PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Geschichten Beſeſſener neuerer Zeit.
Beobachtungen aus dem Gebiete kakodaͤmoniſch-magnetiſcher Erſcheinungen
Karlsruhe,1834.G. Braun.
[II][III]

Vorwort.

Auch die nachſtehenden Beobachtungen gehoͤren in das Gebiet magnetiſcher Erſcheinungen, aber in das Gebiet kakodaͤmoniſch-magnetiſcher, es ſind die Gegenſaͤtze von denjenigen dämoniſch-magnetiſchen Erſcheinungen (das Wort daͤmoniſch hier im guten Sinne gebraucht) wie die Geſchichte der Seherin von Prevorſt, die Ge - ſchichte zweier Somnambuͤlen*)S. Geſchichte zweier Somnambülen, nebſt andern Denkwürdig - keiten aus dem Gebiete der magiſchen Heilkunde und Pſychologie, von J. Kerner. Carlsruhe, bey G. Braun. und andere, ſie auf - weiſen.

In allen Geſchichten Daͤmoniſch-magnetiſcher (oder wenn man ſo ſagen will, Gut-magnetiſcher) tritt kon - ſtant die Uebernatur im Menſchen hervor, alle ſprechen von einer Verbindung mit guten Geiſtern, von Seli - gen, die ſie zu Fuͤhrern haben; aber in den hier zur Sprache gebrachten kakodaͤmoniſch-magnetiſchen Zuſtaͤn - den (dem andern Pole) tritt die Unnatur im Menſchen hervor, Spott gegen alles Heilige, kakodaͤmoniſches Be - ſeſſenſeyn.

IV

Es ſteht als feſte Wahrheit: daß die menſchliche Natur nur als Mittelglied zwiſchen eine Uebernatur und Unnatur geſtellt und in magnetiſchen Zuſtaͤnden wie in den dieſen analogen des Sterbens und des Todes, ih - ren Mittelpunkt verlaſſend, in jene andere Naturen Blicke zu thun oder ſich mit ihnen zu verbinden, faͤ - hig iſt, was ſie, in dem, allerdings fuͤr ſie fuͤr dieſes Leben als Norm beſtimmten, Zuſtande der Iſolirung und des glaͤſernen Wachens, nicht zu thun vermag.

Mittheiler dieſes zeigte ſchon in der Geſchichte der Seherin von Prevorſt, daß er nicht auf der Seite der - jenigen ſtehe, die in ſolchen Erſcheinungen einzig nur Ner - venſpiel, Monomanie und fixe Idee ſehen und hat ſeinen Glauben und ſeine Gruͤnde dafuͤr auch in jener Geſchichte, wie noch in andern Blättern, zur Genuͤge ausgeſprochen.

Wie wir ſchon im gemeinen Menſchenleben nach einem verlorenen Paradieſe die Unnatur haͤufiger als die Uebernatur hervortreten ſehen, ſo kommen auch dieſe kakodaͤmoniſch-magnetiſchen Erſcheinungen, und nament - lich das Beſeſſenſeyn, viel haͤufiger vor, als wir glau - ben und ich koͤnnte von ihnen Reihen auffallender Bey - ſpiele anfuͤhren. Sie werden meiſtens nur mißkannt und mit Krankheiten verwechſelt, die ihnen in einigen aͤuße - ren Symptomen gleichen.

Beſſer als die im Aeußeren lebende neue Zeit dieſe Zuſtaͤnde verſteht, verſtand ſie das mehr im Inneren lebende Alterthum. Wie dieſes ſie beſchrieb, ſind ſie noch und eben ſo haͤufig vorhanden und nur wie dieſes ſie heilte, ſind ſie noch und auf keinem andern Wege zu heilen.

V

Es waͤre zu wuͤnſchen, daß dieſe Zuſtände immer mehr wiedererkannt und auf dem alten Wege zu heilen wieder verſtanden wuͤrden.

Die hier folgenden Beobachtungen aus dieſem Ge - biete (in welches beſonders der zweyte Fall gehört) ſind mit aller Treue gegeben, ob ſie gleich Dinge enthal - ten, die den Geiſtreichen und Gebildeten abermals ein Entſetzen ſeyn werden; aber es ſind Erſcheinungen, die ſehr an die Beſitzungen erinnern, die das neue Teſta - ment uns uͤberlieferte, und die, ſollten ſie auch im ſtren - gen Sinne unter jene nicht völlig zu zaͤhlen ſeyn, doch wohl aͤhnlicher Rubrik beyzugeſellen ſind.

In den am Ende beygefuͤgten Reflexionen heißt es uͤber ſie: Dem Skepticismus laſſen ſie freylich genug Spielraum uͤbrig, was unvermeidlich iſt, da die Natur oder vielmehr Unnatur des Gegenſtandes in Hinſicht auf Grund und Urſache myſterioͤſer Art iſt und bleiben muß. Ohne Zweifel waͤre es auch dem Menſchen nicht gut, wenn es zur Evidenz käme, weil jeder darin frey bleiben ſoll, ſich ſeinen Glauben und ſeine Lehre dar - aus zu nehmen, wie ihm beliebt. Indeſſen ſind es rein beobachtete Phaͤnomene, die ſchon ihrer Seltenheit we - gen (ich moͤchte abermals bemerken, daß nicht ihr Vor - kommen, ſondern ihr Erkennen, ſelten iſt) verdienen aufgezeichnet zu werden.

Uebrigens gibt der Mittheiler dieſer Beobachtungen hier nur die bloſen Thatſachen und einige geſchichtliche Winke uͤber Beſeſſenſeyn, keine Theorieen. Bereichert aber hat bey dieſer Gelegenheit ſein Freund Eſchen -VI mayer die chriſtliche Philoſophie durch Reflexionen uͤber Beſitzung und Zauber, die dieſen Beobachtungen ange - haͤngt und ein ſchoͤner Gewinn ſind, den ſie herbey - fuͤhrten.

Beſitzung und Zauber ſind allerdings ſchon laͤngſt ver - waiſte Probleme, die aus dem großen Cyklus der Wiſ - ſenſchaften ausgeſtoßen waren, ohne daß ihre Raͤthſel geloͤſt ſind. Der Natur und dem Himmel geſchieht taͤg - lich ihr Recht, die Unnatur will auch das ihrige ha - ben: denn ſie gehoͤrt zur gleichen Proportion. In die - ſen Reflexionen ſind hiezu Verſuche gemacht.

Möchte nicht nur der geneigte, ſondern auch der ungeneigte Leſer, wenigſtens unſere gute Abſicht und treuen Glauben nicht mißkennen!

Weinsberg, im Auguſt 1834.

Justinus Kerner.

Inhalt.

  • Seite
  • Vorrede1
  • Einige Vorbemerkungen über Beſeſſenſeyn, beſonders in geſchicht - licher Hinſicht1
  • Geſchichte des Mädchens von Orlach20
  • Nachträglicher Bericht über das Mädchen von Orlach, von Gerber59
  • Geſchichte der beſeſſenen U. 73
  • Geſchichte einer Beſeſſenen vom Jahr 1829101
  • Geſchichte zweyer Beſeſſenen vom Jahr 1714104
  • Geſchichte einer Beſeſſenen vom Jahr 1766113
  • Geſchichte einer Beſeſſenen vom Jahr 1559118
  • Einige Reflexionen über Beſitzung und Zauber zu den vorſtehen - den Geſchichten, von Eſchenmayer120
[1]

Einige Vorbemerkungen über Besessenseyn, beſonders in geſchichtlicher Hinſicht.

Nicht blos im neuen Teſtamente (aber allerdings in dieſem vorzüglich), ſondern auch in Schriften noch früherer Zeit, finden wir die Lehre vom Beſeſſenſeyn und das Vor - kommen deſſelben, nicht unähnlich dämoniſchen Erſcheinungen, wie ſie noch bis auf den heutigen Tag ſich zeigen. Auch das neue Teſtament ſpricht von dieſen Erſcheinungen nicht wie von einer neuen Sache, ſondern wie von einer ganz bekannten.

Aeſchylus, Sophokles, Euripides führen Beſeſſene, ganz verſchieden von Wahnſinnigen und Epileptiſten, auf, und wir finden ſie bey Hyppokrates, Lucian, Plutarch, Appo - lonius u. ſ. w. In Philoſtratus Leben des Appolonius (L. III. C. 38) wird von einem jungen Manne erzählt, der zwey Jahre lang beſeſſen (dämoniſch) geweſen. Es heißt dort: Der Dämon ſprach von ſich ſelbſt; er ſagte auch: daß er ein Mann ſey, der im Kriege gefallen.

Die Griechen machten auch immer einen Unterſchied zwiſchen ſolchen, die durch eine natürliche Krankheit in Wahnſinn verfielen, und zwiſchen dämoniſchen, von böſen Geiſtern Beſeſſenen. Sie leiteten das Delirium in einem Fieber nicht von Dämonen her, eben ſo wenig das Delirium der Säufer. Im Herodot wird vom Kleomen geſagt: daß ſein Un - verſtand vom Trinken und nicht von einem Dämon her - komme , und ſo betrachteten ſie auch ſonſt nicht alle Ver -Kerner, über Beſeſſenſeyn. 12rückte als Beſeſſene (obgleich im Ausdruck beſeſſen ſeyn zu - gleich der Begriff des Wahnſinns liegt); denn ſie erkannten den Unterſchied gar wohl.

Lucian ſagt, indem er vom Beſeſſenſeyn ſpricht: Allen iſt Syrus aus Paläſtina bekannt, welcher die Kunſt ver - ſteht, Leute, welche gegen den Mond zu Boden fielen, die Augen dabey verdrehten und den Mund voll Schaum be - kamen, aufzurichten und zu heilen. Wenn er zu den von der Krankheit Befallenen hintritt und fragt: woher ſie in den Körper gekommen ſeyen? ſo ſpricht der Kranke ſelbſt nicht, der Dämon aber antwortet in griechiſcher oder fremder Sprache, je nach dem er ſelbſt aus einer Gegend iſt, wie und woher er in den Menſchen gekommen ſey; Syrus aber treibt dann den Dämon durch Beſchwö - rungen, oder wenn dieſe nicht wirken, durch Drohungen aus.

Die Juden ſagten wohl von jedem Kranken, daß er von einem böſen Geiſte gequält werde, aber ſie ſagten nicht von einem Jeden, der krank war, daß er von einem Dämon beſeſſen ſey. Des Beſeſſenſeyns wurde von ihnen nur da erwähnt, wo es charakteriſtiſch auch nur wirklich da war.

Das neue Teſtament, welches von dem Wunder der Aus - treibung mit beſonderem Nachdruck ſpricht, öfter und nach - drücklicher, als von all den andern Wundern, gab uns auch ein ſo klares Bild von dieſem Beſeſſenſeyn, daß wir jetzt nach den vielen Jahrhunderten durch die in der neueſten Zeit beobachteten Dämoniſchen wieder lebhaft an daſſelbe erinnert werden; mag auch problematiſch bleiben, ob dieſe Fälle ſtreng genommen zu jenen Beſitzungen in älterer Bedeu - tung gehören.

Chriſtus und ſeine Apoſtel trugen die wirkliche Lehre von Beſitzungen vor und behaupteten ſie, und wäre es eine irrige Lehre, ſo hätten die inſpirirten Lehrer des Evangeliums nothwendig von einem Irrthume frey ſeyn müſſen, der ſich unglücklicherweiſe der Religion beymiſchte, die ſie auszu - breiten ſuchten, und ſie hätten alſo den Irrthum vielmehr3 berichtigen müſſen, als daß ſie das Volk wiſſentlich in dem - ſelben beſtätigten.

Das neue Teſtament ſpricht:

  • 1) von dem Dämoniſchen in der Synagoge zu Kapernaum Marc. I, 23. Luc. IV, 33.
  • 2) von dem Gadareniſchen Dämoniſchen Matth. VIII, 28. Marc. V, 1. Luc. VIII, 26.
  • 3) von dem Dämoniſchen Matth. IX, 32. Luc. XI, 14.
  • 4) von dem Dämoniſchen Matth. XII, 22.
  • 5) von der kananitiſchen Tochter Matth. XV, 21.
  • 6) von dem Dämoniſchen Matth. XVII, 14. Marc. IX, 17. Luc. IX, 38.

Nach Luc. VIII, 2. trieb Chriſtus aus der Marie Mag - dalene ſieben Dämonen aus. Von dieſem aber und andern Fällen haben wir eine blos allgemeine Nachricht.

Ich bitte den geneigten Leſer, all dieſe Fälle in dem hei - ligen Buche genau nachzuleſen: denn ich will nur zwey derſelben hier ausziehen.

S. Evangelium Marci Cap. IX. V. 17.

Und Einer aus dem Volke gab zur Antwort und ſprach: Lehrer! ich habe meinen Sohn zu dir gebracht, der einen ſtummen Geiſt hat. (Im Ev. Matthäi C. 17. V. 15 ſagt dieſer Vater zu Jeſus: Herr! erbarme dich über meinen Sohn, denn er iſt mondſüchtig. ) Und wo dieſer ihn ergreift, reißt er ihn hin und her, ſo daß er ſchäumt, mit den Zähnen knirſcht und ganz abzehrt. Ich habe deine Jünger gebeten, ihn wegzuſchaffen, ſie konnten es aber nicht. Da gab er ihnen zur Antwort und ſprach: O du ungläubiges Geſchlecht! wie lange ſoll ich bey euch ſeyn? wie lange noch Geduld mit euch haben? bringet ihn her zu mir! Sie brachten ihn zu ihm. Und alsbald, da ihn der Geiſt ſah, riß er ihn und fiel auf die Erde und wälzte ſich und ſchäumte. Und Jeſus fragte ſeinen Vater: wie lange iſt es, daß ihm dieſes widerfahren iſt? Er ſprach: von Kindheit auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und Waſſer geworfen, daß er ihn umbrächte. Wenn du es vermagſt, ſo erbarme dich unſer1 *4und hilf uns. Jeſus aber ſprach zu ihm: wenn du könnteſt glauben; alle Dinge ſind möglich dem, der da glaubet. Und alsbald ſchrie des Kindes Vater mit Thränen und ſprach: ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Schwachglau - ben! Da nun Jeſus ſah, daß das Volk zulief, bedrohete er den unſaubern Geiſt und ſprach zu ihm: Du ſprach - loſer und tauber Geiſt, ich gebiete dir, daß du von ihm ausfahreſt und kehreſt hinfort nicht mehr in ihn zurück!

Hierauf ſchrie er, verzerrte ſich ſchrecklich und fuhr aus. Der Knabe aber war wie todt, daß auch Viele ſagten, er iſt todt. Jeſus aber ergriff ihn bey der Hand und richtete ihn auf, und er ſtand auf. Und da Jeſus nach Hauſe kam, fragten ihn ſeine Jünger allein: warum konnten denn wir ihn nicht austreiben? Er antwortete ihnen: dieſe Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten und Faſten.

