PRIMS Full-text transcription (HTML)
Die deutſche Literatur
Erſter Theil.
Stuttgart,bei Gebrüder Franckh. 1828.

Inhalt des erſten Theils.

  • Seite
  • Die Maſſe der Literatur1
  • Rationalitaͤt21
  • Einfluß der Schulgelehrſamkeit33
  • Einfluß der fremden Literatur42
  • Der literariſche Verkehr55
  • Religion82
  • Philoſophie157
  • Geſchichte190
  • Staat214
  • Erziehung261
[1]

Die Maſſe der Literatur.

Die Deutſchen thun nicht viel, aber ſie ſchreiben deſto mehr. Wenn dereinſt ein Buͤrger der kommen¬ den Jahrhunderte auf den gegenwaͤrtigen Zeitpunkt der deutſchen Geſchichte zuruͤckblickt, ſo werden ihm mehr Buͤcher als Menſchen vorkommen. Er wird durch die Jahre, wie durch Repoſitorien ſchreiten koͤnnen. Er wird ſagen, wir haben geſchlafen und in Buͤchern getraͤumt. Wir ſind ein Schreibervolk geworden und koͤnnen ſtatt des Doppeladlers eine Gans in unſer Wappen ſetzen. Die Feder regiert und dient, arbeitet und lohnt, kaͤmpft und ernaͤhrt, begluͤckt und ſtraft bei uns. Wir laſſen den Italie¬ nern ihren Himmel, den Spaniern ihre Heiligen, den Franzoſen ihre Thaten, den Englaͤndern ihre Geld¬ ſaͤcke und ſitzen bei unſern Buͤchern. Das ſinnige deutſche Volk liebt es zu denken und zu dichten, und zum Schreiben hat es immer Zeit. Es hat ſich die Buchdruckerkunſt ſelbſt erfunden, und nun arbeitet es unermuͤdlich an der großen Maſchine. Die Schul¬ gelehrſamkeit, die Luſt am Fremden, die Mode, zu¬ letzt der Wucher des Buchhandels haben das uͤbrigeDeutſche Literatur. I. 12gethan, und ſo baut ſich um uns die unermeßliche Buͤchermaſſe, die mit jedem Tage waͤchſt, und wir erſtaunen uͤber das Ungeheure dieſer Erſcheinung, uͤber das neue Wunder der Welt, die cyklopiſchen Mauern, die der Geiſt ſich gruͤndet.

Nach einem maͤßigen Überſchlage werden jaͤhrlich in Deutſchland zehn Millionen Baͤnde neu gedruckt. Da jeder halbjaͤhrige Meßkatalog uͤber tauſend deut¬ ſche Schriftſteller nahmhaft macht, ſo duͤrfen wir an¬ nehmen, daß im gegenwaͤrtigen Augenblick gegen fuͤnf¬ zigtauſend Menſchen in Deutſchland leben, die ein Buch oder mehr geſchrieben haben. Steigt ihre Zahl in der bisherigen Progreſſion, ſo wird man einſt ein Verzeichniß aller aͤltern und neuern deutſchen Auto¬ ren verfertigen koͤnnen, das mehr Namen enthalten wird, als ein Verzeichniß aller lebenden Leſer.

Die Wirkung dieſer literariſchen Thaͤtigkeit ſchlaͤgt uns gleichſam in die Augen. Wohin wir uns wen¬ den, erblicken wir Buͤcher und Leſer. Auch die kleinſte Stadt hat ihre Leſeanſtalt, der aͤrmſte Honoratior ſeine Handbibliothek. Was wir auch in der einen Hand haben moͤgen, in der andern haben wir gewiß immer ein Buch. Alles, vom Regieren bis zum Kin¬ derwiegen iſt eine Wiſſenſchaft geworden, und will ſtudirt ſeyn. Die Literatur iſt die allgemeine Reichs¬ apotheke geworden, und da das ganze Reich immer kraͤnker wird, je mehr es Arzneien einnimmt, ſo neh¬ men doch eben darum die Arzneien nicht ab, ſondern zu. Buͤcher helfen fuͤr alles. Was man nicht weiß,3 ſteht doch im Buche. Der Arzt ſchreibt ſein Recept, der Richter ſein Urtheil, der Geiſtliche ſeine Predigt, der Lehrer wie der Schuͤler ſein Penſum aus Buͤ¬ chern ab. Man regiert, kurirt, handelt und wan¬ delt, kocht und bratet nach Buͤchern. Die liebe Ju¬ gend aber waͤre wohl verloren ohne Buͤcher. Ein Kind und ein Buch ſind Dinge, die uns immer zu¬ gleich einfallen.

Die Vielſchreiberei iſt eine allgemeine Krankheit der Deutſchen, die auch jenſeits der Literatur herrſcht, und in der Bureaukratie einen nahmhaften Theil der Bevoͤlkerung an den Schreibtiſch feſſelt. Schreiber, wohin man blickt! und eben dieſe Schreiber tragen durch das, was ſie koſten, zur Verarmung des Lan¬ des nur bei, damit der Papiermuͤller an Lumpen kei¬ nen Mangel leide. Betrachten wir aber die ſitzende Lebensart, der ſo viele tauſende geopfert werden. Iſt ſie nicht laͤngſt ein Gegenſtand des oͤffentlichen Witzes geweſen, ehe Tiſſot ihr ſein menſchenfreund¬ liches Bedauern und ſeinen aͤrztlichen Rath widmete? Iſt der edle, aber durch die Feder aufgezehrte Gel¬ lert auf dem Roß, das ihm Friedrichs Ironie ge¬ ſchenkt, nicht das ewige Urbild jener armen an das Pult gefeſſelten Gallioten, ein Bild, das freilich un¬ gleich unerfreulicher iſt, als das eines griechiſchen Philoſophen, der unter Palmen und Lorbeern mehr denkt und ſpricht, als ſchreibt.

Es gibt nichts von irgend einigem Intereſſe, woruͤber in Deutſchland nicht geſchrieben wuͤrde. Ge¬1 *4ſchieht etwas, ſo iſt die hauptſaͤchlichſte Folge davon, daß man daruͤber ſchreibt; ja viele Dinge ſcheinen nur darum zu geſchehen, damit man daruͤber ſchreibe. Das meiſte wird aber in Deutſchland nur geſchrie¬ ben, und gar nicht gethan. Unſere Thaͤtigkeit iſt eben vorzugsweiſe Schreiben. Dieß waͤre kein Un¬ gluͤck, da der Weiſe, der ein Buch ſchreibt, nicht we¬ niger, und oft mehr thut, als der Feldherr, der einen Sieg erſtreitet. Wenn aber zehntauſend Thoren auch Buͤcher ſchreiben wollen, ſo iſt das eben ſo ſchlimm, als wenn alle gemeinen Soldaten Feldherrn ſeyn wollten.

Wir nehmen alle fruͤhere Bildung nur in uns auf, um ſie ſogleich wieder in's Papier einzuſargen. Wir bezahlen die Buͤcher, die wir leſen, mit denen, die wir ſchreiben. Es gibt hunderttauſende, die nur lernen, um wieder zu lehren, deren ganzes Daſeyn an ein Paar Buͤcher geſchmiedet iſt, die von der Schulbank auf's Katheder kommen, ohne je in die gruͤne Welt hinauszublicken. Womit ſie gemartert worden, damit martern ſie wieder, Prieſter der Ver¬ weſung unter Mumien verdorrt, pflanzen ſie das alte Gift, wie Veſtalinnen das heilige Feuer fort.

Jeder neue Genius ſcheint nur geboren zu wer¬ den, um ſogleich in das Papier zu fahren. Wir ha¬ ben kaum groͤßere Landsleute, als ſchreibende. Die Bahn des Ruhms, die dem Helden und dem Staats¬ mann in Deutſchland etwas langweilig gemacht und dem Kuͤnſtler ganz mit Dornen beſaͤet wird, ſteht nur dem Schriftſteller lockend offen. Ein geiſtreicher5 Mann wird in Deutſchland eben ſo oft ein Schrift¬ ſteller, und ſo ſelten ein Staatsmann, als in Eng¬ land und Frankreich das Umgekehrte Statt findet. Wo man nicht geſehen, nicht gehoͤrt werden kann, wird man doch geleſen.

Was der Deutſche denkt, iſt aber auch gewoͤhn¬ lich von der Art, daß es beſſer geleſen, als gehoͤrt oder gethan wird. Was die ſtille Stunde dem ein¬ ſamen Denker und Dichter gebiert, erfordert auch wieder den ſtillen ſinnigen Leſer.

Sey es nun, daß ein feindſeliger Gott unſer Augenlied huͤtet und mit dem eiſernen Schlaf uns wie den Prometheus feſſelt, um uns zu zuͤchtigen, weil wir Menſchen gebildet, und daß die propheti¬ ſchen Traͤume der letzte Reſt von Thaͤtigkeit ſind, die uns ſelbſt ein Gott nicht rauben kann; oder wir ſelber weben aus eigner Neigung, aus einem Triebe, wie ihn die Natur in die Raupe gelegt, das dunkle Geſpinſt um uns, um in geheimnißvoller Schoͤpfungs¬ nacht die ſchoͤnen Pſycheſchwingen zu entfalten; ſeyen wir gezwungen, uns uͤber den Mangel an Wirklich¬ keit mit Traͤumen zu troͤſten, oder reißt uns ein in¬ wohnender Genius uͤber die Schranken auch der ſchoͤnſten Wirklichkeit in noch hoͤhere Regionen der Ideale fort, immerhin muͤſſen wir jener wuchernden Literatur, jener abenteuerlichen Papierwelt eine hohe Bedeutung fuͤr den Charakter der Nation und dieſer Zeit zuerkennen.

In den ausgeſprochnen Anſichten aber, davon6 die eine den Grund der deutſchen Vielſchreiberei in der Thatenloſigkeit, die andre in der ſinnigen Natur des Volkes findet, und die wir beide, als wohl be¬ gruͤndet, leicht vereinigen koͤnnen, liegen zugleich die großen Schatten - und Lichtſeiten unſrer Literatur angedeutet. Allerdings iſt des regen Lebens wuͤrdige That von uns gewichen, denn der Glaube begeiſtert nicht mehr, und der Eigenwille liegt in Banden, und man ſollte faſt waͤhnen, das ganze Volk ſey nach Walhalla hinuͤber geſchlummert und ſchmauſe dort in Frieden, denn man hoͤrt bei uns faſt nichts mehr, als das Geraͤuſch der Meſſer und Gabeln. Die Kraft, die ewig jung der Verderbniß trotzt, hat ſich erkaufen laſſen fuͤr den niedern Dienſt des materiellen Lebens, und man ruͤhrt die Haͤnde nur noch, um zu eſſen. Da, wo nun Buͤcher ſtatt der Thaten glaͤn¬ zen, wo der Glaube geirrt, der Willen abgeſpannt, die Kraft entnervt, die Thatenloſigkeit beſchoͤnigt, die Zeit ertoͤdtet wird mit Buchſtaben, wo die gro¬ ßen Erinnerungen und Hoffnungen des Volks ſtatt lebendiger Herzen nur todtes Papier finden, da wer¬ den wir die Schattenſeite der Literatur erkennen muͤſſen. Wo ſie das friſche Leben hemmt und an ſeine Stelle ſich draͤngt, da iſt ſie negativ und feind¬ ſelig in ihrem Weſen.

Doch Worte gibt es, die ſelber Thaten ſind. Alle Erinnerungen und Ideale des Lebens knuͤpfen ſich an jene zweite Welt des Wiſſens und des Dich¬ tens, die von des Geiſtes ewiger That erzeugt, ge¬7 laͤutert und verklaͤrt wird. Und in dieſer Welt ſind wir Deutſche vorzugsweiſe heimiſch. Die Natur gab uns uͤberwiegenden Tiefſinn, eine herrſchende Nei¬ gung, uns in den eignen Geiſt zu verſenken, und den unermeßlichen Reichthum deſſelben aufzuſchließen. Indem wir dieſem nationellen Hang uns uͤberlaſſen, offenbaren wir die wahre Groͤße unſrer Eigenthuͤm¬ lichkeit und erfuͤllen das Geſetz der Natur, das Ge¬ ſchick, zu dem wir vor andern Voͤlkern berufen ſind. Die Literatur aber, der Abdruck jenes geiſtigen Le¬ bens, wird eben darum hier ihre glaͤnzende Lichtſeite zeigen. Hier wirkt ſie poſitiv, ſchoͤpferiſch und ſe¬ gensreich. Das Licht der Ideen, die von Deutſch¬ land ausgegangen, wird die Welt erleuchten.

Nur huͤte man ſich vor dem Irrthum, die Huͤlle, welche der Geiſt annehmen muß, um ſich zu offenba¬ ren, das Wort, das den Geiſt in ſich aufnimmt, aber auch zugleich begraͤbt, fuͤr hoͤher zu achten, als den ewigen, lebendigen Springquell des Geiſtes ſelbſt. Das Wort, das todte, unveraͤnderliche, iſt nur die Huͤlle des Geiſtes, abgeworfen an einem ſonnigen Tage, gleich der bunten Haut, welche die alte und doch ewig junge Weltſchlange mit jeder Verwand¬ lung hinter ſich laͤßt. Aber man verwechſelt nur zu oft das todte Wort mit dem lebendigen Geiſt. Nichts iſt gewoͤhnlicher, als der Irrthum, ein Wort hoͤher zu achten, beſonders ein gedrucktes, als den freien Gedanken, und Buͤcher hoͤher zu achten, als Men¬ ſchen. Dann wird der lebendige Springbrunnen ver¬8 ſtopft durch die Waſſermaſſe ſelbſt, die in ihn zuruͤck¬ ſtuͤrzt. Der Geiſt erſchlafft unter den Buͤchern, die doch ſelbſt nur ſeiner Kraft ihr Daſeyn verdanken. Man lernt Worte auswendig und fuͤhlt ſich der Muͤhe uͤberhoben, ſelbſt zu denken. Nichts ſchadet ſo ſehr der eignen Geiſtesanſtrengung, als die Be¬ quemlichkeit, von dem Gewinn einer fremden zu zeh¬ ren, und durch nichts wird die Faulheit und der Duͤnkel der Menſchen ſo ſehr unterſtuͤtzt, als durch die Buͤcher. Mit der Kraft aber geht die Freiheit des Geiſtes verloren. Man kann nicht leichter aus den freien Menſchen dumme Schafherden machen, als indem man ſie zu Leſern macht. Daher war es ſchon dem feinen Platon zweifelhaft, ob die Erfin¬ dung der Schrift die Menſchen ſonderlich gebeſſert haͤtte, und es wird nicht uͤbel angebracht ſeyn, die denkwuͤrdigen Worte dieſes liebenswuͤrdigen Weiſen hieher zu ſetzen:

« Ich habe gehoͤrt, zu Naukratis in Egypten ſey einer von den dortigen alten Goͤttern geweſen, dem auch der Vogel, welcher Ibis heißt, geheiligt war, er ſelbſt aber, der Gott, habe Theuth geheißen. Dieſer habe zuerſt Zahl und Rechnung erfunden, dann die Meßkunſt und die Sternkunde, ferner das Bret - und Wuͤrfelſpiel, und ſo auch die Buchſta¬ ben. Als Koͤnig von ganz Egypten habe damals Thamus geherrſcht in der großen Stadt des obern Landes, welche die Hellenen das egyptiſche Thebe nennen, den Gott ſelbſt aber Ammon. Zu dem ſey9 Theuth gegangen; habe ihm ſeine Kuͤnſte gewieſen, und begehrt, ſie moͤchten den andern Egyptern mit¬ getheilt werden. Jener fragte, was doch eine jede fuͤr Nutzen gewaͤhre, und je nachdem ihm, was Theuth daruͤber vorbrachte, richtig oder unrichtig duͤnkte, tadelte er oder lobte. Vieles nun ſoll Tha¬ mus dem Theuth uͤber jede Kunſt dafuͤr und dawider geſagt haben, welches weitlaͤuftig waͤre, alles anzu¬ fuͤhren. Als er aber an die Buchſtaben gekommen, habe Theuth geſagt: Dieſe Kunſt, o Koͤnig, wird die Egypter weiſer machen und gedaͤchtnißreicher. Denn als ein Mittel fuͤr den Verſtand und das Ge¬ daͤchtniß iſt ſie erfunden. Jener aber habe erwiedert: O kunſtreichſter Theuth, Einer weis, was zu den Kuͤnſten gehoͤrt, an's Licht zu gebaͤren, ein Anderer zu beurtheilen, wie viel Schaden und Vortheil ſie denen bringen, die ſie gebrauchen werden. So haſt auch du jetzt, als Vater der Buchſtaben, aus Liebe das Gegentheil deſſen geſagt, was ſie bewirken. Denn dieſe Erfindung wird den lernenden Seelen vielmehr Vergeſſenheit einfloͤßen aus Vernachlaͤßigung des Ge¬ daͤchtniſſes, weil ſie im Vertrauen auf die Schrift ſich nur von außen, vermittelſt fremder Zeichen, nicht aber innerlich, ſich ſelbſt und unmittelbar erinnern werden. Nicht alſo fuͤr das Gedaͤchtniß, ſondern nur fuͤr die Erinnerung haſt Du ein Mittel erfun¬ den, und von der Weisheit bringſt du deinen Lehr¬ lingen nur den Schein bei, nicht die Sache ſelbſt. Denn indem ſie nur Vieles gehoͤrt haben10 ohne Unterricht, werden ſie ſich auch viel¬ wiſſend zu ſeyn duͤnken, da ſie doch unwiſ¬ ſend groͤßtentheils ſind, und ſchwer zu be¬ handeln, nachdem ſie duͤnkelweiſe gewor¬ den ſtatt weiſe. » (Platon's Phaidros, 274.)

