PRIMS Full-text transcription (HTML)
Rahel.
Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde.
ſtill und bewegt. (Hyperion. )
Dritter Theil.
Berlin,1834.BeiDuncker und Humblot.
[1]

Aus einem Tagebuch.

Fr. von S : gelebt, geleſen, geſchliffen, klug, gehemmt, krank erfahren, und artig. Die Tochter: artig angelebt, be - redt. Mich dünkt aber, nicht aus ihrer Natur heraus gebil - det. Der Grund dieſer Natur gefällt meiner nicht. Sie iſt zu loben, und angenehm; und nicht affektirt, oder unnatürlich in ihrer Äußerung. Nur kommt es mir vor, ihre eigenſte Natur ausgebildet, wär’s ein ganz anderes Mädchen: ſo ſehen die Grundzüge ihres Geſichts aus, und ihre ganze Komplexion, die auch ſchon gelitten zu haben ſcheint. Nicht allein die größ - ten Glücksumſtände gehören dazu, der Menſchen eigenſte An - lagen hervorzubilden, und in Harmonie zu bilden: ſondern, den meiſten Menſchen werden ganz faktice angebildet, und ſie haben nicht ſo kräftige Eigenſchaften, auch nicht Einmal ein paar in Harmonie thätige, um der Erziehung der Eltern oder der Umſtände zu widerſtehen; ſondern ſie bleiben embryoniſch monſterhaft mit den verkrüppelten, verweſten, ſparſam geſtreu - ten ſchwächlichen Naturanlagen verwickelt zum Stoffe derIII. 12traurigſten widrigſten Betrachtung in der Welt. Mir eine häufige Erſcheinung, und höchſt tragiſch, vielfältig tragiſch.

Um 2 Uhr in die Kirche. Schleiermacher die magerſte, nüchternſte, gezwungenſte Predigt: er ſelbſt ergeben, ſie auf Bibeltexte à la fortune du pot zu machen. Vorher Geſinge. Der Klingelbeutel. Hinter mir ein Menſch umgefallen. Ich erſchrocken: krank davon den ganzen Tag. Machiavelli’s florentiniſche Geſchichten erquicken mich etwas, weil ſie mich ſtärken: es ſind lauter faits, wie er’s erzählt. Das hab ich jetzt nöthig. Viele beurtheilen die G., die gar nicht fähig ſind, zu wiſſen, daß es Perſonen giebt mit Gedanken wie ſie, und im Zuſammenhang mit ihren Gedanken wie ſie. Sie ſind ſtolz, daß ſie nie närriſch ſind. Das glaub ich wohl! dazu gehören auch Mittel.

Zu Hauſe bis Abends halb 9. Dann zu M. Dort Lud - wig Liman, und Andre. Das Geſpräch über Thierſeelen. Ohme ſich ſehr übernommen: in der Verwechslung unſerer ethiſchen, und aller übrigen Anlagen. Weil ihm noch nie eingefallen, daß dieſe, wenn auch mit dem höchſten Bezug ausgeſtattete Fakultät doch kein Zweck an ſich iſt, nur eine Beziehung darſtellt, und wie alle andere Stufen eine Anſtalt bezeichnet; einfach ſcheint, und komplizirt iſt, wie alle unſere Fähigkeiten; die insgeſammt wieder nur zu einer werden können, und wie ich glaube, werden werden. Es iſt ſonder -3 bar, daß die Menſchen beinah alle ſo ſtolz auf das bischen moraliſches Urtheil ſind, welches ein Urtheil wie ein anderes iſt; und nur reichere Beziehungen trifft, andere Verhältniſſe: warum fällt es ſo Wenigen ein, daß wir durch einen einzigen Ruck, in noch viel reichere Beziehungen geſetzt werden können: und daß dieſe, in welchen wir uns überhaupt befinden, ſo gut zu unſerer Organiſation gehören, als unſer Körper. Der große Stolz läßt es gar bei Vielen nicht zu, zu denken und ſich zu beſinnen. Ich nenne unſer tiefſtes Gewiſſen doch nur ein Ur - theil. Es iſt die Beurtheilung unſeres eigentlichſten Willens. Denken iſt ſo Vielen unangenehm wegen der Reſultate; ſie haben ſie in der größten Bequemlichkeit zu beliebigem Ge - brauche ſchon in Vorrath. Es iſt gerad, als wäre der Denk - ſtoff der ungeheuerſte Marmorfels, der unſere Welt begränzte; ſo ein wenig kriecht ein jeder daran umher; und viele von den guten Arbeitern bekommen ganze Stücke ab; doch dieſe Stücke laſſen ſie unverarbeitet gelten, als brauchten ſie nicht aufgelöſt zu werden; das ſind die rohen Axiome, die ange - nommen werden; davon läßt ſich dann machen was man will. Die ganze Materie ſoll aber weg; ſonſt geht ſolcher Stein durch die Kräfte ſeiner eigenen Natur doch wieder zum großen Fels, als Weltgränze, zurück. Der Geiſt muß fleißig ſein; und die Rechenſchaft ehrlich. Es will keiner mit Re - ſultaten zufrieden ſein, die der Menſchen Fähigkeiten konzentri - ren; und ſie glauben ſie dann kleiner, weil ſie ſich beinah vereinfachen; und uns zur einzig wahrhaften Demuth brin - gen: uns zum Warten zwingen; und wicklich zu der Voraus - ſetzung eines andern höheren Geiſtes, als der des Menſchen;1 *4eines ſich ſelbſt und alles verſtehenden. Die Religionen, die ſie ſich erfunden haben, ſchmeicheln den Menſchen: daher lieben ſie ſie. Wir ſind noch in dem Paradieſe, wo man auf Erkenntniß, durch Denken Verzicht thun muß. Aber ſie drücken noch gern Schlängelchen an die Bruſt! ſelbſtfabrizirte. Wie es mit dem Menſchen iſt: ſoll eine höhere Lehre ihm unwiderſprechlich darthun; nicht ihm mit einer allegoriſchen Fabel ſchmeichlen.

Dann den Abend in dem größten Schnee zu Hauſe; mir verging dreimal die Luft gänzlich, ich glaubte zu ſterben, und rang wie im Waſſer. Varnh. glaubte, es ſei der Wind, und hielt mir immer den Mantel vor: da wär ich faſt geſtorben. Meine Geſundheit iſt ſehr erſchüttert. Keiner ſieht’s, und will’s glauben. Ich war den andern Tag zittrig und krank davon.

Aßen Dr. Erhard und Koreff hier; blieben bis gegen 7. K. erzählte ſehr viel Intereſſantes: vom Staatskanzler, von Bonn, von vielem. Den Vormittag war ich bei Frau von Humboldt, die ich in mehreren Wochen nicht geſehen hatte. Dort traf ich Sch. und Koreff. Und merkte gar nicht, weil ich es nicht ahndete, daß Sch. böſe auf K. iſt. Sch. hat lau - ter vorgefaßte Meinungen bei all dem Scharfſinn, den er in ſich anſprechen kann. Er hat ſich in Wirkungen, die er in Kotterien haben kann, verliebt; und iſt von ſich ſelbſt abge - kommen. So fand ich auch daß er gegen Frau von H. wohl aufmerkſam unzerſtreut eine Art von Kour machte; welches5 Betragen ich nicht ſo nennen würde, wenn er es ſonſt nicht verſäumte. Alles dies bildet keinen ſtillen ehrwürdigen Karak - ter, iſt kein ehrwürdiges Betragen. Wenn es mir nur ſo ſcheint, ſo ſoll es mir lieb ſein: weil ich ihn innerlich liebe: aber ich glaube, die Andern irren ſich über ihn. Frau von H. lieb ich, wenn ich ſie ſehe. Sie iſt, wie ſie ausſieht: und mir iſt unverſtändlich, was mich an ihr verdrießt. Ich blieb allein mit ihr, und dieſe Zeit war angenehm. Ich beneide faſt allen Menſchen, auch ganz untergeordneten ſonſt, ihr haltungsvol - les, leidenſchaftloſes Betragen. Fr. von H. beſitzt das vorzüg - lich. Es kleidet ſo gut! Ich komme darin immer mehr aus dem Gleichgewicht, wenn ich auch noch ſo ruhig werde; und mißfalle mir äußerſt; obgleich ich genau weiß, woher es kommt. Ich bemühe mich die Wege zu zeigen, wie ich zu meinen Re - ſultaten gekommen bin: und darauf hört man noch weniger, als auf dieſe, oder Behauptungen. In einer beſſern Lage, mit einer beſſern oder härtern Perſönlichkeit fällt einem das nicht ein. So hat es viele Gründe, die ich kenne. Vielleicht werde ich Einmal plötzlich über dieſe abſcheuliche Art zu ſein Herr. Den Abend las ich in Mad. Necker-Sauſſure. Wir blieben zu Hauſe.

Ich affektire nichts. Verberge mein Beſtes; und meine Krankheit. Dore ſieht es nur; unſichtbare Geiſter; Gott, mein ewiger Zeuge. Koloſſal zwinge ich mich, und kann ich mich zwingen. Das Körperchen aber geht doch nun in ſein Älterchen dahin, und immer dahin. Ich ließe es ge -6 hen, wenn es nicht ſchmerzte; und ſchweige, wenn’s nur mög - lich iſt. Bin leicht vergnügt, und ſehr ruhig; aber laßt mich nur ruhig, oder gebt mir Arbeit: natürliche. Nur keine Verlegenheit! Entbehrung gerne! Als V. wiederkam, war er mild und freundlich: ich gleich glücklich. Nettchen war da, wir ſprachen, tranken Thee, und er las uns einiges aus Ma - dame d’Orleans. Eine brave Frau: deutſch, vorjetzig-alt - deutſch, tüchtig, derb. Aber bei ihr und ihren Erzählungen wurde mir klarer, und ich ſagte es auch V., wie Ein Menſch in einer Zeit nichts iſt: wie er gleich einzelnen Tropfen oder Wellen bei einem Sturme ſich verhält: keine einzelne macht den Aufruhr, nur alle machen den Zuſtand, der ein Gränzzu - ſtand, eine Bedingung anderer Zuſtände iſt. Madame d’Or - leans war ſittlich, was ſollte ſie aber allein gegen den Strom von Unſittlichkeit machen? weggehen? dann lebt ſie nicht, dann wartet ſie auf Abholen, den Tod, wie Mad. Guion. Gegen den Strom? der bringt ſie unter. Sie war mitbefleckt, indem ſie’s duldete, und trug zu dem Unweſen bei, indem ſie in dieſem Elemente lebte und handeln mußte. Nichts iſt zu retten, als das Urtheil und die Intention: nämlich, durch Selbſtthätigkeit allein, rein zu erhalten. Als Nettchen weg war, fielen wir uns zärtlich in die Arme: mit Blicken, worin jeder ſah, das innerſte Verhältniß iſt unberührbar, bleibt wahr, weil es wahr iſt. V. ſagte: Wenn du dich mit mir brouil - lirſt, fehlt mir der Boden, worauf ich lebe! Wie iſt es denn möglich, den für unvernünftig zu halten, und daran zu rüt - teln! Ich war aber ganz glücklich und ruhig. Nur keine Verlegenheit. Sonſt, wie Gott will! In der kann man nicht7 bleiben, das weiß Gott: er kennt ja unſer Weſen. Mad. Sauſſure beſchreibt die Frau von Staël in ihrem Umgang ſo, daß ich große Ähnlichkeit zwiſchen ihr und mir finde: ganze Äußerungen, Wort vor Wort. Sie war gutmüthig, und haßte Affektation, oder vielmehr die ennuyirte ſie zu Tod, und En - nui war ihr Ärgſtes: dies iſt auch mein Ärgſtes, ſonſt verge - ben wir viel. Die armen Menſchen, ſag ich immer pau - vre nature humaine, ſagt ſie. Aber wir ſind ſehr verſchieden; ſie hat daher Talent, und ich nicht: aber wenn ich auch - cher machte, ſo ſchrieb ich nicht. Ich ſah aber gleich Anno 1804, daß ſie eine gutmüthige natürliche Frau war: und ſagte es auch. Sie vergriff ſich ſonſt in Schätzung der sentiments; und das ſah aus wie Affektation in ihren Büchern; ſo et - was that ich auch in der frühſten Jugend nicht.

Wie irrt ſich Frau von Staël über ſich ſelbſt, in ihren Briefen über Rouſſeau! Welche Anſtrengung von verkehrter Vertheidigung, gegen ganz unweſentliche Angriffe einer ganz verirrten Anſicht, der Leidenſchaft, der Pflicht, der Moral, des ganzen Lebens! Nicht ihre Anſicht, ſondern der Abweg, die Lügenpfade der ganzen Franzoſenwelt, das heißt der ganzen neuern. Frau von Staël liebt Rouſſeau’n, er ergreift ſie, ſagt ihr zu; aber ſie fürchtet ſich, ihre guten Freunde werden ſie für unmoraliſch halten, ſie beſchuldigen, dem Laſter, der Leidenſchaft das Wort zu reden. Sie hat weder Rouſſeau’s Ausſprüche in ſeinen Schriften, und durch ſein Werk die neue Heloiſe, eine durch Gründe vorbereitete Denkungsart erfaſſen8 können; noch war ſie ſo ungründlich und fade, und viel zu vollherzig, als daß es ihr möglich war, ſeinen gemeinen Tad - lern und deren Ausſtellungen beizupflichten. Frau von Staël war von einer andern Art von Furien, als denen, die das Gewiſſen peitſchen, verfolgt; aber dieſe garſtigen Teufel waren eben ſo fleißig, als jene zu ſein pflegen. Unaufhörlich verfolg - ten ſie ſie aus den Sälen und Gemächern von Paris; und dieſe Fratzen allein ſind es, meines Bedünkens, die ihr ganzes Talent verwinzigt, getödtet und in Konvulſion gebracht haben. Weil nur die Summe, die unſere ſittliche Anſicht von uns ſelbſt und der Welt zuſammenzieht, unſere Gaben zu Talent beleben kann. Wer nur für ſittlich hält, was Andere loben, iſt nicht mehr keuſch; und ohne Unſchuld, immer neu wieder - kehrende Unſchuld, die im reinen Willen beſteht, verwirrt ſich jedes Talent, und gebärt Geſchöpfe ohne Proportion in ihren Lebenselementen, d. h. der Tod, ein fremder Wille ſchleicht ſich mit hinein. (Thut das die Natur, ſo ſchafft ſie monstres, oder Krankheiten, die jeder erkennt, oder wenigſtens Gelehrte. Bei Kunſtwerken, Romanen, Gedichten, iſt das ſchwerer zu belegen.) Das das unvermuthet Harte, widerſpenſtig Herbe, Fremde, aus der Bahn Gleitende in den Werken der Frau von Staël, daher das ganz Inkohärente in ihren Kritiken und Behauptungen; das Abwechſten der wahrhaftigſten Ausbrüche von wirklichen Gedanken, und des ganz eitlen Nichtigen ne - benan. Sie horchte nicht auf ſich ſelbſt: und dies, weil ſie nach jedem Einfall und Gedanken gleich hinhörte, wie ihn das geehrte, geiſtvolle Paris, ihr Publikum, ihre Welt, beurtheilen würde: oder vielmehr mißverſtehen könnte. Es war nicht bloß9 Eitelkeit von ihr, und ſie mochte nicht um jeden Preis gelobt ſein: aber ſie war zu empfindlich gegen Paris dies hielt ſie hoch! ſie mochte um keinen Preis getadelt ſein. Ihre Moralität, ihre Religioſität, ihre Tugend, ja zuletzt gar, ihre amour d’une monarchie constitutionnelle, ſollte in nichts dem Tadel ausgeſetzt ſein. Arme Philoſophie! ſolche reicht nicht weit. Ich glaube doch, hätte ſie ſich mehr ſpekulative Kräfte gefühlt, ſie wäre von ſolcher Nachgiebigkeit zurückgekommen. Wer Gründen widerſpricht, muß es mit Gründen thun; und jeder, der denken kann, wird für ſeine Gedanken doch nicht ungedachte Ausſprüche der Geſellſchaft fürchten! Im Gegen - theil; dieſe ändert ſich allmählig nach den Urtheilsausſprüchen, welche die zuletzt ausgeſprochenen Gründe für ſich hatten, und daher ſiegten. Faſt radotirt Frau von Staël über Rouſſeau und man wundert ſich dieſes Herumfahrens, der Ausſprüche, Behauptungen, und was ſie als feſt annimmt, nicht ſowohl: als daß da drunter mit von dem Beſten zum Vorſchein kommt, und ſie öfters auf den reinen Grund untertaucht. Dies allein machte mich ſo aufmerkſam, ſo bös, und ſo gut auf ſie. So beurtheilt ſie Rouſſeau’s discours sur l’inégalité des conditions, sur les dangers des spectacles, und andre Schriften ſolcher Art, immer nur aus dem Standpunkt, was man darüber ſa - gen wird, nie was man mit Gründen dagegen ſagen könnte; kann alſo Rouſſeau’n auf gar keinem reinen oder abſtrakten Wege folgen. Sie quält ihren armen ſchönen Verſtand: er muß ihr immer unwürdige Dienſte leiſten. Wie ſie aber gar auf die neue Heloiſe kommt, plumpt ſie ſich beugend in alle alte dünkelhafte geheiligte Rohheiten. Ließe ſie doch Rouſ -10 ſeau’n lieber klagen, als ihn ſo zu vertheidigen! Ihr in allen ihren verwickelten Läufen zu folgen, iſt mir zu ſchwer; wenn das Buch mir gehörte, ſchriebe ich alles am Rande. Sie bleibt immer in derſelben Furcht für ſich, und auch für Rouſ - ſeau, man möchte ihre Tugend, ihre Moral nicht für die äch - ten halten; fürchtet ſich, der Leidenſchaft das Wort zu reden die ſie auch in ihrem Buch sur les passions mit Sucht verwechſelt. Was iſt Leidenſchaft? Erſtlich! Dann verläßt ſie die Angſt nicht, daß Weiber von ſchriftſtelleriſchem Talent nicht könnten weiblich gefunden werden: oder ihre Werke doch nicht ſo hoch zu ſtellen ſeien, als die der Männer. Arme Furcht! ein Buch muß gut ſein, und wenn es eine Maus ge - ſchrieben hat, und wird dadurch nicht beſſer, wenn ſein Autor Engelsflügel an den Schultern trägt. So viel für’s Buch ſelbſt! Ob eine Frau ſchreiben ſoll? iſt eine andere Frage: und ſo poſſierlich als ernſthaft zu beantworten. Wenn ſie Zeit hat; wenn ſie Talent hat; wenn’s ihr Mann befiehlt wird’s ehliche Pflicht ſogar, wenn er’s leidet, gerne ſicht; wenn es ſie von Schlechterem abhält, wenn ſie Gutes thut für den Sold, u. ſ. w. und ſie muß es, wenn ſie ein großer Autor iſt. Wenn Fichte’s Werke Frau Fichte geſchrieben hätte, wären ſie ſchlechter? Oder iſt es aus der Organiſation bewie - ſen, daß eine Frau nicht denken und ihre Gedanken nicht aus - drücken kann? Wäre dies, ſo blieb es doch noch Pflicht, oder erlaubt, den Verſuch immer von neuem zu machen.

In Rouſſeau’s Heloiſe wäre ganz etwas anderes zu be - urtheilen, als was Frau von Staël anzugreifen ſcheint: aber das Werk in ſeiner Geſammtheit drückt dieſen Tadel ſelbſt aus,11 wenn auch durch kein Räſonnement; durch Juliens Unglück, das ſie uns im Tod beſtätigt. Und ſo ſoll jedes Gedicht, jeder Roman verfahren, keine einzelne Lehre der Tugend dramatiſi - ren, keine Maxime der Klugheit; was gewöhnlich ſo begierig und ſelbſtzufrieden aufgenommen wird. Mich dünkt ganz an - ders. Solche Werke ſollen ein Stück Welt vortragen; was da mit vor kommt, wird ſchön ſein: jedes Genie wird ein an - der Theil ausheben, und es nach ſeiner Gemüthslage darſtellen und färben, wie jedes Tages Licht uns die alte Erde neu zeigt, ja jedes Tages Stunde. So ſind auch die großen Werke der großen Meiſter; alles findet man darin, was man in der Welt zu finden vermag; alle großen Betrachtungen: aber ich glaube nicht, daß dieſe Meiſter ein Gedankengerüſt beklei - det haben.

Den letzten Sonntag vor acht Tagen wurd ich krank; mußte Koreff holen laſſen, und zu Bette bleiben; und leiden. So viel als wohl ſonſt litt ich nicht; aber das Übel war ganz mit allem Fieber nach dem Kopf getreten. Koreff behan - delte mich ſehr gut, und mit großer Liebe; doch fühl ich mich zerſtörter als je noch, von ſolcher kleinen, oder vielmehr kur - zen Krankheit. Ärger beförderte ſie, die große Kälte kam da - zu, und fand äußerſt geſtörte Nerven. Vorgeſtern erfuhr ich Oppenheims Tod: der mich wegen ſeiner Familie ſehr ſchmerzt und beſchäftigt. Geſtern wieder eine unangenehme Nachricht, eine abſchlägige Antwort. Und dann Goethen habe der Schlag getroffen. Darüber muß ich ganz ſchweigen. 12Es iſt ſonderbar, aber ich bin ſummariſch erniedrigt, beleidigt dadurch. O! Gott. Wäre nicht in mir ſelbſt ſo vieles her - untergelebt, ich überlebte es nicht. Wie das ſonſt war!???

Ich las auch in den Tagen Florence Maccarthy von Lady Morgan. Reich an talentvollen Zügen, tüchtig in ge - meinen Karakteren, voller Verſtand; eine große Kraft in dem Plane der Geſchichte, eingegeben von der liebe - und ehrenvollſten Geſinnung, von der ehrwürdigſten Empörung, vom edelſten Fleiß; für Spannung und Intereſſe geſorgt; ein bleibendes Gemählde der Londner und aller großen Welt in unſerm mo - dernen Sinn; (nach der Abtheilung der Länder auf der Erde, wovon jede Gegenwart am Ende abhängt,) das Ganze aber mir nicht, wie ſonſt Lady Morgan’s Werke, genügend: die beiden edelſten Karaktere, der eine zu leidend von dem Augenblick an, wo wir ſeine Bekanntſchaft machen, der andre gradzu zu thätig, zu liebhaberiſch am Staunen und Wun - dern der Andern, und der Leſer. Nur mit einem Karakter ſtreift ſie an das wahre Gehäge der Kunſt: mit Oleary; da ſchafft reine Eingebung, oder, was ihr allein gehören könnte, ein Bild, ein Gebiet, welches in jedem Augenblick auch von der wirklichſten Begebenheit in Anſpruch genommen werden könnte: und künſtleriſche Seelen müßten ſich dann von dieſer einen Kunſtgegenſtand vorführen laſſen, den andere Seelen nur für noch einen von ihren Kammeraden, oder ſonſt Be - kannten hielten. Dieſer Roman hatte einen zu großen Zweck, alſo war er eine Abſicht; dies, Lady! iſt ſeine ehrwürdige Recht - fertigung gegen die Anklage der höchſten Poeſie.

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Kératry, Deputirter von Finisterre, in der Sitzung vom 15. Januar 1820: car il est rare que les mêmes illusious fassent deux fois le tour du globe. Erſchöpfend; wortſparend. Äußerſt glücklich! Eine Eſſenz vieler Gedanken.

Nachher lobte er Undine, und mehrere kleine Gedichte von Fouqué: ich den Schlangentödter, beſonders das Vor - ſpiel. Es iſt doch ganz unbegreiflich, daß grade Undine ſo viel Aufſehen gemacht hat, und nun wieder Mlle. de Scudéry von Hoffmann ſo viel erregt. Beide Piecen tragen ihren Wurm von Haus aus in ſich: ihren eigenen Tod. Der Plan iſt den Autoren nicht klar geworden. Undine werde ich über - leſen: ſoviel weiß ich, daß ich, als ich’s las, drei verſchiedene Pläne in dem Mährchen fand, die nicht in einander, ſondern widerſprechend auf einander wirken. Wie kann Liebe mit - ſprechen, und eine Rolle ſpielen wollen, wenn erſt von Seele die Rede iſt; von dieſem wichtigſten, furchtbaren, metaphyſi - ſchen Stück, vor welchem Gedanken alle Liebe zertrümmert! Nach welchem Aufbau, Annahme oder Vorfinden ſie erſt mög - lich wird. Das iſt wie Kinderzeugen, wenn der menſchliche Körper noch in der chemiſchen Kammer der Natur producirt werden ſollte. Das dritte Element dieſes Mährchens habe ich vergeſſen: ich glaube, es war Vaterſorge, oder Kindesliebe. Jedes von denen hätte allein Stoff zu einer berühmten Fiktion werden müſſen; auch vergriff ſich Fouqué nur. Hoffmanns Scudéry iſt nun gar der Gerichtsſtube um das Edlere vom14 Gericht zu nennen nahe geblieben, und ſoviel Worte, ſo - viel Lügen! Da blühen die Unwahrſcheinlichkeiten und Wi - derſprüche nur ſo, auf einem eignen Felde, das wenigſtens voller Diktion ſtehen ſollte: die man aber ganz vermißt. Ludwigs XIV. Zeit iſt ganz willkürlich gewählt, da nichts als zwei Namen, die der Damen Maintenon und Scudéry, beibehalten ſind; und die einiger Straßen. Die Leute ſpre - chen bei St. Denys, und nicht bei dem König der Schicklich - keit, deſſen Geſetze darüber noch gelten. Seine Polizei iſt, in den wichtigſten Fällen von Raub und Mord, wovon der erſte ſogar Henriette von England betrifft, die ſchlechteſte von der Welt. Sie findet, trotz perſönlichem Schreck, und Keu - chen bei der Unterſuchung des Hauſes und der Nachbarmauer des Goldſchmidts, nichts; abgleich uns Hoffmann nachher ſehr Handgreifliches finden läßt. Mlle. Scudéry behält geduldig den reichſten Schmuck Frankreichs von einem toll ſich gebär - denden Goldſchmidt: und dies, im Zimmer der Mad. Main - tenon vorgegangen, bleibt auch in Paris ohne alle Nachrede und Folgen, bei den größten Nachſpürungen über Gift und Mord, und bei einem eigenen Tribunal zur Unterſuchung die - ſer Gräuel. Der Pflegeſohn der Mlle. meldet ſich nie bei ihr, als wenn es Hoffmann nöthig hat! Bei Ludwig XIV. geht man nur ſo in ſein Konſeil, wie an die Theaterkaſſe. Der gepanzerte Offizier ſpielt ſein Stückchen allein; und mel - det nur ſeinen gewonnenen Krieg der Dame, wenn es Zeit iſt: keiner Polizei, keiner chambre ardente. Der Goldſchmidt iſt der größte Künſtler, weil er ein Juwelenfreſſer ſchon im Mutterleib werden mußte. Wie hideux, krankhaft, unnütz,15 und ohne allen ſittlichen Grund und Kampf eigentlich! wie ein Waſſerſcheuer, dem man das Beißen verzeihen muß. Wie die Mutter zu der fausse couche gekommen, iſt wieder ein anderes Plaiſir. Tel est le bon plaisir von Hoffmann. Und vive l’auteur! ſchreit das deutſche Publikum. Nicht zum Verſtehen.

Schneeliches Thauwetter. Vormittag.

Anſtatt des Tagebuchs ſtehe lieber Folgendes hier: nur dies noch! Vorgeſtern hatte ich einen Thee: der alle meine Gedanken über Geſellſchaften, und Ausgaben und Einrichtun - gen, und übelgebaute Häuſer, Lügen, Langeweile ꝛc. wieder an - regte, und ſie mir immer ausführlicher macht. Geſtern wieder mit Körte’s bei Stägemann. Auch ſah ich Alceſte; auch nur ſtär - kere Beſtätigung alles Alten über unſer Berliner Theater. Schlechte Plätze. Kreiſchendes Orcheſter. Fürchterliche Tanz - kunſt, wo die Tänze nicht einmal zu der Muſik gehen wol - len; ohne Sinn, ohne Verſtand, ohne Grazie, mit Seiltänzer - Mühe, ohne ſie wie dieſe Tänzer unſchuldig uns anzurechnen. Sänger vom Berliner Publikum gebildet. Das Publikum ſich eine Art Beifall für Gluck auswendig gelernt, welchen zu wie - derholen es keineswegs unterläßt, aber doch endlich nur ſehr läſſig bezeigen kann: auch die Einzelnen in den Logen, Einer gegen den Andern. Stümer ſehr gut geſpielt; wird ſich aber die Bruſt angreifen. Weber läßt die Blasinſtrumente mit den Sängern in die Wette forciren. Töne in Fresko darzu - ſtellen, muß man von den großen italiäniſchen Sängern ge -16 hört, und es bemerkt haben. Man kann den Ton weit aus - ſchicken, ohne zu ſchreien: wie die Farben klumpenweiſe für die Ferne auftragen. Wenn Gluck nur Einmal ſolche Oper aufführen könnte! ſchon in Paris, durch Tradition im Orche - ſter, hört man wie es Gluck gemeint hat. Es iſt noch viel zu ſagen. Neulich ſagte ich zu Koreff, alle Kunſt müſſe einer Nation natürlich ſein: d. h. in den untern Volksklaſſen ent - ſtehen: ſonſt vagirt ſie, hat keinen Boden, wird Krittelei, wenn ſie vorher noch glücklich Nachahmung war. Erſt geſtern, als Goethiſche Lieder ohne Begleitung geſungen wurden, drang ſich mir von neuem auf, daß es nur verbeſſerter Wachtſtuben - und Handwerksburſchen-Geſang im Wandern war. Hier ha - ben wir keinen andern Volksgeſang. Nun giebt’s noch Sol - datenlieder aus dem Krieg. Alles andere Singen, auf den Theatern, iſt bald italiäniſch, bald halb dieſer Geſang, halb jener bezeichnete, auf Gluck, Mozart u. ſ. w. angewandt: und meiſtens ſchon damit angefangen, die Singorgane ganz miß - zuverſtehen. Dabei ein unendlicher Dünkel; auf dünkel - haften ſogenannten Patriotismus gepflanzt. Man findet hier mehr ſchöne Stimmen, als man nur irgend vermuthen ſollte; aber gleich werden ſie verdorben: in die Kehle hineingezwun - gen, die Bruſttöne bis zur Vernichtung forcirt, gequetſcht, gekälbert. Leidenſchaft beſteht nur in Forte und Piano; Piano, in Dehnen, etcetera!

War ich unpaß zu Hauſe; erſt im Frühabend von G. geſtört; dann kam Franz Ml.: und war ſo ſtumm, ſo uner -reg -17regſam, daß ich hinaus ging und weinte, und außer mir war. Ich mußte ihn annehmen: er ging nicht; und als ich V. hatte rufen laſſen, waren ſolche abgedroſchene Geſpräche, die mich krank, und Alleinſeins oder Erfriſchung benöthigt dem Wahn - ſinn nahe brachten. Erſt ſchwieg ich; dann ging ich hinaus, da hört ich ſie doch: dann kam ich wieder hinein; wieder hinaus: da weinte ich. Dann, als er gar nicht ging, ſprach ich gewaltthätig und brachte zum Theil meine augenblickliche Lage als Klage im Allgemeinen vor. Marter. Schrecklichſter Abend. Ich litt unendlich.

Nun etwas ganz anders!

Ein in unſerm ganzen Daſein gegründeter Mangel, und alſo ſich immer wiederholendes Grundunglück, beſteht darin, daß wir nur gleichſam die einzelnen Gaben des Zuſtandes der Unſchuld zu genießen bekommen, den Zuſtand ſelbſt aber und das köſtliche Glück, welches in Reinheit, in Ungeſtörtheit, be - ſteht, nicht eher zu faſſen vermögen, als bis wir in dieſem Zuſtande nicht mehr ſind, und er nur noch für unſere Betrach - tung, aber nicht für unſer Wirken vorhanden iſt. Daher auch unſer Geiſt immer unſchuldig bleibt; da wir aber hier nicht nur als Betrachtung exiſtiren, und jeden Tag auf’s neue von allen Lebenselementen berührt und ergriffen werden, und ſie wieder behandlen müſſen, ſo erneuert ſich das Unbehagen, und die Sehnſucht nach einem angemeſſenen, reinen Zuſtand für unſere Seele, auch unaufhörlich wieder. Für dieſes eigentlich unerträgliche Verhältniß iſt mir ein Troſt eingefallen; nämlich ein Mittel, den Zuſtand der Unſchuld wirklich mit Bewußt - ſein zu genießen. Mir iſt es ausgemacht, daß, wenn wirIII. 218nicht vergehen, und nach unſerm Tode noch uns perſönlich fühlen, ſo werden wir verhältnißmäßig doch wieder in einem großen Mangel ſein, und wenn auch geiſtreicher und im gan - zen Daſein beziehungsreicher, ſo werden wir Größeres im gu - ten und ſchlimmen Sinne für uns erfahren; dieſes unvermeid - lich Schlimme noch gar nicht zu wiſſen, iſt ein Stand der Unſchuld: ſich mit dieſer Unwiſſenheit begnügen, ſich ihrer freuen, heißt dieſe Unſchuld mit Bewußtſein genießen. Dieſen Genuß verſchafft die Thätigkeit des innren reinen Geiſtes. Sollte unſer Zuſtand nach dem Tode bloß ſchlimmer ſein, als hier, ſo gilt dieſelbe Betrachtung.

Dies als einen guten Fund zum Troſt, theilte ich vor ein paar Wochen der Frau von B. mit: ſie verſtand es total nicht: und ich ſtand als neues Thor verlegen gegen ihr über; ſie ſtellte auch keine weitere Frage an, um ſich den Gedanken erklären zu laſſen. Ihr tiefer Irrthum beſtand darin: daß ſie den künftigen Zuſtand, von welchem die Rede hier iſt, nicht als etwas nothwendig zu Erfolgendes anzuſehen ver - mochte, und der Vorausſetzung eines ſolchen nicht einmal zu folgen vermochte, ſondern ſich ihn nur wie jedes andere Un - glück, welches kommen, aber auch wegbleiben kann, zu denken vermochte. Gräfin Walſh, der ich daſſelbe in Baden ſagte, faßte es gleich, und lachte ganz erhellt wie in〈…〉〈…〉 neue Ge - gend hinein: und die W. iſt fromm katholiſch. Die B. ver - ſteht ſehr wenig. Gar keinen generellen Gedanken; oder ſeine Anwendung. Ich habe ihr noch mehr über dergleichen vorge - tragen, über Ehen, Völkervorurtheile ganzer Jahrhunderte, ſie weiß nichts. Sie kann keinen Irrthum über die Dinge19 von der ſtillen Natur der Dinge unterſcheiden; der ſittliche Antrieb fehlt ihr: ſie kommt gleich auf Approbation, oder Abſtimmung der Menſchen: und das Scheidende in ihrem Geiſt iſt auch nicht ſcharf.

Natürliche Kinder werden die genannt, welche keine Staatskinder ſind; wie Naturrecht, und Staatsrecht. Kinder ſollten nur Mütter haben; und deren Namen haben; und die Mutter das Vermögen und die Macht der Familien: ſo be - ſtellt es die Natur; man muß dieſe nur ſittlicher machen; ihr zuwider zu handeln gelingt bis zur Löſung der Aufgabe doch nie; fürchterlich iſt die Natur darin, daß eine Frau gemiß - braucht werden kann, und wider Luſt und Willen einen Men - ſchen erzeugen kann. Dieſe große Kränkung muß durch menſch - liche Anſtalten und Einrichtungen wieder gut gemacht werden: und zeigt an, wie ſehr das Kind der Frau gehört. Jeſus hat nur eine Mutter. Allen Kindern ſollte ein ideeller Vater kon - ſtituirt werden, und alle Mütter ſo unſchuldig und in Ehren gehalten werden, wie Marie.

Oelsner, in Paris.

Von hier aus ſehe ich die Welt. Der Ort in ſeinem geiſtigen und andern Zuſtande bedingt mir die Welt. Alſo bin ich ganz eitel, ſie doch ſo anzuſehn, wie Sie: es läßt ſich meines2 *20Bedänkens nichts mehr über ſie ſagen, als was Sie ſchon im Herbſte ſchrieben: Beide Parthien aus zweien beſteht ſie einmal ſagen nicht, was ſie eigentlich wollen. Sie nann - ten auch dabei, was ſie wollen; ich ſetze hinzu: und ſie be - trügen ſich nicht mehr einer den andern: und dieſen Punkt Zeit halte ich für eine Reife, die uns jeden Augenblick eine unbekannte Frucht aus der Schalendecke kann hervorbrechen laſſen, welche die eine Hälfte der Leute als ſüß, die andere wird als bitter verzehren müſſen. Es muß eine neue Erfin - dung gemacht werden! Die alten ſind verbraucht. Prieſter, Regierungen, waren ſonſt ihrer Zeit vor; brachten Geſetze von Bergen, aus Wolken, von nicht bekannten Ländern; dieſe Geſetze ſind durchdemonſtrirt; jeder Miethwohner des Erden - rundes weiß ihren Grund, oder wenigſtens, er iſt ihm zu Ohren gekommen: nun will keiner ſie mehr als einſeitiges Gebot halten, ſondern ſie machen helfen: und eine geſetzliche Weiſe in dieſen Zuſtand zu bringen, wird allein noch gar nicht helfen. Es iſt noch Phantaſie im Menſchen übrig für idealiſche Zuſtände, und die will Stoff, Nahrung. Alle gemeinſcheinende Anſprüche gründen ſich darauf; weil ſie auch von denen, die ſie machen, nicht verſtanden werden; und dieſe ſich in Mittel und Stoff vergreifen. Darum denk ich mir einen Geſetzgeber, einen Regenten jetzt als einen ſolchen, der eine hohe, allgemeingültige Anſicht des Lebens zu erfinden wüßte. Etwa ein neues religiöſes Element, welches die Sitt - lichkeit ſchärfer zu verſtehen gäbe, allen gebotenen Handlungen eine andere Richtung, einen neuen Ehrgeiz. Aber aller Menſchen Geiſt, der Zufall, die Zeit, Gott wird ſo etwas21 ſchicken, das bin ich gewiß. Alles andere wird ſchon etwas clabaudage; und ging ſie nicht an Leib und Leben, ſo beküm - merte man ſich nicht mehr drum, und ſie ennuyirte weniger. Eines wundert mich aber immer ganz von neuem: wieſo grade die faiseurs in der Welt, das Ganze ſo wenig aus dem Ganzen anſehen. Bringt das die Verlegenheit des Handelns mit ſich? Von mir weiß ich Ihnen nichts zu ſagen. Berlin ken - nen Sie: es ſteht nicht ſtill: es läuft aber immer in derſelben Richtung.

An Frau von R., in Rom.

Wo ich ſeit dem 11. Oktober bin, und warte.

Tauſend Grüße! Unzählige bringt Ihnen, verehrte, liebe, theure Freundin, dieſer Brief!! Möge er Ihnen all die Sehn - ſucht nach Ihrem Umgang, nach dem ſtillen, ſichern, muntern Zuſammenſein mit Ihnen, ausdrücken können; dem einzigen, welches man ertragen kann, das einzige, welches man ſich wünſchen muß. Wo Geiſt, Güte, Witz, Nachſicht, gute Laune, Wahrhaftigkeit und prahlloſe Treue regieren, und beleben. Das fand ich in Ihrer Familie: niemand kann dies leiden - ſchaftlicher im Herzen tragen; niemand ſtäter, herber vermiſ - ſen, als ich. Das muß ich Ihnen ſagen: wie ein Liebender nicht ruht, bis er ſeine ſüße Wunde vertraute. Bald nach dem harten Schlag, Ihrer Abreiſe, den 22. Juli erfuhr ich, daß auch ich nicht in Karlsruhe bleiben dürfte, Sie dort wie - der zu erwarten. Getroffen von dieſem Gewitterſchlag, fand22 ſich der gräuliche Schmerz erſt nach und nach, mit jedem Tage ſtärker, mit allem was er vermiſſen ließ, und von Thätigkeit forderte, die ſich auf keine erwünſchte Gegen - und Zuſtände bezog, herber und zerſtörender ein. Ein liebes Leben hatte ich verloren; und konnte mir das alte hieſige nicht wieder aneig - nen, weil es nicht mehr da war, ich dem neuen fremd, das Klima, die Kälte widerſprach mir, ich ward leidend. Weil ich doch nicht zu bleiben hatte, fand ich mich auch nicht heimiſch: kurz, unbehaglich: voller regrets und souvenirs. So wollte ich durchaus nicht ſchreiben, bis ich etwas beſſeres zu melden hätte; wenigſtens eine neue Beſtimmung. Vergeblich: der Kongreß hielt alles in beſchlußloſer Ungewißheit, und noch heute , bloß damit ich auch mitten im Sommer noch nicht wiſſen ſoll wohin! und ihn hier verpraſſen muß. Je - doch iſt er ſchön hier bis jetzt. Unendlich viel Grün, und na - menloſe Blumen in der Stadt: bis jetzt wegen paſſendem Re - gen kein Staub. Auch muß ich der Stadt im Winter ihre Gerechtigkeit widerfahren laſſen: es iſt gewiß die reichſte, viel - fältigſte und vielhaltigſte deutſche Stadt, in Rückſicht des ge - ſelligen Umgangs. Mehr Frauen, die häuslich empfangen, findet man wohl außer in Paris nirgend; mehr Streben zum Wiſſen und Sein wohl auch ſchwerlich, trotz der allgemeinen Zerſtörung, und neuen Aufbauung der Geſellſchaft, die allent - halben zu verſpüren, und auch hier nicht ohne Wirkung iſt, Es war vieles hier ſehr ſchön. Ich aber mit meinem Sinn auf’s Badener Land, auf Karlsruhe, auf meine Dortigen, und die ganze Lage und Umgegend geſtellt! Und nur denn ſproßt Glück in der Seele, wenn wir ſie nicht umzuſtellen ge -23 nöthigt ſind, und ſie grade für die Witterung, die uns um - giebt, beſtellt iſt. Drum ſagt auch Goethens Taſſo ſo ſchön: O! Witterung des Glücks, begünſtige dieſe Pflanze! Den Troſt hatte ich hier: und wahrlich es war ein heilendes, ſtär - kendes Bewußtſein, daß Sie ſich insgeſammt in Rom wohl fühlten, gut befanden: daß Ihnen, theure Frau von R., das Klima bekam, daß Sie die herrliche Wohnung, den Garten mit den Blumen hatten, zuſammen ſind!!! und Italien obenein, Rom, für die Ewigkeit mit Bequemlichkeit in Ih - rer Seele aufnehmen können. Glück zu! Iſt es möglich welches ich immer glaube daß wohlwollende Wünſche, tiefherzliches Gönnen, Glück noch mehr anfachen kann, ſo helfe ich Ihrem lodern! Jetzt, theure Freunde, ſind die Tage, wo wir voriges Jahr anfingen im Schloßgarten zu hauſen. Präch - tiges, theures, liebes Bild! In Italien freut es Sie noch! Mich beſeligt es hier; und putzt mir die Mark auf! Wir ſe - hen uns wieder! für mich iſt das gewiß wenn es der Tod erlaubt: denn, dem Leben fahr ich vor wie Kutſcher zwanzig, vierzig Meilen, Sie zu beſuchen!

Ich habe mir vom 20. dieſes an mein Quartierchen in Baden-Baden gemiethet: und gedenke für meine Perſon hin zu reiſen, und zu ruhen. Dann wird ſich wohl ausweiſen, ob ich meine Effekten in Karlsruhe verkaufen, oder ſie in der Nähe wo hinſchicken ſoll. Zu beiden Geſchäften muß ich dort ſein, weil ich alles dort zu Miethe ſtehen habe. Frau von Humboldt iſt ſeit vierzehn Tagen in Dresden. Geht nach - plitz und ihrem Gute Burgörner: die liebt Sie ſehr, und von der hab ich meine Nachrichten von Ihnen: und durch die24 Hofräthin Herz, die immer Briefe von Frau von Schlegel hatte; welche meine R’s fand, wie ich es ſagte; ihre Schutz - engel. Triumph! für mich. Meine Komplimente ſind alle wahr. Das iſt der Unterſchied: Sie kennen mich: kann ich ſchmeichlen? Frau von Tr. ſah ich auf einem Ball ſchöner, jünger, heiterer als je! und tanzend wie das kleinſte Fräulein. Sie ſcheint beruhigt, geſund, und ſehr vergnügt. Ich redete ſie als eine Henrietten-Freundin an; und ſprach ihr von Ih - nen, es war mir Bedürfniß; ſie klagte ſich in Hinſicht der Korreſpondenz mit Ihnen, liebſte, freundlichſte, harmoniſchte Henriette! an. Sie ſchien im Ganzen zerſtreut. Ein Ball! thut dergleichen.

Sie ſprechen Alle wie die Profeſſoren und die Lazzaroni italiäniſch! Fräulein E. ſingt wie Caffarelli: Papa hat den ganzen Vatikan ausgeleſen, durchſucht und auswendig gelernt; kurz, Italien iſt Ihnen Allen nur wie gemauſt; und doch iſt alle Abend Deutſchland bei Ihnen! ich ſehe es. Auch ſtehen Nähzeuge, Körbchen, Stickzeuge und Zeichnungen in der Fräu - lein Zimmer, wie in Karlsruhe: Blumen, alles! Bei Herrn von R. ſind Haufen von neuen und alten Büchern gethürmt, mit ganz dunklem Einband, und pergamentnem, und mit ſol - chen italiäniſchen Karakteren gedruckt, daß ſie kein andrer als er im Hauſe leſen kann; wenn ſie ſie auch angucken. Wenn es zu heiß iſt zur Terraſſe, hat er doch Abends eine Parthie, und giebt dem Abend auch ſeinen deutſchen Kniff! Ach! ich möchte mir gerne alles denken. Wir kommen wieder in Einer Stadt zuſammen. Iſt es heftiger Wunſch? iſt es Ahndung? Mir kommt es immer ſo vor. Herzlich umarme ich Sie ſehr,25 verehrte, liebe Freundinnen! Sie, liebſte Frau von R., Sie Fräulein Henriette und Fräulein Eliſe! Dem Herrn von R. meine treuſten Grüße! Nie vergeſſe ich wie ſchön aus ſeinem lieben Herzen er bei der Kirche auf dem Markt von mir Ab - ſchied nahm! Mögen wir uns dort wiederſehn! Varnhagen empfiehlt ſich Ihrer Gnade; legt ſich den Damen zu Füßen, und iſt mein Vertrauter und Zuſtimmer über R’s! Wünſcht nie andre, nur ſolche Diplomaten zu finden: dieſe, dieſe, ſage ich! Tauſend ſchöne Grüße an Fräulein Th.! Noch gra - tulire ich ihr, mitgereiſt zu ſein. Es thut ihr gewiß wohl: und bleibt für’s Leben, das reichſte, und durch Sie Alle, weichſte Andenken. Gott laſſe Ihnen Ihr Glück! dann gönnt er auch mir viel Freude, großen Troſt. Ihre treu ergebene wahre Freundin

Fr. Varnhagen.

Darf ich mich unterſtehen Ihre Gouvernante zu grüßen, deren Namen mir eben jetzt entgleitet? Unſre Uranie war in Paris bei den Ihren. Wie gönnt ich’s ihr! Adieu! adieu!

Meine Nichte, die ſchon die Ehre hat von Ihnen gekannt zu ſein, wird ſo glücklich ſein, Ihnen dieſen Brief zu über - reichen. Sie reiſt jung vermählt mit ihrem Mann. Ich em - pfehle ſie beide Ihnen. Beſſeres kann ich nicht für ſie thun; da ſie mein Kind iſt!

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An Auguſte Brede, in Stuttgart.

Kaltes, ungeſundes Wetter, wie überall, nach den Zeitungen.

Sehen Sie Mad. Huber, die das Morgenblatt her - ausgiebt? Sahen Sie bei ihr eine Frau von Pobeheim, eine Freundin von mir aus Berlin, auf die ich unendlich halte? Sehen Sie Lindner? Sagen Sie ihm, erſt jetzt hätte ich mit unendlichem Vergnügen ſeine Antwort auf A. W. Schlegels Attake in der Allgemeinen Zeitung geleſen. Der Zorn ſtieg mir bis an den Hals über A. W. S. ’s Benehmen, daß er die ſonſt von mir ſo geſchätzten franzöſiſchen Phraſen bis in ſein innerſtes Blut dringen, und ſie im Deutſchen bis zur Niedrigkeit werden ließ, und die Staël Beſchützerin nennt! Ein Freund iſt er ihr: iſt ſie reich, und theilte mit ihm, ſo iſt das, weil er es nicht mehr als ſie war und nicht mit ihr theilen konnte. Geſchützt muß er ſie auf Reiſen und im Le - ben haben: genutzt hat er ihr mit ſeiner Nationalität hun - derttauſendmal mehr, als ſie ihm: ihre iſt unſer altes Eigen - thum, von unſerer Litteratur hätte ſie nie ohne dieſen Freund faſeln können! Es mußte ihm endlich, und dieſer Staël An - betung ſo aufgetrumpft werden. Ich danke Lindner innigſt dafür; auch geſchickt machte er’s. Mir war das Balſam. Ich kann ordentlich litterariſch leiden. Es gilt in allen Fächern, Handlungs - und Gedankenkreiſen, um dieſelbe Sitt - lichkeit. Wahrheit oder nicht Wahrheit; die lieben, iſt ſitt -27 lich ſein; ſie zu finden wiſſen, Verſtand haben, der Vernunft folgen! Und niemals darin ermüden: iſt der höchſte Bund.

An Auguſte Brede, in Stuttgart.

Liebe Auguſte. Ich grüße und umarme Sie noch von hier. Maria Stuart heißt all mein Unglück heißt das! Dieſe Zeilen überreicht Ihnen Mad. * Sein Sie gütig gegen ſie: es iſt eine ſehr gute liebe Frau, die durch ihren Mann viel Leid erlebt hat: der es ihr durch ſeine Geſchäfte zuge - zogen hat. Jetzt folgt ſie ihm nach Stuttgart. Koreff hat ihr Empfehlungen an die Miniſter Wintzingerode und Zepelin mitgegeben, an Hrn. von Cotta und Uhland! an keine Frau. Sie ſind die beſte. Sie ſind die wahre Ver - ſüßerin; Sie ſind ſüß. Ich weiß noch, wie Sie mir in Prag auf der Treppe entgegen kamen. Im grauen Überrock; ein Häubchen, mit Puffen drauf; und Ihre Schönheit im Ge - ſichte. Adieu! Theures Herz! Ehe es Winter wird, ſchließe ich Sie in meine Arme, in Stuttgart oder gar in Dresden! Ich ſchreibe ſehr zerſtreut in Mad. * ihrem leeren Reiſezim - mer voller Menſchen. Sie iſt eine vortreffliche Seele, aber von ihrem Vortrag, z. B. über mich, rechnen Sie ab. Adieu! Adieu!

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An Karoline Gräfin von Schlabrendorf, in Dresden.

Theure Gräfin! Sichere Freundin. Die Lebenswellen ſchlei - chen, laufen, ſtürmen, wallen vorüber, und ſitzen die Freunde nicht in einem und demſelben Schiffe, nicht an demſelben Ufer, ſo bleibt es vergeblich, jene für einander auffangen zu wollen; erhaſcht ſind ſie todt, einzeln, ohne Strom, ohne Be - deutung, Leben oder Beziehung. Darum iſt Trennung ſo hart: weil für die am meiſten Gewitzigten dann auch, wie für andere, die Mittheilung ſtarrt: nur dieſer große Gewinn bleibt ihnen, daß der Lebensſtrom in einem jeden von ihnen dieſelben Tiefen durcharbeitet hat, wenn ſie ſich wiederſehen; und noch einen Vortheil müſſen wir uns nicht entſchlüpfen laſſen! Dieſen nämlich, wenn uns ein wirklich geiſtiger Fund entgegenſchwimmt, daß wir ihn nicht in Stumm - heit für uns allein fiſchen, ſondern unvergeſſen und gleich ihn den Geiſtesverwandten zuſchiffen. In dieſer ununterbrochenen Geſinnung ſchicke ich Ihnen, geehrte Freundin, beikommendes Büchlein: Angelus Sileſius. Ein Schatz von Gedanken, Klei - node erhabenen Stolzes, der mich, bis zum Lächlen erfreut; gedachte, und daher einzig wahre Demuth; einzig wahre Re - ligion, da es Fragen an Gott ſind; getroſtes Verzweifeln; Unſchuld in höchſter Kraft bewahrt! Dies alles in bereiter, gebildeter, glücklicher Sprache, die ihr Beſtes und alles dem Gedanken verdankt, und nicht wie ein Kleid des Gedankens, ſondern wie deſſen lebendige aus ihm erwachſene Behautung29 lebt. Kurz, das Gegentheil der Zeitavortons; in Religioſität, Denken, Geſinnung, und Ausdruck von allem dieſen! Darum, theure Gräfin, ſchicke ich es Ihnen! Mir ſtärken dieſe Sprüche den ganzen Geiſt und Kopf, wie Bergmorgenluft die zu we - nig beachtete Natur des Körpers. Möge es Sie eben ſo er - freuen, und Sie mich es wiſſen laſſen! Ich dachte dieſen Som - mer gewiß nach dem Rhein zurückzugehen. Mein Beſtes, meine Vernunft, muß einwilligen, hier zu bleiben. Nur Geiſter können gezwungen werden, ſagt Novalis. Machen Sie von dieſen wenigen Worten Ihr Facit! Faſt fürcht ich mich, noch etwas Höheres zu werden im Verlauf der Zeiten. Welcher Zwang mag da erſt eintreten! Doch bin ich ſeit heute getroſter: weil ich ein paar Zimmer im George’ſchen Gar - ten, der an der Spree liegt, als Abſteigequartier habe. Und Luft, Grünes, Waſſer, Leben, welches auf dem Schiffbauer - damm iſt, mich gleich heilend berührt, und mir wirklich ſo nöthig als Athemluft iſt.

Julchen S. ſagt: Man kommt ſo ſtückweiſe um ſich. Ich ſage: Man trägt ſein Leben zu Grabe. Vielleicht lebt es Keiner.

Es giebt eine oberflächliche, und eine tiefe Jugend!

Wir verlieren alles, was wir lieben: am Ende das was wir kennen, das Leben.

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Allmächtiger Gott ſei uns gnädig! Lehr uns, wie wir zu dir ſtehen!

An Adam von Müller, in Leipzig.

Angelus tiefſte, erhabenſte, ſchönſte, kühnſte Sprüche ſind und bleiben nur unſchuldige Fragen, und demüthiges Verzichten. Die erſten bis zur kühnſten Keckheit eines geiſt - vollen Kindes. Ich muß hier noch ſagen: es findet ſich ſchon in Kindern dieſe Sitte, wie ich es nicht anders zu nennen weiß: die ganze Anlage, der ganze Keim zur Moralität. Wie ſollt ihnen auch ſonſt verſtändlich werden, was ſich darauf bezieht? Aber verſchieden ſind die Kinder; grad nur darin.

Und ich möchte ſagen, was iſt am Ende der Menſch an - ders, als eine Frage! Zum Fragen, nur zum Fragen, zum ehrlich kühnen Fragen, und zum demüthigen Warten auf Antwort, iſt er hier. Nicht kühn fragen, und ſich ſchmeichel - hafte Antworten geben, iſt der tiefe Grund zu allem Irrthum: und iſt man in dieſem auch ehrlich, und irrt nur, ſo iſt es doch Verzärtelung und Mangel an Klarheit; und bei beiden können wir nicht immer verweilen: Die große allgütige Ein - richtung Gottes, das wirkliche Verhalten der Dinge unter - einander, und der Gedanken zu den Dingen, wird uns doch zum ſchwereren, demüthigern Werke mit fortreißen. Auf ſolche Weiſe, glaub ich, ſind wir zum ganzen hieſigen Daſein ge -31 kommen. Wir mußten es durchmachen. Wie überhaupt Menſchengeiſter lernen. Mit eigener Mühe; dabei fängt die große Mitgift, Perſönlichkeit an. Dies iſt für mich der Gedanke aller Gedanken, die Menſchwerdung Gottes; die Gnade, uns eine Perſon werden zu laſſen, und in dieſer Gnade find ich auch gleich ihren eigenen Grund; ſie enthält ihre Bedingung in ſich ſelbſt. Den Urgeiſt beurtheile ich nur nach meiner Mitgift von ihm, im Verhältniß von mir zu ihm: nicht ungemeſſen, ungebührlich, was er ſein kann. Der Gedanke Sein ſchwindet mir ſogar bei ſolchen Möglich - keiten. Wie ein Adjektiv komme ich mir vor.

Sie glauben gar nicht, was ich alles untereinander leſe. Kennen Sie Madame Guion? Deren Leben las ich vorigen Winter, und noch vieles von ihr. Die hat den me - taphyſiſcheſten Kopf. Mit welcher Kraftmacht vigueur ſpekulirt, mahlt die in’s Leere. Von dem großen Karakter noch gar nicht zu ſprechen. Sie werden gewiß laut lachen: aber für mich iſt ſie ein Gegenſtück zu Fichte’n. Beide laſſen Welt und Natur ganz ausfallen, und ſenden den ſtarken Geiſt in die Weite. Fichte verfolgt die Thätigkeit deſſelben bis an die Gränze des Seins: die Guion ſchwingt ſich neben ihren Vater in die Werkſtätte der Welt, wie die Bibel ſie erzählt. Mit einer Gemüthskraft, und einer Ergebung voll Zutrauen, die mich ſie mit Verwandſchafts-Zärtlichkeit lieben macht. Mir äußerſt merkwürdig. Nur krankhaft; unſäglich großartig aber. Darnach las ich Fenelon’s und Boſſuet’s Leben von Beauſſet. Fenelon lieb ich: den muß jeder nach ſeiner Art lieben. Boſſuet zwingt ſich ſelbſt: warum ſollte32 er nicht Andere zwingen wollen? Das iſt ſeine Ehrlichkeit. In ſeinen Briefen an Freunde find ich ihn liebenswürdig. Ich glaube, kein gebildeter Franzoſe damaliger Zeit konnte in näherem vertraulichen Umgang der Liebenswürdigkeit ent - gehen: ſonſt wäre er mit niemand dazu gekommen. Soviel Ächtes enthielt ihre damalige Geſammtbildung, und das, was in der Geſellſchaft herrſchte.

Geſtern lernte ich zum erſtenmale, daß man doch einen Andern mehr liebt, als ſich; wir können die Eigenſchaften, die wir für die weſentlich menſchlichſten halten, für die lie - benswürdigſten, rührendſten, wenn wir ſie uns ſelbſt zugeſte - hen müſſen, nicht in uns lieben, uns nicht ſelbſt dafür lieben. Wohl aber in Andern. Mit einer Art leidenſchaftlicher An - erkennung, mit der zärtlichſten Verehrung. So wie wir un - ſere Phyſionomie nicht ſehen können; und doch unſer Geſicht fühlen, wie kein anderes. Dieſe Entdeckung macht mir viel Vergnügen: nicht, weil ich mich und uns nun nicht mehr für ſo ſelbſtiſch halte, und für beſſer; aus Ehrgeiz möchte ich nicht über die Menſchennatur hinaus, ſie darum nicht erhö - hen: aber, daß wir dadurch reicher ſind, vielfältiger, das freut mich; und auch darum, weil ich Wahres gefunden habe. Nur der Tag iſt mir verſüßt, wo ich durch oder für meine Gedan - ken etwas Neues erfahre. Dieſes Neue verdank ich der B. ’ſchen Jugendkorreſpondenz; die mich ganz belebt hat. Ich möchte ihm wieder ein Vergnügen machen!

Man33

Man wundert ſich ſo ſehr, und beweiſt ſo ſtark, daß dem Adel die alten Vorzüge und Ehrerbietung nicht mehr wollen geſtattet werden. Warum bemerkt niemand, daß es den Ge - lehrten (les doctes), den Doktoren eben ſo geht? Sonſt war ein ſolcher ein vornehmer, verehrter Herr; ihm ſchrieb man Gelehrſamkeit wie Tauſendkünſte zu: man war überzeugt, es ſei ein anderer Mann, als die, welche den Ehrentitel nicht erhalten hatten, und es war eine Beglaubigung. Jetzt iſt es zu bekannt, daß eine Menge Leute gelehrter ſind, als viele Doktoren. Die Welt ſchreitet wirklich fort, und der Punkt, worin dies Fortſchreiten beſteht, iſt auch gleich das Zeichen davon. Kenntniſſe, Vermögen aller Art, Bildung, wird, iſt allgemein. Breitet ſich aus: ſagt man ſo oft, ohne an den buchſtäblichen Sinn dieſes Ausdrucks zu denken: der Ertrag der Völker breitet ſich über die Erde. Das iſt der Zeit Kör - per, möchte ich ſagen; anſtatt des ſchon mißlichen Wortes Zeit - geiſt. Die Folgerungen mag man nun ferner machen. Es glauben ja Viele und ich auch, die Geiſter machen ſich Körper. Die Zeit iſt ein Geiſt, und ſchafft ſich ihren Körper.

An Oelsner, in Paris.

Ich weiß, es giebt keinen Troſt, keinen in Worte zu faſſenden. Lear ſagt zu einem, der ihm Unglück klagt: O! du würdeſt alles vergeſſen, wenn du meines hörteſt! DiesIII. 334iſt wenigſtens der Sinn ſeiner Schmerzensworte. So ging es mir mit Ihnen! Wie Schatten, ohne Farbe noch feſte Ge - ſtalt, entſchwand mir das eben kürzlich Erlebte. Uns hier war eben eine Freundin und Nachbarin an einem unendlichen Leiden von Krankheit geſtorben; und noch nicht begraben. Meiner älteſten Freundin einziger Sohn und Hoffnung, ein junger Architekt, der mit General Menu reiſte, in Alexandrien geſtorben, und die Nachricht eben friſch angekommen. Alles ſchwand mir gegen Ihre Schilderung, armer Freund! Wie haben Sie unvermuthet die tüchtige, edle, thätig geſunde Freundin mitgeſchildert! Die liebe, treue, kluge, ſtarke Mut - ter! Ich ſehe ſie, obgleich ich ſie nie ſah; und weine mit Ihnen. Da iſt nichts zu ſagen; als Gott anzuſehen, ob er uns nichts ſagen wird. Der ſpricht aber nur ein - für alle - mal, wenn er uns in’s Leben ruft. Und richtig citiren Sie den, der da ſagt: il y a des moments, l’on ne peut rien faire que de vivre. Leben; iſt die große Ureſſenz, der tiefe Urſtoff, woraus alles entquillt, mit und ohne unſer Zuthun. Solchen Gemüthern, wie Sie eins ſind, kann man am wenig - ſten arbeiten helfen, weil ſie alle Arbeit ſelbſt übernehmen: denen mag ich nur zeigen, daß ich ihnen nachfühlte, und nachdenken konnte; das iſt ihr einziger Troſt, weil dieſer Troſt eine Art Umgang iſt. Am erſchütterndſten, lieber Freund, in ihrem Schreiben war mir das, daß Sie für alle übrigen Le - bensverhältniſſe ſo klar blieben, ſo voller Haltung und erfor - derliche Thätigkeit. Dieſe Stärke und Macht über ſich ſelbſt iſt mir der ſicherſte Bürge über durchgefühltes Leid, ich kenne ſchon die, die ſich nicht faſſen können: die können ſich bloß35 nicht faſſen; und auch nicht allen Schmerz und Verluſt in allen ſeinen Beziehungen.

Wenn man behauptet, phyſiſcher Schmerz ſei der unleid - lichſte, ſo widerſprechen einem beinah alle gebildete Leute, und fühlen ſich wohl recht behaglich, und ihre Denkungsart groß - artig. Man mag ihnen was auch immer für Gründe anfüh - ren. Wie kommt es aber doch nun wohl, daß kein Mitleid, ja, kein Gericht, für einen erwürgten Zuſtand einer ganzen Seele vorhanden iſt; daß in den geſelligen, und noch engern Verhältniſſen der Familie, gewöhnlich die eine Hälfte, oder Einer, ganz erdroſſelt in allen ſeinen Regungen des Geiſtes, des Herzens und allen Thätigkeiten ſeiner Anlagen umherlau - fen muß, ohne irgend Klage anbringen zu können; oder, ohne dieſe, Hülfe und Recht zu bekommen, während bei einem viel leiſeren körperlichen Angriff alle Herzen auf offener Straße, und alle Gerichte ohne Kläger zu Hülfe eilen würden? Weil es da evident iſt, daß der Gefährdete nicht würde weiter leben können, und die Natur ſchon da dieſe gütige Einrichtung ge - troffen hat: bei der Seele Übel, und was der widerſpricht, war ſie nicht ſo nah: und aus dieſem einzigen Grunde, möchte ich dieſe Übel herber nennen; von der Seite be - trachtet.

3 *36

An Mad. Domeier, in London.

Sind wir noch dieſelben?! Kann noch ein Zweifel ob - walten, über unſere Vorexiſtenz? Daß man ganz aus - und abgerieben wird, das iſt doch ausgemacht: daß wir keinen An - fang, und kein Aufhören denken können, auch: wir haben alſo unſer voriges Daſein rein vergeſſen. Es iſt eine ausgemachte partie de plaisir, daß wir in vorgerückten Jahren uns unſere Jugend noch zu erinnren vermögen; und zu dieſer, liebe Freun - din, lade ich Sie ein! Es iſt auch nur einer von den opti - ſchen Betrügen, woraus unſer hieſiges Leben zuſammengewitzt iſt, daß wir meinen müſſen, wir verändern uns. Die alte, nämlich ewig junge Seele muß nur durch ſo alte Kanäle; die Witzkombination iſt doch nicht groß genug, und wiederholt ſich zu ſehr: Sie ſollten ſonſt ſehen, wie jünglingsrege unſere liebe Seele wäre, wenn ſie nur alle Tage etwas Neues er - führe; durch eigne neue Gymnaſtik oder andere Organe, als da ſind das Weltall! Eines der größten Witzereigniſſe iſt nun, daß Sie nach Deutſchland kommen wollen. Nur bege - hen Sie den großen Fehler nicht, nur ſieben Wochen dazu anzuwenden, wie der Scholar, Ihr Sohn. Laſſen Sie dieſen jungen Menſchen allein zurückreiſen; und übereilen Sie ſich nicht! Eine ganz nützliche Reiſe über das deutſche Land kön - nen Sie gewiß in dieſer Zeit ganz zu Stande bringen; Sie37 können unſern techniſchen, künſtleriſchen, geſelligen, und geſetz - lichen Zuſtand gleich überſchauen: und gleich beſſer, als nach und nach; und friſch aus dem altrevolutionirten England beſſer, als lange von demſelben weg. Aber Ihre Freunde, und Deutſchlands Gutes, werden Sie in ſieben Wochen nicht finden; dies muß man ſuchen: kann es auch finden, auch häu - fig, aber in keiner beſtimmten kurzen Zeit, noch einer ſolchen Richtung. Kommen Sie nicht umſonſt über’s Meer! Nehmen Sie nicht nur den erſten ſchlechten Eindruck mit zurück! Brin - gen Sie Lord Byron und Sir Walter Scott beſſere Nachrich - ten von uns mit. Ich ſehe alle unſere Fehler ein, ich mache ſie ja mit, aber ich möchte doch gerne mit Wahrheiten gegen Lady Morgan und die beiden Herrn prahlen. Laſſen Sie keine deutſche Staël umſonſt zu uns herüber kommen! denn ich ſehe ja Ihr Werk über Deutſchland ſchon! Was ſagen Sie dazu, daß ich mich zum Publikum ſchlage? da alles ſich adelt? daß ich feſt Volk bleibe; immer nur Leſer, und nie ſchreibe? An Verſtand fehlt es mir nicht: aber der ſieht ein, daß ich kein Talent habe, wofür ihn doch alle meine Freunde in Ehren halten ſollten; denn die armen Leute ſind es doch, denen man die Manuſkripte vorlieſt: Gedrucktes warnt vor ſich ſelbſt. Was wollen Sie aber mit einem ſolchen Brief anfangen; Sie leſen ihn aus, wie man ihn anfängt: aus zehn, bis zwanzig Geduld-Eigenſchaften; Freundſchaft ge - nannt, damit wir ſie auf eine honette Weiſe in Anſpruch nehmen können. Dieſe Miſſive ſoll Ihnen aber nur kurz den Vorſchlag machen: bleiben Sie etwas länger in Deutſchland! Reiſen Sie wenigſtens nicht noch nach Schleſien: ſondern laſ -38 ſen Sie Ihren Bruder zu ſich nach Dresden, Berlin, Töplitz, oder nach dem Rhein kommen. Laſſen Sie es ſich nicht neh - men, über Calais und Paris zu kommen. Sehen Sie dort geſchwind viel, und Mad. Genlis: grüßen Sie ſie, herzen Sie ſie, küſſen Sie ſie! und ſagen Sie ihr, ihre brutalſten Vor - urtheile ſind mir lieber als ihrer Rivalin der Welt nach freiſinnigſte Papagai-Reden. Sie wäre ſo konſequent von der Natur begabt, daß ſie von den Straßenlaternen zur Mor - genröthe und Sonne gelangte; und jene, von der ſtrahlendſten Sonne zu den Laternen, Lampen und Lüſtres der Salons. Ich liebe die Genlis unendlich. Ihr Stil riecht gut; er verbreitet eine Atmoſphäre; von wie tief kommt eine ſo genannte Äußerlichkeit her! Laſſen Sie uns genau wiſſen, wann Sie nach Deutſchland kommen, wann hierher: kurz, eine genaue Marſchroute; damit Sie zu erhaſchen ſind. Wir wollen recht ſprechen! Über alles, Viele ſind todt. Von denen wollen wir ſprechen, da wir noch leben. Varnh, freut ſich ſehr, Sie kennen zu lernen: weil ich unendlich viel von Ihnen ſpreche. Fragen Sie Doktor Boll - mann No. 139. Sloanesstrect ob er uns nichts mitzu - ſchicken hat. Tauſend Grüße an ihn! Reden Sie ihm zu, mit ſeinen zwei Töchtern mitzukommen. Lebt Doktor Young noch? Hat er ſich beibehalten? Iſt er kein Pedant gewor - den? Dieſer Brief muß Ihnen ſehr lang dünken, da Sie Mad. Herz ſchreiben, daß der an ſie Ihr längſter ſeit Jahren iſt: ich im Gegentheil ſchreibe nur Briefe, dieſe äußerſt ſelten, aber ſehr lang. Dieſer iſt ein Morgenbillet. Ich richtete mich nach Ihnen, ſonſt hätte ich Ihnen alles von hier, von mir, von Todten und Lebendigen geſchrieben: doch alles dies nun39 mündlich! In London kenne ich nur noch, außer denen, die ich Ihnen nannte, Lady Caledon Schweſter der Lady Stuart mit ihrem Mann, Mrs. Caulfield mit ihren zwei Töch - tern, und Mad. Goldſchmidt aus Hamburg: können Sie dieſe Damen grüßen laſſen: etwas von ihnen für mich erfahren, ſo wird es mich ſehr freuen. Die jüngſte Caulf. iſt begabt, die älteſte ſchön, die Mutter gut und brav. Lady Cale - don eine heitere gereiſte Engländrin mit allen Vorzügen ih - rer Nation. Mad. Goldſchmidt eine ächte Deutſche. Unend - lich vielſeitig, alſo von der beſten Sorte. Adieu, Liebe! à revoir.

Ihre Friederike Varnhagen von Enſe. Künftig R.

Mein Bruder Louis ſchien mich gar nicht zu verſtehen, als ich ihm in Karlsruhe Einmal unter den Kaſtanienbäumen beim Zeughauſe im Verlauf mehrerer Gedankenäußerungen ſagte: der Menſch kann ſich eigentlich gar nicht beſſer machen; und ſchien gar zu glauben, ich wollte Schlechtem das Wort reden. Ich wollte aber ein altes tiefes Bewußtſein, welches mir damals klarer erſchien, ausdrücken; nämlich, daß wir ein Wille, ein beſtimmtes Streben ſind, an welchem wir nicht ändern können; welches uns nur klarer, und verworrner wer - den kann: durch Glück oder Arbeit. Nur Arbeit iſt Redlich - keit, und eigenſte Sitte. Lüge iſt Faulheit-Aufſchieben. Von der teufliſchen Lüge, die lügen will, hab ich keinen Begriff, das iſt Unſinn, Phreneſie; Kopfſchüttlen, bis das Denken ver -40 geht. Ich kenne auch den Teufel nicht: aber ekle faule Lüge auf jedem Wege. Wir ſind gar nicht frei: wie unſinnig wäre dies auch, und völlig unmöglich, da wir keinen Zweck kennen: Zweck und Grund iſt Eins: und der iſt im Erſchaffer; weil wir aus ſolchem Grunde kommen, fühlen wir uns frei: der Zwang iſt ſüß: aber ſo wie wir einen eignen Zweck erfin - den und die Freiheit nachahmen wollen, fühlen wir die eigent - liche als Hemmung: unſer innerſtes Wollen nämlich; unſere eigentlichſten Wünſche ſind richtig und frei: dies, Eltern und Regierungen überhaupt, ſpähet nach! Erlaubt iſt, was ge - fällt. Goethe’s Taſſo.

Unſer innerſter Wille iſt wie eine Pflanze: einfach, be - ſtimmt: aber ohne Wurzel in der Erde; unſer Geiſt das Be - wußtſein drüber, wie eine in uns mitgegebene Sonne.

In Adams Geſchichte wird geſagt, daß ſeine Urſprache verloren ging. Nur ſehr ſchattenartige, oberflächliche, ſchwin - dende Eigenſchaften der Dinge wiſſen wir mit unſerer Sprache anzugeben; und haben doch in unſrer Seele kein ander Mit - tel uns zu fragen, noch uns zu antworten. Es iſt kein leerer Ausdruck wenn wir ſagen, es will regnen, es will blitzen u. ſ. w. Es iſt, eigentlich gedacht, keine Regung möglich, als durch Willen. Wenn wir auch nicht einmal von uns ſelbſt wiſſen, wie wir zum Willen kommen, zum Grundwillen alles unſern Wollens. Ein noch größeres Indiz, daß ein Urwille exiſtirt, aus dem unſer Grundwille, wie alle Willen hervor -41 gehen. Eine einige große Muſik. So verſtand ich auch Friedrich Schlegel, als er in Frankfurt ganz ernſt ſagte, das Feuer ſei ein Geiſt. Das Feuer will etwas Beſtimmtes: es hat gleichſam, oder es iſt ein Auftrag, des höchſten Willens: und ſo alle Geiſter; und alles bis zur Geiſtigkeit Verfolgtes. Unſres innerſten Strebens ſind wir uns bewußter, als deſſen Beſchränkung, Bedingung und Beziehung: und es iſt einer der irremachendſten und verbreitetſten Irrthümer, daß wir ge - wöhnlich glauben, wir wüßten mehr vom Körper, als vom Geiſt: wir leiden mehr vom Körper, weil wir in dem Verhält - niſſe zu ihm noch weniger thätig zu ſein vermögen, und noch weniger von ſeinen Eigenſchaften kennen, dieſe Unkenntniß allein macht ihn illuſoriſch für uns zum Körper. So iſt’s auch ſchon im menſchlichen Umgang. Je weniger wir Eines Geiſt kennen, je mehr iſt er Sache, Unkenntliches, Zwingendes für uns. Er - kenntniß iſt Fortſchreiten, Leben, höherer Auftrag, Willens - verſtändniß, Anneigung, erhöhte Exiſtenz.

Seit Kindheit an hatte ich eine Art von Furcht vor Uh - ren und vor Waſſer in Teichen und Gefäßen, als Tonnen, oder Fäſſer; kurz, vor gefangenem Waſſer. Heute fällt mir erſt ein, daß dies nur zwei verſchiedene Richtungen derſelben Scheu ſind, die auch nur einen und denſelben Gedanken zum Grunde hat. Iſt es nicht ſonderbar, daß man tiefer in ſich, ohne Boleuchtung des Bewußtſeins, klüger ſein kann, als im Hellen? In den Teichen und Gefäßen iſt eine Willenskraft des Elements gefangen und eine Thätigkeit gehemmt; bei der42 Uhr eine Thätigkeit gebraucht. Bei der iſt noch der weitere Gedanke, daß die Federkraft ein Keimchen zu einer Organi - ſation iſt, fürchterlich: wäre die Wechſelwirkung von Feder zu Rad vielſeitiger, ſo ging es ſchon weiter. Das fiel mir heute ein, daß eine Uhr der erſte Anfang von Organiſation iſt. Witziger Gebrauch von Kräften. Die wir ſo nennen, weil wir ſie nicht kennen.

Schon ſehr oft hab ich gar nicht ergründen können, woher dem Menſchen ſeine Eitelkeit ſtammt. Was iſt das, daß er ſich nicht allein ſchöner, beſſer, klüger, reicher, begabter machen, ſondern auch für alles dies ausgeben mag, und nicht allein für Andere, ſondern auch wohl für ſich ſelbſt? Der Grund dieſes Beſtrebens iſt mir noch nicht klar. Es iſt viel - leicht die Sehnſucht nach einem angemeſſeneren Zuſtande für ſeine Fakultäten: er will ſich wenigſtens zur Erleichterung vorſpiegeln oder vorſpielen daß er nicht in dem klem - menden proviſoriſchen mehr iſt, oder zu bleiben braucht: alles dies iſt nicht klar und hinreichend für die unvertilgbare An - lage zur Prahlerei. Dies alles fällt mir immer von neuem wieder bei Angelus Spruch ein:

Des Weiſen Ahnen ſind Gott Vater, Sohn und Geiſt;
Von dieſen ſchreibt er ſich, wenn er ſein Abkunft preiſt.

Der Grund der Eitelkeit kam mir nie ſo ſehr unedel vor; aber die Lüge ſo dumm; und je dümmer, je richtiger ihr Grund. Wie iſt mit Lüge ein Defizit auszugleichen!

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Des erreurs et de la vérité. T. 1. p. 98. Im Ab - ſchnitt de la végétation ſpricht Saint-Martin von den Prin - zipien der Dinge: nämlich der materiellen. Tiefſinnig, geheim - nißvoll, willkürlich, und ſehr ſchön; wie immer. Mir wird dabei immer klarer, daß in allem zu Ergründenden wir nur zweierlei wie in uns ſelbſt zu finden vermögen: den Willen und das Wiſſen. Der innerſte Trieb der materiellen Dinge iſt ein Wollen: und alles, was wir auch nicht dafür erkennen, organiſch, für ſich und für anderes zugleich beſtimmt, und hinlänglich; das heißt immer reicher in Thätigkeit, Da - ſein und Entwickelung. Je mehr Bewußtſein, je heller, je rei - cher, je mehr Daſein: und es giebt gewiß Geiſter, die alles ſchon wiſſen, was wir fragen müſſen: die den ganzen Orga - nismus dieſer Welt überſchauen. Organiſches, Lebendiges, iſt eher zu verſtehen, als Todtes, Todtes iſt nur Unverſtandenes; wir leben ſelbſt nur, inſofern wir Abſolutes in uns erkennen, Hinlängliches. Nur mit unſrem bischen Leben ſuchen wir alles zu erfaſſen. Wollen, Wiſſen; in Millionen Weiſen aus - gedrückt.

Eine Gerechtigkeit waltet ſchon hier auf Erden;
Daß die Geſichter all wie ihre Seelen werden.

Des erreurs et de la vérité. T. 2. p. 104. J’ai dit en général que le mouvement n’était autre chose que l’effet de l’action: ou plutôt l’action même, puisqu’ils sont insépara -44 bles. Zeit entſteht nur, wenn vor ihr nichts war. Für et - was, das immer da war, giebt’s keine Zeit. Sie iſt alſo ent - weder eine Illuſion, oder wir müſſen erfahren, wie wir nichts waren: wodurch wir zum Bewußtſein kamen. Raum iſt Satz der Zeit: iſt die für’s Geſchehene: iſt die zu Stamm gewor - dene Illuſion. Zeit, werdende Blätter und Zweige davon. Handlen, beider Prinzip. Handlen aber, iſt Exiſtenz bekom - men: hieſige. Alles in den Bedingungen unſerer Konzeption.

(Mündlich.)

Ich mache zwar keine Prätenſionen, aber ich habe darum nicht wenigere.

Bei einem Streit über eine ganz unbedeutende Sache, wo aber die auffallendſte Verkehrtheit ſich geltend machen wollte: Gott! rief Rahel leidenſchaftlich aus, haſt du denn keinen Donner mehr? und wenn es auch nur um einer Klei - nigkeit willen iſt, ſchick einen, zum Zeichen!

Sehr kalt. Viele Leute heizen ein; ſtarker Regen.

Labruyere ſagt: Il n’y a rien qui rafraîchisse le sang comme d’avoir su éviter une sottise. Buchſtäblich wahr; in - dem man eine Thorheit begeht, weiß man es ſchon; erhitzt führt man ſie ſchon aus, und das Bewußtſein, es iſt eine Thorheit, erhitzt noch mehr: und nachher die glückliche Erho -45 lung, ich bin ihr entgangen: Eine auffallende Wahrheit , ſollte man denken. Sie iſt doch nur erſt Labruyere auf - gefallen.

Wir machen keine neuen Erfahrungen. Aber es ſind im - mer neue Menſchen, die alte Erfahrungen machen.

Noch nie hab ich bereut, was ich gerne that: nur immer das, was ich ſchon mit Reue that.

Weißt du, warum wir hoffen? Wir können nicht ohne Bild leben. Ohne Hoffen haben wir kein Bild in der Seele; da iſt nichts.

Er muß es ja leiden; was willſt du ihn tröſten!

(Mündlich.)

Vom Shakſpeare:

Er iſt Leben im Leben; er kann faſt nicht zur Betrach - tung kommen, denn jede Betrachtung wird Leben; und doch iſt er lauter Betrachtung.

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An Auguſte Brede, in Stuttgart.

Recht befriedigt, liebe Freundin, hat mich Ihr Brief! Weil er mir ſagte, was ich gerne weiß. Daß es Ihnen gut geht, daß Sie anerkannt ſind. Herr von Lehr hat mir das wahr - und glaubhaft beſtätigt; und Ihr Leben etwas detaillirt: ich freue mich deſſen, und der Achtung und Behaglichkeit, die Sie genießen. Und bin Ihrer Geneſung froh! Das Beſte, was ich Ihnen nun endlich jetzt von mir zu ſagen weiß, iſt, daß kein Jahr vergehen wird, ohne daß ich Sie entweder hier, oder in den Ländern Ihrer Nachbarſchaft werde geſehen haben. Wenn bis dahin meine Augen noch ſehen! Dieſe Hy - pochondrie entfährt mir, weil geſtern vor acht Tagen meine intimſte, treuſte Freundin, die alles von mir kannte, und er - lebt hatte, Krankheiten, Leid, Geſchichten, Inneres und Äu - ßeres, der ich treu war und beiſtand, fünfundvierzig Jahr alt begraben wurde. Von allen Lebenden dacht ich mir deren Tod am wenigſten. Sieben Wochen lag ſie in einem Nerven - und Schleimfieber; drei Wochen pflegte ich: dann fiel ich ein, die ich ſchon zwei Jahr kranke, und litt das Unendliche, und war, wie man ſagt, gefährlich. Koreff machte ein Meiſterſtück von Fleiß, Umſicht, Glück und Weisheit. Den Tag, wo Nett - chen Markuſe begraben wurde, fuhr ich ſchwankend und wan - kend zum erſtenmal aus. Jede Blume erſchrak mich. Ich wollte mich meiner Geneſung freuen; und konnte nicht, ich mußte an der Freude, die mir die Vorſtellungen im Bette da -47 von machten, genug haben! Ich beuge mich unter Gottes Beſchlüſſe: und bin ſeelenruhig jetzt. Unſere eigentliche Seele ſind die Wünſche, das Sehnen. Gebannt iſt ſie nur, in Widerſpruch. Haben Sie Goethens Wanderjahre geleſen? dies apropos von allem! von Seele, Leben, Daſein; ſich faſſen, es betrachten u. ſ. w. Mit der Geſelligkeit geht es dabei ſeinen Gang. Ich habe mir in meiner Angegriffenheit nur die Menſchen abzuhalten. Sie haben es gut bei mir. Sie finden ſich, erſtlich. Werden geſchmeichelt, bewirthet, ge - pflegt, nicht perſönlich widerſprochen, umgangen, können nach dem Theater kommen, finden Geſpräch, auch wenn ſie uns allein treffen, die neuſten Bücher, immer willige Erfriſchung. Und da iſt’s wie bei Ihnen: nachdem, was mir Herr von Lehr erzählt. Dieſer gefällt mir ſehr gut: er iſt Ihnen ſehr gewogen; ehrt und kennt Sie. Mich freute das ſehr: herzensgeliebte, alte, immer theure Auguſte! Es bleibt ganz bei Prag! Wie dort, ſo immer. Varnhagen will abſolut von Töplitz einen Augenblick nach Prag. Da werde ich denn auf unſern Gräbern wandern, wo unſer dortiges ſchönes, wenn auch ſchreckenvolles Leben hingelegt iſt. Wir können daran denken: es hat ein ferneres erzeugt, aber wir können es nicht wiederleben; konnten es nicht halten! Adieu Freundin! Schöne, Liebe! Meine Augen werden Sie noch ſehen! Dann wollen wir wieder lachen. Sie inſpiriren mich wie Keiner! Immer dieſelbe und

Ihre R.

Den 7. September 1821. war bei Fürſt Clary in Töplitz die Rede von Büchern und Leſen; da fragte Baron E. die48 Frau von Lubienska, ob ſie Goethens Wanderjahre ſchon ge - leſen habe? Nein, ſagte ſie, ich habe ſie aber, und werde ſie alsbald anfangen. Pourquoi lire de choses pareilles? ſprach Fürſt S , der General, drein; l’on voit tout de suite que cet homme n’a jamais fréquenté la bonne société; et quel monde il a vu. E. erzählte mir es gleich nachher; und wollte aus der Haut fahren; und ich ſchreibe es auf, weil ſo etwas nicht verloren gehen muß. E. gab mir ſein Ehrenwort, daß es buchſtäblich ſo übereinanderging, weil ich zweiflen wollte. Auch hatte jener ſchon, als E. den Herzog von Weimar zu kennen wünſchte, und hinzuſetzte, ſchon deßwegen, weil er ſo große Talente um ſich geſammelt, und Goethen zum Freund habe, geſagt, der Herzog habe mauvais ton, et que l’on voyait tout de suite qu’il fréquente, etc.

Der Leute Geſpräche ſind gefährlich, die nur erzählen, nie ergründen, beurtheilen, erwägen und bemerken. Sie ſpre - chen gleichſam ohne Linienblatt; gerathen in’s Klatſchen, da ſie ſich und Andere unterhalten wollen; ſie haben weder Ziel noch Damm, nur einen kleinen Zweck, und zu dieſem kleinen Zweck noch kleinere Mittel.

Güte Dichter haben ein Bild in der Seele, und ſind ge - trieben es darzuſtellen: andere treiben ſich, Bilder zu machen.

An49

An Fanny Tarnow, in Dresden.

Schönes, helles, friſches Wetter. Man ſchreit hier Erd - beeren in Töpfen, dieſe in große Körbe geſetzt, aus, wie im Sommer.

Vorigen Dienstag Mittag ſpeiſten wir hier, wohlbe - halten, um 3 Uhr. Um 11 waren wir hier. Man wird jetzt an der preußiſchen Gränze ein Patriot: ſo ſchön iſt Chauſſee, Poſtbedienung, Einrichtung, und Betragen der Beamten. Man fährt wie ein Kourier; aber bequem und ſicher auf den breiten gutbeſorgten Wegen. Ich habe auch ſchon ein Volksſtück geſtern hier geſehen: der Stralauer Fiſchzug; das Volk aber hatte mehr Geſchmack, als Julius von Voß, und ſchrie jede Platitüde en masse an, die ihm gröblich ſchmeichlen ſollte; trommelte gemeine Stellen mit lachender Wuth aus, pfiff bei winzigen und etſchte bei gedehnten; das Haus war der ſchönſte Anblick, ſo voll war es, von allen Klaſſen; der Lärm ſo voll - ſtändig und anhaltend, daß ich meinen Kopf dem nicht zum gänzlichen Opfer bringen mochte; und ein Drittel des Stücks im Stich ließ; nach des Kaſtellans Zimmer ging, wo ich meinen Wagen abwartete. König, Prinzen, alles war drin. Wäre der raus gegangen, ſo hätte es zu viel Aufſehen ge - macht, drum blieb er wohl. Dies theilen Sie gütigſt Tieck mit. Wie ich dazu kam in’s Theater zu gehen? Ich, die bergauf, bergab, ſich gratulirte, es nicht nöthig zu haben; ſich einprägte, es nicht zu thun! Aus niedrer Feigheit lâcheté weil meine Familie einen Logenplatz los ſein wollte. III. 450Alles mißfiel mir: außer geſtern das Publikum. Plötzlich ganz klug! Voller Urtheil und Takt. Mad. Esperſtedt ſpielte in Vollkommenheit eine Berliner Schlächterin: und abgewo - gen in fresco gehalten; beſſer und anders als die hieſige Landſchaftsdekorationen, die mich verzweifeln machen, weil ſie eine längſt erfundene Kunſt aufgeben. Und Akademie und Stadt es leidet!!!

Seit ich hier bin, war ich etwa viermal Abends aus. Rheumatiſche Schmerzen, Unbehagen, völlige Niederlage bei Feuchtigkeit u. ſ. w. alſo ich bleibe zu Hauſe, und es finden ſich Abendgäſte ein: bleibt ein Abend leer, ſo gebrauch ich ihn zur Einſamkeit, Ruhe, Erholung, Sammlung; Erinn - rung!!! Ich habe alſo nicht Frau von Knorring (gebor - nen Tieck) ihr Stück geſehen: kein Konzert, keine Canzi ge - hört; habe mein Billet zum Requiem und Oratorium heute bei Zelter zurückgeſandt, weil Menſchenluft für mich nicht zum Ertragen iſt, und Straßenfeuchtigkeit gar nicht. So ſitze ich denn und lebe; leſe, warte. Es geht auch recht gut. Wenn ich nur Einmal ein Geſundheitsgefühl haben könnte! Aber auch ohne dies bin ich poſitiv zufrieden; mit gefühlter Ein - ſicht; wenn ich nur nicht Schmerzen habe und ſo krank bin, wie ich ſchon oft war. Mein Herz mein perſönliches iſt begraben; das iſt die Hauptſache. Das kann nicht mehr zum Narren gehabt werden. Es muß kuſchen ſtoßen Sie ſich nicht an dieſen vulgaren Ausdruck! Es hat keine Per - ſon mehr zu verſorgen: wenn es angeſtoßen wird, iſt es für Recht und Unrecht, für Mitleid; für ſeine Brüder: und für51 erlebte Mißhandlung ſehr rege: daher iſt es, und meine Augen, ſo ſehr empfindlich. Da haben Sie mein und meines Le - bens Bild in großem Umriß ſkizzirt! Nachträglich noch, er - warte ich Sie, und laß mir das nicht nehmen, daß Sie kom - men! Sein Sie ſo gut, Fräulein von Winkel recht herz - lich von mir zu grüßen! Sagen Sie ihr, ſie ſelbſt wäre mir ein tröſtlich Bild; in ihren Zimmern, mit ihren Bildern, ihrer Harfe, ihrer Ruhe, ihrem Fleiß, ihrer Heiterkeit, und dem Sonnenſchein von ſchöner Sonne, und Geſundheit. Gott ſoll’s ihr laſſen, wie ich’s ihr gönne!

Einwilligen das ſublimſte Wort! die größte Bewilli - gung für Menſchen. Durch Einſicht mit-wollen zu können, begreift die Perſönlichkeit in ſich, die größte Gnadenverleihung.

Beim Leſen der Fichte’ſchen Staatslehre. Philoſophie; Erkenntniß der Erkenntniß der Anſchauung; wie wir Gott in der Welt nicht anſchauen, ſondren erkennen. Es wird immer umgekehrt bewieſen; was wir nicht anſchauen, als Anſchau - ung feſtzuſetzen. Weder fromm noch philoſophiſch; aber er - ſchrecklich eingebildet auf Frommheit und Philoſophie. Reſul - tate kann man nicht kaufen: noch durch Güte abgelaſſen be - kommen: die muß man machen.

4 *52

Handlen iſt an und für ſich ſittlich: da hebt es an. Man kann gar nicht unſittlich handlen. Im Zuſtand der größten Leidenſchaftlichkeit ſchieben wir uns Rechtsmotive un - ter alles andre iſt Leiden. Bei Handlen iſt, im Hand - len, Wählen, Richten, Wollen. Wollen iſt geiſtiges Handlen. Klar ſein, oder es nicht ſein, iſt ein Zuſtand, iſt die unver - ſtandene Welt. Wir verſtehen nichts, auch gar nichts, als unſern Willen. Wir wollen es gut machen; richtig; konſe - quent; uns ſelbſt verſtändlich. Boshafte Gemüther, wie es denn wirklich welche giebt, ſind unklar; in einem unrichtigen Zuſtand; durch die Saiten auf ihrem Herzen; die natürliche Bewegung deſſelben haben ſie ſchwer; es bewegt ſich ſchwerer; eine ſtärkere erſt macht ſie ihr Leben fühlen: ſie müſſen auf Andere agiren wie wir, und müſſen ſehen, daß ſie Bewegung hervorbringen; das zeigt ihnen der Andern Ärger, Scham, Zorn leichter; dann glauben die Boshaften, ſie haben etwas bewirkt: wie ſie anderes Zuſammenhängenderes, Sanftes be - wirken konnten, iſt ihnen nicht klar, und nicht leicht; und ih - rem ſchwerbeſaiteten Herzen nicht leicht vernehmlich: ſo ſagt es ihnen wieder nichts. Aber jede Bosheit, jeder Boshafte, kann klar gemacht werden: iſt die Bosheit erhellt, dargethan, daß ſie eine Schiefheit iſt, einen Mangel zum Grunde hat, ſo wählt kein Menſch heißt kein vernunftbegabtes Weſen, kein ſich fortentwicklendes Vernunftprinzip ſie aus ganz unzubegründender Liebhaberei. Und Fichte beweiſt es; und mir iſt es lange bewieſen, man kann jedes verſtändige Ge -53 ſchöpf zur Verſtändigkeit zwingen. Größtes Konzert! Zwang, zum Recht des Rechthabens!

An Oelsner, in Paris.

Schlagsregen: ſchwimmende Straßen, grauer, agitirter Himmel.

Ich ärger als alles dies! mir zittern die Beine; erfuhr ich, im auf und ab gehen; womit ich mich von Nervenreiz, und glühendem Geſicht, in meiner Schwäche erholen wollte! C’est fini! Ich will kein Leſer ſein, ich will auch ein Schrei - ber werden. In dieſem Zeitpunkt geht’s nicht anders! Ich ſoll alles leſen: die Andern wollen alle ſchreiben. Ich er - liege. Hab ich nicht ſo eben mit dem beſten Vorſatz, Ihnen ein paar Worte zu ſchreiben, ein ellenlanges, weitläufiges, unnützes, ſchöngeſchriebenes Memoire leſen müſſen, auf hohen langen Bogen; Manuſkript! langt mir nicht eben Varn - hagen mit dem Ermahnen Ihnen zu ſchreiben, mit der Frage ob es fertig iſt, wieder ein geſchriebnes Gedicht: Klagelied der Mutter Gottes , von Friedrich Schlegel, ſechs - unddreißig Seiten lang! Alles ſoll man leſen: alles Einer! Ich bin der nicht: will, kann es nicht mehr ſein. Ihre Briefe mag ich leſen! Ihnen für den letzten zu danken, Ihnen zu applaudiren, darum wollte ich Ihnen ſchreiben. Reſpektirt ich Goethen doch nicht zu ſehr: ſo könnt ich ihm dieſen Brief ſchicken: wie würd es ihn freuen, und erheitern, die Gewiß - heit, ſolche Leſer zu haben. Begehen Sie ja den Irrthum54 nicht, und glauben, weil Goethe gelobt wird, bin ich nur zu - frieden: ich würde nie dieſen Meiſter vergöttern können, hätte ich kein unſchuldig Herz, kein immer neues Urtheil bereit; und auch als Geſchenk der Natur erhalten. Was Sie wider ſein Buch ſagen, gefällt mir eben ſo, als was Sie dafür ſagen. So munter (alerte, mein ich) aufgefaßt, angeſchaut, mit ſo großem Vorrath kombinirt; und ſo hell überdacht dazugelegt; ſo glücklich, natürlich, und kunſtgeübt, und kunſtvoll, und nur wie im Fluge, ſich darüber auszudrücken: kann nur Ihnen, dem im Leſen beſter Art und Leben ganz durcharbeite - ten, und gereiften, galliſch-deutſchen Menſchen möglich ſein. Ich goutire ſolch reifes, ironiſches, lächlend-traurig-ruhiges Weſen, als hätte ich es ſelbſt in meiner Gewalt: denn be - ſitzen thue ich wahrlich davon. Kurz, Ihr Brief wie viele Ihrer Briefe gefiel mir unendlich: und Sie laſſen ſich mein Applaudiſſement gefallen; weil es meine Italiäner-Natur mit ſich bringt: wie ich zu dieſer neben dem großen Kurfürſten komme, frag ich die ganze. (Wiſſen Sie nicht mehr, welche? die ganze Natur.) Gerne ſchrieb ich Ihnen Schönes, Pikan - tes, Geiſtvolles von hier: ich weiß aber nichts von hier: ich ſehe hier nichts: ich bleibe auf meiner Domaine; einem brei - ten Kanapé. Es geht ſchwach vor ſich hin, was man erfah - ren darf: vom andern weiß natürlich die Polizei, ich gar nichts. Vom Theater, von meinen Lektüren, meinen Bekann - ten, müßt ich erſt etwas ſpinnen; aber es iſt nichts zurecht gelegt. Vielleicht wenn Sie uns wieder einmal ſo einen ſchö - nen Brief ſchicken! Haben Sie angenehme Bekannte? Wen haben Sie bei Ihrem Kindchen: auch ſo etwas will ich wiſſen. 55Künftigen Sommer können Sie mich mit ihm im ſüdlichen Deutſchland beſuchen.

Adieu bis dahin! Ihre Fr. V.

An Oelsner, in Paris.

Es iſt hier noch immer Thauwetter, ohne gefroren zu ha - ben; Einmal den 8. dieſes fiel Schnee, der nicht liegen blieb; alle Mittag giebt ſich die Sonne Mühe; die Sterne des Abends; man ſieht ſie. Italien! ſchreien die Leute: ſie meinen das Wetter.

Sie haben mir geſagt, wie Sie meine Wetternotizen fin - den: ich will Ihnen ſagen, warum ich ſie mache. Grad aus dem entgegengeſetzten Grund, aus welchem die Chemiker es thun, von denen Sie mir ſprechen. Dieſe wollen die Methode mit daraus bilden, nach der ſie zu verfahren gedenken: ich aber will, daß es mir helfe meine unmethodiſche Verfahrungs - art zu entſchuldigen. Das Wetter hilft die ganze Situation des Tages machen, ja ſie beſteht zum Theil daraus; und hat nun mein Leſer die Phyſionomie ich bilde mir ein, es phy - ſionomiſch zu ſchildern des Wetters in ſich aufgenommen, ſo faßt er die ganze Unregelmäßigkeit meiner Reden leichter, und ſie erſcheint ihm wenigſtens mit etwas im Zuſammenhang. Ich ſchreibe nicht ganz ohne Wahl, in der Art wie ich es thue. Ich will nämlich, ein Brief ſoll ein Portrait von dem Augenblick ſein, in welchem er geſchrieben iſt; und getroffen ſoll es hauptſächlich ſein, ſo hoch auch Kunſtanforderungen an ideelle Veredlung lauten mögen: von denen man allerdings wiſſen ſoll, aber nach denen ſich zu gebärden affektirt, und56 leer ausfällt. Glücklich die ſchönen Gebilde eines lächlenden Naturmoments, die aller Menſchenerfindung weit entrückt der kunſtreichſten zum Vorbilde dienen können! Aber erſieht man ſich nicht als ein ſolches, ſo ziehe ich es vor, Einer zu ſein, als Keiner. Es giebt methodiſche, gemeſſene Geiſter, denen es an Fülle nicht gebricht, die ſich auch nur gehen zu laſſen brauchen, und ſich doch nur immer im ſchönſten Maße zeigen. Das ſind die beglückten Gebilde; die haben keine Laune, kein Wetter! oder vielmehr: ihre Launen ſind eine Muſik der ſchön - ſten Stimmung; und ihr Wetter iſt Sonne, die durch die reinſte, mildeſte Luft ſcheint. Sie ſollen ſehen; das plät - ſchernde Kind Sie verglichen mich mit einem ſolchen an den Wogen der Zeit, haſcht mit Bedacht, in dieſen Wogen, und unterſcheidet ſeinen Fund ſelbſt. Da es der Arbeit der mit Plan und Zweck unfähig iſt, ſo wäre das Arbeiten vergeblich: ja, das Kind bemerkt ſogar, daß dieſer Strom den Fleißigſten und Geſchickteſten mit forthelfen muß, oder ſie hemmt. Denn was gehörte nicht zu dieſem Strom, ſelbſt die Philoſophieen über ihn, die ihn erklären ſollen! Herr von Brinckmann behauptete immer, Liebe mit einem Adjektiv ſei ſchon nichts werth. Das möchte ich hier von der Weisheit ſagen! Der Schulweisheit begiebt ſich das Kind; die kann nur Weltweisheit lehren; ob es Weisheit an ſich giebt, fragt es.

Daß Ihr Knabe Boten ſpielen will, gefällt mir ungemein! Da macht er Ihnen ja die halbe Erziehung ſelbſt; es iſt durch - aus für Kinder nichts Beſſers als Geſchäfte: ſie wollen ſie auch durchaus. Mit lauter Aufträgen kann man ſie zu gro - ßen Leuten machen: dies beſchäftigt ſie, ſtärkt ſie in allen Thei -57 len ihres Weſens: und lehrt ſie am beſten kennen, was ſie zu lernen haben: und ſehen ſie das ein, ſo thun ſie’s auch wil - lig: willig heißt frei, und thätig. Für Sie weiß ich keinen beſſern Rath, als geben Sie ſich zum Sommer Rendezvous mit mir: bringen Sie Ihren Knaben mit. Für heute nichts mehr. Künftig von der Stadt und Leuten.

Ihre F. V.

Zu einem ausgeſchnittenen Bildchen.

In milder Nacht, bei hellem Mond, und ſanfter Sterne Licht, in Blumenmitten, die freier athmen, und zu einander flüſtern, was ſie bei Tag verſchweigen, oder was verhört nur werden mußte; wenn noch verſpätet Schmetterlinge jagen, die Schnecke ihren Weg verfolgt; ſtill eine Biene einholt, was ſie Tags im Kelche laſſen mußte; der Schlaf die Welt ge - fangen hält, und befreit: Weſte nur leiſe ſich, und ſchmei - chelnd, zu den Äſten wagen, Vögelchen nicht zu wecken; Grä - ſer und Halme Abendthau auf ihren Häuptern wiegen; das ganze Thal ein Feſt der Sehnſucht und der Ruh; ein Tag für Elfen und für ihre Spiele: fehlt nichts, als eines lie - ben Mädchens Gegenwart, ihr Aug und ihre Bruſt, dies Feſt zu überſchauen und zu empfinden! Und was dem ſchönen Kinde nun noch mangelt, wird ſie in Liedeston uns nun berichten.

Man beachtet immer noch nicht genug, wie viel die Nei - gungen der Menſchen untereinander in den größten und ge -58 heimſten Welthändeln bewirken, ſtören und erzeugen; noch weniger aber beachtet man, wie Liebesverhältniſſe durch Ehr - geiz, Staatsverhältniß, Stellung der Geſellſchaft überhaupt, modifizirt, ſogar öfters nur allein begründet werden.

Zu ſtolz auf unſre Gemüthsſtimmungen, halten wir jede davon ſich unmittelbar auf das Beſte in uns beziehend; auch denken wir, die Welt und ihren Verkehr willentlich zu regie - ren; und ſie regiert uns Alle: und die, welche am meiſten von ihr verſtehen, am gewiſſeſten. Ungeſchickte, Blinde, die nur zwei Augen haben, und nicht beſäet damit ſind, gehen hren Weg ſeitwärts ab; und glauben, ſie ſind im Strom, weil ſie ihn nie erkannten, und nicht wiſſen, wo er iſt. Un - geheuer Fromme müſſen wohl kein Bild der Welt gebrauchen; oder eins haben, welches ich nicht kenne; ſie ſehen grad nach oben, wo ich nichts als Sterne ſehe, wenn’s hell iſt. Wiſ - ſenſchaftliche Menſchen bearbeiten Einen Geiſtesſtrahl; hin - geführt bis zur allgemeinen Sonne des Wiſſens. Die, welche Natur, Leben, Welt, den Geiſt mit Gewalt verſtehen wollen, und darin gar nicht nachgeben und ſich ergeben, oder Einem Gegenſtande der Natur oder Welt nur leben wollen, ſind die Tollen. Ja, die ihrer Überzeugung, und wäre es auch der edelſten, trotz des Stromes leben wollen, ſind ſchon von den Andern für toll gehalten: J. J. Rouſſeau. Nicht umſonſt iſt es ſo ſchwer, die Natur des Menſchengeiſtes, ſein noth - gezwungenes Wollen, unſere leibliche und ſeeliſche Perſön - lichkeit, ihre Stellung zur ganzen Natur und zu der Men - ſchenwelt, zu unterſcheiden, und darin wieder der Andern Per -59 ſönlichkeit in beiden Weiſen und maſſenweiſe zu erkennen; davon affizirt, und nicht verwirrt, ſondern ergeben zu werden, und thätig zu bleiben; dies Vermögen iſt nicht umſonſt, ſehe ich ein, ſo unendlich ſelten: ja, gar nicht einmal verſtanden, wo es ſich findet; und obgleich alle Menſchen wenigſtens ſich dieſe Klarheit geben könnten, ſo ſcheint es als ſollte ſie, gleich einem Edelſtein der Natur, ihnen ſchwer werden, und ſelten ſein: da ſie uns ja noch ſo viele Gaben vorenthal - ten kann, die durch kein ethiſches Bemühen erreicht werden können; und herrliche Geſchenke bleiben.

Zum Unterſcheiden kann ſich jedes vernunftbegabte Ge - ſchöpf ſelbſt erziehen: Eingebungen, ſchnelle Kombinationen, Witz u. ſ. w. ſind Gaben: wenigſtens erinnern wir uns des Prozeſſes, der Bemühung, der Thätigkeit dazu nicht; und ge - nießen ſie rein; wie Erbeutetes, in deſſen Beſitz der Krieg auch am Ende vergeſſen wird.

Ich habe jetzt Wilhelm Meiſters Lehrjahre wieder geleſen. Wie iſt es möglich, einen zweiten Don Quixote zu faſſen, zu erfinden und darzuſtellen! Küßt euch, Cervantes und Goethe! Beide ſahen mit ihren reinen Augen: vertheidigten das Men - ſchengeſchlecht; ſahen den Ritter durch, durch ſeine Thorheiten und Irrſale, konnten ihrer Augen edlen Blick bis in ſeine tiefſte Seele tauchen, und dort ſeine eigentliche Geſtalt ſehen. Wie jenem Don Quixote geht es Meiſtern; einen Narren nen - nen ihn die Leute ohne Tadel, einen Herumtreiber, der ſich60 mit nichts Wirklichem beſchäftigt, der ſich mit Bettlervolk ab - giebt, nichts zuwege bringt; nicht einmal weiß, was er den - ken ſoll; der für einen Helden in einem Roman nicht einmal gut genug iſt; von welcher Sorte man ſchon tauſendmal beſ - ſere, bei den Fieldings aller Länder, gehabt hat, die doch noch ein Reſultat geben! Während unſer Weiſer die edelſte, reinſte, ehrlichſte Seele in ununterbrochenem Bemühen und Kampfe geſchildert hat mit der Welt, wie ſie leibt und lebt; ohne je einen Moment in ihre unreine Verwirrung zu gerathen; immer im Bemühen, ſich zu tadeln und zu beſſern; immer in der Unſchuld, die Andern beſſer zu ſehen, als ſie ſind, und meiſt ſie ſich vorzuziehen; immer aufgelegt zu lernen und nachzu - geben, außer dem evident Unedlen: rührenderes, verehrungs - würdigeres Benehmen, vortrefflichere Geſinnung, kann man nicht erfinden; und je mehr man ihn ſich deutlich macht, je mehr ehrt und liebt man ihn, und Goethe’n. Don Quixote mußte mit eben ſolcher Seele eine alſo eine einſeitige Eigenſchaft, die des Ritters, wählen, und mußte ſie in Aus - übung bringen wollen. Meiſter mußte den ganzen Menſchen ausbilden wollen; und mir iſt’s, als ob Goethe dem Cervantes nur die Feder abgenommen hätte, weil die Menſchen ſich in der Zeit folgen. Was die beiden Meiſter ſonſt noch in den Werken gelehrt und gezeigt haben, iſt ihre Zeit: und das ſo rein und wahr, daß ſich die künftigen gleich daran anſchlie - ßen, für den Geſchichtsblick, für wahre Augen überhaupt.

61

Das Herz iſt ganz im Dunklen, ganz allein, möchte man ſagen, und weiß ganz allein alles beſſer. Nur wenn man dahin ſieht, findet man Erkenntniß; weil die verwirren - den Lichter der ganzen Welt nicht hingelangen; und es wie ein Maß einer andern Welt in uns lebt; als ein Ja, oder Nein: ſonſt nichts.

Vernunft weiß nur, daß ſie Vernunft iſt, wenn ſie bis zum Herzenswunſch, zum letzten Wollen hinführen kann: und ſo iſt Zuſammenhang da für ein Meer von Daſein, vor und hinter uns; und nicht kommt es auf unſer ſchwankendes, un - glückſeliges Schiff an, in welches wir gebannt ſind, welches uns vor den guten und ſchlechten Ufern vorbeiführt, über wel - ches wir keine Leitung üben. So ſind auch die Ufer nur alles für die, die das Element nicht kennen und ſehen, welches ſie führt: nur die Orte, wo ſie vorbei geführt werden. Für die Beſten iſt das Element nur Troſt und Leitung, in der har - ten, ſchmeichelnden, unbeſiegten Fahrt. Die ſich umbringen, ſtürzen ſich in das Element. Dies enthält aber für uns keine Bilder: und bildergierig, bilderſchaffend, nachbildend, ſind wir gemacht. Alles iſt Zwang; Zwang zur höchſten Freiheit und Zuſammenſtimmung.

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An Ludwig Robert, in Karlsruhe.

Vormittag 12 Uhr. Duſchig, nach dem göttlichſten Frühling, den ich genoß.

Heute nur ein Wort! und das iſt: Nun hab ich mein Sach nicht mehr auf nichts geſtellt! (Lies das neueſte Heft Kunſt und Alterthum: Geneigte Theilnahme an den Wan - derjahren. ) Ich habe Friedrichs des Zweiten ſchwarzen Adler - orden: er bedeckt mein belohntes Herz. Er iſt gemacht: aus allen Thränen, die ich weinte und verſchluckte, aus allem was ich litt; liebte; lebte; genoß im Böſen und Guten. Mein Leben iſt an ſeine Adreſſe gelangt. Daß dieſer Mann er - lebe von ſeinen Zeitgenoſſen, daß er vergöttert, anerkannt, ſtudirt, begriffen, mit dem einſichtigſten Herzen geliebt würde, war der Gipfel all meiner Erdenwünſche und Kommiſſion! Dieſer vollſtändigſte Menſch; dieſer Repräſentant, der alle andern in ſich trägt; und ſo mächtig iſt, ſie uns zu zeigen. Dieſer Prieſter, dieſer wahrhafte Geſandte! dieſer ſagt nun befriedigt ſelbſt, er ſei verſtanden; das heißt: geliebt; geliebt mit einer Liebe, die Er nur erſchaffen konnte. Dies hab ich ihm verſchafft. Ich Ball in den Händen der Vorſehung, Mad. Guion will das ſein und auf dies Glück, als Ball, bin ich ſtolz; nämlich freudig: und das freut den lieben Gott. Und der Triumph geht von Berlin aus: und das freut mich noch beſonders, weil Er von Berlin häßlich berührt wurde, weil ich ewig Friedrich dem Zweiten dankbar bleibe; und weil es die beſte deutſche Stadt iſt. (So wird ſie auch mit Recht63 am beſten gehaßt). Alſo wir drei, du, Rike und ich, umar - men uns hier. Im Brief. Und du biſt ſo gut, und ſchickſt mir mit der fahrenden Poſt den Brief, den ich dir über den jungen Staël ſchrieb.

Varnhagen, grüßt. Wie überraſcht ich ihn mit dem Heft. Adieu.

Eiferſucht iſt Beſchämung; darum iſt es eine einſame Leidenſchaft wie Sie ſagen; Beſchämung, die Rech - nung ohne den Wirth gemacht zu haben; das fühlt jeder. Unſre Wünſche, unſre Neigung brachten wir in Anſchlag, nicht die des Andern. Uns lieben wir, den Andern wünſchen wir; darum fühlen wir uns allein. Dies iſt ſie rein, die Ei - ferſucht. Nun kann noch Neid, und hundertfältige Lebens - und Geſelligkeits-Elemente ſich hinein ſchleichen und miſchen; bei jedem Fall anders. Aber der unſelige Mann fühlt ſie wie das unſelige Weib: nämlich, den eigentlichen Inbegriff davon; der Edelſte fühlt dieſe Scham am heftigſten, aber er allein nur vermag ſie in ſich auszumerzen, wenn er ſich ſeinen Irrthum ganz eingeſteht. Sollten hier Männer und Weiber verſchieden ſein können? Verſchiedene Denkfähigkeiten, Kräfte, Herzen, Schmerzen haben?

Ich glaube, es giebt nur ſehr wenig Menſchen, die, wenn ſie empfinden, die große und elegante Welt nur für das an - zuſehen wiſſen, was ſie iſt. Gewöhnlich ſtreiten ſie ſich die -64 ſelbe ab, daß ſie nur irgend etwas ſei oder ſchaffe; ſind aber ſehr von ihrer mindeſten Gunſt