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Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Neunten Bandes drittes Stuͤck.

Einleitung zur neuen Revision des Magazins zur Erfah - rungsseelenkunde.

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Die Erfahrungsseelenkunde besteht, gleich einer jeden andern Erfahrungswissenschaft, aus zwei Theilen: aus einem Stofund einer Form. Der Stof einer jeden Erfahrungswissenschaft ist ihr eigen; die Form aber ist allen gemein, indem sie die Form der Vernunft in Beziehung auf alle Gegenstaͤnde uͤberhaupt ist. Der Stof oder Gegenstand der Erfahrungsseelenkunde ist, einzelne Wahrnehmungen, Beobachtungen und Versuche des innern Sinnes. Einzelne Wahrnehmungen sind aber noch keine Erfahrungen; zu diesem Behuf muͤssen die einzelnen Wahrnehmungen unter allgemeine Gesetze gebracht werden, wodurch sie2 die Form des Verstandes erhalten, und Erfahrungen werden. Dieses ist aber zu einer Wissenschaft noch nicht hinlaͤnglich; zu diesem Behuf muͤssen die Erfahrungen in ein System, d.h. ein nach Prinzipien geordnetes Ganze, gebracht werden; wodurch sie die Form der Vernunft erhalten, und wodurch die Erfahrungsseelenkunde erst den Namen einer Wissenschaft verdient. Je geringer die Anzahl der Prinzipien sind; je genauer die darinn gegruͤndete Wahrheiten, sowohl mit diesen Prinzipien[ als unter] einander verbunden sind, um desto mehr naͤhert sich die Erfahrungsseelenkunde der vollstaͤndigen Form einer Wissenschaft. Man sieht hieraus, daß man sich hier (wie auch in jeder andern Wissenschaft) mit einem Systeme nicht uͤbereilen muß.

Das Jnteresse der Vernunft zwingt uns zwar, schon im Anfange der Bearbeitung einer Wissenschaft, zu einem System, welches nicht bloß ein Erleichterungsmittel zur Erlernung, sondern auch (wenn das System in der Natur des zu behandelnden Gegenstandes gegruͤndet ist) ein Erweiterungsmittel, als ein Leitfaden zur Erfindung in einer Wissenschaft ist. Doch muß man auch bereit seyn, dieses vor der Hand angenommne System, nach Erfordernissen zu verbessern, oder gar zu veraͤndern, wenn man anders den gegruͤndeten Vorwurf der Systemsucht vermeiden will.

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Da dieses Magazin zur Erfahrungsseelenkunde schon ziemlich (bis zum 9ten Band) fortgeruͤckt ist, so dachte ich am Besten zu thun, wenn ich hier in der Einleitung zur neuen Revision, vor der Hand, die beste Theorie, die wir bisjetzt haben, sowohl zur Erklaͤrung der schon in diesem Magazin sich befindenden, als der noch darinn vorkommenden psychologischen Thatsachen, fortsetze. Dieses Magazin und diese vor der Hand fortgesetzte Theorie, sollen sich einander wechselsweise huͤlfreiche Hand leisten. Diese soll jenem zum Leitfaden, sowohl in Erklaͤrung der psychologischen Ercheinungen, als in der Wahl der Materialien selbst, dienen. Jenes hingegen soll wiederum diese, durch bestaͤndige Darstellung neuer Thatsachen, verbessern, und zu ihrer hoͤchsten Vollkommenheit bringen.

Eine Theorie von dieser Art ist, wie ich dafuͤr halte, von dem tiefdenkenden und bescheidenen Wahrheitsforscher Herrn Professor Schmid in seiner empirischen Psychologie geliefert worden. Auf diese werde ich, sowohl den Leser dieses Magazins verweisen, als selbst in der zukuͤnftigen Bearbeitung desselben, hauptsaͤchlich Ruͤcksicht nehmen. Der Platz erlaubt mir hier nichts mehr, als eine kurze Anzeige davon zu machen, und einige Anmerkungen hinzuzufuͤgen.

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Dieser vortrefliche Verfasser, bei dem das Jnteresse der Vernunft und die Vervollkommnung unsrer Erkenntniß das groͤßte Gewicht hat, (man darf nur seine Schriften lesen, um sich davon zu uͤberzeugen) wird mir hoffentlich meine Freimuͤthigkeit zu gut halten, und mich, wenn ich gefehlt habe, guͤtigst zurecht weisen.

Die Einleitung zu diesem Werke ist so vortreflich, daß ich nicht gern sehen moͤchte, daß auch ein einziges Wort davon verloren ginge, sie muß ganz gelassen, und kann hier also in keinem Auszuge dargestellt werden. Jch schreite daher zur Anzeige des Werks selbst.

Theil I. §. 1-2. Die Erklaͤrung von Seele und Gemuͤth. Seele ist das Subjekt aller Vorstellungen, oder inneren Wahrnehmungen, das wir aber zugleich, zum wenigsten problematisch, auch als Subjekt anderer Akzidenze denken, die selbst keine Vorstellungen sind, und auch mit keinen Vorstellungen in einem erkennbaren Verhaͤltnisse stehn. Gemuͤth aber ist die Seele bloß als Subjekt der Vorstellungen, oder dasjenige, das mit den Vorstellungen in einem erkennbaren Verhaͤltnisse steht, gedacht.

Jch bemerke hier aber, daß ich keinen Grund einsehen kann, warum wir das Gebiet der Seele uͤber die Graͤnzen des Gemuͤths ausdehnen sollen?5 wir wissen nur von zweierlei Arten der Akzidenze; naͤmlich Akzidenze des Bewußtseyns, die fuͤr den innern Sinn, und koͤrperliche Akzidenze, die fuͤr den aͤußern Sinn gehoͤren; wir sind daher berechtigt, eine jede Art dieser Akzidenze einer besondern Substanz (in der Erscheinung) beizulegen. Dasjenige, was diesen verschiedenen Arten von Akzidenzen als reelles Subjekt (außer der Erscheinung) zum Grunde liegen mag, kann sowohl beiden gemeinschaftlich (nach den Materialisten und Spiritualisten) als jeder derselben eigen (nach den Dualisten) gedacht[ werden.]Jn der Erscheinung sind Seele und Koͤrper immer zwei ganz heterogene Substanzen; jene ist das Dauernde in der Zeit an den Akzidenzen des innern, dieses, das Dauernde an den Akzidenzen des aͤußern Sinnes. Das Gebiet der Seele kann sich also nicht weiter als das des Gemuͤths erstrecken.

Die Substanzialitaͤt der Seele findet nur unter Voraussetzung der Wirklichkeit ihrer Akzidenze (Vorstellungen) Statt, d.h. die innern Wahrnehmungen der Akzidenze koͤnnen nur unter Voraussetzung der Substanz, als Erfahrungen gedacht werden. Hoͤrt aber diese auf (wie im tiefen Schlafe, Ohnmacht und im Tode) so hoͤrt auch die Substanzialitaͤt der Seele auf, ein reeller Begrif zu seyn, und ist alsdann eine bloße Jdee, die als eine Fikzion zur systematischen Einheit der psycholo -6 gischen Wissenschaft dienen kann. Denn nachdem die Verbindung zwischen Seele und Koͤrper, als ein allgemeinguͤltiger Satz, aus der Erfahrung bekannt ist, daß naͤmlich auf jede Veraͤnderung des Koͤrpers eine ihr korrespondirende Veraͤnderung der Seele folgen muß, und so auch umgekehrt, so denken wir uns daß im Schlafe, z. B. die Veraͤnderungen des Koͤrpers nach dem Gesetze von Ursache und Wirkung aufeinander folgen. Die sie sonst (wenn sie die dazu gehoͤrige Staͤrke haben) begleitende Veraͤnderungen der Seele aber koͤnnen sie alsdann (wegen ihrer Schwaͤche) nicht begleiten; und doch werden die Vorstellungen nach dem Aufwachen durch die Vorstellungen vor dem Einschlafen, nach dem Gesetze von Ursache und Wirkung bestimmt. Jn diesem Betrachte ist es uns also gleich viel, ob die Veraͤnderungen der Seele waͤhrend des Schlafens aufgehoͤrt haben (wie es wirklich war) oder ob sie ununterbrochen fortgesetzt worden sind (wie wir zum Behuf der psychologischen Wissenschaft fingiren). Auf diese Art muß auch die ganze Lehre der dunkeln Vorstellungen erklaͤrt werden, wenn sie uͤberhaupt erklaͤrt werden soll.

Sehr wichtig ist, wie ich dafuͤr halte, die Erklaͤrung des Verfassers von Grundkraft und ihre Unterscheidung von Generalkraft, die sonst mit einander verwechselt zu werden pflegen. Grundkraft ist ein innres Prinzip der Moͤglichkeit oder7 Wirklichkeit gewisser Erscheinungen, die im Grunde identisch sind, und nur durch zufaͤllige, in etwas außer der Substanz gegruͤndete Nebenbestimmungen sich als verschieden zeigen, und eben darum verschiedenen Vermoͤgen oder Kraͤften (nachdem sich daraus die Moͤglichkeit oder Wirklichkeit der Erscheinungen erklaͤren laͤßt) zugeschrieben werden.

Die Grundkraͤfte werden also gefunden, indem man das Mannigfaltige, was im Gemuͤthe vorkoͤmmt, zergliedert, dasjenige, was von aͤußern Bedingungen oder Gegenstaͤnden abhaͤngt, in Gedanken absondert; was aber als eigne Wirkungsart (Art zu empfangen oder zu handlen) des Gemuͤthes uͤbrig bleibt, auf ein inneres Prinzip einartiger Erscheinungen bezieht; welches eine besondere Grundkraft, wenigstens nach unsrer Vorstellungsart seyn muß. Generalkraft hingegen ist der generische Begrif aller unter demselben Geschlecht stehenden Arten, das nur das allen diesen Arten Gemeinschaftliche, nicht aber das einer jeden Unterscheidende in sich begreift.

Hieraus erhellet, daß so wenig Wolf mit seiner Erklaͤrung der Seele: vis repræsentativa universi, als in unsrern Zeiten Reinhold, der alle Wirkungsarten der Seele (Empfindungen, Anschauungen, Begriffe und Jdeen) Vorstellungen nennt, und von dessen Theorie ich in der Folge8 sprechen werde, die Grundkraft der Seele angegeben haben, sondern bloß die Generalkraft.

Der zweite Theil handelt von dem Vorstellungsvermoͤgen oder der Vorstellungskraft uͤberhaupt.

  • §. I. Vorstellung nennen wir nicht eine Veraͤnderung des Gemuͤthes uͤberhaupt, sondern nur dasjenige, wovon ein Bewußtseyn moͤglich ist, d.h. die ich auf ein (vorstellendes) Subjekt, und auf ein (vorgestelltes) Objekt beziehen kann.
  • §. VII. Das wirkliche Beziehen oder Bezogenwerden einer Vorstellung auf ihr Objekt und Subjekt, macht das Bewußtseyn aus. Das, was bezogen wird, ist die Vorstellung.
  • §. VIII. Es giebt also in dieser Bedeutung keine Vorstellung ohne Bewußtseyn u.s.w.

Jch bemerke aber, daß die Erklaͤrung des Bewußtseyns offenbar zu enge ist. Das wirkliche Beziehen oder Bezogenwerden einer Vorstellung auf ihr Objekt und Subjekt, macht nicht ein einziges, sondern fuͤnfterlei Bewußtseyn aus; Bewußtseyn vom Subjekte, Bewußtseyn vom Objekte, Bewußtseyn von der Vorstellung, Bewußtseyn von dem Beziehen dieser dreien auf einander uͤberhaupt, und Bewußtseyn von der besondern Art des Beziehens, oder Bezogenwerdens, einer jeden dieser dreien. Diese sind verschiedene9 Arten des Bewußtseyns, denen allen das allgemeine Praͤdikat Bewußtseyn zukoͤmmt. Sie sind zwar unzertrennlich, aber doch verschieden von einander. Das Bewußtseyn ist die allgemeinste Form, und ist in Ansehung der Seele der Ausdehnung in Ansehung des Koͤrpers aͤhnlich. Ausdehnung uͤberhaupt (unbestimmt) kann zwar nicht getrennt von einer besondern Art der Ausdehnung (einer besondern Figur) aber doch verschieden von derselben im Gemuͤthe statt finden. So kann auch Bewußtseyn uͤberhaupt abstrahirt von der besondern Art des Bewußtseyns nicht durch innere Merkmale[ gedacht; durch] Hinzukommen der besondern spezifischen Bestimmung hingegen, nicht nur als diese besondre Art des Bewußtseyns, sondern als Bewußtseyn uͤberhaupt erkannt werden. Daher kann Bewußtseyn uͤberhaupt ohne Zirkel nicht definirt werden, weil es als das allgemeinste Merkmal in allen Definitionen vorkommen muß. Das wirkliche Beziehen oder Bezogenwerden einer Vorstellung auf ihr Objekt und Subjekt macht also nicht das Bewußtseyn uͤberhaupt, sondern eine besondere Art desselben aus. Die Erklaͤrung des Verfassers (welche die Reinholdsche Erklaͤrung ist) ist also zu Folge des Sprachgebrauchs zu enge.

Die Erklaͤrung von Vorstellung ist die Reinholdsche Erklaͤrung der bloßen Vorstellung (Elementarphylosophie §. V.).

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Diese Erklaͤrung weicht gleichfalls vom Sprachgebrauch ab; diesem zu Folge ist Vorstellung dasjenige, das sich, als Theil eines Ganzen oder einer Synthesis (in der apperception) als Merkmal auf dasselbe bezieht. Z.B. ein Gemaͤlde, ein theatralisches Stuͤck ist eine Vorstellung, indem jenes einige Merkmale des abgemalten Gegenstandes (sichtbare Figur und Farbe); diese Merkmale einer Handlung oder Begebenheit, die sich als Merkmale auf den Gegenstand oder die Handlung beziehn, darstellt. Hingegen ist dasjenige, das sich im Bewußtseyn aufs Subjekt und Objekt (im Reinholdschen Sinne) bezieht keine (partial) Darstellung des Subjekts und des Objekts; es bezieht sich nicht auf dieselbe als Merkmal, sondern als Bedingung der Koexistenz im Bewußtseyn; es kann also zu Folge des Sprachgebrauchs nicht Vorstellung heißen.

Ferner, so sind das Objekt und das Subjekt, transzendental a priori gedacht, bloße Jdeen, die durch kein inneres absolutes Merkmal, als bloß durchs Bezogenwerden der Vorstellung auf beide gedacht werden; dahingegen die Vorstellung schon a priori als etwas durch innere absolute Merkmale Bestimmbares gedacht werden muß.

Diesem zufolge sind also Subjekt und Objekt nicht einmal Bedingungen der Koexistenz zur Vor -11 stellung (daß wenn eine Vorstellung im Bewußtseyn existiren soll, auch diese Jdeen zugleich existiren muͤssen) sondern umgekehrt. Die Erklaͤrung der Vorstellung ist also nicht einmal in dieser Ruͤcksicht (wo es nicht ein etwas dem vorgestellten Gegenstande aͤhnliches, sondern mit demselben nothwendig Koexistirendes bedeutet) richtig. Die Beziehung der Vorstellung aufs Subjekt und Objekt ist nicht urspruͤnglich, sondern sie entsteht erst durch eine psychologische Taͤuschung auf folgende Art.

Aus der Gewohnheit eine jede Wahrnehmung auf andre Wahrnehmungen durch den Begrif der Koexistenz zu beziehn, entsteht diese transzendente Neigung der Einbildungskraft, eine jede Wahrnehmung auf ein Etwas uͤberhaupt zu beziehn. Jch habe z. B. immer wahrgenommen, daß die gelbe Farbe entweder mit der vorzuͤglichen Schwere, der Haͤrte und Dichtigkeit im Golde; oder mit der Zaͤhigkeit und Weiche des Wachses, oder sonst einer Eigenschaft koexistirt. Jch mache daher diesen Erfahrungssatz nicht nur allgemein, sondern auch transzendent; die gelbe Farbe muß einem nicht nur unbestimmten, sondern unbestimmbaren Etwas gehoͤren. Auf diese Art entsteht die fingirte Jdee von einem Objekt außer dem Denkungsvermoͤgen (nicht Dinge uͤberhaupt) das auch außer diesem Begriffe einer moͤglichen Beziehung uͤberhaupt (Form der Apperception) seine Realitaͤt haben soll. So -12 bald aber die Vernunft diese Taͤuschung entdeckt hat, muß auch die darauf gebaute Theorie wegfallen.

  • Ferner §. II. Zur Moͤglichkeit einer Vorstellung gehoͤrt demnach zunaͤchst:

    • 1) Etwas, was die Beziehung auf einen Gegenstand moͤglich macht.

    • 2) Etwas, wodurch die Beziehung auf das Vorstellende, oder auf das Gemuͤth moͤglich wird.

