PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Zoologiſche Briefe.
Naturgeſchichte der lebenden und untergegangenen Thiere, für Lehrer, höhere Schulen und Gebildete aller Stände,
Mit vielen Abbildungen.
Zweiter Band.
Frankfurt a. M. Literariſche Anſtalt. (J. Nütten.)1851.
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Schnellpreſſendruck von C. Krebs-Schmitt. in Frankfurt a. M.

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Zwölfter Brief. Kreis der Wirbelthiere. (Vertebrata.)

Wir gelangen endlich zu demjenigen Kreiſe, welcher uns ſelbſt als oberſtes Glied in ſich einſchließt und durch dieſe Näherung für uns eine ganz beſondere Bedeutung hat. Die übrigen, nach ſo abweichen - den Planen gebauten Kreiſe ſtehen uns immer als etwas Fremdartiges gegenüber, während wir uns hier gewiſſermaßen heimiſch fühlen, Aehn - liche unter Aehnlichen, und ſo für die Auffaſſung der uns näher liegen - den Typen auch geeigneter erſcheinen.

Wie bei allen übrigen Kreiſen des Thierreiches, ſo ſehen wir auch bei dieſem einen gemeinſamen Grundplan für die Organiſation aller Weſen, welche ihm angehören; einen Grundplan, der in ſeinen erſten Anfängen zwar nur einfache, wenig complicirte Formen erſcheinen läßt, welche ſich aber nach und nach immer höher geſtalten, bis ſie in dem Menſchen ihren letzten endlichen Ausgangspunkt erreichen. Aber auch hier läßt ſich in der Entwickelung der Formen durchaus dieſelbe Erſcheinung gewahren, welche wir ſchon in anderen Kreiſen zu beob - achten Gelegenheit hatten, nämlich die, daß der Embryo der höheren Formen ſucceſſiv Entwickelungsmomente durchläuft, welche den blei - benden Geſtaltungen der niederen Typen analog erſcheinen. So wahr dieſes iſt und ſo ſehr man durch eine Menge von Einzelheiten die Durchführung dieſer Norm nachweiſen kann, ſo ſehr muß man ſich auf der anderen Seite gegen die allzuweit getriebene AusdehnungVogt. Zoologiſche Briefe. II. 1*4dieſes Satzes verwahren, die während einiger Zeit in der Wiſſenſchaft gäng und gebe war, ſo daß man nicht nur behauptete, der menſchliche Embryo ſey im Beginne Fiſch, Amphibium oder Reptil, ſondern ſogar noch weiter zurückgriff, und die Anſicht aufſtellte, er laufe Entwicke - lungsphaſen durch, welche die Organiſation der Weichthiere, der Würmer u. ſ. w. wiederholten. Man ſuchte auf einige entfernte und großen Theils ſogar falſch aufgefaßte Aehnlichkeiten geſtützt, auf dieſe Weiſe die Einheit des Planes, nach welchem das ganze Thierreich aufgebaut ſein ſollte, darzuthun. Bei der jetzt ſchon erlangten Kennt - niß der ſo verſchiedenartigen Grundpläne, nach welchen die Kreiſe der wirbelloſen Thiere gebaut ſind, dürfte es vollkommen unnöthig erſchei - nen, dieſe Anſicht hier noch weiter zu bekämpfen. Es wird ebenſo aus dem Folgenden hervorgehen, daß zwar ein gemeinſamer Grund - plan für alle Wirbelthiere exiſtirt, daß aber damit noch bei Weitem nicht eine völlige Gleichſtellung der embryonalen Entwickelungsphaſen mit den ſucceſſiv ausgebildeten Typen der erwachſenen Thiere erreicht ſei, ſondern daß im Gegentheile eine jede Klaſſe der Wirbelthiere wieder ganz eigenthümliche Entwickelungsmomente beſitzt, welche mit denen der übrigen Klaſſen nicht verwechſelt werden können.

Betrachten wir nun die Geſammtorganiſation der Wirbelthiere, ſo ſtellt ſich als erſter weſentlicher Charakter die ſymmetriſche La - gerung der Organe zu beiden Seiten einer ſenkrechten Mittelebene dar. Bei vielen Wirbelthieren iſt dieſe Symmetrie ſo durchaus gewahrt, daß auch nicht die leiſeſte Andeutung einer Abweichung[vorkommt]; bei ſehr vielen ſind alle Organe ſymmetriſch geſtellt mit Ausnahme der Unterleibseingeweide, beſonders des Darmes und der Leber, welche eine unregelmäßige Lagerung darbieten. Nur ſehr ſelten kommen die Beiſpiele vor, in welchen auch das Knochenſyſtem und namentlich der Schädel mit in ſolche aſymmetriſche Bildung hineingezogen wird, da man ſonſt in dieſem, ſowie in dem Nervenſyſteme gerade die ſtrengſte Symmetrie ausgebildet findet. Bei dieſer Lagerung der Theile zeigt ſich jedoch nur hier und da eine Spur jener Abtheilung in Querringe oder Zoniten, wodurch ſich die Würmer und Gliederthiere ſo ſehr auszeichnen. An einigen Stellen, wie in dem Knochenſyſteme und beſonders an den Wirbeln erblickt man freilich ausgebildete Quer - ringe, aus denen namentlich die Wirbelſäule zuſammengeſetzt iſt; ſonſt ſieht man nur größere Abtheilungen, in welche der Körper mehr oder minder deutlich getrennt erſcheint. So beſitzen alle Wirbelthiere zwar einen Kopf, Träger des Gehirnes, der ſpezifiſchen Sinnesorgane und des Einganges zum Verdauungskanale; allein ſehr häufig und5 namentlich bei den niederen Typen, iſt dieſer Kopf durchaus nicht deutlich von dem Rumpfe durch einen Hals geſchieden, ſondern mit demſelben verſchmolzen, ſo ſelbſt, daß noch die Athmungswerkzeuge, welche ſonſt weſentlich der Bruſt angehören, in den Kopf hinein ge - ſchoben ſind. In ähnlicher Weiſe iſt diejenige Scheidung, welche bei den höheren Typen zwiſchen Bruſt - und Bauchhöhle ſtattfindet und die hauptſächlich durch die Lagerung des Zwerchfelles und die Bildung der Rippen ſich kundgiebt, bei den niederen Typen durchaus aufgeho - ben, ſo daß ſämmtliche Eingeweide in einer und derſelben gemeinſamen Höhle liegen, an der weder innen noch außen eine Scheidung in ein - zelne Abtheilungen hervortritt. Indeſſen läßt ſich unzweifelhaft dar - thun, daß mit jedem Schritte zu höherer Ausbildung auch die Tren - nung zwiſchen dieſen drei weſentlichen Abtheilungen des Körpers beſtimmter und deutlicher hervortritt, ſo daß bei den Säugethieren ſtets zwei vollkommen getrennte Höhlen hergeſtellt werden, von welchen die eine, die Bruſthöhle, die Athemwerkzeuge und das Centralorgan des Kreislaufes, das Herz, enthält, während die Bauchhöhle den Magen und den übrigen Darmkanal nebſt ſeinen Drüſen, ſowie die Harn - und Geſchlechtstheile einſchließt.

Von beſonderer Wichtigkeit für die Betrachtung der Wirbelthiere erſcheint die eigenthümliche Ausbildung der härteren Stützen, welche die Formen des Körpers beſtimmen und theils zum Schutze beſon - derer Organe, theils zur Herſtellung von Hebeln für die Bewegung dienen und unter der Geſammtbezeichnung des Skeletes bekannt ſind. Bei allen vorigen Kreiſen ſahen wir bald nur einen durchaus weichen Körper oder ein Feſterwerden der äußeren Haut, wodurch dieſe zugleich als Schutzgebilde und als Stütze für die Bewegung auf - tritt, ſo daß wir bei den Gliederthieren als allgemeinen Charakter die Exiſtenz von hohlen Ringen oder hohlen Cylindern erwähnen konnten, in deren Innerem die bewegenden Stränge, die Muskeln, angebracht ſind. Bei den Wirbelthieren findet gerade das entgegengeſetzte Ver - hältniß ſtatt, indem hier die Hebel, aus Knochen oder Knorpel gebil - det, im Inneren angebracht ſind und die Muskeln ſich auf ihrer Au - ßenfläche anſetzen, was indeſſen nicht verhindert, daß zugleich der andere Zweck der härteren Theile, die Beſchützung der Eingeweide, durch Bildung von Gewölben und Höhlen erreicht wird. Die feſten Theile des Skelettes erſcheinen ſämmtlich um eine Axe gelagert, welche in der Mittellinie des Körpers in der Weiſe ſich hinzieht, daß zugleich eine obere oder Rückenhälfte und eine untere oder Bauchhälfte des Thieres ſich durch die[Lagerung] dieſer Axe erkennen läßt, welche meiſtens von6 der Wirbelſäule, oder bei den niederen Typen von einem einfachen Faſerknorpelſtrang, der Wirbelſaite (Chorda dorsalis), gebildet wird. Von dieſer Axe ſtrahlen gegen die Rücken - und Bauchſeite hin Bogen - fortſätze aus, die ſich bald mehr bald minder vollſtändig zu Ringen oder Gewölbe vereinigen und welche zum Schutze der Eingeweide beſtimmt ſind. Die oberen Bogenbildungen ſchließen ſich meiſtens am vollſtändigſten und bilden ſo eine Kapſel für das Gehirn und die höheren Sinnes - organe, den Schädel, und für das Rückenmark eine aus Spitzbogen zuſammengewölbte Röhre, den Rückenkanal, ſo daß demnach die ganze obere Bogenbildung hauptſächlich nur zum Schutze des centralen Nervenſyſtemes beſtimmt iſt. Bei weitem nicht ſo feſt ſchließen ſich die unteren Bogenhälften, welche zur Umhüllung der Eingeweide und der großen Blutgefäße des Körpers dienen, und meiſtens muß der

Fig. 926.

Senkrechter Querdurchſchnitt durch die Bauchhöhle eines Fiſches. a Rückenfloſſe. b Floſſenträger. c Dornfortſatz. d Obere Bogen - ſtücke. e Körper. f Untere Bogen - ſtücke des Rückenwirbels. Letztere ſchließen die große Körperarterie, die Aorta, ein. g Rippen. h Haut, mit Schuppen bedeckt. i Bauch - floſſen. k Seitliche Muskelmaſſen. l Muskelgräten. m Rückenmark. n Seitenkanal. o Niere. p Schwimm - blaſe. q Eierſtock. r Magen. s Darm. t Leber. u Milz.

Schluß bei ihnen durch große Strecken dazwiſchen ausgebreiteter Häute ergänzt werden. So ſtellt ſich demnach bei einem queren Durchſchnitte des Körpers die Wirbelſäule als die faktiſche Axe des Körpers in dieſem Kreiſe dar, zugleich zwei Bogen ausſendend, nach der Rücken - gegend hin die für das Central-Ner - venſyſtem beſtimmten, während nach der Bauchgegend die Hüllen für die Cen - tral-Körpergefäße und die Eingeweide von ihr ausgehen und hierdurch auch die relative Lagerung der einzelnen Or - gane beſtimmt wird. Das Central-Ner - venſyſtem liegt auf der oberen Seite dieſer Axe, der Rückenfläche zunächſt, unmittelbar auf den Wirbelkörpern und der Schädel - baſis auf. Unter der Axe finden ſich die Eingeweide und ſo ſehr auch ihre Ent - wickelung wechſeln mag, dennoch ſtets in derſelben relativen Lage, nämlich der Wirbelſäule zunächſt angeheftet, die Nie - ren und die inneren Geſchlechtstheile, in der Mitte der Darm und am weiteſten gegen die Bauchfläche hin, unmittelbar an der Wandung ihrer betreffenden Höh -7 len die Leber und das Herz. Dieſe Lagerung der Theile und nament - lich die Stellung, welche das Nervenſyſtem einnimmt, iſt außerordentlich charakteriſtiſch für die Wirbelthiere, indem bei dem Kreiſe, welchem ebenfalls ein zuſammenhängendes, in der Mittellinie des Körpers lie - gendes Nervenſyſtem zukommt, bei den Gliederthieren, dieſes gerade in umgekehrter Weiſe, nämlich auf der Bauchfläche unter allen Einge - weiden gelagert iſt, während das Herz die höchſte Stelle an der Rückenfläche einnimmt und keinerlei Trennung durch ein inneres Ske - lett, wie bei den Wirbelthieren, vorhanden iſt.

Nicht minder charakteriſtiſch erſcheint die Bildung der Bewe - gungsorgane für den Kreis der Wirbelthiere. Dieſelben können gänzlich fehlen, ſo daß gar keine Glieder vorhanden ſind und der Körper ſelbſt mit der Fortſetzung der Wirbelſäule, dem Schwanze, der Ortsbewegung vorſteht, die ſtets möglich iſt, indem es kein einziges Wirbelthier giebt, welches zu irgend einer Zeit ſeines Lebens an den Boden feſtgeheftet wäre. Bei den meiſten ſind indeſſen eigene Extre - mitäten entwickelt, welche ſtets paarig vorhanden, niemals die Zahl von vier überſchreiten, zwei vordere, die Bruſtglieder, unmittelbar hinter dem Halſe angebracht und zwei hintere, die Beckenglieder, welche ge - wöhnlich an dem Ende der Bauchhöhle befeſtigt ſind und durch ihren Gürtel, das Becken, dieſelbe abſchließen. Die Modificationen, welche dieſe Glieder theils durch das Medium, in welchem die Thiere leben, theils durch die verſchiedene Beſtimmung derſelben erleiden, ſind außer - ordentlich mannigfaltig und können ſowohl zur Begrenzung der Klaſ - ſen, wie zur Umſchreibung kleinerer Gruppen oft mit Vortheil benutzt werden. So mannigfach dieſe Beſtimmungen auch ſein mögen, ob die Extremität als Floſſe, als Flugwerkzeug, als Stütze oder als Greiforgan benutzt wird, ſtets iſt doch der Plan ihrer Bildung der - ſelbe und auch für beide Gliederpaare identiſch. Beide zeigen eine Gürtelbildung, Schulter oder Becken, welche die Extremität in ihrer Lage erhält und mehr oder minder feſt an die Wirbelſäule befeſtigt; beide zeigen dann dieſelbe Zuſammenſetzung, indem an den Gürtel zuerſt ein einziger Knochen, Oberarm oder Oberſchenkel eingelenkt iſt, welcher meiſt zwei Knochen des Vorderarmes oder Vorderſchenkels trägt; auch dann, wenn dieſe beiden Knochen in einen verſchmolzen ſind, läßt ſich gewöhnlich ihre urſprüngliche Trennung nachweiſen. Weit ſchwankender ſind die Verhältniſſe in der letzten Abtheilung der Extremitäten, der Hand oder dem Fuße, welche zwar bei den höheren Formen aus drei Abtheilungen, der Wurzel, dem Mittelſtücke und den8 Fingern oder Zehen zuſammengeſetzt erſcheint, bei den niederen Formen dagegen viele Abweichungen von dieſer Regel zeigt. Auch in Hinſicht der Zahl der Finger oder Zehen ſieht man ungemein große Abwei - chungen, doch kann man meiſtens die Tendenz zur Herſtellung der Fünfzahl wahrnehmen, wenn auch dieſelbe nicht vollſtändig erreicht wird; nur bei wenigen Ausnahmen ſieht man eine ganz unbeſtimmte Anzahl einzelner Knochen auftreten und die Zahl derſelben von der hier ausgedrückten Norm abweichen. Wenn indeſſen auch dieſe Verſchie - denheiten einen ziemlich weiten Spielraum haben, ſo ſieht man doch daß die geringe Zahl der Extremitäten, welche niemals überſchritten wird, ebenfalls einen weſentlichen Unterſchied von den Gliederthieren bedingt, bei welchen unter allen Umſtänden wenigſtens drei, wenn nicht mehr Paare von Extremitäten vorhanden ſind.

Hinſichtlich der Ausbildung der inneren Theile und der einzelnen Organe, zeigen ſich ebenfalls mannigfache Verſchiedenheiten in dem Kreiſe, der uns beſchäftigt. Nur ſelten bildet die äußere Haut einen feſten Panzer, welcher bald den ganzen Körper, bald nur ein - zelne Theile deſſelben einſchließt und deſſen Struktur bald mehr hornig, bald mehr knochig erſcheint. Gewöhnlich findet ſich eine aus dehnbaren Faſern gewebte Lederhaut, welche noch mannigfache oberflächliche Deck - und Schutzmittel trägt, die wir unter dem Namen von Schuppen, Federn, Haaren u. ſ. w. kennen; ſelbſt in den Fällen indeß, wo die äußere Haut eine bedeutende Feſtigkeit beſitzt, bietet ſie zwar theilweiſe Stützpunkte für die Bewegung dar, was indeß nicht hindert, daß die meiſten Muskeln dennoch an der Außenfläche des inneren Skelettes ihren Anheftungspunkt und ihre Hauptwirkſamkeit finden.

