PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Briefe eines Verſtorbenen.
Zweiter Theil.
[II]
[figure]
[III]
Briefe eines Verſtorbenen.
Ein fragmentariſches Tagebuch aus England, Wales, Irland und Frankreich, geſchrieben in den Jahren 1828 und 1829.
Zweiter Theil.
Muͤnchen. F. G. Franckh. 1830.
[IV][V]

Inhaltsverzeichniß des zweiten Theils.

Brief XXXIV.

Wer Samiel eigentlich war. Rückwanderung nach Ken - mare. Ein irländiſcher Bote. Einladun O’Connels. Ritt nach ſeinem verwünſchten Schloſſe. Reiſe-Abentheuer. Die Brücke der ſchwarzen Waſſer. Letzte Bäume daſelbſt. Von nun an das Chaos. Schauervolle Küſte. Der Weg endet im Meer. Guter Rath theuer. Ein Schmuggler hilft mir aus der Noth. Paſſirung des GebirgspaſſesVI in ſchwarzer Nacht. Udolphos Geheimniſſe. Derrinane Abbey. Licht. Ein Mann im Schlafrock. O’Connel der große Agitator. Verſchiednes über ihn. Vater Leſtrange, ſein Beichtvater. O’Connel als Chieftain, ſeinen Unter - thanen Recht ſprechend. Seine religiöſe Toleranz. Ab - reiſe von Derrinane. O’Connel begleitet mich. Neuer Ju - piter in Stiergeſtalt. Däniſche Forts. Abſchied. Irlän - diſche Transportmittel. Liebenswürdigkeit des Volks - Charakters. Nachgeholte Begebenheit. Die Wirthstochter zu Kenmare. Hungryhill und ſein maieſtätiſcher Waſſer - fall. Der Adler O’Rourcke’s. Der moderne Ganymedes. Seehunde unter meinem Fenſter. Ihre Liebe zur Muſik. Häuslicher Gottesdienſt. Frommes Geſpräch über die Sündfluth, den jüngſten Tag und die Apokalypſe. Anprei - ſung der herrlich en Gegend, um hier Hütten zu bauen.

Seite 1.

Brief XXXV.

Bienen-Kämme in freier Luft. Egyptiſcher Lotus. Be - ſuch bei einem Adlerpaar. Ihre romantiſche Wohnung und ihr ſeltſamer Inſtinkt. Der hieſige wilde Jäger. Die Höhlen des Sugarloaf. Spur des Wagens der Geiſter - Königinn. Gefahrvolle Jagden in dieſen Bergen. DieVII Nebel, die Sümpfe und wilden Stiere. Die Bezähmung eines Solchen. Ein Volksmährchen.

Seite 40.

Brief XXXVI.

Abgötterei mit dem Sonntag in England. Wunderbare Bekehrung eines Proteſtanten zum Katholicismus. Kar - renfahrt. Die Whiteboys. Macroom. Die naive Mama und das verzogne Kind im Gingle. Der ſtarke Dänen - König. Cork. Fahrt auf dem Meer nach Cove. Herr - liche Entrée von der Seeſeite. Folko’s Seeburg. Monks - town. Seltſame Beleuchtung mit zwei vollſtändigen Re - genbogen auf einmal. Das Amphitheater der Stadt Cove. Getäuſchte Erwartung auf Fiſche. Illuminirte Nachtaus - ſicht. Die Sterne. Abreiſe in der Mail. Michaelstown und ſein Schloß. Novellen-Stoff. Außerordentliches Wet - ter für Irland. Der Soldat von O’Connels Miliz. Die Galtees. Cahir. Andres Schloß König Johann’s. Schö - ner Park des Lord Glengall. Des Prinzen Equipage in Cashel. Macht der Gewohnheit Geheimniß aller Er - ziehung. Clubdiner.

Seite 54.

VIII

Brief XXXVII.

Rock of Cashel, eine der merkwürdigſten Ruinen in Ir - land. Der Teufelsbiß. Altſächſiſche Baukunſt. Inqui - ſitions-Klingel. S. Patricks Statue und der Thron von Scone. Hore-Abbey und die von Atthaſſil. Zuſtand der Katholiken in Fipperari. Lächerlicher Zeitungs-Artikel, mich betreffend. Meine Nothrede.

Seite 82.

Brief XXXVIII.

Ueber die Naturgeſchichte des Schwans. Holycroß, und ſeine Denkmäler. Diné mit 18 Geiſtlichen. Converſation dabei. Wenden und Irländer. Liſte der katholiſchen und proteſtantiſchen Gemeinden in der Diocös Cashel. Curienſe Details, und Vemerkungen darüber. Gutgemeinter Exor - cismus. Halsbrechende Jagd. Der wandelnde Sumpf. Pferde-Thaten. Landjunkerleben. Seltſame Parlaments - Rede. Die Burg im Himmel. Potheen-Euthuſiasmus. Die Vornehmen in Irland. Gute Regel.

Seite 93.

IX

Brief XXXIX.

Das Brüderpaar. Materielles Leben. Devils. Die hübſche Wirthin. Der Piper. Die Räuber. Der ange - führte Advocat. Auſter-Geheimniſſe. Johny’s Abentheuer in Holicroß. Die Ermordung Baker’s. Der Couſin R Sergeant Scully. Der bewegungsloſe Hahn. Fitzpatrick und ſeine Bag pipe.

Seite 161.

Brief XL.

Der Feengarten. Romantiſches Schilderhaus. Rückkehr nach der Stadt. Frau von Sevigné. Lord Byron’s Ge - witter. Diné beim Lord Lieutenant. Der Marquis von Angleſea. Gottesdienſt in der katholiſchen Kapelle. Un - ſichtbare Muſik. Der heilige Chriſtoph. Vergleich des katholiſchen und engliſch-proteſtantiſchen Cultus. Allego - rie. Londner Tagebuch. Unterſchied zwiſchen engliſchen und deutſchen Anſichten. Zwei Normal Miſſes. Ihre Geſchichte. Allgemeine Bemerkung über die Engländerin -X nen. Malahide. 700 Jahr alte Möbel. Herzogin von Portsmouth. Carl der I. am ſpaniſchen Hofe. Howth Caſtle. Ducrow’s lebendige Statuen. Der ruſſiſche Cou - rier, und Pony als alte Frau.

Seite 144.

Brief XLI.

Abend bei Ladi M Ihre Niecen. Seltſame Conver - ſation. Der Gemal. Noch mehr Theologiſches. Die Nachtigallen. Alles Korn Europa’s. Die Nationalſcene. Die häuslichen Tableaus. Das Autor-Boudoir. Die Perlmutter. Der Diminutive Napoleon. The Catholie Aſſociation. Shiel, Lawleß und Andere. Naives. Ritt ins Gebürge. Sentimentalität eines Dandy.

Seite 162.

Brief XLII.

B. H. über die Religioſität unſrer Zeit. O’Connel in der Allongen-Perücke. Der Don Quixotte und der DandyXI der Aſſociation. Sprüchwörter-Spiel bei Lady M Miß Oneil. Ihr Spiel.

Seite 192.

Brief XLIII.

Büreau der todten Briefe. 3000 Pf. St. Incognito. Der Arzt. Der Lungenmeſſer. Die Allerwelts-Sprütze. Weibliche Wetterpropheten. Die Bank. Banknotenmetall. Gymnaſtik. Stuben-Philoſophie. Paradoxen.

Seite 205.

Brief XLIV.

Gunft Neptuns. Der Traum. Ueberfahrt. Der junge Erbe. Nacht in der Mail. Shrewsbury. Die Tret - mühle. Gelbe Sträflinge. Die Kirche. Seltſame alte Häuſer. Straßenneugierde. Der kleine Schüler. Roß. Der River Wye. Schloß Goderich. Erzwungene Höflich - keit. Die Jakobsleiter. Abwechſelnde Anſichten. DreiXI[XII] Grafſchaften auf einmal. Wiege Heinrich des V. Groteske Felſen. Ein verunglückter Touriſt. Kopf des Druiden. Monmouth. Heinrichs Schloß, jetzt ein Gänſeſtall. Buch - händler-Familie. Diebſtahl. Güte einfacher Naturen. Bunte Feuerblumen. Die Zinnwerke. Tintern Abbey. Epheu-Allee. Die Sturm-Klippe. Erhabne Ausſicht. Schloß von Chepſtow. Cromwell und Heinrich der VIII. als Landſchafts-Verſchönerer. Entdeckung.

Seite 235.

Brief XLV.

Der Königsmörder Martin. Des Mädchens Erklärung. Beſteuerung der Reiſenden. Der Beſitzer von Piercefield. Paſſage des Channel. Menſchen und Pferde pêle mêle. Recapitulation. Maler und Pinſel. Natur-Gemälde. Das ſchönſte Gebäude. Briſtol. Die Feudal-Kirchen. Unintereſſirte Frömmigkeit. Des Maire’s Equipage. Cooks folly. Lord Clifford’s Park. Ruſſiſche Flottille. Das Dorf-Ideal. Dante’s umgekehrte Höllen-Inſchrift. Cliſton. Das weiß und ſchwarze Haus. Chirurgen-Empfindſamkeit. Bath. Der König von Bath. Die Abteykirche. Eigen - thümliche Ausſchmückung. König Jakob’s Heldenthat. Der Sonderling. Beckford. Der bei Licht gebaute Thurm. Beſondre Art ſpazieren zu reiten. Der Beſuch über die Mauer. Gothiſche Baukunſt. Der Weihnachts-Markt. Sapziergänge bei Tag und Nacht. Die Feuersbrunſt.

Seite 260.

XIII

Brief XLVI.

Die Wittwe. Lebendige Todtenköpfe. Angenehmere Rei - ſegeſellſchaft. Examina. Stonehenge. Unheimliche Begeg - nung und Unglück. Die Cathedrale. Monumente darin. Der Thurm. Halsbrechendes Hinaufſteigen. Der Habicht auf dem Kreuz, und des Herrn Biſchoffs Tauben. His Lordship und ſeine Beſchäftigungen. Frommer Wunſch fürs Vaterland. Spiegel der Vergangenheit und Zukunft. Schloß Wilton. Die ritterliche Caſtellanin. Antiken, Gemälde. Tempel, von Holbein erbaut. Talent engliſcher Damen. Eingangs-Liſt. Langford Park. Vorzügliche Bil - der. Egmont, Alba, Oranien. Thron Kaiſer Rudolph’s. Boxingmatch. Der wettende Kutſcher. Neuengliſche Mo - ral der Großen. March of Intellect. Militair-Schule. Beroutirte Fuchsjagd. National-Pflicht. Zum neuen Jahr. London. Die nicht gefundne Hündin. Regenten - leben. Dom zu Canterbury. Der ſchwarze Prinz. Far - benpracht. Der Erzbiſchof. Schadhafter Boiler. Das Fort zu Dover. Kurze Ueberfahrt. Nationelle Ungenirt - heit. Frankreichs Lüfte. Die Jettée. Engliſche Kinder. Der alte, große Bandi. Anekdoten.

Seite 286.

Brief XLVII.

Fränkiſche Diligence. Der Napoleoniſche Gardiſt. Deut - ſche Plinzen. La Mechanique. Werth der Freiheit. Pa -XIV ris. Reviſion des Altbekannten. Schlechtes Neue. Thea - tre de Madame. Der tugendhafte Martin. La charte pour les Caffés. Roſſini hat die wilden Thiere gezähmt. Wohlfeilheit in Paris. Burlesker Tod des Fürſten Ponia - tofsky. Lobenswerthes Enſemble bei den hieſigen Bühnen. Aehrenleſe im Muſeum. Der deplacirte Sphynx. Mephi - ſtopheles-Walzer. Himmel und Hölle.

Seite 521.

Brief XLVIII.

Aeſthetiſcher Spaziergang. Einiges über die Familie Napoleons. Spaniſche Galanterie. Der Henker von Am - ſterdam. Der Mercure Galant. Wie er ſich verflüchtigt. Omnibus. Thierpolizei. Gedanken im Innern einer Dame Blanche. Diavolo. Sing-Nüancen. Pariſer Annehmlich - keiten. La Morne. Ablaß. Der Eisbär. Deſaixs Monu - ment. Getäuſchte Hoffnung. Die Ama’s. Abſchied.

Seite 352.

[1]

Vier und dreißigſter Brief.

Geliebte Freundin!

War es alſo der Teufel oder nicht? fragſt Du. Ma foi, je n’en sais rien. Jedenfalls hatte er in dem erwähnten Augenblick eine ſehr recommendable, wenn gleich gefährliche, Geſtalt[erwählt], nämlich die eines hübſchen Mädchens, die in ihrem dunkelblauen, vom Regen noch ſchwärzer gemachten, langen Man - tel eingehüllt, und der rothen Mütze von Kerry auf dem Kopfe, barfuß, und vor Kälte ſchauernd, bei mir vorbeigehen wollte, als ich ſie anhielt, und frug, warum ſie hinke, und wie ſie in dieſem Wetter hier ſo allein umher irre? Ach, rief ſie, in halb verſtänd - lichem patois, auf ihren verbundenen Fuß zeigend ich gehe blos nach dem nächſten Dorfe, habe mich verſpätet, bin bei dem abſcheulichen Wetter gefallen, und habe mir recht wehe gethan! Hierbei ſah ſie ganz ſchalkhaft und loſe aus (am Ende war doch etwas nicht ganz Geheures dabei) und zeigte ſo vielBriefe eines Verſtorbenen. II. 12von dem ſchön gerundeten, verwundeten Bein, daß meine Laune abermals wechſelte, et je crois que le diable n’y perdit rien. Wir theilten von nun an die Beſchwerden des Wegs, halfen uns gegenſei - tig, und fanden endlich im Thal, zuerſt beſſeres Wetter, dann ein erholendes Obdach, und endlich einen labenden Trunk friſcher Milch.

Neu geſtärkt wanderte ich in der Nacht weiter, und als ich in Kenmare anlangte, hatte ich die vier deutſchen Meilen in etwas über 6 Stunden zurückge - legt. Aber ich war auch herzlich müde, und ſobald ich in mein Schlafzimmer trat, ſprach ich mit Pathos, und Wallenſtein: Ich denke einen langen Schlaf zu thun!

Dies geſchah denn auch, und ich hatte Zeit dazu, denn das Wetter war ſo abſcheulich, daß ich bis 3 Uhr Nachmittags auf beſſeres wartete, aber leider vergebens. Ich hatte, den Abend vorher den zu Herrn O’Connel abgeſchickten, und unbeſonnener Weiſe, vorausbezahlten Boten, ohne Antwort und mit zerbrochenem Schlüſſelbein im Gaſthof wieder vorgefunden, denn da er Geld in ſeiner Taſche ge - fühlt, ſo hatte er auch dem Whiskey nicht länger widerſtehen können, in Folge deſſen er mit ſeinem Pferde in der Nacht einen Felſen herabgeſtürzt war! 3Er hatte indeß doch den verſtändigen Einfall gehabt, einen guten Freund unterwegs weiter zu expediren, und bei meinem Erwachen, fand ich daher eine ſehr artige Einladung des großen Agitator’s glücklich vor.

