PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Reiſe eines Lieflaͤnders von Riga nach Warſchau, durch Suͤdpreußen, uͤber Breslau, Dresden, Karlsbad, Bayreuth, Nuͤrnberg, Regensburg, Muͤnchen, Salzburg, Linz, Wien und Klagenfurt, nach Botzen in Tyrol.
Zweites Heft.
Enthaltend die Reiſe durch Lithauen, und eine Schilderung von Warſchau, nebſt Anekdoten aus der Geſchichte des Konſtitutions-Reichstages, mit den Bildniſſen der vornehmſten Theilhaber begleitet.
Berlin,1795. bei Friedrich Vieweg dem aͤltern.
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Dritter Abſchnitt. Warſchau.

Staatsbuͤrgerliche Verhaͤltniſſe der Bewohner von Polen uͤberhaupt. Grundſatz der polniſchen Verfaſſung. Wer ein echter polniſcher Edelmann iſt. Bund der Edelleute. Knoten dieſes Bundes der Koͤnig. Die drei Staatsmaͤchte, bei wem? Freiheit der Edel - leute. Jhre Vorrechte. Hoffnung zur Krone. Aus - ſchließender Guͤterbeſitz. Natur der adelichen Erb - guͤter. Freiheit der Perſon. Was ein Todtſchlag den Edelmann koſtet? Was einen Buͤrgerlichen? Fuͤrſten, Grafen, Knees, Marcheſe. Das polniſche Jndigenat. Erhebung in den Adelſtand. Wodurch man den Adel verliert? Die drei Staͤnde des Reichs. Der Koͤnig und deſſen Vorrechte. Der Senatorenſtand. Der Fuͤrſt-Primas. Die Bi - ſchoͤfe, Woiwoden, Kaſtellane, Marſchaͤlle, Kanzler, Schatzmeiſter. Der Ritterſtand. Urſprung deſſelben und Wachsthum ſeiner Macht. Das liberum veto. Aemter, die aus ſeinem Mittel beſetzt werden. De - ren Eintheilung. Oberſekretaire. Reichsreferendare. [4]Hofſchatzmeiſter. Unterkaͤmmerer. Fahntraͤger. Schwerttraͤger. Stallmeiſter. Kuͤchenmeiſter. Mund - ſchenken, Truchſeß, Kanzleiregenten, Metrikanten, Großſchatznotare, Kron - und Schatzbewahrer, Jn - ſtigatoren, Großfeldherren, Unterfeldherren, Feld - notare, Großfeldwachtmeiſter, Lagermeiſter, Ge - ſchuͤtzmeiſter, Generalſtaroſten. Die Dignitarien oder Beſitzer der Landaͤmter: Unterkaͤmmerer, Fahn - traͤger, Richter, Truchſeß, Mundſchenk, Unterrich - ter, Untertruchſeß, Untermundſchenk, Jaͤgermeiſter, Nottmeiſter, Schwerttraͤger, Unterrottmeiſter, Schatz - meiſter, Marſchaͤlle, Civunen, Horodnicki. Koͤnig - liche Guͤter. Staroſten. Biceſtaroſten. Burggra - fen. Notare. Unadeliche Einwohner von Polen. Betrachtung uͤber die verfaſſungsmaͤßige vollkommene Freiheit und Gleichheit der polniſchen Edelleute. Bauern. Jhr Zuſtand. Jhre Klaſſen. Aufhebung der Leibeigenſchaft von einigen polniſchen Großen gluͤcklich unternommen. Die Buͤrger der adelichen und geiſtlichen Staͤdte. Die Bewohner der koͤnig - lichen und der Municipalſtaͤdte. Die niedere Geiſt - lichkeit. Die Juden.

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Ehe ich zu der Schilderung der Lebensart, der Sitten und des Charakters der Bewohner von Warſchau uͤbergehe, wird es noͤthig ſeyn, etwas von den ſtaatsbuͤrgerlichen Verhaͤltniſſen der Bewohner von Polen uͤberhaupt zu ſagen. Manche Erſcheinungen in jenen werden ſich ſodann, ohne daß es vieler Worte bedarf, aus dieſen erklaͤren laſſen.

Der Verfaſſung von Polen, wie ſie ſeit Errichtung der ſogenannten pacta conventa im Jahre 1572, und ſeit der Einſetzung des immerwaͤhrenden Rathes im Jahre 1776 beſteht, liegt der Satz zum Grunde: Bei dem eingebornen Landbeſitzer iſt alle politiſche Auszeichnung und Wichtig - keit, er allein iſt Staatsbuͤrger*)Man vergleiche bei den folgenden ſtaatsrechtlichen Angaben Lengnich Jus. publ. Pol. II. Tom. Gedani, 1742-1744. Was er bei den hier be - handelten Gegenſtaͤnden nicht anfuͤhrt, oder was ich nicht anfuͤhre, oder worin ich von ihm abweiche, das iſt durch Geſetze, die nach der Erſcheinung ſei -.

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Wer in Polen Land beſitzt, von einem polniſchen Vater geboren iſt, der Land beſaß, (mit der Mutter nimmt man es nicht ſo genau) auf ſeinen Guͤtern unabhaͤngig lebt und kein buͤrgerliches Gewerbe treibt, der iſt Edelmann; mithin iſt jene Auszeichnung, Wichtigkeit und Staatsbuͤrgerſchaft in Polen ausſchließend bei dem Edelmann.

Jeder dieſer Edelleute iſt frei und unum - ſchraͤnkt in ſeinem Gebiete, mithin iſt die ge - ſammte Geſellſchaft der Edelleute frei und un - umſchraͤnkt im ganzen Lande.

Dieſe Geſellſchaft wird geachtet, der Frei - heit ihrer Perſonen und der Sicherheit ihres Eigenthums wegen, in einem Bund getreten zu ſeyn, welchem eine allgemeine Uebereinkunft zum Grunde liegt. Die Bedingniſſe dieſes Bundes bilden die Geſetze des Landes. Da*)nes Buches gegeben worden, oder durch neuere von außenher angerathene Einrichtungen, oder durch Mißbraͤuche, aus dem polniſchen Staatsrechte ent - weder verdraͤngt, oder demſelben hinzugeſetzt worden.7 ſie die Vorſchriften fuͤr das Wohl des Ein - zelnen und Aller enthalten, ſo ſind ſie ver - bindlich fuͤr Einen und fuͤr Alle. Nur ihren Entſcheidungen iſt der Einzelne unterworfen, weil ſie von ihm ſelbſt und ſeinesgleichen kom - men, nur nach ihnen kann alſo auch das Ganze handeln. Dies iſt ſo weſentlich, daß Einer und Alle ihre Freiheit und Sicherheit verlieren, wenn nach fremden Vorſchriften entſchieden und gehandelt wuͤrde.

Die Geſellſchaft waͤhlt ſich zum Knoten ihres Bundes, aus ihrem Mittel, frei, einen Koͤnig. Dieſer Koͤnig ſoll die Ausuͤbung ihres Willens, das heißt, der Landesge - ſetze haben, und auf ſeiner Perſon ſollte die Majeſtaͤt der Geſellſchaft haften. Jene Aus - uͤbung hat er ſeit der Errichtung des im - merwaͤhrenden Raths nicht mehr, und von der Majeſtaͤt iſt ihm viel abgeſchnitten.

So wie alſo die Nation, d. i. die Geſellſchaft der Landbeſitzer*)Polniſch Ziemiànie, terrigenae, auf dem Lan - de geboren. Dieſes Wort bezeichnet, ſo wie, in ihren Stell -8 vertretern, Geſetze giebt, ſo beſorgt ſie nun auch die Ausuͤbung derſelben, in an - dern Stellvertretern. Erſteres thut ſie durch den Reichstag, letzteres durch den immer - waͤhrenden Rath; und dieſe beiden Staats - maͤchte haben die dritte, die richterliche, zur nothwendigen Folge.

Dieſe drei Gewalten ſtehen ausſchließend bei dem vorhin bezeichneten Adel, und die daraus herfließende Freiheit kommt keinem an - dern Einwohner des Landes zu gute, als dem Edelmann, deſſen ſaͤmmtliche Rechte daraus herfließen.

Die wichtigſten dieſer Vorrechte ſind fol - gende:

Der Edelmann hat ausſchließende Anſpruͤ - che auf alle weltliche und geiſtliche Ehrenſtellen*)die Woͤrter indigena, terreftria bona poffidentes, nobiles poffeffionati, den eigentlichen Stimm -, Wahl -, Aemter - und Regierungsfaͤhigen Adel, zum Unterſchiede von dem gemachten Adel und den Buͤrgerlichen. Man findet weiterhin mehr hier - uͤber.9 und Staatsaͤmter, die erhabenſten, die Wuͤrde des Koͤnigs und des Fuͤrſten-Primas, nicht ausgenommen.

Michael Wisniowiecki, Johann Sobieski, und Stanislaus Poniatowski waren vor ihrer Erwaͤhlung, polniſche Edelleute. Jndeſſen iſt der Genuß dieſes Vorrechts nicht der ſicherſte fuͤr den polniſchen Adel, und noch immer iſt er, wenn man ihm denſelben geſtattete, die Quelle der ſchrecklichſten Unordnungen geweſen. Es iſt unmoͤglich, daß ein Koͤnig von Unter - thanen, die Seinesgleichen waren, und auf einem vertrauten Fuße mit ihm ſtanden, ge - ziemend geachtet und geehrt werden kann; es iſt unmoͤglich, daß Eiferſucht und Neid unauf - geregt bleiben, wenn ſeine Verwandten an - dern vorgezogen und durch Wuͤrden und Guͤ - ter ausgezeichnet werden; es iſt unmoͤglich, daß ein Koͤnig, der nicht ſelbſt außerordent - lichen Reichthum beſitzt, die Koſten der Maje - ſtaͤt beſtreiten kann, fuͤr die der Staat ſelbſt ſo wenig ausgeſetzt hat; es iſt unmoͤglich, daß10 die benachbarten Maͤchte, die in ihrem politi - ſchen Syſteme Polen mit berechnen, ſich nicht in das Wahlgeſchaͤft miſchen, und durch ihren Einfluß, ihre Drohungen und Beſtechungen Partheien errichten und alle die aus der polniſchen Geſchichte ſattſam bekannten Auf - tritte verurſachen ſollten.

Der Edelmann beſitzt ausſchließend alle Landguͤter in Polen, bis auf die, welche den großen Staͤdten zu beſitzen erlaubt iſt. Die Staatsguͤter und die koͤniglichen Tafelguͤter glaubt er, inſofern ſeine Genoſſenſchaft den Staat bildet, auch zu beſitzen, und deshalb hat er ausſchließende Anſpruͤche auf ſie, wenn ſie vergeben werden, ja, er hat, wie die Geiſt - lichkeit, einen großen Theil derſelben an ſich zu bringen und in Erbguͤter zu verwandeln gewußt. Die Beſchaffenheit ſeiner Erbguͤter iſt aber ganz eine andre, als die der koͤnig - lichen, geiſtlichen und ſtaͤdtiſchen. Nur durch ſie wird er der beſitzliche Edelmann, dem die Geſetze ſo viel Vorrechte gewaͤhren. 11Sie duͤrfen nicht mit Soldaten belegt, kein Lager darf in ihrem Umfange geſchlagen wer - den; was ihr Beſitzer an Metall -, Salz -, Schwefel - und andern Gruben auf ſeinem Gebiet entdeckt, benutzt er zu ſeinem eignen Vortheil, nicht, wie anderwaͤrts, der Staat; die Fluͤße, die durch ſie hinſtroͤmen, gehoͤren dem Beſitzer, ſo weit ſie ſein Gebiet beruͤh - ren, doch mit Ausſchluß ſolcher, die durch die Geſetze fuͤr oͤffentliche erklaͤrt worden ſind. Die Erbfolge auf dieſen Guͤtern ſteht allein bei den Soͤhnen; die Toͤchter werden mit einem Braut - ſchatz abgefunden, der nicht uͤber den vierten Theil des Werths derſelben ſteigen darf. Auf die Guͤter ſelbſt koͤnnen ſie, ſo lange Soͤhne vorhanden ſind, keine Anſpruͤche machen; ſind dieſe aber nicht da, ſo treten die Toͤchter in den Beſitz der Guͤter und bringen ſie ihren Maͤnnern zu. Sind auch keine Toͤchter da, ſo fallen die Guͤter, nicht nach der natuͤrlichen Erbfolge, ſondern nach den Regeln der Reka - denz, die in Polen gilt, an den naͤchſten12 maͤnnlichen Seitenverwandten des Vaters, entweder an deſſen Bruder oder deſſen Sohne. Auch kann kein Erblaſſer uͤber ſolche Guͤter willkuͤhrlich verfuͤgen, ſondern er muß ſie dem rechten Erben vermachen. Werden endlich ſolche Guͤter verſchuldet und uͤberlaͤßt ſie der Schuldner ſeinen Glaͤubigern, ſo gehen ſie dadurch nicht fuͤr ihn verloren. Die Glaͤu - biger werden, nach der Prioritaͤt, in die Guͤ - ter eingelaſſen und benutzen ſie, aber nur als Pfandhaber, ſo lange bis ſie ſich bezahlt ge - macht haben. Der Eigenthuͤmer kann ſie im - mer wieder einloͤſen, wenn er im Stande iſt, die Jura crediti an ſich zu kaufen, und dann iſt er wieder Beſitzer, wie vorher. Guͤter dieſer Art koͤnnen in ihrer Beſchaffenheit nicht veraͤndert, mithin nicht vom Staat eingezogen werden; man muß erſt oͤffentlich anfragen, ob irgend jemand da ſey, der Anſpruͤche dar - an hat und beweiſen kann, und findet ſich ein ſolcher, ſo tritt er in den Beſitz, und wenn auch ſeine Abſtammung von dem vorigen Be -13 ſitzer in die Jahrhunderte zuruͤckginge; findet ſich aber keiner, ſo wird zwar die Kaducitaͤt uͤber dieſe Guͤter verhaͤngt, aber eingezogen koͤnnen ſie darum doch nicht werden, ſondern der Staat muß ſie wiederum einem Edelmann uͤbergeben. So bleibt den Guͤtern beſtaͤndig ihre adeliche Natur, wie ihr Eigenthum bei den Familien, die ſie anfangs beſaßen und nicht foͤrmlich Verzicht darauf thaten; und daher koͤmmt es, daß die aͤrmſten Edelleute, wenn ſie nur beweiſen koͤnnen, daß ihr Vater ehedem ein ſo geeigenſchaftetes Gut beſeſſen, daß ſie ſelbſt nicht durch Handel oder Hand - werk die Rechte eines Edelmanns verloren haben, nach der Verfaſſung, dieſelben Vor - zuͤge genießen, wie der reichſte, jetzt noch be - ſitzliche Edelmann. Denn ſolch ein armer kann in Umſtaͤnde kommen, die ihm erlauben, ſich den Beſitz ſeines Familiengutes wieder zu ver - ſchaffen, das viele Jahre aus einer Hand in die andre gehen kann, ohne daß die verarmte Familie ihr Eigenthum daran verliert.

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Die Abgaben von dieſen Guͤtern ſind ge - ringe, und koͤnnen nur ſolche ſeyn, welche die geſetzgebende Macht, deren Mitglied der Edel - mann ſelbſt iſt, feſtgeſetzt hat. Eben ſo ver - haͤlt es ſich mit den Zoͤllen, von denen er zwar nicht mehr ganz frei iſt, die aber ver - haͤltnißmaͤßig ſehr geringe ſind.

Seine perſoͤnliche Freiheit iſt groß. Selbſt im Fall eines Kriminalverbrechens bleibt er ſeiner Perſon ſo lange maͤchtig, bis er deſſel - ben gerichtlich uͤberwieſen worden. Nur dann kann er verhaftet werden, wenn man ihn auf friſcher That ertappt, z. B. bei Diebſtaͤhlen, Mordbrennereyen, gefliſſentlichen Todtſchlaͤgen, Maͤdchen - und Weiberraube, Pluͤnderungen u. ſ. w. Am Leben kann er nur durch den Reichstag geſtraft werden, und es finden ſich in der polniſchen Geſchichte ſehr wenig Bei - ſpiele, daß das Todesurtheil uͤber einen Edel - mann ausgeſprochen und wirklich vollzogen worden waͤre.

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Er kann Todſchlaͤge mit Geld abkaufen. Begeht er einen ſolchen an einem Buͤrgerli - chen, ſo bezahlt er 100 Mark; geſchieht er an einem Adelichen, und zwar mit dem Saͤ - bel, ſo bezahlt er 240, mit dem Feuergewehr 480 Mark, wozu noch eine Gefaͤngnißſtrafe von einem Jahr und ſechs Wochen gefuͤgt wird.

Ein Buͤrgerlicher hingegen, der einen Edelmann erſchlaͤgt, zahlt mit dem Kopfe.

