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Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Fuͤnften Bandes[ drittes] Stuͤck.

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Fortsetzung der Revision der ersten drei Baͤnde dieses Magazins.

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Nachdem in den fuͤnf letztern Stuͤcken dieses Magazins die in den ersten drey Baͤnden vorkommenden Beytraͤge zur Seelenkrankheitskunde, Seelenzeichen - und Heilkunde; ferner die Abhandlungen uͤber Sprache in psychologischer Ruͤcksicht, uͤber Lebensuͤberdruß, Taub - und Stumgeborne, Erinnerungen aus fruͤhen Jahren der Kindheit, und endlich uͤber Ahndungen und Visionen revidirt worden sind; so will ich nun in diesem und in folgenden Stuͤcken die noch uͤbrigen vorzuͤglichen Aufsaͤtze durchzugehen suchen, welche die Seelennaturkunde betreffen.

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Jm 1ten Bandes 1ten Stuͤck Seite 344 wird aus einem Tagebuche (den 18ten Sept. 1780) Folgendes angefuͤhrt: » Ein unbedeutender, hoͤchst uninteressanter Ausdruck aus einer Arie in einer Operette, den ich selbst nur vor ein Paar Tagen von einem guten Freunde hoͤrte, welcher ihn sich zu wiederholtenmalen aus Langerweile vorsang, kam mir heute Nachmittag, waͤhrend dem ernsthaftesten Nachdenken, alle Augenblicke, wider meinen Willen, in den Sinn, und ich konnte mich nicht enthalten, ihn mir ebenfalls zu wiederholtenmalen vorzusingen, ohne den mindesten Gefallen daran zu finden « u.s.w.

Wer genau auf sich Acht giebt, wird aͤhnliche Erfahrungen an sich machen koͤnnen. Es geschieht naͤmlich oft, daß uns ein gewisser Ausdruck, ein gewisser Ton der Stimme gleichsam so fest in der Seele sitzt, daß wir ihn mit aller Muͤhe nicht wieder wegbringen koͤnnen, ja, daß er durch das Bestreben, ihn zu entfernen, oft noch staͤrker in uns toͤnt. Die Ursach von dieser innern starken und bleibenden Jmpression liegt, wie im erzaͤhlten Fall, nicht immer an der Wichtigkeit und Groͤße des Gegenstandes, oder Gedankens, der ausgedruckt wird, sondern sehr oft wohl darin, daß bey der allerersten Jmpression die Seele ganz muͤßig und unthaͤtig war, und jene, da sie von keinen Nebenideen verwischt, oder auch geschwaͤcht wurde, desto tiefer in unser Gehirn eindringen3 konnte. Sonst kann auch noch der Grund in der Art der Jmpression selbst liegen, in ihrer Neuheit, ihrem Contrast mit andern Jmpressionen, in der Lebhaftigkeit und Beschaffenheit des Organs, oder auch, wie hier wohl der Fall gewesen seyn mag, und sehr oft bey naiven Melodien der Fall ist, in einer sehr gelaͤufigen und fließenden Tonfolge, die wir uns entweder wirklich deutlich vorstellen, oder davon wir nur ein angenehmes dunkles Gefuͤhl haben. So habe ich mehrere auch unmusicalische Leute gekannt, welche oft, ohne daran zu denken, die Claviermelodien der Asmusischen und Schulzischen Volkslieder sangen, und bey dem ernsthaftesten Nachdenken in die Melodie derselben wie halb Begeisterte einfielen.

Eine eben so starke und oft noch staͤrkere Jmpression, die uns alle Augenblicke wieder einfaͤllt, und sich zu den ernsthaftesten Gedanken gesellt, obgleich diese Gedanken gar nichts Homogenes mit ihr haben, kann durch einen auffallenden Wortausdruck hervorgebracht werden, davon mir sonderbare Erfahrungen bekannt sind. Ein neuer Fluch, den wir hoͤren, ein witziger Einfall kann uns[ tagelang,] wider unsern Willen, vor den Ohren schweben. Der Hypochondrist ist in solchen Faͤllen am ungluͤcklichsten, indem die[ unbedeutendsten] Jdeen, durch dieses und jenes Wort veranlaßt, gleichsam in seiner Seele anrosten, und ihn gleich Furien verfolgen.

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Eine Aehnlichkeit, wenigstens in Absicht des unwillkuͤhrlichen Entstehens, haben hiemit diejenigen Woͤrter, welche auf einmal wodurch? koͤnnen wir nicht immer wissen vermittelst einer schreckhaften und furchtbaren Empfindung auf uns wuͤrken, wovon von Seite 85 an im 1ten Stuͤck des 1ten Bandes ein bemerkenswerthes Beyspiel erzaͤhlt wird. » Jch hatte mir «, sagt Herr Joͤrdens, » niemals eine deutliche Vorstellung davon zu machen gesucht, was das heiße: vom Schlage geruͤhrt zu werden. Ein ploͤzliches Ende des Lebens war alles, was ich mir dachte; der Schall des Worts schien das so mit sich zu bringen. Wie ploͤzlich dies Ende sey, ob etwa mit Schmerz verknuͤpft, oder nicht, und solcherley mehr, darnach zu fragen, war mir nie eingefallen. Jn den folgenden (spaͤtern) Jahren befand ich mich einstens in einer Gesellschaft, wo hinter einander von mehrern Personen erzaͤhlt ward, die vom Schlage getroffen worden. Jch hoͤrte diesen Erzaͤhlungen jetzt zum erstenmal mit mehrerer Aufmerksamkeit zu, als bisher geschehen war, und das Bild des Todes brachte Schrecken in mein Herz! Jch ward ploͤzlich unruhig; ich empfand eine gewisse Bangigkeit, die ich sehnlich von mir wuͤnschte. Es ward ein neues Beyspiel erzaͤhlt, und ich fuͤhlte eine zitternde Bewegung an meinem Koͤrper. Jede Wiederholung des Wortes Schlag vermehrte meine Unruh und Angst « u.s.w. Diese schreckhaften Empfindun -5 gen, die sich so auf einmal der Seele des H. J bemaͤchtigten, mogten wohl in der genauern Beschreibung der am Schlage gestorbenen Menschen, in der aͤngstlichen und weinerlichen Art, womit sie erzaͤhlt wurden, und in einer wenigstens abwechselnden Hypochondrie ihren Grund haben, ob er sich gleich S. 90. davon frey spricht. Nicht jeder hypochondrisch-kranke Mensch glaubt, daß er's wirklich ist, und aus der genauen Beschreibung, die der Herr Verfasser von seiner damals kranken Phantasie macht, sieht man deutlich, daß sie mit koͤrperlichen Ursprungs war, und aufhoͤrte, sobald mehr zerstreuende Jdeen ihre schwarzen Bilder vertrieben, und sein Koͤrper eine bessere Blutmasse bekam.

Eine aͤhnliche Erfahrung erzaͤhlt Herr4M.S. 91. von sich selbst. Dergleichen Empfindungen sind nichts seltenes, und ihre Staͤrke laͤßt sich durchgehends durch eine zu stark erschuͤtterte Einbildung erklaͤren, welche jeder andern Jdee die herrschende unterzuschieben sucht. Jch kenne einen Mann, welcher auf einmal niedergeschlagen wird, wenn man das Wort: Faulfieber nennt. Seine ganze Heiterkeit verliert sich bey diesem Wort, und er stellt sich keine Todesart schrecklicher, als das Faulfieber vor. Seit einem Jahre hat ihm dieses Wort Hoͤllenqualen verursacht; erst seit kurzer Zeit kann er davon so ruhig, wie von der gleichguͤltigsten Sache sprechen hoͤren.

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Seite 47. steht ein Aufsatz des Herrn5Fischers,Staͤrke des Selbstbewußtseyns benennt, worin einige wichtige Bemerkungen fuͤr die Seelenlehre vorkommen, obgleich das erzaͤhlte Factum selbst nichts weiter, als das bekannte Alpdruͤcken ist. Daß die Seele bey einer gaͤnzlichen Verwirrung der Vorstellungs - und Einbildungskraft dennoch ein ziemlich deutliches Bewußtseyn von sich selbst und ihrem Zustande haben koͤnne, ist freylich ein paradoxer Satz, der mir aͤußerst unwahrscheinlich vorkommt. Bey einer gaͤnzlichen Verwirrung unsrer Jdeen, oder bey der gaͤnzlichen Unfaͤhigkeit der Seele ihre Begriffe zu ordnen, und mit Deutlichkeit anzuschauen, laͤßt sich kein deutliches Bewußtseyn derselben von sich und ihrem Zustande denken, wenigstens in dem Augenblick der gaͤnzlichen Verwirrung nicht. Aber waͤhrend dieser Verwirrung kann es gewisse Lichtpuncte geben, wo die Seele zu sich selbst kommt, und in solchen Jntervallen kann man sich dann leicht irren, daß man die Gefuͤhle waͤhrend denselben durch Selbsttaͤuschung in den Zustand einer gaͤnzlichen (vielleicht nur gaͤnzlich geglaubten) Verwirrung der Denkkraft hinuͤbertraͤgt.

Dergleichen Zustaͤnde sind uͤberhaupt in der menschlichen Seele nicht selten, wo sie aus einer ploͤzlichen Confusion der Jdeen in ein eben so schnelles starkes Bewußtseyn ihrer selbst, und umgekehrt zuruͤckfaͤllt. Jm ersten Fall pflegt sie sich denn nicht7 selten mit mehrerer Lebhaftigkeit als jemals zu beschauen und zu fuͤhlen, und daher sind die Augenblicke, worin Wahnsinnige von ihrer Raserey erwachen, fuͤr sie gewiß die ungluͤckseligsten, die man sich denken kann.

Der Brief des Herrn6Spaldingsan7Sulzerim 2ten Stuͤck des 1ten Bandes Seite 38. u.s.w. enthaͤlt einen sehr merkwuͤrdigen Beytrag zur Seelenkunde*)*) Man lese hieruͤber nach, was9MendelssohnS. 46. ff. im 3ten St. 1ter B. dieses Magazins mit wahrem philosophischen Scharfsinn gesagt hat.. Wahrscheinlich war der ganze sonderbare Seelenzustand des Herrn Verfassers aus einer ploͤzlichen Unordnung im Gehirn entstanden, und zwar, wie er richtig bemerkt, wohl nur in einem Theile des Gehirns, weil er waͤhrend seiner verworrenen Jdeen und der Unfaͤhigkeit, sie auszudruͤcken, sich doch seiner ganz deutlich bewußt war, und eine Beunruhigung uͤber seinen Seelenzustand empfand, auch die koͤrperlichen Objecte von aussen voͤllig unterscheiden konnte. Wahrscheinlich bewegten sich auch die verworrenen Bilder seiner Einbildungskraft zu lebhaft und zu geschwind, als daß die Seele andere ruhigere Jdeen fixiren konnte, und eben daher mogte auch das Verwechseln der gesuchten Woͤrter und der unwillkuͤrlichen entstehen. Aus dergleichen[ Phaͤnomenen] laͤßt sich allerdings sehr8 viel folgern, und so sehr sie auch eine gewisse uns bisher unbekannte Vereinigung der Organisation mit der Denkkraft sichtbar darthun, so sicher folgt auch davon, daß die Seele, die die sich durchkreuzenden Vorstellungen von sich selber unterscheiden, und uͤber ihre Unrichtigkeit urtheilen konnte, eine eigene von der Organisation unabhaͤngige Selbstthaͤtigkeit besitze. Das Bewußtseyn ihrer selbst laͤßt sich durch keine Organisation, durch keinen Einfluß der Organisation voͤllig erklaͤren. Hier erscheint der Mensch als ein geistiges Wesen auf einmal uͤber alle Materie erhaben; so fein wir sie auch subtilisiren und organisiren moͤgen. Es ist natuͤrlich, daß sich die Vorstellungen der Seele, durch eine Zerruͤttung der Organisation, vornaͤmlich im Gehirn, verwirren koͤnnen; allein die Vorstellung dieser verworrenen Vorstellungen zeigt von einer ganz eigenen innern Denkkraft der menschlichen Natur, und der Beweis, welchen die Materialisten fuͤr ihr System aus jenen Vorstellungen eines verworrenen Gehirns ziehen koͤnnten, ist eigentlich mehr gegen, als fuͤr sie.

Der vortrefliche Aufsatz des Herrn Hofrath10Marcus Herzuͤber seine eigene Krankheit, S. 44. u.s.w. enthaͤlt fuͤr den Arzt und Psychologen die interessantesten Winke zur Bereicherung ihrer Wissenschaft, und ich wuͤnschte nichts mehr, als daß von philosophischen Aerzten mehr dergleichen Krank -9 heitsgeschichten, wo der Koͤrper durch die Seele zu genesen anfing, bekannt gemacht werden moͤgten. Aller Wahrscheinlichkeit nach gab die einzige Jdee: du bist nun an dem Orte, wo du zu seyn so lange vergeblich gestrebt hast! der Seele ihre Besonnenheit wieder; obgleich der damit verbundene Schlaf eine endliche Folge einer zu langen Ermattung seyn konnte. Jene einzige Jdee war die Schoͤpferinn einer neuen Denkordnung, so wie die gegenseitige angstvolle, nicht an dem rechten Ort zu seyn, durch einen zu starken Druck auf Blut und Gehirn wenigstens die causa socia der Verwirrung seyn mußte. Nur ist mir noch nicht entschieden: ob jene neue Jdee, an dem gewuͤnschten Orte zu seyn, eigentlich an sich selbst, oder der damit verbundene Grad der Freude und Leidenschaft der Seele den veraͤnderten Stoß nach einer bessern Richtung gegeben habe, welches letztere mir um so viel wahrscheinlicher vorkommt, weil gerade die qualvolle Einbildung, auf den Strassen und in fremden Oertern herumgeschlept zu werden, das Delirium am meisten unterhielt. Es sind mir mehrere Beyspiele bekannt, wo Menschen durch einen ploͤzlichen Affect der Freude ihre verworrenen Vorstellungen auf einmal verloren, und wieder zu einem deutlichen Bewußtseyn ihrer selbst kamen, obgleich die herrschende Vorstellung bey ihren Verwirrungen nicht immer grade der Wunsch war, der auch in Erfuͤllung ging, sondern ein an -10 deres Hirngespinst ausmachte. Aus mehreren taͤglichen Phaͤnomen koͤnnte der denkende Arzt die wichtigsten Resultate fuͤr seine Kunst ziehen; eine Kunst, die nur immer etwas Halbes bleibt, wenn er nicht zugleich wirklicher Psycholog ist. Jch wuͤnsche, daß meine Leser hiebey das nachlesen moͤgten, was der Hofrath11M. Herzin der Einleitung seines Buchs, vom Schwindel, mit so vielem Scharfsinn gesagt hat.

Die Geschichte einer sonderbaren Handlungsart ohne Bewußtseyn, (S. 74.) welche Herr12G. L. Spaldingaus dem Englischen des Lord13Monboddoerzaͤhlt hat, zeigt deutlich, daß die menschliche Seele sehr[ vieler] Jdeen, und darauf gegruͤndeter Handlungen faͤhig sey, obgleich das Bewußtseyn derselben mit einem Augenblicke verlischt. Eigentlich war das angefuͤhrte Maͤdchen eine Nachtwandlerinn am hellen Tage. » Jhr Paroxismus ergriff sie allemal bey Tagszeit, wenn sie schon einige Stunden aus dem Bette gewesen war. Er fing mit einer Schwere des Kopfs und Schlaͤfrigkeit an, die sich in Schlaf endigte, wenigstens in eine Art davon; denn ihre Augen waren fest zugeschlossen. Jn diesem Zustande war sie vermoͤgend, mit einer erstaunenswuͤrdigen Behendigkeit auf Tisch und Stuͤhle zu springen. Oft rennte sie auch aus ihrer vaͤterlichen Wohnung; dies geschah aber allemal mit einer gewissen Richtung nach irgend einem bestimm -11 ten Orte in der Nachbarschaft, und mit voͤllig verschlossenen Augen. Wenn sie erwachte, fuͤhlte sie sich sehr schwach; aber bald kam sie wieder zu Kraͤften, und befand sich nun nichts schlimmer; im Gegentheil hatte man sie im Laufen gehindert, so war sie um ein Großes kraͤnker. War sie nun zu sich selbst gekommen, so hatte sie nicht die geringste Erinnerung von dem, was sich waͤhrend ihres Schlafs zugetragen hatte «.

Die Heilung von ihrem Uebel ist in der That sonderbar, und hat viel Aehnlichkeit mit den albernen prophetischen Curen der magnetisirten bremischen Frauenzimmer, ob sie gleich nicht manipulirt worden war. Einige Zeit vor dem Ende ihrer Krankheit traͤumte sie, wie sie erzaͤhlte, das Wasser eines benachbarten Brunnens, genannt Tropfbrunnen, werde sie heilen. Sie trinkt waͤhrend des Paroxismus und außer demselben sehr viel davon, konnte es auch im Paroxismus genau von[ anderm] Wasser unterscheiden. Vor ihrem letzten Paroxismus sagte sie: nun habe sie noch drey Spruͤnge zu thun, und dann wollte sie nie wieder springen oder laufen. Dies geschah auch wirklich, und jetzt ist sie vollkommen gesund. « Ein auffallender Beweis von der Heilkraft der menschlichen Einbildungen.