Ich habe bereits geſagt, daß ich mich erſt um drei Uhr auf den Weg machte, und obgleich ich ſieben Stunden lang im heftigſten Regen, mit dem Winde im Geſicht, reiten mußte, und in dieſer Wüſte, wo nicht einmal das Obdach eines Baumes anzutreffen iſt, nach der erſten halben Stunden ſchon kein Faden meiner Kleidung mehr trocken war ſo möchte ich doch um vieles nicht den heutigen, ſo beſchwerlichen Tag, in meinem Lebensbuche miſſen.

Der Anfang war allerdings ſchwer. Zuerſt konnte ich lange keine Pferde bekommen, denn das nach Glengariff gebrauchte, hatte ſich den Fuß verſtaucht. Endlich erſchien ein alter ſchwarzer Karrengaul, der für mich beſtimmt war, und ein Katzenartiges Thier - chen, das der Führer beſtieg. Auch mit meiner Toi - lette war ich brouillirt. Die entwichene Galloſche war nicht wieder gefunden worden, und der Regen - ſchirm ſchon auf dem Hexenberge aus ſeinen Fugen gewichen. Ich erſetzte den erſten durch einen großen Pantoffel des Wirths, den zweiten band ich, ſo gut es gehn wollte, zuſammen, und ihn dann, gleich einem Schilde vorhaltend, die Tuchmütze, mit einem Stücke Wachsleinwand bedeckt, auf dem Kopfe, gal - lopirte ich, Don Quixotte nicht unähnlich, und oben -1*4drein mit einem ächten Sancho Panſa verſehen, neuen Abentheuern zu.

Schon eine Viertelmeile von der Stadt machte ein zerſtörender Windſtoß dem Regenſchirm, einſt die Zierde New Bondſtreets, und der ſeitdem ſo man - ches Ungemach mit mir getragen, ein klägliches Ende! Alle ſeine Bande lösten ſich, und ließen nur ein zer - riſſenes Stück Tafft, und ein Bündel Fiſchbein in meiner Hand zurück. Ich gab dem Führer die Reſte, und mich fortan dem Wetter ſorglos Preis, mit der beſten Laune tragend, was nicht zu ändern war.

So lange wir die Bay von Kenmare cotoyirten, ritten wir ſo ſchnell als möglich, da der Weg ganz leidlich war. Bald aber wurde er ſchwieriger. Den Eintritt in das rauhere Gebürge bezeichnete eine hundert Fuß hohe und pittoreske Brücke the black water’s bridge (Brücke der ſchwarzen Waſſer) ge - nannt. Hier war eine mit Eichen beſetzte Schlucht, die letzten Bäume, die ich ſeitdem geſehen. Ich be - merkte, daß mein Mantelſack, den der Führer auf ſeinem Pferde vor ſich aufgebunden hatte, ebenfalls gänzlich durchnäßt zu werden anfing, und befahl da - her dem Manne, ſich in einer nahgelegnen Hütte wo möglich eine Decke oder Matte zu verſchaffen, um ſie darüber zu breiten. Dieſe Unvorſichtigkeit hatte ich nachher Urſache, recht ſehr zu bereuen, denn wahr - ſcheinlich mochte auch ihn der Whiskey dort gefeſſelt haben, wenigſtens bekam ich ihn, obgleich öfters an - haltend, um ihn zu erwarten, erſt kurz vor Ende5 der Reiſe wieder zu ſehen, welches mich ſpäter einer großen Verlegenheit ausſetzte. Der nun allmählig immer mehr ſich verſchlimmernde Weg führte größ - tentheils dem Meer, das der Sturm prachtvoll durch - wühlte, entlang; bald über öde Moorflächen, bald an Schluchten und tiefen Abgründen hin, oder durch weite chaotiſche Gefilde, wo die Felſen ſo phantaſtiſch übereinander geworfen ſind, daß man glauben ſollte: hier ſey es, wo die Giganten den Himmel geſtürmt. Zuweilen erſcheinen Gebilde, die gleich einem ver - ſteinten Spiel der Wolken, Menſchen und Thieren ähnliche Figuren aufſtellten. Als ganz beſonders zier - lich fiel mir, mitten in der allgemeinen Wildheit, eine Felſenwand auf, die durch ihre Fugen in vollkommen re - gelmäßige Quadrate, wie ein Schachbrett, abgetheilt war. Dreierlei Arten Erica, gelbe, hochrothe und violette waren in den Spalten gewachſen, und mar - kirten die ſcharfen Linien auf das überraſchendſte.

Nur ſelten begegnete ich von Zeit zu Zeit einem einſamen zerlumpten Wanderer, und konnte manch - mal nicht umhin, daran zu denken, wie leicht es ſey, mich in dieſer Gegend anzufallen und zu berauben, ohne daß ein Menſch davon Notiz nehmen würde denn mein ganzes Reiſevermögen ruht in der Bruſt - taſche meines Rockes wie der griechiſche Weiſe führe ich omnia mea mit mir. Doch weit entfernt von räuberiſchen Gedanken, grüßte das gutmüthige, arme Volk, mich immer ehrerbietig, obgleich mein Aufzug nichts weniger als imponirend war, und in6 England keinen Gentleman verrathen haben würde. Mehrmal war ich in großer Ungewißheit, welchen der halb unſichtbaren Stege ich einſchlagen ſollte, wählte aber glücklicherweiſe, mich dem Meere ſtets ſo nahe als möglich haltend, keinen ganz unrechten, wenn gleich wahrſcheinlich nicht immer den nächſten. In - deſſen die Zeit verging und wenn ich in langen Intervallen einem menſchlichen Weſen wieder begeg - nete und frug: Wie weit noch zu Mr. O’Connel? ſo ſegneten ſie zwar immer den Vorſatz dieſes Be - ſuchs mit: God bless Your honour, die Meilenzahl ſchien ſich aber eher zu vermehren als zu vermindern. Dies ward mir erſt nachher begreiflich, da ich erfuhr, daß ich dennoch einen, mehrere Meilen abkürzenden, Weg verfehlt, und dadurch einen unnützen Zeitver - luſt erlitten hatte.

So fing es endlich an zu dunkeln, als ich einen Theil der Küſte betrat, der gewiß wenig ſeines Glei - chen hat. Fremde Reiſende ſind wahrſcheinlich noch nie in dieſen verlaſſenen Winkel der Erde verſchlagen worden, welcher Eulen und Seemöven mehr als den Menſchen angehört, von deſſen furchtbarer Wildniß es aber ſchwer iſt, einen genügenden Begriff zu geben. Gewundene, zerriſſene, kohlſchwarze Felſen, mit tie - fen Höhlen, in welche das Meer unaufhörlich don - nernd einbricht, und ſeinen weißen Schaum Thurm - hoch wieder daraus hervorſprüht, der nachher an vie - len Stellen trocknet, und dann vom Winde, wie wollene compakte Flocken ausſehend, bis auf die höch -7 ſten Punkte des Gebürges geſchleudert wird; das klägliche, gellend den Sturm durchtönende Geſchrei der ängſtlich umherflatternden Seevögel; das unauf - hörliche Geheul und Brauſen der unterminirenden Wogen, die zuweilen bis an meines Pferdes Huf jähling heranklommen, und dann ziſchend wieder hin - abſanken; die troſtloſe Abgeſchiedenheit endlich von aller menſchlichen Hülfe; dazu der raſtlos fallende Regen, und die einbrechende Nacht auf ungewiſſem, gänzlich unbekanntem Wege es fing mir wirklich an unheimlich zu Muthe zu werden ganz ernſt - lich nicht im halben Scherz wie am Tage vorher. Die Sucht nach dem Romantiſchen wird Dir dies - mal wahrſcheinlich eben ſo ſchlecht bekommen, als dem berühmten Ritter, dachte ich ganz bedenklich, und trieb mein müdes Pferd zu möglichſter Eile. Es ſtol - perte jeden Augenblick über die loſen Steine, und mit großer Mühe brachte ich es endlich in einen ſchwerfälligen Trabb. Meine Beſorgniß vermehrte ſich durch die Erinnerung an O’Connels Brief, der mir geſchrieben: daß der eigentliche Zugang zu ſei - nem Beſitzthum von der Seite von Killarney her ſtatt finde, Wagen jedoch nur zu Waſſer ganz heran kommen könnten, der Weg von Kenmare aber der ſchwierigſte ſey, und ich daher ja einen ſichern Führer mitnehmen[möchte], um keinen Unfall zu erleben. Auch fiel mir, wie es denn geht, wenn man einmal eine Gedankenrichtung angeſtrengt verfolgt, ein kürz - lich geleſenes Volksmährchen von Crokes ein, wo es heißt: Kein Land beſſer als die Küſte von Iveragh,8 um im Meere zu erſaufen, oder, wenn man das vorziehen ſollte, den Hals zu Lande zu brechen! Noch dacht ich’s .... da ſtutzte plötzlich mein Pferd, und drehte, ſcheuend, mit einem Satze um, den ich der alten Mähre kaum zugetraut hätte. Ich be - fand mich in einer engen Schlucht, es war noch hell genug, mehrere Schritte ganz deutlich vor mir zu ſe - hen, und ich konnte nicht begreifen, was die Urſach dieſes paniſchen Schreckens meines Gaules war. Wi - derſtrebend, und nur durch den gekauften Shileila bezwungen, ging es endlich wieder vorwärts; nach wenigen Schritten ſah ich aber ſchon mit Staunen, daß der hier ziemlich gebahnte Weg mitten im Meer aufhörte, und beinahe glitt mir der Zügel aus der Hand, als eine ſchäumende Welle, vom Sturm ge - jagt, jetzt auf mich wie ein Ungeheuer zufuhr, und weit hinein die enge Schlucht mit ihrem weißen Gei - fer beſprützte. Hier war guter Rath theuer! Schroffe ungangbare Klippen ſtarrten mich auf allen Seiten an, vor mir brauste die See es blieb nur der Rückweg offen. Aber war ich verirrt, wie ich vermu - then mußte, ſo konnte ich, ſelbſt beim Zurückreiten, nicht darauf rechnen, meinen Führer wieder anzutref - fen, und wo dann die Nacht zubringen? Außer O’Con - nels unfindbarem alten Felſenſchloß war auf zwan - zig Meilen keine Spur eines Obdaches zu erwarten, ich fieberte jetzt ſchon vor Näſſe und Kälte, gewiß hielt meine Natur den Bivouac einer ſolchen Nacht nicht aus ich hatte in der That Urſache, be - ſtürzt zu ſeyn. Was half jedoch alles Sinnen, ich9 mußte zurück, das war klar, und zwar ſo ſchnell als möglich. Mein Pferd ſchien dieſelben Reflexionen ge - macht zu haben, denn, wie mit neuen Kräften be - gabt, trug es mich, faſt gallopirend, davon. Aber, glaubſt Du es wohl? eine ſchwarze Geſtalt war abermals beſtimmt, mir aus der Verlegenheit zu hel - fen. Vous direz que c’en est trop mais ce n’est pas ma faute. Le vrai souvent n’est pas vraisem - blable. Kurzum, ich ſah eine ſchwarze Geſtalt wie einen undeutlichen Schatten über den Weg gleiten, und ſich hinter den Felſen verlieren. Mein Rufen, meine Bitten, meine Verſprechungen blieben vergeb - lich, war es ein Schmuggler, die an dieſer Küſte beſonders ihr Weſen treiben ſollen, oder ein aber - gläubiſcher Bauer, der mich ärmſten Revenant für ei - nen Geiſt anſah? jedenfalls ſchien er ſich nicht herauswagen zu wollen, und ich verzweifelte faſt ſchon an der gehofften Hülfe als ſein Kopf plötz - lich dicht neben mir aus einer Steinſpalte hervor - lugte. Nun gelang es mir bald ihn zu beruhigen; auch erklärte er mir das[Räthſel] des im Meere auf - hörenden Weges. Dieſer war nämlich nur für die Dauer der Ebbe eingerichtet um dieſe Zeit, ſagte er, iſt die halbe Fluth ſchon heran, eine Viertelſtunde ſpäter iſt der Durchgang unmöglich, jetzt aber will ich Sie für ein gutes Trinkgeld noch hinüberzubringen verſuchen, doch dürfen wir keinen Augenblick verlie - ren. Mit dieſen Worten war er mit einem Satze hinter mir auf dem Pferde, und was es vermochte, eilten wir der, mit jedem Moment höher ſchwellenden10 Fluth wieder zu. Es war mir doch ganz ſonderbar zu Muthe, als wir uns jetzt in die ſtürmiſche See förmlich zu verſenken ſchienen, und durch die wei - ßen Wogen und Felſen, die bei dem matten Zwielicht gleich Geſpenſtern aufzutauchen ſchienen, uns mühſam Bahn brechen mußten. Auch hatten wir die größte Noth mit dem Pferde; der ſchwarze Mann kannte aber das Terrain ſo genau, daß wir, obgleich bis faſt unter die Arme in Salzwaſſer gebadet, unverſehrt die gegenüberſtehende Küſte erreichten. Unglücklicher - weiſe ſcheute ſich hier noch einmal das geängſtete Thier, vor einer hervorſtehenden Klippe, und brach beide morſche Sattelgurte mitten entzwei, ſo daß der Schade hier nicht mehr zu repariren war. Ich hatte, nach allen ausgeſtandnen Nöthen, nun noch die an - genehme Perſpective vor mir, die letzten ſechs Meilen, auf loſem Sattel balancirend, weiter reiten zu müſ - ſen. Der Schwarze hatte mich zwar für die Fort - ſetzung der Reiſe beſtens inſtruirt, aber es ward bald ſo dunkel, daß man kein Merkzeichen mehr erblicken konnte. Der Weg ging, wie es mir ſchien, durch ei - nen weiten Moor, und war anfänglich recht eben. Nach einer halben Stunde holprigen Trabens, nach Möglichkeit die Kniee zuſammen ſchließend, um den Sattel nicht zwiſchen den Beinen zu verlieren, be - merkte ich, daß ſich die Straße wieder rechts in das höhere Gebürge wandte, denn das Steigen ward im - mer ſteiler und anhaltender. Hier fand ich eine Frau, die bei ihren Schweinen oder Ziegen die Nacht zu - brachte. Der Weg theilte ſich in zwei Arme und ich11 frug, welchen ich einſchlagen müſſe, um nach Derri - nane zu kommen? O! beide führen dahin, ſagte ſie, der linke iſt aber zwei Meilen näher. Natürlich ſchlug ich dieſen ein, überzeugte mich aber bald zu meinem Schaden, daß er nur für Ziegen gangbar ſey. Ich verwünſchte die alte Hexe und ihre trügeriſche Aus - kunft, vergebens mattete ſich das Pferd ab, durch die Steinblöcke zu klimmen, und halb ſtolpernd, halb fallend warf es endlich Sattel und mich zugleich ab. Auch war es nicht möglich den Sattel allein darauf zu erhalten, er rutſchte immer von neuem herunter, und ich mußte mich zuletzt bequemen, ihn ſelbſt auf die Schultern zu laden, und das Pferd dazu zu füh - ren. Bis hierher hatte ich mich noch ziemlich guter Dinge erhalten, der Geiſt war auch jetzt noch willig, aber das Fleiſch fing an ſchwach zu werden der Mann am Meer hatte geſagt: ſechs Meilen noch, und Sie ſind da, und nachdem ich eine halbe Stunde ſcharf geritten, war die vorher befragte Frau dennoch wie - der dabei geblieben, es ſey noch ſechs Meilen auf dem kürzeſten Wege bis Derrinane. Ich fing an zu fürch - ten, daß dieſes geſpenſtiſche Bergſchloß gar nicht zu erreichen ſeyn möchte, und ein Kobold mich nur dem andern zuwerfe. Ganz muthlos ſetzte ich mich auf einen Stein, von Hitze und Froſt gleich peinlich durch - ſchauert, als, wie die tröſtende Stimme des Engels in der Wüſte, ein Ruf meines Führers erſchallte, und ich bald darauf den Hufſchlag ſeines Pferdes vernahm. Er hatte einen ganz andern Weg durch das innere Gebürge eingeſchlagen, bei dem die See -12 paſſage vermieden ward, und glücklicherweiſe von der Frau erfahren, welche Direktion ich genommen. Im koſtbaren Gefühl der nunmehrigen Sicherheit, vergaß ich alles Schmälen, belud den Rettungsengel mit meinem Sattel und naſſen Mantel, übergab ihm das nackte Pferd, und ſetzte mich auf das ſeinige, zu mög - lichſter Eile antreibend. Wir hatten wirklich noch fünf Meilen zu reiten, und zwar, wie mir der Füh - rer ſagte, durch einen mit Abgründen eingefaßten Bergpaß ich kann jedoch nichts weiter über den zurückgelegten Weg berichten. Die Dunkelheit war ſo groß, daß ich nur mit der äußerſten Anſtrengung, der Figur des Mannes vor mir, wie einen undeut - lichen Schatten, folgen konnte. Ich merkte wohl an dem häufigen Stolpern der Pferde, daß wir uns auf unebnem Boden befanden, ich fühlte, daß es unauf - hörlich ſteil bergauf oder hinunter ging, daß wir zwei Bergſtröme durch tiefe Furthe paſſirten aber das war auch Alles nur zuweilen abnete ich mehr, als ich ſah, daß eine ſchroffe Felswand mir zur Seite ſtand, oder das tiefere Schwarz unter mir verrieth, daß ein jäher Abhang nahe war das Ganze aber vergegenwärtigte mir ſo lebhaft Miſtriß Anna Radcliff’s Romane, daß ich mich beinah für einen ihrer Helden gehalten hätte, der eben im Be - griff ſey, Udolpho’s Geheimniſſe zu entdecken. End - lich! endlich brach heller Lichtſchimmer durch das Dunkel der Weg ward ebner, ein Paar Spuren von Hecken wurden ſichtbar, und in wenigen Minu - ten hielten wir vor einem alten Gebäude, das auf13 dem felſigen Seeufer ſtand, und freundliche goldne Lichter durch die Nacht ſtrahlte. Es ſchlug auf dem Thurm grade 11 Uhr, und ich geſtehe es, mir ward ſchon bange für mein diné, als ich nichts Lebendes, außer am obern Fenſter einen Mann im Schlafrocke, erblickte. Bald indeß wurde es geräuſchvoller im Haus, ein eleganter Bedienter erſchien mit ſilbernen Leuchtern, und öffnete mir ſeitwärts eine Thüre, wo ich mit Verwunderung eine Geſellſchaft von fünfzehn bis zwanzig Perſonen an einer langen Tafel, beim Wein und Deſſert ſitzen ſah. Ein ſchöner, großer Mann, von freundlichem Anſehn, kam mir entgegen, entſchuldigte ſich, daß er ſo ſpät mich nicht mehr er - wartet hätte, bedauerte meine Reiſe in ſo furchtba - rem Wetter, präſentirte mich vorläufig ſeiner Fami - lie, die mehr als die[Hälfte] der Geſellſchaft aus - machte, und führte mich dann in mein Schlafzimmer. Dies war der große O’Connel. Eine kurze Toilette reſtaurirte mich ſchnell, während man unten für meine, allerdings nach ſolcher Tour nicht zu verſchmä - hende, Beköſtigung ſorgte.

