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Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Sechsten Bandes drittes Stuͤck.

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Fortsetzung der Revision des 4ten, 5ten und 6ten Bandes dieses Magazins.

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Seelenkrankheitskunde.

Das Gutachten uͤber den Gemuͤthszustand des verabschiedeten Soldaten Matthias Matthiesen und des Zuͤchnermeisters T ..., eine Schatzgraͤbergeschichte vom Herrn4Metzger,(4ten Bandes 2tes Stuͤck Seite 25 ff. ) ist ein neuer Beitrag zu der Erfahrung, daß die Menschen sich durch nichts leichter, als durch chimaͤrische Hofnungen kuͤnftiger Gluͤcksguͤter taͤuschen lassen. Die Erzaͤhlung gegenwaͤrtiger Geschichte zeigt es ganz deutlich, wie der Soldat Matthiesen auf seine Schatz -2 graͤbergrillen gekommen ist; er war ein unwissender Mensch, der von natuͤrlichen Dingen und ihren Ursachen wenig Kenntniß hatte, ob er sich gleich mit Chirurgie und Baderkunst abgab. Jn seinen Diensten bei einem herumreisenden Charletan, welcher sich fuͤr einen Kaiserl. Koͤnigl. Leibarzt ausgab, mag er seinen Kopf mit einer Menge aberglaͤubiger Jdeen vollgepfropft haben, bis er endlich durch Lesung unsinniger Buͤcher so weit gebracht wurde, daß er sich mit der Verbannung der Geister und mit Schatzgraben abgab.

Man hat sich oft gewundert, daß in neuern Zeiten dergleichen Leute, Schatzgraͤber, Geisterbanner, Geisterbesprecher, Geisterseher, und wie diese Narren alle heissen moͤgen, wieder so vielen Unfug zu treiben anfangen; allein sie haben ihn immer getrieben, und werden ihn treiben, so lange die Menschen sonderlich in niedern Staͤnden die Koͤpfe von unterirdischen Geistern und von verborgenen Erdschaͤtzen noch so voll haben. Wer mit gemeinen Leuten wenig umgegangen ist, kann es kaum glauben, wie sehr der Poͤbel, der Vornehme nicht ausgenommen, an jenen Possen haͤngt, und wie schwer er sich davon durch Vernunftgruͤnde abbringen laͤßt. Jch habe oft Gelegenheit gehabt, dem Jdeengange des gemeinen Mannes hierin nachzugehen, und habe fast immer gefunden, daß seine aberglaͤubischen Grillen mit seinen schiefen Religionsbegriffen von einem Teufel in der genauesten Verbindung stehen. Außerdem3 haben die meisten Schatzgraͤbergeschichten so etwas Sonderbares, Seltsames und Außerordentlichscheinendes an sich, daß sie die zuͤgellose Einbildungskraft des gemeinen Mannes leicht fesseln, und die Liebe zum Wunderbaren ganz vorzuͤglich[ naͤhren].

Geschichte eines sonderbaren Wahnsinnes, und dadurch am Ende verursachten Mordes, vom Herrn5D. Glawingzu Brieg. (4ten Bandes 2tes Stuͤck Seite 32 ff.) Der Mann, dessen sonderbare Geschichte hier erzaͤhlt wird, hatte schon in fruͤhern Jahren einen Ansatz von Wahnwitz. Er entlief seinen Eltern und naͤhrte sich vom Holzschlagen, bis an den Augenblick, als er der Moͤrder eines andern wurde. Er arbeitete uͤbrigens emsig, redete oͤfters vernuͤnftig,[ unvermuthet] aber fiel er in alberne Reden. Er ging in keine Kirche, und arbeitete an Sonn - und Festtagen, wenn er nicht mit Gewalt davon abgehalten wurde. Er laͤsterte oͤfters Gott, hieß alle Menschen Hunde. Wenn er seine Mitarbeiter beten sah, wurde er unwillig, und sagte: ihr Narren! ich habe wohl einstens auch einmal im Buche gebetet, weil ich aber sehe, daß dieses Plarren zu nichts taugt; so unterließ ich dieses. (Es ist eine sonderbare Erscheinung bei vielen Wahnwitzigen, daß sie sich nichts aus dem, was Gottesdienst und Religion angeht, machen, und sich hierin oft eine auffallende Freiheit im Denken erlauben.) Zu4 einer andern Zeit sah man ihn einen Klotz ergreifen, und sich damit an die Brust und den Kopf zu wiederholten malen dergestalt schlagen, daß andere sich davor entsazten; ja er verlangte einst von einem andern Kohlenbrenner, mit dem er im Walde arbeitete, daß er ihn todt schlagen sollte. Er Hunde, Katzen, Ottern und Fuͤchse. Wenn ein Gewitter am Himmel war; so laͤsterte er Gott, und pflegte zu sagen: er treibe Leichtfertigkeit. Wenn ihn seine Raserey uͤberfiel; so fing er an zu lachen, und mit sich selbst zu sprechen, sich mit einem Stuͤck Holz oder Axt zu schlagen, und so ein Anfall dauerte oft zwei bis drei Tage, in welchem Zeitraume er sich auch bei Nachtzeit mit einem Knippel heftig zerschlug. Ja sein Wahnsinn ging oͤfters so weit, daß er mit einem Messer sich die Brust aufrizte, und mit einer stumpfen Axt auf den Unterleib hauete, wobei er sagte: ich wuͤnschte, daß ich mich in kleine Stuͤcken zerhauen koͤnnte, ich wollte mir die Daͤrme selbst heraus ziehen, denn aus den Stuͤcken wuͤrde doch wieder ein Ganzes; ich habe einstens schon in der Erde tod gelegen, und bin doch wieder aufgestanden. *)*) Ein sonderbares Beispiel von einer Frau, welche glaubte daß sie gestorben sey, und sich wunderte, daß sie zu Zeiten auflebte kommt unten vor. Einen Hund schlachtete er, warf ihn sodann in ein mit Wasser angefuͤlltes Loch, zehrte davon vier Wochen, obgleich die neben ihm arbeiten -5 den Kohlenbrenner es kaum vor Gestank aushalten konnten. Ein Bauer schenkte ihm ein altes abgenuztes Pferd, dieses schlachtete er, zog es ab, und speisete lange Zeit davon. Er noch schmutzigere Geruͤchte, und unternahm noch sonderbarere Handlungen, die man in der Erzaͤhlung des Ganzen nachlesen kann. Wie leicht wahnsinnige Leute zum Zorn gereizt werden koͤnnen, und wie aͤußerst gefaͤhrlich es ist, sie in Freiheit herumgehen zu lassen, was doch zur Schande einer vernuͤnftigen Polizey so oft geschieht, zeigt sein Mord, den er bloß deswegen an einem andern Bauer begieng, weil er ihn einigemahl mit Ernst Kohlen aufzuladen antrieb, und deswegen in einen Wortwechsel mit dem Bauer kam. Er ergrif ploͤzlich seine Kohlenhacke, und schlug sie dem Bauer mit einer solchen Gewalt in den Kopf, daß sie darin stecken blieb. Der ungluͤckliche Mann starb den andern Tag darauf an dieser Verwundung, und der unsinnige Moͤrder ward auf Zeitlebens ins Zuchthaus gebracht. Auch hier trieb er seine Tollheit fort, drohete oft, die andern Jnquisiten zu erschlagen, forderte Hunde und Katzen zu essen, und lachte uͤber alle Religionserinnerungen.

Der Wahnsinnige Walock Flaccus, so hieß der Moͤrder, gehoͤrte offenbar zu den tollen Leuten, bei welchen das ganze Gehirn die meiste Zeit in Verwirrung gerathen ist, und die Anzahl dieser Wahnsinnigen ist die groͤßte. Sie unternehmen taͤglich eine Menge alberner Handlungen, wovon man kei -6 nen Grund angeben, und die man nicht aus einer vorhergegangenen bestimmten Jdee erklaͤren kann. Daher fallen sie im Gespraͤch augenblicklich von einem ins andere; der Faden ihrer Begriffe reist schon wieder, ehe sie ihn noch angeknuͤpft haben, und sie haben durchaus nicht mehr die Kraft, die Seele auf einen einzigen Punct mit Nachdenken zu heften. Jn dem Uebereinanderhineilen der Jdeen, ohne daß eine in der andern einen Grund zu haben scheint, besteht der erste Anfang alles Wahnwitzes, oder auch in dem Mangel der Kraft, einen einmahl gefaßten[ Gesichtspunct] einer oder mehrerer Jdeen gar nicht mehr verruͤcken zu koͤnnen, welches bei den Wahnsinnigen der Fall ist, die eigentlich nur an einer Jdee krank liegen, uͤbrigens aber ganz vernuͤnftig sind, wie bei dem Mann der Fall war, der sich Gott der Vater zu seyn einbildete, und deswegen sich uͤber die Narrheit eines andern nicht satt lachen konnte, welcher sich fuͤr Gott den Sohn hielt, weil ersterer als Gott der Vater besser zu wissen glaubte, wer sein Sohn seyn koͤnne.

Ueberspannter Stolz und Liebe sind ohnstreitig, nebst vielerlei koͤrperlichen Ursachen, die sich sollten richtig angeben lassen, die gewoͤhnlichen Quellen des Wahnsinnes, sonderlich beim andern Geschlecht; ein Beweis, daß jene Leidenschaften die allergroͤßten Erschuͤtterungen des Gehirns hervorzubringen im Stande sind; den aus Stolz Verruͤckten geht es gemeiniglich wie den Betrunkenen; sie ver -7 theidigen sich mit groͤßter Lebhaftigkeit gegen alle Vorwuͤrfe, daß sie ihren Verstand verlohren haͤtten, so wie diese es selten zugeben, daß sie ihr Gehirn berauscht haben. Jch erinnere mich, daß mir einst ein Wahnsinniger die Gruͤnde genau detaillirte, daß er seinen Verstand nicht verlohren haben koͤnne, und die Gruͤnde waren nicht unvernuͤnftig. Leute hingegen, die bloͤdsinnig gebohren werden, gestehen gemeiniglich den Mangel ihres Verstandes laut ein, und ihre Verruͤcktheit ist selten so gefaͤhrlich, als die, derjenigen, welche ihren Verstand in spaͤtern Jahren verliehren.

Auszug aus einem Briefe. Stralsund. (4ten Bandes 2tes Stuͤck. Seite 38 ff.)

Enthaͤlt Beitraͤge zu den tausend und[ abermahl] tausend Erzaͤhlungen von Visionen, jener so bekannten Spielereyen der menschlichen Einbildungskraft. » Die Gattin des Herrn Stadtmusikus Kahlow in Stralsund liegt in Wochen. Sie wacht. Eine menschliche Figur, als Tuͤrk oder Orientaler gekleidet, stellt sich neben die Stubenthuͤr. Das gute Weib glaubt, ihr Mann habe sich verkleidet, sie ruft ihm, sich ihr zu naͤhern, allein vergebens, die Figur bleibt auf ihrem Posten stehen. Endlich faͤllt ihr ihr Bruder ein, den sie zaͤrtlich liebte, und der beim Abschiede nach Constantinopel, wohin er vor mehrern Jahren gegangen, ihr gesagt hatte: Schwester! wenn ich8 weit von dir gerissen, sterben sollte, denn uͤberbringe ich dir selbst die Todespost. Nun erblickt sie in dem taͤuschenden Manne den verlohrnen Bruder, schreit auf: ach Leopold! so hieß der Bruder, und weg ist das Bild! «

Dies[ Phaͤnomen] ist wohl nicht schwer zu erklaͤren. Was ist natuͤrlicher, als daß die Woͤchnerinn ihren geliebten nach der Tuͤrkey gereisten Bruder sich oͤfters in orientalischer Kleidung gedacht hat, und daß sie durch einen Jdeensprung auch wohl einmahl ihrem Manne ein solches Kleid andichtete, zumal da sie als Schauspielerinn, oder Taͤntzerinn viel so gekleidete Masquen gesehen haben mag. Der Mann antwortete nicht, da sie ihm ruft nun faͤllt ihr eben so natuͤrlich ihr entfernter Bruder ein, sie traͤgt seine Gesichtszuͤge vermoͤge der Einbildungskraft in das Bild uͤber, und glaubt nun wuͤrklich ihren Bruder zu sehen; das Bild der Jmagination wird so stark, als eine wuͤrklich sinnliche Anschauung, was so unzaͤhlig oft bei lebhaften Leuten der Fall ist. Jn allen diesen Jdeenfolgen liegt nichts Ungewoͤhnliches. Hiezu kommt noch der vom Herrn Einsender sehr richtig bemerkte Umstand, daß sie eineWoͤchnerinn, folglich eine Kranke war, deren Nervensystem angegriffen und in einer Zerruͤttung war. » Einer solchen oft ganz kurz daurenden Disposition, (faͤhrt der Verfasser sehr gruͤndlich zu raisonniren fort,) und sonderlich der koͤrperlichen Theile, die uns Jdeen durch[ aͤußre] sinnliche Vorstellungen zufuͤhren, schrei -9 be ich das zu, was wir Phantasmen nennen, da unserm Auge das Schreckbild als wuͤrklich dastehend scheinen kann, was unsere Jmagination einst bestuͤrmt hat, und bin daher der Meinung, daß wir, noch unbekannt mit dem Knoten des Bandes, welches Koͤrper und Geist so dicht verknuͤpft, dem Geiste zuschreiben, was wir dem Koͤrper beimessen sollten! «

Daß das Gehirn der Woͤchnerinnen sehr oft durch die Geburt auf eine außerordentliche Art angegriffen wird, lehret nicht nur eine Menge auffallender Beispiele von Verstandesverruͤckungen bei gebaͤhrenden Weibern, sondern noch sehr viel andere sehr merkwuͤrdige[ Phaͤnomene] ihrer verworrenen Einbildungskraft. Bonnetus erzaͤhlt von einer Frau, welche im Wochenbette in eine solche Unsinnigkeit gerieth, daß sie sich fuͤr eine unterirdische Furie ausgab, ploͤzlich aus dem Bette aufsprang und mit grimmigem Gesichte ausrief: Jch bin die hoͤllische Tisiphone, ich bin ein brennender Geist! und fiel mit den Naͤgeln ihrer Haͤnde das Gesicht und die Augen ihres Mannes an.

Die zweite im gegenwaͤrtigen Briefe vorkommende Vision hat der Herr Einsender dem Herr Professor M. in G ... nacherzaͤhlt, und dieser soll das Factum von einem sehr glaubhaften und unverwerflichen Zeugen, dem es wiederfahren ist, gehoͤrt haben. » Einer seiner Freunde (des Professor M..) der es ihm mit der groͤßten Ueberzeugung erzaͤhlt, so daß er auch in Betracht10 der Glaubwuͤrdigkeit des Erzaͤhlers kein Mißtrauen in die Wahrheit des Vorfalls setze, sey einst Abends aus einer Gesellschaft, in der man bis zur Munterkeit ein Glas Wein getrunken, zu Hause gekommen, und weil sein Bedienter grade nicht zu Hause gewesen, selbst in die Kuͤche gegangen, um sich eine Pfeiffe anzuzuͤnden. Die heitere Stimmung seines Herzens, da er kurz zuvor eine Gesellschaft scherzender Freunde verlassen hatte, konnte also gar nicht Jdeen der Art in ihm erwecken, die seinem Auge ein so trauriges Bild vorgeruͤckt haͤtten, als er beim Hinuͤbergehen uͤber die Diele erblickte. Hier sahe er eines seiner Kinder in voͤlliger Todenkleidung im Sarge liegen. Er schrickt zuruͤck, und schweigt, um abzuwarten obs Taͤuschung sey. Eben dieses Kind aber, das er als Todten sahe, wird, wo ich nicht irre, in Zeit von acht Tagen krank, stirbt, und wird auf dieselbe Stelle, und in derselben Kleidung hingesezt! «

