PRIMS Full-text transcription (HTML)
Liebe und Irrthum
Nordhauſen,Roſinus Landgraf.1827.

1. Das Zuſammentreffen.

Blauenſtein war im Begriff von einer langen Reiſe in die ſeit vielen Monden ſchmerzlich ent¬ behrte Heimath zuruͤckzukehren. Er hatte faſt ſaͤmmtliche Hauptſtaͤdte des gebildeten Europa beſucht, nach allen Richtungen durchſtreift, ihre Annehmlichkeiten, ihre ungeheure Verdorbenheit kennen gelernt. Die ſogenannte vornehme Welt ekelte ihn an; er wuͤnſchte ſich aus dieſem unſtaͤ¬ ten Treiben heraus in die freundliche Stille ſeines heimathlichen Lebens! War es unbefriedigte Sehnſucht, war es eine gewiſſe, ihm ſonſt ſo unbe¬ kannte, Leere ſeines Herzens: je naͤher er ſeiner Vaterſtadt kam, je wehmuͤthiger ward er geſtimmt, je mehr wurde es ihm einleuchtend, daß ihm etwas mangle, was eigentlich dem Leben wahren Reiz giebt.

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In dieſer Stimmung beſtieg er den Wagen, welcher ihn um eine halbe Tagereiſe dem Ziele naͤher bringen ſollte. Er uͤberdachte die letzte Vergangenheit noch einmal; er wollte den heim¬ lichen Grund ſeines Truͤbſinnes aufſuchen. War es etwa der letzte Brief ſeines Vaters, der darin beilaͤufig von einer Verbindung mit einem jungen Maͤdchen geſprochen, die er nicht einmal dem Namen nach kannte? Ich wuͤnſche, mein Sohn, hatte der Vater geſagt, ich wuͤnſche, daß Dein Herz ſich nicht fruͤher durch die Bande der Liebe feſſeln laſſen moͤge, als Du das Maͤdchen geſehn, welches ich Dir im Stillen als Dein treuſter Freund erwaͤhlt! Wer mogte, wer konnte dies ſein? Wie kam der Herr Papa auch gerade jetzt auf dieſen Einfall? Blauenſtein ſchloß die Augen, er traͤumte ſich wachend in alle dieſe kuͤnf¬ tigen Verhaͤltniſſe hinein, und wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als die voͤllige Freiheit in Beziehung auf die dereinſtige Wahl ſeines Her

Ich hab 'einmal ein Schaͤtzel gehabt,
Ich wollt' ich haͤtt 'es noch! ꝛc.

ſchmetterte der Poſtillon in ſein Horn; die Peitſche flog den abgemagerten Commiſſionsgaulen um die Rippen, und der polternde Wagen durch das duͤſtere Thor des Staͤdtchens Friedlingen. 5Der junge Reiſende fuhr aus ſeinem Taumel auf, und ſtarrte nach wenigen Augenblicken dem flinken Marquer des Gaſthauſes, vor dem der Schwager ſeine keuchenden Thiere anhielt, in's Geſicht, und fragte, wie das Hotel heiße.

Ew. Excellenz belieben zu ſpaßen, erwiederte der Gefragte ſchmunzelnd. Das ehrenwerthe, einzige Gaſthaus zu Friedlingen nennt ſich zum blauen Fuchs, Ew. Gnaden zu dienen!

Blauenſtein ſah ſich ein wenig in dem ihm eingeraͤumten Zimmer um; er ſtreckte die muͤden Glieder aus, und goß, mit ſeinen Gedanken wieder einmal im elterlichen Hauſe, ein Stutzglas Bur¬ gunder in die durſtige Kehle. Indem trat der Poſtillon herein, kam treuherzig naͤher mit gekruͤmmter Hand, und nickte laͤchelnd. Hab 'ich Ew. Gnaden nicht gut gefahren? Das macht der Bergunter und der Haberſack, den mir Ew. Gna¬ den in Beutelwitz einſchenkten; ha ha. Hab' aber mein Handpferd beſſer in der Fauſt, wie der Blumenauer Graf. Daß dich! flog doch mein Seel 'der alte Grauſchimmel in den Graben, daß ich denke, der Herr zerſchmettert ſich juſtemente die Beine am Markſteine!

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Von wem redeſt Du Schwager? fragte Blauenſtein aufmerkſamer gemacht.

Wir nennen ihn nur den Blumenauer Grafen, erwiederte der Gefragte, Ew. Gnaden zu dienen. Er weiß ſich was auf ſein Reiten; und er ſetzt ſich juſtemente immer auf ſolche dickdroͤbiſche Beſtien, wie der Schimmel. Ich wollte mich wahren; wer ſpatzieren reiten will, muß ſo wahr ich lebe, unterbrach ſich der redſelige Pfer¬ debaͤndiger, und trat ohne weitere Umſtaͤnde an das offene Fenſter, dort geht er hin! Daß Dich, wie der leibhaftige Satan!

Blauenſtein war ebenfalls zum Fenſter gegan¬ gen, er ſah die offenbare Gefahr des Reiters. Mit Blitzesſchnelle war er auf der Straße. Das wuͤthende Thier war von ſeinem Herrn nicht mehr zu baͤndigen, die eine Gurt ſprang, und in dem¬ ſelben Augenblicke wurde der Mann uͤber die Straße geſchleift. Der Fuß war aus dem Buͤgel nicht herauszuziehn, und mit verzweifelnder An¬ ſtrengung ſuchte ſich der Ungluͤckliche empor zu raffen. Mit drei bis vier Saͤtzen war Blauenſtein dem wuͤthenden Thiere nahe; den Zuͤgel haſtig ergreifend, und es bei demſelben mit kraͤftiger Fauſt zuruͤckreißend, war Eins. Nach wenigen7 Minuten lag der Graf gerettet auf dem Kanapee der Gaſtſtube. Der ſo unerwartet ſchreckliche Vorfall hatte den ſonſt kraͤftigen Mann fuͤr einige Minuten der Sinne beraubt; Blauenſtein ſtand neben der geſchaͤftigen Wirthin, und rieb die Schlaͤfe des Ohnmaͤchtigen mit Coͤlniſchem Waſſer. Der Graf oͤffnete nach einigen Minuten die Augen; er reichte Blauenſtein die Hand, ein Druck derſelben dankte fuͤr die edle That, und als er der Sprache in etwas wieder maͤchtig war, bat er um einen Boten nach Blumenau, daß ihm ein Wagen ſo ſchnell als moͤglich zum Abholen geſendet werde.

Der alte Herr richtete ſich auf; eine Thraͤne ſchwamm in ſeinem feurigen Auge, und ſich zu ſeinem Retter wendend, ſagte er mit ſchwankender Stimme: Sie erhielten mir daß Leben, einer geliebten Familie den Vater; vergelten kann ich Ihnen nicht, was Sie an mir gethan. Ihr Äußeres ſagt mir, daß Sie ein Biedermann ſind. Schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab, wenig¬ ſtens fuͤr einige Zeit mein Gaſt in Blumenau zu ſein. Darf ich auf Ihre Gegenwart rechnen, wie ich als ein dem Ungluͤck Preisgegebener auf Ihre Huͤlfe rechnen durfte?

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Schonen Sie Ihre Kraͤfte, erwiederte Blauenſtein, und ergriff die ihm dargereichte Hand des Fremden, reden Sie nicht auf Koſten einer Geſundheit, welche den Ihrigen ſo theuer ſein muß! Aber Ihre Bitte will und kann ich nicht ablehnen!

Der Graf laͤchelte freundlich, aber mit einer Mattigkeit, die einen neuen bewußtloſen Zuſtand befuͤrchten ließ. Blauenſtein uͤberließ ihn der jetzt ſo beduͤrftigen Ruhe, und trat zum Fenſter. Die Neugierde hatte eine Menge Menſchen verſammelt; man unterhielt ſich von dem Unfalle des Grafen in den laͤcherlichſten Übertreibungen, der erwaͤhnte Poſtillon war mitten darunter, und belobte die tugendſame That Blauenſteins mit redneriſcher Gelaͤufigkeit, und einer Stimme, welche dem Schalle der Erfurter Suſanna nichts nachgab. Seine Abſicht war erreicht, und er nahm das ihm von Blauenſtein dargereichte Trinkgeld mit freundlichem Schmunzeln.

Ein ſchoͤner Wagen, ein graͤfliches, einfach verziertes Wappen ließ leicht vermuthen, wem die Equipage zugehoͤre, rollte vor das Gaſthaus, von vier ſchloßweißen Schimmeln gezogen. Halt, ſaß nicht im Fond des Wagens eine weibliche9 Figur? Richtig, ein Schleier und eine zierliche Hand kamen zum Vorſchein. In demſelben Augenblicke hielt der reichbetreßte Kutſcher; zwei Jokeien ſprangen hinten herunter, der eine riß den Wagen auf, den Tritt herab, der andere hob die Dame heraus. Der lange Schleier ließ vom Geſicht nichts ſehn. Die Geſtalt mußte Blauen¬ ſtein ſchon irgendwo einmal geſehn haben, ſo ungewoͤhnlich dies herrliche Ebenmaß, dieſe ſo verfuͤhreriſche Fuͤlle der lieblichſten Formen auch waren. Nein, doch ja, in ſeinem elterlichen Hauſe hing ein Bild nach Angelika Kaufmann, die Hore des Fruͤhlings vorſtellend; war es doch, als ob die junge Fremde zu dem Bilde geſeſſen habe. Die junge? war ſie denn auch noch jung, konnte nicht eine aͤltere Perſon ihre ſchoͤne Geſtalt conſervirt haben?

Der Graf war neu geſtaͤrkt erwacht; die Thuͤre oͤffnete ſich, die Dame trat herein, und warf ſich mit zuruͤckgeſchlagenem Schleier dem Grafen in die weit geoͤffneten Arme. Es war ſeine Tochter. Beide waren anfangs keines Wortes maͤchtig, bis ſich endlich der Graf erhob, und den entfernt ſtehenden Blauenſtein herbei¬ winkte. Hier, ſagte er, und fuͤhrte ſein lieb¬ liches Kind dem jungen Manne um einen Schritt10 naͤher, hier ſteht mein Lebensretter! Ihm danke naͤchſt der Vorſehung fuͤr ſeine That, fuͤr ſeine edle Aufopferung!

Blauenſtein, war es Überraſchung, war er verwirrt von dem Glanze dieſer nie gekannten Schoͤnheit, welche leuchtend wie ein Meteor vor ſeinen Blicken aufging, war es die ploͤtzliche Loͤſung des Zweifels, ob die Dame noch jung ſei, oder bereits dem alten Regiſter angehoͤre, war es das verlegene Weſen einer zu weit gehenden Bloͤ¬ digkeit? Blauenſtein ſtand ſtumm wie ein Fiſch, verlegen wie ein Schulknabe dem engel¬ ſchoͤnen Maͤdchen gegenuͤber, und wußte am Ende nichts zu erwiedern, als ein mageres bitte recht ſehr! Hundertmal, ja ſein halbes Leben lang warf er ſich dieſe abgeſchmackte Redensart vor. Hatte er auch etwas Geiſtloſeres ſagen koͤnnen, als dies infame bitte recht ſehr! Und was mußte dies Maͤdchen von ihm denken, in welchem Lichte erſchien er ihr, die ihm in ſo ſchoͤnen, ſo unendlich weichen Worten fuͤr die Erhaltung ihres theuerſten Gutes mit einer Glut auf den Wangen gedankt, die er in dieſem Augenblicke nicht werth war. Wie dumm, wie entſetzlich dumm, ſagte er bei ſich; jedenfalls muß deine Albernheit dem Maͤdchen anſtoͤßig ſein.

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Das Kind war auch offenbar zu wunderhuͤbſch, und Blauenſtein verdiente einigermaßen Entſchul¬ digung. Wo blieb Angelika Kaufmanns Fruͤh¬ lingshore! Man hat die Lieblichkeit der Formen in den Werken dieſer Kuͤnſtlerin oft geruͤhmt; hier wurde ihr Ruhm zu Schanden; ihre Hore war gegen dieſe Wundergeſtalt hoͤchſtens ein nied¬ liches Kammerkaͤtzchen! Dieſe brandſchwarzen Ringellocken, dieſer blendende Teint, der das zarte Weiß des Pariſer Überroͤckchens beſchaͤmte, der ſich verraͤtheriſch verhuͤllend um dieſes herrlichen Koͤr¬ pers wellige Formen ſchmiegte, des jungfraͤulichen Buſens ſchneeige Fuͤlle, das uͤber allen Ausdruck liebliche, kußliche Roſenmuͤndchen, dieſe mit dem zarteſten Carmin uͤberdufteten Wangen, welche die ſcharfe Zugluft des Septembers noch dunkler geroͤthet, das wunderbare Feuer der blauen Liebes¬ ſterne, der himmelreine Spiegel ihrer Seele, und gar noch das zum Lachen kleine Fuͤßchen, nein, beſchreibe ein anderer dieſe Schoͤnheiten, kein Pinſel hat hier Muth, die ſchwache Feder ſinkt nieder! Blauenſtein war es, als er in die Wunderblaue dieſes Blickes ſah, als fielen die Schlacken des Irdiſchen ihm von Herz und Seele, als veredle ſich ſein geiſtiges Innere!

Du boͤſes Vaͤterchen, hob das Maͤdchen mit12 ſeiner Floͤtenſtimme an, und ſtreichelte dem alten Herrn mit den weichen Flaumenpatſchchen die rauhen Wangen, daß es unſerm Blauenſtein ganz bruͤh¬ heiß um's Herz ward, Du boͤſes Vaͤterchen! wie oft haben wir Dich nicht flehendlich gebeten, den haͤßlichen Grauſchimmel nicht mehr zu reiten! Jetzt, in dieſem mir unvergeßlichen Augenblicke gelobe mir, das Pferd abzuſchaffen, wenigſtens es nicht mehr zu beſteigen!

Nun, nun, mein Kind, ſagte der Vater mit einem milden Laͤchlen, und kuͤßte das liebholde Maͤdchen auf die blendendweiße Stirn, beruhige Dich! Gott hat mich durch dieſen jungen Mann errettet; ich erkenne der Vorſehung Fingerzeig, und muthwillig mag ich mich in Gefahr nicht begeben. Aber nun, fuhr der Graf fort, und wandte ſich halb gegen ſeinen jungen Freund, ihn freundlich, wenn gleich ein wenig vornehm, anblickend, nun koͤnnen wir zuruͤckfahren. Der Herr iſt mein Gaſt, Tina!

Alſo Tina hieß ſie. Ein Gluͤck, dachte Blauen¬ ſtein bei ſich, daß das Himmelskind den Aufent¬ halt in des Grafen Hauſe verſchoͤnert. Denn er ſelbſt hat eben nicht ein allzueinladendes Äußere; ſein Benehmen iſt hoͤflich, aber ſtolz und verdammt13 kalt. Aber dieſe Tina, dies friſche, duftende Roͤs¬ chen mit dem Veilchen im Auge und dem Bluͤ¬ thenſchnee auf Hals und Bruſt, dem der Himmel ſo unendlichen Reiz verliehn, dem jeder von ganzer Seele gut ſein muß, der ſie nur mit einem halben

Wenn Ihnen gefaͤllig waͤre, mein Herr, ſagte der Graf, der ſich beinahe voͤllig erholt hatte, Blauenſtein in ſeinem Selbſtgeſpraͤch unterbre¬ chend, die Pferde ſind angeſpannt.

Ich ſtehe zu Ihrem Befehl, erwiederte der letztere, nur erlauben Sie mir, die noͤthigen Arrangements wegen meiner Angelegenheiten zu treffen. Vor wenigen Stunden kam ich hier an, ich weiß kaum, wo meine Koffer geblieben ſind.

Seien Sie ohne Sorgen, fuhr der Graf fort, Ihre Koffer ſind bereits auf dem Wagen befeſtigt; es bedarf nur des Einſteigens.

Ihre Guͤte beſchaͤmt mich, ſagte Blauenſtein, und bot der holden Tina, welche ihn von fern, aber nur ganz geheim, im Auge gehabt, ſeinen Arm. Sieht es nicht beinahe aus, als gedaͤchte ich jetzt erſt meine kaum vollendete Reiſe anzutreten?