Als ich wieder in den Saal trat, fand ich noch den größten Theil der Geſellſchaft verſammelt. Man be - wirthete mich ſehr gut, und es wäre undankbar, nicht Herrn O’Connels alten Wein zu loben, der in Wahr - heit vortrefflich war. Nachdem die Damen uns ver - laſſen hatten, ſetzte er ſich zu mir, und es konnte nicht fehlen, daß Irland der Gegenſtand des Ge - ſprächs werden mußte. Sahen Sie ſchon viele ſeiner14 Merkwürdigkeiten? frug er; waren Sie ſchon im Norden, um den giants causoway (der Rieſenſteg) zu bewundern? O nein , erwiederte ich lächelnd, ehe ich Irlands Rieſenſteg beſuche, wünſchte ich zuerſt Irlands Rieſen zu ſehen , und damit trank ich ihm und ſeinem hohen Beginnen von Herzen ein Glas ſeines guten Clarets zu.

Daniel O’Connel iſt wahrlich kein gemeiner Mann, wenn gleich der Mann des Volks. Seine Gewalt in Irland iſt ſo groß, daß es in dieſem Augenblick unbedingt nur von ihm abhängen würde, von einem Ende der Inſel zum andern, die Fahne der Empö - rung aufzupflanzen, wenn er nicht viel zu ſcharfſich - tig, viel zu ſehr ſeiner Sache auf gefahrloſere Art ſicher wäre, um einen ſolchen Ausgang herbeiführen zu wollen. Gewiß hat er auf eine merkwürdige Weiſe, im Angeſicht der Regierung, und auf geſetzli - chem offenkundigem Wege, geſchickt den Moment und die Stimmung der Nation benutzend, ſich dieſe Macht über dieſelbe verſchafft, welche, ohne Armee und Waf - fen, dennoch der eines Königs gleicht, ja ſie gewiß in vielen Dingen noch übertrifft denn wie[wäre] es z. B. je Sr. M. Georg dem IV. möglich geweſen, vierzig Tauſend ſeiner treuen[Irländer] drei Tage vom Whiskey-Trinken abzuhalten, wie es doch O’Con - nel, bei der denkwürdigen Wahl für Clare, zu be - werkſtelligen gewußt hat. Der Enthuſiasmus erreichte dort einen ſolchen Grad, daß das Volk ſelbſt, unter ſich, eine Strafe auf das Betrunkenſeyn ſetzte. Dieſe15 beſtand darin, daß der Delinquent in eine ſeichte Stelle des Fluſſes geworfen, und dort zwei Stunden, mit mehrmaligem Untertauchen, feſtgehalten wurde.

Am andern Tage hatte ich noch mehr Gelegenheit, O’Connel zu beobachten. Im Ganzen übertraf er meine Erwartung. Sein Aeußeres iſt einnehmend, und der Ausdruck von geiſtvoller Güte in ſeinem Geſicht, mit Entſchloſſenheit und Klugheit gepaart, äußerſt gewinnend. Er hat vielleicht noch mehr Suada, als wahre großartige Veredſamkeit, und man bemerkt oft zuviel Abſicht und Manier in ſeinen Worten, demohngeachtet muß man der Kraft ſeiner Argumente mit Intereſſe folgen, an ſeinem martia - liſchen Anſtand Gefallen finden, und oft über ſeinen Witz lachen. Gewiß iſt es, daß er weit eher einem General aus Napoléons régime, als einem Dubliner Advokaten ähnlich ſieht. Dieſe Aehnlichkeit wird da - durch noch auffallender, daß er vortrefflich franzöſiſch ſpricht, denn er iſt in den Jeſuiter-Collegien zu Do - nai und St. Omer erzogen. Seine Familie iſt alt, und wahrſcheinlich früher ſehr bedeutend im Lande geweſen. Seine Freunde behaupten ſogar, er ſtamme von den ehemaligen Königen von Kerry ab, und beim Volke vermehrt dies ohne Zweifel ſein Anſehn. Er ſelbſt erzählte mir, nicht ganz ohne Prätenſion, daß einer ſeiner Vettern, Comte O’Connel und Cor - don rouge in Frankreich ſey, der andere, Baron in Oeſterreich, General und kaiſerlicher Kammerherr, er aber ſey der Chef der Familie. Soviel ich ſehen16 konnte, wurde er von den anweſenden Mitgliedern dieſer, faſt mit religieuſem Enthuſiasmus vermehrt. Er iſt jetzt[ohngefähr] 50 Jahre alt und ſehr wohl konſervirt, obgleich er eine blonde Perücke trägt. Uebrigens hat er eine ziemlich geräuſchvolle Jugend durchlebt. Unter anderm machte ihn ein Duell, ſchon vor 10 Jahren, gewiſſermaßen berühmt. Die Pro - teſtanten hatten gegen ihn, deſſen Talente ihnen be - reits gefährlich wurden, einen gewiſſen Deſterre, einen Schläger und Bretteur von Profeſſion aufge - ſtellt, der durch alle Gaſſen Dublins mit einer Jagd - peitſche ritt, um, wie er ſagte, dieſe einmal an des Königs von Kerry Schultern zu legen. Die[natür - liche] Folge war eine Zuſammenkunft am nächſten Morgen, wo O’Connel ſeine Kugel in Deſterre’s Herz niederlegte, während deſſen Schuß ihm nur den Hut durchlöcherte. Dies war ſein erſter Sieg über die Orangemen, denen ſo viele wichtigere ge - folgt ſind, und noch hoffentlich folgen werden. Sein Ehrgeiz ſchien mir unbegränzt, und ſollte er die Emancipation durchſetzen, woran ich nicht zweifele, ſo wird er damit ſeine Carriere keineswegs ſchließen, ſondern ſie wahrſcheinlich dann erſt recht beginnen. Uebrigens liegt auch das Uebel in Irland, und über - haupt in der ganzen Verfaſſung Großbrittaniens, zu tief, um durch die bloße Emancipation der Katholi - ken gründlich gehoben werden zu können. Doch dies würde mich zu weit führen. Auf O’Connel zurückzu - kommen, muß ich noch erwähnen, daß er auch von der Natur das für ein Partheihaupt werthvolle Ge -17 ſchenk eines herrlichen Organ’s verliehen erhalten hat, verbunden mit einer guten Lunge und einer ſtarken Conſtitution. Sein Verſtand iſt ſcharf und ſchnell und ſeine Kenntniſſe, auch außer ſeinem Fach, nicht unbedeutend. Dabei ſind, wie ſchon geſagt, ſeine Formen gewinnend und populair, obgleich etwas vom Schauſpieler darin bemerkbar iſt, und bei einer ſichtbaren großen Meinung von ſich ſelbſt, zuweilen auch ein wenig, was die Engländer Vulgarity nennen, mitunter läuft. Wo wäre ein Gemälde ganz ohne Schatten!

Noch ein andrer intereſſanter Mann, und eben - falls ein (wiewohl mehr im Stillen wirkendes) Haupt der Katholiken, war hier gegenwärtig, derſelbe Mann, den ich bei meiner Ankunft im Schlafrocke geſehen Vater Leſtrange, ein katholiſcher Friar, der zugleich O’Connels Beichtvater iſt. Er kann als der eigentliche Stifter jener Katholik-Aſſociation angeſehen werden, über die man in England ſoviel geſpottet hat, und die dennoch, ſo zu ſagen, blos mit negativen Kräften, durch gewandte Thätigkeit im Verborgenen, durch allmählige Organiſirung und Bildung des Volkes zu einem beſtimmten Zweck,*)Alle katholiſchen Kinder in Irland werden ſorgfältig unterrichter, und können wenigſtens leſen, während die proteſtantiſchen oft höchſt unwiſſend ſind. Ueber - haupt iſt der moraliſche Ruf der katholiſchen Geiſt - lichkeit in Irland überall exemplariſch, wie einſt der verfolgten Reformiſten in Frankreich. Die unter -Briefe eines Verſtorbenen. II. 218eine unumſchränkte Autorität über daſſelbe erlangt hat, die faſt der Hierarchie im Mittelalter gleicht, nur mit dem Unterſchiede, daß dieſe dort für Scla - verei und Dunkel, jene hier für Freiheit und Licht benutzt wird. Es iſt auch dies einer der Aus - brüche jener zweiten großen Revolution, welche blos und allein durch intellektuelle Mittel, ohne irgend eine Beimiſchung von phyſiſcher Gewalt, be - werkſtelligt zu werden anfängt, und deren faſt ein - zigen, aber unwiderſtehlichen Waffe, die Redner - bühne und die Druckerpreſſe ſind. Leſtrange iſt ein Mann von philoſophiſchem Geiſt, und unerſchütter - licher Ruhe. Seine Formen ſind die eines vollende - ten Weltmanns, der in mannichfachen Geſchäften Europa durchreist hat, die Menſchen gründlich kennt, und bei aller Sanftmuth doch einen ſcharfen Zug von großer Schlauheit nicht immer ganz verbergen kann. Ich möchte ihn das Ideal eines wohlmeinen - den Jeſuiten nennen.

Da O’Connel beſchäftigt war, machte ich früh mit dem Friar eine Promenade nach einer wüſten Inſel, trocknen Fußes über den, von der Ebbe entblösten, glatten Meerſand ſchreitend. Hier ſtehen die eigent - lichen Ruinen der alten Abtey Derrinane, wovon O’Connels Haus nur ein appendix iſt. Sie ſoll*)drückte Kirche ſcheint überall die Tugendhafteſte zu werden, und die Gründe ſind leicht aufzufinden. A. d. H. 19 einſt von der Familie wieder hergeſtellt werden, wahrſcheinlich wenn gewiſſe Hoffnungen erſt erfüllt ſind.

Als wir zurückkamen, fanden wir O’Connel, wie einen Chieſtain, auf der Schloß-Terraſſe, von ſeinen Vaſallen und andern Volksgruppen umringt, die ſich Verhaltungsbefehle holten, oder denen er Recht ſprach. Da er Juriſt und Advokat iſt, wird ihm dies um ſo leichter Niemand würde es aber auch wagen, von ſeinen Entſcheidungen zu appelliren. O’Connel und der Pabſt ſind hier gleich infaillible. Prozeſſe exiſtiren daher nicht in ſeinem Bereich, und dies dehnt ſich nicht blos auf ſeine eigne tenants, ſondern, wie ich glaube, auch auf die ganze Umge - gend aus. Ich verwunderte mich nachher, ſowohl O’Connel als Leſtrange in religieuſer Hinſicht ohne alle Bigotterie, ja mit ſehr philoſophiſchen und tole - ranten Anſichten zu finden, ohne deshalb aufhören zu wollen, gläubige Katholiken zu ſeyn! Ich wünſchte, ich hätte einige jener wüthenden Imbecil - les unter den engliſchen Proteſtanten, wie z. B. Herrn L , hier herzaubern können, welche die Katholiken für ſo unvernünftig und bigott aus - ſchreien, während ſie ſelbſt allein, im wahren Sinne des Worts, dem fanatiſchen Glauben ihrer poli - tiſch-religieuſen Parthei anhängen, und im Voraus feſt entſchloſſen ſind: vor Vernunft und Menſchlich - keit ſtets ihre langen Ohren zu verſchließen.