Dieſe Worte moͤgen uns bei den nachfolgenden Betrachtungen eingedenk bleiben und uns als eine leiſe, warnende Stimme immer in den Ohren klingen, wenn wir, wie es zu geſchehen pflegt, von den Herr¬ lichkeiten der Literatur geblendet, das Leben daruͤber vergeſſen ſollten. Mit Recht haben die praktiſchen Menſchen die Buͤcher nie recht leiden koͤnnen, weil ſie den Sinn vom friſchen, thaͤtigen Leben hinweg in eine nichtige Welt des Scheins verlocken. Tiefer aber haben mit Platon die Herzenskundigen und die echten Denker jederzeit den Buchſtaben vom lebendi¬ gen Gefuͤhl und Gedanken unterſchieden, und die Li¬ teratur, die Welt der Worte, nicht nur der Welt der Thaten, ſondern auch der innern, ſtillen Welt der Seele untergeordnet.

Auf unendliche Weiſe ſteht das Wort dem Leben entgegen, wenn es auch nur aus ihm hervorgeht. Es iſt das erſtarrte Leben, ſein Leichnam oder Schat¬ ten. Es iſt unveraͤnderlich, unbeweglich; von einem Wort laͤßt ſich kein Jota rauben, ſagt der Dichter, es iſt an die ewigen Sterne befeſtigt, und der Geiſt, aus dem es geboren iſt, hat keinen Antheil mehr daran. Das Wort hat Dauer, das Leben Wechſel, das Wort iſt fertig, das Leben bildet ſich.

11

Darum hat ein Leben, das ſich den Buͤchern hin¬ gibt, allerdings etwas Todtes, Mumienhaftes, Trog¬ lodytenmaͤßiges. Wehe dem Geiſte, der ſich an ein Buch verkauft, der auf ein Wort ſchwoͤrt; die Quelle des Lebens in ihm ſelber iſt verſiegt. In dieſem Tode, mitten im Leben, aber liegt eine daͤmoniſche Gewalt verborgen, es iſt das Gorgonenhaupt, das uns verſteinert. Ihre Wirkungen ſind unermeßlich in der Weltgeſchichte, oft hat ein Wort von Mar¬ mor Jahrhunderte verſteinert, und ſpaͤt erſt kam ein neuer Prometheus und beſeelte die erſtarrten Gene¬ rationen wieder mit lebendigem Feuer.

Im Leben aber, wenn es ſich ſelbſt begreift, liegt der Zauber, der des Wortes Meiſter wird. Wenn es ſich nicht zu bewachen weiß, faͤllt es unter die Gewalt des Wortes; wenn es auf ſich ſelbſt ver¬ traut, hat es auch den Talisman gewonnen, mit dem es das daͤmoniſche Wort bewaͤltigt. Was nun fuͤr jeden Menſchen gilt, ſobald er ein Buch in die Hand nimmt, ſoll fuͤr uns gelten, indem wir die neue Literatur in ihrem ganzen Umfang betrachten wollen. Wir werden vom Leben ausgehen, um be¬ ſtaͤndig darauf zuruͤckzukommen; an dieſem Ariaden¬ faden hoffen wir in dem Labyrinth der Literatur uns zurecht zu finden. Indem wir uns im friſchen Ge¬ fuͤhl des Lebens uͤber die todte Welt der Literatur ſtellen, wird ſie uns alle Geheimniſſe aufſchließen muͤſſen, ohne uns in den Zauberſchlaf zu wiegen. Nur der Lebendige kann wie Dante die Schattenwelt12 durchwandern. Wir werden manchen deutſchen Pro¬ feſſor darin finden, der in bleiernem Rock mit ruͤck¬ waͤrts gedrehtem Halſe nach dem gruͤnen Leben zu¬ ruͤckblickt, und nimmer aus der grauen Theorie her¬ auskann; wir werden den Siſyphus den Stein der Weiſen bergan ſchleppen und den Tantalus nach den Äpfeln am Baum des Erkenntniſſes hungern ſehn, wir werden alle finden, die in den Worten ſuchten, was allein das Leben gewaͤhrt.

Von dieſem freien Standpunkte aus wollen wir die Literatur zunaͤchſt in ihrer Wechſelwirkung mit dem Leben, ſodann als ein Kunſtwerk betrachten. Sie iſt ein Produkt des Lebens, das wieder auf daſ¬ ſelbe zuruͤckwirkt. Vom Leben ſelbſt geſchliffen wird ſie ein Spiegel deſſelben, von ihm als Arznei und als Gift gebraucht, heilt oder toͤdtet ſie es. In dem unermeßlichen Umfang ihrer todten Woͤrter aber iſt ſie ein einziges und zwar das reichſte Kunſtwerk naͤchſt dem Leben ſelbſt. Wenn es ſchwierig iſt, in dieſem Reichthum ſich zurecht zu finden, ſo iſt es doch noch ſchwieriger, ſich von ihm nicht voͤllig verblenden zu laſſen. Viele ſehen in der Literatur zugleich den rein¬ ſten Spiegel des Lebens, wenn er gleich nur der umfaſſendſte iſt; viele betrachten ſie als das hoͤchſte Produkt des Lebens, nur weil es die laͤngſte Dauer verſpricht. Sie ſtellen die Ruinen, die von der Weis¬ heit aller uͤbrig ſind, uͤber das wohnliche Haus unſ¬ rer eignen Weisheit, und das Bild aller Thaten uͤber die eigne That. Bald ſind ſie zu traͤg, und13 wollen nur die Fruͤchte eines fremden Denkens und Handelns genießen, die aber der Traͤgheit beſtaͤndig wie dem Tantalus entfliehen; bald fuͤrchten ſie, den Alten nicht mehr gleichen zu koͤnnen und machen ſich traͤg aus Reſignation.

Allerdings ſpiegelt die Literatur das Leben nicht nur umfaſſender, ſondern auch reiner, als irgend ein andres Denkmal, weil kein andres Darſtellungsmit¬ tel den Umfang und die Tiefe der Sprache darbietet. Doch hat die Sprache Grenzen, und nur das Leben keine. Den Abgrund des Lebens hat noch kein Buch geſchloſſen. Es ſind nur Saiten, die in euch ange¬ ſchlagen werden, wenn ihr ein Buch leſet, die un¬ endliche Harmonie, die in eurem wie in aller Leben ſchlummert, hat noch kein Buch ganz ergriffen. Darum hoffet nimmer in jenen Notenbuͤchern den Schluͤſſel zu allen Toͤnen des Lebens zu finden, und begrabt euch nicht zu ſehr in den Schulſtuben, laßt euch viel¬ mehr gerne und oft vom friſchen Lebenswinde die innere Äolsharfe frei und natuͤrlich, ſanft und ſtuͤr¬ miſch bewegen.

Die Literatur ſey immer nur ein Mittel unſres Lebens, nie der Zweck, dem allein wir es zum Opfer braͤchten. Wohl iſt es herrlich, an der Erinnerung des vergangenen Lebens das gegenwaͤrtige zu ſpie¬ geln und zu bilden, auf die Mitwelt durch das Wort zu wirken und der Nachwelt ein Gedaͤchtniß unſres Lebens zu uͤberliefern, wenn es des Gedaͤchtniſſes14 werth geweſen; doch keiner gebe ſeinen Geiſt dem Buchſtaben gefangen.

Die fruͤhern Geſchlechter erkannten die große Be¬ deutung der Literatur noch nicht, da ſie, zu ſehr dem Genuß oder der That des Augenblicks hingegeben, ſich mehr in der Wirklichkeit der Welt verloren, als ſich im Spiegel derſelben ſuchten. Die neuere Zeit iſt beinah ins Extrem des Gegentheils gerathen, und der Menſch ſtiehlt ſich gleichſam aus ſeiner Gegen¬ wart heraus, um ſich in eine fremde Welt zu verſe¬ tzen, und uͤbertaͤubt ſich mit den Wundern, die ſeine Neugier um ihn verſammelt. Damals lebte man mehr, jetzt will man mehr das Leben erkennen. Die Litera¬ tur hat ein Intereſſe auf ſich gezogen und eine Wirk¬ ſamkeit erlangt, die den fruͤhern Zeiten unbekannt war. Die Erfindung der Buchdruckerkunſt hat ihr eine materielle Baſis gegeben, von welcher aus ſie ihre großen Operationen entwickeln konnte. Seitdem iſt ſie eine europaͤiſche Macht geworden, theils herr¬ ſchend uͤber alle, theils dienend allen. Sie hat der Geiſter ſich bemaͤchtigt durch das Wort, das Leben beherrſcht durch das Bild des Lebens, aber zugleich jedem Streben des Zeitalters ein gefaͤlliges Werk¬ zeug dargeboten. In ihr goldnes Buch hat jeder ſein Votum eingetragen. Sie iſt ein Schild der Gerech¬ tigkeit und Tugend, ein Tempel der Weisheit, ein Paradies der Unſchuld, ein Wonnebecher der Liebe, eine Himmelsleiter dem Dichter, aber auch eine grim¬ mige Waffe dem Parteigeiſt, ein Spielzeug der Taͤn¬15 delei, ein Reizmittel der Üppigkeit, ein Sorgenſtuhl der Traͤgheit, ein Triebrad der Plauderei, eine Mode der Eitelkeit und eine Waare dem Wucher geweſen, und hat allen großen und kleinen, ſchaͤdlichen und nuͤtzlichen, edlen und gemeinen Intereſſen der Zeit als Magd gedient.

Dadurch hat ſie aber an Mannigfaltigkeit und Maſſe ins Ungeheure zugenommen, daß der Einzelne, der zum erſtenmal in die Buͤcherwelt geraͤth, ſich in ein Chaos verſetzt findet. Stets beſchaͤftigt, alles andre zu begreifen, hat ſie ſich ſelbſt noch nicht be¬ griffen. Sie iſt ein Kopf mit vielen tauſend Zun¬ gen, die alle wider einander reden. Ein unermeßli¬ cher Baum beſchattet ſie das lebende Geſchlecht, doch aller Bluͤthen Auge ſieht nach außen und die weit¬ verbreiteten Äſte ſtehn von einander ab. Überall er¬ blicken wir Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, die einander ausſchließen, wiewohl ein Boden ſie naͤhrt, eine Sonne ſie reift und ihre Fruͤchte gemeinſam uns bereichern. Überall ſehn wir Parteien, die einander durch den¬ ſelben Gegenſatz zu vernichten trachten, wodurch ſie ſich wechſelſeitig erzeugen und aufrecht halten. Der Geiſt, der ein Fremdling in dieſe Literatur eintritt, weiß ſich nicht zurecht zu finden in der Fuͤlle, und nicht zu ſondern, was in untergeordnete Sphaͤren zerfaͤllt. Er begnuͤgt ſich mit dem Kleinen, weil er das Große nicht kennt, mit der Einſeitigkeit, weil er die andre Seite nicht ſieht; und mehr noch als die Mannigfaltigkeit von Buͤchern die Überſicht er¬16 ſchwert, verwirren die herrſchenden Parteien das Urtheil ſelbſt und erzeugen neben der Unkenntniß jene leichtſinnige Verachtung des Unbekannten oder Halb¬ begriffenen, die in der neueſten Zeit namentlich ſo verderblich um ſich gegriffen. Endlich behauptet der Augenblick ſein Recht, das Neue, die Mode; der Strom der Literatur erſcheint in ſeinen Windungen jeden Augenblick nur als ein beengter See, und die weite Buͤcherwelt draͤngt ſich dem gewoͤhnlichen Leſer in einen kleinen Horizont zuſammen. Allen gilt zwar alles, doch immer nur das Eine fuͤr die Einen und vieles nur fuͤr den Augenblick. So bietet unſre Lite¬ ratur das bunteſte Chaos von Geiſtern, Meinungen und Sprachen dar. Sie ſteigt von den Sonnengipfeln des Genies zum tiefſten Schlamm der Gemeinheit hinunter. Bald iſt ſie weiſe bis zum myſtiſchen Tief¬ ſinn, bald ſtumpfſinnig, oder g[e]〈…〉〈…〉nhaft thoͤricht. Bald iſt ſie fein bis zur Unverſtaͤndlichkeit, bald roh wie Felſen. Ein Gleichmaß der Anſichten, der Geſin¬ nung, des Verſtandes und der Sprache iſt nirgends wahrzunehmen. Jede Anſicht, jede Natur, jedes Ta¬ lent macht ſich geltend, unbekuͤmmert um den Rich¬ ter, denn es iſt kein Geſetz vorhanden und die Geiſter leben in wilder Anarchie. Aus allen Inſtrumenten und Toͤnen wird das wunderbare Concert der Lite¬ ratur unaufhoͤrlich fortgeſpielt, und es iſt nicht moͤg¬ lich Harmonie darin zu finden, wenn man mitten in dem Laͤrmen ſteht. Schwingt man ſich jedoch auf den hoͤhern Standpunkt uͤber der Zeit, ſo hoͤrt man, wie17 in halben Jahrhunderten die Fugen wechſeln, die Diſſonanzen ihre Loͤſung finden. Es gibt irgendwo eine Stelle, wo man die labyrinthiſchen Gaͤnge zum ſchoͤnen Ganzen verſchlungen ſieht. In dieſer Mannig¬ faltigkeit verbirgt ſich die geheime Harmonie eines un¬ endlichen Kunſtwerks, das zu ermeſſen ein aͤſthetiſcher Trieb uns nicht ruhen laͤßt. Aus einem Leben hervor¬ gegangen, iſt dieſe Literatur ſelbſt ein einiges Ganze.

Der uͤppigen Vegetation des Suͤdens gegenuͤber erzeugt der Norden eine unermeßliche Buͤcherwelt. Dort gefaͤllt ſich die Natur, hier der Geiſt in einem ewig wechſelnden Spiel der wunderbarſten Schoͤpfun¬ gen. Wie nun der Botaniker jene Pflanzenwelt zu uͤberblicken, anzuordnen und ihr geheimes Geſetz ſich zu entraͤthſeln trachtet, ſo mag der Literator ein glei¬ ches an der Buͤcherwelt verſuchen. Das Beduͤrfniß nach einem Überblick iſt immer dringender geworden, je mehr uns die Buͤcher von allen Seiten uͤber den Kopf zu wachſen drohen. Man hat deßhalb ſchon laͤngſt jene periodiſche Literatur zugeruͤſtet, die als adminiſtrative Behoͤrde die anarchiſchen Elemente der ſchreibenden Welt bemeiſtern ſoll; dieſe numerirenden, claſſificirenden, conſcribirenden, judicirenden Bu¬ reaux ſind aber ſelbſt von der Anarchie ergriffen und in das allgemeine Chaos unaufhaltſam fortgeriſſen worden. Sie moͤchten gern wie der Hundsſtern frei uͤber dem bluͤhenden Sommer ſchweben, weil ſie aber ſelbſt aus der Tiefe ſtammen, ſind ſie noch von dem wilden Triebe der Vegetation beherrſcht, und kleben18 ſich nur als Schmarozzerpflanzen an die verſchiednen Zweige der Literatur. Dennoch laͤßt das tiefe Be¬ duͤrfniß, in jener unermeßlichen Mannigfaltigkeit eine ſichre innere Harmonie zu erkennen, ſich niemals ab¬ weiſen, und Einzelne haben einen Hoͤhenpunkt zu gewinnen geſucht, von wo aus ſie die tiefſte Aus¬ ſicht genoſſen, und wo vielleicht nur Einzelne ſich halten konnten, Leſſing, Herder, Schlegel. Ich kann hier der Sammler nicht gedenken, die gleich den aͤl¬ tern Botanikern nur zahlloſe Namen aneinander reih¬ ten und nur die aͤußre quantitative, nicht die innere qualitative Groͤße ihres Gegenſtandes im Auge hatten. Manche haben die Oberflaͤche der Literatur ziemlich umfaſſend uͤberblickt, aber in den Inhalt, in die in¬ nere Tiefe, aus welcher eine ſo reiche Welt an die Oberflaͤche herausbluͤhen konnte, haben nur wenige hineingeblickt. Jedes Auge ſieht die Welt rund, es kommt aber darauf an, wie tief es hineinſieht.

Wie ſchwer immerhin ein umfaſſender Überblick und eine unparteiiſche Wuͤrdigung ſeyn mag, ſie iſt doch das Einzige, was theils vor einſeitiger Verir¬ rung bewahren, theils den vollendeten Genuß eines ſo reichen Kunſtwerkes, als die Literatur iſt, gewaͤh¬ ren kann. Die Vergleichung gibt Aufſchluͤſſe, zu de¬ nen die einſeitige Verfolgung eines literariſchen Ge¬ genſtandes nie gelangt. Eine Wiſſenſchaft, eine Kunſt, eine That erklaͤrt die andre; die Menſchen, das Le¬ ben erklaͤren ſich am beſten im Umfang aller ihrer Erſcheinungen. Ein umfaſſender Überblick und die Un¬19 parteilichkeit bedingen ſich aber wechſelſeitig. Man kann ſchwerlich die Geiſter in allen ihren ſo mannig¬ fach verſchiednen Richtungen beobachten, ohne jeder eine gewiſſe Nothwendigkeit zuzugeſtehen, ohne in dem Gegenſatz, aus welchem ſie entſprungen ſind, die Pole alles Lebens zu erkennen. Man kann aber auch nicht unparteiiſch uͤber den Parteien ſtehn, ohne den Kampf unter einem epiſchen Geſichtspunkt aufzufaſſen und ſein großes Gemaͤlde zu uͤberſchauen. Im Gewuͤhl des Lebens ſelbſt, gegenuͤber ſo mannig¬ fachen und dringenden Intereſſen und unwillkuͤrlich davon ergriffen, moͤgen wir zu einer Partei ſtehen; auf der Hoͤhe der Literatur aber kann nur ein freier unparteiiſcher Blick in alle Parteianſichten befrie¬ digen. Das Leben ergreift uns als ſein Geſchoͤpf, die Maſſe als ihr Glied, wir koͤnnen uns von der Gemeinſchaft mit der Geſellſchaft, mit der Örtlich¬ keit und Zeit nicht losſagen und muͤſſen, eine Welle des lebendigen Stroms, ihn tragend und von ihm getragen, das Loos aller Sterblichen theilen; doch im Innern des Geiſtes gibt es eine freie Stelle, wo aller Kampf befriedigt, aller Gegenſatz verſoͤhnt wer¬ den mag, und die Literatur vergoͤnnt es, dieſen feſten Stern der Menſchenbruſt in einem geiſtigen Univer¬ ſum zu verewigen.