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Man ſtieg ein; Blauenſtein, wurde er nicht vom Grafen fuͤr einen Menſchen aus einem gewoͤhnlichen, wenn auch nicht niedern, Stande gehalten, ließ dies vielleicht ſeine beſtaͤubte Rei¬ ſekleidung vermuthen? Blauenſtein nahm gern mit dem Ruͤckſitze vorlieb; hier ſaß er der lieb¬ lichen Jungfrau gegenuͤber, hier konnte er ihr in die reine Tiefe ihres Seelenauges blicken! Der alte Herr bat wegen ſeines Stillſchweigens, was ihm die gehabte heftige Erſchuͤtterung auf¬ erlege, um Entſchuldigung, und beauftragte ſeine Tochter, den Gaſt vor Langerweile zu ſchuͤtzen. Aber die edlen Roſſe griffen weit aus, als wollten ſie die Sonne einholen, die ſich in purpurnes Gewoͤlk huͤllte, und der ſchaukelnde Wagen flog durch das geoͤffnete Gatter eines dichtlaubigen Thiergartens. Solche Beſtaͤnde gab es nicht weiter im Lande; die Blumenauer Jagd war weit und breit beruͤhmt, und das ſcheu vorbeiei¬ lende, feiſte Wildprett beſtaͤrkte dieſe gute Meinung.

Ich bewundere dieſe romantiſche Gegend, dieſe trefflichen Waldungen, hob Blauenſtein an, ſich an ſeine Nachbarin wendend, mit welcher er bei¬ nahe noch kein Wort geredet hatte; eine paſſende Einleitung zu dem Allen, was meiner noch 'wartet.

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Spricht Sie dieſe Gegend als heimiſch an? fragte Tina, und draͤngte die hervorquellenden Ringellocken mit der kleinen Schwanenhand in ihr Spitzenhaͤubchen zuruͤck. Es giebt Gegenden, die man mit einem kaum erklaͤrbaren Wohlgefallen betritt, bei denen es uns ſcheint, als ob ſie uns laͤngſt innig befreundet, dem ſehnſuͤchtigen Herzen ſo recht vertraut waͤren. In ſolchen Orten, ſagt man, ſoll es uns wohlergehn, da ſoll das Gluͤck beginnen, wenn es uns lange ungetreu war! Wie wuͤrde es uns erfreuen, wenn Ihnen dieſe Berge, dieſe Thaͤler nicht ganz gleichguͤltig blieben!

Meine Erwartungen waren geſpannt, erwie¬ derte Blauenſtein mit einem Blicke, welcher ſeiner wie in braͤutlicher Liebe erwachenden Nachbarin recht unzweideutig ſagte, wie ſein Inneres fuͤr ſie gluͤhe, aber wie hatte ich glauben koͤnnen, daß ſie nicht weit uͤbertroffen werden wuͤrden! Nur eine Bewohnerin dieſes Paradieſes, wie Sie, mein Fraͤulein, macht den Gedanken an daſſelbe verſchwinden; ſie muß dem Fremdlinge unendlich mehr gelten, der Vertrauen, Theilnahme ſucht, und dieſer ſchoͤnen Gaben auf eine ſo beneidens¬ werthe Art theilhaft wird! Was das Herz ver¬ heißt, das iſt auch die Stimme unſeres beſſern Schickſals!

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Tina ſchlug erroͤthend das ſchoͤne Auge nieder, und Blauenſtein wollte ſich ein wenig uͤber ſich ſelbſt aͤrgern, daß er, genau genommen, nichts beſſeres, als eine fade Schmeichelei geſagt. Er legte ſich in einem kurzen Schweigen eine Art von Buße auf, und ſchaute in die ihn umgebende reiche Landſchaft. Welche Üppigkeit der Natur in jedem einzelnen Landſtriche, welche Verſchoͤne¬ rungen und Anlagen! Das muß ein tuͤchtiger Mann ſein, der Graf, dachte der junge Buͤßende bei ſich, und ergoͤtzte ſich an dem Anblicke einer Quaderbruͤcke mit eiſernem Gelaͤnder, an deren Ende ſich ein ganz im antiken Styl gearbeiteter Obelisk erhob. Er dachte an den coloſſalen*)Dieſer 113 Palmen hohe Colloß wurde bekannt¬ lich unter Syrtus V. im Jahre 1586 von dem beruͤhmten Baukuͤnſtler Fontana mit ungeheuren Schwierigkeiten auf den ſchoͤnen Platz vor der Peterskirche gebracht, wo er noch jetzt die Be¬ wunderung aller Reiſenden erregt. Bruder in Rom, den er noch vor wenigen Mo¬ naten geſehen, und ſah von hier uͤber eine reiche Lindenallee hinaus nach dem reizenden Blumenau, das mit ſeinen ſchoͤnen Gebaͤuden, wunderbar in dem benachbarten Landſee ſchimmernd und glaͤn¬ zend, ſich im Strahl der Abendſonne aus gruͤnem Gebuͤſch wie aus einem Feenlande erhob.

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Da liegt mein Haus, ſagte der aus ſeinem Schlummer erwachende Graf, und zeigte mit einer gewiſſen Freude daruͤber, eine ſolche Beſitzung ſein nennen zu koͤnnen, nach der nahen Heimath hin, und nach wenigen Minuten rollte der Wagen in einer Bogenwendung, welche die andere Seite der Gegend freundlich ſehn ließ, durch die lange, breitaͤſtige Allee in den geraͤumigen Gutshof. Blauenſtein folgte, die holde Tina am Arme, dem vorangehenden Grafen nach dem Wohn¬ zimmer.

Das war kein Haus, das war ein Palaſt; die Treppen mit feinen Lioner Teppigen belegt, auf beiden Seiten friſch bluͤhende Blumen, Alles geſchmackvoll und elegant decorirt, und im ganzen Hauſe eine Heiterkeit, welche das Herz erquickte. Ein alter Silberkopf von Kammerdiener riß die Fluͤgelthuͤren des reich mit Landſchaften und Still¬ leben von Wocher, Friedrich, Weenix u. a. aus¬ gezierten Vorzimmers auf. Gott, dachte Blau¬ enſtein, wenn ich im blauen Fuchſe geblieben waͤre! Ein ſolches Schloß, mit dieſer koͤſtlichen Einrichtung, ſolche Felder und Waͤlder, und eine Tina im Arme, was giebt es noch Reizenderes und Schoͤneres?

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Der Graf oͤffnete das Wohnzimmer; er fuͤhrte ſeinen Gaſt einem aͤltern Herrn und einer Dame entgegen, welche ebenfalls der Jugend nicht mehr angehoͤrte, und ſtellte ihm in erſterm ſeinen Schwager, in letzterer ſeine Schweſter vor. Die¬ ſer Herr, fuhr er fort, ja wahrhaftig, ich muß ſo indiscret ſein, um Ihren Namen zu bitten, damit ich den neuen Freund meinen Verwandten vorſtellen kann.

Blauenſtein konnte es nicht unterlaſſen, ſeiner Haltung einen gewiſſen Stolz zu geben, und ſagte mit einer Verbeugung: Mein Name iſt Auguſt, Baron von Blauenſtein; mein Vater iſt der Ge¬ neral-Major gleiches Namens, und Ihnen viel¬ leicht nicht unbekannt!

Was doch ein Name thut! Auf des Grafen vornehmer Phyſiognomie malte ſich ein leb¬ haftes Erſtaunen; aber Schlaukoͤpfchen Tina that, als ob ſie das Alles ſchon ſicher vermuthet habe. Die Tante Letty machte mehrere tiefe Verbeu¬ gungen, murmelte einiges von der ihrem Hauſe wiederfahrenden Ehre mit laͤſtiger Breite, und Oncle Heinrich, als er die Errettungsgeſchichte von ſeinem Schwager erfahren, fiel dem verwun¬ derten Blauenſtein um den Hals, und ſchuͤttelte19 ihm ſtatt allen Dankes auf biedermaͤnniſche Art die Hand.

Daß Blauenſtein von dem Augenblicke an, als er dem Grafen ſeinen Namen genannt, un¬ gleich hoͤflicher und zuvorkommender behandelt wurde, bis allenfalls auf den Oncle Heinrich und die reizende Tina, machte ihm einigen Verdruß. Aber der erwaͤhnte Oncle, dem Anſcheine nach ein drolliger, biederer Kautz, ließ ihm zum Nachden¬ ken keine Zeit. Kommen Sie, ſagte er, und zog den jungen Mann in eine Fenſtervertiefung des Zimmers, ohne ſich an die mißbilligende Miene ſeines Schwagers zu kehren, haben Sie die Guͤte, mir zu ſagen, wie ſich eigentlich das Un¬ gluͤck mit dem Pferde zutrug. Sie nehmen mir das nicht uͤbel, nicht wahr?

Blauenſtein gehorchte gern. Tina aber, das Zimmer war dem Maͤdchen zu enge fuͤr das unge¬ ſtuͤm klopfende Herz, Tina ſchluͤpfte hinaus in den Garten. Der Abendwind ſauſ'te durch die hohen, ſchlanken Pappeln am See, und das leichte Ge¬ buͤſch des Bosquets fluͤſterte treulich der Lieblichen den Willkommen entgegen. Der Gaͤrtner hatte eben ein Beet mit den ſchoͤnſten Aſtern gereinigt und ausgeputzt; Tina pfluͤckte ſich eine davon,2 *20und beſah ſinnend das freundliche Farbenſpiel der zarten Blaͤtter. Iſt es doch, ſagte ſie zu ſich ſelbſt, und ſenkte den Stengel der Blume in die blendende Tiefe des jungfraͤulichen Buſens, iſt es doch, als ob mit dieſen Blumen die Freuden des Jahres uns Lebewohl ſagen wollten. Aber ſie laſſen dem hoffenden Herzen einen ſuͤßen Troſt, und die ſinnige Sprache der freundlichen Blumen¬ welt bezeichnet mit der Aſter die Beſtaͤndigkeit, die Treue!

Sie ging durch die lauſchigen Gaͤnge des Luſtwaͤldchens, ſie hoͤrte das Rauſchen des Roͤhr¬ waſſers am Fiſchhaͤlter, das Bruſſeln der Gie߬ kanne des fleißigen Gaͤrtners, welcher die trockne Erde netzte, ſie hoͤrte das luſtige Springen der Karpfen im See, und doch war ſie mit ihrem Koͤpfchen wo ganz anders, als im Garten. Sie rufte ſich die Scene noch einmal zuruͤck, wo ſie zuerſt dem jungen Fremden im Gaſthauſe begeg¬ nete; ſie malte ſich jede ſeiner anziehenden Stel¬ lungen vor, ſie wiederholte ſich noch einmal ſeine gemuͤthlichen Äußerungen, und das edle Beneh¬ men gegen ihren Vater. Er war auch gar zu huͤbſch; es hatte ihr zwar ſchon mancher junge elegante Herr den Hof gemacht; aber eine ſolche Bildung, ein ſo angenehmes Äußere hatte auch21 keiner gehabt. Dieſe dunklen Locken, die zarten Braunen, unter denen die dunklen Augen ſo freundlich, ſo vielbedeutend gluͤhten, der lieblich geformte Mund, die maͤnnliche Kraͤftigkeit in dem geſunden Roth der Wangen und der zarten Blaͤue des Bartes, das geiſtvolle Laͤcheln, und der Tan¬ nenwuchs! Tina druͤckte die Augen zu, und fuhr in dem allerliebſten Gedankenſpiele fort, und ſenkte das zarte Naͤschen ihres Schelmengeſicht¬ chens in den friſchen Kelch der duftigen Aſter. Wie er ſie zum Wagen gefuͤhrt, hatte er ſie mit ſo feinem Anſtande hineingehoben, und ihr die Hand gekuͤ ja gekuͤßt hatte er ſie, ſie wußte es noch ganz genau, und ſie hatte ihm die Hand ganz leiſe, aber nur ganz ganz leiſe, wieder gedruͤckt. Was war auch dabei weiter? Druͤckt man doch jedem guten Menſchen die Hand, und nun gar dem Retter ihres ſo ſehr geliebten Vaters, der ihr Alles war, ſeit ihr Muͤtterchen im Schooß der kuͤhlen Erde ſchlummerte! Aber ſie mußte wohl wieder herauf, die Daͤmmerung ward immer duͤſterer, und das Bereiten des Thees durfte ſie der Tante Letty unmoͤglich uͤberlaſſen. Sie hatte gar nicht die freundliche, manierliche Art, wie es eigentlich geſchehen mußte; und dann lag auch in dem Theeſtuͤndchen ſelbſt ein gar zu beſonderer Reiz, etwas ſo Trauliches und zur Unterhaltung22 Einladendes. Im letzten Kriege war einmal ein junger Pole bei ihnen geweſen, richtig, Potocky hieß er; der liebte auch das Theeſtuͤndchen uͤber Alles. Da war ſie nur noch ſo ein Backfiſchchen; aber ſie gefiel dem jungen freundlichen Kriegs¬ manne recht wohl, er nannte ſie immer ſeine kleine Hebe, weil ſie ihm den dampfenden Thee¬ becher jedesmal ſelbſt credenzte. Zuletzt ſang er dann eins und das andere ſeiner reizenden Na¬ tionallieder, und erzaͤhlte vom Kriege. Aber nun herauf, im Wohnzimmer ſchimmerte bereits Licht!

Blauenſtein erzaͤhlte von ſeinen Reiſen; mit dem Thee war es heute nichts, weil der Graf fruͤher als gewoͤhnlich zu eſſen wuͤnſchte; aber auch bei Tiſche, war es Zufall, oder hatte es Tante Letty einmal wieder nach ihrer alten Ma¬ nier ſo gekartet, mußte er gerade neben dieſer ſitzen, und die arme Tina, welche ſich auf die ſinnige Unterhaltung mit dem Gaſte ſo gefreut, ſie kannte ihn ja auch ſchon laͤnger, und hatte gewiſſermaßen ein Vorrecht, erhielt ihren Platz neben Oncle Heinrich und dem alten Verwalter Herrn Sander. Was war hier fuͤr eine Ent¬ ſchaͤdigung fuͤr das arme Kind zu erwarten? Sander ſprach von nichts, als ſeiner faden,23 langweiligen Öconomie. Er hatte einige Tage vorher ein Gut beſehn, welches in der Nachbar¬ ſchaft zu verkaufen war, und ſtattete nun, als eine ſeiner Lieblingsmaterien, dem Oncle genauen Bericht ab. Eine exemplariſche Ordnung, hob er an, und ſtach mit kraͤftiger Fauſt in die wol¬ lige Maſſe eines duftenden Puddings, als ſei es ein Stuͤck Rindfleiſch, eine exemplariſche Ordnung, herrſcht in der Wirthſchaft! Das Molkenweſen hat nicht ſeines Gleichen, und ein Duͤnger! nein, das Waſſer laͤuft einem im Munde zuſammen! Das mußte man dem alten Berninger laſſen, den Rummel verſtand er, wie einer; aber was ihn in's Ungluͤck brachte, war der ewige vornehme Beſuch, der den Mann belaͤſtigte, und dann das dumme Wirthshaus, der gruͤne Eſel, das er zu einem Hotel machen wollte, ohne einen Gaſt zu haben. Ich dachte gleich, der Berninger wird noch ſeinen Eſel zwiſchen die Beine nehmen, und in den Schuldthurm reiten muͤſſen!

Nein, es war zu arg! Der Oncle Heinrich lachte laut auf; aber Tina wandte, heimlich im Innern ergrimmt, ihre Äugelein nach der Seite, wo Blauenſtein ſaß. Der Oncle zupfte ſie zwar am Kleide, und fluͤſterte in einer Art Weinlaune: Tinchen, gefaͤllt Dir der? Das iſt ein Kerlchen,24 das ſich gewaſchen, tuͤchtig und brav, und reich wie ein Croͤſus! Er hat gerade ein halbes Dutzend der ſchoͤnſten Guͤter im Lande, dann die weltbe¬ ruͤhmte Bleiweißfabrik in Oſterberg, und Conne¬ xionen! Armes Tinchen, ſchade, daß er Dir verloren iſt!

Aber Tina uͤberhoͤrte den Scherz aͤrgerlich; ſie ſah nach dem ſchoͤnen Croͤſus, der ſeiner Ge¬ ſellſchaft da oben an der Tafel herzlich muͤde zu ſein ſchien. In dem puren Ärger uͤber die lang¬ weiligen Redensarten der vergelbten Letty ver¬ ſchlang er eben ein halbes geſpicktes Haͤhnchen, murmelte hoͤchſtens ein kurzes Ja oder Nein, und ſtuͤrzte den Wein hinunter, als ſolle er acht Tage duͤrſten. Es war ihr nicht entgangen, als man des Vaters Geſundheit ausgebracht, und der Oncle Heinrich hinterher ſeinen alten Witz mit dem General von Knuſemon angebracht, hatte Blauen¬ ſtein ſie ſo bedeutungsvoll angeſehn, und ſein Glas auf einen Zug geleert. Aber was half zuletzt die ſo unzulaͤngliche Sprache der Augen bei ſo vielen Beobachtern? Tina wuͤrfelte mit fuͤnf weiſſagenden Brodkuͤgelchen, um ein Kreuz zu werfen, das ihr Gluͤck verheißen ſollte. Aber war es ihre Haſtigkeit, war es eine unfreundliche Vor¬ bedeutung, es wollte auch abſolut kein Kreuz zum25 Vorſchein kommen. Das loſe Kind fabricirte aͤr¬ gerlich aus den Kuͤgelchen eine große Kartaͤtſche, und warf ſie dem Oncle Heinrich in den unfoͤrm¬ lich großen Jabot.