Das Central-Nervenſyſtem bildet bei allen Wirbelthieren ein zuſammenhängendes Ganzes, welches ſich mit Ausnahme des nie - derſten aller Wirbelthiere durch beſondere Gewölbebildungen auszeich - net; gewöhnlich kann man daran den ſtrangartigen Theil, der in dem Wirbelkanale liegt und die Sammlung ſämmtlicher Körpernerven bildet, das Rückenmark, von dem ſtärker angeſchwollenen Gehirne unterſcheiden, welches in der Schädelkapſel gelegen iſt und die Nerven des Kopfes und der Sinnesorgane ausſtrahlen läßt. Alle dieſe Nerven ſammeln ſich in demjenigen Theile des Gehirnes und Rückenmarkes, welcher den Wirbelkörpern zunächſt aufliegt und den man deßhalb als Hirnſtamm unterſcheiden kann. Dieſer Theil erſcheint bei dem Embryo zuerſt und wächſt allmälig innerhalb der von den harten Hüllen gebildeten Höhlen gewölbartig nach oben zuſammen, ſo daß man namentlich in dem Gehirne ſtets mehr oder minder verbreitete9 innere Höhlen findet, welche den centralen Nervenmaſſen aller übrigen Thiere gänzlich abgehen. In der Maſſe des Gehirnes und Rücken - markes finden die Nerven unzweifelhaft ihre Endigung und zwar wie es ſcheint in der Weiſe, daß jede primitive Faſer von einer Ganglien - kugel entſpringt. In der That unterſcheidet man im Gehirne und Rückenmarke aller Wirbelthiere weſentlich zwei Subſtanzen, eine weiße Subſtanz aus Primitivfaſern gebildet, welche eine nur unbedeutende Hülle beſitzen, und eine mehr graue Subſtanz, die vorzugsweiſe aus Ganglienkugeln zuſammengeſetzt erſcheint. Die genaueren Verhältniſſe der Nerven zu beſtimmten Partien des Gehirnes ſind durchaus noch nicht feſtgeſtellt; doch dürfte es keinem Zweifel unterliegen, daß im Gehirne und Rückenmarke eine Menge von Faſern ſowohl wie von Ganglienkugeln exiſtiren, welche mit den ausſtrahlenden Nervenfaſern in keiner direkten Beziehung ſtehen. Im Allgemeinen bemerkt man, daß die Gewölbtheile um ſo mehr ausgebildet ſind und der Hirnſtamm um ſo mehr zurückſinkt, je höher entwickelt die Intelligenz und die geiſtigen Fähigkeiten des Thieres erſcheinen und dieß Verhältniß ſowohl, wie auch direkte Beobachtungen und Verſuche weiſen darauf hin, daß die geiſtigen Fähigkeiten hauptſächlich in den Gewölbtheilen des Gehirnes ihren Sitz haben, die ſich auch durch ihre Unempfind - lichkeit von dem äußerſt empfindlichen Hirnſtamme weſentlich unter - ſcheiden. Bei den meiſten Wirbelthieren laſſen ſich in dem Gehirne drei Hauptabtheilungen unterſcheiden: Das Hinterhirn oder Nach - hirn, aus dem verlängerten Marke, welches unmittelbar mit dem Rückenmarke zuſammenhängt, und dem kleinen Gehirne gebildet; das Mittelhirn, die ſogenannten Vierhügel enthaltend; und das Vor - derhirn, das zum größten Theile von den Hemiſphären des großen Gehirnes gebildet wird; es entſprechen dieſe Theile weſentlich den drei ſpezifiſchen Sinnesorganen des Kopfes, das Vorderhirn der Naſe, das Mittelhirn den Augen, das Nachhirn den Ohren, und wenn auch mannigfaltige Zuſammenſchiebungen in dieſer Hinſicht vorkommen, ſo kann man doch meiſt bei dem Embryo dieſe drei Abtheilungen mit Deutlichkeit in den erſten Anlagen des Central-Nervenſyſtemes unter - ſcheiden. Auch hier laſſen ſich je nach der Stufe der Ausbildung, auf welche ſich ein Wirbelthier erhebt, vielfache Modificationen der Bil - dung erkennen, indem das Mittelhirn, welches die geringſte Gewölbe - bildung zeigt, ſtufenweiſe zurückſinkt, während bei zunehmender Intel - ligenz die Seitentheile des kleinen Gehirnes, vorzüglich aber die Hemi - ſphären des Großhirnes eine ſo bedeutende Ausbildung erhalten, daß letztere das Mittelhirn gänzlich überwuchern und in ſich aufnehmen.

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Bei den meiſten Wirbelthieren kommen ſämmtliche Sinnesor - gane in mehr oder minder vollſtändiger Ausbildung vor. Am weiteſten verbreitet iſt das Ohr, indem man bis jetzt nur ein einziges Wirbelthier und zwar das niedrigſte von allen kennt, welchem das Ohr fehlte, während das Auge öfter gänzlich mangelt und auch die Naſe, wenn zwar nicht fehlt, ſo doch ihrer Beſtimmung als Sinnes - organ zuweilen entrückt iſt und nur einen Luftweg für die Athmung bildet. Hinſichtlich der inneren Ausbildung laſſen ſich bei allen Sin - nesorganen, die ſtets nur paarweiſe vorhanden ſind, mancherlei Stu - fen nachweiſen. So bildet die Naſe bei den auf Waſſerathmung angewieſenen Wirbelthieren einen geſchloſſenen Blindſack, während ſie bei den Luftathmern ſtets in den Gaumen geöffnet erſcheint und ſomit auch bei geſchloſſenem Maule einen Luftweg für die Lungen herſtellt; während bei mangelnder Ausbildung des Geruches ſie ſich nur als einfache Röhre oder Blindſack zeigt, entwickelt ſie bei höherer Ausbil - dung dieſes Sinnes vielfache Nebenhöhlen und gewundene Räume, auf deren auskleidender Schleimhaut der Riechnerv ſich ausbreitet. Das Auge iſt zwar überall mit Muskeln verſehen, die aber bei den niederen Typen nur eine äußerſt geringe Beweglichkeit zeigen, während zugleich die Schutzapparate und namentlich die Lider gänzlich fehlen oder nur mangelhaft entwickelt ſind; erſt bei den höchſten Formen findet ſich eine ſolche Stellung der Augen, daß dieſelben gleichzeitig auf einen Punkt gerichtet werden können, ſo wie jene innere Ausbil - dung, die namentlich der Regenbogenhaut eine ſehr große Empfindlich - keit und ein lebhaftes Anpaſſungsvermögen an die verſchiedenen Licht - grade zukommen läßt. Noch mehr als bei den übrigen Sinnesorga - nen fällt die allmälige Ausbildung des Ohres auf, indem daſſelbe Anfangs nur aus dem Labyrinthſäckchen und einigen halbzirkelförmigen Kanälen beſteht und tief im Inneren des Schädels verborgen, von Knochen und Knorpeln eingeſchloſſen und von Muskeln und Haut überdeckt, liegt. Erſt nach und nach geſellt ſich eine Schnecke zu dem inneren Ohre, ſowie ein mittleres Ohr, aus der Paukenhöhle und den dazu gehörigen Theilen beſtehend. Dieſes mittlere Ohr tritt nach und nach an die Oberfläche der Schädels heran und bei den höchſten Typen endlich entwickelt ſich ein äußeres Ohr, ein Schalltrichter, über die Fläche des Schädels erhaben und oft äußerſt beweglich, beſtimmt, die Schallwellen zu dem Trommelfelle hinzuleiten.

Die Verdauungsorgane ſind überall bei den Wirbelthieren nach demſelben Typus gebaut, die Mundöffnung ſtets an dem vorde - ren Theile des Körpers, meiſt etwas auf der Bauchfläche angebracht11 und immer nur mit einem einzigen Unterkiefer bewaffnet, der aus zwei in der Mittellinie verbundenen Hälften beſteht und hauptſächlich nur von unten nach oben wirkt, ein weſentlicher Unterſchied von den Glie - derthieren, bei welchen ſtets mehrere Kieferpaare vorhanden ſind, die von den Seiten her gegen einander ſich bewegen. Nur bei ſehr we - nigen Wirbelthieren, die eine durchaus niedere Stufe der Bildung einnehmen, fehlen die Kiefer gänzlich und ſind durch beſondere Lippen - bildungen erſetzt. Die Bewaffnung der Mundhöhle wechſelt außer - ordentlich, bietet aber gerade dadurch vielfache Charaktere zur Unter - ſcheidung größerer und kleinerer Gruppen. Meiſt ſind Zähne vorhanden von äußerſt mannigfaltiger Struktur und Anordnung; ganze Ordnungen und Klaſſen aber, wie die Schildkröten und Vögel, entbehren derſelben gänzlich und beſitzen ſtatt ihrer mehr oder minder ſcharfrandige, gewöhnlich mit Hornplatten beſetzte Kiefer. Bei den Säugethieren beſchränkt ſich die Zahnbildung lediglich auf die eigent - lichen Kieferknochen, während bei den Fiſchen, Amphibien und Reptilien nicht nur ſämmtliche an der Bildung der Mundhöhle theilnehmende Geſichtsknochen, ſondern auch einige Knochen der Schädelbaſis und die Zunge mit Zähnen beſetzt ſein können. Letztere bildet meiſt einen mehr oder minder deutlichen Vorſprung, der in dem Raume zwiſchen beiden Unterkieferhälften gelegen iſt, an dem oft bedeutend entwickelten Zun - genbeine eine feſte Stütze findet und zwar faſt überall einen eigenen Geſchmacksnerven, den Zungenſchlundkopfnerven (Nervus glossopha - ryngeus) erhält, ſich aber meiſt doch mehr als Taſt - oder Greiforgan entwickelt. Bei niederen Thieren erſcheint die Zunge durchaus unbe - weglich und an den Boden der Mundhöhle feſtgeheftet, während ſie bei höheren ſich mehr und mehr befreit und oft eine außerordentliche Beweglichkeit erhält. Meiſt erſcheint ſie mit dickem hornigem Ueber - zuge verſehen; ſeltener iſt ſie, wie bei dem Menſchen, weich und nicht nur zur Aufnahme von Geſchmackseindrücken, ſondern auch zur Mo - dulation der Töne geeignet. Nur bei wenigen zerfällt das Darmrohr in keine weiteren Abtheilungen, ſondern ſetzt ſich gerade, gleiche Weite behauptend, von der Mundhöhle zum After fort; meiſtens unterſcheidet man den Schlund, der bei den kiemenathmenden Wirbelthieren auf beiden Seiten Spalten hat, den Magen, öfters von complicirter Bil - dung, beſonders bei Pflanzenfreſſern, den Zwölffingerdarm, welcher die Ausführungsgänge der Leber und der Bauchſpeicheldrüſe aufnimmt, den Dünndarm, den Dickdarm, an deſſen Anfang ſich oft ein bedeu - tender Blinddarm[], ſowie ein mehr oder minder langer Wurmfortſatz kenntlich macht, und den Maſtdarm, der durch den After nach außen12 mündet. Alle dieſe Abtheilungen können ſich bald mehr bald minder ausbilden, bald verſchmelzen, ſo daß in dieſer Hinſicht mannigfaltige Variationen entſtehen. Gewöhnlich findet man, daß die Fleiſchfreſſer den kürzeſten und einfachſten Darmkanal haben, die Pflanzenfreſſer dagegen nicht nur oft eine mehrfache Magenbildung zeigen, ſondern auch meiſt einen ungemein langen, mannigfaltig gewundenen Darm und ſehr entwickelten Blinddarm beſitzen; doch finden ſich von dieſer allgemeinen Regel vielfache Ausnahmen. Die Nebendrüſen des Darmes ſind faſt überall in gleicher Weite entwickelt; die Speicheldrüſen zwar kommen nur den Landthieren zu, fehlen aber den im Waſſer lebenden Fiſchen und den Amphibien, dagegen ſind ſie bei einigen übermäßig entwickelt und bei den giftigen Schlangen ſogar noch neben ihnen be - ſondere Drüſen ausgebildet, welche das Gift bereiten, das durch die Zähne beim Biſſe abfließt. Die Leber iſt bei allen Wirbelthieren vor - handen und zwar faſt immer als compacte Drüſe, die oft den größten Theil der Bauchhöhle einnimmt. Ihr Verhältniß zum Blutkreislaufe bleibt ſtets daſſelbe, indem alles vom Darmkanal herſtrömende Blut ſich in ihr aufs Neue in den Capillarnetzen des Pfortaderkreislaufes vertheilt. Bei manchen niederen Typen wird der Pfortaderkreislauf ſogar noch durch das aus den hinteren Extremitäten zurückkehrende Blut geſpeiſt. Die Bauchſpeicheldrüſe (Pancreas) fehlt bei den nie - derſten Fiſchen und wird bei den anderen durch eigenthümliche röhren - artige Ausſtülpungen des Darmes erſetzt, welche man die Pförtner - anhänge (Appendices pyloricae) genannt hat. Die Milz, welche den Wirbelthieren ausſchließlich zukommt und bei keinem wirbelloſen Thiere gefunden wird, iſt zwar meiſtens vorhanden, fehlt aber den niederſten Knorpelfiſchen durchaus, ſo daß ſie nicht als durchgängig charakteriſti - ſches Merkmal der Wirbelthiereingeweide dienen kann.

Die Athemorgane zerfallen bei den Wirbelthieren in zwei große Gruppen je nach dem Elemente, welches unmittelbar zur Athmung dient. Die niedere Form wird durch Kiemen dargeſtellt, d. h. durch Gefäßbogen, welche aus der Herzkammer hervorgehend den Schlund umfaſſen und auf dieſem Wege ſich nach und nach an der Oberfläche von Blättchen, Zotten oder Kolben in Kapillarnetze auflöſen, deren Blut mit dem umgebenden Waſſer in Wechſelwirkung tritt und Sauer - ſtoff daraus aufnimmt, während es Kohlenſäure abgiebt. Meiſtens ſind dieſe Gefäßbogen durch knöcherne oder knorpelige, dem Zungen - beine angehörige Bogen geſtützt und durch Spalten, welche von außen her bis in den Schlund führen, von einander getrennt. Mechaniſche Vorrichtungen verſchiedener Art bewirken während des Lebens eine13 beſtändige Strömung des Waſſers durch dieſe Kiemenſpalten und eine ſtete Erneuerung desſelben im Umkreiſe der athmenden Blättchen. Nur allmälig werden die Kiemen durch Lungen verdrängt, elaſtiſch häutige Säcke, urſprünglich paarig vorhanden, Ausſtülpungen des Schlundes auf der Bauchſeite, die ſich nach und nach von dem Darmkanale ab - trennen und endlich nur in ſofern mit ihm zuſammenhängen, als die Oeffnung des Luftweges, die Stimmritze, ſich in dem Grunde der Rachenhöhle befindet. Bei den Amphibien zeigen ſich namentlich die mannigfaltigen Stufen des Kampfes von Kiemen und Lungen um den Vorrang als reſpiratoriſche Organe und bei ihnen, wie bei den Rep - tilien, kann man auch den Uebergang der urſprünglich ſackförmigen Lungen zu der eigentlichen Drüſenform ſehen, welche ſie bei den aus - gebildeten Formen beſitzen; auf der inneren Seite der Lungenſäcke entwickeln ſich Zellen, die ſtets tiefer und tiefer werden und allmählig zu verzweigten und veräſtelten Röhrchen ſich ausbilden, auf deren Oberfläche ſich ringsum die Blutgefäße veräſteln, während ſie ſelbſt mit der Luftröhre und dem Kehlkopfe in direkter Verbindung ſtehen und ſo die in ihm enthaltene Luft durch die Athembewegungen gewech - ſelt werden kann. Allgemein ſind die Lungen in der Art gebaut, daß die Luft, welche zum Athmen gedient hat, auch auf demſelben Wege, auf welchem ſie eindrang, wieder ausgeſtoßen werden muß, jedoch ſo, daß Naſe oder Mund je nach Belieben des Thieres, als äußere Oeff - nung des Luftweges benutzt werden können.