  • §. III. Die Beziehung einer Vorstellung auf einen Gegenstand (§ II. No. 1.) ist moͤglich, oder: eine Vorstellung stellet etwas, d.h. einen Gegenstand vor, in so fern etwas in ihr, durch etwas von ihr und dem Gemuͤthe, als dem Subjekte dieser Vorstellung, verschiednes bestimmt und hervorgebracht wird.

  • §. IV. Die Beziehung einer Vorstellung auf das Gemuͤth (§. II. No. 2) ist moͤglich, ich stelle mir, das Gemuͤth stellt sich etwas vor in so fern etwas in der Vorstellung durch etwas anders von ihr selbst und ihrem Gegenstande verschiednes, also von dem Gemuͤthe, als dem Subjekt derselben, bestimmt und hervorgebracht wird.

  • §. XIV. Dasjenige, was die Beziehung der Vorstellung auf einen Gegenstand im Bewußtseyn moͤglich macht (§. III. ) und also durch den Gegenstand bestimmt ist, heißt der innere subjektive13 Stoff einer Vorstellung; dasjenige, wodurch ihre Beziehung auf das Gemuͤth (§. IV. ) im Bewußtseyn moͤglich wird, und was also durch eine Handlung des Gemuͤthes muͤßte bestimmt worden seyn ihre Form. Weder die Eine, noch die Andere ist fuͤr sich allein im Bewußtseyn moͤglich und eine Vorstellung.

Aber was heißt das: etwas in der Vorstellung wird durch etwas von ihr und dem Gemuͤthe verschiedenes, oder durch etwas von ihr und dem Gegenstande verschiedenes bestimmt und hervorgebracht? Soll dieses heißen: dieses Etwas in der Vorstellung ist eine Realwirkung vom Gegenstande oder Subjekte, als ihrer Ursache? Dies kann nicht seyn, weil das Verhaͤltniß von Ursache und Wirkung nur zwischen reellen Objekten der Erfahrung (Wahrnehmungen) statt finden kann; nicht aber zwischen diesen und den Jdeen von Subjekt und Objekt uͤberhaupt.

Es kann also nichts anders heißen, als: zur innern Moͤglichkeit einer Vorstellung gehoͤren zwei heterogene Bestandtheile: ein Stoff und eine Form;[ jener] ist dasjenige in der Vorstellung, wodurch sie nicht bloß Vorstellung uͤberhaupt, sondern eine bestimmte Vorstellung ist.

Diese ist dasjenige, wodurch die Vorstellung uͤberhaupt, und das ihr mit andern ihrer Art ge -14 mein ist. Aber alsdann werden die Ausdruͤcke: bestimmt und hervorgebracht ganz unschicklich seyn. Dieses erhellet noch mehr aus dem Folgenden.

§. VI. Der innere Stoff einer Vorstellung (§. XIV. ) entspricht zwar dem Etwas, was vorgestellt und im Bewußtseyn von der Vorstellung unterschieden wird, d. i. dem Gegenstande an sich; ist aber nicht selbst dieser Gegenstand, und wird ihm durch dasjenige, was ihn im Bewußtseyn moͤglich macht, naͤmlich durch die vom Gemuͤthe bestimmte Form einer Vorstellung, unaͤhnlich.

Was heißet dieses: der innere Stoff entspricht dem Gegenstande an sich? Der Gegenstand an sich kann als eine bloße Jdee weder als Bedingung der innern Moͤglichkeit (wesentliche Bestimmung), noch als Bedingung der Wirklichkeit (Ursache) des Stoffes gedacht werden.

Nach mir hingegen bezieht sich so wenig der Stoff als die Form auf irgend etwas außer der Vorstellung, sondern sie beziehen sich auf einander als wesentliche Bestimmungen, oder innere Bedingungen einer Vorstellung uͤberhaupt. So bezieht sich auch die aus Stoff und Form bestehende Vorstellung auf andere Vorstellungen, mit denen sie als zur Verstandseinheit (Synthesis) gehoͤriges Mannichfaltige gedacht und worauf er als Merkmal bezogen wird. Dieser Vorstellung ent -15 sprechende bestimmte Mannichfaltige, heißet das vorgestellte Ding. Das unbestimmte Mannichfaltige uͤberhaupt aber, das in einer Verstandseinheit gedacht wird, und worauf sich eine Vorstellung als Merkmal beziehn kann, heißt bei mir Ding an sich.

Das Subjekt einer Vorstellung ist nichts anders, als die zur Vorstellung als Vorstellung (Merkmal einer Synthesis) nothwendige Einheit der Apperzeption. Aber fuͤr jetzt mag dieses[ genug] seyn. *) *) » Jn Ansehung der Herausforderung, an die4Kantianer,sagt der Rezensent meines philosophischen Woͤrterbuchs (A. L. Z. 7. Jan. 1792) um nichts billiger, sind die Bedingungen des Kampfs, die Herr5M.den6Kantianernzumuthet. Ob dieses ([daß] diese nehmlich die von mir als ausgemacht aufgestellten Saͤtze zugegeben werden) in Ruͤcksicht auf die drei ersten Bedingungen seine Richtigkeit hat, haͤngt von dem Sinne ab, in welchem der Verfasser die Ausdruͤcke, Ding, Dinge uͤberhaupt, Objekte u.s.w. versteht. « Jch habe in dieser Revision schon gezeigt, daß wenn man diesen Ausdruͤcken nicht den Sinn beilegt, den ich ihnen beygelegt habe, sie alsdann gar keinen Sinn haben koͤnnen.Das Gesetz der Association ist ein bekanntes Prinzip, woraus sich, wie ich schon in diesem Artikel bemerkt habe, die Entstehungsart der (sogenannten) transcendentalen Begriffe erklaͤren laͤßt. » Hier haͤlt es der7Kantianer,wenn wir uns anders an seine Stelle zu versetzen wissen, gewiß nicht laͤnger aus. Jn dem angefuͤhrten Artikel findet er keine Spur uͤber die Entstehung desjenigen, was nach seinem (des8Kantianers)System ein transcendentaler Begriff heißt und heißen kann. «Welche Ungerechtigkeit! Hat der Rezensent an sich in dieser ganzen Rezension nicht dasjenige gezeigt, was er mir vorwirft, nehmlich, daß er aus seiner eignen Denkungsart nicht ausgehen, und sich an die Stelle eines andern Denkers versetzen kann? Jch habe freilich in gedachtem Artikel nicht die Entstehung der mit Recht sogenannten transcendentalen Begriffe, a posteriori bewiesen, dieses waͤre ein offenbarer Widerspruch, sondern ich habe die Entstehung derjenigen Begriffe, die der9Kantianerfuͤr transcendental ausgiebt, a posteriori gezeigt, und dieses muß der10Kantianermit aller Geduld aushalten, wenn er nichts dagegen einzuwenden hat. Diese Recension sieht ohngefaͤhr so aus, als wie wenn Jemand behauptet haͤtte: es gebe keine Wunderwerke, indem er zeigte, daß alles, was dafuͤr gehalten wird, nach den allgemeinen Naturgesetzen geschiehet, und jemand daruͤber folgende Rezension schriebe: der Verfasser hat nie die Entstehungsart der Wunderwerke bewiesen, indem dasjenige dessen Entstehungsart er bewiesen hat, kein Wunderwerk ist.Herr11M.druͤckt sein Associationsgesetz folgendermaßen aus: wenn die Wahrnehmung der Objecte in Zeit und Raum, nach einer Regel, als zugleich existirend oder auf einander folgend, sinnlich wiederholt wird, so wird bei der Wahrnehmung des einen die Wahrnehmung des andern nach einer Regel a priori bestimmt. » Der12Kantianerwird sich unter der Regel, durch welches das Zugleichseyn und die Folge bestimmt werden soll, entweder gar nichts, oder die drey Kathegorien der Relation denken etc. «Hier hat mich Rezensent ganz und gar nicht verstanden. Regel uͤberhaupt ist ein Verhaͤltniß zwischen mehreren Gegenstaͤnden. Sie kann in Ansehung ihres Gebrauchs von dreyerley Arten seyn: 1) zufaͤllig, 2) subjektiv nothwendig, 3) objektiv nothwendig. Jn allen regelmaͤßigen Gegenstaͤnden der Natur ist eine Regel von der ersten Art anzutreffen, sie koͤnnten, ohne ihr Wesen zu veraͤndern, so gut nach einer andern oder nach gar keiner (wahrzunehmenden) Regel eingerichtet seyn. Die wirkliche Regel, wonach sie eingerichtet sind, ist also ihnen bloß zufaͤllig. Die Maxime, wonach ein Mensch seine freywilligen Handlungen einrichtet, ist keine bloß zufaͤllige (ich verstehe hier nicht das Kantische Moralprinzip) Regel. Sie kann in Ansehung der subjectiven Bedingungen dieses Menschen nicht mit einer andern vertauscht, oder gaͤnzlich weggedacht werden. Sie ist aber auch nicht objektiv nothwendig, indem das Wesen der freywilligen Handlungen, den Zweck und folglich auch die sich darauf beziehende Regel unbestimmt laͤßt. Dahingegen ist diese Regel, oder dieser Satz, eine dreiseitige Figur ist auch dreiwinklicht, nothwendig, indem sie in keinen besondern Bedingungen des Subjekts, sondern im Wesen des Objekts selbst (des Dreiecks) gegruͤndet ist. Nun finden wir in uns das bekannte Gesetz der[ Association,] das heißt: eine bestimmte Regel, in Ansehung der Reproduktion der Einbildungskraft. Von welcher Art ist also diese Regel? Sie ist nicht bloß zufaͤllig, weil die Folge der Vorstellungen in der Reproduktion immer durch die Folge in der sinnlichen Wahrnehmung selbst bestimmt wird. Sie ist nicht objektiv nothwendig, weil die Objekte auch in einer andern Folge von ihrem Wesen nichts verlieren. Sie ist also subjektiv nothwendig, nur mit dieser besondern Bestimmung, daß das Subjektive darinn nicht wie sonst materiel (in der besondern Beschaffenheit des Subjekts gegruͤndet) sondern[ formel] (in der wirklichen Wiederholung dieser Folge, die auch einem andern Subjekt moͤglich) ist.Daß ich einen gewissen Menschen, in einem gewissen Garten, gesehen habe, ist bloß zufaͤllig. Daß ich ihn oͤfter darinn gesehen habe, ist eine wahrgenommene Regel, die auch zufaͤllig ist. Nun sehe ich diesen Menschen außer dem Garten, bei dieser Gelegenheit faͤllt mir immer (ohne Ruͤcksicht auf die Unterbrechung durch andere Associationsreihen, oder des Dichtungsvermoͤgens) der Garten bey. Diese Regel ist (da sie nicht in einer besondern Beschaffenheit meines Subjekts gegruͤndet ist) fuͤr jedes Subjekt, bei dem ihre Bedingungen (die oͤftere Wiederholung der Wahrnehmung) wirklich geworden sind, guͤltig. Dieses ist das bekannte Gesetz der Association, worinn sich Rezensent nicht habe finden koͤnnen, und welches ich auf folgende Art ausgedruͤckt habe: wenn die Wahrnehmung der Objekte etc.Der13Kantianer,sagt der Rezensent, wird sich unter der Regel, durch welche das Zugleichseyn oder die Folge bestimmt werden soll, entweder gar nichts, oder die drei Kathegorien der Relation denken.Freilich der14Kantianer, der so wenig Kantals irgend einen andern Selbstdenker zu verstehen faͤhig ist, und der wie ein Muͤhlpferd sich bestaͤndig um die Kathegorien herumdrehet, ohne von der Stelle zu kommen, oder wie ein schlechter Advokat uͤber die vielen Formalitaͤten den Prozeß nicht zu Ende bringen kann, kann sich dabey nichts anders denken.Aber was gehet mich dieser15Kantianeran. Derjenige muͤßte mit Blindheit geschlagen seyn, der nicht einsieht, daß die Regel in der Wahrnehmung, wodurch die Regel in der Reproduktion bestimmt wird, nicht die sogenannten Kathegorien, sondern die Bedingung ihres Gebrauchs ist.Auch versteht der Rezensent nicht meine Theorie der Einbildungskraft, und dieses mit Recht, weil sie seine ganze Philosophie uͤber den Haufen wirft. Jeder Selbstdenker, der mein Woͤrterbuch selbst mit Aufmerksamkeit lesen, und sich hierinn nicht auf den Bericht des Rezensenten verlassen will, wird diese so vollstaͤndig finden, als nur irgend eine Theorie seyn kann.Ferner heißt es: » unter diesen Umstaͤnden kann sich Rezensent freilich nicht wohl auf die naͤhere Pruͤfung der Einwuͤrfe, die der Verfasser den beiden Partheien entgegenstellt, einlassen, und es geschieht bloß zur fernern Bestaͤtigung seines gefaͤllten Urtheils, und nicht ohne Besorgniß den Herrn16M.mißverstanden zu haben, wenn er hier diejenige Einwendung, die ihm noch unter allen am wenigsten unverstaͤndlich schien, anfuͤhret und aus dem Gesichtspunkt der kritischen Sceptiker beleuchtet. «(Seite 24) » Was die Naturwissenschaft betrift, so kann man bloß die Formen der Jdentitaͤt und des Widerspruchs a priori von den Gegenstaͤnden a posteriori, weil sie von allen Gegenstaͤnden uͤberhaupt gelten, gebrauchen, sie haben also schon vor dem wirklichen Denken der Objekte unter demselben ihre Realitaͤt. «» Wenn man unter Realitaͤt das verstehet, was in der Kritik der reinen Vernunft objektive Realitaͤt, Beziehung auf Objekte außerhalb der Vorstellung heißt, so haben die Begriffe der Jdentitaͤt und des Widerspruchs, die urspruͤnglich bloß in der Form des Denkens gegruͤndet sind, so wenig als irgend eine andere logische Form eine andere Realitaͤt, als welche sie vermittelst der sinnlichen Anschauungen erhalten koͤnnen. «Mein Herr Rezensent, Sie haben sich geirret, ich verstehe nicht die objektive Realitaͤt, das heißt, diejenige, die ihnen in Beziehung auf reelle (sinnliche) Objekte, sondern diejenige, die ihnen an und fuͤr sich zukommt, und wodurch sie als Formen etwas und nicht nichts sind. Sie wissen, daß ich die Berufung auf die allgemeine Logik in Aufzehlung der urspruͤnglichen Formen des Denkens, als ein wahrer kritischer Sceptiker, verdaͤchtig mache. Die Form der hypothetischen Saͤtze, z. E. ist bei mir keine Verstandsform, sondern Produkt der transcendenten Einbildungskraft, wodurch das, was bestaͤndig ist, fuͤr nothwendig gehalten wird. Zur Darstellung der Formen der Jdentitaͤt und des Widerspruchs ist jeder Gegenstand ohne Unterschied hinlaͤnglich. Die sogenannten Kathegorien hingegen koͤnnen gar nicht dargestellt werden. Jhr sagt mir, die Darstellung der Kathegorie von Ursach werde ich uͤberall finden, wo Objekte nach einer Regel in der Zeit nothwendig auf einander folgen. Gut! aber ich finde diese nirgends. Daß auf der Gegenwart des Feuers, zum Beispiel, bestaͤndig das Schmelzen des Wachses folgt, ist nicht nothwendig, (in dem Sinne, in welchem ein Dreieck nothwendig drei Winkel hat) d.. es ist bloß subjektiv (unter Voraussetzung der bestaͤndigen Wiederholung der Wahrnehmung dieser Folge) nicht aber objektiv (von keinen subjektiven Bedingungen abhaͤngend) nothwendig.Fragt Jhr ferner: woher ich gar zu dem Begrif der objektiven Nothwendigkeit gelangt bin, da er, mir zufolge, in der Erfahrung nirgend anzutreffen ist? so antworte ich: diese objektive Nothwendigkeit ist mir aus den Saͤtzen der Mathematik bekannt, die Jhr faͤlschlich auf die Gegenstaͤnde der Erfahrung uͤbertragt. Zur Darstellung des Satzes der Jdentitaͤt und des Widerspruchs hingegen, gehoͤren gar keine subjektive Bedingungen. Diese Saͤtze sind daher, so wie alle andere, die von keiner subjektiven Bedingung abhaͤngen, objektiv nothwendig.Damit faͤllt auch das ganze folgende Raͤsonnement des Rezensenten auf einmal uͤber den Haufen. Am Schlusse dieser Rezension schlaͤgt er sogar den Weg ein, sich hieruͤber an mich selbst zu adressiren. O! ungluͤcklicher koͤnnt 'er sich nicht adressirt haben. » Jn Ruͤcksicht, heißt es, auf den Erweiß der Thatsache, daß die Kathegorien in der Erfahrung wirklich gebraucht werden, duͤrfte der17KantianerHerrn18M.auf dessen eigene Erfahrung verweisen. «So! auf meine eigene Erfahrung soll mich der19Kantianer verweisen, aber auf welche? in dem Sinne, den der Kantianerdem Begrif von Erfahrung beilegt, habe ich keine Erfahrung.