Jch laͤugne, daß der Freund des Herrn Professor M.. bei seiner Nachhausekunft aus einer froͤhlichen Gesellschaft durchaus so gestimmt gewesen seyn muͤsse, daß ihm ein solches Schrekbild nicht habe in die Seele kommen koͤnnen, solches Phantasma der Einbildungskraft, denn fuͤr eine wuͤrkliche Sensation von aussen wird man doch das Ding nicht halten koͤnnen, man muͤßte denn verzweifelt aberglaͤubig seyn. Wenn wir im Genuß der Freude auf uns Acht geben, sonderlich, wenn das froͤhliche11 Geraͤusch um uns her still zu werden anfaͤngt; so werden wir oft bemerken, daß unsere Seele allerley schwarze Bilder durchkreutzen. Wir wissen nicht woher sie kommen, und wohin sie wieder verschwinden, obs gleichwohl ausgemacht ist, daß sie abgerissene Zweige einer verstekten Jdeen association seyn muͤssen. Jst die Vorstellungskraft nun just sehr lebhaft gemacht worden, was nach einem Glase Wein sehr wohl geschehen kann, kommt die Dunkelheit der Nacht hinzu, so scheint es mir sehr natuͤrlich, daß ein Vater sein Kind im Sarge vor sich liegen sehen kann, ohne einmal hinzu zu nehmen, daß vielleicht einige Zeit vorher, vielleicht in der froͤhlichen Gesellschaft selbst, von einem todten Kinde gesprochen worden ist, daß man einer aͤhnlichen Vision erwaͤhnt, oder daß vielleicht eine Veraͤnderung in Sehnerven ein dergleichen unangenehmes Bild hervorgebracht hat. Es kommen bei solchen Visionen gemeiniglich so viel Umstaͤnde zusammen, die sie zweifelhaft machen, daß man oft nur wenig Pruͤfungsgeist haben muß, um die Sache von ihrer taͤuschenden Seite kennen zu lernen, wozu aber die getaͤuscht worden, selten geschikt sind, weil sie im Augenblik der Ueberraschung nicht uͤber sich selbst und die mitwuͤrkenden Nebenumstaͤnde nachdenken koͤnnen, und die Lebhaftigkeit des imaginirten Bildes auch hinterher als geglaubte wuͤrkliche Erfahrung ihnen alles Raisonnement uͤber die Sache ekelhaft macht. Daß das Kind einige Zeit nachher wuͤrk -12 lich krank wird, und stirbt, scheint nun freilich etwas außerordentliches zu seyn, allein es entstehen hier wieder eine Menge Fragen. War das[ Kind] nicht uͤberhaupt schon kraͤnklich; hat die Erzaͤhlung der Erscheinung wo nicht unmittelbar auf das Kind, aber doch vielleicht durch die Mutter, durch die Amme auf dasselbe wuͤrken koͤnnen, herrschte nicht grade damahls eine Epidemie? oder was mir auch sehr wichtig scheint, glaubte nicht der gute Vater, als er sein todtes Kind wuͤrklich vor sich liegen sahe, vorher einen solchen Anblick des Nachts gehabt zu haben, den er nicht gehabt hatte; so wie wir oft nach einer auffallenden Begebenheit darauf schwoͤren sollten, daß wir schon vorher davon gewisse Empfindungen gehabt haͤtten, die wir doch gewiß nicht gehabt haben. Die menschliche Seele transferirt oft gegenwaͤrtige Sensationen durch die Einbildungskraft auf laͤngst vergangene Zustaͤnde ihrer Existenz, und glaubt hinterher Sachen vorher gesehen zu haben, die ihr vor dem Factum nicht in den Sinn gekommen sind. (Jch wuͤnschte daß dieses Capitel der Seelenlehre von einem scharfsinnigen Kopfe einmal genau abgehandelt werden moͤchte.) Daß der Vater das Kind in der nehmlichen Todtenkleidung sahe, als es ihm vorher erschienen war, ist wohl nichts besonders, da ein Sterbe-Hemd, unter welchem man sich die Todten gemeiniglich denkt, der gewoͤhnliche Putz ist, den man uns in die Erde mit giebt. Auch werden die13 Todten an den meisten Oertern auf die Diele gestellt.

Jm 3ten Stuͤck des 4ten Bandes hat uns in Absicht der Seelenkrankheitskunde vornehmlich das merkwuͤrdig geschienen, was von dem ohnlaͤngst verstorbenen Lauterbach in Wolfenbuͤttel erzaͤhlt wird. Dieser Mann, welcher sich in seiner Jugend auf die Theologie und Orientalischen Sprachen gelegt hatte, uͤbrigens ein einsichtsvoller, verstaͤndiger Mann war, gehoͤrte zu der Classe wahnsinniger Leute, welche an einer gewissen einzelnen Haupt-Jdee krank liegen, die bei ihm darinn bestand, daß von der Beschaffenheit der Steine die Begebenheiten in der Welt abhingen. Der eine verkuͤndigte nach seiner Meinung Pest, der andere Krieg, der dritte Feuersbrunst, und so alle Unordnungen und Ungluͤksfaͤlle, die nur immer in der Welt vorkommen. Er sonderte daher alle solche bedeutende Steine sorgfaͤltig von einander, und wenn er sie alle besaͤße; so wuͤrde von ihm das Schiksal der ganzen Welt abgehangen haben. Als vor einigen Jahren das große Erdbeben in Calabrien entstand, machte man ihm den Vorwurf: er wollte der Regierer der Welt seyn, und habe ein solches schrekliches Ungluͤk nicht verhuͤtet. Er entschuldigte sich kurz damit, daß er den Stein, wovon es abhaͤnge, nicht habe habhaft werden koͤnnen. Oft bemerkt man ihn auf der Straße14 still stehen und seinen Blik unverwandt auf einen Stein richten. Er prophezeihet theure Kornpreise und andere Uebel daraus.

Auf seinem Zimmer hat er eine große Menge Kieselsteine groß und klein. Diese zu berichtigen ist er unermuͤdet. Haben sie ihre Kraft verlohren, dann wirft er sie weg, und sucht andere. Er hat eine große Menge in Gestalt eines Menschenskelets gelegt, wovon ein jeder einen der innern oder aͤußern Theile des Menschen bedeutet. Mit Huͤlfe dieser, wenn er sie naͤmlich alle komplet hat, welches inzwischen selten ist, kann er alle Krankheiten seiner Meinung nach kuriren. Kommt einer zu ihm und klagt: er habe die Schwindsucht; so steht er ruhig auf. Da kann man sagt er bald zu kommen, ich brauche nur diesen Stein hier umzudrehen, der bedeutet die Lunge, nun koͤnnen sie getrost nach Hause gehn, ihre Krankheit wird sich gewiß geben. Hat er aber zum Ungluͤk den Stein nicht, welcher den Theil, in dem die Krankheit sizt, bezeichnet; so sagt er es freymuͤthig und entschuldigt sich, daß er nicht des andern Wunsch befriedigen koͤnne.

Noch einige andere sonderbare diesen seltsamen Mann betreffende Umstaͤnde kann man in der Erzaͤhlung des Herrn7Voßselbst nachlesen. Es laͤßt sich, da man die Geschichte dieses Mannes nicht genauer kennt, nicht leicht entscheiden, wie die Jdee, daß von den Steinen die Begebenheiten der Welt abhingen, zur Hauptanlage seines Wahnwitzes geworden15 ist. Ohne alle Veranlaßung ist sie gewiß nicht entstanden. Vielleicht hat er in physisch-mystischen Buͤchern allerlei von der geheimen Kraft der Steine gelesen, vielleicht haben ihn symbolische Ausdruͤcke und Bilder, die in der Bibel von Steinen vorkommen, zuerst auf seine Grille gebracht. Es ist schwer von dergleichen Leute selbst zu erfahren, wie sie auf ihre albernen Meinungen gekommen sind, gemeiniglich wissen sie es auch selbst nicht, da jeder Wahnsinn eine uͤberraschende und urploͤzliche Ursach zum Grunde hat, die eine oder mehrere verworrene Jdeen zur herrschenden in der menschlichen Seele macht.

Die Seite 21 erzaͤhlte hypochondrische Grille ist nicht von Bedeutung. Ein milzsuͤchtiger Mann kann sich sehr leicht einbilden, daß er vergiftet worden sey. Wichtiger ist das, was der Herr K.. Gemeinheits-Commissarius[ Gaͤdicke] in Camin von sich selbst erzaͤhlt. Eine der bekannten Spaldingschen aͤhnliche Erfahrung.

H.. G.. geht aufs Feld, mit einer heitern Gemuͤthsstimmung, um zu sehen ob seine Arbeitsleute seine Befehle befolgt haben. Vergnuͤgt kommt er bei ihnen an; aber nach einer viertel Stunde da er einem und dem andern etwas zur Arbeit gehoͤriges, wie gewoͤhnlich gelassen, in Erinnerung bringen und sagen will, findet er sich unfaͤhig, seine Gedanken durch die gehoͤrige Zusammenfuͤgung der16 Worte, nach der wahren Folge, ordentlich vorzubringen. Vielmehr kommt das hinterste Wort bald vorn, das mittelste bald hinten, das vorderste bald in die Mitte, und auch umgekehrt. Keiner seiner Leute konnte verstehen, was er eigentlich haben wollte. Aber seiner Vernunft war er indeß gewiß vollkommen maͤchtig. » Jch dachte, faͤhrt er fort, ganz richtig, sahe dieses Auffallende nebst den Beurtheilungen von meinen Leuten ein, ich ließ mir aber doch von meiner Verlegenheit nichts merken; sondern ging nach Hause zuruͤk. « Auch auf dem Heimgehen dauerte diese Sprachverwirrung bei vollenkommnem gesunden Bewustseyn fort, bis ein Aderlaß die richtige Wortfolge wieder herstellte, und dem sonderbaren Zustande ein Ende machte.

Jch habe mich schon einmal bei Gelegenheit der8SpaldingischenErfahrung uͤber dergleichen Seelenzustaͤnde erklaͤrt, und will hier nur noch dies hinzusetzen. Bekanntlich denken wir durch Huͤlfe symbolischer Zeichen, vornehmlich der Worte, die jedesmal das Gedaͤchtniß dem Gedanken, welcher[ ausgedrukt] werden soll, wieder zufuͤhrt; aber die Seele denkt sich einen Satz, kann sich ihn denken, ohne daß sie sich die Verbindung seiner symbolischen Zeichen in der ordentlichen Wortfolge vorstellt, vorausgesezt, daß jener Satz ihr schon oft gegenwaͤrtig gewesen ist, und sie eine deutliche Uebersicht seiner Bedeutung gehabt hat. Es giebt demnach jedesmal ein doppeltes Bewustseyn der Seele des Satzes,17 oder eigentlich des Sinnes des Satzes, und des Ausdruks, oder der Ausdruͤcke dieses Sinnes. Geht nun eine Verwirrung in den Gehirnfiebern vor, verliehrt das Gedaͤchtniß die Kraft zu einem gewissen Gedanken seine ihm eigentliche Wortfolge herbeizufuͤhren; so wird der Gedanke immer deutlich in der Seele vorhanden seyn, aber unwillkuͤrlich werden sich die Worte untereinander werfen, gerade so wie der Herr Verfasser von sich erzaͤhlt. Wenn wir auf uns Acht geben, so werden wir oft bemerken, daß wir uns ein gewisses Object deutlich vorstellen koͤnnen, ohne seine symbolischen Ausdruͤcke behalten zu haben, ob wir gleich immer ein Beduͤrfniß fuͤhlen, den symbolischen Ausdruk ins Gedaͤchtniß zuruͤk zu bringen. Hiebei faͤllt mir ein, was Bonnetus von sich erzaͤhlt, daß er nehmlich, ob er gleich lange die Kraͤuterkunde gelehrt hatte, sich niemals auf das Wort Pimpinelle besinnen konnte, wenn er auch gleich dieses Gewaͤchs vor sich sahe, und sonst ein gutes Gedaͤchtniß besaß. Geßner fuͤhrt in seinen neuesten Entdeckungen in der Arzneigelahrtheit. B. 1. S. 137 ff. unter der Rubrik: Krankheiten der innern Sinne, ein merkwuͤrdiges Beyspiel von Vergessenheit an, welches hier aufgezeichnet zu werden verdient. Ein Mann von 73 Jahren empfand im Anfang des Jaͤnners (1770) einen Krampf in den Muskeln des Mundes, und ein Kuͤtzeln, wie vom Kriechen der Ameisen. Den 20ten Jaͤnner bemerkte man bei einiger18 Verwirrung der Gedanken einen besondern Fehler der Sprache an ihm. Er sprach zwar leicht und fließend; brauchte aber ganz ungewoͤhnliche selbgemachte Worte, die kein Mensch verstand. Die Anzahl dieser Worte ist nicht groß, aber sie werden oft nach einander wiederhohlt. Bisweilen gehen einige verlohren, und werden mit neuen ersezt. Auch spricht er Zahlen aus, wenn er schnell reden will. Gewoͤhnliche Worte braucht er mehrentheils in der rechten Bedeutung. Er weiß, daß er unverstaͤndlich spricht. Schreiben und Reden ist gleich unrichtig. Er kann seinen Namen nicht richtig schreiben. Schreibt er; so kommen eben solche neugemachte sinnlose Worte aufs Papier, als er ausspricht. Auch kann er nicht lesen, ob gleich mehr sinnliche Gegenstaͤnde die gehoͤrigen Begriffe in ihm erwecken.

Noch ein anderes Beispiel dieser Art.

Ein Schulmann erkannte nach einer starken Apoplexie zwar Buchstaben und Worte, aber wenn er sie aussprechen wollte; so kamen ihm immer andere in den Mund, so groß auch sein Bestreben war, seinen Vorstellungen gemaͤß zu sprechen.

Die Seite 26 (3tes Stuͤk 4ten Bandes) erzaͤhlte Genesungsgeschichte betraf doch wohl nichts anders als eine koͤrperliche Krankheit.

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Die Fragmente aus dem Tagebuche des verstorbenen R ... S. 33. welche auch im 5ten Bande fortgesezt worden, enthalten manche wichtige Winke fuͤr junge Leute und fuͤr Eltern wie gefaͤhrlich eine in die Seele gelegte Empfindsamkeit sonderlich durch den unnatuͤrlichen Mißbrauch gewisser Triebe werden koͤnne, und wie das Laster der Selbstbefleckung von so vielen aus Unwissenheit und Mangel einer genauen Kenntniß des menschlichen Koͤrpers getrieben wird. Schilderungen uͤber die Entstehung und Entwickelung unsrer Empfindungen, wie im gegenwaͤrtigen Beitrage vorkommen, koͤnnen manchen unbedeutend scheinen, weil sie zu individuell sind, indeß glaube ich, stiften sie fuͤr aufmerksame Leser doch gewiß den Nutzen, auf sich bei aͤhnlichen Gelegenheiten, sonderlich bei Anlagen zur Empfindsamkeit sehr Acht zu haben. Zeigen dergleichen Aufsaͤtze zugleich die traurigen Folgen anfangs unbedeutend scheinender Triebe; so koͤnnen sie bei der Erziehung der Kinder sehr lehrreiche und warnende Beispiele werden.

Verruͤckung aus Liebe. S. 43. Man wird bei dergleichen schreklichen Beispielen von der Heftigkeit dieser Leidenschaft immer bemerken, daß schon in fruͤherer Jugend, in einer fehlerhaften Erziehung, der erste Grund ihrer nachherigen Ausbruͤche liegt. Das Maͤdchen, dessen Geschichte hier erzaͤhlt wird,20 wurde in ihrer Kindheit verzaͤrtelt, zu einem eigensinnigen, muͤrrischen und empfindsamen Geschoͤpf erzogen. Wurde zu keiner weiblichen Arbeit angehalten, las bestaͤndig, und sie wurde bald eine fromme Empfindsame, die immer betete und sang. Starkes Getraͤnke als Caffee, ferner haͤufiges Sitzen, und guter Appetit machten ihren Koͤrper stark und beim Erwachen neuer Gefuͤhle sehr reizbar. Sie verliebte sich auf einem Ball in einen Officier, (weswegen schon manches Maͤdchen toll geworden ist) aber sie bekoͤmmt ihn nicht wieder zu sehen. Ein anderer Freier stellt sich ein, und sie muß auf Zudringen der Eltern ihm ihr Jawort geben. Jhr Gemahl gewinnt bald ihre ganze Liebe; aber endlich kommt ihr der Officier wieder in den Kopf und endlich ist eine gaͤnzliche Verruͤckung da. Beispiele der Art sind gar nicht selten; aber sie bleiben immer sehr traurige Beweise von der Heftigkeit weiblicher Leidenschaften.

Das Sonderbarste, was in diesem 3ten Stuͤk des 4ten Bandes unter der Rubrik: Seelenkrankheitskunde etwas uneigentlich vorkommt, ist das, was Herr Kammerrath9Tiemannvon einer gewissen Frau erzaͤhlt, welche bei jeder neuen Schwangerschaft ein Glied eines ihrer Finger verlohren haben soll. Sie sagte:[ » drei] oder vier Wochen nach einer neuen Empfaͤngniß empfinde ich einen Schuß21 am ersten Gliede eines Fingers. Das Glied des Fingers faͤngt denn an zu schwuͤren, mit unausstehlicher Hitze zu brennen; allgemach verwandelt sich das Geschwuͤr in eine mit hellem Wasser angefuͤllte Blase; nachdem ich diese mit einer Nadel durchstochen, scheint das Fleisch um den Knochen in Faͤulniß uͤberzugehen. Endlich faͤllt der Knochen des beschaͤdigten ersten Gliedes heraus, und alsdann ist in Zeit von vier und zwanzig Stunden der verstimmelte Finger ganz wieder zugeheilt. « Sie hat 7 Kinder und folglich auch 7 Glieder an verschiedenen Fingern verlohren. Jch uͤberlasse gern den Aerzten die Aufloͤsung dieses physiologisch-psychologischen Raͤtzels.

10C. F. Pockels.

(Die Fortsetzung kuͤnftig.)

22

Zur Seelenkrankheitskunde.

1. Merkwuͤrdige Beispiele vom Lebensuͤberdruß.

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a) Eines hypochondrischen Geistlichen.

