PRIMS Full-text transcription (HTML)
Briefe eines Verſtorbenen.
Vierter Theil.
[I][II]
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[III]
Briefe eines Verſtorbenen.
Ein fragmentariſches Tagebuch aus Deutſchland, Holland und England, geſchrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828.
Vierter Theil.
Stuttgart,1831. Hallberger’ſche, vormals Franckh’ſche Verlagshandlung.
[IV][V]

Inhaltsverzeichniß des vierten Theils.

Fuͤnfzehnter Brief.

Seite 1

Correſpondenz. Das Lord-Mayor-Diné. The flying privy. Nebelgefahren. Freiheit der Preſſe. Beſondere Sitten. Liſton. Der Areopag. Almacks. Schnelles Reiſen. Ein Nachmittag im Parlament. Melodramatiſches. Politiſi - rende Damen. Der weiße Kopf. Glaͤnzende Feſte. Das neue Venusgeſpann. Kutſcherthaten. Ein Diné beim Her - zog von Clarence. Das ſelbſt gemachte Pferd. Gold und Silber. Der Damenbazar. Der Erzbiſchoͤfe Schuͤrze. Alte Muſik. City-Induſtrie. Die aͤchten Religionsariſtokraten. Traumphantaſieen.

Sechszehnter Brief.

Seite 47

Mr. Hopes Kunſtſammlung. Toilettenbeduͤrfniſſe eines Dandy. Damenconferenz. Einladungsſtyl. Pferderennen von As - cot. Die reizende Fee und ihr Landhaus. Der unſterbliche Rouſſeau. Beutelſchneiderei. Ein lebensrettender Backofen. Engliſche Cavallerie. Die Schneiderhuſaren. Baͤlle. Ent - zauberung. Zweitauſend Fruͤhſtuͤcksgaͤſte. Coloſſale Ana - nas. Die Tyroler-Saͤnger. Palais des Herzogs von Nord - humberland. Perſiſche Politik und Fruchtbarkeit. Der Blu - mentiſch. Kinderbaͤlle. Kunſt und Natur. Greenwitch. Die Execution. Hofvergnuͤgen. Kingsbench und Newgate. Der ſeltne Philoſoph. Vauxhall. Die Schlacht von Wa - terloo. Der Phrenolog. Charakteriſtik. Des Herren Naſh Bibliothek. St. Giles. Die Kunſtausſtellung. Pfunde und Thaler. Excerpte. Geplauder. Der Tunnel. Gute Parodie des Freiſchuͤtzen. Haymarket-Theater. Hetaͤren. Bethlem. Der letzte Stuart. Der omineuſe Leichenzug. Barclays Brauerei. Weſtindiadocks. Ergoͤtzliche Prellerei. Der Nachtritt. Ein Harpagon aus Ispahan. Der ſich koͤpfende Bauer. Neues Organ. Miß Lindwood. Cannings Tod. Vivian Grey. Reſpekt vor dem Publikum. Zeitungsartikel.

VI

Siebenzehnter Brief.

Seite 136

Kleine Tour in der Taucherglocke. Privatfeuersbrunſt. Die falſche Seejungfer. Der kluge Orang Outang. Seltſame Verwundung. Das lebende Skelett. Herr von S und ſeine Avantuͤren. Salthill. Stokepark. Dropmore. Das Schloß zu Windſor. Eaton. St. Leonhards-Hill. Ver - ſtohlne Fahrt in Virginiawater. Die Giraffe. Lord H …s Furcht vor dem Koͤnig. Ueber Lord Byron. Die ſeltſame Bettnachbarſchaft einer alten Dame. Die Capelle. Hieſi - ges Militaͤr. Eine Anekdote uͤber Canning. Eghams Pferderennen. Zwergbaͤume. Maͤdchenpromenade. Avan - tuͤre bei Mondſchein.

Achtzehnter Brief.

Seite 163

Wie ein Park ſeyn ſoll. Annehmlichkeiten der Freundſchaft. Hatfield und Burleighhouſe. Dunkaſters Pferderennen. Staat auf dem Lande. Frau von Maintenon. Unnuͤtze Ta - lente. Der Dom zu York. Promenade in der Stadt. Das Skelett der Roͤmerin. Cliffords Thurm. Die Grafſchafts - Gefaͤngniſſe. Diebsgarderobe. Thurmbeſteigung. Das Rath - haus und mehrerer Lord-Mayors Wappen. Sitz des Erz - biſchofs. Seine Kuͤchengaͤrten. Merkwuͤrdige Diſtraktion. Schloß Howard. Gemalte Memoiren. Schlechtes Clima. Die alten Frauen. Der Sand von Scarborough. Die Fel - ſenbruͤcke. Leuchtthurm auf Flamboroughhead.

Neunzehnter Brief.

Seite 202

Whitby. Was an einem Herzoge merkwuͤrdig iſt. Die Ruine. Das Muſeum. Alaunbergwerke. Lord Mulgrave’s Schloß und Park. Fountains Abbey. Sieben alte Jungfern, doch nicht in Uniform. Die Catakomben zu Ripon. Das Bad zu Harrowgate. Der Welt Ende. Der alte General. Harewoodpark. Jagdhunde. Hoͤlzerne Vorhaͤnge. Leeds. Der Kaffeemahlende Tuͤrke. Tuchfabriken. Templenew - ſome. Diſſapointment. Wentworthhouſe. Sheffield, die Meſſer - und Scheerenſtadt. Wilde Thiere. Lord Middle -VII ton’s Schloß. St. Albans-Abtei. Des Herzogs von Bed - ford Beinknochen aus Shileila. Ruͤckkehr nach London.

Zwanzigſter Brief.

Seite 236

Excurſion nach Brighton. Arundel caſtle. Petworthhouſe. Ei - nige Portraits. Hotſpurs Schwerdt. Der alte Whalebone. Die gluͤckliche Herzogin. Die im October Gebornen. Don Juans weitere Schickſale in der Hoͤlle. Der Roman aus dem Jahr 2200. Vorſichtsregel. Politiſche Kannengießerei. Li - cenzen der engliſchen Schauſpieler. Young als Percy. Verſtaͤndiges Zuſammenſpiel. Heutige Wunder. Haͤusli - cher Ball. Ueber Macbeth. Marcready’s Darſtellung des - ſelben. Nerveuſe Kranke. Straßenmyſtificateurs. Ange - nehme Nachtpromenaden. Beſuch auf dem Lande. Naͤ - heres uͤber Hatfield. Perſiſche Koſtbarkeiten. Tuͤrkiſches Panſanger.

Ein und zwanzigſter Brief.

Seite 280

Billy der Rattenvertilger. Thierſchauſpiel. Der neueſte Ros - cius. Erbſuͤnde. Oeſterreichiſche Philoſophie. Die Farben der Tage. Freitag, ein gefaͤhrlicher. Don Miguel. Un - angenehme Chriſtbeſcheerung. Portugieſiſche Etikette. Laͤ - cherlicher Vorfall im Theater. Feſte zu Ehren des In - fanten. Der liebenswuͤrdige Adjutant. Anecdote von Sir W. Scott. Nachtheil der Sandlaͤnder. Das Indiahouſe. Tippo Sayb. Zeitvertreib. Shawls. Fahrt im Dampfwagen. Ditto in einem andern mit Drachen beſpannt. Die ro - mantiſche Fuchsjagd. Der famoͤſe geiſtliche Fuchsjaͤger. Krankheit. Empfehlung des Blotting Pappers. Der Le - bensatlas. Vortheile des Aufgeblaſenwerdens. Inſtruction. Reconvalescenz.

Zwei und zwanzigſter Brief.

Seite 320

Der reiche Telluſon. Der Dandy in Amerika. Engliſche Ju - ſtiz. A Chancery suit. Auch die Taſchenſpieler werden dramatiſch. Das Theater Braunſchweig faͤllt ein. HerrnVIII Carr’s Gemaͤldeſammlung. Genrebilder des Generals Lejeune. Der Hofmann. Mina, Arguelles und Valdez. Etwas uͤber die Darſtellung und Ueberſetzung Shakes - peares. Kean, Young und Kemble im Othello.

Drei und zwanzigſter Brief.

Seite 344

Ariſtokraten und Liberale in einer Perſon. Dreifache Feſte. Merkwuͤrdige Erzaͤhlung des Herrn H Naturgeſchicht - liches. Des Koͤnigs Lever. Die Menagerie im Regents - Park. Der Marſchall Beresford. Laͤndliches Mahl in H. Lodge. R. Park. Der Patentwitzbold. Unbequeme Gewohnheiten. Sir Walter Scott. Sein Ausſehen und Geſpraͤch. Ein reizendes Maͤdchen. Schneider, Fleiſcher und Fiſchhaͤndler. Crochford. Fruͤhjahrsfeier. Laͤndliche Freuden. Muſikindigeſtion. Strawberryhill, der ehema - lige Sitz des Horace Walpole. Es gibt Deutſchthuͤm - ler in England. Gefahr des zu vielen Weintrinkens. Epſom’s Pferderennen. Soirée beim Koͤnige. Hiſtoriſche Gallerie. Bilder in Waſſerfarben. Das kleine Para - dies. Der Aſt aus Birnam’s Wald. Bonneau der Zweite. Der Stockkaͤfer. Der Kaiſerin Joſephine Wahrſagebuch. Vorſtellung bei der Herzogin von Meiningen. Der Tau - benclub. Das nautiſche Theater. Der Ungluͤckliche. Die gut Conſervirte. Noch ein déjeuné champėtre. Die beiden Marſchaͤlle.

Vier und zwanzigſter Brief.

Seite 382

Ein rout par excellence. Beſuch in Cobham. Mr. Child’s Rede. Rocheſter’s Schloß. Das natuͤrlichſte Kameel. Die Waſſerfahrt. Ruͤckkehr nach London. Die Gewerbs - ausſtellung. Der Nurſerygarden. Apperçu uͤber die eng - liſche Geſellſchaft im Allgemeinen. Einige Details. Die Nichte Napoleons.

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Fuͤnfzehnter Brief.

Liebſte Freundin!

Endlich iſt der langerſehnte Brief erſchienen, und ſogar zwei auf einmal. Warum ſie ſo lange un - terwegs geblieben? Quien sabbe! wie die Süd - amerikaner ſagen. Wahrſcheinlich iſt der offizielle Leſer faul geweſen, und hat ſie zu lange liegen laſſen, ehe er ſie künſtlich wieder zugeſiegelt hat.

Aber wie zart und lieblich, theure Julie, iſt Dein Gedicht ein ganz neues Talent, das ich an Dir entdecke. Ja gebe Gott doch, daß alle Deine Thrä - nen zu Blumen werden, uns zu ſchmücken und uns durch ihren Duft zu erfreuen, und daß dieſe ſchöne, liebevolle Prophezeihung bald in Erfüllung gehe! Doch ſind ſelbſt die ſchönſten Blumen ſo zu theuer für mich erkauft. Deine Thränen wenigſtens ſollen nicht darum fließen!

Briefe eines Verſtorbenen. IV. 12

Was Du von H. ſagſt: qu’il se sent misérable, parcequ’il n’est fier que par orgeuil, et liberal que par bassesse, iſt ſchlagend, und es wird leider auf gar zu viele Liberale paſſen!

Ich ſchrieb Dir in der bewußten Angelegenheit, Du möchteſt dabei nur an Dich ſelbſt denken, und Du erwiederſt: Ich wäre ja Dein Selbſt. Du Gute! ja ein Selbſt werden wir bleiben, wo wir auch ſind, und hätten die Menſchen Schutzgeiſter, die unſern müßten gemeinſchaftlich wirken aber es gibt hier wohl keinen andern Schutzgeiſt, als die moraliſche Kraft, welche in uns ſelbſt liegt!

Und in M.. ſieht es ſo traurig aus? Es ſtürmt, ſchreibſt Du, und die Gewäſſer drohen Verderben! Doch ſeitdem ſind 14 Tage verfloſſen, und ehe dieſer Brief bei Dir ankömmt, ſchon 4 Wochen ich darf alſo hoffen, Du lieſeſt ihn im Grünen, wo Alles um Dich blüht und der Zephyr fächelt, ſtatt dem Heulen des häßlichen Sturms. Ich ſagte meinem alten B.. dt: in M. wären abſcheuliche Stürme. Ja, ja, erwiederte er, das ſind die von Brighton. Wenn Du das gewußt hätteſt, liebe Julie, ſo wären ſie Dir gewiß angenehmer vorgekommen; ſie brachten Dir ja die jüngſten Nachrichten von Deinem Freunde. Wer doch mit ihnen ſegeln könnte!

Unſerm verehrten Premier bitte ich, meinen innig - ſten Dank zu Füßen zu legen. Wären doch alle unſers Standes ihm gleich, wie viel populairer würde dieſer ſeyn, wären doch alle Miniſter überall ſo edel3 und gerecht, wie viel weniger Unzufriedenheit würde in allen Ländern herrſchen, und wäre er ſelbſt doch noch freier und unabhängiger von ſo manchen Ge - wichten, die ſchwer danieder ziehen, wo Aufſchwung nöthig iſt.

Hier iſt Alles beim Alten und eine prächtige Fete bei Lord H… beſchloß an dieſem Abend die Luſt - barkeiten vor Oſtern. Die meiſten Weltleute machen jetzt von Neuem einen kurzen Aufenthalt auf dem Lande, und beginnen dann erſt in 14 Tagen die eigentliche Seaſon. Auch ich werde wieder auf einige Tage nach Brighton gehen, will aber vorher noch das große Lord Mayor diné abwarten.

Heute fand dieſes in Guildhall ſtatt, und nach glücklich überſtandner Mühſeligkeit, freut es mich ſehr, ihm beigewohnt zu haben.

Es dauerte volle 6 Stunden, und wurde 600 Per - ſonen gegeben. Die Tafeln waren ſämmtlich, der Länge des Saales nach, neben einander parallel lau - ſend geſtellt, bis auf eine, welche quer vor auf einer erhöhten Eſtrade ſtand. An dieſer ſaßen die Vor - nehmſten und der Lord Mayor ſelbſt. Der Coup d’ocuil von hier war impoſant, auf den ungeheuern Saal und ſeine rund um laufenden hohen Säulen, mit den unabſehbaren Tiſchen und coloſſalen Spie -1*4geln hinter ihnen, die ſie bis ins Unendliche zu ver - längern ſchienen. Die Erleuchtung machte Nacht zu Tag, und zwei Muſikchöre in der Höhe, auf einem Balkon am Ende des Saals uns gegenüber, ſpielten während den Geſundheiten, denen immer ein Tuſch voranging, allerlei Nationelles. Der Lord Mayor hielt, wohlgezählt, 26 längere und kürzere Reden. Auch einer der fremden Diplomaten wagte ſich an eine ſolche, aber mit ſehr ſchlechtem Erfolg, und ohne die Gutmüthigkeit des Auditoriums, das jedes - mal, wenn er nicht weiter konnte, ſo lange hear hear ſchrie, bis er ſich wieder geſammelt, wäre er förm - lich ſtecken geblieben.