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Jch komme jetzt auf eine Untersuchung, die, wie ich glaube, ganz neu, und in der Psychologie von großer Wichtigkeit ist; nehmlich, wie fern es17 zulaͤßig oder gar nothwendig sey, zur Erklaͤrung einiger psychologischen Erscheinungen, von der Physiologie, oder uͤberhaupt von der Naturlehre einen18 Gebrauch zu machen? Gemeinhin wird in den psychologischen Lehrbuͤchern von der verschiedenen Beschaffenheit des Gehirns, der Nerven und der Le -19 bensgeister gesprochen, und davon bei gewissen Gelegenheiten Gebrauch gemacht; da aber sowohl die Graͤnze der heterogenen Wissenschaften (See -20 len - und Koͤrperlehre), als ihr Einfluß in einander nicht gehoͤrig bestimmt sind, so kann dieses nur mit einem unsichern Schritt und vieler Behutsamkeit geschehen.

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Jch will hier meine Gruͤnde, sowohl fuͤr, als wider dieses Verfahren anfuͤhren; die fernere Untersuchung uͤber diese Materie aber will ich andern uͤberlassen.

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Gruͤnde dawider.

1) Eine Erscheinung erklaͤren, und die Bedingungen einer Erscheinung anzugeben, sind zwei ganz verschiedene Unternehmungen. Wer23 eine Erscheinung erklaͤren kann, der kann auch die Bedingungen, in so fern sie in dieser Erklaͤrung enthalten sind, angeben. Hingegen kann jemand die Bedingungen einer Erscheinung recht gut wissen, ohne sie deswegen erklaͤren zu koͤnnen. Der Astronom, der die Ursache einer Sonnenfinsterniß, durch das Hintreten des Mondes zwischen die Sonne und die Erde erklaͤren kann, kann auch die Bedingungen der Zeit angeben, worinn eine Sonnenfinsterniß vorfallen kann, naͤmlich am Neumond. Der gemeine Mann hingegen kann zwar aus vielfaͤltiger Beobachtung die Bedingung angeben, ohne deswegen die Erscheinung selbst wissenschaftlich erklaͤren zu koͤnnen.

Wenn man also das Jndividuelle in dem Grade und der Richtung der Seelenwirkung aus dem Jndividuellen in der koͤrperlichen Organisation, nach24 dem aus der Erfahrung bekanntem Gesetz der Verbindung zwischen Seele und Koͤrper, erklaͤrt, so heißt es bloß: man macht die letztern zur Bedingung der erstern, nicht aber, man erklaͤrt diese durch jene. Um die Entstehungsart einer individuellen Seele zu erklaͤren, muͤßte man erstlich den allgemeinen Begrif von Seele uͤberhaupt (nicht willkuͤhrlich, sondern aus der Erfahrung) festsetzen, alsdann zeigen, durch welche Veraͤnderungen, die in der Natur der Seele selbst gegruͤndet sind, sie nach und nach immer naͤher bestimmt, bis sie diese individuelle Beschaffenheit der Seele geworden ist; nicht bloß zur Erklaͤrung einer besondern Beschaffenheit oder Modifikation der Seele eine ihr korrespondirende Beschaffenheit der Modifikation des Koͤrpers anzugeben, wie es doch zu geschehn pflegt.

2) So kann man in den mehresten Faͤllen nicht einmal die besondere Modifikation des Koͤrpers, die einer besondern Seelenmodifikation korrespondirt, und folglich als Bedingung derselben angesehn werden kann, bestimmt angeben, sondern bloß im Allgemeinen eine solche voraussetzen. Woraus erhellet, daß dergleichen Erklaͤrungsarten allenfalls in der Anthropologie, keinesweges aber in einer reinen Psychologie geduldet werden koͤnnen.

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Gruͤnde dafuͤr.

1) Die Seele kann nur als eine Substanz in der Erscheinung gedacht werden, indem der Begrif von Substanz uͤberhaupt nur als Bedingung der Erfahrung seine Realitaͤt hat; d.h. so lange die Folge der Seelenerscheinungen ununterbrochen bleibt, muß darinn bei allen Veraͤnderungen etwas Dauerhaftes in der Zeit gedacht werden, wenn die Wahrnehmung dieser Erscheinungen Erfahrung werden soll. Wird hingegen diese Folge unterbrochen, so hoͤrt auch die Substanzialitaͤt der Seele auf, indem ihr ganzes Daseyn aufhoͤrt. Nun aber lehrt uns die bestaͤndige Beobachtung, daß die Folge der Seelenerscheinungen zuweilen (im tiefen Schlafe, Ohnmacht u. d.gl. ) in der That unterbrochen wird, und obschon die Erscheinungen nach dieser Unterbrechung mit den Erscheinungen vor derselben noch immer verknuͤpft sind, so muß man doch, wenn man die Art dieser Verknuͤpfung einsehn will, erst in Gedanken nach psychologischen Gesetzen diese Luͤcke ausfuͤllen und die fehlende Erscheinungen interpoliren. Die Substanzialitaͤt der Seele ist also in diesem Betracht nicht konstitutiv, sondern als Jdee bloß regulativ.

2) So giebt es offenbar Seelenerscheinungen, die nicht mit andern in eben derselben Seelensubstanz gegruͤndet seyn koͤnnen. Von dieser Art sind z. B. Vorhersehungen oder Ahndungen, die26 eine fremde Person oder Sache betreffen, wovon selbst in diesem Magazine haͤufige Beispiele vorkommen, die sich nicht so leicht wegraisoniren lassen, wenn man nicht einem Systeme zugefallen allen historischen Glauben vernichten will; und wozu ist dieses nothwendig? Ein und eben dasselbe Ding kann, sowohl fuͤr sich, als mit Andern ein System (ein nach einem Prinzip geordnetes Ganzes) ausmachen; einige Modifikationen desselben koͤnnen also nach der Ersten, andere hingegen nach der letztern Voraussetzung erklaͤrt werden. Die besondren Modifikationen, die die Seele durch die aͤußern Eindruͤcke erhaͤlt, sind offenbar von der zweiten Art. Daß ich jetzt eben die Empfindung der rothen Farbe z. B. habe, laͤßt sich so wenig aus der bloßen Rezeptivitaͤt oder der Faͤhigkeit meiner Seele, Eindruͤcke uͤberhaupt zu erhalten, als aus den schon erhaltnen Seelenmodifikationen erklaͤren; d.h. in dieser Ruͤcksicht macht meine Seele nicht fuͤr sich, sondern mit andern Dingen ein System aus. Es koͤnnen also verschiedene den aͤußern Beziehungen nach so sehr von einander getrennte Seelen dennoch in einer Wechselwirkung mit einander stehn; und so wie wir, wenn wir die Seele als ein fuͤr sich bestehendes Ding betrachten, die Luͤcken der Zeit in Gedanken ausfuͤllen, so koͤnnen wir auch hier die Luͤcken des Raumes ausfuͤllen.

27

Nach Leibnizens Monadenlehre und der Harmoniapraͤstabilita kann eine mit Bewußtseyn begabte Monade (Seele) zweierlei Arten von Modifikationen erhalten; die eine ist das Resultat der Wirkung und des Leidens aller derjenigen Monaden, die mit ihr in einer besondern Beziehung stehn; d.h. der Organisation. Die andere ist der unmittelbare Einfluß einer andern Monade, die ihrem innern Wesen nach mit jener in einem genauen Verhaͤltniß steht.

Man kann der Psychologie, so wie auch jeder andern Naturerkenntniß keinen groͤßern Schaden zufuͤgen, als wenn man sich bemuͤht, alles, was in dieser Wissenschaft vorkoͤmmt, unter ein einziges System zu bringen.

Derjenige, der ein solches System einmal geschmiedet hat, verengt dadurch selbst seinen Gesichtskreiß; er findet in der Wissenschaft nichts mehr, als was diesem Systeme gemaͤß ist. Alles uͤbrige, was sich ihm darinn aufdringt, verwirft er mit einem philosophischen Trotz.

Die auf die Voraussetzung gegruͤndete Psychologie, daß die Seele kein fuͤr sich bestehendes Wesen, sondern ein Theil eines groͤßern Ganzen (des Weltalls) ausmacht, ist zwar weniger rein, als die auf die Substantialitaͤt der Seele gegruͤndete. Sie ist aber um desto vollstaͤndiger als diese.

28

So ist auch die auf jene Voraussetzung gegruͤndete Moral weniger der Eigenliebe und dem Jnteresse schmeichelhaft, aber desto mehr naͤhert sie sich der Jdee dieser Wissenschaft*),*) Sie ist das stoische secundum naturam vivere; d.h. sich als ein Theil der allgemeinen Natur betrachten und diesem gemaͤß handeln. als die auf diese Voraussetzung gegruͤndete. Die Unsterblichkeit der Seele ist nach der Voraussetzung der Substantialitaͤt derselben den menschlichen Wuͤnschen angemessener; nach der entgegengesetzten Voraussetzung ist sie hingegen um desto fester gegruͤndet.

Man verfaͤhret also hier, wie in allen dergleichen Faͤllen, am vernuͤnftigsten, wenn man[ keines] dieser beiden Systeme gaͤnzlich verwirft, und von einem jeden mit gehoͤriger Einschraͤnkung einen Gebrauch macht. *) *) Trennen und Verbinden sind zwei entgegengesetzte Mittel, wodurch man zur Erkenntniß uͤberhaupt gelangt; durch einen proportionirten Gebrauch dieser beiden Operationen gelangt man zur richtigen Erkenntniß. Anfangs liegt alles, wie in einem Chaos in Verwirrung; alle Seelenvermoͤgen werden auf alle Gegenstaͤnde ohne Unterschied angewandt; die Erkenntniß der Dinge kann daher nicht anders, als verworren seyn. Nach und nach wird in dieses Chaos Licht und Ordnung gebracht; man faͤngt an, sowohl die verschiedenen Seelenoperationen von einander zu trennen, als einer jeden den ihr angemessenen Wirkungskreiß anzuweisen. Daraus entstehen verschiedene Wissenschaften, wie auch verschiedene Systeme in einer und eben derselben Wissenschaft. Man pflegt aber auch hierinn zu uͤbertreiben, wodurch man an statt der vorigen Verwirrung, Steifigkeit und Einseitigkeit hervorbringt. Man will eine jede Wissenschaft und ein jedes System, ihrer Natur zuwider, voͤllig rein erhalten. Bei weiterem Fortschritte in den Wissenschaften lernt man erst diese wichtige Wahrheit kennen, daß so wenig das Trennen allein, als das Verbinden zu gebrauchen sey, sondern: medium tenuere beati! 22Maimon.

29

Zur Seelennaturkunde.

1. Zwei Briefe von Taubstummen. *) *) Diese beiden Briefe sind mir vom Herrn Edukationsrath Campe in Braunschweig guͤtigst mitgetheilt worden. Wegen des ganz eignen und zuweilen homerischen Jdeengangs verdienen sie gewiß in einem Magazin der Erfahrungsseelenkunde einen Platz.24Moritz.

25,26
Lieber Freund!

Es freuet mich dir kennen zu gelernet haben, ich wuͤnsche daß du noch wohl und gesund in Braunschweig bist. Jch denke oft an dich, weil30 du bist ein kluger und braver Mann, ich habe dich recht lieb, und verehre dich. Wie befindet sich deine liebe Frau Gemahlin und liebe Tochter. Jch bin vergangenen Donnerstag Morgen fruͤh um 5 Uhr mit meiner Mutter, Herr Heinicke, meine Schwester und Herr Commisionsrath Oppermann und seine Familie von hier nach Mors bei Mademoisell Rappert gefahren, wir sind daselbst abgestiegen und ihr besuchet; wir haben Kaffe getrunken, und Hesbelges dazu gegessen, hernach sind wir bei der liebenswuͤrdige Madam Martin zu Tische gegangen, und haben daselbst gespeiset und getrunken. Es hat alles vortreflich geschmeckt. Nachher haben wir Kaffe getrunken. Nach dem Trinken sind wir spatzieren in Herr Wilhelms sein Garten vor dem Thor gegangen, sind in einem kleinen Schiffchen dem Wasser uͤbergefahren und nach eines schoͤnes Gartenhaus gekommen. Jch habe daselbst in eine Schaukel gesessen und mich geschaukelt. Jch habe gesehen, daß Bauernkerls Fische gefangen haben. Wir haben Butterbrod gegessen und Wein dazu getrunken, darauf habe ich von Madame Martin, Mademoisell Sixt, 2 Mademoisell Rappert und Herr Wilhelms und seine Familie Abschied ge -31 nommen, und ihnen dreimal gekuͤßet und gesaget: Adje lebe Wohl, und wir sind von Mors nach hier angekommen. Madam Martini ich recht lieb habe, wie ein lieber Herr Kampe, Sie auch ist eine recht liebenswuͤrdige, brave, artige und kluge Frau. Sie hat vorige Woche ein recht schoͤnen Brief an mich geschrieben, und ich habe ihn durchgelesen, und mich daruͤber gefreuet. Gestern Abend um halb zehen Uhr sind viele Menschen in der Reformirten und Katholischen Kirche sehr geschwind gegangen, und sie haben daselbst sehr stark gelaͤutet. Viele Menschen haben es gehoͤret sie sind sehr geschwind nach Vitingshof gelaufen, haben es gesehen, daß 2 Haͤuser sind abgebrannt, haben es ausgeloͤschet und Herr Heinicke hat mir erzaͤhlet daß 2 Schweine und ein Hund sind todt verbrannt, die Kuh und das Pferd sind aus dem Stall auf dem Felde gelaufen. Jch auch hingehen wollte, aber meine Mutter hat mir gesaget, ich soll zu Hause bleiben. Jch bin außerordentlich daruͤber erschrocken, und ich habe gesaget, Potztausend, Jch bedaure die armen Leute recht und ich putze alle Abend das Licht aus vorsichtig. Sei so guͤtig und schreibe dich und deine Frau Gemahlin und liebe Tochter in mein Stammbuch und sage deine Tochter, sie soll etwas huͤbsches darin zeichnen zum Andenken. Jch habe dich auch recht lieb. Ein Kompliment von mir an deine liebe Frau Gemahlin. Auch ein Kompliment von meine32 Mutter und Herr Heinicke an dir und deine Frau Gemahlin, Herr Professor Stufe und Mademoisell Tochter. Jch bin

Dein gehorsamster Juͤngling und Freund. 1Peter von der Herberg.
28,29
Mein lieber Freund!

Jch freue mich daß du gesund und wohl bist. Herr Heinicke hat zu mir gesagt, ich soll einen Brief an Herrn Educationsrath Kampe schreiben.

Vor ohngefaͤhr halb Jahr bin ich mit Madam Winkelmann und Peter nach Emmerich gefahren, und wir haben daselbst meine liebe Mutter besuchet, und haben bei ihr gelogiert und wir haben daselbst auf der Kirmse gegangen. Vor ohngefaͤhr zwei Wochen vor 11 Tage Herr Johan Winkelmann ist nach Emmerich gereiset, und er hat bei Herr Geeven gelogiret, und er hat daselbst auf der Kirmse gegangen. Jch bin mit Madam Winkelmann ihrer Schlafstube zu Bette33 gegangen. *)*) Diese Kleine wohnt nicht bei mir, sondern bei einem gewissen Herrn Winkelmann. Sie will damit sagen: sie haͤtte, sobald Hr. W. verreist war, bei der Fr. W. geschlafen.Heinicke. Zukuͤnftigen Donnerstag Morgen oder Nachmittag oder Abend werden meine Mutter Bruder, und der Johan Winkelmann aus Emmerich hier ankommen, und sie werden bei mich besuchen und sie werden bei Madam Winkelmann logiren und ich freue mich sehr daruͤber. Jch werde zu meine liebe Mutter sagen: guten Tag, es freuet mich dir wohl zu sehen. Wie hast du dich so lange befunden.

Sey so guͤtig und mache ein Kompliment von mir an mein lieber Herr Educationsrath Kampe seine Frau und deine Tochter, auch ein Kompliment von Herr Heinicke. Jch bin

Deine liebe Freundin und Jungfer2Johanna Lammets.
34

2. Untersuchung der Moͤglichkeit einer Charakterzeichnung aus der Handschrift.

31

Der mit einem geistigen Aether durchstroͤmte Nerve empfindet sehr vieles, was fuͤr[ den] groͤber organisirten Boeotier gleichsam Nichtexistenz ist, und das durch Erziehung hoͤher geschrittene Menschenalter entdeckt eben so viel neues, wofuͤr der noch in seinem harten Knochengebaͤude ruhende Embryo des Menschengeschlechts weder Empfaͤnglichkeit noch Gefuͤhl hatte. So steht denn taͤglich eine neue Welt auf, nicht allein umgeaͤnderte Modifikazion der alten, sondern wuͤrklich neue Schoͤpfung, fuͤr den empfindenden nicht minder, als fuͤr den physischen Menschen neue Welttheile und Kolumbusse.