Indem wir die Literatur ihrem ganzen Umfang nach in Wechſelwirkung mit dem Leben begriffen ſehn, unterſcheiden wir auf dreifache Weiſe die Einwirkun¬ gen, welche Natur, Geſchichte und geiſtige Bildung20 auf die Literatur aͤußern. Die Natur bedingt ihr eine oͤrtliche, nationelle und individuelle Eigenthuͤm¬ lichkeit, ſie wirkt auf die Charaktere, wie auf die Sprache, und ruft die mannigfaltigen Toͤne hervor, in welchen das Volk den Urlaut des Geſchlechts, das Individuum den Urlaut des Volks modificirt. Wie aber die Natur auf die Schoͤpfer der Literatur einen tiefen Einfluß behauptet, ſo die Geſchichte auf die Gegenſtaͤnde und den aͤußern Verkehr derſelben. Die Intereſſen des handelnden Lebens kommen in der Literatur zur Sprache. Jeder neue Geiſt wird von dem Strome der Parteien ergriffen und muß Par¬ tei halten oder machen. Endlich duͤrfen wir, ſo innig auch Natur, Geſchichte, Geiſt in einer Ge¬ ſammtwirkung ſich durchdringen, doch die eigenthuͤm¬ lichen Entwicklungen jeder beſtimmten Wiſſenſchaft oder Kunſt und ihren Einfluß auf die Literatur von den Einfluͤſſen ſowohl nationeller und individueller Charaktere, als des herrſchenden Zeitgeiſtes unter¬ ſcheiden. Von eigenthuͤmlichen Naturen oder vom Geiſt der Zeit ergriffen, erleidet jede Wiſſenſchaft und Kunſt mannigfache Modifikationen, doch ſchreitet ſie conſe¬ quent durch die Menſchen und Jahrhunderte fort und wird nie einem Mann oder einer Nation oder einem Zeitalter allein Unterthan, von keinem ganz ergruͤndet und vollendet. Wir betrachten demnach zuerſt die all¬ gemeinen natuͤrlichen und hiſtoriſchen Bedingungen unſ¬ rer Literatur, ſodann insbeſondre jedes ihrer Faͤcher.

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Nationalitaͤt.

Die Literatur iſt in der neueſten Zeit ſo ſehr die glaͤnzendſte Erſcheinung unſrer Nationalitaͤt gewor¬ den, daß wir dieſe eher aus jener erklaͤren koͤnnen, als umgekehrt. Es iſt uns beinahe nichts uͤbrig ge¬ blieben, wodurch wir unſer Daſeyn bemerklich ma¬ chen, als eben Buͤcher. Wie die Griechen zuletzt durch nichts mehr ausgezeichnet waren, als durch Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, ſo haben auch wir nichts mehr, was uns wuͤrdig machte, den deutſchen Na¬ men fortzufuͤhren. Leben wir nicht als einige Nation wirklich nur in Buͤchern? verſammelt ſich das heilige Reich noch irgend anderswo als auf der Leipziger Meſſe? Indeß ſcheint eben darum die geheime Wahl¬ verwandtſchaft mit den Buͤchern der tiefſte Zug unſ¬ res Nationalcharakters; wir wollen ſie die Sinnig¬ keit nennen.

Schon in den aͤlteſten Zeiten waren die Dent¬ ſchen eine phantaſtiſche Nation, im Mittelalter wur¬ den ſie myſtiſch, jetzt leben ſie ganz im Verſtande. 22Zu allen Zeiten offenbarten ſie eine uͤberſchwengliche Kraft und Fuͤlle des Geiſtes, die aus dem Innern hervorbrach und auf die Äußerlichkeiten wenig ach¬ tete. Zu allen Zeiten waren die Deutſchen im prak¬ tiſchen Leben unbehuͤlflicher als andre Nationen, aber einheimiſcher in der innern Welt, und alle ihre na¬ tionellen Tugenden und Laſter koͤnnen auf dieſe Inner¬ keit, Sinnigkeit, Beſchaulichkeit zuruͤckgefuͤhrt werden. Sie iſt es, die uns jetzt vorzugsweiſe zu einem lite¬ rariſchen Volk macht, und zugleich unſrer Literatur ein eigenthuͤmliches Gepraͤge aufdruͤckt. Die Schrif¬ ten andrer Nationen ſind praktiſcher, weil ihr Leben praktiſcher iſt, die unſrigen haben einen Anſtrich von Übernatuͤrlichkeit oder Unnatuͤrlichkeit, etwas Geiſter¬ maͤßiges, Fremdes, das nicht recht in die Welt paſ¬ ſen will, weil wir immer nur die wunderliche Welt unſres Innern im Auge haben. Wir ſind phantaſti¬ ſcher, als andre Voͤlker, nicht nur weil unſre Phan¬ taſie ins Ungeheure von der Wirklichkeit ausſchweift, ſondern auch weil wir unſre Traͤume fuͤr wahr halten. Wie die Einbildungskraft ſchweift unſer Gefuͤhl aus von der albernen Familienſentimentalitaͤt bis zur Überſchwenglichkeit pietiſtiſcher Sekten. Am weiteſten aber ſchweift der Verſtand hinaus ins Blaue und wir ſind als Speculanten und Syſtemmacher uͤberall verſchrien. Indem wir aber unſre Theorien nir¬ gends einigermaßen zu realiſiren wiſſen, als in der Literatur, ſo geben wir der Welt der Worte ein unverhaͤltnißmaͤßiges Übergewicht uͤber das Leben23 ſelbſt und man nennt uns mit Recht Buͤcherwuͤrmer, Pedanten.

Dies iſt indeß nur die Schattenſeite, uͤber die wir uns allerdings nicht taͤuſchen wollen. Ihr gegen¬ uͤber behauptet unſer ſinniges literariſches Treiben auch eine lichte Seite, die von den Fremden weit weniger gewuͤrdigt wird. Wir ſtreben nach allſeiti¬ ger Bildung des Geiſtes und bringen derſelben nicht umſonſt unſre Thatkraft und unſern Nationalſtolz zum Opfer. Die Erkenntniſſe, die wir gewinnen, duͤrf¬ ten dem menſchlichen Geſchlecht leicht heilſamer ſeyn, als noch einige ſogenannte große Thaten, und die Luſt, von den Fremden zu lernen, duͤrfte uns mehr Ehre machen, als ein Sieg uͤber dieſelben. In unſ¬ rem Nationalcharakter liegt ein ganz eigener Zug zur Humanitaͤt. Wir wollen alle menſchlichen Dinge recht im Mittelpunkt ergreifen und in der unendlichen Man¬ nigfaltigkeit des Lebens das Raͤthſel der verborgnen Einheit loͤſen. Darum faſſen wir das große Werk der Erkenntniß von allen Seiten an; die Natur ver¬ leiht uns Sinn fuͤr alles und unſer Geiſt ſammelt aus der groͤßten Weite die Gegenſtaͤnde ſeiner Wi߬ begierde und dringt in die innerſte Tiefe aller Myſte¬ rien der Natur, des Lebens, der Seele. Es gibt keine Nation von ſo univerſellem Geiſt als die deut¬ ſche, und was dem Individuum nicht gelingt, wird in der Mannigfaltigkeit derſelben erreicht. An die Maſſe ſind die zahlreichen Organe vertheilt, durch welche die Erkenntniß allen vermittelt wird.

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Die deutſche Sinnigkeit war immer mit einer großen Mannigfaltigkeit eigenthuͤmlicher Geiſtes¬ bluͤthen gepaart. Der innere Reichthum ſchien ſich nur in dem Maß entfalten zu koͤnnen, als er an keine Norm gebunden war. Mehr als in irgend ei¬ ner andern Nation hat die Natur in der unſern die unerſchoͤpfliche Fuͤlle eigenthuͤmlicher Geiſter aufge¬ ſchloſſen. In keiner Nation gibt es ſo verſchiedene Syſteme, Geſinnungen, Neigungen und Talente, ſo verſchiedene Manieren und Style, zu denken und zu dichten, zu reden und zu ſchreiben. Man ſieht, es mangelt dieſen Geiſtern an aller Norm und Dreſſur, ſie ſind wild aufgewachſen hier und dort, verſchieden von Natur und Bildung und ihr Zuſammenfluß in der Literatur gibt eine baroke Miſchung. Sie reden in einer Sprache, wie ſie unter einem Himmel leben, aber jeder bringt einen eigenthuͤmlichen Accent mit. Die Natur waltet vor, wie ſtreng auch die Disci¬ plin einzelner Schulen die ſogenannte Barbarei aus¬ rotten moͤchte. Die Natur wuchert uͤber die Garten¬ meſſer hinaus. Der Deutſche beſitzt wenig geſellige Geſchmeidigkeit, doch um ſo ſtaͤrker iſt ſeine Indivi¬ dualitaͤt und ſie will frei ſich aͤußern bis zum Eigen¬ ſinn und bis zur Karrikatur. Das Genie bricht durch alle Daͤmme und auch bei dem Gemeinen ſchlaͤgt der Mutterwitz vor. Wenn man die Literatur andrer Voͤlker uͤberſchaut, ſo bemerkt man mehr oder weni¬ ger Normalitaͤt, oder franzoͤſiſche Gartenkunſt, nur die deutſche iſt ein Wald, eine Wieſe voll wilder25 Gewaͤchſe. Jeder Geiſt iſt eine Blume, eigenthuͤm¬ lich an Geſtalt, Farbe, Duft. Nur die niedrigſten kommen in ganzen Gattungen vor, und nur die hoͤch¬ ſten vereinigen in ſich die Bildungen vieler andern; in einigen wird ein großer Theil der Nation gleich¬ ſam perſonificirt, und in ſeltnen Genien ſcheint die Menſchheit ſelbſt ihr großes Auge aufzuſchlagen, Ge¬ nien, die auf der Hoͤhe des Geſchlechts ſtehn und das Geſetz offenbaren, das in den Maſſen ſchlummert.

Der Genius wird immer nur geboren, und die reichen Originalitaͤten in der deutſchen Geiſterwelt ſind unmittelbare Wirkungen der Natur. Mittelbar mag die große Verſchiedenheit der deutſchen Staͤmme, Staͤnde, Bildungsſtufen, durch die Erziehung und das Leben auf die Schriftſteller wirken, aber dieſe Verſchiedenheit iſt ſelbſt nur eine Folge der Volks¬ natur. Dieſe hat unter allen Verhaͤltniſſen die Nor¬ malitaͤt unmoͤglich gemacht. Unter allen Voͤlkern bot das deutſche von jeher die reichſte Mannigfaltigkeit, Gliederung und Abſtufung dar, wie aͤußerlich, ſo geiſtig. Dieſe Mannigfaltigkeit iſt durch die ewig junge Naturkraft von unten her aus dem Volk be¬ ſtaͤndig genaͤhrt worden und hat ſich nie einer von oben her gebotenen Regelmaͤßigkeit gefuͤgt. Mit ihr iſt zugleich alles Herrliche, was den deutſchen Geiſt aus¬ zeichnet, von unten frei und wild hervorgewachſen.

Nur eins iſt der Maſſe unſrer Schriftſteller ge¬ meinſam, die wenige Ruͤckſicht auf das praktiſche Le¬ ben, das Überwiegen der innern Beſchaulichkeit. DochDeutſche Literatur. I. 226ſind gerade dadurch die Anſichten um ſo mehr ver¬ vielfaͤltigt worden. In den engen Schranken des praktiſchen Lebens haͤtten ſich die Geiſter in wenige Parteien und fuͤr einfache Zwecke vereinigen muͤſſen. In der unendlichen Welt der Phantaſie und Specu¬ lation aber fand jeder eigenthuͤmliche Geiſt den freie¬ ſten Spielraum. Der Deutſche ſucht inſtinktartig dies freie Element. Kaum gehn wir einmal aus dem Traum heraus und erfaſſen das praktiſche Leben, ſo geſchieht es nur, um es wieder in das Gebiet der Phantaſie und der Theorien zu ziehn; waͤhrend umgekehrt Fran¬ zoſen von der Speculation und Einbildungskraft nur die Hebel fuͤr das oͤffentliche Leben borgen. Der Franzoſe braucht eine naturphiloſophiſche Idee, um ſie auf die Medicin oder Fabrikation anzuwenden; der Deutſche braucht die phyſikaliſchen Erfahrungen am liebſten, um wundervolle Hypotheſen darauf zu bauen. Der Franzoſe erfindet Tragoͤdien, um auf den politiſchen Sinn der Nation zu wirken; dem Deutſchen blieben von ſeinen Thaten und Erfahrun¬ gen eben nur Tragoͤdien. Die Franzoſen haben eine arme Sprache, doch treffliche Redner. Wir koͤnnten weit beſſer ſprechen, doch wir ſchreiben nur. Jene reden, weil ſie handeln; wir ſchreiben, weil wir nur denken.

Das originelle, phyſiognomiſche, aller Nor¬ malitaͤt widerſtrebende Weſen in der deutſchen Lite¬ ratur iſt noch immer wie in der Zeit der Chroniken wahre Naivetaͤt, mehr, als mancher Autor, der Grie¬27 chen, Roͤmer, Englaͤnder oder Franzoſen im Auge gehabt, ſelbſt wiſſen mag. Wenn ſich nun aber auch dieſe Naivetaͤt der deutſchen Schriften ſtreng nach¬ weiſen laͤßt, ſo darf man doch damit ja nicht die ſo¬ genannte deutſche Ehrlichkeit verwechſeln. Allerdings herrſcht noch eine große Gutmuͤthigkeit und Redlich¬ keit unter den Autoren, und ſie ließe ſich ſchon aus dem eiſernen, wenn auch oft fruchtloſen Fleiße, und aus der Weitlaͤuftigkeit, aus dem ſichtbaren Beſtre¬ ben nach deutlicher Belehrung erkennen, wenn man auch den vielen Verſicherungen von Ehrlichkeit und Liebe mit Recht mißtrauen duͤrfte. Aber eben dieſe ſentimentalen Schwuͤre zeigen nur zu deutlich, daß wir den Stand der Unſchuld bereits verlaſſen haben. Seit man ſo viel von dieſer deutſchen Biederkeit re¬ det, iſt ſie aͤußerſt verdaͤchtig geworden, ungefaͤhr wie die deutſche Freiheit immer zweifelhafter wird, je mehr man ihren Namen im Munde fuͤhrt.

Die deutſche Sprache iſt der vollkommne Aus¬ druck des deutſchen Charakters. Sie iſt dem Geiſt in allen Tiefen und in dem weiteſten Umfang gefolgt. Sie entſpricht vollkommen der Mannigfaltigkeit der Geiſter und hat jedem den eigenthuͤmlichen Ton ge¬ waͤhrt, der ihn ſchaͤrfer auszeichnet, als irgend eine andre Sprache vermoͤchte. Die Sprache ſelbſt gewinnt durch dieſe Mannigfaltigkeit des Gebrauchs. Das bunte Weſen und die Vielgeſtaltigkeit iſt ihr eigen und ſteht ihr ſchoͤn. Ein Blumenfeld iſt edler als ein einfaches Grasfeld und gerade die ſchoͤnſten Laͤn¬2 *28der haben den reichſten Wechſel von Gegenden und Temperaturen. Alle Verſuche, den deutſchen Schrift¬ ſtellern einen Normalſprachgebrauch aufzudraͤngen, ſind ſchmaͤhlich geſcheitert, weil ſie der Natur widerſtreb¬ ten. Jeder Autor ſchreibt, wie er mag. Jeder kann von ſich mit Goͤthe ſagen: « ich ſinge, wie der Vogel ſingt, der auf den Zweigen lebt. »

Es iſt gewiß ein nationeller Zug, daß unſre Ge¬ lehrten und Dichter ſogar noch keine durchgreifende Rechtſchreibung haben, und daß uns dies ſo ſelten auffaͤllt. Wie viele Woͤrter werden nicht bald ſo, bald anders geſchrieben, wie viele Willkuͤr herrſcht in den zuſammengeſetzten Woͤrtern! und wer tadelt es, als hin und wieder die Grammatiker, von denen ſich die Autoren ſo wenig belehren laſſen, als die Kuͤnſtler von den Äſthetikern.

Die grammatiſche Mannigfaltigkeit erſcheint aber nur unbedeutend gegen die rhetoriſche und poetiſche, gegen den unendlichen Reichthum in Styl und Ma¬ nier, worin uns kein Volk auf Erden gleich kommt. Es mag dahingeſtellt ſeyn, ob keine andre Sprache ſo viel Phyſiognomik zulaͤßt, gewiß aber iſt, daß in keiner ſo viel Phyſiognomik wirklich ausgedruͤckt wird. Dieſe ungebundene Weiſe der Äußerung iſt uns mit ſo manchem andern Zug unſrer Natur aus den alten Waͤldern angeſtammt, und auf ihr beruht die ganze freie Herrlichkeit unſrer Poeſie. Je beſſer der Con¬ verſationston, deſto elender die Dichter, wie in Frank¬ reich. Je ſchlechter der Canzleiſtyl, deſto origineller29 die Dichter, wie in Deutſchland. Jeder neue Adelung wird vor einem neuen Goͤthe, Schiller, Tieck zu Spott werden. Titanen brauchen keine Fechtſchule, weil ſie doch jede Parade durchſchlagen. Den gro¬ ßen Dichter und Denker haͤlt ſein Genie, den gemei¬ nen ſeine angeborne Natur, alle der gaͤnzliche Man¬ gel einer Regel, eines geſetzgebenden Geſchmacks und eines richtenden Publikums von dem Zwang einer attiſchen oder pariſiſchen Cenſur entfernt.