Bei jeder Geſundheit, die der Lord Mayor aus - brachte, rief ein mit ſilbernen Ketten behangener Ce - remonienmeiſter hinter ſeinem Stuhle: Mylords and Gentlemen, fill Your glasses! Die Lady Mayoreß und alle ihre Damen erſchienen übrigens in abſcheu - lichen Toiletten, und mit entſprechenden Tournüren. Mir war der Platz neben einer Amerikanerin, der Niece eines frühern Präſidenten der vereinigten Staaten, wie ſie mir ſagte, aber ich erinnere mich nicht mehr, von welchem, angewieſen. Es iſt zu vermuthen, daß weder ihr rothes Haar, noch ihr Albinos teint bei ihren Landsmänninnen häufig vor - kömmt, ſonſt würde das ſchöne Geſchlecht daſelbſt nicht ſo ſehr gerühmt werden. Ihre Unterhaltung war aber recht geiſtreich, manchmal faſt mit der Laune Washington Irwings.

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Um 12 Uhr begann der Ball, welcher ſehr originell ſeyn ſoll, da Creti und Pleti darauf erſcheint[,]ich war aber von dem ſechsſtündigen Diné, in voller Uniform ſo ermüdet, daß ich ſchnell meinen Wagen aufſuchte, und mich zu Hauſe begab, um einmal we - nigſtens vor Mitternacht zu Bett zu kommen.

Dieſen Morgen laſen wir ſchon die geſtern er - wähnte Rede des Diplomaten in den Zeitungen, NB. ſo wie ſie hatte gehalten werden ſollen, aber nicht wie ſie gehalten worden war, und dergleichen kömmt wohl nicht ſelten vor.

Gleich nach dem Frühſtück fuhr ich mit Graf D.., einem ſehr luſtigen Dänen, hierher, und brachte den Abend bei Lady K… zu, wo ich noch viele der frühern Badegäſte antraf, auch Lady G. , deren Du Dich aus Paris erinnerſt, wo der Herzog von Wellington ihr Anbeter war.

Apropos von dieſem, lieſt Du die Zeitungen? In der politiſchen Welt iſt hier eine gewaltige Kriſe ein - getreten. Durch die Ernennung Cannings zum Premier haben ſich die andern Miniſter ſo beleidigt gefühlt, daß, mit Ausnahme von Dreien, die übri - gen Sieben den Abſchied genommen haben, obgleich welche darunter ſind, die, wenn ihre Parthei nicht noch ſiegt, den Staatsgehalt ſchwer entbehren können,6 wie z. B. Lord Melville. Der Herzog von Welling - ton verliert auch ſehr bedeutend dabei, und Er, der Alles war, iſt, wie ſich ein miniſterielles Journal, mit der gewöhnlichen Uebertreibung des hieſigen Partheigeiſtes heute ausdrückt nun politiſch todt. Es hat aber doch etwas Großartiges, ſo ſeiner Mei - nung alle perſönlichen Rückſichten aufzuopfern. Die Carrikaturen regnen auf die Geſchlagnen herab, und ſind mitunter recht witzig, beſonders wird dem nicht ſehr geliebten, alten Großkanzler Lord Eldon, übel mitgeſpielt, ſo wie dem Grafen W. ...... einem ſonderbaren alten Manne, der einen ungeheuren ari - ſtokratiſchen Stolz beſitzt, wie eine Mumie ausſieht, und ohngeachtet ſeiner 80 Jahre, täglich auf einem Hartdraber zu ſehen iſt, wie er durch St. James Park mit der Schnelligkeit eines Vogels hindurch - fliegt. Dieſen Moment hat man auch für die Carri - katur gewählt, mit der boshaften Unterſchrift: The flying privy. Er hatte nämlich früher das privy seal, welches nebſt den übrigen Inſignien aus der Luft auf das ſich mit allen Zeichen des Abſcheus wegwendende Publikum niederfällt denn die zweite Bedeutung des Worts läßt ſich leicht errathen.

Heute habe ich die Erfahrung gemacht, wie ge - fährlich die hieſigen Nebel werden können, was ich7 früher kaum glauben wollte, da ſie in London ge - wöhnlich nur zu komiſchen Scenen Anlaß zu geben pflegen.

Ein Bekannter hatte mir eins ſeiner Jagdpferde geborgt, da die meinigen in London geblieben ſind, und ich nahm mir vor, meine Direktion diesmal nach einer mir noch unbekannten Seite der Dünen zu nehmen, die man die Teufelsſchlucht nennt, war auch ſchon mehrere Meilen durch Berg und Thal über den glatten Raſen fortgeritten, als plötzlich die Luft ſich zu verfinſtern anfing, und in wenigen Mi - nuten ich nicht mehr 10 Schritt weit vor mir ſehen konnte. Dabei blieb es auch, und war fortan an keine Aufhellung des Wetters mehr zu denken. So verging wohl eine Stunde, während ich bald dort, bald dahin ritt, um einen gebahnten Weg aufzufin - den. Meine leichte Kleidung war ſchon durchnäßt, die Luft eiskalt geworden, und hätte mich die Nacht übereilt, ſo war die Perſpective eine der unangenehm - ſten. In dieſer Noth, und ganz unbekannt mit der Gegend, fiel es mir glücklicherweiſe ein, meinem al - ten Pferde, das ſo oft hier den Fuchsjagden beige - wohnt, völlig freien Willen zu laſſen. Nach wenig Schritten, und ſobald es ſich frei fühlte, drehte es auch ſogleich in einer kurzen Volte um, und ſetzte ſich in einen ziemlich animirten Gallop, den Berg, wo ich mich eben befand, grade herunter laufend. Ich nahm mich wohl in Acht, es nicht mehr zu ſtö - ren, ohngeachtet der halben Dunkelheit um mich her, ſelbſt als es durch ein Feld hohen ſtachlichten Ginſters8 in fortwährenden Sätzen, wie ein Haſe, brach. Ei - nige unbedeutende Gräben und niedrige Hecken hiel - ten es natürlich noch weniger auf, und nach einer ſtarken halben Stunde angeſtrengten Laufens brachte mich das gute Thier glücklich an die Thore Brigh - tons, aber von einer ganz andern Seite, als von welcher ich ausgeritten war. Ich fühlte mich ſehr froh, ſo wohlfeilen Kaufs davon gekommen zu ſeyn, und nahm mir ernſtlich vor, in dieſem Nebellande künftig vorſichtiger zu ſeyn.

Meine Abende bringe ich jetzt gewöhnlich bei Lady K.. oder Mrß. F… zu, und ſpiele Ecarté und Whiſt mit den Herren, oder Loo mit den jungen Damen. Dieſe kleinen Kreiſe ſind weit angenehmer als die großen Geſellſchaften der Metropolis. Denn dort verſteht man Alles, nur eben die Geſel - ligkeit nicht. So werden Künſtler dort auch blos als Modeſache vorgeführt und bezahlt; mit ih - nen zu leben, Genuß aus ihrer Unterhaltung zu ziehen, das kennt man nicht. Alle wahre Bildung iſt meiſtens nur politiſcher Natur, und der politiſche Parthei-wie der modiſche Kaſtengeiſt gehen auch auf die Geſellſchaft mit über. Es entſteht daraus eben - ſowohl ein allgemeines Decouſu, als eine ſtrenge Abſcheidung der einzelnen Elemente, welches, verbun - den mit dem an ſich ſchon höchſt unſocialen Weſen der Engländer, den Aufenthalt für den Fremden auf die Dauer unangenehm machen muß, wenn er ſich nicht die intimſten Familienkreiſe öffnen, oder ſelbſt ein lebhaftes politiſches Intereſſe annehmen kann.

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Am glücklichſten und achtungswürdigſten iſt in dieſer Hinſicht ohne Zweifel die wohlhabende mittlere Claſſe in England, deren active Po - litik ſich nur auf das Gedeihen ihrer Provinz be - ſchränkt, und unter der überhaupt ziemlich gleiche Anſichten und Grundſätze herrſchen. Dieſe unmo - diſche Claſſe allein iſt auch wahrhaft gaſtfrei und kennt keinen Dünkel. Sie recherchirt den Fremden nicht, aber kömmt er in ihren Weg, ſo behandelt ſie ihn freundlich und mit Theilnahme. Ihr eignes Va - terland liebt ſie leidenſchaftlich, aber ohne zu perſön - liches Intereſſe, ohne Hoffnung auf Sinecuren, und ohne Intrigue. Dieſe Art Leute ſind zwar auch manchmal lächerlich, aber immer achtungswerth, und ihr National-Egoismus in billigere Schranken ge - bannt.

Wie ehemals in Frankreich kann man daher mit vollkommenem Rechte auch in England ſagen: que les deux bouts du fruit sont gatés, die Ariſtokratie und der Pöbel. Die erſte hat allerdings eine be - wunderungswürdig herrliche Stellung aber ohne große Mäßigung, ohne große, der Vernunft und der Zeit gebrachte Conceſſionen, wird ſie dieſe Stellung vielleicht kein halbes Jahrhundert mehr inne haben. Ich ſagte dies einmal dem Für - ſten E…, und er lachte mich aus, mais nous verrons!

Schlüßlich excerpire ich Dir noch einige Stellen aus den hieſigen Journalen, um Dir einen Begriff von der Freiheit der Preſſe zu geben.

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  • 1) Jedes Schiff in England ſollte ſeine Freuden - fahnen aufſtecken, denn Lord Melville war ein Incubus, auf den Dienſt drückend. Verdienſt - volle Offiziere mögen nun eine Chance finden, unter Lord Melville hatten ſie keine.
  • 2) Wir hören aus guter Quelle, daß der große Capitaine (Lord Wellington) ſich außerordentliche Mühe gibt, wieder in das Cabinet zu dringen, jedoch vergebens. Dieſes verzogne Kind des Glücks hätte ſich nicht einbilden ſollen, daß ſein Austritt einen Augenblick das Gouver - nement in Verlegenheit ſetzen könnte. Wir glauben übrigens, daß er nicht der einzige Ex - Miniſter iſt, der bereits ſeine Thorheit und Arroganz bitter bereut.
  • 3) Das Miniſter-Septemvirat (ſieben ſind, wie geſagt, ausgeſchieden), welches erhöhte Statio - nen erzwingen wollte, iſt Herrn Humes neuem Penalty-Geſetz viel Dank ſchuldig; denn nach dem alten Geſetz wurden Bediente, die höheres Gehalt von ihren Herrſchaften extorquiren woll - ten, mit Recht in die Tretmühle geſchickt.
  • 4) Man verſichert, ein großer Septemviratiſt (Lord Wellington) habe ſich erboten, in den Dienſt zurückzukehren, jedoch nur unter der Bedingung, das man ihn zum dirigirenden Miniſter, zum Groß-Connetable, und zum Erz - Biſchof von Canterbury mache.
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Unſre Miniſter würden ſich nicht wenig wundern, wenn eine der löſchpapiernen Zeitungen ſo mit ihnen umſpränge.

Morgen begebe ich mich nach der Stadt zurück, denn wie einſt die Römer Rom, nennen auch die Engländer London nur die Stadt.

Ich kam grade noch zur rechten Zeit an, um einem großen Diné beim neuen Premier beizuwohnen, zu dem ich die Einladung ſchon in Brighton erhalten.

Dieſer ausgezeichnete Mann macht die Honneurs ſeines Hauſes eben ſo angenehm, als er die Herzen ſeiner Zuhörer im Parlament hinzureißen weiß. Schöngeiſt und Staatsmann tour à tour, fehlt ihm nichts als eine beſſere Geſundheit, denn er ſchien mir ſehr leidend. Miſtriß Canning iſt ebenfalls eine geiſtreiche Frau. Man behauptet, daß ſie das De - partement der Zeitungen im Hauſe habe, d. h. dieſe leſen müſſe, um ihrem Manne die nöthigen Auszüge daraus mitzutheilen, und auch ſelbſt manchmal einen Partheiartikel darin zu ſchreiben nicht verſchmähe.

Ein Concert bei Gräfin A. war ſehr beſucht. Galli und Madame Paſta, die vor Kurzem angekom - men ſind, und die Oper ſehr heben werden, ſangen darin. Die Zimmer waren gepfropft voll, und meh - rere junge Herren lagen auf dem Teppich zu den12 Füßen ihrer Damen, den Kopf bequem an die So - phakiſſen gelehnt, die den Schönen zum Sitze dien - ten. Dieſe türkiſche Mode iſt wirklich recht bequem, und es wundert mich ungemein, daß ſie C. in Ber - lin noch nicht eingeführt, und ſich einmal bei Hof zu den Füßen einer der Hofdamen hingelagert hat. Man würde vom engliſchen Geſandten dies gewiß ſehr charmant wie die Berliner ſagen, gefunden haben.

Nach langer Zeit beſuchte ich heute wieder das Theater. Ich traf es glücklich, denn Liſton ſpielte zum Kranklachen in einer kleinen Farce, die zur Zeit Ludwig XV. in Paris vorgeht. Ein reicher engliſcher Kaufmann, den der Spleen quält, reiſt nach jener Stadt, um ſich zu zerſtreuen. Kaum iſt er im Gaſt - hofe einige Tage etablirt, als man ihm den Beſuch des Polizeiminiſters meldet, der (ſehr gut im Co - ſtume der Zeit gehalten) ſofort eintritt, und dem er - ſtaunten Cytiſen eröffnet, wie man einer berüchtig - ten Spitzbubenbande auf der Spur ſey, welche dieſe Nacht noch hier einbrechen wolle, um ihn, bei dem man viel Geld vermuthe, zu berauben und zu er - morden. Alles hänge nun von ſeinem Benehmen ab, fügt der Miniſter hinzu, wenn er ſich das Ge - ringſte merken laſſe, weniger heiter ſcheine als ſonſt,13 oder irgend etwas beſonders thue, was Beſorgniß verrathe, und dadurch vielleicht die Unternehmung der Räuber beſchleunige, ſo könne man ihm für nichts ſtehen, und ſein Leben ſey in der höchſten Gefahr, denn noch wiſſe man ſelbſt nicht, ob die Hausleute mit im Complott wären. Er müſſe ſich daher auch wie gewöhnlich um 10 Uhr zu Bett legen, und es darauf ankommen laſſen, was dann geſchähe.

Mr. Jackſon, mehr todt als lebendig über dieſe Nachricht, will ſogleich das Haus verlaſſen, der Mi - niſter erwiedert aber ernſt, daß dies durchaus nicht zugelaſſen werden, ihm auch nichts helfen könne, da die Räuber bald ſeine neue Wohnung auffinden, und er dann um ſo ſichrer ihre Beute werden müſſe. Beruhigen Sie ſich, ſchließt Herr v. Sartines, es wird Alles gut gehen, wenn Sie nur gute Conte - nance halten.