Erfahrungen und Phaͤnomene von der Art, wie S. 103. angefuͤhrt worden, giebt es mehrere. Jch erinnere mich sehr deutlich aus meiner Jugend,12 daß ich oft eine Neigung in mir wahrnahm, mich in das Muͤhlgerenne einer Wassermuͤhle hinabzustuͤrzen. Jch kenne Leute, die, wenn sie einen bloßen Degen in der Hand halten, einen Trieb in sich fuͤhlen, den Anwesenden zu verwunden, sich ein vor sich liegendes Scheermesser an die Kehle zu setzen u.s.w. Viele dergleichen Faͤlle, wo man sich in eine Gefahr hineinzustuͤrzen, einen Drang empfindet, ob man sich gleich davor fuͤrchtet, lassen sich aus einerdunkeln Neugierde erklaͤren, indem man, ob man sichs gleich nicht deutlich vorstellt, zu erfahren wuͤnscht: wie einem in der Gefahr selbst zu Muthe seyn moͤgte. Oft kann auch der bloße Anblick der Gefahr auf eine mechanische Art unsre Empfindungen in Aufruhr bringen. Das schnell uͤber das Muͤhlgerenne herabstuͤrzende Wasser noͤthigt uns gleichsam das mechanische Gefuͤhl ab, daß wir mit fortschwimmen muͤßten, und wir handeln dann eben so instinctartig, als ein Thier, welches zu laufen anfaͤngt, wenn das vorhergehende laͤuft. Billig sollte man dergleichen Faͤlle, wo wir ganz mechanisch handeln, bey den Beurtheilungen des Selbstmordes mehr von einer physischen als moralischen Seite betrachten, und uͤberhaupt da, wo die Menschen ganz außerordentlich albern, oder boͤse zu handeln scheinen, sie mit weiser Schonung richten, weil man in hundert Faͤllen voraussehen kann, daß ein unwillkuͤrlicher Stoß ihrer Leidenschaften sie verfuͤhrt hat.

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Jm 2ten Bande 1ten Stuͤck S. 71. ff. erzaͤhlt der sel. Kirchenrath14StrothFolgendes: » Jn meinem dreyzehnten Jahre fiel ich durch einen Zufall in's Wasser, in dessen grundlosen Boden ich so lange steckte, daß ich dem Ertrinken nahe war, bis ich endlich durch Huͤlfe andrer Leute wieder herausgebracht ward. Von dieser Zeit an glaubte ich, so oft ich zu Selbstbetrachtungen kam, ich sey damals wirklich ertrunken; alles, was ich saͤhe, hoͤrte oder empfaͤnde, seyen keine wirkliche Empfindungen in der Koͤrperwelt, sondern Erinnerungen aus dem vorigen Leben. Jch glaubte keinen Koͤrper mehr zu haben, sondern mich nur dem Geiste nach entweder auf der Erde aufzuhalten, oder doch solche Vorstellungen zu haben, als ob ich mich auf der Erde aufhielte. Und alle diese Einbildungen hatte ich in Jahren, wo ich nichts von Sceptikern und Jdealisten gehoͤrt hatte u.s.w. «.

Jch kann mir diesen Zustand nicht anders als durch eine dunkle Zuruͤckerinnerung an die Empfindungen erklaͤren, die der gute Stroth unter dem Wasser liegend gehabt haben mogte. Nun wirst du ertrinken, wird dein Geist von dir scheiden! Diese und aͤhnliche Jdeen konnten damals schnell durch seine Seele gehen; aber auch einen so starken Eindruck im Gehirn zuruͤcklassen, daß diese Jdee von Nichtmehrseyn, wenn er zu Selbstbetrachtungen kam, eine solche Lebhaftigkeit annahm,14 daß sie die uͤbrigen verdunkelte, und seine Seele ganz in den Empfindungszustand seiner Gefahr zuruͤcksetzte, wo er schon aufgehoͤrt zu haben glaubte. Eine Empfindung, ich aus eigener Erfahrung kenne, und einem lebhaften Traume aus einem andern Leben gleicht, uͤbrigens aber mit der Empfindung nichts gemein hat, welche aus einem wirklichen Vernunftzweifel ihren Ursprung nimmt.

15C. F. Pockels.

(Die Fortsetzung kuͤnftig.)

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Zur Seelenkrankheitskunde.

1. Beyspiel einer sonderbaren Ohnmacht.

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Ein junges Frauenzimmer, Kammerfrau bey der Fuͤrstinn von **, hatte an einer heftigen Nervenschwaͤche lange krank gelegen, und war endlich allem menschlichen Ansehen nach gestorben. Jhre Lippen waren bleich, ihr Gesicht hatte eine voͤllige Todtenfarbe, und ihr Koͤrper war kalt. Man brachte sie aus dem Zimmer, worin sie gestorben war, legte sie in einen Sarg, und bestimmte den Tag, wenn sie begraben werden sollte. Der Tag erschien, es wurden, nach der Gewohnheit des Landes, Sterbelieder vor der Thuͤr gesungen, und man wollte eben den Sarg zunageln und wegtragen, als man auf der Leiche einen Schweiß entdeckte, der lau war, und immer heftiger hervordrang, endlich beobachteten die Umstehenden sogar einige schnelle Muskelbewegungen an Haͤnden und Fuͤßen des verstorbenen Frauenzimmers. Nach einigen Minuten, waͤhrender Zeit sie noch andere Zeichen des Lebens von sich gegeben hatte, schlug sie mit einem erbaͤrmlichen kreischenden Geschrey die Augen auf,16 und bekam die heftigsten Convulsionen. Es wurden geschwind Aerzte herbeygerufen, und nach einigen Tagen war sie schon ziemlich wieder hergestellt, und lebt wahrscheinlich noch.

Sehr sonderbar ist die Beschreibung, welche sie von ihrer Ohnmacht selbst machte, und einen bemerkenswuͤrdigen Beitrag zur Psychologie abgiebt. » Sie gestand naͤmlich, es sey ihr wie im Traume vorgekommen, als ob sie wirklich gestorben waͤre; aber sie habe doch gleichwohl alles deutlich vernommen, was außer ihr waͤhrend des schrecklichen Todtenschlafs vorgegangen. Sie habe ihre Freundinnen am Sarge reden und uͤber ihren Verlust klagen gehoͤrt, habe es gefuͤhlt, als man ihr das Todtenhemd und die Handschuh angezogen, und sie in den Sarg gelegt haͤtte. Dieses Gefuͤhl sey aber mit einer unbeschreiblichen Seelenangst verbunden gewesen. Sie habe rufen wollen, aber ihre Seele habe durchaus keine Kraft gehabt, auf den Koͤrper zu wuͤrken; es sey ihr vorgekommen, als ob sie in demselben, aber auch nicht in demselben mehr wohne. Eben so waͤre es ihr nicht moͤglich gewesen, sich zu bewegen, die Arme auszustrecken, oder die Augen zu oͤffnen, wenn sie es gleich bestaͤndig gewollt habe. Jhre innere Seelenangst haͤtte aber den hoͤchsten Grad von Marter erreicht, als das Chor Sterbelieder zu singen und man den Sarg zuzunageln angefangen haͤtte. Der Gedanke: daß sie lebendig begraben werden solle, habe ihrer Seele17 den ersten Stoß von Wuͤrksamkeit auf den Koͤrper gegeben, und diese habe sich mit den Muskelbewegungen ihrer Haͤnde und Fuͤße und mit dem kreischenden Geschrei wieder zu aͤußern angefangen, nachdem sie vor innerer Seelenangst den schrecklichsten Schweiß[ geschwitzt. «]

Jch habe die Erzaͤhlung dieses Factums aus dem Munde der glaubwuͤrdigsten Personen, welche mit jenem Frauenzimmer Umgang gehabt, und es von ihr selbst als einer ernsthaften und wahrheitsliebenden Person gehoͤrt haben. An sich ist die Sache auch nichts weniger als unwahrscheinlich, da wir mehrere Beispiele von Ohnmachten haben, wobey die Seele noch einiges Bewußtseyn behaͤlt, ob sie gleich nicht, wie sonst, auf den Koͤrper wuͤrken kann. Wer mit aͤngstlichen Traͤumen geplagt ist, wird oft die Erfahrung gemacht haben, daß man oft schreien, um Huͤlfe rufen will; daß man es aber bey aller Anstrengung und innern Angst durchaus nicht dahin bringen kann.

Zugleich ist aber auch obiges Beispiel eine Warnung, wie vorsichtig man bey dem Begraben der Leichen verfahren muß, daß sie nicht zu fruͤh begraben werden, und wie leicht es bey starken Ohnmachten geschehen kann, daß Leute lebendig begraben werden.

18P.

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2. Ein schwer zu erklaͤrender Traum*)*) Jch wuͤrde diesen Traum fuͤr einen in der That schwer zu erklaͤrenden Traum halten, wenn man nur wuͤßte, was man so selten bey dergleichen Erzaͤhlungen weis, ob die ganze Sache buchstaͤblich wahr sey. Die Unsicherheit und Ungewißheit des lieben historischen Glaubens steht der Wahrheit der eingetroffenen Traͤume und Ahndungen eben sowohl entgegen, als das Raisonnement des Psychologen, der aus Gruͤnden der Vernunft jene nicht zugeben kann..

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Zwey Ehegatten, die sehr vergnuͤgt mit einander lebten, erfuhren seit einigen Jahren, daß ein ehliches Band das groͤßte und sanfteste Vergnuͤgen verschaffen kann, als der Mann sich von seinem geliebten Weibe auf einige Zeit, um eine Reise zu machen, trennen mußte. Die Lesung der Briefe von ihrem Gatten war der Dame ihre angenehmste Beschaͤftigung, und sie laß dieselben jeden Abend wieder durch, ehe sie sich dem Schlaf uͤberließ. Mit dieser Beschaͤftigung hatte sie einmal einen Theil der Nacht zugebracht, und war mit einem Briefe in der Hand, den sie des Abends vorher bekommen hatte, eingeschlafen. Jhr Gatte versicherte sie in demselben, daß er sich vollkommen wohl befaͤnde,19 und es nicht das Ansehen haͤtte, als wuͤrde er Gefahr laufen*)*) Aus diesem Umstaͤnde erhellet, daß doch eine Gefahr, z. B. herumstreifende Diebe oder Moͤrder, vorhanden war. Wie natuͤrlich war es daher nicht, daß sich das zaͤrtliche Weib aus aͤngstlicher Besorgniß so etwas vorstellen konnte, wovon sie hernach traͤumte.23P.. Auf einmal erwachte sie mit einem kreischenden Geschrei. Jhre Kammerfrauen laufen zusammen, und finden sie in einem kalten Schweiße und in einem Strom von Thraͤnen. » Mein Mann ist dahin «, sagte sie zu ihnen, » ich habe ihn eben sterben gesehen «. Er war an einer Wasserquelle, um welche einige Baͤume herumstanden. Sein Gesicht war todtenbleich. Ein Officier in einem blauen Kleide bemuͤhte sich, das Blut zu stillen, das aus einer großen Wunde an seiner Seite floß. Er gab ihm darauf aus seinem Hute zu trinken, und schien vom Schmerze durchdrungen, als er ihn die letzten Seufzer thun sah. So erschrocken auch die Kammerfrauen uͤber den Zustand ihrer Frau waren; so bemuͤheten sie sich doch, ihr Gemuͤth zu beruhigen, indem sie ihr vorstellten, daß dieser Traum keinen andern Grund haͤtte, als ihre ungemeine Zaͤrtlichkeit gegen ihren Gemahl. Die Mutter dieser Dame, welche bey ihr im Hause war, und die man unterdessen aufgeweckt hatte, stellte ihr vor, daß sie ruhig seyn muͤßte, da sie erst vor wenig20 Stunden einen Brief von ihrem Gatten bekommen haͤtte. Allein alles Zureden half bey ihr nichts, sie blieb einmal dabey, daß ihr Ungluͤck ausgemacht und ihr Gemahl nicht mehr sey. Jhre Mutter blieb an ihrem Bette sitzen, und sahe mit Vergnuͤgen, daß sie durch einen heftigen Strom von Thraͤnen entkraͤftet wieder einschlief; aber es dauerte nicht lange. Sie hatte kaum eine Viertelstunde geschlafen, als sie durch den nehmlichen Traum wieder erweckt ward, und nun gar nicht mehr zweifelte, daß ihr Traum uͤbernatuͤrlich sey. Sie wurde alsbald von einem heftigen Fieber mit einer Verruͤckung des Gehirns uͤberfallen, und schwebte vierzehn Tage lang zwischen Tod und Leben. Unter der Zeit bekam man wirklich die traurige Nachricht, daß ihr Gemahl unterwegs getoͤdtet sey. Die Mutter, welche fuͤr das Leben ihrer Tochter besorgt war, gebrauchte alle Vorsicht, den toͤdtlichen Streich, den man ihr versetzen mußte, aufzuschieben. Man ließ die Hand ihres Mannes nachmachen, und brachte es dahin, daß sie sich anfangs beruhigte. Als man hierauf ihre Gesundheit wiederhergestellt sahe, so trug man ihrem Beichtvater auf, ihr den erlittenen Verlust zu hinterbringen, und ohnerachtet der Bewegungsgruͤnde, die er ihr vorstellte, sich dem goͤttlichen Willen zu ergeben, zitterte man lange Zeit fuͤr ihr Leben.

Es waren schon vier Monate verflossen, seitdem sie Witwe war, als sie gegen den Anfang des21 Winters nahe bey ihrem Hause eine Messe hoͤrte. Die Messe war fast vorbey, als ihre Augen auf einen Cavalier, der neben ihr einen Stuhl nahm, fielen, worauf sie sogleich ein lautes Geschrei erhub und in Ohnmacht sank. Man gab sich alle Muͤhe, ihr zu Huͤlfe zu kommen. Sie oͤffnete endlich die Augen, und der erste Gebrauch, den sie von ihrer Sprache machte, war, daß sie ihren Leuten befahl, den Herrn aufzusuchen, der die Ursach ihrer Ohnmacht gewesen war, und ihn zu beschwoͤren, daß er zu ihr kaͤme. Er war noch nicht aus der Kirche weg, und da er hoͤrte, daß diese Dame ihn zu sprechen verlange, folgte er ihr nach. Ach meine Mutter, rief die ungluͤckliche Witwe, als sie nach Hause kam, ich habe eben denjenigen erkannt, der die letzten Seufzer meines armen Mannes angehoͤrt hat! und sogleich beschwor sie den Officier, ihr von den Umstaͤnden einer so traurigen Begebenheit Nachricht zu geben. Der Officier konnte nicht begreifen, wie ein Frauenzimmer, die er niemals gesehen hatte, ihn kennen konnte. Er bat sie um ihren Namen, und stutzte, als er ihn gehoͤrt hatte. Jnzwischen erzaͤhlte er ihr, wie ihn ein ungefaͤhrer Zufall an den Ort gefuͤhrt haͤtte, wo ihr Gatte verwundet worden war, und wo er ihm Huͤlfe zu leisten gesucht hatte. » Jch sahe ihn sterben, setzte der Fremde hinzu, und ob er mir gleich unbekannt war, so konnte ich mich doch nicht enthalten, geruͤhrt zu werden, da ich sahe, daß keine Hofnung uͤbrig war,22 ihn zu retten. Jch verließ ihn, sobald er gestorben war, ohne zu wissen, wer er seyn moͤgte; aber Jhr Name, den er bis auf den letzten Seufzer aussprach, praͤgte sich meinem Gedaͤchtnisse tief ein, und ich habe mich dessen sogleich wieder erinnert, sobald Sie mir ihn sagten «. Eine solche Erzaͤhlung konnte nicht geschehen, ohne daß sie vielmal durch Thraͤnen des ungluͤcklichen Weibes unterbrochen wurde, und der Fremde gerieth ins groͤßte Erstaunen, da sie ihm die getraͤumten Umstaͤnde von dem Ende ihres Mannes mit vollkommener Deutlichkeit beschrieb. Er erkannte den Bach, die Baͤume, seine Stellung und die Lage des Sterbenden, sogar seine Zuͤge selbst waren so aͤhnlich, daß er sie nicht verkennen konnte*)*) S. Allgem. Magaz. der Natur, Kunst und Wissenschaften 8ter Theil..

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Zur Seelennaturkunde.

1. Ueber die Schwaͤrmerey und ihre Quellen in unsern Zeiten.

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Wir hoͤren seit ein Paar Dezennien so viel von wunderthaͤtigen Maͤnnern, weissagenden Weibern, geistersehenden Philosophen, aus den Graͤbern heraufbeschworner Verstorbenen, daß wir beynahe glauben sollten, es sey irgend ein mesmerischer Daͤmon aus den hoͤhern Regionen auf unsern Erdball herabgestiegen, und habe eine Menge grosser und kleiner Koͤpfe unsrer Zeitgenossen durch einen geheimen geistigen Magnetismus desorganisirt. Eine Erscheinung, die uns auf der Stufe der Aufklaͤrung, zu welcher wir uns durch so viele Kaͤmpfe hinaufgearbeitet haben, eben so befremdend seyn muß, als die Aerzte daruͤber erschrecken, daß alle ihre sorgfaͤltigen Beobachtungen, und mit unendlicher Muͤhe der Natur abgelernte Gesetze und Wege, durch einen magnetisirenden Mesmer, wie[ durch] einen aus der Maschine hervorspringenden Gott, verwirrt und uͤber den Haufen geworfen werden.

