PRIMS Full-text transcription (HTML)
Maler Nolten.
Novelle in zwei Theilen
Mit einer Muſikbeilage.
II.
Stuttgart. E. Schweizerbart’s Verlagshandlung.1832.
[323]

Leopold ging unter tiefen Betrachtungen nach der Stadt zurück. Er kommt an dem Garten des wun - derlichen Hofraths vorbei. Der Liebling des Leztern, ein zahmer Staar, ſizt auf dem Spitz-Dache eines Pump - brunnens, über den ſich eine Trauerweide neigt. Der Vogel ſtimmt, eben wie Leopold vorüber will, ſein Stückchen an, mit einem ſpöttiſchen Zwiſchenruf, der offenbar ihm gilt: Es reiten drei Spitzbub zum Thore hinaus; zugleich wird das gepuderte Haupt des Hofraths ſichtbar; derſelbe erſucht den Bildhauer, einen Augenblick hereinzutreten. Ich habe eine Neuig - keit, ſagt er, über deren angenehmen Inhalt Sie wohl dem Flegel da droben ſeine Unart vergeſſen werden. Monſieur Larkens wurde den Morgen ſchnell zu einem Verhöre berufen. Man darf ſich auf ein er - wünſchtes Reſultat gefaßt halten; mir ward nur en paſſant und ganz im Allgemeinen, jedoch von ſicherer Hand ein Wink gegeben. Bringen Sie den Leutchen dieſen Troſt, ſagen es aber nicht weiter. Voll Freu - den dankte der Bildhauer und wollte eilends gehn, als der Hofrath, der heute ſeinen ſchönen Tag hatte, ihn noch am Rockknopf feſthielt und ſagte: Widmen Sie doch dem Burſchen da droben noch einen Blick! Be -324 merken Sie die philoſophiſche Klarheit, den feinen Sarkasmus, womit dieſer Schnabel in die Welt hin - ausſticht! Stellen wir uns nun etwa unter der Brun - nen-Pyramide ein Monument, ein Grabmal vor, ſo wäre es dem elegiſchen Geſchmack ohne Zweifel ge - mäßer, in den hängenden Weidenzweigen ſich Philo - melen, die ſüße Sängerin der Wehmuth und der Liebe, zu denken, als den gebildetſten Staaren, deſſen bloße Figur ſchon viel zu viel vom Weltmann hat. In - deſſen, dünkt mich, wäre ein Hanswurſt, gedankenvoll auf einem Sarkophagen ſitzend, eine ſo üble Vorſtel - lung auch nicht, vielleicht ein Gegenſtand für einen Hogarth. Man gäbe dem Coujon etwa ein ſchlafen - des Kind auf den Schoos und hinter ſeinem Rücken würde, halb zürnend halb lächelnd, ein eisgrauer Alter am Stabe das ſonderbare Selbſtgeſpräch belauſchen. Des Narren Geſicht müßte zeigen, wie er ſich Mühe gibt, recht tiefſinnig und ernſthaft zu ſeyn; aber es geht nicht, und das bedeutendſte Kopfſchütteln wird jedes Mal von der Schellenkappe begleitet. Was mei - nen Sie nun? der geflügelte Schlingel dort, welcher geſtern das Unglück gehabt, ich weiß weder wo noch wie, in einen Topf mit gelber Oelfarbe zu fallen, da - von er die Spuren noch trägt gleicht er denn nicht auf’s Haar ſo einem buntſchäkigen Allerweltsſpötter? Iſt es nicht ein unvergleichlicher Junge?

Der Bildhauer mußte dem Vogel eine Lobrede halten, war aber endlich nur froh, loszukommen und ſich bei den Freunden ſeiner glücklichen Zeitung zu entledigen.

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Wirklich gingen nicht vier Tage hin, als den Gefangenen bereits ihre Losſprechung eröffnet ward. Man hatte bei keinem von Beiden eine bösliche Ab - ſicht, wohl aber eine ſtrafbare Unziemlichkeit in ihrer Handlungsweiſe entdeckt, wofür ihnen die Gnade des Königs Verzeihung zuerkannte.

Sämmtliche Freunde fanden dieß ganz in der Regel, nur den Schauſpieler ſchien die ſchnelle Wen - dung der Sache zu befremden, er ſchüttelte den Kopf, indem er nicht undeutlich zu verſtehen gab, daß da - hinter irgend etwas ſtecken müſſe; übrigens äußerte er weiter keine Vermuthung und theilte von Herzen den allgemeinen Jubel.

Der Augenblick, in dem er Nolten zum Erſten - male wieder, obgleich am Krankenbett begrüßte, riß Jeden, der zugegen war, zu Rührung und Freude hin. Nie hatte man eine leidenſchaftlichere Freundſchaft geſehen, und wenn ſonſt Larkens die Vermeidung jedes Anſcheins von Empfindſamkeit beinahe bis zur Härte trieb, ſo ward er jezt nicht ſatt, den Kranken zu umarmen und zu küſſen, ihm auf’s Beweglichſte den Unfall abzubitten, deſſen er ſich allein anklagte. Zum Glück verſprach der Arzt, daß Nolten in kur - zer Zeit völligen Gebrauch von ſeiner Freiheit würde machen können, ja der Kranke ſelber ſchwur, es fehle gar nicht viel, ſo hätte er wohl Luſt, ſich heute ſchon auf die Füße zu richten; zum wenigſten wollte er aus dem traurigen Arreſtzimmer erlöst ſeyn und müßte326 man ihn auch ſammt dem Bette wegtragen. Lar - kens nahm gleich den Schließer auf die Seite, ließ ſich die nächſtgelegenen Zimmer weiſen und kam bald mit der luſtigen Botſchaft wieder, er habe nur we - nige Schritte von Theobalds Zelle ein Lokal ent - deckt, darüber in der Welt Nichts gehe: einen kleinen getäfelten Ritterſaal mit einem Erker, der die ſchönſte Ausſicht im ganzen Schloß darbiete. Sodann beſchrieb er den alterthümlichen Reiz der vielfach verzierten eichenen Wände, eine Reihe von lebensgroß in Holz geſchnizten Grafen und Herzogen mit ihren Wappen - ſchildern und Sinnſprüchen, die hölzerne Decke, auf welcher, in gleiche Quadrate getheilt, die halbe bib - liſche Hiſtorie in rührender Geſchmackloſigkeit gemalt zu ſchauen, zwei rieſenhafte Ofen, die man im Noth - fall beide heitzen würde; daneben in einer Ecke lehne ein Haufen roſtiger Waffen, an deren Schwere der Patient von Tag zu Tage ſeine zunehmenden Kräfte prüfen müſſe; auch ſtünden ein paar kleine Feuer - ſpritzen bereit, und er behalte ſich vor, dieſelben an dem Tage, wo man Befreiung und Geneſung feſtlich begehen würde, mit Tokaier füllen zu laſſen, denn da müſſe der Wein recht eigentlich in Strömen fließen. Sprach er das Leztere im Scherz, ſo war es ihm mit der Verlegung Noltens in den bezeichneten Saal ſo vollkommen Ernſt, daß er noch jenen Mor - gen die Erlaubniß hiezu von Seiten des Verwalters einholte und Anſtalt machte, Alles recht ſauber und327 reinlich herzuſtellen. Der Umzug ging des andern Tages vor ſich, und Nolten mußte geſtehen, er fühle ſich wahrhaft erleichtert und erhoben durch eine ſo heitere als eindrucksvolle Umgebung. Fenſter an Fenſter reihten ſich die langen Wände entlang und die ehmalige Pracht erſtreckte ſich ſelbſt bis auf die kleinen runden Scheiben, deren Blei noch überall die Spuren guter Vergoldung zeigte. Es ſoll der Saal vor Zeiten ſeiner Koſtbarkeit und außerordentlichen Helle wegen, die goldene Laterne geheißen haben.

Einer der erſten Beſuche, deren unſer Freund in ſeiner neuen Wohnung eine große Anzahl erhielt, war Tillſen und der alte Baron von Jaßfeld. Beide hatten während der Gefangenſchaft, vermuthlich aus Rückſicht gegen den Hof, Anſtand genommen, dieſe Pflicht zu erfüllen. Der Schauſpieler konnte eine ſpöttiſche Bemerkung deßhalb nicht unterdrücken, für Theobald aber war wenigſtens der gegenwärtige Beweis von Aufmerkſamkeit um ſo wichtiger, als er eine günſtige Folgerung auf die Geſinnungen der Zarlin’ſchen daraus zog. Allein hierin irrte er ſich, denn gar bald ließ man ihn merken, daß in jenem Hauſe noch immer eine auffallende Verſtimmung herr - ſche, daß er wohl thun würde, ſich vor der Hand durchaus entfernt zu halten. Hiezu war er nun wirk - lich feſt entſchloſſen, beſonders da auch in den folgen - den Tagen von Seiten des Grafen nicht einmal ein trockener Glückwunſch, geſchweige denn, wie doch zu328 erwarten geweſen wäre, ein freundlich Wort an ihn erging.

Unter andern Umſtänden vielleicht hätten dieſe Ausſichten ihn troſtlos gemacht, aber ſo ward ſein Stolz empfindlich gereizt, er ſah ſich unfreundlich, ſchnöde zurückgeſtoßen, und da er wußte, wie wenig von jeher die Gräfin gewohnt geweſen, ſich ihre Ge - fühle und Handlungen durch den Bruder oder ſonſt Jemanden vorſchreiben zu laſſen, ſo konnte er auch ihr jetziges Benehmen keineswegs auf fremde Rech - nung ſetzen. Er glaubte ſich in ſeinen Vorſtellungen von der ungemeinen Denkart dieſes Weibes entſchie - den getäuſcht, zum Erſtenmal fand er an Conſtan - zen die Kleinlichkeit ihres Geſchlechts, die engherzige Pretioſität ihres Standes, ja was noch mehr als dieß, er überzeugte ſich, daß ſie ihn niemals eigentlich ge - liebt haben könne. Er war traurig, allein er wun - derte ſich, daß er es nicht in höherem Grade ſey.

Auf dieſe Art hatte nun freilich der Schauſpie - ler, dem ſehr darum zu thun ſeyn mußte, die Ein - drücke dieſer Leidenſchaft bei Nolten von Grund aus zu vertilgen, bei weitem leichtere Arbeit, als er immer gefürchtet. Er wunderte ſich im Stillen höch - lich über die vernünftige Gelaſſenheit ſeines Freundes, und gab dem Wunſche deſſelben gerne nach, daß von der Sache nicht weiter die Rede ſeyn ſolle.

Uebrigens gab es für Larkens gar mancherlei zu bedenken und auszumitteln. Gleich nach der Hafts -329 entlaſſung war es eine ſeiner erſten Sorgen geweſen, ob jene ſeltſame Eliſabeth, welche vor wenig Tagen von Leopold war auf der Straße geſehen worden, nicht etwa noch in der Nähe ſich befinde: mehrere Gründe ſezten es jedoch außer Zweifel, daß ſie die Stadt bereits wieder verlaſſen. Jezt wünſchte er ſich über den Zuſtand der Gemüther im Zarlin’ſchen Hauſe, ſo wie über den wahren Grund der eilfertigen Erledigung jener anfänglich ſo ernſthaft behandelten Rechtsſache genauer zu unterrichten. Er war um ſo begieriger, als einige heimliche Stimmen ſich verlau - ten ließen, Herzog Adolph habe ſich mit ſeinem fürſtlichen Worte für die Gefangenen verbürgt und ſo den Knoten mit Einemmal zerſchnitten. Dieß fand der Schauſpieler ſo unwahrſcheinlich nicht, ob - gleich der Herzog, wie es ſchien, ſeine Großmuth öffent - lich nicht Wort haben wollte und ſich übrigens jeder Berührung mit ſeinen Schützlingen entzog. Höchſt peinlich empfand daher Larkens ſeine Ungewißheit über dieſen Punkt, ſo wie die Unmöglichkeit, dem Wohlthäter ausdrücklich zu danken, wenn dieſer ſich wirklich in der Perſon des Herzogs verſteckt haben ſollte. Lezteres ward er je länger je mehr überzeugt, und bald geſellte ſich hiezu noch eine weitere, obgleich noch ſehr entfernte Muthmaßung, welche er jedenfalls vor Nolten auf das Sorgfältigſte zu verbergen gu - ten Grund haben mochte. Der Gedanke ſtieg nämlich bei ihm auf, ob nicht Gräfin Conſtanze ſelbſt als330 geheime Triebfeder, zunächſt zu Gunſten Theobalds, durch den Herzog könnte gewirkt haben? Er wußte nicht eigentlich, was ihn auf dieſe Vorſtellung führte, im Allgemeinen aber ſezte er bei Conſtanzen noch immer eine ſtille, ſehr nachhaltige Neigung für Theo - bald voraus, und es war ihm unmöglich, ſie anders als in einem leidenden Zuſtande zu denken.

Eines Morgens findet er ſeinen Freund außer dem Bette unter dem halboffnen Fenſter ſitzen und ſich im kräftigen Strahl der Frühlingsſonne wärmen. Der Schauſpieler drückte laut ſeine Freude über die glücklichen Fortſchritte des Rekonvalescenten aus, wäh - rend Theobald ihm lächelnd mit der Hand Still - ſchweigen zuwinkte, denn der lieblichſte Geſang tönte ſo eben aus dem Zwinger herauf, wo die Tochter des Wärters mit den erſten Gartenarbeiten beſchäftigt war. Sie ſelbſt konnte wegen eines Vorſprungs am Gebäude nicht geſehen werden, deſto vernehmlicher war ihr Liedchen, wovon wir wenigſtens einen Vers anführen wollen.

Frühling läßt ſein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte,
Süße wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land;
Veilchen träumen ſchon,
Wollen balde kommen;
Horch, von fern ein leiſer Harfenton!
Frühling, ja du biſt’s!
Frühling, ja du biſt’s!
Dich hab ich vernommen!
331

Die Strophen bezeichneten ganz jene zärtlich auf - geregte Stimmung, womit die neue Jahreszeit den Menſchen, und den Geneſenden weit inniger als den Geſunden, heimzuſuchen pflegt. Eine ſeltene Heiter - keit belebte das Geſpräch der beiden Männer, während ihre Blicke ſich fern auf der keimenden Landſchaft er - gingen. Nie war Nolten ſo beredt wie heute, nie der Schauſpieler ſo menſchlich und liebenswürdig ge - weſen. Auf Einmal ſtand der Maler auf, ſah dem Freunde lang und ernſt, wie mit abweſenden Gedan - ken, in’s Geſicht, und ſagte dann, indem er ſeine Hände auf die Schultern des Andern legte, im ruhig - ſten Tone: Soll ich dir geſtehen, Alter, daß dieß der glücklichſte Tag meines Lebens iſt, ja daß mir vorkommt, erſt heute fang ich eigentlich zu leben an? Begreife mich aber. Nicht dieſe erquickende Sonne iſt es allein, nicht dieſer junge Hauch der Welt und nicht deine belebende Gegenwart. Sieh, das Gefühl, wo - von ich rede, lag in der lezten Zeit ſchon beinahe reif in mir; ich kann nicht ſagen, daß es die Folge langer Ueberlegung ſey, doch ruht es auf dem klarſten und nüchternſten Bewußtſeyn und iſt ſo wahr als ich nur ſelber wirklich bin. Es hat ſich mir in dieſen Tagen die Geſtalt meiner Vergangenheit, mein inneres und äußeres Geſchick, von ſelber wie im Spiegel auf - gedrungen und es war das Erſtemal, daß mir die Bedeutung meines Lebens, von ſeinen erſten Anfängen an, ſo unzweideutig vor Augen lag. Auch konnte das332 und durfte nicht wohl früher ſeyn. Ich mußte ge - wiſſe Zeiträume wie blindlings durchleben, vielleicht geht es mit den folgenden nicht anders und vielleicht iſt das bei den meiſten Menſchen ſo; aber auf den kurzen Moment, wo die Richtung meiner Bahn ſich verändert, wurde mir die Binde abgenommen, ich darf mich frei umſchauen, als wie zu eigner Wahl, und freue mich, daß, indem eine Gottheit mich führt, ich doch eigentlich nur meines Willens, meines Gedankens mir bewußt bin. Die Macht, welche mich nöthigt, ſteht nicht als eigenſinniger Treiber unſichtbar hinter mir, ſie ſchwebt vor mir, in mir iſt ſie, mir däucht, als hätt ich von Ewigkeit her mich mit ihr darüber verſtändigt, wohin wir zuſammen gehen wollen, als wäre mir dieſer Plan nur durch die endliche Beſchrän - kung meines Daſeyns weit aus dem Gedächtniß ge - rückt worden, und nur zuweilen käme mir mit tiefem Staunen die dunkle wunderbare Erinnerung daran zurück. Der Menſch rollt ſeinen Wagen wohin es ihm beliebt, aber unter den Rädern dreht ſich un - merklich die Kugel, die er befährt. So ſehe ich mich jezt an einem Ziele, wornach ich nie geſtrebt hatte, und das ich mir niemals hatte träumen laſſen. Vor wenig Wochen noch ſchien ich ſo weit davon entfernt! Manches, was mir ſo lang als nothwendige Bedin - gung meines Glücks, meines vollendeten Weſens er - ſchienen war, was ich mit unglaublicher Leidenſchaft genährt und gepflegt hatte, liegt nun wie todte Schaale333 von mir abgefallen; ſo iſt Conſtanze mir nicht viel mehr als noch ein bloßer Name, ſo iſt mir ſchon früher jene Agnes untergeſunken.