Am 7ten Junius vorigen Jahres (1787) starb zu A.. im[ Saarbruͤckischen] der reformirte Pfarrer H.. Der arme Mann war bei aller derjenigen Munterkeit, die er in juͤngern Jahren besaß, und auch gegen das Ende seines Lebens noch in Gesellschaften affectirte, hypochondrisch, und ließ dieses Uebel, statt bei Zeiten die gehoͤrigen Mittel dagegen zu gebrauchen, immer tiefer einwurzeln. Ungefaͤhr am 3ten Junius erklaͤrte er sich ploͤzlich gegen seine Schwester, die seine Haushaltung besorgte: Die Zeit meines Abscheidens ist nahe! Jch lebe nur noch eine Woche und alsdenn, ich muß! alsdenn stuͤrz ich mich ins Wasser! Die Schwester sank bei diesen Worten ohnmaͤchtig zu ihres Bruders Fuͤßen nieder. Durch ungarisches Wasser brachte er dieselbe so weit wieder zu23 sich, daß sie die Augen aufschlug, und sagte dann zu ihr: Ey Schwester, ich habe nicht geglaubt, daß die Nachricht, die ich dir gab, dich im geringsten alteriren koͤnnte! Fasse dich, ich bitte, gieb dich zufrieden es ist nun einmal nicht anders, ich muß sterben!

Den folgenden Mittwoch am monatlichen Bettage predigte er noch, wiewohl mit solcher Beklemmung, daß die Herzensangst ihm Todesschweiß auf der Stirn auspreßte. Das Lied aus dem Marburger reformirten Gesangbuche: Jesus suͤßes Licht der[ Gnaden ff. ] das er damahls singen ließ, zeugte von seiner traurigen Gemuͤthsverfassung. Es war das leztemal, daß er die Canzel betrat, denn von nun an blieben stets zwei Nachbarsleute um ihn, die ihn beobachteten. Zu diesen sprach er am Tage vor seinem Tode: Jhr lieben Leute! Bei ... auf der Bruͤcke ist der Rhein so schoͤn tief, bringt mich doch dahin, daß ich mich hinabstuͤrzen und mein Leben enden kann, oder wenn es euch zu weit ist, so grabt eine Grube, es ist einerlei und scharrt mich ein, es ist da auch kuͤhl! Donnerstags Nachts den 7ten Junii brachte man ihn zu Bette, schloß die beiden Thuͤren, die zur Schlafkammer fuͤhrten zu, und die Waͤchter blieben in der daranstoßenden Stube.

Kaum sahe sich der Ungluͤkliche von Menschen frei, so sprang er aus dem Bette, verriegelte die Thuͤren von innen, und sprang durch das eroͤfnete24 Fenster[ in den] Garten. Zum Ungluͤk konnten die Maͤnner, welche dieses in der Stube hoͤrten, weder durch die verriegelte Schlafkammer noch durch den Hausgang, wovon der Schluͤssel verlegt war, ihm sogleich nacheilen, und ihre nachherigen Nachforschungen waren leider vergeblich. Erst Freitags gegen Mittag fand man seinen Leichnam ohnweit A ... in einem kleinen Bache, auf dem Ruͤcken liegend, die Muͤtze uͤber das Gesicht gezogen und die Haͤnde auf die Brust zusammengeschlagen, seine Miene war nicht verstellt, und schien zufriedener als in den lezten traurigen Tagen seines Lebens. Man fand in der Gegend am Bache verschiedene Spuren, daß er schon im Wasser gewesen und wieder herausgegangen war, vermuthlich weil es ihm nicht tief genug zu seyn schien, bis er endlich, weil ers nicht tiefer antraf, sich wie in ein Bette auf den Ruͤcken hinein legte und so ertrank. Er ward am folgenden Montage oͤffentlich unter einer großen Leichenversammlung begraben. Der reformirte Prediger aus R.. hielt ihm die Leichenpredigt uͤber die gutgewaͤhlten Worte Christi: Vater vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun. Journ. v. u. f.[ D.] 9. St. 87.

b) Eines 72jaͤhrigen blinden Predigers.

Visitationsschein. Es war der 16te October Morgens nach 2 Uhr 1764 als vom Churfuͤrstl. Saͤchsis. 25Amte zu E.. ich Endesbenannter Medicus requirirt wurde, mich eilends nach R.. in das Pfarrhaus zu verfuͤgen, und die Magisterinn, Frau Th. R. C. daselbst, welche von ihrem alten 72 jaͤhrigen blinden Ehemanne Herrn M. C. Nachts gegen 12 Uhr im Schlafe in ihrem Bette in der Kammer neben der Wohnstube, worin der alte Magister gelegen, mit vielen Wunden sehr gefaͤhrlich verlezt worden[ sey], mit dem geschwornen Amtschirurgo R. allhier zu visitiren, verbinden zu lassen, und nachher mit dienlichen Medicamenten zu versehen. Dem zu Folge begaben wir uns nebst dem Viceactuario Herrn Sch. und Landrichter Herrn S. schleunig dahin, und kamen um 5 Uhr Morgens in der Pfarrwohnung daselbst an, und fanden die Verwundete in der obern Wohnstube, anjezt in dem Bette liegend bereits verbunden von einem Chirurgo K. von B. Die Verblutung hatte bereits cessirt, weil der Koͤrper fast vom Blute entledigt und Patientinn sehr blaß aussahe, auch sehr matt war. Sie schlug oft mit der rechten Hand auf ihre Bettdecke; konnte aber dennoch ziemlich vernehmlich auf die gethane Fragen antworten und sagen, daß ihr Mann sie im Schlaf liegend also verwundet habe, doch wisse sie nicht, wenn oder womit es geschehen sey. Es wurde uns ihr angehabtes Hemde gezeigt, welches wie aus Blut gezogen aussahe. Auch fand sich viel Blut in ihren Betten in der Kammer, wo sie verwundet worden war, auch einige blutige Flecken an26 der Wand des Ofens in der Wohnstube gegen die Stubenthuͤr, und hinter dem Ofen eben daselbst an der Wand. Es wurde uns auch von dem Schwiegersohn G. der Patientinn Schlafmuͤtze und Kopftuch voller Blut und Hiebe, benebst einem ziemlich schweren und scharfen Kuͤchenbeil und scharfen mittelmaͤßigen Messerchen gezeigt, welches die moͤrderischen Jnstrumente gewesen seyn sollten, die auch beide noch mit Blut beflekt waren. Wir ließen hierauf von dem noch gegenwaͤrtigen Chirurgo K. die angelegten Bandagen wieder abnehmen, weil die Verblutung stille geworden war, und fanden folgende 13 Wunden an der Patientinn u.s.w. Die Wunden, welche hier weitlaͤuftig beschrieben werden, kann man fuͤglich uͤbergehen.

Weil nun die Empfindsamkeit der Wunden zu groß war, auch leicht neue gefaͤhrliche Verblutungen und[ Ohnmaͤchten] bei dem ohnehin schon geschwinden und febrilischen, jedoch schwachen Puls, nicht weniger auch noch kuͤnftige Schmerzen beim noͤthigen Heften der großen Wunden zu besorgen stunden, so konnte man vorjetzo keine Visitation der saͤmmtlichen Hauptwunden vornehmen und bemerken, wie tief solche ins Cranium gegangen waͤren. Man vermuthete aber doch, daß das Cranium und besonders das Gehirn dabei nicht so viel gelitten haben konnte, weil die Patientinn voͤlligen Verstand und gar kein Erbrechen hatte, wie bei verleztem Gehirn und niedergedrukter oder gespalteter Hirnschaale ge -27 woͤhnlich ist. Man verband demnach die Hauptwunden gehoͤrig, und versahe solche mit warmen spirituoͤsen Aufschlaͤgen und Bandagen, die große Halswunde aber (eine Wunde am Halse bei 3 Zoll quer uͤber durch die asperam arteriam oder Luftroͤhre und Oesophagum oder Speiseroͤhre, aus welch lezterer auch der gereichte Thee und Milch vor und nach dem Verbande herausgeflossen) und die Ellenbogenwunde zog man mit 3 Heften zusammen, bedekte selbige mit Pflastern, Aufschlaͤgen und Bandagen. Nach dem Verbande fand sich Patientinn eben nicht schwaͤcher, sondern nahm auf Anbiethen etwas Milch zu sich, um den Abgang des Blutes und der Kraͤfte ersetzen zu sollen, die aber der Hefte unerachtet zwischen der Bandage aus der Halswunde wieder herausdrang, mit der Versicherung auf beschehene Frage, daß sie nichts davon in dem Magen habe verspuͤren koͤnnen.

Die eine von den Wunden, nehmlich die große Halswunde, wurde von dem Medicus Herrn Hofmann, der vorhergehenden Visitationsschein ausgefertiget, fuͤr wuͤrklich toͤdlich erklaͤrt, wie denn auch die Ungluͤkliche Ermordete den andern Tag darauf bei einen heftigen Blutsturz wuͤrklich ihr Leben endigte. Bei der Section wurde die Toͤdlichkeit der Halswunde bestaͤtigt, und hierauf gruͤndet sich folgendes merkwuͤrdige Urthel uͤber den Moͤrder, welches ich ganz hieher setzen will, um zu sehen, durch welche Veranlassungen der ungluͤkliche Mann zu sei -28 ner abscheulichen That verleitet worden ist, und welch eine Menge qualvoller Jdeen vorhergehen mußten, ehe er sich dazu entschloß.

Hat ernannter C. als man ihn Artikelsweise vernommen, gestanden und bekannt, daß er den seit vierzehn Tagen, und besonders die lezten 4 Tage davon, gehegten Vorsatz, sein Eheweib, Theodoren Reginen, ums Leben zu bringen, am 15ten October des abgewichenen 1764sten Jahres, Abends gegen 12 Uhr in der ordentlichen obern Wohnstube der R er Pfarrwohnung, worinnen sein Eheweib so wie er in der daneben befindlichen Cammer zu schlafen pflegte, dergestalt zu Werke gerichtet, daß, da er aus dem Schnauben des Eheweibes, als er die Cammerthuͤr sachte aufgemacht, gemerkt, daß selbige im Schlafe liege, er aus der Cammer in die Stube gegangen, mit der Hand auf des Weibes Kopf gefuͤhlt, sodann nach dem Orte, wo er seine Hand gehabt, mit dem bei sich gehabten Beile den heftigen Hieb gethan, und da hierauf das Eheweib im Bette sich aufgerichtet, und nebst dem bei ihr gelegenen Tochterkinde, dem H schen Toͤchterlein heftig geschrien, er mitler Zeit immer mit dem Beile auf das Eheweib weiter zugehauen, so sehr sie sich mit den Fuͤßen gewehrt, und damit sie desto eher sterben sollte, mit dem aus der Tasche und Scheide gezogenen Federmesser in die Kehle, wonach er zuvoͤrderst mit der linken Hand gefuͤhlt, mit der rechten Hand gestochen; selbiger29 da niemand anders da gewesen, alle die an derselben befundenen Wunden zugefuͤgt, also an dessen, den 16ten October darauf, Nachmittags gegen 3 Uhr erfolgten Tode, weil er die Frau so verwundet, ganz allein Schuld sey, und also eine praͤmeditirte Mordthat begangen habe.

Jnquisit gestand in dem Verhoͤr ferner, daß es keine Bosheit von Seiten seiner gewesen, die ihn zur Begehung der Mordthat bewogen, sondern daß er dazu durch die Ungenuͤgsamkeit seines Pfarrgehuͤlfen, den man ihm Alters halben gegeben, und welcher nicht mehr mit der ihm bewilligten Haͤlfte der Pfarreinkuͤnfte habe zufrieden seyn, sondern Jnquisiten nur mit einem gewissen jaͤhrlichen Gehalt habe abfinden wollen, und durch die daher entstandenen Zaͤnkereyen mit seinem Eheweibe verleitet worden waͤre. Dieses machte dem armen blinden Manne, wie er im Verhoͤr anzeigte, taͤgliche und sehr bittere Vorwuͤrfe daruͤber, daß er sich seine Einkuͤnfte durch den Adjunctus so sehr abschneiden ließe, und daß sie ihr ihrem Manne zugebrachtes Vermoͤgen ohnedem schon zugesezt haͤtten. » Du raͤumst dem Pfarrgehuͤlfen, dies waren ihre taͤglichen Vorwuͤrfe, zu viel ein, und machest mich ungluͤklich, und wenn wir einmal betteln gehen muͤssen; so bist du Schuld daran, desgleichen, wenn er sterbe, und sie solcher Gestalt um ihren Unterhalt kommen werde, wolle sie auf sein Grab treten und sagen: hier liegt der unbe -30 sonnene Rabenvater, der weder fuͤr seine Frau, noch Kinder gesorgt hat. item. Am juͤngsten Tage wolle sie sagen: hier ist der gottlose Rabenvater, richte ihn Gott nach dem strengsten! denn er hat die Hoͤlle an mir verdient; noch weiter und immer fort plagte sie ihn mit bittern Vorwuͤrfen, daß er ein alter unverstaͤndiger Rabenvater, und daß er werth sey, daß man Leute kommen und ihn mit Steknadeln zerkratzen ließe. Aus diesen anhaltenden Zaͤnkereien und Beaͤngstigungen, wovon ihm immer seine Gedanken vergangen und welcher Unfriede mit seinem Eheweibe 4 bis 5 Monat fortgedauert, sey endlich die Verzweifelung und der Wunsch entstanden, daß sein Leben ein Ende nehmen moͤchte. Er waͤre bei diesen Plagen denn auch zugleich mißtrauisch auf die goͤttliche Vorsorge geworden, der Gedanke daß er und sein Weib nicht mehr von den halben Einkuͤnften der Pfarre haͤtten leben koͤnnen, ferner daß nach seinem Tode sein Weib wuͤrde Noth und Schimpf leiden muͤssen, haͤtte nun vollends alles dazu beigetragen, sich sowohl, als sein Weib aus der Welt hinaus zu schaffen, sich, um sich von seinen vielen Plagen und bei seiner langen Blindheit ausgestandenen Lebensuͤberdruß zu befreien, sein Weib, um sie vor aller kuͤnftigen Noth zu sichern. Es sey demnach in ihm der veste Vorsatz entstanden, sein Eheweib zu ermorden, und sich den Haͤnden der Obrigkeit zu uͤberliefern, damit auch er von der Welt kaͤme, und aller seiner taͤgli -31 chen Plagen und Noth ein Ende machen moͤge. Jm uͤbrigen sey es durch Huͤlfe des Satans geschehen, daß er so hintereinander in der Eile dem Weibe die Wunden zugefuͤgt, wie ihm denn auch den ganzen Tag vorher gewesen, als wenn alle Teufel um ihm waͤren, so daß ihm ordentlich der Kopf gebrauset. « Zu allen diesen Veranlassungen seiner schreklichen That kamen nun noch folgende Umstaͤnde, die auch der Defensor des Jnquisiten nuͤzte, um ihn vom Tode zu retten, nehmlich, daß ihn in den lezten sieben Jahren der Schlag, so jedoch ein paarmal nur Schwindel gewesen, 5 bis 6mal geruͤhrt, und seine Gemuͤthskraͤfte dadurch in eine Schwaͤche und Verwirrung gerathen waͤren; ferner daß er eine schlechte Lebensordnung beobachtet, von zaͤhem und schwerem Gebluͤte gewesen sey, und den Brantewein geliebt habe. Alle diese Umstaͤnde konnten ihn aber doch nicht vom Tode retten, weil er wie er selbst eingestanden, sich seiner bei der veruͤbten Mordthat voͤllig bewust gewesen, und die dabei vorkommenden Umstaͤnde deutlich zeigten, daß er die Mordthat nicht in einem Anfall von Wahnwitzoder Raserei begangen habe.