Es begreift ſich leicht, daß bei dem vielfachen Wechſel in der Struktur der Athemorgane auch in den Organen des Kreislau - fes mancherlei Verſchiedenheiten vorkommen. Mit einer einzigen Ausnahme (bei dem Lanzettfiſchchen, Amphioxus) iſt das Blut bei allen Wirbelthieren purpurroth gefärbt und zwar hängt dieſe Färbung einzig von den Blutkörperchen ab, dünnen, ſcheibenförmigen Form - elementen von rundlicher oder elliptiſcher Geſtalt, die ſich nur mittelſt des Mikroſkopes erkennen laſſen und in der farbloſen Blutflüſſigkeit ſus - pendirt ſind. Ein Herz als Centralpunkt für die mechaniſche Fort - bewegung des Blutes fehlt nur einem einzigen der bekannten Wirbel - thiere (Amphioxus), bei welchem ſeine Druckkraft durch die Contractilität der großen Gefäßſtämme erſetzt iſt; bei allen übrigen iſt das Herz mit ſeinen verſchiedenen Abtheilungen das einzige Organ, das durch die Zuſammenziehung ſeiner Muskelfaſern das Blut durch die Gefäße hindurch treibt. Bei den durch Kiemen athmenden Wirbelthieren iſt dieſe muskulöſe Druck - und Saugpumpe ſtets in dem Bereiche des venöſen Kreislaufes ſo angebracht, daß das aus den Organen des14 Körpers zurückkehrende Blut von ihm aus in die Gefäßbogen der Kiemen getrieben wird; bei den durch Lungen athmenden Wirbelthieren dagegen ſcheidet ſich das Herz nach und nach in zwei Hälften, von denen die eine, die rechte, dem Kiemenherzen der Fiſche entſpricht, in - dem ſie, im venöſen Strome angebracht, das vom Körper zurückkehrende Blut aufnimmt und es in die Lungen treibt, während die linke Hälfte, als bewegender Mittelpunkt des arteriellen Stromes, das Blut aus den Athemorganen empfängt und es in den Körper umtreibt. Die verſchiedenen Stadien der allmähligen Scheidung der beiden Herzhälften, welche ſich bei Säugethieren und Vögeln vollkom - men ausgeführt findet, laſſen ſich beſonders bei Amphibien und Rep - tilien in großer Mannigfaltigkeit wahrnehmen, indem dort mehr oder minder bedeutende Communicationsöffnungen in dem Herzen oder in der Nähe deſſelben vorhanden ſind, wodurch ſich die beiden[Blutarten] in größerem oder geringerem Maße miteinander vermiſchen können. Bei allen Wirbelthieren ſind übrigens die peripheriſchen Blutbahnen vollkommen geſchloſſen und überall geſonderte Gefäße vor - handen, in welchen das Blut ſtrömt. Nirgends noch hat man ſolche Unterbrechungen der Cirkulation und Erſatz der mangelnden Gefäße durch Hohlräume gefunden, wie dieß bei den meiſten wirbelloſen Thieren vorzukommen pflegt; namentlich findet ſich überall zwiſchen der arte - riellen und venöſen Gefäßſtämmen ein Netz feiner Capillar - oder Haargefäße, durch deren äußerſt dünne Wandungen die Umſetzung der Stoffe im Körper geſchieht und die dann einerſeits mit den zuführen - den, andererſeits mit den abführenden Gefäßen in unmittelbarem Zu - ſammenhange ſtehen. Als eigenthümlicher Anhang des Gefäßſyſtemes ſtehen die Lymphgefäße da, zarthäutige Kanäle, die eine farbloſe, höchſtens durch beigemengte Fettröpfchen milchig erſcheinende Flüſſig - keit führen, mit feinen Aeſten in den Organen entſpringen und ſich nach und nach zu größeren Stämmen ſammeln, die ſich in den venö - ſen Kreislauf ergießen. Trotz vielfacher mühſamer Unterſuchungen er - ſcheint ſowohl die Struktur der letzten Anhänge dieſer Lymphgefäße, ſowie ihre eigentliche Bedeutung für die Oekonomie der Thiere noch nicht gehörig aufgeklärt.

Von beſonderer Bedeutung erſcheinen für die Wirbelthiere die Harnorgane oder Nieren, welche ſtets zunächſt an der Wirbel - ſäule über allen anderen Eingeweiden liegen und auch von dem Bauch - felle nicht eingehüllt, ſondern nur an ihrer vorderen Fläche überzogen werden. Sie ſind hauptſächlich zur Abſonderung der ſtickſtoffhaltigen Auswurfſtoffe des Körpers beſtimmt und ihre Ausführungsgänge, die15 Harnleiter, zeigen inſofern eine merkwürdige Evolution, als ſie ſich anfangs vollkommen ſelbſtändig bis zu ihrem äußeren Ende hinter dem After erhalten, dann in das Endſtück des Darmes auf der hin - teren Fläche einmünden, nach und nach aber auf die vordere Fläche deſſelben überwandern und ſich endlich ganz von dem Darme lostren - nen und eine beſondere Mündung nach außen erhalten, die ſich vor der Afteröffnung befindet und mit den Geſchlechtswegen in nächſter Beziehung ſteht.

Was nun die Zeugung und Fortpflanzung der Wirbel - thiere betrifft, ſo muß vor allem darauf aufmerkſam gemacht werden, daß in dieſem ganzen Kreiſe niemals irgend eine Spur von Knoſpen - zeugung oder Ammenbildung auftritt, ſondern jegliche Fortpflanzung ſtets nur durch den Gegenſatz der beiden Geſchlechter bedingt wird. Auch normale Zwitterbildung exiſtirt in dieſem Kreiſe nicht; ſtets ſind die Geſchlechtsorgane auf verſchiedenen Individuen angebracht; ja ſelbſt die Beiſpiele von Zwitterbildung, die man bei abnorm entwickelten Individuen gefunden haben wollte, reduziren ſich alle auf Hemmungs - bildungen, bei welchen die unausgebildeten Geſchlechtstheile Zwiſchen - formen zwiſchen männlichem und weiblichem Typus darſtellten. Mei - ſtens unterſcheiden ſich Männchen und Weibchen durch mehr oder minder auffallende Charaktere; wenn indeſſen auch in der Körpergröße ſich zuweilen Mißverhältniſſe nach der einen oder andern Seite hin finden, ſo werden dieſelben doch niemals ſo bedeutend, wie bei vielen wirbelloſen Thieren, bei welchen wir zuweilen ganz verkümmerte Männchen antrafen. Auch die keimbereitenden Geſchlechtstheile liegen urſprünglich, wie die Nieren, unmittelbar neben der Wirbelſäule über den übrigen Eingeweiden, ſenken ſich aber bei den höheren Typen mehr nach vorn und unten. Zuweilen finden ſich nur die keimberei - tenden Organe, Eierſtöcke und Hoden, vor, während jede Spur von ausführenden Kanälen fehlt und die Produkte einfach durch Platzen der Kapſeln, in welchen ſie ſich befinden, in die Bauchhöhle gerathen und von da weitergeführt werden. Bei den meiſten Wirbelthieren indeß ſetzen ſich die Hodenkanäle, die Bildungsſtätten der Samenthier - chen, indem ſie ſich mehr und mehr ſammeln, in den ſogenannten Nebenhoden und von da aus in die Samenleiter fort, welche meiſtens gegen das Ende ihres Verlaufes mit blinddarmähn - lichen Samenblaſen und anderen Nebendrüſen ausgeſtattet ſind. Die Samenleiter ſelbſt öffnen ſich bald in die ſogenannte Cloake, d. h. in das Endſtück des Darmes, welches zugleich die Mündungen der Ge - ſchlechts - und Harnorgane aufnimmt, oder ſie münden ſelbſtändig oder16 gemeinſchaftlich mit den Harnorganen, aber getrennt von dem Darme, nach außen. Begattungsorgane fehlen bei vielen Wirbelthieren gänz - lich, ſelbſt bei ſolchen, bei denen ſich die Eier innerhalb der weiblichen Geſchlechtstheile entwickeln und mithin auch dort befruchtet werden müſſen. Da wo männliche Begattungsorgane vorkommen, ſind dieſel - ben meiſtens einfach, ſeltener doppelt und ihre Beziehungen zu den Samenleitern, ſo wie ihre ſonſtige Bildung äußerſt mannigfaltig. Eben ſo vielfach wechſeln die Formen der weiblichen Geſchlechtsorgane, zumal da hier die Beziehungen zur Ausbildung der Jungen noch man - nigfaltiger werden, wodurch namentlich diejenigen Gebilde, welche die Ausführung der Eier bewerkſtelligen, mannigfach modifizirt werden. Sehr häufig finden ſich in den Eileitern beſonders ausgebildete Stel - len vor, von denen die Einen durch drüſige Wände zur Bildung beſonderer Hüllen um das Ei, die Anderen zur Herſtellung von Neſt - ſtätten zur inneren Bebrütung geeignet erſcheinen, und ebenſo mannig - faltig wie dieſe Drüſen und Erweiterungen, erſcheinen auch die weiblichen Begattungsorgane in ihrer Formgeſtaltung. Bei allen Wirbelthieren ohne Ausnahme herrſcht eine gewiſſe Periodicität von längerer oder kürzerer Dauer in der Geſchlechtsfunktion, welche ſich namentlich bei dem Weibchen durch die Ausſtoßung der Eier zu gewiſſen Zeiten kundgibt. Die Heranbildung der Eier im Eierſtocke, ihre ſucceſſive Ausbildung bis zur endlichen Trennung und ihre Ausſtoßung durch die Eileiter ge - ſchieht überall ſelbſtſtändig und ſelbſt dann, wenn keine Befruchtung ſtattfindet; die Befruchtung ſelbſt aber kann in zwei verſchiedenen Stadien der Eiwanderung eintreten. Bei den Einen nämlich, und hierzu gehören die meiſten Fiſche und Amphibien, werden die Eier gänzlich ausgeſtoßen und ihre Befruchtung geſchieht erſt außerhalb, meiſtens in dem Augenblicke, wo ſie aus der Geſchlechtsöffnung des Weibchens hervortreten; bei den anderen wird durch eine mehr oder minder innige Begattung die befruchtende Flüſſigkeit in das Innere des weiblichen Organismus eingeführt und[die] Eier kommen auf irgend einem Punkte ihrer Wanderung bald ganz in der Nähe der Eierſtöcke, bald weiter von denſelben entfernt mit dem Samen in Berührung. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſe Weiſe der Befruchtung überall eintreten muß, wo das Junge ſich innerhalb des mütterlichen Or - ganismus bis zu einem gewiſſen Grade ausbildet, zuweilen findet indeß dieſelbe auch da ſtatt, wo die Entwickelung des Embryo erſt nach der vollſtändigen Ausſtoßung des Eies beginnt. In der Beziehung der Frucht zu dem mütterlichen Organismus laſſen ſich ebenfalls mehrere Verſchiedenheiten von großem Gewichte nachweiſen. Bei den meiſten17 Wirbelthieren erhält das Ei von dem Eierſtocke aus ſoviel Dotterſub - ſtanz mit, daß der Embryo ſich vollſtändig auf deren Koſten ausbilden kann und keiner weiteren Stoffzufuhr, ſei es von Seiten des mütter - lichen Organismus oder von außen her, bedarf. In dieſen Fällen wird das Ei gewöhnlich noch in dem Eileiter von verſchiedenen Hül - len, von Eiweiß und Schalenbildungen, eingeſchloſſen und dann nach der Ausſtoßung in ſolche Verhältniſſe gebracht, welche zur Entwickelung des Embryos nothwendig ſind, wozu namentlich ein gewiſſer Grad von Wärme und Feuchtigkeit und der Zutritt[]von Sauerſtoff gehören; Bedingungen, die ſich bald von ſelbſt finden, bald, wie bei den brü - tenden Thieren, von den ſorgſamen Eltern beſchafft werden. Bei dem anderen extremen Endpunkte dieſer Beziehungen zwiſchen Mutter und Frucht findet ſich bei dem urſprünglichen Eie nur eine kleine Dotter - maſſe vor, ungenügend, die Ausbildung des Embryos zu beſtreiten, der dann durch beſondere Gefäße in innige Wechſelwirkung mit den Gefäßen des mütterlichen Organismus tritt und aus dem Blute des - ſelben die zu ſeiner Ausbildung nöthigen Stoffe bezieht. Zwiſchen dieſen beiden Verhältniſſen liegen mannigfache Zwiſchenſtufen, indem bei den Einen es nur auf äußere Zufälligkeiten ankommt, ob die loſen Eier ſich außerhalb oder innerhalb des mütterlichen Organismus ent - wickeln, während bei Anderen die Entwickelung im Inneren zwar Regel iſt, der Embryo oder das Ei aber deßhalb in keine nähere Ver - bindung mit den Organen tritt, ſondern frei in der Höhle[des] Eilei - ters liegt und nur durch Aufſaugung aus der Flüſſigkeit, welche dieſe erfüllt, ſich weitere Stoffe aneignen kann.

Die Entwickelung des Embryos geſchieht bei dem Kreiſe der Wirbelthiere allgemein nach einem gemeinſchaftlichen Grundplane, der ſich indeſſen bei den verſchiedenen Klaſſen und Ordnungen in mannigfacher Weiſe modifizirt. Ueberall iſt der Dotter von einer deutlichen Dotterhaut umgeben, die zuweilen ſogar eine ziemlich bedeu - tende Dicke erreicht und die allmählig verſchwindet, ſobald der Embryo ſich ſeine Hüllen aufgebaut hat. Die Entwickelung geht ſtets, wie bei den Kopffüßlern und Gliederthieren, von einem beſtimmten Punkte aus und läuft kreis-wellenförmig um das Ei herum, ſo daß der Embryo - naltheil anfangs eine mehr oder minder dicke Hohlſcheibe darſtellt, welche ſich eines Theils allmählig verbreitert und ſo den Dotter ein - faßt, anderen Theils in ihrer Mitte ſich erhebt und hier eine Axe entſtehen läßt, welche in der That die Mittellinie des werdenden Thie - res iſt und das Centralnervenſyſtem und die Wirbelaxe in ſich vereinigt. Der Gegenſatz zwiſchen Dotter und Embryo tri[t]t faſt überall ſcharfVogt. Zoologiſche Briefe. II. 218und deutlich hervor, ſo ſelbſt, daß oft ein Theil des Dotters als Dotterſack abgeſchieden wird und nur noch durch einen offenen Gang mit dem Darmkanale zuſammenhängt, eine Bildung, die bei denjenigen Wirbelthieren bald ſchwindet, bei welchen der Embryo mit dem müt - terlichen Organismus in näheren Zuſammenhang tritt. Charakteriſtiſch iſt für den ganzen Wirbelthierkreis die ſchon früher angegebene La - gerung des Dotters der Bauchfläche des Embryo’s gegenüber; eine Lagerung, die derjenigen der Gliederthiere gerade entgegengeſetzt iſt und auch die ſo verſchiedene Poſition der Organe zur Folge hat, indem auch hier wie bei den Gliederthieren das Herz in unmittelbarer Nähe des Dotters, alſo auf der Bauchfläche, das Centralnervenſyſtem aber dem Dotter entgegengeſetzt, mithin auf der Rückenfläche ſich ent - wickelt. Aeußerſt charakteriſtiſch iſt ferner für alle Wirbelthiere das frühe Erſcheinen des Herzens und die baldige Entwickelung einer vollſtändigen Cirkulation, die zwar beide erſt nach dem Erſcheinen der Rudimente des Centralnervenſyſtems und des Skelettes auftreten, doch aber früh genug in die Erſcheinung kommen, ſo daß die weitere Entwickelung nicht ohne die Dazwiſchenkunft der Cirkulation ſtattfinden kann. Es zeigt ſich alſo hier ein direkter Gegenſatz gegen die meiſten wirbelloſen Thiere, bei welchen das Herz nur in den ſpäteren Stadien der em - bryonalen Entwickelung ſich zeigt, ſo daß die meiſten Organe nicht nur angelegt, ſondern auch bis zu einem gewiſſen Grade ausgebildet wer - den, bevor eine Cirkulation der allgemeinen Ernährungsflüſſigkeit ſtattfin - det. Endlich darf als letztes charakteriſtiſches Merkmal für die Entwicke - lung der höheren Wirbelthierembryonen die Bildung beſonderer Hüllen angeſehen werden, die von dem Embryo, nicht, wie die Eiſchalen der niederen Thiere, von dem mütterlichen Organismus, ausgehen und von denen eine, die ſogenannte Schafhaut oder das Amnios, überall, wo ſie vorhanden iſt, einen vollſtändigen Sack um den Körper des Embryo bildet, die andere dagegen, die Harnhaut oder Allantois ge - nannt, weſentlich dazu dient, bei den Säugethieren die Gefäßverbindung zwiſchen Mutter und Frucht zu vermitteln.