Schwaͤrmer nennt unser Zeitalter unter andern auch diejenigen, welche, wie jener kuͤhne Seefahrer auf der Spitze seines Schifs, solche unbekannte Welttheile ahnden die der periodischen Erziehung ihrer Zeitgenossen vorangeschritten, den Leibnitzischen Uebergang von dem rohern zu dem kuͤnftigen gebildeten Menschengeschlechte machen, und die ihre nur von fern ahndenden Empfindungen den schon alles entdeckt glaubenden Zeitgenossen verkuͤndigen. Gewiß draͤngen solche feiner gebildete35 Menschen ihre Entdeckungen nicht in kalte Schlußformen und systemfaͤhige Periodenreihen, durch welche sie sie auch nicht gefunden und erkannt haben freilich graͤnzen sie mit ihrer gluͤhenden Einbildungskraft und schwebenden Empfindungen mehr an Dichter als an Philosophen an: ist aber auch etwas natuͤrlicher, als dieses, mehr mit dem Geiste jeder gefundenen Wahrheit uͤbereinstimmend, als daß sie eher empfunden, als gedacht, eher gedichtet, in Gefuͤhlen geahndet, als trocken dargestellt werden kann?

Auf der ewigen Ausdehnung der Koͤrperwelt schweben die ewigen Denkformen der Seele der Geist Gottes um durch sinnliche Analogie von außen die angebornen Wahrheiten und Gesetze des geistigen Wesens zu entwickeln, und so Welt, Koͤrper und Geist zu einer gegenseitigen harmonischen Mitwuͤrkung zu stimmen. Seele und Form der koͤrperlichen Ausdehnung sind gleich ewig gleich angeborne Gesetze und Wahrheiten: mit einmal sinkt also das Gebaͤude, das jede der philosophischen Partheien eine fuͤr ihre angebornen Denkgesetze die andere fuͤr ihre sinnliche Erfahrung einseitig auffuͤhrt: Seele und Welt, Denkgesetz und Ausdehnungsform ist eins, nur dieses versinnlicht das Band einer harmonischen Entwickelung und einer gegenseitigen Erziehung.

36

Empfindung ward so gleichsam die Grundlage der Vernunft, der empfindende Mensch, der Vorgaͤnger des Denkenden und der Schwaͤrmer der Vorlaͤufer des Philosophen. Erst sinnlich aͤußeren Anreitz denn auf Empfindung und Ahndung schwebender Geist der Einbildungskraft und endlich vollendete klare Erkenntniß und abgezogene Wahrheit. Leibnitzisches durch feinere Sinnorgane gewecktes Ahnden einer ewigen Stufenfolge der Schoͤpfung und endlich durch Erfahrung und Denken gepruͤfte und gefundene Wahrheit derselben. Darfst du noch vor dem Nahmen Schwaͤrmer erroͤthen,33Lavater; noch staunen, daß deine so innig empfundene Harmonie des Menschengesichts und Menschenseele von deinen Zeitgenossen denen du zu fruͤh vorangeschritten, zu fruͤh die Periode einer verfeinerten Menschheit verkuͤndiget hast daß von ihnen deine Empfindungen nicht verstanden, nicht mitempfunden und gefuͤhlt werden! Laß sie nur erst zu der Stufe, wo der Geist des schwerern Nervens entloͤst der Welt offner steht, nur erst dahin laß sie, gewiß sie werden deine Empfindungen noch nachempfinden nur zu spaͤt fuͤr dich erkennen, nur erkannt als einige Wahrheiten hinstellen! Das Genie schwaͤrmt immer so viele Augenblicke seiner Existenz hin, so viele es mit neuen Ahndungen und Empfindungen ausfuͤllt. Das Genie ist jederzeit Schwaͤrmer nicht aber jeder Schwaͤrmer Genie.

37

Jch darf weder hoffen, den Nahmen des Schwaͤrmers zu verdienen, noch ihn fuͤrchten, von dem grob organisirten boeotischen Allwisser zu hoͤren, wenn ich fuͤr eine Erscheinung, die mehr, wie so manches andere, ist belacht, als gepruͤft worden, wo nicht Empfaͤnglichkeit, doch wenigstens Ernst habe, um sie einer gruͤndlichern und denkendern Untersuchung zu unterwerfen. Jch glaube, der Anthropologie einen kleinen Beitrag liefern und ihre Aussichten erweitern zu koͤnnen, wenn ich sie selbst zur Entscheidung der Frage hervorrufe, und auf sie das Resultat der Untersuchung zuruͤckkommen lasse: ob und in wie fern eine Charakterzeichnung des Menschen aus seiner Handschrift wahrscheinlich und moͤglich ist? Vier Gesichtspunkte, die ich mehr oder weniger zur Entscheidung nur angeben darf, bieten sich mir zur voͤlligen Betrachtung dieser Frage dar:

  • 1) Welchen bestimmenden Einfluß hat der Nerve auf den intellektuellen, empfindenden und moralischen Menschen?
  • 2) Welchen bestimmenden Einfluß leidet der Nerve selbst von den uͤbrigen ihn umgebenden Bestandtheilen des Koͤrpers dem Blute, Knochen und Fleische.
  • 3) Haben die verschiedenen Modifikazionen des Nervens auch verschiedene aͤußere harmonische Nachbildungen, Bewegungen, Thaͤtig -38 keiten der Glieder? und hat daher der Zustand des innern Menschen auch gemaͤßen Ausdruck in dem Aeußern seines Handelns dem Bewegen seiner Haͤnde, Finger u.s.w.?
  • 4) Jst es daher moͤglich, charakteristische Handschriften zu denken und durch Erfahrung in denselben Charakterzeichnungen des Menschen zu bestaͤtigen?

Keine Hypothese uͤber die Struktur der Nerven scheint mir zur Erklaͤrung der so mannichfaltigen Erscheinungen des Empfindens so zureichend und dem Hinschweben der geistigen Schoͤnheit so angemessen zu seyn, als der Nervengeist, der den Nerven durchstroͤmt das feinste, unzerstoͤrbarste der Materie, das sich nach dem Hinsinken der aͤußern groͤbern organischen Huͤlle wahrscheinlich zu einem neuen feinern Medium zwischen Welt und Geist entwickelt. So lange Aufeinanderfolge und Nebeneinanderseyn die Denkgesetze jeder Geisterart bleiben, so lange der menschliche Geist sich nicht selbst zu der hoͤchsten einzigen letzten Vollendung hinschwingt, so lange muß ein Organ da seyn, welches die moͤglichen Tonbestimmungen, moͤglichen Anreiz und Anschlag der geistigen Empfindung und Thaͤtigkeit in sich traͤgt, und alle die moͤglichen Zeitmodifikazionen und Ausdehnungsformen, die sich in jene aufloͤsen, nachzubilden faͤhig ist. Es kann fuͤr das geistige Wesen nicht gleichguͤltig seyn, wie das39 Medium beschaffen ist, durch welches es Einwirkungen bekommt und austheilt, nicht fuͤr seine Thaͤtigkeit, Art, Staͤrke, Geschwindigkeit derselben gleich bestimmend, ob das Fluidum mehr oder weniger geistig, mehr oder weniger traͤge, mehr mit diesen als jenen Bestandtheilen getraͤnkt ist. Ohne daher selbst Abstufungen des menschlichen Geistes anzunehmen, ist dieses allein vermoͤgend, alle die tausend individuellen Modifikazionen des empfindenden, moralischen und intellektuellen Menschen hervorzubringen, deren letzte sich an die Einheit anschließt, und deren hoͤchste in dem kuͤrzesten Zeitraum die mannichfaltigsten Momente der idealischen Schoͤnheit durchgehet. Je nachdem der geistige Aether des Nerven die sinnlichen Darstellungen der Schoͤnheit in sich zu fassen, und nachzubilden im Stande ist: je nachdem entstehen die verschiedenen Erscheinungen des intellektuelempfindenden Menschen. Aetherische Geistigkeit und stille leichte Ruhe derselben werden daher die physischen Erfordernisse zum hoͤchsten Gefuͤhl und Genuß des Schoͤnen. Jene bewuͤrkt die Empfaͤnglichkeit fuͤr Zeitvorstellungen und das Hinschweben auf den Zeitformen der Ausdehnung: diese aber die treue Nachbildung der Aufeinanderfolge der Zeittheilchen, welche die Schoͤnheit bildet. Mit gluͤcklicher Bildung empfaͤnglicher Sinnenwerkzeuge verdankt der Tonkuͤnstler, Mahler, Bildhauer jeder seine eigene Darstellungsart bloß diesen verschiedenen moͤglichen Graden der40 aͤtherischen Geistigkeit und der leichten gefaͤlligen Ruhe. Feurigerer, geschwinder, staͤrker wuͤrkender geistiger Aether bildet den Mahler, der alle seine Empfindungen in dem eben so geschwindern und staͤrker wuͤrkenden Nebeneinanderseyn darstellt: hingegen leichtere, ruhigere Geistigkeit desselben den Tonkuͤnstler, der seine Empfindungen in der sanftern, gefaͤlligern Aufeinanderfolge hinschweben laͤßt.

Der moralische Mensch leidet eben so viel Veraͤnderungen seines Daseyns durch die verschiedene Beschaffenheit des Nervengeistes. Der Freigeist und der Religioͤse der moralische Sanguiniker und der furchtsame Gewissenhafte jeder hat seinen eignen Boden, aus dem seine Empfindungsart hervorbricht.

Laͤngst bewiesen ist von Anthropologen der Einfluß des Nerven auf das geistige denkende Wesen, daß ich also wohl die erste Frage dieser Untersuchung weitlaͤuftig genug beantwortet zu haben glauben darf.

Weiter koͤnnte ich die zweite Frage ausdehnen, welchen Einfluß der Nerve von den uͤbrigen Bestandtheilen des Koͤrpers leidet? weitlaͤuftiger koͤnnte ich hier seyn, wenn ich nicht schon diese Untersuchung anderswo durch meine Temperamentslehre vollendet glaubte.

41

Nur fragmentarisch wie uͤberhaupt diese ganze Untersuchung nichts als Fragment seyn soll will ich die dritte Frage mit Beobachtungen des gemeinen Lebens beantworten, da sie schon uͤberdies durch Engels philosophische Mimick und Lichtenbergs Bemerkungen aus seiner satyrischen Menschenkenntniß ist bewiesen worden.

Jeder Mensch hat nach seinem innren Charakter auch etwas aͤußerlich charakteristisches, aͤußerlich auffallendes, kontrastirendes, unzusammenstimmendes. Goldmacher, Mystiker, Apokalyptiker lasset sie ruhig bei ihrem Kruge Bier hinterm Tische sitzen, und wer kennt sie schon da nicht an der verdrehten Form ihres Hutes, den schielenden Blicken ihres Auges, dem schiefen Sitzen ihres Kopfes und Halses?

Wie viel charakteristisches liegt nicht allein in der Form und dem Sitzen des Huts! Jedes Temperament hat einen eigenen Schnitt, eine eigne Art ihn zu tragen: mit dem Sanguiniker ist er sanguinisch, mit dem Renomisten renomistisch, mit dem Geistlichen geistlich, dem Denkenden denkend, und mit dem Pflegmatischen pflegmatisch. Der Renomist laͤßt die Seitenspitzen desselben auf seine breiten Schultern herabhangen, und die Vorderspitze, die sich kolbicht zu den zwei Seitenmauern hinbiegt, rund und schier nach dem Himmel steigen. Der sanguinische Geniemacher kneipt die Spitzen42 des Hutes klein, laͤßt die Vorderspitze wie ein Schif sich uͤber das Auge hinstrecken, den Hut selbst vorne auf der Nasenwurzel ruhen, und hinten in die Hoͤhe steigen. Auf Universitaͤten, wo so manches Genie, mancher Dogmatiker, Renomist, mancher Schulfuchs unter einander laͤuft, moͤchte ich Chodowieckische Tafeln von Koͤpfen und Huͤten zeichnen! H und J ist der Sitz der renomistischen , L hingegen der kleinen Geniehuͤtchen, und es waͤre wohl keine possirlichere Grouppe von Hogarthschen Karikaturen zu bilden, als eine Verwechselung der Huͤte! Der H maͤchtige Renomist auf das ausgedoͤrrte Koͤpfchen so manchen L Staͤdtsoͤhnchens: und das kleine L Geniehuͤtchen auf den stieren Nacken und Kopf eines H Studierenden.

Der Handwerksbursche, der des Sonntags auf sein Bierhaus gehet, laͤßt die Hinterkrempe auf dem Zopfe auf - und niederschlagen, und wie eine Flagge hin - und herwehen. Manchen Reisenden Bettler, fragt nur diesen, seine Charakteristik truͤgt ihn gewiß nicht, wenn er jemanden mit auf ein Auge gesetztem Hute und schleichenden Schritten herbeikommen sieht.

Der Sanguiniker, Choleriker, Boeotier, jeder traͤgt seinen Arm, seine Haͤnde anders, schwenkt sie, hebt sie, giebt sie anders. Der sich selbst genuͤg -43 same Pflegmatische, der eben so wenig Staͤrke in seinem Kopfe als in seinem Koͤrper hat, laͤßt seine langen Haͤnde an den Huͤften herunterbaumeln. Der gichtische Hektiker schwenkt sie in tausend Zuckungen um seinen Kopf herum. Der handfeste Renomist draͤngt seine Hand und Finger in einem Knoten zusammen, um so seine Staͤrke in einem Punkte konzentrisch zu fuͤhlen.

Wie der Kopf, so der Fuß: und bei denen dieser mehr vermag, als jener der Fuß wie der Kopf. Kein Mensch gehet mit dem andern gleich, so wie keiner dem andern ganz gleich ist. Der Pflegmatiker nimmt sich gerne, wie er sagt, bei seinem Spatziergange Zeit: der Sanguiniker um sich Motion zu machen, laͤuft bei Spatzierengehen Bothschaften: der Boeotiker aber geht seinen angefangenen Schritt fort; das heißt, einen derben taktmaͤßig langsam sich erhebenden und niederfallenden Hufschlag. Beobachter setze dich auf oͤffentliche Wege, Alleen, Gaͤrten, wo deine Welt vorbeispatzieret, so mancher gottesfuͤrchtige Handwerker, und schwere Gelehrte, so mancher springende Windbeutel, und schwerfaͤllige Handelsmann; so manche naseweise Ehefrau, so manche auf ihre Unschuld, auf ihre noch unberuͤhrte Jungferschaft haltende Jungfer mit steifem Rocke, und fest versiegelten Halstuch; und so manches arme in dem Hinsehnen ihrer Empfindung und dem44 Augenblicke der Liebe gefallene, vor dem schiefen Blicke ihrer keuschen Schwestern, erroͤthende Maͤdchen einander begegnen: dahin setze dich, wenn dich Unwillen und Verachtung des Lebens ergreift, bitterer Spott, daß du dich verkannt und Thoren gekannt siehst; setze dich dahin nur einen Augenblick, und gewiß, du wirst ruhig in deine einsame Kammer zuruͤckkehren, und stolz danken, daß du nicht reicher Kaufmann, nicht reicher Thor, nicht reicher Schwelger bist, sondern daß du das bist, was du bist und nicht scheinst, daß du bist, was andere nicht sind, die nur scheinen. Kunst, Zwang, selbst koͤnnen nicht den Charakter verdraͤngen, der sich aͤußerlich dem innren nachbildet, in den Vergnuͤgungen, den Spielen jugendlicher Unschuld, dem Tanz, der jetzt Drahtzieherei und maschinenmaͤßige Bewegung ist. Keinen einzigen findest du unter hundert, die alle bei einem Tanzmeister gelernt haben, der nicht einen eignen Charakter in seine Bewegungen, ein eignes Temperament in seine Tanzart einmischte. Gehe auf Hofbaͤlle, willst du stolze, fette in sich eingewickelte Hofnarren und Hofleute sehen, und eben so widerliches Auftalpen und Fortschleppen des Tanzes: in Schenken bei laͤndlichen Kirmsfesten, willst du dich an dem reinen rohen unverzaͤrtelten Ausdruck der Freude vergnuͤgen: und in die Wohnungen weiblicher jugendlich bluͤhender Unschuld, wenn du dich an ihren Taͤnzen deiner warmen Empfindung, deiner Liebe freuen45 willst. Wie der Charakter der Seele, so der Ausdruck des Koͤrpers die Mimik.

Zugestehen wird man mir dies, denn Erfahrung redet zu deutlich dafuͤr, und das Alter der Beobachtung, welches an dem Glauben des Menschen so viel Theil zu haben scheint: ohne mir die hergeleiteten Schluͤsse und Folgerungen gelten zu lassen, daß also auch die Handschrift den Charakter ihres Schreibers an sich tragen, und eine Charakterzeichnung aus derselben, wie aus der Bewegung der Haͤnde und Fuͤsse, moͤglich seyn muͤsse. Jst denn jenes nicht eben sowohl, als dieses, Bewegung des Nerven und des Muskels? und sollte sich nur hier allein die verschiedene Modifikation desselben abdrucken und abbilden?