Es ist der Muͤhe werth, die Gruͤnde aus dem Urthel anzufuͤhren, warum man die Vertheidigung seines Defensors nicht fuͤr guͤltig annehmen wollte. » Wenn bei einem Verbrecher die Zurechnung der ausgeuͤbten Missethat wegfallen soll, muß eine solche Schwaͤche und Ohnmacht des Gemuͤths und32 der Seelenkraͤfte vorhanden seyn, die ihm das, was er gethan, und ob selbiges recht oder unrecht sey, zu wissen und beurtheilen zu koͤnnen, ausser Stand sezt: bei Jnquisiten hingegen desgleichen sich keinesweges ereignet, sintemal die genaue, und so weit andere Personen, als die verwundete C. selbst, der Schwiegersohn, die Magd und der Pfarrgehuͤlfe davon wissen, und etwas melden koͤnnen, richtige Erinnerungen der Umstaͤnde seiner That, sowohl als des unmittelbar vorhergegangenen und darauf erfolgten; ja selbst der nach Anleitung des Jnquisiten summarischen Aussage Fol. 45. B. im 45 und 46sten von ihm bejaheten Artikel gebrauchte Gedanke: Daß, wenn er des Weibes Moͤrder, er dadurch selbst des Todes schuldig waͤre, untruͤgliche Merkmaale sind, daß[ vor], bei und nach seiner Missethat er sich selbst wohl bewußt, um die Unrechtmaͤßigkeit seines Vorhabens und dessen Vollziehung einzusehen auch nach den Gesetzen zu beurtheilen nicht weniger als unfaͤhig, sowohl daß das angegebene Brausen des Kopfs, gleich als ob alle Teufel um ihn waͤren, in der That nichts anders, als die Erinnerungen des Gewissens, so ihm die Abscheulichkeit seines Vorsatzes vorgehalten, gewesen: da weiter, daß er sonst und besonders um die Zeit des veruͤbten Verbrechens ungereimte oder widersinnige Handlungen unternommen, keine Spur zu finden, sondern er dergleichen sich zu enthalten wohl gewußt; darneben damals trunken gewesen zu seyn verneint,33 auch niemand, daß er es gewesen, an ihm vermerket, alle Vermuthung, daß sein Verstand den Reizungen seines boͤsen Willens zu widerstehn, wenn nur Jnquisit es thun wollen, unvermoͤgend und nicht genugsam gewachsen gewesen, gaͤnzlich hinweg faͤllt; vielmehr Jnquisit mit andern grober Missethat Schuldigen gemein hat, daß, anstatt, was er sich vorgenommen, wohl zu pruͤfen und sodann den sanften Leitungen des das Unternehmen verwerfenden und[ mißbilligenden] Verstandes zu folgen, er mit gaͤnzlicher Beiseitsetzung dessen, wessen selbiger ihn belehret, lediglich von den uͤbereilten Trieben eines durch Leidenschaften aufgebrachten und verderbten Willens sich uͤberwinden und von ihm hinreissen lassen; anbei daß Jnquisit, als ein siebenzigjaͤhriger Greiß, dem das Alter als ein Vorbote des sich ihm naͤhernden Todes vermittelst Blindheit die Augen gleichsam bereits zugedrukt, und der mithin der Hitze aufwallender Gemuͤthsbewegungen weniger Herrschaft uͤber sich einraͤumen sollen, eines anstaͤndigern Abschieds aus dieser Zeitlichkeit sich nicht beflissen, dargegen auf so schaͤndliche Art seinem Tode zugeeilet; als ein an die 39 Jahr im Priester-Amte stehender Prediger goͤttlichen Worts, die in diesem vorgeschriebene, und ohne Zweifel, solche Zeit uͤber, andern gepredigte Zaͤhmung des boͤsen Willens und Daͤmpfungen der aufsteigenden suͤndlichen Begierden und Trieben selbst nicht beobachtet, noch die Gruͤnde, die er wieder das Mißtrauen in die goͤttliche Vorsorge und34 die demselben so oft auf dem Fuße folgende Verzweifelung andern eingeschaͤrfet, sich vor Augen genommen, oder, um ihn davon zu erinnern, einen oder andern seiner Mitbruͤder und Amtsgenossen angegangen; ferner, daß er die That nicht im Zank mit dem Eheweibe, wobei die jaͤhling aufsteigenden erstere, der menschlichen Schwachheit unerwartet uͤberwaͤltigende, Regungen des Zorns wenigstens als eine scheinbare Entschuldigung haͤtten angefuͤhret werden koͤnnen, sondern nach einer laͤngst vorhergegangenen Ueberlegung zu Folge, und da wenigstens einige Stunden lang zwischen ihm und dem Eheweibe kein Wortwechsel vorgefallen, vielmehr Jnquisit sec. Artic. 72 und 74 demselben, nur eine viertel Stunde vorher, mit falscher Zunge diejenige Nacht gut zuzubringen angewuͤnschet, die er zu dessen Abschlachtung, und zwar laut des bejaheten 108ten Artikels, unaufhaltlich bestimmt gehabt, uͤber dieses er das Eheweib im Schlafe uͤberfallen, und dadurch, wenn sie, wie er, nach Anleitung der Antwort auf den 103ten Artikel, darauf umgegangen,[ sofort] unter seinen Haͤnden verstorben waͤre, deren zu einem so ploͤzlich als unvermutheten Uebergange in die Ewigkeit damals vielleicht nicht gefaßte Seele der Gefahr des ewigen Verderbens auszusetzen, an sich nicht ermangeln, auch von der Beharrlichkeit in seinem boͤsen Vorsatze, dabei ja freilich wohl ein guter Geist die Hand nicht gefuͤhret haben kann, weder durch die Gegenwehr des Wei -35 bes noch durch dessen und des H schen Kindes aͤngstliches Schreien sich abwendig machen lassen, lauter solche Umstaͤnde sind, wodurch die Schwere des Jnquisiten Verbrechens mehr erhoͤhet als verringert[ wird. «]

c) Eben so auffallend ist folgendes Beispiel von einem kalten Ueberdruß des Lebens.

Ewa Margretha K 23 Jahr alt wurde wegen verschiedener Verbrechen im Sept. vorigen Jahres (1755) in das Zuchthaus nach Onolzbach gebracht. Man empfing sie gewoͤhnlich wie die Zuͤchtlinge mit einer Peitsche, und einer von den Streichen verlezte ihre rechte Brust. Diese Behandlung machte den tiefsten Eindruck auf benannte Weibesperson, und sie fing an, lieber den Tod zu wuͤnschen als ein solches Leben zu fuͤhren. Um aber desto eher zu Erfuͤllung ihres Wunsches zu gelangen, fiel sie auf den schreklichen Gedanken einen Mord zu begehen, damit ihr auch sodann das Leben genommen werden, und auf solche Art Zeit gewinnen moͤchte ihre Suͤnden zu bereuen, und bei Gott Gnade zu erlangen, welche sonst durch Handanlegung an sich selbst verlohren gehen moͤchte. (Man sieht hieraus deutlich, daß die meisten Moͤrder, die andre umbringen, um sich dadurch selbst aus der Welt zu schaffen, aus einer mißverstandenen Religiositaͤt lieber Hand an andre legen). Sie praemeditirte geflissentlich den36 Tod einer andern Weibsperson, und fuͤhrte ihr Vorhaben auch wuͤrklich auf folgende Art aus. Sie gab nehmlich vor, als eines Sonntages die Zuͤchtlinge in die Kirche gehen mußten, daß sie Bauchweh habe, und nicht den Gottesdienst mit abwarten koͤnne. Mit ihr wurde noch eine andere Zuͤchtlinginn, Mederin mit Nahmen, zuruͤkgelassen, welches ein aͤußerst einfaͤltiges Mensch war. Zu dieser begab sich Margaretha K und stellte ihr vor, daß sie beide, um ihres Jammers auf einmal los zu werden, sterben wollen, und daß sie (die Margretha K ) damit den Anfang machen wollte, daß sie die Mederin zuerst umbraͤchte. Die Mederin war damit zufrieden, nur machte sie vorher die Bedingung, daß ihr das Umbringen nicht viel Schmerzen verursachen sollte. Sie legte sich darauf auf eine Bruͤcke im Zuchthause ausgestrekt hin, und die Moͤrderinn uͤbte wuͤrklich die schrekliche That mit Abschneidung des vordern Halses mittelst eines Ulmer Kreuzermessers an ihr aus, die einfaͤltige Mederin empfing die toͤdlichen Messerstreiche mit aller Gelassenheit, und starb nach einer Stunde an den empfangenen Wunden.

Um zu sehen, wie die ungluͤkliche Moͤrderinn auf die abscheuliche Jdee ihre Mitgefangene hinzurichten gekommen sey, und wie traurig die Veranlassungen dazu waren, will ich aus dem medicinischen Bericht uͤber sie nur noch folgendes hinzu setzen, woraus zugleich erhellen wird, wie hundisch die37 barbarischen Aufseher der Zuchthaͤuser oft mit ihren Zuͤchtlingen umgehen, und wie leicht bei solchen Unmenschlichkeiten moͤrderische Gedanken in den armen, leidenden, gedruͤkten Menschen entstehen koͤnnen.

Als sie in das Zuchthaus gebracht wurde, wurde sie frei hingestellt, mit aufwaͤrts gestrekten und an Haͤnden geschlossenen Armen, da sie denn vom Zuchtmeister, der ihr hinterwaͤrts zur linken stand, zwanzig Streiche mit einer langen neuen Peitsche, die vom Handgrif bis oben ganz biegsam war, bekam. Waͤhrend des Schlagens schwang sich das oberste Ende der Peitsche gewaltig auf ihre rechte Brust, und verursachte eine so heftige Contusion auf derselben, daß sie gleich aufschwoll, blau, schwarz, gelb und roth wurde, wie die Bruͤste denn zu werden pflegen, wenn ein Kind davon entwoͤhnt wird. Waͤhrend der Geschwulst, sagte sie, habe sie um Huͤlfe gebeten, man habe es ihr aber abgeschlagen, und sie zur Geduld verwiesen. Wie die Geschwulst nach 8 Tagen etwas nachgelassen, kamen erst die Schmerzen von der Seite in die Brust hinein, als wenn mit Messern darinn geschnitten wurde. Nach[ 14taͤgigen] erschreklichen Schmerzen habe sich die Brust oben an der linken Seite eroͤfnet, wo nichts als gelbes Wasser herausgelaufen, wonach Geschwulst, Haͤrte und Flecken vollends vergangen, auch die Schmerzen, die sich etwas gelindert, blieben auch außen, so lange das Auslaufen dauert, wenn aber dieses nachlasse, und die Oefnung zuge -38 fallen; so kaͤmen die Schmerzen wieder, ziehen sich in die Brust gegen den Ruͤcken in die Achsel, und von da gegen das Herz und davon bekomme sie schweres Athmen und Stecken, und das herauslaufende Wasser mache ihr sehr brennende Schmerzen.

Als man sie fragte, was sie denn aber zu der abscheulichen That, ihre Mitgefangene umzubringen, bewogen habe? antwortete sie: Furcht vor der Qual und scharfen Schlaͤgen, die sie im Zuchthause haͤtte erleiden muͤssen, und noch wie lange haͤtte ausstehen muͤssen. Da waͤre sie denn auf den Gedanken gekommen: nehme ich mir mein Leben selbst; so ist meine Seele ewig verlohren; wenn ich aber das Mensch umbringe, und sodann auch um das Leben komme; so kann ich meine Suͤnden bereuen und Gott wird meine Seele zu Gnaden annehmen.

Auf die Frage: ob sie gegen die Entleibte einen Haß gehegt, oder sie von dieser sey beleidigt worden? sagte sie, die Entleibte habe ihr kein Leid gethan, vielmehr wenn dieser etwas leids geschehen, sey sie allezeit auf sie zugelaufen und haͤtte es ihr geklagt.

Auf die Frage: ob sich die Entleibte nicht gewehrt? antwortete sie, daß sie sich ganz geduldig habe ermorden lassen. Als man sie fragt: ob sie die Nacht nach der abscheulichen That geschlafen? erwiederte sie, sie habe eben gebethet, und da sie daruͤber eingeschlafen, und wieder aufgewacht, haͤtte39 sie das unterbrochene Gebet wo sie vorher geblieben, wie sie jeder Zeit gewohnt gewesen wieder fortgesezt. Sie haͤtte kein Bedauern mit der Entleibten gehabt, und haͤtte eben gedacht; sie koͤnnten beide auf diese Art miteinander der Marter auf einmal entledigt und selig werden. Die Jnquisitinn zeigte sich uͤbrigens allezeit ganz gelassen, außer wenn man ihr die erschrekliche That vorgestellt, wie dieses durchaus nicht der Weg zur Seligkeit waͤre, vielmehr sie den Zorn Gottes auf sich geladen, hat sie geweint.

Der Arzt fand sie stets vollkommen vernuͤnftig, und sezt in seinen Bericht hinzu, daß sie ihre That blos aus Verzweifelung und Lebensuͤberdruß unternommen haͤtte, und dazu bei einem bessern Unterricht in der Religion nicht gebracht seyn wuͤrde. Die Justiz verstand diesen Wink nicht und weil man sonst oft mit der Todesstrafe so aͤusserst bereitwillig war, wurde das ungluͤkliche Maͤdchen nicht lange nach ihrer That hingerichtet.

Aus vorhergehenden und hundert andern dergleichen Beispielen von Lebensuͤberdruß erhellet deutlich, daß sehr viel Menschen vor dem Tode lange nicht den Abscheu haben, der uns allen so gemein seyn soll. Der Gedanke, nicht mehr zu seyn, ist fuͤr sehr viele lange nicht so schreklich, als wirs glauben. Von den Leiden des Lebens niedergedruͤkt, von allen verlassen, mit koͤrperlichen Schmerzen beladen ohne Hofnung daß es jemals besser werden kann, besser werden wird, ist wohl der Entschluß,40 sich selbst umzubringen, lange nicht so schwer, als er uns bei gesundem Leibe, gutem Appetit, und aͤussern gluͤklichen wenigstens ertraͤglich guten Umstaͤnden zu seyn scheint. Aber warum richteten sich jene Menschen nicht lieber gleich selbst hin, warum mordeten sie erst andere, damit sie wieder gemordet wuͤrden ? dies kann man wohl nicht anders, als theils aus einer natuͤrlichen Abneigung erklaͤren, Hand an sich selbst zu legen, wenn noch Mittel vorhanden sind, daß wir dies traurige Geschaͤft andern uͤberlassen koͤnnen; theils aus einer religioͤsen Furcht, daß man durch einen Selbstmord sich gleichsam den Himmel selbst verriegeln wuͤrde, und daß man durch die Ermordung eines andern immer noch Zeit bekaͤme, an seiner Seligkeit zu arbeiten, was aus dem leztern Beispiel sichtbar erhellet. Ausserdem hat der Gedanke: sich selbst zu ermorden, bei aller seiner Entsezlichkeit, fuͤr den Ungluͤklichen, besonders hypochondrisch Ungluͤklichen etwas Einladendes an sich; der Leidende erhebt sich dadurch in seinen Gedanken uͤber alles weg, was ihn einschraͤnken, was seine koͤrperlichen Leiden vermehren kann. Jhm hat kein Mensch etwas mehr zu gebieten, er kann der ganzen Welt trotzen, wenn er nicht mehr von der Todesfurcht gemartert wird. Alle Jntriguen und Bosheiten der Menschen gegen sein Gluͤk kommen ihm wie erbaͤrmliche Spielwerke vor; er darf nur einen Augenblik den Willen haben seinem Leben ein Ende zu machen, und er ist ewig von allen41[ Unannehmlichkeiten] desselben befreit. Freylich muͤssen große Verirrungen der Seele vorhergegangen seyn, ehe jener Entschluß bei ruhiger Vernunft zur Reife kommen kann; allein selbst die Vernunft kann sich in solchen Augenblicken bisweilen das Ansehn geben, als ob sie den Selbstmord billigen duͤrfte, und es hat Leute genug gegeben, die aus Gruͤnden der Vernunft Hand an sich selbst gelegt haben, ob gleich jeder der sich nicht an ihre Stelle setzen kann, glauben wird, daß die Leute etwas gescheidteres haͤtten thun koͤnnen. Es ist aber auch hier gemeiniglich nicht die Frage: was sie haͤtten thun koͤnnen; sondern, was sie nach der einmal vorhandenen Folge ihrer Vorstellungen und Empfindungen durch einen unwillkuͤrlichen Stoß ihrer Gefuͤhle thun mußten.

Wer diesen Punct nicht recht in Erwaͤgung zieht, wird nie mit philosophischer Toleranz uͤber den Selbstmord irgend eines Menschen ein gehoͤriges Urtheil faͤllen, und wird Menschen verdammen, die eher unser ganzes Mitleiden verdienten, und die der Himmel wohl nicht nach unsern Systemen richten wird.

13P.

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2. Krankheit der Einbildungskraft. 14Nachricht von einer Frau, welche meinet, daß sie gestorben sey, und durchaus als eine Gestorbene wollte behandelt werden.

Nachstehende Erzaͤhlung des Bonnet ist von einer sonderbaren Art. Ein sonst verstaͤndiges altes Frauenzimmer faͤngt auf einmal sich einzubilden an, daß sie gestorben sey, und begraben werden muͤsse. Keine Vorstellungen dagegen wollten etwas fruchten, man muß sie, um sie zu beruhigen, durchaus in einen Sarg legen; aber selbst bei dem eingebildeten Tode verlaͤßt sie die weibliche Neigung nicht, sich zu schmuͤcken, etc. doch hier ist die ganze Erzaͤhlung selbst.

Eine ehrbar alte Frau von beinahe siebenzig Jahren saß frisch und gesund in der Kuͤche, und bereitete eben die Speisen zu, als sie eine durch die Kuͤchenthuͤr eindringende Zugluft so heftig in den Nacken traf, daß sie als wie vom Schlage geruͤhrt, und an der einen Seite auf einmal gaͤnzlich gelaͤhmt wurde, so daß sie die Tage hindurch fast ganz einer todten Person[ glich.]Vier Tage nachher bekam sie ihre Sprache wieder, und ernannte diejenigen Frauenzimmer, welche ihr das Sterbekleid anziehen,43 und sie, da sie bereits wuͤrklich todt sey, in den Sarg legen sollten. Man gab sich alle Muͤhe, sie von ihrem laͤcherlichen Wahn zu befreien. Jhre Tochter und Bedienten machten es ihr sehr begreiflich, daß sie nicht gestorben sey; sondern noch lebe; alles war umsonst, die Todte wurde hitzig, und fing auf die Saumseligkeit ihrer Freundinnen gewaltig zu schmaͤlen an, welche ihr nicht gleich den lezten Liebesdienst mit Beschickung ihres Koͤrpers erweisen wollten, und wie die Freundinnen noch laͤnger zauderten, wurde sie im hoͤchsten Grade ungedultig, und wollte von einer Magd mit Drohworten ihre Ankleidung als eine Todte erzwingen. Endlich fand man es fuͤr noͤthig, um sie zu beruhigen, daß man sie wie eine Leiche ankleidete, und wuͤrklich auf ein Paradebette legte. Sie selbst beschaͤftigte sich hier, noch so galant als moͤglich zu erscheinen, sie stekte sich die Nadeln anders, musterte an dem Saume des Sterbekleides, und war mit der Weiße des Leinnens zu ihrer Beerdigung gar nicht zufrieden. Endlich fiel sie in einen Schlaf, wo man sie alsdann wieder auskleidete, und in ihr Bette legte. Kaum war sie aber wieder erwacht, als die vorige Grille, daß sie wuͤrcklich todt sey, und beerdigt werden muͤsse, wieder kam. Dieser Paroxismus dauerte lange fort. Der Arzt gab ihr Pulver aus Edelstein mit Opium vermischt. Da sie endlich glaubte, daß sie sich noch wuͤrklich im Lande der Lebendigen befinde, aͤußerte sie oft, daß sie in44 Norwegen bey ihrer Tochter waͤre, und widersprach allen denen mit groͤßter Lebhaftigkeit, welche das Gegentheil sagten. Bisweilen machte sie Anstalt zur Reise nach Coppenhagen, und war nicht zu uͤberreden, daß sie sich ja schon an diesem Orte aufhielt, bis man endlich auf ein listiges Mittel dachte, und sie in einem Wagen außer dem Thor herumfahren, nachher aber in die Stadt zuruͤckbringen ließ, da sie denn ihr Haus kannte, und damahls eben aus Norwegen zuruͤckgekommen zu seyn glaubte. Sie konnte Haͤnde und Fuͤße bewegen, und nach Gefallen gebrauchen. Das Essen schmeckt ihr wohl, und war in allen Stuͤcken einem gesunden Menschen gleich, außer daß sie nicht schlafen konnte, wenn sie nicht Opium nahm. Nachher bekam sie ihren Paroxismus alle Vierteljahr, und wunderte sich hernach allemahl hoͤchlich, daß sie wieder ins Leben zuruͤckgekehrt sey. Waͤhrend der Zeit daß sie sich todt glaubte, hielt sie mit laͤngst Verstorbenen Unterredungen, richtete Gastmahle fuͤr sie zu, und bewirthete die nuͤchternen Todten mit vieler Sorgfalt.