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Man sage nicht, » es habe zu allen Zeiten und in allen Jahrhunderten Schwaͤrmer, Geisterseher, Wahrsager und Wunderthaͤter gegeben. Unser Jahrhundert unterscheide sich von den uͤbrigen nicht sowohl dadurch, daß es anders handle, als vielmehr, daß es mehr und anders sehe, als jedes der andern; daß es sich selbst mehr kenne. So viele von allen Seiten her aufgesteckte und selbst bis in die verborgensten Winkel getragene Lichter machten nur, daß die hie und dort herrschende Finsterniß um so viel auffallender erscheine «.

Jch glaube das anerkannt große Heer der Glaͤubigen und Anhaͤnger, die ein27Lavater,ein Cagliostro, ein28Gaßner,ein Mesmer unter ihrer Fahne schon so lange fuͤhrten und noch fuͤhren, und von denen man ohne alle Hyperbol sagen kann, daß sie in aller Welt zerstreut sind; der entschiedene Scharfsinn und philosophische Geist so vieler, die diesen Herren in so großer Menge sich angeschlossen und noch taͤglich anschliessen; der geglaubte vortrefliche Charakter, die große und feine Weltklugheit, und großen Talente eines29Lavaters, der demohnerachtet der groͤßte Schwaͤrmer seines Jahrhunderts ist; alles dieses koͤnnte, glaube ich, Antwort genug auf jenen Einwurf seyn, und die Aufmerksamkeit rechtfertigen, die der denkende Kopf diesem Phaͤnomen widmet. Es laͤßt sich zum wenigsten so viel daraus schließen, daß entweder neue und gefaͤhrlichere Quellen der Schwaͤrmerey sich ge -25 oͤffnet; oder auch, daß die gewoͤhnlichsten Ursachen derselben mit verstaͤrkter Kraft auf unsere Zeitgenossen wuͤrken.

Der Geist des Menschen ist kein sich selbst bestimmendes, oder urspruͤnglich und aus sich selbst handelndes Wesen. Er sieht, denkt, will und handelt immer so, wie er von außen her, durch Umstand und Zufall bestimmt wird. Er ist sehr wenig an sich selbst, er wird allemal, was er ist. Er gleicht einer Pflanze, die in ihrem Keim Geschmack, Geruch und Farbe desjenigen Erdreichs aufnimmt, auf welchem sie waͤchst. Er ist an sich selbst ein Leeres, und ist nur damit versehen, womit Zeit, Raum und Zufaͤlligkeit seiner Existenz ihn versorgen, und hat daher auch allemal, daß ich so sage, Geruch und Duft seines Zeitalters, seines Jahrhunderts. » Damals dachten, damals handelten die Menschen so oder so «, sagt vielmehr: damals mußten sie so denken, so handeln.

So wie demnach der Naturlehrer ein nie bemerktes, oder haͤufiger als gewoͤhnlich sich zeigendes Phaͤnomen der Atmosphaͤre aus dem damaligen Grade der Waͤrme und Kaͤlte, der Dichtigkeit oder Duͤnheit der Luft, der Menge und der Gattungen der Duͤnste und ihrer Mischung zu erklaͤren unternimmt; eben so laßt uns auch die Ursachen jener geistigen Jnfluenza, und des ansteckenden schwaͤrmerischen Humors unseres Jahrhunderts aus die -26 sem Jahrhundert selbst, der Geschichte und Entstehungsart seiner Bildung, und allen uͤbrigen Zufaͤlligkeiten desselben zu entwickeln suchen.

Erst aber wollen wir den Begriff von Schwaͤrmerey festsetzen. Worte werden wie Muͤnzen unter anderm Gehalt ausgegeben, als sie wirklich haben, und in unserm Zeitalter der fluͤchtigen Modejournale, der leichtsinnigen Schoͤngeisterey und der halbverdauten Toilettenlectuͤre jeder Art ist vielleicht der willkuͤhrliche oder unwillkuͤhrliche Mißbrauch eines so oft genannten Worts mehr als jemals zu besorgen, zumal wenn der ihm untergelegte Begriff ein Begriff des Verhaͤltnisses, d. h. einer von denen ist, die nur durch das mehr oder minder bestimmt werden. Hume hat in seinem Versuch von den Wortstreitigkeiten gezeigt, daß bey den meisten philosophischen Streitigkeiten Begriffe dieser Art zu Grunde liegen, und von dieser Gattung ist, wie wir gleich sehen werden, der Begriff von der Schwaͤrmerey.

» Der Mensch schwaͤrmt «, sagen wir von einem andern, dessen Jdeen durch einen Rausch, oder andere Art von Betaͤubung der Seele uͤber einander geworfen und in Taumel gesetzt werden, und den wir nun eine unzusammenhaͤngende Jdeenreihe hervorbringen hoͤren. Die Seele eines solchen Menschen befindet sich in dem Zustande des Halbwachens. Die Jdeen, die sie zusammensetzt,27 sind aus der wirklichen, die Zusammenstellung selbst ist aus der idealischen Welt hergenommen, wie dies der Fall mit jedem Traum ist; aber mit dem Unterschiede, daß hier nach allen Aeußerungen des koͤrperlichen Mechanismus die Seele der wirklichen Welt mehr als der idealischen nahe zu seyn scheint. Der Grundsatz, auf welchem in dergleichen Faͤllen sich unser Urtheil stuͤzt, beruht auf folgender Jdeenreihe: Wir bedienen uns zum Behuf des gemeinen Lebens bey dem Uebergange der Begriffe zu Urtheilen desjenigen Grades von Anstrengung, der die Seele in einem Zustande der Gemaͤchlichkeit laͤßt. Jdeenverknuͤpfungen also, die diesen Zustand der Gemaͤchlichkeit unterbrechen, sind uns im Umgange des gesellschaftlichen Lebens unangenehm, und erregen entweder Ahndung hoͤherer Geistesfaͤhigkeiten, oder auch widrigenfalls, wenn sie zu auffallend, rasch und sonderbar sind, Verdacht einer schwaͤrmerischen Ueberspanntheit. Daher sind auch die Reden und Einfaͤlle eines launigten Menschen, mit dessen Charakter wir entweder noch gar nicht bekannt sind, oder der sich vielleicht heute zum erstenmal uns von dieser Seite zeigt, allemal gewissermaßen verdaͤchtig, und erst nach einer mit sich selbst verbundenen Reihe von Gedanken und Einfaͤllen entscheiden wir uns, ihm den Namen eines Schwaͤrmers, oder eines witzigen Kopfs zu geben. Ein Beweis von dem, was ich vorher sagte, daß der Begriff von Schwaͤrmerey ein Verhaͤltnißbegriff sey, und daß28 außer so vielen andern Zufaͤlligkeiten auch selbst die jedesmalige Jdeenlage des Urtheilenden uͤber die Bedeutung desselben entscheide.

Ja selbst die ersten Anwandelungen von Wahnsinn (den man vielleicht nicht ohne Grund eine continuirliche Schwaͤrmerey nennen kann) benennen wir, solange das Verwirren und Jneinanderwerfen der Jdeen noch nicht herrschend geworden ist, mit dem Namen der Schwaͤrmerey, und die Verwandschaft des Genies mit dem Wahnsinn, auf die Shakespears Hamlet winkt, ergiebt sich aus dieser letztern Bedeutung mit der oben angefuͤhrten zusammengenommen von selbst.

Jn einer gelindern Bedeutung brauchen wir das Wort Schwaͤrmer von Plan - und Projectmachern und andern Leuten der Art, die irgend eine Jdee mit dem Grade der Lebhaftigkeit denken, der mit dem gewoͤhnlichen Jdeengange unverhaͤltnißmaͤssig ist; wenn sie z. B. bey einem auszufuͤhrenden Plane oder Entwurf eine Reihe nothwendig an einandergeketteter Folgen, große Aussichten, unausbleibliche Vortheile da sehen, wo wir, nach der gewoͤhnlichen Art zu urtheilen und zu schliessen, dergleichen gar nicht sehen; wenn ihnen Wahrscheinlichkeit, hoͤchste Gewißheit; bloße Moͤglichkeit, Realitaͤt; Gedanke Thatsache ist, und alle ihre Schluͤsse und Urtheile sich auf diese taͤuschende Verwechselung gruͤnden.

29

Betreffen diese zu lebhaft gedachten und mit uͤbertriebener Waͤrme bearbeiteten Jdeen Dinge von Wichtigkeit, z. B. menschenfreundliche Vorschlaͤge, praktische Aussichten, oder Plane zum Wohl der Menschheit; so erheben wir den liebenswuͤrdigen Schwaͤrmer zu einem liebenswuͤrdigen Enthusiasten. Sind es aber Kleinigkeiten, oder uͤberhaupt nur sehr eingeschraͤnkt interessirende Dinge, wofuͤr sich der Kopf eines Menschen erhitzt; so zeichnen wir ihn mit dem Namen eines Fantasten.

Geht der Schwaͤrmer (vorzuͤglich in Sachen des theologischen Lehrsystems) so weit, daß er Gott und Religion in sein Jnteresse hineinflicht, und mit Hintansetzung alles dessen, was gerecht, gut und edel unter den Menschen heißt, den irdischen Hindernissen trotzet; dann erhaͤlt er den Namen Fanatiker.

Diese Aeußerungen der Schwaͤrmerey, die so mannigfaltig und dem ersten Ansehn nach von einander verschieden sind; aber wie wir nachher bemerken werden, nur zu leicht sich einander erzeugen wie entstehen sie, wie koͤnnen sie selbst bey großen weltklugen Leuten herrschendes Jdeensystem werden?

Die menschliche Seele ist durch ihre Organisation faͤhig, aus der fortgehenden Reihe ihrer Jdeen irgendeine abzusondern und auszuheben, und zu dem anfangenden Gliede einer neuen Kette zu ma -30 chen. Wenn es uns daher versagt ist, Jdeen nach Willkuͤhr zu schaffen, oder auch nur zu gewuͤnschter Zeit beliebige Bilder vor dem innern Auge, wie in einer Laterne magica, voruͤberzufuͤhren; so koͤnnen wir doch die jedesmalige Jdeenmasse, die Augenblicke der Betaͤubung oder Ueberraschung ausgenommen, nach Willkuͤhr richten und stellen, und dem innern neugebildeten Creiße der sich associirenden Jdeen seinen Mittelpunkt geben, ja sogar davon einige herbey rufen, die ohne dies diesen Creiß fuͤr jetzt nicht beruͤhrt haben wuͤrden. Alles dies geschieht durch einen verstaͤrkten Grad der innern Selbstthaͤtigkeit. (Dieses primum mobile des gesamten geistigen Systems in der lebendigen[ Welt.) ] Das Gedaͤchtniß belebt sich zu neuen Erinnerungen, die Jmagination stellt alle ihre Anschauungen in hellerm und staͤrkerm Lichte dar, der Witz verknuͤpft mit groͤßerer Schnellkraft die homogenen Jntuitionen. Die Seele sitzt unter ihren Jdeen wie eine Spinne in der Mitte ihres Gewebes. Was sie von allen Seiten her in allen Weiten um sich herum sieht, oder empfindet, wird ihr Stoff zu dem geistigen Gewebe; jeder neue und lebhafte Begriff, jedes frischere Bild dient ihm, Farbe und Einschlag zu geben. So wie also nach der alltaͤglichen Erfahrung der Mensch immer mehr Thier als Geist ist, und durch seine sinnliche Organisation seyn muß, sowie er sich immer mehr von den untern Seelenkraͤften mechanisch hinziehen, als von den obern vernuͤnftig leiten laͤßt, mehr durch31 viele dunkle Jdeen, als eine klare, mehr durch ihre Zahl, als ihr Gewicht, mehr durch Anschauungen der Jmagination, als durch Gruͤnde der Urtheilskraft determinirt wird; so kann also jene gespanntere Thaͤtigkeit der untern Seelenkraͤfte wie eine Art von Verschwoͤrung wider die obern, wider Vernunft und Urtheilskraft angesehen werden. Zufaͤllige Homogenitaͤten des Witzes gelten in diesen Momenten der Seele fuͤr Urtheile, und starke lebhafte Anschauungen fuͤr Gruͤnde. Was Wunder, wenn sie bey der Eingeschraͤnktheit ihres Fassungsvermoͤgens in ihre selbgeschaffene idealische Welt vertieft, das Auge von der wirklichen weggewendet hat, oder wenn sie allen gewoͤhnlichen Maaßstab des Urtheilens verachtet, da ihre eigenen Jdeen denselben schon bey sich selbst fuͤhren, und durch ihre Lebhaftigkeit und starke Bilder uͤber Realitaͤt, Moͤglichkeit und Wahrscheinlichkeit entscheiden.

Nach dieser Erklaͤrung ist also kein Zweifel, daß nicht die Schwaͤrmerey in dem Hirn eines jeden Erdensohns, sey's an dieser oder jener Faser, irgendwo ihr Spinnengewebe haͤngen habe. Der Mensch ist keiner starken Leidenschaft, keiner tiefen Empfindung faͤhig, ohne eine Anwandelung von Schwaͤrmerey. Jeder stolze unuͤberwindliche Vorsatz erzeugt und behauptet sich durch sie. Sie ist die Gespielinn der Leidenschaft jeder Art, und die innere mitfolgende Begleiterinn jeder hoͤhern Wuͤrksamkeit der Seele. Ein Cato darf ihr ohne Erroͤthen einen32 Theil seines erhabnen Patriotismus verdanken, und die Socraten waͤren ohne sie vielleicht nur halb so groß.

Wenn der entzuͤckte Dichter die Muse vom Himmel zu sich herunterfleht, wenn er von dem Deus in vatibus redet, oder von der feyerlichen Wonnestunde der Begeisterung spricht, dann meint er nichts anders, als jenen Zustand der gespanntern Selbstthaͤtigkeit, den wir so eben schilderten. Dieser verdankt er seine frischen mit lebendigem Colorit gezeichneten Bilder, seine seelentreffenden Zuͤge, den weit aussehenden, unter den arbeitenden Haͤnden sich erweiternden Plan, den immer neu zufließenden Reichthum in der Ausbildung seines Gedichts, die ganze Ansicht und Darstellung der Natur in ihrem festlichen Gewaͤnde. Eben daher schreibt sich jenes innige Jnteresse und die unwiderstehliche Bezauberung fuͤr das Product seines Geistes, das Feuer, womit er daran arbeitet, und die suͤsse Vergessenheit seiner selbst, und alles Wirklichen um ihn herum. Seine ganze Existenz scheint sich in diesen Augenblicken auf diese einzige Jdee zu concentriren, und nur mit Anstrengung und Muͤhe denkt er sich in die verlassene wirkliche Welt zuruͤck.

Eben dies ist auch die Geisteslage der Entdecker, Erfinder und Reformatoren jeder Art. Eine einzige Jdee mit hoher Lebhaftigkeit gedacht, mit allen verwandten Jdeen geschwaͤngert, nach allen Seiten33 gewandt, aus jedem Gesichtspunct beschaut, macht die Columbe, die Copernicus, die Luther, die Leibnitze und30Cante.Die unerschuͤtterliche Ueberzeugung, daß sie trotz aller Einwuͤrfe und Widerspruͤche recht sehen und urtheilen, die unwiderlegbare Gewißheit, daß es ihnen gelingen muͤsse und gelingen werde. Der Muth, die Standhaftigkeit und Ausdaurung in Kaͤmpfen und Muͤhseligkeiten sind Folgen des edlen hohen Selbstbewußtseyns, welches durch das Gefuͤhl der mit ungewoͤhnlicher Thaͤtigkeit arbeitenden Seelenkraͤfte erzeugt, unddurch eine Art von Jllusion, die der auf sich selbst gehefteten Seele nur allzu gewoͤhnlich ist, auf die Groͤße, Wichtigkeit, Richtigkeit und endliche Durchsetzung der zu erfindenden, oder zu unternehmenden Sache uͤbertragen wird.

Wer sieht nicht hieraus, daß ganze Voͤlkerschaften, daß die Menschheit manchen erschuͤtternden Geniusschwung, der sie aus hundert - und tausendjaͤhrigem Schlummer erweckte, und wie durch einen gewaltsamen Stoß auf einmal zu einer Hoͤhe empor hob, zu welcher dieselbe ohne dies noch Jahrhunderte hindurch vergebens aufgeschauet haben wuͤrde, jenem Keim zur Schwaͤrmerey in der menschlichen Seele zu verdanken habe; ein offenbarer Beweis, wie die Meisterhand der Natur oft die wichtigsten Phaͤnomene, in der Geisterwelt sowohl als in der physischen, an die feinsten Faͤden anknuͤpfe,34 indem, wie wir sehen, jene Riesenschritte der Erfindungen und jene Kuͤhnheiten der stolzesten Menschenseele, großen Theils auf der so leichten, so leise entschluͤpfenden Taͤuschung beruhen, daß wir unser denkendes Subject mit dem gedachten Gegenstande, die Jdee mit der Sache vermengen.