34Lavatersagt: » ich bemerke eine große Aenhlichkeit zwischen Handschrift, Sprache und Gang des Menschen. « Jst denn auch wohl etwas physisch richtiger, als dieses, da alle diese Erscheinungen Wuͤrkungen des naͤmlichen Nerven und der naͤmlichen Nerven Modifikation sind? Das Nervengewebe des Gaumens, der Zunge, der Hand, des Fusses haben eine Tinktur, nothwendig muͤssen also die sinnlichen Ausdruͤcke mittelst derselben nur eine Tinktur und nur eine Charakteristik haben.

Thue ich etwas mehr, wenn ich die Charakterzeichnung aus der Handschrift behaupte, als daß46 ich die Haͤrte, Weichheit, Ruhe, Staͤtigkeit, Geistigkeit und Empfaͤnglichkeit des Nerven in den Buchstaben zu finden glaube? Thue ich etwas mehr, als jener Schriftsteller, den Winkelmann in seiner Geschichte der Kunst anfuͤhret, der aus dem haͤrtern oder weichern Nervengewebe des Gaumens den verschiedenen Sprachausdruck herleitet: » Die Bildung des Gesichts ist so verschieden, wie die Sprachen, ja wie die Mundarten derselben; und diese sind es vermoͤge der Werkzeuge der Rede selbst, so daß in kalten Laͤndern die Nerven der Zunge starrer und weniger schnell seyn muͤssen, als in waͤrmern Laͤndern; und wenn den Groͤnlaͤndern und verschiedenen Voͤlkern in Amerika Buchstaben mangeln, muß dies aus eben dem Grunde herruͤhren. Daher kommt es, daß alle mitternaͤchtige Sprachen mehr einsylbige Worte haben, und mehr mit Konsonanten uͤberladen sind, deren Verbindung und Aussprache andern Nationen schwer, ja zum Theil unmoͤglich faͤllt. Jn dem verschiednen Gewebe und Bildung der Werkzeuge der Rede suchet ein beruͤhmter Scribent sogar den Unterschied der Mundarten der Jtaliaͤnischen Sprache. Aus angefuͤhrtem Grunde, sagt er, haben die Lombarder, welche in kaͤltern Laͤndern von Jtalien geboren sind, eine rauhe und abgekuͤrzte Aussprache; die Toskaner und Roͤmer reden mit einem abgemessenern Tone; die Neapolitaner, welche einen noch waͤrmern Himmel ge -47 nießen, lassen die Vocale mehr als jene hoͤren, und sprechen mit einem voͤlligern Munde. «

Hand und Handschrift ist eins, ein Ausdruck. Diese ist wie jene; wie sich jedes Temperament auf der Hand, dem Finger und Nagel unterscheidet: so unterscheidet es sich auch so in den verschiedenen Zuͤgen des Buchstabens. Noch keinen Pflegmatiker habe ich gesehen mit der Hand, den Fingern, Naͤgeln eines Cholerikers, runde, fette, weiche, glaͤnzende Hand mit kleinen fetten zugespitzten Fingern und weißen kurzen kleinen Naͤgeln statt der langen knoͤchernen mit Adern durchkreuzten Hand des Cholerikers: kein Weib mit der Hand, den Fingern eines Mannes, wie keinen Mann mit der eines Weibes so wie noch keinen Mann mit der stillen innig ruhig hinfließenden Empfindung des weiblichen Herzens, und kein Weib mit dem festen kalten Biedersinn, der gestaͤhlten Brust des Mannes. Die Hand arbeitet durch Einwuͤrkung der Seele, mittelst der vielen Muskeln und Nerven, die sich an ihr herunterschlaͤngeln und zu den Fingern hinlegen. Ein eigenes anatomisches Studium verlangt dieses Glied des menschlichen Koͤrpers mit seinen tausend verborgenen Nerven - und Muskelverbindungen, welches nach dem Gesichte am deutlichsten die innren Bewegungen und Empfindungen der Seele abspiegelt, welches eben so, wie das geistigere Empfinden, den Men -48 schen uͤber das Thier erhebt, und mit welchen der Mensch zunaͤchst die Werke seiner Unsterblichkeit aufstellt, und die Existenz seiner Empfindungen verewiget. Das Spiel der Haͤnde ist das Spiel der thaͤtigen, wuͤrkenden Seele, und die Bewegungen derselben die Bewegungen des innren moralischen Herzens. Betet je wohl einer mit, statt hingesenkter sanft in einander geschlagener Hand, geballter in einander gedraͤngter Fingerkraft? ist wohl einer mit eingeknippenen Haͤnden freigebig, mit ruhigem Fingerspiel zornig? Koͤnnte ich die Jahre wieder erkaufen, wo deine zarte Hand sich an dem Halse deiner Mutter umklammerte, wo sie noch von keinem Nervenweh geschmerzt unschuldig in den Luͤften sich hinbewegte! Erkauftest du weniger als deine Unschuld, den ruhigen zufriedenen Kindheitssinn deines Herzens? Besonders die Ruh der Empfindung zeigt sich in der Ruhe der Hand und das quaͤlende Gewissen des Moͤrders in den sich windenden Kraͤmpfen seiner Finger! Die Angst der hinscheidenden Empfindung des Sterbenden in dem zuckenden aͤngstlichen Zupfen an seinem Bette oder seinem Sterbekleide. Der Mensch, der jetzt einen Gedanken entwickelt, hin und wieder aber Schwuͤrigkeiten findet, daß er nicht seelig werden, sich nicht herausfinden kann, nimmt was ihm unter die Hand kommt, ein Stuͤck Papier, Holz, und macht es nach und nach klein, zerbricht es in tausend Stuͤckchen, wie er den Gegenstand selbst in49 seiner Seele nach und nach zergliedert und gleichsam kleiner macht. Der Melancholische, der immer auf eine Jdee hingerichtet ist, liest Federn von seinem Rocke, auch wo er sie nicht findet. Der Hypochondrist umfast in den aͤngstlichen Sorgen der Zukunft mit der rechten die linke Hand uͤber dem Gelenkbein.

Die Hand also so voll Ausdruck der Seele sollte in ihrer Bewegung des Schreibens, dem Zeichnen des Buchstabens so ganz ohne Charakteristik seyn? die Handschrift nichts von der eigenthuͤmlichen Modifikazion ihres Pinsels, der Hand und des Nervens enthalten?

Wie ist dieses moͤglich, wirft man ein, da erstlich das Schreiben eine nach Regeln bestimmte mechanische Bewegung der Feder und mechanischer Zug des Buchstabens ist? Wie ist es moͤglich, da jeder sich nach seinem Schreibemeister bildet? Da endlich jeder Buchstabe seine bestimmten Graͤnzen hat, die unveraͤnderlich sind? Wie viel kommt nicht auf die Feder an, wie sie geschnitten ist, wie ich selbst habe schreiben wollen? u.s.w.

» Das Schreiben ist eine nach Regeln bestimmte Bewegung der Feder! « Dieser Einwurf schraͤnkt sich vors erste gleich dahin ein, daß50 das Schreiben eine nach Regeln bestimmte Bewegung der Hand ist, mit der und durch deren Fuͤhren der Feder der Buchstabe hingemahlt wird. Die Feder verhaͤlt sich also ganz leidentlich dabei, und muß nur der Bestimmung der Hand folgen. Uebrigens aber, so bestimmt auch die Regeln der Bildung des Buchstabens sind, so viel Arten sind auch wieder moͤglich, diese Regeln zu vollstrecken. Giebt es nicht tausend Linien in die Hoͤhe, je nachdem sie von der Perpendikularitaͤt abweichen, ruͤckwaͤrts oder vorwaͤrts sich neigen, giebt es nicht tausend moͤgliche Verbindungen der Buchstaben untereinander, rund, geschaͤrft, spitzig, abgebrochen, oder wohl gar keine, jeder einzeln isolirt von dem andern? Giebt es nicht Zuͤge und Verzierungen der Buchstaben, die mehr willkuͤhrlich, als bestimmt sind? Das Mechanische, das das Schreiben zu haben scheint, faͤllt also ganz weg, und wird mehr ein nach dem Nervensystem der Hand sich richtender Ausdruck im Buchstaben. So wenig wuͤrklich der Tackt, das Pas eines jeden Tanzes das Charakteristische des Ausdrucks einer jeden Taͤnzerin versteckt und zu einer mechanischen Bewegung des Fußes macht: so wenig macht auch die Vorschrift des Buchstabens die tausend Moͤglichkeiten, ihn nach dem Charakter des Nervens zu bilden, unmoͤglich.

» Jeder bildet sich nach seinem Schreibemeister: « Lasset hundert Kinder bei Einem51 schreiben lernen, und sehet nach vier, acht, zehn Jahren ihre Handschriften an: glaubt ihr dann wohl noch viel Aehnlichkeit mit ihrem ehemaligen Schreibemeister zu finden, viel von der Bildung, die einst von ihm ihren Buchstaben ist vorgezeichnet worden? Der harte feststehende perpendikulaͤre Buchstabe des mechanischen Schreibemeisters wird ohnmoͤglich der Buchstabe des Nervenschwachen, des empfindsamen Dichters werden koͤnnen, trotz alles Unterrichts nicht das harte mechanische der Vorschrift die Handschrift der weichern Maͤdchen, die sich nach ihr bilden sollen. Der Schreibemeister thut weiter nichts, als daß er die Art die Zeichen zu machen lehrt, wodurch Worte geschrieben werden. Weiter thut er nichts, nicht im Stande ist er bis zur einzigen Nachbildung seines Buchstabens zu tyrannisiren. Freilich faͤllt die Moͤglichkeit einer Charakterbestimmung ganz weg bei dem Kinde, das jetzt unter der Zucht des Schreibemeisters stehet, oder nur seiner Hand entlaufen ist; so wie der Charakterausdruck des Temperaments in dem aͤngstlichen Tanze des Kindes nicht moͤglich ist, ehe es das steife Pasmachen des Tanzmeisters verlernt, und durch Uebung sich von dem Blick auf die Fuͤsse gewoͤhnt hat.

» Jeder Buchstabe hat seine bestimmten Graͤnzen: « Wer setzt ihm diese Graͤnzen, gewiß ihr blos, die ihr mir dieses einwendet. Jch52 finde wenigstens keine Graͤnzen beobachtet in den Buchstaben des Sanguinikers, nicht dieselben in denen des Cholerikers, noch weniger die naͤmlichen in denen des Pflegmatikers oder Boeotikers. Jeder setzet sich seine eigenen Graͤnzen, macht sich seine eigenen Formen, seine eigenen Zusaͤtze durch Zuͤge, seine eigenen Abkuͤrzungen, kurz seine eigene Bearbeitung des Buchstabens. Eben dieses ist ein Beweiß, weil jeder Buchstabe gewisse Graͤnzen haben sollte, aber sie nicht hat, daß Ursache, physische Ursache des Koͤrpers, des Nerven, des Temperaments, das auf die Seele Einfluß hat, da seyn muͤsse, welche diese Gesetzlosigkeit hervorbringe, eben die Ursache, welche in der Mahlerey den verschiedenen Styl und den verschiedenen Umriß bildet.

» Wie viel kommt allein nicht auf die Feder an? « Nicht mehr als auf[ den] Pinsel, der die Empfindungen des Mahlers auf der Leinewand lebendig darstellt, und noch weniger, da der Schnitt der Feder selbst von der Hand des Schreibers abhaͤngt, aber der Pinsel das Verdienst des Handwerkers ist, der sie alle nach einer Regel, nach einer mechanischen Routine macht, ohne auf[ den] Mahler zu sehen, der ihn brauchen wird. Freilich mit einer verdorbenen Feder kann die Handschrift nur halb und wenig charakteristisch werden; wie mit einem verdorbenen Pinsel das Gemaͤlde eines Mahlers, oder mit einer abgestumpften Reißfeder das53 Portrait eines Menschen. Jst dieses aber gut, was soll es hindern, daß sich das Charakeristische des Menschen von dem Nerven der Hand mittelst der Feder in dem Buchstaben herabsenke? Wie der Mahler, so das Gemaͤhlde: wie der Schreiber, so seine Handschrift.

» Ein Mensch unter Ludwig dem XIV. konnte aus der des Koͤnigs seiner sehr aͤhnlichen Schrift eines Grafen mit Zuverlaͤßigkeit schließen, daß der Schreiber ein veraͤchtlicher Kerl sei. « *)

*) Sulzers Voruͤbung. S. 363, 364.

Dieses ist ein Erfahrungsbeweiß, der freilich wenig gelten darf, und wenig gilt; denn es gab auch Wahrsager und Sterndeuter!

Wie jeder Mensch nur eine Physiognomik hat, so hat er auch nur eine Handschrift wie nur einen Charakter: so auch nur einen Ausdruck desselben. Diese veraͤndert sich eben so oft, als jene, hat eben sowohl, wie jene, ihre physischen Zeichen der Kindheit, Jugend, Mannheit und des Greisenalters. Diese ist eben so schwer, als jene, zu verstellen; wie hier immer die Grundphysiognomik bleibt, und nur die beweglichen Muskeln und Nerven anders gefaltet werden koͤnnen, als die innre Empfindung will; so bleibt auch gewiß hier bei aller54 Verstellung der Grundcharakter der Handschrift, obschon durch erzwungene und verstellte Zuͤge verdunkelt. Jch habe immer gefunden, daß das Vermoͤgen der Verstellung der Handschrift mit dem der Verstellung des Charakters und des Gesichts gleichen Schritt gehet. Beides setzt bewegliche Nerven, geschmeidige Muskeln, die nicht an eine Bewegung gebunden sind, voraus beides also physisch sich nicht widersprechend, sondern mit einander uͤbereinstimmend. Hundert will ich daher nehmen, die ihre Handschrift eben so wenig ganz sollen verstellen koͤnnen: so wenig sie ganz den taͤuschenden Schmeichler und Versteller ihrer Empfindung vor dem Kenner sollen spielen koͤnnen und nur den hundert und ersten erst nehmen, der beides[ chamaͤleonisch] taͤuschend vielleicht unter andern Farben wird verstecken koͤnnen. Je mehr der Mensch daher zu jedem Ausdruck sich stimmen, je mehr er Schmeichler und Hofmann seyn kann: desto besser kann er dieses und jenes, Handschrift und Gesicht verziehen und verstellen. Briefe, Handschriften nachmahlen, war dieses wohl je mehr in Gebrauch als bei Kabalen der Hoͤfe? Und auch hier wie schwer, Haͤnde nachzubilden; eben so schwer, als sich in die Empfindung des andern zu versetzen.

Monath lange anhaltende Uebung gehoͤrt dazu, der groͤßte Fleiß, das charakteristische einer andern55 Handschrift abzulernen und auch nachbilden zu koͤnnen. Ein neuer Beweiß ist mir dies, wie wenig willkuͤhrlich die Zeichnung der Buchstaben ist, und wie genau mit der Nervenmodifikation und mit dem denkenden Charakter zusammenhaͤngend, da es bei aller Muͤhe seine Hand zu verstellen so schwer ist. Nur mit deinem Charakter legst du die Handschrift ab: so wie nur mit deiner Nervenmodifikation deinen Charakter.

Die Anthropologie hat noch keinen sichern Maasstab, wornach sie die Reizbarkeit, Empfindlichkeit des Nervens bestimmen, und hieraus die Empfindlichkeit des Charakters angeben koͤnnte. Jch glaube, daß die Handschrift wohl der sicherste, bestimmteste und zugleich sinnlichste Maasstab, dafuͤr seyn koͤnnte, sicherer weniger taͤuschend, als, wie36Lavaterwill, das Haar, wobei das Gefuͤhl so taͤuschend, und das Auge bei der Vergleichung so wenig bestimmt entscheidend seyn kann. Die vielen Nerven, die die Hand umgeben, und die fast unmittelbare Wuͤrkung derselben auf die Handschrift buͤrgt uns dafuͤr, daß wir aus derselben sichere Resultate und Schluͤsse auf die Lebhaftigkeit, Ruhe, Feinheit der Empfindung, auf den Muth, die Kuͤhnheit, Standhaftigkeit, Ausdaurung des Menschen machen koͤnnen, daß wir schon aus der Handschrift schließen koͤnnen, welchen Patriotismus diesen beseelt ob er blos aufbrausender Sanguinismus56 oder ausdauernd und kuͤhn ist ob den Gefahren entgegengehend, oder furchtsam in sich zuruͤckziehend?

So einfach der Buchstabe ist, so viel unendliche Richtungen sind in ihm moͤglich, und eben so viel verschiedene Charakterbestimmungen enthaͤlt er. Seine Hoͤhe, Dicke, Schaͤrfe, Verbindung, seine ganze Gestalt ist fuͤr die kleinsten Schilderungen des menschlichen Herzens entscheidend.