Jn gegenwaͤrtigem Fall war die Vorstellung des Frauenzimmers, daß sie wuͤrklich gestorben sey, lebhafter als alle andre Jdeen geworden, die sie vom Gegentheil haͤtten uͤberfuͤhren koͤnnen, und dergleichen aͤhnliche Faͤlle sind nichts ungewoͤhnliches. Als die Kranke vom Schlage geruͤhrt wurde, bemaͤchtigte45 sich ihrer wahrscheinlich der Gedanke mit groͤßter Staͤrke: nun stirbst du. Dieser Gedanke blieb waͤhrend der Zeit, da sie noch nicht wieder zu sich selbst gekommen war, der einzige und herrschende in ihrer Seele. Alle andern Vorstellungen wurden gleichsam unwillkuͤrlich[ in den] Hintergrund der Seele geschoben, und diese nahm durch seine Lebhaftigkeit uͤberrascht gar bald einen Habitus an, jenen Gedanken als herrschend zu unterhalten. Die ungewoͤhnlichsten und seltsamsten Jdeen koͤnnen einen solchen Habitus bekommen, wenn die Seele aus ihrer gewoͤhnlichen Denkordnung auf einmal herausgeworfen, und in eine ganz neue Hauptidee hineingezwungen wird. Eine ploͤzliche koͤrperliche Unordnung im Gehirn, oder auch eine heftige Ueberraschung koͤnnen einen solchen Umtausch veranlassen, und wir sind dann nicht mehr im Stande, die Ungereimtheit der leztern einzusehen, weil wir eine richtige Folge unsrer Vorstellungen (selbst beim Wahnsinne) zu bemerken glauben. Dieß ist bei allen seltsamen Einbildungen der Fall. Der welcher sie hat, kann sich nicht uͤberreden, daß es Einbildungen sind, theils weil ihre Lebhaftigkeit nicht mehr eine Vergleichung mit andern natuͤrlichern und vernuͤnftigern Vorstellungen zulaͤßt; theils weil der Eingebildete keine Luͤcke, keinen Sprung in seiner neuen Denkform wahrnimt, und die Entwickelung aller seiner Nebenideen aus einer einzigen Hauptidee ihm sehr natuͤrlich und den Gesetzen des menschlichen Denkens gemaͤß vorkommt. Hieraus46 laͤßt sich nun erklaͤren, wie schwer es gemeiniglich ist, Menschen von lebhaften Einbildungen zu kuriren. Man muß gleichsam ihre ganze Gedanken-Methode umwerfen, wenn man sie heilen will, man muß ihnen eine neue Jdeenfolge unterschieben, und was das schwerste hiebei ist, man muß die Hauptidee zwar nicht immer auf einmahl, sondern durch allerlei Nebenwege, und nach und nach aus ihrem Besiz hinauszustoßen suchen. Ferner laͤßt sich hieraus erklaͤren, warum Leute, die von einer gewissen Einbildung beherrscht werden, gemeiniglich in Absicht dieser Einbildung aͤußerst consequent sind. Sie schließen immer von Folge auf Folge, wenn sie nicht anders ganz verruͤckt sind, und verfahren dabei nicht selten nach einer so strengen Syllogistic, daß man in so fern an ihren Schluͤßen nichts aussetzen wuͤrde, wenn die erste Bedingung aller ihrer Thesen nur nicht aus der Luft gegriffen waͤre.

16P.

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3. Muͤtterliche Grausamkeit aus Melancholie und Verzweifelung.

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Katharine Haͤuslerin, aus einem Dorfe bei[ Donauwoͤrth,] 45 Jahr alt und 12 Jahr Ehefrau eines harten, stoͤrrigen Mannes, hatte, außer einem Fieber und derzuweilen in Unordnung gerathenen monatlichen Reinigung, keine Krankheit gehabt.

Zu Ende des Jahres 1785 hatte sie im Dorfe, wo sie wohnte, einer Kuh heimlich die Milch ausgemolken. Dies wurde erfahren, und ihr flehentliches Bitten, daß dieser kleine Diebstahl ihrem Mann verborgen bleiben moͤchte, wurde zwar gewaͤhrt; aber man hielt das Versprechen nicht, und in der Folge bekam ihr Ehemann von diesem Verbrechen der Frau erst dunkle, dann klaͤrere Nachricht.

Ein von den Gerichten des Klosters zum heil. Kreutz in[ Donauwoͤrth] abgehoͤrter Zeuge bezeugte, daß diese Frau immer brav, gottesfuͤrchtig und haͤußlich gewesen waͤre, aber immer vielen Sturm mit ihrem Mann gehabt habe. Von keiner Zerruͤttung des Gemuͤths wuste dieser etwas: ein andrer sagte: man habe zuweilen an ihr bemerket, daß sie etwas hochmuͤthig sey, und zuweilen vor den Leuten vorbeigehe, ohne sie zu gruͤßen.

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Sowol diese Zeugenaussagen, als das nachherige Verhoͤr der Ungluͤcklichen nach Jnquisitionalartikeln beweisen, daß sie nach jener kleinen Uebelthat, aus Furcht wegen des Nachtheils ihres guten Namens, und wegen uͤbler Behandlung ihres Mannes, falls die Geschichte, die kaum verborgen bleiben wuͤrde, diesem zu Ohren kaͤme, nachdenkend, aͤngstlich und tiefsinnig wurde. Aus den Akten erhellet, daß sie gebeichtet, und zwar auf diese Suͤnde, welches bei Katholiken viel ist, ohne nachherige Beruhigung gebeichtet habe. Sie hat oft gebetet, ohne zu wissen, was sie bete, und trauete sich nicht, es ihrem Manne zu sagen. Ein heftiger Kopfschmerz plagte sie manchmal vierzehn Tage lang, waͤhrend dessen wuste sie oft nicht, was sie that, sie gab aber vor, immer dabei ihrer bewust gewesen zu seyn.

Am 1ten December 1786 erfuhr die Frau mit Gewißheit, daß ihr harter Mann ihren Milchdiebstahl wisse. Oft vorher hatte er ihr gedroht, den Hals umzudrehen, falls sich die Sage davon bestaͤtigen sollte: nun sezte er sie daruͤber und zwar mit Heftigkeit zur Rede, und behandelte sie mit Schlaͤgen, deren sie sich doch beim Verhoͤr nicht mehr zu erinnern wußte. Auf Befragen: ob und wie oft sie gepruͤgelt sey? antwortete sie: das wisse sie nicht, ihr49 Mann muͤste es wissen, sie habe kein Gedaͤchtniß im Kopfe.

Sie zitterte bei dieser Behandlung vor Furcht, und ging zu Bette, natuͤrlich eine noch schlimmere Behandlung am folgenden Tage befuͤrchtend. Jhre kleine Tochter von 7 Jahren kam zu ihr, sie betete mit dieser, und war entschlossen, ihren Mann, der ihr schon so oft den Tod gedrohet hatte, zu verlassen. Sie fragte ihre Tochter, ob sie beim Vater bleiben wolle? diese wollte nicht, weil sie die schlimme Behandlung des Vaters fuͤrchtete.

Nun verließ sie nach fleissigem Gebet mit dieser Tochter und ihrem andern 10 Wochen alten Kinde fruͤh Morgens das Haus. Noch beim Fortgehen fragte sie ihre Tochter: ob sie beim Vater bleiben wolle? Lieber sterben, als beim Vater bleiben! war die Antwort des Kindes.

Diese Antwort des Kindes, und die uͤberall beengte und verzweifelte Lage der Mutter, der bei Tiefsinnigen so leichte Gedanke, durch einen erst veruͤbten Mord desto leichter in den Himmel zu kommen, und die schlechte Behandlung der Kinder, die sie voraus sahe, falls sie mutterlos beim Vater erzogen wurden, dies alles bewog sie zu dem grausamen Entschluß,50 ihre beiden Kinder zu ersaͤufen. Sie nahm das kleine auf den Arm, fuͤhrte die Tochter an der Hand zum Hause hinaus, ließ, da sie an die Donau kam, das Maͤdchen niederknien und beten, bat das Maͤdchen, Gott zu bitten, daß sie einen rechten Tod sterben, und nicht auf gleiche Art umkommen moͤchte, machte mit derselben zweimal Reue und Leid, band das kleine Kind der Tochter in die Arme, das Maͤdchen kuͤßte das kleine Kind mit den Worten: » Liebes Bruͤder'l, nun muͤssen wir sterben. « Die Mutter machte beiden das Kreutz, sagte zu der Tochter: laß fein dein Bruͤderlein nicht von dir, und warf beide in die Donau.

Sie sah ihnen nach, und machte beiden das Kreutz. Verzweifelnd sah 'sie, daß beide Kinder voneinander waren, um nicht selbst ins Wasser zu springen, sah sie sich nicht weiter um.

Nun zog sie ihre Schuhe aus, ging schnell fort, und betete gehend, aber uͤber ihre Unthat beruhigt, weil sie glaubte, ein Gott gefaͤlliges Werk gethan zu haben, weil ihr Mann ihr immer mit dem Umbringen gedrohet, und sie ein uͤbles Schiksal ihrer Kinder befuͤrchtet habe. Sie ging gerad in die Fronfeste. Sie erzaͤhlte da ihre That, und bat, verwahret zu werden. Alle ihre Aussagen liefen dahinaus, daß sie ihre51 Kinder ersaͤuft habe, um sie gegen die Behandlungen ihres grausamen Vaters zu sichern, und daß sie nichts suche, als hinzukommen, wohin sie gehoͤre, in die Ewigkeit. Sie habe beim Ersaufen ihrer Kinder nichts weiter gedacht, als: Himmlischer Vater, ich schenke dir in deine Haͤnde meine zwei Kinder, und gieb mir die Gnade, daß ich meine Suͤnden moͤge beichten, und mein Leben fuͤr sie geben, wenn ich sie ums Leben gebracht! Nur da fuͤhlte sie Entsetzen und Mitleid, da sie ihre Kinder von einander getrennt im Wasser schwimmen sah.

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Zur Seelennaturkunde.

Materialien zu einem analytischen Versuche uͤber die Leidenschaften. 19Siehe das 3te Stuͤck des 5ten Bandes dieses Magazins. Fortsetzung. Eifersucht.

Dieser Affect, welcher so oft die sonderbarsten und seltsamsten Erscheinungen im Gebiete menschlicher Empfindungen veranlaßt, die kluͤgsten Menschen verblendet, die guͤtigsten Herzen barbarisch und grausam macht, und wenn er heftig ist und lange dauert, der Seele und dem moralischen Charakter nicht selten eine ganz neue, unerwartete Richtung giebt, ist ein Gemisch von Neid und beleidigter Selbstliebe. Wir goͤnnen dem andern die Gunstbezeigungen nicht, welche der geliebte Gegenstand jenem erzeigt, oder zu erzeigen scheint, und fuͤhlen uns gleichsam beleidigt, daß wir jene Gunstbezeugungen mit andern theilen, oder daß wir wegen eines andern, der mehr gefaͤllt, als wir, sie gar verliehren sollen.

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Wir sind gewohnt das, was wir lieben, selbst wenn wir es nicht besitzen, und nicht besitzen koͤnnen, fuͤr eine Art unsers Eigenthums zu halten. Eine Erscheinung, die daher ruͤhrt, daß das bestaͤndige Andenken an den geliebten Gegenstand, die Sorge und Bemuͤhung fuͤr seine gluͤckliche Fortdauer, die Theilnahme an seinen Veraͤnderungen, und vielleicht nur ein geistiger Umgang mit demselben uns ein Recht auf denselben zu geben scheint, und ihn gleichsam in alle unsre Gefuͤhle und Gedanken hinein webt; oder auch mit daher, daß sich der geliebte Gegenstand auf irgend eine Art uns selbst als Eigenthum dargeboten hat, und wir uͤber seine Empfindungen und Handlungen herrschen koͤnnen. Jemehr und zaͤrtlicher wir lieben, jemehr betrachten wir den geliebten Gegenstand als etwas, das uns zugehoͤrt, und jemehr fuͤrchten wir denn auch, ihn zu verliehren, selbst dann noch, wenn kein reeller Grund dieser Furcht vorhanden ist, und vorhanden seyn kann. Betrachten wir jenen Gegenstand nicht mehr als unser Eigenthum, wird unsre Eigenliebe nicht mehr in sein Jnteresse hineingezogen; so beneiden wir auch den nicht, welcher ihn besizt; ja wir beklagen ihn wohl gar, wenn wir einsehen, daß der Besitz desselben ihn nicht gluͤklich machen koͤnne, und freuen uns nicht selten, wenn wir alle vorige Verbindungen mit dem nun nicht mehr geliebten Gegenstande aufheben duͤrfen.

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Jch will hier keine ausfuͤhrliche Abhandlung uͤber die Eifersucht, sondern nur wieder Materialien zur naͤhern Kenntniß dieser Leidenschaft liefern, um meinen Lesern neuen Stoff zum weitern Nachdenken zu geben. Uebrigens ist, wie ich glaube, auch in diesen Materialien nichts enthalten, was sich nicht aus der Erfahrung, dieser Grundquelle aller psychologischen Beobachtungen, und aus der Natur des menschlichen Willens darthun laͤßt.

a) Der psychologische Grund der Eifersucht ist vornehmlich die Liebe; von dieser empfaͤngt sie ihre verschiedenen Modificationen, so wie auch vom Temperament, Zeitumstaͤnden, Alter und der Verschiedenheit der Einbildungskraft, welche bei dem Eifersuͤchtigen so erstaunlich reizbar ist. Doch kann man nicht allgemein sagen, daß wir den Gegenstand auch wuͤrcklich allemahl lieben muͤßten, auf welchen wir eifersuͤchtig sind. Da bei der Eifersucht unsre Eigenliebe gemeiniglich und nicht selten ganz allein interressirt ist; so koͤnnen wir gegen Personen eifersuͤchtig seyn, die uns laͤngst nicht mehr zur Liebe gereizt haben, deren Zuneigung aber gegen uns doch immer noch etwas Schmeichelhaftes fuͤr uns bleibt. Es kommt uns so vor, als ob wir immer noch ein Recht auf denjenigen behielten, welcher einstmahls unsre Zuneigung erregt, und unser Herz besessen hat, wir erinneren uns noch mit Vergnuͤgen der angenehmen Augenblicke, die wir55 durch den Umgang mit ihm genossen, der[ Schwierigkeiten] die wir einst dabei uͤberwanden, und der vergangenen Liebe uͤberhaupt, die uns oft lange nach ihrem Ende mit einer innern Wonne erfuͤllt, wenn wir gleich sie hinterher zu bereuen Ursach hatten. Ueberdem geschieht es sehr oft, daß uns der vorhergeliebte Gegenstand, wenn wir gleich keine Empfindungen mehr fuͤr denselben zu haben scheinen, wenn er uns ganz gleichguͤltig geworden ist, bisweilen noch von seinen liebenswuͤrdigen Seiten, und nur von diesen erscheint. Die vorige Liebe kehrt durch eine Taͤuschung unsrer Gefuͤhle und mit ihr die Eifersucht wieder zuruͤck.