Dieſe Rechte ſind allen eingebornen Edel - leuten gemein, und Alterthum der Familie oder Reichthum machen keinen Unterſchied. Daher ſind alle Edelleute von Natur gleich. Die Vorzuͤge die einer vor dem andern hat, gehen nicht aus dem Grunde der Verfaſſung, ſondern aus den Staatsaͤmtern hervor, die er bekleidet. Ein Edelmann, der Senator iſt, wird nur als Senator einem andern Edel - mann vorgezogen. Auch die Unterſcheidungen, die in andern Laͤndern durch die Titel: Herzog, Graf, Baron, unter dem Adel verurſacht16 werden, finden in Polen nicht ſtatt, und es iſt dem Koͤnige nicht erlaubt, dieſe Titel einem eingebornen Edelmann zu verleihen, ſo mit ein ſolcher auch nicht darum anhalten darf. Vor etwas mehr als hundert Jahren wurde ſogar durch ein Geſetz die Strafe der Ehr - loſigkeit darauf geſetzt, wenn jemand durch auswaͤrts erhaltnen Titel, Wappen und Sie - gel, die Gleichheit unter dem eingebornen Adel ſtoͤrte.

Jndeſſen giebt es einige Familien, denen die Geſetze, der Gleichheit des Adels unbe - ſchadet, den Fuͤrſten und Grafentitel erlau - ben. Es ſind die noch bluͤhenden von denen, deren in den verſchiedenen Vertraͤgen erwaͤhnt wird, durch welche Lithauen, Kiow, Volhi - nien und Braclaw, mit Polen verbunden wurden: die Oſtrog, Czartoryski, Sangusto, Wisniowiecki, Radziwil, Jbaraz, Luzk, Czetwerlinsky, Fuͤrſten, und die Tenczyn und Olenski, Grafen. Die Oſtrog und Wiesnio - wiecki ſind ausgeſtorben, die Jbaraz werdenvon17von den Woroniecki fortgefuͤhrt, eben ſo die Grafen Tenczyn von den Oſſolinski. Vor kurzem ſtarb ein Olenski, aber ich habe noch keine ſichere Auskunft, ob in ihm dieſe Fa - milie ausgegangen iſt. Von neuerer Schoͤ - pfung ſind die fuͤrſtlichen Familien Oſſolinski, Lubomirski, Sulkowski, und ein Zweig der Familie Sapieha, die der Kaiſer in den Reichs - fuͤrſtenſtand erhoben hat, die aber dieſen Titel in oͤffentlichen Verhandlungen weder brauchen noch empfangen; vom allerneueſten Dato ſind die fuͤrſtlichen Familien Jablonowski und Poniatowski, mit welchen es eine aͤhnliche Bewandniß hat. Wenn der Erzbiſchof von Gneſen Fuͤrſt-Primas des Reichs, und der Biſchof von Krakau Herzog von Severien genannt werden, ſo ruhen dieſe Titel nicht auf ihren Familien, ſondern auf ihren Wuͤr - den, und ſie gehen auf ihre Nachfolger uͤber. Die Oginski und Maſſalski fuͤhren den Titel Knees, weil ſie von ruſſiſchen Familien ab - ſtammen. Außerdem ſind noch mehrere Reichs -Zweites Heft. B18grafen vorhanden und ſogar ein Marcheſe, Wielopolski, der dieſen Titel von der erloſche - nen Familie Myſzkowski uͤberkommen hat, die von dem Papſt, Klemens dem Achten, den - ſelben erhielt. Die Geſetze verbieten wieder - holt, daß dieſe Titel ihren Beſitzern irgend einen ſtaatsbuͤrgerlichen Vorzug vor den unbe - titelten Edelleuten geben ſollen, weder in Ver - gebung der Ehrenſtellen, Aemter und Staro - ſteyen, noch in dem Wahl - und Stimmge - ſchaͤft und den oͤffentlichen Verhandlungen. Zum Zeichen der Gleichheit reden ſich die Edelleute ohne Ausnahme mit Bruder an; der oberſte Senator den gewoͤhnlichen Edel - mann, und dieſer, wenn er will, den oberſten Senator; aber letzterer enthaͤlt ſich deſſen ge - woͤhnlich aus Ehrfurcht. Auch iſt es her - gebracht, daß man in oͤffentlichen Berathſchla - gunge den Senat mit der Benennung der aͤltern Bruͤder, und den Ritterſtand mit der Benennung der juͤngern Bruͤder be - zeichnet.

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Fremde Edelleute, die in Polen leben, oder daſelbſt von einem fremden Vater ge - boren ſind, koͤnnen nicht Theil an den Rechten des eingebornen Adels haben; ſie muͤſſen, mit Vorwiſſen des Staats, unter die Eingebornen aufgenommen werden. Jn aͤltern Zriten war dies nicht noͤthig. Damals wurden fremde Ankoͤmmlinge aus Schleſien, Boͤhmen, Un - garn und Deutſchland ſogleich den Eingebor - nen zugezaͤhlt, wenn ſie einen feſten Wohnſitz gefunden hatten. Nach der Zeit aber ward das Geſetz gegeben, daß das Jndigenat nicht heimlich, nicht vom Koͤnige allein, ſondern oͤffentlich, mit Einwilligung der Staͤnde, ver - liehen werden ſollte. Spaͤtere Geſetze beſtimmen noch, daß ſich die Kandidaten des Jndigenats auch um die Stimme des auf den Landtagen verſammleten Adels der Provinz, in welcher ſie ſich beſitzlich machen wollen, zu bewer - ben, und deſſen Empfehlung fuͤr den Reichs - tag zu gewinnen haben. Auch wird das Jn - digenat nicht jedem ohne Unterſchied verliehen,B 220ſondern nur aͤchtadelichen und verdienten Kan - didaten. Deshalb muͤſſen dieſe am Reichstage vor den Staͤnden ihre Verdienſte erweiſen, und ihren Adel, mittelſt Zeugniſſes des Fuͤr - ſten, in deſſen Lande ſie geboren ſind, dar - thun; ſodann entſcheidet erſt der Reichstag, ob ſie des Jndigenats wuͤrdig ſind oder nicht. Wenn Edelleute, die außerhalb Polen leben, das Jndigenat erhalten, ſo macht man ihnen zur Bedingung, daß ſie ſich in Polen anſaͤßig machen; oft laͤßt man aber auch dieſe Klauſel weg. Seit dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts ward geſetzlich beſtimmt, daß die Neuaufgenommenen des Jndigenats ver - luſtig gehen ſollten, wenn ſie ſich nicht vor dem naͤchſten Reichstage in Polen ankauften; und daß das Jndigenat denen nicht zu gute kommen ſollte, die nicht zum roͤmiſch-katholi - ſchen Bekenntniſſe uͤbergingen. Zudem muͤſſen ſie, weil ſie durch das Jndigenat Staatsbuͤr - ger werden, dem Koͤnige und der Republik den Eyd der Treue ſchwoͤren. Uebrigens iſt21 der niedergeſchriebene Beſchluß des Reichs - tages wegen ihrer Aufnahme nicht genug: ſie bekommen auch daruͤber ein eignes Patent aus der Kanzley. Die Koſten, die mit dieſem ganzen Geſchaͤfte verknuͤpft ſind, ſteigen ſehr hoch, weil die Stimmen auf den Landtagen und am Reichstage ſelbſt, ſo wie die Arbeiten der Kanzley, nicht umſonſt gegeben werden*)Der Stempelbogen fuͤr das Jndigenatsdiplom koſtet allein ſchon 3350 polniſche Gulden.. Dies iſt der Hauptgrund, weßhalb das Jndi - genat in Polen ſo ſelten geſucht und verliehen wird, und weßhalb ſich der polniſche Adel mehr, als irgend ein anderer, von fremdem Blute rein erhalten hat.

Wenn diejenigen, die das Jndigenat er - halten, mit ihrem Arme oder Vermoͤgen das Vaterland geſchuͤtzt haben oder noch ſchuͤtzen, oder wenn ſie von fremden, alten Familien ſtammen, ſo koͤnnen ſie ſogleich Staatsaͤmter bekleiden; andern Falls koͤnnen nur erſt ihre Urenkel zu den Ehrenſtellen und Geſchaͤften22 der Republik zugelaſſen werden. Daher ſteht bald in den Reichstagsbeſchluͤſſen, daß der Neuaufgenommene aller Rechte des polniſchen Adels faͤhig ſey, bald iſt es ausgelaſſen.

Nicht-adelich Geborne, Einheimiſche wie Fremde, koͤnnen in den Adel erhoben werden. Ehedem hatte der Koͤnig dies Recht; jetzt muͤſſen die Staͤnde, mit Vorwiſſen des Ra - thes, auf Empfehlung der Senatoren, Reichs - boten, Miniſter oder Generale, daruͤber ent - ſcheiden. Ein bloßes koͤnigliches Adelsdiplom iſt nicht hinlaͤnglich, den Adel zu verleihen, es muß ein Reichstagsbeſchluß, eine ſogenannte Konſtitution ſeyn. Uebrigens wird von den Kandidaten ebenfalls verlangt, daß ſie roͤmiſch - katholiſch ſind, daß ſie ſich die Stimme und Empfehlung des Adels auf den Landtagen ver - ſchaft, und ihre Verdienſte dem Reichstage dargelegt haben. Auch werden erſt ihre Ur - enkel dem alten Adel gleich geachtet, und, wie dieſer, zu den Staatsaͤmtern, gezogen, es muͤßte denn ſeyn, daß der erſte Erwerber23 des Adels vorzuͤgliche Verdienſte beſeſſen haͤtte.

Man glaube aber nicht, daß es mit die - ſen verlangten Verdienſten ſo genau genom - men werde. Das Geld, welches auf den Landtagen und am Reichstage ſelbſt, den Land - und den Reichsboten, die Einfluß haben, ge - geben wird, beſtimmt unbedingt das groͤßere oder kleinere Verdienſt. Diejenigen, die ſich etwa dagegen ſetzen, oder daran zweifeln ſoll - ten, werden, durch eben dieſe Gruͤnde, da - von am kraͤftigſten und ſchnellſten uͤberzeugt. Jn neuern Zeiten bedurfte es oft bloß der Empfehlung eines oder des andern auswaͤrti - gen Geſandten, den man von den Verdienſten des Suchenden uͤberzeugt hatte, und der Reichs - tag that willig, was man verlangte.

Die Geſetze verbieten nachdruͤcklich, daß ein Edelmann einem Unadelichen ſeinen Adel mittheile, oder ihn fuͤr ſeinen Verwandten ausgebe; daß jemand die Wappen von Fami - lien brauche, zu denen er nicht gehoͤrt; und24 daß jemand ein Edelmann zu ſeyn vorgebe, der es nicht iſt. Wird aber ein Edelmann von einem andern falſch beſchuldigt, daß er nicht Edelmann ſey, ſo kann er dieſen gericht - lich belangen und auf zu verfuͤgende Todes - ſtrafe wider ihn dringen.

Uebrigens gehen geborne wie gemachte Edelleute der Rechte des Adels verluſtig, wenn ſie Kaufmannſchaft oder Handwerke treiben, oder Schenken halten, oder in den kleinen Staͤdten Magiſtratsſtellen bekleiden. Jn den groͤßern koͤnnen ſie, ihrem Adel unbeſchadet, ſolche Stellen annehmen, weil dieſe in dem Punkte den Edelleuten gleich ſind, daß ſie Landguͤter beſitzen duͤrfen. Ferner gehen ſolche Edelleute ihres Adels verluſtig, die, wegen Kriminalverbrechen, fuͤr ehrlos erklaͤrt worden ſind; und endlich ſolche, denen der Adel, ohne daß ſie Verdienſte hatten, verliehen worden: ein Fall, der, nach der Bemerkung, die ich oben mitgetheilt habe, faſt unerhoͤrt iſt. Denn wer ohne Verdienſte den Adel ſich durch Geld25 verſchaffen konnte, kann ihn auch, wenn er angefochten wird, ſich durch Geld erhalten, und nur die Staͤnde, die ihn gaben, koͤnnen ihn nehmen, aber auch von neuem wieder geben. Nur verdienſtloſen Edelleuten, die zu - gleich arm ſind, koͤnnte dieſes Ungluͤck begeg - nen, von dem man in der polniſchen Geſchichte wohl wenig Beiſpiele finden moͤchte.

Da ſich einmal die ganze Verfaſſung des Staats um den Adel drehet, ſo zielen, wie man aus obigem ſieht, auch alle Geſetze und Einrichtungen zu ſeinem Vortheil, zu ſeinem Glanze, zu ſeiner Erhaltung und zu ſeiner Echtheit ab. Nur dieſer echte Adel bildet die - jenige Einwohnerklaſſe, aus welcher die Reichs - ſtaͤnde erleſen werden. Die Konſtitution des immerwaͤhrenden Raths nimmt drei ſolcher Staͤnde an, den Koͤnig, die Senatoren, die Ritter; aber eigentlich ſind ihrer nur zwei: der Senatoren - und der Ritterſtand*)Lengnich Jus. publ. Pol. Lib. II. Cap. 1. §. 3. . 26Kein aͤlteres Geſetz weiß von drei Staͤnden; keines vermengt den Koͤnig mit den Staͤnden. Die Geſetze wollen, daß der Koͤnig die Staͤnde zum Reichstag berufe, mit ihnen berathſchlage und beſchließe. Sie ſelbſt tragen an der Stirne den Namen des Koͤnigs, welcher erklaͤrt, er habe ſie nach dem Willen der Staͤnde, voll - zogen und beſtaͤtigt. Stirbt der Koͤnig, ſo heißt es nicht, der Stand, ſondern der Fuͤrſt iſt todt, und dann verfuͤgen alle Staͤnde in den Geſchaͤften des Staats, dann verſammlet man ſich zur Wahl, nicht eines Standes, ſondern eines Koͤnigs, der, wenn er gewaͤhlt iſt, und ſeine Pflichten anerkannt und beſchworen hat, die Rechte der Staͤnde beſtaͤtigt, und, wenn ihm die Reichsinſignien uͤbergeben ſind, eingefuͤhrt wird. Der Koͤnig iſt alſo durch die Geſetze von den Staͤnden unterſchieden und uͤber ſie erhoben.

Da indeſſen die Einſetzung des immer - waͤhrenden Raths mehrere aͤltere Konſtitutio - nen, theils aufhob, theils veraͤnderte, und da27 dieſer Rath neuerlich als Staatsmacht, was er durch die Revolution zu ſeyn aufhoͤrte, wieder hergeſtellt worden iſt: ſo laſſen wir es billig auch bei der Eintheilung in drei Staͤn - de, die das Geſetz, welches ihn errichtete, an - zunehmen fuͤr gut befunden hat. Nach dem - ſelben iſt.

Der Koͤnig das Oberhaupt der Na - tion, der erſte Reichsſtand, der Traͤger der Majeſtaͤt der Republik, der Vorſitzer des im - merwaͤhrenden Raths. Er beruft die ordent - lichen und außerordentlichen Reichstage; weder der Reichstag noch der immerwaͤhrende Rath kann etwas beſchließen, wenn er nicht gegen - waͤrtig iſt; unter ſeinem Namen werden alle Geſetze und Verordnungen des Reichstags und des immerwaͤhrenden Raths, und alle und jede oͤffentliche Urkunden ausgefertigt; in ſeinem Namen werden alle Gerichte gehalten und den Reichstags - und Relationsgerichten ſitzt er in Perſon vor; er ertheilt neue Rechte und Privilegien und beſtaͤtigt alte, inſoferne28 ſie nicht den oͤffentlichen polniſchen und lithaui - ſchen Rechten zuwider ſind; beſetzt alle niedere geiſtliche, buͤrgerliche und ſoldatiſche Aemter; und kann noch endlich Univerſitaͤten und Schu - len anlegen.

Dies ſind die Vorrechte des Koͤnigs. Man ſieht, daß kein weſentliches, welches ihm ir - gend einen bedeutenden Einfluß auf den Staat und deſſen Geſchaͤfte verſchafte, darunter iſt. Vormals hatte er wichtigere. Er beſetzte alle hohe Staatsaͤmter, geiſtliche, buͤrgerliche und kriegeriſche, und vergab die koͤniglichen Guͤter und Staroſteyen. Hierin lag die Quelle ſeiner Macht und ſeines Einfluſſes im Staate; denn, wer von ihm eine Stelle oder eine Staroſtey hoffte, war ihm ergeben, und wer eine oder die andere bekam, war, aus Dank - barkeit, ſein Anhaͤnger. So waren die Be - ſitzer der hoͤhern Wuͤrden, der ergiebigern Staroſteyen, die als Biſchoͤfe, Woiwoden und Kaſtellane zugleich die Senatorenwuͤrde be - kleideten, bei den Staatsverhandlungen mit29 der Stimmenmehrheit auf ſeiner Seite, und ein Theil des Ritterſtandes, der Staatsaͤmter, koͤnigliche Guͤter und Staroſteyen inne hatte, oder auf ſolche hoffte, ebenfalls. Dies hat aufgehoͤrt, ſeitdem der immerwaͤhrende Rath jene Stellen und Guͤter vergiebt, indem er dem Koͤnige jedesmal drei Suchende vor - ſchlaͤgt, aus denen er Einen waͤhlt: ſo ſind dem Koͤnige auf allen Seiten die Haͤnde ge - bunden, und es iſt kein wichtiges Staatsge - ſchaͤft vorhanden, deſſen Beſorgung er nicht, entweder mit dem Reichstag oder dem immer - waͤhrenden Rathe, theilen muͤßte. Man ſieht alſo, warum es einer der erſten Schritte des Revolutionsreichstages war, letztern aufzu - heben.