Wie sich das individuelle Alter des Menschen in der Handschrift abmahlt und diese sich mit jenem veraͤndert: so mahlt sich auch das Alter des Menschengeschlechts in derselben ab. Der physische Zustand des Menschen, welche Perioden ist dieser nicht durchgegangen, und die Handschrift, als Ausdruck des Nerven, sollte immer noch die des aͤltern Deutschen seyn, immer noch das harte, unbiegsame desselben an sich tragen. Nehmet die Handschriften unserer Vorfahren vor einigen Jahrhunderten, und vergleichet sie mit denen der jetzigen Zeit! Jene sprechen ganz von Alterthum, von[ fleißigem] unermuͤdeten Sammlungsgeiste und weitlaͤuftig voluminoͤser Gelehrsamkeit diese hingegen von Empfindung, von[ philosophischem] Geiste und mehrern Weltumgang.

Nicht weniger giebt es Nationalhandschriften, als Nationalcharakter und Nationalphysiognomien. 57Schreibt der Franzose wohl so wie der Englaͤnder der Deutsche wie der Franzose? Die Anthropologie hat wuͤrklich noch manchen Wunsch zu thun, der freilich nicht fuͤr den festern aktenmaͤßigen Kopf ist. Was waͤre wohl ein bleibenders Denkmahl des Charakteristischen jeder Nation, als eine Aufstellung ihrer Handschrift, wie die ihrer Nationalphysiognomie? Die gute Vorwelt hat uns Beweise zur Bestaͤtigung der obigen Behauptung hinterlassen.

Der Roͤmer, so fest, muthig, maͤnnlich, ausharrend, gedraͤngt das Gefuͤhl seiner Mannskraft war so voll seine Sprache, so groß seine Physiognomik: so voll, so rund seine Handschrift.

Der Grieche, so sehr intellektuelle Schoͤnheit, platonische Liebe genießend, so weich, so geistig sein Nerve: so fortfließend, sich fortschlaͤngelnd, wellenlinienmaͤßig auch seine Buchstaben.

Der alte Bewohner Germaniens, wo die Natur noch ihre rohe angebohrne Festigkeit hatte, zog seine Buchstaben eben so fest, so perpendikulaͤr, als Ausdruck des Festen, eben so quadratfoͤrmig, als das Zeichen der Unerschuͤtterlichkeit hin. Hier blos Vormauer und sich brechende Scheidewand.

So heiß die Einbildungskraft, das Blut des Morgenlaͤnders, so ausschweifend seine Dich -58 tungsart: so bilderreich, ausschweifend, heiß auch gleichsam seine Handschrift.

Je fester, trockner der Nerve, je unbeweglicher und mit dem Knochen gleichsam eins, je kaͤlter die Empfindung: desto stehender perpendikulaͤrer der Buchstabe, desto regulaͤrer ihre Ordnung, gerade horizontal ihre Linien und desto gleichbleibender die ganze Handschrift. Keine hinschweifenden untereinander liegenden Buchstaben, keine springenden Zuͤge: sondern alles abgemessen, abgezirkelt und in Proportion.

Festigkeit, Ruhe der Empfindung Jndolenz zeigt sich in dem Buchstaben eben so, wie in der Bewegung, Fortschreiten des Fußes durch ruhiges, kaltes Hinlegen, gerades Auftreten, Fortschreiten und taktmaͤßiges sich nicht uͤbereilendes Aufheben desselben zum neuen Niederlaß. Siehst du eine Handschrift, die Muster akkurater Gleichfoͤrmigkeit, sich immer gleichbleibender Stoicismus ist: so kannst du dich nicht taͤuschen der Schreiber gewiß kein Mensch, der fuͤr Kunst, Schoͤnheit, platonische Liebe Gefuͤhl hat, sich zum Dichtungsgeist hinschwingen kann: sondern Aktenwuͤhler, mechanischer Haͤndler, der kalt aussieht, kalt auch genießt, und kalt dein Freund ist.

Gott bewahre mich fuͤr eine schoͤne Handschrift, wie fuͤr ein kaltes unempfindliches Auge fuͤr Schoͤn -59 heit und ein unempfaͤngliches Herz fuͤr Liebe und Freude Gottes! Was heißt denn schoͤn schreiben nach der gemeinen Sprache des Lebens? einen Buchstaben wie den andern hinsetzen, in eben der Proportion, Weite, Hoͤhe, Dicke, eine Linie so horizontal wie die andere, und so abgemessen distant von einander und schoͤne Zuͤge, d.h. die von dem festen, harten Nerven ihres Schreibers zeigen. Koͤnnte ich doch einen Aufwaͤrter eines Naturalienkabinets hinters Ohr schlagen, wenn er mir neben einer Wallfischribbe auch, wie er sagt, eine schoͤne Handschrift zeigt, d.h. eine Reihe von perpendikulaͤren, gleich starken, gleich hohen, gleich zugespitzten, eingepfaͤhlten da stehenden Buchstaben, die irgend ein Waisenknabe, der mehr Talent zum Schneider, Schuster, Baumeister, als zum Gelehrten hatte, dem Papiere aufgemahlt hat. Laßt einen solchen Knaben, der so schoͤn schreibt, daß es wie gedruckt aussieht, lieber ein Handwerk lernen; denn hier ist das Loch, wo allenfalls mit einer mechanischen festen Hand alles gethan ist: um Gottes Willen aber keinen Gelehrten, wenn nicht ein Pedant in der Welt mehr werden soll, ein Systemgelehrter, Vielwisser, der alles seinem Leisten anpassen will, den er sich in seinem Kopfe, der diesem gedrehten Holze nicht viel ungleicher ist, gemacht hat. Ein Gelehrter muß, wenn auch nicht Genie, doch genieartig und mehr als Handwerker seyn. Schoͤne Handschrift nenne ich, wo ich Ausdruck60 von dem Genie ihres Schreibers, seiner Empfaͤnglichkeit fuͤr Schoͤnheit und Empfindung finde: freilich ist just diese nach der Sprache des Lebens garstig geschrieben, unordentlich, die Buchstaben untereinander liegend, und die Zuͤge schief konturirt. Solche Handschriften wuͤrde ich auf ein Naturalienkabinet thun, neben den seltnen Produkten des menschlichen Geistes, wenn diese dort zu finden waͤren. Jch habe viel dergleichen Schoͤnschreiber gesehen und gekannt: der eine hatte schon in seiner Kindheit wegen der schoͤn gemahlten Buchstaben die Aufmerksamkeit des Pfarrers auf sich gezogen, der ihn eben deswegen hatte wollen studieren lassen. Jetzt ist dieser Schoͤnschreiber Schneider, ein genauer, fleißiger, akkurater und gottesfuͤrchtiger Handwerker. Wer Verstand hat, dem giebt auch Gott Amt, der Mensch traͤgt es gleichsam vor sich her, was er einst werden soll, sagt37Lavaterirgendwo. Die Natur wußte besser dem Mahler dieser Buchstaben Amt zu geben, als sein Pfarrer. Ein anderer ist Geistlicher, der dem Jnspektor seiner Dioͤceß Gedichte wie gedruckt geschrieben uͤberreicht: ein Mann, der seine hebraͤische Bibel jaͤhrlich ein paarmahl durchliest, und sie schon funfzigmahl durchgelesen hat nicht aber empfunden, philosophisch nach dem Geiste des Morgenlandes studiert, sondern analysirt, die Punkte gezaͤhlet, falsche Accente angemerket und grammatische Lesearten verglichen. Ein dritter war ein jun -61 ger Studierender, der seine Manuscripte in der groͤßten Ordnung der Buchstaben abschrieb: jetzt ist er Aktenschreiber.

38Lavaterbeantwortet einen Einwurf: » Aber die schoͤnsten regelmaͤßigsten Schreiber sind oft die unregelmaͤßigsten Menschen wie die besten Prediger und dennoch wuͤrden die besten Prediger noch unendliche bessere Prediger seyn, wenn sie die besten Menschen waͤren. So die Schoͤnschreiber. Sie wuͤrden noch edler, noch schoͤner schreiben, wenn sie zu ihren Talenten noch gerade so viel Herz haͤtten. « Jch wuͤrde diesen Einwurf nicht beantwortet, sondern ihn ganz widerlegt haben. Nicht allein Erfahrung, sondern auch physische Kenntniß des Koͤrpers koͤnnen Beweise hergeben, daß ein solcher Schoͤnschreiber, wie ich ihn oben beschrieben habe, und wie ihn das Leben nennt, nicht ein unregelmaͤßiger, ausschweifender, sanguinischer Mensch seyn kann.

Je mehr Genie desto weniger Schoͤnschreiber: nicht aber daher der Schluß, je weniger Schoͤnschreiber desto mehr Genie. Wie viel Genies wuͤrden sonst bald nicht in der Welt seyn, wenigstens genieartig schreiben! Es giebt noch tausend Modifikationen und wesentliche Unterschiede, unter schlechten Handschriften. Der Nervenschwache, der Gichtische schreibt eben so schlecht, als das Genie, ohne deswegen Genie zu seyn. 62Der Sanguiniker schreibt eben so wenig schoͤn, als das Genie. Nur der Kenner und Beobachter erkennt unter den schlechten Handschriften die tausend Abdruͤcke des menschlichen Empfindens und des menschlichen Geistes.

Wie jedes Temperament seinen Koͤrper hat, in dem es wohnt, jeder Koͤrper seine eigene Hand, und jede Hand ihre eigene Handschrift: so muß auch jedes Temperament seine Handschrift haben, wo es seinen Charakter abmahlt, wenn uͤberhaupt der ganze Mensch in allen seinen Handlungen, Aeußerungen seinem Koͤrper mit sich selbst uͤbereinstimmend seyn soll. Nichts ist wohl natuͤrlicher, als dieses, nichts wird aber zugleich auch wohl mehr das Kopfschuͤtteln erregen, als der Versuch, Handschriften mit Temperamenten in Uebereinstimmung, und jene, wie diese in Klassen bringen zu wollen. Und doch ist nichts leichter, als dieses, nichts leichter durch Erfahrung und Anthropologie zu beweisen, als dieses. Die Handschriften lassen uns den Menschen in eben so viel Temperamentsunterschieden erscheinen, als die Physiognomik und das taͤgliche Leben des handelnden Menschen. Eben so viel Klassen von Temperamenten, eben so viel giebt es von Handschriften: so viel Abstufungen und Unterarten jedes Temperaments: so viel Abstufungen der Aehnlich - und Unaͤhnlichkeiten der Handschriften.

63

Jst es gewiß, daß jedes Temperament sich eine eigene Physiognomik bildet, auf einem gewissen Kopfumrisse, Woͤlbung der Stirne u.s.w. ruhe, so ist es wohl eben so gewiß, daß nach dem aͤußern Ansehen der Physiognomik die Handschrift des Menschen zu bestimmen ist, und daß es nicht blos Marktschreierei sei, nach dem aͤußern eines Menschen auch das Charakteristische seiner Handschrift vorherzusagen. Aehnliche Menschen haben aͤhnliche Handschriften, unaͤhnliche auch unaͤhnliche. So wenig sich Mann und Weib, Juͤngling und Greiß, Kind und Mann einander aͤhnlich sehen, so sehr disharmonirt auch gleichsam das Alter, das Gepraͤge ihrer Handschriften. Sanguinische Menschen, je mehr sie sich in dem Sanguinismus einander gleich waren, habe ich immer in ihren Buchstaben eine Regel, ein Gepraͤge und ein gleiches Kolorit beobachten gesehen. Cholerische Menschen eben so das brennende, das heiße ihrer Empfindung in ihren Handschriften durch das eckigte, scharfe, spitzige, gebrochene, lange gezogene ihrer Buchstaben, die wie Bajonette vorgestreckt liegen. Wie der Sanguiniker, wenn er irgend ein interessantes Faktum seines Lebens oder seiner Reisen erzaͤhlt, es mit den Haͤnden gleichsam nochmahls vor sich hinmahlt: eben so mahlt sich auch das unruhige, unstaͤte in dem hingeschliffenen, unordentlichen seiner Buchstaben ab. Wie der Sanguinismus ruhiger wird, wird auch die Handschrift ruhig, bis64 er sich endlich in das Pflegma verliert, welches seine Buchstaben gerundet, mit ziemlich dick aufgetragenen und groben Farben hinlegt. Sein Arm, seine Hand ist mit zu vielem Fette umwunden, um in seinen Bewegungen spitzige Winkel zu machen.

Nichts ist laͤcherlicher, als den Brief eines gichtischen Hektikers zu sehen: wie er seinen ganzen Koͤrper in gichtischen Zuckungen bewegt: so ist auch seine Handschrift, wie eine Hogarthsche Tanzgesellschaft, die in tausend Winkeln ihre Pas vor - ruͤckwaͤrts und zur Seite macht.

Jn wie fern von Empfindung, Grundsaͤtze, Verstand, Geist, Genie abhaͤngt; in so fern ist auch aus der Handschrift analogisch gewisse Schlußart auf Anlage, Talent, den Geist und Kopf ihres Verfassers moͤglich. Kritiker Geschichtswisser Mathematiker will ich wohl unter tausend Handschriften mir Gewißheit herausfinden, und habe sie auch jederzeit, ohne mich zu truͤgen, herausgefunden. Eben darum ist es so leicht, diese zu erkennen, weil die Nerven und der Koͤrperbau die erste Veranlassung und Anreitz zu diesen Wissenschaften ist. Der Kritiker scheint mir blos eine Geburt des unruhigen, gichtischen, empfindlichen, uͤberall Anstoß findenden scharfen Nervengeistes. Der Mathematiker eine Geburt des festen, starken, unempfindlichen Nervens: und der Geschichtswisser des sanguinischen Bluts, in wie fern dadurch das65 physische des Gedaͤchtnisses befoͤrdert wird. Je mehr von allen diesem desto charakteristischer, wenig taͤuschender die Handschrift. Man mache sich eine Sammlung von Handschriften dieser Gelehrten, und man sehe, wie charakteristisch jede derselben und wie treu ihr allgemeiner Charakter ist!

Nichts laͤßt sich leichter aus der Handschrift erkennen, als der moralische Mensch, seine Gesinnungen, Empfindungen, haͤuslichen Freuden, seine Religion und sein Handel, weil dies alles fuͤr den Anthropologen Erscheinungen des physischen Menschen sind. Der Gutmuͤthige ist auch in seinen Buchstaben gleichsam gutmuͤthig, frei, vertraͤglich. Der Satiriker auch in seinen Buchstaben scharf, spitzig, stechend, wie der Stachel seines Witzes. Der Argwoͤhnische auch seine Buchstaben einen hinter den andern versteckend, zuruͤckhaltend. Der Reinliche auch in seiner Handschrift reinlich. Der Geitzige auch in seinem Buchstaben karg und schmutzig. Der Galante auch in seinen Buchstaben galant und geputzt.

Koͤrperbau, Stimme, Farbe, Haar, alles ist fuͤr[ den] Beobachter des Menschen auch leicht in der Handschrift zu finden ich sage fuͤr den Beobachter des Menschen, der ihn zugleich als Anthropolog kennt. Blonde Haare, blaue Augen, weiße rosichte Wangen des Maͤdchens niemahls habe66 ich sie in der Handschrift verkannt, oder gefunden, wo sie nicht waren.

Harmonie, das einzige Gesetz der Reihe der Dinge! und doch nicht Harmonie zwischen den Menschen und dem zeichnenden Bilde seiner Gedanken? So ewig Harmonie zwischen Sprache und Vernunft, so ewig hier sein eigener Schoͤpfer: so ewig auch sein eigener Bildner und Zeichner. Ewiges Gerede, philosophisches Geschwaͤtz von Harmonie der Schoͤpfung Gottes, wenn sie nicht auch in dem gesternten zerstreuten Spritzen des Wassertropfens seyn soll, in dem sich die elastische Fliege gekuͤhlt hat, und in dem langen Wasserschweif, den der pflegmatische Regenwurm hinter sich her gezogen!

39Grohmann.

67

3. Sonderbare Art des Truͤbsinnes

40

Jm Jahre 1783 wurde mir ein junger Mann, Namens El n, der seit einiger Zeit truͤbsinnig geworden, von meinem Freunde aus K. in P. empfohlen. Er war 1775 Komptoirschreiber in einem Hause, in welchem ich Gesellschafter der Kinder war; und durch die Art von Bekanntschaft, die ich dadurch mit ihm gemacht hatte, glaubte mein Freund in K., daß ich mich des Ungluͤcklichen nicht ungern annehmen wuͤrde. Als ein Kind von zwoͤlf Jahren war ich, bei meiner ersten Bekanntschaft mit ihm, nicht im Stande, etwas Sonderbares an ihm zu bemerken; vielleicht hatte er damals auch noch gar nichts Auszeichnendes an sich. Doch erinnere ich mich noch ganz deutlich, daß er, nach geendigter Arbeit, mit meinem Lehrer Schach oder Piket zu spielen, und sich gewoͤhnlich an den Spieltisch mit den Worten zu setzen pflegte: nicht wahr, Freund! es ist mir erlaubt ein Stuͤndchen zu spielen. Jch erfuͤlle, Gott sei Dank, meine Pflichten treulich, und kann sie erfuͤllen, wie es nur immer einer kann! wer will mir nun die Erholungsstunde versagen?