Betrachtet man die allgemeinen Grundzüge der Entwickelung des Embryos, ſo zeigt ſich hierin von Beginn an eine große Uebereinſtim - mung. Die Zerklüftung des Dotters findet bald in dem ganzen Um - fange deſſelben, bald nur an dem Embryonaltheile ſtatt, und ſobald aus ihr die Zellen hervorgegangen ſind, aus denen ſich die ſämmtlichen Organe des Embryos aufbauen, ſo beginnt die morphologiſche Bildung19 mit der Herſtellung einer Längsfurche, welche zu beiden Seiten von zwei erhabenen Wülſten eingefaßt iſt und die man die Rückenfurche genannt hat; mit fortſchreitender Bildung heben ſich dieſe Wülſte in die Höhe, weiten ſich vorn aus, ſo daß der von ihnen umſchloſſene Raum etwa die Form einer Lanze hat, und wölben ſich zugleich mehr und mehr nach oben zuſammen, bis ſie ein förmliches Rohr darſtel - len, das nach vorn zu keulenförmig erweitert iſt. Dieſes Rohr bildet die erſte Grundlage für die Entwickelung des Centralnervenſyſtemes. Die Nervenmaſſe erzeugt ſich auf dem Grunde dieſes Rohres und wölbt ſich in ähnlicher Weiſe nach oben zuſammen, das Gehirn und Rückenmark bildend, ſo daß Anfangs die eigentliche Nervenmaſſe nur ſehr gering iſt und in ihrem Inneren eine durchlaufende Höhlung einſchließt, die immer mehr und mehr durch Anſatz neuer Nervenmaſſe verengert wird. Der Rückenmarkskanal, ſowie die Höhlungen des Gehirnes, deren wir oben erwähnten, ſind demnach nur Ueberbleibſel jener urſprünglich weit bedeutenderen Höhlung, welche von der wer - denden Nervenmaſſe umſchloſſen wurde. Die Sinnesorgane ſind zum großen Theile nur Ausſtülpungen der urſprünglichen kammerartigen Abtheilungen des Gehirnes, welche wir oben ſchon namentlich anführ - ten, und zwar ſcheint jedes Sinnesorgan eine doppelte Ausbildung zu beſitzen, indem einerſeits der ſpecifiſche Sinnesnerv eine hohle Röhre oder Ausſackung darſtellt, welche mit der inneren Höhle ſeiner betref - fenden Hirnkammer communicirt, während andererſeits von außen her eine Grube ſich entgegenbildet, die ſich mehr oder minder abſchließt und die äußeren Theile des Sinnesorganes bildet. So ſieht man das Vorderhirn ſich unmittelbar in die hohlen Riechnerven fortſetzen, die mit kolbigem Ende ſich an eine blinde Grube anlegen, welche ihnen von außen her entgegenwächſt und ſich als Naſengrube manifeſtirt; ſo bildet der Sehnerv anfangs eine hohle Birne mit cylindriſchem Stiele, welcher von außen her eine Grube entgegenwächſt, die ſich indeſſen bald abſchließt und nach dieſem Abſchluſſe ſich als Kryſtall - linſe zu erkennen giebt; ſo erſcheint auch das äußere und mittlere Ohr anfangs als eine Hautgrube, welche erſt ſpäter nach und nach ſich abſchließt und mit dem inneren Ohre in Verbindung tritt. Im Allgemeinen läßt ſich bei der Bildung des Nervenſyſtemes, wie bei derjenigen der Sinnesorgane daſſelbe Geſetz erkennen, welches auch für die Entwickelung aller übrigen Organe gültig iſt, nämlich, daß die urſprünglichen Anlagen, ſowie ſie zuerſt formell geſondert hervor - treten, aus Haufen von Bildungszellen beſtehen, in denen man an - fangs zwar keine Verſchiedenheit wahrnimmt, die ſich aber nach und2*20nach zu den verſchiedenen Formelementen differenziren, welche wir an dem ausgebildeten Organe ſehen. So war der Streit, den man lange führte, ob die beiden Rückenwülſte, die häutigen Hüllen des Rücken - marks oder die Knochen, oder Muskeln und äußere Haut ſeien, welche Gehirn und Rückenmark umgeben, ein vollkommen müßiger; denn dieſe Wülſte ſind das noch einförmige Rudiment aller dieſer Formele - mente, in welche ſie ſich ſpäter ſcheiden. So kann man ebenſo bei dem Auge nachweiſen, daß die verſchiedenen Häute, welche den Augapfel umziehen, gleichſam nur aus der Spaltung einer einzigen Maſſe her - vorgehen, welche anfangs das Rudiment des Auges bildet.

Faſt unmittelbar nach der Entſtehung der erſten Anlage des Ner - venſyſtemes, vielleicht auch ſchon gleichzeitig mit ihr zeigt ſich auf dem Boden der Rückenfurche ein cylindriſcher Axenſtrang, welcher faſt durch die ganze Länge des Körpers ſich erſtreckt und vorn zwiſchen den beiden Ohrblaſen etwas zugeſpitzt endigt. Dieſer Axenſtrang iſt die ſogenannte Wirbelſaite oder Chorda, die Grundlage des ganzen Skelettes und ſchon als ſolche vollkommen charakteriſtiſch für alle Wirbelthier - embryonen. Anfangs durchaus nur aus dicht zuſammengedrängten Zellen gebildet, ſcheint ſich dieſer Strang bei allen Wirbelthieren ohne Ausnahme in eine äußere Scheide und einen inneren Kern zu diffe - renziren, der eine zwiſchen Knorpel und Gallert inneſtehende Feſtigkeit beſitzt und allmählig durch die ſpäteren Bildungen der Wirbelkörper verdrängt wird. Bei den niederen Formen der Fiſche und Amphibien erhält ſich dieſe Chorda das ganze Leben hindurch in ähnlicher Weiſe, wie ſie anfangs bei dem Embryo ausgebildet war und bei den meiſten Fiſchen und den fiſchartigen Amphibien bleibt wenigſtens ein Neſt dieſes Stranges in den Höhlungen zurück, die in den Wirbelkörpern ſich zeigen. Von weſentlichſter Bedeutung erſcheint die Scheide der Wir - belſäule, da dieſe der Sitz der Verknöcherung der Wirbelkörper und ihrer Bogen iſt; die Wirbelkörper bilden ſich nämlich urſprünglich in Form von Ringen oder ſeitlichen Platten, die nach und nach gänzlich den zwiſchen ihnen gelegenen Strang verdrängen. Von der Scheide der Wirbelſaite gehen häutige Rohre ab, Sehnenblätter, welche nach oben die Umhüllung des Rückenmarkes, nach unten diejenige der Eingeweide und großen Gefäße bilden und in denen ſich ebenfalls Verknöcherungen, die oberen und unteren Bogenfortſätze der Wirbel ausbilden. Nach vorn zu ſetzt ſich die Scheide der Chorda in eine geräumigere Knorpelkapſel fort, die das Gehirn von allen Seiten umhüllt, wenn ſie auch ſtellenweiſe große, nur durch Haut geſchloſſene Lücken läßt und auf ihrer Außenſeite mehr oder minder geſchloſſene21 Kapſeln für die ſpecifiſchen Sinnesorgane zeigt. Der urſprüngliche Schädel, der von dieſer Knorpelkapſel hergeſtellt wird, iſt ſtets ein ungetheiltes Ganzes, das ſich in dieſer Form auch bei vielen Knorpel - fiſchen erhält. Bei denjenigen Thieren, wo ein knöcherner Schädel vorkommt, entwickeln ſich die Knochen deſſelben nur zum kleinſten Theile durch unmittelbare Verknöcherung des knorpeligen Urſchädels weit aus die meiſten Schädelknochen entſtehen aus Deckplatten, die ſich von allen Seiten her an die Knorpelkapſel anlegen, und ohne vorher in den knorpeligen Zuſtand überzugehen, ſich unmittelbar aus häuti - gen Theilen hervorbilden. Unter dem Einfluſſe der Ausbildung dieſer Deckplatten verſchwindet allmählig der nicht verknöcherte Theil der primitiven Knorpelkapſel gänzlich, ſo daß bei den höheren Typen keine Spur mehr davon vorhanden iſt, während freilich bei den meiſten Fiſchen und Amphibien ein mehr oder minder bedeutender Reſt dieſes knorpeligen Urſchädels das ganze Leben hindurch bleibt. Es würde zu weit führen, wollten wir hier auf die Verhältniſſe zwiſchen der knorpeligen Grundlage und den darauf oder darin entwickelten Kno - chen näher eingehen, zumal da dieſe bei den verſchiedenen Klaſſen mancherlei Verſchiedenheiten darbieten. Gleiches müſſen wir von den - jenigen Knochengebilden ſagen, welche entweder dem Geſichte oder den Eingeweiden angehören, da bei allen dieſen je nach den Klaſſen eine bedeutende Verſchiedenheit herrſcht, ſo daß ſie erſt bei dieſen ge - nauer abgehandelt werden können. Die Entwickelung der Extremi - täten, der vorderen wie der hinteren, geht überall nach demſelben Typus und nach dem Geſetze der allmähligen Differenzirung vor ſich. Die Tragegürtel, Schultern und Becken erſcheinen zuerſt, dann das Endglied, Hand oder Fuß, urſprünglich als einförmiger Stummel, indem ſich erſt nach und nach die Zehen ausbilden und ganz zuletzt vollſtändig trennen, zwiſchen Endglied und Gürtel ſchieben ſich dann die verſchiedenen Mittelglieder je nach ihrer Entwickelung ein.

Als eigenthümliche Bildung der höheren Wirbelthiere, welche den niederen gänzlich fehlt, zeigen ſich, wie ſchon bemerkt, zwei Hüllen, von denen die eine eine Fortſetzung der äußerſten Lage der Oberhaut bildet, während die andere aus den ſpäteren dem Urinſyſteme angehö - rigen Bildungen hervorgeht. In der That bildet ſich die Schafhaut oder das Amnios in der Weiſe, daß die äußere Zellenlage der Haut ſich an die Innenfläche der Eihaut anlegt und in dem ganzen Umkreiſe des Dot - ters mit derſelben verwächſt, da aber, wo der Embryonalkörper ſich befindet, ſich allmählig abzieht, zuſammenwächſt und gänzlich abſchnürt, ſo daß ein vollkommen geſchloſſener Sack um den Embryo herum ge -22 bildet wird, der eigentlich die nach außen umgeſchlagene Fortſetzung der Bauchhaut darſtellt. Wir haben dieſer Bildung nur deßhalb hier erwähnt, weil ſie einen ſcharfen Charakter zur Unter - ſcheidung zweier größerer Gruppen in dem Kreiſe der Wirbelthiere überhaupt abgiebt.

Forſcht man der Entſtehung des Blutgefäßſyſtemes näher nach, ſo zeigt ſich, daß das Centrum deſſelben, das Herz, ebenfalls urſprüng - lich aus einer ſoliden Zellenlage beſteht, welche ſich nach und nach aushöhlt, und daß die Gefäße urſprünglich Gänge zwiſchen den Bil - dungszellen des Embryo bilden, die erſt nach und nach mit einfachen oder Faſerhäuten ausgekleidet werden. Das Herz ſteht von Anfang an in der genaueſten Beziehung zu dem Dotter und bildet urſprüng - lich ſtets einen einfachen Schlauch, welcher von hinten her die von dem Körper und dem Dotter zurückkehrende Blutmaſſe aufnimmt und nach vorn weiter treibt. Die weitere Ausbildung der Circulation hängt beſonders mit der Bildung von Kiemen oder Lungen zuſammen und kann erſt bei den einzelnen Klaſſen genauer ins Auge gefaßt werden.

Die Entwickelung der Baucheingeweide geht zum großen Theile von derjenigen des Darmes aus; dieſer bildet nämlich urſprünglich eine dem Dotter zunächſt liegende Schicht von Bildungszellen, welche ſpäter eine Rinne darſtellen, die gegen den Dotter hin offen iſt, ſich aber nach und nach zu einer Röhre abſchließt, an welcher als Reſt der urſprünglichen Oeffnung gegen den Dotter hin der Kanal des Dotterſackes übrig bleibt. Die ſämmtlichen Drüſen und Höhlen, welche mit dem Darmkanale in Verbindung ſtehen, zeigen ſich anfangs in Geſtalt ſolider Maſſen von Bildungszellen, die ſich ſpäter aushöhlen und mit der Höhlung des Darmes in Verbindung treten. Die Leber, das Pancreas, Lungen und Schwimmblaſen ſind durchaus in dieſem Falle, nicht aber die Nieren und die keimbereitenden Geſchlechtstheile, welche aus einem eigenen Bildungsſtoffe beſtehen und niemals in direkte Verbindung mit dem Darmkanale treten, es ſei denn durch ihre Ausführungsgänge, welche auf andere Weiſe, durch Entwickelung von der Außenfläche her, entſtehen.

Betrachtet man in Gemäßheit der hier entwickelten allgemeinen Erſcheinungen den Kreis der Wirbelthiere und ſucht man die unter - ſcheidenden Charaktere aufzufaſſen, nach welchen man denſelben in kleinere Abtheilungen zerlegen könnte, ſo bietet die Entwickelungsge - ſchichte vor allen Dingen die Hand zur Scheidung zweier größerer Gruppen. Bei der einen dieſer Gruppen bildet der Embryo ſelbſt23 niemals beſondere Hüllen, die ihn einſchließen, wie die Schafhaut oder die Harnhaut; ſeine Bauchwandungen ſchließen ſich einfach über dem Dotter zuſammen, ohne ſich nach außen umzuſchlagen oder in irgend einer Weiſe zu einer Hüllenbildung vorzuſchreiten. Der Embryo zeigt eine gerade Schädelbaſis, auf welcher die Hirnmaſſe platt aufliegt und die nur in ſoweit bogenförmig gekrümmt iſt, als dieß der Krüm - mung der Außenfläche des Dotters entſpricht. Alle die Embryonen, welche dieſer niederen Gruppe angehören, athmen wirklich durch Kie - men und zeigen zu dieſem Endzwecke auf den Kiemenbogen des Halſes mehr oder minder ausgebildete Franzen, auf denen ſich die Capillar - netze der Blutgefäße verbreiten. Bei den meiſten Thieren dieſer Gruppe findet Kiemenathmung allein während des ganzen Lebens ſtatt, bei anderen erhalten ſich die Kiemen auch neben den Lungen während der ganzen Zeit der Exiſtenz, bei noch anderen finden ſie ſich nur wäh - rend einer gewiſſen Periode zur Zeit des Larvenlebens und werden ſpäter durch wahrhafte Lungen erſetzt. Zu dieſer Abtheilung der nie - deren Wirbelthiere, die ganz allgemein rothes, kaltes Blut haben, gehören zwei Klaſſen:

Fig. 927.

Das Petermännchen (Trachinus vipera).

Die Fiſche (Pisces), einzig zu dem Aufenthalte im Waſſer beſtimmt, mit blindſackähnlichen Naſengruben und einem einfachen, aus einer Vorkammer und einer Kammer beſtehenden Herzen; ſie athmen ihr ganzes Leben hindurch mittelſt Kiemen und beſitzen niemals eigent - liche an der Bauchſeite des Schlundes ſich öffnende Lungen.

Fig. 928.

Der Laubfroſch (Hyla arborea).

Die zweite Klaſſe, welche dieſer Gruppe angehört, wird von den24 Lurchen (Amphibia) gebildet, bei welchen ſtets Lungen vor - handen ſind, wenn auch zuweilen neben ihnen während des ganzen Lebens wirkliche Kiemen funktioniren. Dieſe Klaſſe hat allgemein getrennte, durchgehende Naſenlöcher, welche ſich nach innen in den Mund öffnen, und ihr Herz zeigt zwar ſtets eine einfache Kammer, dagegen eine doppelte Vorkammer, welche durch eine zarthäutige Scheidewand meiſtens ganz vollkommen und nur in ſeltenen Fällen unvollſtändig getrennt wird. Die höheren Typen dieſer Klaſſe zeigen eine Art Larvenmetamorphoſe, indem ſie auch nach dem Verlaſſen des Eies eine Reihe von Bildungen durchlaufen, die denen der niederen Typen analog ſind.

Eine weite Kluft trennt die zweite Gruppe, die höheren Wirbel - thiere, von der vorigen. Zu keiner Zeit des Lebens, auch im Em - bryonalzuſtande nicht, findet ſich hier eine Spur von wirklicher Kiemenathmung. Die den Kiemenbogen der niederen Wirbelthiere analogen Bogen des Halſes zeigen niemals Blättchen oder andere Vorrichtungen, auf denen ſich athmende Capillarien verzweigen; es enthalten dieſe Bogen vielmehr ſtets nur ein einfaches Gefäß, das zur Ueberleitung des Blutes in die Körperarterie beſtimmt iſt. So - bald die Thiere athmen, ſo geſchieht dieſes nur durch Lungen. Die Schädelbaſis der Embryonen iſt in der Mitte ſtark knieförmig gebogen und ihre äußere Hautlage ſetzt ſich ſtets in einen umgeſchlagenen Sack fort, in die Schafhaut, die eine vollſtändige Hülle für den Fötus bildet und zu welcher ſich noch außerdem die Allantois geſellt. Auch hier unterſcheiden wir mehrere Klaſſen:

Fig. 929.

Die grüne Eidechſe (Lacerta viridis).

Die Reptilien (Reptilia) mit kaltem Blute und einem Herzen, deſſen Vorkammern meiſtens ganz vollſtändig, die Herzkammern aber ſtets unvollſtändig geſchieden ſind; der Körper iſt meiſt mit Schuppen oder Knochentafeln bedeckt.

25
Fig. 930.

Seeſchwalbe (Sterna hirundo.)

Die Vögel (Aves) mit warmem Blute, durchgängig getrenn - ten Vor - und Herzkammern und ſtets mit vier Gliedmaßen, von welchen aber die vorderen zu Flugwerkzeugen umgebildet ſind; eier - legende Thiere, mit Federn bedeckt.

Fig. 931.

Maki mit ſeinen Jungen.

Endlich die Säugethiere (Mammalia) ſehr ſelten mit nackter, meiſt mit haariger Haut, lebendige Junge zur Welt bringend, welche von der Mutter eine Zeit lang durch eine eigene Drüſenabſonderung, die Milch, ernährt werden.