Noch muß ich anmerken, daß die oben bemerkten Grade der Schwaͤrmerey, Enthusiasmus, Fantasterey und Fanatismus durch einen sehr feinen Organismus zusammenhaͤngen, und wie electrische Funken, wenn leichtere Jdeen nicht ins Mittel treten, sich eins an dem andern entzuͤnden. Lasset den enthusiastischen Schwaͤrmer fuͤr seine weit aussehende Entwuͤrfe erwuͤnschten Fortgang finden, und widersetzet euch ihm in Kleinigkeiten, und ihr werdet sehen, wie er selbst auf Kosten der Vernunft darauf bestehen, und aus einem in himmelweiten sehenden Enthusiasten ein engherziger Fantast werden wird. Mischet in seinen Character, wie dies immer so vertraͤglich mit dergleichen Character ist, Ehrgeitz und Herrschsucht, und der schwarze Fanatismus[ lauert] mit seinem ganzen Gefolge im Hinterhalte.

Wir sind jetzt, glaub ich, ziemlich vorbereitet zu einem vollstaͤndigen Begriff von der im eigentlichsten Sinn also genannter Schwaͤrmerey, dem Jdeal unseres Jahrhunderts, welches, wie jedes andere, gemeiniglich unzaͤhlige Verehrer und Anbeter von der einen, und heimliche Belacher von der andern Seite hat.

35

31Der neueste Philosoph der Deutschen,der die Vernunft und ihre Vermoͤgen mit einem beynahe unerreichbaren Tiefsinn erforscht und ermessen hat, hat es bewiesen, daß dieselbe ein[ unerlaͤßliches] Beduͤrfniß habe, (ohne welches sie beynahe nicht Vernunft seyn koͤnne,) nachdem sie lange genug die sichtbare Kette der Natur in allen ihren Gliedern verfolgt, jenseits alles Sichtbaren und Sinnlichen, oder, wie er es nach seinem System nennt, jenseits der Erfahrung hinauszugehen, und in einem ganz andern Felde, als dem, der in dieser sinnlichen Organisation uns moͤglichen Erkenntniß, ihre Vollendung und letzte Befriedigung zu suchen. Diese Quelle hat der seit mehr als ein Jahrtausend hindurch herrschende, oft bestrittene und eben so oft wieder erneuerte und verfeinerte Dogmatismus der Philosophen aller Nationen und aller Jahrhunderte, eine Art von Schwaͤrmerey, die um so viel gefaͤhrlicher war, weil sie durch ihre Natur die scheinbarsten und uͤberredensten Gruͤnde fuͤr die Realitaͤt ihrer Traͤumereyen vorzubringen wußte, und uͤberdem noch obenein das Richtmaaß zur Entscheidung zwischen Traum und Wahrheit, Jdealitaͤt und Wuͤrklichkeit, nehmlich Verstand und Vernunft in ihren Quellen verfaͤlschte.

Unterdessen ist es in der Geschichte der Menschheit durchgaͤngig bestaͤtigt, daß das, was die Philosophen durch lange Reihen weit hergeholter De -36 monstrationen thaten, lange vor ihnen schon der uncultivirteste Naturmensch durch eine natuͤrliche Taͤuschung seiner Einbildungskraft gethan hatte; und eben so gewiß ist es, daß dem Philosophen zur Seite der gemeine Mann, ohne von dem ersten gemißleitet zu seyn, durch einen gleich natuͤrlichen Gang des Menschensinnes uͤber die nehmlichen Begriffe, wenn gleich[ nicht schwaͤrmte,] oder vernuͤnftelte, so doch wenigstens wahrscheinlich ahndete, oder schwankend sceptisirte.

Nachdem der oben genannte Weltweise die Schwaͤrmerey der Philosophen so richtig erklaͤrt und dargestellt hat; so wollen wir dies in Ruͤcksicht der letztern um so viel mehr thun, da selbst jene sich auf diese, so wie allemal Vernunft auf Sinnlichkeit gruͤndet, und der menschliche Geist in seinem Fortschritte von der letztern zu der erstern aufstieg.

Die menschliche Seele aͤußert darin einen characteristischen Unterschied und auffallenden Vorzug vor den thierischen Jnstincten, daß, sobald sich nur die fruͤhesten Keime ihrer Entwickelung zeigen,[ sie nicht] bey dem durch die aͤußern Sinne erhaltenen Eindruck stille stehen bleibt, sondern durch einen eigenthuͤmlichen Mechanismus von dem Gegenwaͤrtigen zum Zukuͤnftigen, von dem Wuͤrklichen zum Moͤglichen, von dem Sichtbaren zum Unsichtbaren, von der Wuͤrkung zur Ursach uͤbergeht. Diese Willkuͤhrlichkeit, womit die Seele des Menschen ihre37 gesamten Eindruͤcke und Begriffe behandelt, (ich moͤgte sie beynahe die Freyheit des Verstandes nennen,) gruͤndet sich auf eine sehr erklaͤrbare Weise auf das dem Menschen eigenthuͤmlicheAbstractionsvermoͤgen, nach welchem kein sinnlicher Eindruck, bloß Eindruck, d. h. Reaction des angeschauten oder empfundenen Gegenstandes ist, sondern schon immer etwas Jdealisches, das heißt unsinnliches an sich hat. Aber eine weitere Eroͤrterung hieruͤber duͤrfte vielleicht hier am unrechten Orte stehen.

Die Jmagination, diese immer rege Energie und gleichsam ewig gebaͤrende Zeugungskraft der Seele, laͤßt dieselbe wegen jenes idealischen Ueberganges von der Wuͤrklichkeit zur Moͤglichkeit, von der Ursach zur Wuͤrkung nicht lange in Unruhe, und weis das Leere des sich eroͤffnenden neuen Feldes der Erkenntniß mit ihren Schoͤpfungen nur zu leicht auszufuͤllen. Das Abstractionsvermoͤgen selbst, diese[ geistigste] aller Energien in der Seele, welchen wir alle jene hohen Ausbildungen der Vernunft zu danken haben, wird von der Jmagination als einer sinnlichen und eben deswegen herrschenden Seelenkraft dazu angewandt, und ich moͤgte sagen, gemißbraucht, um durch ihre Absonderungen, Laͤuterungen und Verfeinerungen der unmittelbaren Eindruͤcke der Sinne jener ihre Zusammensetzungen zu befoͤrdern. Die Jmagination nehmlich bildet durch38 diese Art den angeschauten Urbildern gewisse Copien nach, denen sie jetzt durch Vergroͤßerungen und Zusatz an der Quantitaͤt, jetzt durch Verwechselungen und Umaͤnderungen der Qualitaͤt den scheinbaren Anstrich von Urbildern, und zwar groͤßern und vollkommnern Urbildern giebt, als diejenigen selbst sind, welche ihnen als Anschauungen und wuͤrkliche Empfindungen zum Grunde liegen. Da also bey jedem vorkommenden Urtheil uͤber die letztern, die erstern als[ Erkenntniß-] und Erklaͤrungsgruͤnde derselben der Seele nothwendig mit[ vorschweben;] so ist dies ausser den bey unserer Erklaͤrung der Schwaͤrmerey angefuͤhrten Gruͤnden, die hier nicht weniger eintreffen, ein Grund mehr, um hier Bilder fuͤr Empfindungen, Jdealitaͤten fuͤr Wuͤrklichkeiten zu halten.

Es ist hieraus klar, wie der menschliche Geist auf diesem Wege, den ihn keine Sophisterey, sondern die Natur mit eigener Hand gefuͤhrt, die grossen Jdeen von Gott, Religion, Geist, Uebersinnlichkeit und intelligibeln Welt, gefunden. Alle Philosophen, bis auf32Mendelsohnherab, haben in ihren feinsten Speculationen nichts mehr gethan, als daß sie jene rohen Begriffe des wilden Naturmenschen gelaͤutert und erhoͤhet haben, und ein Malebranche sieht, hoͤrt und fuͤhlt auf der hoͤchsten Stufe der Speculation gerade so den Urheber aller Dinge, als ein Adam nach seiner ersten Entwickelung aus dem thierischen Stande, denselben in jeder39 bluͤhenden Blume sieht, in Fruͤhlingsluͤftchen saͤuseln, im schreckenden Donner wandeln hoͤrte. (Eine Bemerkung, welche einige der neuesten unsrer Weltweisen, vor allen andern aber der scharfsinnige Verfasser der Resultate der Jacobischen und Mendelssohnschen Philosophie beherzigen sollten, wenn sie in der Geschichte der Menschheit jene großen Begriffe schon sehr fruͤh, und oft so erhaben ausgebildet finden, und daruͤber als ein aus natuͤrlichen Ursachen unerklaͤrbares Phaͤnomen staunen, so daß sie als die erklaͤrtesten[ Sceptiker,] der Vernunft zum Trotz, eine Art von despotischen Zwangsphilosophie einfuͤhren, und uns die Offenbarungen der Bibel als eine unbezweifelbare goͤttliche Dogmatik aufdringen wollen.)

Auf diese Art fuͤhrt also die Natur den Menschen selbst zur Schwaͤrmerey; aber es giebt noch andere kuͤnstliche Quellen derselben.

Wir duͤrfen nicht alles Wißbare, ja nicht einmal alles Wissenswuͤrdige von der Natur kennen, wir duͤrfen nur die vordersten Aussenseiten ihres unermeßlichen Tempels von ferne sehen, um uns zu uͤberzeugen, wie hoͤchst eingeschraͤnkt unsere Erkenntniß der Natur, und wie unzulaͤnglich fuͤr die Befriedigung der wichtigsten und letzten Erkenntniß-Beduͤrfnisse sie ist. Von der ersten Ursache der Natur, ihrem Wesen, Eigenschaften, Einflusse auf die Welt und Zusammenhange mit uns, 40 welcher Neuton, oder Haller, oder Leibnitz kann auch nur dem gemeinen Mann, der ihn darum befraͤgt, befriedigende Antwort geben? Und eben so unsern großen Wunsch fuͤr Fortdauer und Unsterblichkeit, welcher Socrates, welcher Mendelssohn kann ihn hinlaͤnglich begruͤnden oder staͤrken?

So wie also uͤber diese unzuruͤcktreiblichen Probleme die Vernunft von der Natur selbst zu einem ewigen Scepticismus verurtheilt zu seyn scheint; so greift sie um ihrer endlichen Selbstbefriedigung willen gleichsam zu gewaltsamen Mitteln, und will der Natur ihre großen, unenthuͤllbaren Geheimnisse selbst abzwingen; tritt ihre eigene Fackel mit Fuͤßen, um in einer undurchdringlichen Nacht desto heller zu sehen, waͤhnt jede gewoͤhnliche Erkenntniß nach Naturgesetzen fuͤr blind, oder wenigstens kurzsichtig; findet mehr Beruhigung in Unbegreiflichkeiten, als im Begreiflichen; laͤßt statt der Urtheils - die Einbildungskraft wuͤrken; ahndet und muthmaßt, statt zu sehen, glaubt, statt zu pruͤfen. Undso entsteht dann eine Welt von Unbegreiflichkeiten, Wunderkraͤften, die man durch den Schleier, den die Natur wenigstens vor unser gegenwaͤrtiges Auge daruͤber geworfen zu haben scheint, in jeder natuͤrlichen, ja als ganz alltaͤglichen Erscheinung sichtbar hervortreten sieht: glaubt Gott zu verehren, und kniet vor Affen; traut auf Wunder, und laͤßt sich41 durch Unwissenheit und mißbrauchende List hintergehen; sieht Geister aus der andern Welt, und merkt nicht auf die Taschenspielerkuͤnste des[ Geisterbeschwoͤrers. ]

Eine solche Stimmung der Gemuͤther befoͤrdert nichts so sehr als ein Buch, welches einzig in seiner Art seit undenklichen Jahren auf die Achtung der Welt Anspruch macht, und, wenn man es nicht genauer studirt, in eben diesem Geiste, und mit der Absicht geschrieben zu seyn scheint, um jene Denkungsart zu befoͤrdern. Seine Begriffe von Gott, Geistern, Engeln, Wunderkraͤften werden der einmal aufgeregten fruchtbaren Einbildungskraft bey unaufgeklaͤrten Menschen nur um so viel mehr Stoff zu neuen schwaͤrmerischen Jdeenverbindungen geben, und die Schwaͤrmerey wird an ihm grade das finden, was sie sonst am wenigsten zu haben pflegt Gesetzbuch.

Braunschweig.

33Daniel Jenisch.

Man erlaube mir, daß ich zu dieser Abhandlung, welche sehr viel Wahres, Richtiges und Treffendes in sich enthaͤlt, noch folgendes hinzu setzen darf:

Der Grund, der in unsern Zeiten so sehr einreissenden Religionsschwaͤrmerey liegt offenbar in42 mehrern Umstaͤnden, die jetzt nothwendig und zufaͤllig zusammengekommen sind, und bey ihrer sehr wahrscheinlichen Fortdauer unsern Nachkommen eine ungluͤckliche, ich will nicht sagen, allgemeine Barbarey der Vernunft drohen. [1)] Das ernste Studium der Alten, und der Philosophie hat in unsern Tagen sehr aufgehoͤrt. Unsere jungen Leute treiben nicht viel Reelles mehr, und verschwenden jetzt einen großen Theil der Zeit, welcher zu richtiger Ausbildung ihres Verstandes angewandt werden sollte, mit Lesung matter, empfindsam geschriebener Romane, die den Geist erschlaffen, und ihren Empfindungen eine schiefe, idealische Richtung geben. Ein Umstand, der bey der einreissenden Religionsschwaͤrmerey mehr als geschieht, erwogen werden muͤßte. Wenn die edeln und reinen Gefuͤhle durch jene Lectuͤre verstimmt, verzaͤrtelt und zu sehr versinnlicht worden sind, wenn der Ton einer gewissen Empfindeley der herrschende in der Menschenseele geworden ist, wenn dadurch die Einbildungskraft angezuͤndet, und das Nervensystem geschwaͤcht worden ist; so ist nichts natuͤrlicher, als daß die Religionsschwaͤrmerey, welche man auch Religionsempfindeley nennen koͤnnte, sehr leicht und geschwind Wurzel fassen muß, sobald sich die Seele auf geistige Gegenstaͤnde hinrichtet. Man weis uͤberhaupt schon, wie nahe schwaͤrmerische Empfindungen der Liebe mit schwaͤrmerischen Gefuͤhlen der Religion verwandt sind, und wie leicht sie in einander uͤber -43 gehen koͤnnen. Jene erstern werden offenbar zu sehr in unsern neuern Romanen angefacht, und dadurch wird fast immer mit der Grund zu diesen gelegt. 2) Die Parthey der[ Religioͤsen,] Pietisten, Schwaͤrmer und Geisterseher hat zwar von jeher bald aus gutgemeinten Absichten, bald aber auch aus schwarzem Sectengeist und dummer Proselytensucht ihren Anhang zu vermehren gesucht; aber in den jetzt so sehr verschrienen Zeiten des Unglaubens meinen jene glaͤubigen Herren vornehmlich hervortreten zu muͤssen, damit das Gebaͤude der Religion nicht ganz uͤber den Haufen falle. Sie haben daher nicht nur von neuem jene Traͤumereyen von Wunderkraͤften, Wunderglauben, mystischen Unionen mit hoͤhern Geistern, Einwuͤrkungen der Gottheit auf unsre Gefuͤhle u.s.w. aufgewaͤrmt, und mit großem Geschrey davon zu predigen angefangen; sondern haben noch weit schlauere Mittel zur Erreichung ihrer Absichten angewandt, und sind dabey nicht ungluͤcklich gewesen. Sie haben die Großen und ihre Minister zu gewinnen gesucht, haben Maͤnner von ausgebreitetem Ruhme und wilder Thaͤtigkeit zu ihrer Parthey heruͤber gelockt, und was ihrem Ansehen erstaunlich viel und mehr, als man glauben sollte, genutzt hat, haben die Herzen der Weiber durch Mittel, wodurch weibliche Herzen so leicht gefangen werden, gewonnen, davon ich sonderbare Beyspiele erzaͤhlen koͤnnte, wenn hier der Ort dazu waͤre. Mit44 allen diesen Kunstgriffen haben sie die Ausstreuung mystischer Buͤcher verbunden, und sonderlich gewissen Arten von Menschen Aufschluͤsse darin versprochen, die ihnen kein weltliches Buch, keine Philosophie verschaffen koͤnne. 3) Die jetzige, allgemein werdende, ausschweifende, nervenschwaͤchende, empfindelnde Lebensart, der ungeheure Luxus, die damit verbundene fehlerhafte fruͤhe Erziehung und Verzaͤrtelung unsrer Generation haben einen sichtbaren Einfluß in den Hang zur Schwaͤrmerey und Mystik. Der zu sehr sinnlich gewordene Mensch, der keine Kraft zum Denken mehr uͤbrig hat, der gern seine Phantasie in sanften Gefuͤhlen wiegt, und der jede Selbstuntersuchung fliehet, weil sie ihm laͤstig und unbequem wird, ergreift am liebsten ein Religionssystem, welches ihn gleichsam mit einer neuen Art Wollust naͤhrt, und sein Gewissen durch eine ertraͤumte mystische Gnade beruhigt. Man hat immer bemerkt, daß die Ausschweifendsten und sinnlichsten Menschen am leichtesten zur Schwaͤrmerey uͤbergehen, und sonderlich beym herannahenden Alter in die Arme eines Systems fliehen, worin sie sich am bequemsten uͤber ihr vergangenes Leben betaͤuben koͤnnen. Wie viele Menschen von dieser Art habe ich kennen gelernt! und wie bekannt ist es, daß die neuen Prediger der Schwaͤrmerey durch diese sich sehr wichtigen und zum Theil bedenklichen Einfluß verschaft haben.