Große Verluſte ſind es hauptſächlich, welche dem Menſchen die höhere Aufgabe ſeines Daſeyns unwi - derſtehlich nahe bringen, durch ſie lernt er dasjenige kennen und ſchätzen, was weſentlich zu ſeinem Frieden dient. Ich habe viel verloren, ich fühle mich unſäg - lich arm, und eben in dieſer Armuth fühle ich mir einen unendlichen Reichthum. Nichts bleibt mir übrig, als die Kunſt, aber ganz erfahr ich nun auch ihren hei - ligen Werth. Nachdem ſo lange ein fremdes Feuer mein Inneres durchtobt und mich von Grunde aus ge - reinigt hat, iſt es tief ſtill in mir geworden, und lang - ſam ſpannen alle meine Kräfte ſich an, in feierlicher Er - wartung der Dinge, die nun kommen ſollen. Eine neue Epoche iſt für mich angebrochen, und, ſo Gott will, wird die Welt die Früchte bald erleben. Siehſt du, ich könnte dir die hellen Freudethränen weinen, wenn ich dran denke, wie ich mit Nächſtem zum Erſtenmale wie - der den Pinſel ergreifen werde. Viel hundert neue, nie geſehene Geſtalten entwickeln ſich in mir, ein ſeliges Gewühle, und wecken die Sehnſucht nach tüchtiger Ar - beit. Befreit von der Herzensnoth jeder ängſtlichen Leidenſchaft, beſizt mich nur ein einziger gewaltiger Affekt. Faſt glaub ich wieder der Knabe zu ſeyn, der auf des Vaters Bühne vor jenem wunderbaren Ge - mälde wie vor dem Genius der Kunſt geknieet, ſo jung334 und fromm und ungetheilt iſt jezt meine Inbrunſt für dieſen göttlichen Beruf. Es bleibt mir nichts zu wün - ſchen übrig, da ich das Allgenügende der Kunſt und jene hohe Einſamkeit empfunden, worin ihr Jünger ſich für immerdar verſenken muß. Ich habe der Welt entſagt, das heißt, ſie darf mir mehr nicht angehören, als mir die Wolke angehört, deren Anblick mir eine alte Sehn - ſucht immer neu erzeugt. Ich ſage nicht, daß jeder Künſtler eben ſo empfinden müſſe, ich ſage nur, daß mir nichts anderes gemäß ſeyn kann. Auf dieſe Reſig - nation hat jede meiner Prüfungen hingedeutet, dieß war der Fingerzeig meines ganzen bisherigen Lebens; es wird mich von nun an nichts mehr irre machen.

Der Maler ſchwieg, ſeine blaſſen Wangen waren von einer leichten Röthe überzogen, er war auf’s Aeußer - ſte bewegt und bemerkte mit Unwillen die Befremdung ſeines Freundes, ſo wie ſein zweifelhaftes Lächeln, das jedoch weniger Spott als die Verlegenheit ausdrückte, was er auf Theobalds höchſt unerwartete Erklärung erwidern ſollte.

Darf ich, fing Larkens an, darf ich aufrichtig ſeyn, ſo läugne ich nicht, mir kommt es vor, mein Nolten habe ſich zu keiner andern Zeit weniger auf ſich ſelber verſtanden, als gerade jezt, da er plötzlich wie durch Inſpiration zum einzig wahren Begriff ſein Selbſt gelangt zu ſeyn glaubt. Weiß ich es doch aus eigener Erfahrung, wie gerne ſich der Menſch, der alte Taſchenſpieler, eine falſche Idee, das Schooskind ſeines335 Egoismus, die Grille ſeiner Feigheit oder ſeines Trotzes, durch ein willkürlich Syſtem ſanktionirt, und wie leicht es ihm wird, einen ſchiefen oder halbwahren Gedanken durch das Wort komplet zu machen. Denn du gibſt mir doch zu

Hör auf! ich bitte dich, rief Theobald leb - haft, hör auf mit dieſem Ton! du machſt, daß ich be - reue, dir mein Innerſtes aufgeſchloſſen, dir das heilig - ſte Gefühl bloßgeſtellt zu haben, das mir kein Menſch unter der Sonne von den Lippen gelockt hätte, wenn es der Freund nicht wäre, von dem ich eine liebevolle Theilnahme an meiner Sinnesart erwarten durfte, ſelbſt wenn ſie der ſeinigen zuwider liefe. Höre, ich kenne dich als einen verſtändigen und klugen Mann, nur was gewiſſe Dinge anbelangt, gewiſſe Eigenheiten eines treuen Gemüths, ſo hätt ich nicht vergeſſen ſollen, daß wir von jeher vergeblich drüber disputirten. Laß uns von dieſem Punkte lieber gleich abgehn und thun, als wäre von Nichts die Rede geweſen; es braucht’s auch nicht, da ich meinen Weg verfolgen kann, unbeſchadet unſeres bisherigen Verhältniſſes

Doch wirſt du mir nicht zumuthen, antwortete Larkens, ich ſoll dich ſtillſchweigend einer Grille überlaſſen, die dir nur ſchädlich werden kann. Vor der Hand finde ich deinen Irrthum verzeihlich; das Unglück macht den Menſchen einſam und hypochon - driſch, er zieht den Zaun dann gern ſo knapp wie möglich um ſein Häuschen. Ich ſelber könnte wohl336 einmal in dieſen Fall gerathen, nur wär es dann ein Kaſus wahrhaftig ganz verſchieden von dem deinen. Der Herr führt ſeine Heiligen wunderlich. Unſtreitig hat dein Leben viel Bedeutung, allein du nimmſt ſeine Lehren in einem viel zu engen Sinn: du legſt ihm eine Art dämoniſchen Charakter bei, oder, ich weiß nicht was? glaubſt dich gegängelt von einem wunderlichen Spiritus familiaris, der in dei - nes Vaters Rumpelkammer ſpuckt. Ich will mich in dieſe Myſterien nicht miſchen; was Vernünftiges dran iſt, leuchtet mir ein, ſo gut wie dir: nur ſage mir, mein Lieber, du haſt vorhin von Einſamkeit, von Unabhängigkeit geſprochen: je nachdem du das W〈…〉〈…〉 t nimmſt, bin ich ganz einverſtanden. In allem Ernſt, ich glaube, daß deine künſtleriſche Natur, um ihren ungeſchwächten Nerv zu bewahren, ein ſehr bewegtes geſellſchaftliches Leben nicht verträgt. Eben die edel - ſten Keime deiner Originalität erforderten von jeher eine gewiſſe ſtete Temperatur, deren Wechſel ſo viel möglich nur von dir abhängen mußte, eine heimlich melancholiſche Beſchränkung, als graue Folie jener unerklärbar tiefen Herzensfreudigkeit, die ſo recht aus dem innigen Gefühl unſeres Selbſt hervorquillt. Im Ganzen iſt das ſo bei jedem Künſtler von Genie, ich meine bei jedem Künſtler deines Faches, nur weiß der eine mehr, als der andere ſeine Stimmung in die Welt zu theilen. Was aber namentlich die Berüh - rung mit der ſogenannten großen Welt anbelangt, ſo337 war es mir gleich Anfangs eine ausgemachte Sache, daß du dich nie dorthin verlieren würdeſt. Der plötzliche Anlauf, den du mit der Bekanntſchaft des Herzogs genommen, ſchien mir deßhalb der größte Widerſpruch mit dir ſelber. Gewohnt, dich als einen ſeltnen Kna - ben zu betrachten, der ausgerüſtet mit erhabnen Kräf - ten, ſich auf Einmal ungeſchickt und faſt unmächtig fühlen müſſe, ſo bald man ihn in jene blendenden Zirkel hineinzöge, war mir die Geſchmeidigkeit, womit du dich in Kurzem aſſimilirteſt, beinah, wie ſoll ich ſagen? nicht verdächtig, doch höchſt auffallend, und mir ahnete, es würde in die Länge nicht wohl dauern. 〈…〉〈…〉leicht, ſo meint ich, wär es möglich, daß unter ſolchen Influenzen ſich dieß und jenes von ſeiner ur - ſprünglichen Farbe verwiſchte, daß ſein Ehrgeiz eine falſche Richtung nähme, daß er an der Treue gegen ſeinen Genius etwas aufopferte! Kurzum, mich pei - nigte etwas, und wär’s auch nur das thörichte Mit - leid, das einen anwandeln kann, wenn der Kryſtall, losgeriſſen aus ſeiner mütterlichen Nacht, die ſein Wachsthum förderte, in die unkeuſchen Hände der Menſchen fällt. Doch das ſind Poſſen. Aber du ſiehſt nur daraus, ich bin weder bornirt, noch anmaßend, noch leichtſinnig genug, dir dein eigentliches Esse zu beſtreiten und den ſtillen Boden aufzulockern, worin dein Weſen ſeit früheſter Zeit ſo liebevoll Wurzel ge - ſchlagen. Gewiß, ich habe die herrlichſten Früchte daraus hervorgehn ſehen; und Nolten! ſiehſt22338du, es hat dich nicht befremdet noch verdroſſen, wenn du ſeit der ganzen Zeit, als wir uns kennen, nichts von überſchwänglichem Lobe, von enthuſiaſtiſchen Dis - kurſen über den Gang deines Geiſtes und derglei - chen aus meinem Munde vernahmſt; ich bin nun ein - mal wie ich bin. Aber in dieſem Augenblick, wo ſich ſo viel ernſte Betrachtung von ſelbſt aufdringt, du deine Sache gleichſam auf die Spitze ſtellſt, jezt möcht ich wohl, daß die Zunge ſich mir löste, daß ich dir ſagen könnte, wie ich von Anfang an mit einer ſtillen Rührung, mit einer bewundernden Freude deiner Ent - wicklung zugeſchaut, ja gewiß mit mehr Pietät und Sorgfalt, als du mir zuzutrauen ſcheinſt.

Nolten hörte mit zunehmendem Staunen die Bekenntniſſe ſeines Freundes, wodurch er ſich wirklich höher geehrt und herzlicher geſtärkt fühlte, als durch das ruhmvollſte Lob, das ihm irgend ein mächtiger Gönner hätte ſpenden mögen. Er wollte ſo eben et - was erwiedern, als der Schauſpieler fortfuhr:

Laß mich dir Eins anführen. Du erinnerſt dich des Geſprächs, das wir bei einem Spazierritt nach L. zuſammen hatten. Es war der köſtlichſte Abend mit - ten im Juli, die untergehende Sonne warf ihren ro - then Schein auf unſere Geſichter, wir ſchwazten ein Weites und Breites über die Kunſt. Mit jedem Worte ſchloſſeſt du, ohne es zu wollen, mir die Bil - dung deiner Natur vollſtändiger auf, zum Erſtenmal durft ich mich freudig in den innern Kelch deines339 Weſens vertiefen. Es frug ſich, weißt du, über das Verhältniß des tief religiöſen und namentlich des chriſtlichen Künſtlergemüths zum Geiſt der Antike und der poetiſchen Empfindungsweiſe des Alterthums, über die Möglichkeit einer beinahe gleich liebevollen Aus - bildung beider Richtungen in einem und demſelben Subjekte. Ich geſtand dir eine hohe und ſeltne Uni - verſalität zu, wie denn hierüber auch nur Eine Stimme ſeyn kann. Ich überzeugte mich, es ſey für deine Kunſt von Seiten deines chriſtlichen Gefühlslebens, das immerhin doch überwiegend bleibt, nichts zu be - fürchten, ſelbſt wenn zulezt der Argwohn gewiſſer Ze - loten ſich noch rechtfertigen ſollte, die einen heimlichen Anhänger der katholiſchen Kirche und den künftigen Apoſtaten in dir wittern. Du haſt, ſo dacht ich, ein für alle Mal die Blume der Alten rein vom ſchön ſchlanken Stengel abgepflückt, ſie blüht dir unverwelk - lich am Buſen und miſcht ihren ſtärkenden Geruch in deine Phantaſie, du magſt nun malen was du willſt; nichts Enges, nichts Verzwicktes wird jemals von dir ausgehn. Siehſt du, das war mir längſt ſo klar geworden! und ſeh ich nun all den glücklichen Zuſam - menklang deiner Kräfte, und wie willig ſich deine Na - tur finden ließ, jeden herben Gegenſatz in dir zu ſchmelzen, denk ich das unſchätzbare einzige Glück, daß dir die Kunſt ſo frühe, faſt ohne dein Zuthun, als reife Frucht aus den Händen gütiger Götter zu - fiel, die ſich es vorgeſezt zu haben ſcheinen, in dir ein340 Beiſpiel des glücklichſten Menſchen aufzuſtellen ſag mir, ſoll mich’s nicht kränken, toller Junge, ſoll mir’s die Galle nicht ſchütteln, wenn du, vom ſeltſam - ſten Wahne getrieben, mit Gewalt Einſeitigkeit er - zwingen willſt, wo keine iſt, keine ſeyn darf! Ich rede nicht von deiner Stellung zur allgemeinen Welt, darüber kann ja, wie geſagt, kein Streit mehr ſeyn, aber daß du der freundlichſten Seite des Lebens ab - ſterben und einem Glück entſagen willſt, das dir doch ſo natürlich wäre, als irgend einem braven Kerl, das iſt’s, was mich empört. Zwar geb ich gerne zu, dir hat die Liebe nicht ganz zum Beſten mitgeſpielt, ich läugne nicht, daß du ſeit Agnes

Ach, ſo? rief Nolten auf Einmal, wie aus den Wolken gefallen, dahinaus? das war die Abſicht, die du bisher mit ſo viel ſchmeichelhafter Beredtſam - keit glaubteſt vorbereiten zu müſſen?

