auch ver¬ ſaͤumte er nicht die Gelegenheit zu predigen, die ſich bald in dieſer Kirche bald in jener darbot, und wozu wir uns gewiſſenhaft immer einfanden, wiewohl uns die fruͤhere halliſche Sinnigkeit und Klarheit in dem Redner oftmals zu mangeln ſchien. Eben ſo wenig verſaͤumte ich die Predigten, welche Theremin damals franzoͤſiſch hielt, deren glaͤnzende, redneriſche Wirkung wohl nicht uͤbertroffen werden konnte.

Die naͤchſten Pfingſtferien benutzte ich zu einem Be¬ ſuch bei Fouqué in Nennhauſen, einem bei Rathenau im Havellande gelegenen Gute ſeines Schwiegervaters, des Herrn von Brieſt, wohin ich ſchon laͤngſt einge¬ laden war und ſehnlich verlangt hatte. In Geſellſchaft Bernhardi's, der trotz ſeiner außerordentlichen Dick¬ leibigkeit ſehr gut zu Fuß war, machte ich mich fruͤh¬ morgens auf den Weg, und mit Huͤlfe einer fuͤr die letzten Meilen genommenen Poſtfuhre kamen wir noch bei guter Zeit daſelbſt an. Schon unterwegs hatte Bernhardi, der mehrmals dort geweſen und dem ganzen Hauſe wohlvertraut war, mich mit den Perſonen und Verhaͤltniſſen vorlaͤufig bekannt gemacht. Der Beſitzer von Nennhauſen war Herr von Brieſt, ein vortrefflicher, in jedem Betracht ehrwuͤrdiger Mann, von großer, hagerer Geſtalt, milder Freundlichkeit und wohlthuendem13 Ernſt. Er hatte noch im ſiebenjaͤhrigen Kriege mitge¬ fochten, dann als Rittmeiſter ſeinen Abſchied genommen und ſich auf das Land zuruͤckgezogen, wo er in geiſti¬ ger und wirthſchaftlicher Beziehung ein tuͤchtiges und ertragreiches Leben fuͤhrte. Ein ſchoͤner Park war durch ihn entſtanden, auslaͤndiſche Baͤume und Geſtraͤuche hatte er angepflanzt, und jeden Fortſchritt im Landbau fuͤr ſich und ſeine Dorfleute beſtens zu benutzen geſucht. Die letztern liebten und ehrten ihn als einen vaͤterlichen Herrn, bei welchem ſie in allen Faͤllen guten Rathes und wirkſamer Huͤlfe verſichert waren. Von dem Mann, ſagte mir ein alter Bauer, hab 'ich noch mein Lebtag nichts Ungeſchicktes gehoͤrt. Der Name von Brieſt lebte in dieſen Gegenden ſchon von alten Zeiten her in beſtem Ruhme; ein Landrath dieſes Namens hatte bei des großen Kurfuͤrſten Ueberfall der Schweden in Rathenau zu dem Siege weſentlich mitgewirkt, wie deſſen auch Friedrich der Große in den brandenburgiſchen Denkwuͤrdigkeiten ehrend erwaͤhnt. Jetzt war derſelbe Namen auch mit den Vorzuͤgen deutſcher Wiſſenſchaft verknuͤpft; in Fichte's und Niethammers philoſophiſcher Zeitſchrift hatte Huͤlſen, der eine Zeit lang in Nenn¬ hauſen bei ſeinem Freunde gelebt, philoſophiſche Briefe an Brieſt drucken laſſen.

Seine Tochter, Frau von Fouqué, war eine hohe, glaͤnzende Erſcheinung, die aͤußere Schoͤnheit ordnete ſich gleichſam als Zugabe dem noch reicheren Glanze14 des inneren Lebens bei; ſolche Begabung des Geiſtes und ſolch 'einnehmende Gemuͤthsfuͤlle finden ſich nur ſelten vereinigt. Auch an litterariſchem Talent war Frau von Fouqué groͤßer, als die meiſten ihrer Zeitge¬ noſſinnen, die ſpaͤter mit ihr wetteiferten, und ihr erſtes Erzeugniß dieſer Art, ein Roman Rodrich wird an kraͤftiger Haltung gewiß von keiner Frauendichtung uͤber¬ troffen. Die Umſtaͤnde, welche ſpaͤterhin dieſes Talent dennoch hindern konnten, in ſeiner ganzen Macht her¬ vorzutreten, und die Ruhmesgebuͤhr, zu der es berech¬ tigt war, von der Welt einzufordern, werden deshalb immer zu beklagen ſein!

Liebevoll und befriedigend ſtellte ſich daß Verhaͤltniß mit Fouqué. Wer ihn bloß in ſpaͤtern Jahren gekannt hat, wird ihm einen tiefen Grund von Edelſinn und Gutmuͤthigkeit nicht abſprechen duͤrfen, wenn auch dieſe ſchoͤnen Eigenſchaften, und ſogar ſeine dichteriſche Gabe, jetzt von mancher Verbitterung, die ihm das Leben zu¬ gefuͤhrt hat, getruͤbt ſind. In jener Zeit aber war der lebhafte, beſcheidene, freiſinnige und herzliche, von jedem beſten Willen beſeelte Mann das Bild der reinſten Liebes¬ wuͤrdigkeit. Er ſah auf eine zum Theil ſchmerzvolle Vergangenheit ſo ergeben zuruͤck, als haͤtte er nichts mehr zu hoffen, und hoffte ſo friſch und froͤhlich von jedem neuen Tage das Beſte, als haͤtte er noch gar nichts erlebt. Seine Dichtung ſtand auf der Hoͤhe des genußreichſten Hervorbringens, mit jedem kleinen15 Erfolg um ſo leichter befriedigt, als es eigentlich auf allgemeinen Beifall nicht einmal abgeſehen war. Die uͤppigſte Fruchtbarkeit und anmuthigſte Leichtigkeit ließen ihm alles zu Gedichten und Reimen werden, was er nur beruͤhrte, und dieſe Art von Stegreifdichten, die ſtete Gegenwart und Fluͤſſigkeit dieſer poetiſchen Regung und Aeußerung, erhoͤhte fuͤr ſeine naͤhern Freunde, die das Hervorbringen mit anſahen, den Reiz und die Waͤrme ſeiner Dichtergebilde, welche, fuͤr ſich allein und von ihrem Entſtehen getrennt betrachtet, allerdings etwas zu ſtark in die gruͤnen Blaͤtter geſchoſſen duͤnk¬ ten. Mich aber bezauberte dieſer reiche Wachsthum, der ſich gleichſam unter meinen Augen entfaltete und mehrte, denn Fouqué hatte nicht nur ganze Schubladen mit ſchon abgeſchloſſenen Handſchriften gefuͤllt, ſondern in der kurzen Zeit unſrer Anweſenheit ſahen wir den Vorrath um große und kleine Stuͤcke bereichert, jeder Tag und jede Stunde, beſonders aber regelmaͤßig der fruͤhere Nachmittag, fand Fouqué zum Schreiben auf¬ gelegt, und dann ſchrieb er ſeine Sachen, Lyriſches und Dramatiſches, und gleicherweiſe epiſche Proſa, faſt ohne auszuſtreichen, ununterbrochen hin, ſo ſchnell die Feder laufen mochte. Viele Stunden wurden mit Vorleſen verbracht, andere mit Erzaͤhlungen, ein guter Theil des Tages aber mit Spazierengehen in dem herrlichen Park, welchen der alte Brieſt noch taͤglich mit Liebe pflegte, ein Wald ſchloß ſich an,[ein] dunkelblauer See breitete16 ſich aus, die geringen Anhoͤhen waren wohlbenutzt, und ſo gab Nennhauſen ordentlich den Eindruck einer ſchoͤnen Gegend. Wir machten auch einigen Beſuch in der Nach¬ barſchaft, andrer fand ſich von daher ein. Die Abende verbrachte man geſellig bei Thee und Abendeſſen, zwiſchen welche fuͤr den alten Brieſt wohl eine Schachpartie ſich eindraͤngte, zuweilen auch ergoͤtzte man ſich mit Piſtolen¬ ſchießen oder Kegeln, letzteres vorzuͤglich einem alten verkruͤppelten Offiziere aus dem ſiebenjaͤhrigen Kriege, Herrn von Laßberg, zu Liebe, der bei ſeinem Freunde fuͤr den Reſt ſeiner Lebenstage großmuͤthige Aufnahme gefunden hatte, und an jenem Spiel beſonders Ver¬ gnuͤgen fand.

Das Ungluͤck Preußens und die geringen Hoffnun¬ gen, die man von dem damals noch fortdauernden Kriege haben konnte, wurden reichlich durchgeſprochen, wie im Gegenſatz auch die glaͤnzenden Zuſtaͤnde und Erſcheinungen des preußiſchen Militairlebens vor dem ungeheuern Fall. Man faßte den eingetretenen Wech¬ ſel nicht, man ſah die Folgen rieſengroß vor ſich, und konnte nicht an ſie glauben, man wußte in den Weiten der Welt kein Rettungsmittel mehr, denn auch an den Ruſſen verzweifelte man ſchon, und auf die Oeſterreicher wollte man nicht rechnen; aber dennoch meinte man, es koͤnne und muͤſſe Alles wieder umgewendet werden, und zwar jetzt und ganz, dieſe Aufgabe druͤckte ſich der Empfindung mit tauſend Stacheln unaufhoͤrlich ein.

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Ein andrer Gegenſtand, der uns viel und ernſthaft beſchaͤftigte, war Bernhardi's Angelegenheit. Der be¬ deutende Kreis, in welchem er ſeine ſchoͤnſten Jahre gelebt, hatte ſich allmaͤhlig aufgeloͤſt, Friedrich Schlegel war nach Paris gezogen, Wilhelm Schlegel lebte bei Frau von Stael in der Schweiz, Ludwig Tieck in Muͤn¬ chen, aber ſchlimmer, als aͤußere Trennung hatte Zwie¬ ſpalt hier die ſcheinbar ſo tiefen Bande der Vereinigung zerſtoͤrt.

Kaum waren wir von Nennhauſen in Berlin zuruͤck, ſo ergab ſich daſelbſt fuͤr uns die Gelegenheit eines ſchoͤnen Feſtes. Wolf konnte nicht in Berlin ſein, ohne daß ſeine ehemaligen Zuhoͤrer aus allen Kreiſen der Hauptſtadt ihn eifrig begruͤßten, und die eigentlichen Philologen ſich fortwaͤhrend um ihn ſammelten. Die verſchiedenen Generationen ſeiner Schuͤler lagen zum Theil weit auseinander, Heindorf und Ideler zum Bei¬ ſpiel ſtanden gegen uns Juͤngſte ſelbſt wieder als Leh¬ rer da. Unſre gemeinſame Huldigung ihm aber in dieſer Mannigfaltigkeit vereinigt darzubringen,[verabredeten] wir ein Mittagsmahl im Thiergarten; Wolf wurde hinge¬ fuͤhrt, wie zu einem gelegentlichen Mittageſſen von vier oder fuͤnf Perſonen, und der treffliche Mann war ſo uͤberraſcht als geruͤhrt, eine ſo ſtattliche Verſammlung von mehr als dreißig Gaͤſten zu finden, worunter nur zwei oder drei, wie z. B. Buttmann, nicht ſeine halli¬ ſchen Schuͤler waren. Eine geiſtreiche Munterkeit, fernIII. 218von jeder Pedanterei, durchſtroͤmte die ganze Geſellſchaft, Wolf's heitrer Genius beherrſchte die Gemuͤther, man fuͤhlte ſich von dem Hauche der gebildeten Vorwelt uͤberall angeweht. Ich aber hatte im Stillen noch eine andre Ueberraſchung vorbereitet, zog nun Heindorf und Buttmann in's Vertrauen, und waͤhrend unter ſaͤmmt¬ liche Gaͤſte die Abdruͤcke eines Gedichts ausgetheilt wurden, forderten jene mich auf, daſſelbe vorzutragen. Gleich das Motto aus Goethe: Erſt die Geſundheit des Mannes, der, endlich vom Namen Homeros kuͤhn und befreiend, uns auch ruft in die vollere Bahn, wurde mit ſtuͤrmiſchem Beifall und Klange der Glaͤſer aufge¬ nommen, dann las ich mit tiefer Bewegung und freu¬ diger Kraft in die horchende Stille einen Dithyrambus in Galliamben, wie ſchon ehemals Voß einen an Wolf gedichtet hatte, wozu ich nun in Deutſchland das erſte Seitenſtuͤck lieferte. Nur ein ſo ſchwieriges Metrum, einſt von Wolf ſelber als faſt unnachahmbar Voſſ'en zur Aufgabe geſtellt, konnte dieſer Gelegenheit wuͤrdig entſprechen, ſein Schritt und Tanz trugen im Schwunge den nicht allzu klaren und feſten Inhalt ſiegreich dahin, und erregte die ſchon guͤnſtigen Hoͤrer zu ausbrechen¬ dem Jubelruf. Ich war als Verfaſſer nicht genannt, aber Niemand hatte daruͤber Zweifel, und Wolf richtete an mich, nachdem auf ſein Wohlſein nochmals mit Begeiſterung getrunken worden, zum Danke zwei vor¬ treffliche Galliamben, die er aus dem Stegreif herſagte,19 auch hierin alſo unter ſeinen Juͤngern ſich als uͤber¬ ragender Meiſter behauptend, denn Galliamben aus dem Stegreife, wem außer ihm haͤtte das nur einfallen duͤrfen! Leider kann ich in meinen Papieren dieſe beiden Verſe nirgends auffinden, und in meinem Gedaͤchtniß nicht vollſtaͤndig. Die herrlichſte Stimmung dauerte nun fort, viel heiteres und wichtiges Philologiſche kam zur Sprache, man beredete feſter die Herausgabe des Muſeums der Altertumswiſſenſchaft, und ich weiß kaum ein zweites Feſt, das durchgaͤngig in ſo ſchoͤnem Ausdruck geiſtiger Erregung verblieben waͤre.