Im Ganzen hat die deutſche Sprache im Fort¬ ſchritt der Zeit auf der einen Seite gewonnen, auf der andern verloren. Die Reinheit, eine Menge Stammwoͤrter, einen bewundrungswuͤrdigen Reich¬ thum von feinen und wohllautenden Biegungen hat ſie ſeit einem halben Jahrtauſend verloren. Dagegen hat ſie von dem, was ihr uͤbrig geblieben, einen deſto beſſern Gebrauch gemacht. In der jetzt aͤrmern und klangloſern Sprache iſt unendlich viel gedacht und gedichtet worden, das uns die verlornen Laute vermiſſen laͤßt. Ausgezeichnete Meiſter haben aber auch dieſe neue hochdeutſche Sprache durch Virtuoſi¬ taͤt des Gebrauchs zu einer eigenthuͤmlichen Schoͤn¬ heit zu bilden gewußt, und man hat angefangen, ſie ſogar aufs Neue aus dem Schatz der Vorzeit zu ſchmuͤcken. Es gehoͤrt nicht zu den geringſten Ver¬ dienſten der Romantiker, daß ſie die deutſche Sprache wieder auf den alten Ton geſtimmt haben, ſo weit es ihre gegenwaͤrtige Inſtrumentation vertragen kann.

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Dieſe lebendige, organiſche Wiedergeburt der rei¬ nen alten Sprache, durch welche die fremden Schma¬ rozergewaͤchſe verdraͤngt werden, iſt das ſchoͤnſte Zeug¬ niß von der angebornen Kraft unſrer Nationalitaͤt im Gegenſatz gegen die affectirte Kraft, womit wir es den Fremden gleich zu thun geſtrebt haben. Dieſe organiſche Entwicklung der deutſchen Urſprache ſtellt zugleich die mechaniſchen Verſuche der Puriſten gaͤnzlich in den Schatten. Nichts iſt klaͤglicher, als jener Purismus eines Campe und Anderer, welche die aus der Philoſophie verſchwundne Atomenlehre noch einmal in der Grammatik aufzufriſchen und die atomiſtiſchen deutſchen Sylben nach einer Cohaͤrenz, die nicht im Organismus deutſcher Sprachbildung, ſondern nur in der Analogie des fremden Wortes lag, zuſammenzuſchmieden verſuchten, die uns Woͤrter aus Sylben machten, wie Voß aus Woͤrtern eine Sprache machte, die weder deutſch, noch griechiſch war, und die man erſt wieder in's Griechiſche uͤber¬ ſetzen mußte, um ſie zu verſtehen.

Der Purismus iſt loͤblich, wenn er uns denſel¬ ben Begriff, der ein fremdes Wort ausdruͤckt, eben ſo umfaſſend und verſtaͤndlich durch ein deutſches aus¬ druͤcken lehrt, jederzeit aber zu verwerfen, wenn das fremde Wort umfaſſender oder verſtaͤndlicher iſt, oder wenn es einen unſrer Sprache gaͤnzlich fremden Be¬ griff bezeichnet; denn Mittheilung der Begriffe iſt der erſte Zweck der Sprache, Deutlichkeit der Woͤr¬ ter das Mittel dazu. Wenn wir nur unſre Begriffe31 durch einen fremden vermehren, ſo laßt uns immer das fremde Wort dazu nehmen. Das Denken ſoll nicht verarmen, damit die Sprache mit Reinheit prahlen koͤnne.

Wenn der falſche Purismus zu verwerfen iſt, ſo iſt doch der wahre, wie ihn ſchon Luther kraͤftig gehandhabt, hoͤchſt verdienſtlich. Allerdings gibt es neben den fremden Woͤrten, die wir als das Kleid fremder und neuer Begriffe ehren muͤſſen, noch eine Menge andrer, die ſich ſtatt eben ſo guter, und des¬ falls fuͤr uns beſſerer, deutſcher Woͤrter eingeſchlichen haben, die ganz bekannte alte Begriffe ausdruͤcken, und nur aus einer laͤcherlichen Eitelkeit oder Neue¬ rungsſucht von uns gebraucht werden. Der Gelehrte will zeigen, daß er in alten Sprachen bewandert iſt, der Reiſende, daß er fremde Zungen gehoͤrt hat, das uͤbrige Volk, daß es mit weiſen und erfahrnen Men¬ ſchen oder Buͤchern bekannt iſt, oder die Vornehmeren wollen ihre hoͤheren Begriffe auch in einer fremden Sprache von der Denkungsart des Poͤbels geſchieden wiſſen, und der Poͤbel thut vornehm, indem er ihnen die fremden Laute nachaͤfft. So ungefaͤhr iſt die deutſche Sprachmengerei entſtanden, ſofern ſie nicht nothwendig mit fremden Begriffen auch fremde, Woͤr¬ ter borgen mußte, und ſo iſt ſie durchaus verwerflich, ein Schandfleck der Nation und ihrer Literatur. Moͤchten die Puriſten uns fuͤr immer davon befreien koͤnnen. Jedes Jahrhundert befreit uns wenigſtens von der Thorheit der vorhergehenden. Klopſtock be¬32 merkt ſehr richtig: « Zu Karls V. Zeiten miſchte man ſpaniſche Worte ein, vermuthlich aus Dankbarkeit fuͤr den ſchoͤnen kaiſerlichen Gedanken, daß die deut¬ ſche Sprache eine Pferdeſprache ſey, und damit ihm die Deutſchen etwas ſanfter wiehern moͤchten. Wie es dieſen Worten ergangen iſt, wiſſen wir, und ſehen daraus zugleich, wie es kuͤnftig allen heutigstaͤgigen Einmiſchungen ergehen werde, ſo arg naͤmlich, daß dann einer kommen und erzaͤhlen muß, aus der oder der Sprache waͤre damals, zu unſrer Zeit naͤmlich, auch wieder eingemiſcht worden; aber die Sprache, die das nun einmal ſchlechterdings nicht vertragen koͤnnte, haͤtte auch damals wieder Übelkeiten bekom¬ men. »

33

Einfluß der Schulgelehrſamkeit.

Wenden wir uns zu den hiſtoriſchen Bedin¬ gungen der heutigen Entwicklung unſrer Literatur, ſo muß uns zuerſt auffallen, daß alle literariſche Bil¬ dung urſpruͤnglich an die Kirche geknuͤpft war. Die¬ ſen Einfluß hat ſich die Literatur auch bis auf den heutigen Tag noch nicht voͤllig entzogen. Von der Prieſterkaſte kam die Literatur an die Gelehrtenzunft, und aller Schulzwang in unſern Schriften ſchreibt ſich daher. Das Intereſſe der Zunft und die Disciplin der Bildungsanſtalten haben das Gepraͤge der Vergan¬ genheit immer noch jedem neuen Jahrhundert aufge¬ druͤckt, wie wohl es ſich allmaͤhlig immer mehr verwiſcht. Folgen davon ſind kaſtenmaͤßige Ausſchließlichkeit, Vornehmigkeit, Unduldſamkeit, Pedanterie alter Ge¬ woͤhnung, Stubenweisheit und Entfernung von der Natur. Doch hat es auch ſeine ſchoͤne und achtbare Seite. Indem alles literariſche Leben von der geiſt¬ lichen, ſpaͤter gelehrten Kaſte ausging, nahm es alle Tugenden und Gebrechen des Zunftgeiſtes in ſich34 auf, und noch jetzt draͤngt ſich ein verknoͤchertes Standesintereſſe der Literatur auf; noch jetzt beherr¬ ſchen Prieſter die Theologie, bevogten Fakultaͤten zunftmaͤßig die weltlichen Wiſſenſchaften. Der freie Sinn, die ſtarke Natur der Deutſchen hat ſich zwar ſeit der Wiederauflebung der Wiſſenſchaften unauf¬ hoͤrlich gegen den Kaſtengeiſt aufgelehnt, und wir bemerken einen beſtaͤndigen Kampf origineller Koͤpfe gegen die Schulen, eine beſtaͤndige Wiedergeburt der weltalten Fehde zwiſchen Prieſtern und Propheten. Auch haben die Letztern immer das Feld behauptet, die deutſche Natur hat ihre freie Äußerung, ihre immer reichere und hoͤhere Entfaltung gegen jedes Stabilitaͤtsprincip durchgefochten, und jeder einſeiti¬ gen Erſtarrung iſt, wie fruͤher durch die Kirchen¬ trennung, ſo ſpaͤter durch den mannichfaltigen Wiſ¬ ſensſtreit der Gelehrten und durch die Geſchmacks¬ fehden der Dichter immer vorgebeugt worden. Im¬ mer neue Parteien haben das von den andern ver¬ worfne Element bei ſich gepflegt und ausgebildet, wodurch denn beinahe allen ihr Recht geworden. In¬ deß hat, wie in der Politik, ſo in der Literatur, der Geiſt der alten gewohnten Herrſchaft, wo er beſiegt worden, immer in den Siegern ſelbſt fortgewirkt. Der negative Punkt hat ſich ſofort in einen poſiti¬ ven umgeſetzt. Die Propheten ſind wieder Prieſter geworden, haben das Princip der Autoritaͤt und Stabilitaͤt in ſich aufgenommen und unter andern Glaubensformeln das alte Monopol angeſprochen und35 gegen alle Neuerungen wieder geltend zu machen ge¬ ſucht. Was geſtern heterodox geweſen, iſt heute wie¬ der orthodox geworden. Was geſtern als Indivi¬ dualitaͤt eines großen Mannes aufgetreten, wird heute wieder zur deſpotiſchen Manier einer Schule. Der Grund dieſer Erſcheinung muß aber nicht allein in den Fortwirkungen des Mittelalters, ſondern auch im Charakter des Volks ſelbſt geſucht werden. Der Deutſche gluͤht fuͤr die Erkenntniß der Wahrheit, und will ſie anerkannt wiſſen. Es iſt dieſelbe Be¬ geiſterung, die ihn zum Beharren und zum Refor¬ miren antreibt.

Unſtreitig iſt vieles Gute an den Zunftgeiſt ge¬ knuͤpft. Die Treue, mit welcher die Schaͤtze der Tradition bewahrt werden; die Wuͤrde, die der Au¬ toritaͤt gerettet wird; die Begeiſterung und Pietaͤt, mit welchem man das Geheiligte, Erprobte oder Ge¬ glaubte verehrt; alle jene Tugenden, welche die An¬ haͤnglichkeit an das Alte zu begleiten pflegen, muͤſſen in ihrem ganzen Werth anerkannt werden, wenn wir ſie dem Leichtſinn vieler Neurer gegenuͤberſtellen, der ſo oft alle moraliſche Autoritaͤt, alle hiſtoriſche Tra¬ dition, und mit der alten Schule auch die alte Er¬ fahrung uͤber den Haufen wirft. Das Kranke je¬ nes Zunftgeiſtes aber iſt das Princip der Stabilitaͤt, das Stilleſtehen, wo ewiger Fortſchritt iſt, die Bor¬ nirtheit, die Schranken ſtatuirt, wo keine ſind. Hier¬ aus fließt mit Nothwendigkeit einerſeits ein hierar¬ chiſches Syſtem, Kaſtenzwang, Parteiſucht, Proſely¬36 tenmacherei, Ketzerriecherei und Nepotismus, andrer¬ ſeits ein erſtarrtes, beſchraͤnktes Wiſſen mit ewig in ſich ſelbſt ruͤckkehrenden, endlos ſich wiederholenden, in monſtroͤſe Weitlaͤuftigkeit entartenden Formen. Dieſen Suͤnden des veralteten Zunftgeiſtes tritt dann mit voller Wuͤrde die lebendige Kraft der Neuerer gegenuͤber, welche das Wiſſen aus den engen Schran¬ ken der Schule, die Charaktere ſelbſt aus dem uni¬ formen Zwange der Kaſte befreien, und eben darum auch alle jene ſteifen Formen von der lebenskraͤfti¬ gen, friſch ſich regenden Natur abſtreifen, geſetzt auch, ſie verfielen nach dem Siege in die alten Feh¬ ler zuruͤck.

Die Beziehung aller Wiſſenſchaften auf die Re¬ ligion brachte einen gewiſſen prieſterlichen ſalbungs¬ vollen Ton in die Gelehrſamkeit, der in den Fakul¬ taͤten noch beibehalten wird, und ſelbſt die Natura¬ liſten anſteckt. Unſre Schriftſteller orakeln gar zu gern und ſuchen einen gewiſſen Nimbus um ſich zu verbreiten, und den Leſer zu myſtificiren, wie der Geiſtliche den Laien, der Schulmeiſter ſeine Schuͤler. In England und Frankreich befindet ſich der Autor gleichſam als Redner auf der Tribune, und gibt ſein Votum ab, als in einer Geſellſchaft gleicher und ge¬ bildeter Menſchen. In Deutſchland predigt er und ſchulmeiſtert.

Das zuruͤckgezogene moͤnchiſche Leben der Gelehr¬ ten hat ohne Zweifel den Hang zu tiefſinnigen Be¬37 trachtungen, gelehrten Gruͤbeleien und ausſchweifen¬ den Phantaſien befoͤrdert, woraus denn auch der Mangel an praktiſchem Sinn und Lebensfreude ſich erklaͤren laͤßt. Noch jetzt leben die meiſten Gelehr¬ ten und Schriftſteller wie Troglodyten in ihren Buͤ¬ cherhoͤhlen und verlieren mit dem Anblick der Natur zugleich den Sinn fuͤr dieſelbe, und die Kraft, ſie zu genießen. Das Leben wird ihnen ein Traum, und nur der Traum iſt ihr Leben. Ob der Schieferde¬ cker vom Dach, oder Napoleon vom Thron gefallen, ſie ſagen: ſo ſo, ei ei! und ſtecken die Naſe wieder in die Buͤcher. Wie aber Fruͤchte, die man in einem feuchten Keller aufbewahrt, vom Schimmel verderbt werden, ſo die Geiſtesfruͤchte von der gelehrten Stu¬ benluft. Der Vater theilt ſeinen geiſtigen Kindern nicht nur ſeine geiſtigen, ſondern auch ſeine phyſiſchen Krankheiten mit. Man kann den Buͤchern nicht nur die Verſtocktheit, Herzloſigkeit oder Hypochondrie, ſondern auch die Gicht, die Gelbſucht, ja die Haͤ߬ lichkeit ihrer Verfaſſer anſehn.

Das ſchulgemaͤße Treiben hat zu gelehrter Pedanterie gefuͤhrt. Die geſunde unmittelbare Anſchauung hat einer hypochondriſchen Reflexion Platz gemacht. Man ſchreibt Buͤcher aus Buͤchern, ſtatt ſie aus der Natur zu entlehnen. Man ſtellt die Dinge nicht mehr einfach dar, ſondern kramt dabei den Schatz ſeiner Kenntniſſe aus. Man weicht von dem urſpruͤnglichen Zwecke der Wiſſenſchaften ab und38 macht nur die Mittel zum Zweck. Über den gelehr¬ ten Huͤlfsmitteln vergißt man die Reſultate. Man ſieht kaum einen Theologen oder Juriſten, nur theo¬ logiſche, juridiſche Philologen. Alle hiſtoriſchen Wiſ¬ ſenſchaften werden durch die philologiſch-critiſche Ge¬ lehrſamkeit ungeniesbar gemacht. Man fraͤgt nicht nach dem Inhalt, nur nach der Schale. Man un¬ terſucht die Richtigkeit, nicht die Wichtigkeit der Ci¬ tate. Man freut ſich kindiſch, wenn man diploma¬ tiſch erwieſen hat, daß dieſer oder jener Ausſpruch wirklich gethan worden iſt, ohne ſich darum zu be¬ kuͤmmern, ob er auch innere Wahrheit hat und ob uͤber¬ haupt etwas daran liegt. Man haͤuft mit unſaͤgli¬ chem Fleiße Nachrichten, unter denen man mit eben ſo vieler Muͤhe wieder das Wenige zuſammenſuchen muß, was der Erinnerung werth iſt. Man ver¬ ſchwendet ein jahrelanges Studium, um die richtige Leſart eines alten Dichters ausfindig zu machen, der oft beſſer gaͤnzlich ſtillgeſchwiegen haͤtte. Selbſt die neuere Poeſie wird unter der Laſt der Gelehrſamkeit erdruͤckt. Die Sprache des natuͤrlichen Gefuͤhls und der lebendigen Anſchauung wird nur zu oft verdraͤngt durch gelehrte Reflexionen, Anſpielungen und Citate. Es gibt keinen Zweig der Literatur, auf welchen die Stubengelehrſamkeit nicht einen nachtheiligen Ein¬ fluß uͤbte.

In der eigentlichen Schulweisheit, namentlich in den ſogenannten Brodwiſſenſchaften herrſcht ein Me¬39 chanismus, vulgo Schlendriau, der in den alten Gleiſen voͤllig ſeelenlos ſich fortbewegt. Die Uni¬ verſitaͤten ſind Fabrikanſtalten fuͤr Buͤcher und Buͤ¬ chermacher geworden. Man weicht von gewiſſen For¬ meln der Schule nicht ab, und jede neue Generation macht ihre Exercitien darnach. Aber die urſpruͤng¬ liche Wahrheit wird verdunkelt durch die unendlichen Commentare. Die Sache, auf die es eigentlich an¬ kommt, verſchwindet endlich unter der Laſt von Ci¬ taten, die ſie beweiſen ſollen. Das Leben entflieht unter dem anatomiſchen Meſſer. Das Wichtigſte wird langweilig, das Ehrwuͤrdigſte trivial. Der Geiſt laͤßt ſich nicht auf die Compendien ſpannen, und die Natur greift maͤchtig durch die Paragraphen, die ſie einzuſchließen wagen.