Sey nicht unbillig, guter Freund! Was ich bis - her zu deinem Ruhm geſprochen haben mag, war mein aufrichtiger baarer Ernſt, und es bedarf wohl der Betheurung nicht erſt zwiſchen uns. Uebrigens magſt du immerhin den Kuppler in mir ſehen, ich halte dieß Geſchäft im gegenwärtigen Falle für ein ſehr löbli - ches und ehrenwerthes. Wo dich eigentlich der Schuh drückt, iſt mir ganz wohl bekannt. Deine Lie - beskalamitäten haben dich auf den Punkt ein wenig revoltirt, nun ziehſt du dich ſchmerzhaft und gekränkt n’s Schneckenhaus zurück und ſagſt dir unterwegs341 zum Troſte: du bringeſt deiner Kunſt ein Opfer. Du fürchteſt den Schmerz der Leidenſchaft, ſo wie das Ueberſchwängliche in ihren Freuden. Zum Teufel aber! was ſoll man von dem Künſtler halten, der zu feige iſt, dieß Beides in ſeinem höchſten Maß auf ſich zu laden? Wie? du, ein Maler, willſt eine Welt hin - ſtellen mit all ihrer tauſendfachen Wonne und Pein, und ſteckſt dir vorſichtig die Grenzen aus, wie weit du wolleſt dich mitfreun und leiden? Ich ſage dir, das heißt die See befahren und ſein Schiff nicht wol - len vom Waſſer netzen laſſen!

Wie du dich übertreibſt! rief Nolten, wie du mir Unrecht thuſt! eben als ob ich mir eine Diä - tetik des Enthuſiasmus erfunden hätte, als ob ich den Künſtler und den Menſchen in zwei Stücke ſchnitte! Der leztere, glaub mir, er mag ſich drehen, wie er will, wird immerhin entbehren müſſen, und ohne das wer triebe da die Kunſt? Iſt ſie denn was an - ders, als ein Verſuch, das zu erſetzen, zu ergänzen, was uns die Wirklichkeit verſagt, zum wenigſten das - jenige doppelt und gereinigt zu genießen, was jene in der That gewährt? Muß demnach Sehnſucht nun einmal das Element des Künſtlers ſeyn, warum bin ich zu tadeln, wenn ich drauf denke, mir dieß Gefühl ſo ungetrübt und jung als möglich zu bewahren, in - dem ich freiwillig verzichte, eh ich verliere, eh ich’s zum zweiten und zum dritten Male dahin kom - men laſſe, daß die gemeine Erfahrung mir mein blü -342 hend Ideal zerpflückt, daß ich, erſättigt und enttäuſcht am Gegenſtande meiner Liebe, zulezt daſtehe arm mit welkem Herzen? Du merkſt, ich rede hier zu - nächſt von dem geprieſenen Glück der Ehe: denn dieß iſt’s doch, um was deine ganze Demonſtration ſich dreht.

Und was gilt es, ich bringe dich noch zurechte, wenn ich nur erſt deine tollen Prätenſionen herabge - ſtimmt habe! Wer heißt dich Ideale im Kopf tragen, wo von Liebe die Rede iſt? Bei allen Grazien und Muſen! ein gutes natürliches Geſchöpf, das dir einen Himmel voll Zärtlichkeit, voll aufopfernder Treu ent - gegenbringt, dir den geſunden Muth erhält, den fri - ſchen Blick in die Welt, dich freundlich losſpannt von der wühlenden Begier einer geſchäftigen Einbildung und dich zur rechten Zeit herauslockt in die helle All - tagsſonne, die doch dem Weiſen wie dem Thoren gleich unentbehrlich iſt was willſt du weiter?

Nolten ſah ſchweigend vor ſich nieder und ſagte endlich: Es gab eine Zeit, wo ich eben ſo dachte. Er waudte ſich erſchüttert auf die Seite, ging mit lebhaften Schritten durch den Saal und ließ ſich dann erſchöpft auf einen entfernten Stuhl nieder.

Der Schauſpieler, nachdem er die Erörterung des ihm über Alles wichtigen Gegenſtands nicht ohne Klug - heit und Nachdruck bis hieher geführt, war voll Be - gierde, den Augenblick zu nutzen, und jezt mit dem Gedanken an Agnes entſchiedener hervorzutreten, mußte jedoch von dieſem Wagniß ganz abſtehen, da er343 bemerkte, wie heftig Nolten angegriffen war; er ſuchte deßhalb das Geſpräch zu wenden, allein es wollte nichts mehr weiter rücken, man war verſtimmt, man mußte zulezt höchſt unbefriedigt ſcheiden.

Seit ſeiner Haftsentlaſſung hatte Larkens ei - nen Entſchluß gefaßt, wovon er bis jezt noch gegen Nolten nichts laut werden ließ. Er wollte auf un - beſtimmte Zeit die Stadt verlaſſen und in’s Ausland gehen. In mehr als Einer Hinſicht ſchien dieß wün - ſchenswerth und nothwendig. Sein Schauſpielkontrakt war ſeit Kurzem zu Ende, der hieſige Aufenthalt war ihm durch die öffentlichen Vorfälle verbittert, der Hof ſelber ſchien ſeine Entfernung, auf eine Zeit wenig - ſtens, nicht ungerne zu ſehen. Aber dringender als dieſes Alles empfand er das eigene Bedürfniß, durch Zerſtreuung, ja durch völlige Entäußerung von ſeiner bisherigen Lebensweiſe ſich innerlich auszubeſſern und auszuheilen. Er entdeckte Theobalden ſeine Abſicht, ſo weit er vor der Hand für räthlich fand, und die - ſer, obgleich höchſt unangenehm dadurch überraſcht und faſt gekränkt, konnte bei genauerer Betrachtung nichts dagegen ſagen.

Wie man aber, ehe an die Zukunft gedacht wird, vor allen Dingen der Gegenwart und der Vergangen - heit ihr Recht erzeigen muß, ſo hatte Larkens im Stillen einen Abend auserſehen, an dem man die Er -344 löſung von ſo mancherlei Unluſt und Fährlichkeit recht fröhlich mit einander feiern wollte. Er beſorgte ein ausgewähltes Abendeſſen und machte ſich’s beſonders zum Vergnügen, die kleine, für ein dutzend Gäſte be - rechnete Tafel auf alle Art mit den früheſten Blumen und Treibhauspflanzen, ſo wie mit den verſchiedenen Ge - ſchenken aufzuputzen, deren ſich eine ziemlich bunte Samm - lung von theilnehmenden Freunden und Gratulanten eingefunden. Was unter dieſen hübſchen und zum Theil koſtbaren Dingen am meiſten figurirte, war eine große Alabaſter-Vaſe von höchſt zierlicher Arbeit, welche für Nolten beſtimmt, in der Mitte des Ti - ſches mit üppigen Gewächſen prangte. Sie war eine Gabe des Malers Tillſen, der ſich heute überhaupt als einen der herzlichſten und redſeligſten erwies. Der wunderliche Hofrath hatte nach ſeiner Weiſe die Ein - ladung nicht angenommen und ſich entſchuldigt, doch zum Beweis, daß er an Andrer Wohlſeyn Antheil nehme, einen Korb mit friſchen Auſtern eingeſchickt. Die übrige Geſellſchaft beſtand meiſt aus Künſtlern.

Unſer Maler, von ſo viel ehrenden Beweiſen der Freundſchaft gleich Anfangs überraſcht und bewegt, hatte gegen eine wehmüthige Empfindung anzukämpfen, die er, eingedenk der heitern Forderung des Augen - blicks, für jezt abweiſen mußte. Die Unterhaltung im Ganzen war mehr munter und ſcherzhaft abſpringend, als ernſt und bedeutend; ja es nahmen die Späße eines gewiſſen Akteurs und Sängers dergeſtalt über -345 hand, daß Jeder eine Weile lang vergaß, ſelbſt etwas Weiteres zur allgemeinen Ergötzlichkeit beizutragen, als daß er aus voller Bruſt mitlachte. Larkens, der Laune ſeines theatraliſchen Kollegen zuerſt nur von Weitem die Hand bietend, wiegte ſich lächelnd auf ſeinem Stuhle, während er zuweilen ein Wort als neuen Zündſtoff zuwarf; bald aber kam auch er in den Zug, und indem er nach ſeiner Gewohnheit einen paradoxen Satz aufſtellte, der Jedermann zum Angriff reizte, wußte er durch den luſtigen Scharfſinn, womit er ihn verfocht, die lebendigſte Bewegung un - ter den ſämmtlichen Gäſten zu bewirken, und immer das Beſte, was in der Natur des Einzelnen verbor - gen lag, war es Gemüth, Erfahrung oder Witz, mit Leichtigkeit hervorzulocken, wodurch denn unvermerkt das Intereſſe des Geſprächs ſich auf das Höchſte ver - mannichfaltigen mußte. Zulezt als man dem Frohſinn ein äußerſtes Genüge geleiſtet, ward Larkens zuſe - hends ſtiller und trüber; er nahm, da man ihn damit aufzog, keinen Anſtand, zu erklären, daß er der glück - lichen Bedeutung dieſes Abends im Stillen noch eine andere für ſich gegeben habe, und daß er ſich die Bitte vorbehalten, es möge nun auch die Geſellſchaft in eben dem beſondern Sinne die lezten Gläſer mit ihm leeren; er werde auf längere oder kürzere Zeit aus der Gegend ſcheiden, um einige lang nicht geſehene Verwandte auf - zuſuchen. Der Vorſatz, ſo natürlich er unter den be - kannten Umſtänden war, erregte gleichwohl großes, bei -346 nahe ſtürmiſches Bedauern, und um ſo mehr, als Ei - nige vermutheten, man werde den geſchäzten Künſtler, den ſich die ganze Stadt ſeit Kurzem erſt gleichſam auf’s Neue wiedergeſchenkt glaubte, bei dieſer Gelegenheit wohl gar für immerdar verlieren, aber Nolten ver - bürgte ſich für die treuen Geſinnungen des Flüchtlings. So wurden denn die Kelche nochmals angefüllt, und unter mancherlei glückwünſchenden Toaſten beſchloß man endlich ſpät in der Nacht das muntere Feſt.

Die Ungeduld, mit welcher von jezt an Larkens ſeinen Abgang betrieb, verhinderte ihn nicht, das fer - nere Schickſal ſeines Freundes zu bedenken, vielmehr wenn er ſich bisher zur ernſtlichſten Aufgabe gemacht hatte, die Neigung Noltens wieder auf die Braut zurückzulenken, wenn er ſich vermittelſt jenes fromm täuſchenden Verkehrs mit Agneſen fortwährend von der Liebenswürdigkeit des Mädchens, von ihrem reinen und ſchönen Verſtande, aber auch von dem natürlichen Verlangen überzeugte, womit, wie billig, ein zärtliches Kind ſich den Geliebten bald für immer in die Arme wünſcht, wenn er Theobalds ganze Verfaſſung, die noch immer drohende Nähe Conſtanzens bedachte, ſo konnte ihm nichts angelegener ſeyn, als dieſem zwei - felhaften Schwanken einen raſchen und kräftigen Aus - ſchlag zu geben. Sein Plan deßhalb ſtand feſt, aber er ſollte erſt nach ſeiner Abreiſe in Wirkung treten, ja es347 war der günſtige Erfolg, deſſen er ſich vollkommen ver - ſichert hielt, gewiſſermaßen auf ſeine Entfernung be - rechnet.

Nun ſchrieb er an Agneſen, und wirklich, er dachte nur ungerne daran, daß es zum lezten Male ſey. Was für ein Thor man doch iſt! rief er aus, indem er nachdenklich die Feder weglegte. Mitunter hat es mich ergözt, von der innerſten Seele dieſes lieblichen Weſens gleichſam Beſitz zu nehmen, und um ſo größer war mein Glück, je mehr ich’s unerkannt und wie ein Dieb genießen konnte. Ich bilde mir ein, das Mädchen wolle mir wohl, während ich ihr in der That ſo viel wie Nichts bedeute; ich ſchütte unter angenommener Firma die ganze Gluth, die lezte, mühſam angefachte Kohle meines abgelebten Herzens auf dieß Papier und ſchmeichle mir was Rechts bei dem Gedanken, daß dieſes Blatt ſie wiederum für mich erwärme. O närriſcher Teufel du! kannſt du nicht morgen verſchollen, geſtorben, be - graben ſeyn, und wächst der Schönen drum auch nur ein Härchen anders? Bei alle dem hat mir die Täu - ſchung wohl gethan, ſie half mir in hundert ſchwülen Augenblicken den Glauben an mich ſelbſt aufrecht er - halten. Es fragt ſich, ob es nicht ähnliche Täuſchun - gen gibt, eben in Bezug auf unſre herrlichſten Gefühle? Uod doch, es ſcheint in Allen etwas zu liegen, das ih - nen einen ewigen Werth verleiht. Geſezt, ich werde dieſem wackern Kinde an keinem Orte der Welt von Angeſicht zu Angeſicht begegnen, geſezt, es bliebe ihr all348 meine warme Theilnahme für immerdar verborgen, ſoll das der Höhe meines glücklichen Gefühls das Mindeſte benehmen können? Wird denn die Freude reiner Zu - neigung, wird das Bewußtſeyn einer braven That nicht dann erſt ein wahrhaft Unendliches und Unveräußer - liches, wenn du damit ganz auf dich ſelbſt zurückgewie - ſen biſt?

Er nahm jezt in Gedanken den herzlichſten Abſchied von dem Mädchen, und weil nach ſeiner Berechnung ſchon ihr nächſter Brief wieder unmittelbar an Nolten kommen ſollte, ſo gab er ihr deßhalb die nöthige Wei - ſung, jedoch ſo, daß ſie dabei nichts weiter denken konnte.

Verrieth nun das Benehmen des Schauſpielers in dieſen lezten Tagen überhaupt eine gewiſſe Unruhe und Beklommenheit, ſo war er bei dem Abſchied von Theo - bald noch weniger im Stande, eine heftige Bewegung zu verbergen, welche, zuſammengehalten mit einigen ſeiner Aeußerungen, auf ein geheimes Vorhaben hinzu - deuten ſchien und unſerm Maler wirklich auf Augen - blicke ein unheimliches Gefühl gab, das denn Larkens nach ſeiner Art, wobei man oft nicht ſagen konnte, ob es Ernſt oder Spaß ſey, ſchnell wieder zu zerſtreuen wußte.

Uebrigens fühlte Nolten die große Lücke, welche durch des Schauſpielers Entfernung nothwendig nach Innen und Außen bei ihm entſtehen mußte, nur allzu - bald, und die vielfachen Nachfragen der Leute zeigten ihm genugſam, daß er nicht als der Einzige bei dieſer349 Veränderung entbehre. Die beiden Freunde Leopold und Ferdinand reiſ’ten indeſſen auch ab, und doppelt und dreifach ward jezt des Malers Verlangen geſchärft, das Gleichgewicht ſeines Weſen vollkommen herzuſtellen. Der Entwurf eines neuen Werkes, wozu die erſte Idee während der Gefangenſchaft bei ihm entſtanden war, lag auf dem Papier, und nun ging es an die Ausfüh - rung mit einer Luſt, mit einem Selbſtvertrauen, der - gleichen er nur in den glücklichſten Jahren ſeines erſten Strebens gehabt zu haben ſich erinnerte. Dennoch mußte er nach und nach bemerken, daß ihm zu einer völligen Freiheit der Seele noch Vieles fehlte; er ward verdrießlich, er ſtellte die Arbeit unwillig zurück, er wußte nicht, was ihn hindere.