45

Diese und mehrere physische und psychologische zum Theil auch politische Gruͤnde haben vornehmlich der Schwaͤrmerey in unsern Tagen Thuͤr und Thor eroͤffnet, und man hat sehr Ursach, auf den geheimen, im Dunkeln schleichenden Fortgang dieser Pestilenz aufmerksam zu seyn. Der ruhige Denker wird freylich bey der zunehmenden Ausbreitung derselben, die durch so viele besondere, aber sehr thaͤtige Secten befoͤrdert wird, immer Muth behalten; er wird sich damit troͤsten, daß die gesunde Vernunft und die aͤchte Tugend sich eigentlich nie ganz verlohren, sondern immer ihre Verehrer und Befoͤrderer gefunden habe ; aber beunruhigen muß es ihn doch allerdings, wenn er bedenkt, wie schnell sich jene Krankheit auszubreiten anfaͤngt, wie maͤchtige Anhaͤnger, wie feine listige Prediger sie hat, und wie sehr sie sich zum Geiste unseres Jahrhunderts, unsrer Sitten und selbst zur Polemik unsrer Tage paßt, unter deren Streitigkeiten sie sich immer mehr und mehr ausdehnen wird.

Die Schwaͤrmer sind im gewissen Betracht, zumal wenn sie Beredsamkeit mit List verbinden, wie dergleichen mehrere bekannt sind, und wenn sie mit lebhaft empfindenden Leuten zu thun haben, unwiderstehliche Verfuͤhrer. Die Sprache der Ruhe, Zufriedenheit und Gleichmuͤthigkeit, die aus ihren Worten und Mienen hervorleuchtet, und von der man so leicht auf eine innere gluͤckliche Stille des46 Herzens schließt; die herablassende, gefaͤllige, herzliche Manier zu belehren, zu unterrichten, zu recht zu weisen; der hinreißende Ausdruck des Mitleidens, den sie gegen Verirrte, gegen sinnlich Lasterhafte selbst an den Tag legen; die Wahl ihrer Bilder, die leichte Versinnlichung der Religionswahrheiten, das bestaͤndige Hinweisen auf freudige Gefuͤhle des Glaubens, die schlaue Accommodirung ihres ganzen Betragens, Denkens und Handelns nach der Phantasie ihrer Zuhoͤrer, alles dies schließt den Schwaͤrmern leicht die Herzen der Menschen auf, und diese Herzen sind oft eher gefangen, als sie es noch glauben. Solchen guten gesalbten Menschen entdeckt man gern seine Gemuͤthsunruhen, um von ihnen als heiligen Propheten Gottes Ruhe und Troͤstung zu erhalten. Man schenkt ihnen sein Zutrauen, weil sie es vor allen andern zu verdienen scheinen, und mit diesem bekommen sie gleichsam unser ganzes Herz in ihre Haͤnde. Es kann nicht fehlen, daß ein empfindsamer Mensch nach[ einigem] Umgang mit solchen Schwaͤrmern, oder auch nur mit ihren Schriften oder Briefen eine gewisse Behaglichkeit in sich wahrnehmen muß, die ihm die Guͤltigkeit ihrer Jdeen ausser Zweifel setzt. Der Angesteckte nimmt Bewegungen des Herzens, Empfindungen in sich wahr, die er vorher nie kannte. Er faͤngt an in sich selbst hinein zu schauen und das, was freylich nur eine Aufwallung des Bluts, oder eine Taͤuschung der Phantasie war, fuͤr Wuͤrkungen einer47 hoͤhern Kraft zu halten, und was unmittelbar daraus folgt die Welt ausser sich (die vielleicht vorher ihn nicht genug belohnte, seine[ Plaͤne] zerstoͤrte, seinen Stolz nicht naͤhrte) zu verachten.

Er beginnt nun auch eine ganz andere Sprache zu reden, als andere vernuͤnftige Menschen zu gebrauchen pflegen; eine Sprache, die sorgfaͤltig gewaͤhlt ist, seine feurigen Jdeen ja nicht auszuloͤschen, sondern noch mehr anzufachen. Die Vernunft wird verachtet weil sie Vernunft ist, weil sie es gegen seine Phantasien zu disputiren wagt; die Philosophie wird eine eitle Wissenschaft genannt, und die Bibel zum einzigen lautern Erkenntnißgrunde aller Wahrheit gemacht. Hierin traͤgt der Schwaͤrmer alle seine religioͤsen Tollheiten hinein, und beweist aus ihr das, was nimmermehr daraus bewiesen werden kann. Wer daran zweifelt, ist in seinen Augen ein verworfener Religionsveraͤchter, und alle philosophische Tugend ein geschminktes Laster.

Daraus ist nun aber auch zugleich sichtbar genug, daß ein Mensch von allem andern leichter geheilt werden kann, als von religioͤser Schwaͤrmerey. Sie unterhaͤlt nicht nur seinen geistigen Stolz durch jede hohe Jdee, die sie in ihm erzeugt; sondern mahlt ihm auch ein so erhabnes Bild von Gluͤckseligkeit vor, daß er fast gar keinen freyen Willen anders zu handeln uͤbrig behaͤlt. Da er seinen Schatz, seine Gottheit gleichsam in dem Busen48 traͤgt, und da er sich uͤber die Welt so sehr erhaben glaubt; so bleibt ihm eigentlich kein unerfuͤllter Wunsch mehr uͤbrig. Er haͤlt sich fuͤr den gluͤcklichsten Menschen wenn ihm selbst aͤußere Gluͤcksguͤter fehlen; ja er rechnet ihren Mangel zu seinem Gluͤck, und sieht auf die mit einer Art Verachtung herab, die sie besitzen.

34P.

2. Ein Traum.

35

Weder in der Natur der menschlichen Seele, noch in den moralischen Eigenschaften der Gottheit scheint ein mehr als bloß wahrscheinlicher Beweis fuͤr die Unsterblichkeit unsrer Seele zu liegen. Daruͤber hatte ich mich einst mit meinem seligen Freunde bis um Mitternacht hin gestritten. Meine ganze Seele war voll von Gedanken uͤber diesen Gegenstand, und ich ging mit einiger Unruhe uͤber die Unbeweisbarkeit der Unsterblichkeit zu Bette.

Jch hatte noch nicht lange geschlafen, als ich zu traͤumen anfing, und mein Traum, an den ich noch mit Schrecken denke, war folgender:

49

» Jch fuͤhlte, daß ich nicht lange mehr leben wuͤrde, meine Krankheit wurde bedenklich, und ich sahe mich endlich wirklich sterben. Welche Angst ich dabey ausgestanden, kann ich keinem Menschen beschreiben. Jch vergoß bittere Thraͤnen uͤber meinen eigenen Tod, und mein Blick hing mit einer schwermuͤthigen Stille an meinem Leichnam; aber auf einmal war's, als ob ein heller Strahl der Ruhe und Hoffnung durch meine Seele draͤnge. » Jsts doch nur dein hinfaͤlliger irdischer Leib, dacht 'ich, der da liegt, laß ihn verwesen, da ein weit edlerer Theil deines Wesens dir uͤbrig geblieben ist «. Jch betrachtete nun meine Leiche nicht mehr mit dem vorigen Schaudern; aber es dauerte nicht lange, als es in meiner Seele auf einmal schrecklich truͤbe ward, ich verlohr meine ganze Fassung, und eine unbeschreibliche Angst uͤberfiel mich von neuem. Wer weiß denn so rief es mir im Jnnern meiner Seele zu, ob deine Seele nicht mit dem Koͤrper verweset, ob sie nicht aus ihm heraus fliegt und zerflattert. Bey dem letzten Gedanken empfand ich die schrecklichste Seelenqual, wovon ich vorher und nachher nie eine aͤhnliche Empfindung gehabt habe. Jn dem Augenblick erhub sich ein lichtes Woͤlkchen von dem Scheitel meiner Leiche langsam in die Luft empor. Mit innigster Sehnsucht sahe ich meiner Seele nach; aber immer mit der bangen schrecklichen Empfindung: ob sie wohl zerflattern wuͤrde und was geschah? ich sahe sie zerflattern;50 aber in dem Augenblick war meine Seelenangst so stark geworden, daß sie mich wieder wach machte. Jch fand meinen Leib mit Schweiß uͤber und uͤber, und meine Wangen mit Thraͤnen bedeckt, die ich waͤhrend des Traums geweint hatte.

Sonderbar war hiebey die Empfindung, daß ich mich sowohl in als ausser meiner Leiche zu befinden glaubte, denn ich sahe mich erblaßt vor mir liegen, fuͤhlte aber doch auch, daß es nicht meine Leiche war, die uͤber sich selbst nachdachte; sondern ein anderes ausser ihr sich befindliches Wesen. «

Erlauben Sie mir, daß ich zu diesem Traume meines Freundes noch Folgendes hinzusetzen darf. Jch glaube nicht, daß wir je eine vollkommne Theorie der Traͤume werden entwerfen koͤnnen, da die Geburten der Phantasie so unzaͤhlig vieler Gestalten faͤhig sind. Wir richten uns zwar im Traume nach den allgemeinen Gesetzen des Denkens und Empfindens; aber doch nur in so fern, als ohne sie die Einbildungskraft gar nicht wuͤrken koͤnnte; denn eigentlich hat sie uͤber die Vernunft fast in jedem Traum die Oberhand. Wir denken eigentlich im Traume nicht, weil wir so denken wollen; sondern weil wir so denken muͤssen, indem die Einbildungskraft unsern Gedanken ihre Pfade vorzeichnet, die sie mechanisch nehmen muͤssen. Daher ist eigentlich51 jeder Traum eine Art Raserey, welche aufhoͤrt, sobald die Vernunft nur zusammenhaͤngende Jdeenreihen herbeyfuͤhrt, und unsere Einbildungskraft in engere Grenzen zuruͤckweist, welches durch die Oeffnung der Sinne allemal geschieht.

Der vorher erzaͤhlte Traum war unmittelbar durch das Gespraͤch uͤber Unsterblichkeit entstanden. Daß man sich sterben sieht, wohl gar im Traume gehenkt und gekoͤpft wird ist nichts ungewoͤhnliches, ob es gleich jedesmal mit einer unangenehmen Empfindung verbunden ist. Daß dem Traͤumenden aber die Seele als ein Woͤlkchen erscheint, laͤßt sich wohl aus einer Jugendidee erklaͤren, indem sich Kinder, auch wohl erwachsene Leute die Seele als ein Woͤlkchen oder Flaͤmmchen vorzustellen pflegen, weil man doch immer gern ein wenigstens luftiges Bild von einer Seele haben will. Der Gedanke: du vergehst ganz, mußte natuͤrlicher Weise sehr bange Gefuͤhle erzeugen, die keinem uͤberhaupt fremd seyn koͤnnen, welcher einmal uͤber die Moͤglichkeit eines gaͤnzlichen Vergehens nachgedacht hat.

Daß die Seele waͤhrend des Traums einer groͤßern Wuͤrksamkeit und Vergleichungskraft als im Wachen faͤhig sey, und mithin im Traum Ahndungen von zukuͤnftigen Dingen bekommen koͤnne, wie einige behauptet haben, ist ein hoͤchst unpsychologischer Satz. Wir denken im Traum nach allgemeinen und unlaͤugbaren Erfahrungen gewoͤhnlich viel52 unordentlicher, als im Wachen, und sind daher in jenem Zustande weniger als sonst zum Erfinden und Erfahren neuer Begriffe aufgelegt. Auch waͤr es sonderbar genug, daß sich so wenig Menschen aus ihren Traͤumen jener groͤßern Wuͤrksamkeit der Seele erinnern koͤnnten, und daß die Natur grade diese groͤßere Wuͤrksamkeit der Seele vor uns selbst verborgen haben sollte.

3. Materialien zu einem analytischen Versuche uͤber die Leidenschaften.

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Bonnet schrieb einen analytischen Versuch uͤber die Seelenkraͤfte. Er zergliederte darin die Anfaͤnge des menschlichen Denkens, wie man die einzelnen Theile eines Koͤrpers anatomirt, er suchte die ersten Principien der Empfindungen Stuͤckweise auf, und bildete daraus endlich ein Ganzes, welches der Seelenlehre eine ganz neue und sehr interessante Gestalt gegeben hat. Jch wuͤnschte, daß einer unsrer großen Koͤpfe einen aͤhnlichen Versuch uͤber die Leidenschaften schreiben moͤchte. Jn einem solchen53 Versuche muͤßten die Leidenschaften gleichsam anatomirt, und in die einfachsten Bestandtheile der Empfindung und des Wollens zerlegt werden. Er muͤßte die genauesten auf bestimmte Erfahrungen gebauten Gruͤnde enthalten, warum eine Leidenschaft jetzt so und nicht anders entstand; warum und wie sie sich mit andern vermischte, umtauschte, und neue Grade des Wollens hervorbrachte; welcher Grad und warum dieser Grad von Jdeenlebhaftigkeit oder auch koͤrperlichen Einflusses erfodert wurde, der Leidenschaft ihre eigenthuͤmliche Spannung und Reizbarkeit zu geben. Vornehmlich aber muͤßte ein solcher Versuch zeigen, wie eine jede Leidenschaft endlich mit einem allgemeinen Princip des Wollens, so vermischter Natur sie auch seyn mag, zusammenhaͤngt, und nach demselben ihre verschiedenen Gestalten, Schattirungen und Nuͤancen erhaͤlt. Daß es ein solches allgemeines, und zwar einziges Princip des Wollens giebt, ist nicht zu laͤugnen, so sehr auch die alten und neuen Philosophen in den Hauptzweigen seiner Aeußerungen voneinander abgehen.

Um aber zu einer solchen analytischen Kenntniß der Leidenschaften zu gelangen, muͤßten wir vornehmlich die Aeußerungen derselben in sehr vielen, und auch zum Theil unerwarteten Faͤllen zu beobachten suchen. Dem aufmerksamsten Psychologen entwischen oft selbst die wahren Gruͤnde eines[ Phaͤnomens,]54 wenn er es bloß isolirt betrachtet, und nicht mit sehr vielen andern[ Phaͤnomenen,] aͤußern und innern Umstaͤnden des Denkens, Lagen und Veraͤnderungen mehrerer individueller Zustaͤnde des Wollens vergleicht. Vorzuͤglich, muß er seine Aufmerksamkeit bey gemischten Leidenschaften verdoppeln, und die Differenz richtig zu finden suchen, die fuͤr die Natur der Leidenschaft herauskommt, wenn er das Passive von dem Activen abzieht.

Wir haben sehr viel Theorien*)*) Worunter die Preisschrift des Hrn. Cocsius ohnstreitig die vorzuͤglichste ist. uͤber die Leidenschaften, aber wenige beruͤhren den eigentlichen Calculus der Empfindungen, welcher sich auf die kleinsten und ersten Elemente und Schattirungen der Leidenschaften erstreckt. Sie sind gemeiniglich zu allgemein, zu compendiorisch, als daß sie analytische Theorien genannt zu werden verdienten; vornehmlich aber haben sie den Fehler, daß ihre Verfasser nicht Anatomen genug waren, um das ganze Gebiet der Empfindungen, soweit der menschliche Scharfsinn reicht, physiologisch zu beleuchten. Es giebt keine einzige Leidenschaft, die nicht einen genauen Bezug auf unsern Koͤrper und seine Bauart haͤtte. Alles Wollen wird durch den Einfluß des Bluts, der Lebensgeister, des Nervensafts und der koͤrperlichen Jdeenassociation bewuͤrkt, und wir wer -55 den daher ohne eine genaue Kenntniß des menschlichen Koͤrpers nie eine analytische Theorie der Leidenschaften erwarten koͤnnen. Von dieser Seite her ist uͤberhaupt die Psychologie noch wenig bearbeitet, ob auch gleich hievon Versuche genug vorhanden sind. Wenn wir erst mit den feinsten Graden der Blutbewegung, die zum Anstoß einer Leidenschaft erfoderlich ist, mit den innern Eigenschaften der Nerveneindruͤcke und dem Zusammenhange materieller Jdeen mit gewissen Gemuͤthsbewegungen, und uͤberhaupt mit dem physiologischen Theile der Leidenschaften bekannter seyn werden, dann werden wir das Spiel derselben und die ganze Theorie ihres Wuͤrkens wie eine Aufgabe der Experimentalphysik berechnen koͤnnen, wenn uns auch dabey immer noch der Uebergang von Materie zum Bewußtseyn, oder von Bewegung zu Jdee ein Geheimniß bleiben sollte.