Durch die Polemik wird der modernde gelehrte Sumpf aufgeruͤhrt, und es verbreiten ſich die me¬ phytiſchen Daͤmpfe. Nirgends zeigt ſich die Unnatur der Stubengelehrten auffallender, als in ihren pole¬ miſchen Schriften. Hier bewaͤhrt ſich das gute alte Sprichwort: je gelehrter deſto verkehrter. Auf der einen Seite ſind ſie ſo uͤberſchwenglich weiſe, daß es einem geſunden Verſtande ſchwer wird, den labyrin¬ thiſchen Gaͤngen ihrer Logik zu folgen. Auf der an¬ dern Seite ſind ſie in den gemeinſten Dingen ſo unwiſſend, daß ein Bauer ſie belehren koͤnnte. Bald ſind ſie ſo zart, ſcherzen attiſch und machen Anſpie¬ lungen, die einem alexandriniſchen Bibliothekar zur40 Ehre gereichen wuͤrden, daß dem ehrlichen Deutſchen dumm dabei zu Muthe wird. Bald bedienen ſie ſich der abgefeimteſten Raͤnke oder der groͤbſten Ausfaͤlle, deren ſich ſelbſt der Poͤbel ſchaͤmen wuͤrde.

Auch was in der deutſchen Sprache verdorben wurde, kommt groͤßtentheils auf Rechnung der Schul¬ gelehrten. Daß ſie mit fremden Begriffen fremde Terminologien annahmen, war natuͤrlich; in ihrer Vornehmigkeit affectirten ſie aber auch eine heilige Unverſtaͤndlichkeit, um ſich den Laien deſto ehr¬ wuͤrdiger zu machen, oder ſie waren zu traͤg, und wurden zu wenig genoͤthigt, der Popularitaͤt ein Opfer zu bringen. Die Fakultaͤtsmenſchen koͤnnen ſich ſo deutſch ausdruͤcken, daß kein Ungeweihter ſie verſteht, und die Philoſophen verſtehen ſich oft ſelber nicht.

Die wahre Bildung iſt immer Sache des Vol¬ kes, die Schulgelehrſamkeit Sache eines Standes, einer Kaſte. Die Gelehrſamkeit bevogtet aber bei uns noch die Bildung, die Kaſte noch das Volk. Dieß iſt ein Mißverhaͤltniß, das ſich mit Nothwen¬ digkeit aufheben muß. Die gelehrte Vornehmigkeit iſt nur ein Bettelſtolz, der zu Schanden werden wird. Soll unſre Weisheit wirkſam werden, ſo muß ſie zuerſt allgemein faßlich ſeyn, und das kann ſie nur, wenn ſie aus dem Zwange der Schulgelehrſam¬ keit ſich befreit. Man fuͤrchtet ſich gewoͤhnlich vor der Popularitaͤt, weil man ſie mit Gemeinheit ver¬41 wechſelt. Es gibt aber auch in Bezug auf Literatur nur ſo lange einen Poͤbel, als es eine bevorrechtete Kaſte gibt. Ein wohlhaͤbiger, gebildeter Mittelſtand kann der Pedanterei und Anmaßung der letztern in dem Maaße entbehren, als er von der Gemeinheit des erſtern ſich entfernt.

42

Einfluß der fremden Literatur.

Der bekannte Nachahmungstrieb der Deut¬ ſchen herrſcht auch vorzuͤglich in ihrer Literatur. Man ſchaͤtzt ſich gluͤcklich und wirft es ſich zugleich vor, den Fremden nachzuhinken und zu ſtottern. Man ſtreitet ſich ſeit mehr als tauſend Jahren uͤber dieß Phaͤnomen in unſerm Nationalcharakter, wie uͤber eine Neigung des Herzens, welche die Moral zu ver¬ bieten ſcheint. Schon in den Zeiten der Roͤmer gab es zwei Parteien in Deutſchland, Nachahmer und Puriſten. Veraͤchtlich ſind die Affen, die immer nur nach fremden rothen Lappen ſpringen, veraͤchtlich die Entarteten, die ſich ſchaͤmen, Deutſche zu ſeyn. Das Vorurtheil, daß die deutſche Natur eine Art Baͤren¬ haftigkeit und Ruſticitaͤt ſey, die ſchlechterdings eines fremden Tanzmeiſters beduͤrfe, hat ſich nur bei ſol¬ chen erzeugen und erhalten koͤnnen, die wirklich recht plebegiſch geboren waren. Laͤcherlich aber ſind die Thoren, die ein Urdeutſchthum von allen fremden Schlacken reinigen, und um die deutſchen Grenzen43 ein moraliſches Mauthſyſtem einrichten, ja der Sonne ſelbſt gebieten moͤchten, nur uͤber Deutſchland zu leuchten.

Die Cultur iſt ſo gemeinſam, wie das Licht, und ihr ſegensreicher Einfluß verbreitet ſich unter climatiſchen Modifikationen doch allwaͤrts auf dem Erdenrund. Nirgends ſind unuͤberſteigliche Grenzen gezogen. Der Handel verbindet alle Laͤnder und verbreitet die materiellen Produkte derſelben. Die Literatur ſoll auf gleiche Weiſe die geiſtigen Schaͤtze der Voͤlker ausſtreuen. Jedes Land ſoll von dem an¬ dern annehmen, was ſeine Natur vertraͤgt und was ihm Gedeihen bringt, und auch in den Geiſt eines Volkes darf verpflanzt werden, was er vertraͤgt und was ihn edler entwickelt.

Wenn es manches gibt, was nur eine Nation beſitzen kann, und wodurch ſie eben eigenthuͤmlich wird, ſo gibt es viel hoͤhere Guͤter, die keinem aus¬ ſchließlich zukommen, und Eigenthum des geſammten menſchlichen Geſchlechts ſind. Die Erſcheinung des Chriſtenthums allein ſtraft den Puriſteneifer. Wir muͤßten eigentlich die ganze Geſchichte zuruͤckſchrau¬ ben, um uns von fremden Einfluͤſſen zu reinigen, da unſre ganze neuere Bildung auf der romaniſchen des Mittelalters beruht. Wir muͤßten nackt in die Waͤl¬ der laufen, wenn wir uns von allem dem entkleiden wollten, was wir von Fremden angenommen. Abge¬ ſehn aber von dem nothwendigen, in der Natur be¬ gruͤndeten und in der Geſchichte uralten, wechſelſei¬44 tigen Unterricht der Voͤlker, zeichnet uns Deutſche vorzugsweiſe eine außerordentliche Vorliebe fuͤr das Fremde und ein ſeltnes Geſchick der Nachahmung aus, die eben deshalb auch zu Übertreibungen und unnatuͤrlichen Vergeſſen des eignen Werthes fuͤh¬ ren.

Die tiefſte Quelle jener Neigung iſt die Huma¬ nitaͤt des deutſchen Charakters. Wir ſind durchaus Cosmopoliten. Unſre Nationalitaͤt iſt, keine haben zu wollen, ſondern gegen die nationelle Beſonderheit etwas allgemein guͤltiges Menſchliches geltend zu machen. Wir haben ein beſtaͤndiges Beduͤrfniß, in uns das Ideal eines philoſophiſchen Normalvolks zu realiſiren. Wir wollen die Bildung aller Nationen, alle Bluͤthen des menſchlichen Geiſtes uns aneignen. Dieſe Neigung iſt ſtaͤrker, als unſer Nationalſtolz, ſo lange wir nicht eben in ihr unſern Nationalſtolz ſuchen. Auch andre Voͤlker wollen ein Normalvolk ſeyn, und ohne dieſen Glauben gaͤb es gar keinen Nationalſtolz, aber ſie wollen keineswegs ſich ver¬ laͤugnen, ſondern mir allen andern ihr Gepraͤge auf¬ druͤcken. Auch andre Voͤlker ſchaͤtzen das Fremde, aber ſie werfen ſich ſelbſt dagegen nicht weg. Doch hat auch die Entaͤußerung ihr Gutes und ihren na¬ tuͤrlichen Grund. Der Liebe iſt immer eine ſtarke Selbſtverlaͤugnung eigenthuͤmlich. Dem Intereſſe fuͤr das Fremde, der Liebe, aus welcher alle Bildung entſpringt, ſchadet nichts mehr als der Egoismus, der Cultur nichts mehr als der Nationalduͤnkel. Eine45 gewiſſe Reſignatinn iſt nothwendig, wenn wir voll¬ kommen fuͤr das Fremde empfaͤnglich werden ſollen. Unterſuchen wir die Hinderniſſe, welche bei ſo vielen Voͤlkern die Fortſchritte der Cultur aufgehalten ha¬ ben, ſo werden wir ſie weniger in der Rohheit der¬ ſelben, als in der Selbſtzufriedenheit und in den Vorurtheilen ihres Nationalſtolzes finden. Immer aber ſind je die edelſten Voͤlker zugleich die toleranteſten geweſen, und die niedrigſten immer die eitelſten.

Es iſt indeß nicht nur jene philoſophiſche Rich¬ tung unſers Charakters, die Bildungsfaͤhigkeit und Wißbegier, der Entwicklungstrieb und das ideale Streben, ſondern auch eine poetiſche Richtung, ein romantiſcher Hang, der uns das Fremde lieben macht. Eine poetiſche Illuſion ſchwebt verſchoͤnernd um alles Fremde und nimmt unſre Phantaſie gefan¬ gen. Was nur fremd iſt, erweckt eine romantiſche Stimmung in uns, ſelbſt wenn es ſchlechter iſt, als was wir laͤngſt ſelber haben. Darum nehmen wir ſo vieles von Fremden an, was uns keineswegs in unſ¬ rer Entwicklung weiter bringt, und die Einbildung macht erſt eine Neigung verderblich, die der Verſtand billigen muß, indem er ſie ermaͤßigt. Wenn die Ein¬ bildung einmal uͤbertreibt, ſo begehn wir immer zwei Fehler zugleich, den der blinden, ſklaviſchen Hinge¬ bung an das Fremde und den einer blinden Verken¬ nung unſrer ſelbſt. Wir beſitzen die poetiſche Gabe, uns zu myſtificiren, uns gleichſam in dramatiſche Perſonen zu verwandeln und einer fremden Illuſion46 hinzugeben. Viele Gelehrte denken ſich ſo ins Grie¬ chiſche, viele Romantiker ſo ins Mittelalter, viele Politiker ſo ins Franzoͤſiſche, viele Theologen ſo in die Bibel hinein, daß ſie von allem, was um ſie vorgeht, nichts mehr zu wiſſen ſcheinen. Dieſer Zu¬ ſtand hat einige Ähnlichkeit mit Wahnſinn und fuͤhrt oft zu Wahnſinn. Den auf dieſe Weiſe Beſeſſenen kommt die ungemeine Bildungsfaͤhigkeit der deutſchen Geſinnung und Sprache zu Huͤlfe. Sie wiſſen in der Literatur die fremde Sprache trefflich zu erkuͤnſteln, und treiben den eigenthuͤmlichen Geiſt der deutſchen Sprache aus, um fremde Goͤtzen einzufuͤhren. Sie ſpotten uͤber alle, die es ihnen nicht nachthun, und erzuͤrnen ſich, wenn irgend die Natur ſich der Kunſt nicht fuͤgen will. Dergleichen Extreme reiben ſich aber an einander ſelber auf. Gaͤb 'es außer uns nur noch Ein Volk, ſo wuͤrden wir uns wahrſcheinlich ganz in daſſelbe hineinſtudieren, bis nichts mehr von uns uͤbrig bliebe. Da es aber viele gibt, die wir alle nach einander nachahmen, und da ſie mit einander in Widerſpruch ſtehn, ſo wird das Gleichgewicht im¬ mer wieder hergeſtellt. So hat die ſuperfeine Con¬ venienz der Gallomanie an dem derben Humor der Anglomanie, die regelrechte Graͤkomanie an dem aus¬ ſchweifenden Orientalismus, der flache Liberalismus an der myſtiſchen Romantik ſich aufreiben muͤſſen, und dieſe wieder an jenen. Die verſchiednen Perio¬ den unſrer Nachahmungswuth haͤngen nicht allein von der aͤußern Erſcheinung fremder Vortrefflichkeiten, ſon¬47 dern auch von ſubjectiven Beſtimmungsgruͤnden ab. Dieſelben Muſter ſtehn immerwaͤhrend und zugleich vor unſern Augen, und doch intereſſiren wir uns ab¬ wechſelnd nur fuͤr die einen und ſind fuͤr die andern blind. Dies haͤngt von dem innern Entwicklungsgang unſrer Natur und von dem aͤußern großen Gange der Geſchichte ab. Wir intereſſiren uns immer fuͤr dasjenige Fremde, was gerade mit unſrer Bildungs¬ ſtufe und Stimmung am meiſten harmonirt. Als un¬ ſer Verſtand aus den engen Glaubensbanden frei zu werden begann, wurden die verſtaͤndigen, aufgeklaͤr¬ ten Alten unſre Muſter. Als das gaͤnzlich vernach¬ laͤſſigte oder mißhandelte Gefuͤhl gegen die Tyrannei einer ſeichten Verſtaͤndigkeit, eines flachen Liberalis¬ mus ſich empoͤrte, mußte das Mittelalter wieder zum Muſter dienen. Als der Deutſche zum Gefuͤhl ſeiner Plumpheit gelangte, gab er ſich dem leichtfuͤßigen Franzmann in die Lehre. Als er in ſeinem traͤgen politiſchen Schlafe Traͤume bekam, draͤngten ſich ihm die Bilder Englands und Amerikas oder der alten Republiken auf. Als er die Unbequemlichkeit und Un¬ natur ſeiner altfraͤnkiſchen Gewohnheiten endlich fuͤhlte, mußte der Inſtinkt ihn zur griechiſchen Leichtigkeit, ja zur Nacktheit zuruͤckfuͤhren. Als er durch Schick¬ ſal und Ungeſchick in Armuth verſunken war, mußte die materielle Wohlfahrt der Britten ihm ein Muſter werden.

Gleich thoͤrichten Kindern aber zerbrechen wir das Spielzeug oder werfen das Schulbuch in den48 Winkel, wenn wir es nicht mehr gern haben oder brauchen. Niemand iſt ſo ſklaviſch ergeben und nie¬ mand ſo undankbar, als wir. Niemand weiß den eignen Werth ſo gruͤndlich zu verkennen, und nie¬ mand die eigne Schuld ſo leichtſinnig andern zuzu¬ ſchreiben, als wir. Wir hielten vor fuͤnfzig Jahren die Franzoſen fuͤr eine Art von Halbgoͤttern, vor zehn Jahren fuͤr halbe Teufel. Wir waren brutal genug, vor ihnen zu kriechen, und noch brutaler, ſie zu verachten. An die Stelle der Dummkoͤpfe, welche den Saͤuglingen ſchon franzoͤſiſche Ammen, ja den Muͤttern franzoͤſiſche Einquartirung gaben, traten an¬ dre Dummkoͤpfe, welche mit ſcythiſcher Dummdrei¬ ſtigkeit die edlen Bluͤthen franzoͤſiſcher Geſelligkeit nie¬ dertraten. Deutſche Politiker nahmen eine erbauliche Miene an und predigten gegen den galliſchen Anti¬ chriſt, und einer oder der andre einfaͤltige Geſchicht¬ ſchreiber ſuchte ſogar ſich und andre zu beluͤgen, daß die Franzoſen von unedlen aſiatiſchen Racen abſtamm¬ ten und die Ehre nicht verdienten, Europaͤer zu hei¬ ßen. Mit gleicher Barbarei verwerfen die Parteien je die Abgoͤtterei der andern. Die Claſſiſchen ſchim¬ pfen gegen das Mittelalter und den Orient. Die Romantiker kreuzigen ſich noch zuweilen vor den al¬ ten Heiden.

Natuͤrlich aͤußert ſich die Vorliebe fuͤr fremde Li¬ teratur zunaͤchſt in Überſetzungen. Bekanntlich wird in Deutſchland ungeheuer viel, ja voͤllig fabrik¬ maͤßig uͤberſetzt. Wenn je[unter] dreißig Werken des49 beſten deutſchen Autors eines im Auslande ſchlecht uͤberſetzt wird, ſo werden dagegen die ſaͤmmtlichen Werke jedes nur irgend erheblichen engliſchen oder franzoͤſiſchen Schriftſtellers in Deutſchland doppelt und dreifach uͤberſetzt, ja man thut ihnen die Ehre an, noch eignes Fabrikat unter ihrem Namen drucken zu laſſen, wie dem Walter Scott. Ohnſtreitig ſind Ruhm und Vortheil auf unſrer Seite. Sollten uns auch viele Tugenden der Fremden mangeln, ſo thei¬ len wir mit ihnen doch auch nicht jene vornehme Bornirtheit, die das Fremde achſelzuckend ignorirt. Es macht uns Ehre, von den großen Britten zu wiſ¬ ſen; den Britten macht es keine Ehre, von den gro¬ ßen Deutſchen nichts zu wiſſen.