Der zweite Reichsſtand, der Senato - renſtand, wird durch die Erzbiſchoͤfe, Bi - ſchoͤfe, Woywoden, Kaſtellane und vornehm - ſten Miniſter gebildet. Mit dieſen Wuͤrden iſt die Senatorenſtelle genau verbunden, und ſie wird mit ihnen zugleich verliehen. Es30 verſteht ſich, daß nur eingeborne, beſitzliche Edelleute, die gleiche Rechte mit den andern Staatsbuͤrgern genießen, uͤbrigens Verdienſte, das erforderliche Alter und Faͤhigkeiten haben, auch roͤmiſch-katholiſch ſind, dieſe Stellen be - kleiden koͤnnen.

Die Anzahl der Senatoren iſt nicht im - mer dieſelbe, und bald ſtaͤrker, bald ſchwaͤ - cher geweſen. Durch die doppelte Entgliede - rung Polens iſt ſie geringer, als je ge - worden.

Ehedem bildeten ſechzehn dieſer Senato - ren, die vom Reichstage erleſen wurden, einen Rath, der dem Koͤnige zur Seite war, und mit dem er die oͤffentlichen Geſchaͤfte uͤber - legte. Er konnte nichts ohne deſſen Genehmi - gung verfuͤgen, und in Faͤllen, wo die Mei - nungen getheilt waren, entſchied die Mehr - heit. An die Stelle dieſes Raths iſt der im - merwaͤhrende getreten, der aber auch Mit - glieder aus dem Ritterſtande hat, und ohne deſſen Billigung der Koͤnig ebenfalls nichts31 beſchließen kann. Bei demſelben gilt der Ein - ſpruch eines Einzelnen nichts; er wird auch ſchon dadurch vermieden, daß in Faͤllen, wo man ſich nicht vereinigen kann, geſtimmt wer - den muß.

Damit der Koͤnig nicht Raths entbehrte, mußten die Senatoren im Lande bleiben, und konnten, ohne Einwilligung des Reichstags nicht verreiſen; will jetzt der Koͤnig eine Reiſe machen, ſo braucht er dazu die Genehmigung des immerwaͤhrenden Raths und dieſer muß ſich an den Ort verfuͤgen, wo ſich der Koͤnig befindet. Reiſet dieſer, nach eignem Willen, von Warſchau weg, ſo bleibt die Wahl zu den Staatsaͤmtern zwei Monat ausgeſetzt, aber nach Verlauf derſelben begiebt ſich eines der Mitglieder zum Koͤnige und ſtellt durch Briefwechſel den noͤthigen Zuſammenhang mit dem Rathe her.

Die Senatoren haben den Titel Excellenz. Beſoldung ziehen ſie als ſolche nicht. Jhr Auskommen und ihren Glanz erhalten ſie32 durch die Einkuͤnfte von andern Staatsſtellen und von den ihnen verliehenen koͤniglichen Guͤ - tern. Den erſten Rang unter ihnen nehmen die geiſtlichen Senatoren, die Erzbiſchoͤfe und Biſchoͤfe, ein.

Schon in den aͤlteſten Zeiten hatten dieſe viel Vorzuͤge vor den weltlichen, theils ihres geiſtlichen Amts, theils der Gelehrſam - keit wegen, in deren Beſitz ſie ausſchließend waren. Ehedem beſtanden ſie aus zwei Erz - biſchoͤfen, dem von Gneſen und dem von Lemberg, und aus funfzehn Biſchoͤfen. Dieſe Anzahl iſt durch die doppelte Theilung ver - ringert worden. Der Erzbiſchof von Lemberg iſt, ſeit der erſten, nicht mehr polniſcher Se - nator; der Erzbiſchof von Gneſen wird es, als ſolcher, ſeitdem Gneſen preußiſch gewor - den iſt, nicht mehr ſeyn, aber wohl als Bi - ſchof von Krakau. Doch iſt uͤber dieſen Ge - genſtand noch nichts beſtimmt worden.

Auf dem Erzbiſchofe von Gneſen haftete Wuͤrde und Titel des Fuͤrſten-Primas,und33und dieſer iſt, als ſolcher, der erſte unter den geiſtlichen Senatoren. Seine Vorrechte ſind hoͤchſt wichtig. Er iſt geborner Legat des Papſtes; er iſt Zwiſchenkoͤnig, von dem Tode des einen Fuͤrſten bis zur Einfuͤhrung des an - dern, und beſorgt waͤhrend dieſer Zeit koͤnig - liche Obliegenheiten; wenn der Koͤnig nicht im Lande iſt, und er ſieht eine Gefahr fuͤr den Staat aufſteigen, ſo kann er jenen ſo - gleich davon benachrichtigen; er kann dem Koͤnige Vorſtellungen thun, wenn er von der Vorſchrift des Geſetzes abweicht, und Dinge befiehlt, die demſelben widerſprechen*)Er muß aber bei der Ausuͤbung dieſes Rechts ſehr behutſam ſeyn, und nicht auf bloßen Verdacht, ſondern auf Thatſachen, die vom Koͤnige auch wirk - lich herruͤhren, ſeine Erinnerungen gruͤnden, und dieſe vorher, entweder ſchriftlich oder unter vier Augen, auch, zu noch groͤßerer Sicherheit, nach Zuratheziehung der Kanzler, vortragen. Des Koͤ - nigs Benehmen oͤffentlich ruͤgen, ihn ohne Grund anſchuldigen und die Staatsbuͤrger dadurch gegen ihn aufbringen, waͤre Hochverrath.; er iſtZweites Heft. C34geborner Kanonikus von Plozk; er hat das Recht Geld auszumuͤnzen*)Dies Recht kann er aber eben ſo wenig nutzen, als ehedem der Biſchof von Ermeland, der es auch hatte. Spaͤtere Geſetze naͤmlich haben das ge - ſammte Muͤnzweſen dem Koͤnige und den Staͤnden uͤbertragen, ohne deren Genehmigung niemand Geld ſchlagen darf; auch muͤßte der dadurch erhaltene Gewinn in den oͤffentlichen Schatz fließen.Das Recht zu jagen war ehedem wichtiger, wo bloß der Herzog oder die, denen er es erlaubt hatte, jagen durften; jetzt haben es alle Edelleute mit dem Erzbiſchofe gemein. Eben ſo das Recht wegen der Abgaben und Zoͤlle und der Gerichts - barkeit. und auf den Guͤ - tern ſeiner Kirche zu jagen; er iſt, wie ſeine Unterthanen, von Abgaben und Zoͤllen an die Woiwoden frei, und ihrer Gerichtsbarkeit nicht unterworfen; er nimmt im immerwaͤh - renden Rathe den oberſten Platz ein, ſelbſt wenn ein Kardinal unter den beiſitzenden Bi - ſchoͤfen waͤre; er unterſchreibt, wenn er im gedachten Rathe ſitzt, ſeinen Namen nach dem Koͤnige; iſt dieſer nicht gegenwaͤrtig, ſo hat35 er, wie waͤhrend des Zwiſchenreichs, zwei Stimmen, um, bei einer Stimmengleichheit, zu entſcheiden; er weicht dem paͤpſtlichen Nun - tius nicht, und deshalb verhuͤten beide, an einem dritten Orte zuſammen zu treffen; nie - mand darf, nach zwei alten Verordnungen aus den Zeiten Kaſimirs des Großen, in ſei - ner Gegenwart ſich unanſtaͤndiger Worte be - dienen, noch Saͤbel oder Meſſer ziehen, bei einer Geldſtrafe, die in des Primas Seckel fließt ꝛc.

Zu ſeiner aͤußern Auszeichnung gehoͤrt, daß er den Purpur eines Kardinals traͤgt; daß ihm die andern Senatoren entgegen kom - men, wenn er in die Stadt einzieht, wo der Reichstag gehalten wird; daß ihm einige da - von begleiten, wenn er den erſten Beſuch beim Koͤnige abſta[t]tet; daß ihm die Mar - ſchaͤlle dabei vorangehen; daß der Koͤnig ſelbſt aufſteht und ihm entgegen geht; daß ihm, wenn er ſich oͤffentlich zeigt, ein Marſchall aus dem Senatorenſtande, von den KaſtellanenC 236zweiter Klaſſe, den Stab vortraͤgt, gehend wenn der Primas geht, reitend wenn er faͤhrt, aber immer zur Linken, weil der Kanonikus, der ihm ein Kreuz vortraͤgt, die Rechte ein - nimmt. Dieſer Kreuztraͤger iſt dem Primas zur Seite, wo er ſich auch befindet, im Se - nat und auf dem Reichstage. Der Marſchall des Primas iſt Kaſtellan, und die Marſchaͤlle des Reichs ſind nur Miniſter aus dem Sena - torenſtande; dagegen muß jener den Marſchall - ſtab dort ſenken, wo die Staͤbe der Krone und Litthauens ſich aufrecht zeigen. Noch hat der Primas, außer dem Marſchall und Kreuz - traͤger, einen Kanzler, einen Referendar, Kam - merherrn, Stall -, Jaͤger -, Kuͤchen -, Keller - und Silbermeiſter ꝛc. ; und endlich noch das Recht, welches keiner der uͤbrigen hoͤchſten Staatsbeamten hat: daß die Glocken von Warſchau gelaͤutet werden, wenn es bei ihm Zeit zum Mittagseſſen iſt.

Man verzeihe mir die Anfuͤhrung dieſer letztern Kleinigkeiten. Sie ſtehen bloß als eine37 Probe da, was eine vollkommen-freie, voll - kommen-gleiche Nation gethan hat, um einen ſogenannten Mitbruder zu zwingen, daß er dieſe vollkommene Gleichheit vergeſſen ſollte.

Die Biſchoͤfe haben, einer vor den an - dern, gewiſſe Auszeichnungen, die ſich auf ihren Rang in der Kirche und im Senate, und auf den Vortritt beziehen, welche ich aber hier nicht anfuͤhren mag. Der Koͤnig waͤhlte ſie ehedem und der Papſt beſtaͤtigte ſie; jetzt ſchlaͤgt der immerwaͤhrende Rath ihm drei Kandidaten vor, von denen er Einen waͤhlen muß. Sie koͤnnen nicht zwei Bißthuͤmer zu - gleich beſitzen; aber man hat Ausnahmen von dieſer Regel. Sie wechſeln oft in ihren Stel - len, und vertauſchen bald ein niederes Biß - thum mit einem hoͤheren, bald ein minder ein - traͤgliches mit einem reichern; oft nutzen ſie neben ihrem Bißthum, noch gewiſſe Abteyen und Propſteyen, um den Glanz ihrer Wuͤrde zu behaupten. Auf jedem Fall haben ſie alle vortrefliche Einkuͤnfte, aber der Biſchof von38 Krakau die reichſten. Vor Zeiten konnten ſie, ohne Ausnahme, die Kanzlerwuͤrde bekleiden, jetzt ſind die vordern davon ausgeſchloſſen, ſie muͤßten denn ihr hoͤheres und reicheres Biß - thum gegen ein niederes und minder reiches vertauſchen, was nicht ſelten der Fall geweſen iſt; aber eben ſo oft iſt es geſchehen, daß ein Biſchof, der Kanzler war, dieſe Stelle nie - derlegte, wenn er zu einem der hoͤheren Biß - thuͤmer vorruͤckte. Sie koͤnnen Koadjutoren haben, aber dieſe ſind nicht Senatoren; der immerwaͤhrende Rath bewilligt und ſetzt ſie ihnen, wenn ſie Alters oder Krankheitshalber darum anhalten; ſie haben auch Weihbiſchoͤfe, die ſie ſelbſt anſtellen, die aber keine Anſpruͤche auf das Bißthum haben. Drei von ihnen (den Primas eingeſchloſſen) haben Sitz und Stimme im immerwaͤhrenden Rathe; aber ſie ziehen dafuͤr keine Beſoldung, eben ſo we - nig als der Primas und die Miniſter. Uebri - gens haben ſie in dem, zu ihren Bißthuͤmern gehoͤrigen Gebiete, die Vorrechte und Frei -39 heiten der eingebornen, beſitzlichen Edelleute, in ihrem ganzen Umfange.

Den naͤchſten Rang nach ihnen nehmen im Senatorenſtande die Woiwoden ein. Jhr lateiniſcher Name (palatini) ſtammt von den Aemtern her, die ſie ehedem im Pallaſte, am Hofe der Fuͤrſten bekleideten. Von Rom und Konſtantinopel ging dieſe Benennung nach Frankreich uͤber, wo die Großen, die dem Fuͤrſten als Raͤthe zur Seite waren, Palatine genannt wurden. Von da kam ſie nach Po - len, wo man diejenigen damit belegte, die unter den Baronen die vorderſten waren, und wo man zugleich die Provinzen, aus welchen Polen beſtand und diejenigen, die damit ver - bunden wurden, Palatinate nannte. Ein Pa - latin heißt in polniſcher Sprache Woiewoda (Herzog, Heerfuͤhrer) und der Landes - ſtrich dem er vorſtehet, Woiewodtzwo (Herzogthum). Die deutſche Sprache hat die polniſche Benennung beibehalten, und man ſagt Woiwode, Woiwodſchaft. Jn40 den aͤlteſten Zeiten, als Polen noch unter mehrere Fuͤrſten vertheilt war, deren jeder ſeinen eigenen Hof hatte, waren mehrere Pa - latine zugleich vorhanden, welche die Krieger gegen den Feind fuͤhrten, und daher den Na - men Woiwoden erhielten. Auch nach der Vereinigung dieſer Provinzen unter Einen Fuͤrſten, wo einige Hoͤfe eingingen, blieben mehrere Woiwoden uͤbrig, die nun, anſtatt dem Hofe vorgeſetzt zu ſeyn, groͤßern Landes - ſtrichen vorgeſetzt wurden, welche man daher Woiwodſchaften nannte; denn in der Geſchichte koͤmmt das Wort Woiwodſchaft ſpaͤter vor, als das Wort Woiwode, und in aͤltern Zeiten lieſ't man nur von Provinzen und Laͤndern.

Die Fuͤrſten bedienten ſich des Raths der Woiwoden, ſie mochten an ihrem Hofe, oder in den ihnen zugetheilten Provinzen leben. Daher kommt es, daß ſie ihre Stelle unter den Senatoren, und da ſie die erſten bei Hofe waren, auch den Rang vor den uͤbrigen be - halten haben.

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Die aͤlteſten unter den Woiwoden ſind die in Kronpolen; die uͤbrigen, in den hinzu - gekommenen Laͤndern, ſind juͤnger, weil dieſe Provinzen erſt nach der Verbindung mit Po - len in Woiwodſchaften abgetheilt wurden. Man hat aber keine Rangordnung nach den Provinzen unter ihnen feſtgeſetzt, ſondern ſie ſind unter einander gemiſcht. Sonderbar iſt es, daß der Kaſtellan von Krakau allen Woi - woden vorgeht, und daß zwei andre Kaſtellane, die von Wilna und Trozk, und der Staroſt von Samogitien (alle ſonſt hinter den Woi - woden) dieſen zugezaͤhlt werden. Die Ge - ſchichtſchreiber ſind nicht einig, woher der Ka - ſtellan von Krakau jenen Vorzug erhalten hat. Einige ſagen, ein Woiwode von Krakau habe ſich gegen den Koͤnig empoͤrt, und dieſer habe ſein Verbrechen noch an ſeinen Nachfolgern dadurch beſtrafen wollen, daß er verordnet, die Woiwoden von Krakau ſollten auf ewige Zeiten den Kaſtellanen von Krakau nachgehen; andre ſagen, es ſey eine Strafe dafuͤr, daß42 bei einer Schlacht ein Woiwode ſchaͤndlicher - weiſe die Flucht genommen habe. Wenn die Kaſtellanen von Wilna und Trozk, und der Staroſt von Samogitien, zu den Woiwoden gezaͤhlt werden, ſo ſcheint es daher zu kommen, daß ehemals in Lithauen nur zwei Woiwoden und eben ſo viel Kaſtellane, naͤmlich die von Wilna und Trozk, vorhanden waren, die uͤbrigen Bezirke aber von koͤniglichen Statt - haltern regiert wurden. Als man nachher dieſe Bezirke in Woiwodſchaften verwandelte, ließ man jenen Kaſtellanen den Rang vor den neuern Woiwoden in denſelben. Gleiche Be - ſchaffenheit hat es wohl mit dem Staroſten von Samogitien, der ebenfalls fruͤher vorhan - den war, als die auf ihn folgenden lithauiſchen Woiwoden. Ueberdies gebuͤhrt ihm, ſchon ſeines Amts wegen, eine Stelle unter den Woiwoden, denn er hat in ſeinem Gebiete alle die Macht, welche die Woiwoden in dem ihrigen ausuͤben, ſo daß er nur der Benen - nung nach von ihnen unterſchieden iſt. Einige43 Woiwoden nennen ſich General-Woiwoden, aber dieſer Titel legt ihrer Macht nichts zu, und ſie bleiben denen gleich, die ihn nicht fuͤhren.

