PRIMS Full-text transcription (HTML)
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[I]
Briefe eines Verſtorbenen.
Dritter Theil.
[II][III]
Briefe eines Verſtorbenen.
Ein fragmentariſches Tagebuch aus Deutſchland, Holland und England, geſchrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828.
Dritter Theil.
Stuttgart,1831. Hallberger'ſche, vormals Franckh'ſche Verlagshandlung.
[IV][V]

Vorwort des Herausgebers.

Schon ſeit mehreren Monaten hatte mich mein Verleger um die Ueberſendung der zwei letzt-erſten Theile der Briefe eines Verſtor - benen gemahnt, und doch war es mir faſt unmoͤglich, ſein Verlangen zu erfuͤllen, weil mir in den verworrenen, oft auch nicht voll - ſtaͤndigen Manuſcripten zu Vieles dunkel oder ganz unverſtaͤndlich blieb.

In dieſer Noth verfolgte mich unablaͤſſig der ſonderbare Gedanke: ob es nicht moͤg - lich ſey, mit dem Verſtorbenen noch einmal muͤndlich zu verkehren, und ſo unver - ſtaͤndig, ja wahnwitzig Manchem das vor - kommen mag dieſe Unterredung hat den - noch wirklich ſtatt gefunden. Gegen Facta gehalten, muͤſſen aber alle Theorien ver - ſtummen.

VI

Wie ſich ſo Unerhoͤrtes jedoch hoͤchſt wun - derbarerweiſe geſtaltet und zugetragen, werde ich hier kuͤrzlich erzaͤhlen.

Die unerwartet guͤnſtige Beurtheilung, welche vom Gipfel des Parnaſſes, wie be - lebender Reſurrektionsthau, auf die Tod - tenblaͤtter gefallen war, hatte meine Sehn - ſucht nach dem Freunde, um ihm wo moͤg - lich ſo erfreuliche Kunde mitzutheilen, noch mehr als je geſteigert, und ich begann ei - nes Abends ſchon, mich mit heidniſch cab - baliſtiſchen Beſchwoͤrungen zu beſchaͤftigen, als ein aͤrztlicher Freund mich noch zur rechten Zeit unterrichtete, wie ich weit chriſtlicher und ſchneller zum Zwecke kommen koͤnne.

Der Leſer ahnet wohl ſchon, auf wel - chen Weg er mich fuͤhrte. Ja, er ſandte mir jenes außerordentliche Buch, jene neueſte Offenbarung: die Seherin von Prevorſt.

Man denke ſich, wie in ſo guͤnſtiger, empfaͤnglicher Stimmung jedes letzte Vor - urtheil des geſunden Menſchenverſtandes ſchwinden, wie der uͤberirdiſche Funke ge - waltſam zuͤnden, und gleich einem Blitze mein Inneres erleuchten mußte! O ihrVII edlen Wohlthaͤter der Menſchheit, rief ich, eben ſo triumphirend als glaͤubig, aus, Dank Euch, das Geiſterreich iſt von Neuem erſchloſſen, und iſt auch die erſte Seherin in ihrem Berufe geſtorben, warum ſollte ihr nicht bald eine zweite folgen? was ein - mal da war, kann auch wieder kommen, ja truͤgt mich die ſuͤße Hoffnung nicht, ſo iſt dieſe Zweite ſchon gefunden!

Dieſer Ausruf, geneigter Leſer, hatte ſeinen guten Grund, denn ſchon ſeit ge - raumer Zeit lebte in meiner Naͤhe ein Maͤdchen, deren wunderbare Reizbarkeit des Nervenſyſtems in der ganzen Gegend faſt zum Sprichwort geworden war. Sie hatte fruͤher als fromme Nonne im B Kloſter zu B geſtanden, und dort ſelt - ſame Fata erlebt, wo ſie, bei allen aͤcht weiblichen Eigenſchaften, zugleich vielfache Gelegenheit gehabt, auch eine wahrhaft maͤnnliche Entſchloſſenheit zu bekunden. Man raunte ſich ſogar ins Ohr, daß ſie im Verlauf gewiſſer Verfolgungen mehr als einmal vergiftet worden; durch ſchleu - nigen Gebrauch der Magenpumpe jedoch immer gluͤcklich wieder hergeſtellt worden ſeye. Wegen dieſer geheimnißvollen Avan - tuͤren hatte man ihr den luͤguͤbren NamenVIII des Nonnerich beigelegt, ihr eigentlicher Name war aber Thereſel, und ihr Geburts - ort Boͤhmen. Nach Aufhebung des Kloſters zog ſie ſich zu einer muͤtterlichen Freundin zuruͤck, und lebte jetzt, nach dem Hingange dieſer, ſtill fuͤr ſich, nur den Myſterien ei - nes gluͤhenden Pietismus, und den Werken der ausgedehnteſten Menſchenliebe ruͤckſichts - los hingegeben.

Dieſes hochbegabte Weſen hatte ſich ſo oft im Zuſtande freiwilliger magnetiſcher Exſtaſe befunden, daß durch eine, nach den Regeln der Kunſt fortgeſetzte, wiſſenſchaft - liche Manipulation, die hoͤchſten Reſultate unfehlbar erwartet werden durften, und an ihrer Einwilligung war, bei jener bekann - ten Richtung ihres Naturells, kaum zu zwei - feln.

Ich verlor alſo keinen Augenblick, und ſchrieb ſogleich an meinen Freund, den Dok - tor Ypſilon, einen ſehr gebildeten und ge - muͤthlichen Mann, der auch, wo es Expe - rimente betrifft, keiner unpaſſenden Gewiſ - ſenhaftigkeit Raum giebt, und bat ihn drin - gend um ſeine beſte Huͤlfe, das große Re - ſultat hervorzubringen, welches ich beabſich - tigte.

IX

Doktor Ypſilon war auch, wie ich er - wartet, fuͤr mein Projekt ſofort Feuer und Flamme. » Verlaſſen Sie ſich auf mich, er - wiederte er, und ſollte ich ſelbſt daruͤber den Kopf, und Thereſel das Leben verlieren, ſo muß ſie doch bongré malgré den hoͤch - ſten Grad des Hellſehens erreichen, und hinter der großen Seherin in keiner ihrer wunderbaren Fakultaͤten zuruͤckbleiben.

In der That ſegnete der Himmel unſern guten Vorſatz auf das ſichtlichſte. Der Er - folg uͤbertraf noch die kuͤhnſten Wuͤnſche, denn ehe ſechs Wochen vergingen, ſah The - reſel ſchon oben und unten, rechts und links, geiſtig und koͤrperlich, durch ſich und Andere hindurch, und Geiſter aller Taillen und Far - ben gingen bei ihr aus und ein, wie in einer Schenke. Man muß zwar geſtehen, es wa - ren nicht immer die geiſtreichſten. Wir hat - ten ſogar in dieſem Punkt Ungluͤck, aber ein ſonderbares Vorurtheil dieſer Erde iſt es auch, zu glauben: daß alle Geiſter Geiſt haben muͤßten gewiß eben ſo wenig, als alle Menſchen menſchlich ſind. Gibt es doch ſogar dumme Teufel, warum ſollte es nicht auch dumme Geiſter geben!

Dem ſey nun wie ihm wolle, kurz, der von mir ſo lang erſehnte Zeitpunkt war da,X der Zweck aller Muͤhe erreicht, und bei der erſten beſonders aufgeregten Stimmung der Prophetin, legte ich ihr meinen Wunſch auf den Magen, das inbruͤnſtige Wollen aller meiner verſchiedenen Seelen und Gei - ſter: den verſtorbenen Buſenfreund noch ein - mal zu ſehen.

Sie beſann ſich eine Weile, und ſagte dann: Was verlangſt du Lieber! wiſſe, L .... kann nicht anders als zu Pferde erſcheinen. » Comment, « rief ich erſtaunt, » à cheval wie Napoléon. « Nicht anders, mein Freund, ſo wollen es die unwandelbaren Geſetze des Zwiſchenreichs, denn L ...., erinnere Dich, hatte unter vielen andern Fehlern auch den, ein viel zu leidenſchaftlicher Reiter zu ſeyn, und wie bei meiner Seelen-Freundin von Prevorſt alte Ballvortaͤnzer auch jetzt noch tanzend umherhuͤpfen muͤſſen, ſo darf auch L .... bei mir nur reitend eingelaſſen wer - den. Seine Erſcheinung wird fuͤrchterlich ſeyn, ich ſage es Dir vorher, waffne Dich mit Muth, doch Du haſt es gewollt, ich rief ihn, und hoͤre da koͤmmt er ſchon! Obgleich bereits paſſabel an den Umgang mit der andern Welt gewoͤhnt, durchrieſelte doch ein kleiner Schauer mein Gebein, als ich jetzt Tap Tap Tap vor derXI Thuͤre erſchallen hoͤrte, und gleich dem Com - thur in Don Juan eine daͤmmernde, furcht - bare Geſtalt, mit dem Haupte ſchrecklich nickend, langſam ins Zimmer ritt.

Es ſchien wirklich, als habe mein Freund, zur Strafe fuͤr ſeine einſtige Eitelkeit: im - mer die ſchoͤnſten Pferde haben zu wollen, jetzt das magere Thier der Apokalypſe beſtei - gen muͤſſen, ein fahles Ungeheuer, deſſen Nuͤſtern ſtahlblaue Daͤmpfe von ſich ſtießen, und deſſen Augen wie Feuerraͤder im Kopfe rollten. Daß es uͤbrigens bei ſeinen ungeheu - ren Dimenſionen, die gewiß dem trojani - ſchen Pferde nichts nachgaben, dennoch in unſrer kleinen Stube Platz fand, war ge - wiß ein ſo offenbares Wunder, daß es auch dem Unglaͤubigſten jeden Gedanken an moͤg - liche Taͤuſchung der Sinne benehmen mußte.

O theurer Freund! rief ich zitternd, noch ganz außer mir vor Schrecken und Freude, biſt Du es wirklich? ja jetzt erkenne ich ſchon wieder die alten lieben Zuͤge, und, bei al - len Geiſtern des Zwiſchenreichs, wirklich beſ - ſer conſervirt, als ich erwartete. Wieviel, o Freund, habe ich mit Dir zu reden, wie - viel zu melden, wieviel zu erfahren, doch vor Allem hoͤre jetzt das: Was von Dir auf Erden allein zuruͤckblieb deine poſthuͤmen,XII harmloſen Briefe ſie haben mehr Gnade daſelbſt gefunden, als Du je im Traume ge - hofft, und duͤrfte ich mich etwas orientaliſch ausdruͤcken, was beſſer zu deiner exotiſchen Erſcheinung paßt, ſo wuͤrde ich ſagen: daß aus dem unanſehnlichen Feuerſtein der edelſte Stahl einen hellleuchtenden Rubin geſchla - gen, daß die Sonne das Stuͤckchen Glas durch ihre Strahlenkraft einen Augenblick zum Brennſpiegel erhoben hat mit einem Wort, um plan zu ſprechen ....... hier ergriff ich ein ſchon in der Taſche bereit gehaltenes Papier, und las, wie auf der Tribuͤne der franzoͤſiſchen Deputirtenkammer, den Reſt meiner Rede, und die Nr. 59. der Jahr - buͤcher fuͤr wiſſenſchaftliche Kritik, dem er - ſtaunten Geiſte vor*)O Eitelkeit!.

Dieſer (ein ſanft aſchgrauer, alſo nach den Regeln der Uniformirung des Zwiſchen - reichs, ſchon beinahe halbſeliger) war bei der erſten Nennung des ſalomoniſchen Na - mens etwas erblaßt, dann ſchnell erroͤthet, und hoͤrte hierauf, ohne ein Wort zu ſpre - chen, dem Anſchein nach tief in ſich ver - ſunken, andaͤchtig zu.

XIII

Als ich geendet, entſchwebte ſeinen Lip - pen ein behaglicher Seufzer, und laͤchelnd lispelte er (ganz wie im Leben): Auf Er - den wollte mir das Gluͤck nie wohl, Heil aber ſollte mir dennoch von daher, hier im Zwiſchenreich widerfahren! Wandelte ich noch irdiſch umher, mir wuͤrde ſeyn, wie einem Tuͤrken, der, in der Menge verbor - gen, ploͤtzlich einen Geſandten des Sultans auf ſich zukommen ſieht, um ihn mit dem Ehrenpelz zu bekleiden, und zum Paſcha einiger Roßſchweife zu ernennen. Laͤchle nicht uͤber die ſcheinbare Eitelkeit dieſes Vergleichs, mein guter Herrmann; denn es ſteht mir ja wohl an, ſtolz zu ſeyn auf Jupiters Lob, und es iſt ſogar Pflicht, meine eigne Beſcheidenheit hier gefangen zu nehmen denn waͤre es nicht anmaßend, mich ſelbſt richtiger ſchaͤtzen zu wollen als Er?

Iſt es mir aber vergoͤnnt, nun auch dem Gehoͤrten einige demuthsvolle Worte zu entgegnen, ſo muß ich vor Allem mein Staunen ausdruͤcken, wie der achtzigjaͤhrige Greis ſo jugendlich friſch noch in jeden muthwilligen Scherz des Weltkindes, in jede Kinderfreude an der Natur ſo theil - nehmend freundlich einzugehen vermag, und wie hoch er dabei dennoch in ſeiner Dich -XIV ter-Glorie oben uͤber uns ſchwebt, und alle Zuſtaͤnde der Menſchen, wie Einer der Herzen und Nieren pruͤft, erkennt und ſchildert, ohne noͤthig zu haben, ſie ſelbſt zu theilen, noch ſie aus eigner Erfahrung ſich zu abſtrahiren. Nicht richtiger hat Rha - damanth, als ich in der Unterwelt ankam, mir im Herzen geleſen, und ſelbſt wenn mit wohlwollender Feinheit der guͤtige Mei - ſter andeutet, wie manche heterogene Auf - ſaͤtze in jenem wunderlichen Buche wohl auch von fremder Hand ſeyn koͤnnten, ſo hat er auch darin im Weſentlichen Recht, denn zeigte es ſich auch am Ende, daß Herausgeber und Autor nur eine Perſon waͤren, und Ein und Derſelbe das Ganze geſchrieben (was jedoch nur myſtiſch moͤglich ſeyn koͤnnte, da ich todt bin, und Du noch lebſt) ſo wiſſen wir doch, daß es auch in demſelben Individuo verſchiedene Naturen geben koͤnne, und daß, wenn die Linke nicht wiſſen ſoll, was die Rechte thut, auch manchmal die Linke thut, wovon die Rechte nichts wiſſen will.

Du, mein treuer Herausgeber, gehſt ebenfalls nicht leer aus, und es wird Dir zum Verdienſt angerechnet, daß Du » offen aber nicht aufrichtig « bekannteſt, wie gewiſſe beſondere Umſtaͤnde Dich noͤthigten,XV das Ende zum Anfang zu machen, waͤh - rend Du dadurch doch nur ein heilſames clair obscur uͤber das Ganze breiten, und ihm, wie der Richter ſagt, einen epiſchen Anſtrich geben wollteſt. So erſcheinſt Du denn, neben dem gluͤcklichen Autor, auch als gewandter Editor, vor Reich und Zwi - ſchenreich, uns Beiden aber wird ſchließ - lich Abſolution ertheilt, wenn wir auch wirklich gewagt haben ſollten, hie und da Dichtung (beſcheidner, Fiktion) mit Wahr - heit zu vermiſchen.

Der Verſtorbene (wie man ſieht, mit ziemlicher Redſeligkeit begabt) machte Miene noch laͤnger fortfahren zu wollen, als eine droͤhnend ſchallende Glocke ertoͤnte, und ihm ploͤtzliches Stillſchweigen auflegte. Es war, wie wir bald merkten, ein warnendes Zei - chen fuͤr ihn: ſein ſtuͤndliches Strafpenſum abzureiten, welches dießmal in dreimal drei Volten, in neun verſchiedenen Gangarten, rund um die Stube beſtand. Es war ſchreck - lich anzuſehen, wie der ungeheure, uns mehr als ſpaniſch vorkommende Tritt des hoͤlli - ſchen Gaules ihm faſt den Athem zu beneh - men ſchien. Noch mehr ſchauderten wir aber, als jetzt der, gleich einem Kometen in ellip - tiſchen Bahnen kreiſende Schweif des Un -XVI thiers, vor unſern Augen mehrere ſchoͤne Porzellaͤntaſſen (alles aͤchte altſaͤchſiſche) von einer Conſole herabkehrte, die in Scherben auf dem Boden zertruͤmmerten, ohne dennoch das mindeſte Klirren vernehmen zu laſſen denn die Prevorſt’ſchen Geiſter haben nicht nur die Faͤhigkeit, immaterielle Klaͤnge her - vorzubringen, die materiell gehoͤrt werden, ſondern auch ſolche, die ihnen unangenehm oder nicht anſtaͤndig ſcheinen, unhoͤrbar zu machen, ein Vorrecht der Zwiſchenregionen, welches verſchiedene Bequemlichkeiten darbie - ten muß.

Als mein Freund endlich wieder ſtill hielt, und ſich keuchend den Schweiß von der Stirne trocknete, benutzte ich den guͤnſtigen Augen - blick ſchnell, um von Neuem alſo zu ſpre - chen: Die guten Nachrichten, die ich Dir zu bringen habe, ſind noch nicht zu Ende. Vernimm, daß auch eine andere gewichtige Stimme in Deutſchlands kritiſchen Gauen zu Deinem Preiſe erſchallte, und den eige - nen Glanz Dir als wohlthuende Folie un - terlegte und manche andere werthvolle Namen ſind demſelben Beiſpiel gefolgt. Ein Freimuͤthiger darunter, der Dich wahrlich nicht uͤbel kennt, obgleich er Dich ſichtlich mit einer andern Perſon verwechſelt, hat ſogarXVII ausgemittelt, daß Du, bei aller Liberalitaͤt, doch gerade noch genug Adelſtolz beſaͤßeſt (geſtehe, verehrteſter Zwiſchengeiſt, er hat nicht ganz Unrecht), und dabei uns zugleich ſeine Theorie vom Adel mitgetheilt, naͤm - lich daß dieſer ſeyn und nicht ſcheinen ſolle. Viel verlangt in der That! denn, waͤre nur geſagt, der Adel ſolle nicht blos ſcheinen, ſondern auch ſeyn, ſo waͤre dieß zwar immer noch, in Sandomir wenigſtens, unmoͤglich, jedoch denkbar aber ſeyn ohne allen Schein, ſo zu ſagen, eine unſichtbare Exiſtenz, ein Licht ohne Flamme voilà qui est difficile! O Gott! da entfuhr mir wieder eine franzoͤſiſche Floskel, die, wie ich ſelbſt fuͤhle, zarten deutſchen Ohren doch ſo empfindlich ſeyn muß! Pardon, es ſoll nicht mehr geſchehen. *)Uebrigens hätte jener, gewiß von mir herzlich verehrte, deutſche Puriſt doch gewiß am Ende ſeiner Critik ſich weit richtiger ausgedrückt, wenn er ſich herabgelaſſen hätte, ſtatt dem hier unpaſſenden, harten, auch nicht ganz deutſchen Wort: Skandal, das engliſche scandal zu ge - brauchen.

Noch ſchmeichelhafter iſt die, in ſeiner rei - chen Bildergallerie ausgeſprochene Anerkennt - niß jenes liebenswuͤrdigen deutſchen Humo -Briefe eines Verſtorbenen III. *XVIIIriſten, der, wenn er dem Auge eine Thraͤne entlockt, waͤhrend ſie herabfaͤllt, die Lippen ſchon wieder zwingt, ſie mit Laͤcheln aufzu - fangen.

Damit Dir aber nichts Wuͤnſchenswerthes fehle, ward Dir auch von den Phariſaͤern einiger obſcure Tadel. Ja eine arme Seele iſt ſogar auferſtanden, um den Ver - ſtorbenen hienieden mit einem ſchwuͤlſtigen Miſchmaſch anzugreifen, der jedoch bei Freund und Feind nichts als den lebhafte - ſten Wunſch erregt hat, jene Verſchollene moͤge doch lieber ruhig ſchlafen geblieben ſeyn, ſtatt das Publikum von neuem gaͤhnen zu machen. Noch mehr. Selbſt mit dem gro - ßen Unbekannten brachte man Dich in einige entfernte Beruͤhrung, indem Manche, die uͤberhaupt heutzutage gar nicht mehr begrei - fen koͤnnen, wie ein Miniſter wohl etwas ohne ſeine Raͤthe, ein General ohne ſeinen Generalſtab, ein Monarch ohne ſein Mini - ſterium, allein hervorbringen koͤnne auch Dein Buͤchlein, gleich jenes Erhabnen unſterblichen Romanen, einer ganzen Com - pagnie groͤßerer und kleinerer Autoren bei - derlei Geſchlechts zugeſchrieben, und ſich, hie und da gereizt, (denn Wahrheit thut weh) ſchmaͤhlig in Unſchuldige, oder gar in dieXIX bloße Luft verbiſſen. So haben ſich denn, lieber Todter, auf die gluͤcklichſte Weiſe fuͤr Dich, Licht und Schatten aus den verſchie - denſten Regionen vereinigt, um ....

Mon cher, unterbrach mich hier There - ſel, und ergriff verdrießlich meinen Arm, ver - giß nicht que tous les genres sont bons hors le genre ennuyeux, der einzige Um - ſtand, in welchem ich mit meiner Freundin von Prevorſt nicht harmonire. Es iſt ge - nug fuͤr dießmal; Ihr muͤßt uns jetzt Alle verlaſſen, denn die Zeit naht heran, wo der Geiſt vom Roſſe ſteigen wird, um die Nacht bis zum Hahnenſchrei mit mir zuzubringen. Ihr wißt, wie die unmittelbare Atmosphaͤre der Erwaͤhlten ſeine Seligkeit um Jahrhun - derte beſchleunigen kann, und es liegt mir ob, dieß Werk chriſtlicher Liebe keinen Au - genblick laͤnger zu verſchieben, ſo entſetzlich ich auch dadurch geſchwaͤcht werde aber was iſt mein elender Koͤrper gegen eine ſo hohe Beſtimmung, gegen eine ſo heilbrin - gende Einwirkung auf das Geiſterreich!

Ehrfurchtsvoll traten wir Lebende zuruͤck. Mein Freund laͤchelte, faſt ſo ſarkaſtiſch, als ſey er noch ein ſchwarzer Geiſt, ſagte, indem er ſeine Hand kuͤſſend mir zuwinkte: A re - voir mon ami und verſchwand, eben alsXX ich die Thuͤrklinke ergriff, hinter Thereſels Bettvorhaͤngen. Sein Roß aber wirbelte, als der angenehmſte Duft von Essence de bouquet im Kamine empor.

Auf die Straße gekommen, ſah ich, noch in halber Betaͤubung, nach meiner Uhr, und o horror! in der ganzen Stadt hatte es 5 Uhr geſchlagen, als ich in das Haus der Se - herin eintrat, jetzt war es drei. Die Zeit alſo war ſeitdem, man ſchaudert, ſtatt vor - waͤrts ruͤckwaͤrts gegangen! Brauche ich noch zu ſagen, daß ich nach dieſer erſten en - trevûe, nicht nur meinen Freund oͤfters ſah, und jede von ihm gewuͤnſchte Auskunft er - hielt, ſondern daß ich auch uͤberhaupt an dem Geiſterverkehr eben ſo viel Vergnuͤgen zu finden anfing, als mein Gehuͤlfe, Doctor Ypſilon? Tag fuͤr Tag mußte Freund und Feind uns erſcheinen, fuͤr ein Billiges er - loͤsten wir manchen armen Schlucker, der ſeit Jahrhunderten als Geiſt herumlief, weil es ihm an vier Groſchen fehlte, um eine gute That zu thun, und wollte ich hier erzaͤhlen, welche Auf - ſchluͤſſe uns da geworden, welche Raͤthſel uns geloͤst, welche uͤberraſchende Aufklaͤrungen wir uͤber die Geſchichte erhalten, was uns Moſes und die Propheten, die eiſerne Maske, Seba - ſtian von Portugal, der falſche Waldemar,XXI Caglioſtro und der Graf von St. Germain ver - traut wir endeten kaum. Es iſt wahr, Thereſel, die uns oft vergebens um Mitleid anflehte, hielt es nicht aus. Sie ruht nun auf dem Kirchhof, wie ihre große Vorlaͤufe - rin, und ſtarb man muß es geſtehen einen elenden Tod. Aber wohl dem, der fuͤr das allgemeine Beſte ſich opfert, oder auch geopfert wird. Fuͤr die Ueberbleiben - den iſt wenigſtens Beides Eins.

Doch auch wir brachten ein Opfer, und bezahlten unſere Schuld. Denn da wir bei jedem Experiment von Neuem in der Zeit ruͤckwaͤrts ſchritten, ſo hatten wir am Ende nicht blos, wie die Weltumſegler, einen gan - zen Tag, ſondern wohl mehr als Jahre ver - loren, ja oft wollte es uns duͤnken, es ſeyen ſo viel Jahrhunderte. *)Sollte man vielleicht dieſe Details eben ſo un - glaublich als läppiſch finden, ſo würde uns ſol - ches Urtheil ſehr ſchmeicheln, denn bekanntlich ſind dieſe Eigenſchaften eben die ſicherſten Zei - chen der Wahrheit und Authenticität. S. hier - über das Nähere in der überzeugenden Einlei - tung zur Seherin von Prevorſt.

XXII

Poſtſcriptum.

Ehe ich von dem geneigten Leſer ganz Ab - ſchied nehme, muß ich denſelben noch demuͤ - thigſt, im Namen meines Verlegers, um Verzeihung bitten, einmal wegen der uner - hoͤrten Menge Druckfehler, welche gleich Muͤ - cken nach Sonnenuntergang, in den fruͤhe - ren Theilen dieſes Werkes wimmeln, und hoffentlich in den jetzt vorliegenden nicht wie - der aufleben werden; zweitens wegen der hoͤchſt ſeltſamen Kupfer, die ihnen (auch als Specimina von Stein-Druckfehlern) bei - gefuͤgt wurden. Man kennt jene hundert Abbildungen, die in ganz unmerklichen Ab - weichungen, ſo daß zwei Blaͤtter ſich immer vollkommen zu gleichen ſcheinen, dennoch gradatim den ungeheuren Sprung, von ei - nem ausgeſpannten Froſch bis zum Apoll von Belvedere zuruͤcklegen. Man kann wohl kaum annehmen, daß die grotesken Fi - guren im Buche des Verſtorbenen, in der erwaͤhnten Gallerie weiter hinauf, als hoͤch - ſtens am Ende des erſten Dutzends der Gra - dation, einrangirt werden koͤnnten. Da aber die Kunſt, beſonders fuͤr angenehme Kleinigkeiten, jetzt auf allen Gaſſen ſich feil - bietet, und daher Beſſeres nur gewollt zuXXIII werden braucht, um es ſogleich zu finden, ſo habe ich den Herrn F. G. Franckh im Ver - dacht, irgend etwas Geheimes, vielleicht et - was Myſtiſches, oder eine mordante Satyre dabei in petto gehabt zu haben vielleicht gar einen gefaͤhrlichen Umtrieb! in dieſem Falle aber waſche ich meine Haͤnde in Un - ſchuld!

Von den zuerſt erwaͤhnten Druckfehlern ſind ſchon die groͤbſten namhaft gemacht, lei - der aber bei der erſten ſchnellen Durchſicht kaum die Haͤlfte derſelben bemerkt worden. Wir erwaͤhnen hier nur noch, als beſonders ſinnentſtellend, daß unter einer Menge No - ten des Verfaſſers: Anmerkung des Herausgebers, ſteht, und zuweilen umge - kehrt. Dieß koͤnnte den Unachtſamen faſt glauben machen, Beide ſeyen nur eine Per - ſon, wogegen ich jedoch auf’s Ernſtlichſte proteſtiren muß, da ich keineswegs geſonnen bin, mich ſo ſchnell zu den Verſtorbenen zu zaͤhlen, und auch hoffe, daß, wenigſtens die Pluralitaͤt der Leſer, mir noch das liebe Leben, die ſuͤße Gewohnheit des Daſeyns einige Zeit lang goͤnnen wird.

Die folgenden Briefe ſelbſt betreffend, will ich endlich noch bemerken, daß, obgleich ſie aus den Jahren 26, 27 und 28 ſind, undXXIV daher veraltet duͤnken moͤchten, der geneigte Leſer dennoch viel Anklaͤnge mit dem Neue - ſten darin finden wird, und man auch Ruͤck - ſicht darauf genommen hat, nur dasjenige von aͤlteren Nachrichten beſtehen zu laſſen, was noch jetzt eben ſo wahr als guͤltig bleibt, hingegen Alles zu ſtreichen, was ſein In - tereſſe fuͤr den Augenblick ſchon verlor.

S .... den 1. Maͤrz 1831.

XXV

Inhaltsverzeichniß des dritten Theils.

Erſter Brief.

Seite 1

Abſchied. Homoͤopathiſche Diſpoſition. Kunſt, bequem zu zu reiſen. Jugenderinnerungen. Weimar. Der Hof. Der Park. Anekdote. Beſuch bei Goͤthe. Ein Tag im Belve - dere. Geſellſchaftliches.

Zweiter Brief.

Seite 23

Alte Freunde. Die Hochzeit. Durchfluͤge. Die Ufer der Ruhr. Vaterlaͤndiſche Sandſtriche. Lieblicher Garten Hollands. Exotiſches Gepraͤge der Umgebung. Cultur. Utrecht. Der Dom zu Gouda. Schiefgebaute Haͤuſer. Phantaſtiſche Windmuͤhlen. Rotterdam. Der hoͤfliche Banquier. Papp - daͤcher. Die goldne Gondel. Der Aetna. Das reizende Maͤdchen. L’adieu de Voltaire.

XXVI

Dritter Brief.

Seite 38

Die Ueberfahrt. Der Pflanzer. Die engliſche Douane. Die verlorne Boͤrſe. Macadamſches Pflaſter. Verſchoͤnerungen Londons. Geſchmackloſigkeiten. National taste. Der Re - gentspark. Die Waterloo-Bruͤcke. Gaſthoͤfe in London. Die Bazars. Spaziergaͤnge in den Straßen. Johannis - berger Verdienſt. Chiswick. Sinkender Geſchmack in der Gartenkunſt. Guͤnſtiges Clima. Die Menagerie. Leben in der City. Das Univerſalgenie. Die Boͤrſe und Bank. Der Goldkeller. Gerichtshof des Lord-Maire. Garroways Kaffeehaus. Das Trauerholz. Rothſchild. Nero. Der geſattelte Elephant im dritten Stock. Altwuͤrtembergiſche Diplomatie. Geſchichte des jungen Montague. Theater im Strand. Der kuͤnſtliche Menſch. Zuviel fuͤr’s Geld. Hamptoncourt. Gefaͤhrliche Raͤucherung.

Vierter Brief.

Seite 70

Das Muſeum. Seine Waͤchter. Seltſamer Miſchmaſch. Reiſe nach Newmarket. Leben daſelbſt. Die Wettrennen. Der betting post. Beſuch auf dem Lande. Hieſige Gaſtfreiheit. Der Dandy. Englaͤnder auf dem Continent. National - Sitten. Treibhaͤuſer. Audleypark. Suffolk’s Schloß. Der Vogelgarten. Verkauf der Grundſtuͤcke in England.

Fuͤnfter Brief.

Seite 107

Rath an Reiſende. Etwas uͤber Clubbs. Tugend und Regen - ſchirme. Kartencabinets. Engliſcher Wein. Sitzkunſt derXXVII Englaͤnder. Bequeme Gebraͤuche. Verhaltungsregeln. Behandlung der dienenden Klaſſen. Die Vornehmen. Spieleinrichtung. Mißbraͤuche. Fromme Wuͤnſche fuͤr Deutſchland. Briefliches. Der Schauſpieler Liſton. Ma - dame Veſtris und ihr ſchoͤnes Bein. Der zu Haus Ge - leuchtete. Mangér et digérer. Sentimentale Ergießung. Unbequeme Zeitungen. Drurylane. Braham der ewige Jude. Miß Paton. Poͤbelhaftigkeit im Theater. Hetaͤ - ren und Hierodulen daſelbſt. Ihre Gemeinheit und Origi - nalitaͤt.

Sechster Brief.

Seite 136

Drehorgeln. Punch. Eingefallene Haͤuſer. Der Koͤnig im Parlament. Contraſte. Die Oper. Figaro ohne Saͤnger. Engliſche Melodieen. Charles Kemble. Toilette des alten Zieten. Ein diplomatiſches Bonmot. Praktiſche Philoſo - phie. Falſtaff, wie er iſt und ſeyn ſoll. Ueber den Koͤnig im Hamlet. Der geiſtreiche Kuͤnſtler aus Newfoundland. Kleine Cirkel in der großen Welt. Wie der Tag hier hin - geht. Spracherlernung. Der Verfaſſer des Anaſtaſius. Seine antiken Meubles. Oberon. Der Felſenchor. Die Vorſtellung beim Koͤnig. Fernere Begebenheiten beim Lever. Diné bei Hrn. R .... Aechte Froͤmmigkeit. Seine vornehmen Freunde. Die Staatskutſche des Koͤnigs der Birmanen. Matthews at home.

Siebenter Brief.

Seite 184

Der Auktionator. Die Napoleoniſten. Franzoͤſiſches Theater. Ein Rout. Lady Charlotte B. Sie iſt eine Brownianerin. Politik und Converſation. Die engliſche Nebel-Sonne. XXVIIIDie eingepoͤckelte Hand und der Leichnam am Fenſter. Moderne Johanniterritter. Kleine Parkſchau. Die Sen - ſenkette. Engliſche Liberalitaͤt. Richmond. Adelphi. Ein vortrefflicher Trunkenbold. Gruͤbeleien. Das Diorama.

Achter Brief.

Seite 204

Berufsreiſe. Gothiſche und italieniſche Villa. Die Priory. Cashburypark. Geſchmackvolle Pracht. Zeichnungen von Denon. Blumengaͤrten. Ashridge. Modern-Gothiſches. Woburnabbey.

Neunter Brief.

Seite 223

Warwick Caſtle. Feudalgroͤße. The Baronial hall. Ge - maͤlde. Der Badeort Leamington. Guy’s Cliff. Seine Hoͤhle. Gavestons Denkmal. Beauchamps und Leiceſters Grab. Die Ruinen von Kenilworth. Eliſabeths Soͤller. Vergangenheit. Birmingham. Fabrik des Hrn. Thomaſ - ſon. Aſtonhall. Cromwell. Cheſter. Das Stadtgefaͤng - niß. Spitzbubenfėte.

XXIX

Zehnter Brief.

Seite 256

Der Park von Hawkestone. Ungewoͤhnlich ſchoͤne Natur. Die Kupferfelſen. Die rothe Burg und die Neuſeelaͤnder-Huͤtte. Noch mehr Fabriken. Gefahrvolle Arbeiten. Shakespea - res Geburtsſtube. Sein Grab. Verſchiedene Parks. Ju - dith von Cigoli. Blenheim. Vandalismus. Bilder. Ox - ford. Sein gothiſches Anſehn. Die Souveraine als Dok - toren und Bluͤcher als Apotheker. Das Muſeum. Tre - descant und ſein Vogel Dodo. Der blaue Miſtkaͤfer als Edelmann. Eliſabeths Reitkamaſchen und die Haarlocken ihrer Liebhaber. Die Bibliothek. Manuſcripte. Stove. Ueberladung. Ludewig des Achtzehnten Linden. Vergit - terte Koſtbarkeiten. Dekoration zum Don Juan. Sha - kespeares Bild. Ninon de l’Enclos. Das zerſtoͤrte Bul - ſtrade. Weihnachtspantomime. Bunte Feuersbrunſt.

Eilfter Brief.

Seite 311

Vorzuͤge der Franzoſen. Avantuͤre bei’m Herzog von York. Engliſche Trauer. Tagebuchsexcerpte. Ein Cosmorama mit Kuͤchenfeuer. Des Stiefelwichsfabrikanten sporting match. Beſuch auf dem Lande. Leben daſelbſt. Gemaͤlde. Die ſchoͤnſte Frau. Der Park.

Zwoͤlfter Brief.

Seite 347

Brighton. Sonnenuntergang. Orientaliſche Baͤder. Ueber Gourmands und Helden. Spazierritt am Meer. AlmacksXXX Ball. Die Gouverneurin von Mauritius. Der romanti - ſche Schotte. Predigt und Prieſter. Die Windmuͤhle. Ge - ſellſchaft beim Grafen F .... Die Bruͤder in den High - lands und die blutige Hand. Privatbaͤlle. Der Garten - Odyſſeus. Unſchuldige Politik.

Dreizehnter Brief.

Seite 379

Bettlerberedſamkeit. Theekeſſelpantomime und Jongleurs. Traumgedanken. Der Fancyball. Miß F .... Geſellſchaft - liches. Ballfreuden. Wolkenbilder. Der franzoͤſiſche Arzt. Liebhabe-Conzerts. Die Schwarzen. Chineſiſche Fuͤße. Oper, und Parkſtunde.

Vierzehnter Brief.

Seite 399

Techniſches der hieſigen Geſellſchaft. Bonne chère. Captain Parry und ſein Schiff. Die Meß der Horſeguards. Spiel. Weibliches Mittelalter. Monkeys und Ponys. Der große Zahnarzt. Lady Stanhope in Syrien. Adam lebt noch. Tippo Saybs Shawl. Eine Venus Titians. Realitaͤt und Kunſt. Flug nach der Heimath. Diné des Lord - Mayor. Meer, Feuer, Leben. Das hohe Kuͤnſtlerpaar. Lord H.. s und des Banquier .... Haͤuſer. Difficultaͤt der Englaͤnder. Der perſiſche Chargé d’affaire. Hoͤflich - keit der engliſchen Prinzen. Ein Spazierritt.

Dieſe Note ſollte in den Briefen eines Verſtorbe - nen eingeſchaltet werden, vom Verfaſſer iſt aber keine Pagina angegeben. Der geneigte Leſer wolle ſie da - her pag. 88 89, wohin ſie zu gehören ſcheint, einſchalten.

*) Es moͤchte zweckmaͤßig ſeyn, hier zu bemerken, daß, ſeit - dem Obiges geſchrieben wurde, die Natur der hoͤhern eng - liſchen Geſellſchaft weſentlich modificirt worden iſt. Des jetzigen Koͤnigs edle und praktiſche Geſinnung und die ein - fach liebenswuͤrdige und vortreffliche Koͤnigin haben den Narrenſcepter der Mode jener Zeit gebrochen, und man faͤngt an, einen wuͤrdigern Maßſtab fuͤr Verdienſt und Gra - zie anzulegen, als man bisher gewohnt war; die Coriphaͤen der Vergangenheit aber muͤſſen ſich dieſen fuͤgen, oder ſich ſonſten nur mit der eigenen Bewunderung begnuͤgen, und ſtatt Ausſchließliche (Exclusives) Ausgeſchloſſene werden.

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Erſter Brief.

Meine theure Freundin!

Deine Liebe bei unſerm Abſchied in B hat mir ſo wohl und weh gethan, daß ich mich noch nicht da - von erholen kann. Immer ſteht Deine kummervolle Geſtalt vor mir, ich leſe noch den tiefen Schmerz in Deinen Blicken und Thränen, und mein eigenes Herz ſagt mir nur zu ſehr, was Du dabei empfun - den haben mußt. Gott gebe uns bald ein ſo freudi - ges Wiederſehen, als der Abſchied traurig war!

Ich kann vor der Hand nichts ſagen, als Dir in’s Gedachtniß rufen, was ich ſo oft wiederholte, daß ich ohne Dich, meine Freundin, mit mir in dieſer Welt zu wiſſen, keine ihrer Freuden mehr ungetrübt genießen könnte, daß Du alſo, wenn Du mich liebſt, vor Allem über Deine Geſundheit wachen, Dich durch Geſchäfte, ſo viel Du kannſt, zerſtreuen, und auch die ärztlichen Anordnungen nicht verabſäumen ſollſt.

Briefe eines Verſtorbenen III. 12

Als mich auf dem Wege die Schwermuth, welche allen Gegenſtänden einen ſo trüben Anſtrich gibt, ganz überwältigen wollte, ſuchte ich eine Art Hülfe bei Deiner Sévigné, deren Verhältniß mit ihrer Toch - ter in der That viel Aehnliches mit dem unſrigen hat, mit der Ausnahme jedoch: que j’ai plus de votre sang als Frau von Grignan von dem ihrer Mutter. Du aber gleichſt der liebenswürdigen Sévigné, wie dem Portrait einer Ahnfrau. Die Vorzüge, welche ſie vor Dir hat, gehören ihrer Zeit und Erziehung an, Du haſt an - dere vor ihr voraus, und was dort vollendeter und abgeſchloſſener als klaſſiſch erſcheint, wird bei Dir reicher und ſich in das Unendliche verſenkend ro - mantiſch. Ich ſchlug das Buch au hazard auf. Ar - tig genug war es, daß ich gerade auf dieſe Stelle traf: N’aimons jamais ou n’aimons guėres Il est dangéreux d’aimer tant! worauf ſie gefühlvoll hinzuſetzt: Pour moi j’aime encore mieux le mal que le remėde, et je trouve plus doux d’avoir de la peine à quitter les gens que j’ȧime, que de les aimer médiocrement.

Ein wahrer Troſt iſt es mir ſchon jetzt, Dir ein Paar Zeilen geſchrieben zu haben. Seit ich mich wie - der mit Dir unterhalte, glaube ich Dir auch wieder näher zu ſeyn.

Reiſeabentheuer kann ich Dir noch nicht mittheilen, ich war ſo ſehr mit meinen innern Empfindungen beſchäftigt, daß ich kaum weiß, durch welche Orte ich gekommen bin.

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Dresden erſchien mir weniger freundlich als ge - wöhnlich, und ich dankte Gott, als ich mich im Gaſt - hof auf meiner Stube wieder häuslich eingerichtet fand.

Der Sturm, der mir den ganzen Tag gerade in’s Geſicht blies, hat mich übrigens ſehr erhitzt und fa - tiguirt, und da ich ohnedem, wie Du weißt, nicht ganz wohl bin, ſo bedarf ich der Ruhe.

Der Himmel gebe auch Dir in N. eine ſanfte Nacht, und einen lieben Traum von Deinem Freunde!

Vous avez sans doute cuit toutes sortes de bouil - lons amêrs, ainsi que moi. Indeſſen bin ich heite - rer und wohler aufgeſtanden, als geſtern, und gleich zur Aufräumung meiner Sachen, wie zu allen den kleinen Geſchäften geſchritten, welche die Vorbereitung für eine weite Reiſe nöthig machen. Am Abend fühlte ich mich wieder recht angegriffen, und da ich einen Rückfall meines nerveuſen, hypochondriſchen Uebelbefindens befürchtete, was Du meine Maladie imaginaire taufſt, ſo ließ ich den Hofrath W .... kommen, den Lieblingsarzt der hier durchreiſenden Fremden, weil er, ſeine Geſchicklichkeit abgerechnet, ein amüſanter und luſtiger Geſellſchafter iſt. Du kennſt meine Art, Aerzte zu gebrauchen. Niemand kann mehr homöopathiſcher Natur ſeyn denn in der Regel kurirt mich ſchon das bloße Geſpräch mit1*4ihnen über meine Uebel und ihre Heilmittel zur Hälfte, und nehme ich dann ja noch etwas von dem Ver - ſchriebenen, ſo geſchieht es gewiß nur in Tauſend - theilchen. Dieß bewährte ſich auch heute, und nach einigen Stunden, die W .... an meinem Bette zu - brachte, und mit mancher pikanten Anekdote würzte, ſoupirte ich mit beſſerem Appetit, und ſchlief leidlich bis zum hohen Morgen. Als ich meine Augen auf - ſchlug, fielen ſie auf ein Briefchen von Dir, das der ehrliche B .... mir auf die Decke gelegt hatte, wohl wiſſend, daß ich den Tag nicht freudiger beginnen könnte. In der That, nach dem Vergnügen von Dir zu hören, habe ich nur noch eins Dir zu ſchrei - ben. Fahre nur fort, ſo ganz zwanglos Deinen Gefühlen Worte zu geben, und ſchone auch die mei - nigen nicht. Ich weiß es ja wohl, daß Deine Briefe noch lange einer ernſten, trüben Landſchaft gleichen müſſen! Ich werde beruhigt ſeyn, wenn ich nur manch - mal ein liebliches Sonnenlicht ſeine Strahlen hinein - werfen ſehe.

In einem recht ſchönen Zimmer mit wohlgebohn - tem Parket, eleganten Meubeln und ſeidenen Vor - hängen, alles noch in der erſten fraicheur, deckt man ſo eben den Tiſch für mein Diné, während ich die Zeit benütze, Dir ein Paar Worte zu ſchreiben.

Ich verließ heute früh um 10 Uhr Dresden in5 ziemlich guter Stimmung, das heißt, bunte Phanta - ſiebilder für die Zukunft ausmalend, nur die Sehn - ſucht nach Dir, gute Julie, und die daraus folgende Vergleichung meines faden und freudeloſen Allein - ſeyns gegen die herrliche Luſt, mit Dir in glücklicheren Verhältniſſen dieſe Reiſe machen zu können, griffen mir oft peinlich an’s Herz.

Vom Wege hierher iſt nicht viel zu ſagen, er iſt nicht romantiſch, ſelbſt nicht die, mehr Sand als Grün zur Schau tragenden, Weinberge bis Meißen. Doch erregt die zu offene, aber durch Fruchtbarkeit und Friſche anſprechende Gegend zuweilen angenehme Ein - drücke, unter andern bei Oſchatz, wo der ſchön be - buſchte Culmberg, wie ein jugendlich gelocktes Haupt in das Land hineinſchaut. Die Chauſſee iſt gut, und es ſcheint, daß auch in Sachſen das Poſtweſen ſich verbeſſert, ſeitdem in Preußen der vortreffliche Nag - ler eine neue Poſt-Aera geſchaffen hat. Nichts iſt mir dabei beluſtigender als B .... ’s friſcher Eifer, der ſelbſt die Gutwilligſten unter den Phlegmatiſchen raſtlos antreibt, und ſich gegen ſie benimmt, als habe er bereits mit mir die ganze Welt durchreist, und es, wie ſich von ſelbſt verſteht, überall beſſer gefunden, als im Vaterlande.

Bei dem gereizten Zuſtande meiner Geſundheit iſt der bequeme engliſche Wagen eine wahre Wohlthat. Ich thue mir überhaupt etwas darauf zu Gute, das Reiſen in gewiſſer Hinſicht beſſer als Andere zu ver - ſtehen, nämlich die größte Bequemlichkeit, wozu auch das Mitnehmen der möglichſten Menge von Sachen6 gehört (in der Ferne oft liebe, gewohnte Andenken) mit dem geringſten Embarras und Zeitverluſt zu ver - binden zu wiſſen. Dieſe Aufgabe habe ich beſonders dießmal vollkommen gelöst. Ehe ich in Dresden ein - packte, glaubte man ein Waarenlager in meinen Stuben zu ſehen. Jetzt iſt Alles in den vielfachen Behältniſſen des Wagens verſchwunden, ohne dieſem dennoch ein ſchweres überladenes Anſehen zu geben, das unſre Poſtillone ſo leicht erſchreckt, und den Gaſt - wirthen einen auf der großen Tour Begriffenen an - zeigt. Jede Sache iſt bei der Hand, und dennoch wohl geſondert, ſo daß, im Nachtquartier angekom - men, in wenigen Minuten das häusliche Verhält - niß in dem fremden Orte ſchon wieder hergeſtellt iſt. Unterwegs aber geben mir die hellen Kryſtallfenſter vom größten Format, die kein Gepäck und kein Bock verbaut, eben ſo freie Ausſicht als eine offene Kale - ſche, und laſſen mich zugleich Herr der Temperatur, die ich wünſche. Die Leute auf ihrem, hinter dem Wagen befindlichen hohen Sitze, überſehen von dort alles Gepäck und die Pferde, ohne in das Innere neugierige Blicke werfen, noch eine Converſation da - ſelbſt überhören zu können, wenn ja, im Lande der Brobdignacs oder Lilliputs angelangt, einmal Staats - geheimniſſe darin verhandelt werden ſollten. Ich könnte ein Collegium über dieſes Kapitel leſen, das dem Reiſenden gar nicht unwichtig iſt, bin aber hier nur deshalb ſo weitläufig geworden, um Dir ein vollſtändiges Bild zu liefern, wie Du mich, die Welt durchziehend, Dir denken ſollſt, und das nomadiſche7 Wohnhaus, mit dem die wechſelnden Poſtgäule mich täglich weiter Deinem Geſichtskreiſe entrücken.

Der Wirth im Hôtel de Saxe, gewiß einem der beſten Gaſthöfe in Deutſchland, iſt ein alter Bekann - ter von mir, der, als ich in Leipzig ſtudierte, ſich ſogar manches Recht auf meine Dankbarkeit erwarb. Viele fröhliche, zuweilen ausgelaſſene Mahle wurden damals in ſeinem Hauſe gehalten, und ich lud ihn daher ein, auch heute mein einſameres zu thei - len, um mir von der Vergangenheit und dem wilden Jünglingsleben wieder etwas vorzuerzählen. Die jetzigen Zeiten ſind leider überall ernſter gewor - den, ſonſt ward das Vergnügen faſt zum Geſchäft erhoben, man dachte und ſtudierte nur darauf, und den ſtets Tanzluſtigen war gar leicht aufgeſpielt heut zu Tage findet man das Vergnügen nur noch im Geſchäft, und großer Reizmittel bedarf es, um außerdem froh zu werden, wenn es überhaupt noch erlangt wird.

Ich will Dich mit keiner einzigen Tirade über die Schlachtfelder von Leipzig und Lützen, noch einer Be - ſchreibung des chetiven Monumentes Guſtav Adolphs, noch der magern Schönheiten der Umgegend von Schulpforte ermüden. In Weißenfels, wo ich ein Buch zu kaufen wünſchte, war ich verwundert, zu -8 ren, daß in des großen Müllners Wohnort kein Buch - händler zu finden ſey. Wahrſcheinlich haben ſie ge - fürchtet, daß er ihnen dort aus erſter Hand einen Prozeß an den Hals hängen würde.

Die Fluren von Jena und Auerſtädt betrat ich mit eben den Gefühlen, die zwiſchen den Jahren 1806 und 1812 ein Franzoſe der großen Armee gehabt ha - ben mag, wenn er über Roßbachs Felder ſchritt, denn der letzte Sieg bleibt (wie das letzte Lachen) immer der beſte und als nach ſo vielen Schlachterinne - rungen mich der Muſenſitz, das freundliche Weimar, in ſeinen Schoos aufnahm, ſegnete ich den edlen Für - ſten, der hier ein Monument des Friedens aufge - richtet, und einen Leuchtthurm im Gebiete der Lite - ratur aufbauen half, der ſo lange in vielfarbigem Feuer Deutſchland vorgeflammt hat.

Am nächſten Tage ſtellte ich mich dieſem meinem alten Chef, und den ſämmtlichen hohen Herrſchaften vor, die ich wenig verändert, den Hof aber durch zwei liebenswürdige Prinzeſſinnen vermehrt fand, die, wären ſie auch im geringſten Privatſtande geboren, durch äußern Reiz und treffliche Erziehung ausge - zeichnet erſcheinen müßten. Man iſt übrigens hier noch von einer, anderwärts ganz aus der Mode ge - kommenen, Artigkeit gegen Fremde. Kaum war ich gemeldet, als ſchon ein Hoflakai bei mir erſchien, um ſich nebſt einer Hofequipage für die Zeit meines Hier - ſeyns zu meiner Verfügung zu ſtellen, und mich zu - gleich ein für allemal zur Mittagstafel einzuladen.

Der Großherzog hatte am Morgen die Güte, mir9 ſeine Privatbibliothek zu zeigen, die elegant arrangirt, und beſonders reich an prächtigen engliſchen Kupfer - werken iſt. Er lachte herzlich, als ich ihm erzählte, kürzlich in einem Pariſer Blatte geleſen zu haben, daß auf ſeinen Befehl Schiller ausgegraben worden ſey, um ſein Skelet in des Großherzogs Bibliothek in natura aufzuſtellen. Die Wahrheit iſt, daß blos ſeine Büſte mit denen Anderer die Säle ziert, ſein Schädel aber dennoch, wenn ich recht hörte, im Po - ſtamente derſelben verwahrt wird, allerdings eine et - was ſonderbare Ehrenbezeigung.

Den Park ſah ich mit erneutem Vergnügen wieder. Die Gegend iſt zwar nicht eben reich an pittoresker Schönheit, aber die Anlagen ſind ſo verſtändig er - dacht, die einzelnen Partien ſo ſinnig und ſchön aus - geführt, daß ſie ein Gefühl der Befriedigung zurücklaſſen, welches ähnliche Beſtrebungen, auch bei günſtigerer Natur, ſelten in dem Grade hervorbrin - gen. Als neuen Zuſatz fand ich in einem weiten Run - dell, in deſſen Mittelpunkt ein herrlicher alter Baum ſteht, einen kleinen botaniſchen Garten angelegt, wo man, nach dem Linnéiſchen Syſtem geordnet, einzelne Exemplare aller im Freien aushaltenden Bäume, Sträucher und Pflanzen antrifft, die der hieſige Park und Garten enthält. Es kann keinen freundlichern Ort zum lebendigen Studium der Botanik geben, als den Sitz unter dieſem alten Baume, der wie ein ehr - würdiger Stammvater auf die ihn umgebende Ju - gend von allen Formen, Blättern, Blüthen und Far - ben herabſchaut. Im Verlauf meiner Excurſion be -10 ſah ich auch noch ein Muſtervorwerk des Großherzogs, wo coloſſales Schweizervieh wenig Milch gibt denn dieſe Verpflanzungen des Fremden taugen gewöhnlich nicht viel; ferner die anmuthige Faſanerie, die reich an Gold - und Silberſaſanen und weißen Rehen iſt. Einen ſeltſamen Anblick gewährte der große Truten - baum, auf welchen 70 bis 80 dieſer ſchwerfälligen Vögel vom Faſanenjäger gewöhnt ſind, gemeinſchaft - lich hinaufzuklettern, wo dann die alte Linde, über und über mit ſolchen Früchten behangen, ein wun - derbar exotiſches Anſehen gewinnt.

Da man ſehr zeitig bei Hofe ſpeiſt, hatte ich kaum Zeit mich en costume zu werfen, und fand, etwas ſpät kommend, ſchon eine große Geſellſchaft verſam - melt, unter der ich mehrere Engländer bemerkte, die jetzt ſehr vernünftigerweiſe hier deutſch ſtudiren, ſtatt früher mit vieler Mühe den Dresdner ungra - zieuſen Dialekt zu erlernen, und äußerſt gaſtfrei auf - genommen werden. Die Unterhaltung bei Tafel wurde bald ſehr animirt. Du kennſt die Jovialität des Großherzogs, der hierin ganz ſeinem Freunde, dem unvergeßlichen Könige von Bayern, gleicht. Man rekapitulirte mehrere ſcherzhafte Geſchichten aus der Zeit, wo ich noch ſein Adjudant zu ſeyn die Ehre hatte, und nachher mußte ich mein großes cheval de bataille reiten die Luſtballon-Fahrt. Intereſſanter waren Herzog Bernhards Erzählungen von ſeiner Reiſe in Nord - und Süd-Amerika, die wir, wie ich höre, bald mit Anmerkungen von Göthe ver - ſehen, gedruckt leſen werden. Dieſer Prinz, den11 die Geburt hoch geſtellt hat, ſteht als Menſch noch höher, und Niemand konnte, namentlich den freien Amerikanern, eine vortheilhaftere Idee von einem deutſchen Fürſten geben, als gerade er, der freie Würde im Benehmen mit ächter Liberalität der Ge - ſinnung, und anſpruchloſer Liebenswürdigkeit des Umgangs verbindet.

Abends war große Aſſemblée, eine Art Vereinigung, die ihrer Natur nach nicht zu den genußreichſten gehört. Jede Annehmlichkeit aber kehrte für mich zurück, als ich beim Spiel der Frau Großherzogin gegenüber meinen Platz eingenommen hatte. Wer hat nicht von dieſer edlen und vortrefflichen deutſchen Frau gehört, die ſelbſt Napoleon mit ihrer ſtillen Klarheit zu imponiren wußte, und von Jedem ge - liebt wird, der ihres milden und liebreichen Umgangs ſich erfreuen darf. Wir ſaßen zwar, wie geſagt, am Spieltiſch, gaben aber wenig auf die Whiſt-Regeln Achtung, und heitere Unterhaltung nahm den größ - ten Theil der Zeit hinweg.

An einem Hofe wie der hieſige, den ſo viele Fremde beſuchen, kann es nicht daran fehlen, daß oft ſelt - ſame Originale ſich einfinden, die, auch den am we - nigſten zum Mediſiren Geneigten, Stoff zu pikanten Anekdoten liefern müſſen. Einige ganz luſtige wurden mir nach beendigtem Spiele, als ich mich wieder unter die Geſellſchaft gemiſcht, erzählt, unter andern auch eine merkwürdige, Viſiten-Karte in natura gezeigt, die einer bekannten, von einem Engländer curſirenden Anekdote wahrſcheinlich ihr Daſeyn ver -12 dankte. Dies Vorbild brachte nämlich den, wegen ſeiner luſtigen Laune faſt berüchtigten, Baron J auf den Gedanken, die Sache mit einem ſeiner Tiſch - Freunde, einen ehemaligen Hauptmann, dem die Welt und ihre Sitten ziemlich fremd geblieben waren, von neuem ins Leben zu rufen. Er inſinuirte zu dieſem Endzweck dem bisher ganz einſam in D Lebenden, daß es die Höflichkeit von ihm jetzt durchaus erfor - dere, eine Viſiten-Runde in der Stadt zu machen, worauf der harmloſe Capitain geduldig erwiederte, er wiſſe zwar damit keinen Beſcheid, wolle ſich aber gern der Leitung J ..... ’s überlaſſen. Wohlan, ſagt dieſer, ich werde die Viſiten-Karten, die franzöſiſch ſeyn müſſen, und alles übrige ſelbſt beſorgen, und Dich in drei Tagen in meinem Wagen abholen. Du wirſt Uniform anziehen, und auf den Karten muß bemerkt werden, in weſſen Dienſten Du früher ge - ſtanden. Alles geſchah, wie verabredet, man kann ſich aber denken, welchen lachenden Geſichtern die Beſuchenden begegneten, da ihnen überall Viſiten - Karten folgenden Inhalts vorangeſchickt worden waren:

Le Baron de J pour présenter feu Monsieur le Capitaine de M jadis au service de plusieurs membres de la confédération du Rhin.

13

Dieſen Abend ſtattete ich Göthe meinen Beſuch ab. Er empfing mich in einer dämmernd erleuchteten Stu - be, deren clair obscur nicht ohne einige künſtleriſche Coquetterie arrangirt war. Auch nahm ſich der ſchöne Greis mit ſeinem Jupiters-Antlitz gar ſtattlich darin aus. Das Alter hat ihn nur verändert, kaum ge - ſchwächt, er iſt vielleicht weniger lebhaft als ſonſt, aber deſto gleicher und milder, und ſeine Unterhal - tung mehr von erhabener Ruhe als jenem blitzenden Feuer durchdrungen, das ihn ehemals, bei aller Grandezza, wohl zuweilen überraſchte. Ich freute mich herzlich über ſeine gute Geſundheit, und äußerte ſcherzend, wie froh es mich mache, unſern Geiſter - König immer gleich majeſtätiſch und wohlauf zu fin - den. O, Sie ſind zu gnädig, ſagte er mit ſeiner immer noch nicht verwiſchten ſüddeutſchen Weiſe, und lächelte norddeutſch, ſatyriſch dazu, mir einen ſolchen Namen zu geben. Nein, erwiederte ich, wahrlich aus vollem Herzen, nicht nur König, ſondern ſogar Deſpot, denn Sie reißen ja ganz Europa gewaltſam mit ſich fort. Er verbeugte ſich höflich, und befrug mich nun über einige Dinge, die meinen früheren Aufenthalt in Weimar betrafen, ſagte mir dann auch viel Gütiges über M. und mein dortiges Streben, mild außernd, wie verdienſtlich er es überall finde, den Schönheitsſinn zu erwecken, es ſey auf welche Art es wolle, wie aus dem Schönen dann immer auch das Gute und alles Edle ſich mannichfach von14 ſelbſt entwickele, und gab mir zuletzt ſogar, auf meine Bitte, uns dort einmal zu beſuchen, einige auf - munternde Hoffnung. Du kannſt Dir vorſtellen, Liebſte, mit welchem Empreſſement ich dies aufgriff, wenn es gleich nur eine façon de parler ſeyn mochte. Im fernern Verlauf des Geſprächs, kamen wir auf Sir Walter Scott. Göthe war eben nicht ſehr enthu - ſiaſtiſch für den großen Unbekannten eingenommen. Er zweifle gar nicht, ſagte er, daß er ſeine Romane ſchreibe, wie die alten Maler mit ihren Schülern gemeinſchaftlich gemalt hätten, nämlich, er gäbe Plan und Hauptgedanken, das Skelett der Scenen an, laſſe aber die Schüler dann ausführen, und re - touchire nur zuletzt. Es ſchien faſt, als wäre er der Meinung, daß es gar nicht der Mühe werth ſey, für einen Mann von Walter Scott’s Eminenz ſeine Zeit zu ſo viel faſtidieuſen Details herzugeben. *)Sir Walter’s offizielle Erklaͤrung, daß alle jene Schriften von ihm allein ſeyen, war damals noch nicht gegeben. A. d. H. Hätte ich, ſetzte er hinzu, mich zu bloßem Gewinn - ſuchen verſtehen mögen, ich hätte früher mit Lenz und Andern, ja ich wollte noch jetzt Dinge anonym in die Welt ſchicken, über welche die Leute nicht wenig erſtaunen, und ſich den Kopf über den Autor zerbrechen ſollten, aber am Ende würden es doch nur Fabrikarbeiten bleiben. Ich äußerte ſpäter, daß es wohlthuend für die Deutſchen ſey, zu ſehen, wie jetzt unſere Literatur die fremden Nationen15 gleichſam erobere, und hierbei, fuhr ich fort, wird unſer Napoleon kein Waterloo erleben.

Gewiß, erwiederte er, mein etwas fades Com - pliment überhörend, ganz abgeſehen von unſern eignen Produktionen, ſtehen wir ſchon durch das Aufnehmen und völlige Aneignen des Fremden auf einer ſehr hohen Stufe der Bildung. Die andern Nationen werden bald ſchon deshalb deutſch lernen, weil ſie inne werden müſſen, daß ſie ſich damit das Lernen faſt aller andern Sprachen gewiſſermaſſen erſparen können. Denn von welcher beſitzen wir nicht die ge - diegenſten Werke in vortrefflichen deutſchen Ueber - ſetzungen? die alten Claſſiker, die Meiſterwerke des neueren Europas, indiſche und morgenländiſche Lite - ratur, hat ſie nicht alle der Reichthum und die Viel - ſeitigkeit der deutſchen Sprache, wie der treue deutſche Fleiß und tief in ſie eindringende Genius beſſer wie - dergegeben, als es in andern Sprachen der Fall iſt? Frankreich, fuhr er fort, hat gar viel ſeines einſtigen Uebergewichts in der Literatur dem Umſtande zu verdanken gehabt, daß es am früheſten aus dem Griechiſchen und Lateiniſchen leidliche Ueberſetzungen lieferte, aber wie vollſtändig hat Deutſchland es ſeit - dem übertroffen!

Im politiſchen Felde ſchien er nicht viel auf die ſo beliebten Conſtitutions-Theorien zu geben. Ich ver - theidigte mich und meine Meinung indeß ziemlich warm. Er kam hier auf ſeine Lieblings-Idee, die er mehrmals wiederholte, nämlich daß Jeder nur darum bekümmert ſeyn ſolle, in ſeiner ſpeciellen16 Sphäre, groß oder klein, recht treu und mit Liebe fortzuwirken, ſo werde der allgemeine Segen auch unter keiner Regierungsform ausbleiben. Er für ſeine Perſon habe es nicht anders gemacht, und ich mache es in M. ja ebenfalls ſo, ſetzte er gutmüthig hinzu, unbekümmert was andere Intereſſen geböten. Ich meinte nun freilich, mit aller Beſcheidenheit, daß, ſo wahr und herrlich dieſer Grundſatz ſey, ich doch glaube, eine conſtitutionelle Regierungsform müſſe ihn eben erſt recht ins Leben rufen, weil ſie offenbar in jedem Individuum die Ueberzeugung größerer Sicherheit für Perſon und Eigenthum, folglich die freudigſte Thatkraft und zugleich damit die zuver - läßigſte Vaterlandsliebe begründe, hierdurch aber dem ſtillen Wirken in eines Jeden Kreiſe eben eine weit ſolidere allgemeine Baſis gegeben wurde, und führte endlich, vielleicht ungeſchickt, England als Beleg für meine Behauptung an. Er erwiederte gleich, das Beiſpiel ſey nicht zum beſten gewählt, denn in keinem Lande herrſche eben Egoismus mehr vor, kein Volk ſey vielleicht weſentlich inhumaner in politiſchen und Privat-Verhältniſſen*)Hier habe ich meinen Freund faſt in Verdacht, daß er Goͤthen nur ſeine eigene Meinung in den Mund gelegt hat. A. d. H. , nicht von außen herein durch Regierungsform käme das Heil, ſondern von innen heraus durch weiſe Beſchränkung und beſcheidene Thä - tigkeit eines Jeden in ſeinem Kreiſe. Dies bleibe immer die Hauptſache zum menſchlichen Glücke, und ſey am leichteſten und einfachſten zu erlangen.

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Von Lord Byron redete er nachher mit vieler Liebe, faſt wie ein Vater von ſeinem Sohne, was meinem hohen Enthuſiasmus für dieſen großen Dichter ſehr wohl that. Er widerſprach unter andern auch der albernen Behauptung, daß Manfred eine Nachbetung ſeines Fauſt ſey, doch ſey es ihm allerdings als etwas Intereſſantes aufgefallen, ſagte er, daß Byron unbe - wußt ſich derſelben Maske des Mephiſtopheles wie er bedient habe, obgleich freilich Byron ſie ganz anders ſpielen laſſe. Er bedauerte es ſehr, den Lord nie perſönlich kennen gelernt zu haben, und tadelte ſtreng, und gewiß mit dem höchſten Rechte, die eng - liſche Nation, daß ſie ihren großen Landsmann ſo kleinlich beurtheile und im Allgemeinen ſo wenig ver - ſtanden habe. Doch hierüber hat ſich Göthe ſo ge - nügend und ſchön öffentlich ausgeſprochen, daß ich nichts weiter hinzuzufügen brauche. Ich erwähnte zuletzt der Aufführung des Fauſt auf einem Privat - theater zu Berlin, mit Muſik vom Fürſten Radziwil und lobte den ergreifenden Effect einiger Theile dieſer Darſtellung. Nun, ſagte Göthe gravitätiſch, es iſt ein eigenes Unternehmen, aber alle Anſichten und Verſuche ſind zu ehren.

Ich grolle meinem ſchlechten Gedächtniß, daß ich mich nicht mehr aus unſrer ziemlich belebten Unter - haltung eben erinnern kann. Mit hoher Ehrfurcht und Liebe verließ ich den großen Mann, den dritten im Bunde mit Homer und Shakespeare, deſſen Name unſterblich glänzen wird, ſo lange deutſche Zunge ſich erhält, und wäre irgend etwas von MephiſtophelesBriefe eines Verſtorbenen. III. 218in mir geweſen, ſo hätte ich auf der Treppe gewiß auch ausgerufen: Es iſt doch ſchön von einem großen Herrn, mit einem armen Teufel ſo human zu ſprechen*)Ich glaube nicht, daß der erhabene Greis die Bekannt - machung dieſer Mittheilung tadelnd aufnehmen wird. Jedes Wort, auch das unbedeutendere, ſeinem Munde entfallen, iſt ein theures Geſchenk fuͤr ſo Viele, und ſollte mein ſeliger Freund ihn irgendwo falſch verſtanden, und nicht vollkommen richtig wiedergegeben haben, ſo iſt wenigſtens nichts in dieſen Aeußerungen enthalten, was, meines Beduͤnkens, eine Indiscretion genannt werden konnte. A. d. H. .

Ich war heute beim Erb-Großherzog im Belvedere zur Tafel eingeladen, und fuhr um zwei Uhr auf einem angenehmen Wege dahin. Das Wetter iſt, ſeit ich hier bin, wundervoll, Tage von Criſtall, wie Deine Sevigné ſagt, wo man weder Hitze noch Kälte fühlt, und die nur Frühjahr und Herbſt ſo geben können.

Der Erb-Großherzog und ſeine Frau Gemahlin leben im Belvedere ganz wie Privatleute, und em - pfangen ihre Gäſte ohne Etikette, nur mit der zu - vorkommendſten Artigkeit. Die Großfürſtin ſchien noch ſehr gedrückt vom Tode des Kaiſers, demohn - geachtet machte ſie ſpäter, als die Unterhaltung ani - mirter ward, der Geſellſchaft eine ergreifende Be - ſchreibung von der Ueberſchwemmung in Petersburg, deren Augenzeugin ſie geweſen war. Ich habe immer die vortreffliche Erziehung und die mannichfachen19 Kenntniſſe bewundert, welche die ruſſiſchen Prinzeſ - ſinnen auszeichnen. Bei der verſtorbenen Königin von Würtemberg konnte man es Gelehrſamkeit nen - nen. Ich hatte dieſer Fürſtin einſt in Frankfurt einen Brief zu überbringen, und blieb, nachdem ich ihn übergeben, auf ihren Befehl im Cirkel ſtehen, bis die Uebrigen entlaſſen ſeyn würden. Ein Pro - feſſor der Peſtalozziſchen Schule war der erſte, welcher an die Reihe kam, und ſelbſt weniger von ſeinem Syſteme zu wiſſen ſchien als die Königin (damals noch Großfürſtin Katharine), da ſie ſeine weitſchwei - figen Antworten mehreremal mit der größten Klar - heit rektifizirte. Ein Diplomat folgte, und erhielt eben ſo in ſeiner Sphäre, ſo weit die allgemeine Unterhaltung es geſtattete, die feinſten und gewandte - ſten Antworten. Hierauf begann ſie ein gründliches Geſpräch mit einem berühmten Oekonomen aus A .... und zuletzt ſchloſſen tiefſinnige und glänzende Refle - xionen in einer lebhaften Controverſe mit einem be - kannten Philoſophen die merkwürdige Audienz.

Nach der Tafel führte uns der Erb-Großherzog in die Pflanzenhäuſer, welche, nach Schönbrunn, wohl die reichhaltigſten in Deutſchland ſind. Du weiſt, liebe Julie, daß ich auf die bloße Seltenheit wenig Werth lege, und auch in der Pflanzenwelt mich nur an dem Schönen ergötze. Daher gingen viele Schätze an mir verloren, und ich konnte das Ent - zücken nicht theilen, in welches mehrere Kenner aus - brachen, als ſie eine Staude erblickten, die zwar nur ſechs Zoll hoch war, und nicht mehr als fünf Blät -2*20ter ohne Blüthe aufwies, aber 60 Guineen gekoſtet hatte, und bis jetzt noch kein andres deutſches Pflan - zenhaus zierte. Dagegen machte mir ein rother Cactus grandiflorus, der wundervoll reich blühte, und eine Menge andere ausgezeichnete Prunkpflanzen viel Freude; mit aller Ehrfurcht beſah ich das Prachtſtück eines großen Brod-Fruchtbaumes, und fand es artig, auf dem Cactus, den die Cochenille bewohnt, mir mit einigen dieſer Thierchen ſofort die Finger car - minroth zu färben. Die ganze Maſſe der Pflanzen überſteigt 60,000 verſchiedene Arten. Auch die Oran - gerie iſt prächtig, und ein Veteran von anderthalb Ellen Umfang darunter, der bereits 550 nordiſche Sommer glücklich ausgehalten.

Den Abend brachte ich bei Herrn v. G zu, einem geiſtreichen Manne, und alten Freund der Madame Schoppenhauer, die auch für mich eine freundliche Gönnerin iſt. Frau v. G e kam ſpäter, unſere Geſellſchaft auf ſehr angenehme Weiſe zu vermehren. Sie iſt eine muntere, originelle und geiſtreiche Frau, auf welche der dem Schwiegervater mit ſo viel Recht geſtreute Weihrauch billig nicht ohne allen Einfluß geblieben iſt. Sie zeigte ſich ſehr erfreut, vom eng - liſchen Verfaſſer des Granby, welcher in Weimar deutſch ſtudirt hat, ſo eben ein erſtes Exemplar ſeines Romans überſchickt erhalten zu haben. Ich fand die Opfergabe nicht ſehr bedeutend, und wünſchte ihr, daß der Verfaſſer intereſſanter geweſen ſeyn möge, als ſein Werk. Ich ſagte dies vielleicht aus debit, denn man ſchmeichelt hier, wie überall auf dem Continent,21 den Engländern viel zu viel, und Gott weiß, wie ſehr mal à propos!

Nachdem ich mich bei allen hohen Herrſchaften dieſen Morgen beurlaubt, widmete ich den Reſt des Tages meinem Freunde Sp .., der mit ſeiner Familie zeigt, daß man das Hofleben und die große Welt mit der einfachſten Häuslichkeit und gewinnendſten Herzens - güte ſehr wohl verbinden kann. Ein junger Eng - länder, Sekretär bei Herrn Canning, der deutſch wie ſeine Mutterſprache redet, unterbielt uns mit launigen Schilderungen der engliſchen Geſellſchaft, deren Unbeholfenheit und Mangel an Gutmüthig - keit er bitter rügte, wobei er natürlich gute Gelegen - heit fand, den Deutſchen, wie beſonders den An - weſenden Verbindliches zu ſagen. So urtheilen die Engländer jedoch nur im Auslande. Zurückgekommen, nehmen ſie ſchnell wieder die ge - wohnte Kälte und ſtolze Indifferenz an, die einen Fremden wie ein geringeres Weſen betrachtet, und lachen höhniſch der deutſchen Bonhomie, die ſie frü - her gelobt, ſo lange ſie der Gegenſtand derſelben waren, während ſie doch zu jeder Zeit die wahrhaft lächerliche Ehrfurcht, die wir für den Namen Eng - länder hegen, nur als ſchuldigen Tribut ihrer hohen Vorzüge anſehen.

Dies iſt der letzte Brief, liebe Julie, den Du von hier erhältſt. Morgen früh, nicht mit dem Hahnen -22 ſchrei, ſondern nach meinem Kalender, um 12 Uhr, gedenke ich abzureiſen, und mich bis London nicht viel unterweas aufzuhalten. Schone, ich bitte Dich, Deine Geſundheit um meinetwillen, und erheitere Deinen Geiſt ſo viel Du es vermagſt, mit jener wunderbaren Kraft, die ihm der Schöpfer verlieh: ſich ſelbſt zu bezwingen. Doch liebe mich des - halb nicht weniger denn meine Kraft iſt Deine Liebe.

Dein treuer L.

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Zweiter Brief.

Geliebte Freundin!

Nachdem ich von Göthe und ſeiner Familie noch Abſchied genommen, und eine vornehme und reizende Malerin zum Letztenmal in ihrem Attelier beſucht, verließ ich voll angenehmer Erinnerungen das deutſche Athen.

In Gotha hielt ich mich nur ſo lange auf als nöthig war, um einen alten Freund und Kriegs - Kameraden, den Miniſter und Aſtronomen (Himmel und Erde in ſeltner Berührung) Baron von L ..... zu beſuchen, welchen ich noch immer an den Folgen ſeines unglücklichen Duells in Paris leiden, aber dieſes Ungemach auch mit eben der Ruhe des Weiſen tragen ſah, die er in allen Lagen des Lebens zu be - haupten wußte.

Es war ſchon dunkel, als ich in Eiſenach ankam, wo ich an einen andern meiner ehemaligen Kamera - den einen Auftrag des Großherzogs hatte. Ich ſah24 ſein Haus hell erleuchtet, hörte Tanzmuſik und trat mitten in eine große Geſellſchaft, die verwundert mein Reiſe-Coſtüm und meine Jagdmütze betrachtete. Es war die Hochzeit der Tochter vom Hauſe, welche man feierte, und herzlich bewillkommte der Vater mich dabei, als er mich erkannte. Ich entſchuldigte bei der Braut mein unhochzeitliches Kleid, trank ein Glas Eispunſch auf ihr Wohlergehen, ein anders auf das des Vaters, tanzte eine Polonaiſe und entſchwand à la française.

Gleich darauf machte ich meine Nachttoilette und legte mich im Wagen behaglich zur Ruhe.

Als ich erwachte, befand ich mich ſchon eine Sta - tion vor Caſſel, an demſelben Ort, wo wir vor 10 Jahren die ſeltſame entrée mit einer aufrecht ſtehen - den, zerbrochenen Wagendeichſel machen mußten, auf der der Poſtillon zu reiten ſchien. Ich frühſtückte hier, vielfach jener Reiſe gedenkend, fuhr durch die traurig ſchöne Hauptſtadt ohne mich aufzuhalten, ſpäter durch einen herrlichen Buchenwald, der im hellen Sonnen - ſchein wie grünes Gold erglänzte, machte bei Ve - ſtuffeln romantiſche Betrachtungen über einen komi - ſchen Berg, den der Vorzeit moſige Trümmer deckten, und traf, durch lange einförmige Gegenden forteilend, zu meiner Eßſtunde im alten Biſchofsſitze zu Osna - brück ein.

Die zweite Nacht ſchläft man immer noch beſſer als die erſte im Wagen, deſſen Bewegung, auf mich we -25 nigſtens, wie die Wiege auf Kinder wirkt. Ich fühlte mich ſehr wohl und heiter am nächſten Morgen, und bemerkte, daß das Land allgemach anfing, einen hol - ländiſchen Charakter anzunehmen. Altväteriſche Häu - ſer mit vielfachen Giebeln und Schiebfenſtern, ein unverſtändliches Plattdeutſch, welches an Wohllaut dem holländiſchen nichts nachgiebt, phlegmatiſchere Menſchen, beſſer meublirte Stuben, wiewohl noch ohne holländiſche Reinlichkeit, Thee ſtatt Kaffee, überall vortreffliche friſche Butter und Rahm, nebſt erhöhter Prellerei der Gaſtwirthe Alles zeigte eine neue Schattirung dieſer bunten Welt.

Die Gegenden, durch welche mein Weg führte, ge - hörten einer anmuthigen und ſanften Natur an, be - ſonders bei Stehlen an der Ruhr, ein Ort, für den gemacht, der ſich vom Getümmel des Lebens in heitre Einſamkeit zurückzuziehen wünſcht. Nicht ſatt ſehen konnte ich mich an der ſaftig friſchen Vegetation, den prachtvollen Eich - und Buchen-Wäldern, die rechts und links die Berge krönen, zuweilen ſich über die Straße hinzogen, dann wieder in weite Ferne zurück - wichen, aber überall den fruchtbarſten Boden begränz - ten, braun und roth ſchattirt, wo er friſch geackert war, hell oder dunkelgrün ſchimmernd, wo junge Winterſaat und friſcher Klee ihn bedeckten. Jedes Dorf umgiebt ein Hain ſchön belaubter Bäume, und nichts übertrifft die Ueppigkeit der Wieſen, durch welche ſich die Ruhr in den ſeltſamſten Krümmungen ſchlän - gelt. Ich dachte lachend, daß, wenn Einem prophe - zeihet würde, an der Ruhr zu ſterben, er ſich hier26 niederlaſſen müſſe, um auf eine angenehme Weiſe die Prophezeihung zugleich zu erfüllen und zu entkräften. Als ich gegen Abend noch dieſe freundliche Landſchaft mit unſern düſtern Föhren-Wäldern verglich, erſchien, wie durch Zauberſpruch, plötzlich eine Zunge heimi - ſches Land mit Kiefern, Sand und dürren Birken, ſo weit das Auge reichte, über den Weg gelagert. Nach zehn Minuten ſchon begrüßten uns aber wieder grüne Matten und ſtolze Buchen. Welche Revolu - tion hat dieſen Sandſtrich hier hineingeſchoben?

Einige Meilen von Weſel wird indeſſen das ganze Land tout de bon vaterländiſch, und da hier auch die Chauſſée aufhört, watet man von neuem in Ber - liner Streuſande. Ich kam unglücklicherweiſe einen Tag zu ſpät, um ſogleich mit dem Dampfboot von hier abgehen zu können, ſonſt hätte ich, von Weimar aus gerechnet, London in Tagen erreicht. Nun werde ich zu Lande bis Rotterdam reiſen, und dort die Abfahrt des nächſten Schiffes erwarten müſſen.

Meine Reiſe von Weſel bis Arnheim war ziemlich langweilig. Langſam ſchlichen die Pferde durch eine wenig anſprechende Gegend im endloſen Sande hin. Nichts Intereſſantes zeigte ſich als große Ziegeleyen an der Straße, die ich aufmerkſam beſichtigte, da ſie den unſrigen ſo ſehr vorzuziehen ſind. Deſto beloh -27 nender, und wirklich von magiſcher Wirkung iſt da - gegen der weite Garten, welcher ſich zwiſchen Arn - heim und Rotterdam ausbreitet. Auf einer Chauſſée, von Klinkern (ſehr hart gebrannte Ziegel) gebaut, und mit feinem Sande überfahren, eine Straße, die durch nichts übertroffen werden kann, und nie auch nur die ſchwächſte Spur eines Gleiſes annimmt, rollte der Wagen mit jenem leiſen, ſtets den gleichen Ton haltenden Gemurmel des Räderwerks hin, das für die Spiele der Phantaſie ſo einladend iſt. Obgleich es in dem endloſen Park, den ich durchſtrich, weder Felſen noch ſelbſt Berge giebt, ſo gewähren doch die hohen Dämme, auf welche der Weg zuweilen hinan - ſteigt, die Menge, große Maſſen bildender Landſitze, Gebäude und Thürme, wie die vielen aus Wieſen, Ebnen, oder über klare Seen auftauchenden koloſſa - len Baum-Gruppen, der Landſchaft eben ſo viel Ab - wechſelung von Höhe und Tiefe, als maleriſche An - ſichten der verſchiedenſten Art; ja ihre größte Eigen - thümlichkeit beſteht eben in dieſer unglaublichen Be - wegung und Mannichfaltigkeit der Gegenſtände, die ohne Aufhören die Aufmerkſamkeit in Anſpruch neh - men. Städte, Dörfer, Schlöſſer mit ihren reichen Umgebungen, Villen von jeder Bauart mit den nied - lichſten Blumengärten, unabſehbare Grasflächen mit Tauſenden weidender Kühe, Seen, die im Umfang von 20 Meilen blos durch Torfſtich nach und nach entſtanden ſind, unzählige Inſeln, wo das baumlange Schilf, zum Decken der Dächer ſorgfältig angebaut, Myriaden von Waſſervögeln zur Wohnung dient 28 alles bietet ſich fortwährend die Hand zu einem freudigen Reigen, in dem man wie im Traume durch flüchtige Pferde fortgeriſſen wird, während immer neue Palläſte, immer andere Städte am Horizont erſcheinen, und ihre hohen gothiſchen Thürme in dämmernder Ferne mit den Wolken ſich verſchmelzen. Eben ſo läßt in der Nähe eine oft groteske und ſtets wechſelnde Staffage keinem Gefühl der Einförmigkeit Raum. Bald ſind es ſeltſam mit Schnitzwerk und Vergoldung verzierte Wagen ohne Deichſel, und von Kutſchern regiert, die in blauen Weſten, kurzen ſchwar - zen Hoſen, ſchwarzen Strümpfen und Schuhen mit ungeheuren ſilbernen Schnallen, auf einer ſchmalen Pritſche ſitzen; oder zu Fuß wandernde Weiber mit ſechs Zoll langen goldnen und ſilbernen Ohrringen behangen, und chineſiſchen Sommerhüten, gleich Dächern auf den Köpfen; bald zu Drachen und fa - belhaften Ungethümen verſchnittene Taxus-Bäume, oder mit weiß und bunter Oelfarbe angeſtrichene Lindenſtämme, aſiatiſch mit vielfachen Thürmchen ver - zierte Feuereſſen, abſichtlich ſchief liegend gebaute Häuſer, Gärten mit lebensgroßen Marmor-Statuen in altfranzöſiſcher Hofkleidung durch das Gebüſch lau - ſchend, oder eine Menge 2 3 Fuß hoher, ſpiegel - blank polirter Meſſingflaſchen auf den grünen Wieſen am Wege ſtehend, die wie pures Gold im Graſe blin - ken, und doch nur die beſcheidne Beſtimmung haben, die Milch der Kühe aufzunehmen, welche daneben von jungen Mädchen und Knaben emſig gemolken werden kurz eine Menge ganz fremder ungewohn -29 ter und phantaſtiſcher Gegenſtände bereiten jeden Au - genblick dem Auge eine andere Scene, und drücken dem Ganzen ein vollkommen ausländiſches Gepräge auf. Denke Dir nun dieſes Bild noch überall in den Goldrahmen des ſchönſten Sonnenſcheins gefaßt, geziert mit der reichſten Pflanzenwelt, von rieſenhaf - ten Eichen, Ahorn, Eſchen, Buchen bis zu den koſt - barſten ausgeſtellten Treibhaus-Blumen herab, ſo wirſt Du Dir eine ziemlich genaue, und keineswegs übertriebene Vorſtellung von dieſem wunderbar herr - lichen Theile Hollands machen können, und dem ho - hen Vergnügen meiner geſtrigen Fahrt.

Nur ein Theil derſelben machte, hinſichtlich der Vegetation und Mannichfaltigkeit eine Ausnahme, war mir aber in anderer Hinſicht, wenn auch nicht ſo angenehm, doch nicht weniger intereſſant. Näm - lich zwiſchen Arnheim und Utrecht findet man 4 Mei - len lang den Sand der Lüneburger Haide, ſo ſchlecht als die ſchlechteſten märkiſchen Ebnen. Demohngeach - tet, und ſo viel wirkt verſtändige Cultur! wachſen neben den Kiefern-Gebüſchen, die der Boden nebſt dürrem Haidekraut allein von ſelbſt hervorbringt, die wohl beſtandendſten Anpflanzungen von Eichen, Weiß - und Rothbuchen, Birken, Pappeln u. ſ. w. freudig auf. Wo der Boden zu wenig Kraft hat, werden ſie nur als Strauchwerk benutzt, und alle 5 6 Jahre abgetrieben, wo er etwas beſſer iſt, als Stämme in die Höhe gelaſſen. Die herrliche Straße iſt hier durchgängig mit wohlerhaltenen dich - ten Alleen eingefaßt, und, was mir merkwürdig war,30 ich fand, daß trotz des dürren Sandes Eichen und Buchen noch beſſer als Birken und Pappeln zu ge - deihen ſchienen. Eine Menge der ſo überaus netten holländiſchen Häuſer und Villen waren mitten in der wüſten Haide aufgebaut; mehrere noch im Wer - den, ſo wie die Anlagen darum her. Ich konnte mir nicht erklären, daß ſo Viele ſich gerade dies unwirth - bare Terrain zu koſtſpieligen Etabliſſements ausge - ſucht, erfuhr aber, daß das Gouvernement weiſe ge - nug geweſen ſey, dieſen ganzen, bisher als unbrauch - bar liegen gelaſſenen Landſtrich den angränzenden Gutsbeſitzern und andern Vermögenden auf 50 Jahr unentgeldlich und Abgabenfrei zu überlaſſen, mit der einzigen Bedingung, es ſogleich durch Anpflanzungen oder Feldbau cultiviren zu müſſen. Später zahlen ihre Nachkommen eine ſehr billige, entſprechende Rente. Ich bin überzeugt, nach dem, was ich hier geſehen, daß der größte Theil unſrer hungrigen Kiefernwäl - der durch ähnliches Verfahren und fortgeſetzte Cul - tur in hundert Jahren in blühende Fluren verwan - delt, und die ganze todte Gegend dadurch wahrhaft umgeſchaffen werden könnte.

Utrecht iſt zierlich gebaut, und wie alle holländi - ſchen Städte muſterhaft reinlich gehalten. Das bunt - farbige Anſehn der Häuſer ſowohl, als ihre verſchie - denen Formen, die engen gekrümmten Straßen, und ihr altväteriſches Enſemble erſcheinen mir viel ge - müthlicher als die ſogenannten ſchönen Städte, die ſich wie eine mathematiſche Figur überall rechtwink - licht durchkreuzen, und wo jede Straße in troſtlos31 langer Linie mit einem Blick zu überſehen iſt. Die Umgegend iſt reizend, die Luft ſehr geſund, da Utrecht am höchſten in Holland liegt, und wie man mir ſagte, auch die Geſellſchaft im Winter und Frühling ſehr belebt, weil der reichſte Adel des Landes ſich hier aufhält. Der Handel dagegen iſt unbedeutend, und die ganze Allüre der Stadt und Menſchen mehr ari - ſtokratiſch.

Von hier fuhr ich nach Gouda, deſſen Dom durch ſeine köſtlichen Glasmalereien berühmt iſt. Für eins dieſer Fenſter wurden von einem Engländer ohnlängſt 80,000 Gulden vergebens geboten. Es gleicht an Ausführung einem Miniatur-Gemälde und glänzt in unbeſchreiblicher Farbenpracht, ja die Edelſteine und Perlen an dem Schmuck der Prieſter wetteifern mit ächten. Ein anderes ſchenkte Philipp 11. der Kirche, deſſen eine Hälfte der Blitz kurz darauf zerſchmet - terte, was gewiß in jener Zeit als omineus angeſe - hen wurde. Er ſelbſt iſt darauf abgebildet, und zwar in einem Mantel von ächter Purpurfarbe, nicht das gewöhnliche Roth, ſondern ein violett ſchim - merndes, zwiſchen Veilchenblau und Cramoiſi ſpie - lend, ſchöner als ich es je noch auf altem Glaſe ſah. Auf einem dritten befindet ſich das Portrait des Herzogs von Alba. Alle Fenſter ſind von ungewöhn - lich großen Dimenſionen, und mit wenigen Ausnah - men tadellos erhalten, ſämmtlich aus dem 15. und 16. Jahrhundert bis auf eins, welches erſt im 17. gemalt wurde, und auch den Verfall dieſer Kunſt ſehr verräth, indem es den übrigen ſowohl an Gluth32 der Farben, als an Erfindung und Zeichnung weit nachſteht.

Wer Gouda geſehen hat, kann ſich die Reiſe nach dem ſchiefen Thurme zu Piſa erſparen, denn hier ſcheint die halbe Stadt nach dieſem Prinzip aufge - führt worden zu ſeyn. Obgleich den Holländern, die man in mancher Rückſicht nicht unpaſſend die Chine - ſen Europas nennen könnte, gar wohl zuzutrauen wäre, abſichtlich für ihre Häuſer eine ſo ſeltſame Bauart gewählt zu haben, ſo rührt dieſes, faſt Schrecken erregende Schiefſteben der hieſigen Gebäude doch wahrſcheinlich größtentheils nur von dem unſi - chern moraſtigen Grunde her*)Ich erinnere mich von einem griechiſchen Kloſter in der Wallachey geleſen zu haben, deſſen vier Thuͤrme jeden Au - genblick einfallen zu wollen ſcheinen Dennoch iſt dieſe op - tiſche Taͤuſchung nur dadurch hervorgebracht, daß ſowohl die Richtung der Fenſter, als mehrere rund umherlaufende Banden ſchief geſtellt ſind.. Faſt alle Häuſer ſtehen mit den Giebeln nach der Straße zu, und jeder derſelben iſt verſchieden ausgeſchmückt. In ſehr engen Gaſſen ſieht man ſie ſich faſt erreichen und ein Dreyeck bilden, unter dem man nicht ohne Be - ſorgniß hingeht.

Da es Sonntag war, fand ich die Stadt höchſt belebt, wiewohl nur durch ſtillen und decenten Ju - bel. Die meiſten Menſchen ſtanden müßig, gafften, zogen aber ſehr höflich den Hut vor meinem Wa - gen ab.

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Bevor man Rotterdam erreicht, fährt man durch eine lange Reihe Landhäuſer mit fortlaufenden Blu - menparterres, die auf beiden Seiten durch ſchmale Kanäle von der Straße getrennt ſind. Zu jedem der - ſelben führt eine mächtige Zugbrücke, welche ſeltſam mit der Unbedeutendheit des Waſſers contraſtirt, denn ein herzhafter Sprung brächte zur Noth auch von einem Ufer auf’s andere. Eben ſo barokk ſind die thurmhohen Windmühlen vor der Stadt. Sie ſind vielfach vergoldet und mit dem abſonderlichſten Schnitzwerke verſehen, bei manchen aber auſſerdem die Mauern noch mit dichtem Rohre ſo fein bedeckt, daß es in der Entfernung Pelzwerk gleich ſieht, an - dere bieten einen beſchuppten Crokodillenleib dar, ei - nige gleichen chineſiſchen Glockenthürmen, alle zuſam - men machen aber dennoch einen imponirenden Effekt. Dazwiſchen ragen die Maſte des Hafens und die großen mit Glas gedeckten Schuppen hervor, in de - nen die Kriegsſchiffe gebaut werden, und kündigen die See - und Handelsſtadt an.

Bald nahm mich eine lange von Menſchen wim - melnde Straße auf, der ein hohes ſchwarzes Thurm - Zifferblatt mit feurig roſenrothen Zahlen und Wei - ſern zum point de vûe diente, und ich brauchte wohl eine gute Viertel-Stunde, bevor ich im Hotel des bains auf dem Quai anlangte, wo ich jetzt ſehr gut und bequem logirt bin. Vor meinen Fenſtern über - ſehe ich eine breite Waſſerfläche mit den vier Dampf - ſchiffen, von denen eines mich übermorgen nach Eng - land bringen ſoll. Böte rudern emſig auf und ab,Briefe eines Verſtorbenen. III. 334und die geſchäftige Menge eilt auf dem Quai raſtlos durcheinander, deſſen Rand mit himmelhohen Rüſtern geſchmückt iſt, die wahrſcheinlich ſchon zu Erasmus Zeiten hier gepflanzt wurden. Nach einem kleinen Spaziergang unter dieſen Bäumen nahm ich eine gute Mahlzeit ein, und ſchrieb dann an dieſem ellen - langen Brief, der leider mehr Porto koſten wird, als er werth iſt. Mit meiner Geſundheit geht es immer noch nicht ganz nach Wunſch, obgleich von Tag zu Tage beſſer. Vielleicht kurirt mich völlig das Meer, und einige Gläſer Seewaſſer, welches ich zu mir neh - men werde, ſobald ich auf ſeinen Wellen ſchaukele.

Die Lebensart nähert ſich hier den engliſchen Sit - ten. Man ſteht ſpät auf, ißt an table d’hôte um 4 Uhr, und trinkt Abends Thee. Uebrigens iſt für Fremde in der großen Stadt wenig Abwechſelung vor - handen, da ſich nicht einmal ein ſtehendes Theater hier befindet. Nur zuweilen geben die Schauſpieler vom Haag einige Vorſtellungen in einem ſchlechten Lokal. Alles ſcheint mit dem Handel beſchäftigt, und findet ſeine Erholung nachher, ſehr angemeſſen, nur in häuslichen Freuden, an denen aber ein blos Durch - reiſender freilich keinen Theil nehmen kann. Um ei - niges engliſche Geld einzuwechſeln, ging ich in das Comtoir eines jüdiſchen Banquiers, der ſich, ohnge -35 achtet der Geringfügigkeit der Summe, mit der größ - ten Unterwürfigkeit benahm, und nachdem er mir ſorgſam das Geld ſelbſt aufgezählt hatte, mich bis an die Hausthüre begleitete. Ich war daher nicht wenig verwundert, nachher von meinem Lohnbedien - ten zu erfahren, daß man das Vermögen dieſes Man - nes auf zwei Millionen Gulden ſchätze. Es ſcheint alſo, daß viel Geld hier die Banquiers noch nicht ſo hochmüthig gemacht habe, als in andern Ländern. Ich beſah hierauf das Arſenal, welches ich, im Ver - gleich mit engliſchen Etabliſſements dieſer Art, nur unbedeutend fand. Mehrere der Schuppen ſind mit Pappe gedeckt, was ſehr dauerhaft ſeyn ſoll, und gut ausſieht. Es wird dazu ganz gewöhnliche ſtarke, in viereckige Platten geſchnittene Pappe genommen, die man in einem Keſſel, worin Holztheer, ſiedet, mehrmals eintunkt, bis ſie auf beiden Seiten überall ganz damit bedeckt und durchzogen iſt, worauf man ſie zum Trocknen an die Sonne hängt. Dann wer - den die einzelnen Stücke auf dem ſehr flachen Dache gleich Kupferplatten übereinander gelegt, und mit Nägeln auf die darunter befindlichen Bretter feſtge - macht, welche ſie viele Jahre lang gänzlich gegen Näſſe ſchützen. Nach Ausſage der Marine-Beamten ſoll ein ſolches Dach ſogar weit länger als Schindeln oder das beſte getheerte Segeltuch halten. Intereſ - ſant war mir in einem der Säle das ſehr detaillirte, ganz auseinander zu nehmende Modell eines Kriegs - ſchiffes, welches für die Seeſchule zu Delfft verfertigt ward, und den Unterricht überaus anſchaulich macht. 3*36Die goldene Gondel des Königs, obgleich ſie der der Cleopatra wahrſcheinlich an Pracht nicht gleich kommen mag, wird dennoch von den guten Hollän - dern mit großer Selbſtzufriedenheit gezeigt, verfault aber hier im Trocknen, da ſie nur ſelten gebraucht wird.

Die Umgegend von Rotterdam iſt wegen ihrer hüb - ſchen Landmädchen und ſaftigen Früchte berühmt, welche (die letztern nämlich) einen nicht unbedeutenden Ausfuhrartikel nach England abgeben. Nirgends fin - det man wohl Weintrauben von ſo ungeheurer Größe. Ich ſah mehrere auf dem Markt zum Verkauf aus - geſtellt, deren Beeren das Anſehn und den Umfang von Pflaumen hatten. Indem ich noch weiter müßig umherſchlenderte, erblickte ich den Ankündigungszettel eines Panorama des Aetna, trat im Gefolge einer Damengeſellſchaft hinein, und ach! verlor hier mein Herz. Das reizendſte Mädchen, das ich je geſehen, lächelte mich am Fuße des feuerſpeyenden Berges mit Augen an, die aus ſeinen ewigen Flammen ihre Glut geſchöpft haben mußten, während ihre ſchalk - haften Lippen üppig blühten, wie die rothen Blumen des neben ihr prangenden Oleanders. Der lieblichſte Fuß, der wollüſtigſte Körper im reinſten Ebenmaß, Alles vereinigte ſich, ſie, wenn auch nicht zum himm - liſchen, doch gewiß zum verführeriſchſten irdiſchen Ideal zu erheben. War dies eine Holländerin? O nein, eine ächte Sicilianerin, aber leider, leider! nur gemalt! Drum warf ſie mir auch, als ich das Paradies wieder verließ, aus ihrer Weinlaube nur37 triumphirend ſpöttiſche Blicke zu, denn ſeit Pygma - lions Zeiten vorbei ſind, konnte dieſe nichts mehr beleben, nichts verführen. Wer mag aber wiſſen, ob nicht dennoch ein ſüßes Schickſal mich irgendwo das Original antreffen läßt? Wenigſtens iſt eine ſolche Hoffnung und ein ſolches Bild kein unangenehmer Reiſebegleiter; ſchlimm nur, daß ich mit ihm jetzt gerade dem Nebel-Lande, und nicht den ſchönen Feuer-Gegenden zuwandle, die eine wärmere Sonne von oben, und geheimnißvolle Gluthen von unten, zwiſchen zwei Feuer genommen haben. Morgen aber ſchon wird ſtatt dieſer Wärme das kalte naſſe Meer um mich wogen, ich aber gewiß nicht, indem ich das liebe Holland verlaſſe, mit dem unartigen Voltaire ausrufen: Adieu Canards, Canaux, Canailles!

Von London ſchreibe ich Dir erſt wieder, wenn ich dort einen längern Aufenthalt mache, worüber ich mich erſt an Ort und Stelle beſtimmen will. En at - tendant ſchicke ich Dir beiliegend den Steindruck des Dampfſchiffes, mir dem ich abſegle. Ein bezeichnet, in der Art, wie die alten Ritter ihre Namen unter - ſchrieben, die Stelle, wo ich ſtehe, und mit einiger Hülfe Deiner Einbildungskraft wirſt Du ſehen, wie ich mit meinem Tuch zum Abſchiede wehe, und Dir tauſend Liebes und Herzliches aus der Ferne zurufe.

Dein treuer L

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Dritter Brief.

Ich habe eine ſehr unglückliche Ueberfahrt gehabt. Eine Bouraske, die leidige Seekrankheit, 40 Stun - den Dauer ſtatt 20, und zu guter letzt noch das Feſt - ſitzen auf einer Sandbank in der Themſe, wo wir 6 Stunden verweilen mußten, ehe uns die Fluth wieder flott machte, waren die unangenehmen Evé - nements dieſer Reiſe.

Ich weiß nicht, ob ich früher (es ſind 10 Jahre, ſeit ich England zum letztenmal verließ), Alles mit verſchönernden Augen anſah, oder meine Einbildungs - kraft ſeitdem, mir unbewußt, das entfernte Bild ſich mit reizenderen Farben ausmalte ich fand dies - mal alle Anſichten, die wir von beiden Ufern erhiel - ten, weder ſo friſch noch pittoresk als ſonſt, obgleich zuweilen doch herrliche Baumgruppen und freundliche Landſitze ſichtbar wurden. Auch hier verſtellt, wie im nördlichen Deutſchland, das Lauben der Bäume gar oft die Landſchaft, nur daß ihre Menge in den vielfachen Hecken, die alle Felder umgeben, und die39 Rückſicht, daß man ihnen wenigſtens die äuſſerſten Kronen und Wipfel läßt, den Anblick weniger troſt - los machen, wie z. B. in dem ſonſt ſo ſchönen Schleſien.

Unter den Paſſagieren befand ſich ein Engländer, der erſt kürzlich aus Herrnhut zurückkehrte, und auch das Bad von M .... beſucht hatte. Es divertirte mich ſehr, ungekannt von ihm, ſeine Urtheile über die dortigen Anlagen zu hören. Wie der Geſchmack verſchieden iſt, und man daher bei nichts verzweifeln darf, kannſt Du daraus abnehmen, daß dieſer Mann jene düſtern Gegenden ungemein bewunderte, blos wegen der Immenſität ihrer evergreen woods wo - mit er die endloſen monotonen Kieferwälder meinte, die uns ſo unerträglich vorkommen, in England aber, wo die Kiefern mühſam in den Parks angepflanzt werden, obgleich ſie in der Regel ſchlecht gedeihen, eine ſehr geſchätzte Seltenheit ſind. Ein Amerikaner war ſehr entrüſtet, bei dieſer elenden Ueberfahrt ſee - krank geworden zu ſeyn, während er es von Ame - rika nach Rotterdam nie geweſen, und ein Planta - genbeſitzer aus Demerary, der beſtändig fror, jam - merte daneben noch mehr über die unpolitiſche Auf - hebung des Sclavenhandels, der, wie er meinte, bald den gänzlichen Ruin der Colonien herbeiführen müßte, denn, ſagte er: Ein Sclave oder Inländer arbeitet nie, wenn er nicht muß, und um zu leben, braucht er nicht zu arbeiten, da das herrliche Land und Klima ihm von ſelbſt Nahrung und Obdach lie - fert. Europäer aber können bei der Hitze nicht ar -40 beiten, es bleibt alſo nichts übrig, als die Alterna - tive: Kolonieen mit Sclaven, oder keine Colonieen. Dies wiſſe man auch recht gut, habe aber ganz an - dere Zwecke bei der Sache, die ſich blos hinter der Etalage von Menſchenliebe (dies waren ſeine Worte) zu verſtecken ſuchten. Die Sclaven, behauptete er übrigens, würden ſchon des eignen Vortheils der Herrn wegen weit beſſer behandelt, als z. B. die ir - ländiſchen Bauern, und er habe früher in Europa gar oft auch Dienſtboten weit ſchlimmer traktiren ge - ſehen. Eine Ausnahme hie und da möge vorkommen, ſie käme aber beim Ganzen nicht in Betracht u. ſ. w. Ich ſuchte das Geſpräch von dem, für Menſchen - freunde ſo ſchmerzlichen Gegenſtand abzuleiten, und ließ mir dagegen von ihm das Leben Guyanas und die Pracht ſeiner Urwälder beſchreiben, eine weit in - tereſſantere Unterhaltung, die mich faſt mit einer Art Heimweh nach jenen Naturwundern erfüllte, wo Al - les herrlicher, nur der Menſch niedriger iſt.

Das lächerliche Element unſerer Fahrt war eine engliſche Dame, die mit ſeltner Volubilität und bei jeder Gelegenheit franzöſiſche Converſationen anzuknüpfen ſuchte. Nicht mehr im blühendſten Alter, wußte ſie dieſem Fehler, ſelbſt auf dem Schiff, durch die ſorg - fältigſte Toilette abzuhelfen, und einer der Paſſagiere behauptete ſogar, ſie habe a crack im Nacken, eine neuerfundene Art Schraube, durch welche die Runzeln aufgewunden werden. Als wir ſpät am Morgen Alle mehr oder weniger elend auf dem Ver - deck erſchienen, war ſie ſchon im eleganten Negligée dort41 etablirt, und erwiederte auf meine Klagen luſtig in ihrem breiten Dialekt: Comment, comment, vous n’avez pas dormir? moi parfaitement, très comfortable, j’étais tres chaudement couché entre deux matelots, et je m’en porte à merveille. Madame, ſagte ich, on comprend que vous ne craignez pas la mer.

Mitten in der zweiten Nacht ankerten wir an der Londoner Brücke, der fatalſte Umſtand, der Einem hier begegnen kann, weil man dann, wegen der Strenge der Douanen, vor der Viſitation ſeiner Sa - chen nichts mit ſich vom Schiffe nehmen darf, die Büreaus aber nicht vor 10 Uhr früh geöffnet werden. Da ich meine deutſchen Diener nicht mit Wagen und Effekten allein laſſen mochte, und eben ſo vernach - läſſigt hatte, mir Quartier zu beſtellen, als mich durch den Geſandten von der Viſitation zu befreien, ſo war ich genöthigt, faſt wie ich ging und ſtand, die Nacht in einer elenden Matroſen-Taverne am Ufer zuzubringen, fand aber am Morgen, wo ich bei der Unterſuchung meiner Sachen gegenwärtig war, auch hier den ſelten trügenden goldnen Schlüſſel ſehr wirkſam, um mir langes Warten und Weitläuftig - keiten zu erſparen. Selbſt ein paar Dutzend franzö - ſiſche Handſchuhe, die in aller Unſchuld bei meiner Wäſche oben auflagen, ſchienen durch meine Guinee unſichtbar geworden zu ſeyn, denn Niemand be - merkte ſie.

So ſchnell als möglich eilte ich aus der ſchmutzigen City mit ihrem Ameiſengetümmel herauszukommen,42 mußte aber noch eine halbe Station weit mit Poſt - pferden fahren, ehe ich in das westend of the town gelangte, wo ich in meiner frühern Wohnung im Clarendon Hotel abtrat. Mein alter Wirth, ein Schweizer, hatte zwar unterdeß England mit einem andern, bis jetzt noch unbekannten Lande vertauſcht, der Sohn aber ſeine Stelle eingenommen, und die - ſer empfing mich mit aller der ehrerbietigen Sorg - falt, welche die engliſchen Gaſtwirthe, und überhaupt hier alle diejenigen, welche vom Gelde Anderer le - ben, auszeichnet. Auch erwies er mir ſogleich einen wahren Dienſt, denn, kaum eine Stunde ausgeruht, ward ich gewahr, daß ich im Trouble der Nacht ei - nen Beutel mit 80 Sovereigns im Commodenfach meiner Schlafſtube vergeſſen hatte. Monſieur Ja - quier, der das engliſche Terrain zu gut kannte, zuckte die Achſeln, ſandte jedoch ohne Verzug einen Ver - trauten zu Waſſer ab, um wo möglich das Verlorne wiederzubringen. Die Unordnung, welche in jenem elenden Gaſthofe der Vorſtädte herrſchte, kam mir zu ſtatten. Unſer Bote fand die Stube noch unauf - geräumt, und zur, vielleicht unangenehmen, Ueber - raſchung der Hausleute den Beutel unberührt an der bezeichneten Stelle.

London iſt jetzt ſo todt an Eleganz und faſhiona - blen Leuten, daß man kaum eine Equipage vorüber - fahren ſieht, und von aller beau monde nur einige Geſandten gegenwärtig ſind. Dabei iſt die ungeheure Stadt voller Schmutz und Nebel, und die macadami - ſirten Straßen einer ausgefahrenen Landſtraße ähn -43 lich, denn das alte Pflaſter iſt in dieſen herausgeriſ - ſen worden, und durch Granitſtückchen, mit Kies ausgefüllt, erſetzt, die zwar ein ſanfteres Fahren ge - währen und den Lärm dämpfen, im Winter aber auch die Stadt in einen halben Sumpf verwandeln. Ohne die vortrefflichen Trottoirs müßte man, wie in den Landes bei Bordeaux, auf Stelzen gehen. Auch tragen die gemeinen Engländerinnen etwas Aehnliches von Eiſen an ihren großen Füßen.

Durch die neue Regents-Straße, Portland-Place und den Regents-Park hat die Stadt indeß ſehr gewonnen. Sie ſieht nun erſt in dieſem Theile ei - ner Reſidenz ähnlich, nicht mehr wie ſonſt einer bloßen unermeßlichen Hauptſtadt für shopkeepers, nach weiland Napoleons Ausdruck. Obgleich der arme Herr Naſh (ein einflußreicher Architekt des - nigs, von dem dieſe Meliorationen hauptſächlich her - rühren) ſo übel von manchen Kunſtkennern mitge - nommen wird, und auch nicht zu läugnen iſt, daß in ſeinen Gebäuden alle Style unter einander gewor - fen worden, und das Gemengſel oft mehr barokk als genial erſcheint, ſo iſt ihm doch meines Erachtens die Nation vielen Dank dafür ſchuldig, ſo rieſenmäßige Pläne zur Verſchönerung ihrer Hauptſtadt gefaßt und durchgeführt zu haben. Das Meiſte iſt übrigens noch in petto, wird aber bei der allgemeinen Bau - wuth und dem vielen Gelde der Engländer gewiß ſchnell ins Leben treten. In die Details muß man freilich nicht zu ſtreng eingehen. So iſt der, Regent - ſtreet zum point de vûe dienende Thurm, der in44 einer Nadelſpitze endet, und bei welchem Körper und Dach um Anfang und Ende zu ſtreiten ſcheinen, eine ſeltſame architektoniſche Mißgeburt, und nichts er - götzlicher, als die darauf gemachte Carricatur, wo man Herrn Naſh (ein ſehr kleiner, verſchrumpelt ausſehender Mann) geſtiefelt und geſpornt, äuſſerſt ähnlich abconterfeyt, und auf obenerwähnter Spitze reitend, angeſpießt ſieht, mit der Unterſchrift: Na - tional taste (wird ausgeſprochen: Nashional.)

Man könnte viele ähnliche Abnormitäten anführen. So ſind unter andern an einem Balkon, der den größten Pallaſt am Regents-Park ziert, vier platt - gedrückte Geſtalten an die Wand gequetſcht, deren Bedeutung ein Räthſel bleibt. Ihr Coſtüme gleicht einer Art Schlafrock, woraus man wenigſtens ſchließen kann, daß Menſchen damit gemeint ſind. Vielleicht ſind es Embleme für ein Lazareth, denn dieſen ſchein - baren Paläſten iſt, wie denen in Potsdam, auch nur Einheit und Anſehn durch die Façaden gegeben, eigentlich bilden ſie eine Menge ſchmaler Häuſer, die zu allerlei Gewerbs - und andern Zwecken, wie hun - dert verſchiedenen Eigenthümern zur Wohnung dienen.

Tadellos iſt dagegen die, auch von Herrn Naſh ausgehende, ländliche Anlage in dieſem Park, vor - züglich die Waſſerparthie. Hier hat die Kunſt das ſchwere Problem völlig gelöst, in ſcheinbar frei wir - kender Natur nicht mehr bemerkt zu werden. Man glaubt einen breiten Fluß weit hin, durch üppig be - buſchte Ufer, in die Ferne ſtrömen, und dort ſich in45 mehrere Arme vertheilen zu ſehen, während man doch nur ein mühſam ausgegrabnes, ſtehendes und beſchränktes, aber klares Waſſer vor ſich hat. Eine ſo reizende Landſchaft wie dieſe, mit hervorragenden Hügeln in der Ferne, und umgeben von einem Mei - len langen Cirkus prachtvoller Gebäude, iſt gewiß eine der Hauptſtadt der Welt würdige Anlage, und wird, wenn die jungen Bäume erſt alte Rieſen ge - worden ſind, wohl kaum irgendwo ihres Gleichen finden. Viele alte Straßen wurden, um alles dies zu ſchaffen, weggeriffen, und ſeit 10 Jahren mehr als 60,000 neue Häuſer in dieſer Gegend der Stadt aufgebaut. Es iſt, wie mich dünkt, eine beſondere Schönheit der neuen Straßen, daß ſie zwar breit ſind, aber nicht durchaus in ſchnurgerader Linie ge - hen, ſondern, wie die Wege in einem Park, zuwei - len Biegungen machen, die ihre ſonſt nicht zu ver - hindernde, Einförmigkeit unterbrechen. Erhält Lon - don noch Quais und wird die Paulskirche frei ge - gemacht, wie der talentvolle Obriſt Trench projektirt hat, ſo wird ſich keine Stadt an Pracht mit ihr meſſen können, wie ſie ſchon jetzt jede andere an Größe übertrifft.

Unter den neuen Brücken ſteht die Waterloobrücke oben an, bei der die Unternehmer jedoch 300,000 £. St. verloren haben ſollen. 1,200 Fuß lang und mit einem gediegnen Geländer aus Granit verſehen, dabei faſt immer verhältnißmäßig einſam, bietet ſie einen anmuthigen Spaziergang dar, mit den ſchön -46 ſten Flußausſichten auf ein ſtolzes Gemiſch von Palläſten, Brücken, Schiffen und Thürmen, inſofern nämlich der Nebel ſolche zu ſehen geſtattet. Die Vor - richtung, welche hier ſtatt findet, die Einnehmer des Brückengeldes zu controlliren, war mir neu. Der eiſerne Dreher, durch den man gehen muß, und der die gewöhnliche Kreuzesform hat, iſt ſo eingerichtet, daß er nur ein Viertel des Cirkels jedesmal weicht, gerade ſo viel als nöthig iſt, um eine Perſon hin - durch zu laſſen, und in demſelben Augenblick, wo er in dieſe Viertel-Wendung einſchlägt, fällt durch einen Mechanismus unter der Brücke eine Marke in einen verſchloſſenen Behälter. Eine ähnliche Vorrichtung findet ſich daneben für die Wagen, und die Eigen - thümer brauchen daher nur Abends die Marken nach - zuzählen, um genau zu wiſſen, wie viel Fußgänger und Pferde täglich über die Brücke paſſirt ſind. Man zahlt ein Penny für den Fußgänger und drei Pence für ein Pferd, wobei man auf 300 £. St. tägliche Einnahme gerechnet hatte; dieſe überſteigt jedoch ſel - ten 50.

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Was Dich hier ſehr anſprechen würde, iſt die aus - nehmende Reinlichkeit in allen Häuſern, die große Bequemlichkeit der Meubeln, die Art und Artigkeit der dienenden Klaſſen. Es iſt wahr, man bezahlt alles was zum Luxus gehört, (denn das blos Noth - wendige iſt im Grunde nicht viel theurer als bei uns) ſechsfach höher, man findet aber auch ſechsfach mehr comfort dabei. So iſt auch in den Gaſthöfen alles weit reichlicher und im Ueberfluße, als auf dem Continent. Das Bett z. B., welches aus drei übereinandergelegten Matratzen beſteht, iſt groß genug, um zwei bis drei Perſonen darauf Platz zu geben, und ſind die Vorhänge des viereckigen Bett - himmels, der auf ſtarken Mahagony-Säulen ruht, zugezogen, ſo befindeſt Du Dich wie in einem kleinen Cabinet, ein Raum, wo in Frankreich Jemand ganz bequem wohnen würde. Auf Deinem Waſchtiſch fin - deſt Du nicht blos eine ärmliche Waſſer-Bouteille mit einem einzigen Fajence oder ſilbernen Krug und Becken, nebſt einem langgedehnten Handtuche, wie Dir in deutſchen und fränkiſchen Hotels, und ſelbſt vielen Privathäuſern, geboten wird, ſondern ſtatt deſſen wahre kleine Wannen von chineſiſchem Porcel - lain, in die man den halben Leib ohne Mühe tauchen könnte, darüber Robinets, die im Moment jede be - liebige Waſſerfluth liefern; ein halbes Dutzend breite Servietten, eine Menge große und kleine Kriſtall - flaſchen, einem hohen Stell-Spiegel, Fußbecken ꝛc.48 ohne die andern anonymen Bequemlichkeiten der Toilette in eleganter Geſtalt zu erwähnen. Alles präſentirt ſich ſo behaglich vor Dir, daß Dich ſofort beim Erwachen eine wahre Badeluſt anwandelt. Braucht man ſonſt etwas, ſo erſcheint auf den Ruf der Klingel entweder ein ſehr nett gekleidetes Mädchen mit einem tiefen Knix, oder ein Kellner, der in der Tracht und mit dem Anſtand eines gewandten Kam - merdieners reſpectvoll Deine Befehle entgegen nimmt, ſtatt eines ungekämmten Burſchen in abgeſchnittener Jacke und grüner Schürze, der mit dummdreiſter Zuthätigkeit Dich fragt: Was ſchaffen’s, Ihr Gnoden, oder: haben Sie hier jeklingelt? und dann ſchon wieder herausläuft, ehe er noch recht vernommen hat, was man eigentlich von ihm wollte. Gute Tep - piche decken den Boden aller Zimmer, und im hell - polirten Stahl-Kamin brennt ein freudiges Feuer, ſtatt der ſchmutzigen Bretter, und des rauchenden oder übelriechenden Ofens in ſo vielen vaterländiſchen Gaſthäuſern. Gehſt Du aus, ſo findeſt Du nie eine unſaubere Treppe, noch eine ſo ſpärlich erleuchtete, wo nur gerade die Dunkelheit ſichtbar wird. Im ganzen Hauſe herrſcht überdieß Tag und Nacht die größte Ruhe und Decenz, und in vielen Hotels hat ſogar jedes geräumige Logis ſeine eigene Treppe, ſo daß man mit niemand Andern in Berührung kömmt. Bei Tiſch gewährt man dem Gaſt eine gleiche Pro - fuſion weißer Tiſchwäſche und glänzend geputzter Be - ſtecke, nebſt einer wohl furnirten plat de menage und einer Eleganz der Anrichtung, die billigerweiſe49 nichts zu wünſchen übrig läßt; die Dienerſchaft iſt ſtets da, wenn man ſie braucht, und drängt ſich doch nicht auf, der Wirth ſelbſt aber erſcheint gewöhnlich beim Anfang des Dinés, um ſich zu erkundigen, ob man mit allem zufrieden ſey, kurz man vermißt in einem guten Gaſthofe hier nichts, was der wohl - habende gereiste Privatmann in ſeinem eignen Hauſe beſitzt, und wird vielleicht noch mit mehr Aufmerk - ſamkeit bedient. Freilich iſt die Rechnung dem an - gemeſſen, und auch die Waiters müſſen ziemlich eben ſo hoch wie eigne Diener bezahlt werden. In den erſten Hotels iſt ein Kellner, für ſeine Perſon allein, mit weniger als zwei Pfund Trinkgeld die Woche durchaus nicht zufrieden. Die Trinkgelder ſind über - haupt in England mehr als irgendwo an der Tages - ordnung, und werden mit ſeltner Unverſchämtheit, ſelbſt in der Kirche eingefordert.

Ich beſuchte heute einige Bazars, die ſeit den letzten Jahren immer mehr überhand nehmen, und den Käufern viel Bequemlichkeit darbieten. Der ſoge - nannte Pferde-Bazar iſt im größten Maßſtabe er - baut, und verſammelt täglich eine ſehr bunte Menge. Er nimmt mehrere weitläuftige Gebäude ein, wo in endloſen langen Gallerien und Sälen zuerſt viele Hunderte von Wagen und Geſchirren aller Art, neue und alte, aber auch die letztern wie neue aufgefriſcht) faſt zu allen Preiſen ausgeſtellt ſind. In andern Zimmern werden Porcellain-Waaren, Putz, Criſtall, Spiegel, Quincaillerie, Spielſachen, ſogar tropiſche Vögel und Schmetterlings-Sammlungen ꝛc. feil ge -Briefe eines Verſtorbenen III. 450boten, bis man endlich in der Mitte des Etabliſſements in die Zimmer eines Kaffeehauſes gelangt, mit einer rund um einen freien Platz laufenden Glas-Gallerie. Hier ſieht man, während man gemächlich (freilich in ſehr gemiſchter Geſellſchaft) frühſtücken kann, eine Menge Pferde vorführen und verauctioniren, die in zahlreichen Ställen daneben ſtehen, wo ſie ſehr gut gewartet werden, und wo auch für eine voraus be - ſtimmte Vergütung, Jeder der verkaufen will, die ſeinigen hinſenden kann. Wenn ein ſolches Pferd vom Auctionator garantirt wird (warranted sound) ſo kann man es ziemlich ſicher kaufen, da die Eigen - thümer der Anſtalt dafür einſtehen müſſen; das Beſte findet man allerdings hier in der Regel nicht, aber gewiß das Wohlfeilſte, und für Manchen hat dies auch ſein Gutes, noch mehr vielleicht die große Be - quemlichkeit, ſich alles Nöthige im Augenblick an dem - ſelben Ort verſchaffen zu können. Dergleichen Bazars gibt es, wie geſagt, ſchon eine Menge, und ſie ſind wohl eine kleine Promenade werth. Ueberdieß macht das bequeme Gehen auf den vortrefflichen Londoner Trottoirs, die bunten fortwährend wechſelnden Bil - der in den Straßen und die vielen reichen Läden, welche die meiſten zieren, die Spaziergänge in der Stadt, beſonders bei Abend, für den Fremden ſehr angenehm.

Außer der glänzenden Gasbeleuchtung find dann vor den vielen Apothekerläden große Glaskugeln von tief rother, blauer und grüner Farbe aufgehangen, deren prachtvolles Licht Meilenweit geſehen wird, und51 oft zum Leitſtern, aber auch zuweilen zum Irrſtern dient, wenn man unglücklicherweiſe eines mit dem andern verwechſelt.

Auch unter den Buden ziehen vor allen diejenigen die Augen auf ſich, worin das ſchöne engliſche Cryſtall verkauft wird. Aechte Diamanten können faſt nicht blendender glänzen, als die weithin ſtrahlenden Samm - lungen einiger dieſer Fabrikanten. Ich ſah dort auch einige Gegenſtände in roſenrothen und anderm far - bigen Glaſe gearbeitet, doch wundert es mich, daß man die Formen noch immer ſo wenig verändert. So ſind die Kronleuchter immer gleich monoton, und doch ſollte ich denken, daß dergleichen, z. B. in Sonnen - geſtalt mit ausgehenden Strahlen, oder als Blumen - bouquets, ſtatt der gewöhnlichen Kronenform, und eben ſo Wandleuchter in bunten Farben, wie Bijour von farbigen Edelſteinen behandelt, bei übereinſtim - mender (vielleicht orientaliſcher) Zimmer-Verzierung, noch bisher ganz ungeſehene und überraſchende Ef - fekte hervorbringen müßten.

In andern Buden ſieht man mit großem Intereſſe alle Inſtrumente neuer Agrikultur und Mechanik, von gigantiſchen Säemaſchinen, und Rodeapparaten zum Ausreißen alter Bäume, bis zur kleinen Garten - ſcheere herab, in weiten Lokalen fertig aufgeſtellt, alles mit einer gewiſſen Zierlichkeit arrangirt, die ſelbſt bei den Fleiſchern, Fiſch - und Kartoffelhändlern noch anzutreffen iſt. Auch die Läden der Eiſen-Meubel und Lampen-Verkäufer