S. Marci C. V, 1 17. Matth. C. VIII, 28 34. Luc. C. VIII, 26.

Sie kamen nun jenſeits des Meeres in die Gegend der Gergeſener. Da er aus dem Schiffe ſtieg, kam ihm gleich ein Mann mit einem unreinen Geiſte aus den Grabhöhlen entgegen, welcher in den Grabhöhlen ſeine Wohnung hatte. Nicht einmal mit Ketten konnte man ihn bändigen. Ob - gleich er ſchon oft mit Fußeiſen gebunden worden, ſo hatte er doch die Ketten zerriſſen und die Fußeiſen zerrieben, und Keiner vermochte ihn zu bändigen. Immerfort Tag und Nacht war er in den Grabhöhlen und auf den Bergen, ſchrie und ſchlug ſich ſelbſt mit Steinen. Als er aber Jeſum von ferne ſah, lief er zu, betete ihn an und rief mit lauter Stimme: Jeſus, du Sohn Gottes, des Allerhöchſten! was haben wir mit dir zu ſchaffen? Biſt du hergekommen, uns zu quälen, ehe denn es Zeit iſt? (denn er hatte zu ihm geſprochen: geh von dem Manne, du unſauberer Geiſt!) Er fragte ihn: wie heißt du? Er antwortete ihm: ich heiße Legion, denn unſerer ſind Viele. Dabey bat er ihn ſehr, ihn nicht aus der Gegend zu vertreiben. Es weidete da5 am Berge eine große Menge Schweine. Und die unſaubern Geiſter baten ihn und ſprachen: Schicke uns in die Schweine, damit wir in dieſelben hineinfahren! Jeſus erlaubte es ihnen gleich. Da gingen die unreinen Geiſter aus und in die Schweine hinein, und mit Ungeſtüm ſtürzte die Heerde, die ſich auf zwey - tauſend belief, von der Anhöhe in das Meer und erſoffen im Meer. Und die Schweinhirten entflohen und verkün - digten das in der Stadt und auf dem Lande; und ſie gingen hinaus und ſahen, was ſich ereignet hatte. Und ſie kamen zu Jeſus und ſahen den, der von den unſaubern Geiſtern beſeſſen war, daß er ſaß und war bekleidet und vernünftig, und ſie fürchteten ſich. Und die, die es mit angeſehen hatten, erzählten ihnen, wie es mit dem Beſeſſenen ergangen und von den Schweinen. Und ſie fingen an und baten ihn, daß er aus ihrer Gegend zöge. Und da er in das Schiff trat, bat ihn der Beſeſſene, er möchte ihn bey ſich laſſen. Aber Jeſus ließ es nicht zu und ſprach zu ihm: Gehe hin in dein Haus und zu den Deinen, und verkündige ihnen, wie große Wohlthat dir der Herr gethan und ſich deiner erbarmet hat. Und er ging hin und fing an, in den zehen Städten aus - zurufen, wie große Wohlthat ihm Jeſus erzeigt, und Je - dermann verwunderte ſich.

Joſephus, ein naher Zeitgenoſſe von den Apoſteln, und der mit ihnen in einer Sprache ſchrieb, überlieferte uns auch Mehreres von den Dämoniſchen. Er ſtellt die - monen als in die Dämoniſchen hineingehend vor und ſagt, daß die Wurzel Baaras ſie austreibe.

Er erzählt (Flav. Josephus Antiquit. Lib. 8. Cap. 2. 5. ): Ich habe ſelbſt einen von meinen Landsleuten geſehen, mit Namen Eleazar, der vor Veſpaſian, ſeinen Söhnen, Hauptleuten und übrigen Soldaten von Dämonen beſeſſene Leute aus deren Macht befreyte. Die Befreyung geſchah auf folgende Art: Er hielt dem Beſeſſenen einen Ring vor die Naſe, in deſſen Käſtlein eine von den Wurzeln einge - ſchloſſen war, die Salomo bekannt gemacht hatte (vorher erzählte Joſephus, daß beſonders Salomo Formeln und6 Vorſchriften, derley übernatürliche Erſcheinungen zu heben, hinterlaſſen habe), und zog, wann er daran roch, den böſen Geiſt durch die Naslöcher heraus; alsdann fiel der Menſch zu Boden, und jener beſchwor den Geiſt, daß er nicht wie - derkommen ſolle, gedachte dabey Salomonis und ſagte die von ihm aufgeſetzten Beſchwörungen (Formeln, die noch bis auf den heutigen Tag auch unter unſerem Volke zu gleichem Zwecke gebraucht werden) her. Ferner wollte Eleazar den Umſtehenden ſeine Kunſt bewähren und klärlich beweiſen, daß ſie Kraft habe, ſetzte deßwegen ein Trinkgeſchirr oder Fußbecken voll Waſſer hin und gebot dem Dämon, er ſolle von dem Menſchen ausfahren und zum Kennzeichen, daß ſolches geſchehen, das Gefäß mit dem Waſſer umſtoßen. Dieſer Eleazar mag aber vielleicht auch, wie viele ſeines Gleichen zu ſeiner Zeit, nur momentane Hülfe durch ſeine Beſchwörungskunſt geleiſtet haben. Wenn auch die Heilung der Dämoniſchen durch ſolche Beſchwörer erfolgte, die neben ihren Beſchwörungsformeln und Wurzeln auch Räucherungen und andere natürliche Mittel anwandten, ſo war es nur oft ein Werk von kurzer Dauer, der Dämon zeigte ſich bald wieder. Bey den Austreibungen Jeſus war es nur ſein Wort, ſein Befehl, der mehr bewirkte ohne Gebrauch na - türlicher Mittel, und dadurch war auch das Erſtaunen der Umſtehenden bey den durch ihn bewerkſtelligten Aus - treibungen ſo groß. Das Austreiben ſelbſt, wie das Beſeſſen - ſeyn, war ihnen nichts Neues. Die Erſcheinung des Be - ſeſſenſeyns und das Austreiben dauerte auch nach Jeſus bis auf die heutige Stunde fort, aber letzteres allerdings nicht mit gleichem Erfolge, und es war in der erſten chriſtlichen Kirche der Exorcismus beſonders ſehr häufig. Mit keinem Gegenſtande ſind die Schriften der chriſtlichen Väter ſo be - kannt, als mit dieſem, keiner Sache rühmen ſie ſich mehr, als der Macht des geringſten Chriſten, die Dämonen aus dem Leibe der Chriſten zu bannen. In der Kirchengeſchichte kommen weit mehr Nachrichten von Beſitzungen vor, als in andern Annalen; in vielen andern kirchlichen Schrift -7 ſtellern finden wir ſie, nicht als eine ſeltene ungewohnte Sache, ſondern als einen bekannten und gewöhnlichen Vorfall.

Juſtin, der Kirchenvater, (Apol. II. ) ſpricht von Men - ſchen, welche von den Seelen Verſtorbener in Beſitz genommen und zu Boden geworfen werden, welche Jeder - mann von Dämonen beſeſſen nenne. Wir ſehen dieſen Glauben auch durch viele Beobachtungen und Beyſpiele in den verſchiedenen Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag bewährt. Exorciſtiſche Schriften des vorigen Jahrhunderts geben die Zeichen, durch die Beſeſſenſeyn von einer Krank - heit zu unterſcheiden iſt, ſehr richtig an, wenn ſie z. E. ſagen: Der Exorciſt ſoll nicht leicht glauben, es ſey Einer von einem Dämon beſeſſen, er habe denn vorher die be - ſtimmten Kennzeichen, die einen Beſeſſenen von einem an ſchwarzer Galle oder anderer Krankheit Leidenden unter - ſcheiden. Die ſicherſten Kennzeichen ſind dieſe: wenn der Menſch in einer ihm vorher unbekannt geweſenen Sprache ſpricht, ihm Verborgenes, oder was von ihm entfernt ge - ſchieht, offenbar wird, wenn er bey frommen Reden zu - ſammenſchreckt, in Unruhe oder gar in Wuth verfällt, wenn er Gottes Wort verwünſcht oder verabſcheut, beym Hören deſſelben Schmerzen empfindet und Theile ſeines Leibes ſich dabey ungewöhnlich aufblähen, wenn er nicht in die Kirche gehen will und, wenn er hineingezwungen wird, es ihn ſogleich wieder hinaustreibt, wenn er beym Anblick des Bildes des Gekreuzigten in Wuth geräth, oder es nicht anſehen kann, es anſpuckt, wenn er fromme Redensarten, z. E. Gott erbarme dich meiner , am Anfang war das Wort u. dgl., nicht nachſprechen kann, oder wenn er ſie auch nachſpricht, dieſelben zu verſtümmeln oder zu verdrehen ſich beſtrebt, gegen ſie einen wahren Ekel zeigt, wenn er, wenn man das Leiden Jeſu, die Evangelien u. dgl. über ihn liest, unerträgliche Beängſtigung fühlt, oder man Schweiß - tropfen auf ihm ſtehen ſieht, er brüllt, ſich niederwirft u. ſ. w., wenn er Kräfte zeigt, die über ſeine ſonſtige Natur8 ſind, wenn kein natürliches Mittel, keine gewöhnliche Arzney bey ihm anſchlägt*)S. Manuale selectiss. benedict. per C. Fritz. MDCCXXXVII. u. Thesaurus à Gelasio di Cilia. 1756..

Sauvages ſagt: Mehrere Kennzeichen eines wahren Beſeſſenſeyns, durch die daſſelbe von einem ſolchen zu er - kennen iſt, hat uns Hoffmann überliefert. Erſtens: nicht allein erſchrecklicher Ton der Stimme, bewunderungswür - dige und ungewohnte Bewegungen des Körpers, ſondern zweytens auch wunderbare Convulſionen, die ſich plötzlich und ohne vorangegangene Krankheit einſtellen; drittens: Gottesläſterungen, Verdrehung des göttlichen Wortes, ob - ſcöne Reden; viertens: Wiſſen verborgener Dinge und be - ſonders zukünftiger; fünftens: Wiſſen fremder Sprachen; ſechstens: Erbrechen von ſonderbaren Dingen, wie z. E. Haare, Kieſelſteine u. ſ. w., die mit ungeheurer Auftrei - bung des Bauches aus dem Munde geworfen werden.

Ich führe dieſe Stellen beſonders auch deßwegen an, um zu zeigen, daß man zu dieſer Zeit das Beſeſſenſeyn wohl von anderer natürlicher Krankheit zu unterſcheiden wußte, und es durch geiſtliche Mittel, nicht durch leibliche, heilte.

Dieſes Beſeſſenſeyn, wie es auch jetzt noch, mehr als man denkt, vorkommt, iſt auch von einer durch natürliche körperliche Urſachen entſtandenen Epilepſie und Manie gar wohl zu unterſcheiden, und iſt durchaus etwas ganz Anderes, als dieſe.

Bey Beſeſſenen ſehen wir allerdings auch, wie bey Epi - leptiſchen, convulſiviſche Bewegungen des Körpers, Nieder - fallen, Schlegeln u. ſ. w. Bey der Epilepſie bemächtigt ſich aber nicht ein ganz fremder, in all ſeinem Sprechen und Thun durchaus anderer teufliſcher Geiſt, des Individuums, nimmt den Sitz ſeiner Seele ein und beſorgt ihre verſchie - denen Verrichtungen ganz im Sinne der Hölle, bis dieſer Dämon gleichſam von dem Schutzgeiſte des Individuums nie - dergedrückt, eine Zeit lang wieder gebunden wird, jedoch9 immer bald wieder über ihn obſiegt und durch keine leibliche Arzney (man gab ſolchen Perſonen die halbe materia me - dica ſchon oft umſonſt ein), ſondern einzig durch das geiſtige Wort und vor Allem durch den Namen Jeſu ganz und für immer aus dem Geplagten weicht. Das iſt keine Epilepſie und das iſt auch kein Wahnſinn!! Einen Wahnſinnigen kann man Jahre lang im Namen Jeſu be - ſchwören, und ſo auch einen Epileptiſchen, ſie geneſen da - durch gerade nicht. Es gibt aber allerdings ſehr viele Be - ſeſſene, in denen der Dämon, ſich liſtig verſteckend, ſich, wenigſtens oft nicht gleich anfänglich, durch Rede kund gibt, und die dann leichter mit wirklichen Epileptiſchen verwechſelt werden, und es ſcheinen das die Beſeſſenen zu ſeyn, von denen es im neuen Teſtamente heißt: ſie ſeyen von einem ſtummen Geiſte beſeſſen. Nicht daß in ſolchen Fällen der Beſeſſene ſtumm war, ſondern der Geiſt, der Dämon, nicht aus ihnen ſprach. So ſagte auch Jeſus: Du ſprachloſer und tauber Geiſt! nicht, du ſprachloſer und tauber Be - ſeſſener! Durch magiſche Einwirkung, hauptſächlich aber durch das Wort und die Beſprechung im Namen Jeſu, kann aber auch bey dieſen der Dämon zum Sprechen genöthigt werden, er ſpricht dann aus ihnen als der ſie Beſitzende mit teufliſcher Rede, und ſo erkennt man denn auch die Beſeſſenen von dieſer Form nicht als gewöhnliche Epilep - tiſche, ſondern als Beſeſſene*)Man ſehe auch hier unten die Geſchichte zweyer Beſeſſener vom Jahre 1814..

Eben ſo wenig ſind aber auch die Beſeſſenen Wahnſinnige. Es geſchah ſchon von der Unwiſſenheit oder dem Unverſtande, daß Magnetiſche auch geradezu Wahnſinnige genannt wur - den, und nur mit gleichem Unrechte könnten allerdings auch Beſeſſene in dieſe Cathegorie gezählt werden; denn wie bey den gewöhnlichen Magnetiſchen ein Zuſtand der Begeiſte - rung (Beſitzung) von einem guten Geiſte, ein dämoniſch - magnetiſcher Zuſtand (wenn man das Wort dämoniſch im10 guten Sinne als Schutzgeiſt gebraucht) Statt findet, ſo findet bey den Beſeſſenen ein Zuſtand der Begeiſterung (Beſitzung) von einem boͤſen Geiſte, ein kakodämoniſch-magnetiſcher Zu - ſtand Statt, aber ſo wenig Magnetiſche mit Wahnſinnigen zu verwechſeln ſind, ſo wenig ſind es die Beſeſſenen. Was nun hauptſächlich auch die Beſeſſenen im neuen Teſtamente anbe - langt, die der Verſtand der Gelehrten auch ſchon längſt für Wahnſinnige, wie den Glauben an die Wunder für Wahnſinn, erklärte, ſo kann ich hier keinen beſſern Gewährsmann als v. Meyer reden laſſen. Dieſer ſpricht hierüber in ſeinen Bibeldeutungen alſo: So gewiß im Ausdruck Beſeſſen - ſeyn zugleich der Begriff des Wahnſinns liegt, ſo wenig können die Beſeſſenen der Schrift bloße Wahnſinnige ſeyn, ſo lange wir der Bibel als Gottes Wort glauben. Man ſehe Marc. Cap. III. V. 11. Und wenn ihn die unſaubern Geiſter ſahen, fielen ſie nieder, ſchrieen und ſprachen: Du biſt Gottes Sohn. Was wußte ein bloßer Verrückter von Gottes Sohn? während ſonſt Niemand davon wußte? Oder wie kann die Schrift das Urtheil von Wahnwitzigen zur Verherr - lichung Jeſu aufzeichnen? Ja, es heißt im 12ten Vers: Jeſus bedräuete ſie hart, daß ſie ihn nicht offenbar machten. Wo bleibt hier die Ehrfurcht vor dem Verſtande Jeſu, wenn es bloße Unſinnige waren?