Du ſtellſt Dir leicht vor, zu welchen lächerlichen Scenen die ſchreckliche Angſt des alten Kaufmanns, die er fortwährend unter Luſtigkeit zu verbergen ſu - chen muß, Anlaß gibt. Sein Bedienter, ein ächter Engländer, immer durſtig, findet unterdeſſen in ei - nem Schrank Wein, den er gierig austrinkt. Es iſt aber Brechweinſtein, und er bekömmt in wenig Mi - nuten die heftigſten Uebelkeiten, wodurch ſein Herr ſich nun überzeugt, daß, anſtatt ihn zu erſtechen oder zu erſchießen, man den Plan gemacht habe, ihn zu vergiften. In dieſem Augenblick erſcheint die Wir - thin mit der Chocolade. Außer ſich ſaßt ſie Liſton14 bei der Gurgel, und zwingt ſie die Taſſe ſelbſt aus - zutrinken, welches dieſe, obgleich in großer Verwun - derung über die ſeltſamen Sitten der Engländer, ſich doch zuletzt ganz gern gefallen läßt. Das ſtumme Spiel Liſtons dabei und wie er, ſeines Verſprechens ſich plötzlich erinnernd, nachher, krampfhaft lachend, bloßen Spaß daraus machen will, iſt höchſt drollig. Endlich kömmt 10 Uhr heran, und nach vielen bur - lesken Zwiſchenſcenen legt Herr Jackſon ſich, mit Degen und Piſtolen, und in ſeinen Sammthoſen ins Bett, deſſen Vorhänge er dicht zuzieht. Unglücklicher - weiſe hat die Tochter vom Hauſe eine Liebſchaft, und bevor noch der Fremde das Logis bezogen, ih - rem Liebhaber bereits in demſelben Zimmer ein Ren - dezvous gegeben. Um die Entdeckung zu vermeiden, kömmt ſie jetzt leiſe hereingeſchlichen, löſcht das Licht behutſam aus, und geht ans Fenſter, in welches ihr Amant ſchon hereinſteigt. So wie dieſer in die Mitte des Zimmers ſpringt und zu ſprechen anfängt, hört man ſeltſame Angſttöne im Bette, und eine Piſtole fällt mit Gepraſſel heraus, bald nachher die andere, der Vorhang thut ſich auf, Liſton verſucht einen ſchwachen Stoß mit dem Degen, der aber ſeiner zit - ternden Hand ebenfalls entfällt, worauf er ſich eben - falls herausſtürzt und in ſeinem abentheuerlichen Coſtüme vor dem eben ſo erſchrockenen Mädchen auf die Kniee fällt, und herzbrechend um ſein Leben fleht, während ſich der Liebhaber ſchleunig hinter dem Bette verſteckt. Da öffnen ſich die Thüren, und der Polizeiminiſter tritt mit Fackeln ein, um dem zit -15 ternden Jackſon anzukündigen, daß die Bande gefan - gen ſey, aber, fügt er, die Gruppe vor ſich betrach - tend, lächelnd hinzu: Ich mache Ihnen mein Com - pliment, daß Sie, wie ich ſehe, Ihre Zeit auf eine ſo gute Art anzuwenden gewußt haben.

Einen recht wunderlichen Ort habe ich heute früh beſucht, eine Kirche, der Areopag genannt, wo ein Geiſtlicher, the Reverent Mr. Taylor, gegen das Chriſtenthum predigt, und Jedem erlaubt, öffentlich zu opponiren. Er hat von den engliſch-chriſtlichen Kirchen nur das beibehalten, daß man auch hier für ſeinen Platz einen Schilling bezahlen muß. Hr. Tay - lor iſt gelehrt, und kein übler Redner, aber ein eben ſo leidenſchaftlicher Schwärmer für die Zerſtörung der chriſtlichen Religion, als es ſo viele Andere für ihre Begründung gegeben hat. Er ſagte außerordentlich ſtarke, zuweilen wahre, oft ſchiefe, manchmal witzige und auch ganz unanſtändige Dinge. Der Saal war übrigens gedrängt voll von Zuhörern aus allen Stän - den. Hier, wo die Nation auf einer ſo geringen Stufe religieuſer Bildung ſteht, begreift man wohl, daß ein ſolcher negativer Apoſtel viel Zulauf haben kann. Bei uns, wo man auf dem vernunſtgemäßen Wege allmähliger Reform ſchon weit fortgeſchritten iſt, würde ein Unternehmen dieſer Art die Einen mit heiligem Abſcheu erfüllen, den Andern nicht16 nützen, und Alle mit Recht ſchokiren, die Polizei es aber ohnedem unmöglich machen.

Der erſte Almacks-Ball fand dieſen Abend ſtatt, und nach Allem, was ich von dieſer berühmten Re - union gehört, war ich in der That begierig, ſie zu ſehen, aber nie ward meine Erwartung mehr ge - täuſcht. Es war nicht viel beſſer wie in Brighton. Ein großer, leerer Saal mit ſchlechten Dielen, Stricke darum her, wie in einem arabiſchen Lager der Platz für die Pferde abgepfergt iſt, ein paar kleine nackte Nebenſtuben, in denen die elendeſten Erfriſchungen gereicht werden, und eine Geſellſchaft, wo, ohngeach - tet der großen Schwierigkeit, Entreebillets zu erhal - ten, doch recht viel Nobodys ſich eingeſchwärzt hatten, und die ſchlechten Tournüren und Toiletten vorherr - ſchend waren, das war Alles, mit einem Wort, ein völlig wirthshausmäßiges Feſt, höchſtens nur Muſik und Beleuchtung gut und dennoch iſt Almacks der höchſte Culminationspunkt der engliſchen Modewelt.

Dieſe übertriebene Einfachheit war indeß in ihrem Urſprung abſichtlich, indem man grade der Pracht der reichen parvenûs etwas ganz Wohlfeiles entge - genſetzen und es demohngeachtet, durch die Einrich - tung der Lady Patroneſſes, ohne deren Genehmigung Niemand Theil daran nehmen konnte, inacceſſibel für ſie machen wollte. Das Geld und die ſchlechte Ge - ſellſchaft (im Sinne der Ariſtokraten) hat ſich aber dennoch Bahn hereingebrochen, und als einzig Cha - rakteriſtiſches iſt blos das unpaſſende Aeußere geblie -17 ben, welches nicht übel dem Lokal eines Schützen - balles in unſern großen Städten gleicht, und mit dem übrigen engliſchen Prunk und Luxus ſo lächer - lich kontraſtirt.

Bei Eſt fand ich geſtern Morgen den Fürſten S ......, der erſt vor wenigen Monaten, von der Krönung in Moskau kommend, hierdurch nach Bra - ſilien gegangen war, und jetzt bereits von dort zu - rück kam. Wie ſchnell man doch in unſern Zeiten die größten Reiſen mit Leichtigkeit zurücklegt! Von allem, was er geſehen, gab er, für Naturſchönheiten, der Inſel Madeira den Vorzug. Er hatte von da kaum 8 Tage bis London gebraucht, was mir große Luſt macht, die Excurſion auch zu verſuchen, ſobald die Seaſon vorüber iſt.

Von 4 Uhr Nachmittags bis 10 Uhr Abends ſaß ich im Hauſe der Gemeinen, gedrängt, in fürchter - licher Hitze, höchſt unbequem, und dennoch mit ſo angeſpannter Aufmerkſamkeit, ſo hingeriſſen, daß die 6 Stunden mir wie ein Augenblick vergingen.

Es iſt in der That etwas Großes um eine ſolche Landesrepräſentation! Dieſe Einfachheit in der Er - ſcheinung, dieſe Würde und Erfahrung, dieſe unge - heure Macht nach Außen, und dieſes prunkloſe Fa - milienverhältniß im Innern.

Briefe eines Verſtorbenen IV. 218

Die heutige Debatte war überdies vom höchſten Intereſſe. Das vorige Miniſterium hat, wie Du weißt, größtentheils reſignirt, unter ihnen die wich - tigſten Männer Englands, ja ſelbſt der (nach Na - poleons und Blüchers Tode) berühmteſte Feldherr Europa’s. Canning, der Vorfechter der liberalen Parthei, hat dieſes Miniſterium beſiegt, und iſt trotz aller ihrer Anſtrengungen der Chef des neuen ge - worden, deſſen Zuſammenſetzung ihm, wie es in Eng - land in ſolchem Falle üblich iſt, allein überlaſſen wurde. Aber die ganze Gewalt der entrüſteten Ul - tra-Ariſtokratie und ihres Anhangs drückt noch im - mer ſchwer auf ihn, ja ſelbſt einer ſeiner bedeutend - ſten Freunde, ein Commoner dazu wie er, iſt gleich - falls einer der ausſcheidenden Miniſter, und ſchließt ſich der ihm feindlichen Parthei an. Dieſer (Mr. Peel) eröffnete heute den Kampf, in einer langen und geſchickten, ſich jedoch zu oft wiederholenden Rede. Es würde mich viel zu weit führen, und ganz über die Gränzen einer Correſpondenz wie die unſrige hinausgehen, wenn ich mich in das Detail der grade jetzt vorliegenden politiſchen Fragen einlaſſen wollte, meine Abſicht iſt nur, Dir die Taktik anzudeuten, mit der auf der einen Seite gleich vom Anfang an der Gewandteſte der neuen Oppoſition angriff, und dann erſt noch mehrere gemeinere Streiter derſelben losgelaſſen wurden, die regellos bald da bald dort anpackten; dagegen die alte Oppoſition der Whigs, die jetzt das liberale Miniſterium aus allen Kräften unterſtützt, umgekehrt und zweckmäßiger mit dem19 kleinen Gewehrfeuer anfing, und nachher erſt, als ſchwe - res Geſchütz, einen ihrer Hauptkämpfer, Brougham, ſich erheben ließ, welcher in einer herrlichen Rede, die wie ein klarer Strom dahin ſtrömte, ſeine Geg - ner zu entwaffnen ſuchte, ſie bald mit Sarkasmen peinigte, bald einen höheren Schwung nehmend, alle Zuhörer tief ergriff und überzeugte. Z. B. wenn er ſagte: Nicht um Plätze zu erlangen, nicht um Reich - thümer zu erwerben, ja nicht einmal um den Catho - liken unſres Landes ihr natürliches und menſchliches Recht wiedergegeben zu ſehen, eine Wohlthat, um die ich ſeit 25 Jahren Gott und die Nation verge - bens anrufe, nicht für alles dieſes habe ich mich dem neuen Miniſterium angeſchloſſen, nein, ſondern nur, weil, wohin ich mein Auge wende, nach Europa’s civiliſirten Staaten, oder nach Amerika’s ungeheurem Continent, nach dem Orient oder Occident, ich überall die Morgenröthe der Freiheit tagen ſehe, ja, ihr allein habe ich mich angeſchloſſen, indem ich dem Manne folge, der ihr Vorfechter zu ſeyn, eben ſo würdig als willig iſt!

Hier ſchloß der Redner, nachdem er noch die feier - liche Erklärung abgegeben, daß er um ſo unparthei - iſcher hierin ſey, und ſeyn könne, da er nie, und un - ter keiner Bedingung je in ein Miniſterium dieſes Reichs treten werde*)Man ſieht jetzt, daß dies nur eine Redensart war. A. d. H. .

2*20

Schon früher hatte ich Brougham gehört und be - wundert. Niemand hat wohl je mit größerer Leich - tigkeit geſprochen, ſtundenlang in einem nie unter - brochenen klaren Fluß der Rede, mit ſchönem und deutlichem Organ, die Aufmerkſamkeit feſſelnd, ohne irgendwo anzuſtoßen, nachzuſinnen, zu wiederholen, oder, ſich verſprechend, ein Wort für das andere zu gebrauchen, welche ſtörenden Fehler z. B. die Reden Peel’s oft verunſtalten. Brougham ſpricht, wie ein geübter Leſer Gedrucktes vorliest demohngeachtet ſieht man darin nur außerordentliches Talent, beißen - den, vernichtenden Witz und ſeltne Gegenwart des Geiſtes, doch die jedes Herz erwärmende Kraft des Genies, wie Canning ſie ausſtrömt, beſitzt er, meines Erachtens, nur in weit geringerem Grade.

Jetzt erſt trat Canning, der Held des Tages, ſelbſt auf. Wenn der Vorige einem geſchickten und eleganten geiſtigen Boxer zu vergleichen war, ſo gab Canning das Bild eines vollendeten antiken Gladiators. Alles war edel, fein, einfach, und dann plötzlich ein Glanz - punkt, wie ein Blitz hervorbrechend, groß und hin - reißend. Eine Art Ermattung und Schwäche, die, als ſey es die Folge der ſo kürzlich erlebten Krän - kungen, ſo wie der überhäuften Arbeit, ſeiner Ener - gie etwas zu entnehmen ſchien, gewann ihm vielleicht in anderer Rückſicht noch mehr von Seiten des Gefühls.

Seine Rede war in jeder Hinſicht das Gediegenſte, auch den Unbefangenſten Ergreifende, der Culmina -21 tionspunkt des heutigen Tages! Nie werde ich den Eindruck vergeſſen, den ſie, und jene ſchon berühmt gewordene, die er vor mehreren Wochen über die portugieſiſchen Angelegenheiten hielt, auf mich mach - ten. Ich fühlte beidemal tief, daß die höchſte Ge - walt, die der Menſch auf ſeine Mitmenſchen aus - üben, der blendendſte Glanz, mit dem er ſich umge - ben kann, und vor dem ſelbſt der des glücklichen Kriegers wie Phosphorſchein vor der Sonne er - bleicht nur in dem göttlichen Geſchenk der Rede liege! Dem großen Meiſter in dieſer nur iſt es ge - geben, Herz und Gemüth einer ganzen Nation in jene Art von magnetiſchem Somnambulismus zu verſetzen, wo ihr nur blindes Hingeben übrig bleibt, und der Zauberſtab des Magnetiſeurs über Wuth und Milde, über Kampf und Ruhe, über Thränen und Lachen mit gleicher Macht gebietet.

Am folgenden Tage wurde das Haus der Lords eröffnet, unter gleich merkwürdigen Umſtänden als geſtern das Haus der Gemeinen, jedoch zeigten ſich darin keine ſo großen Talente, als Brougham und vor Allen Canning.