2*20

Im Lauf des Tages ſollte eine Parforce-Jagd auf Haſen ſtatt finden, (denn Hr. O’Connel hält eine kleine Meute) die in den Bergen, und an den wei - ten kahlen Abhängen hin, gewiß ein ſehr maleriſches Schauſpiel abgegeben haben würde; die ſchlechte Wit - terung ließ es aber nicht dazu kommen. Mir be - hagte auch Ruhe, und die höchſt intereſſante Geſell - ſchaft, der ich gar manche lehrreiche Berichtigung verdankte, weit beſſer.

Obgleich man mich, mit ächt irländiſcher Gaſtfrei - heit, dringend einlud, noch eine Woche bis zu einem großen Feſte, das bereitet wurde, und zu dem man noch viele Gäſte erwartete, hier zu bleiben, glaubte ich doch dies nicht ganz à la lettre nehmen zu dür - fen, und ſehnte mich auch zu ſehr nach Glengariff, um länger, als es für meinen Zweck nöthig war, hier zu verweilen. Ich empfahl mich daher an die - ſem Morgen der Familie, mit dem aufrichtigſten Danke für ihre freundliche Aufnahme. Herr O’Con - nel gab mir das Geleite, bis an die[Gränze] ſeiner Domainen, und ritt einen ſchönen großen Schimmel, auf dem er ſich noch militairiſcher als in ſeinem Hauſe ausnahm. Der rauhe Weg, obgleich ganz von Vegetation entblöst, bot doch viele erhabne Ausſichten dar, theils auf die Felſen landeinwärts,21 theils auf das Meer voller Klippen und Inſeln, von denen einige ganz iſolirt, als hohe, ſpitze Berge aus dem Waſſer ſteil empor ſteigen. Herr O’Connel machte mich auf eine derſelben aufmerkſam, und er - zählte, daß er vor einigen Jahren einen Ochſen dort hinſchiffen und ausſetzen ließ, damit er ſich auf der guten und ungeſtörten Weide recht fett mäſten möge. Dies Thier nahm aber ſchon nach einigen Tagen ſo decidirten Beſitz von der Inſel, daß es wüthend ward, ſobald irgend Jemand den Verſuch machte, dort zu landen, und ſelbſt die Fiſcher, die ihre Netze am Ufer ausſtellen wollten, attakirte und verjagte. Oft ſah man es, gleich Jupiter in Stiergeſtalt, mit erhobenem Schweif und feuerſprühenden Augen, im wilden Lauf, die Runde ſeiner Domaine machen, rekognoscirend, ob irgend Einer ſich noch zu nahen wage. Der emancipirte Ochſe wurde zuletzt ſo unbe - quem und gefährlich, daß man ihn todtſchießen mußte. Dies ſchien mir eine ganz gute Satyre auf die Freiheitsliebe überhaupt, die mit erlangter Macht gewöhnlich ſofort wieder in Herrſchſucht ausartet, und die Ideen-Aſſociation mußte daher grade jetzt wider Willen komiſche Bilder in mir erwecken.

Später kamen wir an eine merkwürdige Ruine, eins der ſogenannten däniſchen Forts an der Küſte, die wohl nicht den Dänen, ſondern der Vertheidi - gung gegen die Dänen ihren Urſprung verdanken. Sie ſind über tauſend Jahr alt, und die untern Mauern, obgleich ohne Mörtel zuſammengefügt,22 dennoch ſehr wohl erhalten und feſt. Bei einer, von einem angeſchwollenen Bergſtrom zertrümmerten Brücke, hielt O’Connel an, um mir das letzte Lebe - wohl zu ſagen, und ich konnte nicht umhin, dem Kämpfer für die Rechte ſeiner Mitbürger zu wün - ſchen, daß, wenn wir einſt uns wiederſähen, das Zwangs-Gebäude engliſcher Intoleranz eben ſo durch ihn und ſeine Gehülfen zertrümmert ſeyn möge, als jene morſchen Mauern, durch den ſich Bahn bre - chenden Strom. So ſchieden wir. *)Zum Theil iſt der Wunſch meines ſeligen Freundes ja nun ſchon erfüllt worden, und mit wie Vielem geht noch die Zukunft ſchwanger! Anm. d. H.

Da ich größtentheils denſelben Weg wieder zurück - kehrte, den ich gekommen, kann ich nicht viel Neues darüber ſagen, ausgenommen daß er mich, ohnge - achtet der Tag ſchön war, doppelt ſo ſehr ermüdete als das erſtemal wahrſcheinlich weil der Geiſt ſich in geringerer Spannung befand. Nicht weit von Kenmare begegnete ich mehrern Transporten von Steinen, Brettern, Bolen, Bier und Butter. Alles wurde zu Pferde fortgeſchafft. Die[Irländer] ſind ſehr ingenieus in Transportmitteln. Ihre vortreff - lichen Carrs, mit denen ein Pferd ſo bequem fünf bis ſechs Perſonen fortbringt, habe ich Dir ſchon be - ſchrieben eben ſo zweckmäßig ſind ihre Trans -23 portkarren für Heu, Holz ꝛc., wo auch ein Pferd dieſelbe Arbeit thut, zu der bei uns drei gebraucht werden. Das Gleichgewicht, in welchem die Laſt, ſo zu ſagen, balancirt wird, macht dies allein möglich. Ein Karren wird, z. B. mit langem Bauholz, ſo aufgeladen, daß man das Pferd kaum ſehen kann, welches ganz vom Holze eingehüllt iſt, deſſen Stämme viele Ellen hinter dem Wagen und vor dem Pferde hinausragen. Die Vertheilung des Gewichts auf beiden Seiten iſt dadurch ſo voll - kommen hervorgebracht, daß die Stämme nur auf einem Punkte aufliegen, und daher das Pferd nur wenig im[Verhältniß] zu ziehen hat. Bergauf und herab hilft der Führer leicht nach, durch Heben oder Niederdrücken der Enden, welche die geringſte Kraft ſchon in Bewegung ſetzt. Eben ſo werden fünf bis ſechs ſchwere eichne Bohlen auf plattem Sattel über ein Pferd gelegt, das ſie, wie eine Balancierſtange, ohne große Beſchwerde fort - trägt, obgleich es unter derſelben Laſt, in einem andern Volumen, z. B. in einer Kiſte enthalten, erliegen müßte. Auch um Steine, über dem Sattel hängend, zu transportiren, haben ſie eine ſinnreiche Vorrichtung, gleich hölzernen Körben, die auf einer dicken Strohunterlage über des Pferdes Rücken befe - ſtigt werden.

Die frohe Laune und gutmüthige Höflichkeit der Leute, denen ich begegnete, fand ich ſehr einneh - mend. Kein Volk, das ich kenne, erſcheint in ſeinen24 untern Claſſen weniger egoiſtiſch, und dabei dankba - rer für das geringſte freundliche Wort, deſſen ein Gentleman es würdigt, ohne damit die mindeſte Idee von Intereſſe zu verbinden. Ich wüßte daher auch wirklich kein Land, wo ich lieber ein großer Grundbeſitzer ſeyn möchte, als hier. So würde ich z. B. mit dem, was ich am andern Orte gethan, und dafür nur Undank geerndtet, und Hinderung aller Art gefunden mir hier gewiß nicht nur 10 12,000 Untergebne auf Leib und Leben zu eigen gemacht, ſondern ich würde auch, mit weit gerin - geren Koſten und Zeit, ein unendlich höheres Reſul - tat gewonnen haben, da hier mit Natur und Men - ſchen alles, überhaupt Ausführbares zu erreichen iſt. Das Volk vereinigt im Allgemeinen, bei aller ſeiner Rohheit die Biederkeit und poetiſche Gemüthlichkeit der Deutſchen, mit der Lebhaftigkeit und ſchnellen Conception der Franzoſen, und beſitzt als Zugabe, alle Natürlichkeit und Unterwürfigkeit der Italiäner. Man kann mit vollem Recht von ihm ſagen, daß es ſeine Fehler nur andern, ſeine Tugenden aber allein ſich ſelbſt zu verdanken hat. Ich muß in dieſer Hin - ſicht noch eine, an ſich unbedeutende, Begebenheit erzählen, die ich früher überging, die aber als ein nationeller Zug doch der Erwähnung verdient.

Als ich vor vier Tagen von Killarney nach Ken - mare fuhr, begegneten wir fortwährend Leute, die auf dem Markt im letzten Ort Vieh gekauft hatten, und es jetzt nach Hauſe trieben. Sie ritten gewöhn -25 lich auf, ebenfalls erſt gekauften, Füllen, ohne - gel, und da Menſchen und Vieh ſich einander noch fremd waren, ſo konnten ſie ihre Thiere nur ſchlecht regieren. Wir wurden dadurch mehreremal gezwun - gen, ſtill zu halten. Dies langweilte mich endlich, und bei der dritten oder vierten rencontre dieſer Art, rief ich den Leuten barſch zu: ich hätte nicht Zeit, ihrer Ungeſchicklichkeit wegen, den halben Tag auf der Straße zuzubringen, und befahl, etwas übereilt, dem Kutſcher nur drauflos zu fahren. Sogleich machten zwei Füllen mit ihren Reutern links um, vor dem Wagen hergallopirend, und die ganze Heerde zertheilte ſich ſcheu in die Berge. Meine Raſchheit that mir jetzt leid, und ich ließ ſogleich wieder an - halten. Es waren im Ganzen vier bis fünf Trei - ber, die ich ſo deroutirt hatte, alles rüſtige junge Kerle, und der Streich, den ich ihnen geſpielt, ge - wiß einer der unangenehmſten, da voraus zu ſehen war, daß ſie wenigſtens eine halbe Stunde brauchen würden, um ihr zerſprengtes Vieh wieder zu ſam - meln. Deutſche, Engländer oder Franzoſen würden einem Reiſenden, der mit einem zerlumpten Kutſcher, in einem elenden Einſpänner fuhr, und ihnen unbe - ſonnen dieß bot, gewiß mit gehöriger Grobheit zu - geſetzt, und vielleicht gar ihn feſtzunehmen verſucht haben, um den etwaigen Schaden zu erſetzen. Ganz anders war das Betragen dieſer guten Leute, witzig und reſpectvoll zugleich. O murther, murther! ſchrie der Eine, während das widerſpenſtige Füllen noch einen Verſuch machte, den Berg hinan zu ſprin -26 gen, und ihn beinahe abwarf: God bless Your ho - nour, but every Gentleman in England and Ireland get’s out of the way of cattle! Oh for God’s sake stop now, Your honour, stop! (O Mord, Mord! *)Ein irländiſcher Lieblingsſchwur. A. d. H. Gott ſegne Euer Ehren, aber jeden Gent - leman in England und Irland geht doch Vieh aus dem Wege! Oh um Gotteswillen, haltet an, Euer Ehren, haltet an!) Als ich nun angehalten hatte, und die armen Teufel die größte Mühe ge - habt, einen Theil des am weiteſten zurück gelaufnen Viehs wieder einzuholen, kamen ſie nochmals an meinen Wagen, um mir mit abgezogner Mütze und Long life to Your honour! für meine Güte zu danken, worauf ſie luſtig das Einfangen, und ich meinen Weg fortſetzte. Ich mußte mir ſelbſt ge - ſtehen, daß ihr Betragen lobenswerther war als das meine, und verbeſſerte es, ſo gut ich konnte, durch ein anſehnliches Trinkgeld.

Obgleich peinlich müde, konnte ich geſtern Abend doch nicht einſchlafen, und frug daher beim Wirth an: ob er irgend ein Buch beſitze? Man brachte mir27 eine alte engliſche Ueberſetzung von Werther’s Leiden. Du weißt wie hoch und innig ich unſern Dichter - fürſten verehre, und wirſt mir es daher kaum glau - ben wollen, wenn ich Dir ſage: daß ich dieſes be - rühmte Buch nie geleſen. Der Grund möchte auch Vielen ſehr kindiſch vorkommen. Als ich es nämlich zuerſt in die Hände bekam, erweckte mir die Stelle, gleich im Anfang, wo Charlotte dem Buben die Rotznaſe wiſcht einen ſolchen Eckel, daß ich nicht weiter leſen konnte, und dieſer unangenehme Eindruck blieb mir immer gegenwärtig. Diesmal machte ich mich jedoch ernſtlich an die Lectüre, und fand es dabei ſeltſam, Werther zum erſtenmal, in fremder Sprache, mitten in den wüſteſten Gebürgen von Irland zu leſen. Ich konnte aber auch hier, aufrichtig geſtanden, den veralteten Leiden keinen rechten Geſchmack mehr abgewinnen das viele Butterbrod, die kleinſtädtiſchen, nicht mehr üblichen Sitten und ſelbſt die, (gleich den zu Gaſſenhauern herabgeſunknen ſchönen Mozartſchen Melodieen) jetzt auch Gemeinplätze gewordnen Ideen, die damals neu waren endlich die unwillkührliche Erinnerung an Potiers köſtliche Parodie es war mir nicht möglich in die rechte Communionsſtimmung, wie Fr. v. Frömmel ſagt, hinein zu kommen. Aber ſo viel habe ich, Scherz bei Seite, wenigſtens einge - ſehn, daß das Buch einſt furore machen mußte denn es iſt eine ächt deutſche Stimmung, an der Werther untergeht, und deutſche Gemüthlichkeit fing damals eben an, ſich in dem zu materiell gewordnen28 Europa Bahn zu brechen. Freilich durchſchritt es Meiſter, und vielmehr nachher noch Fauſt mit ganz andern Rieſenſchritten! Der Werther-Periode ſind wir, glaube ich, entwachſen, an dem Fauſt aber kaum herangekommen, und kein Zeitalter wird, ſo lange es Menſchen giebt, ihm entwachſen können.

In der Tragödie Fauſt iſt wie im Shakspeare des Menſchen ganzes Innere abgeſpiegelt, und in der Hauptfigur nur der Menſchheit ewiges räthſelhaftes Sehnen perſonificirt, das nach einem unbekannten Etwas raſtlos ringt, welches dennoch hier nie er - reicht werden kann; daher auch das Drama offenbar nie ein völlig abſchließendes Ende haben könnte, wenn es auch noch durch viele Akte ausgedehnt würde. Wie aber eben der edlere Menſchengeiſt hier eine ſchwindelnde Straße betritt, gleich der Brücke des Koran, ſo iſt er auch auf ihr dem Bo - denloſen Falle jeden Augenblick näher, als der Thier - menſch, der ruhig auf der ſichern Ebne weidet.