Überſetzungen ſind gewiß beſſer als Nachahmun¬ gen, und wer uns einen fremden Dichter uͤberſetzt, hat ſicher mehr gethan, als der ihn nur in eigenen Dichtungen copirt. Aus demſelben Grunde taugen auch die freien Überſetzungen weniger als die treuen. Man verſteht aber unter der Treue ſo viel, daß es unmoͤglich iſt, ſie ganz zu erreichen. Eine Überſetzung kann niemals in allen Stuͤcken treu ſeyn, um es in dem einen zu ſeyn, muß ſie das andere aufopfern. Daher theilen ſich auch die Überſetzer in zwei Klaſſen. Die einen opfern den Inhalt der Form oder den Ge¬ danken dem Wort, den Sinn dem Klange, die an¬ dern umgekehrt dieſen jenem auf. Die einen wollen die Schoͤnheit und den Wohlklang des fremden Aus¬ drucks, die andern nur die Klarheit und Verſtaͤnd¬Deutſche Literatur. I. 350lichkeit deſſelben wiedergeben. Die erſtern herrſchen vor. Ein guter Klang, ein gefaͤlliger Rhythmus und Reim beſticht das Ohr und laͤßt uͤber einen mangel¬ haften Sinn wegſehn. Die meiſten metriſchen Über¬ ſetzungen opfern ungeſcheut den Inhalt auf, um den Wohlklang, das Versmaß, den Reim zu retten. Sinn¬ treue, aber hartklingende Überſetzungen kann man nicht gut leiden, und wenn man gar einen Dichter des treuen Verſtaͤndniſſes wegen in Proſa uͤberſetzt, ſo mag ihn niemand leſen. Man hat hierin aber wohl Unrecht. Allerdings liegt ein großer Theil des Zaubers, womit uns ein Dichter befaͤngt, in ſeinen Rhythmen und Reimen, aber doch immer nur, ſo¬ fern dieſelben gewiſſe poetiſche Bilder und Gedanken einkleiden, und in dieſen beruht der groͤßte Zauber, jenes aͤußere Kleid des Wohlklanges dient nur dieſem. Werden dieſe Bilder verwiſcht, dieſe Gedanken ver¬ dunkelt oder verfaͤlſcht, ſo verliert auch der Wohl¬ klang ſeinen Zauber. Unſre metriſchen Üeberſetzer laſ¬ ſen dies nur zu haͤufig außer Acht. Bei antiken Ori¬ ginalen kuͤnſteln ſie das Metrum, bei romantiſchen die Zahl und Verſchlingung der Reime nach. Um dieſes ſchwierige Unternehmen zu Stande zu bringen, opfern ſie unbedenklich die Verſtaͤndlichkeit, ja ſogar die Wahrheit auf. Sie verrenken und verſchrauben die Conſtruction, laſſen aus und flicken ein, und ge¬ brauchen ſogar oft ganz andere Bilder und Worte, weil die rechte Conſtruction und das rechte Wort nicht ins Metrum oder zum Reime paßt. Der all¬51 gemeine Nothbehelf ſind die Tautologien. Wenn das Flickwort nur einen aͤhnlichen Sinn hat, ſo meint der Überſetzer, er habe genug gethan, ſofern nur zu¬ gleich das Metrum und der Reim gut ins Ohr fallen. Aber Tautologien ſind ihm durchaus nicht erlaubt. Er ſoll nicht ein aͤhnliches, ſondern das einzig rich¬ tige Wort gebrauchen; verlangt es der Reim oder das Metrum anders, ſo iſt es damit nicht entſchul¬ digt, denn nicht der Reim, ſondern der Sinn iſt die Hauptſache. Von dem geruͤgten Übelſtande ſchreibt ſich die ungemeine Verſchiedenheit von Überſetzungen ein und deſſelben Autors her, und wieder die unge¬ meine Gleichheit der verſchiedenſten Autoren, wenn ſie einer uͤberſetzt hat. Von Dante, Taſſo, Petrarca, Camoens beſitzen wir Überſetzungen, die weit von ein¬ ander abweichen, wo faſt jeder Vers anders conſtruirt und gereimt iſt; und umgekehrt ſehn ſich Homer, Heſiod, Theokrit, Äſchylos, Ariſtophanes, Virgil, Horaz, Ovid, Shakespeare ꝛc. in den Voßiſchen Über¬ ſetzungen ſo aͤhnlich, wie ein Ei dem andern. In beiden Faͤllen wird der Charakter des Originals ver¬ faͤlſcht, wenn auch der Wortklang noch ſo kuͤnſtlich copirt iſt.

Nachahmungen entſtehen unvermeidlich aus der Anerkenntniß fremder Vortrefflichkeiten. Warum ſollten wir das nicht nachahmen, was nuͤtzlich oder ſchoͤn und edel iſt? Wir begehn aber insgemein den Fehler, ſtatt der Sachen nur Formen nachahmen zu wollen. Wir ſollten fuͤr unſre Zeit und nach unſrer3*52Weiſe eine ſo harmoniſche Bildung zu gewinnen ſu¬ chen, als die Griechen zu ihrer Zeit auf ihre Weiſe ſie gewonnen. Laͤcherlich aber machen wir uns, wenn wir die griechiſchen Formen nachkuͤnſteln, ohne den Geiſt und das Leben, aus welchen ſie hervorgingen. Wir ſollten unſre geſelligen Verhaͤltniſſe nach unſrer Eigenthuͤmlichkeit ſo fein ausbilden, wie die Franzo¬ ſen es nach der ihrigen thun. Affen aber ſind wir, wenn wir franzoͤſiſche Floskeln und Buͤcklinge nach¬ toͤlpeln. Wir ſollten frei und maͤnnlich zu denken und zu handeln ſuchen, wie Englaͤnder und Amerika¬ ner, aber nicht von einer Nachaͤffung ihrer aͤußerli¬ chen Inſtitutionen das Heil erwarten. Wir ſollten die Tuͤchtigkeit und den tiefen Geiſt des Mittelalters uns erneuern, aber nicht die alte Tracht und Sprache kuͤmmerlich affectiren.

Die formellen Nachahmungen gleichen den Moden und haben daſſelbe Schickſal. Eine kurze Zeit gelten ſie ausſchließlich und man heißt ein Sonderling, wenn man ſie nicht mitmacht. Hinterher erſcheinen ſie alle laͤcherlich. Auch in Rom galt einſt der griechiſche Geſchmack. Wer aber wird anſtehn, die Kraft und den Ernſt der Roͤmer in ihren eigenthuͤmlichen Gei¬ ſteswerken unendlich hoͤher zu ſchaͤtzen, als die Affec¬ tation attiſcher Feinheit in ihren griechiſchen Copien? Lange ſchon erſcheinen uns die Franzoſen in ihren antiken Tragoͤdien nur komiſch, aber wieviel wir uns darauf einbilden, geſchickter zu copiren, ſo ſind doch die als muſterhaft anerkannten Voßiſchen Copien nicht53 minder laͤcherlich. Wir haben laͤngſt dem wackern Cervantes Recht gegeben, doch liefern viele unſrer Romantiker hinreichenden Stoff zu einem neuen Don Quixotte, und Fouqué hat deren eine Menge ge¬ ſchrieben, ohne es ſelbſt zu wiſſen.

Die Erfahrung ſo vieler wechſelnden Moden, die ſich immer ſelbſt in Widerſpruch ſetzen und vernich¬ ten, ſcheint nicht ohne gute Folgen geblieben zu ſeyn. So viele Parteien noch herrſchen, beginnt man doch, ihre Vermittlung zu verſuchen. Nachdem wir der Reihe nach alle gebildete Nationen kennen gelernt, bewundert und nachgeahmt haben, Roͤmer, Griechen, Franzoſen, Englaͤnder, Italiener, Spanier, ſind wir jetzt auf einen Augenblick wieder nach Hauſe zuruͤck¬ gekehrt und beſinnen uns. Wir bemerken, daß wir immer von der erſten Bekanntſchaft zu uͤbertriebner Bewundrung einer fremden Nation, und zu voͤllig ſklaviſcher Nachahmung derſelben raſch fortgeſchritten, dann aber des Extrems bald uͤberdruͤßig geworden ſind, worauf eine neue ruhige Betrachtung uns die¬ jenigen Vorzuͤge der Fremden hervorgehoben und uns angeeignet hat, die nachahmungswuͤrdig ſind und auch nachgeahmt werden koͤnnen. Wir unterſcheiden all¬ maͤhlich die herrliche Gade, uns in den Geiſt andrer Nationen und Zeiten zu verſetzen, die dichteriſche Faͤhigkeit, jede fremde Illuſion anzunehmen, von der praktiſchen Nachaͤfferei. In jener finden alle Gegen¬ ſaͤtze neben einander Platz, in dieſer heben ſie einan¬ der auf. Die Phantaſie mag uns in einem Augen¬54 blick nach Griechenland, im andern nach London ver¬ ſetzen, doch wir ſelber bleiben in Deutſchland ſitzen. Wir hatten im Ungeſtuͤm des Enthuſiasmus den Feh¬ ler begangen, unſre Eigenthuͤmlichkeit zu beſeitigen, um mit Haut und Haar in die fremde hinuͤberſprin¬ gen zu wollen. Wir bemerken jetzt, daß wir mit al¬ lem offnen Sinn fuͤr das Fremde doch zugleich eine eigenthuͤmliche Auffaſſungsweiſe fuͤr daſſelbe mitbrin¬ gen, meiſt eine innerliche, phantaſtiſche, tiefſinnige, und indem wir dieſe walten laſſen, verſchmilzt erſt ſie die Vorzuͤge der Fremden mit unſrer Nationalitaͤt.

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Der literariſche Verkehr.

Denkt man an die Zeit zuruͤck, da jedes Buch nur in wenigen Handſchriften exiſtirte, ſo begreift man, welch unermeßliches Übergewicht die heutige Literatur durch die Maſchinerie des Drucks und durch den Buchhandel gewonnen hat. Wenn daraus ein Segen fuͤr alle Zeiten erwachſen iſt, wenn wir Deut¬ ſche uns der Erfindung ewig werden ruͤhmen koͤnnen, ſo ſoll uns dies doch auch gegen einige Nachtheile nicht blind machen, die das leichte Verbreiten der Schriften mit ſich fuͤhrt. Es erſtickt naͤmlich die we¬ nigen guten Schriften unter der Laſt der ſchlechten, und da das Drucken ein Handwerk iſt, ſo geht es auf Nahrung aus, ob der Geiſt dabei gewinnen mag, oder nicht. Der Autor muß Buͤcher ſchaffen, nicht immer damit die Welt etwas Treffliches leſe, ſon¬ dern damit der Drucker drucken, der Verleger ver¬ kaufen koͤnne.

Wiewohl die Deutſchen Erfinder des Drucks ſind, werden ſie doch von den Englaͤndern in der56 Kunſt, ſowohl ſchnell als ſchoͤn zu drucken, bei wei¬ tem uͤbertroffen. Nirgends herrſcht ſo viel Traͤgheit und Nachlaͤſſigkeit, auch im Buͤcherdrucken, als in Deutſchland. Nirgends findet man ſo ſchlechtes Pa¬ pier, ſo ſtumpfe Lettern, ſo viele Druckfehler. Dies ruͤhrt zum Theil daher, daß das Publikum es nicht ſo genau nimmt, und in der That, wer zuſieht, wie die meiſten Leſer mit Buͤchern umzugehen pflegen, gibt ihnen nicht gerne eine engliſche Ausgabe in die Hand. Der Hauptgrund, warum unſre Buͤcher ſo ſelten mit aͤußrer Pracht und Eleganz ausgeſtattet ſind, liegt aber wohl in der deutſchen Kleinkraͤmerei. Faſt alle unſre Buchhaͤndler treiben nur Kramhandel fuͤr den Hausbedarf des Buͤrgers. Die hohe Nobleſſe verſorgt ſich aus Paris und London. Die wenigen großen Buchhaͤndler in Deutſchland liefern zuweilen auch ein typographiſches Prachtwerk, aber meiſt zu ihrem Schaden. Loͤſchpapier findet beſſern Abſatz.

Was den Buchhandel betrifft, ſo leidet er an zwei Hauptuͤbeln, dem Geldwucher und dem Mode¬ geſchmack. Die meiſten Buchhaͤndler ſind nur Kauf¬ leute und ſuchen nur mit den Buͤchern Geld zu ge¬ winnen, gleichviel, ob dieſe Buͤcher gut oder ſchlecht, heilſam oder verderblich ſind. Nur wenige haben ſich in der Geſchichte einen Namen und im Vaterlande warmen Dank erworben durch uneigennuͤtzige Befoͤr¬ derung des Guten, Wahren und Schoͤnen, wo es der Aufmunterung und Unterſtuͤtzung bedurfte. Der Buchhaͤndler hat, wenn es ihm an Mitteln nicht ge¬57 bricht, einen ſchoͤnen Wirkungskreis. Er kann dem guten Schriftſteller in die Haͤnde, dem ſchlechten ent¬ gegenarbeiten. Er kann durch die Wahl ſeiner Ver¬ lagsartikel die Bildung und den Geſchmack gewiſſer¬ maßen beherrſchen, und auf das Publikum einen Ein¬ fluß uͤben, wie ihn im Kleinen jede Theaterdirek¬ tion durch ihr gutes oder ſchlechtes Repertorium uͤbt. Er hat den edlen, ſeinen Stand hoch ehrenden Beruf, ein Maͤcen zu ſeyn. Er kann durch ſeine Unterſtuͤtzung manchem Genie einen freien Boden ge¬ ben, wo es ſich entwickeln kann; er kann das Ver¬ borgne oder Verkannte an das Licht ziehn, und nicht ſelten verdanken wir ihm erſt, was uns am Weiſen, am Dichter erhebt, und entzuͤckt. Er kann endlich, vermoͤge ſeiner Stellung, die Literatur im Ganzen uͤberblicken, und die Luͤcken bemerken, den Schrift¬ ſtellern heilſame Winke geben, Wege bereiten, die mannigfaltigen Kraͤfte der gelehrten und ſchoͤnen Gei¬ ſter unmerklich lenken. Aber um dieſen ehrenvollen, großen Beruf zu erfuͤllen, bedarf der Buchhaͤndler nicht nur eines klaren Kopfes, eines edlen Willens, ſondern auch der oͤkonomiſchen Mittel; dieſe Dinge finden ſich ſehr ſelten vereinigt. Bedenken wir fer¬ ner, daß auch der beſte Buchhaͤndler immer theils vom Publikum und ſeiner Modeluſt, theils von den Schriftſtellern abhaͤngig iſt, ſo koͤnnen wir von den Buchhaͤndlern allein das Heil der Literatur freilich nicht erwarten.

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Die Mehrzahl der Buchhaͤndler ſind nur Kraͤ¬ mer, denen es groͤßtentheils einerlei iſt, ob ſie mit Korn oder mit Wahrheit, mit Zucker oder mit Ro¬ manen, mit Pfeffer oder mit Satyren handeln, wenn ſie nur Geld verdienen. Der Buchhaͤndler iſt ent¬ weder Fabrikant oder Spediteur oder beides zugleich. Die Buͤcher ſind ſeine Waare. Sein Zweck iſt Ge¬ winn, das Mittel dazu nicht abſolute, ſondern rela¬ tive Guͤte der Waare, und dieſe richtet ſich nach dem Beduͤrfniß der Kaͤufer. Was die meiſten Kaͤu¬ fer findet, iſt fuͤr den Buchhaͤndler gute Waare, wenn es auch ein Schandfleck der Literatur waͤre. Was keinen Kaͤufer findet, iſt ſchlechte Waare, und waͤren es Offenbarungen aus allen ſieben Himmeln. Soll ein Buch Kaͤufer finden, ſo muß es dem be¬ kannten Geſchmack des Publicums angemeſſen ſeyn, oder ſeinen Neigungen und Schwaͤchen ſchmeicheln und eine neue Mode erzeugen koͤnnen. Deswegen beguͤnſtigen die Verleger das Triviale und das Aben¬ teuerliche. Soll das Publicum wiſſen, daß das Buch ſeinem Geſchmack entſpricht, ſo muß der Titel es an¬ locken. Deswegen iſt dem Verleger ein guter Titel mehr werth, als ein gutes Buch, oder dieſes nur durch jenen, und es entſteht ein Wetteifer unter den Buchhaͤndlern, die ſchmeichelhafteſten Titel auszuhe¬ cken. Woher nimmt aber der Verleger ſolche Waare, die er fuͤr gut erkennt? Sie waͤchst nicht ſo haͤufig wild, als er dadurch reich werden koͤnnte. Sie muß alſo durch Kunſt erzeugt werden. Es wird alſo ſtatt59 der ſeltnen Alpenweide die uͤberall ausfuͤhrbare Stall¬ fuͤtterung der Autoren eingefuͤhrt. Der Verleger un¬ terhaͤlt ſie, und ſie liefern ihm Milch, Butter, Kaͤſe, Haut und Knochen. Und iſt wohl je ein Verleger verlegen um ſolche Leibeigene? Es draͤngen ſich ihm mehr zu ſeinem Gnadentiſch, als er verlangt. Je mehr fabricirt wird, deſto ſchlechter, je ſchlechter, deſto leichter, je leichter, deſto mehr Leute werden geſchickt dazu.