Eines Morgens bringt man ihm die Schlüſſel zu den Zimmern des Schauſpielers. Dieſer hatte ſie bei ſeiner Abreiſe einem dritten Freunde mit dem ausdrück - lichen Wunſche hinterlaſſen, daß er ſie erſt nach Verfluß einiger Tage an den Maler ausliefere, welcher dann nicht ſäumen möge, die Zimmer aufzuſchließen und was darin ſich vorfinde, theils in Empfang zu nehmen, theils zu beſorgen. Zugleich erhielt Nolten ein Verzeichniß der ſämmtlichen Effekten, nebſt Angabe ihrer Beſtim - mung. Er ſtuzte nicht wenig über dieſe ſonderbare Kommiſſion und befragte jene Mittelsperſon mit eini - ger Aengſtlichkeit: Was denn das Alles zu bedeuten hätte? Der junge Menſch aber wußte nicht viel weiter Beſcheid zu geben und entfernte ſich bald. Sogleich350 öffnete Nolten die Zimmer, wo er Mobilien, Bücher, Kupferſtiche, Uhren und dergleichen wie ſonſt in der beſten Ordnung fand. Alsbald aber zogen einige an ihn überſchriebene Pakete, die auf einem Tiſchchen be - ſonders hingerüſtet waren, ſeine Augen auf ſich. Ha - ſtig riß er den Brief auf, welcher obenan lag. Gleich bei den erſten Linien gerieth Nolten in die größte Bewegung, es zitterte das Blatt in ſeiner Hand, er mußte inne halten, er las auf’s Neue, bald von vorne, bald aus der Mitte, bald von hinten herein, als müßte er die ganze bit - tere Ladung auf Einmal in ſich ſchlingen. Inzwiſchen fiel ſein Blick auf die übrigen Pakete, deren eines die Ueberſchriften hatte: Briefe von Agnes. Von de - ren Vater. Meine Briefkoncepte an Agnes. Ein anderes zeigte den Titel: Fragmente meines Tage - buchs. Ohne recht zu wiſſen was er that, griff er nochmals nach dem einzelnen Schreiben, er durchlief es ohne Beſinnung, indem er ſich von einem Zimmer, von einem Fenſter zum andern raſtlos bewegte; er wollte ſich faſſen, wollte begreifen, nachdem er ſchon Alles begriffen, Alles errathen hatte. Er warf ſich auf’s Sopha nieder, die Ellbogen auf die Kniee ge - ſtüzt, das Geſicht in beide Hände gedrückt, ſprang wieder auf und ſtürzte wie ein Unſinniger umher.

Sein Bedienter hatte ſo eben das Pferd zum Spazierritt vorgeführt und meldete es ihm. Er be - fahl, es wegzuführen, er befahl, noch zu warten, er widerſprach ſich zehnmal in Einem Athem. Der Bur -351 ſche ging, ohne ſeinen Herrn verſtanden zu haben. Nach einer halben Stunde, während welcher Nol - ten, weder die übrigen Papiere anzuſehen, noch ſich einigermaßen zu beruhigen vermocht hatte, wieder - holte der Diener ſeine Anfrage. Raſch nahm der Maler Hut und Gerte, ſteckte die nöthigſten Papiere zu ſich und entkam wie betrunken der Stadt. Wir wenden uns auf kurze Zeit von ihm und ſeinem trau - rigen Zuſtande weg und ſehen inzwiſchen nach jenem wichtigen Schreiben.

Larkens an Nolten.

Indem Du dieſe Zeilen lieſeſt, iſt der, der ſie ge - ſchrieben, ſchon viele Meilen weit von Dir entfernt, und wenn er Dir denn die Abſicht geſteht, daß er ſich fortgeſtohlen, um ſo bald nicht wieder zu kehren, daß er ſeinen bisherigen Verhältniſſen auf immer, und auch Dir, dem einzigen Freunde, vielleicht auf Jahre ſich entziehen will, ſo ſoll folgendes Wenige dieſen Schritt, ſo gut es kann, rechtfertigen.

Gewiß klingt es Dir ſelber bald nicht mehr wie ein hohles und frevelhaft übertriebenes Wort, was Du wohl ſonſt manchmal von mir haſt hören müſſen: mein Leben hat ausgeſpielt, ich habe angefangen, mich ſelber zu überleben. Das iſt mir ſo klar geworden in der lezten Zeit, wo ja unſer einer wahrhaftig ſchöne Gelegenheit hatte, die Reſultate von dreißig Jahren wie Fäden mit den Fingern auszuziehn. Ich352 mag Dir die alte Litanei nicht vorſingen; genug, mir iſt in meiner eignen Haut nimmer wohl. Ich will mir weiß machen, daß ich ſie abſtreife, indem ich von mir thue, was bisher unzertrennlich von meinem We - ſen ſchien, vor Allem den Theater-Rock, und dann noch das Eine und Andere, was ich nicht zu ſagen brauche. Mancher grillenhafte Heilige ging in die Wüſte und bildete ſich ein, dort ſeine Tagedieberei gottgefälliger zu treiben. Ich habe noch immer etwas Beſſeres wie das im Sinn. Am End iſt’s freilich nur eine neue Fratze, worin ich mich ſelber hinterge - hen möchte; und fruchtet’s nicht, nun ſo geruht viel - leicht der Himmel, der armen Seele den lezten Dienſt zu erweiſen, davor mir denn auch gar nicht bang ſeyn ſoll.

Den Abſchied, Lieber, erlaſſ mir! O ich darf nicht denken, was ich mit Dir verliere, herrlicher Junge! Aber ſtill; Du weißt, wie ich Dich am Her - zen gehegt habe, und ſo iſt auch mir Deine Liebe wohl bewußt. Das iſt kein geringer Troſt auf mei - nen Weg. Auch kann es ja gar wohl werden, daß wir uns an irgend einem Fleck der Erde die Hände wieder reichen. Aber wir thun auf alle Fälle gut, dieſe Möglichkeit als keine zu betrachten. Uebrigens forſche nicht nach mir, es würde gewiß vergeblich ſeyn.

Und nun die Hauptſache.

Mit den Paketen übergeb ich Dir ein wichtiges, ich darf ſagen, ein heiliges Vermächtniß. Es betrifft353 Deine Sache mit Agneſen, die mich dieſe lezten zehn Monate faſt einzig beſchäftigte. Mein Lieber! ich bitte dich, höre mich ruhig und vernünftig an.

In der gewiſſeſten Ueberzeugung, daß die Zeit kommen müſſe, wo Dein heißeſtes Gebet ſeyn werde, mit dieſem Mädchen verbunden zu ſeyn, ergriff ich ein gewagtes Mittel, Dir den Weg zu dieſem Heilig - thume offen zu halten. Vergib den Betrug! nur meine Hand war falſch, mein Herz gewißlich nicht: ich glaubte das Deine treulich abzuſchreiben; ſtraf mich nicht Lügen! Laßt mich den Propheten eurer Liebe geweſen ſeyn! Ihr Märtyrer war ich ohnehin; denn indem ich Deiner Liebe Roſenkränze flocht, meinſt du, es habe ſich nicht manchmal ein Dorn in mein eigen Fleiſch gedrückt? Doch das gehört ja nicht hie - her; genug, wenn meine Epiſteln ihren Dienſt ge - than. Fahre Du nun mit der Wahrheit fort, wo ich die Täuſchung ließ. O Theobald wenn ich je - mals etwas über Dich vermochte, wenn je der Name Larkens den Klang der lautern Freundſchaft für Dich hatte, wenn Dir irgend das Urtheil eines Men - ſchen richtiger, beſſer ſcheinen konnte als Dein eignes, ſo folge mir dießmal! Hätt ich Worte von durch - dringendem Feuer, hätt ich die goldne Rede eines Gottes, jezt würd ich ſie gebrauchen, um Dein In - nerſtes zu rühren, Freund, Liebling meiner Seele! So aber kann ich’s nicht; mein Kiel iſt ſtumpf, mein Ausdruck matt, Du weißt ja, es iſt alle Schönheit23354von mir gewichen; die dürre nackte Wahrheit blieb mir allein, ſie und die Reue. Vor dieſer möcht ich Dich bewahren. Ich bin Dein guter Genius, und indem ich von Dir ſcheide, ſey Dir ein andrer, beſ - ſerer, empfohlen. Ich meine Agneſen. Setze das Mädchen in ſeine alten Rechte wieder ein. Du fin - deſt auf der Welt nichts Himmliſchers, als die Seele dieſes Kindes iſt. Glaub mir das, Nolten, ſo ge - wiß, als ſchwür ich’s auf dem Todtenbette. Du haſt Dich in Deinem Argwohn garſtig geirrt. Lies dieſe Briefe, namentlich des Vaters, und es wird Dir wie Schuppen von den Augen fallen. Dann aber zaudre auch nicht länger; faſſe Dich! Eile zu ihr, tritt ſorglos unter Ihre Augen, ſie wird nichts frem - des an Dir wittern, ſie weiß nichts von einer Zeit, da Theobald ihr minder angehört als ſonſt; das Feld iſt durchaus frei und rein zwiſchen euch.

Es ſteht bei Dir, ob der gute Tropf das Inter - mezzo erfahren ſoll oder nicht; bevor ein paar Jahre vorüber, würd ich kaum dazu rathen. Dann aber wird euch ſeyn, als hättet ihr einmal in einem Som - mernachstraum mitgeſpielt, und Puck, der täu - ſchende Elfe, lacht noch in’s Fäuſtchen über dem wohl - gelungenen Zauberſpaß. Dann gedenket auch meiner mit Liebe, ſo wie man ruhig eines Abgeſchiednen denkt, nach welchem man ſich wohl zuweilen ſehnen mag, doch deſſen Schickſal wir nicht beklagen dürfen.

355

Auf einem beſondern Zettel befand ſich noch fol - gende

Nachſchrift.

Schon war mein Brief geſchloſſen, als es mir nachgerade gewaltigen Skrupel machte, Dir einen Um - ſtand verſchwiegen zu haben, der Dich vielleicht ver - drießen mag, mir aber ad inelinandam rem nicht wenig dienen konnte. Ein Winkelzug gegen die Gräfin. So höre denn, und fluche mir die ganze Hölle auf den Hals und heiſſ mich einen Schurken, wenn Du das Herz haſt ich weiß doch, was ich zu thun hatte. Conſtanze wurde durch mich, oder vielmehr durch einen angelegten Zufall (hinter welchem ſie we - der mich noch ſonſt Jemand vermuthen kann) avertirt, daß ein gewiſſer Freund bereits irgendwo auf der Liſte der glücklichen Bräutigame ſtehe. Ich hoffe nicht, Dich durch den Coup zu ſtark kompromittirt zu haben, und ein Weniges war ſchon zu wagen. Wenn ihr die Neuigkeit nicht ſchmeckte, ſo iſt das in der Regel; nicht, weil ſie in Dich verliebt, ſondern weil ſie ein Weib iſt. Wir haben die Ungnade, worein ſie uns gleich auf jenes Poſſenſpiel hat fallen laſſen, einer elenden Konvenienz gegen die Hofſippſchaft zu - geſchrieben, und eines Theils bin ich noch jezt der Meinung; geſteh ich Dir nun aber zugleich, daß ſie um die nämliche Zeit auch die Agneſiana zu ſchlu - cken bekam, ſo ſeh ich ſchon im Geiſt voraus, an was für neuen verzweifelten Hypotheſen nun plötzlich Dein356 armer Kopf anrennen wird. Wie, wenn Madam ſich mit ganz andern Gründen zum Zorne hinter’s allge - meine Zeter ihrer Schranzen verſteckt hätte? Holla! das läuft dem guten Jungen heiß und kalt über die Leber! Auch will ich ein Rhinozeros von Propheten ſeyn, wenn ſich Dir nicht in dieſem Augenblick die rührende Geſtalt von der Ferne zeigt, den ſchwarzen Lockenkopf in Trauer hingeſenkt, weinend um Deine Liebe. Ein verführeriſch Bild, fürwahr, dem ſchon Dein Herz entgegen zuckt! Doch halt, ich weiſe Dir ein anderes. In dem ſonnigen Gärtchen hinter des Vaters Haus betrachte mir das ſchlichte Kind, wie es ein fröhlich Liedchen ſummt, ſeine Veilchen, ſeine Myrthen begiest. Man ſieht ihr an, ſie hat den Strauß im Sinne, den ihr heimkehrender Verlobter bald unter tauſend tauſend Küſſen zum Willkomm haben ſoll; jeden Tag, jede Stunde erwartet ſie ihn

Was nun? wohin, Kamerade? Nicht wahr, ein bittrer Scheideweg? Hier wollt ich Dich haben! ſo weit mußt ich’s führen. Der Rückweg zu Conſtan - zen vielleicht er ſteht noch offen, ich zeig ihn Dir, nachdem Du ihn ſchon für immer verſchloſſen geglaubt. Du ſollteſt freie Wahl haben; das war ich Dir ſchuldig. Inzwiſchen haſt Du gelernt, es ſey auch möglich, ohne eine Conſtanze zu leben, und damit mein ich, iſt unendlich viel gewonnen.

Theobald! noch einmal: denk an den Gar - ten! Neulich hat ſie die Laube zurecht gepuzt, die357 Bank, wo der Liebſte bei ihr ſitzen ſoll. Wirſt Du bald kommen? wirſt Du nicht? Wag es ſie zu betrügen! Den hellen ſüßen Sommertag dieſer ſchuld - loſen Seele mit Einem verzweifelten Streiche hinzu - ſtürzen in eine dumpfe Nacht, wehe! das wimmernde Geſchöpf! Thu’s, und erlebe, daß ich in wenig Mon - den, ein einſamer Wallfahrer, auf des Mädchens Grab - hügel die kraftloſe Poſſe, das Nichts unſrer Freund - ſchaft, und die zerſchlagene Hoffnung beweine, daß mein elendes Leben, kurz eh ich’s ende, doch wenig - ſtens noch ſo viel nutz ſeyn möchte, zwei gute Men - ſchen glücklich zu machen.

Wer war unglücklicher als der Maler? und wer hätte glücklicher ſeyn können als er, wäre er ſogleich fähig geweſen, ſeinem Geiſte nur ſo viel Schwung zu geben, als nöthig, um einigermaßen ſich über die Um - ſtände, deren Forderungen ihm furchtbar über das Haupt hinaus wuchſen, zu erheben und eine klare Ueberſicht ſeiner Lage zu erhalten. Doch dazu hatte er noch weit. In einer ihm ſelbſt verwunderſamen, traumähnlichen Gleichgültigkeit ritt er bald langſam, bald hitzig einen einſamen Feldweg, und ſtatt daß er, wie er einige Mal verſuchte, wenigſtens die Punkte, worauf es ankam, hätte nach der Reihe durchdenken können, ſah er ſich, wie eigen! immer nur von einer monotonen, lächerlichen Melodie verfolgt, womit ihm irgend ein Kobold zur höchſten Unzeit neckiſch in den358 Ohren lag. Mochte er ſich Gewalt anthun ſo viel und wie er wollte, die ärmliche Leier kehrte immer wieder und ſchnurrte, vom Takte des Reitens unter - ſtüzt, unbarmherzig in ihm fort. Weder im Zuſam - menhange zu denken, noch lebhaft zu empfinden war ihm gegönnt; ein unerträglicher Zuſtand. Um Got - teswillen, was iſt doch das? rief er zähneknirſchend, indem er ſeinem Pferde die Sporen heftig in die Sei - ten drückte, daß es ſchmerzhaft auffuhr und unauf - haltſam dahinſprengte. Bin ich’s denn noch? kann ich dieſen Krampf nicht abſchütteln, der mich ſo ſchnürt? Und was iſt’s denn weiter? wie, darf dieſe Entdeckung ſo ganz mich vernichten? was iſt mir denn verloren, ſeit ich das Alles weiß? genau beſehen Nichts, ge - wonnen Nichts ei ja doch, ein Mädchen, von dem mir Jemand ſchreibt, ſie ſey ein wahres Gottes - lamm, ein Sanspareil, ein Angelus! Er lachte herzlich über ſich ſelbſt, er jauchzte hell auf und lachte über ſeine eignen Töne, die ganz ein andres Ich aus ihm herauszuſtoßen ſchien.