Ein Woiwode kann nicht zugleich zwei Woiwodſchaften inne haben, auch nicht zu - gleich Kaſtellan und Miniſter aus dem Sena - torenſtande ſeyn. Jſt er Kaſtellan, wenn er zum Woiwoden gewaͤhlt wird, ſo hoͤrt er ſo - gleich auf, erſteres zu ſeyn; wird ein Woiwode zum Miniſter aus dem Senatorenſtande ge - waͤhlt, ſo muß er die Woiwodſchaft aufgeben, und es kommen in der Geſchichte mehrere Beiſpiele vor, daß Woiwoden ihre Wuͤrden gegen Kanzler -, Schatzmeiſter und Marſchalls - Aemter wirklich vertauſcht haben. Dagegen koͤnnen die Woiwoden zugleich Großfeldherren oder Unterfeldherren ſeyn, wovon die Urſache keine andre iſt, als daß die Feldherrnſtellen nicht zu den ſenatoriſchen Aemtern gehoͤren. Kein kronpolniſcher Woiwode, der von Krakau ausgenommen, darf innerhalb ſeiner Woiwod -44 ſchaft, eine von den Staroſteyen beſitzen, die Gerichtsbarkeit haben; außerhalb derſelben iſt es ihm nicht verwehrt. Aber die lithauiſchen Woiwoden koͤnnen Staroſteyen mit Gerichts - barkeit innerhalb ihres Gebietes beſitzen. Uebri - gens haben die Woiwoden, außer den Vor - rechten, die ihnen mit den andern Senatoren gemein ſind, noch dieſe, daß ſie den Adel ihres Gebiets zu den Landtagen berufen und bei dieſen den Vorſitz fuͤhren; daß ſie in ihrer Woiwodſchaft die ſogenannten Palatins-Ge - richte halten; den Preis der Lebensmittel be - ſtimmen; uͤber Maß und Gewicht wachen; die Juden richten und gegen Mißhandlungen in Schutz nehmen u. ſ. w. Dieſe Geſchaͤfte uͤberlaſſen ſie aber ihren Stellvertretern, den Vicewoiwoden, die ſie ſelbſt waͤhlen koͤnnen, die aber eingeborne, beſitzliche Edelleute ſeyn muͤſſen, und die, nach Recht zu richten und die uͤbrigen Geſchaͤfte gewiſſenhaft zu betrei - ben, durch einen Eyd verpflichtet werden.

45

Die eigentlichſte Beſtimmung der Woi - woden, die ihr Name anzeigt, iſt, bei einem allgemeinen Aufſitze, den Adel ihrer Woiwod - ſchaft anzufuͤhren; da aber ſolche Aufſitze in neuern Zeiten nicht mehr uͤblich und moͤg - lich ſind, ſo iſt auch der Name Woiwode nichts, als ein Titel, um welchen ſich aber der polniſche Adel ſo angelegentlich draͤngt, als ob noch die Gelegenheit, Thaten zu thun, damit verbunden waͤre.

Auf die Woiwoden folgen die Kaſtel - lane. Sie haben ihren Namen von dem Worte Castellum, welches von feſten Schloͤſ - ſern, allerley befeſtigten Oertern, auch von Lagern gebraucht wurde. Die Befehlshaber ſolcher Plaͤtze nannte man alſo Kaſtellane, und ſie waren nicht bloß den Kaſtellen, ſon - dern auch einem gewiſſen Bezirke vorgeſetzt, der dazu gehoͤrte und der die Benennung Ka - ſtellaney trug. Aus aͤltern Geſchichtſchreibern erhellt, daß Polen vormals in ſolche Kaſtel - laneyen eingetheilt war; jetzt aber wird dieſes46 Wort nicht mehr von einem Landesſtriche, ſondern nur von der Wuͤrde des Kaſtellans gebraucht. Die Kaſtellane hatten volle Ge - richtsbarkeit uͤber ihre Bezirke, aber in ſpaͤtern Zeiten ſind dieſe Kaſtellaney-Gerichte einge - gangen, und die Staroſtey Gerichte, (Grobgerichte, indicia castrensia) ſcheinen an ihre Stelle getreten zu ſeyn. Dagegen haben die Kaſtellane ihre ehemalige Senatorenwuͤrde beibehalten, denn ſie waren mit unter den Baronen begriffen, von denen die alten Schrift - ſteller ſagen, daß ſie von den Fuͤrſten zu Rathe gezogen worden. Jn einer alten Urkunde iſt ihrer ſogar vor den Woiwoden erwaͤhnt. Jn Gleichheit mit dieſen koͤnnen ſie ebenfalls keine Miniſterſtellen aus dem Senatorenſtande be - kleiden und zugleich Kaſtellane bleiben; ſie duͤrfen aber, wie dieſe, zugleich Befehlshaber bei der Armee ſeyn. Die kronpolniſchen Ka - ſtellane, der von Krakau ausgenommen, koͤn - nen in der Woiwodſchaft, zu der ſie gehoͤren, keine Staroſtey mit Gerichtsbarkeit inne haben;47 auch die Aemter, die man Landaͤmter nennt, bekleiden ſie nicht, weder inner - noch außer - halb ihrer Woiwodſchaften. Wenn ein Auf - ſitz geboten wird, ſo befehligen ſie den Adel ihres Bezirks und fuͤhren ihn zum Woiwoden, der dem Adel der geſammten Woiwodſchaft vorgeſetzt iſt. Sie ſind alſo, naͤchſt dieſen, die vornehmſten Anfuͤhrer des Adels. Obgleich ſie alle gleiches Anſehen haben, werden ſie doch in groͤßere und kleinere abgetheilt. Die Anzahl der letztern iſt ſtaͤrker, als der erſtern. Vor der doppelten Entgliederung Po - lens waren dieſer drei und dreißig, jener drei und vierzig. Die kleinern Kaſtellane wurden auch powiatowi, Diſtriktskaſtellane, ge - nannt, weil ſie ihren Titel nicht von ganzen Woiwodſchaften, ſondern von den kleinern Be - zirken derſelben, fuͤhren; auch niekrzeslowi, Kaſtellane ohne Stuͤhle, weil ſie im Reichsrathe nicht, wie die groͤßern Kaſtellane, auf Stuͤhlen, ſondern auf Baͤnken ſaßen.

48

Jch erinnere durch dieſe Kleinigkeiten abermals an die Jnkonſequenz in den Gleich - heitsgrundſaͤtzen der polniſchen Verfaſſung.

Zu den Senatoren zaͤhlt man einige Mi - niſter, und nennt ſie deshalb Miniſter aus dem Senatorenſtande. Sie bekleiden die hoͤheren Staatsaͤmter um die Perſon des Koͤnigs. Jhrer ſind folgende zehn: Zwei Großmarſchaͤlle, zwei Großkanzler, zwei Un - terkanzler, zwei Schatzmeiſter, zwei Hof - oder Untermarſchaͤlle.

Fuͤnf dieſer Miniſter gehoͤren zur Polni - ſchen und fuͤnf andre zur Lithauiſchen Nation.

Sie ſind nach den Kaſtellanen in den Senat gekommen, ſtimmen alſo auch nach ihnen. Am Reichstage ſitzen ſie nicht an der Seite der Kaſtellane, ſondern beſonders; in den Relationsgerichten aber fuͤhren ſie die Reihe der Senatoren nach den Kaſtellanen fort, nach welchen ſie auch am Reichstage ihre Stimmen geben. Die Geſetze erlauben nicht, daß dieſe Miniſter zugleich Woiwodenoder49oder Kaſtellane ſeyn koͤnnen; wollen ſie es werden, ſo muͤſſen ſie die Miniſterſtelle nie - derlegen. So darf ein Miniſter auch nicht zwei Miniſterſtellen inne haben, und er muß die erſte Stelle niederlegen, wenn er eine zweite bekleiden will; ja, zwei Perſonen aus einer Familie koͤnnen nicht zugleich zwei Mi - niſterſtellen beſitzen. Dagegen koͤnnen ſie Sta - roſteyen mit Gerichtsbarkeit in jeder Woiwod - ſchaft inne haben, ſogar Generalſtaroſten von Polen ſeyn. Jhre Aemter behalten ſie auf Lebenszeit, oder bis ſie dieſelben mit andern verwechſeln. Sie bringen ihre Zeit meiſt um den Koͤnig zu, damit er ihres Amtes nicht entbehre, welches eine faſt ununterbrochene Anweſenheit erfordert. Auch auf Reiſen in Polen und Lithauen begleiten ſie den Koͤnig, wo nicht alle, doch einer oder der andre von ihnen. Auf Reiſen außerhalb Landes iſt einer der Unterkanzler in ſeinem Gefolge. Der Fall koͤmmt oft vor, daß Woiwoden und Kaſtellane ihre Wuͤrden gegen Miniſterſtellen aufgeben,Zweites Heft. D50theils weil ſie durch ihren Aufenthalt um den Koͤnig haͤufiger Gelegenheit haben, ſich und ihre Familie ſeiner Freigebigkeit zu empfehlen, theils weil die Miniſterſtellen mit anſehnlichen Privateinkuͤnften verbunden ſind. Jhr Titel iſt derſelbe, der den Woiwoden und groͤßern Kaſtellanen gegeben wird.

Dies von den Miniſtern im Allgemeinen; es iſt noͤthig, von ihren Stellen im Beſon - dern einiges anzumerken.

Die erſten in der Ordnung ſind die Mar - ſchaͤlle. Oben iſt bemerkt worden, daß ih - rer vier ſind, naͤmlich der Groß - und der Hofmarſchall von Polen und der Groß - und Hofmarſchall von Lithauen. Das Abzeichen ihrer Wuͤrde iſt der Marſchallsſtab. Die Hof - marſchaͤlle pflegen in die Stellen der Groß - marſchaͤlle zu ruͤcken, doch iſt kein Geſetz dar - uͤber vorhanden, und der Koͤnig, oder jetzt vielmehr der immerwaͤhrende Rath, koͤnnen nach Willkuͤhr andre zu Großmarſchaͤllen er - nennen. Jhre Pflichten und Rechte ſind:51 daß ſie die Hofbedienten ernennen, auszahlen, uͤber ihre Auffuͤhrung wachen, ungehorſame, ſittenloſe entfernen; daß ſie Gaͤſte und koͤnig - liche Raͤthe empfangen, und ſorgen, daß ſie nach Wuͤrde behandelt werden, daß ſie Auf - lauf, Gewaltthaͤtigkeiten und alles was belei - digen kann, abwenden und die Anſtifter be - ſtrafen; daß ſie alle, den Hof betreffende, Ge - ſchaͤfte fuͤhren, und was darin abgeht oder fehlerhaft iſt, unter Mitwiſſen des Koͤnigs, verbeſſern. Ehedem beſtimmten ſie auch den Preis der Dinge, die der Hof brauchte; da ſich aber manche unter ihnen von den Kauf - leuten beſtechen ließen, den Preis zu ihrem Vortheil anzuſetzen, ſo wurde ihnen dies Vor - recht durch die Konſtitution vom Jahre 1768 genommen. Alle Hofbediente ſtehen unter ih - rem Tribunal, die Marſchallsgerichte ge - nannt, ſelbſt die Offiziere der Leibwache, und ſogar die Gemeinen, wenn ihre Vorgeſetzte zu nachſichtig gegen ſie geweſen ſind. Dieſe Ge - richte erſtrecken ſich auf drei Meilen um denD 252Wohnſitz des Koͤnigs; ſie begleiten ihn, wo - hin er ſich, innerhalb des Reichs, begiebt; und von ihren Spruͤchen kann nicht appellirt, doch kann die von ihnen zuerkannte Strafe vom Koͤnige gemildert, auch geſchenkt werden. Stirbt der Koͤnig, ſo werden dieſe Gerichte um ſeinen Leichnam fortgehalten. Seit 1768 haben die Marſchaͤlle bei ihren Gerichten ſechs Beiſitzer, ohne die ſie nicht mehr entſcheiden duͤrfen. Sonſt beſorgen ſie noch, in Ab - ſicht der Hofgebraͤuche, ſowohl um die Perſon des Koͤnigs, als am Reichstage, alles das, was Herkommen und Sitte iſt, und wachen, daß nichts darin veraͤndert werde; und ſie muͤſſen in dieſem Punkte nicht minder bedenk - lich und genau ſeyn, als die Marſchaͤlle an monarchiſchen Hoͤfen. Vermoͤge der Konſti - tution des immerwaͤhrenden Raths ſind ſie verbunden, jaͤhrlich 6 Monate um den Koͤnig zu ſeyn, und die Beiſitzer ihrer Gerichte jeder 4 Monate. Die Hofmarſchaͤlle haben, wenn die Großmarſchaͤlle nicht zugegen ſind, deren53 ganzes Anſehen und alle ihre Vorrechte. Ue - brigens beſorgen die Marſchaͤlle der Krone das, was Kronpolen angeht, und die Mar - ſchaͤlle von Lithauen das, was auf dieſes Groß - herzogthum Bezug hat.

Der Kanzler ſind eben ſo viel als der Marſchaͤlle: ihrer zwei fuͤr Polen und zwei fuͤr Lithauen, fuͤr beide ein Groß - und ein Unterkanzler. Sie duͤrfen nicht zugleich Woi - woden und Kaſtellane ſeyn. Ehedem ernannte ſie der Koͤnig am Reichstage, doch mit Zu - ſtimmung des Reichsraths, jetzt ſchlaͤgt auch zu dieſen Stellen der immerwaͤhrende Rath die Kandidaten vor. Die Kanzlerſtellen ſind unter den hoͤhern Staatsaͤmtern die einzigen, in deren Bekleidung Weltliche und Geiſtliche mit einander abwechſeln. Jn aͤltern Zeiten kamen Weltliche ſeltener dazu, weil es ihnen an den noͤthigen Kenntniſſen fehlte, aber ſeit Siegmund dem Erſten iſt ein Geſetz vorhan - den, daß jedesmal einer von den Kanzlern ein Geiſtlicher und der andre ein Weltlicher54 ſeyn ſoll. Auch die Stelle des Großkanzlers muß abwechſelnd mit einem Geiſtlichen und einem Weltlichen beſetzt werden. Wenn alſo beide Kanzlerſtellen offen ſind, und der letzte Großkanzler war ein Geiſtlicher, ſo muß ſein Platz mit einem Weltlichen und im umgekehr - ten Falle mit einem Geiſtlichen, beſetzt wer - den. Dieſe Einrichtung iſt aber nur in Kron - polen, nicht in Lithauen, wo die Kanzler im - mer Weltliche zu ſeyn pflegen.

Man macht in Kronpolen gewoͤhnlich Biſchoͤfe zu Kanzlern, ſeltener Geiſtliche von geringerer Wuͤrde. Der letzte Unterkanzler, Kollontay, machte eine Ausnahme: er wurde vom Kronreferendar zum Kanzler er - hoben. Uebrigens iſt ſchon oben bemerkt wor - den, daß nicht alle Biſchoͤfe das Kanzleramt bekleiden koͤnnen, ſondern nur ſolche, die ein Bißthum mit geringern Einkuͤnften inne ha - ben, und daß ſie, wenn ſie als Kanzler ein reicheres bekommen, dieſe Stelle niederlegen muͤſſen. Wer, ehe er Kanzler wurde, noch55 nicht Biſchof war, hat vor andern Anwart - ſchaft auf das naͤchſte erledigte Bißthum, und wer ſchon Biſchof war, auf das naͤchſtaufge - hende reichere. Eben ſo die weltlichen Kanzler auf die eintraͤglichſten koͤniglichen Guͤter, auf Woiwodſchaften und Kaſtellaneyen.

Die Groß - und Unterkanzler haben glei - ches Anſehen, und nur dieſe Unterſcheidung findet zwiſchen beiden Statt, daß der Groß - kanzler den Vortritt hat, und daß der Unter - kanzler, wenn jener abweſend iſt, die Geſchaͤfte beſorgt. Auch ruͤckt er in deſſen Stelle, wenn ſie offen wird. Doch iſt dies nur der Fall in Kronpolen, wo man den Wechſel zwiſchen weltlichen und geiſtlichen Kanzlern erhalten muß; in Lithauen kann der Unterkanzler, bei Beſetzung der Großkanzlerſtelle, uͤbergangen werden.