Wenn nicht irgend eine ſchaffende Richtung ſich damit verbindet, ſo laſſen Fleiß und Eifer in den Studien nicht viel Beſonderes von ſich ſagen, das bloße Erler¬ nen ſtellt ſich nur als einfoͤrmige Wiederholung dar. Letzteres war jetzt mein Fall; mir ging eigentlich nirgends ein neues Licht auf, ich ſuchte mir in bekannten Fel¬ dern nur immer groͤßeres Material anzueignen, ich ver¬ ſaͤumte die Kollegia ſelten, und eilte ihnen in meinen Vorbereitungen oft nur allzu weit voraus, was freilich nur um ſo leichter zur Folge hatte, daß ſie gegen den Schluß mir unertraͤglich wurden, und ich ſie meiſt eine Zeit vorher ſchon aufgab. Die vielen Verhaͤltniſſe und Zwiſchenſpiele ſtoͤrten mich in meinen Arbeiten zuweilen, dieſe bekamen aber auch neue Friſche und Staͤrke durch die Anregungen, von denen ich ergriffen, aber nicht erfuͤllt wurde. Im Gegentheil, mit jedem Tage mehrte2*20ſich mir die Menge der Lebensverhaͤltniſſe und der Be¬ ſchaͤftigungen. Ich hatte den Oberbibliothekar Bieſter kennen lernen, und dabei von Litteratur und Gelehrten mit ihm ſo frank und frei geſprochen, als wuͤßte ich gar nicht, daß er einer beſondern und ſehr beſtimmten Parthei in dieſem Reiche angehoͤre, und uns junge Poeten in ſeiner Berliner Monatsſchrift bitter recenſirt habe; daß ich die Schlegel ruͤhmte, Ficht'n bewunderte, Schleiermacher'n prieß, ließ ihn arge Geſichter ſchnei¬ den, wenn ich dagegen Wolf hoch verehrte, erheiterten ſich ſeine Zuͤge wieder, und er ſchmunzelte von Wohl¬ gefallen, als ich uͤber Zacharias Werner mich luſtig machte; er ſchien zu glauben, in der neuen Schule gaͤbe es gar keine Unterſchiede, wer ihr angehoͤre, muͤſſe es mit Haut und Haar, und jedes dumme Goͤtzenbild gut heißen, das irgendwo in der aͤußern Uebereinſtimmung mit dieſer Kirche vortrete; er ſchuͤttelte den Kopf, ſprach aber nicht ungern mit mir, und brachte mich auch in die Saͤle der Bibliothek. Ich verfiel unter andern auf die deutſche Litteratur aus den Zeiten des dreißigjaͤhri¬ gen Krieges, und las mich bald mit großer Vorliebe hinein. Die Harsdoͤrfer'ſchen Schriften eroͤffneten einen Wuſt halb verarbeiteten poetiſchen Stoffes, Paul Flem¬ ming, den ich ſchon fruͤher theilweiſe gekannt, wurde fuͤr immer eines meiner Lieblingsbuͤcher, unerſchoͤpfliche Luſt und Nahrung aber gaben mir die Geſichte des Philanders von Sittewald, oder Moſcheroſch wie der21 Autor eigentlich hieß, und daneben der bedeutende Roman vom abentheuerlichen Simpliciſſimus nebſt ſei¬ nen zahlreichen Anhangſchriften in aͤhnlichem Sinn oder von demſelben Verfaſſer, der noch jetzt ſeinem wahren Namen nach nicht bekannt iſt, denn daß Samuel Grei¬ fenſon von Hirſchfeld nicht der wahre Name, ſondern nur wieder ein erdichteter ſey, war mir ſogleich un¬ zweifelhaft. Die ſchreckliche Verwilderung in den deut¬ ſchen Zuſtaͤnden jener Zeit hielt den Zeiten, die wir ſelbſt erlebten, einen noch troͤſtlichen Spiegel vor. Die Lebhaftigkeit und voͤllig ungehinderte Derbheit der Dar¬ ſtellung that einer Stimmung wohl, die auch aus argen Wirklichkeiten hervorgetrieben war, und Sprache und Schreibart des Buches reizten ein ſtarkes philologiſches Intereſſe auf. Feiner, hoͤher, und auch etwas alter¬ thuͤmlicher, ſprach und ſchilderte Philander; die großen Vorzuͤge dieſes Proſaiſten ruhten auf gelehrtem Ertrag und friſchem Leben zugleich. Ueber den Simpliciſſimus gedacht 'ich eine litterariſche Unterſuchung auszuarbeiten; ſie unterblieb wie ſo vieles andre, was im Augenblick verſaͤumt wird, und wozu ſpaͤter die Gelegenheit ſich nicht wieder findet. Aber ich hatte die Freunde und Bekannte ſo viel und oft von den Eigenheiten und Ergoͤtzlichkeiten dieſer Autoren unterhalten, ſie mit ſo haͤufigen Anfuͤhrungen und Redensarten von dort ge¬ quaͤlt, daß endlich beſchloſſen wurde, man wolle ein¬ fuͤr allemal ſehen, was an der Sache ſei. Es wurde22 ein Abend bei'm Italiaͤner feſtgeſetzt, Schleiermacher, Reimer, Bernhardi, Adolph Muͤller, auch Marwitz und Schuͤtz, wenn ich nicht irre, und noch einige Andere kamen bei Thiermann zuſammen, ich gab einige Worte zur Einleitung, und las dann im Simpliciſſimus von Anfang ein tuͤchtiges Stuͤck, und darauf aus der Mitte ſprungweiſe die wuͤrdigſten Kapitel, mit einer Wirkung und einem Beifall, die ich mir nicht vorgeſtellt hatte, oft mußt' ich inne halten, um den Jubel und das Ge¬ laͤchter verbrauſen zu laſſen, man that ſich in Floren¬ tiniſchen Weinen guͤtlich, aber noch mehr in Erſchuͤtte¬ rung des Zwerchfells, und beſonders an Schleiermacher konnte man recht anſchaulich wahrnehmen, was der deutſche Ausdruck: Eine Lache aufſchlagen eigentlich bedeuten wolle. Mit gleicher Froͤhlichkeit wurde auch dem Doppelroman ein ſolcher Abend gewidmet, und wenn manche Hoͤrer, unter welchen nothwendig auch Schleiermacher ſein mußte, zu mehrern perſoͤnlichen An¬ ſpielungen eben nicht einſtimmen wollten, ſo wurden ſie doch unwiderſtehlich in den ironiſchen Humor fort¬ geriſſen, welchen das Ganze gebot, und der vollſte, lauteſte Jubel wurde ſelbſt den Stuͤcken, die man mi߬ billigte, zu Theil.

Ich hatte waͤhrend des Sommers eine raſche Reiſe nach Hamburg machen wollen; aber es waren dort einige Umſtaͤnde grade zu dieſer Zeit nicht guͤnſtig, und der Beſuch wurde auf den Herbſt hinaus verlegt, da¬23 gegen erhielt ich eine freundſchaftliche[Aufforderung], in der Naͤhe auf dem Lande ein paar Erholungstage im heißen Sommer zuzubringen. Marwitz waltete in Friedersdorf, dem bedeutenden Rittergute ſeines Bru¬ ders, der ſelber fern in Preußen dem ſchon verzweifel¬ ten Kriege noch mit brennendem Eifer beiwohnte. Un¬ geachtet der Laſten und Leiden vom Feinde, unter wel¬ chen das ganze Land ſeufzte, war das herrſchaftliche Leben auf dem Gute noch reichlich genug ausgeſtattet, und Marwitz entbot ſeine Freunde in die gaſtliche Ein¬ ſamkeit. Schleiermacher befand ſich ſchon ſeit mehreren Tagen dort, und zwiſchen Arbeit und laͤndlichem Ver¬ gnuͤgen ſehr behaglich. Nun machten auch Reimer, Adolph Muͤller und ich uns auf, um ebenfalls einige Tage dort zu bleiben, und dann mit Schleiermacher zuruͤckzukehren. Den groͤßern Theil des Weges, ſo weit wir der Straße nach Frankfurt an der Oder folgten, fuhren wir, den uͤbrigen Theil, linksab uͤber Landwege hin, legten wir zu Fuß zuruͤck, und erreichten durch unerfreuliche Gegend und gewaltige Tageshitze noch fruͤh genug, um durch ein nachtraͤgliches Mittagsmahl uns laben zu koͤnnen, den ſtattlichen Edelhof, der indeß weniger durch ſeine Gebaͤude, Gaͤrten und Luſt¬ anlagen ſogleich in die Augen fiel, als durch ſeine um¬ liegenden, bis in den Oderbruch hinab ſich erſtreckenden und vortrefflich bewirthſchafteten Laͤndereien ſeinen gruͤnd¬ lichen Werth nach und nach zu erkennen gab. Marwitz24 bemuͤhte ſich, nach beſten Kraͤften den Wirth zu machen, wir lernten ſeine ganze Liebenswuͤrdigkeit kennen, die Huͤlfsmittel der Gegend, welche wirklich gegen den Oder¬ bruch hin einigen Reiz gewann, das Bemerkenswerthe aus der in Bildern und Denkmalen vergegenwaͤrtigten Geſchichte des Hauſes, die beſtehenden grundherrlichen und landwirthſchaftlichen Verhaͤltniſſe, alles wurde be¬ trachtet, beſprochen; was an Buͤchern und Kunſtſachen vorraͤthig war, daneben was Kuͤche und Keller ver¬ mochten, mit Froͤhlichkeit genoſſen. Nur hatten die erſten Stunden des Zuſammenſeins leider eine harte, ſchwere Verſtimmung dazwiſchen zu verarbeiten. Wir brachten naͤmlich die Berliner Zeitung und mit ihr die erſte zuverlaͤſſige Nachricht von den Bedingungen des am 9. Juli zu Tilſit geſchloſſenen Friedens mit. Wir hatten ſchon in Berlin die Sache genug verhandelt, unſern Schmerz und unſre Wuth zur traurigen Faſſung hinabgeredet. Nun fanden wir mit unſrer troſtloſen Gewißheit uns noch muthigen Hoffnungen, geſpannten Erwartungen gegenuͤber. Marwitz und Schleiermacher waren in Niedergeſchlagenheit ganz betaͤubt, als ſie dieſe ſchmachvollen Bedingungen der Reihe nach vernahmen, ſie hatten keine Gunſt des Siegers gehofft, ſondern großen Verluſt erwartet, aber auf die Herabſetzung Preußens, auf ſo ungeheure Abtretungen und Verpflich¬ tungen, in welche man willigen gemußt, auf ſolches Benehmen, wie Feind und Freund jetzt zeigte, waren25 ſie nicht gefaßt. Alle Plane und Ausſichten, die man fuͤr den ſchlimmſten Fall im Sinne gehabt, waren zer¬ ruͤttet, man ſah keinen Boden mehr, denn ſelbſt das unbeſtimmte Verbleiben der Franzoſen auch in den¬ jenigen Laͤndern, welche Preußen wiedererhalten ſollte, war ſchon ausgemacht, und dem klaͤglichſten Zuſtande kein Ende abzuſehen. Der Eindruck war bis zur Be¬ ſchaͤmung abſchwaͤchend, und draͤngte ſich zwiſchen allem Zerſtreuenden immer wieder vor, fuͤr uns Ankoͤmmlinge noch beſonders peinlich, die wir uns das Mitgebrachte ſchon im voraus uͤbel genug hatten ſchmecken laſſen! Geiſteskraft und Jugendmuth ſetzten ſich aber doch bald wieder ſo weit in's Freie, daß ſinnvolle, forſchende Ge¬ ſpraͤche mit den gewoͤhnlichen Tagesdarbietungen ab¬ wechſeln, und auch Scherzreden ſich wieder einfinden konnten. Laue Abende der koͤſtlichſten Art wurden bei Sterngeflimmer im tiefen Schattendunkel hoher Baͤume weit uͤber die Mitternacht hinaus verlaͤngert, und nie¬ mand mochte an Schlafengehen denken, waͤhrend die reinſte Luft die Bruſt erfriſchte, und die edelſten Ge¬ danken uͤber Natur, Welt, Geſchichte, Wiſſenſchaft und Poeſie ausgeſprochen wurden; denn Marwitz hatte den Willen und die Kraft, immer das Hoͤchſte und Groͤßte zur Sprache zu bringen, und auch Schleiermacher's oft hartnaͤckige Schweigſamkeit in ſchoͤnen Redefluß aufzu¬ thauen. Manche Stunde, des fruͤhern Nachmittags etwa, im Garten oder Saal, wurde auch dem Vorleſen26 gewidmet. Gluͤckliche Ueberſetzungen aus griechiſchen Schriftſtellern hatte Marwitz verſucht, eigne Abhand¬ lungen philoſophiſch-geſchichtlicher Art verfaßt, dann kamen Sachen von Goethe an die Reihe, der Aufſatz unter andern von den Gemaͤhlden Polygnot's zu Delphi, deſſen Inhalt mit Begeiſterung gehegt und verarbeitet wurde; der neuſte Zuwachs des Doppelromans, der mitgenommen worden war, um nach Zeit und Stim¬ mung ihm vielleicht ein Kapitel zuzulegen, gab auch ſeinen Theil zur Unterhaltung. So vergingen mehrere Tage in einem wahrhaft erhoͤhten und befriedigten Da¬ ſein, dem zuletzt auch das politiſche Ungethuͤm des heil¬ loſen Tilſiter Vertrags nicht viel mehr anhaben konnte. Wenn etwas im Innern dieſes kleinen Kreiſes haͤtte ſtoͤren koͤnnen, ſo waͤre es nur eine gewiſſe unangenehme Reizbarkeit Schleiermacher's geweſen, die er beſonders gegen mich zu haben begann, und von der einige ſchnoͤde Ausbruͤche mir damals zuerſt auffielen. Er hatte zwar ſchon laͤngere Zeit vieles gegen mich, es ſchien ihn manches zu verdrießen, ſowohl in meinem guten als auch in meinem ſchlechten Vernehmen mit ſeinen naͤhern Freunden, allein er bezeigte mir es nicht. Jetzt aber ließ er ſich in einzelnen Augenblicken unwillkuͤrlich gehen, und ſuchte mich bisweilen mit meinen Behauptungen ſo recht eigentlich abzukappen, in manchen Faͤllen gewiß ganz unverdient, ſo daß wir ihn deßhalb mit Verwun¬ derung anſahen. Ich glaube faſt, daß ihm auch meine27 politiſche Geſinnung nicht genuͤgt, und manche meiner uͤbermuͤthigen Aeußerungen ihm, jedoch mit groͤßtem Unrecht, den Verdacht gegeben habe, ich koͤnne auch allenfalls zu den Franzoſen mich bequemen, und es iſt moͤglich, daß ich uͤber ſeine Niedergeſchlagenheit, obgleich mein Schmerz gewiß nicht geringer war, als der ſeine, mich zu raſch und uͤberlegen hinweggeſetzt habe. Seine ſcharfen Ausfaͤlle, die indeß nur einzeln blieben und ſein uͤbriges Benehmen gegen mich nicht aͤnderten, hatten darum keine wirkliche Stoͤrung zur Folge, weil ich ſie meiſt nur abgleiten ließ, und mehr ihre Wunderlichkeit zu begreifen ſuchte, als ihre Spitzen zuruͤckwerfen wollte. Welcherlei Geringfuͤgigkeiten aber Schleiermacher aufgriff, um ſeiner bittern Laune gegen mich Luft zu machen, kann folgendes Beiſpiel zeigen, das mir beſonders er¬ innerlich geblieben iſt. Mir war im gewoͤhnlichen Ge¬ ſpraͤch, ganz harmlos und fluͤchtig, als von maroden Soldaten die Rede war, die Bemerkung entſchluͤpft, dieſer Ausdruck werde im Simpliciſſimus ganz eigen abgeleitet, naͤmlich von einem Kaiſerlichen Regimente Merode, deſſen Leute wenig vor dem Feinde, aber ſo haͤufig auf allen Landſtraßen und in allen Quartieren ruͤckwaͤrts zu finden waren, daß, wo man einen ſolchen Nachzuͤgler antraf, man ſchon im voraus wußte, der ſei von Merode, und man daher die ganze Gattung nur Merodebruͤder genannt habe; dieſe Bemerkung ſchal¬ tete ſich zwangslos ein, man konnte ihr den Platz goͤnnen,28 man konnte ſie auch fallen laſſen, es war ganz gleich¬ giltig. Mit hitzigem Eifer aber fuhr Schleiermacher dagegen los, widerſprach der Zulaͤſſigkeit dieſer Etymo¬ logie, und tadelte mich hart, wie ich nur ſo aberwitziges Zeug aufſtellen koͤnne, da ſei ich einmal wieder ohne Sinn und Ordnung verfahren, kurz, ich wurde gleich¬ ſam in ein gewaltiges Vergehen geſtellt, wodurch zu¬ gleich ein Zuſammenhang mit fruͤhern Suͤnden angedeu¬ tet, und mir eine tiefe Zerknirſchung aufgebuͤrdet wer¬ den ſollte. Ich hatte jene Ableitung indeß gar nicht behauptet, ſondern nur erzaͤhlt, aber ſelbſt wenn ich ſie heftig und mit Eigenſinn verfochten haͤtte, wuͤrde ich mich darum noch nicht als ein ſtrafbarer Beleidiger des Sinnes und der Ordnung gefuͤhlt haben, der auf den rechten Weg muͤſſe zuruͤckgeſcholten werden! Ich ſah vielmehr in dieſer auffahrenden Hitze einen Mangel ſitt¬ lichen Maßes, und die Andern ſchienen Aehnliches zu empfinden; nachdem ich Schleiermacher'n beſcheiden, doch trocken genug erwiedert, er ſolle das nicht mit mir, ſondern mit dem Simpliciſſimus ſelber abmachen, ſetzte ſich das Geſpraͤch uͤber die Geſchichten und Schnurren jenes Romans munter fort. Keine Spur von Ver¬ ſtimmung haftete, und auch Schleiermacher befand ſich leicht wieder im freundlichſten Geleiſe. Indem ich dieſes niederſchreibe, faͤllt mir noch ein andres Geſchichtchen dieſer Art ein, das ich erzaͤhlen muß. Aus dem Leſen altdeutſcher Buͤcher waren mir manche alterthuͤmliche29 Ausdruͤcke und Formen gelaͤufig, und ich brachte ſie zuweilen anſtatt der gewoͤhnlichern, im Geſpraͤch mit an. So ſagte ich ohne Umlaut, nicht nur es kommt, was auch bei Andern ſchon haͤufiger gehoͤrt wird, als es koͤmmt, ſondern auch eben ſo gern fallt, fahrt, ſchlagt, tragt, wo freilich jetzt Gebrauch und Regel faͤllt, faͤhrt, u. ſ. w. verlangen. Hieruͤber ſchalt mich Schleiermacher mit beißenden Worten, ganz unverhaͤlt¬ nißmaͤßig, und um mich recht zu beſchaͤmen, meinte er: die Juden ſpraͤchen ſo, und es haͤtten ſchon Leute wegen meines Mitmachens dieſer kauderwelſchen Art ihn ge¬ fragt, ob ich denn ein Jude ſei? Dieſer Verdacht aber, der mich ganz niederdonnern ſollte, war mir nur zum Vergnuͤgen, ich lachte herzlich daruͤber, und ſagte, das ſei ſo was boͤſes nicht, und wir beide haͤtten ja gemeinſame Freunde und Freundinnen, von denen wir, weil der Poͤbel ſie ſo ſchimpfen koͤnne, nicht geringer daͤchten. Diesmal war Schleiermacher der Abgefertigte. Der Sprachſtreit uͤber jene Form aber dauerte noch ſpaͤthin fort, und gab in unſrem Kreiſe noch mehrmals zu Eroͤrterungen und Neckereien Anlaß, die mich indeß nicht irre machten. Lange nachher, beim Wiederſehen nach einer Abweſenheit, in welcher ſich viel an mir ge¬ aͤndert hatte, fragte mich Chamiſſo mit Luſtigkeit: Sagſt Du noch, es fallt? Wie's faͤllt! erwie¬ derte ich.