Leute die sich einander geliebt haben, und endlich durch allerlei Umstaͤnde gegen einander gleichguͤltig geworden sind, empfinden sonderlich bei einem lebhaften Temperament jene Widerkehr der Leidenschaft nicht selten mit einem innern Gefuͤhl von Wehmuth, und bereuen es dem geliebten Gegenstande auf irgend eine Art Gelegenheit zur Erkaltung der Liebe gegeben zu haben, und dieß geht oft so weit, daß man lieber ein Unrecht von der geliebten Person ertragen zu haben wuͤnscht, als daß man dagegen empfindlich geschienen hat.

b) Es giebt Faͤlle, wo wir selbst gegen diejenigen Personen einen Grad der Eifersucht empfinden, die wir hassen. Wir sind in unsrer Eigenliebe oft56 so ungnuͤgsam, daß wir doch von andern eine Art Zuneigung erwarten, gegen welche wir aufgebracht sind, und daß eben diese Menschen unsre Eifersucht rege machen wenn sie nicht uns, sondern andern jene Zuneigung zu erkennen geben. Noch leichter laͤßt sich jener eifersuͤchtige Haß erklaͤren, wenn eine wuͤrkliche Liebe vorhergegangen ist, die in der Seele versteckte Spuren ihrer vorigen Gewalt zuruͤck gelassen hat. Durch persoͤnliche und andere Beleidigungen, durch getaͤuschte Hofnungen und Bilder, die wir uns von den vortreflichen Eigenschaften eines Frauenzimmers gemacht haben, durch eine vielleicht sehr zufaͤllige Umstimmung unsrer Denkungsart und Gefuͤhle, vielleicht auch durch ein Uebermaas unsrer Lieblingsleidenschaft selbst, sind wir gegen den geliebten Gegenstand auf einmahl gleichguͤltig geworden, aus dieser Gleichguͤltigkeit ist bald Kaͤlte, und endlich durch eine wichtig hinzu gekommene Ursach ein wuͤrklicher Haß entstanden, der vielleicht um so staͤrker geworden ist, je heftiger die vorhergehende Liebe gewesen war. Alle heftige Leidenschaften dauren nicht lange, und die Zeit stumpft ihre Wuͤrkungen ab. Der Haß nimt nach und nach wieder ab, die ersten Eindruͤcke der Hitze verlieren sich, die taͤuschende Geschlechtsliebe mischt sich wieder ein, und so schwankt die Seele zwischen einem Gefuͤhl von Zaͤrtlichkeit,[ das] sie sich gern verbergen moͤchte, und eine stille Eifersucht erzeugt, und zwischen dem entstan -57 denen Haß, bis entweder dieser oder jene die Oberhand behaͤlt. Jst der Haß von der Art, daß er sich durch ein Opfer von Demuͤthigung und Nachgeben besaͤnftigen laͤßt, oder bloß daher entstand, weil der geliebte Gegenstand die uns gebuͤhrende Hochachtung aus den Augen sezte; so wird die heimlich versteckte Liebe stets mit einer stillen Eifersucht auf jenen Gegenstand zuruͤckblicken. Oft kann es aber auch geschehen, daß wir eine Person darum zu hassen anfangen, weil wir sie nicht ohne eine gerechte Eifersucht lieben koͤnnen, und weil sie uns zu viel Gelegenheit zu dieser aͤußerst laͤstigen Leidenschaft giebt.

c) So wahr die vorhergehende Bemerkung und Erfahrung ist, so gewoͤhnlich ist auch auf der andern Seite die Erscheinung, daß eine entstandene Jalousie die gleichguͤltigen Herzen wieder erwaͤrmt, und die abnehmende Zaͤrtlichkeit staͤrckt. Eine Erfahrung, der sich die weibliche Coquetterie oft so meisterlich gegen unser Geschlecht zu bedienen pflegt. Auf das, was wir mit Sicherheit besitzen, oder zu besitzen glauben, wenden wir nicht die Sorgfalt und Aufmerksamkeit an, die wir bei Gegenstaͤnden anwenden, die wir zu verliehren glauben. Die gleichguͤltigsten Dinge werden uns wieder wichtig, wenn man uns ihren Besitz streitig machen will, zu mahl wenn unsere Ehre darunter leidet, sie wuͤrklich verlohren zu haben. Vielleicht ist uns auch weniger daran gelegen eine Person58 wuͤrcklich zu besitzen, als der Welt zu zeigen, daß wir uns in ihrem Besitze zu erhalten wissen, und in diesem Falle ist die Jalousie mit ein Werk der Eitelkeit.

Zu dem Betragen eines eifersuͤchtigen Ehemannes gegen seine Gattinn wird eine große Klugheit erfodert, wenn er[ durch] seine Eifersucht mehr gewinnen, als verliehren will, und hier koͤnnen hundert Faͤlle eintreten, wo die weibliche Zaͤrtlichkeit durch die Jalousie des Gatten mehr ab als zu nimt. Wenn gleich allgemein genommen es der weiblichen Eitelkeit immer schmeichelt, wenn ein andrer eifersuͤchtig ist; so bleibts doch immer auch etwas gefaͤhrliches, der weiblichen Zaͤrtlichkeit gegen andre zu enge Graͤnzen zu setzen, was bei der Eifersucht offenbahr geschieht. Das aͤngstliche Auflauren des Ehemannes auf alle Blicke, Mienen,[ Worte] und Handlungen seiner Gattinn, die oft sehr sonderbare Proben von Mißtrauen, die er ihr giebt, die sichtbare Verachtung desselben gegen die, welche er in Verdacht hat, die Plumpheit und Undelicatesse, mit welcher er seine Gattinn einzuschraͤnken und von dem Umgange mit ihren Verehrern zuruͤckzuziehen sucht, werden das Weib nur desto mehr reizen und vielleicht wohl gar auf die Gedanken von Hintergehungen bringen, auf die sie ohne die ungeschikte Eifersucht ihres Mannes vielleicht nie gefallen seyn wuͤrde. Unzaͤhlig oft ist59 es besser, die kleinen Coquetterien seiner Gattinn gegen andere nicht zu bemerken, und lieber im Stillen zu leiden, als jene durch aͤußere Ausbruͤche der Jalousie aufzubringen denn ein Eifersuͤchtiger Ehemann bleibt fuͤr ein vernuͤnftiges Weib ein laͤstiges und sehr laͤcherliches Ding, und wehe dem Manne! der seinem Weibe augenblicklich in einer laͤcherlichen Gestalt erscheint, selbst wenn er aus Liebe diese laͤcherliche Gestalt angenommen hat.

d) Man wird fast allgemein bemerken, daß diejenigen Mannspersonen oder Frauenzimmer am leichtesten zur Eifersucht geneigt sind, welche sonst andern viel Gelegenheit zur Jalousie gegeben haben. Die Sache ist sehr natuͤrlich, sie haben Proben gemacht, und erfahren, wie leicht das menschliche Herz durch die Liebe hintergangen werden kann, und wie leicht sich oft die vesteste Tugend in die Arme eines Liebhabers oder eines verfuͤhrerischen Weibes wirft. Sie fuͤrchten, daß ihnen eine Art von Wiedervergeltungsrecht geschehen moͤchte, und weil ihrer Seele stets eine Menge von verliebten Abentheuern und Romanen vorschwebt; so glauben sie alle Augenblick, daß ihnen von dem geliebten Gegenstande aͤhnliche Streiche gespielt werden koͤnnten.

e) Die verschiedenen Grade der Eifersucht haͤngen von sehr vielen Ursachen ab, die theils in60 der physischen, theils moralischen Natur und in den aͤußern Verhaͤltnissen unsrer Lage ihren Grund haben. Das Clima hat einen sichtbaren Einfluß auf diese Leidenschaft. Jn den kaͤltern Zonen der Erde, wo das Blut der Bewohner sehr frostig ist, und die Kaͤlte die Lebhaftigkeit zaͤrtlicher Empfindungen hindert, biethen die Maͤnner ihre Frauen den ankommenden[ Fremden] freiwillig an, und nehmen es sehr uͤbel, wenn man sie verschmaͤhet; im Orient hingegen wo die Hitze des Bluts viel groͤßer ist, und die Liebe beider Geschlechter so leicht uͤber alle Graͤnzen ausschweift, ist auch die Eifersucht der Mannes - und Frauenspersonen viel heftiger. Dort verbietet sie den Weibern, mit offenen Gesichte zu erscheinen, und schließt sie in einsame Harems ein. Doch kann es auch noch einen andern Grund von den verschiedenen Graden der Eifersucht zwischen den nordlichen und suͤdlichen Erdbewohnern geben, als das Clima. Die Frauen der Samojeden, Zemblaner, Boromdier, Lappen, Groͤnlaͤnder und Esquimaux sind sehr haͤßlich, und floͤßen leichter einen Ekel als eine Zuneigung gegen sie ein, die Maͤnner derselben haben also keine Ursach, eifersuͤchtig auf sie zu werden, sondern koͤnnen es als eine Ehre ansehn, wenn ihre schmutzigen und haͤßlichen Geschenke nicht zuruͤck gewiesen werden. Hingegen zeichnen sich die Weiber der Tuͤrken, Perser und Chineser, wo die Jalousie oft bis zu den laͤcherlichsten Narrheiten steigt, durch eine blendende61 Schoͤnheit aus, und bei solchen Weibern, die ohnehin so sehr zum sinnlichen Genusse vermoͤge der Hitze ihres Bluts geneigt sind, haben sie denn freilich alles zu befuͤrchten, was auch in Jtalien und Spanien der Fall ist, wo die Banditen groͤßtentheils von eifersuͤchtigen Ehemaͤnnern ihren Unterhalt bekommen.

f) Es ist eine sonderbare Erscheinung, daß die waͤrmste und herzlichste Freundschaft, durch nichts leichter getrennet werden kann, als wenn ein Freund auf den andern eifersuͤchtig zu werden anfaͤngt. Jch habe hierin die geschicktesten Koͤpfe fehlen gesehen; ein Beweis, daß die erhabensten und edelsten Zuneigungen gegen andre weichen muͤssen, wenn die Liebe die Herrschaft in der Seele fuͤhrt. Der Freund, den wir vorher herzlich liebten, dessen Talente wir schaͤzten, dessen Umgang uns lieber, als alles in der Welt war, fuͤr den wir das Leben gelassen haͤtten, und an dem wir vielleicht gar nichts schlechtes und unvollkommnes sahen, erscheint uns durch das Verkleinerungsglas der Eifersucht betrachtet, auf einmal in einem ganz andern Lichte, er wird erst ein Gegenstand der Gleichguͤltigkeit fuͤr uns, seine Schiksale ruͤhren uns weniger als vorher, wir nehmen nur noch schwachen Antheil an seinem Gluͤck, bis wir ihn endlich wohl gar zu hassen und zu verachten anfangen. Wir wollen es der Welt nicht gern wissen lassen, daß uns eine naͤrrische Ei -62 fersucht gegen ihn kalt gemacht hat, wir suchen Entschuldigungen auf und finden sie in irgend einem Fehler desselben, so klein er auch immer seyn mag, und so leicht wir sonst daruͤber wegsehen. Es kostet uns nun nicht mehr Ueberwindung, von diesem Fehler mit andern zu reden, und ihn durch eine zweideutige Darstellung noch schwaͤrzer zu machen. Es gereuet uns, daß wir mit einem Manne sonst einen so vertrauten Umgang gehalten haben, der uns so schlecht zu belohnen scheint, wir koͤnnen mit einer heimlichen Freude daran denken und wuͤnschen, daß er gar nicht vorhanden seyn moͤge, und wir werden es mit Vergnuͤgen hoͤren, wenn uns der Arzt seine Krankheit als gefaͤhrlich schildert. Sehr ungerecht und unverstaͤndig handelt der Eifersuͤchtige gemeiniglich darin, daß er den Gegenstand seiner Jalousie in Gegenwart seiner Gattinn oder[ Geliebten] so schwarz abzumahlen sucht, als es nur moͤglich ist. Man will dadurch den Eindruk ausloͤschen, welchen er auf das weibliche Herz gemacht hat, oder ihn verhindern, wenn[ es] noch nicht davon eingenommen ist, obgleich dies die Aufmerksamkeit des Frauenzimmers auf jenen Gegenstand oft mehr reizt als unterdruͤckt. Wir sehen es gern, wenn andre von unserm vorigen Freunde lieblos sprechen, und gewinnen die gewisser maßen lieb, die es thun. Jede Heruntersetzung desselben scheint fuͤr uns ein Gewinn zu seyn, so wie wir durch jedes Lob desselben, sonderlich wenn es unsre Geliebte hoͤrt, etwas zu verliehren glauben.

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g) Noch heftiger und wuͤthender wird der Haß des Gemuͤths, wenn eine Freundin auf die andre eifersuͤchtig zu seyn Ursach zu haben glaubt. Alle Freundschaft und Vertraulichkeit wird denn gemeiniglich auf einmal abgebrochen, alles Gute wird an der Freundinn verkannt, alle Fehler in das helleste Licht gestellet. Nie ist die Medisance wortreicher, lauter, beißender, giftiger als bei einem eifersuͤchtigen Frauenzimmer, zumal wenn ihr die Reitze fehlen, wodurch der entwischte Liebhaber noch aufgehalten werden koͤnnte, und durch nichts laͤuft der Verstand der kluͤgsten Weiber leichter davon, als durch jenen wilden Affect. Ueberhaupt moͤchte ich behaupten, daß das andre Geschlecht viel eifersuͤchtiger, als das unsrige ist, weil alle seine Leidenschaften eine groͤßere Lebhaftigkeit haben, und weil es eitler, als das unsrige ist, folglich durchaus nicht gern etwas verliehren mag, was sein feines Ehrgefuͤhl unterhaͤlt. Die Geschichte der Menschheit zeigt uns unzaͤhlige Beispiele von den heftigen Ausbruͤchen der weiblichen Eifersucht, vielleicht hat keine Leidenschaft des menschlichen Gemuͤths so fuͤrchterliche Raͤnke, solch eine schrekliche Rachsucht, und so viel unerhoͤrte Bosheiten ersonnen, als die weibliche Jalousie. Wie oft hat sie Unschuldige ermordet, bluͤhende Familien ins groͤßte Elend hinabgestuͤrzt, ewigen Hader zwischen sich liebenden Gatten und Freunden gestiftet! Jhr hoͤchster Grad war wohl der, wenn sie selbst die, die64 sie liebte, mit langsamer Ueberlegung hinzurichten suchte.

» Wenn sich die Eifersucht, sagt Montaigne, von den Frauenzimmern, dieser armen, schwachen und ohnmaͤchtigen Seelen bemaͤchtigt, so ist es erbaͤrmlich, wie grausam und tyrannisch sie dieselben hin und her reißt. Sie schleicht bei ihnen unter[ dem] Namen der Freundschaft ein, allein, wenn sie[ dieselben] einmal in ihrer Gewalt hat, so wird eben das, was sie sonst liebreich machte, die Ursache des grausamsten Hasses. Unter allen Krankheiten der Seele findet keine mehrere Nahrung und weniger Huͤlfsmittel, als diese. Die Gesundheit, die Verdienste und der Ruhm eines Mannes selbst geben zu ihrer Feindseligkeit und Raserei Anlaß. Dieses Fieber verunstaltet und verdirbt alles Schoͤne und Gute, was sie sonst an sich haben. Eine eifersuͤchtige Frau mag noch so schoͤn und zuruͤkhaltend seyn, so scheinen doch alle ihre Handlungen feindselig und ungestuͤm. Eine rasende Unruhe bringt sie auf lauter Ausschweifungen, wodurch sie freilich ihre Sache immer noch aͤrger macht. «

Jch fuͤhre zur Bestaͤtigung der vorhergehenden Bemerkungen noch eine Stelle aus einem Buche an, welches voll von vortreflichen psychologischen Bemerkungen[ zu Entwicklungen] unserer Leidenschaften ist, und vom gelehrten Publicum nicht so viel gelesen worden ist, als es verdient, nemlich aus Ewalds65 Schrift uͤber das menschliche Herz. Theil 3. Seite 128.