Marc. I, 34 heißt es: Er trieb viele Teufel aus, und ließ die Teufel nicht reden, denn ſie kenneten ihn. Doch nicht wohl, wie ein Wahnſinniger einen kennen kann? Was ſollte das heißen? Oder was ſollte es heißen, vom Wahnſinn genommen, wenn Matth. VIII, 29 erzählt wird, die beyden grimmigen Beſeſſenen im Gergeſener Gebiet, welche aus den Todtengräbern kamen, und deren Dämonen (nicht ſie ſelbſt) nachher in die Schweine fuhren, hätten geſchrieen: Jeſu, du Sohn Gottes (alſo das heißt, ſie kannten ihn, vgl. Marc. I, 24), Jeſu, du Sohn Gottes, was haben wir mit dir zu thun? Biſt du herkommen, uns zu quälen, ehe denn es Zeit iſt? Freylich möchte dieſe letzte Rede eine irre Rede ſcheinen, weil der Neologen keiner ſie erklären11 kann*)Anmerkung. Unter der Rede: Biſt du gekommen, uns zu quälen, ehe dann es Zeit iſt? verſtund der Dämon nichts An - deres, als: die Zeit, wo unſer Herr (der Teufel) uns nicht mehr erlauben wird, in dieſem Menſchen, dem für uns noch erträglicheren Orte, zu bleiben, iſt noch nicht gekommen; nachher müſſen wir in die Qual, in die du uns jetzt ſchon ſenden willſt. Laß uns nur noch, bis jene Zeit kommt. . Es fällt alſo hier die Frage vor, auf welcher Seite das Irrereden iſt. Sagen wir aber (denn dieß iſt der neueſte Schlupfwinkel der Zeit), die Evangeliſten hätten als Juden ſolche Verrückte und Epileptiſche wirklich für beſeſſen gehalten, daraus aber folge noch nichts für die Sache ſelbſt, ſo wenig wie bey den Wundern, welche die Evangeliſten als Juden auch geglaubt und als Wunder erzählt hätten; ſo ſehen wir nicht nur Matth. C. 17, daß wo der Vater als Jude ſeinen Sohn blos mondſüchtig nennt, Jeſus und der Evangeliſt als ſolcher ihn für beſeſſen erklärt**)Der Vater ſagte zu Jeſus: Herr, erbarme dich über meinen Sohn, denn er iſt mondſüchtig und hat ein ſchweres Leiden; er fällt oft ins Feuer und oft ins Waſſer. Dann heißt es: und Jeſus bedräuete ihn und der Dämon fuhr aus von ihm, und der Knabe war geſund zu derſelbigen Stund. , ſondern die Bibel iſt nun, wie geſagt, nicht mehr Gottes -, ſondern Menſchenwort, und zwar das Wort von Menſchen, die mit den thörigſten Vorurtheilen beſeſſen waren. Wir haben demnach nichts Angelegentlicheres zu thun, als das Evangelium aus den Kirchen und Schulen zu verbannen, und dafür rein-vernünftige Fibeln und Lehrbücher für Er - wachſene einzuführen, weil die Evangeliſten unter aller Kritik abergläubiſche Juden waren, die Jeſum und ſeine Religion gar nicht verſtanden; dagegen wir einen reinen Jeſum auf - ſtellen können. Ich fühle mich hier verſucht, ein wenig über Beſeſſenheit zu ſcherzen; aber mir fällt Pauli Wort allzu - ſchwer aufs Herz im Briefe an die Galater C. I, 8. So Jemand euch Evangelium predigt anders, denn das ihr empfangen habt, der ſey verflucht.

12

An ſich laſſen ſich zwey Arten von Wahnſinn gedenken: einer, der ſeinen Grund in bloſer Störung oder Zerrüttung der Denkwerkzeuge hat, und abermals entweder eine Folge innerlicher Krankheit oder einer gewaltſamen Erſchütterung von außen, eines Falls, Schlags und Stoßes, oder einer heftig aufgeregten Leidenſchaft ſeyn kann. Dieſen heilt, ſo Gott will und die Werkzeuge noch ganz ſind, der Arzt. Es iſt aber, wenn wir böſe Geiſter und ihren Einfluß auf den Menſchen, den die Schrift lehrt, annehmen, auch ein Wahn - ſinn und eine Raſerey und eine Fallſucht möglich, die un - mittelbar von der Inwohnung eines böſen Weſens herrührt, welches die Denkkräfte lähmt, verwirrt, auf allerhand ſchreck - liche Art mißbraucht, und dann zuweilen ganz wunderwür - dige Reden oder Handlungen hervorbringt. Die unge - heure Stärke der Wüthenden, der ſcharfe Witz, den Blöd - ſinnige ausſprechen, brauchen zwar ſo wenig, wie die ſon - derbaren Liebhabereyen des Wahnwitzes, jedesmal dem Spiel eines Dämons anzugehören, da der Menſch in ſich ſelbſt verborgene Kräfte genug hat, deren zufällige Entwickelung, da ſie ins Gebiet des Wunderbaren hinüberreichen, uns in ein gerechtes Erſtaunen ſetzen kann. Ich will hiezu ſogar die entſchiedene Wahrſagergabe rechnen, die man an ge - wiſſen Wahnſinnigen beobachtet hat; denn ſie ließe ſich aus einer Entwickelung des Ahnungvermögens bey geſchwächten Vernunftkräften erklären. Wie aber überhaupt das Ahnungs - vermögen den Menſchen in Verbindung mit der Geiſterwelt ſetzt, und ſobald dieſe Thür geöffnet iſt, ſich nicht mehr berechnen läßt, wie viel oder wenig Einfluß letztere auf ihn habe; ſo kann ich, wenn ich ruhig[die] Möglichkeiten abwäge, mir auch denken, daß bey einem oder dem andern jener Nervenkranken, Irren und Raſenden der wahre Treiber oder Agent ein unſichtbarer Inwohner aus der finſtern Welt ſey. Denn es iſt blos ein körperliches Geſetz, daß ein Ding dem andern den Raum verſperrt, oder, wie die Phyſiker ſprechen, daß die Körper undurchdringlich ſind; im Geiſterreich herrſcht eine andere Ordnung, wovon der An -13 fang ſchon an der wunderreichen Lichtmaterie wahrzunehmen iſt. Geiſt kann in Geiſt wohnen, und mehrere Geiſter in einem Körper zugleich. Daher wir in der Schrift ſogar von mehrfachen Teufelsbeſitzungen leſen. Richtet nun ein ſolcher böſer Dämon zugleich eine leibliche Krankheit an, was er ſelten unterlaſſen und was die natürliche Folge ſeiner Wir - kung auf die Seele ſeyn wird; oder war umgekehrt die leibliche Krankheit zuerſt da, und zog eine Verfinſterung und Verwirrung der Gemüthskräfte nach ſich, dieſe aber zog durch die Imagination das finſtere Reich an, welches in der Verwirrung ſein Element hat, ſo wäre es ſogar mög - lich, daß eine zweckmäßige gemeine Arzney, auf die körper - liche Erſcheinung gerichtet, durch Gottes beſondern Willen auch den Grund oder die Folgen höbe; der Einwohner könnte ausziehen müſſen, vielleicht auch wollen. Es wäre möglich, aber es wird ſelten geſchehen.

Es ſcheint mir nicht undenkbar, daß, wenn ein gottge - ſandter Prophet und Wunderthäter, oder ein rechter Magus, in eins von unſern Irrhäuſern träte, er unter einer Anzahl unheilbarer Verrückter auch einzelne wirkliche Beſeſſene ent - decken und heilen könnte, ſey es mit bloſer Beſchwörung im Namen Jeſu oder mit Beyhülfe phyſiſcher Mittel. (Das Gleiche iſt auch auf Epileptiſche anzuwenden.)

Daß nach Jeſu Tod und Auffahrt noch Beſitzungen Statt haben konnten, liegt in ſeiner eigenen Verheißung Marc. 16. 17. wo unter den Zeichen, die den Glaubenden folgen ſollen, zu allererſt ſteht: In meinem Namen werden ſie Teufel austreiben. Und Apoſtelg. 8. 7. findet ſich die Beſtätigung in den Worten: Die unſaubern Geiſter fuhren aus vielen Beſeſſenen mit großem Geſchrey. Ob alſo dieſe hölliſche Seuche noch bis auf dieſe Stunde hier und da vorhanden iſt, müſſen Erfahre - nere entſcheiden. Die Zukunft wird auch über dieſes Dunkel das gewünſchte Licht verbreiten.

Daß dieſes Beſeſſenſeyn noch in den ſpätern Jahrhun - derten nach Chriſtus, ja wohl noch bis auf den heutigen14 Tag (wenigſtens ein ihm ſehr verwandter Zuſtand) vor - kommt, davon mögen den geneigten Leſer die hier aufge - führten Erfahrungen überzeugen.

Auffallend mag es auch dem Bibelgläubigen ſeyn, daß in mehreren dieſer neuen Erfahrungen von Beſeſſenſeyn der - mon des Beſeſſenen ſich nicht für einen wirklichen Teufel, ſon - dern für den Geiſt eines unſelig verſtorbenen Menſchen, der von dieſem fremden Leibe Beſitz genommen, ausgibt; auffallend wird es ihm ſeyn, weil die Dämonen der Beſeſſenen im neuen Teſtamente, wenigſtens in Luthers Ueberſetzung, immer Teufel genannt werden. Um ſo merkwürdiger iſt aber, daß ſchon frühere Schriftſteller über Beſeſſene, z. E. der Engländer Hugo Farmer*)Siehe Hugo Farmers Verſuch über die Dämoniſchen des neuen Teſtamentes., die wohl keine eigenen Erfahrungen von Beſeſſenen gemacht haben, auch ſonſt ganz im Sinne des Rationalismus über ſie urtheilen, blos in Folge ihrer literariſchen Kenntniſſe, die Behauptung aufſtellten, auch der Heiland und die Jünger hätten unter den Dämonen der Beſeſſenen nicht Teufel ſondern Geiſter böſer ver - ſtorbener Menſchen, verſtanden.

Ihre Gründe ſind folgende: Die Geiſter, die von den menſchlichen Leibern ſollen Beſitz genommen haben, werden im neuen Teſtamente nicht Teufel (Διαβολοι), ſondern - monen genannt (Δαιμονες), und das Wort Dämonen wird nie in der mehreren Zahl böſen Geiſtern (Teufeln) beyge - legt, wie Alle zugeben, was auch immerhin ſein Gebrauch in der einfachen Zahl ſeyn mag. Joſephus, ein naher Zeit - genoſſe von den Apoſteln, ſagt ausdrücklich, daß die - monen Geiſter böſer Menſchen wären, die von den Leben - digen Beſitz nehmen. Es iſt auch anzunehmen, daß die Schriftſteller des neuen Teſtamentes durch Dämonen (wenn ſie bey Beſitzungen vorkommen) ſolche menſchliche Geiſter verſtanden, von denen man glaubte, daß ſie nach dem Tode Dämonen würden. Juſtinus Martyr, der auch um die15 Zeit der Apoſtel lebte, ſagte, ohne Furcht Chriſto und ſeinen Apoſteln zu widerſprechen, ausdrücklich: daß die von den Seelen der Verſtorbenen angegriffenen und niedergeworfenen Perſonen von Jedermann Dämoniſche und Unſinnige genannt würden, und er beweist eben aus dieſem Zuſtand der Be - ſeſſenen (daß er nämlich denſelben der Beſitzung von ver - ſtorbenen Seelen zuſchreibt), daß die Seele nach dem Tode übrig bleibe.

Philoſtratus erzählt (wie ſchon oben angeführt) in ſeinem Leben des Apollonius Tyanus, der ein Zeitgenoſſe von Chriſto war, daß ein Dämon, der einen jungen Mann beſeſſen hatte, ſelbſt bekannt habe, daß er ein Geiſt von einer in der Schlacht umgekommenen Perſon ſey, und be - ſonders verſtand man unter Dämonen auch Geiſter ſolcher böſer Menſchen, die einen gewaltſamen Tod erlitten hatten.

Aus genauer Unterſuchung aller Stellen im neuen Teſta - mente, in welchen Dämonen vorkommen, können wir ſicher ſchließen, daß in denſelben nie der Teufel und ſeine Engel verſtanden werden, am wenigſten in den Schriften Pauli. Im Gegentheil ſind alle Beweiſe da, daß er und die andern Apoſtel darunter Geiſter verſtorbener Menſchen verſtehen, und ſie gebrauchen dieſes Wort bald in einem guten, bald in einem böſen Sinne, gerade wie es die Alten machten, und auf die auffallendſte Weiſe ſtimmen auch mehrere der Geſchichten der neueſten Beſeſſenen damit überein, die gewiß, wären ihre Geiſter nur eine fixe Idee, ſie auch nach der allgemeinen Meinung für Teufel, aber nicht, ganz gegen ihren und den herrſchenden Glauben, für Geiſter verſtor - bener böſer Menſchen ausgegeben hätten: denn Hugo Far - mers Meinung von dieſer Sache iſt ihnen wohl ſo unbe - kannt geblieben, als die von Joſephus, Juſtinus Martyr, Philoſtratus und Anderen.

Ich ſagte auch einmal zu einer der Beſeſſenen in ihrem gewöhnlichen Zuſtande: die Dämonen in den Beſeſſenen der Bibel hätten ſich für keine Seelen verſtorbener Menſchen ausgegeben, das aber thue, wie man ihr ſchon geſagt haben16 werde, der in ihr ſeyn ſollende Dämon, worauf ſie entgeg - nete: Das ſeye ihr auch wunderbar; denn in der Bibel habe ſie nie etwas davon geleſen, aber es müſſe doch ſo ſeyn, weil es der Dämon in ihr ſchon ſo oft verſichert habe, auch ſeine Ausſagen von ſeinem früheren Leben, das ihr nicht ſo bekannt geweſen, als wahr erfunden würden. Und dieſer letztere Umſtand muß allerdings auch hier beſon - ders in die Wagſchale gelegt werden.

Ueber dieſe beſondere Erſcheinung, daß bey mehreren der hier aufgeführten Beſeſſenen die Beſitzenden nicht Teufel, ſondern verſtorbene böſe Menſchen waren, ſprach ſich ein bewährter Freund und Kenner der heiligen Schrift gegen mich auch folgendermaßen aus:

Sollte nicht Schwedenborg hier Recht bekommen, nach deſſen Lehrſatz alle Engel und alle Teufel verſtorbene Menſchen ſind? Wenn dieſer Lehre auch nicht ſo ſchlagende Beweiſe aus der heiligen Schrift und der Erfahrung ent - gegenſtänden, die ſie als einen Irrthum des wirklichen, aber auch mitunter getäuſchten Geiſterſehers bezeichnen, ſo folgt doch aus jenen neuen Begebenheiten nicht das mindeſte dafür. Bey der vor einigen Jahren zu M. vorgefallenen (in dieſen Blättern auch gegebenen) und andern neuen Geſchichten (wie auch in mehreren der hier angeführten) waren wirkliche - monen, keine Menſchenſeelen, die Peiniger der Beſeſſenen.

Im Allgemeinen läßt ſich zweyerley als moͤglich denken. Die Teufel ſind Lügner, ſie ſind ungerne gekannt und unter - drücken ihren wahren Namen, daher jener im Evangelium, auf die Frage wie er heiße, ſich Legion nennt, weil ihrer Viele ſeyen, ohne auch nur einen Namen anzugeben. Es iſt alſo möglich, daß ſie ſich, um unerkannt zu bleiben und der Menſchen zu ſpotten, für Verſtorbene ausgeben. Es iſt aber eben ſo möglich, daß es wirkliche abgeſtorbene Seelen ſind, und in den Fällen des Mädchens von O. und der dämo - niſchen Frau U. ſcheint dieſe Annahme den Vorzug zu ver - dienen, oder verdient ſie wirklich aus Gründen, die hier nicht weiter ausgeführt werden ſollen. Ein ſolcher Zuſtand,17 wo eine Seele in einem fremden Leibe wohnt, und die wahre Inwohnerin beherrſcht, kann im Guten wie im Böſen, und ſogar noch bei Leibesleben des Gaſtes, wie viel mehr nach deſſen leiblichem Tode Statt haben, und iſt längſt unter dem Namen Ibbur bekannt. Man ſehe darüber Kerners Ge - ſchichte zweier Somnambulen nebſt andern Denkwürdigkeiten aus dem Gebiete der magiſchen Heilkunde, und v. Meyers Blätter für höhere Wahrheit 9. Samml. S. 272.