Endlich war die langweilige Tafel aufgehoben; der Graf, welcher durch den Sturz vom Pferde noch immer ſehr angegriffen war, zog ſich nach wenigen Minuten in ſein Schlafzimmer zuruͤck, und wuͤnſchte ſeinem Gaſte, der um 100 pro Cent in ſeiner Achtung geſtiegen war, eine ange¬ nehme Ruhe. Oncle Heinrich bot Blauenſtein noch eine Parthie Schach an, welches der letztere nicht ausſchlagen durfte. Tina, mußte es ihr nicht unangenehm ſein, abermahls um die Unter¬ haltung mit dem intereſſanten, jungen Manne geprellt zu werden? Tina machte dem Oncle uͤber dies Anerbieten Vorwuͤrfe.

Schmaͤle mir mein Schach nicht! erwiederte dieſer freundlich; es bleibt doch das Spiel aller Spiele. Aber halt, mein Maͤuschen, Du ſpielteſt ja ſelbſt eben nicht ſo uͤbel, und am Ende macht der Baron doch mit Dir lieber eine Parthie, als mit einem alten Kerl, nicht?

Das war einmal wieder vom Oncle ein26 dummes Streichelchen, dachte Tina erroͤthend, nahm den ihr von Blauenſtein dargebotenen Stuhl freundlich an, und ſtellte die fein und zierlich ge¬ arbeiteten Steine auf das glaͤnzende Brett. Das Schach hatte eine edle Beſtimmung, begann Blauenſtein, und lud ſeine ſchoͤne Gegnerin zum Beginnen des Kampfes ein, es ſollte einen Koͤnig beſſern!

Der Erfolg war gut, ſagte Tina, und ging mit dem rechten Springer auf die beiden, vorge¬ ruͤckten Bauren Blauenſteins mit keckem Muthe los. Aber bietet es uns nicht mehr, giebt es uns nicht ein treffendes Bild des Lebens?

Ihr Gegner ſah ſie mit fragenden Blicken an; und erwiederte: Sie haben recht, mein Fraͤulein; die Koͤnigin, man braucht wohl eben nicht immer an die Inhaberin eines Thrones zu denken, iſt die Hauptperſon. Ihr ſchwacher Ge¬ mahl wird ohne ſie ein trauriges Bild der Hin¬ faͤlligkeit; nur ſie giebt dem Leben Reiz, nur ſie giebt ihm Bedeutung!

Aber ihre Wege ſind immer die geraden, fiel Tina ein, und bot zuerſt ihrem Nachbar ein wohltoͤnendes Schach! Mit weiblicher Wuͤrde27 vertraͤgt ſich Falſchheit nicht, und wenn die arme Koͤnigin ihren Untergang findet, wem dankt ſie ihn anders, als der Treuloſigkeit ihrer Um¬ gebungen?

Tinchen, fiel der Oncle Heinrich ein, ſchwatze nicht zu viel, der Baron verliert ſeine Plaͤne, und ohne Plan kann kein vernuͤnftiges Spiel zu Stande kommen! Blauenſtein ſann uͤber die troſtloſe Lage ſeiner Steine nach, und ſagte kleinlaut: Dies danke ich der edlen Frau; ich habe ihre geraden Wege nicht geſehn, denn ſie liegen hinter großen Bollwerken. Aber das Lebensbild erkenn 'ich an, gewiß, und zwar mit meiner betruͤbten Niederlage!

Matt! rief Tina lachend aus, aber in einen freundlichen Ernſt zuruͤckkehrend fuhr ſie fort: Kein Krieg ohne Verluſt auf der andern Seite; wer im Leben ſiegt, d. h. im wahren, geiſtigen Leben, ſieht der nicht im Herzen der Gegner, die keine Feinde ſind, ſo wie in der eignen Bruſt die unheilbarſten Wunden?

Die Erfahrung lehrt es, ſagte Blauenſtein, der holdergluͤhten Tina Hand an ſeine brennenden Lippen fuͤhrend, und nie wurde mir dieſe28 Wahrheit beſſer vertraut, als in dieſer ſchoͤnen Stunde!

2. Die Verlobung.

Die Schloßuhr brummte die zwoͤlfte Stunde in die ſchweigende Nacht, als Blauenſtein mit der Niederlage des Oncle Heinrich, der ſeine Kraͤfte auch an ihm meſſen wollte, das Schachbrett und das Zimmer verließ. Tina war ſchon vorher mit Tante Letty verſchwunden, welche ſeit einer Stunde immerwaͤhrend mit dem Kopfe genickt; ſie hatte beſtimmt ſchon ihr bluͤthenweißes Bettchen aufge¬ ſucht, und ſchlummerte in das Reich der gluͤck¬ lichſten Traͤume hinuͤber, als Blauenſtein in der Begleitung des alten Graukopfs Martin in ſein ihm angewieſenes Zimmer trat.

Waren der gnaͤdige Herr ſchon einmal in dieſer Gegend? hob der letztere ſchmunzelnd an.

Nein, erwiederte Blauenſtein kurz, und ließ ſich die ſchneeweiße Halsbinde loͤſen.

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Hoffentlich erzeigen Ew. Gnaden dem Hauſe die Ehre, fuhr der andre fort, und erwarten die Ankunft des Herrn von Staunitz.

Staunitz? fragte Blauenſtein, wer iſt dieſer erwartete Gaſt?

Nun? wiſſen Ew. Gnaden noch nicht? Er iſt ja der Verlobte der Comteſſe Albertine!

Verl ? fragte Blauenſtein, und das ſchreckliche Wort blieb ihm halb im Munde ſtecken. Alſo bereits verlobt, im wahren Ernſt? Du machſt Scherz, Alter?

Erlauben mir Ew. Gnaden, zu widerſprechen, ſagte der letztere laͤchlend, und ſchien ſich an der Betroffenheit Blauenſteins zu weiden. Der Herr von Staunitz iſt ein entfernter Vetter meiner Herrſchaft, ein gar liebenswuͤrdiger Herr! Die beiden Leutchen wurden von ihren Eltern gewiſ¬ ſermaßen als Kinder ſchon fuͤr einander beſtimmt; ſeit zwei Jahren iſt der Herr von Staunitz auf Reiſen, und wird nach ſeinem letzten Briefe in dieſen Tagen zuruͤckerwartet. Das iſt ein Maͤnn¬ chen, auf den warteten unſere jungen Fraͤulchens30 in der Nachbarſchaft wie auf den Meſſias, aber ſie mußten ſich das Maͤulchen wiſchen!

Und Comteſſe Albertine? fragte Blauenſtein ganz blaß und bebend wie Espenlaub.

Nun, ſagte der Verlobungsreferendar heim¬ lich laͤchelnd, die hoffte juſt nicht, denn die konnte nur pfeifen, und ſie hatte zehn an jedem ihrer Finger. Jung, huͤbſch, reich, und dabei gut, wie die lieben Engel im Himmel; ich will den jungen Mann ſehn, dem ſie mißfiele. Was in der Welt koͤnnte der noch mangeln?

Weibliche Wuͤrde! dachte Blauenſtein tief im Innerſten verwundert bei ſich, und entließ den alten Schwaͤtzer. Wie ungeheuer hatte ihn das Maͤdchen getaͤuſcht! Verlobt, verlobt! toͤnte es in ihm wieder, und das ganze Rieſengebirge waͤlzte ſich mit ſeiner Laſt auf das gequaͤlte Herz. Wie war es moͤglich, ſich ſo zu ver¬ ſtellen, ſein redliches Streben ſo zu belohnen! Und ihre Anſpielungen beim Schach, waren ſie nicht eine Buͤrgſchaft fuͤr ſeine beſten Hoff¬ nungen? Die alte Tante Letty hatte ihm bei Tiſche erzaͤhlt, Tina habe ſeit dem Tode ihrer Mutter im Hauſe der Madam Lafleure in der Reſidenz eine31 Zeit lang zugebracht, und ſei von dieſer in jeder Art unterrichtet worden. Das war ja ausgemacht, im Hauſe einer ſolchen Dame konnte man in der Reſidenz nur zur Koquette gebildet werden. Nichts als die raffinirteſte Buhlerei leitete ihr Betragen! Weshalb denn auch die irrenden, wie in ſuͤßer Liebe ſchwimmenden Augen, wes¬ halb das ſo fein Zuvorkommende ihres ganzen Weſens, die unzaͤhligen. Anſpielungen auf Liebe, und Gott weiß, was alle noch!? Nein, es war keinem Maͤdchen mehr zu trauen! Dieſe kannte er erſt ſeit einer Reihe von Stunden, und doch hatte ſie ihn ſo furchtbar getaͤuſcht!

Der Gequaͤlte warf ſich auf die andere Seite; die Kiſſen des weichen Bettes waren mit tauſend Nadelſpitzen geſpickt, die Decke kam ihm vor, wie ein Gewebe von Neſſeln; das war nicht zu ertragen! Er ſprang auf, und legte ſich zum Fenſter hinaus, als wolle er einen salto mortale machen; die kuͤhle Luft ſaͤuſelte erquickend um die fieberheiße Bruſt, ſie ſpielte leicht mit ſeinen ſchwarzen Locken, und kuͤhlte die ungeſtuͤme Glut der Wange! Aber hatte er denn auch recht, kam es ihn denn zu, auf Tina ſo zu zuͤrnen? Was ging ihm eigentlich, genau genommen, das ganze Maͤdchen und ſein buhleriſches Betragen32 an! Das Beſte war, noch allenfalls einen Tag zu warten, denn das war er wohl dem Grafen ſchuldig, und dann im Fluge nach der Heim halt, war da nicht im andern Fluͤgel des Schloſſes im Eckzimmer Licht? Eine Geſtalt wurde ſichtbar, dicht am Fenſter. Vielleicht die gelbe Letty. Aber behuͤte, die konnte es nicht ſein, die war zu plump gegen dieſe friſche, leichte Geſtalt.

Blauenſtein tappte nach ſeinem Koffer; er wuͤhlte darin nach dem Perſpective, mit dem er meilenweit einen Menſchen erkannte, und legte den gefundenen Schatz am Fenſter an. Es war Tina. Was in aller Welt machte das Maͤdchen noch in dieſer Stunde? Vor ihr auf dem Tiſche lagen eine Menge zuſammengelegter Papiere, ver¬ muthlich Briefe; ihr Auge ſchien truͤbe, als haͤtte ſie geweint, der wogende Buſen hob das weiße Nachtkorſettchen ſchnell und ſchneller empor, daß alle rothen Schleifen daran wie Espenlaub zit¬ terten. Hier mußte etwas vorgefallen ſein, das war klar. Jetzt verſchwand das Licht, Alles war dunkel, die Nacht breitete ihre Rabenfittige uͤber den Park und den See. Was mag ihr fehlen? dachte Blauenſtein, und ſchloß das Fenſter mit einem Froͤſteln, hat ſie einen Kummer, hat ſie etwas zu bereuen? Man urtheilt oft ſo unuͤber¬33 legt, ſo ruͤckſichtslos. Vielleicht, ja gewiß hing es ſo zuſammen, war ſie zu der Verbindung mit dem Staunitz, Taugenichts, oder wie der Ungluͤck¬ liche hieß, von ihrem Vater oder den naͤchſten Verwandten uͤberredet, ſie wuͤnſchte wieder frei zu ſein, oder Gott, wer mogte aus dieſem Chaos herauskommen!

Ein mitleidiger Schlummer ſenkte ſich auf Blauenſteins Augen; eine Menge verworrener Traͤume gaukelten ihm ihre Bilder vor, und er erwachte erſt, als bereits der alte Martin an ſeinem Lager ſtand, und fragte, ob der gnaͤdige Herr Kaffee oder Chocolate befoͤhlen? In wenig Augenblicken war er in den Kleidern, dies¬ mal aber nicht in dem Reiſegewande, ſondern in dem ſchoͤnen knappen ſchwarzen Anzuge, der ihm ſo gut ſtand, mit dem Kreuze geſchmuͤckt, das er ſich bei der unvergeßlichen Voͤlkerſchlacht bei Leip¬ zig verdient. Jetzt erſchien auch der Oncle Hein¬ rich unten im Garten, ſah beſtaͤndig nach Blauen¬ ſteins Fenſtern, und als er ihn endlich erblickt, lud er ihn laut ein, mit ihm ein Pfeifchen in der koͤſtlichen Friſche des Morgens zu rauchen. Blauenſtein war es gern zufrieden. Auf der Treppe, warum auch gerade jetzt dieſe Begegnung? trat ihm Tina entgegen, bot ihm mit ihrer hold¬334ſeligen Freundlichkeit einen guten Morgen, und ſchluͤpfte, ein haͤusliches Geſchaͤft vorgebend, in eine Seitenthuͤr.

Hoͤren Sie, Blauenſteinchen, hob Oncle Heinrich an, und faßte ihn zutraulich am Arme, erzeigen Sie mir und uns Allen eine Freund¬ ſchaft. Wir kennen uns zwar erſt ſeit geſtern, aber alle gute Menſchen ſind leicht erkennbar; unſer Herrgott hat ſeine Lieblinge mit etwas ge¬ zeichnet, das wie glaͤnzende Schrift auf den Ge¬ ſichtern ſteht. Und ſehn Sie, juſt ſo einer ſind Sie auch!

Sehr verbunden, erwiederte Blauenſtein laͤchlend. Aber Sie ſprachen von einem Wunſche, wenn ich Sie recht verſtand; darf ich ihn wiſſen? Gleich, gleich, Freundchen, ſagte Heinrich, nahm aus einer unfoͤrmlichen Doſe eine verhaͤltnißmaͤ¬ ßige Prieſe, und bot ſeinem Begleiter ein Gleiches an. Ach Sie ſind wohl nicht ſchnippiſch? fuhr er fort, als Blauenſtein dankte. Nun, das iſt in der Ordnung; ein junger Herr will ſtets nett und zierlich ausſehn; und der Taback beſu¬ delt doch immer Jabot und Weſte. Aber, was ich ſagen wollte; in kurzer Zeit erwarten wir den Staunitz, unſern Tinchens Braͤutigam. 35 So, ſo, fiel Blauenſtein mit ſcheinbarer Gleich¬ guͤltigkeit ein, obgleich es ihm die Kehle beinahe zuſchnuͤrte. Alſo die Comteſſe iſt verlobt. Nun, das ſtand zu erwarten!

Zu erwarten, murmelte Heinrich nach. Aber Sie werden ſo blaß, die Morgenluft ſchadet doch nicht? Nun ſehn Sie, Freund, da giebts denn ſo dieſe und jene Geſellſchaft im Hauſe, und wir Alle wuͤnſchen Ihre Gegenwart. Sie verſtehn ſich nebenbei ſo gut auf die Unterhaltung, kurz Sie wiſſen, wie ich meine. Ich hoffe, es mi߬ faͤllt Ihnen nicht bei uns; freilich wuͤnſchte ich wohl, unſer Tinchen waͤre noch frei, und der Vet¬ ter Staunitz waͤre ſonſt wo, Sie verſtehn mich, nicht?

Durchaus nicht! erwiederte Blauenſtein kalt, und wandte ſein erroͤthendes Geſicht ab.

A ha! begann Heinrich lachend, etwa ſchon verplempert, Blauenſteinchen? Nun, nur ruhig, thut nichts, deshalb ſind Sie uns noch kein Stein des Anſtoßes, ha, ha, ha! Aber im Ernſt, es giebt noch eine Menge huͤbſcher, char¬ manter Dinger hier in der Nachbarſchaft, reich, nun, das iſt bei Ihnen nicht noͤthig, aber herzig3*36und gut, wie die Engel. Da iſt z. B. Land¬ raths Molly in Herzhauſen, und dann ihre Schwe¬ ſter Ida; freilich, das iſt eigentlich nur ſo ein Diſtanceblender; aber die junge Baroneſſe Gruͤn¬ heim, daß dich der Donner und das Wetter! hat die einmal Augen! Wer in deren Brennpunct ſo recht ordentlich hineinkommt, deſſen Herzen geht es, wie dem naſſen Holze unter Tſchirn¬ hauſens Brennglaſe, es wird in wenigen Augen¬ blicken zu Aſche verbrannt!