» Wer die Macht der Eifersucht aus eigener Erfahrung kennt, wird gestehen, daß sie die schrecklichste unter allen Leidenschaften und diejenige Empfindung sey, welche nach der Marter der Todesangst den ersten Platz behauptet. Jch betrachte sie hier nach ihrem hoͤchsten Grade, und nach ihrem weitesten Umfange. Hier hat sie die heftigste Liebe, das heftigste Verlangen nach dem Besitz einer geliebten Person zum Grunde, von welcher wir glauben, daß sie uns nicht wieder[ liebe], unsre Neigung zu ihr verschmaͤhe, und dabei eine andre Person liebe, nach deren Besitz und Genuß sie sich sehne. Dieser Gedanke stuͤrzt uns in den tiefsten Gram, und erfuͤllt uns mit der heftigsten Unruhe und Angst. Die Heftigkeit dieser Leidenschaft entstehet dadurch, daß sich mehrere Leidenschaften in ihr vereinigen und gemeinschaftlich das menschliche Herz bestuͤrmen. Hier ist das heiseste Verlangen nach dem Besitz des geliebten Gegenstandes, die heftigste Furcht, ihn zu verlieren, und in den Armen eines andern zu sehen, die Empfindung verschmaͤhter Liebe; des beleidigten Ehrgeitzes, fehlgeschlagener Bemuͤhungen und Erwartungen, Rache gegen den, dem der geliebte Gegenstand den Vorzug vor uns giebt, oder der sich um die Gunst desselben zu bewerben scheint. Jn der Einsamkeit,66 oder unter Umstaͤnden, wo wir unsrer Leidenschaft keinen freien Ausgang verstatten koͤnnen und duͤrfen, wuͤrken alle jene Empfindungen und Leidenschaften, die die Eifersucht erzeugen, mit vereinigten Kraͤften in uns; unser Herz ist beklemmt und zusammengepreßt, wir veraͤndern unsere Gesichtsfarbe, sind aͤußerst niedergeschlagen und traurig, seufzen, und bemuͤhen uns oft vergeblich in unsern Augen die Thraͤnen zuruͤck zu halten; wir zittern, und sind in groͤßter Verlegenheit und Zerstreuung; unsre Seele vergißt auf dasjenige was um uns vorgeht aufmerksam zu seyn, denn sie haͤngt nur mit ihren Gedanken an dem Gegenstande ihrer Leiden, und ist nur mit ihrem innern martervollen Zustande beschaͤftiget. Diese ihre Gedanken fahren in wilde Aufruhr untereinander, indem bald diese bald jene besondere Leidenschaft und Empfindung in dem Herzen die Oberhand gewinnt, und der Seele Gedanken zustroͤmt. Die Augen sehen wild und starr, die Augenbraunen nebst der Stirne sind in die Hoͤhe gezogen, die Lippen zusammengepreßt, die Naseloͤcher geoͤfnet, die Backen eingefallen und zusammengerunzelt; bald wird das Gesicht bleich, bald durch den Anblick des geliebten Gegenstandes, der das[ Verlangen,] die Empfindung des beleidigten Ehrgeitzes und verschmaͤheter Liebe rege macht, oder durch den Blick auf den vermeinten Nebenbuhler, der in dem Herzen die Rache und den Zorn entflammet, geroͤthet, und der ganze Koͤrper des Eifer -67 suͤchtigen in heftige Bewegung und Unruhe gesezt; kaum daß der Arme eines Augenblicks Ruhe zu genießen scheint, und seinem bangen Herzen durch Seufzer Luft verschaft, durchfahren Schwerdter sein Herz und Eingeweide, und zerreissen sein Jnnerstes. Jn Augenblicken, worinn sich der Eifersuͤchtige freier uͤberlassen ist, wo sein gequaͤltes Herz sich unaufgehalten oͤfnen kann, zeigt sich bald diese bald jene einzelne Leidenschaft und Empfindung in ihrer eigenthuͤmlichen Gestalt und Wuͤrkung, je nach der Beschaffenheit seiner Lage und Umstaͤnde, und nach dem Betragen des Gegenstandes seiner verschmaͤhten Liebe, oder dessen, der der vermeinte Stoͤrer seiner Ruhe ist, und den er fuͤr den Widersacher haͤlt, der ihm den Besitz des geliebten Gegenstandes streitig macht. Dort blutet sein Herz bald vor inniger Wehmuth, und macht sein Aug in Thraͤnen schwimmen, bricht in jammervolle Klagen und Seufzer aus, er ringt und windet die Haͤnde, er spart keine Worte, seine Sprache stroͤmt aus der Fuͤlle seines Gefuͤhls, um seinem geliebten Gegenstande den ganzen unermeßlichen Umfang seiner Liebe vorzubilden, und ihn zur Gegenliebe zu bewegen; bald bricht er beim Widerstand in Vorwuͤrfe aus, er fuͤhlt sich in seiner ganzen veraͤchtlichen Kleinheit, sein gereizter Ehrgeitz wirft ihm die Lippen empor, macht seine Blicke und sein ganzes Gesicht wilder, sein Koͤrper beugt sich beim widerkehrenden Gefuͤhl seines eigenen Werths,[ von]68 dem verschmaͤhenden Gegenstande ab, und mit halb verwendetem Gesicht blickt er seitwaͤrts mit einem verachtenden Blicke nach ihm. Gegen seinen vermeinten Nebenbuhler ist er zornig, und droht ihm seine ganze volle Rache, und wenn er sie ausuͤbt, ist er grausam und ohne Schonung. Jst der Eifersuͤchtige ein Mann von Lebensart und Sitten, versteht er sich auf die Unterdruͤckung der Leidenschaften; so wird er sich seines Nebenbuhlers auf feinere Weise versichern, und seinem heimlichen Verstaͤndnisse mit besserer und kuͤnstlicher Art Hindernisse in den Weg zu stellen suchen. Es ist ohnmoͤglich, das Bild des Eifersuͤchtigen unter eine einzige Ansicht und in einen solchen Gesichtspunckt zu stellen, wo man ihn mit einemmahl uͤbersehen kann; denn in ihm loͤßt immer eine Leidenschaft und Empfindung die andere ab, und sein innerer Zustand wechselt mit seiner aͤußern Gestalt fast alle Augenblicke; alle diese Leidenschaften und Empfindungen modificiren sich uͤber dieses noch nach den besondern Lagen, Verhaͤltnissen, Alter, Temperament, Sitten und persoͤnlichen Character, so daß diese Leidenschaft fast in allen Subjekten eine andre Richtung gewinnt. Man kann sagen, daß sie aus fast allen uͤbrigen zusammen gesezt sey, oder doch wenigstens dieselben erzeuge und zu Huͤlfe nehme, wovon ich außer den bereits erwaͤhnten nur noch im Vorbeigehn, Verlaͤumdung, Haß, Mißgunst, Neid, Mistrauen und Verdacht nennen will. Ein gerin -69 gerer Grad der Eifersucht muß derjenige seyn, wenn wir eine Person, die wir nicht mehr lieben, oder nie innig geliebt haben, mit einer andern im vertraulichen Umgange sehen; wenn wir aus andern Absichten, als aus Liebe eine Vereinigung mit ihr wuͤnschen, und den Besitz derselben einem andern misgoͤnnen. Hier artet die Misgunst, im Fall wir diese Person schon besitzen, bloß in die Empfindung des beleidigten Ehrgeizes, in Zorn, Rache, und alle diejenigen Leidenschaften aus, die aus jener Quelle des Ehrgeizes ihren Ursprung nehmen. Jst die Person noch nicht in dem Besitz, den wir nicht aus Neigung zu ihr,[ sondern] aus andern eigennuͤtzigen Absichten wuͤnschen; so tritt Neid, Mißgunst, Habsucht an die Stelle der Eifersucht. Hierher gehoͤret auch die Eifersucht, die zwischen vertrauten Freunden statt findet, und Verdruß und Mißtrauen in uns erzeugt, wenn wir sehen, daß unser Freund mit andern in einem vertraulichen Gespraͤche ist, ihn stets begleitet, und die Ursach seines Umgangs mit ihm verborgen haͤlt. Doch ist bei dieser Gattung der Eifersucht, die unangenehme Empfindung bei weitem so heftig nicht, als bei derjenigen, die sich auf wuͤrkliche Liebe und herzliche Zuneigung gruͤndet, da die Freundschaft mehr geistiger Natur ist, die Liebe hingegen auch den Reiz der Sinne zur Verstaͤrkung der Begierde mit ins Spiel kommen laͤßt. Leztere ist von der erstaunlichsten Wirkung. Jst der Mensch einmal argwoͤhnisch ge -70 gen die Treue einer geliebten Person; so hat er auf alle Menschen, die sich derselben naͤhern, ein wachsames Auge, in jedem sieht er seinen Verraͤther, einen Vermittler oder Nebenbuhler; die Eifersucht hat manche Menschen ihrer Vernunft und Sinne beraubt, und gemacht, daß sie in ihrer Rache und Wuth gegen die geliebte Person sowohl, als gegen den vermeintlichen Verfuͤhrer keine Grenzen kannten, und alle Menschlichkeit verlohren. So ließ z. B. Raimund von Castel Roussillon den Wilhelm von Cabestain, den er im Verdacht eines verbotenen Umgangs mit seiner Gemahlinn hatte, erstechen, zwang darauf seine Gemahlinn, sein Herz zu essen; und Beispiele wohl behandelter Eifersucht dieser Art findet man in Gabriele de Vergy, und noch besser in Shakespear's Othello. Es giebt eine Art von Eifersucht, die immer kommt und wieder geht; hier ist der Eifersuͤchtige zwar uͤberzeugt, daß er wieder geliebt wird, aber sein zur Gewohnheit gewordener Argwohn erregt oͤfters ein Mißtrauen gegen die Treue der geliebten Person, besonders wenn von Seiten der lezteren ein freundliches, munteres, gespraͤchiges Wesen, das sie gegen andere blicken laͤßt, hinzu kommt. Diese Eifersucht erreicht den Grad derjenigen, die sich auf eine verschmaͤhte Liebe gruͤndet, lange nicht, sondern hat alle Kennzeichen des Argwohns und Mißtrauens an sich. Zu dieser Classe gehoͤret Falkland in den Nebenbuhlern des Sheridan. «

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Cartesius, welcher in seiner Abhandlung uͤber die Leidenschaften so manche Erscheinung unsrer Empfindungen auf eine scharfsinnige Art zergliedert hat, scheint mir in dem Kapitel uͤber die Eifersucht einen Fehler begangen zu haben. *)*) Article CLXIX. On meprise un home qui est jaloux de[ safa] femme, pource que c'est un temoignage qu'il ne l'aime pas de la bonne sorte, & qu'il a mauvaise opinion de soi ou d'elle. Je dis qu'il ne l'aime pas de bonne sorte; car s'il avoit une vraye amour pour elle, il n'auroit aucune inclination à s'en defier. Mais ce n'est pas proprement elle, qu'il aime, c'est seulement le bien qu'il imagine consister à en avoir seul la possession; < & il ne craindroit pas deperdre ce bien, s'il ne jugeoit qu'il en est indigne, ou bien que sa femme est infidelle. » Wir verachten einen Mann, sagt er, welcher auf sein Weib eifersuͤchtig ist, weil dies ein Zeichen ist, daß er sie nicht auf eine gute Art liebt, und daß er von sich oder von ihr eine boͤse Meinung hat; denn liebte er sie wuͤrklich; so wuͤrde er nicht die geringste Neigung haben, mißtrauisch gegen sie zu seyn. Aber eigentlich ist sie es nicht, die er liebt, sondern allein das Gut, welches nach seiner Meinung in dem alleinigen Besitz desselben besteht, und er wuͤrde nicht fuͤrchten dieses Gut zu verliehren, wenn er sich dessen nicht fuͤr unwuͤrdig, oder sein Weib nicht fuͤr ungetreu hielte. «

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Wenn es gleich eine Liebe geben kann, die aus Ueberzeugung von der vollkommensten Treue des geliebten Gegenstandes gar nicht eifersuͤchtig ist; so irrt sich doch Cartesius in der That, wenn er die Eifersucht fuͤr ein Zeichen einer nicht wahrhaften Liebe haͤlt. Je wahrhafter, ernstlicher und waͤrmer wir einen Gegenstand lieben, jemehr liegt uns daran, ihn zu besitzen und uns in seinem Besitz zu erhalten. Dies ist ein Erfahrungssatz, der in der Natur unsrer Seele seinen guten Grund hat. Bei aller Ueberzeugung von der Treue des geliebten Gegenstandes werden wir doch nicht immer jedem Argwohn ausweichen koͤnnen, zumahl wenn wir das menschliche Herz genau studirt, und seine Veraͤnderlichkeit kennen gelernt haben. Die Eifersucht ist ferner nicht immer ein Beweis, daß man von sich selbst oder von dem Geliebten eine boͤse Meinung haben muͤsse. Unzaͤhlig oft, und fast immer wird sich der Eifersuͤchtige besser vorkommen, als sein Nebenbuhler, und wir werden auf der andern Seite von dem geliebten Gegenstande oft die beste Jdee haben, aber es doch nicht immer dahin bringen koͤnnen, daß wir uͤber den Eindruk nicht mißvergnuͤgt seyn sollten, welchen unser Nebenbuhler auf die Geliebte, oder diese nur auf jenen gemacht hat, wenn wir auch glauben, daß wir den geliebten Gegenstand immer besitzen wuͤrden. Daß der Eifersuͤchtige nicht eigentlich sein Weib selbst liebt, sondern in so fern er sie nur als ein Gut betrachtet,[ das] er in sei -73 nem Besitz zu erhalten suchen muͤsse, ist eine Distinktion, die nicht ganz richtig ist. Es muß ein Jnteresse da seyn, jenes Gut in seinem Besitz zu erhalten, und dieses Jnteresse des Herzens gruͤndet sich offenbar, wenigstens in den meisten Faͤllen, auf Liebe; ob ich gleich gern zugeben will, daß viele Eifersuͤchtige bei einer erkaltenden Liebe doch den Gegenstand zu behalten suchen werden, weil es ihrer Eitelkeit schmeichelt, und weil sie sich der Verachtung der Welt auszusetzen glauben, wenn sie sich in dem Besitz desselben nicht erhalten koͤnnen.

Es giebt endlich auch noch eine Jalousie der Freundschaft zwischen einerlei Geschlechter. Diese Erscheinung verdiente von einem scharfsinnigen Kopfe wohl einmahl ganz genau untersucht zu werden. Da sich die Geschlechtsliebe in diese Art der Eifersucht nicht hinein mischen kann; so bestehet sie ohnstreitig nur in einer argwoͤhnischen Furcht unsern Freund zu verlieren, wenn er mit andern eben so freundschaftlich umzugehn scheint als mit uns; oder doch wenigstens nicht mehr ganz den Plaz in seinem Herzen einzunehmen, den wir vorhin besaßen. Die Eigenliebe, die versteckte Neigung zur Beherrschung fremder Herzen ist auch die Mutter dieser Art Eifersucht, und nicht selten sind dadurch Freundschaften getrennt worden, die ewig zu seyn schienen. Jn der That haben wir auch Ursach oft auf unsre Freunde eifersuͤchtig zu seyn, zumahl wenn74 sie bei allen Talenten des Geistes und Herzens sehr zur Veraͤnderlichkeit geneigt sind; oder wenn wir voraussezen koͤnnen, daß sich unsere Freunde durch neue, vielleicht glaͤnzendere Bekanntschaften, vielleicht selbst wider ihren Willen, etwas von uns entfernen werden.

Die Eitelkeit des menschlichen Herzens zeigt sich hier oft in den seltsamsten und manigfaltigsten Gestalten. Wir wollen einen Freund allein besizen, weil er desto mehr Glanz auf uns wirft, oder weil wir dadurch einen groͤßern Einfluß auf andre Menschen bekommen, oder weil wir ihn gern allein beherrschen moͤgen, oder weil wir auch wollen, daß er uns allein sein[ Gluͤck,] seine Zufriedenheit schuldig seyn soll. Wir sehen voraus, daß sein Herz sich theilen muß, wenn andre sich fuͤr ihn freundschaftlich interessiren, und uns wohl gar den vorher behaupteten Rang der Gefaͤlligkeit und Wohlthaͤtigkeit bei ihm ablaufen. Ein eifersuͤchtiges Jnteresse ist dann fast immer sichtbar, wenn unser Freund viel Wohlthaten von uns genossen hat. Wir moͤchten gern das Andenken an dieselben in ihm recht lebhaft erhalten, und ihn ganz zum stillen und alleinigen Verehrer unserer Zaͤrtlichkeit gegen ihn machen, was er aber nicht mehr seyn kann, wenn andre zugleich mit uns sein Herz zu gewinnen suchen. Selbst dieß, daß unser Freund durch mehrere freundschaftliche Haͤnde geleitet wird, kann uns oft mißtrauisch gegen ihn machen, weil wir75 wissen, daß dadurch seine Dankbarkeit, die wir gern allein einaͤrndten moͤchten, nicht uns allein gelten kann.

Sind uns die Leute uͤberhaupt schon nicht angenehm, mit denen unser Freund eine neue Verbindung errichtet, sind sie uͤberdem von einem groͤßern Ansehn und Gewicht als wir, so wird unsre Eifersucht noch staͤrker werden, und wir werden uns nicht immer enthalten koͤnnen, ihre Fehler sehr nachdruͤcklich aufzudecken, um unsern Freund von einer fernern Freundschaft mit ihnen zuruͤckzuhalten. Will dieß nicht gelingen; so werden wir gewiß etwas zuruͤckhaltender gegen ihn zu seyn anfangen; oder auch unter andern Umstaͤnden unsere Zaͤrtlichkeit verdoppeln, um ihn desto mehr an uns zu fesseln.

(Die Fortsetzung kuͤnftig.)

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2. Psychologische Bemerkungen uͤber Traͤume und Nachtwandler.

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Daß die menschliche Seele waͤhrend des Schlafs, bei verschlossenen Sinnen, ganz in sich selbst gekehrt, unabhaͤngig (wenigstens meistentheils) von aͤußern Sensationen oft mit einer Lebhaftigkeit und Deutlichkeit ihrer Vorstellungen und einer Schnelligkeit der Empfindungen, die ihr kaum im Wachen eigen war, fortdenkt, oft viel mehr neue Jdeen in diesem sonderbaren Zustande mit der groͤsten Leichtigkeit ohne merkliche Anstrengung als im Wachen erfindet, ist ein zu bemerkenswerthes[ Phaͤnomen,] als daß es nicht immer wieder die Aufmerksamkeit des Psychologen von neuem beschaͤftigen sollte. Alle jene laͤcherliche Einbildungen von einer geheimen Bedeutsamkeit der Traͤume, und einer durch dieselbe geschehenen (wie man es gar nennt goͤttlichen) Jnspiration abgerechnet, wovon sich nicht leicht ein vernuͤnftiger[ Seelennaturforscher] uͤberzeugen darf und soll, bietet der Traum als bloßes[ Naturphaͤnomen] betrachtet ein ganz eigenes noch lange nicht genug bearbeitetes Feld psychologischen Forschens dar, und verdient durchaus nicht so obenhin, wie in den meisten[ Seelenlehren] abgehandelt zu werden. Jch will einen Theil meiner Gedancken uͤber das Merkwuͤrdigste, was jenes77[ Phaͤnomen] auszeichnet, hier nur gleichsam abgebrochen den Lesern dieses Magazins mittheilen, indem ich mir vorbehalte, uͤber die Natur des Traums, sonderlich da, wo die Seele bisweilen ihrer natuͤrlichen Denkordnung und Denkform zuwider zu handeln scheint, im folgenden etwas Ausfuͤhrlicheres zu liefern.