Indem er noch ſo ſchwindelt und ſchwärmt, ſtellt ſich ſtatt jener muſikaliſchen Spuckerei eine andere Sucht bei ihm ein, die wenigſtens keine Plage war. Seine aufgeregte Einbildungskraft führte ihm mit un - begreiflicher Schnelligkeit eine ganze Schaar maleri - ſcher Situationen zu, die er ſich in fragmentariſch - dramatiſcher Form, von dichteriſchen Worten lebhaft begleitet, vorſtellen und in großen Contouren haſtig359 ausmalen mußte. Das Wunderlichſte dabei war, daß dieſe Bilder nicht die mindeſte Beziehung auf ſeine eigne Lage hatten, es waren vielmehr, wenn man ſo will, reine Vorarbeiten für den Maler, als ſolchen. Er glaubte niemals geiſtreichere Konceptionen gehabt zu haben, und noch in der Folge erinnerte er ſich mit Vergnügen an dieſe ſonderbar inſpirirte Stunde. Wir ſelbſt preiſen es mit Recht als einen himmliſchen Vorzug, welchen die Muſe vor allen an - dern Menſchen dem Künſtler dadurch gewährt, daß ſie ihn bei ungeheuren Uebergängen des Geſchickes mit einem holden energiſchen Wahnſinn umwickelt und ihm die Wirklichkeit ſo lange mit einer Zaubertapete be - deckt, bis der erſte gefährliche Augenblick vorüber iſt.

Auf dieſe Weiſe hat ſich unſer Freund beträcht - lich von der Stadt entfernt, und ehe er ihr von einer andern Seite wieder näher kommt, ſieht er unfern in einer anmuthigen Kluft die ſogenannte Heer-Mühle liegen, einen ihm wohlbekannten, durch manchen Spa - ziergang werth gewordenen Ort. Er war ein ſtets gerne geſehener Gaſt bei dem Müller, welcher zu der - jenigen Gattung von Pietiſten gehörte, mit denen Je - dermann gut auskommt. In gewiſſer Art konnte der Mann für unterrichtet gelten, nur hatte er Urſache, manche Eigenheiten zu verbergen, deren er ſich mit - unter ſchämte; ſo hatte er, da er anfänglich zur Schrei - berei beſtimmt, in alten Sprachen nicht ganz unwiſ - ſend war, ſich noch bei vorgerücktem Alter in den360 Kopf geſezt, die heiligen Schriften alten und neuen Teſtaments im Urtexte zu leſen, wobei es hauptſäch - lich auf chiliaſtiſche Zwecke mochte abgeſehen ſeyn. Nach einem ſehr mühſamen und wenig geordneten Studium von mehreren Jahren ſah er ſich ungern überzeugt, daß Alles eitel Stückwerk bei ihm ſey und das ganze ſchöne Unternehmen auf Nichts hinauslaufe. Aus Verdruß über die verlorne Zeit warf er ſich in kecke ökonomiſche Spekulationen, dabei er denn zwar keinen Schaden, doch auch nicht ganz ſeine Rechnung fand. Seine Frau, eine kluge und ſtille Haushälterin, wußte ihn mit guter Art zu lenken und zu leiten, niemals rückte ſie ihm ſeinen Irrthum ausdrücklich vor, auch wenn ſie ihn denſelben fühlen ließ, und da ihm nichts Unangenehmeres begegnen konnte, als wenn er irgend - wie an die Nichtigkeit jenes wiſſenſchaftlichen Trei - bens erinnert ward, ja da er, um nur kein Unrecht einzugeſtehn, ſich auch wohl die Miene gab, als wür - den ihm jene Forſchungen ſeiner Zeit noch die reich - lichſten Zinſe abwerfen, ſo ſchonte das Weib dieſe Schwachheit gerne und war heimlich zufrieden, wenn ſie ihm eine neue falſche Idee vergeſſen machen konnte. Uebrigens kannte man ihn als einen muntern, redſe - ligen Geſellſchafter, als den beſten Gatten und Vater ſeiner größtentheils ſchon wohlverſorgten Familie.

Nolten ſehnte ſich nach der harmloſen Gegen - wart eines menſchlichen Weſens eben ſo ſehr, als er ſich ungeſchickt fühlte, an irgend einer Geſellſchaft Theil361 zu nehmen; er überlegte deßhalb ſo eben, ob er den Pfad nach der Mühle hinunter einſchlagen oder nach der Stadt zurückkehren werde, als ihm ein Müllerknecht begegnet, der ihm ſagt, Herr und Frau wären über Feld und kämen vor Abend nicht nach Hauſe. Wie erwünſcht war dem Maler die Nachricht! eigentlich wollte er ja nur ſein trau - liches Plätzchen in des Müllers Wohnſtube aufſuchen: es ſchien ihm dieß der einzige Ort der Welt, der ſei - ner gegenwärtigen Verfaſſung tauge. Und er hatte Recht; denn wer machte nicht ſchon die Erfahrung, daß man einen verwickelten Gemüthszuſtand, gewiſſe Schmerzen, Ueberraſchungen und Verlegenheiten weit leichter in irgend einer fremden ungeſtörten Umgebung, als innerhalb der eignen Wände bei ſich verarbeite? Nolten gab ſein Pferd in den Stall, wo man ihn ſchon kannte, und trat in die reinliche braun getäfelte Stube, wo er Niemanden traf, nur in der Kammer neben ſaß auf dem Schemel ein zehnjähriges Mädchen, das ein kleineres Brüderchen im Schooſe hatte. Eine ältere Tochter Juſtine, eine Prachtdirne, ſchlank und rothwangig mit kohlſchwarzen Augen, trat herein unter dem gewöhnlichen treuherzigen Gruß, bedauerte, daß die Eltern abweſend ſeyen, lief gleich nach den Kellerſchlüſſeln und freute ſich, als Nolten ihr er - laubte, weil man im Hauſe ſchon gegeſſen hatte, ihm wenigſtens ein Stückchen Kuchen bringen zu dürfen. Er nahm ſogleich ſeine alte Bank und das Fenſter362 ein, von wo man unmittelbar auf die Waſſerſperre hinunter und weiter hinaus auf das erquickendſte Wieſengrün und runde Hügel ſah. Um wie viel lieb - licher, eigener kam ihm an dieſer beſchränkten Stelle Frühling und Sonnenſchein vor, als da ihn dieſer noch im Freien und Weiten umgab! Lange blickte er ſo auf den Spiegel des Waſſers, er fühlte ſich ſonderbar beklommen, bange vor der Zukunft, und zugleich ſicher in dieſer eingeſchloſſ’nen Gegenwart. Auf einmal zog er die Papiere aus der Taſche, das nächſte, was ihm in die Hände kam, wollte er ohne Wahl zuerſt öffnen: es waren Briefe ſeiner Braut, vermeintlich an Theobald geſchrieben. Er ſieht hin - ein und augenblicklich hat ihn eine Stelle gefeſſelt, bei der ſein Inneres von einer ihm längſt fremd ge - wordnen Empfindung anzuſchwellen beginnt; er will zu leſen fortfahren, als er Juſtinen mit Gläſern kommen hört; ganz unnöthigerweiſe verbirgt er ſchnell den Schatz, aber ihm iſt wie einem Diebe zu Muth, der eine Beute vom höchſten, ihm ſelber noch nicht ganz bekannten Werth, bei jedem Geräuſche erſchro - cken zu verſtecken eilt. Das Mädchen kam und fing lebhaft und heiter zu ſchwatzen an, in deſſen Erwie - derung Nolten ſein Möglichſtes that. Sie mochte merken, daß ſie überflüſſig ſey, genug, ſie entfernte ſich geſchäftig und ließ den Gaſt allein. Er iſt zu - fällig vor einen kleinen ſchlechten Kupferſtich getreten, der unter dem Spiegel hängt und eine kniende Figur363 vorſtellt; unten ſtehn ein paar fromme Verſe, die er in frühſter Jugend manchmal im Munde ſeiner ver - ſtorbenen Mutter gehört zu haben ſich ſogleich erin - nert. Wie es nun zu geſchehen pflegt, daß oft der geringſte Gegenſtand, daß die leichteſte Erſchütterung dazu gehört, um eine ganze Maſſe von Gefühlen, die im Grunde des Gemüths gefeſſelt lagen, plötzlich ge - waltſam zu entbinden, ſo war Noltens Innerſtes auf Einmal aufgebrochen und ſchmolz und ſtrömte in einer unbeſchreiblich ſüßen Fluth von Schmerz dahin. Er ſaß, die Arme auf den Tiſch gelegt, den Kopf dar - auf herabgelaſſen. Es war, als wühlten Meſſer in ſeiner Bruſt mit tauſendfachem Wohl und Weh. Er weinte heftiger und wußte nicht, wem dieſe Thränen galten. Die Vergangenheit ſteht vor ihm, Agnes ſchwebt heran, ein Schauer ihres Weſens berührt ihn, er fühlt, daß das Unmögliche möglich, daß Altes neu werden könne.

Dieß ſind die Augenblicke, wo der Menſch willig darauf verzichtet, ſich ſelber zu begreifen, ſich mit den bekannten Geſetzen ſeines bisherigen Seyns und Em - pfindens übereinſtimmend zu vergleichen; man über - läßt ſich getroſt dem göttlichen Elemente, das uns trägt, und iſt gewiß, man werde wohlbehalten an ein beſtimmtes Ziel gelangen.

Nolten hatte keine Ruhe mehr an dieſem Ort, er nahm ſchnell Abſchied und ritt gedankenvoll im Schritt nach Hauſe.

364

Wie er den Reſt des Tages hingebracht, was Alles in ihm ſich hin und wieder bewegte, was er dachte, fürchtete, hoffte, wie er ſich im Ganzen em - pfunden, dieß zu bezeichnen wäre ihm vielleicht ſo unmöglich geweſen als uns, zumal er die ganze Zeit von ſich ſelbſt wie abgeſchnitten war durch einen un - ausweichlichen Beſuch, den er zwar endlich an einen öffentlichen Ort, wo man viele Geſellſchaft traf, glück - lich abzuleiten wußte, ohne ſich jedoch ganz entziehen zu dürfen.

Entſchieden war er nun freilich ſo weit, daß er Agneſen aufſuchen müſſe und wolle. Noch hatte er die ſchriftliche Darſtellung der Thatſachen, welche ſo ſehr zur Rechtfertigung des theuren Kindes dien - ten, gar nicht angeſehn; ein ſtiller Glaube, der das Wunderbarſte vorausſezte und keinen Zweifel mehr zuließ, war dieſe lezten Stunden in ihm erzeugt wor - den, er wußte ſelbſt nicht wie. Doch als er in der Nacht die merkwürdigen Berichte des Förſters las, als ihm Larkens’s Tagebuch ſo manchen erklären - den Wink hiezu gab, wie ſehr mußte er ſtaunen! wie graute ihm, jener ſchrecklichen Eliſabeth überall zu begegnen! mit welcher Rührung, welchem Schmerz durchlief er die Krankheitsgeſchichte des ärmſten der Mädchen, dem die Liebe zu ihm den bittern Leidens - kelch miſchte! Und ihre Briefe nun ſelbſt, in denen das ſchöne Gemüth ſich wie verjüngt darſtellte! Der ganz unfaßliche Gedanke, dieß einzige Geſchöpf,365 wann und ſo bald es ihm beliebe, als Eigenthum an ſeinen Buſen ſchließen zu können, durchſchütterte wech - ſelnd alle Nerven Theobalds. Auf Einmal über - ſchattete ein unbekanntes Etwas die Seligkeit ſeines Herzens. Dieſe zärtlichen Worte Agneſens, wem anders galten ſie, als Ihm? und doch will ihm auf Augenblicke dünken, er ſey es nicht: ein Luftbild habe ſich zwiſchen ihn und die Schreiberin gedrungen, habe den Geiſt dieſer Worte voraus ſich zugeeignet, ihm nur die todten Buchſtaben zurücklaſſend. Ja, wie es nicht ſelten im Traume begegnet, daß uns eine Per - ſon bekannt und nicht bekannt, zugleich entfernt und nahe ſcheint, ſo ſah er die Geſtalt des lieben Mäd - chens gleichſam immer einige Schritte vor ſich, aber leider nur vom Rücken; der Anblick ihrer Augen, die ihm das treuſte Zeugniß geben ſollten, war ihm ver - ſagt; von allen Seiten ſucht er ſie zu umgehn, um - ſonſt, ſie weicht ihm aus: ihres eigentlichen Selbſts kann er nicht habhaft werden.

Zu dieſen Gefühlen von ängſtlicher Halbheit, wo - von ihn, wie er wohl vorausſah, nur die unmittel - bare Nähe Agneſens losſprechen konnte, geſellten ſich noch Sorgen andrer Art. Das unbegreifliche Ver - hängniß, daß die räthſelhafte Perſon der Zigeunerin auf’s Neue die Bahn ſeines Lebens, und auf ſo ab - ſichtlich gefahrdrohende Weiſe durchkreuzen mußte, der Gedanke, wie nahe er ſelbſt ihr, ohn es zu wiſſen, neuerdings wieder gekommen (denn des Schauſpielers366 Tagebuch entdeckte ihm ihre zweimalige Anweſenheit), dieß Alles gab ihm mancherlei zu ſinnen und weckte die Beſorgniß, es möchte die Verrückte über kurz oder lang ihm in den Weg treten, oder hinter ſeinem - cken, vielleicht in dieſem Augenblick, zu Neuburg wiederholte Verwirrung anſtiften. Ein weiterer Ge - genſtand ſeiner Unruhe war Larkens; er wußte die treffliche Abſicht des Freundes, wenn er gleich die einzelnen Schritte nicht billigen konnte, ja zum Theil ſie bitter zu ſchelten geneigt war, doch von der rech - ten Seite zu nehmen und dankbar zu ſchätzen; er er - kannte auch darin eine kluge Vorſicht deſſelben, wenn er durch ſeine eigene Entfernung alles weitere Unter - handeln über die Pflicht, über Neigung oder Abnei - gung Noltens in dieſer zweifelhaften Sache völlig zwiſchen ſich und ihm abſchneiden und den Maler, in - dem er ihn ganz auf ſich ſelber ſtellte, zwingen wollte, das Gute, Nothwendige friſch zu ergreifen Aber was ſollte man überhaupt von der eiligen Flucht des Schauſpielers denken? welchem Schickſal ging der un - faßliche Mann entgegen? Beinahe ſeiner ſämmtlichen häuslichen Habe hat er ſich entäußert, ein großer Theil war ohne Zweifel in’s Geld geſezt, ein anderer, der hier zurückblieb, entweder zu Geſchenken beſtimmt, oder ſollte er durch Nolten verwerthet und zu Be - friedigung der Gläubiger verwendet werden. Mangel für Larkens ſelber war nicht zu fürchten. Aber wenn aus Allem hervorging, daß eine tiefe Erſchö -367 pfung, ein verjährter Schmerz ihn in die Weite trieb, wenn ſogar einige Stellen ſeines Briefs auf eine freiwillig gewaltſame Erfüllung ſeines Schickſals ge - deutet werden konnten ſo frage man, wie Nol - ten dabei zu Muthe geweſen! Eine dritte und nicht die kleinſte Sorge war ihm die ſchlimme und ſelbſt verächtliche Meinung, womit die Gräfin, ſeit ſie durch Larkens einſeitig und falſch von dem Verhältniß zu Agneſen unterrichtet worden, ihn nothwendig anſe - hen mußte. Nicht als ob er fürchtete, es hätte ſie eine ſolche Entdeckung irgend unglücklich gemacht, denn in der That war ſeine Vorſtellung von der Leidenſchaft Conſtanzens bedeutend herabgeſtimmt, und höch - ſtens wollte er glauben, daß ihr ſeine Liebe einiger - maßen habe ſchmeicheln können, aber da er ihr doch ſeine Abſicht damals ſo dringend, ſo entſchieden be - kannt hatte, wie elend, wie verrucht mußte er als Verlobter vor ihr erſcheinen, wie tückiſch und plan - voll ſein Schweigen über dieſe Verbindung! Mußte ſie ſich, abgeſehn von jedem eignen leidenſchaftlichen Intereſſe, nicht inſofern perſönlich für beleidigt halten, als ſchon der Verſuch, ſie mit zum Gegenſtande eines ſo zweideutigen Spieles zu machen, einen Mangel der Achtung bewies, deren ſie ſich von Nolten hätte verſichert halten dürfen? Schien in dieſem Sinne der Zorn und die Kälte, womit ſie ihn ſeit jenem Abende keines Blicks mehr würdigte, nicht ſehr ver - zeihlich und gerecht? Unſer Maler fühlte das Be -368 ſchämende, die ganze Pein dieſes Verdachts: keine Stunde mehr konnte er ruhen, der Boden brannte unter ſeinen Füßen, er wollte eilen, wollte ſich reini - gen, es koſte was es wolle. Aber das ging ſo ſchnell nicht an. Wie ſollte er an Conſtanzen gelangen? wie war es möglich, ſich zu rechtfertigen und doch zu - gleich die höchſte Delikateſſe zu beobachten? Denn gar leicht konnte die Gräfin ihn dergeſtalt mißverſtehn, als wenn er gekränkte Liebe bei ihr vorausſezte, ein Irrthum, der ihn, wie er meinte, zum lächerlichſten Menſchen in den Augen der ſchönen Frau machen müßte. Er überlegte ſich die Sache fleißig, und wollte warten, bis ihm ein glücklicher Weg erſchiene.