Deutlich redet die heilige Schrift davon allerdings nicht, und das vornehmlich deswegen, weil ſie ihre weiſen Urſachen hat, den Zuſtand der Verſtorbenen überhaupt zu verſchleiern, beſonders die, daß Niemand ſeine Buße auf das Leben nach dem Tode verſchieben möge. Sie macht gleichwohl manche wichtige Andeutung davon, mit welcher die Erfahrungen neue - rer Zeit übereinſtimmen, und es ſcheint, daß in unſern Tagen auch jene Wahrheit von der Influenz der Abgeſchiedenen auf die Lebenden und von ihren Beſitzungen offenbar werden ſoll. Der Zweck dieſer nähern Entdeckung möchte mannigfach ſeyn und iſt in allem Betracht zu unſerm Heil gemeint. Auch können wir nicht wiſſen, ob nicht unter dem allgemeinen Namen der Dämoniſchen im neuen Teſtamente (will man auch nicht mit Farmer annehmen, daß unter dem Wort Dämon in der Bibel nie ein Teufel, ſondern immer die abgeſchiedene Seele eines böſen Menſchen verſtanden werde) wirklich ſolche begriffen ſind, die nicht von Teufeln, ſondern von andern Menſchenſeelen be - ſeſſen waren: denn da dieſes der wenigere Theil ſeyn mochte, ſo gingen ſie mit unter der Benennung der vorherrſchenden Gattung hin.

Die oben erwähnte, hieher gehörende Stelle aus v. Meyers Blätter für höhere Wahrheit iſt folgende:

Die Rabbinen, beſonders die kabaliſtiſchen behaupten, daß die Seele eines Verſtorbenen auf einen Lebendigen geheimen Einfluß haben, ihn inſpiriren, ja bewohnen und be - ſitzen könne, ohne für immer an ihn gebunden zu ſeyn, und ohne Aufhebung der beyderſeitigen Perſönlichkeit, obgleichKerner, über Beſeſſenſeyn. 218dieſe ſich im Denken, Wollen und Handeln zuſammen vermi - ſche; ſie glauben ſogar, daß mehrere ſolcher Seelen zugleich in einem Menſchen wohnen könnten, gleich wie viele - monen in einem Beſeſſenen.

Sie nennen dieſen Zuſtand der Seeleninwohnung Ibbur, gleichſam Schwangerſchaft.

Wir wollen die Möglichkeit hievon nicht läugnen. Es kann eine Art von Ibbur ſogar zwiſchen zwey lebenden Perſonen vorgehen.

Ein Beiſpiel hiervon liefert in Kerners Geſchichte zweier Somnambulen die erſte und merkwürdigſte derſelben. Sie war öfters in andern Menſchen, in ihrem Arzt, in ihrer Mutter; ſie durchbrach als dann die Wolke (den dunkeln Stoff) ihres und des andern Leibes. Einſt ſagte ſie zum Arzte: Ich bin nun ganz in dir, daß wenn du jetzt ſchnell zur Thür hinaus gin - geſt, ſo würde es mich mein Leben koſten; denn wie ich nur all - mählig in dich gehen konnte, ſo kann ich nur allmählig aus dir heraus, und ich würde durch dein Hinweggehen allzu - ſchnell von deinem Körper getrennt: denn ich bin mehr von meinem Körper getrennt als mit ihm verbunden. Sie er - klärte auch, wie es damit zugehe: Es zieht ſich das Leben und alles Geiſtige nur allmählig aus dem Kopfe nach der Herz - grube, und von dieſer, wenn ich in andere Perſonen übergehe, nur allmählig hinaus; doch bleibt immer hier noch eine Verbindung, ſonſt könnte ich nicht wiederkehren. Das Außer - ſichſeyn eines Menſchen, d. i. ſeiner Seele mit ihrem Geiſte, außer dem Körper iſt längſt bekannt, aber hier zeigt ſich auch die Erſcheinung ihres Seyns in einem Andern, und das iſt Ibbur, und mahnt auch an das Eingehen der Geiſter Ver - ſtorbener in die Leiber noch Lebender, oder an das Beſeſſen - werden.

Magnetiſche ſind in einem Zuſtande, der ſich dem[Verſtorbe - nen] nähert, ſie ſind halbe Geiſter, halbe Geſpenſter, und was hier von einem Magnetiſchen halb geſchah, kann von einem Verſtorbenen ganz und vollkommen geſchehen.

19

Ein philoſophiſches Raiſonnement über dieſe Erſcheinung und zugleich über die nachſtehenden Thatſachen iſt in den von Eſchenmeyer am Ende dieſer Blätter mitgetheilten Refle - xionen über Beſeſſenſeyn und Zauber enthalten, worauf ich den Leſer verweiſe.

Zuerſt folgen hier nun die treu und einfach erzählten That - ſachen, von denen die erſte Thatſache, die der Geſchichte des Mädchens von Orlach, weniger als die ihr nachfol - genden, zu den Beſitzungen in älterer Bedeutung zu zählen iſt.

2 *20

Geschichte des Mädchens von Orlach.

Nachſtehende Geſchichte gehört in das Gebiet kakodämoniſch - magnetiſcher Erſcheinungen und bildet einen Uebergang zu den darauf folgenden, mehr den Beſitzungen im neuen Teſtamente analogen Thatſachen.

In dem kleinen Orte Orlach, Oberamts Hall in Würtem - berg, lebt die Familie eines allgemein als ſehr rechtſchaffen anerkannten Bauern (der inzwiſchen zum Schultheißen ſeines Ortes erwählt wurde), Namens Grombach, lutheriſcher Confeſſion. In dieſer Familie herrſcht Gottesfurcht und Recht - ſchaffenheit, aber keine Frömmeley. Ihre Lebensweiſe iſt die einfacher Bauersleute und die Arbeit in Stall und Feld ihre einzige Beſchäftigung. Grombach hat vier Kinder, die alle auf’s eifrigſte zum Feldbau angehalten ſind. Durch Fleiß zeichnet ſich auch beſonders deſſen zwanzigjährige Tochter, mit Namen Magdalene, aus. Dreſchen, Hanfbrechen, Mähen, iſt oft wochenlang von Tagesanbruch an bis in die ſpäte Nacht ihre Beſchäftigung. Der Schulunterricht ging ihr nur ſchwer ein, ob ſie gleich zu andern Arbeiten gute Sinne hatte, und ſo gab ſie ſich auch ſpäter nicht mit Leſen von Büchern ab. Sie iſt, ohne zu vollblütig zu ſeyn, ſtark, friſch, ein geſun - des Kind der Natur, war in ihrem ganzen Leben nie krank, hatte ſelbſt nie die geringſte Kinderkrankheit, nie Gichter, nie Würmer, nie einen Ausſchlag, nie Blutſtockungen, und brachte auch deswegen nie das Geringſte von Arzeneymit - teln über den Mund.

Im J. 1831 im Monat Februar geſchah es, als Grom - bach eine neue Kuh gekauft hatte, daß man dieſes Thier zu wiederholtenmalen an einer andern Stelle im Stalle, als an21 die es gebunden wurde, angebunden fand. Dieſes fiel Grom - bach um ſo mehr auf, als er ſich völlig verſichert hatte, daß beſtimmt keines ſeiner Leute dieſes Spiel mit dem Thiere ge - trieben.

Darauf fing es auf einmal an, allen dreyen Kühen im Stall ihre Schwänze auf’s kunſtreichſte zu flechten*)Dieſes Flechten, beſonders auch der Pferdsmähnen, findet man häufig als Geiſterſpuk. Siehe auch Horſts Zauberbibliothek. In einer andern, ganz von dieſer unabhängigen Geſchichte, kommt es ebenfalls als Geiſterſpuk vor., ſo kunſt - reich, als hätte es der geſchickteſte Bortenmacher gethan und dann die geflochtenen Schwänze wieder untereinander zu ver - knüpfen. Machte man die Flechten der Schwänze wieder aus - einander, ſo wurden ſie bald wieder von unſichtbarer Hand ge - flochten und das mit einer ſolchen Geſchwindigkeit, daß wenn man ſie kaum gelöſt hatte und ſogleich wieder in den menſchen - leeren Stall zurückgekehrt war, die Schwänze auch bereits wieder allen Kühen auf das kunſtreichſte und pünktlichſte ge - flochten waren, und dieß täglich vier bis fünfmal. Dieſe Son - derbarkeit dauerte mehrere Wochen lang tagtäglich fort und bey der größten Aufmerkſamkeit und Begierde, einen Thäter zu entdecken, gelang dieß doch nie.

In dieſer Zeit bekam die Tochter Magdalene einmal, als ſie bey dem Viehe melkend ſaß, aus der Luft von unſichtbarer Hand eine ſo derbe Ohrfeige, daß ihr die Haube vom Kopfe an die Wand flog, wo ſie der auf ihren Schrey herbeygeſprun - gene Vater aufhob.

Oft ließ ſich im Stalle eine Katze mit weißem Kopfe und ſchwarzem Leibe ſehn, von der man nicht wußte woher ſie kam, oder wohin ſie bey ihrem Verſchwinden ging. Von dieſer Katze wurde das Mädchen einmal angefallen und in den Fuß gebiſ - ſen, ſo daß man mehrere Zähne dieſes Thires in ihrem Vorder - fuße ſah. **)Daß man die Zähne dieſes Thieres im Fuße des Mädchens ſah, iſt kein Beweis, daß dieſe Biſſe von einer wirklichen KatzeNie konnte man dieſes Thieres habhaft werden. 22Einmal flog auch aus dem Stall, man wußte nicht woher er gekommen, da alles verſchloſſen war, ein unbekannter ſchwar - zer Vogel in Geſtalt einer Dohle oder eines Raben.

Unter ſolchen kleinern und größern Neckereyen im Stalle verfloß das Jahr 1831. Den 8. Februar 1832 aber, als das Mädchen gerade mit ihrem Bruder den Stall reinigte, erblickten ſie im Hintergrunde deſſelben ein helles Feuer.

Es wurde nach Waſſer gerufen und die Flamme, die ſchon zum Dache hinausſchlug, ſo daß ſie auch die Nachbarn be - merkten, bald mit ein paar Kufen Waſſer gelöſcht. Die Haus - bewohner wurden nun in großen Schrecken verſetzt, ſie wuß - ten ſich nicht zu erklären, woher die Flamme gekommen und vermutheten nicht anders als es ſey ihnen das Feuer durch böſe Menſchen gelegt worden.

Dieſes Entſtehen einer Flamme und wirkliches Brennen in verſchiedenen Theilen des Hauſes, wiederholte ſich am 9., 10. und 11. Februar, ſo daß endlich auf Anſuchen Grombachs das Schultheißenamt Tag und Nacht Wächter vor und in dem Hauſe ausſtellen ließ, allein dem unerachtet brachen wie - der in verſchiedenen Theilen des Hauſes Flammen aus. Wegen ſolcher Gefahr ſahen ſich Grombachs genöthiget, das Haus völlig zu räumen; aber auch dieß fruchtete nichts: denn es brannte dennoch und aller Wachen unerachtet wieder zu ver - ſchiedenenmalen bald da bald dort in dem nun leeren Hauſe. Als die Tochter Magdalene einige Tage nach dem letzten Brande, Morgens halb ſieben Uhr wieder in den Stall kam, hörte ſie in der Ecke der Mauer (Grombachs Haus hat zum Theil eine ſehr alte Mauer zum Fundament) das Winſeln**)geſchahen. So ſchreibt der von einem unſichtbaren Weſen verfolgte Superintendent Schupart: es hat mich mit Nadeln geſtochen, gebiſſen, daß man utramque seriem dentium geſehen, die zwey großen Zähne ſtunden da. ꝛc. S. Horſt Zauber - bibliothek, Th. 4. S. 252. Auch dort erſcheint das Geſpenſt in Geſtalt einer Dohle.23 wie eines Kindes. Sie erzählte es ſogleich ihrem Vater, er ging auch in den Stall, aber hörte nichts.

Um halb acht Uhr deſſelben Tages ſah das Mädchen im Hintergrunde des Stalles an der Mauer die graue Schatten - geſtalt einer Frau, die um Kopf und Leib wie einen ſchwarzen Bund gewickelt hatte. Dieſe Erſcheinung winkte dem Mädchen mit der Hand.

Eine Stunde ſpäter, als ſie dem Vieh Futter reichte, erſchien ihr die gleiche Geſtalt wieder und fing zu reden an. Sie ſprach zu ihr hin: Das Haus hinweg! das Haus hinweg! Iſt es nicht bis zum 5. März kommenden Jahres abgebrochen, ge - ſchieht euch ein Unglück! Vor der Hand aber zieht nur in Gottes Namen wieder ein und das heute noch, es ſoll bis da - hin nichts geſchehen. Wäre das Haus abgebrannt, ſo wäre das nach dem Willen eines Böſen geſchehen, ich habe es, euch ſchüz - zend, verhindert; aber wird es nicht bis zum 5. März kom - menden Jahres abgebrochen, ſo kann auch ich nicht mehr ein Unglück verhüten und verſpreche mir nur, daß es geſchieht.

Das Mädchen gab nun der Erſcheinung dieſes Verſprechen. Vater und Bruder waren zugegen und hörten das Mädchen ſprechen, aber ſonſt ſahen und hörten ſie nichts.

Nach Ausſage des Mädchens war die Stimme der Erſchei - nung eine weibliche und die Ausſprache hochdeutſch.

Am 19. Februar halb neun Uhr Abends kam die Erſcheinung vor ihr Bett und ſagte: Ich bin wie du von weiblichem Ge - ſchlecht und mit dir in einem Datum geboren. Wie lange, lange Jahre ſchwebe ich hier!! Noch bin ich mit einem Böſen verbunden, der nicht Gott, ſondern dem Teufel dient. Du kannſt zu meiner Erlöſung mithelfen.

Das Mädchen ſagte: Werde ich einen Schatz erhalten, wenn ich dich erlöſen helfe?

Der Geiſt antwortete: Trachte nicht nach irdiſchen Schäz - zen, ſie helfen nichts!

Am 25. April Mittags zwölf Uhr erſchien ihr der Geiſt wie - der im Stall und ſprach: Grüß dich Gott liebe Schweſter! ich bin auch von Orlach gebürtig und mein Name hieß24 Anna Maria. Ich bin geboren den 12. September 1412 (das Mädchen iſt den 12. September 1812 geboren). Im zwölften Jahre meines Alters bin ich mit Hader und Zank ins Kloſter gekommen, ich habe niemals in’s Kloſter gewollt.

Das Mädchen fragte: Was haſt du denn verbrochen? Der Geiſt antwortete: Das kann ich dir noch nicht eröffnen.

So oft nun der Geiſt zu dem Mädchen kam, ſprach er gegen ſie nur religöſe Worte, meiſtens Stellen aus der Bibel, die ſonſt dem Mädchen gar nicht im Gedächtniſſe waren*)Herr Pfarrer Gerber ſchreibt von dieſem Mädchen: Das Mädchen ſelbſt zeichnete ſich in der Schule durch ihre guten Sitten und ihre Gutmüthigkeit aus, hatte aber wenig Anlage zum Lernen, und verließ daher die Schule mit ganz geringen Kenntniſſen. Das Lob eines ſittlichen Wandels erhielt ſie auch nach der Schule, und entzog ſich zwar den Luſtbarkeiten der jungen Leute des Dorfes nicht, war aber doch die erſte, welche ſich wieder zurückzog. . Dabey ſagte er: Man wird meinen, weil ich eine Nonne geweſen, wiſſe ich nichts von der Bibel, aber ich weiß bald alles in ihr. Er betete meiſtens den 116. Pſalmen.