Die so oft aufgeworfene Frag: ob die menschliche Seele durch eine gewisse Veranlassung, oder ohne Veranlassung zu traͤumen anfange; ob erst ein aͤußerer materieller Eindruck, oder doch wenigstens ein gewisser erster aus ihr selbst hervorleuchtender Begrif dazu gehoͤre, um sie waͤhrend des Schlafs in Bewegung zu setzen; oder ob das Traͤumen nur eine Continuation des Denkens waͤhrend des Wachens sey, davon wir beim Einschlafen das deutliche Bewußtseyn verloͤhren, bis es im Traum wieder auf einmal wie eine halb verloͤschte Flamme hervorbraͤche? will ich hier nicht weitlaͤuftig untersuchen; ich denke man kann alle Faͤlle annehmen, oder auch nicht annehmen, ohne daß die psychologische Darstellung des Traums dadurch etwas gewinnt, oder verliehrt. Da wir aus eigener Erfahrung wissen, daß wir bisweilen mitten im Wachen zu denken aufhoͤren, es moͤgen Gegenstaͤnde des Nachdenkens vorhanden oder nicht vorhanden seyn, und daß sehr oft die Seele neue Jdeen gleichsam aus dem Nichts nach jenen Jntervallen wieder78 hervorruft, oder durchs Gedaͤchtniß herbei fuͤhrt, indem sie nehmlich ihre Denkkraft wieder in Bewegung sezt, oder besser, indem diese Kraft als Seele selbst betrachtet, sich wieder zu aͤußern anfaͤngt; so kann auch dies gerade der Fall im Traume seyn, ohne daß man noͤthig hat, immer eine aͤußere dunckel empfundene Sensation zu seinem Entstehen vorauszusetzen, oder eine ununterbrochene Reihe von wuͤrklichen Vorstellungen anzunehmen, die gleichsam Wachen und Traͤumen mit einander verbinden muͤßten. Jch sehe auch uͤberhaupt nicht ein, warum man auf eine solche Succession unsrer Vorstellungen zur Erklaͤrung des Traums dringen wollte, da ihr Daseyn, wenn wir auch die innere Moͤglichkeit einer geistigen Substanz gern ins Denken sezen wuͤrden, noch nicht erwiesen ist, und die Erfahrung mehr als die bloß hypothetische Voraussetzung des Cartesius entscheiden muß.

a) Unter allen, was mir bey Beobachtung des Traumes am merkwuͤrdigsten geschienen hat, und wozu in diesem Magazin schon mehrmals besondere Winke gegeben worden sind, ist mir vornehmlich dies aufgefallen, daß die Seele, ob ihr gleich auch im Traume ihre Denkkraft beiwohnt, und sich nach den Gesetzen derselben so gut wie im Wachen richten muß, bey Bildern und Vorstellungen waͤhrend des Traums gleichguͤltig bleibt, die sie waͤhrend des Wa -79 chens mit groͤßtem Erstaunen empfinden wuͤrde. Jch muß mich hieruͤber etwas deutlicher erklaͤren.

Auch waͤhrend des Wachens durchkreuzen unsere Seele sonderbare Begriffe, Hirngespenste, contrastirende Empfindungen, heterogene, an sich unmoͤgliche Praͤmissen und Conclusionen in großer Menge, und wir bleiben auch gleichguͤltig dabei, weil wir sie nehmlich nicht fuͤr Realitaͤten, nicht fuͤr Begriffe wuͤrklicher Objecte, sondern fuͤr bloße Spielwerke der Einbildungskraft halten, und mithin bey gesundem Verstande sehr gut wissen, in welche Classe von Vorstellungen wir ein solches Schattenspiel hinzustellen haben. Ganz anders verhaͤlt sichs im Traume. Hier denken wir uns gemeiniglich alle jene ganz ungewoͤhnlichen neuen Bilder als Realitaͤten, als Objecte wuͤrklicher Erfahrung, weil wir doch, indem wir traͤumen, wuͤrklich zu wachen glauben, und zweifeln nicht daran, daß sie als wuͤrkliche Dinge so und nicht anders beschaffen seyn koͤnnen, ob wir gleich sobald wir erwachen eine ganz andre Meinung und Ueberzeugung davon haben. Das unmoͤglichst widersinnigste[ Phaͤnomen] kommt uns natuͤrlich vor, paßt sich genau in die Welt, die wir uns beim Traume vorstellen; die Unmoͤglichkeit erscheint uns in der Reihe des Moͤglichen; Dinge, die durchaus nicht weder ihrer innern Natur nach, noch in Ruͤksicht ihrer aͤußeren80 Verhaͤltnisse zusammengehoͤren koͤnnen, scheinen uns eine absolute Verbindung zu haben, die Grundbegriffe von Raum und Zeit bestimmen nicht immer im Traum die Consequenz der Begebenheiten und Begriffe, und die Verhaͤltnisse zwischen Subject und Praͤdicat verschwinden oft so sehr vor unsern Augen, daß wir uns nicht sollten in eine ganz neue Welt versezt zu sehen glauben, ohne daß es uns nur einmal einfallen sollte, daß dies nicht alles wuͤrkliche Realitaͤten waͤren, und doch richten wir uns bei allen diesen Sonderbarkeiten unsere Vorstellungen, die oft eben so sonderbare Sensation erregen, immer noch nach gewissen wesentlichen Denkgesetzen, und glauben wuͤrklich nicht zu traͤumen. Jst dieß bisweilen der Fall, daß wir im Traum wissen, daß wir traͤumen; so geschieht es doch eigentlich nicht, weil wir durch die Ungereimtheit unsrer Hirngespenste darauf gebracht wuͤrden; sondern weil wir uns wahrscheinlich aus dem Wachen erinnern, daß wir eine Jdee vom Traum uͤberhaupt haben.

Wie soll man sich aber nun obiges[ Phaͤnomen] erklaͤren, daß die Seele gleichsam ihrer Natur zuwider widersprechende Dinge, Subjecte sowohl als Facta, die nicht existiren koͤnnen, fuͤr Realitaͤten haͤlt, und bei der Schoͤpfung solcher widersinniger Dinge, die sie aus sich selbst hervorbringt, eben so wenig als uͤber die natuͤrlichsten Gegenstaͤn -81 de in Erstaunen geraͤth. Die Gewalt und der Eigensinn der Einbildungskraft, die man gemeiniglich gleich zu Huͤlfe ruft, so bald man etwas Ungewoͤhnliches in unserer Vorstellungskraft erklaͤren soll, erklaͤrt die Sache wohl nicht, wenigstens nicht ganz, ob sie gleich immer die Materialien zu jenen nicht wuͤrklich vorhandenen Objecten und Begebenheiten im Traum sammeln muß.

Da obiges[ Phaͤnomen] einmahl aus der Erfahrung des Traums erwiesen ist; so kann man wohl, da uns ohnehin mehrere Ausschweifungen dieser Art im Wachen selbst darinn bestaͤrken, annehmen, daß die Seele waͤhrend des Traums nicht in jedem Moment die Kraft behaͤlt, uͤber die Causalverbindung der Begriffe nachzudenken, und ein jedes[ Praͤdicat] in seine rechte Stelle zu setzen, ferner daß sie aus einer offenbaren im Traume erfolgten Schwaͤche oder Unthaͤtigkeit der Erinnerungskraft Vergangenes, Gegenwaͤrtiges und Zukuͤnftiges mit einander vermischt, und unrichtige ja wohl gar unmoͤgliche Folgen von Begebenheiten als wuͤrklich denkt, und vor sich voruͤber gehen sieht. Ueberdem ist ihr im Traum bei der urploͤzlichen Schnelligkeit ihrer[ Bilder] wohl oft nur darum zu thun, um ein neues Object zu haben, das sich in die eilige Folge ihrer Sensationen paßt etwas, das sie sich als existirend denkt, und dessen Vorstellung sie mit dem wuͤrklichen Dinge alsdenn verwechselt, weil82 sie sich nicht besinnen kann, daß es nur ein Bild, nur eine Vorstellung ist. Daß sie aber uͤber ihre eigenen Geburten der Einbildungskraft, uͤber[ ihre] sonderbaren Umtauschungen von Begriffen und Gefuͤhlen so wenig erstaunt, ruͤhrt wohl daher, weil sie theils zu schnell uͤber den Creis ihrer Vorstellungen hinwegeilt; theils weil das Erstaunen selbst ein Affect ist, welcher am seltensten im Traume uͤberhaupt entsteht, und nur bei ganz wachendem Sinne seine Kraft aͤußert; theils auch, und was die Sache am besten erklaͤren wuͤrde, weil wir doch wohl immer einen dunklen Begriff vom Traume haben, indem wir traͤumen, und diesen Begriff, ohne daß wir es merken, allen unsern Phantasien unterschieben. Vielleicht kann auch die Gewohnheit, schon oft dergleichen widersinnige Dinge von der ersten Kindheit an fuͤr Realitaͤten waͤhrend des Traums gehalten zu haben etwas dazu beitragen, daß jene Dinge uns endlich nicht mehr auffallen, und daß wir daher desto leichter das Bild fuͤr ein wuͤrkliches freilich nur getraͤumtes Object im Schlafe halten.

b) Eben so sonderbar und widersinnig sind nun auch die Spruͤnge unsrer Vorstellungen waͤhrend des Traums ohne daß wir sie immer als solche wahrnehmen, sondern gemeiniglich nach einer richtigen Folge gedacht zu haben glauben. Auch hier scheint uns das dringende Beduͤrfniß, nur wie -83 der gleich etwas Existirendes zu haben, woran sich die Lebhaftigkeit oder Vorstellungskraft uͤben kann, gegen alles Erstaunen uͤber jene Spruͤnge zu sichern. Da uͤberhaupt die Einbildungskraft die Oberherrschaft uͤber die Seele waͤhrend des Traums fuͤhrt, und eben deswegen die genauere Aufsicht derselben uͤber die Succession unsrer Begriffe wo nicht gaͤnzlich aufhoͤrt, doch wenigstens geschwaͤcht wird, ferner eine große Menge dunkler Vorstellungen, die im Wachen nicht zum Vorschein kommen konnten, denn gerade ins Helle gebracht werden; so ist es natuͤrlich, daß alle Augenblicke die richtige Folge der Gedanken und Empfindungen unterbrochen, und vermoͤge der Association stets neue oft ganz heterogene Vorstellungen untergeschoben werden muͤssen. Hieraus ist nun dies[ Phaͤnomen] sehr begreiflich, daß die Seele, indem sie von einer Jdee vielleicht auf eine ganz entgegengesezte uͤberspringt, immer gern die erstere zum Causalgrunde der zweiten macht, ob sie gleich nicht immer in solcher Verbindung stehen, folglich auch oft Wirkungen von Ursachen und Ursachen von Wirkungen erdichtet, die in der objectiven Reihe der Dinge gar nicht vorhanden seyn koͤnnen, und also zufrieden ist, wenn beide Jdeen nur bey einander stehen, sie moͤgen zusammengehoͤren oder nicht; oder es mag noch ein so großer Zwischenraum zwischen ihrer entfernten Verbindung immer liegen. Daß aber die Seele dergleichen Spruͤnge nicht leicht bemerkt,84 kein Erstaunen daruͤber empfindet, ob sie gleich wieder nicht Bilder, sondern Realitaͤten, wuͤrkliche Objecte vor sich zu haben glaubt, liegt offenbar wieder darin, daß sie sich so leicht im Traume uͤbereilt, und im Strome ihrer Phantasien so schnell hingerissen wird, daß sie uͤber den Zusammenhang ihrer Jdeen und ihrer Folgen auf einander nicht aufmerksam nachdenken kann. Wie es aber zugeht, daß die Seele von einer Jdee im Traume so leicht und gewoͤhnlich zu der entgegengesezten uͤbergeht, und selten die Begriffe an ihren eigentlichen Faden anreihet, wie sie es im Wachen thut, davon lassen sich alle Gruͤnde ohnmoͤglich speciell angeben, indem dies[ Phaͤnomen] von einer Menge verschiedener dunkler Vorstellungen von verborgenen Jdeenassociationen, Veraͤnderungen in Organen, und in der Blutbewegnis, vornehmlich von unwillkuͤrlichen Nervenerschuͤtterungen abzuhaͤngen pflegt; man kann aber doch hiebei gewisse methodische Gesetze bemerken, wie die Seele bei solchen Ueberschritten zu entgegengesetzten Begriffen verfaͤhrt, und die ohngefaͤhr die nehmlichen seyn muͤssen, die wir in dergleichen Faͤllen im Wachen annehmen, die Seele geht nehmlich am leichtesten zur gerade entgegengesetzten Jdee uͤber, weil diese ihr naͤher zu liegen scheint, als die mit ihr verwandten aber nicht gerade contrastirenden Jdeen. Unter den contrastirenden hebt sie wieder die am ersten aus, welche mit dem eben herrschenden Affect der Seele in der naͤhern85 Verbindung steht; doch so daß sie auch oft hiebei auf Jdeen durch den Affect hingefuͤhrt wird, die mit dem Affect selbst contrastiren. Sie schreitet gemeiniglich auf dem Wege der Jdeenfolge wieder zuruͤck, von dem sie ausgegangen war, oder sie verlaͤßt auch ganz den Hauptweg, und verliehrt sich auf Nebenwegen, wenn diese ihr eine groͤßere Beschaͤftigung versprechen, oder wenn sie darauf leichter als auf dem Hauptwege fortschreiten konnte, u.s.w.

c) Die auffallende Gleichguͤltigkeit im Traum gegen die uns sonst liebsten moralischen Principien und Ueberzeugungen ist eine neue merkwuͤrdige Erscheinung bei Traͤumenden. Mangel an[ aller] Scham, wilde Affecten, Verachtung religioͤser Gegenstaͤnde, Blasphemien, und andre abscheuliche Gedanken und Empfindungen, die uns im Wachen nicht beunruhigen, bemerken auch die vortreflichsten Menschen an sich, wenn sie traͤumen. Jch glaube alles ruͤhrt daher, weil die Seele vermoͤge der fast allein herrschenden Einbildungskraft durch die Vorstellungen sinnlicher verfuͤhrerischer Bilder so sehr hingerissen wird, daß sie sich die Gruͤnde der Moralitaͤt nicht mehr deutlich vorstellen kann, wenigstens sie auf ihre Handlungen zu appliciren vergißt. Ferner auch daher: Jm Traum werden uns die Gegenstaͤnde der Sinnlichkeit gleichsam wie hergezaubert, die wir vielleicht86 erst im Wachen lange suchen muͤssen, und waͤhrend des Wachens denn auch eher als im Traum uͤber unsere moralischen Verhaͤltnisse reflectiren koͤnnen. Es bleibt uns im Traum oft kein Moment uͤbrig, einer sich schnell dargebothenen[ unmoralischen] Jdee auszuweichen. Die Einbildungskraft wird in einem Augenblick davon berauscht, und in dem nehmlichen Augenblick ist auch die That ausgefuͤhrt, indem die Vorstellung der Action eigentlich die Action selbst ausmacht. Ueberhaupt laͤßt sich alles Unmoralische im Traum, wenn es gegen unsere sonstigen guten Grundsaͤtze laͤuft, aus der Gewalt des Affects erklaͤren, der im Traume wegen der Lebhaftigkeit des dargestellten Bildes selten eine moralische Graͤnze haben kann. Jrreligioͤse Begriffe, die man nicht selten im Traum an sich wahrnimt, koͤnnen sehr viele Quellen haben. Entweder man hat den Tag uͤber dergleichen schon im Wachen gehabt; oder eine Association von contrastirenden Begriffen fuͤhrt uns im Traum darauf; *)*) Siehe auch 5. Band dieses Magaz. 2. Stuͤck. S. 96. oder der Affect floͤßt, um desto ungezwungener zu handeln,[ der] zum Nachdenken erschlaften Seele, Bilder ein, die mit unsern sonstigen religioͤsen Begriffen streiten; oder man hat auch vielleicht[ nie] im Wachen, oder selten nach religioͤsen Principien gehandelt, da denn der Traum nur eine Copie des Wachens ist.

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d) Auch die Erscheinung ist sehr merkwuͤrdig im Traum, daß wir oft aͤngstlich Jdeen aufsuchen, die nahe vor uns liegen, ohne daß wir sie finden koͤnnen, nehmlich so nahe, daß es uns nicht die mindeste Anstrengung kosten wuͤrde, sie im Wachen zu finden, weil sie in einer nothwendigen Verbindung mit einander stehen. Hier fehlt es offenbar der Seele wieder an der schon vorhin erwaͤhnten deutlichen Erinnerungskraft, und an der Gabe die Causal-Verbindung der Begriffe sich immer