Am folgenden Tage fiel ihm ein, von dem Hof - rath, dem er ohnehin einen Beſuch ſchuldig war, die Stimmung der Zarlin’ſchen zu erlauſchen, und ſo - gleich machte er ſich auf den Weg.

Bei der Wohnung des Hofraths angelangt, fand er zufällig die Hausthüre nur angelehnt, was ihn ſehr Wunder nahm, da es einen der erſten Grundſätze in der Hausordnung dieſes Mannes ausmachte, die Ein - gänge jederzeit geſchloſſen zu halten. Außer dem Briefträger und einer alten Magd, welche auswärts wohnte, und zu geſezten Stunden mit dem Eſſen er - ſchien, betrat nur ſelten ein Beſuch die Schwelle, und wenn jemals, ſo mußte die Glocke gezogen werden,369 worauf ein grauer Diener, das einzige lebende Weſen, das den Hofrath umgab, bedächtig aus dem Fenſter ſchaute und öffnete. Im untern Hausflur, wo ſich ſogleich der Geſchmack und die Kunſtliebhaberei des Hausherrn in gut aufgeſtellten Gypsfiguren ankündigte, findet Theobald einen unſcheinbar gekleideten Kna - ben auf der Treppe ſitzen und Zuckerwerk aus ſeiner Mütze naſchen, der übrigens ganz hier zu Hauſe zu ſeyn ſcheint. Eine unglaublich angenehme Geſichts - bildung, die hellſten Augen, ſehr muthwillig, lachen dem Maler entgegen, dem beſonders die zierlich ge - lockten Haare auffallen. Der Knabe, nachdem er un - ſern Freund ruhig vom Kopf bis zum Fuße gemeſſen, ſtand auf und gab der Thüre einen tüchtigen Tritt, daß ſie ſchmetternd zuſchlug. Kannſt Du ſagen, ar - tiger Junge, ob der Herr Hofrath daheim iſt? Der Kleine antwortete nicht, ſondern indem er die Treppe hinaufging, winkte er Theobalden, zu folgen. Oben öffnet er leis eine ſchmale Thüre und deutet ſchalkhaft hinein. Nolten befand ſich allein in ei - nem kleinen Vorzimmer, wollte eben an einem zwei - ten Eingang klopfen, als ihm ein kleines Seitenfen - ſter, deſſen Vorhang von innen ſchlecht zugezogen iſt, die wunderbarſte ſtumme Scene im Nebenzimmer zeigt. In einer geſpannten Beleuchtung, faſt nur im Dämmerlichte, ſizt weiß gekleidet ein Frauenzimmer, bis an den Gürtel entblöſ’t. Ihre Stellung iſt ſin - nend, das Haupt etwas zur Seite geneigt, eine Hand24370oder vielmehr nur den Zeigefinger hat ſie unter’m Kinne, dieß kaum damit berührend. Ihr Seſſel ſteht auf einem dunkelrothen Teppich, auf welchen herab die reichen Falten des Gewandes und der Tücher ſich prächtig ergießen. Ein Bein, das über das andre geſchlagen iſt, läßt den Fuß nur bis über die Knö - chel blicken, wo ihn die andre Hand bequem zu hal - ten ſcheint. Aber welch ein herrlicher Kopf! mußte Theobald unwillkürlich für ſich ausrufen; die - miſche Kraft im Schwunge des Hinterhaupts vom ſtarken Nacken an kontraſtirte ſo rührend gegen das Kindliche des Angeſichts, deſſen Ausdruck nur lautre Schaam verriethe, wenn ſich die leztere nicht ſo eben zur liebevollſten Ergebung in die Nothwendigkeit des Augenblicks zu neigen ſchiene. Offenbar war das Frauenzimmer nicht gewohnt, als Modell zu dienen. Und in des Hofraths Hauſe? Sollte der alte Narr etwa ſelbſt den Pfuſcher machen? Leider war es un - möglich, eine zweite Perſon, die ſich gewiß im Zim - mer befinden mußte, zu entdecken; auch hörte man keinen Laut: die Schöne verharrte wie ein Marmor in derſelben Stellung, nur die leiſen Bebungen der Bruſt verriethen, daß ſie athme, auch ſchien es ein - mal, als ob ſie einen müden Blick gegen das Fenſter hinüber wagte, von wo das Licht hereinfiel. Nolten hätte geſchworen, dort ſitze der Hofrath. Sagte nicht ein Gerücht, daß der alte Herr früher wirklich die Kunſt getrieben? und wollten nicht Einige behaupten,371 er habe den Meiſel noch in ſeinem Alter insgeheim ergriffen? Wie überraſchte es daher unſern Maler, als auf ein Geräuſch, das in der Ecke entſtand, die Jungfran ſich erhob und ein ſchlanker, ſchwarzbärtiger Mann anſtändig auf ſie zutrat, ihr mit einem Kuſſe auf die Lippen dankte, ſo herzlich und unbefangen, als wenn es eine Schweſter wäre. Theobald er - kannte in dem Krauskopf auf der Stelle einen Bild - hauer, Raymund, den er öfters und namentlich bei dem Larkens’ſchen Abſchiedsſchmauſe geſehen, ohne ihm irgend näher gekommen zu ſeyn. Doch es war endlich Zeit zum Rückzuge, ſo ſchwer er ſich von die - ſem Anblick trennen konnte, der ihm eben ſo rührend und ſchuldlos däuchte, als er reizend und erhebend war. Kaum hat er die Thür hinter ſich zugezogen und ſich gefreut, daß der verrätheriſche kleine Schelm nicht etwa wieder um den Weg war, um Zeuge ſei - ner geſtillten Neugierde zu ſeyn ſo ſtreckt der Hof - rath den Kopf aus dem Saale, und Beide begrüßen ſich mit merklicher Verlegenheit, die denn auch noch eine Weile fortdauerte, nachdem das Geſpräch bereits in Gang gekommen. Theobald war durchaus zer - ſtreut von ſeinem ſchönen Abenteuer; auf ſeinem Ge - ſicht, in ſeinen Augen lag eine ungewöhnliche Gluth, deren Grunde der Alte ſchlau genug nachkam. Ich merke, merke was! ſchmunzelte er und klopfte dem Freund auf die Achſel; nur laſſen Sie ja ſich ſonſt nichts anmerken! es iſt ein wilder Eber, der Ray -372 mund, und nicht mit ihm zu ſpaßen. Nolten geſtand offenherzig den ſonderbaren Zufall. Unter uns, ſagte der Hofrath, Sie ſollen wiſſen, wie Alles zuſammenhängt. Der junge Mann, furios in ſeiner Kunſt ſo wie im Leben, verlangte von ſeiner Braut, an der er außer einem hübſchen Wuchs lange keinen Vorzug mochte gekannt haben, daß ſie ihm ſitze, ſtehe, wie er’s als Künſtler brauche. Das Mädchen konnte ſich nicht überwinden, es kam zu Verdruß, der bald ſo ernſtlich wurde, daß Naymund das ſtörrige Ding gar nicht mehr anſah. So dauert es ein halb Jahr und das Mädchen, ſonſt ein ſanftes, verſtändiges Ge - ſchöpf, das ihn unbändig liebt, überdieß armer Leute Kind iſt, fängt an im Stillen zu verzweifeln. Ueber - dem bekömmt ſie einen vortheilhaften Antrag, ſich für’s Theater zu bilden, da ſie ſehr gut ſingen ſoll. Sie ſchlägt es ſtandhaft aus, und dieſe wackere Re - ſignation bringt den Trotzkopf von Bräutigam plötzlich auf ganz andere Gedanken von dem Werthe des Mäd - chens, ſo daß er ſie vor etlichen Tagen zum Erſten - mal wieder beſuchte. Auf beiden Seiten ſoll die Freude des Wiederſehens ohne Grenzen geweſen ſeyn, und gleich in der erſten Viertelſtunde, ſo erzählt er mir, habe ſie ihm die Gewährung ſeiner artiſtiſchen Grille freiwillig zugeſagt. Da nun Raymund durch ſein Zuſammenwohnen mit einem andern Künſtler um ein Lokal verlegen war, ſo fand er bei mir, der ich ihm auch ſonſt zuweilen nützlich zu ſeyn ſuche, gerne den er -373 forderlichen Raum. Heut iſt die zweite Sitzung. Das Närriſche dabei iſt, daß er ſich nicht entſchließen kann, was er eigentlich machen ſoll. Er behauptet, wenn man eine Weile in’s Blaue hinein verſuche und den Zufall mitunter walten laſſe, ſo gerathe man häufig auf die beſten Ideen.

Er hat Recht! ſagte Theobald.

Er hat nicht Unrecht, verſezte der Alte; wenn mir aber ſolch ein Verfahren am Ende nur nicht gar zu dilettantiſch würde! So fängt er neulich einen Amor in Thon zu formen an, wozu er das Muſter auf der Gaſſe unter den Betteljungen aufgriff, wirk - lich ein delikates Füllen, ſchmutzig, jedoch zum Küſſen die Geſtalt. Seitdem nun aber die Geliebte ſich ein - geſtellt, durfte der Liebesgott ſpringen; jezt liegt ihm die aufdringliche Kröte, die ſich gar gut bei dem Han - del geſtanden, tagtäglich auf dem Hals, und daß der Burſche nicht ſchon im Hemdchen unter’s Haus kömmt, iſt Alles; neulich ward er gar boshaft und paßte der Braut mit einem Prügel auf; recht ein Cupido dirus!

Ein Anteros! rief Theobald lachend.

Suchen Sie doch einiges Verhältniß zu Ray - mund, fuhr der Hofrath fort, es wird Ihnen leicht werden: er reſpektirt Sie höchlich, und das will bei dem ſtolzen Menſchen ſchon etwas heißen. Sie finden das ehrlichſte Blut in ihm und ein eminentes, leider noch wildes Talent. Es ärgert Manches an ihm, Kleinigkeiten vielleicht, die indeſſen doch einen Man -374 gel an Bildung verrathen, genug, mich indigniren ſie; nur Ein Beiſpiel und Sie werden mir beiſtimmen. Man traut mir billig zu, daß ich kein Pedant bin mit archäologiſcher Vielwiſſerei, inſofern ſie dem Künſtler nichts hilft. Stellt mir Einer eine lobenswerthe Ariadne hin, ſo frag ich den Henker darnach, ob er wiſſe, daß die Gemahlin des Bacchus auch Libera heißt. Macht es einen Mann aber nicht lächerlich, wenn er von Göttern und Halbgöttern nur eben wie ein Dragoner ſpricht? Werden es ihm Diejenigen vergeben, die auf den erſten Blick unmöglich wiſſen können, daß dieſer Menſch, ſo gut als Einer, Cha - rakteriſtik der Mythen verſteht und plaſtiſchen Sinn ge - nug in Aug und Fingern ſitzen hat? Nun ſtellen Sie ſich vor, neulich Abends im ſpaniſchen Hofe, es waren lauter gründliche Leute da, kömmt auf ein paar Kunſtwerke die Rede, Raymund fällt in ſeinen begeiſterten Schuß und ſagt wirklich vortreffliche Dinge, aber er ſpricht ſtatt von Panen und Satyrn, mir nichts dir nichts, und in vollem Ernſte immer von Waldteufeln! Iſt ſo was auch erhört? Ich ſaß wie auf Nadeln, ſchämte mich in ſein Herz hinein, trat ihm faſt die Zeyen weg und wollt ihm helfen; nichts da! ein Waldteufel um den andern! und merkte das Lächeln nicht einmal, das hie und da auf die Geſichter ſchlich. Nachher verwies ich ihm die Unſchicklichkeit, und was iſt ſeine Antwort? Er lacht; nun, alter Papa rief er, es muß mir doch erlaubt ſeyn, mit -375 unter ſo zu ſprechen, wie die Niederländer malen durften! Der Hofrath lachte ſelber auf’s Herzlichſte, und man ſah ihm an, wie lieb er den hatte, den er ſo eben ſchalt. Ein ſtupender Eigenſinn! Mich dauert nur die Braut.

Wer iſt ſie denn eigentlich? fragte Nolten.

Des Schloßwärters F. Tochter.

Was? hör ich recht? rief Nolten voll Ver - wunderung aus. O gute Henriette! Wie manch - mal hat dein wehmüthiger Geſang unter meinen Git - tern mich getröſtet!

Ja ja, verſezte der Hofrath, das war noch zur Zeit der liebekranken Nachtigall!

Der Maler fiel auf einige Augenblicke in ſüße Gedanken. Die glückliche Vereinigung dieſer Lieben - den war ihm von guter Vorbedeutung für ſich; denn hatte nicht jene Verlaſſene in ſeiner kranken Einbil - dung einige Mal die Stimme Agneſens geborgt? und war er nicht auf dem Wege, der Leztern auch den Bräutigam zurückzugeben?

Nun aber fand er erſt Zeit, den Hofrath in der Angelegenheit zu befragen, um derentwillen er eigent - lich gekommen war. Der alte Herr bedachte ſich und zuckte die Achſeln. Ich weiß nicht, an Ihrer Stelle ging ich geradezu ſelbſt hin die Gräfin zwar ſoll unpaß ſeyn, den Grafen können Sie immer ſprechen. Mein Gott, was ſollten denn dieſe Leute eigentlich gegen Sie haben? So viel indeſſen Theobald376 aus dem weitern Geſpräch entnehmen konnte, war es gerathener, ſich nicht perſönlich auszuſetzen. Der beſte Ausweg fiel ihm aber ein. Eine Frau von Niet - helm, die intimſte Freundin Conſtanzens, eine feine hochbegabte Dame, deren Zeit und Talent vor - züglich der Bildung zweier Prinzeſſen gewidmet war, hatte ſich ihm von jeher gewogen gezeigt; ihrer hoffte er ſich nun als Mittelsperſon zu bedienen, und der glückliche Gedanke erfüllte ihn augenblicklich dergeſtalt, daß er den Hofrath eilends verlaſſen wollte, als eben Raymund hereintrat. Der feurige Mann umarmte ihn alsbald mit Enthuſiasmus, und ſuchte ihm ſeine Achtung auf jede Art zu bezeugen. Um nicht un - freundlich zu erſcheinen, verweilte Nolten noch eine Viertelſtunde, worauf er ſich beſtens empfahl.