Ein Vetter des Herrn O’Connel, der Parforce-Jag - den am See von Killarney hält, hatte mir eine ſolche für morgen verſprochen, ich habe aber eine wahre Antipathie, etwas ſchon Geſehenes wieder zu be - ſuchen, ſo lange ich noch Neues vor mir habe, und eine ſehr große[Veränderung] können Hunde und Jäger der mir bereits bekannten Scene doch nicht geben. Dagegen erwarteten mich in Glengariff liebenswerthe Menſchen, und gar viel29 Neues; ich zog alſo das Letztere vor, ritt wieder über den Teufelsberg, diesmal bei Tage, und be - finde mich ſeit einer Stunde hier, in einem niedli - chen Zimmer etablirt, und alle Pracht der Bey vor meinem Fenſter ausgebreitet. Ehe ich Kenmare ver - ließ, wurde meine Eitelkeit noch auf eine empfind - liche Probe geſetzt. Die irländiſche Naivetät der Wirthstochter hatte mich, beim jedesmaligen Zurück - kommen nach ihres Vaters Gaſthof, ſo angenehm angeſprochen, daß ich mich faſt allein mit ihr unter - hielt, und dadurch ihre Gunſt gewann. Sie hatte ihre Berge nie verlaſſen, und war ſo unbekannt mit der Welt, als es nur denkbar iſt. Scherzend frug ich ſie, ob ſie mich wohl nach Cork begleiten wolle? Ach nein, rief ſie, da würde ich mich doch fürchten, ſo weit mit Ihnen zu gehen! ſagen Sie mir nur, wer Sie eigentlich ſind? daß Sie ein Jude ſind, weiß ich ſchon. Was, biſt Du toll, woher ſoll ich denn ein Jude ſeyn? Nun das werden Sie doch nicht leugnen, haben Sie nicht einen langen ſchwar - zen Bart rund ums Kinn, und fünf bis ſechs goldne Ringe an den Fingern? und waſchen Sie ſich nicht immer früh eine Stunde lang, und machen Ceremo - nieen dabei, wie ich ſie doch ſonſt noch nie von ei - nem Chriſtenmenſchen geſehn habe! Nicht wahr, geſtehen Sie es nur, Sie ſind ein Jude? Mein Depreciren half nichts, ſie blieb dabei; endlich meinte ſie doch gutmüthig, wenn ich denn durchaus keiner ſeyn wolle, ſo wünſche ſie mir wenigſtens, to be - come as rich as a Jew (ſo reich zu werden wie ein30 Jude, eine engliſche Redensart.) Dies bekräftigte ich gern mit einem chriſtlichen: Amen!

Eben komme ich von einer ſechzehnmeiligen Pro - menade mit C..l W… zurück, nach Hungryhill, ei - nem erhabenen Bergfelſen am Ende von Bantry Bay, merkwürdig durch ſeinen Waſſerfall, und durch Thomas Orourche’s Reiſe nach dem Monde, auf des Adlers Rücken, die von hier aus ſtatt fand, und ſeitdem in Proſa und Verſen ſo vielfach beſungen wurde. Auch in Deutſchland iſt das amüſante Mär - chen wiederholt überſetzt worden, wo es Dir viel - leicht vorgekommen ſeyn mag. Der Held der Ge - ſchichte iſt ein faſt immer betrunkner Garde-chasse des Lord B .... der noch lebt, und den mir Mr. W… beim Zuhauſefahren, im Gaſthofe präſentirte. Er iſt jetzt ſehr ſtolz auf ſeine Berühmtheit, und ſchien mir, als ich ihn ſah, gerade wieder im Begriff, eine Mond - reiſe anzutreten.

Für die Waſſerfälle iſt der viele Regen dieſer Tage ſehr vortheilhaft geweſen. Der Fall am Hungryhill verſchwindet faſt ganz in trocknem Wetter, übertrifft aber, nach heftigen Regengüſſen, auf einige Stun - den, den Staubbach und Terni. Hungryhill (der Hungerberg) iſt gegen 2000 Fuß hoch, und eine faſt31 ganz kahle ungeheure Felſenmaſſe. Von der Land - ſeite bildet er zwei ſteile Abſätze, zwiſchen welchen ſich, auf dem Plateau, ein See befindet, den man natürlich von unten nicht ſieht, wo das Ganze nur die fortlaufende Linie zwei coloſſaler Terraſſen dar - bietet. Die obere beſteht aus ganz kahlem Stein, und wird in der Mitte, durch eine vertikale, wie von der Kunſt tief gegrabne Rinne getrennt; die untere Terraſſe, obgleich auch ohne ſehr ſichtbare Unebenheit, iſt doch an ihrem Abhang mit Haiden und grobem Graſe bedeckt, wo gewöhnlich Hunderte von Ziegen weiden.

In der erwähnten obern Rinne nun, ergießt ſich, von der höchſten Spitze des Bergs, die Waſſermaſſe herab, fällt in den, auf dem Abſatz befindlichen, See, und ſtürzt ſich dann, dieſen überfüllend, in vier getrennten Fällen von neuem, in ſo großen Bo - gen, auf die Thalwieſe nieder, daß die Ziegen ruhig darunter fortweiden können,[während] die Waſſer - ſtröme das Wieſenthal in der Tiefe bald auch in ei - nen temperairen See verwandeln.

Da man unten ſtehend, die Trennung des obern und der untern Fälle, nebſt den zwiſchen liegenden See, wie ſchon bemerkt, nicht ſehen kann, erſcheint dem Auge das Ganze, nur wie ein ungeheurer Sturz, deſſen Wirkung alle Beſchreibung überſteigt. Obriſt W. verſicherte mich, bei höchſtem Waſſer - ſtande, die Bogen des Falles ſo weit abgeſchleudert32 geſehen zu haben, daß, nach ſeinem eignen Ausdruck, ein Regiment darunter hätte aufmarſchirt ſtehen kön - nen, ohne benetzt zu werden, wozu der betäubende Lärm, wie er ſagte, nahen Kanonendonner gut dar - geſtellt hätte.

In einer der Schluchten nebenan fand die, in Ir - lands fabelhafter Geſchichte merkwürdige Schlacht, zwiſchen dem großen O’Sullivan und O’Donnivan ſtatt, und man zeigt noch die Ueberreſte eines ural - ten Arbutus-Stammes, an welchem, der Sage nach, O’Donnivan aufgehangen wurde. Geld und Koſt - barkeiten ſind wirklich in dieſem Bezirk noch vor Kurzem, tief in der Erde vergraben, aufgefunden worden.

Die Adler dieſer Gebürge, welche auf ganz[unzu - gänglichen] Felſen horſten, ſpielen eine große Rolle in allen[Mährchen] des Volks. Sie ſind außerordentlich groß und ſtark, und es iſt erwieſen, daß ſie zuwei - len ſelbſt Kinder rauben. Vor einiger Zeit entführte ein ſolches Raubthier einen dreijährigen Knaben, und deponirte ihn, weil er ihm doch wahrſcheinlich zu ſchwer ward, faſt unverſehrt, wenigſtens lebend, auf einem Felſenabſatz, wohin man ſogleich nach - kletterte, und den Knaben glücklich rettete. Der neue Ganymedes als Corpus delicti exiſtirt noch im beſten Wohlſein. Ein ähnlicher Fall dieſer Art trug ſich erſt vor wenig Monaten zu. Der Adler nahm ein ganz kleines Mädchen, vor des Vaters Augen, vom Boden auf, und verſchwand mit ihm33 in den Felſen, ohne daß man die geringſte Spur von dem armen Kinde mehr hat auffinden[können].

Col. W ..... iſt ein eben ſo großer Parkomane als ich, aber nicht ganz ſo gourmet, et sa càve s’en ressent un peu. Dagegen verſchafft die Jagd, zu Lande und im Waſſer, der Tafel mehrere Delika - teſſen. Die Berghühner ſind unter andern vortreff - lich, und die Auſterbank im Park, liefert tellergroße, und beſonders ſchmackhafte Geſchöpfe dieſer Art. Uebrigens wimmelt die Bay von Fiſchen und See - hunden. Ein ſolcher ſaß heut früh auf einer hervor - ragenden Klippe, grade meinem Fenſter gegenüber, und ſchien mit großem Vergnügen und faſt tanzen - der Bewegung, der Muſik eines Piper zuzuhören, deſſen bag pipe vom nahen Gaſthof herüberſchallte. Dieſe Thiere ſollen die Muſik ſo leidenſchaftlich lie - ben, daß ſie, bei Waſſerparthien auf der Bay, den Böten der Muſikanten zu 20 30 folgen, und ſich auch vom[Jäger] auf dieſe Weiſe überall hinlocken laſſen. Es iſt wirklich grauſam, ihren Kunſtſinn ſo zu mißbrauchen!

Leider regnete es heute den ganzen Tag, ſo daß ich gezwungen war, zu Haus zu bleiben. Früh wohnte ich dem täglichen Privatgottesdienſt der Familie bei, deren weibliches Perſonal zwar etwas bigott inBriefe eines Verſtorbenen. II. 334der Form, aber, wie mir ſchien, doch auch ächt fromm in der That iſt. Wir ſetzten uns Alle im Kreiſe hin, dann las die Mutter einen Satz aus dem engliſchen Prayerbook, die älteſte Tochter den nächſten, und ſo fortdauernd vice versa, Prediger und Küſter in der Kirche nachahmend. Hierauf begann die Tochter, welche etwas Verſchloſſenes und Schwärmeriſches hat, ein beſonderes, ſehr langes Gebet, das wohl eine Viertelſtunde dauerte,[während] welchem alle Andere (ich natürlich auch) ſich ſchamhaft gegen die Wand kehren, vor ihrem Stuhl auf die Kniee fallen, und das Geſicht in die Hände legen mußten. Die Mut - ter ſeufzte und ſtöhnte, der Hausherr ſchien ein we - nig ennuyirt, die jüngſte Tochter (ein allerliebſtes Mädchen, die ein gutes Theil mondainer als die äl - teſte geſinnt iſt) hatte hie und da Zerſtreuungen, der Sohn aber es gar, für beſſer gehalten, ſich ganz zu abſentiren. Ich, bei dem jeder nach innen gerichtete Gedanke zu jeder Tageszeit ein Gebet zu Gott iſt, glaubte, ohne unfromm zu ſeyn, hier ein wenig nach außen beobachten zu dürfen.

Nachdem die Geſellſchaft wieder aufgeſtanden war, die Knie abgewiſcht, und die Röcke heruntergezupft hatte, denn der engliſche Enthuſiasmus vergißt ſich nicht ſo leicht, wurde eine Geſchichte aus dem Evan - gelio von der Mutter geleſen. Man hatte diesmal die Mahlzeit gewählt, wo 6000 Mann mit zwei Fi - ſchen und drei Brodten, wenn ich nicht irre, geſättigt wurden, und noch gar viel übrig blieb.

35

Glücklicherweiſe wurde uns das Mittagseſſen nicht mit gleicher Sparſamkeit zugemeſſen, und die Gottes - gaben dabei durch die heiterſte Unterhaltung gewürzt. Einmal beging ich jedoch einen unwillkührlichen Ver - ſtoß. Ich ſprach nämlich ſcherzend von dem Kometen im Jahr 32, der der Erde oder Erdbahn näher als die bisher bekannten kommen ſoll, und bemerkte, daß, nach Lalande’s Berechnung, ein Komet, der ſich auf 50,000 Meilen der Erde näherte, eine ſolche Attrak - tionskraft auf ſie ausüben müßte, daß er die Meeres - fluthen bis über die Spitze des Chimboraſſo ziehen würde. Kommt der Zwei und dreißiger uns ſo nahe, ſetzte ich hinzu, ſo ertrinken wir wenigſtens alle auf einmal. Verzeihen Sie, das iſt jedenfalls unmög - lich, erwiederte Miſtriß W .... ſehr ernſthaft, denn das wäre ja eine zweite Sündfluth, und Sie ſcheinen ganz vergeſſen zu haben, daß uns in der Bibel ver - ſprochen iſt, eine zweite Sündfluth ſolle nicht ſtatt - finden, aber zum letztenmal die Erde durch Feuer zerſtört werden. (Il faut avouer, que la faveur n’est pas grande.) Daß dieſe Zerſtörung aber wohl nahe ſeyn mag, fuhr ſie ſeufzend fort, glaube ich ſelbſt, denn die Unterrichtetſten unſerer heiligen Männer kommen jetzt darin überein, daß wir uns wahrſchein - lich im ſiebenten Reich der Offenbarung Johannis befinden, in welcher der Welt Ende prophezeit iſt, und wo unſer Heiland kommen wird uns zu richten. Wie ſonderbar ſind nun die Frommen! Ueber dieſe Aeußerung geriethen Mutter und Tochter in ſo hef - tigen und zuletzt erbitterten Streit, daß ich, unwür -3*36diger Laye, mich für ihre Verſöhnung bemühen mußte. Dieſer Streit entſpann ſich darüber, ob bei der er - wähnten Cataſtrophe die Menſchen ſofort gerichtet und dann verbrannt, oder erſt verbrannt und dann gerichtet werden würden. Die Tochter fragte entrüſtet (et je vous jure que je ne brode pas), ob unſer Hei - land, wenn er käme, mit dem Richten erſt warten ſolle bis die Welt verbrannt ſey? es ſtünde deutlich in der Schrift: daß er kommen würde zu richten über die Lebenden und die Todten, was nicht möglich ſey, wenn vorher Alle ſchon verbrannt worden[wären]! Die Welt würde alſo offenbar erſt nachher, wenn Alle gerichtet wären, verbrannt. Die Mutter erklärte dies, eben ſo heftig, als einen wahren nonsense, Menſchen müßten nothwendig erſt ſterben, ehe ſie ſelig oder verdammt werden könnten, und die angeführte Stelle bezöge ſich, wo ſie von Lebenden und Todten ſpräche, nur, eines Theils auf die, welche bei der Ankunft des Feuers noch lebten, und andrerſeits auf die, ſchon längſt vorher im Grabe Liegenden. Sie blieb alſo dabei: erſt verbrannt und dann gerichtet! Beide wünſchten nun meine Meinung zu wiſſen, um ſich, durch meinen Beitritt, im Kampfe zu verſtärken. Ich wagte zu antworten: daß ich in dieſen Details nicht allzugut bewandert wäre, und daß mir ihr Streit faſt ſo vorkäme, als der, bei Madame du Déffant, über den heiligen Dionyſius: ob dieſer nämlich eine, oder ſechs Meilen ohne Kopf gegangen ſey? worauf Frau von Deffant bekanntlich entſchied: dans ces sortes de choses, il n’y a que le premier pas qui coute. 37Uebrigens hätte ich ſelbſt mich in der Chriſtuslehre immer am meiſten an die Vorſchriften der Pflicht - erfüllung, Zuverſicht auf Gott, Sanftmuth und Näch - ſtenliebe zu halten geſucht, obgleich es mir leider nur zu ſelten damit nach Wunſche gelungen glaubte aber doch, in Folge deſſen, unbekümmert darüber ſeyn zu können, ob wir erſt gerichtet und dann verbrannt, oder erſt verbrannt und dann gerichtet würden. Alles was Gott thue, ſey jedenfalls wohlgethan. Ich müßte aber geſtehen, daß ich mich während meines hieſigen Lebens eben ſo gut in Gottes Hand, und eben ſo nahe ſeiner Macht, betrachte, als nach meinem irdi - ſchen Ende, oder ſelbſt nach dem Ende der kleinen Erde, die wir Welt zu nennen pflegen. Das Welt - gericht daure, meiner Meinung nach, ewig, gleich dem Weltengeiſt. Dieſe Erklärung verſöhnte die Käm - pfenden glücklich, indem ſie ſie beide gegen mich vereinigte. Doch gelang mir noch zuletzt ein geſchick - ter Rückzug, ohne ganz ihre Gunſt zu verlieren.