Wenn Sie ſolche gefaͤhrlichen Syrenen hier haben, ſagte Blauenſtein, und fuͤhlte immer mehr die Nothwendigkeit, Blumenau verlaſſen zu muͤſſen, ſo iſt es Zeit, daß ich mich fort begebe in meine friedliche Heimath, wo die Frauen mildere Geſin¬ nungen hegen, als in dieſer Gegend, wenn ſie auch paradieſiſch iſt!

Steht es ſo um Euch? fragte Heinrich, und ſchlug mit Blauenſtein einen Seitenweg ein, auf welchem ihnen Tina heiter und lieblich wie das Roͤſchen, das an ihrem Buſen zitterte, entgegen kam. Aber die da wird beſſer verſtehn, Sie zu feſſeln, als ich alter Kerl! Hoͤre Tinchen, unſer junge Freund bekommt eine Art Heimweh, er will fort; aber leid 'es nicht, verſtehſt Du?

37

Tinchen nickte freundlich, und ſagte dem Oncle, daß ihn jemand zu ſprechen wuͤnſche. Er entfernte ſich brummend, wie er immer zu thun pflegte, wenn ihn jemand zur Unzeit ſtoͤhrte oder entgegen trat, und praͤgte der ſuͤßen Albertine nochmals ein, den Blauenſtein auf alle Weiſe zu feſſeln.

Wo waren des letztern Vorſaͤtze, wo ſein ſcheinbarer Gleichmut! Dieſem Maͤdchen gegen¬ uͤber, wer vermogte da an eine ſchleunige Abreiſe zu denken? So ſpielt das ſchwache Herz, wenn es die allmaͤchtige Liebe mit ihren Roſenſchlingen umfangen haͤlt auch der Vernunft des Kaltſin¬ nigſten einen Streich!

Darf ich dem Oncle glauben, hob Tina an, und ſchlug ihre Vergißmeinnichtaugen mild laͤchlend zu dem verwirrten Blauenſtein auf, iſt es Ihr wirklicher Ernſt, Herr Baron, daß Sie ſich ſo ſchnell der Dankbarkeit einer Familie entziehen wollen, die Ihnen ſo Viel verdankt?

Wenn ich dieſen reizenden Landſitz verlaſſen muß, ſo kann mich nur der Gedanke dazu bewe¬ gen. erwiederte Blauenſtein etwas verwirrt, daß meine Gegenwart laͤſtig wird, zumal da mehr, und ich darf hinzufuͤgen, willkommnere, Gaͤſte er¬38 wartet werden. Ohnehin ſieht mein Vater laͤngſt meiner Ankunft entgegen.

Ich zweifle nicht, fiel Tina ein, und heftete ihren dunklen Feuerblick auf Blauenſteins aͤngſt¬ liche Zuͤge, daß Sie ein guter Sohn ſind. Aber nur Ihre Beſcheidenheit giebt Ihnen das ſonder¬ bare Recht, zu vermuthen, es ſollten beſſere Gaͤſte an Ihre Stelle treten. Verlaſſen duͤrfen Sie uns nicht! Wie koͤnnten wir auch Freunden ent¬ gegen ſehn, die unſerm Her zen, das Wort war einmal heraus, naͤher ſtaͤnden, als der

O Gott! rief Blauenſtein aus, und zog wie in ſtuͤrmiſcher Leidenſchaft Tinas Hand an ſeine brennenden Lippen, quaͤlen Sie mich Ärm¬ ſten nicht! Vorhin vertraute mir Ihr Oheim, fuhr er leiſer fort und mit einer gewiſſen Blaͤſſe auf den Wangen, daß Ihr Herz bereits gewaͤhlt, daß Ihr Verlobter taͤglich erwartet werde. Darf ich Ihnen Gluͤck wuͤnſchen, darf ich

Ei, ei! Sieh da! rief ploͤtzlich eine Stimme und in demſelben Augenblick ſprang ein junger, bildſchoͤner Mann in reicher Uniform aus dem Gebuͤſch hervor, und ſchloß mir nichts, Dir nichts, die erſchrockene Tina in ſeine Arme. Staunitz! 39rief Tina, und druͤckte einen Kuß auf des Fremden Lippen, woher zu dieſer Stunde?

Aber Blauenſtein war ſeiner Sinne kaum maͤchtig; hier ſtand der Haſſenswerthe an der Seite des angebeteten Engels, er lag in ihren Armen, und ſog den Honig der ſuͤßeſten Liebe aus den Lippen des Maͤdchens, das er mit der ganzen Leidenſchaft ſeines Herzens umfaßte! Es war ihm, als laſteten zehntauſend Muͤhlenſteine auf ſeiner Bruſt, als zoͤge es ihn mit Rieſenge¬ walt hinab in die unendliche Tiefe des zerrei¬ ßendſten Liebesſchmerzes!

Staunitz war mit ſeiner Tina verſchwunden, das gluͤckliche Paar hatte den Ungluͤcklichen ver¬ laſſen, und er verwirrte ſich, halb von Wehmuth niedergebeugt, halb innerlich empoͤrt, in dem Chaos ſeiner Stimmung. Die Welt war ihm nun mit allen ihren Freuden verhaßt; das Maͤdchen, nein, eine ſolche Liebe, wie ſein Herz beſeelte, hatte dieſe Erde nicht wieder aufzuweiſen, und das Maͤdchen konnte ihm ſo ungeheuer wehe thun! Gott wollte einen Engel zeigen, dachte Blauen¬ ſtein bei ſich, und in einer Furie hatte ſich dieſer unſaͤgliche Reiz vereinigt? Aber nein, es war ja nicht moͤglich, es konnte ja nicht ſein, ſolcher40 Falſchheit war ja eines zarten Maͤdchens Herz nicht faͤhig! Tauſend heiße Thraͤnen fielen aus ſeinem Auge, ſeine Hand hatte ſich krampfhaft geballt, und die wild tobende Phantaſie gauckelte furchtbare Schreckbilder ihm vor! Aber wozu dieſes Bruͤten, wozu dieſer toͤdtende Schmerz uͤber die falſche Treuloſigkeit eines Maͤdchens? Blauen¬ ſtein raffte ſich auf; mit haſtigen Schritten durch¬ wanderte er die hohe Lindenallee, als wolle er noch heute zu Fuß die Heimath erreichen. Jetzt rauſchte es in dem nahen Gebuͤſch; es mußte wer in der Naͤhe ſein, ein bunter Schawl wurde ſichtbar, und Albertine ſtand mit all' ihrer Lieb¬ lichkeit und Anmuth vor ihm. Weshalb entzogen Sie ſich unſerer Geſellſchaft, Herr Baron? fragte Tina und machte ein Geſicht, als waͤre das In¬ quiriren ihr eine hoͤchſt gelaͤufige Sache. Sie ſind ſo duͤſter, ſo ſtill, ich fuͤrchte, es mißfaͤllt Ihnen in unſerm Kreiſe!

Duͤſter, ſtill? fragte Blauenſtein, und ging an der Seite des freundlichen Engels wie ein Verdammter, duͤſter bei Ihnen, Fraͤulein?

Nun, entgegnete Tina mit einem Seufzer, der ihre Schwanenbruſt erfuͤllte, zeigt dies nicht Ihr ganzes Äußere? Es iſt Ihnen unangenehm,41 den Bitten meines Oncles vielleicht nachgegeben zu haben, der Sie bat, laͤngere Zeit auf unſerm einſamen Lande zuzubringen, nicht wahr?

Wie koͤnnte mir das jetzt in den Sinn kommen, ſagte Blauenſtein betheurend, wie koͤnnen Sie den Gedanken in ſich aufkommen laſſen, ich ſei ungern hier! Aber ein Verſprechen gab ich Ihrem Herrn Oncle nicht; kindliche Pflichten rufen mich zu meinem Vater zuruͤck!

Sie wollen mir ausbiegen, hob Tina mit einem leiſen Erroͤthen an, aber ich verliere mein Thema nicht. Koͤnnen Sie ſich entſchließen, mir zu verſprechen, wenigſtens noch acht Tage hier zu verweilen, da Sie es meinem Oncle nicht zuſagen mogten?

Blauenſtein ſah ſeine Begleiterin mit einer gewiſſen Verwunderung an, und erwiederte: Wer vermoͤgte Ihnen etwas abzuſchlagen? Aber ich begreife Sie nicht! Und wenn ich bleibe, ſollte mich dieſer Gedanke ſchon nicht erſchrecken, ſagen Sie Graͤfin, ſollte er mich nicht erſchrecken?

O nein, nein! rief Tina lebhaft aus. Und wenn ich dies denken koͤnnte, gewiß wuͤrde ich42 mich uͤber eine ſo traurige Wahrheit zu taͤu¬ ſchen ſuchen!

In der That? fragte Blauenſtein, und man ſah an ſeinem geheimen Beben, wie er mit ſich ſelbſt kaͤmpfte. O Gott, ich vermag keinen Widerſtand zu leiſten! Albertine, koͤnnten Sie einen Blick in mein Herz werfen!

Mit raſchem Ungeſtuͤm druͤckte er bei dieſen Worten die brennenden Lippen auf Tinas Hand, und floh, ſich loßreißend, nach dem Schloſſe zu. Es war klar, ſie liebte ihn, ihr ganzes Weſen verrieth es, ſie ſelbſt legte es ja offenbar darauf an, ſo recht genau verſtanden zu werden!

Konnte man das ein Verbrechen nennen? Sie war verlobt; aber liebte ſie denn jenen Staunitz auch, war es ihr zur Laſt zu legen, wenn das Herz ſich nach wahrer Liebe ſehnte? Hundert ſolcher Fragen durchkreuzten ſich in Blauenſteins Kopfe, er lief, als ob es hinter ihm brenne, bog raſch um die Ecke des Treibhauſes, und rannte gegen Oncle Heinrich, welcher mit Staunitz ploͤtzlich vor ihm ſtand!

Schweden und die Propheten! rief der erſtere43 aus, und faßte Blauenſtein am Arme, wo ſoll denn die Reiſe hingehn? Hier ſollen Sie erſt noch einen gewiſſen Jemand kennen lernen, der noch nicht einmal ein Wort mit Ihnen ſprechen konnte. Kinderchen, ihr paßt ſo recht fuͤr einander; Schade, ewig Schade, daß Tinchen nicht noch eine Schweſter hat, die Blauenſtein zu ſeinem Weib¬ chen machte, he?!

Blauenſtein erwiederte auf die letzte ſonderbare Äußerung Heinrichs nicht ein Wort, und ſprach mit Staunitz uͤber allerlei gleichguͤltige Dinge. Er hatte auch Reiſen gemacht, und daß er ſie gehoͤrig benutzt, das zeigte der Umfang ſeines gediegenen Wiſſens, ſein gruͤndliches Urtheil, die Waͤrme, mit welcher er uͤber Italien beſonders und ſeine Kunſtſchaͤtze ſich verbreitete. Was ſo wenigen vergoͤnnt iſt, er hatte das Grabmahl des Cajus Cestius beſucht, und die uralten Gemaͤlde der durch den Fackeldampf neugieriger Kunſtver¬ ehrer geſchwaͤrzten Waͤnde der Pyramide mit Kennerblicken beſchaut, mit einem Worte, es war ihm nichts entgangen, er hatte mit wahrem Reiſe¬ genie ſeine Zeit hingebracht Und das mußte man ihm laſſen, er war ſchoͤn wie der Sonnengott! Und den ſollte ein junges, ſo empfaͤngliches Maͤd¬ chen wie Tina, dem die ganze, weite Welt fuͤr44 ſeine Liebe zu enge ſchien, nicht lieben? Nein, dachte Blauenſtein bei ſich weiter, da muͤßte ich die Weiber ſchlecht kennen, die ſo veraͤnderlich ſind wie die Schmetterlinge auf der ſchoͤnen Inſel St. Catharina. Millionen Blumen hauchen hier ſuͤße, wuͤrzige Duͤfte, eine immer reizender, als die andere, aber dennoch verweilen ſich die windi¬ gen, hirnloſen Flatterteufel nur Secundenlang in den Honigkelchen der zarten Bluͤthenkinder. Machen es die Maͤdchen bei uns jetzt nicht eben ſo? Und was kuͤmmert ſich ein ſo leichtes Herz darum, wenn ein anderes bricht, das voll ge¬ heimer, unendlicher Liebe war!

Aber ſagen Sie, Blauenſteinchen hob Oncle Heinrich an, und ruͤttelte am Arme des letztern, als wollte er ihn aus dem Schlafe wecken, ſagen Sie in's drei Teufels Namen, Gott verzeih mir die Suͤnde, woran denken Sie ſo herzinniglich, ſo unablaͤſſig? Und dabei gehn ihre Augen ſo ganz naͤrriſch hinter dem armſeligen weißen But¬ tervogel*)Vermuthlich: Phal. libatrix, oder Ph. Cassinia, eine Schmetterlingsart, die ſich erſt im Spaͤt¬ herbſt zu paaren pflegt. her, der in den langen Malven**)Die hohe Staudenaſter, Aster amellus. eben keine Nahrung finden mag.

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Halten Sie mich etwa nicht fuͤr einen Schmetterlingskundigen? fragte Blauenſtein, und ſuchte eine kleine Verlegenheit zu verbergen. Noch kuͤrzlich ergoͤtzte ich mich an den Berichten der Braſilianiſchen Flatterwelt, die uns Cruſen¬ ſtern und Langsdorf in ihren Reiſen geben.

3. Der Ball.

Der Graf, er mogte wohl nicht mehr an ſeinen Unfall von neulich denken, war uͤber die Gegenwart ſeines kuͤnftigen Schwiegerſohns hoͤchſt erfreut; aber von der Abreiſe Blauenſteins, den er recht lieb gewonnen hatte, wollte er keines¬ wegs etwas hoͤren. Sich zu fuͤgen, diesmal die Freuden und Leiden einer Liebe mitzunehmen, welche ploͤtzlich am Lebenswege des jungen Man¬ nes wie ein zartes Bluͤmchen emporſproßte, war ihm das Raͤthlichſte. Oncle Heinrich hatte ſich zwar lange widerſetzt, allein die milzſuͤchtige Letty und ihr Bruder, der Graf, blieben dabei ſtehn, daß man einen laͤngſt verabredeten Ball geben wolle, und zwar ſobald wie moͤglich. Der Ober¬46 Verwalter Sander, welcher ſich im Secretariat zu arbeiten einmal nicht nehmen ließ, erhielt den Auftrag, die Familien aufzuzeichnen, welche zum Balle geladen werden ſollten. Nach einer Stunde kam der Eilfertige bereits mit einem Regiſter von Damen zuruͤck, ſo daß man ſchier vermeinte, der verſchrumpfte Leporello ſtehe mit dem Verzeich¬ niſſe der ſchrecklichen Anzahl von Liebſchaften des edlen Don Juan vor einem! Staunitz lachte dem ehrlichen Sander gerade in's Geſicht; aber Oncle Heinrich nahm die Papiere, und ſagte mit einer graͤmlichen Miene; nachdem er die einzelnen auf¬ gezeichneten Familien durchlaufen:

Wenn wir funfzig Perſonen ſtreichen, lieber Schwager, ſo bleiben noch genug uͤbrig fuͤr unſern Zweck; aber, fuhr er leiſer fort, ich habe hier einige Leutchen, die in unſern Kreis nicht paffen! Da iſt z. B. die alte Droſtin Steinburg mit ihrem Sohne, dem Musje Unausſtehlich, und der alte Kammerherr Wehrmann; das Volk taugt nichts! Und nun gar hier der verwelkte Tulpen¬ ſtengel, Fraͤulein Babet mit ihrer Mama Klatſche!

Schwager! ſagte der Graf, und ſchuͤttelte mißbilligend den Kopf, halt doch Deine Zunge endlich einmal beſſer im Zaum. Deine Anſichten47 von der vornehmen Welt, wie Du ſie immer ſpoͤttiſch nennſt, ſind die meinigen nicht; ich gebe den Ball, und nicht Du! Laß doch, fuhr er fort, und blickte leichter um's Herz werdend, hinter Staunitz her, welcher Blauenſtein einige Bilder im Schloſſe zeigen wollte, die er fuͤr gute Origi¬ nale von Berghem und Ruysdael hielt, laß doch wenigſtens dergleichen in Gegenwart der jungen Maͤnner, wenigſtens des Barons! Der Kammerherr von Wehrmann iſt ſo unrecht nicht; Du mußt nur richtig zu calculiren verſtehn! Wie lange wird es dauren, ſo kehrt mein Sohn Emil zu uns zu¬ ruͤck, und verſucht ſein Gluͤck in der Hofwelt. Und da gilt der alte graue Kammerherr mehr, als die alte Excellenz, der Canzler. Und was noch mehr ſagen will, er hat von ſeinem Bruder, dem Oberlandjaͤgermeiſter ein ſehr bedeutendes Vermoͤgen zu erwarten; das erbt Alles einmal die kleine Guſtel, des Kammerherrn einziges Kind. Gegen den uralten Adel des Mannes iſt doch wahrhaftig auch nichts einzuwenden!