68

Mein Lehrer hielt sich oft in seiner Abwesenheit uͤber ihn auf; und als ich einst fragte: ob E. denn nicht recht haͤtte, antwortete er mir; es sei freilich nicht zu laͤugnen, daß E. ein geschickter Mensch sei; aber er bilde sich zu viel darauf ein. Selbst diese scherzhafte Aeußerung seiner Verdienste kaͤme zu oft, um nicht fuͤr etwas mehr, als Scherz, um nicht fuͤr uͤbertriebnen Stolz aufgenommen werden zu muͤssen.

Einige Zeit nachher hatte er einen Wortstreit uͤber Religionssachen mit seinem Herrn, der ihn daruͤber fuͤr einen gefaͤhrlichen Menschen, einen Ketzer ansah, und ihm auf eine kraͤnkende Art seinen Abschied gab. E. glaubte sich dem Hause unentbehrlich gemacht zu haben, und sah sich betrogen. Sein Stolz war dadurch zu sehr gebeugt, um laͤnger an einem Orte zu verweilen, in welchem es, nach seinem erfolgten Abschiede, Leute geben mußte, die aus Schadenfreude seiner gespottet haben wuͤrden. Er verließ daher Berlin ploͤtzlich, ohne seinen Freunden und Bekannten Lebewohl zu sagen, und reisete nach H., seinem Geburtsorte, zu seinen Bruͤdern.

Diese, die ihn in ihre Handlung nicht brauchen konnten, drangen in ihn, aufs neue in Kondition zu treten; und, da er wirklich die Wechselgeschaͤfte gruͤndlich verstand, gluͤckte es ihm auch bald, eine69 eintraͤgliche Stelle als Buchhalter in einem beruͤhmten Handlungshause in K. zu bekommen.

E. war in den Jahren, wo der Gedanke, stets dienen, und von der Gunst eines Herrn abhaͤngen zu muͤssen, anfaͤngt laͤstig zu werden. Er wuͤnschte einst selbst Herr werden und sein Haͤuschen anbauen zu koͤnnen. Dazu gewaͤhrte ihm aber seine Stelle als Buchhalter eben nicht die frohesten Aussichten. Auch hatte er mittelerweile die Bekanntschaft mit der Tochter aus einem der ansehnlichsten Handlungshaͤuser daselbst gemacht, gegen die er nicht gleichguͤltig geblieben zu seyn schien. Die gefaͤllige Aufnahme, die er bei den Eltern fand, das feine Betragen der Tochter gegen ihn, aber noch mehr sein Stolz, gab ihm den Gedanken ein, das Maͤdchen zu heurathen. Der jetzigen Verschiedenheit ihrer Gluͤcksumstaͤnde ungeachtet, zweifelte er nicht, die Einwilligung der Eltern und des Maͤdchens zu erhalten, sobald er nur im Stande seyn wuͤrde, Frau und Kinder anstaͤndig zu ernaͤhren. Scherzhafte Aeußerungen von Seiten der Eltern, zweideutige Ausdruͤcke von Seiten der Tochter, galten ihm fuͤr Einwilligung, fuͤr Liebeserklaͤrung; und nun war er auf nichts bedacht, als auf Verbesserung seiner Lage.

Bei den Faͤhigkeiten, die E. sich zutrauete, schien ihm das Studium der Medezin das Fach zu seyn, mit welchem er sich bald bekannt machen, in70 welchem er sich bald auszeichnen, und wodurch er sich bald in den Stand setzen wuͤrde, seinen vorhabenden Plan auszufuͤhren. Er verließ daher seine Stelle als Buchhalter, ließ sich auf der dasigen Universitaͤt als Student einschreiben, und legte sich mit[ ungemeinem] Fleiße auf die Wissenschaften. Seinen Unterhalt hatte er der Freigebigkeit seines Herrn und der uͤbrigen dortigen Judenschaft zu verdanken.

Damals war es, als ein dortiger Weltweise Vorlesungen uͤber ein Werk hielt, das, ein Paar Jahre nachher, durch den Druck allgemein bekannt wurde, und den Namen seines Verfassers der Sterblichkeit entzog. Alles stroͤmte nach den Vorlesungen des großen Mannes hin, und E. war keiner der letzten. Sein unsterblicher Lehrer floͤßte ihm Hochachtung ein, und er wollte ihm in allem gleich werden. Er war sein Jdeal, Er das letzte Ziel menschlicher Vollkommenheit, menschlicher Groͤße und Wuͤrde. Seinem großen Lehrer war abstraktes Denken Zeitvertreib, die tiefste methaphisische Untersuchung angenehme Unterhaltung geworden. Auf seinen einsamen Spatziergaͤngen selbst, soll er sich damit beschaͤftigen. E. suchte ihm auch hierinn nachzuahmen. Mit Vernachlaͤßigung seines Hauptfaches, der Heilkunde, legte er sich mit allem nur moͤglichen Eifer auf die Weltweisheit; las, dachte und sprach nichts als von Weltweis -71 heit, und dachte, selbst auf den Spatziergaͤngen, die er, seiner Gesundheit halber, machen muͤßte, uͤber Gegenstaͤnde der Weltweisheit nach.

Seine Freunde machten ihm schonende Vorwuͤrfe uͤber seine Handlungsweise, warfen ihm die Vernachlaͤßigung seines Brodstudiums vor, und zeigten ihm, wie verschieden seine Lage von der Lage des Mannes waͤre, den er sich zum Muster gewaͤhlt haͤtte. Alles vergeblich, ihn von seiner Lieblingswissenschaft abzubringen, aber hinreichend auf seinen Geist widrig genug zu wirken. Wollte er uͤber einen Gegenstand der Methaphisik nachdenken, so stellten sich ihm die Vorwuͤrfe seiner Freunde und die Moͤglichkeit, daß sie ihre wohlthaͤtige Hand von ihm abziehn konnten, mit allen ihren schrecklichen Folgen vor. Seine Aufmerksamkeit wurde dadurch getheilt, seine Ruhe gestoͤrt. Er zwang sich, sie wieder herzustellen; aber auch dieser Zwang mußte ihn angreifen.

Dazu kam noch, daß die Fortschritte, die er nun schon in den Wissenschaften gemacht hatte, ihn einigermaßen berechtigten, sich dem Ziele seiner Wuͤnsche naͤher glauben, seiner Leidenschaft fuͤr sein geliebtes Maͤdchen ganz nachhaͤngen, und den Eltern den Antrag foͤrmlich machen zu duͤrfen. Man hielt es nicht der Muͤhe werth, ihn geradezu abzuweisen. Man glaubte, durch sein sonderbares Benehmen, Auftritte zu erleben, an denen das Auge72 des ungebildeten Menschen sich leider so gern weidet, und machte ihm Hofnung. Dem unbefangenen Manne haͤtte die Art, wie sie ihm gemacht wurde, freilich leicht gezeigt, daß man nie dachte sie zu erfuͤllen. Jhn blendeten sie.

Liebe, Gewissensbisse, uͤber die Vernachlaͤßigung seines Hauptfaches, und spekulative Weltweisheit, als seine Lieblingswissenschaft, draͤngten sich stets seinem Geiste zu gleicher Zeit auf, konnten nur durch Kampf herausgehoben werden, und bekaͤmpften endlich ihn selbst. Er ward krank.

Von seiner Krankheit genaß er; aber sein Verstand war zerruͤttet. Er sprach irre; und an die Fortsetzung seiner Studien war nun nicht mehr zu denken. Seine Freunde in K. wollten ihn von einem Orte entfernen, wo die Gegenstaͤnde alle zu lebhaft auf ihn wirken, alle ihn an vorige Zeiten erinnern mußten. Sie glaubten, daß seine voͤllige Genesung vielleicht am besten in dem Schooße seiner Familie gelingen moͤchte; er sollte daher nach H. zu seinen Bruͤdern. Bei dieser Reise mußte er uͤber Berlin, wo ihm, von seinen Goͤnnern, der Aufenthalt von einigen Monathen, zu seiner Zerstreuung verstattet wurde, und wo ihm waͤhrend dieses Aufenthalts 15 Rthl. monathlich durch mich ausgezahlt werden sollten.

73

An einem Dienstage trat E. mit dem Manne, den seine Freunde in K. zu seiner Begleitung ihm mitgegeben hatten, in meine Stube. Es war der Mensch nicht mehr, den ich vormals gekannt hatte. Sein feiner, aber fester Koͤrperbau war nun in eine duͤnne, weiche Gestalt verwandelt. Das lebhafte, sonst wilde, große blaue Auge blickte nun wild, aber matt umher; die Stirne voller Falten; das Gesicht voller Gruben: kein Blutstropfen auf demselben. Todtenbleiche uͤberzog die Wange. Er sah mir starr ins Auge, druͤckte meine Hand, die ich ihm reichte, und druͤckte sie mit einer Ruͤhrung, die mir anzeigen sollte, daß er sich meiner noch ganz wohl erinnerte. Er sprach kein Wort. Endlich ließ er meine Hand fahren, ging die Stube mit starken Schritten auf und ab, stand ploͤtzlich still und fragte, ohne sich eigentlich an mich zu wenden: wo werde ich logiren? Doch nicht hier? Hier sind keine Betten. Jch antwortete ihm, daß man fuͤr Wohnung und alles gesorgt haͤtte, was ihm noch nothwendig seyn koͤnnte.

» Was mir noch nothwendig seyn koͤnnte? erwiederte er hastig. Ha! ich merke schon, man hat Jhnen auch geschrieben, daß ich krank sei; aber ich bin nicht krank. Sie dorten (seine Freunde in K. nehmlich) haben mich krank gemacht wollen mich krank machen, setzte er nach einer Weile in einem wehmuͤthigen Tone hinzu. «

74

Der Gedanke, daß man ihn krank machen wollte, schien der herrschendste bei ihm zu seyn. Alle seine Gespraͤche, alle seine Anspielungen deuteten daraufhin. Er nahm auch daher nicht die mindeste Arzenei zu sich, aus Furcht, der Arzt und Apotheker koͤnnten mit seinen Feinden in Buͤndniß getreten seyn. Seine Gemuͤthslage erlaubte uns nicht, ihn zum Gebrauche der Arzenei zu zwingen, erlaubte ihm von der andern Seite nicht, in den Gesellschaften, in die man ihn einfuͤhrte, diejenige Zerstreuung zu finden, die ihn haͤtte aufheitern koͤnnen, und die er gewiß gefunden haben wuͤrde, wenn er nicht stets in sich gekehrt gewesen waͤre. Er ließ sich zwar auf Spatziergaͤngen mitnehmen, aber genoß sie nicht; sah nichts, hoͤrte nichts, als was seinem Kummer Nahrung verschafte und wo haͤtte er diesen nicht gefunden?

An einem Fruͤhlingsnachmittage, wo die Natur in ihrer ganzen jugendlichen Schoͤnheit sich zeigte, wo das frische Laub schon groß genug war, um die schwarzen Aeste zu bedecken, aber noch zusammengezogen, jedem frohen Auge das Bild des emporstrebenden Geistes darbot an einem solchen Nachmittage nahmen wir E. mit nach dem Thiergarten. Die Gesellschaft war gemischt, und jeder bestrebte sich, so gut er konnte, ihn zu unterhalten. Vergebens! Einsylbige Woͤrter waren stets seine ganze Antwort. Nur Madam V., dieser geist -75 reichen Tochter des verewigten M. M., gluͤckte es, eine etwas laͤngere Antwort von ihm zu erhalten, die uns aber alle hinriß, und den ganzen traurigen Zustand seines Gemuͤths entfaltete.

» Sehn Sie, lieber E., sagte sie zu ihm, wie die Natur so schoͤn um sie her ist. Blicken Sie nur um sich; sehn Sie nur das junge Gruͤn, und es wird Jhnen wohl seyn. « » Mir wohl seyn! erwiederte er, und sah ihr wild ins Auge mir wohl seyn! wiederholte er beklommen, ich sehe nicht das Gruͤn, das Sie sehn; sehe nur das abgefallne Laub des vorigen Jahres, und mir ist weh. « Eine Thraͤne zitterte in seinem Auge, er war innigst erschuͤttert, und bat die Gesellschaft verlassen und nach Hause gehn zu duͤrfen.

Sein Gemuͤthszustand wurde, da er kein einziges Mittel zu seiner Besserung anwandte, von Tage zu Tage schlimmer. Seine Freunde hatten nichts an ihn zu schreiben, und er sehnte sich nach ihren Briefen; fand in ihrem Stillschweigen Beweise ihrer Treulosigkeit, fluchte ihnen und verfluchte sein Daseyn. Die Tage brachte er fast ohne alle Nahrung, die Naͤchte schlaflos zu. Zucker war seine einzige Speise, Kaffe sein einziges Getraͤnk. Von dem ersten er oft mehr als ein Pfund, und den letzten trank er an vier - bis fuͤnfmal taͤglich. Einst wendete er auch sein ganzes Monathgeld zum Einkauf des Zuckers an, einen76 Theil davon, loͤsete den uͤbrigen in Wasser auf, und goß, nachdem er etwas von dieser Aufloͤsung getrunken, das uͤbrige zum Fenster hinaus. Auch stand er stundenlang nackt vor dem Spiegel, und besah sich in demselben mit aͤußerster Gefaͤlligkeit.

Nur dann und wann waren lichte Blicke in seiner Seele, in denen er entweder nach K. schrieb, oder in Meiners philosophischer Sprachlehre las. Seine Briefe waren zusammenhaͤngend, aber beim Schreiben las er, nach einigen hinzugesetzten Woͤrtern, stets das Ganze von Vorne durch gleichsam als setze er ein Mißtrauen in sich selbst, und fuͤrchtete er den Zusammenhang verloren zu haben. Auch kam er in dem gedachten Buche nicht weiter, als bis auf die dritte Seite. Er fing, so oft er es zur Hand nahm, immer von Vorne an, und das erste Blatt erschoͤpfte schon seine ganze Besinnungskraft. War er in diesen lichten Augenblicken zum Sprechen zu bringen, so suchte er gewoͤhnlich etwas wissenschaftliches an den Faden seines Gespraͤchs zu knuͤpfen, wo er dann seine Meinung mit vieler Waͤrme, oft mit wahrem Scharfsinne vertheidigte, und seine Zuhoͤrer den Verlust seines Verstandes doppelt bedauern ließ.

Leides fuͤgte er niemanden zu; und selbst, wenn er in der Zerstreuung einigen Schaden anrichtete, entschuldigte er sich sogleich deshalb. Seine Wirthinn, die Buͤchsenschaͤfterinn Leib, feierte den Ge -77 burtstag eines ihrer Kinder durch Musik und Tanz. Nachher sollte Puppenspiel seyn. Sie glaubte, daß diese Art von Zerstreuung ihrem ungluͤcklichen Miethmanne, der sie mit Mitleiden durchdrang, zutraͤglich seyn koͤnnte, und lud ihn daher selbst ein, um ihn sogleich mit in die Gesellschaft zu nehmen. Sie fand ihn nackt vor dem Spiegel stehen. Er, ohne sich darum zu bekuͤmmern, wes Geschlechts seine Zuschauerinn waͤre, ging, auf ihre Einladung, die Stube auf und ab, um einen Entschluß zu fassen, sagte endlich: er werde kommen, nur muͤsse er sich doch wohl erst ein wenig besser ankleiden, als er es jetzo waͤre.

Viel besser, als in der Naturkleidung, erschien er nun wirklich nicht. Lederne Beinkleider, Stiefeln und Sporn, und ein Ueberrock auf dem bloßen Leibe, war sein ganzer Anzug. Er forderte seine Wirthinn zu einem Minuet auf, tanzte die erste Haͤlfte desselben ganz richtig; aber verließ beim Handgeben Tanzplatz und Gesellschaft, ging in das Zimmer, wo das Marionettentheater schon angeordnet war, und richtete unter den armen, wehrlosen Schauspielern eine schreckliche Verwuͤstung an. Er kam aber bald wieder zum Besinnen, suchte seine Wirthinn auf, bat sie mit thraͤnenden Augen, ihm zu verzeihen, und Mitleiden mit ihm zu haben. Er wollte seine silbernen Schuhschnallen verkaufen, um ihr den Schaden zu ersetzen. Fuͤr die Zerstoͤ78 rung ihrer Freude, koͤnnte er ihr keine Entschaͤdigung anbieten; sie sollte sich aber daruͤber nur mit ihm troͤsten: auch seine Freuden waͤren ihm zerstoͤrt worden, und was das schlimmste waͤre, von sogenannten Sinnigen zerstoͤrt worden.