Einmal ſagte das Mädchen zum Geiſt: Vor nicht langer Zeit war ein Geiſtlicher bey mir, der gab mir auf, dich zu fragen: ob du nicht auch andern erſcheinen könnteſt, man würde dann eher glauben, daß du nicht blos ein Trug meines Gehirnes ſeyeſt. Darauf antwortete der Geiſt: Kommt wieder ein Geiſtlicher, ſo ſage ihm, er werde wohl das, was in den vier Evangelien ſtehe, auch nicht glauben, weil er es nicht mit Augen geſehen. Es ſagte auch ein an - derer Geiſtlicher zu dir (das war wirklich ſo) du ſolleſt ſagen wie ich (der Geiſt) beſchaffen ſey. Spricht einer wieder ſo, ſo ſage ihm: er ſolle einen Tag in die Sonne ſehen und dann ſoll er ſagen, wie die Sonne beſchaf - fen ſey.

Das Mädchen ſagte: Aber die Leute würden es doch eher glauben, würdeſt du auch andern erſcheinen! Auf dieß ſprach25 der Geiſt ſeufzend: O Gott! wann werd ich erlöſet doch werden: wurde ſehr traurig und verſchwand.

Das Mädchen ſagt: ſie dürfe die Fragen an den Geiſt nur denken, dann erhalte ſie ſchon die Antwort. Bey etwas, das ſie einmal nur gedacht und nicht habe ausſprechen wollen, habe der Geiſt geſagt: Ich weiß es ſchon, du haſt nicht nöthig es auszuſprechen, damit ich es weiß, doch ſpreche es nur aus. *)So war es bekanntlich auch bei der Seherin von Prevorſt.

Oft fragte das Mädchen den Geiſt: warum er ſo leide, auf welche Art er denn mit[einem] böſen Geiſte noch verbun - den ſey, warum das Haus weg ſolle, allein hier gab die Er - ſcheinung immer nur ausweichende Antworten, oder ſeufzte ſie.

Vom Monat Februar bis May erſchien dieſer Geiſt dem Mädchen zu verſchiedenen Tagen, ſprach immer religöſe Worte und deutete oft mit Jammer auf ſeine Verbindung mit ei - nem ſchwarzen Geiſte hin. Einsmal ſagte er, daß er nun auf längere Zeit nicht mehr kommen könne, dagegen werde das Mädchen durch jenen ſchwarzen Geiſt Anfechtungen er - leiden, ſie ſolle nur ſtandhaft bleiben und ihm doch ja nie eine Antwort ertheilen. Mehrmals ſagte er ihr auch Dinge voraus, die dann eintrafen, z. E. daß die oder jene Per - ſon am andern Tage zu ihr kommen werde.

Als am 24. Juny, am Johannistage, da Alles in der Kirche war, das Mädchen allein zu Hauſe blieb, um das Mittageſſen zu beſorgen und gerade am Feuerheerde in der Küche ſtund, hörte ſie auf einmal einen heftigen Knall im Stalle. Sie wollte nachſehen was geſchehen ſey; als ſie aber vom Heerde gehen wollte, ſo erblickte ſie einen ganzen Hau - fen ſonderbarer gelber Fröſche auf dem Heerde. Sie erſchrak zwar, dachte aber: ich ſollte doch einige dieſer Thiere in meinen Schurz faſſen, um meinen Eltern bey ihrer Heimkunft zu zeigen, was das für eine neue Art von Fröſchen iſt, aber als ſie im Begriff war, einige derſelben mit ihrer Schürze auf -26 zufaſſen, rief Jemand von Boden herab: (es ſchien ihr die Stimme jener weiblichen Erſcheinung zu ſein) Magda - lene! laß die Fröſche gehen! und ſie verſchwanden.

Am 2. July ging der Vater mit ſeiner Tochter Morgens zwey Uhr auf die Wieſe zu mähen. Als ſie gegen ſechzig Schritte vom Hauſe entfernt waren, ſagte die Tochter: Da ſchreit ja des Nachbars Knecht: halt Magdalene! ich will auch mitgehen! Der Vater konnte es nicht hören, aber der Tochter hörbar, ſchrie es noch einmal daſſelbe und lachte ganz höhniſch dazu. Sie ſagte: jetzt kommt er! Da war es aber eine ſchwarze Katze. Sie gingen weiter, da ſagte die Tochter: jetzt iſt es ein Hund. Sie gingen bis an die Wieſe, da war es eine ſchwarze Fohle, aber der Vater und die andern Leute ſahen es nicht, der Tochter aber blieb es von 2 bis 7 Uhr ſichtbar, da wurde ihr das Mähen ſehr mühſam.

Als ſie am 5. July Morgens drey Uhr wieder zum Mähen gieng, rief ihr eine Stimme zu: Magdalene! was iſt denn das für eine, die[]als zu dir kommt? und lachte recht höhniſch dazu.

Auf einmal ſagte die Tochter zum Vater: Jetzt kommt etwas! da kam ein ſchwarzes Pferd ohne Kopf, ſprang bald hinter ihr, bald vor ihr. Oft war es, als wäre der Kopf wie friſch abgeſchnitten, daß man das Fleiſch ſah, oft war die Stelle am Halſe vom Felle überzogen.

Mittags zwölf Uhr kam beym Heuwenden auf der Wieſe ein ſchwarzer Mann zu ihr, ging mit ihr die Wieſe auf und ab und ſagte: Das iſt eine rechte Schachtelgret, die als zu dir kommt, was will denn dieſe? Dieſer mußt du gar nichts antworten, das iſt ein ſchlechtes Menſch, aber ant - worte du mir, dann geb ich dir den Schlüſſel zum Kel - ler unter deinem Hauſe. Da liegen noch acht Eymer vom älteſten Wein und viele, viele köſtliche Dinge. An dem Weine könnte dein Alter noch lange bürſten, das iſt auch was werth. Dann lachte er höhniſch und verſchwand.

Am 4. July Morgens drey Uhr, als ſie zum Mähen ging, kam ein ſchwarzer Mann ohne Kopf zu ihr und ſagte:27 Magdalene! hilf mir heute mähen, ich gebe dir für jeden Maden einen Laubthaler. Wenn du ſehen würdeſt, wie ſchön meine Thaler ſind, du würdeſt mir gewiß mähen hel - fen! Kennſt du mich denn nicht? ich bin ja des Wirths Sohn. Wenn ich wieder in den Bierkeller gehe, ſo gebe ich dir noch Bier dazu, wenn du mir mähen hilfſt Immer lachte der Schwarze höhniſch zu ſolchen Worten. Er blieb eine Viertelſtunde und ſprach im Weggehen: Du biſt auch eine ſolche Schachtelgret wie jene (die weiße Geiſtin) die als zu dir kommt!

Fünf Uhr kam er wieder als ein ſchwarzer Mann, trug eine Senſe und ſagte: Dieſes Stück will ich dir auch heruntermähen helfen, damit ihr eher fertig werdet, und ſind wir fertig, dann geheſt du mit mir, dann wollen wir zu der Schachtelgret, da gibt’s recht zu freſſen und zu ſau - fen, aber freundlich mußt du mir ſeyn und eine Antwort mußt du mir geben. Gib mir jetzt nur deine Senſe her, auf daß ich ſie dir wetze! So! jetzt muß ſie recht ſchnei - den! Das Moos muß ſie aus der Erde hauen und dazu viele ſchöne blanke Thaler, wenn du mir antworteſt. Er blieb bis ſieben Uhr um ſie. Sie hatte dieſen ganzen Tag nicht nöthig, ihre Senſe zu wetzen, ſie blieb unverwüſtlich ſcharf.

Mittags zwölf Uhr war der Schwarze wieder auf der Wieſe mit einem Rechen in der Hand und ſagte: Ein rechter Taglöhner ſtellt ſich Mittags gleich ein. Er wen - dete das Heu hinter der Magdalena nach und ſagte immer unter die Arbeit hinein: gib mir doch Antwort, du Dumme! dann haſt du Geld genug; jede Antwort bezahle ich dir mit Schätzen, ich bin reich. Eine Meſſe, Magda - lene! mußt du leſen laſſen, damit es ſchön Wetter bleibt, es nützt dich alles nichts, eine Meſſe mußt du leſen laſ - ſen! Dann lachte er wieder höhniſch und verſchwand.

Das Mädchen iſt, wie ſchon angeführt, lutheriſcher, nicht katholiſcher Confeſſion, es befinden ſich auch keine Katholiken zu Orlach.

28

Das Gewand des Schwarzen kam ihr wie die Kutte eines Mönchs vor, wie er auch ſpäter erklärte, daß er im Leben ein Mönch geweſen. Am 5. Juli Morgens, als die Tochter wieder auf der Wieſe war, rief es mit der Stimme ihres Nachbars hinter ihr: Magdalene! haſt du keinen Wetzſtein mitgenommen? Bin heute verkehrt ausge - gegangen; ich habe meinen Wetzſtein daheim gelaſſen! Die Tochter wandte ſich um, doch ohne Antwort zu geben (was ſie immer auf das ſtandhafteſte vermied, ſelbſt jetzt, wann ſie ſicher zu ſeyn glaubte, daß eine wirklich menſch - liche Stimme von ihr Antwort begehre), da ſtund der ſchwarze Mönch da und ſagte weiter: Nicht wahr, das iſt doch ſchön, wenn man jedesmal wieder dahin darf, wo man geweſen iſt? Ich glaube, du kennſt die Leute nicht mehr. Das bedeutet deinen Tod, wenn du die Leute nicht mehr kennſt. Siehe recht, ich bin ja dein Nachbar. Sage, was wollte denn dein Vater mit dem Buche machen, das er heute mitnehmen wollte? Wollte er eine Meſſe leſen? Und dann lachte er ſpöttiſch. (Man hatte dem Vater den Rath gegeben, das neue Teſtament mitzunehmen und ſo bald die Erſcheinung ſich zeige, ihr dieſe heilige Schrift hinzu - halten, aber es unterblieb des Regens wegen.) Magdalene, fuhr er fort, du wetzeſt deine Senſe nicht recht! Sieh! ſo auf den Boden muß man ſich ſetzen und die Senſe in den Schooß nehmen. Setze dich! Sieh ſo wetze ſie und antworte mir und ſey freundlich, dann wirſt du mit der Senſe das Moos aus der Erde heraus hauen und noch viele blanke Thaler da - zu. Halt Magdalene! die Fliegen ſtechen dich (es war ſo), ich will dir die Fliegen wehren! (Er wehrte ihr wirklich die Fliegen und dieſen ganzen Tag kamen keine mehr an ſie, wie auch den ganzen Tag wieder ihre Senſe, ohne daß man ſie wetzte, ſchnitt.) Dann ſagte er ferner: Aber Mag - dalene! du mußt deinem Vater ſagen, er ſoll mit dir nach Braunsbach gehen (einem katholichen Orte in der Nähe), da wollen wir dann eine Meſſe leſen laſſen, daß das Wetter ſchön bleibt, aber antworten mußt du mir!

29

Mittags halb zwölf Uhr an dieſem Tage war der ſchwarze Mönch bey ihr ſchon wieder auf der Wieſe. Er hatte einen Ranzen auf dem Rücken und trug in der Hand eine Senſe, fing zu mähen an und ſagte: Magdalene! das iſt eine Schande vor den Nachbarsleuten, wenn ihr ſo unſauber mähet. Sage, willſt du nicht mit mir handeln? Gibſt du mir nicht deine Senſe, ich gebe dir da die meinige dafür? Sieh! dann gebe ich dir auch den Ranzen, den ich da auf meinem Rücken habe, der iſt voll ſchöner blanker Thaler, wie du noch keine geſehen. Die geb ich dir all noch dazu, aber antworten mußt du mir und deinem Alten (dem Vater) darfſt du nicht gleich ſagen, daß ich da bin, ſonſt gehe ich ſogleich wieder heim.

Auf dieſe Rede ſagte die Tochter ſogleich dem Vater, daß der Mönch wieder da ſey. Da ging dieſer augenblick - lich und rief noch im Gehen höhniſch zurück: Geh auch mit mir heim, ich will Meſſe leſen laſſen, daß das Wetter ſchön bleibt.

Am 6. July Morgens halb drey Uhr rief hinter ihr auf dem Felde die Stimme ihrer Magd: Magdalene! du ſollſt ſchnell auf die Wieſe zum Vater kommen! wo gehſt du hin? he! antworte! Als die Tochter umſich ſah, ſah ſie keine Magd, aber ein ſchwarzes Kalb, das ſagte: Gelt! dießmal hätte ich dich faſt gefangen? Mit der Bibel kann mich dein Alter nicht fortſchicken, das ſoll er ſich von den Leuten nicht bereden laſſen! Was Bibel! Narrheit! die Meß iſt beſſer, iſt vornehmer! Komm, Magdalene, mit mir nach Braunsbach, wir wollen Meſſe leſen laſſen, daß das Wetter ſchön bleibt!

Am 8. July Morgens fünf Uhr kam er auf den obern Boden zu ihr, gerade als ſie das Bett machte und ſprach hinter ihr mit der Stimme der Magd des Wirths im Ort: Guten Morgen Magdalene! mein Herr und meine Frau ſchicken mich zu dir, du ſolleſt mit nach Braunsbach gehen, ſie wollen eine Meſſe leſen laſſen, wie der Mönch gerathen, damit das Wetter ſchön bleibt, und zwar eine30 um einen Gulden: denn dieſe iſt beſſer als eine um acht und vierzig Kreuzer. Du ſollſt deinem Vater zureden, daß er auch eine um einen Gulden leſen läßt. Es iſt auch viel werth, wenn man das Heu gut heimbringt, nicht wahr? Sie war ſchon im Begriff Antwort zu geben, als ſie wäh - rend der Rede das Betten einſtellte und um ſich ſah und den ſchwarzen Mönch erkannte. Dieſer lachte nun hell auf und ſagte: Hab ich dich nicht gefangen, ſo werd ich dich doch noch fangen. Sage deinem Alten, ich wolle ihm eine Meſſe um acht und vierzig Kreuzer leſen, die eben ſo gut ſeyn ſoll als die um einen Gulden. Dann lachte er wieder und verſchwand.

Um dieſe Zeit fand ihre Schweſter und ſie im Stalle auf einem Balken ein kleines Säckchen, das beym Herun - terfallen klingelte. Sie öffneten es und fanden darin ei - nige große Thaler nebſt Münzen, im Ganzen eilf Gulden. Es war unerklärlich, wie dieſes Geld an jenen Ort gekom - men: denn den Leuten im Hauſe fehlte es nicht und kein anderer Menſch wollte ſich dazu melden. Da kam der ſchwarze Mönch und ſagte: das gehört dein, Magdalene, und iſt für die Ohrfeige, die ich dir einmal im Stalle gegeben. Das Geld habe ich von einem Herrn in H. genommen, der an dieſem Tage um ſechs Caroline betrogen hat. Magdalene bedanke dich dafür! Aber auch das konnte das Mädchen nicht zum Reden mit ihm bringen und Abends erſchien ihr die weiße Geſtalt und ſagte: Es iſt gut, daß du ihm auf ſein Gerede nicht antworteteſt und auch das Geld ſollſt du nicht behalten, ſondern es den Armen geben. (Man gab nun auch davon ein Drittel in das Waiſenhaus nach Stutt - gart, ein Drittel in die Armenpflege nach Hall, und ein Drittel in den Schulfond des Orts.)