Gegen Abend trat er den Gang zur Gouvernan - tin an, nachdem er auf ſein Anmelden eine höfliche Einladung erhalten hatte. Unterwegs erſt fiel ihm auf, wie wenig er auf das, was zu ſagen und wie es zu ſagen war, vorbereitet ſey; er nahm ſich ſchnell zuſammen; eh er ſich’s verſah, ſtand er im Zimmer der Gouvernantin.

Die zarte Dame empfing ihn im Ganzen freund - lich genug, und wenn dennoch etwas von Zurückhal - tung fühlbar war, ſo ſchien es, als ob ſie nur un - gerne und mit Rückſicht auf Conſtanzen ſich eini - gen Zwang auflegte.

377

Ich bin, begann Nolten, als er der liebens - würdigen Frau gegenüber Platz genommen hatte, ich bin veranlaßt, in Kurzem dieſer Stadt und Gegend Lebewohl zu ſagen; Pflicht und Neigung führen mich auswärts; aber wie ſehr muß ich wünſchen, mit voll - kommen beruhigtem Sinne ſcheiden zu können! Es iſt ſo ſchön und tröſtlich, ſich im Andenken ſeiner Freunde geſichert wiſſen! Die Liebe, die Neigung, die wir an einem Orte zurücklaſſen, gibt uns eine ſtille Gewähr, daß uns auch anderswo ein guter Stern erwarte. Möchte denn auch ich dieſen Troſt mit mir nehmen dürfen! möchten Sie, meine Gnädige, mich in dieſer frohen Zuverſicht beſtärken können! Indem ſich mir in dieſen Tagen eine Reihe ausge - zeichneter Perſonen, deren Bekanntſchaft ich mich im Laufe dreier Jahre vielfach zu erfreuen hatte, doppelt lebendig vor dem Geiſte aufſtellt, und indem ich mich anſchicke, den Einzelnen noch ein herzliches Wort zu ſagen, muß ich vor Allen jenes verehrten Hauſes ge - denken, deſſen Gaſtfreundſchaft mir unvergeßlich bleibt, das mit den Edelſten dieſer Stadt, und, wie freudig ſpreche ich es aus! auch mit Ihnen, gnädige Frau, mich in freundliche Verbindung ſezte. Leider hat das ſchöne Verhältniß zulezt eine Störung erlitten, die mir das ganze Glück einer dankbaren Erinnerung für alle Zukunft trüben muß, und um ſo ſchmerzlicher, da man mir aus den Gründen meines Mißgeſchicks, in - ſofern ich dieſes ſelbſt verſchuldet haben ſoll, ein Ge -378 heimniß macht. Sollte nun auch Ihnen, Verehrteſte, nicht erlaubt ſeyn, meine Zweifel zu löſen, ſo geſtat - ten Sie doch, daß ich die Verſicherung bei Ihnen niederlege, ich ſey mir, Ihrer theuren Freundin, ſo wie dem Herrn Grafen gegenüber, eines ſolchen Ver - gehens nicht bewußt; vergönnen Sie, daß ich den Freunden, die mich nicht mehr zu ſehen wünſchen, die Aufrichtigkeit meiner Geſinnungen durch Ihren Mund betheure.

Die Gouvernantin, die in den Mienen des Ma - lers, ſo lange er ſprach, mit Aufmerkſamkeit zu leſen geſucht hatte, ſchien keineswegs ungerührt; zwar er - wiederte ſie nur das Allgemeinſte, doch ſah man ihr an, ſie hätte herzlich gerne mehr geſagt. Nolten gewann nun Muth, folgendergeſtalt fortzufahren: Wie wäre Ihnen zu verargen, gnädige Frau, wenn ſich Ihnen, ſo wie wir uns jezt einander gegenüber befinden, und nach dem, was indeſſen Alles zur Sprache gekommen ſeyn mag, ein unüberwindliches Mißtrauen gegen mich im Herzen aufwerfen ſollte! Ich fühle wohl, und Sie ſelber verbergen ſich’s nicht, wie fremde in ganz kurzer Zeit Ihnen ein Mann geworden ſey, der Ihnen früher nicht ganz unwerth geweſen. Sonſt war es uns willkommener Genuß, Erfahrung und Empfindung in heiteren Geſprächen auszuwechſeln, Entferntes und Nächſtgelegenes lebendig durch einan - der zu miſchen; ſtets ſchenkten Sie mir nachſichtsvol - les Gehör, wenn, wie es wohl dem jüngern Manne,379 der eben erſt in eine völlig neue Welt eintrat und vielfach Urſache findet, unzufrieden mit ſich ſelbſt zu ſeyn, natürlich zu geſchehen pflegt, ſich auch bei mir ein inniges Bedürfniß regte, mich einer gemüthvollen, geiſtreichen Frau beſcheiden mitzutheilen, Ihnen meine Verehrung für jenes edle Haus im erſten glücklichen Erſtaunen auszudrücken. Nun heute wieder, wie gerne möcht ich den Zuſtand meines Innern offen und gläubig vor Ihnen enthüllen, doch Ihr Verſtummen verſchüchtert mir das Wort auf meinen Lippen! wie gerne würden Sie meiner Unruhe hülfreich entgegen kommen, doch wird es ſchwer, den Faden des Ver - trauens ſo ſchnell wieder aufzunehmen. Wohlan, meine theure, meine hochverehrte Freundin, laſſen Sie mich wenigſtens einige[Augenblicke] der ſchönen Täuſchung leben, als ſäßen wir noch ſo wie ehmals gegen einander über! Erlauben Sie, daß ich erzähle, was in der Zwiſchenzeit ſich mit mir begeben, in mir verändert hat. Laſſen Sie mich keine Abſicht nennen, wozu dieß Bekenntniß dienen ſoll. Es ſoll nur ſeyn, als ſpräche ich zu einer Dame, von der ich weiß, ſie nehme an meinem Schickſale allgemeinen heitern An - theil und aus deren Munde eine günſtige Divination meines künftigen Geſchickes zu vernehmen mich hoch beglücken würde.

Mit ſanftem Lächeln forderte ſie den Maler zu reden auf, indem ſie ſagte: Sie ſollen eine emſige Zuhörerin haben, und was ihr an Prophetengabe380 mangelt, werden die redlichſten Wünſche für Ihr Wohl ergänzen. Somit war Theobald im Begriff, ſeine Sache mit Agneſen, und wie ſie ſich durch Larkens’s Thätigkeit neuerdings umgeſtaltet, weit - läufig darzulegen, und eben damit auf indirekte Weiſe ſich gegen Conſtanze zu rechtfertigen. Aber in dem Augenblick, da er beginnen will, überraſcht ihn die ganze Schwierigkeit ſeiner Aufgabe und es that wahrlich Noth, daß ihm der gute Geiſt noch ſchnell genug ein bequemes Mittel, ſich aus dieſer Verlegen - heit zu retten, eingab, worauf er ſagte: So vermeſ - ſen es ſeyn würde, in Räthſeln zu Ihnen reden zu wollen, ſo wenig kann es ſchaden, wenn ich zuvörderſt, um die Kluft, welche ſich zwiſchen uns gelegt hat, erſt nach und nach und nur von Weitem auszufüllen, dasjenige, was nun zu ſagen iſt, mit veränderten Na - men in eine allgemeine Darſtellung einkleide; ſo werde ich unbefangner reden, ohne deßhalb unverſtändlicher oder der Wahrheit ungetreu zu ſeyn. Sofort wurde denn das Verlobten-Verhältniß eines Antonio zu Clementinen, von ſeiner erſten Entſtehung bis zu dem drohenden Zerfall, es wurde das ungeheure Irrſal, wozu Eliſabeth Veranlaſſung gegeben, in allen ſeinen Wendungen entwickelt. Einer Cornelia ward gedacht, Antonio’s Leidenſchaft für dieſe nicht verhehlt, jedoch nur als einſeitig zugegeben. Ein Mime Hippolyt löſ’t heimlich den fatalen Kno - ten, doch daß er dieß und wie er es auch bei Cor -381 nelien that, davon ſchweigt Nolten mit Bedacht, als wenn er ſelbſt nicht darum wüßte. Er hatte ſich Zeit zu ſeiner Erzählung genommen, um ſo mehr, als er das geſpannteſte Intereſſe bei ſeiner Neben - ſitzerin wahrnahm; auch wurde er, wie wohl zu merken war, vollkommen gut verſtanden. Die ganze Geſchichte, an ſich abenteuerlich und unglaublich, ge - wann durch einen gewandten und lebhaften Vortrag die höchſte Wahrheit. Endlich war er fertig, und nach einigem Stillſchweigen verſezte die Gonvernantin (während ſie ihn mit einem Blick anſah, worin er ihren Dank für die zarte Schonung leſen ſollte, die er gegen ihre Freundin und gewiſſermaßen gegen ſie ſelbſt mit ſeiner Fabel beobachtet hatte): Meint man doch wahrlich ein Mährchen zu hören, ſo bunt iſt Alles hier gewoben!

Es ſtehen Beweiſe für die Wahrheit zu Dienſte, erwiederte Theobald; ja ich erbitte mir ausdrücklich die Erlaubniß, Ihnen dieſer Tage einige Papiere vor - legen zu dürfen, welche Sie jedenfalls mit Intereſſe durchlaufen werden.

Vielleicht, antwortete die Gouvernantin, kann ich anderwärts Gebrauch davon machen, der Ihnen wünſchenswerth ſeyn dürfte.

Was Sie thun werden, Gnädigſte, habe meinen innigſten Dank voraus! verſezte Nolten mit einiger Haſt, indem er ihr die Hand mit Ehrfurcht küßte. Sie war indeſſen nachdenklich geworden. Unvermerkt382 lenkte ſie das Geſpräch auf die Gräfin und es traten ihr Thränen in die Augen. Leider muß ich Ihnen ſagen, lieber Nolten, fuhr ſie fort, es iſt bei Zar - lins ſeit einiger Zeit gar viel anders geworden; auch unſre Kränzchen haben aufgehört. Conſtanze iſt nicht mehr die ſie war, ein ſeltſamer Gram wirft ſie nieder. Lange wußte Niemand die Urſache, ſelbſt ich nicht, und mit Unrecht ſchrieb man Alles körperlichem Leiden zu, denn freilich leidet ihre Geſundheit mehr als je. Aber Gott weiß, wie Alles zuſammenhängt. Vor - geſtern Nachts, als ich allein vor ihrem Bette ſaß, ſprach ſie halb in der Hitze des Fiebers, halb mit Bewußtſeyn dasjenige aus, wovon ich glauben muß, daß es wo nicht der einzige, doch immer ein Grund ihres angſtvollen Zuſtandes ſey.

Nolten, dem dieſe Worte eine raſche und vor - eilige Ahnung erweckten, that ſehr wohl, noch an ſich zu halten, denn ſogleich kam es ganz anders, als er erwartet haben mochte.

Ich bin überzeugt, fuhr die Gouvernantin fort, es handelt ſich bloß um einen wunderlichen Zufall, um eine Kleinigkeit, worüber mancher lächeln würde; gleichwohl iſt jezt ſehr viel daran gelegen, und Sie werden mich völlig darüber aufklären können. Sie haben ein Gemälde, worauf eine Frau abgebildet ſeyn ſoll, welche die Orgel ſpielt?

Ganz recht.

383

Sagen Sie doch, welche Bewandtniß hat es mit dem Bilde? Kennen Sie eine ſolche Perſon? Iſt ſie in der Wirklichkeit vorhanden?

Nolten war durch die Frage natürlich frappirt. Er hatte, wie der Leſer weiß, in der Skizze, die bei dem Gemälde zu Grunde gelegen, jene Wahnſinnige kenntlich genug gezeichnet, ja er hatte noch auf Till - ſens ausgeführtem Tableau dem merkwürdigen Kopfe durch wenig beigefügte Striche die äußerſte Aehnlich - keit gegeben. Conſtanzen war das Bild immer ſehr wichtig geweſen und Nolten erinnerte ſich jezt plötzlich des Traumes, den ſie ihm damals mit ſo großer Bewegung entdeckt. Er ſagte nun der Gou - vernantin: daß, wenn er vorhin in ſeiner Erzählung von einer Zigeunerin geſprochen, eben dieſe das Ori - ginal zum Bilde des weiblichen Geſpenſtes ſey.

Sonderbar! ſagte die Gouvernantin, ſehr ſon - derbar! Wiſſen Sie nicht, ob die Perſon ſich neu - erdings in hieſiger Stadt gezeigt hat?

Vor etwa einem Monat wollen meine Freunde ſie hier geſehen haben.

Nun, Gott ſey Dank! rief die Gouvernantin aus, ſo iſt es doch wie zu vermuthen war; ſo darf mir doch nun die Arme Troſt und Vernunft nicht län - ger beſtreiten!

Wer? fragte Theobald, wer ſah denn ? doch nicht die Gräfin?

Nun ja!

384

Himmel! und wo?

In der Kirche.

Jezt rief der Maler ſich auf Einmal einen Umſtand in’s Gedächtniß, den man ſich vor mehreren Wochen in der Stadt erzählte und woraus er damals nicht eben ſonderlich viel zu machen wußte. Conſtanze hatte nämlich, bei nicht völligem Wohlſeyn, Sonntags die Frühkirche beſucht und während des Gottesdienſts den ſonderbaren Zufall gehabt, daß ſie plötzlich mit einem für die Zunächſtſitzenden ſehr vernehmlichen Laut des heftigſten Schreckens bewußtlos niederſank. Sie mußte nach Hauſe getragen werden, wo ſie ſich in Kurzem zu erholen ſchien. Die wahre Urſache des Unfalls blieb durchaus Geheimniß. In der Kirche ſelbſt wollten Einige bemerkt haben, daß die Gräfin unmittelbar, bevor ſie ohnmächtig geworden, den Blick ſtarr nach dem offenſtehenden Haupteingang gerichtet, wo ſich mehreres gemeine Gaſſenvolk unter die Thüren gepflanzt hatte. Niemand aber gewahrte unter die - ſer bunten Gruppe den Gegenſtand einer ſo außeror - dentlichen Apprehenſion, Niemand war verſucht, den - ſelben in der gleichwohl ſtark genug hervorragenden Geſtalt einer Zigeunerin zu ſuchen.

Es war bei Theobald nun gar kein Zweifel mehr, daß jenes ungeheure Weſen, ſo wie einſt bei Agneſen mit Abſicht, ſo nun hier bei der Gräfin unwillkürlich ihn abermals verfolgte. Es fing dieſer Eigenſinn des Schickſals ihm nachgerade ängſtlich zu385 werden an. Er hatte Mühe, ſeine Gedanken davon los zu machen, und auf die Gegenwart, auf Conſtan - zen zurückzulenken. Ihr Zuſtand bekümmerte ihn ſehr; denn aus Allem, was die Gouvernantin von eigenen Aeußerungen Conſtanzens wiederholte, ging hervor, daß das Entſetzen über die Erſcheinung in der Kirche unmittelbar mit jenem Traume zuſammenhing, und daß die Gräfin ſeit dieſem Auftritte mit heimlichen Gedan - ken an einen frühen Tod umgehe. Der Maler verſank in ſtilles Nachdenken, und ein tiefer Seufzer entwand ſich ſeiner Bruſt. Wie Vieles, dachte er, muß hier zuſammengewirkt haben, um den hellen und feſten Geiſt dieſes Weibes zu bethören! Wie ſehr iſt nicht zu glauben, daß dieß Gemüth lange zuvor mit ſich ſelbſt uneins geweſen ſeyn müſſe, eh ſolche Träume es gefangen nehmen konnten! Er enthielt ſich nicht, dergleichen gegen die Gouvernantin zu äußern, die ihm mit traurigem Kopfnicken beiſtimmte. Sie ſah ihn an, und ſagte: Vergeſſen wir nicht, unſre Freundin iſt krank, und krank in mehr als Einem Sinne.