30

Als wir Gaͤſte endlich wieder abziehen wollten, mußte ich dennoch einen tief verſtimmenden Eindruck hinnehmen, den ich aber in mir verſchloß. Wir hatten zum be¬ ſtimmten Tag einen Wagen aus Berlin nach Muͤnche¬ berg beſtellt, bis dahin wollten wir zu Fuß wandern. Dies aber gab Marwitz nicht zu, ſondern noͤthigte uns, fuͤr dieſen Theil des Weges ſein Fuhrwerk anzu¬ nehmen. Worin aber beſtand dieſes? Den Wagen freilich gab er ſelbſt, den Vorſpann aber mußten die Bauern liefern, vier Pferde wurden eben ſo viel Land¬ leuten in der Zeit der dringendſten Feldarbeit zur Frohn¬ fuhre fuͤr die Herrſchaft abgefordert, und als einige Beſchwerde daruͤber und ſogar eine halbdreiſte Erkundi¬ gung, wie ſo dieſe offenbar nicht landwirthſchaftliche Leiſtung jetzt von ihnen gefordert werde, unter den Bauern laut wurde, bedeutete man ihnen gebieteriſch, ſie ſollten zur Tanzfuhre anſpannen, denn allerdings waren ſie durch ein altes Herkommen verbunden, wenn die Herrſchaft zum Tanz fahre, ſie mit vier Pferden hin und zuruͤck zu ſchaffen. Die herrſchaftliche Berech¬ tigung war ſchon druͤckend genug, in dieſem Fall aber noch mehr die Anwendung, denn die armen Leute hatten doch klar vor Augen, daß nicht die Herrſchaft, und eben ſo wenig zum Tanze, gefahren wurde! So kamen wir alſo mit der Tanzfuhre, uͤber die noch genug geſcherzt wurde, nach Muͤncheberg, wo wir die guten Leute, die mit ihren Pferden einen ganzen Arbeitstag verſaͤumt31 und dabei moͤglichſt knapp vom Mitgenommenen gezehrt hatten, durch reichliches Trinkgeld einigermaßen ſchadlos hielten.

Berlin empfand von dem Frieden nichts. Eine theil¬ weiſe Fenſterbeleuchtung in mehreren Straßen der Stadt gab mir ein ſchlechtes Bild duͤrftiger Freude, wo in der That mehr Urſache zum tiefſten Schmerze vorhanden war. Einige preußiſche Offiziere hatten ſich die Be¬ friedigung nicht verſagt, ihre bis dahin geaͤchtete Uniform wieder anzulegen, allein ſchnell belehrte ein ſtrenges Verbot des franzoͤſiſchen Kommandanten die Voreiligen, daß hier noch niemand ſich unterſtehen duͤrfe, wieder ein Preuße zu ſein. Franzoͤſiſche Verwaltung, franzoͤ¬ ſiſche Beſatzung, die letztere noch die wenigſt feindliche, ſetzten ihr Weſen fort, als habe der Krieg noch nicht auf¬ gehoͤrt, ſie richteten ſich auf laͤngere Zeit nur noch be¬ quemer und druͤckender ein, und verhehlten es nicht, daß ſie nun erſt recht alle Huͤlfsmittel des Landes noch erſchoͤpfen wollten. Vorſtellungen der ſtaͤdtiſchen Be¬ hoͤrde, der ſtaͤndiſchen Koͤrperſchaften, der Gemeinden, nichts fruchtete, die Laſten ſtiegen in's Ungeheure. In dieſer Zeit des Jammers fuͤhlte man ſich gewaltſam auf das geiſtige Leben hingeworfen, man vereinte und er¬ goͤtzte ſich in Ideen und Empfindungen, welche das Gegentheil dieſer Wirklichkeit ſein wollten. Nicht wenig verſtaͤrkt wurde dieſer Sinn durch das Wiedererſcheinen Fichte's, der von Koͤnigsberg uͤber Kopenhagen nach32 Berlin unerwartet gegen Ende des Auguſt zuruͤckkam. Er hatte geglaubt, nach dem ausgeſprochenen Frieden nicht laͤnger ſchicklich bei der Koͤnigsberger Univerſitaͤt als Gaſt verweilen zu duͤrfen, und ſeinen weitern Be¬ ruf jetzt auf der alten Staͤtte abwarten zu muͤſſen. Eine oͤffentliche Thaͤtigkeit freilich war fuͤr den Augenblick nicht abzuſehen, auch ſchloß er ſich ganz in die Abge¬ ſchiedenheit einer mitten im George'ſchen Garten an¬ muthig gelegenen Wohnung ein, nur bewaͤhrten Freun¬ den zugaͤnglich. Außerordentlich freuten wir uns ſeiner hellen, kraͤftigen Gegenwart, ſeiner unerſchuͤtterlichen Denkart und ſeiner feſten Zuverſicht. Bernhardi, Wil¬ helm von Schuͤtz und ich hielten uns treulich zu ihm. Fichte hatte viel von dem Koͤnigsberger Aufenthalt zu erzaͤhlen, unſre Anſichten und Urtheile uͤber Ereigniſſe und Perſonen empfingen neues Licht. Unter andern brachte er die Zeitſchrift Veſta mit, welche von ihm ſelbſt anziehende Aufſaͤtze uͤber den Machiavelli enthielt, und uns in den Herausgebern von Schroͤtter und von Schenkendorf zwei eifrige Kaͤmpfer kennen lehrte, von welchen die deutſche Sache ſich noch manches verſprechen durfte. Auch die Anfaͤnge des nachher ſo beruͤhmten Tugendbundes oder ſittlich-wiſſenſchaftlichen Vereins, wie er eigentlich hieß, lagen hier ſchon verknuͤpft, wur¬ den aber in vorſichtiger Heimlichkeit nur dunkel ange¬ deutet. Lebhafter und tagfreudiger ſtrahlte uns ein Gedicht an, das Fichte gleichfalls mitgebracht hatte, und33 mit ſeinem gewaltigen Nachdruck bedeutend vorlas. Es war eine dem ruſſiſchen Kaiſer bei ſeinem Einzuge in Koͤnigsberg gedruckt uͤberreichte Ode, worin der Geiſt Friedrichs des Großen die troͤſtlichſten Verheißungen in den ſtaͤrkſten Bildern ausſprach. Wenn wir Strophen hoͤrten, wie dieſe:

Doch trifft von niemals fehlendem Bogen, doch
Der Rache Pfeil die Ferſe Napoleon's,
Und waͤr er dreimal, wie ſein frevelnd
Herz, in der Stygiſchen Fluth gebadet,

ſo fuͤhlten wir die zwiefachen Schauer der poetiſchen Macht und politiſchen Kuͤhnheit, und ſahen die Poeſie, gleich einem Krieger zum Tode geruͤſtet, die wirklichſten und unmittelbar naͤchſten Gefahren muthig durchwandern. Denn der ungluͤckliche Palm war um nicht Groͤßeres erſchoſſen worden, und Napoleon's Haß und Grimm ſah in dem Feinde niemals einen Edeln, mit dem ein glimpflicheres Verfahren geboten ſein koͤnnte, ſondern ſtets nur den gemeinen Gegner, deſſen man ſich raſch und kurz entledigt. Wir fragten begierig nach dem Verfaſſer und hoͤrten, als ſolcher bekenne ſich ohne Hehl der Geheime Ober-Finanzrath Staͤgemann in Koͤnigs¬ berg, bisher nur als Dichter in Scherz - und Liebesge¬ ſaͤngen bekannt, jetzt aber in hoͤherem Schwunge ſein gluͤckliches Talent dem Vaterlande weihend, ein vor¬ trefflicher Kopf, auch in Staatsgeſchaͤften als ſolcher geruͤhmt. Wir riefen ihm Heil und Segen zu, undIII. 334gelobten es uns wechſelweiſe, wer von uns die Gelegen¬ heit haben wuͤrde, ihn perſoͤnlich zu ſehen, ſolle zu ihm gehen, ihm von dieſer begeiſterten Stunde ſagen, und ihm in unſer Aller Namen fuͤr die Freude danken, die wir durch ſein Gedicht empfunden. Wir nahmen uͤbrigens Abſchrift von dieſem, und gaben ihm unter der Hand nah und fern moͤglichſte Verbreitung.

Ein Kern wackrer Offiziere, die nur auf die Ge¬ legenheit warteten, um fuͤr ſo viel erlittene und von ihnen ſelbſt grade am wenigſten verdiente Schmach des preußiſchen Namens eine ruhmvolle Vergeltung zu neh¬ men, geſtaltete ſich unter den Einwirkungen des Tugend¬ bundes immer feſter, und in unſerm Kreiſe konnte mir manches von dieſem Streben nicht entgehen, ohne daß man mich unmittelbar aufzunehmen verſuchte. Jede gute Geſinnung wurde herbeigezogen und befeſtigt, jeder gute Wille, jedes einſt brauchbare Huͤlfsmittel ſorgfaͤltig wahr¬ genommen, dabei der Gang der großen Ereigniſſe auf¬ merkſam beobachtet, und jeder Nachtheil des Feindes begierig hervorgehoben. Dieſer vereinten, von ſo vielen Seiten mit unzerſtoͤrbarer Zuverſicht und Beharrlichkeit fortgeſetzten Arbeit, die in den engſten Schranken und mit den duͤrftigſten Mitteln gegen die Rieſenmacht Na¬ poleon's zu wirken unternahm, dieſen im Stillen ge¬ naͤhrten und geweckten Kraͤften war es doch zu danken, daß die Flamme des Vaterlandes auch in der groͤßten Verdunkelung nie ganz erloſch, und ihre vorbereiteten35 Stoffe in der Folge ſogleich erfaſſen konnte. Allein dieſe Eingeweihten und Entſchloſſenen waren verhaͤltni߬ maͤßig doch immer nur eine kleine Schaar aus den Tauſenden von Offizieren, die durch Zertruͤmmerung des preußiſchen Heeres dienſtlos in die Welt verſprengt waren. Die wenigen Truppen, welche Preußen nach dem Frieden von Tilſit in ſeinen Umſtaͤnden noch be¬ halten konnte, bedurften nicht des zehnten Theils der ehemaligen Offiziere, und waren fuͤr den Augenblick ſogar uͤberfuͤllt. Die große Menge mußte ſich andre Auswege ſuchen, und es fehlte nicht an merkwuͤrdigen Beiſpielen, was alles aus einem preußiſchen Offizier werden koͤnne! Die meiſten jedoch wollten oder mußten bei dem gewohnten Handwerke bleiben, und wenn auch die Schande, noch waͤhrend des Krieges ohne Abſchied als Meineidige in die Reihen des Feindes uͤbergetreten zu ſein, im Ganzen nur auf denjenigen ruhte, die das von dem Fuͤrſten von Yſenburg fuͤr den Dienſt Napo¬ leon's aus preußiſchen Kriegsgefangenen errichtete Re¬ giment bilden halfen, ſo war doch jetzt, nach geſchloſſe¬ nem Frieden, der Drang allgemein, wo nicht unter feindlichen, doch unter fremden Fahnen ein Unterkommen zu ſuchen. Geburt und Verhaͤltniſſe, ſeltener freie Wahl, fuͤhrten eine betraͤchtliche Anzahl in den Dienſt des neu¬ gegruͤndeten Koͤnigreichs Weſtphalen; andre fanden An¬ ſtellung im Großherzogthum Berg, im Koͤnigreich Sachſen, im Herzogthum Warſchau; die ſuͤddeutſchen3*36Staaten, welche der Rheinbund zu groͤßeren militairiſchen Anſtrengungen noͤthigte, nahmen gern aus der preußi¬ ſchen Pflanzſchule, wo man Zucht und Fertigkeit ein¬ heimiſch wußte, die eingeuͤbten Exerziermeiſter und Dienſtordner, deren ſie bedurften. Beſonders nach Baden und Wuͤrtemberg kamen in dieſer Zeit manche Maͤnner, die nachher dort ein ausgezeichnetes Gluͤck gemacht. Ich wuͤßte kaum, daß damals gleicherweiſe ein Zug nach Oeſterreich ſtattgefunden haͤtte, eine vererbte Abneigung lieh dieſem Lande in dem preußiſchen Sinne noch zu viel Feindliches, das erſt ein paar Jahre ſpaͤter ſich einigermaßen verſoͤhnen wollte.

Wilhelm von Schuͤtz war in dieſer Zeit bemuͤht, ideale Erkenntniſſe in Dichtung auszubilden, und waͤhlte dafuͤr unter andern die Form des antiken Drama's, die er aber ungluͤcklicherweiſe nicht den urſpruͤnglichen grie¬ chiſchen Vorbildern abſah, ſondern den ungenuͤgendſten Ueberſetzungen, und namentlich wurde der Sophokles von Aſt ſein Grund - und Hauptbuch. Die harte, ver¬ renkte Sprache, den in genauer Nachahmung erſtarrten Versbau, kurz alle zufaͤlligen Gebrechen dieſer einzelnen Ueberſetzung, nahm er ſich zum Muſter, und arbeitete ſo mit Fleiß und Sorgfalt wahre Mißgebilde aus, die zwar wegen daruͤber ſchwebender Ideen den Geiſt im Allgemeinen wohl anſprachen, und inſonderheit von Fichte und Bernhardi mit großer Zaͤrtlichkeit aufgenommen wurden, auch durch viele gluͤckliche Bilder und lebens¬37 reiche Ausdruͤcke aͤchten Dichterſinn bezeugten, aber doch als wahre Kunſtgeſtalten in keiner Weiſe beſtehen konn¬ ten. Die Tragoͤdie Niobe war ſchon gedruckt, und ſollte, wie im Vertrauen geſagt wurde, einen Strahl der Wiſſenſchaftslehre in ſich tragen, von dem man nun erwartete, ob und wie er in den Gemuͤthern leuchten wuͤrde. Schon aber war Schuͤtz mit einer zweiten Tra¬ goͤdie dieſer Art, die Graͤfin von Gleichen, weit vorge¬ ruͤckt, und ſogar ſchon mit einer dritten beſchaͤftigt, wozu Charlotte Corday die Heldin war, und das Pariſer Volk den antiken Chor vorſtellte. Ich hatte gleich gegen dieſe Richtung vieles einzuwenden, beſonders auch gegen die metriſche Bearbeitung und proſodiſche Willkuͤr. Da jedoch Schuͤtz, wenn er vom Lande auf kurze Zeit zur Stadt kam, ganz von dieſen Dingen erfuͤllt, und mit dem ſchoͤnſtem Feuer ſeines damals noch jugendlichen Strebens darin thaͤtig war, die Freunde zu heitrer Theil¬ nahme ſtimmte, und zu mannigfachen Verhandlungen, die niemals unangenehm wurden, den beſten Anlaß gab, ſo hatten wir von ſeiner verfehlten Arbeit dennoch guͤn¬ ſtigen Eindruck und erwuͤnſchten Ertrag. Seinen klei¬ neren Gedichten, Romanzen und Liedern, konnten wir dagegen groͤßtentheils unſern vollen Beifall widmen, denn obgleich er auch hier die Poeſie, bisweilen als bloßes Gefaͤß eines myſtiſchen Inhalts gebrauchen wollte, ſo wurde ihm doch gegen die Abſicht meiſt freie Poeſie daraus, nur konnte er ſich von der Sprach¬38 quaͤlerei, die ihm der Aſt'ſche Sophokles angethan hatte, nie ganz erholen.

Der Zuſtand von Berlin wurde indeß taͤglich trau¬ riger, immer mehr Menſchen ſahen ihre Einkuͤnfte ver¬ ſiegen, ihre Nahrung knapper werden; die Kaſſen zahlten nicht, die ausgeliehenen Kapitalien brachten keine Zinſen, uͤberall ſah man aͤngſtliche Verlegenheit und dringende Noth. Mir kam ſehr leicht der Gedanke, daß ich dieſer Truͤbſal durch einen raſchen Entſchluß voͤllig entgehen koͤnne, daß meine Lebensplane mich eigentlich zu einer wirklichen Univerſitaͤt draͤngten, und daß ein andrer Ort mir in vieler Hinſicht zum Vortheil gereichen muͤßte; hiezu kam der lebhafte Wunſch, meinen hamburgiſchen Verhaͤltniſſen naͤher zu ſein, und allen dieſen Betrach¬ tungen erſchien die Univerſitaͤt Kiel, welche auch wegen ihrer mediciniſchen Lehrer ſehr geruͤhmt wurde, am gluͤck¬ lichſten zu entſprechen. Als ich die Abſicht ausſprach, zum Winter dorthin zu reiſen, vereinigten ſich in Berlin alle Stimmen der Freunde, mir die Sache auszureden. Beſonders wurde Schleiermacher ganz liebevoll, verhieß mir in kurzem eine Univerſitaͤt in Berlin, ruͤhmte meine bisherige Beharrlichkeit, und meinte, wir halliſche Ver¬ triebene gehoͤrten doch weſentlich zuſammen, und muͤßten ſo lange als moͤglich vereinigt bleiben. Seine freund¬ lichen Worte, die mir zugleich einen feſten Anhalt neu zu eroͤffnen ſchienen, machten großen Eindruck auf mich, und hatten mich im Grunde gleich gewonnen, wiewohl39 ich noch keine Zuſage ertheilen wollte. Ich behielt mir vor, die voͤllige Entſcheidung erſt in Hamburg zu faſſen, denn dorthin waͤhrend der Ferien zu reiſen, ließ ich mir nicht nehmen. Nennhauſen lag von dieſem Wege nicht zu ſehr ab, Neumann wollte mich bis dahin auf einige Tage begleiten, waͤhrend welcher ein ihm geſchehener Antrag wegen einer Erzieherſtelle zum Schluſſe kommen ſollte, und Chamiſſo, der nun doch ernſtlicher ſeine Ruͤckkehr nach Deutſchland ankuͤndigte, war ſchon ange¬ wieſen, zur feſtgeſetzten Zeit bei Fouqué einzutreffen, um dann mit mir weiter nach Hamburg zu wallfahrten, wo man ſeiner als willkommenen Gaſtes ſchon harrte.

Ehe wir uns aufmachten, kam noch unerwartet Freund Harſcher von Halle, vorzuͤglich in der Abſicht, ſeinen geliebten Adolph Muͤller noch zu ſehen, bevor derſelbe in groͤßere Ferne ruͤckte. Sein Erſcheinen ver¬ urſachte mir die herzlichſte Freude, konnte jedoch mein Vorhaben nicht ſtoͤren, beſonders da er ſelbſt, auch im Falle er fuͤr den Winter ſeinen Aufenthalt in Berlin zu nehmen ſich entſchloͤſſe, doch vorher nach Halle auf einige Zeit zuruͤckkehren wollte, wohin auch Schleier¬ macher zu reiſen gedachte, um ſeine Auswanderung von dort nach Berlin deſto gruͤndlicher abzumachen. Auch Wolf's Tochter ſollte von Halle mitkommen, und noch andre Freunde und Freundinnen ſuchten der nunmehr zum verhaßten, aus preußiſcher, heſſiſcher, braun¬ ſchweigiſcher und hannoͤverſcher Laͤnderbeute errichteten40 Koͤnigreiche Weſtphalen gehoͤrigen, und ganz verwaiſeten Stadt ſo viel als moͤglich zu entgehen. Harſcher zeigte die groͤßte Anhaͤnglichkeit an den halliſchen Kreis, und erklaͤrte geradezu, daß er keine andre Heimath habe noch haben wolle, und bei Verſetzung jenes Kreiſes nach Berlin nicht zuruͤckbleiben werde. Jedoch wurden ſchon damals die Spuren eines Widerſtreites merkbar, in welchem er die vertraulichſte Innigkeit und die ge¬ ſpannteſte Entfernung wechſeln ließ, und beide faſt zu gleicher Zeit hegen konnte. Seine krankhaften Zuſtaͤnde ſtimmten ihn ſehr reizbar, er machte uͤbertriebene For¬ derungen, und lauerte und rechnete argwoͤhniſch, ob und wie ſie erfuͤllt wuͤrden, dann warf ihn der Mi߬ muth faſt ganz auf ſich ſelber zuruͤck, und ſeine Vor¬ ſaͤtze und Zuſagen vernichteten und erneuerten ſich nach den kleinſten Zufaͤllen. Es war durchaus zweifelhaft, ob er, einmal nach Halle zuruͤckgekehrt, nicht dort blei¬ ben, und anſtatt den lebensmuthigen Menſchen auf neue Bahn zu folgen, nicht der duͤſtern, abgeſtorbenen Oert¬ lichkeit ſich treu erweiſen wuͤrde.

Im Anfange des Oktobers wanderten Neumann und ich nach Nennhauſen, wo wir, ungeachtet franzoͤ¬ ſiſche Einquartierung das Schloß wie das Dorf be¬ laͤſtigte, die beſte Aufnahme fanden. Ich hatte bei Frau von Fouqué in der Zwiſchenzeit ſehr gewonnen, und ſie bezeigte mir gern die dankbare Neigung, die41 ich mir durch ſtreitbare Fuͤrſorge fuͤr eines ihrer Buͤcher bei ihr verdient hatte.

Neumann und ich lebten mit Fouqué im ſchon ge¬ wohnten Stil unſrer freundſchaftlichen und litterariſchen Angelegenheiten, und lebten eigentlich nur mit ihm; wenig bekuͤmmert um alles andre, was neben uns vor¬ ging. Auch fand ein wackrer Offizier und ehemaliger Kammerad Fouqué's, der Rittmeiſter von Welk ſich ein, der bis zuletzt im Kriege mitgeweſen, jetzt aber nach dem Frieden in Preußen kein Bleiben mehr fand, und als geborner Sachſe fuͤrerſt in ſeine Heimath bei Meißen ſich zuruͤckzuziehen dachte. Als der wichtigſte Gaſt aber, durch ſeine Verhaͤltniſſe wie durch ſeine Per¬ ſon zur erſten Rolle berechtigt, ſtand der franzoͤſiſche Huſarenoffizier vor Augen, der mit ſeiner Schwadron hier einquartiert lag. Er hieß Jules von Canouville, und war von altadeliger Herkunft, welches ihm nicht nur in Nennhauſen, ſondern auch im neuen Kaiſerthum, das noch von Freiheit und Gleichheit getragen war, zu merklicher Beguͤnſtigung diente; er brannte leidenſchaft¬ lich fuͤr Napoleon's Sache, und ſetzte auf ſie alle Hoff¬ nungen ſeines Ehrgeizes; uͤbrigens war er von kraͤftig ſchoͤner Jugend, ungeſtuͤmer Lebhaftigkeit und leichtſinni¬ gem Uebermuth. Man mußte ihm einige Ungezogen¬ heiten ſchon verzeihen, um ſo mehr, als ihm nicht zu verdenken war, daß er ſich aus dieſer Einoͤde in die glaͤnzende Hof - und Damenwelt von Paris wuͤnſchte,42 und es als eine Art Ungnade bejammerte, daß man ihn, der als Ordonnanzoffizier Berthier's eigentlich die¬ ſem zu folgen Anſpruch hatte, ſo lange beim Regimente ließ, wo es nichts mehr zu thun gab; ſeine Sehnſucht aͤußerte ſich mit einer Ungeduld, die fuͤr ſeine Umgebung wenig Verbindliches hatte, aber freilich in ſeiner Lage natuͤrlich war. Wir kamen aber leidlich genug mit ihm zurecht, und der Beziehung, daß wir Briefe aus Vertus und Saint-Menehould empfingen, und von dorther ſogar einen Freund erwarteten, konnte er ſeine Theilnahme nicht verſagen. Bernhardi's Traum, daß ich in Streit mit der franzoͤſiſchen Einquartierung ge¬ rathen, erfuͤllte ſich nicht; aber durch dieſe wurden wir doch des Aufenthalts fruͤher uͤberdruͤſſig, und waren herzlich froh, als endlich unſer Aufbruch durch Chamiſſo's Ankunft ſich feſtſetzen ließ.

Der Freund brachte aus der Heimath die neueſten Nachrichten, Anſichten und Stimmungen des kaiſerlichen Frankreichs mit, von denen wir indeß wenig erbaut waren, und er ſelbſt, wiewohl von manchen Eindruͤcken lebhaft angeregt und ſogar befangen, wandte willig und entſchloſſen dem franzoͤſiſchen Treiben den Ruͤcken zu, um ſich ganz und ausſchließlich in das Leben deutſcher Dichtung und Wiſſenſchaft zu verſenken, zufrieden wenn man ihm fuͤr ſeine Landsleute die Verherrlichung gelten ließ, deren ſie als Krieger im ſieggewohnten Heere theilhaftig waren. In Fouqué, Chamiſſo und Canou¬43 ville fanden ſich die Franzoſen der verſchiedenſten Epo¬ chen und Richtungen hier beiſammen, ein Réfugié, ein Emigrant und ein Kaiſerſoldat, deren gemeinſames Weſen alle Kluͤfte, welche durch Zeit und Welt zwiſchen ſie eingeſchoben lagen, noch immer leicht genug fuͤr den Augenblick uͤberſchwebte. Nach kurzem Beiſammenſein, da die Jahreszeit taͤglich mahnender wurde, ergriffen Chamiſſo und ich den Wanderſtab, empfingen von Fou¬ qué und Neumann, der am naͤchſten Tage nach Ber¬ lin zuruͤckkehren wollte, noch das Geleit bis halbwege Rathenau, und erreichten mit zweien Maͤrſchen Perle¬ berg und die Straße nach Hamburg, die wir, bald der Langſamkeit und des Ungemachs einer Fußreiſe in die¬ ſer Jahreszeit und Gegend uͤberdruͤßig, mit der Poſt vollends zuruͤcklegten.

Hamburg 1807.

Die Herrſchaft der Franzoſen waltete auch hier mit verhaßter, unterdruͤckender Gewalt; ohne weitere Recht¬ fertigung und Anfrage, bloß weil es ihm ſo gefiel, hatte der franzoͤſiſche Kaiſer ſich der Hanſeſtaͤdte be¬ maͤchtigt, hielt ſie beſetzt, und ließ ſie durch ſeine Pro¬ konſuln druͤcken und ausſaugen. Doch dem klugen und gewinnreichen Handelsgeiſte waren die Liſt und Gewandt¬ heit der Napoleoniſchen Polizei nicht gewachſen, und jener fand Beguͤnſtigung, Nachſicht und Gewinntheil¬ nehmer in denen ſelbſt, welche mit den ſtrengen Hem¬44 mungen und Bewachungen beauftragt waren. Mehr als irgend ein Vorgaͤnger und Nachfolger wurde in dieſer Hinſicht der Marſchall Bernadotte, Fuͤrſt von Ponte-Corvo geruͤhmt und geprieſen, der gerade da¬ mals in dieſer nordiſchen Gegend die von dem Kaiſer verliehene Macht ſehr mild und nachgiebig ausuͤbte, und fuͤr die Sache der bedraͤngten Stadt und der Kaufleute nicht erſt, wie ſo manche Andre, durch Eigennutz ge¬ wonnen werden durfte, ſondern ihr durch freies Wohl¬ wollen und heitere Gutmuͤthigkeit urſpruͤnglich geneigt war. Was aber die Macht und den Umfang der fran¬ zoͤſiſchen Obergewalt diesmal hier uns zum anregend¬ ſten und unerſchoͤpflichen Reize bezeichnete, war die Anweſenheit ſpaniſcher Truppen. Napoleon hatte bei dem ungeheuern Bedarf und den wichtigen Ruͤckſichten ſeiner wechſelnden Kriegszuͤge auch dieſe Verbuͤndeten aus der abgeſchloſſenen Heimath auf den Schauplatz der Ereigniſſe herangebracht, und Spanier fanden ſich, zu ihrer eignen Verwunderung, an die Ufer der Elbe und bis zu den Kuͤſten der Oſt - und Nordſee ver¬ ſchlagen. Gegen 20,000 Mann, unter Anfuͤhrung des Marquez de la Romana, erſtreckten ſich durch Holſtein und Schleswig bis nach Juͤtland und auf die Inſeln Fuͤhnen und Seeland hinuͤber, wo ſie zum Schutze Daͤnemarks gegen die Unternehmungen der Englaͤnder dienen ſollten. Das Hauptquartier aber war in Ham¬ burg, und einige Regimenter, ſowohl Fußvolk als Rei¬45 terei, lagen ebenfalls dort. Nichts war merkwuͤrdiger und eigenthuͤmlicher, als dieſe Truppen. Einige Kom¬ panien Grenadiere, welche gewoͤhnlich die Ehrenwache bei dem Hôtel des franzoͤſiſchen Marſchalls verſahen, konnten im Sinne jedes Militairs fuͤr ſchoͤn und praͤch¬ tig gelten. Im Ganzen aber mußte man die Vor¬ ſtellungen, die man ſich von andern Truppenanſchauun¬ gen gebildet, zum Theil fallen laſſen, und die Spanier nach einem, ihnen eignen Maßſtabe wuͤrdigen. Muth und Entſchloſſenheit leuchteten aus jedem Einzelnen kuͤhn und drohend hervor, an der Tapferkeit dieſer Leute ließ ihr Anblick nicht zweifeln, und dennoch mußte man ſich geſtehen, daß dieſe Truppe ſich neben Franzoſen und Deutſchen, oder gar gegen ſie, auf dem Kriegsfelde ſchwerlich vortheilhaft bewaͤhren wuͤrde; denn ſchon auf dem Exerzierplatze gab ihre Langſamkeit und Umſtaͤnd¬ lichkeit im Handhaben der Waffen, wie ihr geringes Ge¬ ſchick in Feldbewegungen, zu manchem Scherz und Spott Gelegenheit. Auch ihre Ordnung und Zucht, ſowohl in als außer dem Dienſte, ſchien weniger das Ergebniß einer ſtrengen Einrichtung, als vielmehr der freiwilligen Art eines jeden, der ſich bequem und laͤſſig einer militaͤriſchen Gewoͤhnung fuͤgte, die einmal vor¬ handen war. Und hinwieder mußte man die gravitaͤtiſche Wuͤrde, die ſtolze, ſelbſtſtaͤndige Haltung, und das folgerecht durchgefuͤhrte ſtrenge Benehmen ſtaunend be¬ wundern, wodurch dieſes Militair ſogar die ſpoͤttiſchen46 Franzoſen und die pedantiſchen Deutſchen zu ehrender Hochachtung noͤthigte. Gewiß iſt es, daß die gemeinen Spanier, einzeln oder geſchaart, bei ſeltſamer und oft mangelhafter Ausruͤſtung und Bekleidung, immer den gleichmaͤßigen Eindruck von vornehmen Leuten machten, ſie ſchienen Alle von Adel, auch im niedrigſten Zuſtande ſich bewußt, der beſten Verhaͤltniſſe werth und faͤhig zu ſein. Wirklich ertrugen ſie mit großem Anſtand und vollkommener Faſſung das tiefe Mißgeſchick, in welchem ſie ſich befangen fuͤhlten, denn ſie verhehlten es nicht, daß es ihnen eine Schmach ſei, nach der Laune eines fremden Herrſchers, den ſie haßten, wie ſie ſeine Nation verachteten, ſo in der Welt umherzuziehen, und ihre Unterwuͤrfigkeit zur Schau zu tragen. Mit hohem An¬ theil ſahen wir dieſe edlen ſuͤdlichen Naturen voll Ernſt und Feuer, von denen fruͤher nur vereinzelte Beiſpiele uns genuͤgen mußten, jetzt in ſolcher Vielheit und Maſſe als eine wandelnde Poeſie vor unſern Augen, mit Entzuͤcken horchten wir den Klaͤngen der herrlichen Sprache, die auf den Straßen von allen Seiten uns zutoͤnte, und nicht ſelten die gemeinſte Oertlichkeit durch Guitarrenſpiel und Geſang veredelten, die unſrer berauſch¬ ten Einbildungskraft in dieſer Art nur in Granada und Sevilla moͤglich geſchienen hatten. Der romantiſche Zauber dieſes ſpaniſchen Lebens wirkte nicht auf uns allein, auch die Franzoſen empfanden ihn, und wichen gleichſam ſtaunend und betroffen vor ihm zuruͤck, der47 roheſte Hamburger ſprach ihn durch Wort und That aus. Die Theilnahme und Vorliebe fuͤr die Spanier, die Achtung und Verehrung fuͤr ihre Nationalitaͤt, die Sorgen und Wuͤnſche fuͤr ihr Wohlergehn, waren all¬ gemein, und in dem erzproteſtantiſchen Hamburg wurden diesmal ſogar die haͤufigen Zeugniſſe eines ſtrengkatholiſchen Kirchendienſtes, der ſich mit dem militairiſchen Dienſte verflochten hatte, weder angefeindet noch verſpottet.

Wirklich aber betrugen ſich dieſe Fremden auch hoͤchſt muſterhaft, und ganz im Gegenſatz der Franzoſen. Stolz, maͤßig, ehrbar, ſchien auch der gemeine Sol¬ dat nur dahin zu ſtreben, ſeinem Wirthe ſo wenig als moͤglich zur Laſt zu fallen. Groͤßere Unordnungen fielen beinahe gar nicht vor, leidenſchaftliche Aufwallungen wurden durch ein ehrendes Wort leicht in Guͤte beige¬ legt. Muſik und Geſang waren in jedem Hauſe will¬ kommenes Vergnuͤgen. Wo naͤhere Verſtaͤndigung ein¬ trat, fand ſogleich ein politiſches Vertrauen Nahrung, man erkannte ſich als gleichgeſinnt und verbuͤndet im Haſſe gegen die Franzoſen. War die Gelegenheit guͤnſtig fuͤr noch engere Vertraulichkeit, ſo wurden auch dann die erwuͤnſchteſten Eigenſchaften nicht ver¬ mißt, und die ſtille Gluth und der feſte Eifer des Spa¬ niers trug uͤber die einnehmende Leichtfertigkeit des Franzoſen meiſt den Sieg davon. Man ſah nicht wenige Geſtalten und Geſichter von vollkommener maͤnnlicher Schoͤnheit. Unter den Offizieren fanden ſich Maͤnner48 von groͤßter Auszeichnung des Betragens, und der Marquez de la Romana, welcher im Buchladen von Perthes bei dem erſten Beſuch eine Auswahl griechiſcher und roͤmiſcher Autoren eifrig angekauft hatte, vereinigte mit der feinſten Weltbildung und edelſten Herzensguͤte ſogar eine ſeltene Gelehrſamkeit.

Doktor Veit, Perthes, von Reinhold und ſein Freund Doktor Georg Kerner bezeigten uns die freundlichſte Zuvorkommenheit, und gaben uns wirkſamen perſoͤnli¬ chen Eindruck, dem wir gern folgten. Die liebevollſte Beeiferung aber hatte fuͤr uns der wackre Gurlitt, der uns auch nicht erließ, eine feierliche Mahlzeit bei ihm einzunehmen, und uns auf gut hamburgiſch durch eine zahlreiche und ausgedehnte Gaſterei ehren wollte. Zur groͤßern Freiheit fuͤr Zeit und Stimmung hatte er den Abend gewaͤhlt, und uͤber zwanzig Perſonen fanden ſich nach und nach ein, brave Maͤnner vom Schulfach, einige Prediger, Aerzte, auch vom Kaufmannsſtande ein paar Mitglieder, und nachbarliche Beamte oder Gutsbeſitzer aus Holſtein; die behaglichſte Einrichtung und die geſchmackvollſte Bewirthung wetteiferten mit einander, und nachdem man ſich als gleichgeſtimmt oder ſinnverwandt leicht erkannt hatte, loͤſte das Geſpraͤch ſich aller Feſſeln, und nahm die freieſte Wendung, ohne je aufzuhoͤren gehaltvoll zu ſein. Die Gelehrſamkeit bot aus ihren unerſchoͤpflichen Schaͤtzen die feinſten Zuͤge, die witzigſten Anſpielungen dar, man erfuhr die49 bedeutendſten Sachen mit der alten Welt, das lebendige Intereſſe der neuen aber draͤngte ſich immer dazwiſchen, und ließ keine Pedanterie aufkommen. Gurlitt und der alte Bieſterfeld freuten ſich an mir als ihrem ehe¬ maligen Schuͤler und der von ihnen ausgegangenen, wohlgelungenen Wirkung. Beſonderes Intereſſe und Gefallen aber hatte Gurlitt an Chamiſſo's Deutſchheit, uͤber deren Grund und Art er in ſteter Verwunderung blieb, und deſſen friſche Nachrichten aus Frankreich und eigenthuͤmliche politiſche Anſicht einen außerordentlichen Reiz fuͤr dieſe Maͤnner hatte, welche nur gar zu ſehr fuͤhlten, daß auch dem geiſtigen Grund ihres Lebens, dem innern Weſen ihrer Thaͤtigkeit, ſo gut wie der aͤußern Geſtalt ihres Buͤrgerthums, mit jedem Tage bedenklicher die Eingriffe der fremden Herrſchergewalt nahten. Daß dieſer Franzoſe den Aeußerungen in Be¬ treff des Kaiſer Napoleon keine Ruͤckſicht auferlege, wagte man nicht ſogleich vorauszuſetzen, ſondern ver¬ ſuchte ſich anfangs in allerlei Wendungen, bis man mit frohem Staunen gewahr wurde, man koͤnne mit gutem Vertrauen darin weiter und weiter gehen. Da¬ mit in dieſer Hinſicht gar kein Zweifel mehr bliebe, mußte Chamiſſo ſelber mich auffordern, die Ode von Staͤgemann vorzuleſen, worin der Untergang der Napo¬ leoniſchen Macht durch Preußen und Rußland geweiſſaget worden, und die ich in feiner Abſchrift bei mir fuͤhrte. Der Eindruck war unbeſchreiblich, man bewunderte undIII. 450jauchzte, und trank in den beſten Weinen wiederholt die Geſundheit des kuͤhnen Dichters. Chamiſſo ſeiner¬ ſeits fing dann auch eigne Gedichte zu deklamiren an, und nun ſollte er umſtaͤndlich ſagen, wie er zu ſeinen deutſchen Studien gelangt und durch welche Huͤlfsmit¬ tel er darin fortgeſchritten ſei. Man nahm an ſeinen Lebensgeſchicken, an ſeiner Perſon und Eigenart den lebhafteſten Antheil, und Gurlitt insbeſondere ſchien von fuͤrſorglichen Geſinnungen erfuͤllt und bewegt. Waͤh¬ rend er nun mit Zaͤrtlichkeit dem eben ſo lieben als außerordentlichen Gaſte horchte und zuſprach, war dieſer in das Herſagen von Verſen ſchon verfangen, und zwiſchen die Antworten, die er zu geben hatte, flocht er gelegentlich die allbekannten Worte ein:

Habe nun ach! Philoſophie,
Juriſterei und Medicin,
Und leider auch Theologie
Durchaus ſtudirt mit heißem Bemuͤhn.

Mit ſteigendem Pathos vorgetragen machte dies gute Wirkung, und das Gedaͤchtniß haͤtte ihn gewiß noch eine weite Strecke ſo fortfahren laſſen, als der liebe Gurlitt, in ſeinen Alten ſo trefflich zu Hauſe, und auch in den Neuern ſonſt beleſen genug, nur gerade mit dem unkorrekten Neuſten nicht vertraut, die ganze Tirade fuͤr ein perſoͤnliches Bekenntniß aufnehmend, verwundert und antheilvoll mit faſt gleichem Pathos, indem er ſich mit erhobenen Armen hinuͤberneigte, den51 Deklamator eilig anrief: O was! das haben Sie ..? und ihm damit ploͤtzlich den Strom der Rede im offnen Munde ſtocken machte. Eine allgemeine Stille trat auf einen Augenblick ein, Chamiſſo war wirklich aus aller Faſſung und ſah bald Gurlitt, bald mich an, ſein Lachen kaum hinunterwuͤrgend, und ich ſelbſt hatte alle Muͤhe, mit guter Art zuerſt den lieben Alten zu be¬ deuten, jene Worte ſeien der Anfang von Goethe's Fauſt, und worauf ich ſie einige Zeilen weiter fuͤhrte, da es ja ſchiene, ſo ſagte ich, als laſſe das Gedaͤchtniß meines Freundes ihn im Stich. So hatte der grund¬ gelehrte Mann zuletzt noch eine zwar ſehr verzeihliche Unwiſſenheit bloßgeben muͤſſen, die ihm aber doch em¬ pfindlich blieb, wiewohl bei weitem nicht in dem Maße, als wenn ſeine Mißkennung irgend einen Spruch aus dem Horaz oder Virgil betroffen haͤtte! Wir haben des reichbelebten, bis tief in die Nacht hinein fortge¬ ſetzten Gaſtmahls ſeitdem noch oft mit frohem und dankbarem Sinne gedacht, und uns dabei immer des drolligen Vorganges gern erinnert, der unſrer Ver¬ ehrung und Zuneigung fuͤr den wuͤrdigen und theuern Lehrer nicht im geringſten ſchaden konnte.

Der Aufenthalt in Hamburg hatte mich im Ganzen wohlthaͤtig erquickt und geſtaͤrkt, meinen Muth und meine Vorſaͤtze befeſtigt, und mir wurde in der heitern Gemuͤthsſtimmung der heranruͤckende Abſchied minder ſchmerzlich. Wir fuhren unter Freuden - und Segens¬4 *52wuͤnſchen ab, huͤllten uns gegen das einbrechende Win¬ terwetter in unſre guten Maͤntel, und harrten die lang¬ ſame Poſtreiſe, die uns nach Berlin zuruͤckfuͤhrte, ge¬ duldig aus. Ueberall wo wir durchkamen, ſahen wir franzoͤſiſche Truppen und Verwaltungen zum Ueber¬ wintern in das bedruͤckte Land ausgetheilt; ein trauriger Anblick, der dadurch nicht beſſer wurde, daß auch die Franzoſen dieſes Loos ihrerſeits gar nicht beneidenswerth fanden, wie uns die Reſignirteſten noch im vergeblichen Grimm eifrig betheuerten.

Berlin.