Jch habe mir vorgenommen, in dem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde nach und nach Materialien zu einem analytischen Versuche uͤber die Leidenschaften zu sammeln. Jch kann bey dieser Sammlung selbst noch keine Ruͤcksicht auf eine systematische Ordnung nehmen, die jetzt ohnedem auch noch bey den ersten Anfaͤngen dieser Materialien unnuͤtz seyn wuͤrde. Jch liefere sie so, wie sie sich mir darboten, und uͤberlasse einem kuͤnftigen Systematiker, sie nach seinen Absichten zu ordnen. Wenn ich bisweilen56 hiebey meine Jdeen uͤber die Moralitaͤt einer Leidenschaft geaͤußert habe; so scheint dies nun eigentlich nicht grade zu Materialien zu gehoͤren, allein es scheint nur so; indem wir keine Leidenschaft ohne einen gewissen moralischen Bezug auf unser Seyn denken koͤnnen, sobald wir sie als eine Willensaͤußerung eines vernuͤnftigen Wesens denken.

Eigentlich haͤtte ich wohl von der Selbstliebe anfangen sollen, da sie nach einer genauen Zergliederung unsrer Empfindungen, als der erste physische und moralische Wollenstrieb unserer gesamten Thaͤtigkeit angesehen werden muß; aber ich sage noch einmal, daß bey Sammlung bloßer Materialien noch nicht die Frage ist, ob sie in einer gewissen Ordnung liegen muͤssen. Auch koͤnnte ich noch hinzusetzen, daß erst nach einer genauen Anatomie der Leidenschaften die Selbstliebe in der Theorie der Empfindungen als das erste Prinzip des Wollens erscheine, und als ein solches erkannt werden muͤsse, was auch die Vertheidiger der selbststaͤndigen wohlwollenden Gefuͤhle dagegen sagen moͤgen.

40P.

Neid Mißgunst

Zu den an sich unangenehmen Gemuͤthsbewegungen, die in Ruͤcksicht eines vernuͤnftigen Wesens57 außer uns undgegen dasselbe entstehen, rechnen wir den Neid. Wir beneiden einen andern, wenn wir ihm die Vorzuͤge seiner Ehre, seines Standes, seiner Kenntnisse, seiner Lebensart und seines Gluͤcks uͤberhaupt nicht wuͤnschen; sondern sie gern selbst besitzen moͤchten; welches Letztere sonderlich der Charakter des Mißguͤnstigen ist. An sich ist der Wunsch des Selbstbesitzens nicht allemal mit dem Neide verbunden. Es giebt sehr viele Faͤlle, wo wir einem andern seine Vorzuͤge nicht goͤnnen, sie uns aber auch nicht selbst wuͤnschen, weil wir das Laͤstige, Unbequeme und Gefaͤhrliche davon fuͤrchten, oder auch unser Ungeschick dazu was doch seltener der Fall ist einsehen; oder wir koͤnnen auch mit unserm Zustande so zufrieden seyn, daß wir das Gluͤck eines andern zu wuͤnschen, keine Ursach haben. Sehr oft geschieht es auch, daß wir einen andern gleichsam in der Seele eines dritten beneiden. Z.B. eines guten Freundes, welcher nach unsrer Meinung das Gluͤck des erstern viel mehr verdient haͤtte.

Uebrigens moͤgen wir aber den Neid betrachten, von welcher Seite wir wollen; so liegt allemal Selbstliebe, Selbstinteresse bey ihm zum Grunde, so versteckt es auch auf unsere Leidenschaft wuͤrken mag. Wenn wir einem andern seine Vorzuͤge nicht goͤnnen, sie uns auch selbst nicht wuͤnschen; so werden wir doch dabey von einer dunkeln, uns58 taͤuschenden Vorstellung von den Vorzuͤgen jenes Gluͤcks geleitet, wodurch der andre mehr Gewicht und Ansehn, wenigstens zu bekommen scheint, als wir ihm wuͤnschen, und wir wuͤnschen ihm dieses vermoͤge jener dunkeln Vorstellung nicht, weil wir eine Verdunkelung unsrer Vorzuͤge, eine Herabsetzung unseres Jchs, wenigstens in unsrer Einbildung, befuͤrchten.

Jn den allermeisten Faͤllen wuͤnschen wir uns aber wirklich in den Besitz der Vorzuͤge, die ein anderer vor uns voraus, oder auch gemein hat denn wir denken uns die seinen immer groͤßer, als sie sind, der Neid erhoͤht eben so leicht das Gluͤck des andern in der Einbildung, als er sich quaͤlt, das Bild jenes Gluͤcks zu verkleinern. Wir denken uns lebhaft in die gluͤckliche Lage des andern hinein, ob gleich der andere das Angenehme und Reitzende derselben hundertmal weniger empfinden mag, als wir von ihm glauben. Wir setzen uns in die Stelle desselben; denken uns, wie wohl ihm zu Muthe seyn muͤsse, wenn er Ehrenbezeugungen und Lobspruͤche einaͤrndet, Gelder einstreicht, die Freuden und Bequemlichkeiten des Lebens ruhig und nach Gefallen genießen kann, mit angesehenen Leuten umgeht, maͤchtige Goͤnner und Freunde hat, Freude an seinen Kindern erlebt. Wir denken uns gleichsam in die Seele des Mannes, den keine Sorgen druͤcken, der von keinen truͤben Aussichten in die59 Zukunft beunruhigt wird, dessen[ Plaͤne] alle gluͤcklich von statten gehen, anstatt daß vielleicht kein einziger von den unsrigen zu Stande kommt. Dieses Sichhineindenken in die gluͤckliche Lage eines andern, und der dunkle oder deutliche Vergleich derselben mit der unsrigen ist allemal der erste Anfang jedes neidischen und mißguͤnstigen Gefuͤhls, so wie die Fortsetzung desselben Gefuͤhls davon abhaͤngt. Je eitler, eigennuͤtziger, ehr - und geldgeiziger wir sind, desto staͤrker werden wir von dem Gluͤcke eines andern zum Neide und zur Mißgunst gereizt werden, und dieser Neid wird oft in wirklichen Haß uͤbergehen, wenn uns gleich der andere nie beleidigt, sondern sogar Wohlthaten erwiesen hat.

Unser Neid wird uns gerecht duͤnken 1) wenn der andre seine Vorzuͤge nicht zu verdienen scheint, 2) wenn wir ihm seine erhabnen Eigenschaften des Geistes, seine Talente beneiden.

Jm ersten Fall wird der Dummkopf, der sich vor uns emporgeschwungen, und durch ein guͤnstiges Geschick viel mehr aͤußere Vortheile und Vorzuͤge erlangt hat, als wir durch unsere Verdienste je erreichen werden; der Reiche, welcher ohne eigenen Fleiß und Anstrengung, vielleicht durch einen ungefaͤhren Zufall, vielleicht auch durch einen ehrlosen niedertraͤchtigen Streich sein Gluͤck gemacht hat; der geehrte und geruͤhmte Mann, welcher durch allerley Kunstgriffe und listige Mittel den erschlichenen60 Beyfall der Großen und der Menge genießt; der Fremdling, welcher in seinem Vaterlande nichts galt und gelten konnte, uns Aemter und Wuͤrden nimmt, die wir eher zu verdienen glaubten, unsern ganzen gerechten Neid zu verdienen scheinen, und das um so viel mehr, je eine groͤßere Jdee wir von unsern Talenten und Verdiensten hatten, und je mehr unsere Absichten und Schicksale mit den seinigen in Collision kamen.

Jm zweyten Fall kommt uns der Neid gerecht und billig vor, weil wir den andern um eines Seelenguts willen beneiden, was sich ein jeder Mensch vorzuͤglich wuͤnschen muß. Die Wichtigkeit des gewuͤnschten Gutes scheint die Leidenschaft des Neides wirklich zu rechtfertigen, und dieser Neid scheint uns wieder Ehre zu machen, weil das ein vortrefflicher Mensch seyn muß, der die erhabnen Eigenschaften des Geistes eines andern zu besitzen wuͤnscht, und weil wir voraussetzen koͤnnen, daß jener Neid ihn antreiben werde, sich eben so auszubilden. Auch koͤnnen noch andere hinzukommende Empfindungen in uns den Neid rechtfertigen; ein edles Gefuͤhl der Reue, daß wir es noch nicht so weit gebracht haben; eine menschenfreundliche Begierde, daß wir eben so viel Nutzen wie jener durch seinen Kopf stiften moͤchten u.s.w.

Man rechnet zur Natur dieser Leidenschaft nicht ohne Grund das Bestreben, dem, den wir benei -61 den, in seinem Gluͤcke hinderlich zu seyn, ihm den Genuß desselben zu verbittern, seine Eigenschaften zu verkleinern, seine Freunde gegen ihn einzunehmen u.s.w. ob dies gleich eigentlich mehr die Natur der Mißgunst ist. Der eigentliche Neid bey edlen Menschen geht gewiß so weit nicht; aber demohnerachtet laͤßt sichs selbst bey einem edlen Charakter wohl denken, daß er eine gewisse uͤberraschende Freude empfindet, wenn der Beneidete Hindernisse seines Gluͤcks antrift. Diese Freude ist einepsychologische Folge der Leidenschaft, uͤber die kein Mensch in dem Augenblick der Ueberraschung Herr seyn kann. Sie scheint uns gleichsam eine Genugthuung fuͤr das Mißvergnuͤgen zu seyn, welches wir uͤber die Vorzuͤge eines andern empfanden, und wir koͤnnen uns ihr in gewissen Augenblicken, wenn wir nicht uͤber unsere Zunge und Ausdruͤcke wachen, so sehr von ihr hinreissen lassen, daß wir in Gefahr gerathen, von andern fuͤr sehr schlecht gehalten zu werden, so rein auch unser Charakter seyn mag. Sonst treffen wir hierbey einen frappanten Unterschied in dem Benehmen eines verstaͤndigen, gebildeten und moralischen Mannes, und eines rohen, ungebildeten und unmoralischen an. Jener wird seinen Neid zu verbergen suchen, wird ihn nicht durch Verlaͤumdungen und Verkleinerungen des andern an den Tag legen, und selbst Mitleiden mit dem Beneideten haben, wenn er ungluͤcklich werden sollte; dieser wird mit einer triumphirenden Miene62 von dem Ungluͤcke des Beneideten sprechen, seine Mißgunst durch Beschimpfungen und ein muͤrrisches Wesen offenbaren, und seine haͤmischen, satyrischen und ungerechten Bemerkungen uͤber ihn nicht unterdruͤcken koͤnnen.

Man wird es selten finden, daß sich Menschen einander ihrer Tugenden wegen beneiden, und wenn sie es thun, geschieht es mehr in Ruͤcksicht der gluͤcklichen Folgen gewisser Vortheile des Lebens, die daraus entspringen, als ihrer moralischen Guͤte an sich selbst. Der Grund hievon ist nicht schwer zu entdecken. Derjenige, welcher selbst kein tugendhafter Mann ist, kann das Gluͤck eines andern, der es ist, ein Gluͤck, das seinen innern nicht grade in die Augen fallenden Gehalt hat, gar nicht beurtheilen, weil er vorher selbst tugendhaft seyn muͤßte. Der gute Mensch, als guter Mensch betrachtet, kann daher jenem kein Gegenstand des Neides seyn, und dies um so viel weniger, da das aͤußere Gluͤck guter Menschen selten beneidenswuͤrdig ist, oder doch beneidenswuͤrdig scheint. Daß ein Tugendhafter einen andern Tugendhaften beneidet, (diese Begriffe enthalten nichts widersprechendes in sich, weil es wirklich einen dergleichen edlen Neid geben koͤnnte,) laͤßt sich auch nicht wohl annehmen, weil doch ein jeder Mensch von seinem moralischen Jch bey aller Bescheidenheit, die wir ihm geben, einen deutlichern Begriff, als von dem eines andern haben63 muß, und sich nicht gern unter den andern in Absicht seiner tugendhaften Handlungen setzen wird. Hiezu kommt noch der Gedanke: daß der andere Tugendhafte nicht durch bloßen Zufall, durch ein unverdientes aͤußeres Geschick, sondern durch eigene Anstrengung, eigenen Fleiß das ist, was er ist, und also das zu seyn verdiene, was er ist, was bey einem aͤußern Gluͤck uns so selten der Fall zu seyn scheint. Noch mehr aber der Gedanke, daß wir ihm, wenn seine Tugend auch sehr beneidenswerth seyn sollte, hierin aͤhnlich werden koͤnnen, wenn wir nur wollen. Ueberhaupt nimmt der Neid gemeiniglich in dem Grade ab, als wir das Gluͤck des beneideten leicht erreichen zu koͤnnen glauben als uͤberhaupt mehr jenes Gluͤck von unserm freyen Willen abhaͤngt.

Wir koͤnnen den Charakter eines andern beneiden, allein deswegen beneiden wir die Tugenden des andern noch nicht, weil diese immer schon eigentlich mehr von unserm freyen Willen abhaͤngen, jener hingegen nie ganz von dem bloßen Willen des Menschen abhaͤngen kann. Wir wuͤnschen uns oft den ruhigern, festern und unerschuͤtterlichen Charakter, die zufriedenere Art zu handeln, die wir an einem andern bemerken, besonders wenn wir von der Lebhaftigkeit unsrer Leidenschaften hin und her geworfen werden, und wenn diese Lebhaftigkeit uns leicht zum Vorwurf oder Schaden gereichen kann.

64

Nach diesen allgemeinen vorausgeschickten Saͤtzen, will ich auf einzelne psychologische[ Phaͤnomene] kommen, welche man bey den Neidischen und seiner Leidenschaft bald mehr bald weniger zu bemerken Gelegenheit hat.

a) Der eigentliche Neid setzt eine gewisse Gleichheit oder Aehnlichkeit des Standes, der Geburt, der Lebensart und des Geschlechts in den meisten Faͤllen voraus, wenn er gegen einen andern entstehen soll, weil nehmlich in diesen Faͤllen nicht nur die menschlichen Wuͤnsche und[ Plaͤne] am leichtesten collidiren, sondern weil wir auch das Verdienst des andern genauer abwaͤgen zu koͤnnen glauben. Wir beneiden eigentlich einen Monarchen, der viele Heere und Laͤnder hat, nicht, weil jene Gleichheit oder Aehnlichkeit fehlt, weil wir sein Gluͤck unmoͤglich erreichen koͤnnen, und weil unsere Ehre, Wuͤnsche und Geschaͤfte selten mit den seinigen in Collision kommen, oder auch weil ein gewisses helles, oder auch dumpfes Gefuͤhl von Ehrerbietung den Neid zuruͤckhaͤlt; hingegen beneidet der Gelehrte den Gelehrten, der Kuͤnstler den Kuͤnstler, der Handwerker den Handwerker, weil tausend Faͤlle zusammentreffen koͤnnen, wo sich ein beiderseitiges Jnteresse durchkreuzt, und einer dem andern im Wege steht. Jch rechne zu diesem Handwerksneide; ein Wort, welches ich eben so gut von dem Gelehrten Neide gebrauchen kann etc. vornehmlich eine65 naͤhere Bekanntschaft mit der Person des Beneideten, und die Furcht, daß er mir wohl Abbruch thun koͤnne. Versetzt den Gluͤcklichen in einen Ort, wo ich ihn nicht zu kennen Gelegenheit habe, so viel mir auch von seinen Vorzuͤgen vor erzaͤhlt werden mag; oder entfernt ihn einige hundert Meilen von mir, daß mir seine Gegenwart nicht mehr im Wege steht, und mein ganzer Neid wird aufhoͤren, wenn auch jener Gluͤckliche an dem andern Orte noch viel gluͤcklicher werden sollte.

b) Wir beneiden dem andern Geschlecht seine Vorzuͤge nicht; aber desto staͤrker beneiden sich Frauenzimmer unter einander.

Die Vorzuͤge des andern Geschlechts kommen wieder mit den unsrigen nicht so oft in Collision, als die der Maͤnner; wir wuͤnschen sie auch nicht besonders sehr, und sie wuͤrden sich nicht einmal immer fuͤr unser Geschlecht passen. Hiezu kommt ein uns gewissermaßen angebornes Gefuͤhl von Superioritaͤt, welches durch unsere Geschaͤftsart, durch koͤrperliche Kraͤfte, durch Kunst - und Wissenschaftsfleiß noch mehr unterhalten wird, ferner auch jenes zaͤrtliche Jnteresse, welches wir an den Schicksalen und Wuͤnschen des andern Geschlechts vermoͤge der Einrichtung unsrer Natur nehmen, wodurch den Empfindungen des Neides entgegengearbeitet wird. Auffallend ist die Heftigkeit dieser Leidenschaft bey Frauenzimmern wegen der Lebhaftigkeit ihrer66 Empfindungen uͤberhaupt, und ihres Jnteresses an tausend eiteln Wuͤnschen insbesondere. Schon ein besserer Putz, ein tieferes Compliment, das eine andere bekommt, kann den Neid mit allen seinen Qualen in ihnen erzeugen, Schoͤnheit, Gabe der Coquetterie, Anbeter, Schmeicheleyen, Liebe und Ehegluͤck sind eben so viel Veranlassungen zu jener Leidenschaft, die sie oͤfterer, als bey Maͤnnern geschieht, zu dem giftigsten Hasse verleiten kann. Jch glaube mich nicht zu irren, daß die meisten Feindschaften zwischen Frauenzimmern einen wenigstens entfernten Grund in dem Neide haben, und daß die Veraͤnderlichkeit ihrer Freundschaft unter einander sowohl, als die Medisance in ihren mannigfaltigen Gestalten sich von ihm vornehmlich herschreibt.

(Die Fortsetzung folgt.)