Weiter ſagte die weiße Geſtalt: Wenn du nächſtens nach Hall kommſt, ſo wandle in der Stadt fort, bis dich Jemand ruft, der wird dir ein Geſchenk an Geld geben und dafür kaufe dir ein Geſangbuch. Sie kam nun auch wirklich bald nach Hall, und als ſie da durch eine Straße31 lief, ließ ſie ein Kaufmann in ſeinen Laden rufen, fragte ſie, ob ſie jenes Mädchen von Orlach ſey, worauf er ſich ihre Geſchichten erzählen ließ und ihr dann einen Gulden ſchenkte, um den ſie ſich dann auch ſogleich ein Geſang - buch kaufte.

Am 10., als ſie an einem abgelegenen Waldbrunnen das Vieh tränkte, kam der ſchwarze Mönch wieder zu ihr und ſagte mit der Stimme ihres Nachbar Hanſels: Dieß - mal haſt keinen Bothen bey dir! Hanſel! ſagte dein Vater zu mir, ſey doch ſo gut und gehe du meiner Magdalene nach, ſie iſt allein mit dem Vieh an dem Waldbrunnen, da könnte der ſchwarze Mönch zu ihr kommen und ſie zu einer Antwort zwingen und das könnte dem Mädchen großes Unglück bringen. Da komm ich nun zu dir; nicht wahr, der Mönch iſt nicht bey dir? und nun will ich dir auch etwas ſagen, biſt du begierig was? Geſtern als ich in deinem Hauſe war nicht wahr es war geſtern? oder war es vorgeſtern? und du meinen Buben auf den Arm genommen und in den Garten gingeſt, da hat dein Vater, als wir allein waren, recht über dich ge - ſchimpft und hat geſagt: Die Magdalene die behalte ich nimmer daheim, die muß fort. Entweder muß ſie in ein Nonnenkloſter, iſt das nicht kurios von deinem Vater? oder muß ſie heirathen. Das ſagte dein Vater, aber ich konnte ihm nicht ganz Unrecht geben. Was ſagſt du zu dem Nonnenkloſter? Als ich Soldat war, war ich auch einmal in einem Nonnenkloſter, da iſt’s nicht ſo übel wie man meint. Ich will dir nur ſagen, deine Freundin, des Wirths Tochter, will jetzt auch in ein Nonnenkloſter. Willſt du aber lieber heirathen? Rede! Willſt du heirathen, ſo weiß ich dir einen rechten Kerl, wen meinſt du? Dann kannſt du ſchaffen was du willſt. Willſt du aber in das Nonnenkloſter, ſo darfſt du gar nichts ſchaffen; darum will des Wirths Catharine in das Nonnenkloſter, die mag gar nicht ſchaffen. Heiratheſt du oder gehſt du in’s Nonnenkloſter, ſo darfſt du keine Garben mehr aufgeben. Dieſen Abend32 will ich auch ein wenig kommen und euch Garben aufge - ben. Seyd ihr mit euren Garben fertig? He! Das Mädchen gab ihm keine Antwort: denn er konnte wohl ſeine Stimme verſtellen, aber ſeine Geſtalt nicht ſo, daß ſie nicht den ſchwarzen Mönch in ihm erkannte, der nun auch wie - der verſchwand. Wie er aber geſagt, ſo half Nachbar Hanſel (in wirklicher Perſon) ihr noch an dieſem Abend Garben aufgeben, ohne zu wiſſen, daß ſich der Schwarze Nachmit - tags für ſeine Perſon am Waldbrunnen ausgegeben und jenes Verſprechen in ſeinem Namen gemacht.

Am 12. July ein Viertel auf eilf Uhr erſchien ihr wieder die weiße Frauengeſtalt. Sie fing zu beten an: O Jeſu, wann ſoll ich erlöſet doch werden! Dann ſagte ſie: Du vermehreſt meine Unruhe! Halte dich ſtandhaft gegen die Anfechtungen des Böſen! Antworte ihm doch ja nie! Hät - teſt du ihm eine Antwort gegeben, nur ein Ja geſagt, wäre das Haus plötzlich in Flammen geſtanden: denn er iſt es, der es ſchon mehrmals durch Feuer verdorben hätte, hätte nicht ich entgegen geſtrebt. Er wird dich immer mehr äng - ſtigen, aber antworte ihm nie, ſpreche gegen ihn nie ein Wort! Sie ſagte ihr hierauf auch, ſie wolle ihr die Stelle zeigen, wo vormals das Nonnenkloſter geſtanden. Sie führte ſie nun eine Strecke durch das Dorf und gab ihr da die Stelle an.

Am 15. July Morgens, als ſie ganz allein in der Stube war, kam der Schwarze zu ihr in Geſtalt eines Bären und ſagte: Nun hab ich’s getroffen, daß ich dich allein habe! Gieb mir Antwort! Geld gebe ich dir genug! War - um gabſt du Jener (der Geiſtin) ſogleich Antwort und die verſprach dir kein Geld? Was haſt du denn bey deinem erbärmlichen Leben? Nichts haſt als Müh und Laſt vom früh - ſten Morgen bis in die ſpäte Nacht, Stallkehren, Viehmel - ken, Mähen, Dreſchen. Nur eine Antwort und du biſt reich und darfſt dich um all den Plunder dein Leben lang nicht mehr kümmern! Nur eine Antwort und ich plage dich nicht mehr, und jene Schachtelgret, die dir doch nur vorlügt33 und nichts gibt, kommt auch nicht mehr. Aber antworteſt du mir nicht, ſo ſollſt du ſehen, wie ich dich noch plage.

Von jetzt an erſchien ihr der Schwarze meiſtens in der drohenden Geſtalt eines ſcheußlichen Thiers, eines Bären, einer Schlange, eines Krokodills, nicht mehr in Men - ſchengeſtalt, verſprach ihr bald Geld, bald drohte er ihr mit Martern. In ihrem Jammer hielt ſie ihm mehrmals die Bibel entgegen, worauf er ſogleich verſchwand.

Am 21. Auguſt erſchien ihr der Geiſt in Geſtalt eines monſtröſen Thieres, das mitten am Leibe einen Hals hatte. Sie ſaß gerade auf der Bank und ſtrickte. Man hörte von ihr nichts als daß ſie in Unmacht fiel und nur noch die Worte herausbrachte: Der Schwarze! Mehrere Stunden lang lag ſie bewußtlos da und dieſe Anfälle wiederholten ſich ſelbſt noch den ganzen andern Tag hindurch. Sie ſchlug nach allem, was ſich ihr näherte, mit dem linken Arme und dem linken Fuße, beſonders wurde dieſes - then der linken Seite heftig, wenn man die Bibel gegen dieſelbe brachte.

Die Eltern ließen einen Geiſtlichen und einen Arzt rufen, weil ihnen dieſer Zuſtand unerklärlich war. Fragte ſie der Arzt: haſt du Krämpfe? antwortete ſie: nein! Biſt du ſonſt krank? Nein! Was iſt es denn? Der Schwarze! war die Antwort. Wo iſt er? Da! Dabey ſchlug ſie mit der rechten Hand auf die linke Seite.

Man ließ ihr zu Ader, ſetzte ihr Blutegel. Sie war in einem magnetiſchen, ſchlafwachen Zuſtand und ſagte in ihm: Das nützt alles nichts, ich bin nicht krank, man gibt ſich vergebliche Mühe, mir kann kein Arzt helfen. Man fragte: Wer kann dir denn helfen? Da erwachte ſie auf einmal und ſagte freudig: Mir iſt geholfen! Man fragte: wer hat geholfen? Sie ſagte: Das Fräulein hat geholfen (die weiße Geiſtin).

Sie erzählte nun: daß vor ihrem Fall der ſchwarze Geiſt in jener ſcheuslichen Geſtalt auf ſie losgegangen, ſie nie - dergedrückt und ſie zu erwürgen gedroht habe, wenn ſie ihmKerner, über Beſeſſenſeyn. 334dießmal nicht antworte, nun müſſe es ſeyn. Da ſeye aber, wie ſie ſchon faſt am Tode geweſen, die weiße Geiſtin erſchienen, die habe ſich zu ihrer Rechten geſtellt, der ſchwarze Geiſt ſeye zu ihrer Linken geweſen. Beide Geiſter hätten, wie es ihr geſchienen, mit einander geſtritten, aber in einer ihr ganz fremden Sprache, aber ihr vernehmbar, laut, und endlich ſey der weißen Geſtalt die ſchwarze ge - wichen und ſie wieder zu ſich gekommen. Von den Fragen, die man während ihres Zuſtandes an ſie gemacht hatte, wußte ſie nichts.

Sie weinte nun ſehr über ihren unglücklichen Zuſtand, beſonders da ihr die Leute ſagten, ſie ſeye mit Gichtern behaftet.

Als ſie darob am 23. Auguſt ſehr traurig war, erſchien ihr die weiße Geiſtin und ſagte: Grüß Gott Magdalene! Kümmre dich nicht, du biſt nicht krank. Die Leute können nicht darüber urtheilen. Wenn du noch ſo oft hinfällſt, ich ſchütze dich, daß es dir keinen Schaden bringt und den Unglaubigen ſoll es ein Beyſpiel ſeyn. Wohl ſagen auch die Leute: warum kommt ſo ein Geiſt zu einer ſo Un - wiſſenden? die hat nichts gelernt, die weiß nichts, die gilt nichts, und der Geiſt war eine Nonne und Nonnen wiſſen auch nichts als von der Marie und vom Kreuz - lein. Die aber wiſſen nicht, daß geſchrieben ſtehet: Und ich, lieben Brüder, da ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten, oder hoher Weisheit, euch zu verkündigen die göttliche Predigt, denn ich hielt mich nicht dafür, daß ich etwas wüßte unter euch, ohne allein Jeſum Chriſtum den Gekreuzigten. Und ich war bey euch mit Schwach - heit und mit Furcht, und mit großem Zittern. Und mein Wort und meine Predigt war nicht in vernünftigen Reden menſchlicher Weisheit, ſondern in Beweiſung des Geiſtes und der Kraft. Auf daß euer Glaube beſtehe, nicht auf Men - ſchenweisheit, ſondern auf Gottes Kraft. Wenn auch Doktoren und ſonſt gelehrte Leute kommen und ſehen dich, ſo werden ſie alle nichts wiſſen. Etliche werden ſprechen:35 Die iſt verrückt! andere: die iſt in einem Schlafzuſtande! andere: die hat die fallende Sucht! Dich aber Magdalene ſoll dieß alles nicht kümmern: denn es iſt keins von all dem und dein Leiden hat am fünften März kommenden Jahres ein Ende, halte du nur dein Verſprechen, daß das Haus ab - gebrochen wird. Hierauf betete die Geiſtin den 116. Pſalmen und verſchwand dann wieder.

Von da an traf der Vater des Mädchnes nun auch alle Anſtalten zum Abbruche ſeines Hauſes und zum Aufbau eines neuen, ſo wunderlich dieß auch Manchem erſchien.

Bey einem abermaligen Erſcheinen des weißen Geiſtes ſagte ihr dieſer neben troſtreichen Sprüchen aus der heiligen Schrift, es werde wohl nun dahin kommen, daß der Schwarze ſich ihres Leibes völlig bemächtige, ſie ſolle aber nur ge - troſt ſeyn, ſie werde jedesmal dann mit ihrem Geiſte aus dem vom Schwarzen beſeſſenen Leibe gehen und ihn in Sicher - heit bringen.

Es wurden auch vom 25. Auguſt an ihre Anfechtungen durch den ſchwarzen Geiſt immer heftiger, er hielt ſich nun nicht länger mehr, ſich verſtellend, außer ihr auf, ſondern bemächtigte ſich von nun an bei ſeinem Erſcheinen ſogleich ihres ganzen Innern, er ging in ſie ſelbſt hinein und ſprach nun aus ihr mit dämoniſcher Rede.

Vom 24. Auguſt an erſcheint ihr der ſchwarze Mönch nun immer ſo. Sie ſieht, wenn ſie auch mitten in einem Geſchäft iſt, ihn in menſchlicher Geſtalt (eine Mannsgeſtalt in einer Kutte, wie aus ſchwarzem Rebel, das Geſicht kann ſie nie beſtimmt angeben) auf ſich zugehen. Dann hört ſie, wie er nur ein paar kurze Worte zu ihr ſpricht, na - mentlich meiſtens: Willſt du mir als noch keine Antwort geben? Hab acht wie ich dich plage! und dergleichen. Da ſie ſtandhaft darauf beharrt, ihm nicht zu antworten, (na - türlich ohne ein Wort zu reden) ſo ſpricht er immer: Nun ſo gehe ich nun dir zum Trotz in dich hinein! Hierauf ſieht ſie ihn immer auf ihre linke Seite treten und fühlt wie er ihr mit fünf Fingern einer kalten Hand in den Nacken greift3 *36und mit dieſem Griff in ſie hineinfährt. Mit dieſem ver - ſchwindet ihre Beſinnung und eigentlich ihre Individualität. Sie iſt nun nicht mehr in ihrem Körper, dagegen ſpricht eine rohe Baßſtimme nicht in ihrer Perſon, ſondern in der des Mönchs, aus ihr heraus, aber mit der Bewegung ihres Mundes und mit ihren, aber dämoniſch verzerrten, Geſichts - zügen.

Was nun während eines ſolchen Zuſtandes der ſchwarze Geiſt aus ihr ſpricht, ſind Reden ganz eines verruchten Dämons würdig, Dinge, die gar nicht in dieſem ganz recht - ſchaffenen Mädchen liegen. Es ſind Verwünſchungen der heiligen Schrift, des Erlöſers, alles Heiligen, und Schimpfreden und Läſterungen über das Mädchen ſelbſt, die er nie anders als Sau benennt. Den gleichen Schimpfnamen und die gleichen Läſterungen ertheilt er auch der weißen Geiſtin.

Das Mädchen hat dabey den Kopf auf die linke Seite geſenkt und die Augen immer feſt geſchloſſen. Eröffnet man ſie gewaltſam, ſieht man die Augenſterne nach oben gekehrt. Der linke Fuß bewegt ſich immer heftig hin und her, die Sohle hart auf dem Boden. Das Hin und Herbewegen des Fußes dauert während des ganzen Anfalles (der oft vier bis fünf Stunden währt) fort, ſo daß die Bretter des Bodens mit dem nackten Fuße (man zieht ihr gewöhnlich Schuhe und Strümpfe zur Schonung aus) ganz abgerieben werden und hie und da aus der Fußſohle endlich Blut kommt. Wäſcht man aber nach dem Anfalle das Blut ab, ſo be - merkt man auf der Haut nicht die mindeſte Aufſchirfung, die Sohle iſt wie der ganze Fuß eiskalt und das Mädchen fühlt auch nicht das mindeſte an ihr, ſo daß ſie ſogleich nach dem Erwachen wieder raſch Stunden weit von dannen läuft. Der rechte Fuß bleibt warm. Ihr Erwachen iſt wie das aus einem magnetiſchen Schlafe. Es geht ihm gleichſam ein Streiten der rechten mit der linken Seite (des Guten mit dem Böſen) voran. Der Kopf bewegt ſich bald zur rechten bald wieder zur linken Seite, bis er endlich auf die rechte Seite fällt,37 mit welcher Bewegung der ſchwarze Geiſt gleichſam wie - der aus ihr heraus fährt und ihr Geiſt wieder in ihren Körper zurücktritt. Sie erwacht und hat keine Ahnung von dem, was inzwiſchen in ihrem Körper vorgegangen und was der ſchwarze Geiſt aus ihm geſprochen. Gemeiniglich iſt es ihr nach dem Erwachen, als ſeye ſie in der Kirche ge - weſen und habe mit der Gemeinde geſungen oder gebetet, während doch die teufliſchen Reden durch ihren Mund gegan - gen waren. Aber das iſt es, was der weiße Geiſt ihr mit ihrem Geiſte zu thun verſprach, während der ſchwarze Geiſt ſich ihres Körpers bemächtige. Der ſchwarze Geiſt in ihr ant - wortet auf Fragen. Heilige Namen aus der Bibel, ſelbſt das Wort heilig, iſt er nicht auszuſprechen fähig. Nähert man dem Mädchen die Bibel, ſucht ſie gegen dieſelbe zu ſpucken, der Mund iſt aber in dieſem Zuſtande ſo trocken, daß er nicht den mindeſten Speichel hervorzubringen fähig iſt, es iſt nur das Ziſchen einer Schlange.