Gegen Abend hatten wir, zwiſchen Streifregen, Dämmerung und Sonnenuntergang, noch eine herr - liche Beleuchtung. Unſer Waſſerfall im Park, war ſo angeſchwollen, daß er ſich auch etwas zu donnern erlaubte, und Gras und Buſch hatte ſich gar artig mit bunten Sonnenſtrahlen illuminirt. Wir ſpazier - ten bis in die Nacht umher, ſahen den hohen Su - garloaf nach und nach vom Dunkelblau in’s Roſa übergehen, und ergötzten uns am klaren Spiegel des Meers, am Hüpfen der Fiſche auf ſeiner Oberfläche,38 und den friedlichen Spielen der Fiſchottern, bis die grauſamen Fiſcherlichter in der Bay das Feſt mit einem allgemeinen Kriegstanz beſchloſſen.

Alles iſt hier ſchön, ſelbſt die Luſt, welche wegen ihrer Salubrität berühmt iſt. *)Bis jetzt wird noch keine Taxe davon erhoben. A. d. H. Inſekten plagen die Menſchen auch nicht, da die Bay eine ſolche Tiefe hat, daß die Ebbe faſt nirgends den Boden entblößt, und der ſtete, ſanfte Luftzug des Thals ihnen wahr - ſcheinlich auch nicht behaglich iſt. Das Clima bleibt ſich faſt immer gleich, weder zu warm noch zu kalt, und die Vegetation iſt ſo üppig, daß nur eine Sache mehr, und eine weniger da zu ſeyn brauchte, um den größten Theil der kahlen Berge, und auch die Felſen, in ihren Zwiſchenräumen, mit den ſchönſten Wäldern zu bekleiden, nämlich Pflanzer und Ziegen. Den Erſten fehlt es an Geld zur Auslage, oder an der Luſt es hier anzulegen, die zweiten laſſen nichts, das nicht doppelte Mauern ſchützen, auf - kommen. Ehemals ſollen die meiſten dieſer Gebürge mit Hochwald bedeckt geweſen ſeyn, aber die Englän - der, welche immer nur daran dachten, ſo viel Geld als möglich in Irland zu machen, ſchlugen alles nie - der, zum Verkohlen und zum Gebrauch der Eiſen - hämmer, die ſeitdem eingehen mußten, deren Rudera man aber noch an mehreren Orten findet. Ein an - derer Vorzug dieſer Gegend iſt, nach meinem Ge -39 ſchmack, ihre Abgeſchiedenheit. Ein Wagen kann ſie kaum erreichen und, wenige neugierige Reiſende von meiner Art ausgenommen, wird keiner verſucht, die ſchwierigen Approſchen zu beſiegen. Ein gutmüthi - ges Volk wohnt hier, nicht in Dörfern vereinigt, ſondern einzeln im Gebürge zerſtreut, und führt, unverdorben vom Gewühl der Städte ein patriarcha - liſches Leben. Es iſt auch nicht ſo widerlich arm, als in andern Theilen des Landes. Die Bedürfniſſe dieſer Leute ſind gering; Torf zum Feuern dürfen ſie holen, wo es ihnen gutdünkt, Gras für ihre Kühe ebenfalls in den Sümpfen, und Fiſche zur Nahrung liefert ihnen das Meer, mehr als ſie bedürfen. Für den mit Schaffungsluſt ausgerüſteten Beſitzer, eröff - net ſich hier ein unerſchöpfliches Feld. Wäre ich ein Capitaliſt, hier ließe ich mich nieder.

Mein freundlicher Wirth ſorgt für die ſchnelle Be - förderung dieſes Briefes. Der Himmel gebe, daß er, in froher Stimmung geſchrieben, auch Dich in froher Stimmung antreffe. Erinnere Dich immer des Wahl - ſpruchs meiner Ahnfrau: Coeur content, grand ta - lent!

Dein treu ergebener L ....

[40]

Fuͤnf und dreißigſter Brief.

Liebe Julie!

Morgen reiſe ich ab, et bien à regrêt. Ich nehme aber ein liebes Andenken mit mir, eins der wenigen durchaus freundlichen Bilder meiner Lebenswan - derung.

Auf meinem Morgenſpaziergang fand ich heute ſo luxurieuſe Ericken von den Felſen herabhängen, daß eine Staude derſelben zehn Fuß in der Länge maß. Der Gärtner, der mich begleitete, machte mich noch auf eine andere Merkwürdigkeit aufmerkſam. An einem verborgnen Ort, nicht weit von der hübſchen, ganz ländlichen Dairy, hatten Bienen in freier Luft große Honigkämme, blos an Brombeeräſten hängend, im Dickicht gebaut. Die Schwere des Honigs bog den Strauch bis auf die Erde, und ſie arbeiteten noch rüſtig darin, als ich ſie betrachtete. Die Dairy iſt mit Erde und rother, darauf angewachſener, Haide41 gedeckt, und das Dach von unten in ſechs Spitzen ausgeſchnitten, was nicht übel ausſieht. Ein klarer Quell fließt mitten hindurch, an deſſen Ufern der ägyptiſche Cotus vortrefflich gedeiht, und den Winter auch aushält.

Nachmittags ritt ich mit Col. W… aus, um ein Adlerneſt zu beſehen. Zuerſt paſſirten wir den Be - zirk, in welchem Lord B ’s ſchönes Jagdhaus ſteht, durchwateten dann dreimal den angeſchwollenen Fluß, und erreichten nach einigen Stunden Wegs eine wilde Einöde, wo, unter einer ſenkrechten Felſenwand, zwei einzelne Hütten ſtehen. Ohngefähr 500 Fuß über dieſen, horſten die Adler, in einer mit Epheu über - rankten Spalte. Zu der Zeit wenn ſie Junge haben, ſieht man ſie fleißig mit Hühnern, Haſen, Lämmern u. ſ. w. angeflogen kommen, um den häuslichen Tiſch zu verſorgen; ein ſonderbarer Inſtinkt aber iſt es, der ſie lehrt, nie etwas von den beiden unter ihnen wohnenden Familien zu rauben, und dadurch gleich - ſam die Gaſtfreundſchaft zu ehren, welche jene ihnen beweiſen. Ich bin ſehr unzufrieden, daß noch keiner dieſer Felſenkönige mir die Attention bewies, ſich ſehen zu laſſen; auch heute waren beide entfernt.

Ueber die Höhlen des Sugarloaf’s kehrten wir zu - rück. Hier giebt es einen wilden Jäger, und kein Tallyho der Menſchen darf da erklingen, wo ſein Jagdrevier angeht. Sonſt ſtürmt er mit dem gan - zen wilden Heer herbei, und reißt in deſſen Wirbel die Unvorſichtigen mit ſich fort. Bei alle dem iſt er42 von ganz anderer Natur, als ſein deutſcher Kame - rad. Es iſt ein Elfenkönig, klein wie Däumling, in Smaragdgrün prächtig gekleidet, und von einem Ge - folge begleitet, das auf Pferden, nicht größer wie Ratten, über die Felſen, wie über das Meer, mit Windesſchnelle gallopirt. Sugarloaf ſelbſt iſt der große Sammelplatz aller irländiſchen Feen. Die Höh - len ſind voller Seemuſcheln und phantaſtiſcher Stein - geſtaltungen, welche die Neugierde des Beſuchers rei - zen, in denen aber, für alle Schätze der Welt, kein Eingeborner die Nacht zubringen würde. Von der Spitze des Berges, oder beſſer Felſen, bis gegen dieſe Höhlen herab, unterſcheidet man bei klarem Wetter ein eignes Naturſpiel: zwei gewundene aber ſtets in gleicher Weite laufende Rinnen, die in der Ferne vollkommen einem Wagengleiſe gleichen. Was könnte dies anders ſeyn, als die Spur von der Fairy Köni - gin Wagen? worin ſie auch mancher alte Bergbe - wohner bei Sonnen Auf - oder Untergang in über - irdiſchem Pomp hinauffahren ſah, um das Jahresfeſt mit ihrer Gegenwart zu ſchmücken. Gewiß wird der Alte bereit ſeyn, mit jedem beliebigen Schwur die Wahrheit ſeiner Ausſage zu bekräftigen, denn er glaubt daran, und das eben giebt den Mährchen dieſes Volks einen ſo verführeriſchen Reiz, daß man ſelbſt davon angeſteckt wird.

Col. W , der früher ein leidenſchaftlicher Jäger war, kennt Fuß und Gipfel eines jeden Berges im ganzen Diſtrikt genau, und erzählte mir, chemin fai -43 sant, ſo viel Intereſſantes davon, daß mein Brief nicht enden würde, wenn ich ein getreues Echo aller dieſer Geſchichten aus ihm machen wollte. Hier iſt die Jagd noch mit Gefahren verbunden, und dieſe wahrlich keine Kleinigkeit! Mancher verliert ſein Le - ben dabei. Sie ſind dreierlei Art: zuerſt, mitten in den Felſen von einem jener Winternebel überfallen zu werden, welche hier öfters ſtattfinden, und faſt plötzlich den Wanderer mit dunkler Nacht und eiſiger Kälte umfangen, wo ihm dann, wenn er den Aus - weg nicht findet, nur die Alternative bevorſteht, das Leben durch Erſtarrung (denn oft halten die Nebel ganze Tage und Nächte in den Schluchten feſt) oder durch den Sturz in unſichtbare Abgründe zu verlie - ren. Wollen ihm die Fairy’s wohl, ſo kömmt er ir - gend wo glücklich wieder an’s Licht, wehe aber denen, die ſich ihre Ungnade zugezogen haben; zerſchmet - tert oder erfroren, finden ſie ſicher die Freunde am nächſten Morgen. Die zweite Gefahr iſt von ganz anderer Art. Auf den weiten, unabſehbaren Berg - ebenen, die, gleich dem Meere, mit dem Horizont zu - ſammenfließen, ohne daß auch nur der kleinſte Buſch ihre erhabene Einförmigkeit unterbricht, ſind weite Sümpfe, welche das verfolgte Wild (die Grouſe, eine Art Feld - oder Birkhuhn, den engliſchen Inſeln eigen - thümlich) als Lieblingsaufenthalt wählt. Dieſe Süm - pfe ſind voll kleiner Erhöhungen, die durch Heide - kraut gebildet werden, und, wie ſo viel Maulwurfs - hügel, in geringer Entfernung von einander darin vertheilt ſind. Nur, indem man von einer dieſer44 Erhöhungen auf die andere ſpringt, kann man den Sumpf paſſiren. Verfehlt man ſie in der Hitze der Jagd, und findet nicht gleich eine andere in der Nähe, ſo iſt man ſicher, in dem grundloſen Moraſte zu verſinken. Das einzige Rettungsmittel bleibt zu - letzt noch, ſchnell die Arme auszubreiten, oder ſich mit dem horizontalliegenden Gewehr zu halten, bis end - lich Hülfe kommt, oder es Einem gelingt, den näch - ſten Hügel zu erfaſſen.

Schlimmer und gefährlicher als alles dies aber iſt es, von einem der, faſt wild zu nennenden Stiere des Gebürges attaquirt zu werden. In dieſem Fall befand ſich Herr W .... öfters, entkam jedoch immer glücklich, wiewohl auf verſchiedene Weiſe. Einige - mal erſchoſſen er ſelbſt oder ſeine Begleiter, den Bullen, ehe er noch nahe kam, ein anderesmal rettete er ſich in einen der eben beſchriebenen Sümpfe, wo - hin das wüthende Thier zwar nicht folgen konnte, ihn aber doch länger als eine Stunde förmlich darin belagerte. Die Geſchichte des letzten Anfalls aber ſchien mir beſonders merkwürdig, und beweist, daß ein Menſch, mit Kraft, Muth und Gewandtheit aus - gerüſtet, wohl jedem andern lebenden Geſchöpfe, allein widerſtehen mag. Obriſt W .... war nur von einem Freunde und einem Eingebornen begleitet, welcher den Hund führte, und mit einem langen weißen Sta - be, wie ſie hier gebräuchlich ſind, verſehen war. Des Obriſten Freund ſchoß eine Grouſe, und in demſel - ben Moment ſahen ſie, in der Diſtanz von ohngefähr45 achtzig Schritt, einen Stier mit Wuth auf ſie zuſtür - zen. W. rief ſeinem Freunde zu, ſchnell zu laden, während er den erſten Schuß thue, und legte an, als der Spürer rief: Verſprecht ihr mir ein Glas Whiskey extra zu geben, ſo will ich allein mit dem Stier fertig werden. Indem drückte W. ſein Gewehr ab, fehlte aber, ſein Freund war noch nicht mit La - den fertig, und kaum hatte er Zeit dem Manne zu - zurufen: Ein Dutzend Flaſchen ſollſt Du haben als ſie dieſen Helden der Berge auch ſchon, in dem - ſelben Tempo, mit dem der Stier auf ſie zuſtürzte, ihm ſelbſt entgegenrennen ſahen. Im Nu waren beide aneinander. Mit der größten Gewandtheit er - griff der junge Mann eins der Hörner des Bullen, deſſen Kopf die Erde ſtreifte, ſchwenkte ſich einen Schritt ſeitwärts, und denſelben Schritt dann wäh - rend des Sprungs ſeines Gegners mit Blitzesſchnelle wieder zurückthuend, faßte er mit beiden Händen des Bullen Schweif, ohne deshalb ſeinen weißen Stock fahren zu laſſen. Alles dies war mit der Geſchwin - digkeit des Gedankens verrichtet worden und nun begann der ſeltſamſte Wettlauf, den man je geſehen. Der Stier wandte alles an, die an ſeinem Schweif hängende Laſt abzuſchütteln, aber vergebens. Berg auf, bergab, über Felſen und Waldbäche rannte er, wie raſend, umher, doch ſein Begleiter, gleich einem Kobold, ſchwang ſich mit ihm über jedes Hinderniß, oft an des Schweifes Spitze mehr in der Luft ſchwe - bend, als laufend. In kurzer Zeit ward das Thier von Angſt und Rennen ermattet, und ſank endlich46 am Fuß eines weiten Raſenabhanges, grade unter dem Ort, wo Mr. W und ſein Freund erſtaunt dem Ausgang entgegenſahen, völlig erſchöpft und kraftlos nieder. Jetzt aber begann erſt ſeine regel - mäßige Strafe, und wahrſcheinlich ward dieſes In - dividuum an dem Tage, für immer von ſeiner wil - den Laune kurirt. Denn nun gebrauchte der Hirt ſeinen, mit Blei ausgegoſſenen, und mit einer Eiſen - ſpitze verſehenen Stab, den er zu dieſem Ende wohl - weislich beibehalten hatte, als Correktionsmittel, und damit den widerſpenſtigen Bullen faſt lebendig ger - bend, zwang er ihn den Berg ſich wieder hinanzu - ſchleppen, wo er zuletzt, zu Mr. W Füßen, die Zunge weit aus dem Halſe ſtreckend, zum zweiten - male lechzend niederſank, und in dieſem Zuſtande gänzlicher Machtloſigkeit von ihnen verlaſſen wurde. Der junge Bauer, den Mr. W als ein Wunder jugendlicher Kraft und Agilität beſchrieb, ſchien ſei - nerſeits nicht im Geringſten von der Jagd ermüdet, noch eitel auf ſeine That, ſondern, ruhig den wegge - worfenen Pulverſack und die Hundeleine wieder auf - ſuchend, verlor er kein Wort weiter über das Ver - gangene, als dem Obriſten, indem er vergnügt mit den Augen winkte, zuzurufen: Now Master, don’t foryet the bottles! (Nun Herr, vergeßt die Flaſchen nicht!)