4. Der philosophische Landchartenhaͤndler.

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Am 10ten Merz dieses Jahres kam ein Landchartenhaͤndler zu mir, und bot mir Landcharten an. Da er diejenigen nicht mehr hatte, welche ich wollte,67 bot er mir Malers Anleitung zur Algebra an. Jch antwortete ihm, daß ich sie nicht noͤthig, indem ich schon ein solches Buch habe. » Welches «? fragte er. Jch. Clemms und Er. Clemms ist nicht so vollstaͤndig und deutlich, als Malers. Jch. Jch habe auch ein vollstaͤndigers. Er. Etwa Wolffs? Jch. Nein, Eulers. Er. So das kenne ich auch. Jch. Versteht Er denn die Algebra, mein Freund? Er. Den Maler da verstehe ich, auch den Wolffund Clemm. Jch. Wer hat Jhn denn die Algebra gelehrt? Er. Jch habe, halt! keinen Lehrer darin gehabt, sondern sie selbst gelernt. Jch. Wer hat Jhm denn die Buͤcher dazu gegeben? Er. Jch bin nach und nach dazu gekommen. Jch. War Jhm denn die Algebra nicht zu schwer? oder hat Er vorher einen andern Theil der Mathematik gelernt? Er. Zuerst hab ich Huͤbners Geographie bey einem Kiefer, der auch ein Freund von Buͤchern war, gesehen, um die ich ihn gebeten und sie gelesen habe. Jch. Hat Er denn auch Landcharten dabey gehabt? Er. Anfangs keine. Aber da ich im Buche fand, daß man Landcharten dazu haben muͤsse, so ruhete ich nicht, bis ich einige auftrieb. Dann las ich den ganzen Huͤbner, und suchte die Laͤnder, Staͤdte und Doͤrfer etc. auf. Aber die Striche und Linien machten mir am meisten zu schaffen. Und doch haͤtte ich diese gern vor den Laͤndern kennen gelernt. Jch. Wie lernte Er denn endlich dieselben kennen? Er.68 Jch fand bey dem Buchbinder, der mir alte Landcharten gab, Reccards Lehrbuch, und Pfennig's Geographie, und daraus lernte ich sie kennen. Endlich sahe ich ebendaselbst auch Buͤsching's Geographie, und fragte ihn, wo man sie haben koͤnne? Er wieß mich an einen Antiquarius, wo ich mehrere Theile davon wohlfeil bekam, und nun, so viel mir moͤglich war, darin studirte. Jch. Hatte[ Er] denn schon Landcharten genug? Er. Nein, aber ich ruhete nicht, bis ich so viel hatte, als ich brauchte. Jch. Wo nahm Er denn das Geld dazu her? Er. Jch entlehnte es und als die Zeit kam, daß ich es wieder heim geben sollte, ging ich in der Gegend herum, und suchte meine Landcharten und Buͤcher wieder zu verkaufen. Jch verkaufte sie auch wirklich so gut, daß ich alles entlehnte Geld wieder heimgeben konnte, und noch etwas uͤbrig behielt. Davor kaufte ich mir neue Landcharten, und da ich sie gebraucht hatte, verkaufte ich sie wieder. Und so gerieth ich auf diesen Handel.

Jetzt schlug meine Schulstunde. Jch brach daher die Unterredung mit dem Verspruch ab, daß ich ihm das naͤchstemal mehr abkaufen wolle, worauf er seines Wegs, und ich in meine Schule ging. Gegen Abend aber wurmte mir der Gedanke: » Du moͤchtest doch diesen besondern Mann noch weiter ausforschen «. Jch ließ also sehen, ob er noch hier waͤre, und ihn ersuchen: er moͤchte nochmals69 mit einigen Landcharten zu mir kommen. Endlich kam er, und entschuldigte sich, daß er nicht eher gekommen seye, weil er in seiner Schlafkammer gelesen, und der Wirth gemeynt habe, er seye schon fort. Jch. Was hat Er denn gelesen. Er. Hier Wolfs Logik. (Er zog sie aus der Tasche.) Jch. Wie gefaͤllt sie Jhm? Er. Recht wohl. Jch. Warum? Er. Weil sie so deutlich ist. (Wir discurirten lang von dieser Logik, und er erzaͤhlte mir, daß er alle deutsche Schriften von Wolff habe.) Jch. Hat Er auch andre Logiken gelesen? Er. Ja Reimarus Feders aber in der letztern haben mir die angebohrnen Begriffe, die er behauptet, Zweifel gemacht. Jch. Feder behauptet keine angebohrnen Begriffe, wie Er hier, (ich zeigte ihm die Stelle) selbst lesen kann. Er. Es ist wahr. Jch habe mich confundirt, und gemeynt, Feder behaupte selbst das, was er hier in der Note von andern anfuͤhrt. Sonst gefallen mir Feders Buͤcher, besonders seine Untersuchungen uͤber den menschlichen Willen, recht wohl. Nur ist mir seine Logik, Metaphysik etc. zu kurz: auch bin ich nicht uͤberall gleicher Meynung mit ihm, besonders bey der Seelenvereinigung mit dem Koͤrper. Jch. Welche Meynung nimmt Er denn an? Er. Leibnizens vorherbestimmte Harmonie. Jch. Haͤlt Er Leibnizen fuͤr den Erfinder derselben? Er. Ja. Jch. Geulinx hat sie dreyßig Jahre vor Leibnizen in einem Buch, das den Titel hat:70 γνώϑι ςεαυτόν schon vorgetragen, auch das Exempel von zwey Uhren gebraucht. Er. (aufmerksam) So Leibniz ist also nicht der Erfinder der vorherbestimmten Harmonie? Aber sie gefaͤllt mir eben doch besser, als des Cartesius Meinung, die man (ich half ihm ein) die Hypothese der gelegenheitlichen Ursachen nennt. Jch. Warum? Er. Weil daraus folgte, daß Gott der Urheber aller Suͤnden waͤre, und das will mir nicht ein. Jch. Was hat Er denn wider die Hypothese des physischen Einflusses einzuwenden? Er. Daß ich nicht begreifen kann, wie ein Geist in dem Koͤrper wuͤrket. Jch. Nimmt Er denn nichts an, was Er nicht begreifen kann? Er. Als Philosoph nicht. Denn ein Hauptsatz in der Metaphysik heißt: nichts ohne zureichenden Grund. Und ein anderer: es ist nicht moͤglich, daß ein Ding zugleich sey, und nicht sey. (Weil ich ihn bloß ausforschen wollte, fuhr ich weiter fort:) Welchen Beweis haͤlt Er denn fuͤr den buͤndigsten fuͤr das Daseyn Gottes? Er. Den ontologischen und cosmologischen. Jch. Wie formirt Er den erstem? Er. Von Ewigkeit her war etwas, von dem dieses Universum hervorgebracht wurde. Denn, wenn ich nicht annehme, so folgt, daß es aus nichts, oder deutlicher, von selbst entstanden sey, welches absurd ist . Denn aus nichts wird nichts. Und durch einen Zufall kann es nicht entstanden seyn denn nichts ist ohne zureichende Ursache. Es71 bleibt also etwas Ewiges oder Gott. Dieser alte Beweis nebst dem cosmologischen uͤberzeugt mich besser, als der neue43Mendelssohnische.

Unter diesen Gespraͤchen wurde es Nachtessenszeit. Jch ersuchte ihn, mit mir vorlieb zu nehmen, welches er auch nach einiger Weigerung that. Waͤhrend dem Essen fragte ich ihn: wann er denn studire? (Dies Wort brauchte er selbst.) Er antwortete mir: unter dem Marschiren von Ort zu Ort, wenn es schoͤn Wetter ist, da nehme ich einen Paragraphen, (denn ich lerne[ vorher] einen recht verstehen, ehe ich weiter gehe,) lese ihn etlichemal durch stecke dann mein Buch wieder in die Tasche, und denke uͤber das Gelesene so nach, daß ich meine schwere Kuͤste nicht mehr auf dem Buckel spuͤre. Wenn ich denn einen mathematischen oder philosophischen Satz recht im Kopf habe, dann lese ich weiter. Bey Nacht im Bett repetire ich's, und stelle mir dann ganze Seiten von Zahlen, Figuren u.s.w. so lebhaft vor Augen, wie sie im Buch stehen. Da freut mich's, wenn ich alles so deutlich beweisen kann. Jch. Dies ist wahrhaftig eine vortrefliche Art zu studiren, die zwar von vielen erkannt, aber von wenigen, besonders Juͤnglingen, beobachtet wird. Sonst wuͤrden wir gewiß mehr junge gruͤndliche Gelehrte haben. Manche kommen erst durch viele Umwege und Fehltritte dahin, wo Er gleich war. Er. (laͤchelnd) Ja, anders thue ichs nicht, bis ich eine Sache recht72 deutlich verstehe. Aber dies hat mich schon viel Kopfzerbrechens gekostet, besonders in der Mathematik, die ich vorzuͤglich liebe. Z.E. in der Trigonometrie konnte ich mich lang nicht in die Sinus und Tangenten finden aber ich ließ nicht nach, bis ich alles verstand und nun gehts, wie geschmiert. Jch habe auch schon selbst ein Buͤchlein uͤber die Planimetrie und Stereometrie geschrieben, worin ich vieles deutlicher ausgefuͤhrt habe, als ich es in manchen Buͤchern fand. Jch. Hat Er das Buͤchlein nicht bey sich? Er. Nein ich hab's zu Bruchsal an einen Geistlichen, der mir's abschwaͤzte, vor drey Groschen verkauft. Jch. Das ist nicht viel wenn es gut war. Wie stark war es denn? Er. Es war etwa zwoͤlf Bogen stark. Jch werde es aber, sobald ich Zeit habe, wieder schreiben, denn ich habe es ganz im Kopf, und getraue mirs von Wort zu Wort wieder herauszuschreiben. Jch. Wann hat Er's denn geschrieben? Etwa auch auf der Reise? Er. Nein! Das habe ich zu Hause geschrieben, wenn ich zur Fruͤhlingszeit zu Haus war, und meine Weinberge geschafft hatte. (Er ist ein Weingaͤrtner, wie sein Vater und seine Bruͤder.) Auch habe ich manches am Sonntage gezeichnet und geschrieben, wenn andre meines Gleichen im Wirthshaus waren. Jch. Warum legt Er sich denn so sehr auf diese Sachen, die Er nicht noͤthig hat? Er. Weil dies mein einziges Vergnuͤgen ist, wenn73 ich allemal wieder einen mathematischen Satz herausgebracht habe, und recht deutlich beweisen kann, o! das freut mich!! Jch. Hat sein Vater nichts dagegen, wenn Er zu Haus so viele Buͤcher liest? Er. (Lachend:) Nein er liest selber gern, aber nur geistliche Buͤcher, die ich ihm allemal mit heim bringe. Von den Meinigen aber mit den vielen Strichen und Buchstaben will er nichts. Auch lachen mich andre Weingaͤrtner aus, wenn sie mich uͤber solchen Buͤchern antreffen. Aber, ich lasse sie lachen, und denke, sie verstehens nicht besser. Mein Bruder liest gern in Huͤbners Zeitungs - ich aber lieber im Naturlexicon. Aber da wird oft auf Walchs philosophisches Lexicon gewiesen und das moͤchte ich doch auch sehen!! Jch. Er soll es sehen, ich will's gleich bringen. Doch kamen wir wieder in Discurs von seinen Weinbergen, der Qualitaͤt seines Weins u.s.w. daß ich vergaß, es gleich zu holen. Jhm aber mochte es wohl nicht aus dem Sinne gekommen seyn, denn bald erinnerte er mich wieder an mein Versprechen. Da ich's brachte, verschlang er's fast, und sagte nach einiger Zeit: dies Buch muͤsse er auch haben naͤchstens wolle er sichs anschaffen. Jch. Kann Er sich in seinem Geburtsort mit niemand uͤber seine Lieblingswissenschaft unterhalten? Kommt Er nicht zum Pfarrer? Er. Nicht viel. Jch glaube auch nicht, daß er ein Liebhaber von der Mathematik und Philosophie ist denn er laͤßt74 sich in kein Gespraͤch mit mir daruͤber ein . Jch. Traͤgt ihm sein Landchartenhandel auch was ein? Er. Jch bin schon damit zufrieden. Denn in den acht Jahren, in welchen ich ihn treibe, habe ich mir doch vom Profit etliche Weinberglen kaufen koͤnnen, die ich selbst baue, und, wenn dies geschehen ist, wieder meinem Handel nachgehe. Jch. Wollte Er mir nicht seinen bisherigen Lebenslauf und eine weitere Beantwortung meiner Fragen schriftlich aufsetzen? Er. O ja ich will auch einen mathematischen Aufsatz dazufuͤgen und dann mitbringen, wenn ich wiederkomme. (Erhalte ich etwas, so werde ichs bekannt machen.) Jndessen wurde es spaͤt, und er nahm mit den Worten von mir Abschied, daß er sein Versprechen gewiß halten wolle.

Sein Aeusseres verspricht gar nicht viel. Jm Gegentheil haͤlt man ihn fuͤr einen einfaͤltigen Mann, wenn man bloß aus seinem Gesicht und seiner rauhen Sprache urtheilen will. Es bestaͤtigt sich also auch hier, was Herr Prof. Meiners in seinen Briefen uͤber die Schweiz schreibt, daß scharfe und feurige Augen nicht allemal ein Genie, und matte und schwache nicht allemal einen Dummkopf anzeigen.

Jn den Osterferien, 1787.

44Fried. Wilh. Jon. Dillenius,Oberpraͤceptor zu Urach im Wirtemb.

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5. Eine Traumahndung.

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Der Herzog von **, ein Mann von hellem Geist und vielen Kenntnissen, ein puͤnktlich strenger Freund der Wahrheit ein aͤchter christlicher Bidermann unter den Fuͤrsten schon fruͤhe durch Leiden, und im maͤnnlichen Alter durch koͤrperliche Beschaffenheit, bisweilen zur Aengstlichkeit gestimmt hatte im Jahr 1769, in der Nacht vom 8ten zum 9ten October, die sehr lebhafte Empfindung und Ahndung im Traum: es wuͤrde ihm am folgenden Tage ein fuͤrchterliches Ungluͤck begegnen. Sobald er am Morgen seine Familie zur gewoͤhnlichen gemeinschaftlichen Unterhaltungs - und Lesestunde bey sich versammlet sahe, erzaͤhlt er derselben seinen Traum, und die dadurch in seiner Seele erregte Unruhe. Er bittet alle, an dem Tage nicht auszufahren oder auszugehn, weil ihm bange sey, es moͤchte einem von ihnen ein Ungluͤck begegnen.

Alle scherzen uͤber den Traum, suchen ihm die Aengstlichkeit auszureden, und bitten ihn, nur eine Stunde in dem Lustwaͤldchen, das nahe am Schlosse liegt, spazieren zu duͤrfen. Der gute Fuͤrstenvater erlaubt es; alle kommen gluͤcklich nach Hause 76 und laͤcheln am Abend und in der Folgezeit oft uͤber die durch den Traum ihm verursachte unnoͤthige Sorge.

Ein ganzes Jahr vergeht ihm und seiner ganzen frommen Fuͤrstenfamilie in aller Gluͤckseligkeit und Heiterkeit des Lebens. Jm Anfange des Octobers 1770 wird seine Gemahlinn*)*) Groͤße und Guͤte der Seele waren durch ihren ganzen Charakter verwebt. Von ihren edlen Gesinnungen und christlichen Handlungen, davon ich selbst Jahre lang ein taͤglicher Zeuge gewesen bin, sind schon manche Beyspiele in den Archiven der guten Menschheit aufbewahrt worden.Anmerk. d. Eins. von einer Prinzessinn wohl entbunden. Nach der Niederkunft befindet sie sich in erwuͤnschten Umstaͤnden, ihre Kraͤfte nehmen taͤglich zu, und am 9ten October fuͤhlt sie sich so munter und gestaͤrkt, daß sie zum erstenmal aus dem Wochenbett aufsteht, um eine Stunde im Sopha zu sitzen. Jhrem guten Gemahl eine Freude zu machen, laͤßt sie ihm sagen: er moͤge in ihr Zimmer kommen, er wuͤrde sie wieder gesund und munter ausser dem Bette finden.

Freudig eilt er die Treppe herunter aber indem er in ihr Zimmer tritt sieht er sie sterben noch einmal laͤchelt sie ihm zu und nun sinkt sie todt in seine Arme.

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Jn der Minute, da sie ihm die frohe Nachricht geben ließ, hatte der Schlag sie getroffen.

Genau ein Jahr nachher wurde also erst der Traum erfuͤllet.

6. Solamen miseris socios habere malorum.

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Wir glauben eine Beruhigung, einen Trost darin zu fuͤhlen, daß andere mit uns zugleich ungluͤcklich sind.

Da ein vernuͤnftiges, mit Wohlwollen geschaffenes Wesen, dergleichen der Mensch ist, eigentlich kein Vergnuͤgen an den Leiden andrer vernuͤnftiger Wesen finden kann*);*) Jch spreche hier im Allgemeinen, und also nicht von den einzelnen Empfindungen, welche wir bey dem Ungluͤck derer in uns wahrnehmen, die unsre Feinde sind, oder sonst einen unangenehmen Eindruck auf uns gemacht haben. so fragt sich, worin denn nun eigentlich obige Erfahrung ihren psychologischen Grund hat, und wie die Seele zu diesem Gefuͤhl78 kommt, welches doch urspruͤnglich der Rechtmaͤssigkeit unsrer Empfindungen entgegen zu stehen scheint?