Vom Nachdruck kann hier nicht viel geſagt werden, da er auf den Gehalt der Literatur durch¬ aus keinen Einfluß uͤbt. Indeß will ich doch bei die¬ ſer Gelegenheit ein wenig meine Verwunderung aus¬ druͤcken, warum uͤber dieſen famoͤſen Nachdruck bei uns noch immer ſo verſchiedne Meinungen herrſchen. Er wird nicht nur von den Nachdruckern ſelbſt, oder vom Publicum, das dabei gewinnt, ſondern auch von ſcharfſinnigen Juriſten vertheidigt und von man¬ chen Regierungen geduldet, verworfen aber nur von den betheiligten Autoren und Verlegern und von rechtlich Denkenden, ſey es auch, daß ſie rechtlich nur daͤchten, denn viele der Art ſind mir bekannt, die den Nachdruck verwerfen, das Nachgedruckte aber kaufen. In dieſem Widerſtreit des aͤußern Vortheil mit dem innern Verdammungsurtheil des Gewiſſens liegt der Grund, warum der Nachdruck trotz alles Moraliſirens immer fortbeſteht, und trotz aller Pri¬ vilegien doch immer verdammt wird. Laßt ihn im¬ mer beſtehen, wenn die menſchliche Natur, die nach60 aͤußern Vortheilen trachtet, ſich nicht bezwingen laͤßt. Diebe wird es ewig geben, oder die Traͤume der Idealiſten von allgemeiner Weltverbeſſerung muͤßten in Erfuͤllung gehn. Verdenkt es alſo den Nachdru¬ ckern nicht, wenn ſie den Autor und rechtmaͤßigen Verleger beſtehlen, aber ſtraft ſie, wenn ihr ſelbſt recht thun wollt. Verdenkt es auch dem Publicum nicht, wenn es die nachgedruckten Werke kauft, da es ſo oft von den rechtmaͤßigen Verlegern uͤbervor¬ theilt wird, und wenn es nur zwiſchen zwei Schrau¬ ben die Wahl hat, diejenige waͤhlt, die es am we¬ nigſten ſchraubt; hebt den einen Betrug auf, indem ihr den andern unterdruͤckt, denn wenn jedes Buch ſo wohlfeil verkauft wird, als der Nachdruck deſſel¬ ben, ſo wird der Nachdrucker bald ſeine Bude ſchlie¬ ßen muͤſſen. Mit einem Wort, gewaͤhrt den Men¬ ſchen ihren Vortheil auf rechtlichem Wege, damit ſie den ſtraͤflichen nicht einſchlagen duͤrfen, und ſtraft ſie dann, wenn ſie es dennoch thun. Sophiſten aber ſind, die den Nachdruck als etwas Rechtliches in Schutz nehmen, ihn nicht aus dem Vortheil, den er mit ſich fuͤhrt, ſondern aus dem Recht, auf dem er gegruͤndet ſey, herleiten und entſchuldigen. Aller¬ dings iſt der Streit uͤber das geiſtige Eigenthum zwiſchen Verleger und Autor, wenn es an einem be¬ ſtimmten Contrakt gebricht, nicht immer leicht zu entſcheiden, allerdings ſind die Autoren oder ihre Er¬ ben in den meiſten Faͤllen von den Buchhaͤndlern uͤbervortheilt worden, und dieſe Letztern haben allein61 die Fruͤchte einer Arbeit genoſſen, die dem Arbeiter zuſtanden, und es waͤre zu wuͤnſchen, daß daruͤber unzweideutige Geſetze gegeben wuͤrden, das geiſtige Eigenthum kann aber immer nur entweder dem Au¬ tor, oder durch Vertrag dem Verleger zuſtehn, und muß es ſo lange, als dieſer rechtmaͤßige Beſitzer oder ſein rechtmaͤßiger Erbe lebt, es kann erſt dann Ge¬ meingut werden, wie jedes andre Gut, wenn der letzte Erbe ſtirbt. Kein Dritter kann ohne Gewalt oder Diebſtahl dieſes geiſtigen Eigenthums ſich be¬ maͤchtigen, ſo lange der rechtmaͤßige Beſitzer lebt. Oder wer ſollte denn das Recht haben, dieſe Ge¬ walt, dieſen Diebſtahl zu begehen? wenn einer, dann auch jeder, und doch werden die Wenigſten damit zu¬ frieden ſeyn, daß der Nachdrucker behaupten darf: ich bediene mich eines Rechts, das euch auch zuſteht, deſſen ihr euch nicht bedient, weßhalb ihr zwar thoͤ¬ richter ſeyd, als ich, aber keineswegs rechtlicher! Sie werden vielmehr den Nachdrucker als das an¬ ſehn, was er iſt, als einen Dieb, und ſich ſchaͤmen, mit ihm ein Recht zu theilen, deſſen Anwendung eine Suͤnde und Schande iſt. Ihr aber, die ihr den Geiſt eines großen Schriftſtellers als Nationaleigen¬ thum betrachtet und fuͤr die Mittheilung deſſelben unbedingte Freiheit verlangt, die ihr zu kluͤgeln pflegt, ob, wenn der Nachdruck verboten ſeyn ſoll, nicht auch Auswendiglernen und Abſchreiben verbo¬ ten werden muͤßte, bedenkt doch, ob ihr euer Aus¬ wendiggelerntes und eure Abſchriften auch verkaufen62 wuͤrdet, wie der Nachdrucker ſeyn Buch, ob der Un¬ terſchied nicht eben in dieſem Verkauf liegt, und ob ihr nicht zufrieden ſeyn koͤnnt, daß euch jener große Geiſt an Tugenden und Kenntniſſen bereichert hat, und daß es wahrhaft demokratiſcher Übermuth waͤre, auch noch die zeitlichen Vortheile theilen zu wollen, die ſeine Werke denen bringen moͤgen, denen er ſie freiwillig uͤberlaſſen hat. Seyd zufrieden, daß dieſer Geiſt nicht blos uͤber ein Eigenthum zu gebieten hatte, das baare Zinſen traͤgt, und das er nur ei¬ nem oder wenigen ſchenken konnte, ſondern daß er auch noch ein Hoͤheres beſaß, welches der Seele wu¬ chert, und das er euch allen großmuͤthig geſchenkt hat.

Das Genie ſchafft gute, der Geldwucher viele Buͤcher. Die Buchhaͤndler tragen aber nicht allein die Schuld davon. Sie fordern die ſchlechten Auto¬ ren nicht oͤfter auf, als ſie von dieſen aufgefordert werden. Der Schein klagt die Buchhaͤndler an und rechtfertigt ſie; es ſind eben Kaufleute. Je mehr die Meinung, und nicht mit Unrecht, verbreitet iſt, daß der Buchhaͤndler den Gewinn, der Autor die Ehre davon trage, deſto leichter kann der Autor ſeine eigne Habſucht verbergen. Ich mag die vielen Satyren gegen das Dichten und Schreiben ums liebe Brod nicht mit einer neuen vermehren; Jedermann weiß, daß viele hundert Federn in Deutſchland feil ſind. Die einen dienen um ein aͤrmliches Tagelohn, die andern verkaufen ſich an den Meiſtbietenden. Da63 man ſeichte und ſchlechte Buͤcher am liebſten liest, und dieſe ſich am leichteſten und[ſchnellſten] fabriciren laſſen, iſt ein edler Wetteifer zwiſchen Verlegern und Verfaſſern entſtanden. Bald ſehn wir einen unter¬ nehmenden Buchhaͤndler ein halbes Dutzend Hunger¬ leider beſolden, die ihm Romane, Überſetzungen, Schulbuͤcher und praktiſche Auweiſungen verfertigen muͤſſen; bald einen unternehmenden Autor ein halbes Dutzend Buchhaͤndler in Bewegung ſetzen, denen er ſich wie ein Zuchtſtier abwechſelnd in die Pacht gibt.

Der Grund der deutſchen Schreibluſt liegt zwar allerdings tiefer, doch traͤgt die Anarchie des aͤußern literariſchen Verkehrs unſtreitig ſehr viel bei, den Buͤcherpoͤbel zur Herrſchaft zu bringen. Wo alle kochen, wird ſchlecht gekocht; wo alle ſchreiben, wird ſchlecht geſchrieben. Daß aber auch die ſchlechteſten Buͤcher gedruckt und geleſen werden, hat ſeinen Grund nur in den aͤußern Verhaͤltniſſen des Buchhandels und des Publikums. Waͤre das Publicum gebildet genug, ſo wuͤrden die Buchhaͤndler nur gute Buͤcher abſetzen, mithin auch nur ſolche drucken laſſen, ſo wuͤrden die ſchlechten Schriftſteller wie Pilze vertrock¬ nen. Schlechte Buͤcher entſtehen nur, wenn die Buch¬ haͤndler wollen, und dieſe wollen nur, wenn das Publicum damit zufrieden iſt. Allerdings ſind die Buchhaͤndler ſehr oft gewiſſenloſe Hoͤflinge, die den Herrn, deſſen Brod ſie eſſen, oder das Publicum, noch ſchlechter machen, aber wenn ſie einen tuͤchtigen Herrn haͤtten, ſo wuͤrden ſie ſelbſt beſſer ſeyn muͤſſen.

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Wer einmal fuͤr das Geld ſchreibt, hat ſchon alle Scham aufgegeben, der Eine, weil er muß, aus Verzweiflung; der Andre mit Bedacht, wie ein Poſ¬ ſenreißer, um deſto mehr Zuſchauer anzulocken. Die gewoͤhnlichen Suͤnden dieſer Buͤchermacher ſind: Ehr¬ loſigkeit, die keine Mittel ſcheut, um Aufſehen zu er¬ regen, oder wenigſtens Abſatz zu bekommen; bruta¬ ler Hohn gegen die redlichen Autoren, denen ſie in's Handwerk pfuſchen, Schmeichelei der boͤſen und ver¬ borgnen Neigungen, und Beſchoͤnigungen des Laſters, theils um ein ergiebiges Feld zu bearbeiten, das die beſſern Autoren ihnen uͤbrig gelaſſen, theils um ihre Leſer zu ihren Mitſchuldigen zu machen; Heuchelei, wenn es gilt, der Froͤmmigkeit oder Ehrlichkeit einen Blutpfennig abzudringen; ſchamloſe Dieberei und Flickerei aus beſſern Werken, wenn dieſelben Gluͤck gemacht haben; endlich die alles umfaſſende, alles durchdringende Trivialitaͤt, die abgeſchmackte Bruͤhe, in der alles gekocht wird.

Schon bald nach Erfindung des Drucks uͤber¬ ſchwemmte die Polemik der Confeſſionen Deuſchland mit theologiſchen Schriften. Als man endlich wieder etwas luſtiger wurde, kam die Belletriſtik in Flor. Da man die zahlreichen Vortheile, welche die Schrift¬ ſtellerei dem Eigennutz und dem Ehrgeitz gewaͤhrt, genau erkannt hatte, draͤngte ſich alles zur Autor¬ ſchaft, und ſelbſt, die geſchwiegen haben wuͤrden, ſa¬ hen ſich durch Freunde, Schuͤler, Angriffe und ſchlechte Buͤcher zur Abfaſſung ihrer eignen gedrungen. End¬65 lich erkannten die Buchhaͤndler, welchen Gewinn ſie vom Publikum ziehen koͤnnten, wenn ſie demſelben alles Intereſſante aus dem bisher von der Zunft verſchloßnen Reiche des Wiſſens mittheilten, das Heilige profanirten, das Gute der Fremden nationa¬ liſirten, und alsbald legten ſie Fabriken an und beſoldeten ihre Buͤchermacher fuͤr alle Staͤnde, Ge¬ ſchlechter und Alter, fuͤr das Volk, die Jugend, die Damen, und vorzugsweiſe fuͤr alle, die an Maſſe die zahlreichſten, die Buͤcher auch in Maſſe bezahlen konnten.

Der Einfluß dieſes Verhaͤltniſſes auf den Ge¬ halt der Literatur iſt verſchiedenartig und hat wie¬ der ſeine gute und boͤſe Seite. Es iſt allerdings ein ſchoͤnes Zeichen der Zeit, daß die geiſtige Cultur all¬ gemein befoͤrdert, daß jedem alles Wiſſen zugaͤnglich gemacht wird. Indeß iſt eben ſo gewiß, daß das urſpruͤngliche Licht der Aufklaͤrung in ſo mannigfach graduirten Farben gebrochen ſich verdunkelt, daß, was fuͤr die Maſſe gewonnen wird, vom Gehalt ab¬ geht. Der Himmel ſtreut die Gaben des Genius nicht allzu verſchwenderiſch aus. Viele ſind berufen, aber wenige nur ſind auserwaͤhlt, von hundert deut¬ ſchen Schriftſtellern kaum einer. Was nun die Geiſt¬ loſen ſchreiben, iſt wie ſie ſelbſt, und kein Werk ver¬ laͤugnet ſeinen Schoͤpfer. Die guten Buͤcher werden von den ſchlechten nur allzu leicht verdraͤngt, und da die Maſſe die Anſtrengung ſcheut, ſo vergißt ſie bei dem ſeichten Autor, den ſie verſteht, gern den tiefen,66 der ihr ſchwierig erſcheint. Sie hegt eine gewiſſe Ehrfurcht vor dem Gedruckten, und ſieht ſie nur ihre Gemeinplaͤtze gedruckt, ſo erkennt ſie den beſſern Buͤ¬ chern den hoͤherer Rang nicht mehr zu. Daß in Deutſchland ſo viel Erbaͤrmliches geſchrieben wird, hat einen gewiſſermaßen phyſiſchen Grund. Die Ge¬ nies wachſen bekanntlich nicht waͤlderweiſe, ſondern einzeln und ſelten. Die vielen tauſend deutſchen Buͤ¬ cher werden nicht von lauter Genies, ſondern vom Haufen geſchrieben. Ich will indeß die Ehre einer ſo anſehnlichen Menge deutſcher Maͤnner nicht her¬ abſetzen. Man kann der beſte, ja der weiſeſte Menſch ſeyn, und doch kein gutes Buch zu Stande bringen. Mancher vortreffliche Mann erſcheint uns erſt ein wenig einfaͤltig, wenn er fuͤr den Druck ſchreibt, wie umgekehrt mancher erſt dann beſeelt zu werden ſcheint, wenn er die Feder in die Hand nimmt.

Wir haben viele ſchlechte Buͤcher, wie in Revo¬ lutionen viele ſchlechte Menſchen an die Spitze kom¬ men. Sie ſind fuͤr einen Augenblick allmaͤchtig, im naͤchſten fallen ſie in ihr Nichts zuruͤck. Seufzt der Fromme, der Poͤbel lacht. Zuͤrnt ein Prophet, der Haufe wagt es, ihn zu verachten. Alle Bemuͤhungen, die Wahrheit, die Gerechtigkeit und den guten Ge¬ ſchmack zu vertheidigen, ſcheitern an der Unverſchaͤmt¬ heit der Modeſchriftſteller. Wo recht viele Schlechte zuſammen kommen, entſteht ein esprit de corps, der ſo heroiſch iſt, als gaͤlte es das Heiligſte. Man kann daruͤber reden, aber man ſoll ſich nicht einbil¬67 den, es aͤndern zu koͤnnen. Man kann nur wie Ta¬ citus die ſchlechte Gegenwart ſchildern, ohne ſich an¬ zumaßen, ſie beſſern zu wollen. Man darf nur die Zeit abwarten. Schlechte Buͤcher haben ihre Jah¬ reszeit, wie das Ungeziefer. Sie kommen in Schwaͤr¬ men, und ſind vernichtet, ehe man es denkt. Wo iſt die theologiſche Polemik des ſiebzehnten Jahrhunderts geblieben? wo iſt der Geſchmack des achtzehnten, wo iſt Godſched hingekommen? Wie viele tauſend ſchlechte Buͤcher ſind den Weg alles Papiers gegan¬ gen, oder modern in Bibliotheken! Die unſrigen halten nicht einmal ſo lange wieder, weil das Pa¬ pier ſelber ſchlecht iſt, wie der Inhalt. Die Moden wechſeln zwar nur, und Thorheit und Gemeinheit wiſſen ſich unter neuer Geſtalt immer wieder geltend zu machen; doch die alten Suͤnder bekommen ſicher ihren Lohn. Die Gegenwart duldet keinen Richter, aber die Vergangenheit findet immer den gerechteſten. Selbſt unſre Thoren kennen und verachten die alten, ohne zu ahnen, daß es ihnen nicht beſſer gehen wird. Vermoͤge eines gluͤcklichen Inſtinkts der menſchlichen Natur, nehmen wir uns aus dem literariſchen Erbe der Vergangenheit immer nur das Beſte, oder we¬ nigſtens das Wichtigſte heraus. Unter drei guten Schriftſtellern erhaͤlt wenigſtens einer erſt in der Zukunft ſeine Apotheoſe, und unter hundert ſchlech¬ ten, die in der Gegenwart glaͤnzen, bringt immer nur einer ſein boͤſes Beiſpiel auf die Nachwelt.

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Es gibt ſchlechte Principien, die ſich in der Li¬ teratur ausſprechen, und jede Partei haͤlt die entge¬ gengeſetzte fuͤr ſchlecht. Aber jede hat die Befugniß, ſich auszuſprechen, und das ſchlechteſte Princip kann noch auf geniale Weiſe und zum Glanze der Litera¬ tur vertheidigt werden. Ein ganzer Teufel iſt noch immer intereſſanter, als ein halber, matter, trivia¬ ler Engel. Nicht ſchlechte Principien, ſondern ſchlechte Kraͤfte ſind Schuld am Verderben der Literatur wie des Lebens. Die Mittelmaͤßigkeit, die Geiſtloſigkeit, die Schwaͤche, die Furcht vor dem Genie, der Haß gegen die Groͤße, die Unverſchaͤmtheit und die An¬ maßung des literariſchen Poͤbels und die ſtillſchwei¬ gende oder prahleriſche Demagogie gegen die Ariſto¬ kratie der großen Geiſter, kurz die Gemeinheit der Schriftſteller iſt die Erbſuͤnde der Literatur. Unbe¬ merkt haben die Menſchen die Grundſaͤtze erſetzt und an ihre Stelle ſich geſchoben, wie in der franzoͤſiſchen Revolution. Statt der feindſeligen Principien ver¬ ſchiedner Parteien kaͤmpfen die Edlen und Schlechten von allen Parteien. Es gibt wenig gute Buͤcher, aber von jeder Partei, und unzaͤhlige ſchlechte wie¬ der von jeder. Waͤhrend die Maſſen um ihre Grund¬ ſaͤtze und Meinungen zanken, erheben ſich die weni¬ gen wahrhaft Gebildeten immer nur gegen die Ge¬ meinheit der Maſſen. Sie ehren jede Kraft, ſelbſt die feindliche; nur die Halbheit, Falſchheit, Ohn¬ macht iſt ihr unverſoͤhnlicher Feind.