Lord Ellenborough (der beiläufig geſagt, die ſchönſte Frau in England beſitzt*)Sie wurde ſpaͤter von demſelben jungen Fuͤrſten, der in dieſem Briefe als ſchneller Reiſender angefuͤhrt iſt, mit gleicher Schnelligkeit nach dem Continent entfuͤhrt. A. d. H. , erhob ſich zuerſt, und ſagte in der Hauptſache: Man klage die ausſcheiden - den Miniſter an, in Folge einer gemeinſchaftlichen22 Vereinigung reſignirt, und ſich dadurch des hohen Unrechts ſchuldig gemacht zu haben, dem Könige ſeine conſtitutionelle Prärogative: ganz nach freier Willkühr ſeine Miniſter zu erneuern, ſchmälern zu wollen. Zu - vörderſt müſſe er daher verlangen, daß ſie, um ihre Ehre zu retten, ſich hierüber genügend rechtfer - tigten. Hier ſah ich den großen Wellington in einer fatalen Klemme. Er iſt kein Redner, und mußte nun bongré malgré ſich wie ein Angeklagter vor ſeinen Richtern vertheidigen. Er war ſehr agitirt, und die - ſer Senat ſeines Landes, obgleich aus lauter Leuten beſtehend, die einzeln ihm vielleicht nichts ſind, ſchien wirklich impoſanter in ſeiner Maſſe für ihn, als weiland Napoleon und alle ſeine Hunderttau - ſende. Daß ſo etwas aber nicht möglich wird, iſt die große Folge weiſer Inſtitutionen! Es war bei alle dem rührend, den Heros des Jahrhunderts in einer ſo untergeordneten Lage zu ſehen. Er ſtotterte viel, unterbrach und verwickelte ſich, kam aber doch am Ende, mit Hülfe ſeiner Parthei die bei jedem Stein des Anſtoßes (grade wie bei der Geſandtenrede am Lord Mayor’s-Tage) durch Beifall und Lärm eine Pauſe herbeiführte, in der er ſich wieder zurecht finden konnte endlich ſo ziemlich damit zu Stande: zu beweiſen, daß keine Conſpiracy obgewaltet habe. Er ſagte zuweilen ſtarke Sachen, vielleicht mehr als er wollte, denn er war ſeines Stoffes nicht Meiſter, unter andern folgende Worte, die mir ſehr auffielen: Ich bin Soldat und kein Redner. Mir gehen alle Talente ab, in dieſer hohen Verſammlung23 eine Rolle zu ſpielen, ich müßte mehr als toll ſeyn (mad), wenn ich je, wie man mich beſchul - digt, dem wahnſinnigen Gedanken Raum hätte ge - ben können, erſter Miniſter werden zu wollen*)Dieſe Aeußerung des Herzogs iſt ſeitdem, ſelbſt im Un - terhauſe, oͤfters zur Sprache gekommen; weniger bekannt aber moͤchte folgende ganz neuere ſeyn, die ich der liebens - wuͤrdigen Dame verdanke, an die ſie gerichtet war. Im Monat November dieſes Jahres 1830 unterhielt ſich der Premier mit der Fuͤrſtin C. und der Herzogin von D. uͤber mehreres Charakteriſtiſche der engliſchen und franzoͤſiſchen Nation, und ihre gegenſeitigen Vorzuͤge. Ce qui est beau, en Angleterre, ſagte der Herzog mit vielem Selbſtgefuͤhl, c’est que ni le rang, ni les richesses, ni la faveur sauraient élever un Anglois aux premières places. Le génie seul les obtient, et les conserve chez nous. Die Damen ſchlugen die Augen nieder, und 8 Tage darauf war der Herzog von Wellington nicht mehr en place. A. d. H. .

Alle ausgeſchiedenen Lords nach der Reihe machten nun, ſo gut ſie konnten, auch ihre Apologieen. Der alte Lord Eldon verſuchte es mit dem Weinen, was er bei großen Gelegenheiten immer bei der Hand hat, es wollte aber heute keine rechte Rührung her - vorbringen. Dann antwortete der neue Lord und Miniſter (Lord Gooderich, ehemals H. Robinſon) für ſich und den Premier, der im Hauſe der Lords nicht erſcheinen kann, weil er nur ein Commoner iſt, als ſolcher aber dennoch jetzt England regiert, und zu berühmt als Mr. Canning geworden iſt, um daß er dieſen Namen gegen einen Lords-Titel vertau - ſchen möchte.

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Der Anfang der ſonſt guten Rede des neuen Pairs erregte ein allgemeines Gelächter, denn der langen alten Gewohnheit getreu, redete er die Lords, wie den Sprecher des Unterhauſes mit Sir ſtatt My - lords an. Er war ſelbſt ſo ſehr dadurch deconte - nancirt, daß er ſich vor die Stirne ſchlug, und eine ganze Weile ſprachlos blieb, aber durch viele freund - liche hear, hear, doch bald wieder ſeine Faſſung gewann.

Lord Holland zeichnete ſich, wie gewöhnlich, durch Schärfe und frappante Aufſtellungen aus; Lord King durch vieles, zuweilen nicht ſehr geſchmackvolles Wi - tzeln; Lord Landsdowne durch ruhigen, ſachgemäßen, mehr verſtändigen als glänzenden Vortrag. Lord Grey ſprach von Allen mit dem meiſten äußern An - ſtande, den die engliſchen Redner faſt ohne Ausnahme entweder zu ſehr verſchmähen, oder ſeiner nicht mäch - tig werden können. Einen ähnlichen Mangel an An - ſtand bietet das Local des Unterhauſes dar, das ei - nem ſchmutzigen Kaffeehauſe gleicht, und auch das Benehmen vieler Volksrepräſentanten, die mit dem Hut auf dem Kopfe oft auf den Bänken ausgeſtreckt liegen, und ſich während der Reden ihrer Collegen von Allotrien unterhalten, erſcheint ſeltſam. Local und Verhandlung im Oberhauſe ſind dagegen ſehr ſchicklich.

Wenn ich von dem Totaleindruck dieſer Tage auf mich Rechenſchaft geben ſoll, ſo muß ich ſagen, daß er erhebend und wehmüthig zugleich war. Das25 Erſte, indem ich mich in die Seele eines Engländers verſetzte, das Zweite im Gefühl eines Deutſchen!

Dieſer doppelte Senat des engliſchen Volks, mit allen menſchlichen Schwächen, die mit unterlaufen mögen, iſt etwas höchſt Großartiges und indem man ſein Walten von Nahem ſieht, fängt man an zu verſtehen, warum die engliſche Nation bis jetzt noch die erſte auf der Erde iſt.

Aus dem ernſten Parlament folge mir, zur Ver - änderung, heute ins Theater.

Man führt ein Spektakelſtück auf, deſſen äußere Ausſchmückungen hier täuſchender bewerkſtelligt wer - den als irgendwo. Nur die Scenery, zweier Auf - tritte will ich beſchreiben.

Zwiſchen Felſen, im wilden Gebirge Spaniens, er - hebt ſich ein mauriſches Schloß in weiter Entfernung. Es iſt Nacht, aber der Mond ſcheint hell am blauen Himmel, und miſcht ſein blaſſes Licht mit den hell - erleuchteten Fenſtern des Schloſſes und der Capelle. Ein langer ſich durch die Berge ziehender Weg wird an mehreren Stellen ſichtbar, und führt zuletzt, auf hohe Mauerbogen geſtützt, bis in den Vordergrund.

Jetzt ſchleichen vorſichtig Räuber aus den Gebü - ſchen herbei, verbergen ſich lauernd an der Straße,26 und man hört aus ihrem Geſpräch, daß ſie eben ei - nen Hauptfang zu machen gedenken.

Ihr ſchöner junger Hauptmann iſt erkenntlich durch gebietenden Anſtand und ſein prächtiges Coſtume, im Geſchmack der italieniſchen Banditi. Nach kurzem Zwiſchenraum ſieht man in der Ferne die Schloßthore ſich öffnen, eine Zugbrücke wird heruntergelaſſen, und eine Staatskutſche mit ſechs Maulthieren be - ſpannt, rollt dem Gebirge zu. Einigemal verliert man ſie hinter den Bergen, immer größer kömmt ſie wieder zum Vorſchein (welches durch mechaniſche Figuren von verſchiedener Dimenſion ſehr artig und geſchickt bewerkſtelligt wird) und gelangt endlich im raſchen Trabe auf die Scene, wo ſogleich von den verſteckten Räubern einige Schüſſe fallen, deren ei - ner den Kutſcher tödtet, worauf die Beraubung des Wagens unter Lärm und Getümmel vor ſich geht. Während dieſem Tumulte fällt der Vorhang.

Beim Anfang des zweiten Akts erblickt man zwar wieder dieſelbe Dekoration, aber ſie erweckt ganz verſchiedene Empfindungen. Die Lichter im Schloß ſind verlöſcht, der Mond iſt hinter Wolken getreten. In der Dämmerung unterſcheidet man nur undeut - lich die Kutſche, mit aufgerißnen Thüren, auf dem Bocke liegt der getödtete Diener hingeſtreckt, aus ei - nem ſteinigten Graben ſieht man das blaſſe Haupt eines gefallenen Räubers hervorragen, und an ei - nem Stamme lehnt der ſterbende, ſchöne Haupt - mann, deſſen fliehende Lebensgeiſter der Knabe27 Gilblas vergebens bemüht iſt, zurückzuhalten. Dies halb lebende halb todte Gemälde iſt wirklich von er - greifender Wirkung.

Meine heutigen Frühviſiten waren nützlich, denn ſie verſchafften mir 3 neue Billets für die nächſten Almacks, und ich bewog ſogar eine der gefürchte - ten, ſtrengen Patroneſſes, mir ein Billet für eine kleine obſcure Miſſ meiner Bekanntſchaft zu geben, eine große faveur! Ich mußte aber lange intriguiren und viel bitten, ehe ich es errang. Die Miſſ und ihre Geſellſchaft küßten mir beinahe die Hände, und be - nahmen ſich, als wenn ſie ſämmtlich das große Loos gewonnen hätten. Je crois qu’après cela, il y a peu de choses qu’elle me refuserait.

Außer Almacks iſt den engliſchen Damen am beſten durch die Politik beizukommen. Dieſe letzte Zeit hörte man, weder bei Tiſch noch in der Oper, ja ſelbſt auf dem Ball nie etwas anders als von Canning und Wellington aus jedem ſchönen Munde, ja Lord E. beklagte ſich ſogar, daß ſeine Frau ſelbſt in der Nacht ihn damit behellige. Plötzlich im Schlafe habe ſie ihn durch ihren Ausruf aufgeſchreckt: Wird der Premier ſtehen oder fallen?

Wenn ich mich daher hier in nichts Anderm ver - vollkommne, ſo geſchieht es wenigſtens in der Poli - tik und auch im Cabrioletfahren, denn das Letztere lernt man hier perfect, und windet ſich im ſchnellen Lauf durch Wagen und Karren, wo man früher mi - nutenlang angehalten haben würde. Ueberhaupt wird28 man nach einem langen Aufenthalt in ſolcher Welt - ſtadt in allen Dingen wirklich etwas weniger klein - lich. Man ſieht die Dinge breiter und mehr en bloc an.

Das ewige Einerlei der Seaſon geht noch immer ſo fort. Eine Soirée bei Lady Cooper, einer der ſanfteſten Lady Patroneſſes, eine andere bei Lady Jerſey, einer der ſchönſten und ausgezeichnetſten Frauen Englands, vorher aber noch ein indiſches Melodram füllte den heutigen Abend recht angenehm. Das Melodram ſpielte auf einer Inſel, deren Ein - wohner mit dem herrlichen Geſchenk des Fliegens begabt waren. Die hübſcheſten Mädchen kamen, wie Kranichſchwärme, in Maſſe angeſegelt, und ließen nur, wenn man ihnen recht eindringlich die Cour machte, die Flügel ſinken, aber zu viel durſte man auch nicht wagen, ein Nu und die gracieuſen bunten Falter breiteten ſich ſchnell aus, und weg waren ſie, ohne daß man ſogar die dünnen Seile ſehen konnte, an denen ſie heraufgezogen wurden.

Auf einem Diné und der darauf folgenden Soirée beim Fürſten Polignac waren mehrere intereſſante Perſonen zugegen, unter andern der Gouverneur von Odeſſa, einer der liebenswürdigſten Ruſſen, die ich kenne, und Sir Thomas Lawrence, der berühmte29 Maler, von dem man ſagt, daß er alle die unge - heuren Summen, welche ihm ſeine Kunſt einbringt, regelmäßig im Billardſpiel verliert, weil er ſich irrig darin ein Meiſter zu ſeyn einbildet. Es iſt ein Mann von intereſſantem Aeußern, mit etwas Mittelaltri - gem in ſeinen Zügen, was auffallend an Bilder aus der venetianiſchen Schule erinnert.

Noch mehr zogen mich indeß die portugieſiſchen Augen der Marquiſe P an, denn portugieſiſche und ſpaniſche Augen übertreffen alle andern.

Die Niece des Fürſten Polignac erzählte mir, daß ihr Onkel, der bei einem noch ganz jugendlichen und angenehmen Ausſehen doch einen ganz weißen Kopf hat, dieſen in den franzöſiſchen Revolutions - Gefängniſſen, noch nicht 25 Jahre alt, in wenigen Wochen vor Kummer und Angſt ergrauen geſehen hätte. Er mag den jetzigen Contraſt mit damals gar wohlthätig finden, aber die Haare kann ihm leider die Reſtauration doch nicht wieder ſchwarz machen! *)Wie wenig mochte mein verſtorbener Freund damals ver - muthen, daß dieſer ſchlecht organiſirte Kopf noch ſolches Unheil uͤber die Welt zu bringen beſtimmt war! Auch aus ihm wird zwar, wie aus allem Uebel, einmal Gutes her - vorgehen, aber ſchwerlich werden wir dieſe Fruͤchte aͤrndten. A. d. H. Mich intereſſirte dieſer Gegenſtand, beſonders deß - halb, gute Julie, weil die meinigen leider auch, mit zu viel Patriotismus, hie und da unſre National - farben, ſchwarz und weiß, anzunehmen anfangen.

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Uebrigens iſt die hieſige Seaſon, wenn man, als lernbegieriger Fremder, alle Gradationen der haus - machenden Welt ſehen will, kaum auszuhalten. Mehr wie 40 Einladungen liegen auf meinem Tiſche, fünf bis ſechs zu einem Tage. Alle dieſe Gaſtgeber wol - len nachher früh Viſiten haben, und um höflich zu ſeyn, muß man ſie in Perſon machen. C’est la mer à boire, und dennoch ſehe ich Abends beim Vorbei - fahren immer noch vor vielen Dutzenden mir unbe - kannter Häuſer, ebenfalls dichte Wagenburgen ſtehen, durch die man ſich mühſam durchdrängen muß.

Ein Ball, dem ich neulich beiwohnte, war beſon - ders prachtvoll, auch einige königliche Prinzen zuge - gen, und wenn dies der Fall iſt, hat die Eitelkeit der Wirthe die Mode eingeführt, dies immer ſchon auf den Einladungskarten anzuzeigen.

To meet his royal highness etc. iſt die lächer - liche Phraſe. Der ganze Garten des Hauſes war überbaut und zu großen Sälen umgeſchaffen, die man in weißen und Roſa-Mouſſelin drapirt, mit enormen Spiegeln und 50 Kronleuchtern von Bronze ausgeſchmückt, und durch die Blumen aller Zonen parfumirt hatte. Die Herzogin von Clarence beehrte das Feſt mit ihrer Gegenwart, und Alles drängte ſich, ſie zu ſehen, denn ſie iſt eine jener ſeltnen Prin - zeſſinnen, deren Perſönlichkeit weit mehr Ehrfurcht als ihr Rang gebietet, und deren unendliche Güte, und im höchſten Grade liebenswerther Charakter ihr eine Popularität in England gegeben haben, auf die wir31 Deutſche ſtolz ſeyn können, um ſo mehr, da ſie al - ler Wahrſcheinlichkeit nach einſt die Königin jenes Landes zu werden beſtimmt iſt.

Die Perſon, welche dieſen glänzenden Ball gab, war demohngeachtet nichts weniger als modiſch, eine Eigenſchaft, die hier den ſeltſamſten Nüancen unter - worfen iſt. Indeß raffinirt Jeder, modiſch oder nicht, wie er es dem Andern bei ſeinen Feſten zuvorthun möge.