Ein Beſuch, welcher in dem Augenblick angeſagt wurde, nöthigte Theobalden zum Aufbruch. Er empfahl ſich mit der Bitte, in dieſen Tagen nochmals erſcheinen zu dürfen. Die verſprochenen Papiere ſandte er noch denſelben Abend nach, jedoch mit Auswahl, und namentlich ward jene Nachſchrift zu Larkens’s Brief mit ſchonendem Bedacht zurückbehalten.

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Obgleich er ſich die Unterredung mit der Gou - vernantin in gewiſſem Betracht nicht beſſer hätte wün - ſchen können, denn eine vollſtändige Ausgleichung des widerwärtigſten Mißverſtändniſſes war damit auf das Sicherſte eingeleitet, ſo war er doch ſeitdem von einer unbegreiflichen Unruhe umgetrieben. Er konnte den Tag nicht erwarten, an dem er endlich die Stadt würde verlaſſen können. Unverzüglich fing er daher an, ſeine Anſtalten zur Abreiſe zu treffen, beſorgte die Angelegenheiten ſeines Freundes, und machte nur die nothwendigſten Beſuche ab, da ihm ein ungehöri - ges, obwohl aufrichtiges Mitleid, womit man überall den Scheidenden betrachten zu müſſen glaubte, allzu verdrießlich fiel. An den Herzog richtete er ein all - gemein verbindliches Billet, das er nicht ohne ein Lächeln zuſammenfalten konnte, weil es ihm dießmal gelungen war, mit mehreren Worten ſo viel wie Nichts zu ſagen. Am herzlichſten entließ ihn Tillſen und der Hofrath, welch Lezterer ihm in den wunderbarſten Ausdrücken eine nie genugſam ausgeſprochne Neigung auf Einmal verrathen zu wollen ſchien, indem er zu - gleich auf ein beſonderes Verhältniß anſpielte, das längſt zwiſchen ihnen Beiden beſtünde, und welches zu entdecken er ſich bis auf dieſe Stunde nicht habe entſchließen können; auch jezt überraſche ihn der Ab - ſchied des Malers dergeſtalt, daß er nothwendig eine andere Zeit abwarten müſſe. Theobald, welcher den Alten von jeher im Verdacht gehabt, als ob er mit387 einiger Schalkheit gerne den Geheimnißvollen ſpiele, achtete wenig auf dieſe dunkeln Winke, obgleich dem guten Manne die Rührung ſichtlich aus den Augen ſprach.

Sein lezter Ausgang am Schluß der vielgeſchäf - tigen Woche war zu der Gouvernantin. Unglückli - cher Weiſe war eben Geſellſchaft dort und die liebens - würdige Frau konnte ihm nur wenige Augenblicke allein auf ihrem Zimmer ſchenken. Sie zog einen verſiegelten Brief hervor und ſagte: Ihre neulichen Mittheilungen haben der Gräfin ein unerwartetes Licht gegeben, von deſſen erſter erſchütternder Wir - kung ich jezt nichts ſage. Ich danke Gott, daß die - ſer Kampf vorüber iſt. Empfangen Sie hier das lezte Wort von unſrer Freundin. Seitdem ſie den Entſchluß gefaßt, ſich Ihnen zu offenbaren, iſt endlich ein Schimmer von Frieden bei ihr eingetreten, den zu befeſtigen ich mir nach Kräften angelegen ſeyn laſſe. Nur was dieß Blatt betrifft, ſo darf ich nicht ver - ſchweigen, daß es im erſten Schmerz geſchrieben wurde, wo es ſchien, als ob ſie nur im ungemeſſenſten Aus - drucke ihrer Schuld einige Erhebung und ein willkom - menes Mittel gegen völlige Verzweiflung habe finden können. Schließen Sie alſo aus dieſem Briefe nicht auf ihren Zuſtand überhaupt, den ſicherlich die Zeit auch heilen wird. Vielleicht erkennen Sie in dieſen Linien, deren Inhalt ich wohl ahnen kann, noch jezt das ſchöne Herz, das ſein Vergehn mehr als genug388 empfindet. Gewiß, ich darf das ſagen, ohne eben ent - ſchuldigen zu wollen ach leider, daß ich es nicht kann! Aber wie gerne wollen wir der Armen Alles vergeſſen, wenn ſie nur erſt ihre Ruhe wieder gewon - nen hätte! O wüßten Sie, Nolten, welche traurige Beſorgniſſe mir die Richtung einflößte, der ſich ihr Geiſt ſtarrſinnig hinzugeben drohte. Und noch bin ich nicht aller Sorge los. Zu oft noch ſeh ich ihren Blick nach jener trüben Seite hingekehrt, von wo ſie ſich ein frühes Grab verkündigt glaubte. Denn ſelbſt durch Ihre freundſchaftlichen Aufſchlüſſe, ſo ſehr ſie uns zu Statten kamen, konnte dieſe Vorſtellung nicht ganz zerſtört werden. Freilich ſieht ſie nun Alles bis auf einen gewiſſen Grad natürlich an, weil aber doch etwas Außerordentliches an dem Zuſammentreffen der Begebenheiten nicht zu läugnen und jener frühere Eindruck auch nicht ſo ſchnell auszutilgen iſt, ſo kann ſie den Gedanken an eine ſolche Vorbedeutung nicht von ſich wegbringen. Aber laſſen Sie mich abbrechen, eh ich weich werde, und in’s Klagen falle. Wie ſehr bedaure ich, daß Sie eben jezt ſo eilig von uns müſ - ſen und doch, es wird auch wieder gut für beide Theile ſeyn. Und nun (ſie ging an einen Schrank und holte ein ſchönes Futteral hervor, das ſie ihm in die Hand drückte), zwei Freundinnen bitten, dieß zu dem Hochzeitsſchmuck der lieben Braut zu legen und ihr zu ſagen, wie ſehr ſie in der Ferne gekannt, wie389 ſchweſterlich geliebt ſie ſey. Leben Sie wohl, und denken gerne mein.

Ehe Theobald noch recht zu danken wußte, hatte ſie ſich bereits, ihre ſteigende Bewegung zu ver - bergen, leiſe zurückgezogen. Eilig ging er nach ſeiner Wohnung, auf’s Höchſte erſtaunt über die räthſelhaf - ten Dinge, die er ſo eben gehört. War es denn nicht, als ſollte ihm ein Verbrechen Conſtanzens entdeckt werden? Sprach nicht die Gouvernantin ſo, als wüßte er bereits darum? Auf ſeinem Zimmer an - gekommen, verſchloß er hinter ſich die Thür und las wie folgt:

Nicht einen lezten Blick der Neigung, kein Auge des Mitleids ſollen Sie dieſem Blatte gönnen, das von dem jammervollſten, ach zugleich von dem unwür - digſten Weibe kommt; denn (davon hatten Sie bis dieſen Augenblick noch keine Ahnung) ſo wie mein Unglück, iſt auch meine Schuld ohne Gränzen. Nie kann ich hoffen, Sie mir zu verſöhnen, ja wäre das möglich, ich kann keine Vergebung, auf Ewig keine, von mir erhalten. Aber die Strafe, die ich ſchreck - lich genug im eigenen Bewußtſeyn trage, bin ich im Begriff auf’s Höchſte zu ſchärfen, indem ich meinen Frevel vor Ihnen enthülle, indem ich freiwillig Ihre ganze Verachtung, Ihren gerechteſten Haß auf mich ziehe. Was hält mich ab vom entehrendſten Bekennt - niß? Iſt man noch eitel, iſt man noch klug, ſucht man ängſtlich noch einigen Schein für ſich zu bewah -390 ren, wenn man einmal ſich ſelbſt zu verachten einen verzweifelten Anfang gemacht hat? Gleichgültig ver - zicht ich auf die kleinen Künſte, womit wir Armen ſonſt in ſolchen Fällen der Bedrängniß uns vor uns ſelbſt und vor Ihrem Geſchlechte beſchönigen. Hin - weg damit! Dem beſten, dem edelſten Manne zeige ſich, ganz wie es iſt, das elende Geſchöpf, das ihn ſo unerhört betrogen. Erfahren Sie’s alſo, Con - ſtanze war’s, durch deren Tücke Ihnen Ihr harm - loſer Antheil an jener lezten Abendunterhaltung in unſerem Hauſe ſo ſchwer zu ſtehen kam, und ſo wollte es die Wuth eines Weibes, deſſen entſchiedene Liebe ſich beiſpiellos hintergangen wähnte ich hätte vielleicht, o ich hätte gewiß, wär es in meiner Macht geſtanden, die Grauſamkeit auf’s Aeußerſte getrieben. Der Himmel fand noch zeitig ein wunderbares Mit - tel, mich einzuſchrecken, mich zu züchtigen. Nun auf Einmal zum thörichten Kinde verwandelt, von Göt - tern und Geiſtern verfolgt, eilt ich in meiner Her - zensnoth, Sie zu befreien. Es gelang, und durch dieſelbe Hand zwar, an die ich Sie zuerſt verrathen. O Schande, Schande! mein kurz gemeſſ’nes Leben reicht nicht hin, ſie zu beweinen, wie ſie es verdient, und nein ich ſchweige; daß Sie nicht etwa den - ken, ich gehe darauf aus, durch übertriebne Selbſtan - klagen mir einen Funken gerührter Theilnahme zu erſchleichen, ſo entſag ich der Wolluſt, mich jezt im Staube vor Ihnen zu winden. Aber haſſen Sie, ver -391 dammen Sie mich keck, ja dürft ich mein ganzes Ge - ſchlecht wider mich aufrufen, möchten die Beſten deſ - ſelben mich fremd aus ihrer Mitte weiſen! das här - teſte Gericht, dürft ich’s erdulden, damit ich doch den einzigen Troſt genöſſe, meine Buße vollendet zu ſehen, eh mein beflecktes Daſeyn ſein Ende erreicht! Gott, du Gerechter, weißt, ob ich mich ſolcher Miſſethat je fähig halten konnte, bevor du mir dieſe Verſuchung bereitet! Doch daß ich ſie ſo ſchlecht beſtand, das öffnet mir ſchaudernd die Augen über mich ſelbſt, über mein geſammtes Weſen. Die ſchönen Stunden auch, wo mich die Liebe mit Hoffnungen der glücklichſten Zukunft täuſchte und eine fromme Weihe über mein kommendes Leben harmoniſch zu verbreiten ſchien mit Thränen ſag ich mir, daß ſelbſt der Werth ſo reiner Augenblicke, ſo himmliſcher Entſchlüſſe, nichts - würdig in jenem ungeheuern Abgrunde verſchwindet, den dieſes Herz, ſein ſelbſt unkundig, mir bis daher verbarg. Nun ich mich aber kenne, nun, Gott ſey geprieſen, weiß ich auch, wohin mein Trachten gehen muß. Doch davon red ich Ihnen nicht, ich habe das mit einem Höhern.

Nehmen Sie meinen Dank für die Mittheilun - gen an die Niethelm; ſie ſind mir treulich zuge - kommen. Ich wäre verloren geweſen ohne ſie; drum tauſend, tauſend Dank für die Barmherzigkeit!

Aber mit welchen Empfindungen hab ich zugleich in die Wege blicken müſſen, in denen Ihr Geſchick Sie392 führte! Nur eine Heilige, wie Agnes, wird mit Kin - derhänden den wunderbaren Schleier lüpfen, der über Ihrem Schickſal liegt. In dieſem herrlichen Geſchöpf fürwahr iſt Ihnen die Befriedigung Ihres höchſten Strebens aufbehalten. Leben Sie wohl! wohl! Ach aus dem tiefſten Grund der Seele wünſch ich, fleh ich, es möge Ihnen wohl ergehen. Welch einen Troſt ich darin für mich ſuche, ahnet Ihnen kaum. Und dürft ich nur Einmal im Leben Agneſen um - armen, den Engel, den ich preiſe! Sie iſt die Glück - lichſte auf Erden, ich aber bin die Erſte, die dieſes Glück ihr gönnt. Lebt Beide wohl, ihr Theuren, und laßt mich Aermſte für Euch beten.

Wir laſſen nun über dem bisherigen Schauplatze von Noltens Leben den Vorhang fallen, und wenn er jezt ſich auf’s Neue hebt, ſo treffen wir den Maler bereits ſeit zweien Tagen auf der Reiſe begriffen. Wohin er ſeinen Weg nehme, fragen wir nicht erſt. Wir denken uns übrigens wohl, daß eben nicht die leidenſchaftliche Wonne des Liebhabers, wie man ſie ſonſt bei ſolchen Fahrten zu ſchildern gewohnt iſt, auch nicht die bloße kühle Pflicht es ſey, was ihn nach Neu - burg führt; es iſt vielmehr eine ſtille Nothwendig - keit, die ihn ein Glück nur leiſe hoffen heißt, welches leider jezt noch ein ſehr ungewiſſes für ihn iſt. Denn eigentlich weiß er ſelbſt nicht, wie Alles werden und393 ſich fügen ſoll. Beharrlich ſchweigt ſein Herz, ohne irgend etwas zu begehren, und nur augenblicklich, wenn er ſich das Ziel ſeiner Reiſe vergegenwärtigt, kann ein ſüßes Erſchrecken ihn befallen.

Er hat mit ſeinem muntern Pferde ſchon in der vierten Tagreiſe das Ende des Gebirgs erreicht, das die Landesgränze bezeichnet und von deſſen Höhe aus man eine weite Fläche vor ſich verbreitet ſieht. Es war ein warmer Nachmittag. Gemächlich ritt er die lange Steige hinunter und machte am Fuß derſelben Halt. Er führte ſein Pferd ſeitwärts von der Straße, band es an eine der lezten Buchen des Waldes, wo zwiſchen kleinem Felsgeſtein ein friſches Waſſer vor - quoll. Er ſelber ſezte ſich auf eine erhöhte, mit jun - gem Moos bewachſene Stelle und ſchaute auf die reiche Ebene, welche in größerer und kleinerer Ent - fernung verſchiedene Ortſchaften und die glänzende Krümmung eines anſehnlichen Fluſſes zeigte. Ein Schäfer zog pfeifend unten über die Flur, überall wirbelten Ler - chen, und Schlüſſelblumen dufteten in nächſter Nähe.

Den Maler übernahm eine mächtige Sehnſucht, worein ſich, wie ihm däuchte, weder Neuburg, noch ir - gend eine bekannte Perſönlichkeit miſchte, ein ſüßer Drang nach einem namenloſen Gute, das ihn allent - halben aus den rührenden Geſtalten der Natur ſo zärtlich anzulocken und doch wieder in eine unendliche Ferne ſich ihm zu entziehen ſchien. So hing er ſei - nen Träumen nach und wir wollen ihnen, da ſie ſich394 von ſelbſt in Melodieen auflöſen würden, mit einem liebevollen Klang zu Hülfe kommen.

Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel,
Die Wolke wird mein Flügel,
Ein Vogel fliegt mir voraus.
Ach ſag mir, alleinzige Liebe,
Wo du bleibſt, daß ich bei dir bliebe!
Doch du und die Lüfte haben kein Haus.
Der Sonnenblume gleich ſteht mein Gemüthe offen,
Sehnend
Sich dehnend
In Lieben und in Hoffen.
Frühling, was biſt du gewillt?
Wann werd ich geſtillt?
Die Wolke ſeh ich wandeln und den Fluß,