Eine neue Lebensreihe begann, und fuͤr mich ganz ungewoͤhnlich unter eigenthuͤmlichem Unbehagen, da bisher faſt immer bei jedem Abſchnitte frohe Stimmung und guͤnſtiges Ereigniß mich getragen hatten. Auch half es nichts, daß ich jenes Gefuͤhl mir verlaͤugnen, ſeine Wirkung durch Fleiß und Geiſtesmacht aufheben wollte, von allen Seiten haͤufte ſich mir eine beſondre Widrigkeit, die denn auch nur allzu ſchnell in mancher¬ lei Mißhelligkeiten ſich entladete. Vieles davon lag allerdings in meiner Gemuͤthsart, deren Anlage und Triebe ſich in voller Freiheit bewegen durften, anderes aber in meinen Verhaͤltniſſen, welche aus Ueberreifem und Unreifem zuſammengeſetzt, außer allem Gleichge¬ wichte ſchwankten, und indem ſie dieſes ſuchten, bald nach oben bald nach unten uͤbermaͤßig anſchlugen. Das53 Meiſte jedoch muß ich dem allgemeinen Zuſtande an¬ rechnen, der unwiderſtehlich den Einzelnen ergriff, wie er die Geſammtheit ergriffen hatte; wohin man blickte, ſah man Stoͤrung, Zerriſſenheit, nach allen Richtungen nur ungewiſſe Zukunft, den politiſchen Kraͤften wider¬ ſtrebten vergebens die geſelligen und geiſtigen, ſie mu߬ ten es fuͤhlen, daß der buͤrgerliche Boden, der ſie trug, erſchuͤttert war. Daß die Univerſitaͤt Halle niederge¬ worfen blieb, war vielleicht fuͤr keinen Menſchen ein ſo großer Verluſt, als eben fuͤr mich; dort haͤtte ſich mir in geordneter maßvoller Lebenshaltung und richtig umſchraͤnkter Bahn alles vereint, deſſen ich bedurfte, und das ich nun in dem großen Weltwirrniß mit weit¬ greifenden und eifrig geſchaͤftigen Muͤhen doch nur ver¬ gebens wieder zuſammenzufaſſen trachtete. Denn auch fuͤr die Wiſſenſchaften fehlte jede Einheit und Zuſam¬ menſtimmung, ſie boten ſich keiner Ueberſicht mehr dar in nothwendig erachteten und doch der Auswahl frei¬ geſtellten Lehrgaͤngen, die Lehrer bildeten keine Gruppen mehr, noch weniger die Schuͤler; jeder ging nach Zu¬ fall dem augenblicklichen Gewinne nach, wie der Tag ihn geben wollte. Denn, wie locker auch das Band ſein mag, welches die verſchiedenartigſten, einander entlegenſten Disciplinen, und, in den gleichartigen oder einander naheliegenden, die ſelten befreundeten und ein¬ ſtimmigen Lehrer auf unſern Univerſitaͤten zu verbin¬ den pflegt, ſo gewaͤhrt doch ſchon der Rahmen, der54 alles dieſes, wenn auch ſcheinbar willkuͤrlich und gewalt¬ ſam, gleich dem eines Landſchaftsbildes, zuſammenhaͤlt, einen ſichern und beruhigenden Abſchluß. Hierin helfen die Mitſtudirenden ebenſo, und in vielen Faͤllen mehr noch, als die Lehrer, und der Blick auf deren Zahl und Kraft iſt dem Studenten nicht weniger belebend und ermuthigend bei ſeinen Anlaͤufen, als dem Solda¬ ten, der zum Sturme vorſchreitet, das Anſchauen der Schaaren, die unter namhaften Fuͤhrern zu gleichem Werke vorangehen oder nachfolgen. Aber mir fehlte in dieſem Zeitraume durchaus jedes Vorbild, welchem ich haͤtte nachſtreben, das mir haͤtte ein Beiſpiel ſein koͤn¬ nen. Die tiefe, erſt heimliche, dann mehr und mehr ſich offenbarende Verſtimmung und Unluſt, welche die Folge aller dieſer Zuſtaͤnde war, wurde nur allzu ſchnell ein mitwirkender Theil derſelben, und half ſie in dem gegebenen Kreiſe noch mehr hervorbringen.

Ich ſah Fichte'n bisweilen, ich ſah Wolf, und hielt mit Bernhardi und mit Wilhelm von Schuͤtz fleißige Gemeinſchaft. Des letztern Trauerſpiel, der Graf und die Graͤfin von Gleichen, mir vom Entſtehen her durch fortruͤckende Mittheilung ſchon vertraut, war jetzt im Druck erſchienen, und gab mir zu mancherlei, dem Autor nicht willkommenen Aeußerungen Anlaß, die ich, um ſie gegen lebhaften Einſpruch beſſer zu vertheidigen, ſchriftlich zuſammenfaßte, woraus die nachher in der Jenaiſchen Litteraturzeitung abgedruckte Recenſion wurde,55 welche Bernhardi, der als Mitarbeiter oft um Beitraͤge gemahnt wurde, dorthin abſchickte und mit Huͤlfe einer aufdringlichen Taͤuſchung einſchwaͤrzte, indem er die Buch¬ ſtaben rnha zur Bezeichnung waͤhlte, welche der Redaktion als der Kern ſeines Namens unbedenklich einleuchteten, waͤhrend ſie doch eben ſo, was den grammatiſchen Gruͤbeleien dieſes auch gar gern ſpielenden Sprachgeiſtes nicht entgangen war, den Kern meines Namens bilde¬ ten, den ſie diesmal auch allein zu bedeuten hatten, welchen aber, als den eines Fremden und Unaufgefor¬ derten, niemand rathen konnte. Die Redaktion war in der Folge, als ſich der kleine Streich entdeckte, ſehr ungehalten gegen Bernhardi, und fand ſeine Ausrede unzulaͤnglich, mir aber verſchloß ſie mit der mißbrauch¬ ten Hinterthuͤre nun auch das Hauptthor um deſto ſorgſamer. So hatte weder Schuͤtz, dem ich draſtiſches Talent abſprach und nur lyriſches Weſen in dieſen an¬ geblich dramatiſchen Formen zugeſtand, noch ich ſelbſt, der ſich jener kritiſchen Anſtalt ſchlecht empfohlen hatte, und am wenigſten Bernhardi, deſſen Verbindung dort ſeitdem voͤllig aufhoͤrte, von dieſem Verſuche viel Ver¬ gnuͤgen, und ſogar das Honorar fuͤr die wenigen Blaͤt¬ ter ſollte in der Aufrechnung einiger Ruͤckſtaͤnde durch die bloße Ziffer verzehrt werden! An ſonſtigen kriti¬ ſchen Aufſaͤtzen, z. B. uͤber den Simpliciſſimus, an Ge¬ dichten, Ueberſetzungen aus dem Griechiſchen, Entwuͤr¬ fen und Bruchſtuͤcken zu groͤßeren Arbeiten, bracht 'ich56 in dieſer Zeit zu Papier, was mir nicht bewahrt ge¬ blieben iſt.

Heiterer und kraͤftiger ließ unſer Treiben ſich an, als im December Schleiermacher mit ſeiner Schweſter und der Tochter Wolf's von Halle zuruͤckkehrte, um nun, moͤge es werden wie es wolle, ſich ganz in Berlin feſtzuſetzen. Im Januar 1808 folgte auch Harſcher end¬ lich nach, begleitet von Wilhelm von Williſen, einem neuen Freunde, den er in Briefen ſchon genannt hatte.

Fichte begann im December ſeine Vortraͤge, und ich verfehlte nicht, ihnen beizuwohnen, die in dem run¬ den Saale des Akademiegebaͤudes vor einer zahlreichen Verſammlung von Herren und Frauen gehalten wurden. Der treffliche Mann ſprach mit kraͤftiger Begeiſterung dem gebeugten und irr gewordenen Vaterlandsſinne Muth und Vertrauen zu, ſchilderte ihm die Groͤße der Vorzuͤge, die ſich der Deutſche durch Unachtſamkeit und Entartung habe rauben laſſen, die er aber gleichwohl jeden Augenblick als ſein unveraͤußerliches Eigenthum wieder ergreifen koͤnne, ja ſolle und muͤſſe, und wies dafuͤr als das wahre, einzige und unfehlbare Huͤlfsmittel eine von Grund aus neu zu geſtaltende und folgerecht durchzu¬ fuͤhrende Volkserziehung an. Sein ſtrenger Geiſt ging auf vollſtaͤndige Umſchaffung unſrer Zuſtaͤnde aus, wo¬ bei er nichts weiter verlangte, als daß uͤberall das Weſentliche im Sittlichen wie im Geiſtigen gefoͤrdert und ausgebildet, das Scheinſame und Hohle dagegen57 aufgegeben und ſeinem eignen Abſterben uͤberlaſſen wuͤrde, dann, meinte er, werde ſich ohne gewaltſame Umkehr, durch bloße Entwicklung, aus dem Vorhandenen und Beſtehenden die ganze Kraft und Herrlichkeit, deren die Nation ſeufzend entbehre, unmerklich und unver¬ hinderlich von ſelbſt hervorbilden. Dabei war er billig genug, ſeiner ſonſtigen Art entgegen, welche ſogleich alles oder nichts gegen einander ſtellte, auch jeden ge¬ ringſten Keim des neuen Lebens, jeden theilweiſen noch ſo kleinen Anfang der gebotenen Entwicklung dankbar aufzunehmen und ſchon mit ſolchem fuͤrerſt begnuͤgt ſein zu wollen. Sein geiſtig bedeutendes, mit aller Kraft der innigſten und redlichſten Ueberzeugung maͤchtig aus¬ geſprochenes Wort wirkte beſonders auch durch den außer¬ ordentlichen Muth, mit welchem ein deutſcher Profeſſor im Angeſicht der franzoͤſiſchen Kriegsgewalt, deren Gegenwart durch die Trommeln vorbeiziehender Truppen mehrmals dem Vortrag unmittelbar hemmend und auf¬ dringlich mahnend wurde, die von dem Feinde umge¬ worfene und niedergehaltene Fahne deutſchen Volksthums aufpflanzte, und ein Prinzip verkuͤndigte, welches in ſeiner Entfaltung den fremden Gewalthabern den Sieg wieder entreißen und ihre Macht vernichten ſollte. Der Gedanke an das Schickſal des Buchhaͤndles Palm war noch ganz lebendig, und machte manches Herz fuͤr den unerſchrockenen Mann zittern, deſſen Freiheit und Leben an jedem ſeiner Worte wie an einem Faden hing, und58 der durch die von vielen Seiten an ihn gelangenden Warnungen, durch die Bedenklichkeiten der preußiſchen Unterbehoͤrden, welche Verdruß und Schaden fuͤr ſich von den Franzoſen befuͤrchteten, ſo wenig wie ſelbſt durch den Anblick eingedrungener franzoͤſiſcher Beſucher, ſich in dem begonnenen Werke ſtoͤren ließ. Man konnte ſie nicht ohne Ergriffenſein und Begeiſterung anhoͤren, dieſe Reden, welche mit Recht uͤber den Kreis der un¬ mittelbaren Zuhoͤrerſchaft hinaus ſich als Reden an die deutſche Nation erklaͤrten, als ſolche weit und tief ge¬ wirkt und ſeitdem ſtets als eine der fruͤheſten und ſtaͤrk¬ ſten Erregungen der volksthuͤmlichen Anſpruͤche und Betriebe in Deutſchland gegolten haben. Merkwuͤrdig iſt es, daß dieſes Werk bei ſeiner bedeutenden Verbrei¬ tung und Wirkſamkeit dennoch ſeinen unmittelbaren Ab¬ ſichten und Vorſchlaͤgen keinen Eingang gewonnen bat; nirgends iſt auch nur ein Verſuch gemacht worden, ſolche Volkserziehung einzufuͤhren, und wenn einige Schuͤler Fichte's ſpaͤterhin eine Erziehungsanſtalt in ſeinem Sinne zu gruͤnden ſuchten, ſo hat dieſelbe doch gar bald, in¬ dem ſie ſich den gewoͤhnlichen Anforderungen des Tages mehr und mehr bequemte, die beſondern Eigenthuͤmlich¬ keiten, worin ſie dem Geiſte des verehrten Meiſters zu huldigen glaubte, wieder abſtreifen muͤſſen. Von meinen naͤhern Freunden hoͤrten nur Bernhardi und Schuͤtz dieſe Vorleſungen; die andern hielten ſich davon zuruͤck. Daß Harſcher, der Fichte'n noch gar nicht gehoͤrt und59 geſehen hatte, dieſe Gelegenheit ungenutzt voruͤbergehen ließ, war unverzeihlich; aber Schleiermacher wirkte dabei wenigſtens mittelbar ein, er zeigte bei jedem Anlaſſe nur Abneigung gegen Fichte, ſpoͤttelte gern uͤber deſſen Beginnen, und es reizte ihn weniges ſo auf, als wenn man Fichte's Geiſt und Richtung anruͤhmte. Unter den Zuhoͤrern fand ſich Ludwig Robert, mit dem ich die faſt abgebrochene Bekanntſchaft erneuerte, auch ſeine Schweſter Rahel ſah ich mit ihm regelmaͤßig eintreffen, und ich widmete ihrer anziehenden Erſcheinung die leb¬ hafteſte Aufmerkſamkeit, wobei doch ein ſo nah und leicht unter ſolchen Umſtaͤnden ſich ereignendes Anknuͤpfen des Geſpraͤchs diesmal durch Eigenſinn des Zufalls unter¬ bleiben ſollte.