Die Gräfin L. gab den Tag nach dem erwähnten Ball einen andern, wo ich, gewiß tauſend Schritt vom Hauſe ſchon, ausſteigen mußte, da vor der Menge von Wagen gar nicht mehr heranzukommen war, und bereits verſchiedene Equipagen, die ſich gewaltſam Bahn brechen wollten, unter ſchrecktichem Fluchen der Kutſcher unauflöslich zuſammenhingen. Bei dieſem Ball waren die Treibhäuſer mit Moos aus verſchiedenen Farben tapezirt, und der Boden mit abgehauenem Graſe dicht belegt, aus dem hie und da Blumen frei hervorzuwachſen ſchienen, die vom Stiel aus erleuchtet waren, was ihre Far - benpracht verdoppelte. Die Gänge aber wurden durch bunte Lampen, die gleich Edelſteinen im Graſe ſun - kelten, markirt. Eben ſo hatte man ſolche bunte Arabesken im Mooſe der Wände angebracht. Im Hintergrunde ſchloß eine ſchöne transparente Land - ſchaft, mit Mondſchein und Waſſer die Ausſicht.

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Mit mehrern Damen dieſen Morgen ſpazieren rei - tend, erhob ſich die Frage, welchen Weg man neh - men ſollte, die herrliche Frühlingsnacht am beſten zu genießen. Da ſahen wir am hohen Himmel einen Luftballon ſchweben, und die Frage war beantwor - tet. Mehr als 10 Meilen folgten die unermüdlichen Damen, gleich einer steeple chase, dem luftigen Füh - rer, der aber doch endlich unſern Blicken ganz ent - ſchwand.

Der Mittag war einem großen diplomatiſchen Diné gewidmet, wo mehrere der neuen Miniſter zugegen waren, und der Abend einem Ball in einem deutſchen Hauſe, deſſen ſolide und geſchmackvolle Pracht den beſten engliſchen gleichkömmt, und durch die liebens - würdigen Eigenſchaften der Wirthe die meiſten über - trifft, ich meine beim Fürſten Eſterhazy.

Bald aber wird mein Journal den Reiſeberichten des weiland Bernouilly gleichen, die auch nur von Einladungen, Mittagsmahlen und Abendunterhal - tungen handeln. Aber Du mußt es nun ſchon hin - nehmen, wie es ſich trifft. Vergleiche dies Tagebuch mit einem Gewande, auf dem ſehr verſchiedne, rei - chere und ärmlichere Stickereien vorkommen. Der feſte dauerhafte Stoff repräſentirt meine immer gleiche Liebe zu Dir und den Wunſch, Dich, ſo gut es geht, mein fernes Leben mit leben zu laſſen; die Sticke - reien aber, die nur Copieen des Erlebten ſind, müſſen33 daher auch den Charakter deſſelben annehmen, bald glühender in Farben, bald bläſſer ſeyn und zu verwundern wäre es nicht, wenn ſie in der dum - pfen Stadt ganz verblaßten, die nimmer ſo liebliche Bilder bietet als die herrliche Natur!

Ich muß vor der Hand noch bei demſelben Thema bleiben, und eines Frühſtücks in Chiswick beim Her - zog von Devonshire erwähnen, der hübſcheſten Art Feten, die man hier gibt, weil ſie auf dem Lande, abwechſelnd im Hauſe und in den ſchönſten Gärten, ſtatt finden, Dejeuners heißen, aber erſt um 3 Uhr anfangen und vor Mitternacht nicht aufhören. Der Fürſt B. , weiland Schwager Napoleons, war zu - gegen, auch einer von denen, die ich früher in einem äußern Glanz geſehen, den ihnen nur die damalige Welt-Sonne verlieh, und der mit ihr ſo ſchnell über - all verlöſcht iſt!

Die größte Zierde dieſes Frühſtücks war aber die ſchöne Lady Ellenborough. Sie kam in einem klei - nen Wagen mit Ponys beſpannt an, die ſie ſelbſt dirigirte, und die nicht größer als kamtſchadaliſche Hunde waren. Man möchte verſucht ſeyn, von nun an dem Fuhrwerke der Venus die Tauben auszuſpan - nen und Ponys ſtatt ihrer vorzulegen.

Uebler wird aber mit allen Sorten Equipagen hier umgegangen als irgendwo. Auf dem geſtrigen Al -Briefe eines Verſtorbenen. IV. 334macks-Ball entſtand eine ſolche Bagarre unter ihnen, daß mehrere Damen Stunden lang warten mußten, ehe ſich das Chaos entwickelte. Die Kutſcher beneh - men ſich bei ſolchen Gelegenheiten wie unſinnig, um vorzudringen, und die Polizei bekümmert ſich nicht um dergleichen in England. So wie dieſe heroiſchen Wagenlenker die kleinſte Oeffnung vor ſich ſehen, peit - ſchen ſie ihre Pferde hinein, als wären Pferde und Wagen ein eiſerner Keil. Beider Erhaltung wird für nichts geachtet. Auf dieſe Weiſe war eins der Pferde der liebenswürdigen Lady Stigo mit beiden Hinter - beinen in das Vorderrad des Nebenwagens ſo ein - gedrungen, daß es nicht mehr möglich war, es zu de - gagiren, und eine Umdrehung des Rades ihm ohn - fehlbar beide Knochen zermalmt haben würde. Dem - ohngeachtet war der fremde Kutſcher kaum dahin zu bringen, ſtill zu halten. Man mußte zuletzt, als ſich die Foule etwas geklärt, beide Pferde ausſpannen, und dann gelang es noch ſchwer, ſie von einander zu löſen. Während dieſer Zeit brüllte das arme Thier ſo laut, wie der Löwe Nero in Exeterchange. Ein Cabriolet wurde daneben ganz zertrümmert, und fuhr ſeinerſeits mit den Gabeln in die Fenſter einer Kutſche, aus der das Zetergeſchrei von mehreren Weiberſtim - men anzeigte, daß ſie ſchon beſetzt war. Viele andere Wagen wurden noch beſchädigt.

Nach dieſer Schilderung würdeſt Du Gute mit Deiner Poltronnerie Dich wohl hier nie mehr einem Wagen anvertrauen. Sicherer war es auch gewiß zu Zei -35 ten der Königin Eliſabeth, wo Alles, auch die zarten Hoffräuleins, noch zu Pferde ſich zu Balle begaben.

Ich hatte die Ehre, beim Herzog von Clarence zu ſpeiſen, wo auch die Prinzeſſin Auguſta, die Herzogin von Kent mit ihrer Tochter und die Herzogin von Glouceſter gegenwärtig waren. Der Herzog macht einen ſehr freundlichen Wirth, und erinnert ſich im - mer gütig der verſchiednen Epochen und Länder, wo er mich früher geſehen. Er hat ſehr viel National - Engliſches, im beſten Sinne des Worts, auch die engliſche Liebe zur Häuslichkeit. Es war heute der Geburtstag der Prinzeſſin Carolath, den er feierte, und ihre Geſundheit dabei ausbrachte, welches die ſanfte Emilie, ohngeachtet der Intimität, mit der ſie hier als Verwandtin der liebenswürdigen Herzogin behandelt wird, doch vielfach erröthen machte.

Unter den übrigen Gäſten muß ich den Admiral Sir George Cockburn erwähnen, der Napoleon nach Helena führte, und mir nach Tiſch viel von des Kai - ſers ungemeinem Talent erzählte, diejenigen zu ge - winnen, welche er zu gewinnen die Abſicht hatte. Der Admiral bewunderte auch die Aufrichtigkeit, mit der Napoleon über ſich ſelbſt, wie über eine fremde hiſtoriſche Perſon ſprach, und unter andern offen äußerte: die Ruſſen hätten ihn in Moskau ſo völlig3*36überliſtet, daß er jeden Tag bis zum letzten beſtimmt auf den Frieden gehofft, bis es endlich zu ſpät ge - weſen ſey. C’était sans dout une grande faute, ſetzte er nachher gleichgültig hinzu.

Die Töchter des Herzogs ſind d’nn beau sang, alle außerordentlich hübſch, wenn gleich alle in einem ganz verſchiednen Genre; und unter den Söhnen zeichnet ſich in vieler Hinſicht der Obriſt Fitzclarence aus, deſſen Landreiſe von Indien durch Aegypten nach England Du mit ſo viel Intereſſe geleſen haſt. Er hat auch über die deutſche Landwehr geſchrieben, de - ren Partiſan er jedoch keineswegs iſt. Selten findet man einen jungen Officier von ſo vielſeitiger Bil - dung. Ich kenne ihn ſchon von älteren Zeiten her, und habe mich ſchon oft vieler Freundlichkeit von ſeiner Seite zu rühmen gehabt.

Seine älteſte Schweſter iſt an Sir Sidney ver - heirathet, und ich hörte von ihr, daß in dieſer Fa - milie, ſeit Lord Leiceſters Zeit, die ununterbrochne Reihe der Ahnenbilder nicht nur, ſondern ſogar eine Haarlocke von jedem der Vorfahren aufbewahrt werde. Auch finde ſich dort, unter allen Documenten, noch eine Liſte ſämmtlicher Gäſte bei dem Feſte von Ken - nilworth, und ſehr merkwürdige Haushaltsrechnungen aus jener Zeit vor. Walter Scott hat, glaube ich, dieſe Papiere benützt.

Abends flötete die Paſta herrlich bei Gräfin St. A., und zwei bis drei Bälle ſchloſſen den Tag.

37

Herzlich mußte ich dieſen Morgen über einen jun - gen Lord lachen, dem der Aufenthalt in Paris noch nicht viel genützt hat, und deſſen ſchönes Pferd mehr als er ſelbſt die Blicke im Park auf ſich zog. Quel beau cheval vous avez , ſagte ich. Ja, erwiederte er mit ſeinem engliſchen Accent: C’est une belle bête, je l’ai fait moi même, et pour cela je lui suis beaucoup attaché. Er wollte ohne Zweifel ſa - gen, daß er es ſelbſt bei ſich aufgezogen habe. Iſt das nicht ganz der Pendant zu dem tauben ruſſiſchen Officier in B., dem der König bei Gelegenheit eines auf den Tiſch kommenden Eſturgeons zurief: Ce poisson est bien fréquent chez vous, und der, auf - ſtehend, mit einem tiefen Bückling, erwiederte: Oui Sire, je l’ai été pendant quinze ans.

Rex Judaeorum gab ein prachtvolles Diné, deſſen Deſſert allein, wie er mir ſagte, 100 Lſt. koſtete. Ich ſaß neben einer ſehr geiſtreichen Dame, der Freundin des Herzogs von W… Mtſſ. A .... eine ſehr cha - rakteriſtiſche, feine, nicht engliſche Phyſiognomie. Du kannſt Dir denken, welche enragirte Politikerin! Ich habe ſie ohne Zweifel nicht wenig ennuyirt, denn erſtens bin ich ein Canningianer, zweitens haſſe ich die Politik bei Tiſche. Wir ſahen hier viel Pracht. Das Tafelſervice war Vermeil und Silber, das zum Deſſert, glaube ich, ganz Gold. Auch in der Neben - ſtube, unter dem Portrait des Fürſten Metternich38 (Präſent des Originals) befand ſich ein großer, ditto goldner Kaſten, wahrſcheinlich eine Copie der Bun - deslade. Ein Concert folgte der Mahlzeit, in wel - chem Herr Moſcheles ſo hinreißend ſpielte, wie ſeine danebenſtehende junge Frau ausſah, und erſt um 2 Uhr kam ich auf den Rout des Herzogs von Northumberland, eine kleine Geſellſchaft, zu der blos 1,000, ſage tauſend Perſonen eingeladen worden wa - ren. In einer ungeheuern Gemäldegallerie wurden bei 30 Grad Reaumur große Muſikſtücke aufgeführt. Man hörte aber nicht viel davon wegen des Lärms und Drängens. Der Schweißgeruch war gleich der ſchwarzen Höhle in Indien, faſt unerträglich. Sind es nun wirklich civiliſirte Nationen, die ſich ſo amüſiren?

Die an Kohlenbergwerken reiche Lady L ...., de - ren Teint zu der Farbe jener den angenehmſten Ge - genſatz bildet, und deren air chiffonné ganz originell iſt, zeigte mir dieſen Morgen ihren Bazar. Es iſt kein gewöhnlicher, denn es lagen wohl für 300,000 Rtllr. Edelſteine darauf. Das ganze Boudoir, voller Wohlgerüche, Blumen und Seltenheiten, das Clair - obscur rother Vorhänge, und die Marquiſe ſelbſt in einem gelben Gazekleide auf ihrer Chaise longue hingeſtreckt, plongée dans une douce langueur, es war ein hübſches Bild of refinement. Diamanten,39 Perlen, Feder und Tinte, Bücher, Briefe, Spielſa - chen und Petſchaften lagen vor ihr mit einer ange - fangenen Börſe. Unter den Petſchaften waren zwei Inſchriften pikant durch ihren Contraſt; die eine, von Lord Byron, ſagt in zwei ſchönen Strophen:

Love will find its way
Where wolves would fear to stray.
Liebe wird den Weg erſpähn,
Wo der Wolf ſich ſcheut zu gehn.

Die andere Inſchrift ſagt mit ächt franzöſiſcher Philoſophie: Tout lasse, tout casse, tout passe! Außerdem war nichts häufiger im Hauſe als Por - traite des Kaiſers[Alexander] in allen Größen, der in W… der Marquiſe die Cour gemacht, und deſſen Conterfey die Dankbarkeit daher ſo ſehr vervielfältigt. Ihr Mann war dort Geſandter, und gebrauchte ſeine engliſche Prärogative im vollen Maße. Einmal borte er mit einem Fiaker, ein andermal präſentirte er die Erzherzogin, und wenn ich nicht irre, gar die Mo - narchin ſelbſt ſeiner Frau, ſtatt umgekehrt, dann lief er in die Küche, ſeinen Koch zu erſtechen, weil dieſer ſeine Frau beleidigt, enfin il faisait la pluie et le beau tems à V .... ou plûstot l’orage et la grêle.

Denke nun, wie desappointirt die arme Dame, welche ſo lange auf dem Continent regierte, jetzt ſeyn muß, hier malgré ses Diamans, son rang et sa jo - lie mine, nicht recht faſhionable werden zu können! Aber dieſer Mode-Ariſtokratie iſt ſchwerer beizukom - men, als dem oberſten Grade der Freimaurer, und40 viel capriciöſer iſt ſie noch dazu, als dieſe ehrwür - digen Männer, obgleich beide, wie der liebe Gott, aus Nichts ſchaffen!

Ich ſpeiste bei Lord Darnley, wo ich unter an - dern den Lord Bloomfield, ſonſt ein markanter Mann und Favorit des Königs, du tems de ses fredaines, und den Erzbiſchof von York fand, ein majeſtätiſcher alter Herr, der als Hofmeiſter angefangen hat, und durch die Protektion ſeines Pupillen zu dieſer hohen Würde gelangt iſt. Nichts iſt häßlicher und zugleich komiſcher als die Demitoilette der engliſchen Erz - biſchöfe. Eine kurze Schulmeiſterperücke, ſchlecht ge - pudert, ein ſchwarzer franzöſiſcher Rock und eine kleine ſchwarzſeidne Damenſchürze vorne über die Iner - preſſibles, wie ſie die Bergleute hinten zu tragen pflegen. Lord D. lachte ſehr, als ich ihn verwundert fragte: si ce tablier faisait allusion au voeu de chasteté. Ich beſann mich in dem Augenblick nicht, daß die engliſchen Erzbiſchöfe, die ſonſt ſo ächt-ka - tholiſch ſind, ſich das Heirathen reſervirt haben. Doch iſt es wahr, daß ihre Frauen eigentlich nur wie Mai - treſſen behandelt werden, denn ſie dürfen nicht den Namen ihres Mannes führen.