Herrlich muß eine Hetzjagd ſich in dieſen Felſen ausnehmen! bald auf der Höhe oder an ihren Seiten hinſtürmend, bald Fuchs und Hunde über Abgründe47 ſetzend, oder Alles plötzlich, wie ein Schattenbild, in der Bergſchlucht verſchwindend. Col. W ſah einſt eine ſolche Hungry-Hill, wo die ganze Meute unter dem Waſſerfall durchjagte, ihr Heulen und Bellen mit dem Brauſen der Waſſer wild vermiſchend bis zu - letzt Reinecke daſſelbe Schickſal hatte, welches drei bis vier Hunde ſchon vorher betroffen, nämlich, von den glatten Felſen abzuglitſchen, und unter der Jäger Gejubel, die unten im Wieſenkeſſel auf einem vor - ſtehenden Felſen der Jagd bequem zuſahen, viele Hundert Fuß zu ihren Füßen herabzuſtürzen, wo alle ſeine Liſt und alle ſeine Noth ein Ende fand.

Soll ich nun noch mehr erzählen?

Wohlan noch einmal Hexen! ſattelt mir den Pony und dann Valet dem Lande der Mährchen, der Felſen und der ſeit Jahrtauſenden an ihnen nagenden, noch immer ihre weißen Zähne fletſchen - den, Wogen.

Sitze dann auf mit mir Julie! en croupe wie ein irländiſches Mädchen, und folge mir ſchnell durch die Lüfte, zurück nach Iveragh, der Wildniß O’Connel’s. Freilich iſt es ein Land der Adler und Geyer, ſtür - mender Wellen und abgeriſſener Felſen! aber dennoch giebt es dort einen Platz in Ballinskellig-Bay, ohn - fern O’Connel’s Schloßabtei, wo in alter Zeit mancher Tanz getanzt, und manche Heirath geſchloſſen wurde. Denn ruhig und lieblich war der einſame Fleck mit ſeinem ſammtnen Boden, hohe Felswände ſchützten48 ihn vor dem Sturm, und glatter Sand, wie Atlas, ſenkte ſich bei der Ebbe nach dem Meere hinab, das in der hellen Mondſcheinnacht, gleich dem Reſte der Schöpfung, zu ſchlummern ſchien, ſeine kleinſten Wel - len nur ſelten, vom Hauch des Zephyrs berührt, wie im Traume ſich regend und kräuſelnd.

In einer ſolchen Nacht war es, daß Maurice Adair, der Piper*)Adair wird Adehr, Piper Peiper ausgeſprochen. ſeinem Dudelſack die einladendſten Töne entlockte, und die Jugend von Iveragh das Feſt ihres Heiligen, luſtiger als je, mit Tanz und Frohſinn feierte. Maurice war ein ſchöner und rüſtiger jun - ger Burſche aber blind. Der Aermſte hatte nie der Sonne Licht geſehen, und Tag und Nacht war ihm gleich. Seiner Phantaſie ſchwebten aber dennoch undeutliche Bilder von[Schönheit] und herzbewegen - den Reizen vor, wenn ſein Ohr die ſüßen Stimmen der[Mädchen] vernahm, oder ſeine Hand einen wei - chen Schwanenhals fühlte, oder auch, gleich Blumen - duft, ein roſiger Athem ſeine Wange berührte. Mau - rice war verliebt, aber noch ohne Gegenſtand und ſein Sehnen wußte ſich nur in Melodien zu ergießen, die im einſamen Geſang, oder den Lauten ſeiner bag pipe**)Ausgeſprochen: Begpeip, der Dudelſack der Irländer, dem ſie jedoch weit complizirtere Eigenſchaften zu geben und ſanftere Töne zu entlocken wiſſen, als die Wen - den, Polen ꝛc. dem ihrigen. A. d. H. gar anmuthig ertönten. Maurice’s Muſik49 aber konnte noch weit mehr bewirken. Er hatte in ſeinem Inſtrumente einen Ton der wunder - volle Ton genannt, und wie man glaubte, von einem Elfen erſt hineingebannt einen Ton, der, gleich Hüons Horn und gewiß von derſelben Abſtam - mung, Niemand hören konnte, ohne ſogleich ſeine Tanzluſt zur unwiderſtehlichen Leidenſchaft anwachſen zu fühlen. Wie manches junge Mädchen in der Stadt, das eben ihrem erſten Balle beiwohnt, und keinen ſolchen Stimulus bedarf, würde doch viel darum geben, im Beſitz jenes Tones zu ſeyn, um die trägen Dandee’s zu ermuntern, von denen einer nach dem andern ſich wegſchleicht, oder auf dem Sopha liegt, dem dolce far niente hingegeben, ſtatt ſich mit ihr im Cottillon herumzudrehen. Hier, auf der mondbe - glänzten Wieſe, bedurften jedoch die aufgeweckten Bauerburſche keines fremden, unwiderſtehlichen Rei - zes. Hinlänglich war die Anregung ihrer eignen Luſt, und Maurice, unermüdlich aufſpielend, ergötzte ſich ſelbſt, in ſeinen lüſternen Gedanken, an dem, was die Andern in der Wirklichkeit, und deshalb vielleicht weniger innig genoſſen. Doch fing auch er endlich an, ſich nach einiger Realität zu ſehnen, und da Mu - ſikanten nicht nur verliebter, ſondern auch durſtiger Natur zu ſeyn pflegen, irländiſche Muſikanten aber ohne Zweifel beide Bedürfniſſe in doppeltem Maße empfinden, ſo verſäumte auch Maurice nicht, die an - genehmen Bilder ſeiner Phantaſie gar fleißig mit heißem Whiskeypunſch zu erfriſchen. Bald ſchien es ihm, als drehe ſein Kopf ſich noch ſchneller als dieBriefe eines Verſtorbenen. II. 450wirbelnden Paare, ja ganz Iveragh ſchaukelte unter ſeinen Füßen. O, noch ein Glas, Kitty! und einen Kuß dazu, rief er ſtammelnd aber Kitty, bange für des Tanzes Ende, wenn der Whiskey die bag pipe des Piper’s Händen entriſſe, verſagte ſtandhaft den Labetrank. Immer heftiger beſtand dieſer auf ſeinem Begehren doch Kitty blieb unerbittlich. Wer ſoviel trinkt, braucht nicht zu küſſen, und über - dem mußt Du ſpielen, ſagte ſie, damit wir tan - zen, und kaum kannſt Du ja mehr die Finger rüh - ren. Ich nicht mehr die Finger rühren? ſchrie Maurice entrüſtet nun ſo ſollſt Du, und ihr Alle, tanzen, bis ihr genug habt, und Euch mehr nach einem Tropfen Waſſer ſehnt, als ich jetzt nach einem Glaſe geſegneten Whiskeypunſches! Im Zorne hier - auf die bag pipe an ſich drückend, erſchallte laut und ſchmetternd der wunderbare Ton und augenblicklich, in wildem Getümmel, wirbelte alt und jung durcheinander. Aber ſieh! das ſchlafende Meer ſelbſt erwacht, und hervor kommen Krabben und See - krebſe, eine zierliche Menuet auf dem glatten Sande executirend. Die Meerſpinne tanzt vor, unnachahm - liche Pas mit ihren langen Beinen vollbringend, und Codfiſch und Steinbutt, Schellfiſch und Sohle balan - ciren auf ihren Schwänzen mit aller Grazie, die ihnen zu Gebote ſteht. Seehunde ſelbſt verſuchen den neueſten Gallopwalzer, und Auſtern, ihre Scha - len öffnend, gleiten dahin, mit dem Anſtand einer Pariſerin, die, die Ellenbogen ründend, beide Seiten ihrer Robe zierlich emporhebt. Staunend wurden51 dieſe ganz neuen Tänzer tanzend empfangen, unter denen ſich Maurice, fortwährend blaſend, und nichts von allem gewahrend, ſchadenfroh mit herumdrehte. Doch, da theilen ſich nochmals die Fluthen, und her - vorſchwebt, in wollüſtig reizendem Tanz, die ſchönſte der Meerjungfrauen. Friſch wie der junge Morgen war ihr Antlitz, ihr langes Haar ſtrömte herab über den ſchneeweißen Buſen, gleich durchſichtigen Wellen, röther blühten die Lippen als des Oceans feurigſte Corallen, blendender glänzten die Zähne als ſeine koſtbarſten Perlen. Ihr ſilbernes Gewand aber ſchien gewebt aus dem Schaume der Wogen, mit unbe - kannten Seeblumen geſchmückt, reicher ſchimmernd in brennenden Farben als Indiens funkelndſter Edel - ſtein.

Man ſah ihr an, daß Damen, unter wie über dem Waſſer, viel Sorge auf ihre Toilette verwenden, be - ſonders wenn ſie eine Eroberung beabſichtigen. Der Ausſage der Augenzeugen nach, hatte man nie einen verführeriſcheren, coquetterern Anzug geſehen, als den ihrigen, der ſo gut Schönes zu enthüllen, und noch viel beſſer errathen zu laſſen wußte. Nur der arme Maurice ſah von alle dem nichts, und doch war er es, auf den allein die Seekönigin es abgeſehen hatte, denn wenige Augenblicke nur waren vergangen, als in der Verwirrung des Tanzes, ihre Arme ihn ſanft umfingen, und eine melodiſche Stimme in ſüßen Tönen ihm zurief:

4*52
Mein Reich iſt das Meer,
Und prachtvoll mein Schloß.
Komm Maurice Adair,
Komm ſchwing dich auf’s Roß.
Das Seepferd, horch! ſchnaubet,
Und harret auf Dich,
Der das Herz mir geraubet
Nun herrſcht über mich!
So komm denn, und eile,
Geſchmückt iſt der Saal,
Nicht länger mehr weile
Und ſey mein Gemahl!

Es ſcheint, daß Maurice dieſer eindringenden Ein - ladung mit nicht weniger Empreſſement entgegen kam, denn, obgleich ſeine alte Mutter, die ebenfalls ſeit einer halben Stunde, wie raſend, umherſpringen mußte, und ſchon beide Holzſchuhe, nebſt mehreren der weſentlichſten Kleidungsſtücke verloren hatte ihren letzten Athem anſtrengte, ihm kläglich nachzu - rufen, doch um Gottes und St. Patricks Willen kei - nen Fiſch zu heirathen, obgleich ſie, als letztes Argument, ſelbſt anführte, daß ſie ja künftig nicht einmal mehr Stockfiſch mit zerlaſſener Butter eſſen könne, ohne fürchten zu müſſen, vielleicht ihren eignen Enkel zu verſpeiſen ſo war doch Alles umſonſt! halb zog ſie ihn, halb ſank er hin und als der wundervolle Ton verhallte, und alle Tänzer er - mattet Luft ſchöpften, hatte bereits eine hohe Welle, welche während der ganzen Zeit hinter ihnen geſtan - den (wahrſcheinlich das erwähnte Leibroß der Köni -53 gin) beide verſchlungen, und nur ein leiſes: Lebewohl Mutter! das der Wind herübertrug, war der letzte Laut den man je von Maurice dem Piper ver - nahm.

Auch mein Brief ſchließt hiermit, liebe Julie; noch weiß ich nicht, woher ich Dir den nächſten adreſſiren werde, aber wenn Du meiner gedenkſt, ſo ſage Dir nur, daß ich mich nie wohler, und froher befand.

Dein ewig treuer L ....

[54]

Sechs und dreißigſter Brief.

Geliebte Theure!

Das Scheiden ward mir ſchwer Du jedoch, die mich ganz wo anders hinwünſcheſt, wirſt gewiß ſagen, daß ich ſchon viel zu lange geblieben und ſo riß ich mich denn los, von den guten Leuten, und ihrem romantiſchen Wohnſitz. Es war grade Sonntag, und die alte Dame konnte ſich nicht enthalten, ohngeach - tet ihrer ſichtlichen Herzlichkeit für mich, ſtrafend aus - zurufen: Aber wie iſt es möglich, daß ein guter Menſch wie Sie, an einem Sonntag eine Reiſe antreten kann! Du weiſt, daß die engliſchen Prote - ſtanten ſchon von Jacob des I. Zeiten an, wo dieſe Vergötterung des Sonntags anfing, und bald wüthen - de Partheiſache wurde, jetzt faſt allgemein dieſen Tag zu einem wahren Todtentage geſtempelt haben, an55 dem Tanz, Muſik und Geſang verpönt ſind, ſo daß ganz Fromme ſelbſt die Kanarienvögel verhängen, damit ihnen kein Singlaut in der heiligen Zeit ent - fahre. Auch darf kein Brod gebacken und kein nütz - liches Geſchäft überhaupt verrichtet werden, wohl aber mögen Trinken und andere Laſter noch üppiger als an Wochentagen blühen, denn niemals liegen die Straßen mehr voller Betrunkenen als am Sonntag, und niemals ſind, den Polizei-Ausſagen nach, gewiſſe Häuſer voller mit Beſuchern angefüllt. Viele Eng - länder halten das Tanzen am Sonntage unbedingt für eine größere Sünde als blos etwas zu ſtehlen oder dergleichen, und ich las ſogar in einer Geſchichte von Whitby gedruckt, daß die dortige einſt reiche Abtey habe untergehen müſſen, weil die Mönche nicht nur jedes Laſter, Mord und Nothzucht nicht ausge - nommen, ſich erlaubt, ſondern ihr verbrecheriſcher Abt, ſelbſt am heiligen Sonntage habe arbeiten, und den Bau des Kloſters fortſetzen laſſen.