Von Gott ſpricht er mit einer Art Aengſtichkeit. Das iſt das Verhaßte, ſagte er einſt, daß mein Herr auch einen Herrn hat.

Oft leuchtete aus ſeinen Worten der Wunſch und ſogar die Hoffnung hindurch, vielleicht doch noch bekehrt zu werden, und nicht ſowohl der böſe Wille als vielmehr der Zweifel an die Möglichkeit noch begnadigt und ſelig zu werden, ſchien ihn von der Bekehrung abzuhalten*)Eine bei Sündern und Miſſethätern nicht ſeltene Erſcheinung, daher die einzige Bekehrungskraft des Evangeliums. Vergl. Waltersdorf Schächer am Kreuz. y .

Es war nicht zu verwundern, daß Aerzte dieſen Zuſtand des Mädchens für eine natürliche Krankheit erklärten. Sie konnten daher unmöglich der in den Anfällen ausgeſprochenen Behauptung des Mädchens, daß es von einem guten wei - ßen Geiſte eine wirkliche Erſcheinung habe und von einem38 böſen ſchwarzen Geiſte beſeſſen ſey, Glauben ſchenken, wenn gleich wieder andere wenigere nicht läugnen mochten, daß einerſeits in den evangeliſchen Geſchichten dergleichen Er - eigniſſe, welche nur durch eine verkünſtelte Exegeſe umzu - geſtalten ſind, als ſich von ſelbſt verſtehende Dinge erzählt werden, und daß ſie anderſeits die Thatſachen, über deren Wahrhaftigkeit ihnen ſelbſt nicht der mindeſte Zweifel blieb, mit ihren Doktrinen ſchlechthin nicht zu erklären vermöchten. Denn wenn ſie gleich, dieſelben generaliſirend, den Krankheitszuſtand des Mädchens zu den Nervenkrank - heiten, und ſie ſpecialiſirend, zu einer Art von Epilepſie zählen zu dürfen glaubten, ſo ſchien es ihnen ſelber doch auch wieder unmöglich, in den Zufällen eine Analogie mit irgend einer beſtimmten Art von Epilepſie zu finden und zu rechtfertigen. Denn es ging dieſem Zuſtande auch nicht die mindeſte körperliche Störung voran, das Mädchen war in keiner Hinſicht je krank geweſen (litt nicht und hatte nie an Ausſchlägen, nie an Menſtruationsſtörungen u. ſ. w. gelitten), ſie war gleich nach den heftigſten Krämpfen friſch und geſund, kräftig, thätig, heiter. Sie erwachte (wie ſchon bemerkt) nach den Anfällen, als hätte es ihr von erbaulichen Liedern geträumt, die ſie in einer Kirche ſingen zu hören glaubte, während doch der ſchwarze Dämon durch ihren Mund mit fremdartiger Stimme die ſchändlichſten Blas - phemien ausſtieß. Die rechte Seite blieb während der to - bendſten Anfälle warm und ruhig, indeſſen das linke Bein eiskalt vier volle Stunden hindurch ununterbrochen mit un - glaublicher Gewalt auf und niederflog und den Boden ſchlug, und ſich dennoch weder Geifer vor dem Munde, noch ein - geſchlagene Daumen an den Händen wahrnehmen ließen; war auch einmal der Daumen der linken Hand eingeſchla - gen, ſo reichte ein Wort hin, um ihn in ſeine natürliche Lage zu bringen.

Dennoch! die Mehrzahl ſtimmte immer für Dämonomanie aus körperlich-krankhafter Urſache, für Epilepſie, die in partiellen Wahnſinn übergehe, und der eine wohl bereits ſchon39 eingetretene Desorganiſation des Rückenmarkes, beſonders der linken Parthie deſſelben, zu Grunde liege. Es wurden ſchulgerecht dagegen Gaben von bella donna, Zinkblumen u. ſ. w., Einreibungen von Brechweinſteinſalbe, ja ſogar das Brenneiſen, zu ſchleunigſtem Gebrauche angerathen, aber zum Glücke ließ der ſchlichte natürliche Sinn der Eltern ſolche rationelle Anrathungen nicht zur Ausführung kommen, ſie vertrauten in ihrem Glauben, der ſich durch keine Herren wankend machen ließ, der guten weißen Erſcheinung, die immer feſt verſicherte: dieſer jammervolle Zuſtand ihres Kindes werde bis auf den fünften März kommenden Jahres gewiß enden, ſey nur bis dahin das Haus abgebrochen und in dieſem Glauben machten ſie auch alle Zurüſtung zur Niederreißung des alten Hauſes, und zur Erbauung eines neuen.

Ich, dem ſie das Mädchen auf Bitten, nachdem ihr Zu - ſtand mehr als fünf Monate ſchon ſo gedauert hatte, auf mehrere Wochen zur Beobachtung in’s Haus brachten, unter - ſtützte ihren Glauben an ein dämoniſches Beſeſſenſeyn ihres Kindes nicht im mindeſten, hauptſächlich des Mäd - chens wegen, um ſie alsdann auch einer deſto reinern Be - obachtung unterwerfen zu können, ſondern erklärte den Zu - ſtand nur für ein Leiden, gegen das keine gewöhnlichen Arz - neymittel fruchten würden, weswegen ſie auch mit Recht noch bis jetzt die Hülfe aller Arzeneyflaſchen, Pillenſchach - teln und Salbenhäfen bey ihrer Tochter zurückgewieſen hätten. Dem Mädchen empfahl ich auch kein anderes Heilmittel als Gebet und ſchmale Koſt an. Die Wirkung magnetiſcher Striche, die ich über ſie nur ein paarmal verſuchsweiſe machte, ſuchte der Dämon immer ſogleich wieder durch Gegenſtriche, die er mit den Händen des Mädchens machte, zu neutraliſiren. So unterblieb auch dieſes und überhaupt alle Heilmittel ohne alle Beſorgniß von meiner Seite, weil ich in jedem Falle in dieſem Zuſtand des Mädchens einen dämoniſch-magnetiſchen erkannte und der Divination des beſſern Geiſtes, der ihr ihre Gene -40 ſung bis zum 5. März zuſagte, wohl vertraute. In dieſem Glauben ließ ich ſie unbeſorgt und zwar in dem Zuſtand, wie ſie mir gebracht worden war, wieder nach Orlach in ihr elterliches Haus zurückkehren, nachdem ich mich durch genaue und lange Beobachtung feſt überzeugt hatte, daß hier nicht die mindeſte Verſtellung, nicht das mindeſte gefliſſentliche Hinzuthun von Seite des Mädchens zu ihren Anfällen ſtatt fand. Ihren Eltern empfahl ich auf’s ange - legentlichſte, aus dem Zuſtande ihrer Tochter kein Schau - ſpiel zu machen, ihre Anfälle ſo viel als möglich geheim zu halten, keine Fremde in ſolchen zu ihr zu laſſen und keine Fragen an den Dämon zu richten, was ich ſelbſt während ihres hieſigen Aufenthaltes aus Sorge für ihre Geſundheit nur wenig that.

Nicht durch die Schuld der Eltern, denen dieſer Zu - ſtand ihres Kindes nur Kummer machte und die ſein Ende im - mer ſehnlichſt wünſchten, ſondern durch die Zudringlichkeit der Menge geſchah es, daß meinen Warnungen nicht Folge geleiſtet wurde; viele Neugierige ſtrömten dem ſonſt unbe - kannt geweſenen Orlach zu, um das Wundermädchen in ſeinen Paroxismen zu ſehen und zu hören, was vielleicht doch den Vortheil hatte, daß ſich auch manche andere außer mir von der Eigenheit dieſes Zuſtandes überzeugten. Ein Berufener unter den vielen Unberufenen war auch Herr Pfarrer Gerber, der das Mädchen in ihrem letzten An - falle ſah und in einem Aufſatze in der Didaskalia ſeine Beobachtung niederſchrieb, auf den wir hier bald wieder zurückkommen werden.

Am 4. Merz, Morgens ſechs Uhr, als ſich das Mäd - chen noch allein in ſeiner Schlafkammer im alten elter - lichen Hauſe befand, zu deſſen Abbruch man aber ſchon Veranſtaltung getroffen hatte, erſchien ihr auf einmal die weiße Geiſtin. Sie war von einem ſo ſtrahlenden Glanze, daß das Mädchen ſie nicht lange anſehen konnte. Ihr Geſicht und Kopf waren von einem glänzend weißen Schleier bedeckt. Ihre Kleidung war ein langes, glän -41 zendes, weißes Faltengewand, das ſelbſt die Füße be - deckte. Sie ſprach zum Mädchen: Ein Menſch kann keinen Geiſt durch Erlöſung in den Himmel bringen, dazu iſt der Erlöſer in die Welt gekommen und hat für alle gelitten, aber genommen kann mir durch dich das Irdiſche werden, das mich noch ſo da unten hielt, dadurch daß ich die Un - thaten, die auf mir laſteten, durch deinen Mund der Welt ſagen kann. O möchte doch Niemand bis nach dem Ende warten, ſondern ſeine Schuld immer noch vor ſeinem Hin - ſcheiden der Welt bekennen! In meinem zwei und zwan - zigſten Jahre wurde ich als Koch verkleidet von jenem Mönch, dem Schwarzen, vom Nonnenkloſter in’s Mönchskloſter gebracht. Zwei Kinder erhielt ich von ihm, die er jedes - mal gleich nach der Geburt ermordete. Vier Jahre lang dauerte unſer unſeliger Bund, während deſſen er auch drey Mönche ermordete. Ich verrieth ſein Verbrechen, doch nicht vollſtändig, da ermordete er auch mich. O möchte doch (wiederholte ſie noch einmal) Niemand bis nach dem Ende warten, ſondern ſeine Schuld immer noch vor ſeinem Hin - ſcheiden der Welt bekennen! Sie ſtreckte nun ihre weiße Hand gegen das Mädchen hin. Das Mädchen hatte nicht den Muth, dieſe Hand mit bloßer Hand zu berühren, ſon - dern wagte dieß blos vermittelſt des Schnupftuches, das ſie in die Hand nahm. Da fühlte ſie ein Ziehen an dieſem Tuche und ſah es glimmen. Nun dankte die Geiſtin dem Mädchen, daß ſie alles befolgt habe und verſicherte ſie, daß ſie nun von allem Irrdiſchen frey ſey. Hierauf betete ſie: Jeſus nimmt die Sünder an. u. ſ. w. Das Mäd - chen hörte ſie noch beten, als ſie ſie ſchon nicht mehr ſah.

Während die Geiſtin ſo da geſtanden war, ſah das Mäd - chen immer einen ſchwarzen Hund vor ihr, der auf die Geiſtin Feuer ſpie, das aber die Geiſtin nicht zu berühren ſchien. Dieſer verſchwand mit der Geiſtin. In das Sacktuch des Mädchens aber war ein großes Loch gebrannt, wie das Innere einer Hand und ob dieſem Loche noch fünf kleinere Löcher wie von fünf Fingern. Es geben die Brandſtellen42 gar keinen Geruch von ſich und auch im Momente des Glimmens bemerkte das Mädchen keinen Geruch. *)Auch hier die bekannte Aeußerung eines elektriſchen Feuers, das mit dem magnetiſchen Nervenfluidum (dem Nervengeiſt) dieſem Seelenvehikel, identiſch oder eine ſeiner verſchiedenen Darſtellungen iſt. y

Vom Schrecken faſt gelähmt wurde das Mädchen von den Ihrigen in der Kammer angetroffen und ſogleich in das Haus des Bauern Bernhard Fiſcher gebracht, weil Grombach den Abbruch ſeiner Wohnung jetzt beſchleunigen wollte.

Kaum dort angelangt, erſchien der Magdalene der ſchwarze Geiſt. Er hatte jetzt etwas weißes auf dem Kopfe, gleich einer Quaſte, da er ſonſt ganz ſchwarz war. Er ſprach: Nicht wahr ich bin auch da? Du wirſt recht weinen, weil es das letztemal iſt! Du ſieheſt nun doch auch etwas Weißes an mir. Als er dieſes geſprochen, ging er auf ſie zu, griff ihr mit kalter Hand in den Nacken, ſie verlor ihr Bewußtſeyn und er war nun in ihr. Ihr Ausſehen (be - richtet ein Augenzeuge) war nun blaß, die Augen feſt ge - ſchloſſen. Wenn man den Augendeckel öffnete, fand man den Augapfel ganz gegen die Naſe zu hinaufgetrieben und ſah vom Lichten des Auges nur wenig. Das Auge ſchien auch wie eingeſunken zu ſeyn. Der Puls ſchlug wie ge - wöhnlich. Der linke Fuß war in beſtändiger Bewegung. Die linke Seite war auffallend kälter als die rechte.

Von Sonntag Nachts bis Dienſtag Mittags nahm das Mädchen keine Speiſe mehr zu ſich. Eben ſo unterblieben während dieſer Zeit alle Sekretionen bey ihr. Sie blieb nun unausgeſetzt vom ſchwarzen Geiſte bis zum andern Tage Mittags beſeſſen. Zuerſt kündigte der Dämon an, daß er nicht vor halb zwölf Uhr am andern Tage (was auch ſo eintraf) gehen könne. Dann ſprach er: Wäre ich dem, was bey Petrus ſteht, nachgefolgt, ſo müßte ich nicht mehr hier43 ſeyn. Hierauf ſprach er die Verſe Petr. 1. 2. Cap., Vers 21 bis 25. her. Denn dazu ſeyd ihr berufen, ſintemal auch Chri - ſtus gelitten hat für uns und uns ein Vorbild gelaſſen, daß ihr ſollt nachfolgen ſeinen Fußſtapfen; welcher keine Sünde gethan hat, iſt auch kein Betrug in ſeinem Munde erfunden worden, welcher nicht wieder ſchalt, da er geſchol - ten ward, nicht drohte, da er litt, er ſtellte es aber dem heim, der da recht richtet, welcher unſre Sünden ſelbſt ge - opfert hat an ſeinem Leibe auf dem Holze, auf daß wir der Sünde abgeſtorben, der Gerechtigkeit leben, durch welches Wunden ihr ſeyd heil worden: denn ihr waret wie die irrenden Schafe, aber ihr ſeyd nun bekehrt zu dem Hirten und Biſchoff eurer Seelen.

Während des Tages kam eine ungeheure Menſchenmenge in Orlach zuſammen, um das Mädchen zu ſehen und Fragen an den Dämon zu richten. Genügend und nach der Erklärung der Frager richtig, äußerte er ſich beſonders über Klöſter und Schlöſſer und überhaupt über Alterthü - mer der Umgegend; andere vorwitzige Frager wieß er mit Spott oder Witz ab.

Nachts, als ſich auf polizeyliche Anordnung der Andrang der Gaffer verloren, erklärte der Dämon gebetet zu haben und äußerte mit Freude, er könne nun den Namen Jeſus, Bibel, Himmel, Kirche, ausſprechen, er könne beten und läuten hören. Wenn er ſich doch nur ſchon im Sommer ge - wendet hätte, dann wäre es beſſer geweſen!