26

Betrachtet man die Entwickelung dieſer Typen, deren ſteter Fort - ſchritt zu höherer Ausbildung nicht geläugnet werden kann, in der Erdgeſchichte, ſo ergiebt ſich hier eine Succeſſion, welche im Ganzen mit der organiſchen Entwickelung übereinſtimmt. In dem Uebergangs - gebirge ſind die Fiſche die einzigen Repräſentanten der Wirbelthiere, ebenſo in der Kohlenperiode; in dem permiſchen Syſtem, im Kupfer - ſchiefer treten zuerſt die Reptilien auf, die niederen Anfänge der höheren Gruppe; ihnen folgen die Amphibien in der Trias, vom bunten Sandſteine an, die den höheren Typus der niederen Gruppe darſtellen, während die Vögel in der Kreide beginnen, die Säugethiere aber ſchon, wenn auch nur ſelten und nur in zwei Arten ihrer niederſten Unterklaſſe im Jura auftreten, aber erſt in der Tertiärperiode, eine bedeutſame Entwickelung erreichen.

Niedere Wirbelthiere.

Wenn es auf den erſten Blick ſcheint, daß Fiſche und Amphibien, welche beide dieſer Gruppe angehören, ſehr weit von einander ver - ſchieden ſind, indem die Einen durch ihre Floſſen, die Anderen durch ihre Füße ſchon einen genügenden Haltpunkt zur Unterſcheidung bie - ten, ſo haben die Entdeckungen der neueren Zeit gezeigt, daß gerade die Grenzlinie zwiſchen dieſen beiden Klaſſen kaum mit Sicherheit gelegt werden kann, indem es Weſen giebt, deren Charaktere ſo ſehr in der Wage liegen, daß das Zünglein nach der einen oder anderen Seite hin überſchlägt, je nachdem man dieſe oder jene Eigenthümlich - keit ſtärker beſchwert. Dagegen hält es um ſo leichter, die Scheide - linie zwiſchen Amphibien und Reptilien, welche letztere der anderen Gruppe angehören, mit Sicherheit und Beſtimmtheit zu ziehen, ſo daß man ſich in der That verwundern muß, wie noch immer die meiſten Forſcher in Folge des althergebrachten Schlendrians beide ſo äußerſt verſchiedene Typen in einer einzigen Klaſſe zuſammenfaſſen. Wir haben die charakteriſtiſchen Unterſchiede zwiſchen den beiden angegebenen Hauptgruppen der Wirbelthiere ſchon des Näheren vorgeführt und gezeigt, daß ſie namentlich in dem Mangel beſonderer vom Embryo27 ausgehender Hüllenbildungen, in der geraden Schädelbaſis und in der wirklichen Kiemenathmung zu irgend einer Zeit ihres Lebens liegen und daß namentlich die Amphibien ſich dadurch ſcharf von den Rep - tilien trennen, daß erſtere eine Larvenperiode durchmachen, welche den letzteren durchaus fremd iſt. Auf die Unterſchiede der beiden hierher gehörigen Klaſſen werden wir bei dieſen ſelbſt zurückkommen. Be - trachtet man die geologiſche Entwickelung dieſer Gruppe im Großen, ſo ſieht man die Fiſche ſchon in der älteſten Zeit mit den erſten Be - wohnern der Meere auftreten, welche die Uebergangsſchichten ablagern; die Amphibien dagegen erſcheinen erſt ſpäter in dem Salzgebirge oder der Trias mit merkwürdigen Formen, von denen es noch zweifelhaft iſt, ob ſie nicht vielleicht den Reptilien zugezählt werden dürften, ver - ſchwinden dann wieder und treten erſt in den Tertiärgebilden auf’s Neue mit der jetzigen Schöpfung verwandten Bildungen auf. Abge - ſehen von dem Auftreten jener zweifelhaften Familie in der Trias, hat man aus der ſpäten Erſcheinung der Amphibien Schlüſſe gegen die allmählige Fortentwickelung der Typen ziehen wollen, da ſie doch un - zweifelhaft niedriger organiſirt ſind, als die Reptilien, welche ſchon in dem Kupferſchiefer erſcheinen. Hält man aber die Thatſache im Auge, daß die Amphibien der Ausgangspunkt einer niederen Gruppe, die Reptilien der Anfangspunkt einer höheren ſind, ſo löſet ſich dieſer ſcheinbare Widerſpruch zur Beſtätigung des Geſetzes auf, indem es auch ſonſt vorkommt, daß die Anfangspunkte einer höheren Reihe tiefer zurückliegen, als die Endpunkte eines unbeſtreitbar niederer ſte - henden Typus.

Klaſſe der Fiſche. (Pisces.)

Die Körpergeſtalt dieſer Thiere, die ſtets nur zum Aufent - halt und zum Athmen im Waſſer beſtimmt ſind, iſt im Allgemeinen ſpindelförmig oder wurmartig, zuweilen aber auch in ſehr bizarrer Weiſe verunſtaltet. Gewöhnlich zeigt ſich eine ſeitliche Zuſammen - drückung, ſo daß die Höhe bedeutender erſcheint als die Breite, doch giebt es auch faſt kugelrunde oder elliptiſche Fiſche, an welchen eine ſolche Zuſammendrückung nicht hervortritt, während in andern Fällen dieſelbe ſoweit getrieben iſt, daß der Körper nur einem Bande oder28 einer ſenkrecht geſtellten Scheibe gleicht, deren obere Kante von dem Rücken, die untere von dem Bauche gebildet wird. Bei manchen Familien findet gerade das Gegentheil ſtatt, indem, wie z. B. bei den Rochen, der ganze Körper von oben nach unten abgeplattet er - ſcheint und ſo eine horizontale Scheibe darſtellt, deren Kanten von den Rändern der Bruſtfloſſen gebildet werden. Die Eintheilung des Körpers in Regionen unterliegt beſonderen Schwierigkeiten; der Kopf iſt niemals von dem Rumpfe durch einen Hals getrennt, ſondern im Gegentheile ſo in einer Flucht mit den Contouren deſſelben fortgeſetzt, daß keine Trennung nachgewieſen werden kann. Bei den meiſten Knochenfiſchen zeigt ſich zwar eine ſolche Trennung äußerlich durch die Kiemenöffnung, welche auch im gemeinen Leben das Ohr der Fiſche genannt wird; allein da bei dieſen die ſonſt am Halſe ange - brachten Kiemen unter den Kopf ſelbſt geſchoben ſind, ſo iſt dieſer Spalt vielmehr die Grenze zwiſchen Hals und Rumpf. Ein Schwanz kommt allen Fiſchen ohne Ausnahme zu, d. h. eine hintere Fortſetzung des Körpers, welche das weſentlichſte Bewegungsorgan bildet und keine Eingeweide mehr birgt; allein auch hier läßt ſich die Gränze des Schwanzes meiſt nur durch die Lage des Afters von außen be - ſtimmen, da der Rumpf ganz allmählig in denſelben übergeht und die Stellung der hinteren Gliedmaßen ſeine Gränze durchaus nicht angiebt.

Da die Fiſche lediglich nur zum Aufenthalt im Waſſer beſtimmt ſind, ſo iſt auch ihr ganzer Körperbau und namentlich die Bewe - gungsorgane dieſem gemäß eingerichtet. Mächtige Muskeln liegen zu beiden Seiten der Wirbelſaite vom Kopfe bis zur Schwanzſpitze hin und bilden eigentlich nur zwei Hauptmaſſen, die indeſſen meiſtens noch ſeitlich ſo getheilt ſind, daß man vier Muskelzüge unterſcheiden kann, zwei obere zu beiden Seiten der Dornfortſätze gelegen und den Rücken bildend, und zwei untere unter der Wirbelſäule auf den Rippen und den unteren Dornfortſätzen ſich hinziehend, welche die Bauch - wandungen und die untere Seite des Schwanzes bilden. Dieſe Hauptmuskelmaſſen dienen weſentlich nur zur kräftigen Seitwärtsbe - wegung des Rumpfes und Schwanzes und zeigen eine eigenthümliche Bildung, indem ſie gewiſſermaßen in eine Menge von Ringen zer - fallen, welche durch Sehnenblätter von einander getrennt ſind, deren je eines einem Wirbel mit ſeinen Dornfortſätzen und Rippen entſpricht. Dieſe Sehnenblätter ſind der Stellung der Fortſätze gemäß gebogen, ſo daß man nach dem Abziehen der Haut auf der Oberfläche parallele Zickzacklinien ſieht, welche dieſen Sehnenblättern entſprechen. Bei29 Fiſchen, welche nicht ganz gar gekocht ſind, erhalten ſich dieſe Seh - nenblätter ebenfalls und laſſen die Abtheilung der Muskelmaſſen in zickzackförmige Ringe deutlich wahrnehmen. Auf einem queren Durch - ſchnitte erſcheinen dieſe Ringe, ihrer ſchiefen Stellung wegen, wie zwiebelartig in einander geſteckte Blätter von kegel - oder tutenförmi - ger Geſtalt. Die Fortbewegung im Waſſer wird weſentlich nur durch dieſe Muskelmaſſen bedingt, welche das genießbare Fleiſch der Fiſche bildet und das Schwimmen ſelbſt hat viele Aehnlichkeit mit den Bewegungen, welche die Schiffer an einigen Orten zu machen pflegen, wenn ſie mit einem einzigen in der Längsaxe des Bootes am Hin - tertheile angebrachten Ruder das Schiff zugleich lenken und fortſtoßen. Zur Vergrößerung der Fläche, welche der Körper der Fiſche dem Waſſer bietet, ſind noch beſondere Organe, ſogenannte Floſſen vor - handen, welche der Klaſſe faſt ausſchließend eigenthümlich ſind. Man unterſcheidet zwei Syſteme oder Gruppen dieſer Floſſen, die ſenkrechten in der Mittellinie aufgerichteten, und die paarigen, welche den Glied - maßen der übrigen Wirbelthiere entſprechen. Die ſenkrechten Floſſen, welche Form ſie ſpäter auch bei dem erwachſenen Fiſche haben mögen, entſtehen immer bei dem Embryo aus einem einzigen Hautſaume, wel - cher auf dem Rücken beginnend ſich um den ganzen hinteren Theil des Körpers herum bis zu dem After fortzieht und anfänglich durch - aus keine weiteren Abtheilungen zeigt; dieſe treten erſt ſpäter dadurch auf, daß an einzelnen Stellen der Hautſaum ſich erhebt und theilweiſe durch Strahlen geſtützt wird, während er an anderen Orten nach und nach ſchwindet oder nur als ſtrahlenloſe Hautfalte zurückbleibt. So bilden ſich denn bei den erwachſenen Fiſchen mancherlei Verſchie - denheiten aus; bei den einen bleibt die embryonale Floſſe in der ganzen Umgrenzung des hinteren Körpertheiles, wie z. B. bei den Aalen, bei anderen und zwar den meiſten findet ſich eine ſolche Tren -

Fig. 932.

Der Menſchenhai (Carcharias), um die Stellung der Floſſen zu zeigen. d Vordere Rückenfloſſe. d Hintere Rückenfloſſe. c Schwanzfloſſe. a Afterfloſſe. v Bauchfloſſen. p Bruſtfloſſen.

30 nung, daß drei Abtheilungen hervortreten; eine, welche den Rücken einnimmt, Rückenfloſſe (Pinna dorsalis), eine andere, das Ende des Schwanzes behauptende, Schwanzfloſſe (Pinna caudalis) und eine dritte, die an dem unteren Rande, meiſt unmittelbar hinter dem After angebracht iſt und die Afterfloſſe (Pinna analis) genannt wird. Rücken - und Afterfloſſen können in mehrfacher Zahl vorkom - men, wie denn überhaupt in Geſtalt, Bildung, Erſtreckung und Vor -

Fig. 933.

Der Kabeljau (Morrhua vulgaris) mit drei Rückenfloſſen und zwei Afterfloſſen.

handenſein dieſer Floſſen die größte Mannigfaltigkeit herrſcht. Es ſind dieſe Floſſen ſtets von Strahlen geſtützt, zwiſchen welchen eine dünne, aber feſte Haut ausgeſpannt werden kann; nur bei einigen Familien findet ſich auf dem Rücken eine kleine Floſſe, die keine Strahlen beſitzt und die Fettfloſſe (Pinna adiposa) genannt wird.

Fig. 934.

Die Bergforelle (Salmo Schiftermülleri), mit einer Fettfloſſe.

Die Strahlen ſelbſt aber, welche ſowohl in dieſen, als in den paa - rigen Floſſen vorhanden ſind, zeigen ſehr verſchiedene Natur. Bei den Knorpelfiſchen finden ſich hornige, ungegliederte, weiche, biegſame Strahlen in ungemeiner Anzahl, die ſich zerfaſern und gewöhnlich auf Querreihen cylindriſcher Knorpelſtückchen aufgeſetzt ſind, welche meiſt, beſonders an den Bruſt - und Bauchfloſſen, die Baſis des Thei - les der Floſſe bilden, der die Strahlen zeigt. Außer dieſen Strahlen findet man bei den Knorpelfiſchen noch große Stacheln, höchſtens aber nur einen in einer Floſſe, die aus Zahnſubſtanz beſtehen, innen hohl ſind und oft auf einem Knorpelzapfen aufſitzen. Bei den Knochen - fiſchen trifft man zwei Arten von Strahlen in den Floſſen; in dem einen Falle ſind dieſe Strahlen einfache Knochenſtacheln, die ſpitz zulaufen und an ihrem unteren, etwas verdickten Ende die Gelenk -31 fläche tragen, mit der ſie auf dem Floſſenträger befeſtigt ſind. Meiſt ſind dieſe Stachelſtrahlen hart und ſpröde, ſo daß ſie ſelbſt em - pfindlich verwunden können und nur bei wenigen Familien erſcheinen ſie ſo dünn und zart, daß ſie weich und biegſam werden. Sie kön - nen ſich mit Ausnahme der Schwanzfloſſe in allen übrigen Floſſen finden, bilden aber immer nur die vordere Partie der Floſſen und

Fig. 935.

Der Lippfiſch (Labrus merula). Die vordere Hälfte der Rücken - und Afterfloſſe iſt aus Stachelſtrahlen gebildet.

werden ſtets nach hinten von weichen Strahlen gefolgt. Dieſe wei - chen oder gegliederten Strahlen beſtehen zwar meiſt ebenfalls aus Knochenſubſtanz, ſind aber der Quere nach in einzelne Abthei - lungen zerlegt und zertheilen ſich zugleich der Länge nach dichotomiſch, ſo daß ſie, je länger ſie werden, deſto mehr ſich fächerartig ausbrei - ten, während ſie zugleich dünner und biegſamer werden. Alle dieſe Strahlen ſind auf beſonderen Knochen eingelenkt, welche in der Mit - tellinie zwiſchen den großen Muskelmaſſen ſtecken und meiſtens die Geſtalt einer mit der Spitze nach innen gerichteten Dolchklinge zeigen. An dieſen Floſſenträgern ſetzen ſich kleine Muskeln feſt, welche die Strahlen aufrichten und niederlegen, alſo die zwiſchen ihnen liegende Floſſenhaut ſpannen und erſchlaffen können.

Die paarigen Floſſen entſprechen, wie ſchon bemerkt, den Gliedmaßen der übrigen Wirbelthiere und zeigen als ſolche eine von den ſenkrechten Floſſen durchaus verſchiedene Structur, wenngleich die Bildung ihrer Strahlen mit der bei jenen vorkommenden überein - ſtimmt; die Bruſtfloſſe (Pinna pectoralis) fehlt zuweilen ganz, meiſtens iſt ſie vorhanden und ſteht dann immer unmittelbar hinter den Kiemen am Beginne des Rumpfes; ſie beſteht urſprünglich aus drei Theilen, aus dem Schultergürtel, welcher eine bogenförmige Geſtalt hat und anfangs aus einem einzigen Knorpelſtücke beſteht, welches bei der Verknöcherung in mehrere Stücke zerfällt, die man als Schulterblatt, Schlüſſelbein und Rabenbein unterſchieden hat; aus32 einem mittleren Theile, welcher gewöhnlich aus zwei Reihen verſchie - dener Stücke beſteht, die dem Arm und der Handwurzel entſprechen, aber ſtets nur kurz ſind und vor denen ſich ein Kranz kleiner cy - lindriſcher Stücke findet, die der Mittelhand entſprechen. Auf dieſem Kranze cylindriſcher Knorpel - oder Knochenſtückchen ſind die Strahlen eingelenkt, die oft eine ſo bedeutende Länge erreichen, daß ſie als

Fig. 936.

Flugfiſch des Mittelmeeres (Dactyloptera mediterranea). Die ungeheuren Bruſtfloſſen ſind Flugwerkzeuge geworden.