Jch glaube, das ganze Phaͤnomen laͤßt sich in den meisten Faͤllen, die ich freylich nicht einzeln angeben kann, aus der Natur des Mitleidens erklaͤren, obgleich auch noch andere physische und moralische Nebenursachen, die ich unten angeben will, dabey Einfluß haben koͤnnen.

Wenn wir selbst leiden, die Leiden moͤgen nun entweder von uns, oder von andern herruͤhren; so werden gemeiniglich unsere wohlwollenden Empfindungen weicher, lebhafter und sanfter gemacht. Wir scheinen jetzt den Menschen naͤher anzugehoͤren, mit ihren Beduͤrfnissen, Denkungsarten, Schicksalen in einem genauern Verhaͤltniß zu stehen, und fuͤhlen uns geneigt, ihre Leiden, wenn sie auch vorzuͤglich selbst daran Schuld seyn sollten, mit mehrerer Schonung und Billigkeit zu beurtheilen, als wir sonst zu thun gewohnt waren. Diese Weichheit unsrer Gefuͤhle, sie mag nun entweder in unserm Koͤrper, oder in der Association unsrer Empfindungen, oder im Koͤrper und in der Seele zugleich liegen, macht, daß wir bey den Leiden anderer um so viel mehr geruͤhrt werden, wenn wir selbst ungluͤcklich sind. Wir scheinen einige Augenblicke unsern eigenen Schmerz zu vergessen, indem wir uns den ihrigen vorstellen und desto deutlicher vorstellen, je mehr alsdenn unsere Gefuͤhle lebhaft sind. Unsere79 Vorstellungen werden von uns auf ein anderes leidendes Object hingewandt, und in dieser durchs Mitleiden bewuͤrkten Zerstreuung unsrer Jdeen und dem Umtausch unsrer Gefuͤhle liegt vornehmlich jenes: solamen miseris socios habere malorum des alten lateinischen Dichters.

Man wende mir nicht ein, daß das Mitleiden selbst eine unangenehme Empfindung sey, und weil es sich auf die Jdee eines uns dargestellten leidenden Objects gruͤnde, dadurch unmoͤglich eine verminderte Vorstellung meines eigenen ungluͤcklichen Zustandes hervorgebracht werden koͤnne. Die Natur des Mitleidens besteht in einer gemischten Empfindung, so wie die meisten Affecten, die sich auf Gegenstaͤnde ausser uns beziehen; nehmlich in einem wirklich unangenehmen Mitgefuͤhl mit dem Ungluͤcklichen, indem wir uns in seine Stelle hineinsetzen, und uns fuͤr ihn interessiren; und in einem wehmuͤthigen Bewußtseyn dieser Empfindung und ihres moralischen Werths, wodurch wir gleichsam in jedem Moment der Empfindung uns fuͤr belohnt halten.

Das wirklich unangenehme Mitgefuͤhl ist wieder nicht ganz eine reine Empfindung, indem es allemal erst durch eine schnelle Vergleichung unseres Zustandes mit dem eines andern, also in einem, obgleich oft versteckten Bezug auf uns selbst entsteht.

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Wenn wir auf uns genau Acht geben, kann es uns nicht schwer werden, zu bemerken, daß in dem Mitleiden, sonderlich bey feinen, gebildeten Seelen, eine Art Wollust liegt, die uns oft so gern und so lange bey den Gedanken an einen Ungluͤcklichen verweilen laͤßt, besonders wenn wir selbst etwas zur Traurigkeit geneigt sind, und der Ungluͤckliche uns interessirt. Wir hoͤren einem Klagenden oft lieber zu, als einem Froͤlichen. Wir fuͤhlen es deutlich, wie sich bey jenen unsre Empfindungen immer mehr heben, sich immer mehr zu ihm hindraͤngen. Endlich ergießt sich die Thraͤne des Mitleids aus unserm Auge, und es ist uns sehr wohl bey diesem Opfer, welches die Natur der leidenden Menschheit bringt.

Diese wohlthaͤtige Empfindung der Seele, die den Menschen so weit uͤber das Thier hinaushebt, mag nun entstehen woher sie will, aus dem stillen Bewußtseyn: daß wir jetzt eine sehr wichtige, sehr heilige, den Beduͤrfnissen der Menschheit so angemessene Pflicht ausuͤben; oder daher, daß wir uns, obwohl auf eine dunkle Art, vorstellen, wie wohl es uns war, wenn andere Mitleiden mit uns hatten, oder aus einer geheimen sympathetischen Bewegung unsrer Nerven, oder aus andern Erguͤssen des Herzens und Geistes, genug, es bleibt allemal ein suͤsser Schmerz, und dieser ist es, welcher uns unsere eigenen Leiden selbst versuͤßen hilft, wenn wir uns81 neben uns andre Ungluͤckliche denken, zumal wenn wir in unsern Schicksalen mit den ihrigen etwas homogenes haben.

Jene aus der Vorstellung eines andern Ungluͤcklichen entstandene Zerstreuung unsrer Vorstellungen, wodurch unsre Aufmerksamkeit von uns selbst abgewandt wird, verbunden mit dem suͤßen Gefuͤhl des Mitleidens, wuͤrde ich daher immer fuͤr die vornehmste Ursach der stillen Beruhigung halten, welche wir in uns wahrnehmen, wenn andere mit uns zugleich leiden.

Doch ich bin weit entfernt, dies als die einzige Ursach dieser Erfahrung anzugeben. Eine geistige Kraft, dergleichen die menschliche Seele ist, wird durch so erstaunlich viel innere Modificationen veraͤndert, daß der Psychologe eigentlich selten mit voͤlliger Evidenz sagen kann: dies und nur dies allein ist der Grund dieser und jener psychologischen Erscheinung!

Der Gedanke, daß uns in diesen und jenen Faͤllen ein Ungluͤck nicht allein und vielleicht auch nur weniger trift; daß diese und jene schiefe Beurtheilung,[ eine] uns zugedachte Schmach nicht allein auf uns faͤllt; daß mehrere Ungluͤckliche auch fuͤr uns zugleich eine groͤßere Sensation mit erregen, unsern Zustand in ein helleres Licht setzen, und sich fuͤr uns interessiren werden; daß ich bey den Un -82 gluͤcklichen ein groͤßeres Mitleiden mit meiner Noth wahrnehme; daß groͤßere, reichere, angesehenere Maͤnner dem Schicksal so gut wie ich unterworfen sind; daß wir unsre Leiden gleichsam vervielfaͤltigt sehen, diese und mehrere Nebenvorstellungen koͤnnen uns in etwas zu beruhigen scheinen, wenn andre mit uns zugleich ungluͤcklich sind. Weniger oder eigentlich gar nicht beruhigend sind fuͤr uns dergleichen Gedanken, wenn wir mit andern zugleich von einem koͤrperlichen Schmerz leiden.

7. Allgemeine Betrachtungen uͤber Sprache.

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Die Sprache ist die Uebereinstimmung der Menschen, durch gewisse bestimmte Zeichen gewisse Dinge zu bezeichnen, und ihre Gedanken deutlich und bestimmt auszudruͤcken. Dieser Begriff laͤßt sich leicht auf einzelne Sprachen anwenden; so ist die deutsche Sprache die Uebereinstimmung der deutschen Voͤlker, einander ihre Gedanken durch dieselbe Ausdruͤcke deutlich und bestimmt erkennbar zu machen. Alle Sprachen kommen darin uͤberein, daß sie dieselbe Sachen durch verschiedene Zeichen bezeichnen.

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Die Nothwendigkeit der Sprache erhellet aus der Nothwendigkeit einer menschlichen Gesellschaft und ihrer Beduͤrfnisse. Die ersten festgesetzten Gedankenzeichen litten bald Abweichungen, und dies aus verschiedenen zufaͤlligen Umstaͤnden; Zeit, Ort, Jnteresse, Verbindung u.s.w. machten sie nothwendig; auch die Menschen druͤcken dasselbe Beduͤrfniß, dieselbe Jdee nicht immer auf dieselbe Art aus; nicht alle haben einerley Beduͤrfniße; jeder fast hat seinen eigenen Gesichtspunkt fodert auf eine andere Weise Befriedigung seines innern und aͤußern Dranges u.s.f.

Eine allgemeine Sprachlehre wuͤrde die allgemeinere Regeln zu sprechen enthalten, die leicht auf alle besondere Sprachen angewandt werden koͤnnten. Die besondere lehrte ihr eigenes, ihre besondere Ausnahme der allgemeinen Regeln; die allgemeine diente zu einer Einleitung in die untergeordneten mannichfaltigen Sprachlehren, ohne Hinsicht auf die besondern Nationalabaͤnderungen. Obwohl die Verschiedenheit der Sprachen manchen Vortheil und Rechtfertigungsgrund fuͤr sich hat, so wuͤrden wir vielleicht doch schon weitere Fortschritte in unsern Bemuͤhungen um Aufklaͤrung und in der Annaͤherung an unsere Bestimmung gemacht haben; es wuͤrde mehr Uebereinstimmung, mehr Einigkeit und Einheit der Charaktere der Menschen weniger Vorurtheile, Partheisucht, feindliche Gesinnun -84 gen und Listigkeit, aber desto mehr Liebe, Wahrheit und Offenheit unter den Menschen herrschen, wenn diese nicht oder nicht so mannichfaltig waͤre. Doch labt sich unser Trieb nach Vervollkommung auch oͤfters an ihr: wir forschen nach dem Genius der Sprache: wir suchen daraus den Charakter der Nation annaͤhernd zu bestimmen; wir sehen, wie weit die Denkart der Menschen von einander abgehet, oder sich vereinbart, und wo in welchen Abstuffungen nach welchen Gruͤnden; da lernen wir kennen, in welchem Grad der Kultur und Vollkommenheit eine Nation steht; denn Verbesserung der Sprache ist eine Stufe der Landsaufklaͤrung; dahin gehoͤren auch die Bemuͤhungen, eine Sprache Wortreich,[ Nachdruck-] und Bedeutungsvoll angenehm, fließend und leicht zu machen, sie von Verunstaltungen und nichts bedeutenden oder inkonvenienten Ausdruͤcken zu saͤubern.

Die Sprache ist der Abdruck der Gedanken: die Zeichen der Gedanken koͤnnen nun mittelst eines festgesetzten Tones, oder mittelst festgesetzter mit der Feder gemachten Zuͤge (Schriftzeichen) andern verstaͤndlich gemacht werden. Die erste Art wird in der Leselehre abgehandelt; die zwote in der Rechtschreibungslehre, und so waͤren also die zwo Hauptabtheilungen einer allgemeinen Sprachlehre gemacht; um deutlich und zusammenhaͤngend zu seyn, muͤßten dann die Gegenstaͤnde nach ihrem Ur -85 sprung Ableitung Aehnlichkeit u. d. einander untergeordnet und zusammengestellt werden.

Die pantomimische Zeichen oder die Geberden des Koͤrpers sind noch sehr willkuͤhrlich und unbestimmt. Jndeß ist doch gewiß, daß die Pantomimensprache die erste war. Fuͤr die erste Menschen, die noch keine bestimmte Toͤne und Worte hatten, konnte die regellose, schwer zu fixirende Stimmensprache alleine nicht hinreichend seyn; sie nahmen die Gesichtszuͤge, die uͤbrigen koͤrperlichen Aeusserungen zu Huͤlfe; diese waren ihnen auch geschickter, natuͤrlicher, angemessener, die Beduͤrfnisse setzten sie von selbst in Bewegung. Gebehrdensprache ist die natuͤrlichste; denn die Wortsprache entsteht nur dann erst, wann der Mensch anfaͤngt in Gesellschaft zu leben wann ihm eine Menge von Beduͤrfnissen nothwendig wird; wann es Beduͤrfniß wird, seine Gedanken dem andern zu offenbaren, seine durch das gesellschaftliche Leben erzeugte Begierden, Triebe, Verhaͤltnisse und Notwendigkeiten zu befriedigen, seine durch eben dies gesellschaftliche Beysammenseyn entstandene Pflichten zu erfuͤllen, sich uͤber Jnteresse und Konventionen mit andern zu verstehen; wann der Mensch nun allmaͤhlig beginnt, Luͤste zu naͤhren; wann es dadurch erst nothwendig wuͤrde, Huͤlfe und Rath zu suchen, und also Mensch und Mensch wie eins unzertrennlich unentbehrlich wuͤrden; da muͤßte86 ihnen nothwendig die Pantomime zu langweilig, zu ermuͤdend, zu unbequem seyn; man verließ diese Sprache, und fing an, Toͤne dafuͤr zu gebrauchen; man sah den Unbequemlichkeiten durch ihre Anwendung und Festsetzung meistentheils abgeholfen, und suchte stufenweise sie so viel als moͤglich allgemein zu machen, welche ihnen die geschickteste die deutlichste schienen, und die mit der anzuzeigenden Sache die groͤßte Aehnlichkeit hatten, diese waͤhlten sie zum Ausdrucke. Nachahmung war also wohl der Bestimmungsgrund eines grossen Theils der Worte. Die uͤbrigen haben ihren Grund in gelegentlicher oder notwendiger Zusammenkunft aller besonders auffallender frappirender Umstaͤnde. Also da erst unter jenen Verhaͤltnissen ward Stimmsprache Trieb und Drang, und mit ihrer Anwachse ward dieser Drang auch staͤrker, entwickelte sich immer mehr, wurde immer reichhaltiger verstaͤndlicher nachdrucksamer angemessener gesetzmaͤßiger harmonischer, und die Ausdruͤcke artikulirter allgemeiner staͤter.

Pantomimen in einer fixirten Einschraͤnkung und Bestimmtheit, wie die Toͤne, wuͤrden eben so deutliche Gedankenzeichen seyn. Zuverlaͤßig ist es, daß staͤrkerer Nachdruck in ihnen liegt, daß sie geschickter anschauender und natuͤrlicher sind, um die Sachen wahrer und die Beduͤrfnisse in ihrer mehr oder minder dringenden Befriedigung vorzu -87 stellen; so wie wir noch immer, um energischer uns auszudruͤcken, und den Grad der Empfindungen deutlicher und sinnlicher zu bezeichnen, unsere Sprache mit Gebehrden des Koͤrpers begleiten. Eine Bewegung des Koͤrpers wuͤrde schon den ganzen Gedanken mit einem großen, lebhaften Ausdruck bezeichnen, da wir jetzt durch eine Reihe von Buchstaben Sylben und Worte erst an das Ende der Vorstellung gelangen. Sogar muͤssen wir in der Seele das ganze einer Jdee nur mittelst der Verbindung einzelner, mit Worten verknuͤpfter Begriffe bilden; dahingegen ohne diese Sprache jeder unserer Gedanken eine totale momentane Vorstellung und ein Bild, ein konzentrirter gleichzeitiger Zusammenhang aller der dahingehoͤrenden Begriffe waͤre, so wie die Aeußerung der Gedanken eben so seyn muͤßte. Aus diesem folgt, daß die Vorstellungen gelaͤufiger, gedraͤngter, lebhafter, und weil die Uebersicht leichter, der Zusammenhang deutlicher waͤre, schneller und richtiger seyn muͤßten.

Es ist wahr: Worte und ihre successive Verbindung sind Befoͤrderung der Abstraction und groͤßere Sicherheit vor Jrrthum im Urtheile, da in einer schnellen Uebersicht wohl manche Folge, manches Zwischenglied der Abstractionskette unsichtbar bleiben kann; aber da buͤrgt schon fuͤr einen guten Theil der deutlich vorliegende Zusammenhang des Ganzen.

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Jch uͤbergehe den Gebrauch der Zeichensprache beym Unterricht der Taubstummen. Nur was insonderheit den Einwurf betrift, wegen der Nichtunterscheidung des Sinnlichen Sichtbaren vom Abstrakten, und der durch dieselbe Zeichen bedeuteten Sache, bemerkte ich fuͤr jetzt das einzige: kann man mit dem Zeichen des unmittelbar bezeichneten nicht noch ein bestimmtes Unterscheidungszeichen von dem mittelbaren und abstrakten Begriffe verbinden, oder auch mit den letztern? Dasselbe Unterscheidungszeichen kann allgemein gemacht und mit jedem dieser Begriffe ohne Abweichung verbunden werden. Hieraus erhellet auch, daß man auch abstrakte Begriffe durch dergleichen pantomimische Zeichen ausdruͤcken kann; und warum nicht auch ohne das angegebene Huͤlfsmittel? Denn jeder abstrakte Begriff entstehet aus sinnlichen, die man vergleicht, deren aͤhnliche nothwendige oder allgemeine Bestimmungen man zusammendenkt, und daraus einen allgemeinen oder abstrakten Begriff bildet. Koͤnnte man also nicht auch durch pantomimische Zeichen die Folgen und Entwicklung dieser einzelnen Begriffe und so den Weg der Abstraktion bezeichnen, und dann durch ein einziges Zeichen, wie durch ein einziges Wort den Jnbegriff dieser Entwicklungen oder den ganzen abgezogenen Begriff ausdruͤcken? Es ist daher nicht eben nothwendig,