Ich hoͤrte die Vorleſungen Schleiermacher's uͤber Ethik mit großem Eifer, fand aber nicht die Befriedi¬ gung, die ich, beſonders nach Harſcher's Anpreiſungen, der in dieſen mehr ſinnreichen als tiefen Schematen lebte und webte, und mit ihnen uͤberall herumleuchtete, hatte erwarten duͤrfen. Das Nachſchreiben, womit ich mich quaͤlte, ermuͤdete mich vollends, ich gab dieſes ſehr bald, und allmaͤhlig auch ſelber die Vorleſungen auf, welches mir freilich in dem ganzen Kreiſe nicht zur Empfehlung gereichte. Ueberhaupt regte ſich in dieſer Zeit zwiſchen uns viel Abſonderndes und Entzweiendes. Eine ziemlich gleichartige, in Zahl der Perſonen nicht allzu beſchraͤnkte und doch gewiſſermaßen abgeſchloſſene60 Geſellſchaft bildet alsbald ein Gemeingut von Urtheilen, Empfindungsweiſen, Formen und Scherzen des Umgangs, woraus jeder ſeinen taͤglichen Bedarf ohne Anſtrengung nehmen und mit faſt unfehlbarem Erfolge verbrauchen kann. Dieſes Kotterieweſen, welches ſo bequem, aber auch ſo gefaͤhrlich iſt, weil es den Geiſt des Einzelnen faſt entbehrlich macht, die Eigenthuͤmlichkeit aufloͤſt, und die Stelle nicht einmal, wie doch das Leben in der großen vornehmen Welt noch thut, wenigſtens leer laͤßt, ſondern ſogleich mit Geringem auszufuͤllen ſucht, dieſer beſchleichende Anhauch wurde uns durch Friſche der Studien, durch unruhige Jugendkraft, und ſelbſt durch den allgemein ausgebreiteten Ernſt der Weltverhaͤltniſſe groͤßtentheils abgewehrt; einiges aber quoll dennoch wie durch Ritzen und Spalten in unſrer Mitte hervor, und bethoͤrte uns zu ernſtlich-thuendem Spiel. Dieſes ſtreifte nahe an heftiger Entzweiung hin, denn wir hielten eiferſuͤchtig darauf, jede Zumuthung, die den Schein einer Autoritaͤt haben konnte, ſchnoͤde zuruͤckzuweiſen. So zerſtoͤrten wir das Kotterieartige wieder, indem wir es bildeten, und Schleiermacher, der von jeher einen großen Hang gehabt, in unergiebigen Gewohnheits¬ uͤbungen ſich bequem zu ergehen, fand ſich in ſeinem Behagen durch uns oft mißmuthig aufgeſtoͤrt. Doch zu guter Letzt, ehe ſie voͤllig verſchwand, erhob ſich noch Einmal ſeine ganze Freundlichkeit und Heiterkeit gegen mich, indem er aus ſeiner Weiſe faſt in die meinige61 uͤberging, und die Bluͤthe dieſer Stimmung mußte ſo¬ gar ein Gedicht an mich ſein! Da ein Gedicht von Schleiermacher an mich jedenfalls etwas Phaͤnomenhaftes iſt, ſo muß ich dieſe Zeilen hier wohl mittheilen. Der Anlaß war folgender: Ich hatte ſcherzend erklaͤrt, ich wuͤrde fuͤr die jungen Damen nichts mehr ausſchneiden, wenn ſie nicht meine Bildchen durch Gegengeſchenke erwiederten, wozu ſie durch allerlei kleine Handarbeiten leicht Rath finden koͤnnten. Die Forderung galt fuͤr hoͤchſt anmaſſend, und ſollte durch einen empfindlichen Streich geruͤgt werden, wobei Schleiermacher die Worte zu liefern uͤbernahm. Sie geriethen ihm aber ganz uͤber Erwartung angenehm und ſchmeichelhaft. Ich empfing naͤmlich an meinem naͤchſten Geburtſtage von unbekannter Hand ein Kaͤſtchen, bei deſſen Eroͤffnung mir zuerſt ein Blatt Papier in's Auge fiel, zierlich beſchrieben, Verſe, die alſo lauteten:

An Varnhagen.

Zum 21. Februar 1808.

Dichter laſſen gern ſich ſchenken,
Freun ſich ſchoͤner Angedenken,
Wollen ausgezeichnet ſein;
Drum empfange heut die Gaben,
Welche wir bereitet haben,
Freundlich ſo gedenkend dein.
Du verachteſt nicht das Kleine,
Liebſt vielmehr das Zierlichfeine,
62
Drum iſt klein, was wir geſandt:
Handſchuh erſt, daß ſie nicht leidet,
Die ſo ſauber mahlt und ſchneidet,
Deine kunſterfahrne Hand.
Deine Stimme zart und ſuͤße,
Daß nicht fuͤr den Kopf ſie buͤße,
Sieh ein Muͤtzchen warm und ſchoͤn!
Waͤrmend wird's auch dazu dienen,
Wenn die Muſe dir erſchienen,
Die Begeiftrung zu erhoͤhn.
Auch ein Jaͤckchen zu der Muͤtze!
Glaube nur, es iſt dir nuͤtze
Bei den Abendſtreiferein.
Heb 'es auf fuͤr ſchlimmre Tage,
Moͤg' es von der Krankheit Plage,
Heilend dich ſodann befrein!
Dichter ſind ja arme Teufel,
Darum iſt wohl ſonder Zweifel
Dir die Boͤrſe groß genug.
Um den Dank dir zu erſparen,
Sollſt du nimmermehr erfahren,
Wer geſpielt dir den Betrug.

Die hier benannten Sachen lagen in der That alle zierlich gearbeitet vor Augen, doch uͤberaus klein, zu keinerlei Gebrauch. Die Quelle dieſes Muthwills konnte mir nicht zweifelhaft ſein, die Geberinnen verrieth ihr Lachen, als ich von meinen empfangenen Geſchenken erzaͤhlte, und ganz ernſthaft hinzufuͤgte, ich ſei ſchon63 damit bekleidet; die Liſt in Tieck's blondem Eckbert half hier gluͤcklich; daß aber Schleiermacher zu dem Scherze mitgewirkt und ſo huͤbſche Verſe dazu gemacht hatte, war denn doch ein auffallendes Zeugniß ſeiner mir freund¬ lichen Geſinnung, die ſich nur unter zufaͤlligen kleinen Bitterkeiten bisher verſteckt zu haben ſchien. Wirklich ſtellte ſich auf einige Zeit ein beſonders von ſeiner Seite zuvorkommenderes Vernehmen ein. Doch kam es zu keiner eigentlichen Erklaͤrung, und die Annaͤherung hoͤrte im Gedraͤnge der Tageswogen bald wieder auf. Auch behielt der Schlußvers jenes Gedichts in ſo fern Recht, als die Urheberſchaft nie ausdruͤcklich eingeſtanden wurde, wiewohl der Augenſchein deutlich genug ſprach, und auch das Gedicht noch heutiges Tages ſeinen Vater nicht verlaͤugnen kann, weßhalb auch ſeine Aufbewahrung hier um ſo guͤnſtiger verziehen ſein mag, da ſtets merkwuͤrdig bleibt, zu ſehen, was ein ſolcher Mann auf dergleichen verſtohlenen Nebenwegen bisweilen gluͤcklich erzielt!

(Hier waͤre, der Zeitfolge gemaͤß, der Abſchnitt Rahel, 1807 anzuſchließen, der aber ſchon im zweiten Bande abgedruckt ſteht.)

[64]

Beſuch bei Jean Paul Friedrich Richter.

Baireuth, Sonntag den 23. Oktober 1808. Heute Vormittag ging ich zu Jean Paul. Harſcher war ver¬ ſtimmt, und wollte durchaus nicht mitgehen, ich glaube, es verdroß ihn zu ſehr, ſeine aͤußeren Anſpruͤche gegen ſeine inneren ſo weit zuruͤckſtehen zu finden, und einen Mann, mit dem er ſich geiſtig auf gleicher Linie fuͤhlte, nur als unſcheinbarer Student zu begruͤßen, deſſen innrer Werth zufaͤllig noch zu keiner Namhaftigkeit ausgepraͤgt worden. Denn von Jean Paul eingenommen und be¬ zaubert iſt er mehr noch als ich, und ſeinen Wunſch, den Mann wie er leibt und lebt zu ſehen, hatte er bisher oft und lebhaft ausgeſprochen. Ich bin auch nur ein unſcheinbarer Student, aber das iſt mir eben recht, und ſo ging ich getroſt hin! Eine angenehme, freund¬ lich neugierige Frau, die mir die Thuͤr oͤffnete, erkannt 'ich ſogleich als Jean Pauls Gattin an der Aehnlichkeit mit ihrer Schweſter. Ein Kind wurde geſchickt, den Vater zu rufen. Er kam bald; war auf meinen Beſuch65 durch Briefe aus Berlin und Leipzig ſchon vorbereitet, und empfing mich ſehr liebreich. Als er ſich neben mir auf das Sopha niederſetzte, haͤtte ich ihm beinah in's Geſicht gelacht, denn indem er ſich etwas buͤckte, ſah er genau ſo aus, wie ihn unſer Neumann in den Ver¬ ſuchen und Hinderniſſen ſcherzhaft beſchrieben hat, und wie und was er ſprach, verſtaͤrkte den Eindruck in der¬ ſelben Weiſe. Jean Paul iſt wohlbeleibt, hat ein volles, gutgeordnetes Geſicht, kleine, feuervoll ſpruͤhende und dann wieder gutmuͤthig matte Augen, einen freundlichen, auch im Schweigen leiſe bewegten Mund. Seine Sprache iſt ſchnell, faſt eilig, und daher bisweilen etwas ſtol¬ pernd, nicht ohne einigen Dialekt, der mir ſchwer zu bezeichnen waͤre, aber ein Gemiſch von fraͤnkiſchem und ſaͤchſiſchem ſein mag, natuͤrlich doch ganz in der Gewalt der Schriftſprache feſtgehalten.

Ich mußte ihm zuvoͤrderſt alles erzaͤhlen, was ich von ſeinen Berliner Bekannten irgend wußte oder gar zu beſtellen hatte. Gern dachte er der Zeit, da er in Berlin als Nachbar von Markus Herz in dem Leder'¬ ſchen Hauſe gewohnt, wo ich vor ſieben Jahren im Garten an der Spree ihn zuerſt geſehen, mit Blaͤttern in der Hand, die man mir als zum Hesperus ge¬ hoͤrig insgeheim bezeichnete. Dies Perſoͤnliche, und manches Litterariſche, das ſich damit verflechten mußte, regte ihn außerordentlich an, und er hatte bald mehr zu ſagen, als zu vernehmen. Seine Rede war durch¬III. 566aus liebenswuͤrdig und gutmuͤthig, immer gehaltvoll, aber in ganz ſchlichtem Ton und Ausdruck. Wiewohl ich es ſchon wußte, daß ſein Witz und Humor nur ſeiner Schreibfeder angehoͤren, und er nicht leicht ein Zettel¬ chen ſchreibt, ohne daß jene mit einfließen, dagegen ſein muͤndlicher Ausdruck ſelten etwas davon verraͤth, ſo fiel es mir doch ſehr auf, bei dieſer beſtaͤndigen inneren Be¬ wegung, in der ich ihn ſah, und bei dieſer Lebhaftigkeit, der er ſich uͤberließ, von Witz und Humor keine Spur zu ſehen. Sein uͤbriges Betragen glich ſeinem Sprechen; nichts Vornehmes, nichts Geſpanntes, nichts Abſicht¬ liches, nichts, was uͤber das Buͤrgerliche hinausginge; ſeine Hoͤflichkeit war die groͤßte Guͤte, ſeine Haltung und Art hausvaͤterlich, fuͤr den Fremden gern ruͤckſichts¬ voll, aber fuͤr ſich ſelber dabei moͤglichſt ungezwungen. Auch der Eifer, in welchen der Reiz des Beſprochenen ihn oͤfters brachte, veraͤnderte doch jene Grundſtimmung niemals, nirgends trat Schaͤrfe hervor, nirgend ein Vorſtellenwollen, nirgends lauerndes Beobachten und Spaͤhen, uͤberall Milde, uͤberall freies Walten ſeiner nicht ſcharfumgraͤnzten Natur, uͤberall offne Bahn fuͤr ihn, und hundert Uebergaͤnge aus einer in die andere, mit voͤllig unbekuͤmmertem Darſtellen ſeiner ſelbſt. Erſt lobte er alles, was von neuern Erſcheinungen zur Sprache kam, und wenn wir dann etwas naͤher in die Sache kamen, war dann alsbald doch Tadel die Huͤlle und die Fuͤlle. So uͤber Adam Muͤllers Vorleſungen, uͤber67 Friedrich Schlegel, uͤber Tieck, und Andere. Er meinte, die deutſchen Schriftſteller muͤßten ſich immer nur an das Volk, nicht an die vornehmen Staͤnde halten, wo ſchon alles verdorben und verloren ſei; und hatte doch eben Adam Muͤllern geruͤhmt, daß der es verſtehe, ein gruͤndliches Wort an gebildete Weltleute zu bringen. Er iſt uͤberzeugt, daß aus dem Aufſchluſſe der indiſchen Welt fuͤr uns nichts zu gewinnen ſei, als zu den vielen Dichtungsgaͤrten, die wir ſchon haben, noch einer mehr, aber keine Ausbeute von Ideen; und doch lobte er einige Minuten vorher Friedrich Schlegels Bemuͤhungen mit dem Sanskrit, als muͤſſe ein neues Heil daraus her¬ vorgehen. Er hatte es nicht hehl, daß ein rechter Chriſt ihm jetzt nur als ein proteſtantiſcher denkbar ſei, daß ihm eine wahre Verkehrtheit duͤnke, wenn ein Proteſtant jetzt katholiſch werde, und mit dieſer Anſicht hatte ſich kurz vorher doch die groͤßte Hoffnung vertragen, daß der katholiſche Geiſt in Friedrich Schlegel mit dem in¬ diſchen vereint viel Gutes wirken werde! Von Schleier¬ macher ſprach er achtungsvoll, meinte aber doch, ſeinen Platon koͤnne er nicht recht genießen, und in Jacobi's und Herder's Seelenſchwunge glaubte er viel mehr von jenem goͤttlichen alten Weiſen zu ſpuͤren, als in allem gelehrten Scharfſinne Schleiermachers, was ich freilich nicht ohne ſtarken Widerſpruch durchlaſſen wollte. Fichte, von deſſen Reden an die deutſche Nation, gehalten in Berlin unter dem Geraͤuſch franzoͤſiſcher Trommeln, ich5*68ihm viel erzaͤhlte, war und blieb ihm unheimlich; die Entſchiedenheit dieſer Kraft aͤngſtigte ihn, und er ſagte, er koͤnne dieſen Autor nur noch gymnaſtiſch leſen, mit dem Inhalte ſeiner Philoſophie habe er nichts mehr zu thun.

Jean Paul wurde hinausgerufen, und ich blieb eine Weile mit ſeiner Frau allein. Auch dieſer wußte ich von ihrer Vaterſtadt Berlin mancherlei zu erzaͤhlen, und ihre Theilnahme fuͤr dortige Verhaͤltniſſe und Perſonen hatte nach allem, was ſie ſchon mit angehoͤrt, noch eine große Nachleſe zu halten. Die Frau gefiel mir unge¬ mein; ſanft, fein, ſittig, verband ſie mit dem ſchoͤnſten Eindruck der Haͤuslichkeit zugleich hoͤhere Geſellſchafts¬ gaben und freiere Welteinſicht, als Jean Paul zu haben ſchien. Sie wollte ſich aber dem trefflichen Mann auch in dieſer Beziehung gern unterordnen. Aus allem ging hervor, daß beide Gatten ein recht gluͤckliches Leben zu¬ ſammen fuͤhrten. Ihre drei Kinder ſind ſchoͤne, liebliche, friſche Geſchoͤpfe. Ein Knabe, Max, von fuͤnf Jahren, iſt der Liebling des Vaters, der einen kuͤnftigen Kriegs¬ helden in ihm ſieht; in der That iſt er ganz Kraft und Muth, und auch von Koͤrper ausgezeichnet, ich fuͤhlte die ſtarken Knochen und Sehnen ſeiner kleinen Arme mit Erſtaunen. Zwei Maͤdchen, Emma und Ottilie, aͤlter und juͤnger als der Knabe, ſahen ſehr lieblich aus, und zeigten, bei ſchon merkbarer Verſchiedenheit der An¬ lagen, das gemeinſame Gute der Eltern unzweifelhaft.

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Alle drei ſind voͤllig unbefangen, ganz frei und ganz kindlich, weniger zum Guten erzogen, als darin aufge¬ wachſen. Ich hatte recht herzliche Freude an ihnen, und ſie riefen mir andre liebe Kinder in's Gedaͤchtniß, mit denen ich noch kuͤrzlich zuſammen war! Als der Vater wieder eintrat, war es ziemlich ſpaͤt geworden, ich wollte weggehen, wurde aber nur entlaſſen, um meinen Reiſegefaͤhrten zu benachrichtigen, daß ich nicht mit ihm eſſen wuͤrde; Harſcher zu Jean Pauls Mittags¬ tiſche mitzubringen, wie ich aufgefordert war, durfte ich nicht hoffen.