Was?! rief Heinrich verwundert aus, die Guſtel, meinſt Du, waͤre ſo eine Parthie fuͤr unſern Emil? Nun, der Herr erleuchte Dich! Dick und rund iſt ſie, und dabei verliebt, wie eine todte Ratte! Und nun gar das Vermoͤgen;48 brauchſt Du denn immer nur Geld, nichts als Geld zu Deinem Gluͤcke, und fuͤr Deine Kinder? Tina und Emil, beide ſind reich genug; mein Bischen kriegen ſie auch noch hinzu, und werden nicht Hungers ſterben. Aber, lieber Freund, fuͤr den alten Adel des Kammerherrn gebe ich keinen Heller! Es iſt wahr, der mag ſo alt ſein, wie ſeine enormen Schulden! Alter Adel, alter Adel! Mein Himmel, welcher vernuͤnftige Menſch giebt was auf den Adel! Jeder Menſch hat ſeine Ahnen; er giebt ſich aber nicht die Muͤhe, ſie zu zaͤhlen, und nimmt ſich nicht die impertinente Freiheit, ſich die Tugenden ſeiner Altvordern mir nichts, dir nichts, beizumeſſen, wie die ſoge¬ nannten Adligen. Nimm mir's nicht uͤbel, Du thateſt auch einſt ſehr Unrecht, dich in den Grafen¬ ſtand mit ſchwerem Gelde zu, kaufen, was Dir noch obenhin die ganze Welt verdacht hat. Hier, im Herzen, in der Bruſt, fuhr Heinrich in ſeinem Eifer fort, und klopfte ſtark auf ſeine Bruſt, daß es droͤhnte, da iſt der Adelsbrief, den haben die Engel geſchrieben, und wer den nicht mehr vor¬ zeigen kann, iſt ein Taugenichts, ein heilloſer Windbeutel!

Nun, nur gemach! erwiederte der Graf laͤchlend; Du biſt eine brave Seele, aber in49 den beſprochenen Puncten ein wahrer Heide! Laß mir doch meinen Willen; zwingen will ich den Jungen, den Emil, zu nichts in der Welt, was wider ſeine Herzensneigung waͤre. Ich bin auch einmal jung geweſen, und habe erfahren, wie hoch man ſeine Freiheit zu ſchaͤtzen hat! Nun erzeige mir noch den Gefallen, und ſei gegen unſere Gaͤſte, wenn ſie Dir auch zuwider ſind, recht artig und zuvorkommend; mir ſind ſie auch nicht immer an's Herz gewachſen, aber der Mann von Welt druͤckt ein Auge zu, wo es nicht anders geht! Und nun kein Wort weiter von ſolchen Dingen. Aber hoͤre, Schwager, der Blauen¬ ſtein, ſcheint der nicht auf unſer Tinchen ordent¬ lich ein Auge geworfen zu haben? Mir fiel es in der That auf; er verwandte kaum den Blick von ihr!

I nun, antwortete Heinrich mit dem Tone einer halb erzwungenen Gleichguͤltigkeit, er mag Gefallen an dem Dinge finden, denn huͤbſch iſt ſie, das muß ihr der giftigſte Neid laſſen, aber weiter iſt es auch wohl nichts; wenigſtens muß er ſich wohl nun den Muth vergehn laſſen, um ihre Gunſt zu werben, da er weiß, daß ſie mit Vetter Staunitz verlobt iſt!

450

Glaubſt Du denn, hob der Graf wieder an, und machte eine recht bedenkliche Miene, als er aus des Schwagers dargebotener Doſe eine kleine Prieſe nahm, glaubſt Du denn, daß ſich ſo ein junger Herr, der die Welt kennt, an das Verlobt¬ ſein kehrt? Doch er kann eine Ausnahme machen, und ich muß geſtehn, das ganze Weſen des jungen Mannes gefaͤllt mir, er hat ſo etwas Feſtes, und dabei ſo viel Witz und den aͤchten bon ton!

Bon ton hin, bon ton her, brummte Heinrich halb bei ſich, er hat Lebensart, bei meiner Seele!

Die guten Maͤnner! Keiner hatte Arges! ſie konnten mit Recht uͤberzeugt ſein, Tinas, ſo wie Blauenſteins Inneres ſei ohne Falſch; aber in beider Herzen, dieſe unergruͤndliche Tiefe, in der niemand das Rechte gewahrt, was er eigentlich ſucht, einen durchdringenden Blick zu thun, das vermogten ſie nicht! Der Graf galt fuͤr einen feinen Menſchenkenner, und bei Hofe fuͤr aͤußerſt turnirt; aber die eigene, geliebte Tochter hatte er noch nicht ergruͤndet!

Man hatte ſich lange geſtritten, ob man den51 Ball in Blumenau ſelbſt, oder in dem benachbarten Staͤdtchen Friedlingen geben ſollte; die Stimmen¬ mehrzahl entſchied indeß fuͤr Blumenau, und man hatte nun nichts Eifrigeres zu thun, als die Gaͤſte in beſter Form einzuladen. Der vom juͤngern Hausperſonale heiß erſehnte Tag erſchien. Tina ſtand, geputzt mit allen Kuͤnſten der zarteſten Toilette, in dem hohen Bogenfenſter des zum Empfange der Gaͤſte beſtimmten Zimmers neben Oncle Heinrich, und malte mit dem niedlichſten aller kleinen Finger Buchſtaben in den Fenſter¬ ſchweiß. Was machſt Du denn Kind? fragte der Oncle. Du malſt ja einen zierlichen B neben den andern?

Nun, ſagte Tina, und ihr Schelmengeſicht¬ chen vermogte kaum das Lachen zu bekaͤmpfen, ich darf doch wohl an Staunitz denken? Heißt er denn nicht etwa Bernhardt? Aber liebes Onkelchen, ich habe eine Bitte, welche Du mir durchaus nicht abſchlagen darfſt.

Was iſt denn ſchon wieder? fragte Heinrich. Aus euch Weibern werde der Henker klug! Erſt tiefſinnig, ganz ſehnſuͤchtig und mit den Gedanken wo anders, als am paſſenden Orte, und auf4*52einmal wieder ſo ein raſches Anliegen, ein Draͤn¬ gen! Aber nur heraus damit!

Wo denkſt Du hin! Mir fehlt in der Welt nichts, erwiederte Tina, und daß wir nicht immer von Euch verſtanden werden, iſt im Grunde recht gut! Doch das gehoͤrt nicht hieher! Du weißt, daß der Vater heute Abend waͤhrend der Tafel meine mit Staunitz laͤngſt bekannte Ver¬ lobung mit Pauken und Trompeten auf ſolenne Weiſe den Gaͤſten zu eroͤffnen beſchloſſen, und das iſt mir ſo recht widrig und obenein aͤngſtlich!

Mein Himmel, rief Heinrich verwundert, das iſt ja die eigentliche Tendenz unſeres ſchoͤnen Balles, und die willſt Du nun ſo friſch weg ver¬ nichten? Was wollte der Vater ſagen, wenn ich davon anfinge?

Bitte, bitte, Onkelchen! ſagte Tina, und kuͤßte den Aufgebrachten auf die rauhe Wange, rede mit dem Vater! Nicht wahr, Du thuſt es?

Wer kann der Hexe etwas abſchlagen! erwiederte Heinrich freundlich, umſchlang das ſuͤße Maͤdchen, und druͤckte ihm drei, vier feurige On¬ kelkuͤſſe auf die purpurnen Lippen. Aber, mein liebes Kind, die Gaͤſte koͤnnen nun nicht lange53 mehr weilen, daher mit Tante Letty auf Euren Poſten!

Tina huͤpfte froͤhlich fort; ſie wies den eben eintreffenden Hautboiſten, welche die kleine Haus¬ capelle noch unterſtuͤtzen ſollten, ihr Zimmer an, und eilte zur Tante Letty. Raſch hintereinander rollten mehrere Wagen uͤber die donnernde Bruͤcke des Schloßhofes; das reich gallonirte Bedienten¬ heer des Grafen ſtuͤrzte wie auf ein Signal her¬ aus, zeigte die gluͤcklichſten Dienertalente, und foͤrderte nach wenigen Augenblicken dem die Ho¬ neurs machenden Herrn des Hauſes die geputzten, duftenden Gaͤſte in die Haͤnde. Zu des Oncles Ärger waren die Droſtin von Steinburg, nebſt ihrem Goldſoͤhnchen, dem franzoͤſirten Antoͤnchen, deren Couſine, Babet von Kufen und der alte Schmecker, der Kammerherr von Wehrmann, welcher in dem jungen Hofrath von Wernburg noch einen Taͤnzer mitgebracht hatte, die erſten der Gaͤſte. Blauenſtein verlor ſich in einen Winkel des koͤſtlich erleuchteten und dekorirten Saales; er fuͤhlte das geheime Weh der immer mehr und mehr wachſenden Liebe in ſeiner Bruſt, und mit irrendem Auge ſuchte der die Koͤnigin des Feſtes, die liebreizende Albertine.

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So reizend, ſo uͤberaus ſchoͤn und hinreißend hatte er das Himmelskind noch nicht geſehn! Durch die ſchwarze Pracht der uͤppigen Ringel¬ locken zogen ſich ſchimmernde Perlen, wie Sterne am duͤſtern Nachthimmel; aber vorn uͤber der hohen, blendend weißen Stirn glaͤnzte ein herr¬ licher Brillant aus Viſiapur in einem zarten Dia¬ deme von Amethiſten. Das leichte, zephirartige Ballkleid von indiſchem Mull ſchmiegte ſich um die wellenfoͤrmigen Glieder dieſer vollendeten Hebe verraͤtheriſch und ſuͤß, und an dem Wogen des keuſchen Schneebuſens erſah man die geheime Luſt, die Sehnſucht nach etwas, dem man nicht zu jeder Stunde eine Sprache zu leihen vermag; aber wer dem ſchoͤnen Maͤdchen in's Auge ſah, das in ſeiner Azurtiefe feuriger, bedeutungsvoller glaͤnzte, als jener Brillant aus Viſiapur, haͤtte es ſich nicht wegleugnen laſſen, daß nichts, als ein heiliges Liebesſehnen ſeine Bruſt erfuͤlle!

Die Gaͤſte waren endlich alle verſammelt; eine koͤſtliche Auffoderung zum Tanz, bei der das zarte Clarinettenſolo einen tuͤchtigen Virtuoſen zeigte, deſſen rauſchender Allegroſatz aber in jeden Tanzluſtigen wahres Ballentzuͤcken goß, machte den ſinnenden Blauenſtein darauf aufmerkſam, daß er die liebholde Tina wohl zum erſten Walzer55 engagiren muͤſſe. Sie war nicht verſagt; aber ſtatt des einleitenden Walzers brauſ'te vom Or¬ cheſter eine volltoͤnige Polonaiſe herab, und der gluͤckliche Blauenſtein ſchlang ſeinen kraͤftigen Arm um die liebliche Tina. Das laue Wehn ihres ſuͤßen Athems, die Grazie jeder ihrer Bewe¬ gungen, dazu der freundliche, ſcherzende Ton ihrer Unterhaltung entzuͤckten ihren Taͤnzer dermaßen, daß er ſchier vermeinte im Paradieſe zu ſein. Jedes Auge hing an dem ſchoͤnen Paare, auch die giftigſten Neider und Neiderinnen, und wo ſollten dieſe fehlen? geſtanden ſich ganz geheim, Tina, ſo wie der gluͤckliche Blauenſtein, beide waͤren unuͤbertrefflich!

Wer der Blauenſtein eigentlich ſei, was er hier in Blumenau vorſtelle, war ſchnell in der Nachbarſchaft und unter den Gaͤſten bekannt ge¬ worden. Tina wußte in der That von dem lie¬ benswuͤrdigen jungen Manne am wenigſten. Aber war es auch noͤthig, mehr zu wiſſen, als daß er ſehr brav, vom beſten Herzen und Muth, und dabei engelhuͤbſch ſei? Was ging das liebende Maͤdchen der Zuſammenhang ſeiner Verhaͤltniſſe, was ſein Reichthum, oder ſeine Armuth an! So denkt die jugendliche Unerfahrenheit, das von der erſten, wahren Liebe befangene Maͤdchen! 56 Die Droſtin Steinburg ſtand mit ihrer alten Buſenfreundin, der Geheimderaͤthin Wandler im mittelſten Fenſterbogen des glaͤnzenden, von hun¬ dert und aber hundert Kerzen hell ſchimmernden Saales, und vergnuͤgte ſich nach ihrer alten, be¬ liebten Manier an dem Bekritteln der Anweſen¬ den. Sehn Sie um's Himmels Willen, nahm die letztere das Wort, ſehn Sie den allerliebſten Blauenſtein! Unter uns, meine Beſte, das iſt ein Goldfiſchchen; ich kenne ſeine Verhaͤltniſſe ge¬ nauer, wenn der Springin'sfeld ſich meiner auch nicht mehr erinnern mag, denn er thut wie fremd. Ich hatte einmal ſo eine Idee mit meinem Huld¬ chen; nun, Sie verſtehn mich; und ich mogte ſie nicht aufgeben. Aber nun, dies Thun mit der Tina, der koquetten Naͤrrin, iſt ja ganz abſcheu¬ lich; und was die Sache beſonders himmel¬ ſchreiend macht, ſie ſoll mit dem Baron Stau¬ nitz ſo gut wie verlobt ſein?!

Ja, erwiederte die Steinburg, und ſah ſich heimlich um, ob ſich auch kein unberufener Horcher nahe, ſo ſpricht man; aber ich habe ſo unter der Hand erfahren, daß es mit der Par¬ thie nichts wuͤrde. Sie halten reinen Mund, liebe Freundin; aber ich glaube ſelbſt daran, und freue mich, denn mein Anton waͤre des Todes. 57Haben Sie vorhin nicht bemerkt, wie fein, wie aufmerkſam ſich das Paͤrchen behandelte und un¬ terhielt? Der Junge hat ordentlich ſo was Apartes mit aus Paris gebracht, und mich reut nun mein ſchoͤnes Geld nicht, was er mich koſtete. Wahrhaftig, es waͤre reizend, wenn unſere Plaͤne, meine liebe Wandler, ausgefuͤhrt wuͤrden. Und eigentlich iſt kein Grund da, daran zu zweifeln. Was meinen Sie?

Aber die letztere erwiederte in ihrem Grimme auf die arme Tina kein Wort, und goß in die ihr dargereichte Taſſe Thee ſo eine Menge eng¬ liſchen Rum, daß der hieruͤber ganz erſchrockene Diener meinte, Ihre Gnaden haͤtten ſich ver¬ griffen. Der Kammerherr von Wehrmann ſtand in dieſem Augenblicke vor der Erboßten, und freute ſich, eine Gleichgeſinnte gefunden zu haben. Der alte Herr ſchwaͤnzelte mit ſeinem goldbro¬ kadenem Kleide, deſſen alterthuͤmliche Garnitur am Kragen reich mit Spaniol beſtreut war, der theeſchluͤrfenden Dame naͤher, und kuͤßte ihr mit einem grinſenden Laͤchlen die Hand. Eh bien, ma chere! hob er an, und warf ſeine ſtechen¬ den, grauen Augen nach der Seite des Saales, wohin ſich Blauenſtein mit der ſuͤßen Albertine hingefluͤchtet, um vorlaͤufig die Touren zu einer58 neuen Quadrille zu beſprechen, wie ſieht es mit unſerm aimabeln Huldchen? Bemerken Sie, meine Gnaͤdige, bemerken Sie die holde Albertine, oder vielmehr den blauen Stein, der ſich Ihnen ſo recht con amore in den Weg wirft, ohne auf Dero geheimſte Wuͤnſche Ruͤckſicht nehmen zu wollen?

Nicht anzuͤglich, mein Freund! ſagte die Wandler in einem Tone, der wie eine bittere Verſtimmung herauskam. Aber, iſt das Recht, iſt das Sitte, nennt man das Erziehung und Ton?! Nein, eine ſolche ausgeſuchte Gefallſucht iſt mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen! Der Menſch muͤßte ganz dumm ſein, wenn er nicht zur angenehmen Kurzweil Gebrauch von der Zuvorkommenheit der graͤflichen Koquette machen wollte!