Das Amt des Kanzlers iſt ſehr wichtig und umfaſſend. Er traͤgt im Namen des Koͤ - nigs vor, ſowohl am Reichstage als außer demſelben bei allen Gelegenheiten, wo der56 Koͤnig oͤffentlich zu reden hat. Er antwortet den fremden Geſandten auf ihre Anreden; be - ſpricht ſich auch beſonders mit ihnen, um ihre Antraͤge zu vernehmen, den Koͤnig davon zu unterrichten und deſſen Antwort zu uͤberbrin - gen. Er empfaͤngt die Bittſchriften an den Koͤnig, und er entwirft und beſiegelt die oͤffent - lichen Geſchaͤftsſchriften, Mandate, Vorla - dungen, Entſcheidungen, Privilegien, Diplo - me und Schenkungen. Zu dieſen, wie zu ſei - nen muͤndlichen Vortraͤgen, bedient er ſich der lateiniſchen oder der polniſchen Sprache, die von jeher die Sprachen der oͤffentlichen Ge - ſchaͤfte in Polen waren.

Jeder der Kanzler hat ſeine eigene Kanz - ley, ſein beſonderes Archiv (in polniſch-latei - niſcher Sprache metrica genannt) und ſein beſonderes Siegel. Da die Geſchaͤfte, die bei ihren Stellen vorkommen, die mannigfaltigſten Beziehungen auf das polniſche Staatsrecht und auf die verwickelten Privatrechte der ein - zelnen Einwohnerklaſſen haben; ſo muͤſſen ſie57 in den geſchriebenen und ungeſchriebenen Ge - ſetzen, und in den Gebraͤuchen und dem Her - kommen, vorzuͤglich bewandert ſeyn. Sie ha - ben zwar einen Kanzleyaufſeher (Regent ge - nannt) deſſen Pflicht es iſt, zu wachen, daß nichts, was gegen Geſetze und Herkommen waͤre, aus der Kanzley hervorgehe; aber ſie ſind darum nicht von aller Sorge frei, weil ſie, wenn ein Verſtoß geſchieht, verantwort - lich dafuͤr bleiben.

Schriften, die des Koͤnigs Unterzeichnung nicht beduͤrfen, fertigt der Kanzler ohne deſſen Mitwiſſen aus; die aber deren beduͤrfen, muͤſ - ſen dem Koͤnige im Auszuge vorgetragen wer - den. Die Diplome uͤber Privilegien, Ehren - ſtellen, verliehene Guͤter ꝛc. muͤſſen, ehe der Kanzler ſie ausgiebt, in deſſen Aktenbuͤcher eingetragen werden, fuͤr den Fall, daß ſie verloren gingen, oder daß man Abſchriften davon verlangte. Die Kanzleygebuͤhren, wel - che Privatleute zu zahlen haben, ſind zwar in aͤltern Zeiten feſtgeſetzt, aber nur fuͤr den58 Adel; die Nichtadelichen, die Fremden und Juden ſind der Willkuͤhr der Kanzley uͤber - laſſen, und dieſe iſt in der That nicht billig. Die Gebuͤhren fuͤr Diplome, die dem Em - pfaͤnger Freude oder Nutzen bringen, ſtellt man gewoͤhnlich der Großmuth deſſelben an - heim, und man kann denken, daß ſie in die - ſem Falle nicht geringe ſeyn duͤrfen, da Kanz - ler, Regent und Metrikant, und ſonſt noch irgend ein paar Schreiber, zugleich befriedigt werden muͤſſen*)Der Stempel an einer Muͤndigerklaͤrung koſtet allein 10,000 polniſche Gulden..

Die Kanzler ſind Vorſitzer bei den Aſ - ſeſſorial-Gerichten; ſie haben die Pflicht, die vom Reichstage gefaßten Beſchluͤſſe nach Endigung deſſelben drucken zu laſſen und, mit ihrem Siegel verſehen, in die Provinzen zu ſenden; ſie koͤnnen zu außerordentlichen Ge - ſandten gebraucht werden; einer von ihnen iſt Mitglied des auswaͤrtigen Departements im immerwaͤhrenden Rathe, und, wenn der59 Koͤnig nicht zugegen iſt, deſſen Vorſitzer; ſie koͤnnen, wenn die Marſchaͤlle abweſend ſind, deren Stelle vertreten; ſie koͤnnen endlich ſo - gar die Armee anfuͤhren, wenn kein Feldherr und kein Marſchall vorhanden iſt.

Die Kanzler vom weltlichen Stande zie - hen eine jaͤhrliche Beſoldung, die vom geiſt - lichen, keine, weil ihre Einkuͤnfte aus der Kirche anſehnlich genug ſind. Durch die Er - richtung des immerwaͤhrenden Raths ſind einige ihrer alten Vorrechte eingeſchraͤnkt worden. Man hat ihnen ſechs Beiſitzer zugegeben, ohne die ſie ihre gerichtlichen Geſchaͤfte nicht abthun koͤnnen; ſie muͤſſen alle Monat jenem Rathe ein Verzeichniß der Privilegien, die ſie ausgefertigt haben, einreichen, und jedes - mal zwei von ihnen muͤſſen ſechs Monat jaͤhr - lich in Warſchau gegenwaͤrtig bleiben.

Noch ſind von den Staatsbeamten aus dem Senatorenſtande uͤbrig:

Die Schatzmeiſter beider Nationen, die, zum Unterſchiede von den beiden Hof -60 ſchatzmeiſtern, Großſchatzmeiſter ge - nannt werden. Sie ſind Aufſeher der Reichs - inſignien und des Schatzes; empfangen die oͤffentlichen Einkuͤnfte; beſorgen die oͤffentlichen Ausgaben, und bringen ſie in Rechnung. Sie haben die Aufſicht uͤber das Muͤnzweſen und ſind Vorſitzer eines Tribunals, die Schatz - kommiſſion genannt. Ehedem waren ſie in ihrem Departement faſt unumſchraͤnkt, und eine Reihe von Unordnungen war die Folge davon; aber ſeit der Konſtitution von 1768 und ſeit der Errichtung des immerwaͤhrenden Raths, ſind ihren Vorrechten und Befugniſſen engere Graͤnzen geſetzt worden. Sie haben jetzt eine Kommiſſion zur Seite, ohne die ſie nichts verfuͤgen koͤnnen, und unter welcher das Schatzdepartement ſteht, das aus Mitgliedern des immerwaͤhrenden Raths zuſammengeſetzt iſt. Sie muͤſſen monatlich einen Bericht von allen ihren Verhandlungen dem gedachten Ka - the vorlegen; die Vorſchlaͤge, die zur Ver - beſſerung und Erweiterung des Handels und61 der Einkuͤnfte, zur Errichtung von Manufak - turen, Anlegung von Straßen und Kanaͤlen ꝛc ihnen eingereicht werden, koͤnnen ſie unter - ſuchen, aber weder verwerfen noch annehmen, ohne die Billigung jenes Raths; nur mit Ge - nehmigung eben deſſelben koͤnnen ſie zufaͤllige Ausgaben des Schatzes, als Geſchenke, Preiſe ꝛc. auszahlen; wenn ſie ſich weigern, einen Beſchluß der Kommiſſion zu unterſchrei - ben und zu unterſiegeln, ſo iſt ſie doch guͤltig, wenn der naͤchſte, ihnen im Rang folgende, ſie unterſchreibt, was in ihrer Gegenwart ge - ſchehen kann u. ſ. w.

Vor die Gerichte dieſer Schatzkommiſſion gehoͤren beſonders alle Sachen, welche die Ab - gaben angehen, die von dem Adel, der Geiſt - lichkeit und den Staͤdten abzutragen ſind; ferner Streitigkeiten uͤber Vertraͤge, Wechſel und Schulden der Kaufleute; uͤber Maß und Gewicht; uͤber Schuldforderungen der Hand - werker u. a. m.

62

Von der Beſchreibung des erſten und zweiten Reichsſtandes gehe ich auf den brit - ten, den

Ritterſtand uͤber, und verzeichne einige Angaben, welche deſſen Urſprung, Vorrechte, Befugniſſe und die Aemter betreffen, die aus ſeinem Mittel beſetzt werden.

Dieſer Stand heißt der Ritterſtand, weil die Staatsbuͤrger, die denſelben bilden, uͤber die Klaſſe der Ritter oder der Edelleute nicht hinausgehen. Dieſe wurden zuerſt im Jahre 1404, von Wladislaus Jagello um ihre Einwilligung erſucht, als er eine Abgabe zu einer kriegeriſchen Unternehmung zu erheben Willens war, was er fuͤr ſich nicht thun konnte, da ihnen der Koͤnig Ludwig die Be - freiung von Auflagen zugeſtanden hatte. Da - mals hielten die Edelleute zuerſt Landtage, und auf dem darauf folgenden Reichstage (Tagefahrt?) wurde, mit Genehmigung der Praͤlaten, Barone und Kriegsmaͤnner (militarium) die Zahlung einer Auflage be -63 ſchloſſen. So nahm die Gewohnheit, den Adel zu befragen, wenn von Abgaben zum Behufe des gemeinen Weſens die Rede war, ihren Anfang. Einen groͤßern Einfluß erhielt der Adel durch das von Kaſimir dem Dritten gethane Verſprechen, daß weder ein neues Geſetz gegeben, noch ein Aufſitz ge - boten werden ſolle, ohne daß der Adel jedes Bezirks erſt darum befragt worden waͤre. Eben dieſer Kaſimir erhielt ſchon, als er den Adel von Klein - und Großpolen, jeden beſonders auf ſeinen Landtagen, um Bewilligung einer Auflage erſuchte, die Antwort: die Auflage koͤnne nicht beſchloſſen werden, wenn dem Adel beider Laͤnder nicht erlaubt wuͤrde, auf dem Reichstage gegenwaͤrtig zu ſeyn. So er - ſchienen denn von jeder Landſchaft zwei Boten auf dem Reichstage zu Petrikau und die Auf - lage ward beſchloſſen. Von dieſer Zeit an wohnte der Adel, mittelſt ſeiner Stellvertreter, allen Reichstagen bei, nicht bloß wenn Auf - lagen zu bewilligen, ſondern auch wenn andre64 Geſchaͤfte zu verhandeln waren, und zwar mit dem Rechte, daß nichts ohne ſeine Zuſtim - mung verfuͤgt werden koͤnnte. Unter Albert Kaſimir und Alexander blieb es nicht nur dabei, ſondern unter letzterm ward es ſogar zum Geſetz, daß fuͤr die Zukunft nichts Neues ohne einſtimmige Genehmigung der Raͤthe und der Landboten feſtgeſetzt werden ſollte. Dies Geſetz iſt ſtandhaft befolgt worden, und nichts Neues wurde verfuͤgt, außer am Reichstage und unter Gegenwart und Mitwiſſen der Se - natoren und Abgeordneten des Adels.

So wurde die Gewalt, die in aͤltern Zeiten der Koͤnig ausſchließend beſaß, den Senatoren und Edelleuten mit uͤbertragen, und was vor - her Rath und Unterthan war, bildete nun zwei Staͤnde, denen die Verwaltung des Staats mit oblag, und die das Recht hatten, dem Willen des Koͤnigs zu widerſprechen. Dieſe Staͤnde nutzten in der Folge jede Ge - legenheit, ihre Macht und ihr Anſehen zu vermehren, wozu ihnen die Zwiſchenreiche be -ſonders65ſonders guͤnſtig waren; und ſo wurde die Macht des Koͤnigs allmaͤhlig in die Graͤnzen zuſammen gedraͤngt, in welchen wir ſie jetzt erblicken.

Der Ritterſtand wird von den Edelleuten gebildet, die nicht Senatoren, und die dem Koͤnige unmittelbar unterworfen ſind. Ob - gleich die Senatoren nicht aufhoͤren, Edelleute zu ſeyn, ſo werden ſie doch von dieſen, in - ſoferne ſie einen Stand ausmachen, getrennt, da ſie Mitglieder eines andern Standes ſind, und niemand zu zwei Staͤnden zugleich gehoͤ - ren kann. Unter den Edelleuten giebt es auch mittelbare, das heißt ſolche, die, wie in Severien und zum Theil anderwaͤrts, mittelſt ihres Herrn (in Severien z. B. durch den Biſchof von Krakau) dem Koͤnige unterthan, und den unmittelbaren in ſo fern unter - geordnet ſind, als ſie bei den Staatſverhand - lungen nicht zu Rathe gezogen werden.

Die unmittelbaren Edelleute alſo berathen den Staat, in Perſon auf den Landtagen,Zweites Heft. E66und auf dem Reichstage durch ihre Stellver - treter. Letztre nennt man Reichsboten, und ſie werden von den einzelnen Woiwod - ſchaften und Powiats, (kleinern Bezirken) die das Recht dazu haben, abgeſendet. Die Anzahl der Boten, die jeder Bezirk abfertigt, iſt durch Geſetze oder durch Gewohnheit be - ſtimmt; erſcheinen ihrer mehr, als gewoͤhn - lich, ſo werden ſie aus der Landbotenſtube ent - fernt. Jhre Wahl geſchieht auf den Landtagen, die jedesmal einige Wochen vor den Reichs - tagen gehalten werden. Wahlfaͤhig ſind nur ſolche, die in der Woiwodſchaft oder dem Powiat, deſſen Vertreter ſie werden ſollen, Land beſitzen. Wer einen Rechtshandel vor den Reichstagsgerichten hat; wer Richter eines Tribunals iſt; wer, als Einnehmer der Landes - abgaben, ſeine Quittung von der Schatzkom - miſſion noch nicht erhalten, wer Kondemnate auf ſich hat; wer nicht vom roͤmiſch - katholi - ſchen Bekenntniſſe iſt der kann nicht zum Landboten gewaͤhlt werden.

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Die Macht des Ritterſtandes iſt ſo groß, daß nur die einmuͤthige Zuſtimmung deſſelben einen Beſchluß guͤltig macht, und daß keiner zu Stande kommt, wenn auch nur Ein Bote widerſpricht. Dies Vorrecht, das in der That gegen alle Vernunft ſtreitet, aber doch ſehr alt iſt, hat man zwar im Jahre 1768 einge - ſchraͤnkt; aber geſetzlich aufgehoben iſt es noch immer nicht, ſeitdem die Konſtitution von 1791, die es verbannte, wieder vernichtet wor - den. Zwar darf es nur bei Staatsmaterien, d. i. in Faͤllen, wo von Krieg und Frieden, neuen Auflagen, neuen Geſetzen und Truppen - vermehrungen die Rede iſt, ausgeuͤbt werden; aber man ſieht, daß dies gerade die wichtig - ſten Gegenſtaͤnde ſind, die zur oͤffentlichen Be - rathſchlagung kommen koͤnnen. Rachſucht, Eigennutz und Schadenfreude eines einzelnen Staatsbuͤrgers haben, wie die Geſandten aus - waͤrtiger Maͤchte, an dieſem Vorrechte ein kraͤftiges Mittel, ihre Plane durchzuſetzen und alles zu verhindern, was denſelben zuwider -E 268laufendes vom Reichstage beſchloſſen werden koͤnnte. Man nennt dies gefaͤhrliche Vorrecht die freie Stimme, das Widerſpruchs - recht, das liberum veto.

Die Landboten ſollen zwar im Namen ihrer Vollmachtsgeber rathen; aber ſie han - deln doch oft nach eigenem Willen. Bald halten ſie die Berathſchlagungen auf, bald treiben ſie dieſelben, bald miſchen ſie, bei un - erwarteten Wendungen, fremde Dinge ein; bald ſind die Boten Einer Woiwodſchaft, Eines Bezirks unter einander ſelbſt nicht einſtimmig; bald wirkt auf den einen Privatintereſſe, bald auf den andern Drohung oder Beſtechung und ſo kann man mit Recht ſagen, daß ſie nicht nach ihren Auftraͤgen, ſondern nach eige - nem Willen die Geſchaͤfte betreiben.

Der Wuͤrden und Aemter, die ausſchlieſ - ſend aus dem Ritterſtande beſetzt werden, ſind weit mehr als derer, die der Senatoren - ſtand beſetzt. Man kann ſie fuͤglich in drei Arten abtheilen, in ſolche, die von Kron -69 polen und von Lithauen, die von gewiſſen Provinzen, und die von den einzelnen Woi - wodſchaften ihren Namen haben. Die Edel - leute, die ſolche Stellen beſitzen, gehen aber - mals denen vor, die keine inne haben.

Die Beamten von Kronpolen und Li - thauen ſind theils Hof - und Gerichts -, theils Kriegsbeamte*)Lengnich theilt ſie nur in zwei Klaſſen ab, in togatos und militares, gleichſam in gentil - hom - mes de robe und gentil-hommes d'épéc; aber die Hofſchatzmeiſter, Kammerherren, Fahntraͤger u. a. ſind offenbare Hofaͤmter, die weder zur Toga nach zum Saͤbel gerechnet werden koͤnnen..