Von dieſem Wahne war denn auch die gute Mi - ſtriß W .... angeſteckt, und es ward mir ziemlich ſchwer, die begangene Sünde mit der dringendſten Nothwendigkeit zu entſchuldigen. Um ſie jedoch völ - lig zu beſänftigen, fuhr ich vorher noch mit der gan - zen Familie, auf der Bay, zur Kirche nach B ...., welche nicht ſehr außer meinem Wege lag. Ich er - zählte ihnen bei dieſer Gelegenheit die ſeltſame Viſion eines der Söhne meines früheren gütigen Wirthes, des Capitains B ....., der dadurch zum Uebergang zu56 der katholiſchen Kirche vermocht wurde. Er war, wie er mir ſelbſt ſagte, ein eben ſo eifriger Proteſtant, als Orangemann, und ging eines Tags, in Dublin, in die katholiſche Kirche, mehr um ſich über die dort ſtatt findenden Ceremonien luſtig zu machen, als aus einem andern Grunde. Dennoch rührte ihn wider Willen die ſchöne Muſik, und als er jetzt den Blick auf den Hochaltar zurückwarf, ſiehe da ſtand der Erlöſer ſelbſt leibhaftig vor ihm, mit Engelsmilde das Auge feſt auf ihn gerichtet, lächelte ihn freund - lich an, winkte mit der Hand, und ſchwebte dann langſam ihn fortwährend feſt anblickend, zur Kuppel empor, bis er dort, von Engeln getragen, verſchwand. Von dieſem Augenblick an war B ..... überzeugt, ein beſonderer Liebling Gottes zu ſeyn, und wenige Tage darauf trat er zu einer andern alleinſeligma - chenden Kirche über (denn die orthodoxe engliſch pro - teſtantiſche glaubt dieſes Privilegium auch zu be - ſitzen). Wie philoſophiſch urtheilten meine gläubigen Freunde über dieſe Bekehrung! Iſt es möglich, rie - fen ſie, welcher craſſe Aberglaube! gewiß, das war entweder eine Fieberphantaſie oder der Menſch iſt ein Heuchler und hatte andere Gründe; entweder iſt er toll, oder er erfand das Mährchen nur zu ſeinem Vortheil.

O Menſchen, Menſchen! wie recht hat Chriſtus, wenn er ſagt: Ihr ſeht den Splitter im fremden Auge, und den Balken im eignen nicht! Gewiß, es geht uns Allen ſo, mehr oder weniger, und ich neh -57 me ſicherlich Deinen armen Freund nicht von der all - gemeinen Regel aus.

Wir trennten uns endlich, nicht ohne gegenſeitige Rührung; worauf mich (deſſen excentriſche Art zu reiſen übrigens den jungen Damen ſehr gefiel) ein Bergkarren aufnahm, mit einem Gaule beſpannt, der keineswegs eine glänzende apparence hatte. Die be - ſtimmte Tagereiſe betrug 30 Meilen, und begann äu - ßerſt langſam. Nach einiger Zeit ward das elende Pferd beim Bergſteigen ſogar ſtetiſch, was mich ei - nigemal zwang, den Wagen zu verlaſſen, um nicht etwa in irgend einem Abgrund begraben zu werden. Das entetirte Thier mußte nun[fortwährend] am Zau - me geführt werden, oder es weigerte ſich einen Schritt weiter zu gehen. Eine ganze Weile trabte der Kut - ſcher rüſtig daneben her, konnte es aber am Ende nicht länger aushalten, und der Himmel weiß, was aus uns geworden wäre, wenn wir nicht zum Glück einen Reiter begegnet hätten, der einwilligte, ſein Pferd ſtatt des unſrigen einzuſpannen, mit welchem ich denn Macroom erſt ſpät Abends erreichte. Unter - wegs ſtieß mir nichts Merkwürdiges auf, als der ſo - genannte Glen, ein langer und tiefer Felſenpaß, in dem, zu der Zeit der Verſchwörung der white boy’s, Lord B. und Col. W .... von dieſen, welche die Höhen beſetzt hatten, überfallen wurden, und ihnen nur mit genauer Noth entgingen. Die white boy’s hatten ihre Maaßregeln ſehr gut getroffen, und wäh - rend der Nacht einen großen Felsblock abgelöst, den58 ſie beim Anmarſch der Truppen plötzlich mitten in den Weg herabrollen ließen, wodurch das gegen ſie geſen - dete Cavallerie-Detachement nicht nur unvermuthet am weitern Vordringen gehindert wurde, ſondern ſich zugleich, von hinten abgeſchnitten, in einer verzweif - lungsvollen Lage ſah. Sehr viele kamen dabei um, die beiden genannten Gentlemens aber, welche vor - treffliche Hunters ritten, entkamen glücklich durch ihre Hülfe, indem ſie ſich einen faſt impractikabeln Weg an den Felsabhängen bahnten, während ein unun - terbrochner Kugelregen auf ſie herabſauste. Obriſt W .... wurde jedoch nur leicht am Arme verwundet, Lord B. blieb ganz unverſehrt.

In der überaus wilden Gegend liegt, ohnfern von hier, ein großer See mit einer bebuſchten Inſel in ſeiner Mitte. Hier ſteht eine heilige Capelle, zu der alljährlich große Wallfahrten angeſtellt werden. Die[vorgerückte] Tageszeit erlaubte mir jedoch nicht, ſie näher zu beſichtigen.

Macroom iſt ein recht freundlicher Ort, mit einem ſchönen Schloß, dem Onkel der reizenden Afrikanerin (dem ihres Mannes eigentlich) gehörig. Sie hatte mir einen Brief an ihn mitgegeben, ich machte aber keinen Gebrauch davon, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren.

59

Sehr früh verließ ich Macroom, in einem Gingle, eine Art bedeckter Diligence mit zwei Pferden. Es regnete und ſtürmte wieder; denn, gute Julie, ich befinde mich überhaupt nicht mehr, wie die Irländer hübſch ſagen: an der Sonnenſeite des Lebens.

Drei Frauenzimmer waren mit mir im Wagen, und ein fünfjähriger großer Bengel, der ſich ſehr unnütz machte, und von ſeiner ſonſt recht hübſchen und lebhaften Mama entſetzlich verzogen wurde. Ob - gleich er eine große Semmel und ein gleiches Stück Kuchen vor ſich hatte, an denen er fortwährend ſpeiste, und den Wagen mit Krumen und Brocken anfüllte, wurde doch ſeine üble Laune bei jeder Gelegenheit rege. Das Geſchrei, welches er dann erhob, und das Getrampel ſeiner Füße, das er oft, ganz unbeküm - mert, auf den meinigen ſpielen ließ; die Begütigun - gen der Mutter und ihr zu Hülferufen des Mannes, der auf der Imperiale ſaß; dann ihre beſtändigen Bitten, doch einen Augenblick anzuhalten, weil dem armen Wurme vom Fahren übel geworden ſey, oder weil er trinken, oder noch etwas anders thun müſſe; zuletzt gar eine ſich verbreitende mephytiſche Luft, welche die Mama ſelbſt zwang die Fenſter zu öffnen, die ſie bisher, aus Furcht, der Kleine möchte ſich, ohngeachtet ſeines Pelzes, erkälten, ſtets hermetiſch zugehalten hatte; es war eine wahre Gedulds - probe! Auch für ſich ſchien die junge Frau eben ſo60 ängſtlich als für ihr Kind, denn ſo oft der Wagen etwas auf die Seite hing, fing ſie an zu ſchreien, und klammerte ſich, mir faſt um den Hals fallend, mit beiden Händen an mich an. Dies war noch das erträglichſte meiner Leiden, und es beluſtigte mich deshalb, ihre Angſt oft ein wenig zu vermehren. In den Zwiſchenakten erklärte ſie mir mit vielem Patrio - tismus die Merkwürdigkeiten der Gegend, machte mich auf die ſchönen Ruinen aufmerkſam, und er - zählte mir ihre Geſchichte. Zuletzt zeigte ſie mir einen, mitten im Felde ſtehenden, ſpitzen und thurm - artigen Stein, und ſagte, daß dieſen ein Dänenkönig von dort über den See geworfen habe, um ſeine Stärke zu zeigen. Auch ihr Mann mußte von der Imperiale herunter, um dieſen Stein zu bewundern, wobei ſie ihm ſpottend verwies, daß die jetzigen Männer, wie er z. B., nur elende[Schwächlinge] gegen jene Rieſen[wären]. Zugleich übergab ſie ihm den Jungen, um ihn bei Seite zu tragen. Der Aermſte machte ein langes Geſicht, zog die Nachtmütze über die Ohren und folgte geduldig dem Befehl.

Das Land wird jetzt ſehr fruchtbar, voll reicher Feldfluren; hie und da ſieht man ſtattliche Landſitze. Cork ſelbſt liegt in einer tiefen Schlucht, höchſt male - riſch, am Meer. Es hat ein alterthümliches Anſehn, welches noch origineller durch die Bekleidung vieler Häuſer über und über mit ſchuppenartigen Schiefer - panzern wird. Prachtvolle Gebäude ſind die beiden neuen[Gefängniſſe], das der Stadt, und das der Graf -61 ſchaft, wovon das eine im antiken Geſchmack, das andere im gothiſchen Styl aufgeführt iſt, und einer großen Feſtung ähnlich ſieht.

Nachdem ich gefrühſtückt, und mehrere kleine Häus - lichkeiten beſorgt hatte, miethete ich ein ſogenanntes Wallfiſchboot (ſchmal und ſpitz an beiden Enden, und daher ſicherer und ſchneller als andere) und ſegelte bei gutem Winde, in der Bay, welche the river of Cork genannt wird, nach Cove, wo ich mir vornahm, zu Mittag zu ſpeiſen. Ein Theil dieſer, ohngefähr eine Viertelſtunde breiten Bucht, bildet für Cork, von der Meerſeite, eine der ſchönſten Entreen in der Welt! Beide Ufer beſtehen aus ſehr hohen Hügeln, die mit Palläſten, Villen, Landhäuſern, Parks und Gärten bedeckt ſind. Auf jeder Seite bilden ſie, in ungleicher Höhe ſich erhebend, die reichſte, ſtets ab - wechſelnde Einfaſſung. Nach und nach tritt dann, in der Mitte des Gemäldes, die Stadt langſam her - vor, und endet auf dem höchſten Berge, der den Ho - rizont zugleich ſchließt, mit der imponirenden Maſſe der Militairbaracken. So iſt der Anblick von der See aus. Nach Cove zu, verändert er ſich öfters, nachdem die Krümmungen des Canals die Gegen - ſtände anders vorſchieben. Die eine dieſer Ausſichten ſchloß ſich ungemein ſchön mit einem gothiſchen Schloß, das auf den, hier weit hervorſpringenden Felſen, mit vielem Geſchmack von der Stadtcommune erbaut worden iſt. Durch die vortreffliche Lage gewinnt es nicht nur an Bedeutung, ſondern es erſcheint, wenn62 ich mich ſo ausdrücken darf, wie natürlich dort, wäh - rend dergleichen, an andern Orten, ſo oft nur als ein unangenehmes hors d’oeuvre auffällt. Obwohl ich glaube, daß wir den Engländern in der edlern Baukunſt überlegen ſind, ſo fehlen wir doch darin, daß wir bei unſern Gebäuden viel zu wenig die Um - gebung und die Landſchaft umher berückſichtigen. Dieſe aber iſt es grade, welche größtentheils für den zu wählenden Styl entſcheiden ſollte.

Die Burg hier ſchien für irgend einen alten See - helden beſtimmt, denn der Eingang war blos vom Meer aus angebracht. Ein coloſſales Thor, mit Wap - pen verziert, in das die Fluthen bis an den Fuß der Treppe drangen, wölbte ſich über der ſchwarzen Oeff - nung. Ich dachte mir Folko mit den Geyerflügeln, wie er eben von einem gewonnenen Seetreffen hier - her zurückkehrt, und belebte mir das Meer mit Phan - taſiebildern aus Fouque’s Zauberring.

Wir ſegelten hierauf mit gutem Winde bei Paſſage, einem Fiſcherdorf, und Morkstown vorbei, das ſei - nen Namen (Mönchsſtadt) von einer, im Walde dar - über liegenden, Kloſterruine herſchreibt. Hier fing der, eine Zeit lang unterbrochne Regen, wieder an, gab aber diesmal Gelegenheit zu einer herrlichen Naturſcene. Wir wandten uns, bei der Inſel Ar - boulen, in die enge Bay von Cove, die einen ſehr ſchönen Anblick gewährte, denn ihren Eingang bildet links eine hohe Küſte mit Häuſern und Gärten, rechts die genannte Berginſel, auf der ein Fort, weit -63 läuftige Marinegebäude und Storehäuſer ſtehen, die das Material für die Seemacht enthalten; vor uns aber, in der Bay ſelbſt, lagen mehrere Linienſchiffe und Fregatten der königlichen Flotte, nebſt einem zweiten Deportirtenſchiff vor Anker, und hinter dieſen erhob ſich die Stadt Cove, ſtufenweiſe am Berge auf - gebaut. Indem wir dies alles eben anſichtig wur - den, trat, an einem feuergelben Fleck des Himmels hinter uns, die dem Untergehen nahe Sonne, unter den regnenden Wolken hervor, während vorn ſich ein Regenbogen, ſo vollſtändig und tiefgefärbt, als ich ihn nie mich erinnere geſehen zu haben, über den Eingang der Bay ſpannte, aus dem Meere empor wachſend und wieder in daſſelbe herabſinkend, gleich einer Blumenpforte, Himmel und Erde zu verbinden beſtimmt. Innerhalb ſeines rieſenhaften Halbkreiſes erſchien das Meer und die Schiffe, die ein Berg in unſern Rücken ſchon vor der Sonne deckte, ganz ſchwarz, wogegen die abendlichen Strahlen, über das höhere Amphitheater von Cove, eine ſolche Glorie von Licht ergoſſen, daß die darin ſchwebenden See - möven wie klares Silber ſchimmerten, und jedes Fen - ſter in der, den Felſen hinanſteigenden, Stadt, wie glitzerndes Gold erglänzte. Dieſer unbeſchreiblich ſchöne Anblick hielt nicht nur in derſelben Beleuch - tung aus, während wir einfuhren, ſondern, kurz vor dem Landen, verdoppelte ſich der Regenbogen ſogar, beide Bögen in gleicher Schönheit der Farben bren - nend, worauf aber auch beide, als wir noch kaum den Fuß ans Ufer geſetzt, faſt im Augenblick ver - ſchwanden.

64

Ich etablirte mich nun ſehr vergnügt am Fenſter des kleinen Gaſthofs, in der Hoffnung, eine vortreff - liche Faſtenmahlzeit mit den delikateſten friſchen Fiſchen zu machen. Es blieb aber blos beim Fa - ſten, denn auch nicht ein Fiſch, noch Auſter, oder Muſchel war zu bekommen. In den kleinen Fiſcher - orten am Meer begegnet dies häufiger, als man glaubt, weil alles Disponible ſogleich zum Verkauf in die großen Städte gebracht wird. In dieſer Hinſicht war alſo mein Zweck ſchlecht erreicht, und ich mußte mich mit den gewöhnlichen, in engliſchen[Gaſthäu - ſern] unſterblichen, mutton chops begnügen. Doch ließ ich mir meine Laune dadurch nicht verderben, las ein Paar alte Zeitungen, deren ich lange nicht geſehen, zum kärglichen Male, und trat, nach ſchon eingebrochner Dunkelheit, meinen Rückweg zu Lande an. Ein offner Karren mit Strohſitz war Alles was ich mir verſchaffen konnte; der Wind blies kalt und heftig, und ich war genöthigt, mich dicht in meinen Mantel zu hüllen. Wir cotogirten das Meer in ziemlicher Höhe, und die vielen Lichter der Schiffe und Marinegebäude unter uns, glichen einer reichen Illumination. Fünf flackernde Flammen tanzten wie Irrwiſche auf dem