Hatten die in dieſen angenehmen Zwieſprach verwickelten Perſonen zu giftige Blicke auf Blauen¬ ſtein, auf die in ſuͤßer Liebesverirrung vorge¬ hende Tina geworfen? Blauenſtein hielt es fuͤr paſſend, die Augen der Neugierigen von ſich abzuwenden, trat mit recht ausgeſuchter Freund¬ lichkeit zu dem geprieſenen Huldchen, und for¬ derte ſie zu dem eben angeſtimmten Laͤnderer auf. 59Er kannte die Geheimderaͤthin; vor mehreren Jahren lernte er ſie in der Reſidenz kennen; aber die niedrige Denkungsart der Frau, ihre Raͤnkeſucht, die nichts, auch das Heiligſte nicht, ſchonte, war ihm fruͤhzeitig verhaßt geweſen, und als er zufaͤllig bemerkte, eine Parthie zwiſchen ihm und der Hulda ſei der Mutter einziges Stre¬ ben, zog er ſich kalt zuruͤck, und that jetzt, nach¬ dem mehrere Jahre vergangen waren, in denen er ſich merklich veraͤndert haben ſollte, als kenne er die Frau gar nicht. Huldchen war an und fuͤr ſich ſo uͤbel nicht; ihr Geſicht, das freilich den uͤbergroßen Mund ihres verſtorbenen Vaters ererbt hatte, war von einem gutmuͤthigen Aus¬ druck; ſie dachte nicht an die geheimen Plaͤne der verdrießlichen Mamma, und gefiel ſich in den kraͤftigen Armen des ſie umſchlingenden jungen Mannes recht ſehr wohl. Die Droſtin Stein¬ burg war innerlich froh, daß ſich ihre Ausſichten aufklaͤrten. Behalt 'Du Deinen Blauenſtein, liebes Puttchen, dachte ſie bei ſich; mein Antoͤnchen wird hoffentlich auch noch zum Ziele kommen. Gott, an dem Kinde ſelbſt, an der hochfahrenden Familie des Grafen uͤberhaupt liegt mir herzlich wenig; aber Tinchen, Dein unmenſchliches Geld, deine Guͤter will ich mir, oder vielmehr dem An¬ ton ſichern! Koͤmmt nicht bald ein rettender60 Goldengel, ſo gehts ſchief; meine Leute kuͤndigen mir auf, die Glaͤubiger machen drohende Geſich¬ ter, Himmel, ich mag nicht daran denken, mir wird gruͤn und gelb vor den Augen!

Sie rannte ſchnell zum Sohne, der mit einem Schaafsgeſicht den Tanzenden zuſah. Sie gab ihm ganz geheim einen muͤtterlichen Seiten¬ ſtoß, und raunte ihm ziemlich vernehmlich in die uͤbergroßen Ohren, hinter denen ein Paar widri¬ ge Pflaſter dufteten: Menſch, Du ſtehſt hier, und kuckſt wie ein Narr zu?! Habe ich Dir nicht gleich geſagt, Du ſollſt etwas um die Tina herum ſein, mit ihr ſprechen, tanzen, ſie von Deinen Reiſen unterhalten?! Steht der Menſch hier in der Ecke! Wie oft habe ich Dich gebeten, Du ſollſt Dein verfluchtes Schielen laſſen; denn wenn Dich die Comteſſe ſieht, wie Du mit einem Auge ihr auf die Fußſpitze, mit dem andern nach dem Kronleuchter kuckſt, ſo nimmt ſie Dich im Leben nicht!

Mais mon dieu, gnaͤdige Mamma! er¬ wiederte Antoͤnchen betreten, man darf doch nicht uͤbermaͤßig zudringlich ſein; et quand à moi, ich habe ihr meine Huldigungen devoteſt bereits zu Fuͤßen gelegt!

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Haſt Du das? fragte die aufgebrachte Mamma etwas beruhigter. Nun, ſo fahre fort, und der Himmel wird das Ende ſegnen!

Der Laͤnderer hatte das ſeinige erreicht; die jungen Herrn fuͤhrten ihre Schoͤnen zu den Sitzen, fuhren mit den wehenden Tuͤchern uͤber die gluͤhende Stirn, waͤhrend ein anderer Theil zu der Tanzordnung huͤpfte, um bei Zeiten fuͤr reizende Engagements zu ſorgen. Eine liebliche Oboe¬ ſtimme intonirte einen allerliebſten Wienerwalzer; Antoͤnchen meinte, dieſen muͤſſe er nothwendig mit der reizenden Albertine tanzen; er nahm daher den Muth zuſammen, und fand ſie gluͤck¬ licher Weiſe noch nicht verſagt. Mit aͤngſtlichem Bedauren ſah ſie Blauenſtein nach, welcher ſie eben von ſeiner Heimath unterhalten, und legte mit einem wahren Widerwillen ihr Marmor¬ patſchchen in die duͤrre Hand des franzoͤſirten Narren, der in ſeinem albernen Duͤnkel meinte, er ſei der Liebling aller und jeder, denen er ſich nahe. Schon vorhin hatte der Pariſer Unausſteh¬ lich ſie mit ſeinen faden, nichts ſagenden Witze¬ leien verfolgt, und ſie oft durch ſeine beliebten Zweideutigkeiten erroͤthen gemacht, und jetzt fing er gar an, ſuͤß zu thun, und eine Menge Ge¬ waͤſch von der Kunſt, hauptſaͤchlich von der62 Muſik, herzuſchwatzen, daß Tina nicht mehr wußte, was ſie dem Aufgeblaſenen antworten ſollte. Jetzt kam das Walzen an Antoͤnchen; ſeine Lunge war nicht im beſten Zuſtande, daher ſeine Reſpi¬ ration in einer hoͤchſt traurigen Verfaſſung, und der raſche Wiener nahm ihm dermaßen die Luſt, daß er ſeufzte und pruͤgte wie der ſchadhafte Ka¬ ſtenblasbalg einer Eiſengießerei. An Unterhaltung mit ſeiner Taͤnzerin, die in ihrer friſchen Kraͤf¬ tigkeit das bischen Herumdrehen nicht achtete, war gar nicht zu denken, und Tina war herzlich froh, als Oncle Heinrich ſie mit dem Finger auf die blendendweiße Achſel tippte, und ihr in's Ohr raunte, man koͤnne wohl nun an die Tafel denken. Der unausſtehliche Walzer war aus, Antoͤnchen buͤckte ſich keuchend, und bot der er¬ zuͤrnten Comteſſe ſeinen Arm; allein ſie erwie¬ derte kurz, daß ſie ein kleines Geſchaͤft ſchnell hin¬ wegrufe, und ließ den Narren ſtehn. Tina flog in den Speiſeſaal; ſchon waren die Tafeln mit allen Gaumenherrlichkeiten beſetzt, daß ſie unter der Laſt ſeufzten, und an jedem Couvert ſchim¬ merte ein Zettel mit dem Namen der Perſon, welche hier ſitzen ſollte. Mit irrendem Auge ſuchte Tina Blauenſteins Namen; richtig, er lag neben Huldchen, und jetzt fiel es erſt der un¬ angenehm Überraſchten auf, daß ihr in der Naͤhe63 des Saales die Geheimderaͤthin in einer gewiſſen Verlegenheit begegnet war. Irrte ſie nicht, ſo hatte dieſe Blauenſteins Namen neben den ihrer Tochter gelegt. Oncle Heinrich glaubte, die Zet¬ tel waren noch nicht recht geordnet, aber auf der andern Seite neben Blauenſtein las er zu ſeiner Verwundrung den Namen der Tante Letty, und dachte bei ſich, daß die alberne Perſon eigentlich ganz unten hin gehoͤre, wo ſie auf die Unterhal¬ tung eines jungen Mannes nicht rechnen konnte. Tina ordnete nun die Namen nach ihrem Koͤpf¬ chen, huͤpfte hoͤchſt vergnuͤgt uͤber ihr Arrange¬ ment zu den Gaͤſten zuruͤck, und reichte dem ihr freundlich entgegen tretenden Staunitz die Schwa¬ nenhand, welche dieſer an ſeine Lippen zog. Haſt Du, hob Tina an, und blickte dem ſchoͤ¬ nen Manne in das klare Seelenauge, haſt Du auch nicht vergeſſen, was Du mir verſpracheſt, mein theurer, lieber Freund? Siehſt Du, fuhr ſie fort, als Staunitz genickt hatte, und langte aus der Schneetiefe ihres von geheimer Luſt be¬ benden Buſens ein goldenes Medaillon hervor, hierin ſoll das Heiligthum ruhn! Sie blickte ſich um, ob niemand gelauſcht habe, und bemerkte Blauenſtein nicht, welcher ſie laͤngſt aus der Ferne beobachtet, und jetzt ganz genau ſah, wie Tina aus ſeiner Hand eine Locke fuͤr das Medaillon64 empfing, welche von niemand anders, als von Staunitz ſein konnte, denn hatte ihn ſein Auge nicht getaͤuſcht, ſo war ſie braun geweſen, wie Staunitz Lockenkopf. So viel war gewiß, Tina blieb mit ihrem Betragen ein hoͤchſt raͤthſelhaftes Geſchoͤpf; und er konnte das eben nicht fuͤr Nai¬ vetaͤt nehmen, wenn ſie auch mit keinen buhleri¬ ſchen Kuͤnſten um ſich warf. Blauenſtein nahm ſich vor, es koſte auch, was es wolle, mit ſich in Beziehung auf Tina in's Klare kommen zu wol¬ len. Eine zarte, ſilberhelle Trompete rief jetzt zur Tafel; Blauenſtein ſuchte das augenblicklich Truͤbe ſeiner Stimmung zu vergeſſen, Staunitz fuͤhrte ihn mit freundlicher Zuvorkommenheit, welche ganz den feinen Weltmann verrieth, ſeiner reizenden Braut entgegen, und unter einer rau¬ ſchenden Simphonie ſuchten die durch die Trom¬ pete aufgeregten Gaͤſte ihre Plaͤtze. Ungluͤcklicher Weiſe fand die Droſtin Steinburg ihren Platz in der Naͤhe des Hofrath Wernburg, deſſen bei¬ ßender Satyre ſie gar nicht auszuweichen wußte; aber die Geheimderaͤthin Wandler hatte ihren Sitz dicht neben dem alten Kammerherrn, dem hecktiſchen Canonicus Osdorf gegenuͤber, aufge¬ ſchlagen, und freute ſich im Voraus einer Unter¬ haltung, die nur dann von ihr geruͤhmt wurde, wenn ſie ihrem giftigen Herzen Luft machen65 konnte. Mit geheimer Schadenfreude ſah ſie, daß das eitle, duftende Antoͤnchen ſich neben Fraͤulein Babet umſonſt bemuͤhte, durch ſchale Witze zu vergeſſen, daß ihm fuͤr den Abend die holde Gegenwart der Comteſſe Albertine geraubt ſei, und nahm ſich nebenbei vor, von den vor¬ trefflichen Speiſen auch nicht eine einzige unan¬ geruͤhrt voruͤbergehn zu laſſen. Vorhin begann ſie grinſend, und wandte ſich an den Kammer¬ herrn, welcher ungern von ſeiner fetten Truͤffel¬ paſtete abließe, vorhin waren wir zu oft in un¬ ſerm Discours geſtoͤhrt; jetzt iſt die Gelegenheit guͤnſtiger. Was halten Sie ſo eigentlich von dem Maͤdchen, der Tina? Engliſche Frau, erwie¬ derte der Kammerherr in einiger Verlegenheit und wiſchte mit der Serviette uͤber den Mund, ich glaube, das Kind mag ſo uͤbel nicht ſein! Daß ſie an huͤbſchen jungen Maͤnnern Gefallen findet, die ſich ihr ſo zu ſagen zur Auswahl praͤ¬ ſentiren, wer kann darin etwas Schlimmes fin¬ den? Denken Sie an unſere Jugend, wir mach¬ ten es im Grunde nicht beſſer. Das arme Kind hat keine Mutter; ſchon dieſer Grund enthaͤlt reichliche Entſchuldigungen!

Mein Himmel! ſagte die Geheimderaͤthin, und ſchien betroffen, welche ploͤtzliche Veraͤnde¬566rung der Sinnesart! Sie ſcherzen, Freund! Bedenken Sie, das Maͤdchen iſt Braut, und thut mit dem Baron, als ſei ſie ſo frei, wie vor ihrer Verlobung mit Staunitz! Wenn dies keine Suͤnde iſt, ſo weiß ich nicht, wie man bei jungen Maͤdchen eine aͤrgere finden kann! Ich war auch einmal jung, und Sie wiſſen, was mir meine Nichte Louiſe fuͤr Kummer gemacht mit ihrem Weſen; aber ſo etwas iſt denn doch zu arg! Wenn ich dagegen an ihr Guſtelchen denke, wie ſittſam, wie haͤuslich, wie viel Zucht und Sitte; Nein, an der Tina iſt nichts; und unter uns geſagt, ſie ſoll es in der Reſidenz auch ebenſo gemacht haben!

In der That? keuchte der lauſchende Canonicus, und bekaͤmpfte ſeinen verjaͤhrten Magenhuſten. Man ſpricht ſo dies und jenes! Wahrhaftig, der Oncle Heinrich iſt um ſolch eine Nichte zu beneiden, die ihm mit ſo viel Huld entgegenkoͤmmt!

Wie verſtehn Sie das? fragte die Geheim¬ deraͤthin raſch und dringend.

Nun, ſagte der Canonicus kleinlaut, und blinzte mit ſeinen kleinen grauen Augen, der67 Mann iſt noch recht huͤbſch und kraͤftig; Sie kennen doch die Liſette, meiner Schwaͤgerin Kammermaͤdchen, welche fruͤher hier in Blumenau diente, die erzaͤhlte, sacre dieu, es wird einem warm bei den Gedanken! daß der chere Oncle ſein holdes Nichtchen oft im Bette uͤberraſcht, und gekuͤßt habe. Das ſagte das Maͤdchen; das Übrige folgt leicht von ſelbſt. Und dann, wie oft war ſie nicht bei Praͤſidents, und wie es da herging, iſt ja weltbekannt!

Haben Sie gehoͤrt, Herr Kammerherr? fragte die Geheimderaͤthin triumphirend. Ich irre mich ſo leicht nicht, und wenn man ſo zwanzig Jahre in der großen Welt lebt, da kennt man zuletzt ſeine Leute!

Allerdings! murmelte der Kammerherr, und beſah ſich im goldigen Spiegel des gefuͤllten Kelch¬ glaſes. Aber wo bleibt der Mantel chriſtlicher Liebe, meine Gnaͤdige, den Sie mir neulich ſo angeprieſen? Ha, ha ha! Ich erinnere mich einſt geleſen zu haben, die Welt ſei eigentlich ein großes Mißverſtaͤndniß; und ich bin uͤberzeugt, der Autor meinte hauptſaͤchlich hiermit die Welt, aus welcher Sie, meine Theure, Ihren Kummer ſchoͤpfen; meinen Sie nicht auch?

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Aber die Raͤthin erwiederte nichts; mit einem geheimen Ärger auf ſich ſelbſt dachte ſie eben daran, daß der Kammerherr zwiſchen des Grafen Sohn und ſeiner kugelrunden Tochter eine Ver¬ bindung beabſichtigte; der Graf, wie die verehr¬ ten Leſer wiſſen, war keineswegs abgeneigt, und der Hofmann wollte ſich ſeine Ausſichten nicht verderben. Sein wohleingerichteter Appetit hielt ihn auch fuͤr jede Unterhaltung ſchadlos, und mit einem ungewoͤhnlichen Wohlbehagen uͤberrechnete er bereits ſeiner Tochter kuͤnftiges Gluͤck, ſah im Voraus die hoͤchſt zufriedenen Mienen ſeiner Glaͤu¬ biger, und ſich in einer glaͤnzenden Wohlhabenheit ſchon als Oberkammerherr. Anders ſah es bei Blauenſtein aus; es war ein ploͤtzlicher Ernſt uͤber ihn gekommen, und alle froͤhlichen Scherze ſeines Nachbars Staunitz vermogten ihn nicht zu bannen. Er hatte an ſeinen Vater geſchrieben, wo er ſich aufhalte, und was eigentlich der Grund ſeines Verweilens in Blumenau ſei. Mit einer gewiſſen Ängſtlichkeit gedachte er ſeines Vaters, und gab ſich ſelbſt das Verſprechen, ſeinen Aufent¬ halt, moͤge er auch noch mehr Reize darbieten, wo moͤglich abzukuͤrzen. Tina war die Ausge¬ laſſenheit, die frohe, heitere Laune ſelbſt; Blauen¬ ſteins Ernſt ſchien ihr wahrhaft Spaß zu machen, und ſie unterließ nicht, ihn auf alle und jede69 ſchlaue Art damit aufzuziehn. Es war ihm jetzt unmoͤglich, dem Maͤdchen gram zu ſein; wo er noch vor Kurzem Verſtellung, Koquetterie, Gefall¬ ſucht, und wer weiß, was noch alle! geſehn, erblickte er jetzt nur gefaͤllige Natuͤrlichkeit, unbe¬ fangene Liebenswuͤrdigkeit; und dann durfte er ja auch wahrhaftig ihr dankbares Herz nicht ver¬ geſſen. Wer des Vaters Leben, wenigſtens ſeine geſunden Glieder rettete, hatte gewiß Anſpruch auf der Tochter Freundſchaft. Und ihre Verlo¬ bung? nun ja, das war freilich dumm, recht ungelegen, und vielleicht die Quelle alles Kummers, der den jungen Mann quaͤlte und noch quaͤlen ſollte; aber ſie liebte ihren Braͤutigam herzlich, mit ſo viel kindlicher Anhaͤnglichkeit; nein, mit einem Worte, Tina war und blieb ein hoͤchſt liebenswuͤrdiges Geſchoͤpf, nur Schade, ewig Schade, daß ihm das Himmelskind auf immer verloren war!