Wir wurden ſehr gut bewirthet, mit zahmem Gar - ten-Wildpret und herrlichen Früchten von Cobham, und fuhren nach Tiſch in ein Concert, was ſich gar ſehr von den hier gewöhnlichen unterſchied. Es iſt dies eine Entrepriſe mehrerer vornehmen Edelleute, Freunde der alten Muſik von Händel, Mozart und41 den alten Italienern, deren Compoſitionen hier allein aufgeführt werden.

Ich habe lange keinen ähnlichen Genuß gehabt. Was iſt doch das moderne Trilliliren gegen die Er - habenheit dieſer alten Kirchenmuſik! Ich fühlte mich ganz lebhaft in die Jahre meiner Kindheit zurück - verſetzt, ein Gefühl, das in der That die Seele auf viele Tage ſtärkt und ihr von Neuem leichtere Schwingen gibt. Der Geſang war durchaus vor - züglich, und in ſeiner Einfachheit oft überirdiſch ſchön, denn es iſt unglaublich, welche Gewalt Gott in die menſchliche Stimme gelegt hat, wenn ſie recht angewandt wird, und einfach und ſicher aus einem ſchönen Munde ertönt. Bei Händels Chören glaubte man entſetzt die Nacht zu fühlen, die ſich über Egyp - ten ausbreitet, und den Tumult der Heere Pharaos mit dem Gebrauſe des Meeres zu hören, das ſie un - ter ſeine Wogen begräbt.

Ich konnte mich nicht entſchließen, nach ſo heiligen Tönen die Ball-Fiedeln zu hören, und begab mich daher um 12 Uhr zu Hauſe, Almacks und noch einen andern Ball der faſhionablen Welt gern im Stich laſſend. Ich will den Nachhall jener Sphärenmuſik mit in meine Träume hinübernehmen, und auf ih - ren Fittigen mit Dir, meine Julie, eine verklärte Nachtreiſe antreten. Are You ready? Now we fly ....

42

Sehr bei Zeiten weckte mich heute mein alter B , welches er nur thut, wenn ein Brief von Dir da iſt. Bei minder wichtigen Gelegenheiten läßt er mich im - mer ruhen, wenn ich ihm Abends auch noch ſo ſehr einſchärfe, mich zu wecken. Die Entſchuldigung iſt dann ſtets: Sie ſchliefen ſo gut!

Es iſt ein wahres Glück, daß ich nicht die Art Eitelkeit beſitze, die durch Lob ſchwindlich wird ſonſt müßteſt Du einen rechten Thoren aus mir machen. Ach ich kenne mich nur ſelbſt zu gut, und hundert Fehler, die Deine Liebe zur Hälfte überſieht! Das kleine Teufelchen aber, das Du attakirſt, ſpuckt allerdings manchmal in mir. Es iſt aber ein ziemlich unſchuldiges, oft ein recht dummes, armes, ehrliches Teufelchen, eine Sorte, die hinſichtlich der Moralität, im Grunde zwiſchen Engel und Teufel in der Mitte ſteht, mit einem Wort: ein ächtes, ſchwaches Menſchenkind! Da es Dir aber mißfällt, das kleine Teufelchen, ſo ſtecke ich es in die Bouteille wie Hofmann, und pfropfe ſie mit Salomonis Siegel zu. Von nun an producire ich Dir nur den Herrnhuter; denn Du weißt, unter ihnen verlebte ich meine Jugend, et si je m’en ressens, je ne m’en ressens guêres.

Auf dem Fancyball, den Du denen in Brighton nachahmen willſt, erſcheine ich gewiß, und es wird mich dennoch ſicher Niemand erkennen, da ich nur unſichtbar zugegen ſeyn kann. Ich werde bloß einen43 Kuß auf Deine Stirn drücken, und dann wieder ver - ſchwinden wie eine Ahnung. Gib alſo Acht!

Aus der großen Welt wandelte ich geſtern wieder einmal in die City, und beobachtete die mühſame Induſtrie, welche jener immer die frivolen Luxus-Artikel liefert. Täglich erfindet man hier etwas Neues. Da - hin gehören auch die unzähligen Annoncen, und wie ſie en evidence geſetzt werden. Früher begnügte man ſich, ſie anzuſchlagen. Jetzt ſind ſie ambulant. Ei - ner hat einen Hut von Pappe aufgeſetzt, dreimal höher als andre Hüte ſind, auf welchem in großen Buchſtaben: Stiefel zu 12 Schilling das Paar re - kommandirt werden. Ein andrer trägt eine Art Fahne, auf der ein Waſchweib abgebildet iſt, und darunter ſteht: Only one six pence a shirt. (Nur einen Sixpence das Hemde). Kaſten, wie die Arche Noab, ganz mit Annoncen überklebt und von der Größe eines kleinen Hauſes, mit Menſchen oder ei - nem Pferde beſpannt, durchziehen langſam die Straßen, und tragen mehr Lügen auf ihren Rücken als Münch - hauſen je finden konnte.

Als ich bei H. R… anlangte, war ich ſehr müde, und acceptirte eine Einladung, bei ihm auf dem Comptoir zu eſſen. Während dem Eſſen philoſophir - ten wir über Religion. R. est vraiment un très44 bon enfant, und gefällig, mehr wie Andere ſeines Standes, ſobald er nur nicht ſelbſt etwas dabei zu riskiren glaubt, was man ihm auch keineswegs ver - denken kann. Bei dem Religionsgeſpräch war er übrigens gewiſſermaßen im Vortheil, da ſeine Glau - bensgenoſſen von älterem Religionsadel ſind, als wir Chriſten. Sie ſind die wahren Ariſtokraten in die - ſem Fach, die durchaus noch nie eine Neuerung paſſiren laſſen wollten. Ich ſagte endlich mit Göthe: Alle Anſichten ſind zu loben, und fuhr in einem höchſt zerbrechlichen Fiaker wieder nach dem Westend of the town zurück, wo es weder Chriſten noch Ju - den, ſondern nur Faſhionables und Nobodys gibt, um bei Miſtriß P… die Paſta wieder ſingen zu - ren, und mit der Freundin des Lords H. de moitié Ecarté zu ſpielen.

Als ich endlich um 4 Uhr zu Haus kam und beim roſigen Tageslicht eingeſchlafen war, bildete ich mir ein, mein Lager ſey das Moos eines Waldes. Da weckte mich ein klägliches Geſchrei. Ich ſah mich um und erblickte einen armen Teufel, der eben von der Spitze eines hohen Baumes ſchräg durch die Luft fuhr, und neben mir zur Erde ſtürzte. Stöhnend und leichenblaß raffte er ſich auf und jammerte ſchmerz - lich: nun ſey es aus mit ihm! Ich wollte ihm zu Hilfe eilen, als ein Weſen, das einem zugeſtöpſelten Tintenfaß glich, herbeikam, und dem halbtodten Men - ſchen unter Flüchen noch mehrere Stöße mit dem Stöpſel gab. Ich packte es aber, zog den Stöpſel heraus, und wie die Tinte nachſtrömte, verwandelte45 es ſich in einen Mohren in glänzend ſilberner Jacke und prächtigem Coſtum, der lachend rief: ich ſollte ihm nur in Frieden laſſen, er wolle mir Sachen zeigen, die ich noch nie geſehen. Jetzt fingen auch ſogleich Zaubereien an, die alle Pinettis und Philadelphias der Welt weit hinter ſich zurückließen. Ein großer Schrank unter andern veränderte ſeinen Inhalt je - den Augenblick, und alle Schätze Golkondas mit den unerhörteſten Seltenheiten kamen nach einander zum Vorſchein. Ein dicker Mann mit vier hübſchen Töch - tern, welcher eifrig zuſah, und den ich ſogleich als einen Herrn erkannte, der früher in Brighton Bälle gab, und Rolls hieß, weshalb man ihn (ſeiner Cor - pulenz wegen) dubble Rolls, ſeine Töchter aber hut Rolls nannte, äußerte indeß, das Ding daure ihm zu lange, er ſey hungrig. Sogleich rief der be - leidigte Zauberer mit zorniger Miene, indem ſein Anzug ſich vor unſern Augen ſcharlachrotb färbte:

Zwei wird fünf und ſieben zehn.
Augen eßt! Der Mund ſoll ſeh’n,
Vorn und hinten wechſelt ſchnell.
Fitzli Putzli very well.

Kaum war dieſe Beſchwörung ausgeſprochen, als ein prächtiges Mahl erſchien, und der arme Rolls ſich eifrig friſche grüne Erbſen in die Augen ſteckte, die auch ohne alle Umſtände heruntergingen, während er, mit dem Lorgnon vor dem Munde, alle die übrigen Wunderdinge, die ſich auf der Tafel ausbreiteten, betrachtete und in Gedanken verſchlang. Jetzt wollte46 er Frau und Töchter auch dazu einladen, konnte aber über kein anderes Sprechorgan als dasjenige dispo - niren, dem gewöhnlich das Lautwerden unterſagt iſt, ſo daß alle hut Rolls ſich über Papas ſonderbare propos faſt todt lachen wollten. Zu guter Letzt ging er noch, in der groteskeſten Verdrehung, auf den Händen zum Zauberer hin, um ſich zu bedanken, und langte en passant mit den Füſſen in eine Schüſſel tutti frutti, die ſein neues Sprachorgan mit einem melodiſchen: Delicious! begleitete.

Hat man je von ſo tollen Träumen gehört, als mich hier heimſuchen? Es ſind die trüben Dünſte, die Stickluft Londons, die meine Sinne umnebeln. Ich ſchicke ſie daher fort, um ſich im heimathlichen Sonnenſchein wieder aufzulöſen, und lege auf ihre ſchweren Fittige tauſend liebevolle Grüße

Deines treuen Freundes L.

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Sechszehnter Brief.

Bei Gelegenheit einer Viſite, die ich Miſtriß Hope machte, beſah ich ihres Mannes Kunſtſammlung heute etwas mehr en detail. Eine ſehr ſchöne Venus von Canova war für mich beſonders deßwegen ſehr anzie - hend, weil ich ſie, noch nicht völlig vollendet, im At - telier des liebenswürdigen Künſtlers in Rom vor ziemlich vielen Jahren geſehen, wo ſie ſchon damals von allen ſeinen Werken den angenehmſten Eindruck bei mir zurückließ.

Unter den Gemälden frappirte mich das des berüch - tigten Cäſar Borgia, von Corregio. Ein erhabener Sünder! In der kühnſten, männlichen Schönheit ſteht er da, Geiſt und Größe blitzt aus allen Zügen, nur in den Augen lauert ein häßlicher Tiger.

Ganz beſonders reich iſt die Sammlung an Bil - dern der niederländiſchen Schule. Viele ſind von der unübertreffbarſten Wahrheit, welche, ich geſtehe es gern, für mich oft einen größern Reiz hat, als ſelbſt48 das erreichte Ideal, wo dieſes keinen verwandten Punkt in meiner Seele anſpricht.

So war eine alte ſehr anſtändige holländiſche Bür - gersfrau, die mit großer Délice ein Glas Wein in ſich ſog, während ihr in einem Mantel danebenſte - hender Mann, die Bouteille, aus der er ihr einge - ſchenkt, noch in der Hand, mit gutmüthigem Ver - gnügen auf ſie herabſieht, ein höchſt anziehender Ge - genſtand. Eben ſo einige Offiziere aus dem 16ten Jahrhundert in ihrer ſchönen und zweckmäßigen Tracht, die ſich’s nach harter und blutiger Arbeit beim frohen Mahle wohl ſeyn laſſen, und andre mehr. Unter den Landſchaftsmalern machte ich die neue Bekannt - ſchaft eines Hobbena, der die größte Aehnlichkeit mit der Manier Ruysdaels hat. Täuſchende Früchte von van Huyſum und van Os, Häuſer von van der Meer, auf denen bekanntlich jeder Ziegel ausgeführt iſt, mehrere Wouvermanns, Paul Potters ꝛc. ꝛc., nichts fehlte in dieſer reichen Sammlung. Nur die neueren engliſchen Gemälde waren ſchlecht.

Später ging ich nicht mehr aus, um im Stillen den Geburtstag meiner guten Mutter zu feiern.

Als ein Beiſpiel, was ein Dandy hier alles bedarf, theile ich Dir folgende Auskunft meiner faſhionablen Wäſcherin mit, die von einigen der ausgezeichnetſten Elegants employirt wird und allein Halstüchern die49 rechte Steife, und Buſenſtreifen die rechten Falten zu geben weiß. Alſo in der Regel braucht ein ſolcher Elegant wöchentlich 20 Hemden, 24 Schnupftücher, 9 10 Sommer - Trowſers , 30 Halstücher, wenn er nicht ſchwarze trägt, ein Dutzend Weſten, und Strümpfe à discrètion. Ich ſehe Deine hausfrauliche Seele von hier verſteinert. Da aber ein Dandy ohne drei bis vier Toiletten täglich nicht füglich auskommen kann, ſo iſt die Sache ſehr natürlich, denn

  • 1) erſcheint er in der Frühſtücks-Toilette im chineſi - ſchen Schlafrock und indiſchen Pantoffeln.
  • 2) Morgentoilette zum Reiten im frock coat, Stie - feln und Sporen.
  • 3) Toilette zum Diné, in Frack und Schuhen.
  • 4) Balltoilette in Pumps, ein Wort, das Schuhe, ſo leicht wie Papier, bedeutet, welche täglich friſch lackirt werden.

Der Park war um 6 Uhr ſo voll, daß er einem Rout zu Pferde glich, jedoch weit anmuthiger, da die Stelle der Bretter eine grüne Wieſe einnahm, ſtatt der Dampfhitze friſche Kühle herrſchte, und ſtart die eignen Beine zu ermüden, die der Pferde die Arbeit thun mußten.

Als ich vorher die Fürſtin E. beſuchte, fand ich dort drei junge und ſchöne Ambassadrices en con - férence, toutes les trois profondément occupées d’une queue, nämlich ob eine ſolche bei der Königin von Würtemberg getragen werden müſſe oder nicht.

Briefe eines Verſtorbenen IV. 450

Auf dem Ball, dem ich Abends beiwohnte, bei der neulich erwähnten Marquiſe L .... ſah ich zum er - ſtenmal hier Polonaiſen und auch Maſurka tanzen, aber ſehr ſchlecht. Man im Saal der Statüen, denen verſchiedene Damen ihre Hüte aufgeſetzt und ihre Shawls umgehangen hatten, was dem Kunſt - ſinne ſehr wohlthat. Um 6 Uhr kam ich zu Hauſe und ſchreibe Dir noch, während man ſchon meine Laden ſchließt, um mir eine künſtliche Nacht zu be - reiten. Die Kammerdiener haben es hier ſchlimm, und können nur, ſo zu ſagen: aus der Hand ſchla - fen, oder wie die Nachtwächter am Tage.