Fortwaͤhrend geſpraͤchig und aͤußerſt gutgelaunt ver¬ breitete ſich Jean Paul uͤber die mannigfachſten Gegen¬ ſtaͤnde. Ich brachte ihm unter andern auch einen Gruß von Rahel Levin und die beſcheidene Frage, ob er ſich ihrer noch erinnere? Sein Geſicht ſtrahlte von ver¬ gnuͤgter Heiterkeit: Wie koͤnnte man ein ſolches Weſen je vergeſſen? rief er lebhaft aus; Das iſt eine in ihrer Art einzige Perſon, ich bin ihr von Herzen gut geweſen, und werde es noch taͤglich mehr, denn der Eindruck von ihr waͤchſt mit allem, was ſonſt in mir an Sinn und Verſtaͤndniß zunimmt; ſie iſt die einzige Frau, bei der ich aͤchten Humor gefunden, die einzige humoriſtiſche Frau! (Jean Paul dachte wohl nicht an Frau von Sévigné, oder war nicht darauf gekommen, ihrer Eigenthuͤmlichkeit den rechten Namen zu geben; denn was die Franzoſen an ihr ſo ſehr als Natuͤrlichkeit70 preiſen, iſt in den meiſten Faͤllen grade das, was wir Humor nennen.) Nun ging er in großes Lob einzelner Eigenſchaften ein. Als ich dieſes Lob unterbrach, und ihn verſicherte, aller Verſtand, Klugheit und Witz, die er von Rahel ruͤhme, ſeien in meinen Augen doch viel geringer, als die Innigkeit und Guͤte ihres Gemuͤths, wunderte er ſich nicht, ſondern glaubte mir dies gern, und wiederholte nur, jene ſeien aber ungeheuer groß. Er ruͤhmte ſich zweier Briefe von Rahel, und ſagte, der eine aus Paris ſei mehr als zehn Reiſebeſchreibungen werth, ſo habe noch nie jemand die Franzoſen und die franzoͤſiſche Welt auf den erſten Blick eingeſehen und karakteriſirt; was das fuͤr Augen waͤren, die ſo ſcharf und klar gleich die ganze Wahrheit, und nur die Wahr¬ heit, ſaͤhen! Als ich ihm ſagte, wie viele Briefe ich von ihr beſaͤße, nicht an mich geſchriebene, ſondern mir geſchenkte, wurde er ganz neidiſch; wenn ich in derſelben Stadt mit ihm wohnte, ſagte er, ſo muͤßte ich ihm wenigſtens zwei Worte aus jedem Briefe mittheilen; das ſei ein ungeheurer Schatz, ein einziger; Rahel ſchreibe vortrefflich, es ſei aber nothwendig, daß ſie an jemand ſchreibe, ein perſoͤnlicher Anreiz muͤſſe bei ihr alles her¬ vorlocken, mit Vorſatz ein Buch zu ſchreiben werde ſie wohl nie im Stande ſein. Ich bin jetzt faͤhiger, fuhr er fort, ſie zu verſtehen, als damals in Berlin; ich moͤchte ſie jetzt wiederſehen! je oͤfter mir von den Be¬ merkungen und Ausſpruͤchen, die ſie nur ſo hin zu71 ſagen pflegte, etwas wieder einfaͤllt, je mehr ſtaune ich! Sie iſt eine Kuͤnſtlerin, ſie hebt eine ganz neue Sphaͤre an, ſie iſt ein Ausnahmsweſen, mit dem gewoͤhnlichen Leben in Krieg, oder weit daruͤber hinaus; und ſo muß ſie denn auch unverheirathet bleiben! Er pries mich gluͤcklich, eine ſolche Freundin zu haben, und fragte mich, gleichſam pruͤfend und meinen Werth meſſend, wodurch ich, noch ſo jung, mir das verdient habe? Ich gewann ſichtbar in ſeinen Augen durch dieſe Beziehung. Als ich am Abend dies alles Harſchern wiedererzaͤhlte, war auch dieſer ganz benommen von der Macht ſolcher Aeußerungen, denen er ſich doch nur gezwungen beugte, denn wo er die Anerkennung nicht ſelbſt aufgebracht, wo er ihr nur zuſtimmen mußte, war ſie ihm jedesmal ſchwer und faſt peinlich.

Montag, den 24. Oktober. Der empfangenen Ein¬ ladung zufolge, ſtellte ich mich heute Nachmittag fruͤh genug bei Jean Paul ein. Harſcher behauptete, noth¬ wendig Briefe ſchreiben zu muͤſſen, und blieb unbeweg¬ lich im Wirthshauſe. Jean Paul war eben von einem Spaziergange heimgekehrt, die Frau mit dem einen Kinde noch nicht zu Hauſe. Wir kamen auf ſeine Schriften, dieſe bei den meiſten Autoren ſo bedenkliche Saite, welche der eine gar nicht beruͤhrt wiſſen will, der andre immerfort will klingen hoͤren. Er war dabei ſo liebenswuͤrdig, wie ich nie erwartet, frei, unbefangen und gruͤndlich in ſeinem ganzen Weſen. Der Anlaß72 dieſes Geſpraͤchs war der neuſte Cotta'ſche Damen¬ kalender, worin Goethe's pilgernde Thoͤrin und Jean Pauls Traum einer Wahnwitzigen ſtehen. Es war noch kein Exemplar nach Baireuth gekommen, ich aber brachte von Dresden her eines mit, Jean Paul wuͤnſchte es zu behalten, und wies mir in Tuͤbingen bei Cotta den Erſatz an. Solche Phantaſieen, ſagte er, wie jener Traum eine ſei, koͤnne er immerfort ſchreiben, die Stim¬ mung dazu, wenn er nur geſund ſei, habe er ganz will¬ kuͤrlich in ſeiner Gewalt, er ſetze ſich an's Klavier, phan¬ taſiere da auf das wildeſte, uͤberlaſſe ſich ganz dem augenblicklichen Gefuͤhl, und ſchreibe dabei ſeine Bilder hin, freilich wohl nach einer gewiſſen vorbedachten Rich¬ tung, aber doch ſo frei, daß dieſe ſelbſt oft veraͤndert wuͤrde. Ganz eben ſolcher Stimmung folge er, fuͤgte er hinzu, wenn er den Leibgeber oder Schoppe in der hoͤchſten Begeiſterung reden laſſe, dieſe Figur ſei dann ganz er ſelber. Noch erfuͤllt von den Bildern jenes Traumes, von der Rieſenhaftigkeit der Gedanken, die hier hin und her geworfen werden, und die zu den groͤßten und gehaltvollſten aller Maͤhrchenpoeſie gehoͤren, mußte ich nur um ſo mehr erſtaunen, als ich die un¬ erſchoͤpfliche Fruchtbarkeit vernahm, mit welcher dem Dichter dieſe Gebilde zuwachſen. Er hatte ſich in dieſer Art einmal vorgenommen, eine Hoͤlle zu ſchreiben, die kein Menſch ſollte aushalten koͤnnen, und vieles da¬ von iſt wirklich fertig, jedoch nicht fuͤr den Druck be¬73 ſtimmt. Ich fragte nach den Flegeljahren, und hoͤrte zu meiner groͤßten Freude, daß er ſie ganz gewiß fort¬ ſetzen wird; er betrachtet ſie wie ſein beſtes Werk, worin er recht eigentlich wohne, da ſei ihm alles heimiſch und behaglich, wie eine freundliche Stube, ein bequemes Sopha, und vertraute froͤhliche Geſellſchaft. Auch iſt er uͤberzeugt, ſeine eigenthuͤmlichſte und wahrſte Richtung in dieſem Buche befolgt, ſeine wahre Art gewiß darin getroffen zu haben, andre ſeiner Buͤcher, meinte er, koͤnnte er mit ſeinem Talent gemacht haben, in den Flegeljahren aber habe ſein Talent ihn ſelbſt ergriffen, auch ſeien Vult und Walt nur die beiden entgegenge¬ ſetzten und doch verwandten Perſonen, aus deren Ver¬ einigung er beſtehe.

Wir ſprachen noch vielerlei uͤber Schriften und deren Abfaſſung, deren Triebwerke und Huͤlfsmittel. Dabei kamen wir denn auch auf das Darſtellen von Gegenden und Landſchaften. Jean Paul iſt darin em großer Mei¬ ſter; kein Wunder, da er von je mit der Natur gelebt, in ſeinen fruͤheren Jahren oft halbe Tage im Freien zugebracht, Wolken und Luft, Land und Waſſer, ja jede Blattwindung und Halmſtellung, liebevoll beobachtet, das Groͤßte wie das Kleinſte, und zu ſeiner Erinnerung immer alles aufgeſchrieben, ſo viel dies nur moͤglich war. Er erſchrak ordentlich, als ich es wagte, Goethe'n als weniger geſchickt in dieſer Parthie zu bezeichnen, und erinnerte ſogleich an zwei im Werther beſchriebene74 Gegenden und Landſchaften, denen in der That die Meiſterhaftigkeit nicht abzuſprechen iſt. Wie aber die Sache anzugreifen ſei, welche techniſche Vortheile es dafuͤr gebe, daruͤber ſtritten wir eine Weile. Endlich ſagte Jean Paul ſehr ſinnvoll, um eine Gegend dichteriſch aufzufaſſen, duͤrfe der Dichter nicht bei ihr anfangen, ſondern er muͤſſe die Bruſt eines Menſchen zur camera obscura machen, und in dieſer die Gegend anſchauen, dann werde ſie gewiß von lebendiger Wirkung ſein; nichts aber ſei todter, als wenn der ſich neugierig um¬ ſehende Reiſende nur den ſinnlichen Stoff als ſolchen erzaͤhle und beſchreibe. Jean Paul verlangte, der Dich¬ ter ſolle auch wirkliche Gegenden doch immer nur aus der Phantaſie beſchreiben, die allein koͤnne das Richtige und Wahre liefern. So habe er ſelber ſchweizeriſche und italiaͤniſche Gegenden, letztere z. B. im Titan, ſehr richtig wenigſtens die bewaͤhrteſten Kenner ſagten es geſchildert, ohne ſie je geſehen zu haben, und auch in Nuͤrnberg, deſſen Oertlichkeit in den Palinge¬ neſien bis zum kleinſten Einzelnen vorkomme, ſei er erſt lange nachher, und auch da nur auf einen halben Vormittag, geweſen. Mir ſchien eine tiefe Wahrheit in dieſer Paradoxie zu liegen, der doch nicht unbedingt beizuſtimmen war; gilt fuͤr das Bild ein anderes Geſetz, als Meſſen und Aufzaͤhlen, ſo muß doch die Phantaſie, um Bilder einer beſtimmten Wirklichkeit hervorzurufen,75 wenigſtens aͤhnliche Beſtandtheile ſtets als Gleichniß be¬ reit haben.

Das Geſpraͤch wandte ſich auf die oͤffentlichen An¬ gelegenheiten, auf den Zuſtand von Deutſchland, auf die Machtherrſchaft der Franzoſen. Mir ſind die poli¬ tiſchen muͤſſigen Verhandlungen ſehr zuwider, es kommt wenig dabei heraus, man tappt im Finſtern, und alles iſt meiſtentheils ganz anders, als man die Sachen ge¬ woͤhnlich im erſten Augenblick wiſſen kann und behaup¬ ten will. Aber entzuͤckend war es mir, Jean Paul bei ſolchem Anlaſſe die reinſten vaterlaͤndiſchen Geſinnungen ausſprechen zu hoͤren, und um dieſer Felſeninſeln willen durchſchwamm ich freudig das leere Gefluth unſichrer Nachrichten und ſchwankender Vermuthungen, das um jene her wogte. Was Jean Paul ſagte, war tief, ver¬ ſtaͤndig, herzlich, tapfer, deutſch bis in die kleinſte Faſer hinein; kurz tauſendmal beſſer als ſeine Friedens¬ predigt , uͤber die wir uns in Berlin geaͤrgert hatten. Ich konnte ihm vielerlei erzaͤhlen, von Napoleon, den er nur aus Bildniſſen kannte, von Johannes von Muͤller, uͤber deſſen Kataſtrophe und Karakter er begierig Auf¬ ſchluß wuͤnſchte, von Fichte, dem er jetzt gezwungen ſeine hoͤchſte Bewunderung widmete, von dem Marquez de la Romana und ſeinen Spaniern, die ich in Ham¬ burg geſehen hatte. Jean Paul zweifelte keinen Augen¬ blick, daß die Deutſchen einſt gleich den Spaniern ſich erheben, daß die Preußen ihre Schmach raͤchen und das76 Vaterland befreien wuͤrden; er hoffte, ſein Sohn werde es erleben, und wollte es nicht laͤugnen, daß er ihn zum Soldaten erziehe. Meine Mittheilungen und An¬ ſichten konnten ſein Vertrauen nur beſtaͤrken; ich brachte ihm Zeugniſſe in Menge, wie hohl und ſchwach die Macht Napoleons in ſich ſelber ſei, wie tief und ſtark die Geſinnung, die ihm entgegenſtehe. In dieſe abge¬ legene Provinz waren viele Thatſachen noch gar nicht hingedrungen, eine Menge von Bezuͤgen waren hier ganz neu. Jean Paul hoͤrte mir begierig zu, und barg ſein Entzuͤcken nicht, als ich ihm mehrere Strophen der Ode von Staͤgemann gegen Napoleon herſagte, wobei er doch ſorgſam warnte, dergleichen nur vorſichtig mit¬ zutheilen und nicht ſchriftlich bei mir zu fuͤhren, und allerdings mußte ich zugeben, daß man um weniger ſchon hier Freiheit und Leben verlieren koͤnne. Aber bald vergaß er ſelbſt ſeiner Warnung, und wollte eine Abſchrift haben. Nun druͤckten wir uns erſt recht als gleichgeſinnte Freunde die Haͤnde, und tauſchten ruͤck¬ haltlos unſre Meinungen aus. Die Spanier machten den freudigen Refrain zu allem, auf ſie kamen wir immer zuruͤck.

Die Erwaͤhnung der Reden Fichte's brachte uns auf das Erziehungsweſen, fuͤr den Verfaſſer der Levana natuͤrlich ein ſehr ergiebiger Gegenſtand. Er billigte faſt alles, was ich ihm als Ergebniß meiner Erfahrun¬ gen hieruͤber vortrug, und ſchloß endlich mit dem Satz,77 daß man nur ſeine eignen Kinder, aber keine fremden, erziehen koͤnne. Dieſes Erziehen der eignen Kinder nun, ich muß es ſagen, leiſtet er auf die vortrefflichſte Weiſe, ich habe es in dieſen zwei Tagen ſo gut erkannt, als ob es hundert geweſen waͤren. Die Kinder ſind gluͤcklich, gedeihen in zarter Liebe und geſunder Staͤrke, entwickeln ſich nach eigner Art, und fuͤr dieſe Eigenheit hat Jean Paul das leiſeſte Gefuͤhl, die ſorgſamſte Acht und Leitung.

Nuͤrnberg, Donnerstag den 27. Oktober. Ich habe