Aber mein Himmel, unterbrach Staunitz ſeines Nachbars Betrachtungen, warum ſind Sie immer ſo ernſt, ſo in ſich zuruͤckgezogen, lieber Baron? Laſſen Sie uns, fuhr er fort, und ſah Blauenſtein tief in's Auge, als gelinge es ihm jetzt, ſein Herz zu ergruͤnden, laſſen Sie uns zu den Glaͤſern faſſen! Der Wein macht froͤhlich,70 er iſt freundlichen Hoffnungen guͤnſtig und der Liebe!

Freundlichen Hoffnungen? fragte Blauen¬ ſtein, und ſah Staunitz laͤchlend, aber wehmuͤthig an. Nun ja, der Hoffnungen ſind verſchiedene, wer ſie beloben darf, dem fehlt keine Sicherheit; aber auf mich kann es keine Anwendung leiden; meine Erwartungen vom Leben, vom Gluͤck ſind nicht hoch geſpannt. Und lieben kann man nur einmal wahrhaft; nur einmal erſchließt ſich dem Geweihten des Himmels Klarheit, und er empfaͤngt den Kranz, der ſeine Stirne zieren ſoll! Oft tritt ein neidiſcher Zufall kalt und tuͤckiſch zwiſchen das Gluͤck und das liebende Herz!

Sie ſprachen tief aus meinem Herzen, mein Freund, erwiederte Staunitz, und druͤckte Blauen¬ ſteins Hand mit Feuer, und ihre Geſinnungen machen Ihnen Ehre. Aber die Zukunft iſt fuͤr unſer kurzſichtiges Auge nicht geſchaffen!

Blauenſtein nickte Beifall, ſah dem Zerſprin¬ gen der feinen Blaͤschen in ſeinem Glaſe zu und ſog das duftige Aroma des koͤſtlichen Weines ein; aber Tina ſchien unzufrieden uͤber der jungen Maͤnner ernſtes Geſpraͤch, und fragte, ob es denn71 auch erlaubt ſei, ſolchen Betrachtungen zu dieſer Zeit Raum zu geben? Ich glaube, fuhr ſie heiter fort, und nahm eine Meſſerſpitze Himmbeer¬ gelee in den kleinen Roſenmund, ich glaube, es iſt an der ganzen Tafel niemand, der ſich mit wahrhaftem Ernſte befaſſen moͤgte. Hoͤren Sie um des Himmels Willen dieſen Laͤrm, kaum daß die Muſik unſer Ohr erreicht. Aber ſehn Sie, dort koͤmmt der wahre Genius der Freude! Blauenſtein ſah vom Teller auf, und erblickte die hin und her ſpringenden Bedienten mit den Champagnerflaſchen, deren tobender Geiſt empor ſpritzte, und die Glaͤſer ſchaͤumend uͤberlief. Den Damen entfuhr ein kleiner Schreckensſchrei, ſie fuͤrchteten fuͤr ihre Toilette, und ſtreckten doch die zarten Haͤnde nach dem ungeſtuͤmen Kreidewein aus, um mit den luſtigen Nachbarn mit den klappernden Lilienglaͤſern anzuſtoßen. Tina cre¬ denzte Blauenſtein ein volles Glas, und nippte vorher ein wenig mit dem wuͤrzigen Roſenmunde; er aber faßte ihre bebende Hand, und ſtuͤrzte den Wein auf ihr Wohl eilig hinunter. Weshalb ſo ungeſtuͤm, ſo raſch? fragte ſie den geiſtig Berauſchten. Sie ſind wie der Wein, den Sie trinken!

Die Freude, die der Himmel uns zumißt,72 iſt kurz fuͤr die verlangende Bruſt. Aber dem Weine gilt dieſer Eifer nicht! ſagte Blauenſtein mit Bedeutung, und zog faſt ſeiner unbewußt Tinas Hand an ſeine brennenden Lippen. Das Deſert war herumgereicht, und wurde zum Theil von den Überſatten verſchmaͤht; da toͤnte vom Orcheſter ein herrlicher Cotillon, und die Tanz¬ luſtigen ſtuͤrzten hinter den Stuͤhlen hervor, ſuchten nach ihren Schoͤnen, und eilten, vom Weine mit Muth beſeelt, in den Tanzſaal. Wie der Wind ſtand Antoͤnchen an Tinas Seite, und buͤckte ſich tief, und bat um den Goͤttertanz. Aber ſie war an Blauenſtein verſagt. Das iſt mir doch zu arg! dachte der Beleidigte bei ſich, und zog nun mit freundlich fletſchender Miene ab. Sie muͤſſen ſich ſchon entſchließen, ſagte das kleine Luͤgen¬ kind erroͤthend zu Blauenſtein, und dieſen Tanz mit mir tanzen; es war mir unmoͤglich, dem unausſtehlichen Narren meine Hand zu reichen, der mir mit ſeiner Gemuͤthsleere, wie mit ſeinem faden Pariſer Witze, der nicht einmal aͤcht iſt, immer verhaßter wird!

Blauenſtein war von dieſer Offenheit, dieſem Vertrauen entzuͤckt, und huͤpfte an der Hand des angebeteten Maͤdchens zu dem ſich bildenden Kreiſe des beliebten Tanzes. Aber die Freude73 ſollte nicht lange dauren; kaum war die erſte Haupttour beendigt, als ein donnernder Kanonen¬ ſchlag ein brillantes Feuerwerk verkuͤndigte, das jetzt mit einigen, bis in das tiefſte naͤchtliche Blau des Himmels aufrauſchenden, Racketen begann. Der Tanz war wie auf ein Kommando¬ wort zerſtreut, die aͤltern Perſonen ſuchten ſich an den hohen Fenſtern des geraͤumigen Saales einen guͤnſtigen Platz, aber die juͤngern eilten am Arme ihrer Taͤnzer oder Anbeter hinab in den Park, und ergoͤtzten ſich an dem ziſchenden Spruͤh¬ regen der bunten Feuerraͤder, welche das glaͤn¬ zende Schauſpiel der kommenden Feuerherrlich¬ keiten luſtig begannen. Blauenſtein war mit Tina an das Ufer des Sees getreten, wohin ihm Staunitz mit Oncle Heinrich folgte. Der letztere war entzuͤckt uͤber ſein gelungenes Werk, und machte die jungen Leute auf ein kleines Fahr¬ zeug aufmerkſam, das mit einem Male im bun¬ teſten Brillantfeuer ſtand. Lauter Oh's und Ah's ſchallten von allen Seiten; blaͤulich ſchimmernde Leuchtkugeln fuhren lautlos durch die heitre Nacht¬ luft, und erhellten die Ufer, an die ſich ein Theil der Gaͤſte herangewagt hatte, bis ein praſſelnder Schwaͤrmertopf die Neugierigen mit Blitzesſchnelle zerſtreute. Da krachte ploͤtzlich das Schiff, daß die Wellen an ſeinen Blanken hinaufſchlugen,74 und in der Mitte des Maſtes ſchimmerten wie Sterne die Worte: Treue Liebe, auf einem Tranſparente, das nach wenigen Minuten ſammt dem Schiffe in lodernde Flammen aufging, die wunderbar im Waſſer wiederglaͤnzten, als habe ſich die Fluth in ein Feuermeer verwandelt. Jeder deutete ſich die erwaͤhnten Worte nach ſeiner Weiſe; aber Staunitz zog die geliebte Tina an ſeine Bruſt, und eine Thraͤne inniger Ruͤh¬ rung glaͤnzte in den Augen beider Liebenden. Blauenſtein hatte keinen Sinn mehr fuͤr die Herrlichkeiten der Feuerwerkerkunſt; es war ihm, als ſei mit dem Verloͤſchen des blauen Sterns an den Wimpeln des durch die Flammen abſicht¬ lich verzehrten Schiffs auch der Stern ſeines Lebensgluͤckes untergegangen in die finſtere Tiefe unſeliger Verhaͤltniſſe. Umſonſt bemuͤhte ſich Oncle Heinrich ſeine Feuerwerkstheorie dem weh¬ muͤthigen jungen Freunde zu entwicklen; er warf noch einen Blick auf den Laͤrm und die bunte Funkenpracht der Drehſonnen, Knallcapricen. Gi¬ randolen, Bomben mit blauen Sternen, Feuer¬ kaſtanien und alle die gedraͤngt voruͤberſchwebenden Herrlichkeiten, und war im Begriff, ſich nach dem dunklen, lautloſen Luſtwaͤldchen zu wenden, als Staunitz mit Oncle Heinrich zu ihm trat, und letzterer ihm ſagte, es ſei ein Fremder vor75 einer Stunde angekommen, welcher ihn, als Blauenſtein, dringend zu ſprechen verlange. Der arme Teufel, ſagte Heinrich und faßte Blauen¬ ſteins Hand, der arme Teufel war ſehr ermuͤdet, und haͤtte ich ein Wort von einem fremden Boten fallen gelaſſen, ſo waͤre mein Schiffchen ſammt dem ganzen Feuerwerke verloren geweſen. Der Henker weiß, ob Sie etwas gemerkt haben, Sie thaten kaum auf meine Kunſtſachen einen Blick, und nun ziehen Sie hin in Frieden zu dem eili¬ gen Manne, der beſtimmt gute Bothſchaft bringt!

Blauenſtein war erſchrocken; er dachte an ſeinen Vater, an ſeine Heimath. Gott, wenn der erſtere ploͤtzlich geſtorben, wenn irgend ein anderes Ungluͤck vorgefallen waͤre! Er lief in aller Eile nach dem Schloſſe zuruͤck, und ſuchte nach einem Domeſtiken, der ihn zu dem Fremden fuͤhre. Aber das Feuerwerk hatte die geſammte Dienerſchaft hinaus in's Freie gelockt, nur des Fraͤuleins Kammermaͤdchen war zuruͤckgeblieben, und verſicherte ganz unaufgefordert, ſie koͤnne das infame Schießen nicht vertragen und das ewige Knallen der Feuerraͤder, da waͤre ſie noch im Hauſe, und wolle eben dem fremden Herrn eine Erfriſchung holen.

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4. Die Bothſchaft.

Voll banger Erwartung trat Blauenſtein, von dem Kammermaͤdchen geleitet, in des Frem¬ den Zimmer. Seine Ahnung hatte ihn nicht ge¬ taͤuſcht, es war ſeines Vaters getreuer Secretair. Erſchrecken Sie nicht, Herr Baron, hob dieſer an und trat Blauenſtein mit milder Freundlichkeit entgegen. Vor allen Dingen muß ich Ihnen ſagen, wie ich mich Ihrer Zuruͤckkunft von der langen Reiſe freue, der Ihre koͤrperliche Ausbildung viel ver¬ dankt, denn ich finde manche vortheilhafte Ver¬ aͤnderung!

O, laſſen wir jetzt dergleichen, lieber, guter Blum, entgegnete Blauenſtein dringend, ſagen Sie mir vielmehr ſchnell heraus, was Sie ſo ploͤtzlich zu mir fuͤhrt. Mein Vater hat doch meinen Brief empfangen?

Allerdings, nahm Blum mit einem Seufzer77 das Wort, das hat er. Der gute Herr iſt krank, was ſoll ich es laͤnger verhelen, aber ich hoffe, nicht gefaͤhrlich. Unterbrechen Sie mich nicht, junger Herr, ich werde gleich am Ende meines Berichtes ſein, und wir haben beide große Eile. Schon kurz vor Empfang Ihres Briefes klagte der gute Herr uͤber eine Laͤhmung in ſeinem Koͤrper, und er ſagte, es ſei geweſen, als wenn mit einem Male alle Nerven zuſammengezuckt ſeien, und als haͤtte es wie in einem langgehalte¬ nen, ſonderbaren Tone vor dem Ohre geklungen. Sie kennen ſeine Vorliebe fuͤr die Muſik, und ich ſchob auch hierauf die ſonderbare Erſcheinung; aber die Ärzte meinten doch, es waͤre eine Art Schlagfluß geweſen. Nun kam Ihr Brief, mein lieber junger Herr; er mogte einen freudigen Eindruck aͤußern, denn Ihr Herr Vater verlangte ſehnlichſt nach Ihnen, faſt in demſelben Grade, als ſein Übelbefinden ſtieg. Blum, ſagte er zu mir am Morgen, Sie muͤſſen mir den Auguſt ſchaffen, ich werde immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher, und fuͤhle, daß meine Stunde bald ſchlagen wird. Auf alle Weiſe redete ich dem guten Herrn ſolche finſtern Gedanken aus, ließ den Reiſewagen an¬ ſpannen, und fuhr Tag und Nacht. Mit Nerven¬ zufaͤllen iſt kein Spaßen; daher halte ich es fuͤr nothwendig, daß wir Blumenau ſo ſchnell wie78 moͤglich verlaſſen, und wenn es irgend angeht, noch in dieſer Nacht!

Blauenſtein war keines Wortes maͤchtig, er druͤckte die Hand des ehrlichen Blum, winkte ihm, im Zimmer zu bleiben, und eilte hinaus in's Freie. Das Feuerwerk war zu Ende; die be¬ friedigten Zuſchauer ſuchten den verlaſſenen Tanz¬ ſaal wieder auf; auch Tina trat, in ihren Shawl gehuͤllt, Blauenſtein laͤchlend entgegen, und fragte, ob der Cottillon noch ausgefuͤhrt werden koͤnne. Er hatte ſich ein wenig erholt, und erwiederte auf Tinas Frage, was ihm ſei, denn eine Todten¬ blaͤſſe habe ſein Geſicht uͤberwogen, und ſein Auge ſchwimme in Thraͤnen, daß er eine ploͤtzliche Trauerbothſchaft erhalten. Mein Vater, fuhr er mit wankender Stimme fort, liegt vielleicht ſchon jetzt in ſeinen letzten Zuͤgen; er verlangt nach ſeinem Kinde, und ich habe auf keiner Stelle Ruhe mehr. Ich muß fort, verſtatten Sie mir, daß ich Ihnen, den theuren Ihrigen danke fuͤr die mir erwieſene herzliche Aufnahme! Wei¬ ter vermogte Blauenſtein nicht zu reden, ein Strom von Thraͤnen erſtickte ſeine Stimme, und er oͤffnete, um ſich der Aufmerkſamkeit der Vor¬ uͤbergehenden zu entziehn, das erſte, beſte Zimmer, und dachte nicht daran, daß er ſich in Tinas79 kleinem Heiligthum befinde. Das erſchrockene Maͤdchen war ihm gefolgt, und ſeinen Mißgriff gewahrend, erhob er ſich eben ſo ſchnell von dem Seſſel, auf den er ſich niedergelaſſen, und zog Tinas Hand an ſeine fieberiſch brennenden Lippen. Entſchuldigen Sie mich, Comteſſe, hob er an, haben Sie Nachſicht mit mir. Ich liebe meinen Vater uͤber Alles, aber ich ſehe auch noch andern Verluſten entgegen, die mich tief ſchmerzen! Um Ihre Liebe zu werben, iſt mir nicht vergoͤnnt; aber ich habe vielleicht einen kleinen Anſpruch auf Ihre Freundſchaft. Jetzt leben Sie wohl, entſchuldigen Sie mich bei Ihrem Herrn Vater und den uͤbrigen Verwandten, und wenn ich noch um etwas bitten darf, ſo iſt es das, mir zuwei¬ len einen Augenblick freundlicher Erinnerung zu ſchenken!

Tina war zu ſehr uͤberraſcht von dem ploͤtz¬ lichen Ereigniſſe, als daß ſie einer ruhigen Er¬ wiederung faͤhig geweſen waͤre. Sie ließ ihre Hand in der ihres Freundes ruhn, ſie war es ſich kaum ſelbſt bewußt, daß er ſie an ſeine Bruſt zog und ihre Stirn mit einem leiſen Kuſſe be¬ ruͤhrte. Iſt es denn ein boͤſer Traum, daß er wirklich fort will, iſt es Wirklichkeit? dieſe Fragen durchkreuzten ſich in ihrem Koͤpfchen, und erſt als80 Blauenſtein zum letzten Lebewohl ihre Hand ergriff, und eine Thraͤne ſich in ſein Auge ſtahl, vermogte ſie wieder zu reden, und ſich gefaßt und ruhig uͤber die Sache zu aͤußern. Warum dieſe Eile, mein Freund? fragte ſie mit dem zarten Wohl¬ laut ihrer Stimme, und ſah dem jungen, ſchoͤnen Manne mit milder Freundlichkeit in die in Thraͤnen halb ſchwimmenden Augen. Ich weiß, was es heißt, einen Vater krank zu wiſſen, und ein guter Sohn wird nicht vom Himmel geſtraft werden durch einen herben Verluſt; aber warten Sie den morgenden Tag ab, und gelangen Sie zu gehoͤriger innerer Ruhe. Ihr Auge brennt fieberiſch, Sie ſind ſelbſt krank, und duͤrfen nicht ſo ohne Schonung mit ſich umgehn!

Ihre Worte buͤrgen mir fuͤr Ihr Wohlwollen, mein Fraͤulein, entgegnete der aͤngſtlich Bedraͤngte, aber mich rufen heilige Pflichten! Um eins wage ich noch zu bitten, gewaͤhren Sie mir ein kleines Angedenken!

Tina erroͤthete; aber ſchnell entſchloſſen eilte ſie an ihren Arbeitstiſch, nahm aus einem Schub¬ fache eine reichgeſtickte Brieftaſche, und legte ſie in Blauenſteins Hand. Im naͤchſten Augenblick war er verſchwunden, und ſie ſank wie erſchoͤpft auf die weichen Polſter ihres Sophas.

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Der alte Martin flog mit einem andern Die¬ ner in Blauenſteins Zimmer; er ſelbſt half ſeine zerſtreuten Habſeligkeiten zuſammenlegen und ein¬ packen, und verwahrte das eben erhaltene theure Geſchenk auf ſeiner Bruſt. Der Wagen ſtand vor der Thuͤre, Oncle Heinrich dicht dabei. Er hatte vom Secretair Blum das Naͤhere erfahren, und bedauerte herzlich, daß er den jungen Freund ſo ſchnell verlieren ſollte. Verſprechen Sie mir, fuhr er fort, uns in dem ſtillen, abgelegenen Blumenau recht bald wieder beſuchen zu wollen, Blauenſteinchen, und zwar auf einige Wochen, nicht auf Tage, wie diesmal. Übrigens wird ſich mein Schwager verdammt wundern, wenn er morgen hoͤrt, daß Sie ausgeflogen ſind. Aber es iſt gut ſo; Sie haben Eile, und er machte nur noch laͤngern Aufenthalt! Nun, Gott be¬ fohlen; der Himmel gebe, daß Sie Ihren Papa friſch und geſund antreffen!

Heinrichs Worte verhallten im Wehen der ſcharfen Nachtluft; im Saale ertoͤnte hell und luſtig ein froͤhlicher Walzer, halb vom Winde verſchlungen, durch die angelaufenen Fenſter ſah man die raſch vorbeiſchwebenden, froͤhlichen Tanz¬ paare, aber Blauenſteins Wagen rollte in der raſcheſten Eile durch die rauſchende Lindenallee682in die duͤſtere Nacht hinein. Der Secretair Blum war im hoͤchſten Grade ermuͤdet; ein mitleidiger Schlaf wiegte ihn in eine ununterbrochene Ruhe, die nur Blauenſtein ſelbſt nicht hold war. Die Ereigniſſe der letzten Tage, die vor wenigen Stunden erhaltene Trauerpoſt durchkreuzten ſich in ſeinem Kopfe; er ſchloß in finſterer Wehmuth die Augen, und warf ſich in die weichen Leder¬ kiſſen ſeines Wagens.

5. Liebespein.

Tina wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als der Ball moͤge zu Ende ſein. Sie uͤberlegte hin und her, ob ſie ſich der Geſellſchaft entziehen koͤnnte; ſich krank melden, das war zu gewagt, denn noch kaum war ſie geſund wie ein Fiſchchen im Saale herumgehuͤpft; irgend etwas anderes vorwenden, war auch nicht raͤthlich, denn die giftige Verlaͤum¬ dung brachte ſie dann in's Gerede mit dem Baron, der bereits viel zu viel Liebhaberinnen gewonnen hatte. Alſo das Beſte blieb auf jeden Fall, in den Saal zuruͤckzugehn, zu tanzen, und zu thun,83 als ſei in der Welt nichts vorgefallen. Schlau¬ koͤpfchen glaubte auf dieſe einfache Weiſe Alles recht wohl uͤberlegt und bedacht zu haben, wie ein Feldherr; und erhob ſich daher vom weichen Sitze, um die Operationen ſchleunigſt zu beginnen, weil keine Zeit zu verlieren war: da trat Tante Letty mit einem Geſicht in das Zimmer, auf welchem Ärger, innerer Unwille und heftige Bit¬ terkeit kaͤmpften.

Sage um des Himmels Willen hob ſie an, und trat dem erſchrockenen Maͤdchen ganz nahe, als wolle ſie recht Gefaͤhrliches unternehmen, ſage um des Himmels Willen, wo Du bleibſt? Der Hofrath, die Steinburg fragten drei, viermal nach Comteſſe Albertine; der gutmuͤthige Anton, der Deinen wahrhaften Grobheiten eine engliſche Geduld entgegenſetzte, desgleichen, weil er mit Dir engagirt zu ſein vorgiebt, aber wer ſich nicht ſehn laͤßt, iſt die hochweiſe, die ſuperkluge Tina! O mein Schaͤfchen, wir kennen Deine Wege und Deine Schliche! Denn kaum war der Baron Blauenſtein in unſer Haus getreten, als Du auch wie verſeſſen nicht von des Menſchen Seite wichſt. Und nun gar heute! Es war ja wahr¬ haftig kein Auseinanderkommen, als waͤret Ihr beide die Hauptperſonen, alle die uͤbrigen nur zu6 *84Eurem Amuſement! Was mag der feine junge Mann von Dir denken, wie mag Staunitz Glaube an Dich geſunken ſein!

Tante! unterbrach Tina die Zuͤrnende, und ſie bebte am ganzen Koͤrper, maͤßigen Sie ſich in Ihren Ausdruͤcken; an dem Allen, was Sie in Harniſch bringt, iſt kein wahres Wort. Blauenſtein iſt ein zu edler Menſch, als daß er von meiner Aufrichtigkeit Übles denken ſollte!

O, erſchrecklich edel! fiel Letty ihr ſpoͤttiſch in die Rede. Unſere jungen Herren, und edel, das iſt ein laͤcherlicher Widerſpruch; denn das Volk nimmt mit, wo etwas zu finden iſt. Ohne¬ hin iſt dies Nebenſache, und ich habe des Men¬ ſchen Parthie ſchon anderwaͤrts genommen; aber von Dir ſpreche ich; Du biſt um Deinen Ruf, wenn Dein Betragen in der Umgegend, und in der Reſidenz bekannt wird! Denn auffallender iſt mir auch noch keins vorgekommen! Heute Abend bei der Tafel machſt Du eine Menge eigenmaͤch¬ tiger Änderungen, verlegſt die Namen, und pflanzeſt Dich mir nichts, Dir nichts neben den Blauen¬ ſtein, ſprichſt, tanzeſt mit beinahe niemand, als nur mit ihm! Eine Braut, und ſolch ein Be¬ tragen, Pfui, ſchaͤme Dich!

85

Sie verſtehn es, entgegnete Tina in einem ruhigen Tone, als die Tante in ihrer Eiferrede ſtill ſtand, Sie verſtehn es, ſich in meiner Ach¬ tung zu befeſtigen, indem Sie auf eine mir jetzt ſehr auffallende Weiſe ihre Eiferſucht zeigen! Glauben Sie etwa, daß der Baron an Ihrer Seite lieber geſeſſen, als an der meinigen? Ich zweifle beinahe. Und was Staunitz betrifft, ſo hat er in meinem Betragen nichts Anſtoͤßiges gefunden, das zeigt mir ſeine Freundlichkeit, ſeine Liebe. Was aber die elenden Menſchen aus der Reſidenz belangt, den Narren, den Anton, ſammt ſeiner hochfahrenden Mamma, ſo gilt mir deren Meinung ganz gleich, das moͤgen Sie ihr ſelbſt ſagen, wenn es beliebt! Ich ſollte uͤberdieß auch meinen, ich ſei zu ſehr Herrin meiner Handlun¬ gen, als daß Sie ſich berufen fuͤhlen koͤnnten, meine Hofmeiſterin zu ſpielen; aus den Kinder¬ jahren bin ich heraus, und ich verbitte mir ſolche beleidigenden Äußerungen, wie Sie ſich dieſelben auf meinem Zimmer erlauben, das ich doch zu jeder Zeit gern fuͤr mich zu behalten wuͤnſche!

Das hatte Tante Letty nicht erwartet. Sie trat einige Schritte zuruͤck, und fragte kleinlaut: Alſo zieht es die gnaͤdige Comteſſe wohl vor,86 auf ihrem Zimmer zu bleiben? Dies entſpricht meinen Wuͤnſchen, und ich befehle Dir hiermit, es vor Morgen nicht wieder zu verlaſſen!

Diesmal kann ich leider nicht Folge leiſten, ſagte Tina kurz und mit Ruhe; ich finde es dem Anſtande gemaͤß, ſogleich in den Tanzſaal zuruͤckzugehn!

Unterſteh es Dir! rief Letty ganz in Wuth, und die kleinen Augen ſpruͤhten Flammen. Noch bin ich die Schweſter des Grafen, Deines Vaters, und habe ein Wort zu reden!

Aber Tina warf ihren Shawl um, meinte, ſie moͤge ſich nicht zur Unzeit erhitzen, und ſtand nach wenigen Secunden mit dem unausſtehlichen Antoͤnchen in den Reihen der Tanzenden. Er ſuchte, wie immer, nach Witzen, aber Tina ant¬ wortete ſo kurz und ſo beſtimmt, daß er Gott dankte, als die Muſici Halt machten, und klagte der Mamma Droſtin ſein ausgemachtes Malheur fuͤr heute, denn die ſchoͤne Comteſſe Albertine ſei auch gar zu kurz und empfindlich. Dem Hof¬ rathe erging es nicht viel beſſer; er wollte uͤber den armen Blauenſtein ſeine Sarcasmen aus¬ ſtreuen, und ſpielte entfernt, aber bitter, auf87 Blauenſteins Artigkeiten gegen ſie, ſo wie auf die freundliche Gunſt an, welche ſie ihm geſchenkt! aber hier hatte er ſeine Meiſterin gefunden; Oncle Heinrich, welcher nicht weit davon ſtand, und vom Geſpraͤch nichts verloren hatte, freute ſich innerlich uͤber ſeines Lieblings feſten, beſtimm¬ ten Charakter, und trat nach beendigtem Tanz ihr mit der Frage naͤher, was ſie eigentlich ſo verſtimmt habe. Ich habe eben, fluͤſterte Tina ihm leiſe in's Ohr, ich habe eben mit Letty einen unangenehmen Auftritt gehabt, der mich aͤrgert; aber unter uns, Onkelchen!

A ha! ſagte Heinrich, und faßte zutraulich die Hand des reizenden, Kindes, das heißt ſo viel, als ein eigentlicher Zank, nicht wahr? Laß nichts auf Dir ſitzen, ich kenne die alberne Naͤrrin; und wenn ſie Dir zu nahe treten will, ſo hat ſie es mit mir zu thun! Hoͤrſt Du, Tinchen?

Tina nickte freundlich, und ſah ſich gezwungen, mit der alten Droſtin Steinburg in einer ihr hoͤchſt laͤſtigen Converſation, denn ſie betraf nie¬ mand anders, als den Pariſer Goldſohn, den Saal einigemal auf und abzuwandeln. Es war88 ihr unbegreiflich, wie die Frau ihren alten Plan, ſie, als Tina, mit dem einfaͤltigen Anton zu ver¬ binden, nicht aufgeben wollte, da Tinas Verlo¬ bung mit Staunitz weltbekannt war. Glaubte ſie vielleicht fuͤr ihren Sohn mehr erwarten zu duͤrfen, oder hatte ſie gar, nein, das war unmoͤglich, rein unmoͤglich; und wie ſollte die Alte auch dazu kommen! Am Beſten war es, gegen die Droſtin und Conſorten freundlich und zuvorkommend zu bleiben, weil mit boͤſen Maͤu¬ lern nicht zu ſpaßen iſt; gegen des Vaters etwai¬ gen Unwillen, wenn Tante Letty plauderte, ſetzte ſie kindliche Ergebenheit und zaͤrtliche Liebe, welcher der Vater nie widerſtand, gegen die Tante aber Kaͤlte und abgemeſſenes Betragen, und gegen alle uͤbrigen, mogten ſie reden, was ſie wollten, eine große Gleichguͤltigkeit. Daß dieſe in vielen Verhaͤltniſſen oft unertraͤglich ſei, und mehr ſchmerze, als laute Verantwortung, wußte Tina Schlaukoͤpfchen recht wohl, und nahm ſich feſt vor, von ihrem ſtrategiſchen Plane nicht ab¬ zuweichen. Nur vor Allem ein Angriff mit der leichten Reiterei zaͤrtlichen Zuvorkommens auf des Herrn Papas Herz, dann ging es mit ſchwerem Geſchuͤtz auf Tante Letty los. Der Feinde wurden vielleicht viel, das ſah ſie kommen; aber nur ſich nicht mit allen auf einmal geſchlagen, das89 verdarb die Schlachtordnung, einzeln lieber, und zwar mit Nachdruck.

Der Mond war endlich aufgegangen; die Gaͤſte hatten bis auf einige, welche in Blumenau bleiben wollten, auf dieſen freundlichen Gefaͤhrten der Nacht ſehnſuͤchtig gewartet, und beſtellten ihre Wagen. Tina ſagte gern den Scheidenden ein Lebewohl, denn ſie hatte fuͤr heute das ewige Treiben herzlich ſatt; er war ja nicht mehr da, und Staunitz hatte ſein Zimmer aufgeſucht. Sie huſchte ehe man es ſich verſah in ihr bluͤthen¬ weißes Bettchen, tanzte die herrliche Polonaiſe mit Blauenſtein in Gedanken noch einmal durch, huͤllte ſich recht dicht in die waͤrmende Decke, und ſchlummerte nach gewohnter Weiſe in die gluͤck¬ lichſten Traume hinuͤber!

Die freundliche Herbſtſonne ſchien bereits recht hoch in Tinas lauſchiges Cabinet, als die kleine Langſchlaͤferin erwachte. Sie hatte ſich die Baͤck¬ chen ganz roth geſchlafen, und mußte uͤber ſich ſelbſt lachen, als der erſte Blick ihrer hellen Lie¬ besſterne in den deckenhohen Spiegel fiel, und ihr Kammermaͤdchen mit der Meldung hereintrat, daß ſo eben der Reſt ihrer Gaͤſte abgereiſ't ſei. Sie war herzlich froh, der Laſt dieſer platten90 Menſchen uͤberhoben zu ſein, und ließ durch die kunſtgeuͤbte Liſette langſam ihre Toilette vollenden. Jetzt hinauf zum Vater zu gehn, und den Ope¬ rationen der gereizten Tante Letty zuvorzukommen, hielt ſie nicht fuͤr raͤthlich, und nahm ſich feſt vor, ſo unruhig auch das kleine Herz unter dem Schneebuſen klopfte, ſich den Vormittag uͤber allein auf dem Zimmer zu beſchaͤftigen. Sie oͤffnete mit einem etwas verdrießlichen Geſichtchen den eleganten Buͤcherſchrank, waͤhlte und waͤhlte, und ſetzte ſich endlich am Fenſter zum Leſen nieder. Aber das war Alles zu lau, langweilig und breit, alſo mit dem Buche nur ſogleich wieder in den Schrank hinein bis auf andere Zeiten. Im verwichenen Sommer hatte ſie ein Blumenbouquet zu malen angefangen; ſie ließ ſich von Liſetten reines Tuſchwaſſer herbeiholen, und rieb die Farben auf. Aber das war nicht zum Aushalten,