Ich habe Dir ſchon erzählt, daß man hier auf die königlichen Prinzen eingeladen wird, wie an andern Orten im vertrauten Zirkel auf irgend eine Delikateſſe. So war ich geſtern auf die Herzogin von Glouceſter, und heute auch auf den Herzog von Suſſex zu Tiſch eingeladen. Dieſer Prinz, der mit dem König ganz brouillirt iſt*)Man vergeſſe nicht, daß hier vom vorigen die Rede iſt. A. d. H. , ſich aber durch ſehr liberale Geſin - nungen bei der Nation beliebt gemacht hat, und dies in jeder Hinſicht verdient, war viel auf dem Conti - nent, und liebt die deutſche Lebensart. Unſere Sprache iſt ihm, wie den meiſten ſeiner Brüder, völlig ge -51 läufig. Seinetwegen wurden nach Tiſch, ſobald die Damen uns verlaſſen hatten, Cigarren gebracht und mehr als eine geraucht, was ich in England bisher noch nicht geſehen habe. M. de Montron erzählte mit franzöſiſcher Kunſt ſehr luſtige Anekdoten; am unterhaltendſten war aber Major Keppel, der Rei - ſende in Perſien, der heute manche ſcrabreuſe, aber höchſt pikante Geſchichten aus jenen Ländern zum beſten gab, die er dem Druck nicht übergeben konnte, und die ich daher auch Dir nicht mittheilen darf, was mir jedoch ſehr leid thut.

Morgen werde ich mit dem jungen Capt. R nach Ascott fahren und Windſor beſehen, um wieder einige Varietät in mein einförmiges Leben zu brin - gen. Man vermuthet, daß die Wettrennen unge - wöhnlich brillant ſeyn werden, da ſie der König dies - mal beſucht, und Pferde von ihm Theil daran nehmen.

Nach einer raſchen Fahrt von 25 engliſchen Meilen, zum Theil durch den Park von Windſor, hinter dem ſich das Schloß, die alte Reſidenz ſo vieler Könige, erhebt erreichten wir die weite und dürre Haide von Ascott, wo die Wettrennen ſtatt finden. Der Platz bot ganz das Bild eines Luftlagers dar. Un - abſehbare Reihen von Zelten für Pferde und Men - ſchen, Wagenburgen längs der Rennbahn, größten -4*52theils mit ſchönen Damen beſetzt, häuſerhohe Gerüſte in drei, vier Etagen übereinander, mit der Loge des Königs am Ziele alles dies durch 20 30,000 Menſchen belebt, von denen Viele ſchon ſeit ſechs Tagen hier ſtationiren. Dies ſind ohngefähr die Hauptzüge des Gemäldes. Das eine Quartier bil - det den Markt, wo ſich unter den übrigen Buden und Zelten, gemäß einer alten Freiheit, auch vielfache Arten von Hazardſpielen befinden, welche ſonſt ſtreng verboten ſind. Doch mehr als Pluto wird noch der holden Venus geopfert, und nirgends ſind Intriguen unbemerkter anzuſpinnen. Die Damen in den - gen ſind dabei täglich mit Champagner und vortreff - lichem Frühſtück reichlich verſehen, was ſie ſehr gaſt - freundlich austheilen. Ich fand viele alte Freunde, und machte auch einige neue Bekanntſchaften, unter andern die einer höchſt liebenswürdigen Frau, Lady G ...., die mich nach ihrer Cottage mit R .... zum Eſſen einlud. Als daher um 6 Uhr die Races für heute beendigt waren, fuhren wir durch eine wun - derſchöne Gegend, deren Baum-Reichthum ihr, ohnge - achtet der bebauten Fluren, das Anſehen eines culti - virten Waldes giebt, nach T .... Park. Wir kamen früher an, als die Familie ſelbſt, und fanden das Haus zwar offen, doch ohne einen Diener oder ein anderes lebendiges Weſen darin. Es war wie die bezauberte Wohnung einer Fee, denn einen reizende - ren Aufenthalt kann es nicht geben! Hätteſt Du es nur ſehen können. Auf einem Hügel, unter den prachtvollſten uralten Bäumen halb verborgen, lag53 ein Haus, deſſen vielfache Vorſprünge, zu verſchiede - nen Zeiten gebaut, und da und dort durch Gebüſch verſteckt, nirgends erlaubten, ſeine ganze Form auf einmal ins Auge zu faſſen. Eine gallerieartige Ro - ſenlaube, von hundert Blumen ſtrotzend, führte di - rekt in das Vorzimmer, und durch einige andere Pieçen und einen Corridor gelangten wir dann in den Eßſaal, wo ſchon eine reiche Tafel gedeckt ſtand, aber immer noch kein Menſch zu erblicken war. Hier lag die Gartenſeite vor uns, ein wahres Paradies, von der Abendſonne reich beleuchtet. Am ganzen Hauſe entlang, bald vorſpringend, bald zurücktretend, wechſelten Verandas von verſchiedenen Formen und mit verſchiedenen blühenden Gewächſen berankt, mit einander ab, und dienten dem bunteſten Blumengar - ten zur Bordure, der den Abhang des Hügels durch - aus bedeckte. An ihn ſchloß ſich ein tiefes und ſchma - les Wieſenthal, hinter dem ſich das Terrain wieder zu einem höheren Bergrücken erhob, deſſen Abhang mit uralten Buchen beſetzt war. Am Ende des Tha - les links ſchloß Waſſer die nächſte Ausſicht. In der Ferne ſahen wir über den Baumkronen den round tower (runden Thurm) von Windſor Caſtle mit der darauf gepflanzten koloſſalen königlichen Fahne, in die blaue Luft emporſteigen. Er allein erinnerte in dieſer Einſamkeit daran, daß hier nicht bloß die Na - tur und eine wohlthätige Fee walte, ſondern auch Menſchen mit ihrer Freude, ihrer Noth und ihrem Glanz ſich hier angeſiedelt! Wie ein Leuchtthurm des Ehrgeizes ſchaute er auf die friedliche Hütte herab,54 verlockend zu einem höheren trügeriſchen Genuß doch wer dieſen erreicht, erkauft ihn nur mit ſchwe - rem Verluſt! Friede und Ruhe bleiben zurück in des Thales trauter Stille.

Ich wurde bald in meiner poetiſchen Exſtaſe durch die ſchöne Wirthin unterbrochen, die ſich an unſerer Schilderung des verzauberten Schloſſes ſehr ergötzte, und nun ſogleich ſelbſt dafür ſorgte, daß uns Stu - ben angewieſen wurden, um unſerer Toilette obzulie - gen, die der Staub und die Hitze des Tages ſehr - thig machten. Ein excellentes Diné mit geeistem Champain und vortrefflichen Früchten wurde mit Ver - gnügen angenommen, und hielt uns bis um Mitter - nacht bei Tiſch. Caffee und Thee mit Muſik nahmen noch ein paar andere Stunden hinweg, und, auf - richtig geſagt, die letzte, ich meine die Muſik, hätten wir der Familie gern erlaſſen. Meine Verdauung wurde weſentlich durch die ungeheure Anſtrengung geſtört, mit der ich das Lachen, in einer wahren Agonie, unterdrücken mußte, als die alte Mutter der Hausfrau ſich zuletzt ans Clavier ſetzte, und uns eine Arie aus ihrer Jugend, von Rouſſeaus Compo - ſition, zum beſten gab, an deren Refrain: Je t’aimerai toujours ich ebenfalls Zeit meines Lebens denken werde. Sie benutzte nämlich das ai jedesmal zu einem Trillo, der im Anfang dem Mekkern eines Lammes glich, dann eine Zeitlang der Lachtaube nach - ahmte, und mit der Cadenze eines balzenden Auer - hahns endete. Das Lied ſchien unendlich, der junge R , der leider eben ſo leicht als ich zum Lachen55 zu bringen iſt, hörte bereits in der Stellung eines Fiedelbogens, mit gewaltſam zuſammengedrücktem Leibe zu, und ſchnitt hinter ſeinem großen Schnurr - barte die ſeltſamſten Grimaſſen. Was mich betrifft, ſo ſuchte ich meiner moraliſchen Kraft hauptſächlich dadurch zu Hülfe zu kommen, daß ich unaufhörlich an Dich, gute Julie, und Deine ſo muſterhafte Con - tenance bei ähnlichen Gelegenheiten dachte. Die Leute waren dabei ſo auſſerordentlich gütig und freundſchaft - lich geweſen, daß ich wahrhaftig lieber hätte Blut weinen, als über ſie lachen mögen; aber was ſoll man anfangen, wenn der Sinnenreiz unwiderſtehlich wird! Die Annäherung der ominöſen Stelle war immer eine furchtbare Epoche für mich. Ich betete förmlich zu Gott, er möge die gute Alte doch regie - ren, nur diesmal Je t’aimerai toujours ohne Ver - zierung abzukrähen. Aber vergeblich; kaum war das verhängnißvolle ai angeſchlagen, ſo folgte auch im - manquablement der unbarmherzige Trillo. Beim 7ten Verſe konnte ich es nicht mehr aushalten, Rouſ - ſeau ſchien mir zum erſtenmale wahrhaft unſterblich ich fuhr der Alten, wie die Studenten ſagen, in die Parade, ergriff ihre Hand, ehe ſie die Taſten von neuem anſchlagen konnte, ſchüttelte ſie herzlich, dankte für ihre Güte, verſicherte, ich fühle die Indiscretion, ſie ſo lange zu beläſtigen, drückte gleichfalls die Hand der ſchönen Tochter, (car ce’st l’nsage ici) wie der übrigen Familienmitglieder, und fand mich in einem clin d’oeuil mit R im Wagen, der ſchon ſeit einer Stunde angeſpannt auf uns gewartet hatte. 56Du kannſt Dir denken, daß wir unſre Lachmuskeln mit Bequemlichkeit entſchädigten. Bis Windſor er - götzte uns noch der Nachhall des unnachahmlichen Trillos mich aber erwartete hier, nach ausgelaſ - ſener Luſtigkeit, ein ziemlich unangenehmes Abküh - lungsmittel. Wie ich mich nämlich zu Bett legen wollte, fing B .... zu jammern an, daß ihn doch das Unglück überall verfolgen müſſe!

Nun, was iſt Dir denn geſchehen?

Ach Gott, wenn ich könnte, ich ſagte es gar nicht, aber es muß nun doch heraus.

Nun zum T ... .l, mach ein Ende, was iſt es?

Was kam nun zum Vorſchein? Der confuſe Alte hatte mein Geld, 25 L. St., ihm in einem Beutel von mir übergeben, um es in das Wagenkäſtchen zu thun, anſtatt deſſen in die Taſche geſteckt, und wie der dumme Landjunker von Kotzebue, um ein Glas Bier zu bezahlen, im Gedränge der Buden den Beu - tel herausgenommen, einen Souverain gewechſelt, wie er ſagte, weil er kein kleines Geld mehr hatte, wahrſcheinlich aber um mit der Goldbörſe groß zu thun, und dann den Beutel ſorgfältig wieder einge - ſteckt. Es war ſehr natürlich hier in England, daß er ihn, als er zum Wagen zurückkam, nicht mehr fand. Ein wahres Glück im Unglück iſt es, daß ich noch einiges Geld ſelbſt bei mir trug, und alſo we - nigſtens in keine augenblickliche Verlegenheit geſetzt wurde.

57

Wir beſahen heute früh das Schloß, welches jetzt erſt nach den alten Plänen völlig ausgebaut wird, und bereits die größte und prachtvollſte Reſidenz iſt, die irgend ein europäiſcher Fürſt beſitzt. Die Zeit war zu kurz, das Innere zu beſehen, was ich daher auf ein anderesmal aufſchob. Ich beſuchte blos die Herzogin von C , die hier im großen Thurme wohnt, und eine himmliſche Ausſicht von ihrem hohen Söl - ler genießt. Unter ihrer Dienerſchaft war ein ſchöner griechiſcher Knabe in ſeiner Nationaltracht, Schar - lach, Blau und Gold mit bloßen Schenkeln und Füßen. Er war bei dem Maſſacre von Scio in ei - nen Backofen verſteckt, und ſo gerettet worden. Er iſt jetzt bereits ein vollkommner Engländer geworden, hat aber in der Tournure etwas ungemein Nobles und Ausländiſches beibehalten. Um 1 Uhr begaben wir uns wieder auf den Raceground, und ich erhielt diesmal mein Frühſtück von einer andern Schönheit. Nach dem beendigten Rennfeſte fuhren wir nach Richmond, wo R s Regiment garniſonirt, und verlebten dort mit dem Offizier-Corps einen ſehr lu - ſtigen und geräuſchvollen Abend. Die allgemeine Wohlhabenheit erlaubt hier ein weit luxurieuſeres Leben, denn die Herren verſagen ſich nichts, und ihre mess iſt überall ſervirt, wie bei uns gar oft nicht eine fürſtliche Tafel.

58

Morgen wird das Huſaren-Regiment nebſt einem Regiment Uhlanen vom General-Inſpecteur gemu - ſtert werden, was ich noch abwarten will, bevor ich nach London zurückkehre.

Das Regiment machte ſeine Sachen ſehr gut, mit weniger Affektation, und auch Präciſion vielleicht, als unſere wunderbar dreſſirten dreijährigen Reiter, aber mit mehr ächt militäriſcher Ruhe und langgewohnter Sicherheit, auch alle Evolutionen ſchneller, wegen der vortrefflichen Pferde, mit denen die des Continents doch nicht zu vergleichen ſind. Dabei hat die engliſche Cavallerie an Zäumung und militäriſchem Reiten ſeit dem letzten Kriege durch die darauf gewandte Sorg - falt des Herzogs von Wellington ganz ungemein ge - wonnen. Die Leute hatten ihre Pferde ſo gut in der Gewalt als die beſten der unſrigen. Merkwürdig nach unſern Begriffen war es, die Ungeniertheit zu ſehen, mit der wohl 50 60 Offiziere in Civil-Klei - dern, darunter mehrere Generäle, einige in Stolpen - ſtiefeln und Morgenjacken, die andern im frock coat und bunten Halstüchern die Revue mitmachten und den inſpizirenden General umſchwärmten, der, auſſer dem Regiment ſelbſt, welches inſpizirt wurde, allein mit ſeinen beiden Adjutanten in Uniform erſchie - nen war. Ja ſogar einige übercomplette Offiziere deſ - ſelben Regiments, die gerade nicht im activen Dienſt59 waren, ritten in Civilkleidern und Schuhen mit herum, ein Anblick, der einem .... General vor Erſtaunen den Verſtand koſten könnte. Mit einem Wort, man ſieht hier mehr auf das Reelle, bei uns mehr auf die Form. Hier machen in der That die Kleider den Mann nicht, und dieſe Simplicität iſt zuweilen ſehr impoſant.

R. ſagte mir, daß dieſes Regiment urſprünglich, als die Franzoſen mit Invaſion drohten, von der Londner Schneidergilde errichtet wurde, und im An - fang aus lauter Schneidern beſtand, die ſich jetzt in ſehr tüchtige und martialiſche Huſaren verwandelt, und mit großer Auszeichnung, namentlich bei Belle - Alliance, gefochten haben.