Zu der erſten Klaſſe gehoͤren: die beiden Oberſekretaire, die beiden Referenda - rien, Hofſchatzmeiſter, Unterkaͤmme - rer, Fahntraͤger, Hoffahntraͤger, Schwerttraͤger, Ober - und Unterſtall - meiſter, Ober - und Unterkuͤchenmei - ſter, Mundſchenken, Vorſchneider, Truchfeſſe, Oberjaͤger, und Hofjaͤger -70 meiſter, Kanzleyregent, Metrikan - ten (Archivare) Dekretsnotare, Groß - notare, Großſchatznotare, Kron - und Schatzbewahrer, Jnſtigatoren und Viceinſtigatoren.

Zu der zweiten Klaſſe gehoͤren: die Groß - und Unterfeldherren, die Feld - notare, die Großwachtmeiſter, die La - germeiſter und die Geſchuͤtzmeiſter fuͤr Polen und Lithauen.

Die Oberſekretaire ſind die vorderſten Beamten aus dem Ritterſtande. Vermoͤge des Gebrauchs werden nur immer Perſonen vom geiſtlichen Stande dazu gewaͤhlt. Sie haben den Vorzug bei Beſetzung der Kanzlerſtellen und bei Vergebung von Bißthuͤmern, und ſie gelangen fruͤher oder ſpaͤter zu beiden. Man braucht ſie zur Verfertigung von Schriften und Briefen, welche geheime Angelegenheiten betreffen, und wenn die Kanzler abweſend ſind, verrichten ſie einige von ihren Geſchaͤf - ten. Am Reichstage leſen ſie die pacta con -71 venta, Rathsbeſchluͤſſe und andre oͤffentliche Schriften vor. Sie duͤrfen, ohne guͤltige Gruͤnde, nicht vom Hof abweſend ſeyn, weil ihre Gegenwart dort oft nothwendig iſt.

Den naͤchſten Platz nach ihnen nehmen die Referendarien ein. Jhrer ſind zwei fuͤr Polen und zwei fuͤr Lithauen, ein geiſt - licher und ein weltlicher jedesmal neben einan - der. Ehedem, als die Koͤnige noch ſelbſt zu Gerichte ſaßen, trugen ſie ihnen Klagen und Geſuche vor, die man bei ihnen eingereicht hatte; ſpaͤterhin durften ſie ſogar richten, und noch jetzt ſind Referendariats-Gerichte vorhanden, vor welchen beſonders die Strei - tigkeiten zwiſchen den Jnhabern koͤniglicher Guͤter und Pachtungen, und zwiſchen den da - zu gehoͤrigen Bauern geſchlichtet werden. Sonſt ſind die Referendarien noch Beiſitzer in den Aſſeſſorialgerichten, wo ſie ihre Stimmen haben und die gefaͤllten Urtheile den Partheien vortragen. Auch bei den Rela - tions - und Reichstagsgerichten ſind ſie72 zugegen; bei den erſtern leiten ſie die Klag - ſachen, nach der Ordnung, wie ſie im Regi - ſter verzeichnet ſind, ein, und ſagen ihre Mei - nung, wenn die Advokaten geſprochen und die Raͤthe geſtimmt haben; bei den letztern rufen ſie die Rechtshaͤndel, nach der Folge, wie ſie bei ihnen eingeſchrieben ſind, auf, unterſchrei - ben die Entſcheidungen und ſchicken ſie den Kanzlern zu. Ohne hinlaͤngliche Gruͤnde duͤr - fen ſie nicht vom Hofe abweſend ſeyn.

Die Hofſchatzmeiſter verwalten die Einkuͤnfte des Koͤnigs, einer in Polen, der andre in Lithauen, und wenn die Großſchatz - meiſter abweſend ſind, vertreten ſie deren Stelle; eben ſo, wenn jene mit Tod abgehen, wo ſie alsdann ihre Geſchaͤfte beſorgen, bis zur Ernennung der neuen.

Die Unterkaͤmmerer von Polen und Lithauen ſind die oberſten Kammerherren des Koͤnigs. Sie bekleiden eine der aͤlteſten Wuͤr - den im Reiche. Jhre vornehmſte Pflicht iſt, um den Koͤnig zu ſeyn, Sorge fuͤr ſeine Per -73 ſon zu tragen, nichts aus der Acht zu laſſen, was den Glanz des Hofes unterhalten kann, und uͤber alles zu wachen, was um den Koͤ - nig geſchieht, damit keine Unbequemlichkeit daraus fuͤr ihn entſtehe. Auf Reiſen, im La - ger, bei oͤffentlichen Ausgaͤngen und Ausfahr - ten, muͤſſen ſie ihm zur Seite ſeyn. Eben ſo, wenn er am Reichstage, im Rathe, in den Gerichten zugegen iſt. Will jemand Ge - hoͤr bei ihm haben, ſo beſtimmt der Unter - kaͤmmerer die bequemſte Zeit und Stunde, und Bittſchriften und Geſuche haͤndigt er dem Koͤnig ein ꝛc.

Die Fahntraͤger, Schwerttraͤger, Stallmeiſter, Kuͤchenmeiſter, Mund - ſchenken, Truchſeſſe, verrichten die Aem - ter, die ihr Name andeutet, bei feyerlichen Gelegenheiten, bei Kroͤnungen, Todesfaͤllen, Ritterſchlaͤgen, Gaſtmalen ꝛc.

Der Kanzleyregenten und Metri - kanten iſt ſchon oben beilaͤufig erwaͤhnt wor - den. Die Großſchatznotare, deren einer74 vom geiſtlichen, der andre vom weltlichen Stande iſt, beſorgen die Ausfertigungen, Un - terſuchungen und Entſcheidungen, die beim Schatzdepartement vorkommen. Die Kron - und Schatzbewahrer haben das Geſchaͤft auf ſich, welches ihr Name andeutet. Die Jnſtigatoren des Reichs und des Groß - herzogthums ſind die oͤffentlichen Anklaͤger, und bringen die Kondemnate in Erfuͤllung, die uͤber Verbrecher gegen den Staat und gegen Privatperſonen ergangen ſind u. ſ. w.

Die Kriegsbeamten von Polen und Li - thauen haben folgende Pflichten und Rechte:

Die Großfeldherren und Unter - feldherren, deren die polniſche und die li - thauiſche Armee jede zwei hat, ſind die Be - fehlshaber uͤber die Kriegsmacht der Republik. Als man noch keine ſtehende Armeen hatte, waren auch keine ſtehende Feldherren vorhan - den, ſondern ſie wurden jedesmal gewaͤhlt, wenn ein Krieg ausbrach und entlaſſen, wenn er zu Ende war. Ein Johann Zamoiski75 war der erſte, der, im Jahre 1581, zum lebenslaͤnglichen Feldherrn fuͤr Polen erklaͤrt wurde; in Lithauen war ſchon gegen Ende des funfzehnten Jahrhunderts ein ſolcher vor - handen. Der Großfeldherr legt ſeine Wuͤrde fuͤr eine andere nicht ab, er muͤßte denn, wie Johann Sobieski, Koͤnig werden, und der Unterfeldherr folgt ihm, wenn er ſtirbt, in ſeiner Stelle.

Jn aͤltern Zeiten konnte die Großfeldherrn - wuͤrde nur am Reichstage vergeben werden, in ſpaͤtern aber auch außer demſelben. Nur eingeborne, beſitzliche, geſchickte, um den Staat verdiente Edelleute koͤnnen ſie bekleiden. Die Feldherren duͤrfen nicht Staatsbeamte aus dem Senatorenſtande, und zwei Perſonen aus einer Familie duͤrfen nicht Feldherrn und Miniſter zu gleicher Zeit ſeyn.

Die Feldherrn ſchwoͤren der Republik. Sie befehligen die Armee; iſt aber der Koͤnig bei derſelben, ſo hat er den Oberbefehl. Er kann auch ſogenannte Regimentarien zu76 Befehlshabern der Armee einſetzen, wenn die Feldherren im Kriege geblieben ſind. Letztert ſind nicht an ſich ſchon Senatoren, pflegen aber zugleich Woiwoden und Kaſtellane zu ſeyn, und als ſolche gehoͤren ſie zu jenen. Vor der Errichtung des immerwaͤhrenden Ra - thes war ihr Einfluß in den Geſchaͤften ihres Departements faſt unumſchraͤnkt; aber jetzt haben ſie eine Kriegskommiſſion neben ſich, die mit ihnen zugleich unter jenem Rathe ſteht, ohne deſſen Bewilligung nichts unternommen werden darf. Jetzt beſorgt der lithauiſche Großfeldherr auch nur noch die Diſciplin des lithauiſchen Militairs, aber der Krongroßfeld - herr befehligt daſſelbe, wie die Kronarmee.

Der Feldnotare ſind zwei, bei jeder Armee einer. Jhre Pflicht iſt, Roß und Mann zu muſtern, uͤber die Abgaͤnge ein Ver - zeichniß zu halten und den Sold auszuzahlen. Die Großfeldwachtmeiſter und Lager - meiſter, deren bei jeder Armee einer iſt, verrichten ihre Dienſte auf Maͤrſchen gegen77 den Feind und die Geſetze beſtimmen nichts beſonderes daruͤber. Die Geſchuͤtzmeiſter (auch Generale der Artillerie genannt) haben den letzten Platz unter den Kriegsbe - amten, weil ſie unter allen am ſpaͤteſten ſind angeſtellt worden. Unter ihrer Aufſicht ſteht (wie ſchon ihr Name anzeigt) das geſammte Geſchuͤtzweſen. Vormals hatten ſie in ihrem Fache freyen Willen, und ſie waren nur dem Reichstage Rechnung abzulegen ſchuldig; jetzt ſtehen ſie unter dem Kriegsdepartement des immerwaͤhrenden Raths, und ſind Beiſitzer der Kriegskommiſſion.

Jch komme zu den Wuͤrden, die von den Provinzen ihren Namen haben: zu den Wuͤrden der Generalſtaroſten, deren einer von Großpolen und einer von Kleinpolen vor - handen iſt. Der von Großpolen hieß ehedem Oberrichter und er war es auch wirklich. Als Staroſt mit Gerichtsbarkeit hegte er die Grodgerichte, und da ſeine richterliche Ge - walt uͤber die Woiwodſchaften Poſen und78 Kaliſch ſich erſtreckte, ſo nannte man ihn Ge - neralſtaroſte von Großpolen. Jetzt, da dieſe Landesſtriche an Preußen gefallen ſind, hoͤrt ſeine Gerichtsbarkeit dort natuͤrlich auf, mit - hin auch ſeine Stelle, aber ich vermuthe, daß man dennoch den Titel beibehalten werde. Der Generalſtaroſt von Kleinpolen und der Staroſt von Krakau ſind ein und dieſelbe Perſon, und es iſt nicht erklaͤrlich, woher er den erſtern Titel hat, da nur eine Woiwod - ſchaft von Kleinpolen (Krakau) unter ſeiner Gerichtsbarkeit ſtehet.

Die Wuͤrden endlich, die von einzelnen Woiwodſchaften und Bezirken ihren Namen haben, koͤnnen in Land - und Schloß Aem - ter abgetheilt werden.

Die Jnhaber der Landaͤmter nennt man Dignitarier und es ſind folgende: ein Unterkaͤmmerer, Fahntraͤger, Richter, Truchſeß, Mundſchenk, Unterrichter, Unter - truchſeß, Untermundſchenk, Jaͤgermeiſter, Rott - meiſter, Schwerttraͤger, Unterrottmeiſter,79 Schatzmeiſter. Einige dieſer Dignitarier waͤhlt der Koͤnig auf Vorſchlag des immerwaͤhrenden Raths, die Kandidaten zu andern ſchlaͤgt ihm der Adel der einzelnen Woiwodſchaften und Powiats vor, und er waͤhlt, mit Genehmi - gung jenes Raths, einen der vorgeſchlagenen. Mehrere dieſer Aemter ſind nur Titel und mit keiner, Verrichtung verbunden. Dagegen werden die Unterkaͤmmerer zu Graͤnzbe - richtigungen zwiſchen den verſchiedenen Land - guͤtern, die Richter zu Hegung der Land - gerichte und die Rottmeiſter zur Erhal - tung der Polizey gebraucht, wenn der Adel zu Felde liegt ꝛc. Jn Lithauen ſind, außer den gedachten Dignitariern, noch einige andere vorhanden, z. B. Marſchaͤlle, die Gerichte hegen und den Landtagen vorſitzen, Civunen, nach gewiſſen Guͤtern ſo genannt, die an den Adel vergeben werden, Horodnicki, welche die Befeſtigungen der Schloͤſſer beſorgen, u. ſ. w.

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Die Schloßaͤmter werden von Sta - roſten mit Gerichtsbarkeit, von Vice - ſtaroſten, Burggrafen und Notaren bekleidet.

Jn Polen liegen, durch alle Provinzen zerſtreut, gewiſſe Guͤter, die man koͤnigliche Guͤter nennt. Jn aͤltern Zeiten gehoͤrten ſie den Koͤnigen in der That, und ſie wurden entweder von Aufſehern verwaltet, welche den Ertrag derſelben berechneten, oder auch an Privatleute fuͤr eine gewiſſe Summe ver - pachtet. Die Koͤnige hatten uͤberall ihre Speicher, und ihre Verwalter verkauften das aufgeſchuͤttete Getraide. Jetzt haben dieſe Guͤter nur noch den Namen koͤnigliche, damit ihr Urſprung und ihre vormalige Be - ſchaffenheit nicht vergeſſen werde; aber die Benutzung derſelben iſt auf Privatleute uͤber - gegangen, und was dieſe dafuͤr abtragen, kommt nicht dem Koͤnige, ſondern der Republik zu Gute. Sonach gehoͤren ſie wirklich der letztern, und der Koͤnig, oder vielmehr jetztder81der immerwaͤhrende Rath vergiebt ſie an Staatsbuͤrger, welche die erforderlichen Eigen - ſchaften beſitzen, das heißt, welche eingeborne, beſitzliche Edelleute ſind. Von den eigentlichen koͤniglichen Guͤtern (Tafelguͤtern, Oekonomien) ſind ſie ganz verſchieden.

Jener Staatsguͤter giebt es drei Arten: Staroſteyen, Tenuten (tenutae) und Advokatien oder Schulzeneyen (Scul - tetiae.)

Die Advokatien oder Schulzeneyen ſind die geringſten, und ſie beſtehen nur aus Aeckern von einigen Morgen, aus Wieſen, Muͤhlen, Kruͤgen, Vorwerken, und einem oder auch mehreren Doͤrfern. Sie ſcheinen dadurch entſtanden zu ſeyn, daß die aͤltern Herzoͤge und Koͤnige unangebauete Striche Privatleuten zum Anbau uͤberließen und ihnen die Gerichtsbarkeit uͤber die Anſiedler, ſo wie einige Morgen Landes zu eigner Benutzung verliehen.

Zweites Heft. F82

Die Tenuten (ein polniſch-lateiniſches Wort, von tenere beſitzen, inne haben, gemacht) ſind betraͤchtlicher, als die Advoka - tien, und es iſt wahrſcheinlich, daß ehedem die Staroſteyen ohne Gerichtsbarkeit ſo ge - nannt wurden. Sie ſchließen nur Doͤrfer und Aecker ein, ſtatt daß die Staroſteyen auch Schloͤſſer und Staͤdte einſchließen, und ſind in ihrem Ertrage verſchieden.

Die Staroſteyen (poln. Starostwa, Sitze fuͤr die Alten) ſind Guͤter von ſehr betraͤchtlichem Umfang und Ertrage. Sie ha - ben theils Gerichtsbarkeit, theils keine. Die Staroſten, die eine der erſtern Art beſitzen, hegen ihre Gerichte (Schloß-Grobgerich - te, judicia castrensia genannt) auf einem zur Staroſtey gehoͤrigen Schloſſe, und ſchlich - ten Streitigkeiten unter den Edelleuten ihres Bezirks, oder Jrrungen derſelben mit den Staͤdten, und andre bedeutende oder unbedeu - tende Rechtshaͤndel, doch ſo, daß den Par - theyen frei bleibt, an die hoͤheren Tribunale83 zu appelliren. Der Staroſten ohne Gerichts - barkeit ſind mehr, als der Staroſten mit Ge - richtsbarkeit, und der Grund davon iſt, daß viele, die bloß Tenutarien waren, allmaͤhlig den Titel Staroſt ſich angemaßt haben.