Flugwerkzeug dienen können. In ſeltenen Fällen fehlt die Bruſtfloſſe gänzlich, meiſt iſt aber dennoch der Schultergürtel auch dann mehr oder minder vollſtändig entwickelt. Die Bauchfloſſen (Pinna ab - dominalis), welche den hinteren Gliedmaſſen entſprechen, fehlen eben - falls oft gänzlich; wenn ſie aber vorhanden ſind, ſo beſtehen ſie immer aus einem inneren Knorpel - oder Knochenſtücke, welches einfach im Fleiſche ſteckt und unmittelbar die Floſſenſtrahlen trägt, deren Mus - keln ſich an ihm anſetzen. Hinſichtlich der Stellung beobachtet man eine dreifache Verſchiedenheit an dieſem Floſſenpaare. Bei den mei - ſten Fiſchen ſtehen dieſelben unter dem Bauche, etwa in der Mitte der Körperlänge, dem After ziemlich nahe gerückt, ſo daß ihre Ana - logie mit den Hintergliedmaßen ſogleich in die Augen fällt. Man nennt die Fiſche, bei welchen dieſe Stellung vorkommt, Bauchfloſ - ſer (Abdominales); Forellen und Weißfiſche z. B. gehören zu dieſer

Fig. 937.

Der Karpfen (Cyprinus carpio). Bauchfloſſer.

33

Fig. 938.

Amphiprion chrysogaster. Bruſtfloſſer.

Abtheilung. Bei den Bruſtfloſſern (Pisces thoracici), zu denen unſer Barſch zählt, ſtehen die Bauchfloſſen entweder unmittelbar oder dicht hinter den Bruſtfloſſen, ſo daß ihre Träger innen meiſt an dem Schultergürtel befeſtigt ſind. Bei den Kehlfloſſern (Jugulares)

Fig. 939.

Das Petermännchen (Trachinus vipera). Kehlfloſſer.

endlich, von denen in unſeren ſüßen Gewäſſern die Aalquappe oder Trüſche (Lota) ein Beiſpiel liefern kann, ſtehen die Bauchfloſſen noch vor den Bruſtfloſſen in dem dreieckigen Kehlraume und ihre Träger ſind gewöhnlich an dem Vereinigungspunkte der Schlüſſelbeine an dem Schultergürtel befeſtigt. Wenn auch dieſe verſchiedene Stellung der Bauchfloſſen nicht, wie Linné und viele Naturforſcher nach ihm es thaten, als weſentliche Grundlage der Eintheilung für die ganze Klaſſe benutzt werden darf, ſo kann man doch auf der andern Seite nicht verkennen, daß ſie mit manchen anderen Eigenthümlichkeiten der Organiſation im Zuſammenhange ſteht und deßhalb eine vorwiegende Berückſichtigung verdient.

Die Haut der Fiſche und die verſchiedenen Bildungen, welche ihr angehören, verdienen ihrer Eigenthümlichkeit wegen eine ganz be - ſondere Berückſichtigung. Allgemein findet man dieſelbe aus zwei weſentlichen Schichten zuſammengeſetzt, einer tieferen, feſteren, aus ver - ſchlungenen Zellgewebfaſern gebildeten Lederhaut, die verſchiedene Schuppen und Deckbildungen in ihrem Inneren trägt, über welche eine Oberhautſchicht ausgebreitet iſt, die meiſt ſich in zähen Schleim an ihrer Außenfläche auflöſt. Die verſchiedenen Farbſtoffe, welche denVogt. Zoologiſche Briefe. II. 334Fiſchen die oft ſo lebhaft glänzenden Tinten verleihen, beſtehen meiſtens aus fettigen oder öligen Subſtanzen, die theils in der Dicke der Lederhaut, theils zwiſchen ihr und der Oberhaut abgelagert ſind; nur die Silberfarbe, die faſt bei allen Fiſchen vorkommt und bei vielen ſich auch über innere Häute, das Bauchfell und die Schwimm - blaſe z. B. erſtreckt, wird von eigenthümlichen, dünnen mikroſkopiſchen Blättchen hervorgebracht, die abgeplattete Hornzellen zu ſein ſcheinen. Bei manchen Fiſchen, wie namentlich bei den Rundmäulern, zeigt ſich eine vollkommen nackte Haut, die nur von der ſchleimigen Ober - hautſchicht bedeckt iſt. Bei den meiſten dagegen ſieht man Schuppen oder ſonſtige Deckgebilde, deren nähere Betrachtung beſon - ders wichtig iſt, wenn gleich die davon abgeleiteten Charaktere nicht, wie man übereilter Weiſe gethan, als weſentliche Grundlagen der Claſſification gelten dürfen. Am weiteſten verbreitet ſind die eigent - lichen Schuppen, kleine feſtere Plättchen von horniger Conſiſtenz, welche in beſonderen Taſchen der Oberhaut ſich bilden und meiſtens in der Weiſe dachziegelförmig übereinander liegen, daß ſie einen völ - ligen Panzer um den Körper bilden. Dieſe Uebereinanderlagerung, welche indeß manchmal, wie z. B. bei den Aalen, gänzlich fehlt, läßt nur einen Theil der Schuppen auf der Oberfläche erſcheinen, meiſt in einer ganz anderen Geſtalt als die Schuppe wirklich hat, indem ihre vordere Partie gewöhnlich von dem freien Rande der vorhergehenden Schuppen bedeckt iſt. Der Grad des Uebereinandergreifens der Schup - pen wechſelt in dieſer Art vielfach, vom einfachen Nebeneinanderlagern bis zu vielfacher Uebereinanderſchichtung nach verſchiedenen Richtungen hin. Hinſichtlich der Struktur der Schuppen ſelbſt findet man fol - gende Hauptverſchiedenheiten: Die Hornſchuppen der gewöhnlichen Knochenfiſche, die meiſt eine elliptiſche oder rundliche Geſtalt haben,

Fig. 940. Fig. 941. Fig. 942.

Schuppen von Knochenfiſchen. Fig. 940. Cycloidſchuppe von der Forelle (Salmo fario), nur mit con - centriſchen Linien. Fig. 941. Cycloidſchuppe von der Ellritze (Phoxinus va - rius), mit ſtark vortret enden Radialſtrahlen. Fig. 942. Ctenoidſchuppe von einem jungen Barſche (Perca fluviatilis).

35 zeigen auf ihrer Oberfläche eine große Anzahl concentriſcher Linien, welche bald mehr, bald minder vollſtändige Kreiſe um eine Art Mit - telpunkt beſchreiben, der bald wirklich in der Mitte, bald mehr nach hinten liegt, an welchem Theile dieſe Linien meiſt unregelmäßig wer - den. Außer dieſen concentriſchen Linien ſieht man auf den meiſten Schuppen Streifen, welche von dem Centrum ſtrahlenförmig nach außen gehen, manchmal ſehr zahlreich ſind und ſich als Nähte oder Spalten darſtellen, die zuweilen ein förmliches Netz bilden. Unterſucht man die Schuppe genauer, ſo findet man, daß ſie aus zwei Lagen von Schichten beſteht, einer unteren von mehr horniger Struktur, in welcher die ſtrahligen Nähte ſich befinden und einer oberen härteren, ſchmelzartigen Schicht, welche durch aufgebogene Ränder und Zacken die concentriſchen Linien erſcheinen läßt. Der hintere freie Rand dieſer Hornſchuppen zeigt eine verſchiedene Ausbildung. Bei den einen, welche man die Rundſchupper (Cycloidei) genannt hat, iſt dieſer Rand vollkvmmen glatt, bei anderen, den Kammſchuppern (Cte - noidei) hingegen iſt dieſer hintere Rand mit Stacheln beſetzt, die bald einfach als ausgeſägte Zacken erſcheinen, bald von beſonderen ſpitzen Körperchen gebildet werden, welche auf dieſen hinteren Rand, ſo weit er frei hervorſteht, aufgeſetzt ſind. Ein zweiter Haupt - typus der Schuppenbildung wird von denjenigen Fiſchen geliefert, bei welchen dicke, harte Knochenſchuppen vorkommen mit deutlich ausge - bildeten Knochenkörperchen, über welche eine Schicht durchſichtigen Schmelzes ergoſſen iſt, deſſen Struktur oft derjenigen des Zahnſchmel - zes ähnelt. Die Knochenſubſtanz iſt hier offenbar in Schichten ab - gelagert und nimmt an der Bildung der mannigfachen Verzierungen, welche häufig auf dieſen Schuppen vorkommen, keinen Antheil; ſeltener

Fig. 943. Fig. 944. Fig. 945.

Rundſchuppen von Ganoiden. Fig. 943. Von Glyptolepis elegans. Der hintere Theil der Schuppe trägt Schmelzwülſte. Fig. 944. Mehrere Schuppen von Glyptolepis micro - lepidotus. Fig. 945. Schuppe von Macropoma Mantelli mit aufgeſetzten Schmelzwülſten auf dem freien Theile.

erſcheinen dieſe Schmelzſchuppen von rundlicher Geſtalt und in ähnlicher Weiſe übereinander gelagert, wie die Hornſchuppen der ge -3*36wöhnlichen Knochenfiſche; meiſtens haben ſie eine rhomboidale, eckige Form und greifen nur wenig mit ihren Rändern übereinander; während ſie ſie durch beſondere Zapfen auf der inneren Seite aneinander gelenkt ſind;

Fig. 946. Fig. 947. Fig. 948.

Rhombenſchuppen von Ganoiden. Fig. 946. Von Lepidosteus. Fig. 947. Vier Schuppen von Palaeonis - cus von der inneren Seite, um ihre Zapfenverbindung zu zeigen. Fig. 948. Schuppe von Lepidotus.

ſie kommen nur in der Ordnung der Ganoiden vor, welcher ihrer größ - ten Zahl nach von ausgeſtorbenen Gattungen gebildet wird. Ein dritter Typus der Bedeckung, der ſich dem vorigen nahe anſchließt, beſteht in der Exiſtenz einfacher Knochenplatten, die hie und da in die Haut eingeſenkt ſind und zuweilen ſo zuſammenſtoßen, daß ſie einen vollſtändigen Panzer bilden. Zuweilen ſind dieſe Knochen -

Fig. 949. 950. 952. 953. 954. Fig. 951. 955. 956.

Knochentafeln und Stacheln. Fig. 949 951. Nagelſchuppe einer Buckelroche (Raja clavata). Fig. 949. Von oben, Fig. 950. von der Seite, Fig. 951. vergrößerter Durchſchnitt. Der Nagel beſteht aus Zahnſubſtanz, die Baſis, auf welcher er aufſitzt, aus Knorpel. Fig. 952 und 953. Untere und obere Anſicht einer aus Hornſubſtanz und Zahn - ſchmelz gebildeten Tafel eines Kofferfiſches (Ostracion). Fig. 954. Knochentafel aus der Haut des Störs (Accipenser sturio). Fig. 955. Bruſtfloſſenſtachel eines Panzerwelſes (Callichthys miles). Fig. 956. Vergrößerter Durchſchnitt deſſelben.

platten mit förmlicher Zahnſubſtanz belegt; in anderen Fällen er - ſcheinen ſtatt ihrer Hornplatten, welche dann ebenfalls mit Zahnſub -37 ſtanz überkleidet ſind. Bewegliche Anhänge, welche ſich auf dieſen Platten finden, haben ganz die Struktur kleiner Zähne. Dieſe Bil - dung führt hinüber zu derjenigen Struktur der Haut, welche ſich gewöhnlich bei den quermäuligen Knochenfiſchen zeigt. Bei dieſen liegen in der dicken Lederhaut Knorpelanhäufungen verbreitet, die bald nur einen kleinen Raum einnehmen, bald aber größere Scheiben bilden, auf denen dann ſpitze Stücke, Scherben und Stacheln ſtehen, welche gänzlich aus Zahnſubſtanz gebildet ſind. Genauer ſind dieſe letzteren Formen noch nicht unterſucht worden.

Außer den angeführten Deckgebilden findet man noch bei faſt allen Fiſchen beſondere Kanäle in der Haut vor, welche mit der Schleimabſonderung im Zuſammenhang ſtehen ſollen und deßhalb die Schleimgänge genannt werden, wahrſcheinlich aber eine ganz an - dere Bedeutung haben. Der Schleim, welcher die Oberfläche der Fiſche ſchlüpfrig macht, iſt in Wahrheit nur die äußere Schicht ihrer im Waſſer aufgeweichten Oberhaut, welche ſich ganz ſo verhält, wie die Oberhautſchicht unſerer Zunge oder der inneren Darmhaut. Die ſo - genannten Schleimgänge ſelbſt beſtehen aus einem ſeitlichen Kanale, der meiſtens in der ganzen Länge des Körpers ſich hinzieht, von einer faſerigen, ſehr dünnen Schleimhaut ausgekleidet iſt und eine Menge kleiner Kanälchen abſendet, welche durch beſondere Schuppen nach außen münden. Die aufeinander folgende Reihe dieſer Schuppen bildet die ſogenannte Seitenlinie, die ſich bei den meiſten Fiſchen außen am Rumpfe erkennen läßt und vielfachen, zur Charakteriſtik der Gattungen und Arten ſehr brauchbaren Verſchiedenheiten unterliegt. Gegen den Kopf hin ſteht dieſer Seitenkanal meiſtens mit beſonderen Röhren in Verbindung, die gewöhnlich in den äußeren Schädelknochen oder in eigenen Knochenröhren eingeſchloſſen ſind und mehr oder minder weit an dem ganzen Kopfe ſich verbreiten. Es gehen dieſe Röhren von beſonderen Blindſäcken aus, die an ihrem Grunde ſtets Nerven erhalten, welche ſehr eigenthümliche Geflechte bilden, die den Ausbreitungen der Hörnerven in den Ampullen der halbzirkelförmigen Kanäle gleichen und ſo auf die Vermuthung leiten, daß man es hier eher mit einem eigenthümlichen Sinnesorgane zu thun habe. Bei den quermäuligen Knochenfiſchen ſind dieſe Kanäle des Kopfes und ihre knoſpenartigen, nervenreichen Anfänge beſonders ſtark entwickelt und mit einer gallertartigen Sulze erfüllt, welche auch nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit dem Schleime hat, der die Oberfläche der Haut überzieht.

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Fig. 957.

Skelett des Barſches (Perca fluviatilis) in den Schattenriß des Fiſches eingezeichnet. Man unterſcheidet beſonders die Augenhöhle, von unten her durch den Joch - beinbogen begränzt, den Kiemendeckelapparat, die verſchiedenen Floſſen mit den ſtacheligen Trägern der Strahlen und am Anfange der Bauchhöhle die auf den Rippen aufſitzenden Fleiſchgräten.

Das Skelett der Fiſche verdient ſchon um deßwillen eine ganz beſondere Berückſichtigung, weil hier dieſer weſentliche Charakter der Wirbelthiere in ſeiner urſprünglichen Einfachheit auftritt und wir ebenſowohl bei den erwachſenen Typen, als auch bei den Embryonen der höheren Fiſche die einzelnen Entwickelungsſtufen des Skelettes von ſeiner Urform an zu verwickelteren Geſtalten verfolgen können. In der That läßt ſich wohl nirgends ſo deutlich als hier, die vollſtändige Uebereinſtimmung der embryonalen Bildungen mit den bei den niede - ren Typen entwickelten Formgeſtaltungen nachweiſen und dieſe Ueber - einſtimmung iſt ſo auffallend, daß man faſt genöthigt wäre, mit den - ſelben Worten die Beſchreibung der Entwickelung des Skelettes beim Embryo und bei den einzelnen Familien zu wiederholen.

Die niedrigſte Form der Wirbelbildung, die wir überhaupt fin - den, iſt bei dem Lanzettfiſchen (Amphioxus) hergeſtellt. Hier

Fig. 958.

Das Lanzettfiſchchen (Amphioxus lanceolatus), von der Seite geſehen. a Rückenſaite (Chorda). b Mund. c Kiemenſchlauch. d Leber-Blinddarm. e Bauchhöhlenöffnung (porus abdominalis). f After. g Schwanzfloſſe. h Cen - tralnervenſyſtem, vorn mit dem punktförmigen Auge und der becherförmigen Naſe.

39 findet ſich nur ein Axenſtrang, eine Wirbelſaite von knorpelig zelliger Struktur, die ſich von einem Ende des Körpers bis zum andern in gerader Linie erſtreckt, vorn und hinten zugeſpitzt endet und von einer Scheide umgeben iſt, die ſich nach oben zu einer häutigen Hülle für das durchaus ſtrangförmige Centralnervenſyſtem fortſetzt. Die Scheide dieſer Wirbelſaite, ſowie das von ihr ausgehende Hauptrohr, welches das Nervenſyſtem umhüllt, entbehren jeglicher feſten Bildung und das ganze Skelett beſteht demnach ebenſo, wie bei der erſten Anlage im Embryo, nur aus der Wirbelſaite mit ihren häutigen Hüllen. Ein wahrhafter Schädel exiſtirt bei dem Lanzettfiſche gar nicht, indem die Wirbelſaite bis an das äußerſte Ende der Körperſpitze reicht und ihre Scheide nirgends eine ſeitliche Ausbreitung oder das Nervenrohr eine bedeutendere Erweiterung zeigt. Durch dieſe Ausbildung eines Schädels, welcher die ſtärkere Anſchwellung des Gehirnes einſchließt und in deſſen hinterem Theile das vordere Ende der Wirbelſaite ein - gepflanzt iſt, etwa wie der Stiel in dem Eiſen eines Grabſcheites, unterſcheidet ſich die bei den Rundmäulern, wozu die Neunaugen und Querder gehören, ausgeprägte Bildung. Hier exiſtirt an der Stelle einer Wirbelſäule ebenfalls nur eine halb faſerige, halb zellige Wirbelſaite von ſehniger Hülle umgeben, die ſich nach oben in ein Nervenrohr, nach unten in einen zweiten häutigen Kanal fort - ſetzt, welcher die großen Körpergefäße umſchließt. Bei den eigentlichen Neunaugen entwickeln ſich in dem häutigen Rohre, welches die Nervenmaſſe umſchließt, einander gegenüberſtehende paarige, knorpelige Leiſten, die erſten Andeutungen der oberen Bogenfortſätze der Wirbel. Man ſieht alſo, daß die Bogen - fortſätze, welche den häutigen Röhren aufliegen, ſich vor den Wirbelkörpern, zu denen ſie gehören, entwickeln, eine Aufeinander - folge, die auch bei dem Embryo gültig iſt. Dieſe Bogen bilden ſich raſch aus; bei den Stören und bei vielen foſſilen Fiſchen findet ſich noch keine Spur eines Wirbelkörpers vor, ſondern nur eine durch - gehende, ſtrangförmige Wirbelſaite und dennoch wölben ſich obere, wie untere Bogenſtücke vollſtändig in der Form von Spitzbogen zu - ſammen und über dieſe Wölbung ſtellen ſich in der Rückengegend ein - fache knorpelige Dornfortſätze, während an dem Bauche ſich Rippen ausbilden, welche die Eingeweide umfaſſen. Bei den Seekatzen (Chi - maera) endlich beginnt die Bildung der Wirbel und zwar in Form von ringförmigen Platten, die in der äußeren Schicht des Wirbel - ſaitenſtranges entſtehen und deren mehrere auf je ein knorpeliges40 Bogenſtück gehen. Man ſieht deutlich, wie auf dieſer ſtrahlig verhärteten Ringſchicht, welche den innerlich hohlen Knorpelſtrang der Wirbelſaite einſchließt, oben wie unten zapfenartige Knorpelſtücke ſitzen, von denen die unteren ſich nur in der Schwanzgegend, die oberen dagegen in der ganzen Länge zuſammenwölben und durch obere Schaltſtücke, den Darmfortſätzen entſprechend, mit einander verbunden werden. Statt äußerer Verhärtungen knorpeliger oder knöcherner Natur zeigt ſich bei manchen Haien (Notidanus) die Wirbelſaite durch häutige mitten durchbrochene Scheidewände, deren jede der Mitte eines Wirbelkörpers entſprechen würde, innerlich abgetheilt. Bei allen übrigen Fiſchen endlich tritt eine mehr oder minder vollſtändige Verknöcherung ein, ſo daß ſtatt einer Wirbelſaite eine Reihe von Wirbelkörpern hinter einander liegt, die gewöhnlich eine cylindriſche Geſtalt haben und häufig in der Mitte zuſammengedrückt ſind. In dieſe Wirbelkörper, die bei den Knorpelfiſchen nur netzförmig verknöchern, erſcheinen mei - ſtens die oberen und unteren Bogenfortſätze zapfenartig eingeſenkt, ſo daß ſie ſich nicht ſelten mit Leichtigkeit trennen laſſen. Die Wirbel - körper ſelbſt ſind bei den meiſten Fiſchen vorn wie hinten in der Weiſe kegelförmig ausgehöhlt, daß die Spitzen dieſer Höhlungen in der Mitte der Wirbelaxe zuſammentreffen und hier durch ein kleines Loch mit einander verbunden ſind. Die Wirbelkörper berühren einander demnach nur mit ihrem äußeren Rande und laſſen doppelkegelförmige Höhlungen übrig, welche mit einer gallertartigen Sulze, dem Reſte der urſprünglichen Wirbelſaite, ausgefüllt ſind. Nur ein einziger von allen bis jetzt bekannten Fiſchen, der Knochenhecht (Lepidosteus), erhebt ſich über dieſe Bildung, indem bei ihm Wirbelkörper vorkom - men, die vorn einen Gelenkkopf und hinten eine runde Gelenkhöhle beſitzen. Auf dieſen Wirbelkörpern, die bald knorpelig, bald mehr oder minder verknöchert ſind, ſtehen die oberen oder Nervenbogen, welche meiſtens über dem Rückenmarke zu einem einfachen Dornfort - ſatze verſchmelzen, deſſen Baſis zuweilen noch einmal auseinander weicht, um ein faſeriges Längsband zu bilden. Meiſt gehen von der Baſis dieſer oberen Bogen noch eigene ſchiefe Fortſätze oder Gelenk - fortſätze aus, welche nach hinten und vorn mit den entſprechenden Fortſätzen der anſtoßenden Wirbel artikuliren. Die unteren Bogen - ſtücke ſind in der Bauchgegend gewöhnlich nach außen gerichtet und ſtoßen in dieſer Gegend in der Mittellinie nur ſelten zuſammen, um einen Kanal für die Aorta und die Hohlvene zu bilden; dagegen tragen dieſe mehr nach außen gerichteten unteren Bogen, welche man auch die Blut - bogen nennen könnte, die die Bauchhöhle umfaſſenden Rippen. Weiter nach41 hinten, gegen die Schwanzgegend hin treten dieſe Bogenſtücke in der Mitte zu einem Kanale für die Gefäße zuſammen, obgleich ſie dort noch häufig Rippen tragen, und in dem Schwanze ſelbſt vereinigen ſie ſich meiſtens zu einem langen Dornfortſatze, ſo daß hier ihre Bildung vollkommen derjenigen der oberen Bogen entſpricht. Die Rippen, welche zuweilen ſehr ſtark ſind, in andern Fällen gänzlich fehlen, ver - einigen ſich niemals in ein eigentliches Bruſtbein, ſondern endigen ſtets frei im Fleiſche. Zuweilen, wie bei den Häringen, iſt freilich das Bruſtbein durch eine ſtarke Reihe ſcharfer gekielter Schuppen an - gedeutet, mit denen die Rippen durch Sehnenbänder verbunden ſind. Außer dieſen auch ſonſt bei den übrigen Wirbelthieren vorkommenden Bildungen finden ſich bei vielen Fiſchen noch beſondere knochige Sta - cheln oder Fleiſchgräten, welche ſich in den Sehnenblättern bilden, die man an den Maſſen der Seitenmuskeln beobachtet. Zuweilen werden dieſe Fleiſchgräten ſo ausnehmend ſtark, daß man ſie ſelbſt mit den Rippen verwechſeln kann, mit denen ſie gewöhnlich in mehr oder minder genauer Verbindung ſtehen.

Eine beſondere Aufmerkſamkeit verdient auch in ſyſtematiſcher Hin - ſicht das hintere Ende der Wirbelſaite und ſeine Beziehung zu der Schwanzfloſſe. Bei den niederſten Knorpelfiſchen endet die Wirbelſaite einfach zugeſpitzt im Fleiſche, der Mitte der Schwanzfloſſe gegenüber, eine Bildung, die auch in früheſter Zeit bei den Embryonen vor - kommt; bei den meiſten übrigen Knorpelfiſchen dagegen, ſowie bei

Fig. 959.

Palaeoniscus mit heterocerker, Fig. 960. Dapedius mit homocerker Schwanzfloſſe.

vielen Ganoiden, hebt ſich das hintere Ende der Wirbelſäule in die Höhe, einen flachen Bogen bildend, deſſen Convexität nach unten ge - wendet iſt, und ſetzt ſich ſo in den oberen Lappen der Schwanzfloſſe fort, deren Kante ſie oft in ihrer ganzen Ausdehnung bildet. Die42 Floſſenſtrahlen, die nichtsdeſtoweniger oft eine ſichelförmige Floſſe her - ſtellen, ſetzen ſich dann nur auf der unteren Seite dieſes erhobenen Lappens feſt. Man hat ſolche Floſſen, die ſich auch beim Embryo zu einer gewiſſen Zeit finden, heterocerke genannt und bemerkt, daß ſie namentlich in den älteren Schichten bis zum Jura faſt aus - ſchließlich vorkommen. Allmählig indeß ſinkt dieſe Bildung zurück, das Ende der Wirbelſäule bleibt zwar noch erhoben, aber es ſetzt ſich ſchon ein Floſſenbart an ſeiner oberen Fläche feſt, der allmählig zu - nimmt, während zugleich der aufwärts gekrümmte Theil der Wirbel - ſäule ſtets mehr und mehr zurückſinkt und endlich der Schwanz äußer - lich vollkommen abgerundet, der Mitte der Schwanzfloſſe gegenüber endet, von deren Floſſenſtrahlen ebenſoviele auf ſeiner oberen oder unteren Kante befeſtigt ſind. Solche Floſſen, die bei den meiſten Knochenfiſchen vorkommen, hat man homocerke genannt; unterſucht man aber die Struktur des Skelettes, ſo findet man, daß bei vielen Fiſchen nichtsdeſtoweniger eine Andeutung der früheren Bildung zu - rückbleibt, indem die letzten Schwanzwirbel ſich bogenförmig aufwärts krümmen und meiſtens noch in einen aufgerichteten, kurzen Faſerſtrang übergehen, der ein Reſt der Wirbelſaite iſt. Die unteren Dornfortſätze die - aufgebogenen Wirbel ſtehen dann mehr oder minder horizontal nach hinten und verwachſen zu einer breiten Platte, an welcher die Strah - len der homocerken Floſſe befeſtigt ſind, die demnach dennoch eigent - lich auf den unteren Dornfortſätzen der aufgebogenen Wirbel ſtehen und ſomit den Strahlen der heterocerken Schwanzfloſſen analog ein - gepflanzt ſind.

Der Schädel der Fiſche zeigt durchaus dieſelbe Wiederholung embryonaler Entwickelung, die wir auch bei der Wirbelſäule beobach - teten. Er iſt zuerſt beſtimmt, eine Kapſel für das ſtärker aufgewulſtete Hirn und für die ſpezifiſchen Sinnesorgane bes Kopfes zu bilden und ſchon in der erſten Stufe, wo ſich eine ſolche Erweiterung zeigt, gewahren wir auch verknorpelte Theile, die ſich zuerſt auf der Baſis entwickeln, allmählig aber nach oben ſich zuwölben und ſo zuletzt eine vollſtändige ganz oder bis auf wenige Lücken geſchloſſene Kapſel bil - den. Der allgemeine Typus, der ſich bei den Rundmäulern aus - gebildet findet, iſt dieſer. Die Wirbelſaite endigt mehr oder minder zugeſpitzt in einer Knorpelmaſſe, auf welcher der hintere Theil des Gehirnes ruht und die zu beiden Seiten zwei feſte Blaſen bildet, in denen die Ohrlabyrinthe eingeſchloſſen ſind. Nach vorn ſetzt ſich dieſe Knorpelmaſſe, welche nur eine Erweiterung der Scheide der Chorda iſt, in zwei mehr oder minder leierförmig gebogene Knorpelleiſten43

Fig. 961. Fig. 962. Fig. 963.

Schädel des Querders (Ammocoetes branchialis). Fig. 961. Von der Seite. Fig. 962. Von unten. Fig. 963. Der Länge nach durchſchnitten, um die Höhlungen zu zeigen. A Lippenknorpel. B Naſen - kapfel. C Hirnkapfel. D Ohrbläschen. E Wirbelſaite. F Schädelleiſten. G Gaumenplatte.

fort, welche unter dem Vorderhirne zuſammenſtoßen und einen mitt - leren Raum umſchließen, der in den erſten Anfängen nur von Haut umſchloſſen iſt und auf dem der Hirnanhang ruht. Dieſer Raum

Fig. 964.

wird von unten her bei weiterer Entwickelung durch eine Platte ge - ſchloſſen, die gewöhnlich eine Löf - felförmige Geſtalt hat und die, weil ſie die Decke der Mundhöhle an dieſer Stelle bildet, die Gaumen - platte genannt werden kann. Die Seitentheile und die Decke des in dieſer einfachen Weiſe conſtituirten Schädels ſind anfangs noch häutig, verknorpeln aber nach und nach, während ſich, wie bei den Lampre - ten, neue Bildungen hinzugeſellen. Nach außen von den ſeitlichen Schädel - leiſten zeigen ſich nämlich zwei handha - benförmig gekrümmte, von den ſeitli - chen Schädelleiſten abgehende Knor -

Fig. 966.

Schädel der Lamprete (Petromyzon). Fig. 964. Von der Seite. Fig. 965. Von unten. Fig. 966. Der Länge nach durchſchnitten. Die Buchſtaben haben dieſelbe Bedeutung, wie bei den vo - rigen Figuren. H Gaumenbogen. I Zungenbogen. K Obere knorpelige Wir - belbogenſtücke.

44 pelbogen, welche die erſten Rudimente des Gaumenbogens bilden. Hinter dieſen Gaumenbogen treten noch andere Knorpelbogen hervor, die mehr oder minder beweglich mit dem Schädel verbunden ſind, nach unten ſich herumbigend in die Zunge eingehen und ſo die erſte Spur des Zungenbogens bilden. So zeigt ſich alſo auf dieſer letz - ten Stufe der Schädel zuſammengeſetzt aus einer oben häutigen, ſeitlich verknorpelten Kapſel für das Gehirn, der Fortſetzung des häutigen, mit knorpeligen Bogen belegten Rückenmarkrohres, an welche ſich nach vorn ein knorpeliges Naſenrohr anſchließt. Dieſe Kapſel ruht auf einer Baſis, die hinten aus der Spitze der Wirbelſaite und einer hinteren Knorpelplatte mit ſeitlichen Ohrblaſen gebildet wird. Nach vorn ſetzt ſich dieſe hintere Platte in vier Knorpelleiſten fort: zwei innere, die ſeitlichen Schädelleiſten, den Raum umſchließend, in welchem der Hirnanhang (Hypophysis cerebri) ruht, und zwei äußere, die Gaumenleiſten, die alle vorn in einer Knorpelmaſſe zuſammenfließen. Nach vorn lehnt ſich an dieſen Schädel das bei den Rundmäulern ſehr ausgebildete Syſtem der Lippenknorpel, nach hinten der Zungen - bogen, der bei den Fiſchen beſonders wegen der zu ihm gehörigen Kiemenbogen eine ausgezeichnete Bedeutung erhält.

Fig. 967. Fig. 968. Fig. 967 u. 968.

Kopfſkelett der Seekatze (Chimaera monstrosa). Der hintere Theil der Wirbelſäule iſt der Länge nach halbirt, um das Innere des Nervenrohres und der Chorda zu zeigen. Die kleine Figur 968 ſtellt einen Querſchnitt der Wirbelſäule in der Rückengegend dar. a Knorpel - ſtab der Schnauze, dem Syſtem der Lippenknorpel angehörig. b Lippenknorpel. c Zahnplatten. d Unterkiefer. e Kiemendeckel. f Handwurzel. g Mittelhand. h Schultergürtel. i Augenhöhle. k Sehnige Haut, den vorderen Theil des Hirns l einſchließend; ſie iſt links weggenommen. m Tragknorpel der Rücken - floſſe. n Stachel. o Floſſenträger derſelben. p Chorda. q Obere Schalt - ſtücke. r Seitenſtücke. s Untere Schaltſtücke am Nervenrohre. t Untere Bo - genſtücke. u Durchſchnitt des Rückenmarkes.

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Der eigentliche Schädel oder die Schädelkapſel, von dem wir im Verfolge zunächſt handeln, zeigt ſich bei den Quermäu - lern, die einen weiteren Fortſchritt erkennen laſſen, als eine einfache Knorpelkapſel, an deren Boden man keine Spur von einer Gaumenplatte, noch von der Endigung der Wirbelſaite findet; nur eine unbedeutende Verdickung zeigt die urſprüngliche Exiſtenz der ſeitlichen Schädelleiſten an. An ihrem hinteren Ende zeigt dieſe Schä - delkapſel ſeitliche, meiſt ganz abgeſchloſſene Räume für das Gehör - organ; mitten läuft ſie in becherförmige Ausbreitung zum Schutze der Augen fort und nach vorn endigt ſie in zwei von dem Gehirnraume abgeſchloſſene Naſenkapſeln. Am Hinterhaupte befindet ſich ein Gelenk zur Verbindung mit der Wirbelſaite bei den Seekatzen, oder mit dem erſten Halswirbel bei den Haifiſchen und Rochen.

Nirgends zeigt ſich eine Spur jener Deckplatten, deren erſtes Ru - diment wir in der Gaumenplatte fanden, und der Zungenbogen iſt, wie von nun an immer, an dem Schädel nur aufgehängt, nicht aber mit ihm verwachſen, wie dies bei den Neunaugen der Fall war.

Fig. 969.

Kopfſkelett des Sterlets (Accipenser ruthenus). a Hautknochen, welche Kopf und Schnauze einhüllen. b Naſengrube. c Augenhöhle. d Gaumen und Oberkiefer. e Unterkiefer. f Aufhängebogen des Kiefer - und Zungenapparates. g Kiemendeckel. h Schultergürtel. i Bruſt - floſſe. k Rippen. l Untere Bogenſtücke. m Chorda. n Rückenmarksrohr. o Obere Bogenſtücke. p Dornfortſätze.