Seine Schuld gab er nun auch ſo an: Mein Vater war ein Edler von Geislingen eine Stunde von Orlach. Da hatte er ein Raubſchloß auf dem Löwenbuk bey Geis - lingen zwiſchen dem Kocher und der Bühler, man muß ſeine Mauern noch finden. Ich hatte noch zwey Brüder. Der älteſte, der nicht weiter kam als wo ich auch bin, bekam das Schloß, der andere kam im Kriege um. Ich wurde zum geiſtlichen Stande beſtimmt. Ich kam in’s Kloſter nach Orlach, wo ich bald der Obere wurde. Der Mord von mehreren meiner Kloſterbrüder, von Nonnen und von Kindern, die44 ich mit ihnen erzeugte, laſtet auf mir. Die Nonnen brachte ich in männlicher Kleidung in das Kloſter und fand ich an ihnen keinen Gefallen mehr, ermordete ich ſie. Eben ſo ermordete ich die Kinder, die ſie geboren, ſogleich nach der Geburt. Als ich die erſten drey meiner Kloſterbrüder er - mordet hatte, verrieth mich die, die du die Weiße nenneſt. Aber in der Unterſuchung wußte ich mir dadurch zu hel - fen, daß ich meine Richter beſtach. Ich ließ die Bauern während der Heuernte zuſammen kommen und erklärte ihnen, keine Meſſe mehr zu leſen, würden ſie mir nicht ihre ſchrift - lichen Dokumente ausliefern, dann würde zur Heuernte es immer regnen, ich würde Fluch über ihre Felder beten*)Daher wohl auch ſein anfängliches Erſcheinen bei dem Mädchen hauptſächlich zur Heuernte und ſeine Reden von Meſſe leſen, daß das Wetter ſchön bleibe.. Sie gaben ihre Dokumente, die die Gerechtſame Orlachs enthielten, und die lieferte ich meinem Inquiſitor aus. Wieder in’s Kloſter zurükgelaſſen, ermordete ich meine Ver - rätherin, darauf noch drey meiner Kloſterbrüder und nach vier Wochen, im Jahre 1438, mich ſelbſt. Als Oberer wußte ich meine Opfer in’s Verborgene zu locken und er - ſtach ſie da. Die Leichen warf ich in ein gemauertes Loch zuſammen. Mein Glaube war: mit den Menſchen iſt es nach dem Tode wie mit dem Vieh, wenn es geſchlachet iſt, wie der Baum fällt, bleibt er liegen. Aber aber, es iſt ganz anders, es iſt eine Vergeltung nach dem Tode.

Am andern Tage Morgens äußerte ſich der Dämon noch gegen Umſtehende über die ehmaligen Klöſter zu Krails - heim ganz richtig. Dann verfiel er wieder in Zweifel, ob er wohl in Gnaden angenommen werde, wenn er jetzt für immer dieſen Raum und das Mädchen verlaſſen müſſe. Heute Abend, ſprach er, muß ich zum zweitenmal in’s Gericht und zwar mit Jener. Er verſtand darunter die weiße Geiſtin.

Es war vor halb zwölf Uhr Mittags. Die Leute, welche das Haus abbrachen, waren an den letzten Reſt eines Stücks45 der Mauer gekommen, welche das Eck des Hauſes bildete, und von ganz anderer Beſchaffenheit als der übrige Theil war. Während die andern Mauern nur von Leim aufge - führt waren, ſo war dieſes Stück mit ganz beſonderem Kalk und feſter verbunden, ſo daß es wirklich ſcheint, dieſe Mauer ſtamme von einem ſehr alten Gebäude her. Mit dem Sinken dieſes Theils des Gebäudes auch (was das Mäd - chen nicht ſehen konnte) es war jetzt halb zwölf Uhr, und zwar mit dem Abbruch des letzten Steins deſſelben, trat bey dem Mädchen ein dreymaliges Neigen des Kopfes auf die rechte Seite ein, ihre Augen ſchlugen ſich auf. Der Dämon war aus ihr gewichen und ihr natürliches Leben war wie - der da. Herr Pfarrer Gerber beſchreibt als Augenzeuge den Moment, nachdem der letzte Stein jener Mauer ge - fallen war, alſo: In dieſem Moment wendete ſich ihr Haupt auf die rechte Seite und ſie ſchlug die Augen auf, die nun hell und voll Verwunderung über die vielen Per - ſonen, welche ſie umgaben, um ſich ſchauten. Auf einmal fiel es ihr ein, was mit ihr vorgegangen war, ſie deckte beſchämt mit beyden Händen das Geſicht fing an zu weinen, erhob ſich, noch halb taumelnd, wie ein Menſch, der aus einem ſchweren Schlaf erwacht und eilte fort. Ich ſah nach der Uhr, es war halb zwölf! Nie werde ich das Ueberraſchende dieſes Anblicks vergeſſen, nie den wunderbaren Uebergang von den entſtellten dämoni - ſchen Geſichtzügen der, wie ſoll ich ſie nennen Kranken, zu dem rein menſchlichen, freundlichen Antlitz der Erwachten; von der widrigen hohlen Geiſterſtimme zu dem gewohnten Klange der Mädchenſtimme, von der verborgenen, theils gelähmten, theils raſtlos bewegten Stellung des Körpers, zu der ſchönen Geſtalt, die wie mit einem Zauberſchlage vor uns ſtund. Alles freute ſich, alles wünſchte dem Mädchen, wünſchte den Eltern Glück: denn die guten Menſchen waren feſt überzeugt, daß nun der ſchwarze Geiſt zum letztenmale da geweſen ſey.

Der Vater zeigte mir hierauf das verbrannte Tuch, das46 ſeine Tochter geſtern in der Hand hatte, als der weiße Geiſt von ihr Abſchied nahm. Es war ganz deutlich zu ſehen, daß die Löcher, welche darin waren, durch Feuer ent - ſtanden waren.

Ich ging auf den Bauplatz. Das alte Haus war bis auf eine kleine Mauer, mit welcher man in wenigen Stunden fertig werden konnte, ſchon abgebrochen.

Bey Wegräumung des Schuttes in den ſpäteren Tagen fand man ein brunnenähnliches, ungefähr zehn Schuh im Durchmeſſer haltendes Loch, das zwanzig Schuh tief aus - gegraben wurde. In dieſem und ſonſt im Schutte des Hauſes wurden Ueberreſte von menſchlichen Knochen, auch die von Kindern gefunden. Das Mädchen blieb von jener Stunde an durchaus geſund und nie mehr kehrten bey ihr die früheren Erſcheinungen zurück.

Selbſt in der Krankheit, die ſie in Folge einer Erkältung ein Jahr ſpäter erlitt und die in Hemmung des Schlingens und in Stimmloſigkeit beſtand aber ſich bald wieder hob,*)Es brachen Geſchwürchen im Kehlkopfe auf. zeigte ſich keine Spur des früheren dämoniſch-magnetiſchen Zuſtandes mehr.

Es iſt natürlich, daß auch dieſe Geſchichte Jeder nach ſeinem Glauben, ſeiner Denkungsweiſe, ſeiner Beſchäfti - gung, Bildung und Dreſſirung auslegen und immer den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben glauben wird. Beſonders werden das die rationellen Aerzte vermeinen, mit einer Auslegungsweiſe, die jedem nur etwas rationell dreſſirten Dorfbarbierer auch bekannt iſt, daher der geneigte Leſer füglich annehmen darf, daß ich eine ſolche auch ſehr aus - führlich nnd gelehrt ſcheinend machen könnte, wäre mir eine ſolche für den ganzen Inhalt dieſer Geſchichte genügend und kämen in ihr nicht Thatſachen in das Spiel, die dieſe Geſchichte allerdings zu etwas weiterem, als zu einer me -47 diciniſchen Diſſertation über Monomanie und den nervus vagus und sympathicus, geeignet machen.

Von meiner Seite übrigens wird es am beſten gethan ſeyn, blos bei der getreuen Geſchichtserzählung ſtehen zu bleiben und nur das noch dieſer Geſchichte beizufügen, was einige andere Männer, die zum Theil auch Augenzeugen von ihr waren, als Räſonnement über ſie öffentlich äußerten oder mir zum Gebrauche mittheilten.

Merkwürdig iſt es, ſchreibt Hr. Gerber, daß man bey all dieſen Geiſtergeſchichten eine Familienähnlichkeit nicht mißkennen kann, welche auf etwas Wahres, das ihnen allen zu Grunde liegt, ſchließen läßt. Und zwar zeigt ſich dieſe Aehnlichkeit in den verſchiedenſten Gegenden, wo auch nicht die geringſte Verabredung oder Nachahmung, oder ſonſt ein Einfluß gedacht werden kann. Wie ähnlich ſind nicht dieſe Geiſtererſcheinungen in Orlach mit denen in der Seherin von Prevorſt erzählten? Wie dort ſo oft, ſind es zwey Geiſter, ein guter und ein böſer, ein Verführer und eine Verführte, welche erſcheinen, wie dort und beynahe in allen dieſen Geſchichten dieſelbe Sehnſucht nach Erlöſung bey dem lichtern, gebeſſerten Theil, dieſelbe moraliſche Muthloſig - keit und ſtarre Verſtockung der dunkeln Erſcheinungen. Selbſt die ſo gewöhnlichen thieriſchen Geſtalten, in welchen ſich der ſchwarze Geiſt zeigte, ſollten ſie nicht Bild ſeiner nie - drigen thieriſchen Natur ſeyn? Durchgehends findet ſich, daß unmoraliſche Weſen in dunkeln Hüllen, beſſere in lich - ten Geſtalten erſcheinen; eben ſo oft kommt es vor, daß ſolche Geiſter Bibelſprüche und Liederverſe anführen und wünſchen, daß man für ſie beten möchte. So unbegreiflich das Anbrennen des Tuchs in der Hand des Mädchens, bey der Berührung des weißen Geiſtes, uns vorkommt, ſo hat dieſer Fall in den Geiſtererſcheinungen zu viele analoge Fälle, um ſie wegſtreiten zu können, und ich kenne die Fa - milie genau, in welcher die Bibel aufbewahrt wird, welche der Großvater aus den Händen eines Geiſtes erhielt, und in welcher die eingebrannten Spuren einer feurigen Hand48 noch zu ſehen ſind, wie es Stilling in ſeiner Geiſter - theorie erzählt und eine ſcharfſinnige Erklärung dieſer Er - ſcheinung zu geben ſucht.

Wir würden uns wohl auch in Orlach vergebens be - mühen, eine natürliche Erklärung dieſer Vorfälle zu finden. Die in die Augen fallenden Thatſachen, wie z. B. das Brennen im Haus, der Unfug im Stall u. ſ. w., wurden von zu vielen unpartheiiſchen, redlichen Zeugen geſehen und an eine Abſicht zur Täuſchung läßt ſich bei einer Sache, welche den betreffenden Perſonen ſo großen Nachtheil brachte, gar nicht denken. Auf das einfache Bauernmädchen, wel - ches in ihrem Leben weder von Stillings Geiſtertheorie, noch von der Seherin von Prevorſt einen Buchſtaben ge - leſen hat, konnten jene Schriften keinen Einfluß haben, und die Aehnlichkeit ihrer Erſcheinungen mit ſo manchem, was in jenen Schriften erzählt und behauptet wird, kann daher nicht blos zufällig ſeyn. Auch läßt ſich nicht voraus - ſetzen, daß das Mädchen, dem es ſo ſehr an Geiſtesanla - gen fehlte, daß es in der Schule nicht einmal das recht lernen konnte, was in den Dorfſchulen gelehrt wird, die Geſchichte der zwey Geiſter erſonnen habe, denn es herrſcht eine Conſequenz in der Charakterſchilderung, in den Aeuße - rungen dieſer Perſonen, es kommen Anſpielungen auf das Kloſterleben der Mönche aus den Zeiten des Mittelalters darin vor, die das proteſtantiſche, unwiſſende Bauernmäd - chen unmöglich aus der eigenen Phantaſie geſchöpft haben kann. Und was die Bibelſprüche betrifft, welche ich von ihr gehört habe, ſo iſt doch wohl ſchwer zu erklären, daß ſie ſolche Sprüche traf, die ſehr geeignet erſcheinen, ſie in ihren Leiden zu tröſten, wie 1. Pet. 1, 20, während der 116. Pſalm für ein Gemüth, wie der weiße Geiſt geſchil - dert wird, das vom Gefühl der Reue, der Sehnſucht nach Erlöſung und der Hoffnung baldiger Begnadigung erfüllt iſt, eine ſehr ſchöne, tiefe Bedeutung hat. Iſt es nicht wunderbar, daß unter den vielen tauſend Bibelſprüchen,49 unter welchen ſie eben ſo gut eine weit größere Anzahl ganz unpaſſender hätte treffen können, gerade ſolche von ihr an - geführt wurden, welche in einer ſchönen Beziehung zu ih - ren Verhältniſſen oder der Lage des Geiſtes ſtehen? Wo kommt dem Bauernmädchen dieſe Weisheit her, welche ihr im natürlichen Zuſtand ganz fremd iſt? Am wunderbarſten iſt aber die Verwechslung der Perſönlichkeit. Es iſt eigent - lich ſchwer, einen Namen für dieſen Zuſtand zu finden. Das Mädchen verliert das Bewußtſeyn, ihr Ich ver - ſchwindet oder entfernt ſich vielmehr, um einem andern Ich Platz zu machen. Ein anderer Geiſt ergreift nun gleichſam Beſitz von dieſem Organismus, von dieſen Sinn - werkzeugen, von dieſen Nerven und Muskeln, ſpricht mit dieſer Kehle, denkt nun mit dieſen Gehirnnerven und zwar auf eine ſo gewaltſame Weiſe, daß die Hälfte des Orga - nismus dadurch wie gelähmt wird. Es iſt gerade, wie wenn ein Stärkerer kommt und den Hausbeſitzer aus dem Hauſe jagt und dann behaglich zum Fenſter hinausſchaut, wie wenn es das ſeine wäre. Denn es iſt keine Bewußt - loſigkeit, welche eintritt, ein bewußtes Ich bewohnt ohne Unterbrechung den Körper, der Geiſt, der jetzt in ihr iſt, weiß ſo gut ſogar oft noch beſſer als zuvor, was um ihn vorgeht, aber es iſt ein anderer Bewohner, der darin haust. Und zwar iſt das Mädchen bey all dem nicht ver - geſſen, er ſpricht von ihr, er weiß recht gut, daß ſie lebt, aber er behauptet, ſie ſey nicht da, er ſey da. Und Alles ſcheint es zu beſtätigen, daß nun ein ganz anderer, roherer, gottloſer Bewohner in dieſe Behauſung eingezogen iſt, der mit dem vorigen keine Aehnlichkeit hat. Wohl ſchwe - ben dem Menſchen auch im Traume, in der Fieberhitze, im Wahnſinne ſeltſame Täuſchungen vor, aber es iſt doch immer daſſelbe Ich, das als der bleibende Grundton unverändert bleibt, wie auch dieſes Ich ſich zum Kai - ſer oder Bettler, zu Gott oder zum Gerſtenkorn geſtalten mag aber von einer ſo ſcharf abgetrennten, klar erkann - ten Verwechslung des Ichs haben wir noch nichts gehört. Kerner, über Beſeſſenſeyn. 450Sollten wir das Ganze als eine Ausgeburt der Phantaſie halten, ſo iſt es ſchwer zu begreifen, wie das Mädchen mit ſo beharrlicher Conſequenz immer auf dieſelben Ideen zurück - kommen, und allmählig ganze Charakterbilder und eine fort - laufende Erzählung erdichten konnte; ſo iſt eben ſo wenig erklärbar, wie