Seit vorgeſtern bin ich denn wieder im alten Gleiſe und debütirte mit vier Bällen und einem Diné bei Lord Caernarvon, wo ich den berühmten Griechen - protektor, Herrn Eynard, fand, deſſen hübſche Frau einen gleichen Enthuſiasmus für die Hellenen an den Tag legte. Geſtern ich bei Eſterhazy, und fand einen jungen Spanier dort, von dem ich gewünſcht hätte, er ſey ein Schauſpieler, um den Don Juan darſtellen zu können, denn er ſchien mir das Ideal dafür zu ſeyn. Mit den Tönen der dramatiſchen Paſta im Ohr, die man jetzt alle Abende irgendwo hört, ging ich zu Bett.

60

Heute war Concert beim großen Herzog, in dem der alte Veluti wie ein Capaun krähte, worüber den - noch Alles in Entzücken gerieth, weil er einſt gut ſang, hier aber noch immer den alten Ruhm uſur - pirt. Dann ging ich auf einen der hübſcheſten Bälle, den ich noch in London geſehen, bei einer vornehmen ſchottiſchen Dame. Der große Saal war unter an - dern ganz mit Papierlampen dekorirt, die ſämmtlich Formen der verſchiedenſten Blumen nachahmten, und ſehr geſchmackvoll gruppirt waren.

Als wir um 6 Uhr bei Sonnenſchein in die Wägen ſtiegen, nahmen ſich die Damen höchſt ſonderbar aus. Keine Fraicheur konnte dieſe Probe beſtehen. Sie changirten Farben wie das Chamäleon. Einige ſa - hen ganz blau, andere ſcheckig, die meiſten leichenar - tig aus, die Locken herabhängend, die Augen glä - ſern. Es war ganz abſcheulich anzuſehen, wie die beim Lampenſchein blühenden Knospen vor den Strah - len der Sonne plötzlich zu entblätterten Roſen ver - blichen. Das Loos des Schönen auf der Erde!

Was ſagſt Du, gute Julie, zu einem Frühſtück, zu dem 2000 Menſchen eingeladen ſind? Ein ſolches fand heute ſtatt in den horticultural gardens, die groß genug ſind, um ſo viel Menſchen bequem zu faſſen. Indeß ging es doch nicht ohne fürchterliches Gedränge bei den Eßzelten ab, beſonders da, wo61 die Ausſtellung der Früchte ſtatt fand, die zu einer beſtimmten Stunde Preis gegeben, und dann auch im Nu höchſt unanſtändig verſchlungen wurden. Man ſah dort eine Providence-Annanas, die 11 Pfund wog, hochrothe und grüne, von nicht viel geringern Di - menſionen, Erdbeeren von der Größe kleiner Aepfel, überhaupt die ſeltenſte Auswahl der koſtbarſten Früchte. Auch war im Ganzen das Feſt heiter und in ange - nehmen ländlichem Charakter.

Der glatte Raſen und die Menge geputzter Men - ſchen darauf, die Zelte und Gruppen in den Büſchen, eine ungeheure Maſſe von Roſen und Blumen aller Art, gaben den freundlichſten Anblick. Ich war mit unſerm Geſandten hingefahren, mit dem ich auch um 7 Uhr Abends wieder zurückkehrte. Wir mußten über die Induſtrie eines Irländers lachen, der ſich das Air gab, uns mit einer Laterne, in der natürlich kein Licht brannte, da es heller Tag war, zum Wagen zu leuchten, und ſich durch dieſen Spaß bei den Froh - geſinnten und Gutmüthigen einige Schillinge erwarb. Unterwegs rief ihm einer ſeiner engliſchen Kamera - den zu: Du führſt wahrlich großmüthige Leute! O, ſagte er, wenn ich ſie dafür nicht kennte, ginge ich auch nicht mit ihnen. Originell waren auch die Tyroler Sänger, die hier ſehr Mode geworden ſind, Alle, ſelbſt den König, der mit ihnen deutſch ſpricht, Du nennen, und keine falſche Menſchenfurcht kennen. Es ſieht komiſch genug aus, wenn einer von ihnen auf den Fürſten Eſterhazy losgehr, deſſen patriotiſcher Protektion ſie ihre große Vogue hauptſächlich verdan -62 ken, ihm die Hand reicht, und ihm zuruft: Nun, was machſt Du Eſterhazy? Das Weibchen, welches ſich unter dieſen Tyroler Wunderthieren befindet, kam heute auch auf mich zu und ſagte: Dich habe ich mir ſchon lange angeſehen, denn Du ſiehſt meinem lieben John ſo ähnlich, daß ich Dir einen Kuß geben will. Die Offerte war eben nicht ſehr einladend, denn das Mädchen iſt häßlich, da ſie aber auch Se. Majeſtät geküßt hat, auf welche Scene eine gute Carrikatur in den Handel gekommen iſt, ſo findet man jetzt die Zumuthung ſchmeichelhaft.

Der Herzog von Northumberland hatte die Güte, mir dieſen Morgen ſeinen ſehenswerthen Palaſt en detail zu zeigen. Ich fand hier etwas, was ich lange vergebens zu ſehen gewünſcht, nämlich ein Haus, in dem, bei hoher Pracht und Eleganz, das Größte wie das Kleinſte mit völlig gleicher Sorgfalt und Voll - kommenheit ausgeführt iſt ou rien ne cloche.

Ein ſolches Ideal iſt wirklich hier erreicht. Man findet auch nicht die geringſte Kleinigkeit vernachläſ - ſigt, keine ſchiefe Linie, keinen Schmutzfleck, nichts Fanirtes, nichts aus der Façon Gekommenes, nichts Abgenutztes, nichts Unächtes, kein Meuble, keine Thüre, kein Fenſter, das nicht in ſeiner Art ein wahres Mei - ſterſtück der Arbeit darböte.

Dieſe außerordentliche Gediegenheit hat freilich mehrere Hunderttauſend Pfd. St. und gewiß nicht ge -63 ringe Mühe gekoſtet, aber ſie iſt auch vielleicht einzig in ihrer Art. Die reichſte Ausſchmückung von Kunſt - ſchätzen und Curioſitäten aller Art fehlt ebenfalls nicht. Die Auſſtellung der letzteren in, mit violettem Sammt ausgeſchlagenen, Terraſſenſchränken, hinter Spiegelgläſern aus einem Stück, war ſehr geſchmack - voll. Beſonders auffallend iſt die große Marmor - treppe, mit einem Geländer aus vergoldeter Bronze. Die Wange von polirtem Mahonyholz, welche das Geländer deckt, bietet eine ganz eigenthümliche Merk - würdigkeit dar. Es iſt nämlich durch eine Vorrich - tung, die noch ein Geheimniß iſt, das Holz ſo be - handelt, daß es durchaus unmöglich iſt, auf der gan - zen Länge der mehrmals gewundenen Treppe irgendwo auch nur die mindeſte Spur einer Fuge zu entdecken. Das Ganze ſcheint aus einem Stück zu ſeyn, oder iſt es wirklich.

Eine andere Sonderbarkeit iſt eine falſche portc cochêre in der äußern Hausmauer, die nur bei Fe - ſten für den größern Andrang der Wagen geöffnet wird, und wenn ſie zu iſt, in der Façade nicht mehr aufgefunden wird. Sie iſt von Eiſen, und durch den Anwurf einer Steincompoſition und ein falſches Fenſter ſo vollſtändig maskirt, daß man ſie von dem übrigen Hauſe nicht unterſcheiden kann. Ueber die Gemälde ein andermal mehr.

Bei’m Herzog von Clarence lernte ich Abends ei - nen intereſſanten Mann kennen, Sir Gore Ouſely, den letzten Ambaſſadeur in Perſien, den der Verfaſ - ſer des Hadjé Baba, Herr Morier, als Legations - Sekretär begleitete.

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Ich muß Dir ein paar, jenes Land charakteriſi - rende Anekdoten mittheilen, die ich von ihm erzäh - len hörte.

Der jetzige Schach wurde von ſeinem erſten Mini - ſter Ibrahim Chan, der ihn früher auf den Thron geſetzt, als er noch ein Kind war, lange in ſolcher Abhängigkeit erhalten, daß er nur dem Namen nach regierte. Es war ihm um ſo unmöglicher, Wider - ſtand zu leiſten, da jede Gouverneurſtelle der Pro - vinzen und erſten Städte des Reichs ohne Ausnahme durch Verwandte und Creaturen des Miniſters be - ſetzt worden war. Endlich beſchloß der König, um jeden Preis ſich einer ſolchen Sklaverei zu entziehen, und wählte folgendes energiſche Mittel dazu, welches den ächten orientaliſchen Charakter an ſich trägt. Es exiſtirt nämlich, nach den alten Geſetzen des Reichs, eine Klaſſe Soldaten in Perſien, die in allen Hauptſtädten nur ſparſam vertheilt iſt, und des - nigs Garde heißt. Dieſe befolgen keine andern Be - fehle als ſolche, welche unmittelbar vom König ſelbſt gegeben werden, und mit ſeinem Handſiegel unter - zeichnet ſind, daher auch dieſe Garden allein vom alles beherrſchenden Miniſter unabhängig geblieben waren, und die einzige ſichere Stütze des Throns bildeten. An die Chefs dieſer Vertrauten erließ der König nun im Geheim ſelbſt geſchriebene Befehle, die dahin lauteten, an einem gewiſſen Tage und Stunde alle Verwandte Ibrahims im ganzen Reiche zu ermorden. Als die bezeichnete Stunde herannahte, hielt der Schach einen Divan, ſuchte während deſſel - ben Streit mit Ibrahim herbeizuführen, und als die -65 ſer, wie gewöhnlich, einen hohen Ton annahm, be - fahl er ihm, ſich ſofort in das Staatsgefängniß zu begeben. Der Miniſter lächelte, indem er erwiederte: Er werde gehen, der König möge jedoch bedenken, daß jeder Gouverneur ſeiner Provinzen deshalb Re - chenſchaft von ihm fordern werde. Nicht mehr, Freund Ibrahim, rief der König heiter; nicht mehr und indem er ſeine engliſche Uhr hervorzog und dem betretenen Miniſter einen verderbenden Blick zuwarf, ſetzte er kaltblütig hinzu: In dieſer Minute hat der letzte Deines Blutes zu athmen aufgehört, und Du wirſt ihm folgen. Und ſo geſchah es.

Die zweite Anekdote zeigt, daß der König zugleich nach dem Prinzip der franzöſiſchen chanson handelte, welche ſagt: quand on â dépeuplé la terre, il faut la répeupler après.

Sir Gore bat bei ſeiner Abſchieds-Audienz den König, ihm gnädigſt zu ſagen, wie viel Kinder er habe, um über einen ſo intereſſanten Umſtand ſeinem eignen Monarchen Rechenſchaft geben zu können, wenn dieſer ſich darnach, wie zu vermuthen ſtehe, erkundigen ſollte. Hundert vier und fünfzig Söhne, erwiederte der Schach. Darf ich nochmals Ew. Ma - jeſtät zu fragen wagen, wie viel Kinder? Das Wort Mädchen durfte er nach der orientaliſchen Etikette nicht ausſprechen, und die Frage überhaupt war ſchon nach dortigen Anſichten faſt eine Beleidigung. Der König indeß, der Sir Gore ſehr wohl wollte, nahm es nicht übel auf. Aha ich verſtehe, lachte er ihm zu, und rief nun ſeinen oberſten Verſchnittenen her - bei: Muſa! wie viel Töchter habe ich? König derBriefe eines Verſtorbenen. IV. 566Könige, antwortete Muſa, ſich auf ſein Angeſicht niederwerfend: Fünfhundert und Sechzig. Als Sir Gore Ouſely dieſe Unterredung in Petersburg der Kaiſerin Mutter erzählte, rief dieſe bloß aus: Ah le monstre!

Da die Seaſon ſich nun (Gottlob!) ihrem Ende naht, ſo gedenke ich in Kurzem eine Reiſe nach dem Norden von England und Schottland anzutreten, wohin ich auch mehrere Einlandungen erhalten habe, mich aber lieber in Freiheit erhalten will, um das Land â ma guise zu durchſtreifen, wenn es Zeit und Um - ſtände erlauben.

Wir hatten heute einen der ſchönſten Tage, ſeit ich in England bin, und als ich Abends vom Lande zurückkehrte, wo ich zeitig beim Grafen Münſter ge - ſpeist, ſah ich zum erſtenmale hier eine italieniſche Beleuchtung der Ferne mit Blau und Lila ſo reich geſchmückt, wie ein Gemälde Claude’s.

Apropos, als Notiz zur Nachahmung muß ich Dir noch einen ſehr hübſchen Blumentiſch der Gräfin beſchreiben. Die Platte iſt kryſtallhelles Glas, dar - unter ein tiefer Tiſchkaſten, in welchen feuchter Sand gethan wird, und ein feines Drahtnetz darüber ge - legt, in deſſen Zwiſchenräume man dicht, eine neben der andern, friſche Blumen ſteckt. So ſchiebt man den Kaſten wieder ein, und hat nun zum Schreiben und Arbeiten das ſchönſte Blumengemälde vor ſich. Will man ſich aber am Dufte erlaben, ſo ſchlägt man67 den Glasdeckel auf, oder nimmt ihn ganz weg, wozu er eingerichtet iſt.

Die Kinderbälle ſind in dieſer Seaſon ſehr an der Tagesordnung, und ich beſuchte Abends einen der hübſcheſten dieſer Art bei Lady Jerſey. Dieſe vornehmen nordiſchen Kinder waren alle möglichſt aufgeputzt; und viele nicht ohne Grazie, aber es that mir ordentlich weh, zu bemerken, wie ſehr ſie ſchon aufgehört hatten, Kinder zu ſeyn, denn die armen Dinger waren größtentheils ſchon eben ſo unnatür - lich, ſo unluſtig, und ſo mit ſich ſelbſt beſchäftigt, als wir größern Figuren um ſie her. Italieniſche Bauernkinder würden hundertmal liebenswürdiger geweſen ſeyn. Nur beim Eſſen erſchien der ange - borne Trieb wieder offner und ungenirter, und die durchbrechende Sinnlichkeit ſetzte die Natur wieder in ihre Rechte ein. Das hübſcheſte und reinſte die - ſer Naturgefühle war die Zärtlichkeit der Mütter, die ſich ohne Affektation in ihren glänzenden Blicken verrieth, und manche Häßliche ſehr leidlich erſcheinen machte, die Schönen aber zu höherer Schönheit ver - klärte.

Ein zweiter Ball bei Lady R bot nur die hundertſte Wiederholung des gewöhnlichen ſtupiden Gedränges dar, in dem der arme Prinz B., für deſſen Korpulenz dieſe Preſſe nicht geeignet iſt, ohnmächtig geworden war, und auf das Treppengeländer gelehnt, wie ein abſtehender Karpfen nach Luft ſchnappte. Vergnügen und Glück werden doch auf ſehr ſeltſame Weiſe in der Welt geſucht.

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Um eine einſame Fiſchmahlzeit zu machen, ritt ich Nachmittag, nach einem großen Umweg gen Green - witch. Die Ausſicht von der dortigen Sternwarte iſt be - ſonders dadurch merkwürdig, daß das ganze Stück Erde, welches man überſieht, faſt nur von der Stadt Lon - don eingenommen wird, denn immer weiter und wei - ter breitet ſie ſeit Jahren ihre Polypenarme aus, und verſchlingt einen der kleinen Oerter, die ſie umgeben, nach dem andern. Freilich für eine Population, die bald der des Königreichs