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Die Umſtaͤnde tragen vieles bei, daß eine ſo große Menge unberufener Autoren auftritt. Die Kunſt iſt profanirt worden. Man glaubt keiner Meiſter¬ ſchaft mehr zu beduͤrfen. Jeder achtet ſich fuͤr eben ſo befugt, zu ſchreiben, als zu reden. Die Gelehr¬ ſamkeit der Kaſte iſt ſo ins Abſurde gerathen, daß die geſunde Vernunft der Laien eine Revolution da¬ gegen erheben und einen leichten Sieg davon tragen konnte. Ploͤtzlich brachen aus der Hefe des Laien¬ volks Publiciſten und Romanſchreiber, als andre Mar¬ ſeiller und Septembriſeurs, unter die alten gelehrten Peruͤken, und auch die Poiſſarden fehlten nicht. Wie haͤtten die Weiber, bei denen der geſunde Menſchen¬ verſtand immer wie an der Wurzel haͤlt, ihre Sen¬ timens und natuͤrlichen Erfahrungen nicht geltend ma¬ chen ſollen, wie haͤtten ſie nicht mit ihren Talenten glaͤnzen wollen, da die Bahn des Ruhms ihnen offen ſtund. So ſehn wir jetzt eine naͤrriſche Armee von Weibern und Kindern das Ballhaus zur literariſchen Nationalverſammlung machen, und dem deutſchen Publikum Geſetze geben.

Der Gelehrte ſchreibt, weil er weiſer zu ſeyn glaubt, als andre, und weil er die Schriftſtellerei zu ſeinen Rechten und Pflichten zaͤhlt. Die Profanen ſchreiben, weil ſie ſich fuͤr geſcheiter und geſuͤnder achten, als die Gelehrten, und weil ſie, indem ſie uns zur Natur zuruͤckfuͤhren wollen, zunaͤchſt ihre eigne fuͤr die rechte halten. Endlich iſt es ein immer wiederkehrender Wahn der Einfaͤltigen, der Eitlen70 und der Jugend, daß, was fuͤr ſie ſelbſt neu iſt, auch fuͤr die ganze Welt neu ſeyn muͤſſe. Es entſte¬ hen taͤglich neue wiſſenſchaftliche Buͤcher, worin auch nicht ein neuer Gedanke fuͤr die Welt iſt, ſo neu auch alle dem Autor geweſen ſeyn moͤgen. Vor den Gedichten aber iſt faſt keine Rettung mehr. Wenn ein Juͤngling liebt, meint er, die ganze Welt liebe zum erſtenmal. Er macht Verſe und waͤhnt, niemand habe dergleichen noch gehoͤrt.

Die Schreibwuth der Naturaliſten hat diejenige der Gelehrten keineswegs verdraͤngt, ſondern nur noch lebhafter angefacht. Die Univerſitaͤten machen es ſich zur Pflicht, zu ſchreiben, was die Preſſe vermag, und gelehrte Buͤcher bilden die Stufen, auf welchen der Candidat in hoͤhere Ämter ſchreitet. Wie kuͤm¬ merlich friſtet ſich manches gelehrte Journal, aber es gilt die Ehre der Univerſitaͤt, und das ganze akade¬ miſche Volk wird beſteuert. Wie ſauer wird es man¬ chem Neuling, ein Buch zuſammenzuſchreiben, aber es gilt die Ehre und das Amt, und Noth bricht auch den eiſernen Schaͤdel. Die Arbeiten ſind aber auch darnach, und man ſieht ihnen alle die Muͤhe an, deren ſie nicht werth ſind.

Man beſchaͤftigt ſich je mehr und mehr, popu¬ laͤr zu ſchreiben, der groͤßern Maſſe des Publikums alles Nuͤtzliche und Belehrende mitzutheilen, was von Fremden oder durch die Gelehrſamkeit gewonnen wird. Selbſt die ſtrengſten Wiſſenſchaften werden ſo zube¬ reitet, daß auch der Ungebildete einen Geſchmack da¬71 von bekommt. Es erſcheinen: Mythologien fuͤr Da¬ men, populaͤre Vorleſungen uͤber die Aſtronomie, Haus¬ apotheker und Selbſtaͤrzte, Weltgeſchichten fuͤr die Jugend, die Weltweisheit in einer Nuß, und die Theologie in acht Baͤnden oder Stunden der Andacht und dergleichen. Wie zu des Heilands Geburt haͤlt man einen allgemeinen Kindermarkt, und alle Buch¬ haͤndlerbuden haͤngen voll Schriften fuͤr die (elegante) Welt, das Volk, die (gebildeten) Staͤnde, die Da¬ men, die (deutſchen) Frauen, das (reifere) Alter, die (zartere, liebe) Jugend, Soͤhne und Toͤchter edler Herkunft, Buͤrger und Landmann, fuͤr Jeder¬ mann, fuͤr allerlei Leſer, kurz fuͤr ſo viele, als der Buchhaͤndler zuſammen trommeln kann.

An und fuͤr ſich iſt das Beſtreben, faßlich zu ſchreiben und die ungebildete Mitwelt zu belehren, eben ſo lobenswuͤrdig, als die gelehrte Vornehmigkeit, die mit ihrer Hieroglyphenſprache prahlt, und ſtolz darauf iſt, daß der große Haufe ſie nicht verſteht, verworfen werden muß. Auch die wenige Strenge, mit welcher wiſſenſchaftliche Gegenſtaͤnde im populaͤ¬ ren Vortrag abgehandelt zu werden pflegen und der fade Ton, der ſich dabei einſchleicht, laͤßt ſich zum Theil durch das Publikum entſchuldigen, nach deſſen Faſſungskraͤften der Autor ſich richten muß, wenn er gehoͤrt und verſtanden werden will. Indeß laͤßt ſich nicht verkennen, daß es doch nur wieder die vielen unberufenen Autoren ſind, die auch hier das meiſte verderben. Auch der ſeichteſte Kopf maßt ſich an,72 fuͤrs Volk zu ſchreiben, waͤhrend er ſich ſchaͤmen wuͤrde, fuͤr die Gelehrten zu ſchreiben. Das Volk haͤlt jeder fuͤr gut genug, ein Auditorium abzugeben, und fuͤr ſchlecht genug, um ihm auch das Albernſte vorzutra¬ gen. Nichts erſcheint ſo leicht, als fuͤr das Volk zu ſchreiben, denn je weniger man Kunſt anwendet, deſto eher wird man verſtanden; je mehr man ſich gehn laͤßt, je gemeiner und alltaͤglicher man ſchreibt, deſto mehr harmonirt man mit der Maſſe der Leſer. Je tiefer man zu der Beſchraͤnktheit, Brutalitaͤt, den Vor¬ urtheilen und den unwuͤrdigen Neigungen der Menge hinabſteigt, deſto mehr ſchmeichelt man ihr, und wird von ihr geſchmeichelt. Fuͤr das Volk ſchlecht zu ſchrei¬ ben, iſt daher den ſchlechten Schriftſtellern leicht und erſprießlich, daher es auch bis zum Frevel getrieben wird. Fuͤr das Volk aber gut zu ſchreiben, iſt ſicher etwas ſehr Schwieriges und darum geſchieht es ſo ſel¬ ten. Will man die Maſſe beſſern und veredeln, ſo laͤuft man Gefahr ihr zu mißfallen. Will man ſie uͤber hoͤhere Dinge belehren, ſo iſt es hoͤchſt ſchwie¬ rig, den rechten Ton zu treffen. Man hat entweder zu einſeitig den Gegenſtand vor Augen, und ſpricht daruͤber zu gelehrt und unverſtaͤndlich, oder man be¬ ruͤckſichtigt eben ſo einſeitig die Menge und entweiht den Gegenſtand durch einen allzu trivialen, oft bur¬ lesken Vortrag. Die Schriftſteller fehlen hierin ſo oft, als die Prediger.

Indem Autoren und Buchhaͤndler unter einander wetteifern, eine moͤglichſt große Popularitaͤt ihrer73 eigenen geiſtigen Produkte oder doch ihrer Bearbei¬ tung fremder zu erzielen, wetteifert wieder das Pu¬ blikum mit beiden, dieſe popularen Sachen zu kau¬ fen und zu verſchlingen. Das Popularmachen geſchieht hauptſaͤchlich auf drei Wegen, durch Zeitſchriften, wohlfeile Ausgaben und Auszuͤge oder Handbuͤcher.

Die periodiſche Literatur iſt theils bloßen Anzeigen, theils Auszuͤgen und einzelnen kleinen Gei¬ ſtesprodukten gewidmet. In beiden Faͤllen iſt Popu¬ laritaͤt ihr erſtes und letztes Ziel. Alle Zeitſchriften ſind Wirthshaͤuſer, die nur der Gaͤſte wegen da ſind. Der anzeigende und rezenſirende Theil derſelben hat ſich bei der ungeheuern Zunahme der Buͤcher ſelbſt ſo unentbehrlich zu machen gewußt, daß er fuͤr eine bedeutende Menſchenmenge wirklich an die Stelle der Werke ſelbſt tritt. Man liest ſtatt der Buͤcher nur deren Rezenſionen. Mehrere hundert Zeitſchriften fuͤr alle literariſchen Faͤcher cirkuliren taͤglich in Deutſch¬ land, werden taͤglich von Millionen Leſern geleſen; und die Mehrzahl deutſcher Leſer liest mehr Zeitun¬ gen als ſelbſtſtaͤndige Werke. Wer nicht ein Gelehr¬ ter von Fach iſt, nimmt kaum etwas anders Ge¬ drucktes in die Hand, als auf Muſeen und in Leſe¬ cirkeln die neuſten Blaͤtter. So zerblaͤttert ſich die deutſche Literatur, indem ſie popular wird. Man kann die vielen in jedem Fach jaͤhrlich neu erſchei¬ nenden Werke nicht alle leſen, aber man will doch wiſſen was darin ſteht, alſo lechzt man nach Rezen¬ ſionen und Auszuͤgen.

Deutſche Literatur. I. 474

Bedeutendere Werke des In - und Auslandes, die man ganz zu haben wuͤnſcht, erſcheinen in wohl¬ feilen, in beiſpiellos wohlfeilen Ausgaben. Dieſe neue Erſcheinung im Buchhandel iſt gewiß von großer Bedeutung. Sie vollendet erſt die ſegensreiche Wirkung, die in der Erfindung der Buchdruckerkunſt vorbereitet wurde, denn es iſt nicht genug, daß die beſten Schriftwerke auf die leichteſte Weiſe verviel¬ faͤltigt werden koͤnnen, das Publikum muß auch in den Stand geſetzt werden, ſich dieſelben auf die leich¬ teſte Weiſe anzuſchaffen. Was hilft es den aͤrmeren Leſer, daß vorzuͤgliche Werke vorhanden ſind, wenn ſie nicht zum Beſitz derſelben gelangen koͤnnen? Offen¬ bar gewinnt das Publikum durch die Wohlfeilheit der beſten Geiſtesprodukte, und auch die Buchhaͤnd¬ ler koͤnnen dabei nur gewinnen. Der einzige Nach¬ theil, den dieſe wohlfeilen Ausgaben mit ſich brin¬ gen, beſteht darin, daß nicht immer die beſten Werke, ſondern auch mitunter die ſchlechteſten, wenn ſie nur Mode ſind, dadurch eine ſchaͤdliche Verbreitung er¬ langen, und daß die Erſcheinung guter neuer Werke durch die Menge der aͤltern erſchwert wird. Der Buchhaͤndler ſieht bei ſeinen wohlfeilen Ausgaben an¬ erkannter Werke einen ſichern Vortheil voraus, bei neuern Werken aber nur ein Riſico, da die Leſer und Kaͤufer der lezten ſich in dem Maß verringern muͤſſen, als die der erſtern ſich vermehren. Es ſteht zu erwarten, daß die wohlfeile Herausgabe der an¬ erkannten Buͤcher in ein foͤrmliches Syſtem gebracht75 werden wird, und daß dann neue Werke immer ſchwieriger durchdringen werden.

Man hat auch haͤufig dem Preßzwang Schuld gegeben, daß er viele ſchlechte Buͤcher veranlaſſe, und zum Theil mit Recht. Im Schatten bleibt manche Blume verſchloſſen, aber die Pilze ſchießen uͤppig auf. Indeß erſtreckt ſich der Preßzwang doch nur auf ge¬ wiſſe Zweige der Literatur, und in andern, die kein Cenſor beſchneidet, wird nicht weniger geſuͤndigt. Man kann nur ſagen, daß der Preßzwang den Geiſt der Nation uͤberhaupt verdumpft, indem er einzelne Äußerungen deſſelben unterdruͤckt, wie der ganze Koͤr¬ per krank wird, wenn ein Glied gelaͤhmt iſt.

Die Gewalt, welche die Schrift uͤber die Mei¬ nungen uͤbt, und der Einfluß der Meinung auf die Handlungen machen die Literatur zu einem wichtigen Gegenſtande der Politik. Sofern jeder Staat ein unbezweifeltes Recht ſeiner Exiſtenz anſpricht und ſo¬ mit nicht nur das Recht, ſondern auch die Pflicht der Selbſterhaltung ſich zuerkennt, muß er nothwen¬ dig dafuͤr ſorgen, daß die Literatur keine Meinungen verbreite, welche jener Exiſtenz gefaͤhrlich werden koͤnnen, und dies ſucht er vermittelſt der Cenſur zu erreichen. Ob aber jener Zweck, den das Staats¬ recht heiligt, dem allgemeinen Menſchenrechte nicht widerſpreche, ob er deßhalb erreicht werden koͤnne, und ob jenes Mittel, die Cenſur, das rechte Mittel ſey, das ſind andre Fragen.

4 *76

Der Menſch hat ein urſpruͤngliches Recht der Mittheilung und es entſteht ein nicht unbilliger Zwei¬ fel, ob ein Staat, welcher dieſes Recht nicht garan¬ tirt, vollkommen zu nennen ſey, und ob ein unvoll¬ kommner Staat eine ewige Exiſtenz anſprechen koͤnne. Aus der Mittheilung entſpringt alle Cultur, und die Cultur iſt der hoͤchſte Zweck der Menſchheit. Verbie¬ tet ein Staat die Mittheilung, ſo hemmt er die Cul¬ tur. Haͤtte der erſte Staat urſpruͤnglich zugleich das Recht und die Kraft gehabt, die Mittheilungen ſei¬ ner Buͤrger zu verbieten, ſo wuͤrde alle Cultur un¬ moͤglich geweſen ſeyn und wir wuͤrden noch auf der erſten Stufe ſtehn. Wir haben aber ſchon eine Menge Stufen zuruͤckgelegt, und wodurch? Entweder da¬ durch, daß der Staat jene Mittheilungen nicht ge¬ hemmt hat, oder dadurch, daß das Menſchenrecht uͤber das Staatsrecht geſiegt, und in Revolutionen die ſtrengen Staaten vertilgt und freiere neu geſchaf¬ fen hat.

Überlaſſen wir es alſo der Theorie, auf dop¬ pelte Weiſe einerſeits das Menſchenrecht, andrerſeits das Staatsrecht, und dort die Nothwendigkeit der Preßfreiheit, hier die der Cenſur zu vertheidigen, laſſen wir die Philoſophen und Staatsmaͤnner uͤber beides ſtreiten und halten wir uns lediglich an die Erfahrung. Sie lehrt uns, daß der Sieg immer an die Kraft gebunden iſt, daß einmal die freiſinnigſten und gebildetſten Nationen mit allen noch ſo gegruͤn¬ deten Deklamationen fuͤr die Preßfreiheit durch einen77 politiſchen Machtſpruch zum Schweigen gebracht wor¬ den ſind, und daß ein andermal auch die ſtrengſte Aufſicht und Kraftanſtrengung der politiſchen Gewal¬ ten die Verbreitung opponirender Meinungen nicht hat verhindern koͤnnen. Die Erfahrung lehrt ferner, daß die Preßfreiheit nach Umſtaͤnden einmal zu wah¬ rer Bildung, ein andermal zu zuͤgelloſer Ausſchwei¬ fung, der Preßzwang einmal zur wahren Beruhigung der Voͤlker, ein andermal zu allen Graͤueln des Deſpo¬ tismus gefuͤhrt hat. Ziehn wir aus allen Erfahrun¬ gen das Reſultat, ſo ergibt ſich, daß es niemals eine vollkommene Freiheit der Meinungen und Mit¬ theilungen gegeben hat, daß immer eine herrſchende Partei geweſen iſt, welche die Meinungen der unter¬ druͤckten Partei bevogtet hat, daß dagegen die Par¬ teien, namentlich die Anhaͤnger des Menſchenrechts und die Anhaͤnger des Staatsrechts, beſtaͤndig in der Herrſchaft gewechſelt haben, wodurch alle Mei¬ nungen zur Sprache gekommen ſind, und daß in die¬ ſem Wechſel die Cultur unaufhaltſam fortgeſchritten iſt. Das Staatsrecht war immer ſtark genug, den Ausſchweifungen der Freiheit einen Damm zu ſetzen, und das Menſchenrecht immer ſtark genug, ein Ver¬ ſteinern im Staate zu verhuͤten.

Was die Cenſur uns raubt, iſt weniger zu be¬ dauern, als was ſie uns bringt. Daß ſie die Wahr¬ heit zuweilen unterdruͤckt, iſt ſchlimm, aber noch ſchlimmer, daß ſie Unwahrheit und Halbheit hervor¬ ruft. Sie hat ohne Zweifel einigen Antheil an der78 oͤden Phantaſterie, die das praktiſche Leben flieht, und noch mehr an den ſchielenden Urtheilen, die na¬ mentlich in der politiſchen Literatur uͤberall vernom¬ men werden. Das Schwaͤrmen iſt uns erlaubt, vor¬ zuͤglich in einer unverſtaͤndlichen philoſophiſchen Spra¬ che, aber auf die praktiſche Anwendung unſrer Theo¬ rie duͤrfen wir nicht denken, auch wenn wir wollten. Mancher, der die Wahrheit ſagen will, huͤllt ſie ab¬ ſichtlich in Nebel ein, durch die ein gewoͤhnlicher Cen¬ ſor, aber auch das gewoͤhnliche Publikum nicht hin¬ durchſieht. Auf der andern Seite befleißigen ſich die Praktiker des nuͤchternſten empiriſchen Schlendrians und huͤten ſich wohl, auf die beſſere Theorie Ruͤck¬ ſicht zu nehmen, und