Jch darf wohl kaum anmerken, daß nur diejenige Klaſſe der Edelleute, fuͤr welche die Verfaſſung alles thut, daß nur die einge - bornen und beſitzlichen faͤhig ſind, ſolche Staroſteyen zu erhalten; man muß hinzuſetzen: auch nur die reichen, aus maͤchtigen Familien ſtammenden, ſchon mit Ehrenſtellen verſehe - nen. Es waͤre ſehr natuͤrlich, daß man dieſe Staatswohlthaten den aͤrmern beſitzlichen Edel - leuten erwieſe, aber dieſe kommen ſehr ſelten dazu, eben weil ſie die Koſten, welche die Verleihung dieſer Wohlthat erfordert, nicht beſtreiten koͤnnen. Vordem vergab der Koͤnig die Staroſteyen, und ſie waren weniger koſt - bar zu erhalten, weil es leichter war, die Zu - gaͤnge zu einem Einzigen mit Gold zu be - ſtreuen, oder ſeine Gutmuͤthigkeit auf irgendF 284eine andre Art zu gewinnen; aber jetzt, wo der immerwaͤhrende Rath drei Kandidaten zur Wahl vorſchlaͤgt, wo gegen zwanzig Goͤn - ner zu erobern ſind, ehe man durch die Mehr - heit nur unter die Zahl der Vorzuſchlagenden aufgenommen wird; wo man dann immer noch zwei andre Suchende zu beſiegen hat: da bleibt keine Hoffnung fuͤr den aͤrmeren, unbekann - tern, durch keine maͤchtige Familie unterſtuͤtz - ten, Staatsbuͤrger uͤbrig. So faͤllt in Polen alles an den, der ſchon hat; und das Geſetz iſt faſt laͤcherlich geworden, welches gebietet, daß, bei Verleihung der Wuͤrden und Aemter ſowohl, als der koͤniglichen Guͤter, nicht auf Anſehen der Perſon, der Wuͤrde, des Ranges, des Reichthums und der Familie geſehen wer - den ſolle.

Die koͤniglichen Guͤter duͤrfen, ſo wenig als die Staatsaͤmter und Wuͤrden offen ge - laſſen, ſondern muͤſſen, binnen einer Zeit von ſechs Wochen, wieder beſetzt werden. Jhrer mehrere ſollten, nach dem Geſetze, nicht auf85 Eine Perſon gehaͤuft werden, aber auch hier - in weiß man Ausfluͤchte, und mehrere Große haben, bei ihren Staroſteyen, noch einige Tenuten und Advokatien inne. Man beſitzt aber ſolche Guͤter nicht bloß auf Lebenszeit, ſondern ſie koͤnnen ſogar auf Gemahlin und Kinder uͤbertragen werden. Viele derſelben ſind durch dieſen Umſtand, und durch andre Kunſtgriffe, ſogar auf immer in den erblichen Beſitz mancher Familie gerathen und dem Staat entzogen worden. Der Koͤnig und der immerwaͤhrende Rath, der ſie vergiebt, kann ſie nicht wieder nehmen, der Beſitzer muͤßte ſich denn eines Kriminalverbrechens ſchuldig gemacht haben, wegen deſſen er von den Tri - bunalen wirklich verurtheilt worden waͤre. Uebrigens ſind ſolche Staroſten auf ihren Staroſteyen ſo gut als unumſchraͤnkt. Jhre richterliche Geſchaͤfte laſſen ſie durch die oben - erwaͤhnten Unterſtaroſten, Burggrafen und Notare beſorgen; ihre oͤkonomiſche durch Kommiſſare. Was zu Grunde geht, geht86 dem Staat zu Grunde. Sie verſchlimmern gewoͤhnlich die Guͤter, mergeln die Bauern und ihr Vieh ab, laſſen die Doͤrfer vermo - dern, die Schloͤſſer und Wirthſchaftsgebaͤude verfallen, die Waldungen aushauen oder ver - wildern: niemand iſt da, der ſie dafuͤr zur Verantwortung zoͤge, oder ihnen Erſatz auf - erlegte. Sie geben den vierten Theil ihrer Einkuͤnfte dem Staate, bekuͤmmern ſich nicht weiter um ihn und kommen oft in mehrern Jahren nicht nach ihren Staroſteyen.

Wenn ich hier die wichtigſten der Vor - rechte, Freiheiten, Wuͤrden, Aemter, Wohl - thaten und Titel, die in Polen von dem Adel ausſchließend beſeſſen und benutzt werden, den Leſern kurz angedeutet habe: ſo geſchah es, um den Abſtich deſto auffallender zu machen, der zwiſchen ihm und dem Reſt der Bewoh - nerſchaft von Polen obwaltet. Dieſer Reſt, der aus Buͤrgern, aus der niedern Geiſtlich - keit, Juden und Bauern beſteht, nimmt eigent - lich an den ſtaatsrechtlichen Vorzuͤgen der87 Nation gar keinen Theil; das polniſche Staats - recht erwaͤhnt ihrer auch nicht beſonders; die Verfaſſung ſelbſt nimmt auf ſie gar keine Ruͤckſicht. Was die Buͤrger und Juden an Rechten beſitzen, ſind gewiſſe Verwilligungen und Freiheiten, die ſo eben hinlangen, um ſie vor Sklaverey zu ſchuͤtzen, und die ſie nur durch einen ewigen Kampf mit der Geſellſchaft der eigentlichen Staatsbuͤrger, die ſich immer weiter auszubreiten ſucht, in den noch uͤbrigen Truͤmmern aufrecht erhalten koͤnnen. Der Bauer, im Ganzen genommen, hat gar kein Recht im Staate. Der gute oder boͤſe Wille ſeines Herrn iſt ſein Schutz oder ſeine Plage.

Wenn aber irgend ein Umſtand die nicht adelichen Bewohner von Polen uͤber ihre Huͤlf - loſigkeit troͤſten kann, ſo iſt es der, daß der groͤßte Theil des Adels nicht weniger, und noch empfindlicher, von dem kleinern, aber reichern und deßhalb maͤchtigern, Theile ſeiner Mitglieder, gedruͤckt und verachtet wird. Eine allgemeine Freiheit und Gleichheit iſt vielleicht88 nirgend ſo ſehr Hirngeſpinnſt, als in Polen, wo die ganze Verfaſſung, und die ganze Reihe von Geſetzen, aus denen ſie hervorgeht, auf beiden gebauet iſt; und es giebt ſchwerlich ein zweites Land, wo man, in wichtigen und un - wichtigen Dingen, ſo begierig nach Unter - ſcheidungszeichen waͤre und wo man, mit ſo fruchtbarer Erfindungskraft, die Anzahl der - ſelben ſo vermehrt haͤtte. Vergebens ſchmei - chelt man ſich damit, daß es nur aͤußerer, gleichguͤltiger Prunk ſey, und daß weder Ehrenſtellen noch Ordensbaͤnder den Werth des Edelmannes erhoͤhen, noch denſelben, wenn er ihrer ermangelt, herabſetzen koͤnnten. Man ſieht alle Tage, daß der Titel eines Woiwo - den oder eines Kaſtellans, und der Anblick eines blauen und rothen Bandes, Thuͤren ſchnell oͤffnen, die vor dem Edelmann, der nichts von dem allen iſt und hat, verſchloſſen bleiben, und daß betitelte und bebaͤnderte Bruͤ - der uͤber andern, die es nicht ſind, in Be - werbungen um Wuͤrden und Aemter, wie in89 Rechtshaͤndeln, Siege davon tragen, die ſie nicht dem Verdienſt und dem Rechte, ſondern allein dieſem, fuͤr unbedeutend gehaltenen, Uebergewichte zu danken haben. Sonach iſt zwar der aͤrmere polniſche Edelmann, als Edel - mann, frei und unabhaͤngig, aber als armer Edelmann, der Knecht ſeines reichern Bru - ders; ſo iſt er, als dummer Edelmann, ſo viel, als der kluge, aber als dummer Mann, des letztern veraͤchtliches Spielwerk; ſo iſt denn auch die polniſche Ariſtokratie bald eine Ochlo - kratie, bald eine Monarchie, bald das eroberte Land eines auswaͤrtigen Fuͤrſten; und das alles wird ſie dadurch, daß ſich einzelne Glie - der, einzelne Partheyen in derſelben, fuͤr voll - kommen-gleich, fuͤr vollkommen-frei halten, und daß ſie das als den Willen, als das Jn - tereſſe der geſammten Nation durchſetzen koͤn - nen, was Privatwillen und Privatintereſſe einzelner Perſonen oder Partheyen iſt. Hier die Buͤchſe der Pandora!

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Man erlaube mir, von dem Edelmann ſogleich zum Bauer uͤberzugehen. Da dieſe beiden Klaſſen das platte Land von Polen bewohnen, ſo ſcheint es mir in der Ordnung, ſie hinter einander zu beſchreiben. Zwar ſind ſie, politiſch genommen, durch den ſcharfen Graͤnzſtrich der Herrſchaft und der Sklaverey geſchieden; aber, menſchlich genommen, koͤnnte der Herr doch nicht einmal eſſen, wenn er die Arme ſeines verachteten Sklaven nicht haͤtte.

Der obenerwaͤhnte Grundſatz: nur der Landbeſitzer iſt Staatsbuͤrger, hat das Schickſal des Bauern in Polen entſchieden und ihn zu ewiger Knechtſchaft verurtheilt. Es iſt wahr, die Leibeigenſchaft folgt nicht geradezu aus demſelben, aber doch ein hoher Grad von Unterwuͤrfigkeit. Der Vertrag zwiſchen dem Landbeſitzer und Bauer kann nur folgender ſeyn: Jch, Bauer, will leben. Um mir meinen Unterhalt zu verſchaffen, habe ich nichts gelernt, als das Land bauen. Jch habe kein Land, denn du, Edelmann, beſitzeſt91 es ausſchließend. Gieb mir ein Stuͤck davon, ich will dir dafuͤr arbeiten. Jch will dir ein Stuͤck Land einraͤumen, erwiedert der Edelmann: das dich ernaͤhren kann. Du thuſt mir dafuͤr eine gewiſſe beſtimmte Arbeit. Dein Eigenthum kann dieſer Fleck nicht ſeyn; aber du ſollſt ihn behalten, ſo lange du deine Arbeit thuſt. Aus dieſem Vertrage folgt, daß der Bauer kein Eigenthum, aber nicht, daß er ſeiner Perſon nicht maͤchtig ſey, wenn er die verabredete Arbeit gethan hat. Hat er ſie nicht gethan, ſo kann ihn der Herr von ſeinem Boden jagen; aber er kann ihn eigentlich nicht zwingen, ſie, wider ſeinen Willen, ferner zu thun, wenn er z. B. bei einem andern Herrn, unter beſſern Bedingungen, ein Stuͤck Landes bekommen kann; oder wenn ſein jetziger Herr, weil er maͤchtiger iſt, als er, die verabredete Arbeit vermehren will. Geſchieht letzteres und be - hauptet es der Herr mit Gewalt, dann erſt wird durch dieſe Ungerechtigkeit der Bauer92 leibeigen, dann wird er Sklav, da er, ver - moͤge ſeines Vertrages, nur Knecht, nur Ar - beiter geworden war.

Schon ſeit Jahrhunderten iſt der Bauer in Polen auf jenem Wege ſeiner perſoͤnlichen Freiheit beraubt und dadurch zu einer Waare geworden, die man, wie das Gut ſelbſt, zu dem er gehoͤrt, erbt, kauft und verſchenkt. Jn der polniſchen Verfaſſung liegt nichts, das zu ſeinem Vortheil ſpraͤche, aber wohl iſt eine Reihe von Geſetzen vorhanden, die alle zu ſeinem Nachtheile ſind. Kein Bauer darf einen Rechtshandel gegen ſeinen Herrn anfan - gen; darf ohne deſſen Erlaubniß ſein Dorf verlaſſen; darf heurathen, Vieh vertauſchen oder verkaufen, Branntwein anderswoher als aus ſeinem Kruge nehmen, Waaren anderer Art kaufen, die nicht der betraute Jude lie - ferte; kein Bauer darf ſeine Habſeligkeiten Verwandten vermachen, wenn er keine Kinder hat, weil ſein Herr der naͤchſte Erbe iſt; er darf nicht fuͤr andre arbeiten, ſelbſt wenn ſeine93 beſtimmte Arbeit gethan iſt; ja, er kann nicht einmal ein armſeliges, erſpartes Suͤmmchen beſitzen, ohne die Beſorgniß, ſein Herr moͤchte es ihm abfordern oder abborgen; er kann in ſeinen Feyerſtunden nichts durch ſeinen Fleiß hervorbringen, worauf ſein Herr nicht An - ſpruͤche machen koͤnnte; er hat gegen Grau - ſamkeiten nicht den mindeſten Schutz, denn ſein Beleidiger iſt zugleich ſein Richter; und ein muthwilliger Todtſchlag, an ihm begangen, bleibt, obwohl ein neueres Geſetz da iſt, das den Kopf dafuͤr verlangt, ungeſtraft, weil zu viel zum Beweiſe gehoͤrt, weil der Thaͤter da - bei ertappt ſeyn muß, weil der oͤffentliche An - klaͤger leicht beſtochen wird, und weil die Rich - ter ſelbſt, da ſie mit ihren Bauern in gleichem Verhaͤltniſſe ſtehen, nur zu ſehr geneigt ſind, ihn gleichmaͤßig zu behandeln, um ihre eigenen Rechte uͤber ihn nicht zu untergraben.

Jn dieſen Zuſtand hat ſich der Bauer begeben, um ſich das Leben zu erhalten, und dieſen Zweck hat er auch wirklich erreicht. 94Das ihm eingeraͤumte Land naͤhrt ihn, das ihm erbaute Haus giebt ihm Obdach, die ihm uͤberlaſſenen Pferde, Kuͤhe und Schaafe hel - fen ihm arbeiten und gewaͤhren ihm Nah - rungsmittel und Kleider. Was davon ſtirbt, muß ihm der Herr wieder verſchaffen; wenn es ihm an Brot fehlt, (dieſer Mangel mag durch ſchlechte Aernte oder ſchlechte Wirth - ſchaft verurſacht worden ſeyn,) ſo muß der Herr ihn ebenfalls damit verſorgen; kurz, dieſer darf ihn nicht umkommen laſſen, weil ſein Daſeyn den Werth und Ertrag ſeiner Guͤter begruͤndet. Dies weiß der Bauer ſehr gut, und daher ſeine Sorgloſigkeit und ſeine Faulheit; daher ſelbſt ſeine Zufriedenheit mit ſeinem Zuſtande; daher ſogar ſein Widerwillen, aus demſelben gezogen zu werden, vermoͤge deſſen er eine Freigebung fuͤrchtet, die ihn in die Nothwendigkeit verſetzen wuͤrde, fuͤr ſich ſelbſt zu ſorgen und den Ueberfluß der einen Jahrszeit, gegen den Mangel der andern, als guter Wirth aufzuſparen.

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Etwas ertraͤglicher iſt das Schickſal der ſogenannten koͤniglichen Bauern, das heißt derer, die zu den Kronguͤtern, zu den Staroſteyen gehoͤren. Sie ſtehen nicht ſo un - bedingt unter der Willkuͤhr ihrer Staroſten, und es iſt ihnen erlaubt, dieſe bei den koͤnig - lichen Gerichten zu belangen, wenn ſie ſich Gewaltſamkeiten und Ungerechtigkeiten gegen ſie zu Schulden kommen laſſen. Freilich muß man ſich dieſe Erlaubniß nur als eine Schranke denken, die der Staroſt uͤberſchreiten kann, ſobald er nur will; aber ihr bloßes Daſeyn verhindert ſchon vieles, und gewaͤhrt dem nicht ganz Huͤlfloſen eine Art von Zuverſicht und Beruhigung.

Eine dritte Gattung von Bauern naͤhert ſich ſchon mehr den Buͤrgern in den adeli - chen Staͤdten. Dieſe ſind die ſogenannten deutſchen oder freyen Bauern, deren ich oben bei dem Dorfe Gog in Lithauen er - waͤhnt habe, wohin ich zuruͤckverweiſe. Hier merke ich nur noch an, daß diejenigen Bauern,96 die der Geiſtlichkeit gehoͤren, in ihrem Zu - ſtande wenig Vorzuͤge vor den adelichen haben. Die Richter, Voͤgte und Schreiber, welche die Aufſicht uͤber ſie fuͤhren, behandeln ſie ganz auf dem in Polen hergebrachten Fuße, und ſie kennen in ihren Pfarrern, Proͤpſten und Biſchoͤfen nur ihre unumſchraͤnkten Herren, nicht ihre Rathgeber und Lehrer. Man be - merke noch, daß die Bauern, die ihren Herrn ſchon mit Leib und Willen unterthaͤnig ſind, auch dem Staate jaͤhrlich noch eine Abgabe in baarem Gelde, von 4 bis 8 polniſchen Gulden, zu entrichten haben.