Der Grund zu seinem Truͤbsinn war mir damals noch nicht bekannt, und ich glaubte, das sicherste Mittel ihn von ihm selbst zu erfahren, sei sein Zutrauen zu erwerben, und keine Lust zu verrathen, tiefer in seine Geheimnisse dringen zu wollen, als er sie zu entdecken fuͤr rathsam halten wuͤrde. Bei seinem Mißtrauen gegen die Menschen, haͤtte Neugierde alles verderben muͤssen. Jch irrte nicht. Denn als ich ihn einen Abend, wo er uͤber seinen Zustand bitterlich klagte, troͤstete und ihm sagte: es werde noch alles gut werden, fragte er spoͤttisch: meinen Sie? Doch setzte er hinzu, es ist mir nun kein Wunder mehr, daß Menschen, die sich fuͤr meine Freunde ausgeben, mich hintergehn wollen. Mein Vater, meine Bruͤder und meine besten Freunde haben mich betrogen, und ich Thor traue noch immer den Menschen, lasse mich von Weichherzigkeit hintergehn, halte Schwaͤche fuͤr Mitleiden.

Seine Zunge war nun geloͤset und sein volles Herz suchte sich zu ergießen. » Hoͤren Sie, sagte er, indem er sich vertraulich zu mir setzte, und seine Hand auf die meinige legte, hoͤren Sie nur den79 Streich, den mir meine besten Freunde gespielt haben, und urtheilen Sie, ob ich Menschen noch trauen kann. «

» Zweimal habe ich das große Loos in der hollaͤndischen Lotterie gewonnen. Jch habe nun freilich nicht gesetzt, denn ich bin arm, sehr arm. Aber sie dorten hatten das Geld darzu hergegeben, ließen, weil es verboten ist, in fremden Lottos zu spielen, die Zettel auf meinen Namen nehmen, und versprachen mir, fuͤr die Gefahr, der ich mich dadurch aussetzte, einen gleichen Antheil am Gewinnste. Die Kerl dachten nun bei ihrer Versprechung freilich nicht, daß die Loose so viel ziehn wuͤrden. Aber die Loose thaten es doch, und mir nichts, dir nichts, muß ich euch krank werden. Die Zettel sind bei meiner Genesung verschwunden, meine Braut kennt mich nicht mehr, niemand will etwas von mir wissen. «

» Das haben sie mir nun schon zweimal gethan! Wollte ich nicht jede Art von Zudringlichkeit vermeiden, so koͤnnte mir freilich mein Vater zu meinen Rechten verhelfen; aber « So ungern ich ihn unterbrechen wollte, so wenig konnte ich es doch uͤber mich gewinnen, mein Erstaunen uͤber das letzte zu unterdruͤcken. Jhr Vater! rief ich unwillkuͤhrlich aus?

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» Ha! erwiederte er, Sie glauben wahrscheinlich auch, daß der Jude in H. mein Vater sei? ich bin nicht von juͤdischen Eltern, wenigstens nicht von einem juͤdischen Vater gezeugt worden. Jch trage auch das Kennzeichen eines Juden an meinem Koͤrper nicht; und das schuͤtzt mich, daß L., den Sie kennen, und der mir aͤhnlich sieht, sich nicht fuͤr mich ausgeben kann, so gern er auch wollte. «

Jch muß hier anmerken, daß ich ihn oft genug nackt gesehn, und mich von der Falschheit dieser seiner Behauptung zu uͤberzeugen, mehr als eine Gelegenheit gehabt hatte. Aber erklaͤrbar ward mir dadurch, weshalb er so gern nackt vor dem Spiegel stand, und sich stets mit einer Art von Selbstzufriedenheit in demselben erblickte.

» Mein Vater, fuhr er fort, ist der Prinz **, das ist in H., in K. und auch bei Hofe bekannt. Jch mußte dreimal verschiedenen Malern sitzen, und von den dreien Bildnissen haͤngt das eine in **, das andere, in welchem ich ein gruͤnes Kleid trage, in **, und das dritte weiß Gott wo? Mein Gedaͤchtniß wird schwach. Vor meiner Krankheit wußte ich es auch; aber seitdem besinn 'ich mich vergebens darauf. Der Professor M. in K., der mich immatrikulirte, muß es wohl auch gewußt haben. Denn, sehen Sie, in meiner Matrikel steht der Ausdruck: Studiosus nobilissimus; der nun freilich nachher, weil ich oͤffentlich kein81 adlicher seyn darf, fuͤr ein Versehn ausgegeben, aber demohngeachtet nicht abgeaͤndert wurde.

» Auch der Koͤnig kennt mich und meine Abkunft. Er sah mich auf dem Postwagen bei meiner Herreise, und fragte den General **, der ihm zur Seite ritt: was ist er nun? Durch des Generals Antwort merkte ich erst recht, daß die Frage des Koͤnigs mich anging. Philosoph! antwortete der General. «

» Ehre genug erzeigt man mir. Die Schildwache am Posthause trat, bei meinem Absteigen vom Wagen, ins Gewehr vor mir. Aber was hilft das; das Geld, das ich gewonnen habe, wollen, sagen sie dorten, die Generalstaaten nicht uͤber die Grenze lassen und ..... «

Er hatte mir nun schon genug gesagt, um ihn unterbrechen und einsehn zu koͤnnen, daß auch sein vermeinter Gewinnst in der hollaͤndischen Lotterie eine Geburt seines zerruͤtteten Gehirns gewesen sei. Moͤglichkeiten hatten bei ihm die Stelle der Wirklichkeit vertreten; ließen ihn in seiner Einbildung von Stufe zu Stufe des verbesserten Zustandes steigen, und machten ihn endlich zum Bastarten eines Prinzen.

Seine Freunde schrieben mir nun zu verschiedenenmalen, ihn von Berlin nach H. zu schaffen,82 indem die erwuͤnschte Besserung in Berlin doch nicht erfolgte. Gewalt anzuwenden hatte ich keine Erlaubniß, und Ueberredung fruchtete bei ihm nichts. Jch verfiel daher auf ein Mittel, das mir jetzt nicht ganz recht scheint, aber das mir damals das bequemste zu seyn schien, den Wunsch meiner Freunde zu erfuͤllen, weil es ganz in seinen Jdeengang eingriff, ihn zur Abreise geneigt zu machen.

Jch sagte ihm naͤmlich einen Morgen, daß ich vom Minister ** Befehl erhalten haͤtte, ihm die Nachricht zu hinterbringen, daß der Prinz, sein Vater, ihn sprechen wollte. Fuͤr Extrapost, Bedienten und Zehrung auf der Reise waͤre vom Prinzen gesorgt worden; und er haͤtte weiter nichts zu thun, als sich auf den Wagen zu setzen, und sich an Ort und Stelle bringen zu lassen.

Diese Nachricht setzte ihn außer sich vor Freude. Er fing sogleich an einzupacken, und schickte sich zur Reise an. Jn dem Wahne zum Prinzen zu fahren, wuͤrde er nach H. gebracht worden seyn; und wer weiß, ob diese neue Taͤuschung nicht das Uebel aͤrger gemacht haͤtte. Der Zufall vereitelte meinen Plan, und ich danke ihm noch dafuͤr. Jch mußte naͤmlich E. verlassen, um die Post zu bestellen, und den Menschen aufzusuchen, der ihn begleiten sollte. Mittlerweile kleidete er sich an, lief zum Minister, um sich von demselben ein Schrei -83 ben an den Prinzen als Beweiß ausfertigen zu lassen, daß er der nehmliche waͤre, den der Prinz verlangt hatte. Der Minister war verreiset, und der Sekretair versicherte ihm, daß kein wahres Wort an der ganzen Sache waͤre.

Er suchte mich nun auf, und als er mich in seiner Wohnung fand, erzaͤhlte er mir die Geschichte mit vieler Kaͤlte, und setzte verdrießlich hinzu: Sie haben mir einen Dienst leisten und mir zu meinen Rechten verhelfen wollen; das seh ich wohl ein. Aber Sie haͤtten mir den groͤßten Schaden zufuͤgen koͤnnen. Haͤtte der Prinz nicht glauben muͤssen, daß ich mich ihm aufdringen wollte? Das waͤre die kleinste Folge ihres unbesonnenen Streiches gewesen. Er bat, daß ich ihn verlassen, und ihn nicht ferner besuchen sollte, weil er sich vor mir schaͤme, von seinem Grundsatze: keinem Menschen mehr zu trauen, abgewichen zu seyn. Sie, setzte er hinzu, haben es zu gut mit mir gemeint, und das taugt ebenfalls nichts.

Noch zweimal kam ich zu ihm, aber da ich nun sein Zutrauen verloren hatte, und seine Abreise nicht bewirken konnte, entzog ich mich ganz seines Umgangs. Herr F. uͤbernahm die monathliche Auszahlung; und da sein Truͤbsinn anfing, gefaͤhrliche Folgen fuͤr seine Mitmenschen befuͤrchten zu lassen, ließ er ihn nach dem juͤdischen Armenhause am Ro -84 senthalerthore bringen. E. tobte anfaͤnglich, rief dem am Thore wachthabenden Offiziere durch das Fenster zu: er sollte einen Ungluͤcklichen befreien, den man eingesperrt haͤtte, weil er Bombardier werden wollte, und bat, da er sah, daß er nirgends Gehoͤr fand, von selbst, nach H. zu reisen.

Von H. aus empfahl er sich verschiedenen Kaufleuten, als haͤtte er ein großes Handlungshaus etablirt. Auch uͤbergab er der Post zu H. ein Schreiben an den Koͤnig. Der Postsekretair, der ihn kannte, und daher das Schreiben nicht abnehmen wollte, wurde von ihm bedroht, sein Amt zu verlieren, wenn er es nicht abschickte, weil die darinn enthaltene Entdeckung von der aͤußersten Wichtigkeit fuͤr den Staat waͤre.

Er verließ bald darauf H., trieb sich ein Paar Jahre in Daͤnemark und Rußland herum, und kam 1787 wieder nach K., wo ihn ein dortiger verehrungswuͤrdiger Geistlicher einen Abend auf dem sogenannten Steindamm vor einem Hause sitzend fand. E. erkannte den Geistlichen, der ihn angeredet und sich nach seinem Befinden erkundigt hatte, klagte gegen ihn uͤber erlittene Verfolgung, und zeugte seinem Goͤnner, durch sein ganzes Gespraͤch, wie traurig der Zustand seines Gemuͤths noch immer beschaffen waͤre. » Sie koͤnnen mich, sagte er ihm unter andern, meinen Verfolgern entziehn,85 wenn Sie mich zum Christen machen; Christ zu werden, war schon laͤngst mein Wunsch gewesen. Aber bis jetzt habe ich noch keinen gefunden, der mir diesen Dienst haͤtte leisten, ohne mich zugleich zur Annahme der Taufe, zwingen zu wollen. « u.s.w. Der biedere Geistliche nahm sich seiner vaͤterlich an; aber seine Theilnahme war vergeblich. Die Wunde in E.'s Gemuͤthe war tief und unheilbar. Jetzt sitzt er im Jrrhause zu K.

42L. Bendavid.

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4. Schreiben des Herrn43Obereitan Herrn44S. Maimon*)*) Man ist zu sehr geneigt, eine jede Denkungsart, die sich nicht durch Klarheit, Bestimmtheit und Richtigkeit des Ausdrucks zu erkennen giebt, fuͤr Schwaͤrmerei auszugeben. Dieses hat auch in den mehresten Faͤllen seine Richtigkeit. Es kann aber auch Faͤlle geben, wo die Erhabenheit des Gegenstandes eine solche Fuͤlle der Gedanken verursacht, die allen Ausdruck hinter sich laͤßt. Hier entsteht eben dieselbe Erscheinung; der von der Groͤße seines Gegenstandes durchdrungene Geist findet keinen dieser Groͤße angemessenen Ausdruck, er versucht dieses auf verschiedene Arten, ist aber mit keiner derselben voͤllig zufrieden. Dieses wird gemeinhin (da man bloß auf die Erscheinung an sich, nicht aber auf ihre Entstehungsart Ruͤcksicht nimmt) auch Schwaͤrmerei genannt. Aber welcher himmelweite Unterschied ist nicht zwischen diesen beiden Arten?Daß Herrn46ObereitsAufsaͤtze zu dieser zweiten Art gehoͤren, muß jeder Wahrheitsfreund eingestehn. Genaue Bekanntschaft mit allen philosophischen Systemen, richtige Beurtheilung derselben, und unpartheiische Bemerkung ihrer Maͤngel leuchtet uͤberall hervor. Aber noch uͤber diesem eine tiefe, uͤber allen Ausdruck erhabene Einsicht in die Moͤglichkeit ihrer Vereinigung, der herzlichste Wunsch, diesen Vereinigungspunkt (sowohl zur Erweiterung unsrer Erkenntniß, als zu unsrer moralischen und physischen Vervollkommnung) ausfindig zu machen, und eine edle Einfalt im Vortrage, die ihres gleichen kaum hat.Dergleichen Aufsaͤtze verdienen daher als psychologische Erscheinungen allerdings einen Platz in diesem Magazin. Sie sind aber psychologische Erscheinungen von einer hoͤheren Art, und unterscheiden sich von den andern Erscheinungen von Schwaͤrmerei u.s.w. dadurch, daß anstatt daß diese uns die demuͤthigende Vorstellung von der Ebbe der menschlichen Natur, jene hingegen die zu unsrer bestaͤndigen Fahrt zur Vervollkommnung guͤnstige Fluth zu Gesicht bringen. .

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Mein Herr!

Gegruͤßet seyn Sie im ewigen Frieden! Ein alter Schweitzer kommt von der Suͤdseite, der brave Pole von der Ostseite Europens, koͤnnen sie zusam -87 men Suͤdost machen, so kanns durch eine Nordwestpassage in eine neue Welt des Verstandes, der Vernunft, des Gemeinsinnes der Menschheit gehen, die alte im Frieden hinter sich, plus ultra[ in] infinitum! So bewillkommt der alte seinen neuen kritischen Kommentator, der den alten besser sowohl verstanden, als getadelt, und mit neuen Problemen oder Speculationsraͤthseln so beehrt hat, als vorher sonst kein Recensente seine kleinen Schriftphaͤnomene. Der Schweizer ist ein alter88 Freund von zwei andern, deren der eine den zu simpeln Spinoza als einen ehrlichen großen Aprioristen, ohne sein System anzunehmen, zuerst muthig vertheidigt hat, der andre die Kabbala Bereschith von Ensoph und Adam Kadmon als das vollstaͤndigste, deutlichste, unzertrennte Ordnungsganze oder Lichtsystem von allen[ Emanationslehren] des Orients hervorzuziehen mit grundklarer Behauptung das Herz hatte, wie der Schweizer selbst einen Gamaliel als philosophischen Juden und49MendelssohnsFreund zum Schiedrichter in Wunderbetrachtungen zwischen50Lavaterund seinen Gegnern, zwischen Extremen, machte Anno 1780 in Gamaliels Spatziergaͤngen. So vielfach sympathetische Geistesverwandschaft ging schon vor unserm unversehenen Zusammentreffen im Seelenmagazin voraus. Wenn das nun a priori Harmonia præstabilita waͤre! Laßt uns versuchen, wie weit? Jhr Woͤrterbuch, die einzige Schrift, so hier von Jhnen antreffen konnte, kam mir beim ersten Anblick auch unverstaͤndlich, zu fremd transcendental vor, und groͤßern Maͤnnern, als meine Kleinigkeit ist, all Jhre Schreiben laͤngst supertranscendental, Jhr Woͤrterbuch aber endlich herzhaft zur Hand genommen, zeigte mir unversehens eine Menge Beruͤhrungspunkte und Analogien in infinitum von meiner Denkart. Doch kann ich kein Hebraͤisch, und bin kein Mathematiker, wie Spinoza.

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Nun aber alles in Zahl, Maaß und Gewicht geordnet ist, so ist es hauptsaͤchlich um praktischen Zwecks willen, damit der Mensch lerne, Gleichgewicht, Ebenmaaß und gebuͤhrende Zahl des Termini a quo, perquem, adquem in allem intuitiv, intellectual, und moralsinnlich zu beobachten, und so laͤßt sich alles Mathematische nach praktischem Princip beurtheilen. Resp. ad pag. 114. not. ult. IX. B. 2. St. Magazin. Absolute Convenienz, Gegentheil alles Widerspruchs, ist sensual, das Wohl; intellectual, Wahrheit; moral praktisch, Recht und gut schlechthin, also Eine Convenienz, ganz fuͤr die ganze Menschheit, in der praktischen concentrirt, und was ist Mathematik, als intuitiv-intellectuale Convenienz zur praktischen? Was ist alle gehoͤrige Spekulation selbst als Jdeal-Convenienz zur realen? Hoͤchst recht (nach Kant) ist also das Primat der praktischen Vernunft uͤber alle. Mit dem praktischen Formalprincip51Kantsstimmt das hoͤchste materiale Gesetz der Sittlichkeit, vervollkommne alle Dinge in infinitum, um