Um ſo ausgezeichneter tritt das Syſtem der Deckplatten in der nächſten Stufe auf, die wir bei den Stören ausgebildet finden. Der ganze Schädel beſteht hier auch noch aus einer Knorpelkapſel, in deren Baſis ſich die Wirbelſaite bis weit nach vorn gegen den Augenraum hin fortſetzt, ohne daß ein Gelenk in der Hinterhauptsgegend vorhan - den wäre. Dieſer Schädel iſt aber von oben ſowohl, wie von unten mit knöchernen Deckplatten belegt, welche eine förmliche Hülle um den - ſelben bilden, die nur ſeitlich, wo der Kiefer -, Gaumen - und Zungen - apparat angehängt iſt, eine Lücke laſſen. Indeſſen gehören die oberen Deckplatten nicht jenem ſcharf beſtimmten Syſteme an, das bei den46 übrigen Knochenfiſchen ausgebildet iſt und den Schädel bildet, ſondern es ſind bloße Hautknochen, vollkommen ähnlich denjenigen, welche auch auf dem Rumpfe entwickelt ſind, deren Zahl und Geſtalt ſogar von einer und der anderen Art wechſelt. Auf der Unterfläche des Schädels findet ſich nur eine einzige knöcherne Platte, die ſich ſogar nach hinten über den Raum erſtreckt, welcher den erſten Halswirbeln entſpricht.

Bei den ſämmtlichen Knochenfiſchen nun laſſen ſich deutlich die allmäligen Fortſchritte der Verknöcherung des Schädels darthun. Faſt bei allen exiſtirt unter den Knochen, die ſich zu einer mehr oder minder vollſtändigen Kapſel zuſammenlegen, eine knorpelige Grundlage, die ebenfalls eine Hülle um das Gehirn bildet und als die urſprüng - liche Schädelkapſel, als der Ur - oder Primordialſchädel angeſehen werden muß. Unter unſeren gewöhnlichen Süßwaſſerfiſchen ſind es vorzüglich die Forellen und der Hecht, bei welchen dieſe knorpelige Schädelgrundlage in größter Ausbildung während des ganzen Lebens entwickelt bleibt, ſo daß man an einem gekochten Kopfe die größte Zahl der Schädelknochen abnehmen kann, ohne das Gehirn anders als ſtellenweiſe bloszulegen, indem es faſt überall von der inneren knorpeligen Kapſel des Urſchädels umſchloſſen bleibt. Es iſt ſehr wohl in das Auge zu faſſen, daß diejenigen Schädelknochen, welche wir mit dem Namen der Deckplatten bezeichnen, ſich durchaus nicht aus dieſem urſprünglichen Knorpel entwickeln, ſondern aus häutigen Grundlagen, die niemals vorher in Knorpel übergehen und daß die Deckplatten nur durch ihr Wachsthum die urſprüngliche Knorpelkapſel verdrängen; bei den Barſchen iſt dieß ſchon mehr der Fall, als bei den Hechten; bei den Weißfiſchen erhalten die Knochenbildungen durchaus das Ueber - gewicht und bei den Aalen iſt die urſprüngliche Knorpelkapſel durch - aus verſchwunden im erwachſenen Zuſtande und gänzlich durch die Knochen verdrängt. Die Knochen aber, welche den Schädel, ſo wie das ſonſtige Kopfſkelett zuſammenſetzen, ſind trotz äußerſt verſchiedener Formen ſtets nach demſelben Grundplane gebaut und entſprechen den Schädelknochen der höheren Wirbelthiere, bei denen ſie ſich auf analoge Art bilden, wenn gleich die knorpelige Schädelgrundlage bei dieſen ſtets nur im embryonalen Zuſtande vorhanden iſt.

Der hintere Theil des Schädels, der das Gelenk mit der Wirbel - ſäule herſtellt, wird von einer Anzahl Knochen gebildet, die durch47

Fig. 970. Fig. 971.

Fig. 970. Der Schädel des Hechtes (Esox lucius) von unten. Fig. 971. Derſelbe von oben.

ihre Zuſammenſetzung vollkommen das Bild eines Wirbels mit ſei - nem Körper, ſeinen Bo - genſtücken, welche das Mark überwölben, und ſeinem Dornfortſatze wie - derholt. In der That iſt dieſe Hinterhaupts - gegend aus einem Grund - knochen gebildet, der auf ſeiner hinteren Fläche dieſelbe kegelförmige Höh - lung zeigt, wie ein Wir - belkörper und den man den Hinterhauptskörper (Os basilare 5)*Bei allen Figuren dieſes Bandes, welche ſich auf das Skelett des Kopfes be - ziehen, ſind zu der Bezeichnung der einzelnen Knochen ſtets dieſelben Zahlen gewählt worden, ſo daß überall eine Vergleichung möglich iſt. Dieſe Zahlen ſind hier neben den Namen im Texte angeführt wir geben indeß hier noch ein Verzeichniß ſämmt - licher Knochen nebſt den ihnen zukommenden Zahlen, um die Ueberſicht zu erleichtern. In dem großen Fiſchwerke von Cuvier und Valenciennes, in dem Werke über die foſſilen Fiſche von Agaſſiz, in der Anatomie der Forellen von Agaſſiz und mir ſind ſtets identiſche Zahlen zur Bezeichnung derſelben Knochen gebraucht worden. 1. Stirnbein. Frontale. 2. Vorderes Stirnbein. Frontale anterius. 3. Naſenbein. Nasale. 4. Hinteres Stirnbein. Frontale posterius. 5. Hinterhauptsbein. Basilare. 6. Keilbein. Sphenoideum. 7. Scheitelbein. Parietale. 8. Oberes Hinterhauptsbein. Occipitale superius. 9. Aeußeres Hinterhauptsbein. Occipitale exterum. 10. Seitliches Hinterhauptsbein. Occipitale laterale. 11. Großer Keilbeinflügel. Ala magna Sphenoidei. 12. Schläfenſchuppe. Temporale. 13. Felſenbein. Petrosum. 14. Kleiner Keilbeinflügel. Ala parva Sphenoidei. 15. Siebbein. Ethmoideum. 16. Pflugſcharbein. Vomer. 17. Zwiſchenkiefer. Intermaxillare. 18. Oberkiefer. Maxillare.) genannt hat. Auf dieſem Körper ruhen die beiden Bogenſtücke, die ſeitlichen Hinter -48 hauptsbeine (Occipitalia lateralia 10), welche das verlängerte Mark umfaſſen und deren Schluß nach oben durch einen meiſt kammartig entwickelten Knochen, die Hinterhauptsſchuppe (Occipitale supe - rius 8) gebildet wird. Zwiſchen dieſe Schuppe und die Seitenſtücke ſchieben ſich meiſt noch zwei Schaltſtücke, die äußeren Hinter - hauptsbeine (Occipitalia externa 9) ein. Dieſe Knochen bilden ſich ſämmtlich durch Verknöcherung des urſprünglichen Schädelknorpels aus und ſtellen, wie ſchon bemerkt, einen vollſtändigen Wirbel, den Hinterhauptswirbel, dar.

In Geſtalt eines zweiten unvollſtändigen, unentwickelten Wirbels zeigen ſich diejenigen Knochen, welche weiter nach vorn durch Verknö - cherung der ſeitlichen Schädelleiſten entſtanden ſind. Als Theile dieſes ſogenannten Keilbeinwirbels ſtellen ſich zwei Knochen dar, welche mit ihrem hinteren Rande an die Knochen des Hinterhauptes anſtoßen, nach unten in der Mitte zuſammentreten und meiſtens einen bedeuten - den Antheil an der Bergung des Gehörorganes nehmen. Dieſe Knochen ſind die großen Keilbeinflügel (alae magnae ossis sphenoïdei 11), an die ſich nach vornen noch zwei andere Knochen anſchließen, die meiſtens den Grund der Augenhöhle bilden und die kleinen Keil - beinflügel (Alae parvae sive Alae orbitales 14) genannt werden. *19. Jochbein. Jugale. 20. Naſenflügel. Supranasale. 21. Oberſchläfenbein. Supratemporale. 22. Gaumenbein. Palatinum. 23. Zitzenbein. Mastoideum. 24. Querbein. Transversum. 25. Flügelbein. Pterygoideum. 26. Quadratbein. Quadratum. 27. Paukenbein. Tympanicum. 28. Kiemendeckel. Operculum. 29. Griffelbein. Styloideum. 30. Vorderdeckel. Praeoperculum. 31. Hammerbein. Tympano-malleale. 32. Unterdeckel. Suboperculum. 33. Zwiſchendeckel. Interoperculum. 34. Zahnſtück35. Gelenkſtück36. Eckſtückdes Unterkiefers.DentaleArticulareAngularemaxillae inferioris.37. Zungenbeinhorn. Cornu hyoidei. 43. Kiemenhautſtrahlen. Radii branchiostegi.49

Fig. 972.

Der Schädel des Hechtes der Länge nach ſenkrecht durchſchnitten. Die knorpelig bleibenden Theile ſind hier, wie bei den vorigen Figuren, durch ſenkrechte Strichelung bezeichnet.

Vielleicht kann man dieſe letzteren beiden Knochen, welche den vorderen Schluß der Hirnkapſel gegen die Augenhöhle hin bewirken, auch als Theile des vorderſten Schädelwirbels betrachten, welcher ſonſt nur durch ein einziges, oft fehlendes Knöchelchen repräſentirt wird, das aus dem vorderen Vereinigungspunkte der knorpeligen Schädelleiſten ſich bildet und das man das hintere Siebbein (Ethmoideum poste - rius 15) nennen kann. Oeffnet man den Schädel, ſo findet ſich nur bei einigen wenigen Fiſchen ein kleines Knöchelchen im Inneren, wel - ches zur ſpeziellen Umhüllung des Gehörorganes ſich anſchickt und das man als Felſenbein (Os petrosum 13) bezeichnen muß. Bei den meiſten ſind die ſämmtlichen Höhlen für das Gehörorgan je nach der Größe des letzteren mehr oder minder in allen ſeitlichen Schädelknochen angebracht.

Nur die bis hierher angeführten Knochen bilden ſich durch direkte Verknöcherung aus der urſprünglichen knorpeligen Schädelkapſel, aus dem Primordialſchädel, und gehören deßhalb auch in Wahrheit zu dem Wirbelſyſteme. Es haben ſich viele und heftige Streitigkeiten über die im Beginne unſeres Jahrhunderts auftauchende, hauptſächlich von den Naturphiloſophen ausgehende Anſicht entwickelt, wonach die ſämmtlichen Knochen des Schädels nur mehr oder minder zerlegte Theile von urſprünglichen Wirbeln ſein ſollten. Man glaubte einen durchaus gemeinſamen Plan für den Kopfbau aller Wirbelthiere her - ſtellen und alle Knochen, die man nur irgend vorfand, in den Wirbel - typus hineinzwängen zu können, ſo daß man in den Kiefer - und Kiemenbogen bald Rippen, bald beſondere Ausſtrahlungen, den Glied - maſſen ähnlich, ſehen wollte und in dem Schädel ſelbſt bald mehr, bald weniger vollſtändige Wirbel herauszudeuten ſich bemühte. Die allgemeine Anſicht geht jetzt ohne Zweifel dahin, daß viele Knochen exiſtiren, welche mit dem Wirbelſyſteme durchaus nichts gemein haben, daß manche unter dieſen feſten Skelettheilen ſogar nur einzelnen Grup - pen der Wirbelthiere zukommen, anderen aber durchaus fehlen, wie dieVogt. Zoologiſche Briefe. II. 450Lippenknorpel oder die Schleimröhrenknochen, und daß es demnach auch gar nicht auffallend ſein kann, wenn ſelbſt die nach gemeinſamem Plane angeordneten Schädelknochen nur in ſo weit Theile von Wirbeln darſtellen, als ſie aus der urſprünglichen Knorpelanlage des Schädels entſtanden ſind, während die Deckplatten dem Wirbeltypus gänzlich fremd bleiben.

Zu dieſen letzteren Deckplatten gehören nun folgende Knochen: Auf der unteren Fläche des Schädels zeigen ſich bei allen Knochen - fiſchen nur zwei unpaare Deckplatten von mehr oder minder länglicher Geſtalt, hinten das Keilbein (Os sphenoïdeum 6), weiter nach vorn das Pflugſchaarbein (Vomer 16), letzteres ſehr häufig, erſteres nur ſehr ſelten mit Zähnen beſetzt, welche in der Mitte des Gaumen - gewölbes vorragen. Da die Keilbeinflügel und der Hinterhauptskörper, an welche ſich das Keilbein von unten her anlegt, meiſt an ihrer un - teren Fläche etwas ausgehöhlt ſind, ſo wird hierdurch ein Kanal, der untere Schädelkanal gebildet, der durch die Deckplatte gegen das Gaumengewölbe hin, durch die Keilbeinflügel gegen die Hirnhöhle hin abgeſchloſſen iſt und in welchem die geraden Augenmuskeln entſpringen. Die obere Decke des Schädels wird dagegen meiſtens von fünf Kno - chen gebildet, vier paarigen und einem unpaaren. Hinten auf dem Kopfe zu beiden Seiten der Hinterhauptsſchuppe zeigen ſich die beiden Scheitelbeine (Ossa parietalia 7), die meiſtens nur einen unbedeu - tenden Antheil an dem Schädeldache nehmen und nur ſelten einander in der Mittellinie berühren. Um ſo größer ſind gewöhnlich die beiden Stirnbeine (Frontalia 1), die in der Mittellinie zuſammenſtoßen und den hauptſächlichſten Theil des Schädeldaches bedecken. An dieſe Stirnbeine ſchließen ſich meiſt zwei Paare von Knochen an, welche die vordere und hintere Ecke der Augenhöhle bilden und die man als vorderes Stirnbein (Frontale anterius 2) und als hinteres (Frontale posterius 4) bezeichnet hat. Ganz nach vorn als Deckplatte der Schnauze findet ſich endlich eine meiſt unpaare, nur ſelten in zwei Theile getheilte Platte, die auf einem Knorpel ruht, in der die Naſen - gruben ſich befinden und die man das Naſenbein (Os nasale 3) nennt. Zur Vervollſtändigung des Schädels gehört endlich noch ein Knochen, welcher ſich neben und außen an das Stirnbein und die Scheitelbeine anlegt und hauptſächlich die Bildung der Gelenkhöhle für den Gürtel des Unterkiefers übernimmt; es trägt derſelbe mei - ſtens zum Schluſſe der Schädelkapſel gar nichts bei, ſondern legt ſich ſchuppenartig über die anderen Knochen herüber. Man hat ihn ſehr51 verſchieden gedeutet; wir nennen ihn die Schläfenſchuppe (Os temporale 12).

Der durch die Vereinigung dieſer verſchiedenen Knochen gebildete Schädel zeigt ſich nun als eine vollſtändige Kapſel, die das Gehirn und die Ohren gänzlich einhüllt, für Augen und Naſe dagegen mehr oder minder tiefe Gruben zeigt. Gewöhnlich ſind die Naſengruben vollſtändig getrennt und ſetzen ſich nach hinten durch die knorpelige Maſſe, welche den Kern der Schnauze bildet, in zwei nur von den Geruchsnerven durchzogene Kanäle fort, welche ſich in die meiſt großen Augenhöhlen öffnen. Dieſe ſind meiſt in der Mitte nur durch eine häutige Scheidewand getrennt, ſo daß bei dem knöchernen Schädel ſie in ein durchgehendes Loch zuſammenfließen, welches oben von den Stirnbeinen, unten von dem Keilbeine gedeckt iſt. Die Höhlen für die Gehörorgane ſind theils in den ſeitlichen Knochen, theils in den Knor - peln ausgewirkt und zwar in der Weiſe, daß ein Theil davon ſogar mit der Hirnhöhle zuſammenfließt. Auf der Außenfläche des Schädels zeigen ſich ſehr wechſelnde Gruben, Kämme und Leiſten, deren Bildung oft für die einzelnen Gruppen und Familien ſehr charakteriſtiſch iſt. Namentlich erhebt ſich gewöhnlich auf der Mittellinie des Hinterhaupts ein mehr oder minder hoher, von dem oberen Hinterhauptsbeine ge - bildeter Kamm, der ſich zuweilen über den ganzen Schädel wegzieht und oft noch von zwei ſeitlichen Kämmen begleitet wird, die durch tiefe Gruben getrennt ſind.

Als beſondere Anhänge des Schädels zeigen ſich noch zwei ver - ſchiedene Gruppen feſter Theile, die Lippenknorpel bei den meiſten Knorpelfiſchen und die Knochen der Schleimkanäle bei den meiſten Knochenfiſchen. Erſtere ſind um ſo mehr entwickelt, je niedriger der Fiſch ſteht; ſie bilden daher bei den Rundmäulern den größten Theil des Schädelſkelettes und namentlich die feſten Stützen der Lippen und der Fühlfäden. Bei den Quermäulern ſinken ſie mehr und mehr zurück, namentlich bei den Rochen, während ſie bei den Haien zuwei -