Uebrigens wird der huͤlfloſe Zuſtand der Bauern in Polen ſo lange dauern, als die gegenwaͤrtige Verfaſſung. Das Schickſal derer, die bei der erſten und zweiten Theilung unter die Herrſchaft der benachbarten Maͤchte gekommen ſind, iſt, nach Maßgabe der Ver - faſſungen dieſer drei Reiche (mehr oder weni - ger, aber doch immer) beſſer geworden. Jn den Augen eines Monarchen gilt, in ſtaats -buͤrger -97buͤrgerlicher Ruͤckſicht, der Bauer ſo viel als der Edelmann, der Jude ſo viel als der Wechsler, und nur Nutzbarkeit und Treue beſtimmen ſeinen eigentlichen Werth; in mo - narchiſchen Staaten erhaͤlt der Bauer zugleich mit einem Eigenthum ein Vaterland, mit einem Herrn einen Vater und Beſchuͤtzer, und mit beiden, Liebe zu ſeinem Wohnplatz und Vertrauen zu ſich ſelbſt; in ariſtokratiſchen Staaten dagegen, hat und fuͤhlt er nichts von dem allen, und er verlaͤßt ſeinen vaͤterlichen Boden, wie ſeinen Herrn, mit gleicher Leich - tigkeit, und vertauſcht beide mit Freuden gegen andre, wenn er auch keinen andern Ge - nuß dabei haben ſollte, als die Hoffnung, ſei - nen Zuſtand zu verbeſſern. Ein Land, worin der Bauer politiſch nichts iſt, hat an ihm keinen Vertheidiger; denn fuͤr was ſollte er ſtreiten? Soll er fuͤr den Vortheil Anderer ſein Leben aufopfern, da er nichts verlieren kann, wenn er den Herrn wechſelt, da er vielleicht gewinnt? So ſind ariſtokratiſche Ver -Zweites Heft. G98faſſungen noch immer durch die Nullitaͤt ihrer Bauern und Buͤrger zu Grunde gegangen; und nur Eine, die Venetianiſche, wird ſich noch lange erhalten, weil ſie dem Volk eine Art von Freiheit zu geben oder vorzuſpiegeln verſteht, waͤhrend ſie den Adel, den Doge, ja die Handhaber der Unumſchraͤnktheit ſelbſt, durch Maßregeln des Schreckens, in der voll - kommenſten Nullitaͤt zu erhalten weiß.

Die Konſtitution vom 3ten May 1791, ſchien fuͤr die Verbeſſerung des Zuſtandes der Bauern etwas gethan zu haben; aber wer ſieht nicht, daß der Ausdruck: der Bauer ſteht unter dem Schutze des Geſetzes wenig mehr, als ein leeres Wort, war und blieb, da man dem Bauer nicht zugleich einen Weg eroͤffnete, um, vor ſeinem Herrn vorbei, zu dem Geſetze zu gelangen, das denn doch von jenem mitgegeben war und von ihm erklaͤrt und geltend gemacht wurde?

Einzelne polniſche Guͤterbeſitzer der erſten Klaſſe haben es gewagt, ihre Bauern frei zu99 laſſen. Jch ſage gewagt, denn ein Wag - ſtuͤck iſt es immer. Die Sklaverey verdirbt das menſchliche Herz, und ploͤtzlich zugeſtan - dene Freiheit reitzt den Uebermuth. Vielleicht iſt es auch im gegenwaͤrtigen Augenblicke ge - faͤhrlicher als ſonſt, dieſen Schritt zu thun. Man koͤnnte aber die Menſchen allmaͤhlig darauf vorbereiten, in der Art, wie ich ſchon oben geaͤußert habe. Das Gefuͤhl, etwas Eigenes zu beſitzen, iſt ein angenehmes, er - munterndes Gefuͤhl und gewaͤhrt dem rohe - ſten Gemuͤthe Anhaͤnglichkeit fuͤr den, der es ihm verſchaft. Wenigſtens haben die er - waͤhnten polniſchen Großen dieſe Erfahrung gemacht. Zamoiski, der Geſetzgeber, Czar - toryski, Großfaͤhnrich von Lithauen, Chrep - towicz, der noch lebende lithauiſche Unter - kanzler, der Neffe des Koͤnigs, Prinz Sta - nislaus Poniatowski, der Feldherr Oginski, Jgnaz Potocki u. a. haben mehrere ihrer Doͤrfer frei gelaſſen. Unter an - dern benahm ſich Zamoiski ſehr weiſe dabei. G 2100Als er ſeine Leute frei gab, machte er einen fuͤr den andern verantwortlich in Abſicht der Abgaben, die ſie ihm in Zukunft entrichten ſollten. Sonach wachten ſie ſelbſt daruͤber, daß Faulheit und Trunkenheit nicht unter ih - nen einriſſe, damit der fleißige, nuͤchterne Wirth nicht fuͤr den Taugenichts zu bezahlen gezwungen waͤre. Ueberdies ermunterte Za - moiski auch den Kunſtfleiß durch Preiſe. Wer das feinſte Stuͤck Leinwand, das feinſte Schock Garn lieferte, erhielt den Preis, deren jaͤhr - lich mehrere am Joſephstage feierlich vertheilt wurden. Jn kurzer Zeit verbeſſerten ſich dieſe Doͤrfer und ihre Bewohner in dem Grade, daß ſie kaum wieder zu erkennen waren.

An die Bauern ſchließt ſich, in Abſicht ihres politiſchen Zuſtandes, eine dritte Klaſſe der Einwohner von Polen, die aus den Buͤr - gern der adelichen und geiſtlichen Staͤdte beſteht. Sie ſind meiſt Juden, Freigelaſſene und Ueberlaͤufer. Mit den letztern hat es folgende Bewandtniß. Viele Herren101 laſſen ihre Bauern irgend ein Handwerk ler - nen und entheben ſie des Landbaues. Dafuͤr muͤſſen ſie ihnen in ihrem Handwerke arbei - ten, und bekommen, außer ihrem Unterhalt, entweder gar nichts, oder eine unbedeutende Kleinigkeit. Dieſe Leute entlaufen haͤufig, in - dem ſie ſich, in Abſicht des Broterwerbs, auf ihr Handwerk verlaſſen. Sie begeben ſich in Gegenden, die von den Guͤtern ihrer Herren entfernt ſind, werden dort, weil man keine Unterſuchungen uͤber ſie anſtellt, ohne Schwie - rigkeiten aufgenommen, und nur, wenn ihr erſter Herr ſie entdeckt und zuruͤckfordert, aus - geliefert. Deutſche finden ſich in dieſen Staͤdten ſehr einzeln, und die ſich finden, tau - gen nicht viel, weil ein Deutſcher, nur im hoͤchſten Nothfalle, ſich an polniſche Gerichts - barkeit gewoͤhnt.

Dieſer Art von Buͤrgern gewaͤhrt der Edelmann Schutz, weil er ſie braucht; er gibt ihnen aber auch einen Fleck Bodens, weil nur er Boden beſitzt. Was der Buͤrger von dem,102 was er mitbringt oder erwirbt, auf dieſem Flecke erbauet, gehoͤrt ihm; mithin hat der Edelmann kein Recht darauf und eben deshalb auch nicht auf ſeine Perſon; aber der Boden bleibt ſein und von dieſer Seite bleibt er des Buͤrgers Herr. Der Unterſchied zwiſchen ſei - nem Bauer und ſeinem Buͤrger iſt alſo der: erſterem giebt er Boden, Material und Werkzeug zu ſeiner Erhaltung, letzterem nur den Boden, worauf er ſein Material und ſein Werkzeug legen und ſtellen kann; erſte - rer hat gar kein Eigenthum, vertauſcht alſo ſeine Freiheit fuͤr ſeine Erhaltung; letzterer hat ein Eigenthum, kann alſo die Sicherheit deſſelben von dem fordern, in deſſen Gebiet er es, nebſt ſeiner Perſon, bringt, und dem er fuͤr die Stelle, die er damit einnimmt, einen verabredeten Schoß bezahlt, indem er zugleich die Vorrechte anerkennt, welche die Beſitzer des Bodens hier zu Lande haben. Jn dieſem Verhaͤltniſſe ſteht denn auch wirklich der ade - liche Buͤrger mit ſeinem Herrn, oder vielmehr103 mit ſeinem Grundherrn. Da aber ſein Ver - trag mit ihm ohne Wiſſen und Beſtaͤtigung des Staats geſchloſſen worden, und da er der ſchwaͤchere iſt: ſo haͤngt er immer von dem beſſern oder ſchlechtern Willen ſeines Grund - herrn ab, und ſeine Rechte ſind jedem Ein - drange bloß geſtellt. Das Loos dieſer Klaſſe iſt ſonach Unterwuͤrfigkeit, Faulheit und Ar - muth und was daraus natuͤrlich folgt.

Wie ſich die Bewohner der adelichen Staͤdte zum Bauer verhalten, ſo verhalten ſich die in den koͤniglichen Staͤdten zu den Bewohnern der adelichen. Sie ſtehen eine Stufe hoͤher, weil ihre Vorrechte und perſoͤnliche Freiheit weniger leicht beeintraͤchti - get werden koͤnnen. Sie haben ihre eigenen Magiſtraͤte, welche ihre innern Angelegenhei - ten beſorgen, und die, wie dieſe Staͤdte uͤber - haupt, unmittelbar unter den Hof - oder Kanzleygerichten ſtehen, an die ſie ſich auch bei Mißhandlungen oder Beeintraͤchtigun - gen von Seiten ihrer Nachbarn, der Edelleute104 oder der Staroſten und Steuereinnehmer, mit etwas weniger Gefahr, von deren Rachſucht zu leiden, mit ihren Klagen wenden koͤnnen. Jn dieſen Staͤdten werden die Deutſchen ſchon haͤufiger, und ſie wechſeln bald, bald theilen ſie ſich mit den Polen im Magiſtrat. Sie ſind theils Kraͤmer, theils Handwerker und Tageloͤhner.

Den erſten Rang unter den polniſchen Staͤdten nehmen die großen Municipalſtaͤdte ein, von denen Polen jetzt nur noch Krakau, Warſchau und Wilna uͤbrig hat, nachdem Lemberg, Poſen und Gneſen an die benach - barten Maͤchte gefallen, und Sendomir, Ka - liſch, Sandecz, Vladislaw und Brsz, die in aͤltern Zeiten auch zu der Zahl jener Staͤdte gehoͤrten, ganz unbedeutend geworden ſind. Danzig, Thoren und Elbing gehoͤrten nicht hieher, weil ſie nicht unter der Herrſchaft Polens, ſondern als Freiſtaaten unter deſſen Schutze ſtanden, in den ſie ſich, unter Be - dingungen, begeben hatten.

105

Die erwaͤhnten großen Staͤdte wurden ſeit der Mitte des 15ten Jahrhunderts nach und nach auf das deutſche oder magdeburgi - ſche Recht, wie es die polniſchen Verordnun - gen nennen, gegruͤndet, auch groͤßtentheils durch deutſche Anſiedler bevoͤlkert. Dieſe blie - ben, ihrer Perſon nach, vollkommen frei, was die Bewohner der Staͤdte, die nach dem polniſchen Rechte behandelt wurden, nicht wa - ren und eigentlich noch nicht ſind. Die Ver - ſicherung ihrer Freiheit und ihrer Vorrechte lag in dem doppelten Umſtande, daß ſie ihre eigene Municipalitaͤt waͤhlen, mithin ihre ſtaͤdtiſchen Angelegenheiten ſelbſt beſorgen, und daß ſie, bei allgemeinen Landesangelegenheiten, als eine Art von Landſtand, mit berufen, ſo - gar zuweilen zu Staatsſtellen befoͤrdert und im Ankauf und Beſitz von gewiſſen Landguͤtern nicht gehindert werden konnten. So lange man ſie bei dieſen Grundvorrechten ſchuͤtzte, hatten ſie Bedeutung im Staate, waren ſie geachtet und wohlhabend. Jn dieſem Zuſtande106 befanden ſie ſich noch unter den Koͤnigen vom Jagelloniſchen Stamme.

Aber Polen ward nicht ſobald ein voll - kommenes Wahlreich, als bei jeder neuen Koͤ - nigswahl die Staͤdte, wie die Koͤnige ſelbſt, einige von ihren Vorrechten verloren, und ſo nach und nach in den Zuſtand kamen, worin ſie jetzt ſind. Der Adel unterdruͤckte dieſe ſeine Nebenbuhler, die er geringſchaͤtzte und doch, ihres Fleißes und Verkehrs wegen, beneidete, gaͤnzlich. Die ihnen noch uͤbrigen Vorrechte bedeuten in der That wenig, ſeitdem ihnen jene wichtigern genommen ſind, die ihnen allein den Genuß derſelben ſichern konnten. Jetzt giebt ihnen der Adel auf dem Reichstage Geſetze, richtet ſie in den Aſſeſſorial-Gerich - ten und ſchraͤnkt ſie auf den Bezirk ihrer Stadt und innerhalb der Graͤnzen ihres Ge - werbes ein.

Die Urheber der Konſtitution vom 3ten May 1791 ſahen wohl, wo man dieſen107 Staͤdten helfen muͤſſe. Da ſie aber bei ihrem Werke die alte Ariſtokratie zum Grunde legten und, ſelbſt Ariſtokraten, mit und gegen Ari - ſtokraten Geſetze gaben: ſo konnte das, was ſie zu Gunſten des Buͤrgerſtandes (man ſagt in Polen lieber Staͤdte, oder hoͤchſtens ſtaͤdtiſcher Stand, um das Eiferſucht er - weckende Wort Stand, das nur der Adel fuͤhren will, zu vermeiden) durchſetzten und verordneten, nicht anders, als zweideutig ſeyn. So erlaubten ſie ihnen, Abgeordnete beim Reichstage zu haben, aber dieſe mußten Adeliche ſeyn. Dieſe adelichen Stellvertreter hatten eine berathſchlagende Stimme, aber nur in Sachen, welche die Staͤdte ausſchlieſ - ſend betrafen; in allgemeinen Landesangelegen - heiten, die in ſo vielen Punkten die Staͤdte beruͤhren mußten, hatten ſie keine Stimme. So erlaubte man dem Buͤrger ferner, Land - guͤter zu beſitzen, aber er ſollte dadurch adelich werden; mithin beſaß denn doch kein Buͤr -108 ger ein Landgut, vielmehr zog man dadurch die reichern, gebildetern Buͤrger aus dieſer Klaſſe, und ließ die aͤrmern, rohern, kurz, die Hefen, darin zuruͤck. Man gab ihr den letzten Schlag, indem man die wohlhabendern und kluͤgern, die ſonſt noch, durch Geld und Verſtand, den Reſt ihrer Vorrechte behaupte - ten, zur Mitunterdruͤckung ihrer ehemaligen Mitbuͤrger den Weg oͤffnete. Sonach waren die Vorrechte nur ſcheinbar, die jene Konſti - tution dem Buͤrgerſtande zuruͤck gegeben haben wollte. Der Adel fuhr, nach derſelben, fort, in ſeinen Bruͤdern, Freunden und Geſchoͤpfen, der Geſetzgeber und Richter zu ſeyn und ſoll - te, um die Huͤlfloſigkeit des Buͤrgerſtandes vollkommen zu machen, ſogar noch deſſen Wortfuͤhrer und der Vertreter ſeiner Vorrechte gegen ſeine eigenen Vorrechte werden, die er durch jeden neuen Zuwachs von neuem beein - traͤchtigt glaubte.

Noch eine andre untergeordnete Klaſſe iſt die Geiſtlichkeit. Jch ſpreche hier nur von109 der niedern, buͤrgerlich-gebornen Geiſtlichkeit, denn die hoͤhere, adelich-geborne, iſt, als Ver - treterin der todten Hand, die in Polen Guͤter beſitzen darf, Landbeſitzerin, alſo auch Mitbeherrſcherin von Polen, gehoͤrt zur Klaſſe der Edelleute, und ſtellt nicht nur die Aebte, Konventualen und Kanonikos der Stiffter, ſondern ſogar die vorderſten Mitglieder des Senatorenſtandes, und aus dieſen den Fuͤrſten - Primas, nach dem Koͤnige die erſte Perſon im Staate. Die buͤrgerlichen Geiſtlichen ſind und bleiben Pfarrer, Kloſterbruͤder oder Welt - prieſter, die in den Schulen und in den Fa - milien Unterricht geben, oder ſich in den groͤßern Haͤuſern zu Schreibern, Rathgebern, Freunden, auch wohl zu ſchlechtern Dien - ſten brauchen laſſen. Dieſe Geiſtliche ſind freie Leute, haben auch, fuͤr einige Faͤlle, ihre eigene Gerichtsbarkeit; aber in den meiſten buͤrgerlichen Sachen ſtehen ſie unter den ge - woͤhnlichen Gerichten. Machen ſie ſich eines110 Kriminalverbrechens ſchuldig, ſo werden ſie von dem weltlichen Gericht eingezogen; aber ihren Handel entſcheidet das Konſiſtorium, deſſen Urtheil wiederum von dem weltlichen Richter vollſtreckt wird. So ſieht man, daß auch bei dieſer Klaſſe der Edelmann ſeine Vor - rechte als Richter mit wenig Ausnahmen gel - tend macht; oder, genau erwogen, mit keiner Ausnahme: