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Entwurf zu der aͤlteſten Erd - und Menſchengeſchichte, nebſt einem Verſuch, den Urſprung der Sprache zu finden.
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Frankfurt und Leipzig,1773.

An Herrn Moſes Mendelsſohn.

Mein Herr!

Der gegruͤndete und allgemeine Ruhm, welchen Sie ſich bey dem ganzen denkenden Publikum erworben haben, hat den Verfaſſer der Erd - und Menſchengeſchichte bewogen, die - ſelbe Ihrer tiefern Beurtheilung zu) (2uͤber -uͤbergeben, und ihr Ihren Nahmen vorzuſetzen. Er wuͤnſcht die Wahr - heit getroffen zu haben, hingegen wird er mit eben der Liebe zur Wahrheit, die Zweifel, ſo dargegen gemacht wer - den koͤnnen, merken, und ſich gern eines beſſern belehren laſſen.

Verſuch[1]

Verſuch den Urſprung der Sprache zu finden.

§. 1.

Wenn man das Alter und den Urſprung der Sprache, die nur vor die Menſchen gehoͤret, erforſchen will, muß man entweder in der Sprache ſelbſt die Kennzeichen von ihrem An - fange und Alter finden koͤnnen, oder man muß den Urſprung und das Alter der Menſchen vor - aus feſtzuſetzen wiſſen. Der erſte Fall ſcheinet unmoͤglich zu ſeyn, denn man muͤſte alle Arten der Sprachen, todte und lebendige, auf der gan - zen Erde vollſtaͤndig kennen, und der letzte Fall, nemlich den Urſprung der Menſchen und ihr AlterAvorher2vorher feſtzuſetzen, erforderte, daß man entweder von ihnen ſelbſt die Kennzeichen ihres Urſprungs hernehme, welches aber eben ſo unmoͤglich zu ſeyn ſcheint, oder daß man ihre Geſchlechte ruͤckwaͤrts bis auf ihren Urſprung verfolgte. Da nun aber das letztere, wegen Mangel gewiſſer und deutli - cher Urkunden, die bis dahin reichten, ebenfalls nicht angeht; ſo kan man dieſes Huͤlfsmittel hier auch nicht zuerſt brauchen.

§. 2.

Laſſen ſich aber die Menſchen nicht ohne ihren Wohnſitz, nemlich die Erde, denken, und denkt man ſich wieder dieſe, niemals ohne ihre Bewoh - ner, die Menſchen; ſo kaͤme es darauf an, ob man nicht umgekehrt den Urſprung der Erde, oder doch ihr Alter finden koͤnte. Nun laͤßt ſich zwar dieſes, wie leicht zu erachten, eben ſo wenig mit Gewißheit erforſchen, und alſo auch das wahre Alter der Erde nicht wohl beſtimmen; wenn es ſich aber gleichwohl mit einer unbeſtimmten Zahl weit hinaus angeben ließe; ſo koͤnte man doch derMenſchen3Menſchen und ihrer Sprache Alter zuerſt eben ſo weit hinaus, und folglich ſchon beſtimmter, anſe - tzen. Denn der Menſchen Alter doͤrfte wohl mit dem Alter der Sprache immer gleich fort laufen, und nichts voraus haben, wenn ich mich in der Menſchen-Kunde und Sprachforſchung, wie ſie unten folgen wird, nicht betrogen habe.

§. 3.

Will man aber von der Sprache Alter und Ur - ſprung ſo viel, als ſich wahrſcheinlicher Weiſe ſa - gen laͤßt, und mit zuſammenhangenden Beweiſen niederſchreiben, ſo iſt hiezu kein beſſerer Rath, als daß man von dem Erdball die Unterſuchung anfange, denn von dieſem Wohnſitze auf die Menſchen, und endlich auf ihre Sprache fort - ſchloͤſſe. Wird man mir aber die noͤthige Auf - klaͤrung dieſer oder jener Unterſuchung weitere Betrachtungen abfordern, ſo wird ſich der Leſer auch dieſe mit zu leſen und zu pruͤfen, gefallen laſſen.

A 2§. 4.4

§. 4. Das Alter des Erdballs.

Wenn wir das Alter der Erde erkennen und ungefehr ſchaͤtzen wollen, werden wir ſie ganz an - ders, als die Menſchen, von denen man immer junge und alte Geſtalten mit einander zu verglei - chen findet, betrachten muͤſſen. Wir werden zwar auch nur ihre Oberflaͤche oder aͤuſſere Geſtalt vor uns nehmen, und ſie noch dazu mit keiner andern Erdkugel, geſchweige denn mit einer jungen, ver - gleichen koͤnnen; allein wenn nun eben dieſe Oberflaͤche blos aus Ueberbleibſeln ihrer jungen und maͤnnlichen Geſtalt beſteht, ſollten da nicht aus dieſer Vergleichung Folgen zu ziehen ſeyn, die man ſtatt unbeſtimmter Zahlen, oder Hoͤhen jedes Alters brauchen, und gleichſam als Jahr - ſtufen, ſtatt Jahrzahlen angeben doͤrfte, wie man Kind, Knabe, Juͤngling, Mann und Greiß, oh - ne Jahrzahlen braucht.

§. 5.

Unſere Reiſebeſchreibungen um die Erde haben uns freylich von dieſer Seite noch nicht ſo vielVor -5Vorarbeit geliefert, als man zu wuͤnſchen haͤtte; doch haben ſie uns ſo viel geſagt, daß man Folgen genug zu dieſem Endzweck daraus ziehen kan. Daher habe ich nur noͤthig, den Kern der Erd - beſchreibung vorzulegen, und die jetzige Geſtalt der Erdkugel uͤberhaupt vorzuzeichnen, um mich dadurch zu berechtigen, das uͤbrige aus unſerer Gegend bis ins Beſondere auszufuͤhren.

§. 6. Das Meer.

Die zwey Haupttheile unſerer Erdkugel ſind Meer und Land. Das Meer, welches uͤberall, zumahl an den Geſtaden, von Seethieren wim - melt, und von Seegewaͤchſen nirgend ganz blos iſt, fuͤhrt von beiden Geſchlechten und Arten in jeder Hauptgegend, eigene Arten, bald dieſes, bald jenes Geſchlechts, die man an andern Ge - ſtaden nicht findet.

§. 7.

Sein Grund iſt am Geſtade wie das naͤchſte Land, und weiter gegen ſeine Hoͤhe, iſt es von ſoA 3verſchie -6verſchiedener Tiefe, daß man ihm auch Berg und Thal, wie dem feſten Lande zugeſtehen muß; ja mitten in der offenbaren See, wo keine Inſeln ſind, kan man ihm meiſtens eine unergruͤndliche breite Tiefe, oder die tiefſten vom Seegebirge ab - gelegenen Ebenen, beymeſſen.

§. 8.

Das Meerwaſſer ſelbſt iſt an ſich in doppelter Bewegung, davon eine durch Ebbe und Fluth gegen die Kuͤſten, da und dort ſtaͤrker oder ſchwaͤ - cher; die andere durch die Meerſtroͤme nach ver - ſchiedener Richtung, erreget wird; auſſer dem wird ſeine Oberflaͤche beſtaͤndig durch die Winde, und ſein Grund nicht ſelten durch Erdbeben, die vermoͤge der Erfahrung allezeit vom Meere an - fangen, in Bewegung geſetzet.

§. 9.

Seinen Unterhalt bekommt das Meer uͤber - haupt durch das Weltlicht und die Luft, beſon - ders aber durch den Regen und die Fluͤſſe desLandes7Landes, da inzwiſchen ſeine groͤßte bekannte Ab - nahme wieder durch die Duͤnſte geſchiehet.

§. 10.

Betrachtet man aber das Weltmeer, welches rund um die Erdkugel ein Ganzes macht, nach ſeinen einzelnen Gegenden uͤber der Erdflaͤche hin, ſo findet man es, als viele kleinere Meere, mit beſondern Nahmen belegt, deren volle Seiten, als Hauptgeſtade gegen die kuͤrzeren Kuͤſten gel - ten koͤnnen.

§. 11. Das Land.

Das Land, (es beſtehe aus Inſeln, oder feſtem Lande,) iſt die vom Geſtade des Meeres an die - ſer Seite hervorgehende Erde, welche ſich bald durch Ebnen, bald durch Berge und Thaͤler, die nach verſchiedenen Gegenden fortſtreichen, zu dem Geſtade des Meeres an jener Seite, als unbe - deckter Erdboden fortlaͤuft, und dort wieder hin - unter geht, aber rund um die Erdkugel kein Gan -A 4zes8zes ausmacht, ſondern hie und da, bald mehr, bald weniger getrennt iſt.

§. 12.

Eine eigene Bewegung hat das Land oder der Erdboden nicht; doch iſt der beſtaͤndige Zug der Luft, nebſt den Winden ſo gut, als die ſeinige. Die Bewegung, ſo er von dem Erdbeben, wie - wohl nur ſelten auszuſtehen hat, wird ihm nur vom Meergrunde mitgetheilt.

§. 13.

Des Landes Unterhalt kommt uͤberhaupt aus dem Weltlichte und dem Luftkreiſe, beſonders aber durch den Regen, oder die Quellen, welche ſtets von den Anhoͤhen gegen die tieferen Gegen - den zuſammen laufen, und denn als Fluͤſſe, mit beſondern Waſſerthieren und Waſſerpflanzen, nach der, jeder Hauptgegend eigenen Art, ſich in das Meer ergießen.

§. 14.

Alle feſte Laͤnder und Inſeln wimmeln zu ihrer Zeit von Landthieren, oder wenigſtens von Gezie -fern9fern und Ungeziefern; ſie ſind auch ſo leicht nir - gend von Landgewaͤchſen blos, ſollte es gleich nur Moos ſeyn; doch iſt hier eben die Ordnung anzu - treffen, daß jede Hauptgegend hier dieſe, dort jene beſondere Thiere und Pflanzen fuͤhret, die man in andern Gegenden nicht findet.

§. 15.

Man trift ferner alle feſte Laͤnder und Inſeln, die von den Europaͤern beſucht werden, ſeit Woodwarts Nachfragen, aus Schichten erbauet an, wovon noch viele gegen die Ebnen ſowohl, als auch an den hoͤchſten Gebirgen, erſtlich groͤß - tentheils als Meergeburten, zweitens aber doch nur zum kleinſten Theil, als Landgeburten dazwi - ſchen anzuſehen ſind. Denn alles Schichtwerk, aus Kalch, Sand, Mergel und Thon, welches entweder ſelbſt, oder doch in ſeinen Zwiſchenſchich - ten umſteinte Seeſtuͤcke, oder deren verſteinerte Abdruͤcke, nach derjenigen Ordnung, die blos das Meer halten kan, in ſich fuͤhret, kan fuͤr nichts anders, als eine Meergeburt angenommen werden.

A 5§. 16.10

§. 16.

Hingegen alles Schichtwerk, welches unordent - lich umſteinte, oder gar verſteinerte Landſtuͤcke, als von Holz, Kraͤutern, Landfiſchen und Landthie - ren, theils im Abdruck, wie die Kraͤuter und Fi - ſche, theils noch als Mulm von Pflanzenwerk, oder ausgezehrte Thierknochen, in Achat, Stein - kohlen, Agtſtein, Schiefer, Alaun oder Eiſen - ſtein verſteinert, enthaͤlt; kan urſpruͤnglich fuͤr nichts anders, als eine ins Meer geſchlemmte Landgeburt erkennt werden. Endlich finden ſich noch drittens an einigen wenigen Oertern, zwi - ſchen den hoͤchſten Anhoͤhen, als unter den oben daruͤber angelegten Schichten, beſondere Stein - ſchichten, deren Stelle, und Stellung ſowohl, als ihre Beſtandtheile, zweifeln laſſen, ob man ſie zu den obigen Meergeburten rechnen doͤrfe.

§. 17. Folgerungen.

Wenn ſich nun die jetzigen feſten Laͤnder fuͤr nichts anders, als einen Meergrund anſehen laſ -ſen,11ſen, auf dem das ehemalige Meer dieſes Schicht - werk, theils vermittelſt dem Abſatze aus ſeinem Salzwaſſer, als Meerſchlamm, oder Salzarten, theils mittelſt ſeinen haͤufig eingeniſteten und ver - deckten Bewohnern, theils auch durch zuge - ſchlemmte Landſtuͤcke aufgebauet hat; ſo kan man auch umgekehrt, das damalige Land nirgends an - ders, als unter dem jetzigen Meere ſuchen, und alſo waͤre der jetzige tiefe Meergrund das alte feſte Land.

§. 18.

Daraus erhellet zugleich, daß die ehemahligen Bewohner des alten Meeres, die Beſitzer des alten feſten Landes; und die Bewohner des al - ten feſten Landes jetzt die Beſitzer des alten Meer - grundes ſeyn.

§. 19.

Wie kan aber dieſe Umkehrung anders, als durch den tiefſten Einſturz des ehemaligen feſten Landes, und den dadurch verurſachten Nachfluß des vorigen Meeres, bis auf den oͤden Grund erfolget ſeyn?

§. 20.12

§. 20.

Da man nun gleichwohl die Beſitzer ſowohl des jetzigen Meeres, als des jetzigen feſten Lan - des ſo vertheilt antrift, daß jede Hauptgegend des Meeres und Landes ihre eigene Arten von Pflanzen und Thieren fuͤhret; ſo laͤßt ſich weder der Einſturz des einen, noch der Nachfluß des an - dern, uͤberall auf einmal denken; wie haͤtte ſonſt jede Gegend ihr eigenes erhalten koͤnnen? ſon - dern jeder muß ruckweiſe erfolgt ſeyn; dadurch konten die Bewohner des nachfallenden Meeres an jedem Orte in die neue Meerestiefe zuſammen und unzerſtreut hinunter gehen, und hierauf auch die Nachbarn des oͤden Meergrundes wieder in der Art, wie ſie auf ihrem alten Lande gewohnet hatten, des neuen Landes Beſitzer werden: folg - lich blieb jeder Gegend ihr eigenes.

§. 21.

Dieſes wird dadurch noch deutlicher, daß ſich bis jetzt die Arten der Seegewaͤchſe und Seethie - re, die jedes Hauptgeſtade eigen hat, ungeachtetihrer13ihrer beſtaͤndigen Vermehrung dennoch nicht in fernere Gegenden fortpflanzen, und alſo fuͤr ſich nicht, wenige ausgenommen, zu der Art der wan - dernden, gehoͤren. Deswegen kan man ſie auch nicht, weder in Anſehung der vorigen Zeit, noch der kuͤnftigen, es muͤßte ſie denn die Veraͤnderung der Meeresſtroͤme, oder der Fortgang des Mee - res, deſſen gehorſame Unterthanen ſie ohne Zwei - fel ſind, dazu zwingen, als fortwandernde anſe - hen; doch kan noch der Mangel an Nahrung, durch eine Verwandlung des Meerwaſſers, oder Grundes an ſolchem Geſtade ein drittes Zwang - mittel werden.

§. 22.

Eben dieſes iſt auch von den eigenen Arten der Landgewaͤchſe und Landthiere bekannt. Denn ſeit Menſchen Gedenken hat keins ſeine Hauptgegend von ſelbſt verlaſſen; ob uns gleich die Thierhaͤu - ſer und Luſtgaͤrten Beweiſe geben, daß ſie hier zu Lande gleichfalls leben koͤnten. Folglich muͤſſen ſie ebenfalls nur vom alten feſten Lande zum nach -barlichen14barlichen neuen Lande gewichen ſeyn, oder ſich fortgepflanzt haben, ohne daß ſie ein gaͤnzlicher Einſturz ihres alten Landes alle zuſammen uͤber - raſcht hat. Auf die Zugvoͤgel und andere wenige wandernde Thiere ſehe ich nicht, weil ihre gerin - ge Anzahl es nicht verdienet. Denn faſt alle uͤbrige fuͤhlen, wie die meiſten Voͤlker, das Heimweh.

§. 23.

Wie aber die Oberflaͤche der alten feſten Laͤnder beſchaffen geweſen ſeyn mag, doͤrften wir, wenn ſich ja noch irgendwo ein paar ſchriftliche Urkun - den davon erhalten haͤtten, wohl jetzt nicht ein - mahl recht verſtehen, bis uns erſt dieſe aͤlteſte Erd - und Menſchengeſchichte gelaͤufiger gewor - den; hingegen laͤßt ſich der alte Meergrund von uns um deſto genauer durchforſchen. Weil mir aber jetzt an der Menſchengeſchichte mehr, als an der bloſſen Erdgeſchichte gelegen iſt, ſo will ich wenigſtens das, was man hieraus vom alten fe - ſten Lande und der alten Erdkugel, der Menſchen alten Wohnſitze, ſchlieſſen muß, hier zuſammennehmen,15nehmen, und des leichtern Ausdrucks wegen mag unſer Europa mit ſeiner Nachbarſchaft das Bei - ſpiel ſeyn.

§. 24. Von Europa.

Das alte Meer, welches unſer jetziges Europa bedeckte, mag ſo hoch geſtanden haben, als man will, (wir wollen ohngefehr die hoͤchſten Gebirge zum Maas dazu annehmen,) ſo mußte doch das umliegende alte feſte Land damals noch hoͤher ſte - hen. Wenn nun die Oberflaͤche des alten feſten Landes, mit der Oberflaͤche des alten Meeres, um die ganze Erde, damals einen beinahe runden Koͤrper vorſtellte; ſo war auch zu der Zeit die Erdkugel im Durchſchnitt durch die alten feſten Laͤnder genommen, wenigſtens um ſo viel groͤſſer, als die Spitzen der jetzigen hoͤchſten Gebirge an - geben. Denn dieſe waren ja damals vom Meere bedeckt, und folglich der darum liegende Erdbo - den noch hoͤher.

§. 25.16

§. 25.

Stuͤrzten nun die alten feſten Laͤnder um das alte Meer, ſo Europa bedeckte, ſo tief ein, daß alles Alpenhohe Meerwaſſer da hinein fallen, und das neue Land Europa blos ſtellen konte; ſo muͤß - te es ja wohl unter dieſen einſtuͤrzenden Laͤndern hohl ſeyn. Da ferner die Erde vor dem Einſtuͤr - zen der feſten Laͤnder nach ihrem Durchſchnitt um ſo viel groͤſſer und zugleich hohl war, ſo mußte ſie auch damals um ſo viel leichter ſeyn, als jetzt, und jetzt um ſo viel ſchwerer.

§. 26.

Kan alſo unſere Erde, als ein Koͤrper, der von den Lichtſtrahlen des Himmels gehalten und ge - ſchwungen wird, vor dem Einſtuͤrzen der alten Hohlungen, die jetzige Bahn gegangen ſeyn? Kan ſie gegen Sonne und Mond ihre Bahn wie jetzt gehalten, und koͤnnen ihre Bewohner dieſe Himmelskoͤrper ſo und fuͤr das, wofuͤr wir ſie jetzt anſehen muͤſſen, erkennt haben?

§. 27.17

§. 27.

Konnte nachher dieſe hohle Kugel, auſſer ihre alte Bahn zu veraͤndern, wohl noch die vorige Lage behalten, nachdem ſich durch den Einſturz der Hoͤhlen ihr Waageſtand aͤnderte? mußte ſich nicht dadurch die Axe mit ihren Polen aͤndern? und dabey manches Land aus einer guten Him - melsgegend in eine ſchlechtere gerathen? wurde nicht dabey unſern Erdbewohnern der Lauf des Himmels ganz anders ſichtbar? ja im Fall, daß ſich die Erde uͤberſchlagen mußte, gieng nun nicht die Sonne da auf, wo ſie ſonſt untergieng?

§. 28.

Wenn konte nun dieſe hohle Kugel, die blos vom Weltlicht gehalten, geſchwungen, und nicht mehr, als vorher zuſammen gedruͤckt wurde, ih - ren erſten Einſturz leiden? ohne Zweifel zu der Zeit, da ſie den erſten Druck eines andern Him - melskoͤrpers litte. Iſt aber nicht ein ſolcher Koͤr - per unſer Mond; wie noch taͤglich Ebbe und Fluth bezeugen? Alſo mußten mit dem AntrittBgegen18gegen einen Planeten unſerer Sonne die Anſtal - ten zum erſten Einſturz ſich anfangen.

§. 29.

Wenn nun von zweyen oder mehrern Koͤrpern, die zugleich von einer Kraft geſchwungen werden, der leichteſte in der Mitte und der ſchwerere am Umfange des Schwunges geht; ſo wird wohl auch die Erde, wenn ſie leichter als ihr druͤckender Mond war, in der Mitte des Schwunges wal - zend, und der Mond um ſie ſchmieggaͤngig gewor - den ſeyn. Wird aber Ebbe und Fluth nicht erſt ſeit des Mondes Nachbarſchaft, und dadurch auch erſt der Einſturz eines feſten Landes nach dem andern erfolgt, ein neues Land nach dem an - dern entſtanden, und von den Nachbarn bevoͤlkert worden ſeyn?

§. 30.

Werden nicht alſo auf dem erſten neuen Lande jener Zeit, als auf dem aͤlteſten feſten Lande jetzi - ger Zeit, die ſeit dem hier angeſeſſenen Voͤlker, welche nur aus der Nachbarſchaft hinuͤber gien - gen, ſich als die aͤlteſten Voͤlker des Erdballs an -ſehen19ſehen koͤnnen? Darf man ſich aber hierbey die Einrichtung oder Unterhaltung der alten Erde und ihrer alten feſten Laͤnder, vom Weltlicht, Luft - kreiſe, Regen, von den Quellen und Fluͤſſen, ſo vorſtellen und denken, wie die jetzigen?

§. 31.

Darf man alſo die Beſchreibungen der dama - ligen und nachfolgenden Voͤlker, von der alten Erde und ihren Verwandlungen, blos aus der jetzigen Geſtalt, dem gegenwaͤrtigen Umlauf, und dem jetzt gangbaren Unterhalt des Meeres und Landes erklaͤren, oder verſtehen wollen? Wird man nicht alſo die aͤlteſte Erdgeſchichte voraus ſetzen muͤſſen, ehe man von der aͤlteſten Menſchen - geſchichte reden will?

§. 32.

Und was kan man endlich von dem Schoͤpfer aller Himmelskoͤrper, und der Erde, ohne dieſe, wohl richtig ſagen, wenn man von ſeiner Abſicht und Liebe gegen die Menſchen, ohne Religions - oder Geſchlechtsſtolz, reden will?

B 2§. 33.20

§. 33. Beſonders von Thuͤringen.

Ob man nun gleich dadurch weit in das Alter - thum der Erde hinaus ſieht, ſo fehlt doch noch ein Maasſtab dazu. Wenn aber eine Gegend, die zuverlaͤßig als alter Meergrund anzuſehen iſt, in ihrem Schichtbau volle Beweiſe fuͤhrte, daß wenigſtens acht Hauptveraͤnderungen, mit dieſem alten Meere, und wo nicht mehrere, doch eben ſo viele mit den alten feſten Laͤndern vorgegangen waͤren, ehe dieſes Meer ſeinen alten Grund ver - ließ; haͤtte man da nicht an dieſer Gegend vorerſt einen einzelnen Beweis und Maasſtab im Klei - nen? der zwar nicht nach Sonnenjahren, aber doch nach natuͤrlichen Zeitlaͤuften zu beſtimmen waͤre, und der ſich auch wohl kuͤnftig noch mehr vergroͤſſern und verbeſſern lieſſe?

§. 34.

Eine ſolche Gegend iſt fuͤr mich unſer Thuͤrin - gen. Man betrachte es von der Mitte uͤber den Harz, und von dieſem bis zum Thuring herum;oder21oder man gehe aus der Mitte uͤber den Thuring. Es ſey von Gotha bis Saalfeld, wo es wolle; ja eben ſo gut, von der Mitte gerade gegen das Vogtland, bis an die Sudeten um Boͤhmen, oder von der Saale durch das Altenburgiſche ins Saͤchſiſche Gebirge. Doch jede Gegend in Eu - ropa, die man von einem hohen Gebirge, uͤber die tieferen Berge hin, zum gegen uͤber ſtehenden hohen Gebirge desfalls unterſucht, und welche ein Schos des alten Meergrundes (der viele ſol - cher Schoͤſe hat,) jetzt heißen mag; oder die man von einem Meere bis zum naͤchſten hohen Gebir - ge durchforſcht, muß dergleichen Maasſtab abge - ben koͤnnen, wie mich die Beſchreibungen verſchie - dener Naturforſcher, von verſchiedenen Gegen - den vermuthen laſſen.

§. 35.

Der zu fruͤhzeitig verſtorbene Naturforſcher, Lehmann, hat ſchon in ſeiner Abhandlung von den Floͤtzgebirgen, das meiſte vom Thuͤringiſchen Schichtbau gegen Norden angegeben, doch hatB 3er22er nicht von der Mitte hinaus gemeſſen, und alſo zwey Hauptgebirge mit ihren Unterlagen uͤber - gangen, und noch dazu den ganzen Schichtbau, durch eine unnatuͤrliche Auslegung fuͤr die Natur - kunde unbrauchbar gemacht.

§. 36.

Nach ihm hat ein Thuͤringer, in einer Ge - ſchichte des Landes und Meeres, die in dem 2ten Bande der Akten der Maynziſchen Akademie ſte - het, das, was in Anſehung des mittleren und ſuͤd - weſtlichen Thuͤringen, uͤbergangen worden, ziem - lich nachgeholt; ſo viel ich mich aber erinnere, hat ſeit 1761 nicht mehr, als einer, oder ein paar Naturforſcher dieſe Geſchichte durchgeleſen und durchgedacht, doch ohne eine Vergleichung der Gebirge ihrer Gegend anzuſtellen. Weil nun der Verfaſſer ſich dieſer Geſchichte nicht weiter angenommen hat, und auch wohl vielleicht nicht annehmen duͤrfte; ſo werde ich das, was ich nach - her noch als Beytraͤge gefunden habe, hier zu nutzen und geſchichtmaͤſig nachzutragen ſuchen,um23um dadurch die Geſchichte des Landes und Mee - res zu erweitern.

§. 37.

Wenn der Auf bau von Schichten erſtlich dieſe Richtigkeit vor ſich hat, daß die unterſten die er - ſten oder aͤlteſten, die oberſten hingegen die letz - ten und juͤngſten ſind; daß ferner bey einer ſchief - abfallenden Lage dieſer Schichten, eben die aͤlte - ſten am hoͤchſten Theile vorragen, und die juͤng - ſten, oder letzten gegen die Ebne ablaufen, und daß eben die erſten oder aͤlteſten Schichten, wenn man ſie gegen das Alter der Erde haͤlt, die Ju - gend unſeres alten Meeres oder der Erde, umge - kehrt aber die letzten Schichten das hohe Alter unſers alten Meeres anzeigen; daß endlich dieſe juͤngſten Schichten, weil ſie am meiſten blos ſte - hen, am leichteſten zu unterſuchen ſind; ſo wird man dieſe Unterſuchung allezeit am leichteſten von der Ebne ſolcher Gegend, oder von dem hohen Alter unſerer Erde anfangen, und von da gegen die Hoͤhe, als ihre Jugend, zuruͤck gehen koͤnnen. Daher ich auch aus dem mittleren Thuͤringen,B 4gegen24gegen deſſen hohes Gebirge, wo der alte Meer - grund zu ſeiner alleraͤlteſten Zeit, als in ſeiner erſten Jugend, ſelbige Anhoͤhen zu dieſem Meer - ſchoſe ſchon gehabt haben muß, hinaufſteigen werde. Dieſe Anmerkung moͤgen meine Leſer wohl behalten.

§. 38.

So wie man aber von der Ebne nichts als die Oberflaͤche angeben, hingegen von den Bergen, wenn ihr Schichtbau zu Tage auslauft, die Art, Zahl, Gehalt und Anbau der Schichten, nebſt dem Wechſel ihrer Arten genauer beſtimmen kan; ſo iſt es auch natuͤrlich, daß ich nur von dem Ort, wo die Ebne zu einem Berge anſteigt, die Art und Folge der Schichten beſtimme. Wer aber Thuͤringen, oder eine andere aͤhnliche bergichte Gegend kennt, wird gleich vermuthen, daß ich unter dem Worte Berg, keine ſo kleine Anhoͤhen, wie etwa der Kickerlings - oder Sandberg, bey Leipzig iſt, und die ein Thuͤringer einen Rand, oder hoͤchſtens einen Huͤgel nennen wuͤrde, hierverſtan -25verſtanden haben will; doch kan das Wort Gebirge bisweilen darauf paſſen.

§. 39.

Hierbey muß ich noch vorher erinnern, daß das bergmaͤnniſche phyſikaliſche Gebirge, von dem geographiſchen oder geometriſchen, welches nur einen Zuſammenhang oder Fortſetzung meh - rerer Berge bedeutet, hier zu unterſcheiden ſey. Denn Berge, ſo weit ſie, nach dem Hauptbe - ſtande und dem Gehalt ihrer Schichten, nach ihrem Lager und Anbau ſich gleichen, z. B. ſo weit ſie aus Sand, oder Kalch mit Muſcheln be - ſtehn, heiſſen nach dieſem Haupttheil ſchon Ge - birge, und nach dem Beſtande ſelbſt Gebirges Art. Wenn aber ſolches Gebirges unterer Theil, nach dem Beſtande abweicht, jedoch nach dem Lager und Anbau mit ihm fortlaͤuft, wenn es auch gleich vorſpringt, ſo heißt dieſer untere Theil, das Un - terlager, oder Wechſel ſolches Gebirges.

§. 40.

Daher kan ein Berg, den der Feldmeſſer vom Fuß an bis zur Spitze, nur als einen einzigenB 5Berg26Berg anſieht, ſowohl nach der unterſchiedenen Gebirgesart, als ſelbſt nach deren Unterlager, in mehrere Gebirge einzutheilen ſeyn. Denn ſo fin - det man einen einzigen Berg, aus dem blauen, rothen, weiſſen, und Floͤtzgebirge zuſammengeſetzt. Hingegen heiſſen auch die Berge, nach dem Be - ſtande, oder der Gebirgesart ihrer Haupttheile, ſie moͤgen ſo weit als moͤglich von einander ent - fernet ſeyn, und am Harze, oder am Thuring, oder im Vogtlande liegen, doch allezeit nur ein einziges Gebirge, und folglich zeigt hier das berg - maͤnniſche oder phyſikaliſche Wort, Gebirge, eine ganze Menge Schichten, die ſich nach ihrem Be - ſtande und Lager gleichen, an.

§. 41.

Deswegen kan man ohne Furcht zu irren, ſa - gen, daß in Thuͤringen, Sachſen, Lauſitz, u. ſ. w. nur ein einziges Sandgebirge ſey, obgleich die Sandberge zwiſchen dem Umfange und in der Mitte umher zerſtreut liegen. Es bleibt ihnen auch daher der Name des Gebirges, wenn gleichdie27die Schichten zuſammen unter der Erdflaͤche lie - gen, eben ſowohl eigen, als wenn ſie hervor ſtuͤn - den; denn ihr Beſtand und Lager zwiſchen dem vorausgehenden und nachfolgenden, nicht aber ihre Lage oder ihr Stand auf der Anhoͤhe, giebt den Schichten dieſen Namen, welches man eben - falls merken muß.

§. 42. Das Muſchelkalkgebirge.

Nun komme ich zur Sache ſelbſt: Das juͤng - ſte Gebirge von Thuͤringen, beſteht aus Muſchel - kalk, welcher nach verſchiedenen Abſtaͤnden, oder beſondern Ketten von ſolchen Bergen, meiſtens von Abend gegen Morgen laͤuft. Wer die ganze Hoͤhe, Zahl und verſchiedene Staͤrke ſeiner Schich - ten, den Gehalt der Muſcheln nach ihrem Alter und ordentlich vertheilten Geſchlechtsarten, nebſt dem Beſtande der Kalcherde, oder ehemaligen Meerſchlamme, nur ungefehr zu ſchaͤtzen ſucht, wird den Zeitraum, innerhalh dem dieſes alte Meer eine ſo groſe Menge Schlamm abſetzte, ſoviel28viel Seethiere groß zog, und dabey erſt jeder Schicht vom Schlamme die Haͤrte, wodurch ſie ſich von der andern abſondern laͤßt, geben konte, unmoͤglich durch ein paar hundert Sonnenjahre beſtimmen wollen. Zumal wenn er des Meeres ruhige Beſchaffenheit, welche ſo lange unveraͤn - dert dergleichen Kalchſchlamm gab, damit verbin - den will. Unſere Nachkommen, denen das Wachsthum und Alter dieſer Seethiere zu erfor - ſchen vielleicht aufgehoben ſeyn wird, moͤgen kuͤnf - tig die Jahre, genauer beſtimmen, fuͤr jetzt iſt es genug, den Zeitlauf des Muſchelkalks uͤberhauptDer Zeit - lauf K. als eine lange Zeit anſetzen, und ihn mit meinem Vorgaͤnger K ſchreiben zu duͤrfen.

§. 43. Deſſen Unterlager.

Da das Unterlager dieſes Gebirges, ſowohl vermoͤge der ſtarken rothen und andern mit Gips abwechſelnden Mergelſchichten, als nach dem Gehalt von Landthieren, Steinkohlen, und fetten Alaunſchiefern beweiſt, daß hier und vor dem ru -higen29higen Zeitlauf K, vielmehr Erdbeben, als welche das Meerwaſſer gelb oder rothſchlammicht ma - chen, und Ueberſchwemmungen von einem alten feſten Lande, welche Elephanten und andere frem - de Thiere hergefuͤhret, dieſes alte Meer beunru - higet haben, doch ſo, daß die Seethiere hier noch ihre Ordnung beybehalten konten; ſo iſt zwar die - ſer Zeitlauf nicht ſo hoch, als obiger zu ſchaͤtzen, doch kan er auch wegen ſeinem hohen Vorſprunge, der ſich hier und da zu beſondern Bergen aufge - bauet findet, als der rothe Berg vor Erfurt, nebſtDer Zeit - lauf k. andern im mittlern Thuͤringen, gar nicht mit wenig Jahren verglichen wer - den, und ich will ihn k nennen.

§. 44. Das Sandgebirge.

Vor dieſem beunruhigten Zuſtande des thuͤrin - giſchen alten Meerſchoſes, war es hingegen auf die beſondere Art beſchaffen, daß das ſehr hohe Sandgebirge ſchichtweiſe erbauet, und unzaͤhlige Seethiere uͤberall entweder nur umſteint, oderdurch -30durchgehends wie hier zu Lande verſteinert wer - den konten. Nun ſetze man die Beſchaffenheit des Meerwaſſers, welche Sand oder die haͤrteſte Sandart geben kan, erſtlich voraus, laſſe dabey ſolche ſtets mit der Beſchaffenheit, vermoͤge wel - cher das Meer blos mergelartigen Thon giebt, nach dem Maaſe kleiner Schichten mit unter abwech - ſeln, und verbinde die ungeheure Zahl der Sand - ſchichten, von denen auch jede vor ſich ihre Zeit der Verhaͤrtung noͤthig hatte, nur nach einem kleinen Zeitmaaſe damit, wie viel Jahrhunderte wird das Meer ſowohl fuͤr den Sand, als deſſen verſteinerte Bewohner, worunter in verſchiede - ner Entfernung der Hoͤhe ſich Muſchelkerne zu anderthalb Schuh groß finden laſſen, erfordert ha - ben? ohne die Zahl der Jahre nach unſerm Zeit -Der Zeit - lauf J. maaſe angeben zu wollen, mag der Zeitlauf dieſes Sandgebirges J heiſſen.

§. 45. Das Unterlager.

Doch iſt dieſe ſandigte Beſchaffenheit des alten Meeres auch durch einen von Erdbeben und desfeſten31feſten Landes Ueberſchwemmung geſtoͤrten Zu - ſtand des Gewaͤſſers, der nicht allzugeſchwindDer Zeit - lauf i. erfolget ſeyn kan, veranſtaltet wor - den; dieſen kleinen Zeitlauf will ich i nennen.

§. 46. Das Mehlbatzige Kalchgebirge.

Ehe aber dieſe Veraͤnderung des Meeres, wel - che ſein Salzwaſſer zum obigen Abſatz des San - des vorbereitete, hier erfolgen konte; war vorher ein ſo ruhiger Zuſtand des Meeres, daß ſich der reine Kalchſchlamm des Meerwaſſers, an dem Umfange des hoͤhern Meerſchoſes hier, als ein weißliches Mehl, oder wie gelbliche Kreide abſe - tzen, und dieſe Maſſe (Mehlbatzen) durch Eintritt einer ſchwaͤrzenden Feuchtigkeit in guten Kalch verwandeln konte. Es hat dieſer Kalch wenig Muſchelarten, auſſer an den Scheidungen der Schichten, und blos verſteinert erhalten; doch finden ſich die Griphiten mehr umſteint, als ver - ſteinert in ein paar Schichten. Es muß abereine32eine Verwuͤſtung des feſten Landes vorher gegan - gen ſeyn, und dieſer Gegend viel Holzſtaͤmme zugefuͤhrt haben; weil ſich hier und da ſolches Holzwerk in dieſem Kalche verſteinert antreffen laͤßt. Die Hoͤhe dieſes Kalchgebirges kommt zwar obigem Muſchelkalch nicht bey; doch laͤßt ſich auch hier, wegen des mehlichten Bodenſatzes eines Kalchſchlammes weniger GeſchwindigkeitDer Zeit - lauf H. vorſtellen, zumal da faſt alles Mu - ſchelwerk verzehrt iſt. Dieſen Zeitlauf nenne ich H.

§. 47. Das Unterlager.

Von dieſer kalchigten Beſchaffenheit des Meer - waſſers finden ſich zuverlaͤßige Merkmahle einer groſſen Verwuͤſtung des alten feſten Landes durch Erdbeben, ſowohl an dem ſchwarzen ſchieferarti - gen Mergel, als auch an den Steinkohlen einer Gegend, und die Alabaſterarten der andern Stri - che. Nach dem Anſchein mancher Gegend, kan man dieſe Verwuͤſtung nicht ſo geſchwinde, alses33es andere Stellen vermuthen lieſſen, fuͤr abge - than anſehn, und man hat dabey die ungleichenDer Zeit - lauf h. Fluͤttungen genauer zu erwaͤgen; die - ſen Zeitlauf nenne ich h.

§. 48. Das Floͤtzgebirge.

Faſt in gleichem Zuge des untern Umfanges oder Vorgebirges der aͤlteſten Anhoͤhe, folgt nun das dem Bergmann ſo bekannte Floͤtzgebirge, deſ - ſen reinlicher, im entfernten Abſtande liegender Schichtbau, aus mehlichtem Kalchſtein beſtehet, aber naͤher am Umfange, wegen der gelben oder braunen Fluterde und ſpatigen Salzart, ein un - gleiches Schichtwerk vorſtellt. Daß aber in der erſten Zeit dieſes Aufbaues eine ſchnelle Ueber - ſchwemmung eines feſten Landes gegen unſere thuͤ - ringiſche Tiefe weſtnoͤrdlich ihren Zug gehabt ha - be, beweiſen die Fiſchſchwuͤlen, in dem ſchwarz - ſchiefrigen Kupferfloͤtze, welches noch bey Ilme - nau, oder weſtlich, ſo gut, als am Harze, oder noͤrdlich bauwuͤrdig war, dagegen es in dem ſuͤd -Clichen34lichen Theil gegen Saalfeld und das Vogtland bis jetzt kaum recht zu finden geweſen iſt. Dieſer Zeitlauf, der dem vorigen H an Dauer ziemlichDer Zeit - lauf G. gleich geweſen ſeyn doͤrfte, mag alſo G heiſſen.

§. 49. Das Unterlager.

Seine Vorbereitung aber, oder deſſen Unter - lager hat wohl unter allen am wenigſten Zeit weggenommen, indem es nur aus etlichen Schich - ten beſteht; es muͤßte denn der Sand, welcher eine bald ſchwache, bald ſtarke Schicht ausmacht, zu ſeiner Erzeugung aus dem Meerwaſſer, eineDer Zeit - lauf g. laͤngere Zeit, als Mergel, Thon oder Leimen, erfordern. Dieſer Zeitlauf ſey g, nach ihm giengen erſt die vorge - dachten ruhigern Zeiten dieſes alten Meeres an; denn die nun weiter vor ihm hergehn, ſind mei - ſtens voll Beweiſe der heftigſten Erdbeben in hie - ſiger und entfernter Gegend, nebſt groſſen Landes - verwuͤſtungen. Mein oben genannter Vorgaͤn -ger35ger hat dieſen Zeitlauf e geſchrieben, weil die un - terſte Schicht hier der Beſchluß ſeines Gebir - ges E iſt, welches jedoch der Zeit nach F heiſſen ſollte, er hat aber mehr auf ſein Lager, als die Zeit, geſehen.

§. 50. Das weiſſe Schal - oder Schiefergebirge.

Zwar hat das weiſſe Schalgebirge, welches der Zeitordnung nach, und vermoͤge der unterſten Schicht des naͤchſten Unterlagers hier, gleich vor - her erbauet wurde, an ſich noch anfaͤnglich Ruhe genug genoſſen; aber der hieſige Zuſtand des al - ten Meeres ſelbſt, muß gleich mit deſſen Anfange, die beſondere Veraͤnderung, welche ein Gebirge wieder hoch gegen den Umfang hinauf, anbauen konte, erlitten, und auch lange ſo gedauret ha - ben; weil ſich unter ihm dieſes gneiſige und thon - hafte Gebirge, ſo hoch an dem Umfange hinauf, und ſo ſtark an Schichtwerk, aufgebauet hat. Es liefert den grauen Schiefer, welcher freylich nicht der beſte iſt. Ob man aber darinnen, wieC 2in36in allen thonhaften Schichten, wenig Seeſtuͤcke findet, ſo iſt es doch nicht ganz von allen Spuren entbloͤſſet. Endlich muͤſſen mit deſſen Vollen - dung, die Erdbeben, welche in unſerm Umfang faſt uͤberall das Unterſte zum Oberſten umge - ſtuͤrzt, und gelben oder braunen Leimen haͤufig ins Meerwaſſer gemiſcht haben, ihre ſtaͤrkſte Wuth auszulaſſen, aufgehoͤrt haben, denn die vorgedachten und nachher erbauten Gebirge findet man viel gelinder gemißhandelt. Ich muß dieſes Gebirge der Zeitordnung wegen F nennen, da esDer Zeit - lauf F. mein Vorgaͤnger des hoͤheren Lagers wegen F nennt.

§. 51. Das rothe Schalgebirge oder Unterlager.

Hingegen wird nun das rothe Schalgebirge, welches ſich vorher ſowohl, hoch am Umfange hin, als auch weiter gegen die Tiefe des Umfan - ges mit herunter angebauet hat, und von ſtark zuſammenhangenden Erdbeben, die das Meer noch jetzt mit rothen Thonſchlicken faͤrben, durch eine lange Zeit, zeuget, auch durch die verſchiede -ne37ne Art der Schichten, bald die Staͤrke dieſer Erd - beben, bald deren Nachlaß, merken laͤßt; wieder meines Vorgaͤngers Benennung, doch ohne ſei -Der Zeit - lauf E. ner Zeichnung von deſſen Lager zu wi - derſprechen, ſtatt F, vielmehr E, heiſ - ſen muͤſſen; wie es denn ganz wohl als das Unterlager von F, angeſehen werden kan, da ja obgedachte Unterlager nach dieſer Zeit auch ſtets mehr, oder weniger vorgeſprungen ſind. Der rothe Marmor dieſes Gebirges beſteht groͤß - tentheils aus graukalchigten Muſchelkernen, im rothen Kalch, und dieſe Seethiere ſcheinen darum nicht unfruchtbarer geweſen zu ſeyn, obgleich die - ſer ſtuͤrmiſche Zeitlauf das Meer ſelbſt viel ſtaͤr - ker, als das feſte Land, eben ſeiner Roͤthe wegen, betroffen haben kan. Doch laͤßt das verſteinte Holz, ſo man oft in dieſem Gebirge findet, das feſte Land auch nicht ganz frey ſprechen.

§. 52. Das blaue Schal - oder Schiefergebirge.

Deſto zuverlaͤßiger aber muß eines der groͤßten alten feſten Laͤndern ſeinen voͤlligen Untergang zuC 3der38der Zeit, da unſer altes Meer das blaue Schie - fergebirge erbaute, neben dem alten Meer von Europa erlitten haben, und zwar mehr ein ſum - pfigtes als trocknes Land. Denn man findet noch Schichten, wie ſchwarze Kreide, die voͤllig der Moorerde gleichen; doch haben darum die See - thiere ſolche Gegend nicht oͤde gelaſſen. Denn der ſchwarzgraue Marmor fuͤhrt oft mehr Mu - ſchelkerne, als man gerne ſiehet: ja an vielen Oertern, iſt er daher nicht zum Dachſchiefer, zu gebrauchen, weil er der Verwitterung mehr un - terworfen iſt. Dieſer Zeitlauf kan auch nach dem hohen Anbau dieſes Gebirges, nicht anders, als ſehr lange gedauret haben, und die Fluth von dem verſunkenen feſten Lande, herwaͤrts gegen unſern Meerſchos, muß ſich erſt mit dem Erdbeben des nachfolgenden und kurz zuvor beſchriebenen ro -Der Zeit - lauf D. then Gebirges, anders wohin gewen - det haben. Der Ordnung nach nenne ich dieſen Zeitlauf D.

§. 53.39

§. 53. Das Alaunhaltige Unterlager.

Zu mehrerem Beweiſe deſſen, was ich geſaget, dienet das Alaunhaltige Unterlager, welches ich meinem Vorgaͤnger zu Folge, viel eher nach ſei - ner Zeit, als nach ſeinem Lager und Vorſprunge davon, unterſcheiden darf. Wer weiß nicht, daß der Alaun ſeinen Urſprung der Vermiſchung des Thons und Schwefels, vermittelſt dem Pflanzen - reich, bey allen Alaunfloͤtzen zu danken habe? Ob aber die Fluth des feſten Landes, den obern faulen Schlamm gemaͤchlich, oder geſchwinde, nach unſerer Gegend zugefuͤhret habe, iſt freylich nicht anzugeben, und alſo auch nicht das MaasDer Zeit - lauf C. des Zeitlaufs; wir wollen ihm alſo nur den Namen C geben.

§. 54. Die Steinkohlenfloͤtze.

Es beweiſen ferner die hierunter liegenden Steinkohlenſchichten, nebſt den andern Kraͤuter - ſchiefern, welche blos auslaͤndiſche Wald - undC 4Sumpf -40Sumpfkraͤuter enthalten, daß der Fluth des al - ten Meeres nach hieſiger Gegend, zuerſt die leich - teren Kraͤuter, von der Oberflaͤche des feſten Lan - des gefolgt ſind, und ſich nach der Zeit erſt, waͤh - rend C und D, der tiefere Meerſchlamm loß ge - fluͤttet, und hier wieder niedergeſetzt habe; end - lich aber auch bey den heftigen Erdbeben, die ſchwereren Holzſtaͤmme nachgefolget ſind. Viel - leicht doͤrfte Jemand, der die Zahl, Staͤrke und Abwechſelung der Schichtarten innerhalb jeder ſolcher Zeit, nicht genug erwaͤget, vielmehr auf eine beſondere Geſchwindigkeit, als lange Dauer dieſer Zeitlaͤufe ſchlieſſen wollen; allein wenn er bedenkt, daß ſelbſt in unſern jetzigen von Ebbe und Fluth, nebſt andern Stuͤrmen ſehr beunru - higten Meere an den Kuͤſten der Nordſee, Spu - ren von Gegenden, die vor vielen Jahrhunder - ten verſunken ſeyn, oder uͤberſchwemmt wurden, noch ſichtbar ſeyn ſollen; ſo wird er hier ſchwer - lich eine groſſe Geſchwindigkeit behaupten moͤgen. Doch dem ſey, wie ihm wolle, genug, daß ſich in dieſem Zeitlauf, die Fluth von dieſem verſunke -nen41Der Zeit - lauf B. nen groſſen feſten Lande angefangen hat, und ſich mit B anzeigen laͤßt.

§. 55. Das rothe todte Lager.

Daß aber die Verwandlung der alten feſten Laͤnder, und des alten Meergrundes Schichtbau, nebſt den Erdbeben, hier nicht zu erſt angefangen haben, bezeugt das noch vorher aufgebaute rothe todte Lager, welches nach mancher Gegend auf dem hohen Thuringe, und uͤber dem Vogtlande hin, durch ſeinen hohen und abwechſelnden Schicht - bau, ingleichen die noch merkbare Verſteinerun - gen, einen ſchon ſehr wandelbaren und beunru - higten Zuſtand des alten Meeres, und alſo auch der naͤchſten feſten Laͤnder, erweiſet. Wenn ich meinem Vorgaͤnger nicht ſo gerne folgen wollte, wuͤrde ich dieſen Zeitlauf, nach der veraͤnderten Beſchaffenheit des Meerwaſſers, wie der veraͤn - derte Beſtand der Schichten beweiſet, noch beſon - ders abtheilen koͤnnen. Von den Verſteinerungen aber will ich der Druſenkugeln gedenken; wovon[C][5]die42die Gegenmuſter in dem Alaunſchiefer C, und dem viel juͤngeren Sandgebirge I, in der Groͤſſe der Nuͤſſe, und auch der vierpfuͤndigen Kanon - kugeln, doch mit einem braunmuͤlmichten Ueber - zuge gefunden werden, und ſich auſſer dem nochDer Zeit - lauf A. nicht haben finden laſſen. Es mag dieſer lange vielfache Zeitlauf A heiſſen.

§. 56. Das Grundlager.

Endlich kommt nun das ſo genannte Grundge - birge, welches doch ſelbſt auch nach ſeinem ſicht - baren Theil von einem alten Meer auf ſeinem Grunde erbauet worden, wie das ſalzartig gekoͤrn - te und ſchuppigte Geſtein zwiſchen einer milderen Art erweiſet; nur ſind die Schichten nicht ſo ab - geſetzt, oder vor ſich beſonders, wie nach der Zeit in den andern Gebirgen verhaͤrtet. Hieraus laͤßt ſich alſo nur ein anderer Zuſtand dieſes aͤlte - ſten Meeres, nach ſeiner erſten Zeit, oder Ju - gend erweiſen, von dem aber weder Anfang nochDer Zeit - lauf X. Dauer angegeben werden kann. Wir wollen ihn X nennen.

§. 57.43

§. 57.

Hier iſt nun der Ort, wo man nach thuͤringi - ſchet Gegend wieder umwenden muß, weil man in der Erdforſchung von dieſer Art, nicht weiter kann. Denn jenſeits des Thurings Bergabwaͤrts, nach dem alten Meerſchoſe von Franken und Heſ - ſen, wie auch nach dem Boͤhmiſchen und Nieder - ſaͤchſiſchen Meerſchoſe, folgt alles wieder eben ſo, wie hier; doch nur nach dem Hauptbeſtande jedes Gebirges, aber nicht nach den beſondern Schich - ten und Verſteinerungen. Dieſe werden ſchon in unſerm thuͤringiſchen Meerſchoſe, erſtlich nach dem eigenen Abſtande jedes Gebirges, hier und da an - ders befunden, wie die vielen Nautiliten und Am - moniten des Muſchelkalches K, im mitleren Thuͤ - ringen beweiſen, welche an der Saale hin, darin - nen deſto ſeltener vorkommen; zweytens nach je - der andern Gebirges Art, dennoch ſelbſt in derſel - ben Gegend von ungleichem Geſchlecht, oder von anderer Gattung ſind, als die Kugeln in I, C, A; oder die Griphiten in H. Dieſes trift noch mehr zu, wenn man das naͤmliche Gebirge in einem an -dern44dern Meerſchoſe hiermit vergleicht. Denn es hatte damahls ſchon jeder Schoos ſein eigenes; doch werden die Terebratuliten, wohl an jedem Ort, im Muſchelkalche K, ſich finden laſſen.

§. 58.

Wenn wir uns nun hier auf dem Grundgebir - ge X, herumdrehen, und wieder ruͤckwaͤrts da hin - unter ſehen, wo wir herkamen; ſo koͤnnen wir ver - mittelſt dem hohen und breiten Blick der Vor - ſtellung, auf einmahl den ganzen Anbau unſeres ehemahligen Meeres uͤberſehen, und zugleich deut - lich erkennen, daß dieſes alte Meer, nachdem es die Erde auf ſeinem Grunde mit ſo vielen Gebir - gen beſchweret hatte, endlich ſo weit, als das kalch - gebirge K, das Letzte geblieben, und keins weiter daruͤber gebauet iſt, auf einmahl ſeinen Grund verlaſſen, und ſich in neues Land, oder den Boden von Europa, verwandelt haben muͤßte; wo hin - gegen uͤber K, ein neuer Anbau ſteht, das muß ſpaͤter urbar geworden ſeyn.

§. 59.45

§. 59.

Wie lange iſt es nun wohl, daß unſer Europa neues Land wurde? und wie lange iſt es, daß Aſien, Afrika, und Amerika dergleichen wurden? daß ſie es zugleich wurden, widerlegt die allge - meine und hieſige Erdkunde. So wie man aus den thuͤringiſchen Elephanten Knochen ſchluͤſſen kann, daß kurz vor dem Zeitlauf K, waͤhrend k das ehemahlige Vaterland dieſer Thiere zu Grun - de gegangen; ſo muͤßte man auch von den Sibe - riſchen, aus der Folge der Gebirge, oder Zeitlaͤufe ſchluͤſſen koͤnnen, ob ſie mit unſern zu gleicher Zeit, oder nicht, in den daſigen Meerſchos gefuͤhret worden waͤren. Denn koͤnnte man vermuthen, daß wenn dieſer Elephanten Vaterland, auf der einen Seite zu Grunde gegangen, ein neues Land auf der andern Seite vor ihre erhaltene Bruͤder, entwe - der in Aſien, oder in Afrika, entſtanden ſeyn muͤſſe.

§. 60. Die Europaͤiſche Hochfluth.

Es iſt aber noch eins von Europa, nach unſern thuͤringiſchen Zeugniſſen nach zu holen: naͤmlicheine46eine ſehr hohe Fluth, welche ſuͤdweſtlich, oder durch Franken, uͤber den Thuring herein gebrochen iſt, und nach dieſem Zuge, uͤber viele der hoͤchſten Berge, die Griesgeſchuͤbe, die man an der Saale, Ilm, und Gera bey Erfurt, vor deren Flußgries anſieht, gefuͤhret, und uͤber das an den hiezu be - quemen Ruheplaͤtzen, die Leimengruben, und end - lich am Fuſe, des hiedurch erreichten Kalchgebir - ges K, die Tuffſtein Lager angeleget hat. Daß unſer Thuͤringen vor dieſer hohen Fluth ſchon be - pflanzt und bewohnt geweſen ſey, beweiſen die Verſteinerungen des Tuffſteins; worunter die Kohlen und Brender vorzuͤglich die Bewohnung von Menſchen bekraͤftigen. Daß aber dieſe hohe Fluth keine Meeresfluth geweſen ſey, beweiſen die Griesgeſchuͤbe, Leimengruben, und Tuffſtein Lager zuſammen; in ſo ferne ſie kein einziges Seeſtuͤck, ſondern lauter Landſtuͤcke enthalten. Ob aber die - ſe hohe Fluth mit der Aſiatiſchen Suͤndfluth einer - ley geweſen ſey, kann ich nicht ſagen; ſo wenig ſich angeben laͤßt, wie lange vorher Europa bewohnt geweſen ſey; doch darf ich wohl den Zeitlauf un -ſeres47Vor der ho - hen Fluth der Zeitlauf L, nach ihr der Zeitlauf M. ſeres neuen Landes, bis zu dieſer hohen Fluth L, und den nach ihr bis auf unſere Zeit M, nennen.

§. 61. Anwendung des Maasſtabes von Thuͤringen.

Nunmehr haͤtten wir den Maasſtab, den uns der alte Meerſchos von Thuͤringen, fuͤr Europa, wenigſtens einſeitig angiebt, er waͤre auch deutlich genug abgetheilet und benennt. Hoffentlich ſol - len dieſe unverfaͤlſchte Urkunden der Natur, die kein Schriftſteller, Abſchreiber oder Drucker ver - ſtuͤmmeln, jeder Kenner aber innerhalb 8 Tagen einſeitig durchlauffen kann, nicht allein die wahre Geſchichte der Erde, durch einen ſehr langen Zeit - raum voͤllig aufklaͤren, und ihr Alter noch weiter hinaus zu beſtimmen dienen; ſondern auch die Geſchichte der Menſchen und ihr Alter genauer beſtimmen zu koͤnnen, ebenfals einen weit hinaus reichenden Schluß an die Hand geben.

§. 62.

Es wuͤrde alſo das Alter der Erde, wiewohl nur einſeitig nach der Geſchichte von Europa be -rechnet,48rechnet, ſo weit ruͤckwaͤrts zu beſtimmen ſeyn, daß man von hier zur Hochfluth den Zeitlauf M, von dieſer zur Erſcheinung des neuen Landes Europa den Zeitlauf L, denn die 14 kleinen und groſſen Zeitlaͤufe, der Verwandlungsanſtalten K k J i H h G g F E D C B A, ſtellte, und nun X entweder allein bis an die Erzeugung der Erde hinan lau - fen, oder wohl beſſer, nach der Art aller wachſen - den und ſich verwandelnden Koͤrper, noch vor dieſer Erzeugung fuͤr ihre Kindheit einen ZeitlaufDer Zeit - lauf Yu. Z. Y gelten ließ; endlich aber erſt Z fuͤr ſeine Erzeugungsanſtalten und deren Zeitlauf ſetzte.

§. 63.

So wenig nun auch die Berechnung dieſer 18 oder 19 Zeitlaͤufe, nach unſern Jahrzahlen Men - ſchen moͤglich ſeyn mag; ſo iſt es doch nicht ſo - wohl die Groͤſſe dieſer Zahl, welche den Beweiß hier ausmacht; als vielmehr die Verwandlung der Erde, die Reihe ihrer Schickſale, waͤhrend dieſer Zeit, und ihre hieraus erfolgte gegenwaͤr -tige49tige Beſchaffenheit, nebſt dem heutigen Zuſtande aller ihrer Beſitzer, an Pflanzen, Thieren und Menſchen, in ſo ferne dieſe, dem Naturforſcher daraus zu ſchlieſſen erlauben, was die Naturkun - de rechtfertigen, oder doch entſchuldigen kann.

§. 64.

Denn welcher Naturforſcher wird einen Him - melskoͤrper, der einmal verwandelt werden ſoll, mit der Verwandlung ſeiner noch jungen Geſtalt, machen laſſen? Wer wird die jungen feſten Laͤn - der ſogleich einſtuͤrzen, und das noch junge Meer ſchon ſo bald dahin verlaufen laſſen? Wer wird die kaum warm gewordenen Beſitzer eines Landes und Meeres gleich wieder auf andere Stelle ver - treiben? Wird ſich nicht jeder, nach den Natur - geſetzen aller wachſenden Koͤrper einen ſolchen Himmelskoͤrper, lieber erſtlich eine gute Zeit in ſeiner gleichartigen Verbeſſerung vorſtellen? und ihm dieſes, der Natur gemaͤß, als ſeine Jugend anrechnen, als gleich zur widerwaͤrtigen Umkeh - rung im Weltlichte hinſchwingen laſſen?

D§. 65.50

§. 65.

Woferne wir nun die Verwandlung der Erde nicht laͤugnen koͤnnen, ſo koͤnnen wir ja auch wohl ihre Erzeugung von ihres gleichen, nach dem Ge - ſchlecht, ob gleich nicht nach der einzelnen Art, nemlich von andern Himmelskoͤrpern, zugeben, und alſo auch ihre Kindheit und fernere Jugend; wenn man anders hier nach Beiſpielen vom Klei - nen aufs Groſſe ſchlieſſen darf. Erforderte nun ihre Verwandlung die 15 Zeitlaͤufe A B C D E F g G h H i J k K L, denn die Hochfluth nach L kann ich wohl getroſt, als einen der letzten Verwandlungszufaͤlle anſehen; wollen wir der heranwachſenden unwandelbaren Jugend unſerer Erde, nur den Zeitraum X, und wohl gar ſeinem Maas nicht mehr, als hoͤchſtens den groͤßten der obigen beylegen; ſo daͤchte ich, wir lieſſen lieber ihre Jugend nicht ſo geſchwinde verfliegen, ſon - dern vielmehr ſanft und vergnuͤgt anſteigen.

§. 66.

Doch wir wollen weder den Zeitlauf X, noch ſeine Vorzeiten weiter ausforſchen. Genug fuͤruns,51uns, daß gleich bey dem Zeitlauf A, das alte Meer, in Anſehung ſeiner Bewohner unſerm jetzigen aͤhnlich war, und daß gleich im Zeit - lauf B das verſunkene feſte Land, ſich wie unſere heutigen bepflanzt, zeigte: folglich darf man auch die Erde ſchon im Zeitlauf X, und ſo weiter ruͤck - waͤrts, in Anſehung der Beſitzer ihrer feſten Laͤn - der, unſerm jetzigen Erdboden gleich ſchaͤtzen.

§. 67.

Wer kann nun nach dieſem Zeitlaufe B, die fol - genden Zerſtoͤrungen der alten feſten Laͤnder, davon nicht allein unſer Thuͤringen, ſondern auch jeder alte Meergrund, durch Kraͤuter und Thierſchiefer, Holzachat, Steinkohlen, Erdpech, Naphta, Agt - ſtein u. ſ. w. genugſame Beweiſe geben, vor rich - tig erkennen? auch die egyptiſchen Kraͤuter und Thiere jetziger Zeit, die arabiſchen, oſtindiſchen, chinaͤſiſchen, afrikaniſchen, amerikaniſchen und eu - ropaͤiſchen Pflanzen und Thiere, nebſt denen an beiden Polen, deren, an jedem Ort befindliche ei - gene Arten, erhalten worden, betrachten, und dochD 2zugleich52zugleich die eigene Arten, der an jedem Ort vor - handenen Menſchen davon ausſchlieſſen?

§. 68.

Sollte man alſo nicht, wenn man den freyen Verſtand zu Rathe zieht, davor halten, daß dieſe eigene Arten des Menſchengeſchlechts, die ſich bis auf dieſe Zeit erhalten haben, eben ſo wie die an - dern beſondern Arten der Thiere und Pflanzen, erhalten worden, und daß ſie ſchon von je her ihre eigene Art gehabt haben muͤſſen? ohne dieſe viele verſchiedene Menſchengeſtalten, von einem einzel - nen Stammvater, aus einem einzigen Plaͤtzchen der Erde insgeſamt herleiten zu wollen? wird man nicht geneigt ſeyn, jedem alten Lande gleich an - faͤnglich ein volles Volk, und keinen bloſen Stamm - vater zu geben? ſo wenig man jedem Lande nur eine einzige Pflanze von jeder Art, und ein einzi - ges Paͤrchen von jeder Thierart wird geben moͤgen. Kann man wohl ſo ein Volk, und nach den vielen alten feſten Laͤndern, die vielen Voͤlker, ohne Sprache denken, und auf ihre Erfindung nachſin -nen53nen wollen? wird man nachdem nicht weiter zu folgern veranlaßt werden, daß alſo auch jedes alte und eigenartige Volk, welches mitten durch die gaͤnzliche Verwandlung der Erde dennoch mit Bei - behaltung ſeiner eigenen Art, ſeine benachbarte Gegend, nebſt ſeinen Pflanzen und Thieren be - hauptet hat, bey der Crzeugung der Erde, die ge - wiß nichts ſo grauſames, als die Verwandlung haben konnte, von deſſen Erzeugern den aͤltern Himmelskoͤrpern, zum neuen Himmelskoͤrper oder der jungen Erde, ſchon als ein ſo eigenes Volk uͤbergegangen ſey? wird es endlich nicht verſtaͤnd - lich werden, warum die aͤlteſten unzerſtreuteren Voͤlker den Einfall gehabt haben, von der Schoͤ - pfung der Erde reden zu wollen? welches auſſer dem ganz wider den geſunden Verſtand ſolcher Voͤlker haͤtte lauffen muͤſſen, und ihnen ohne ſol - che Veranlaſſung, durch Erzaͤhlung gar niemahls haͤtte in den Sinn kommen koͤnnen.

D 3§. 69.54

§. 69. Die Menſchenkunde vor ſich.

Ob ich nun gleich das Unleugbare oder Wahr - ſcheinlichſte der Menſchengeſchichte, neben der Erd - geſchichte, bisher immer mit angefuͤhret, und da - bey ſelbſt auf den Urſprung der Sprache mit geſe - hen habe; ſo wird doch alles dieſes vielen noch immer zu wenig ſeyn, wofern nicht eine vollſtaͤn - digere Betrachtung der Menſchen an und vor ſich, ihnen eben dieſes ſagen ſollte.

§. 70.

Weil aber die aͤlteſte Urkunden von dem Ur - ſprunge eines und des andern Volks, wegen ihrer jetzigen unnatuͤrlichen Auslegung, ſo lange ſtreitig bleiben, bis man aus der Naturkunde ſo viel Ge - wißheit von den Menſchen voraus geſetzt hat, daß ſich hiernach dieſe Urkunden wieder der Natur ge - maͤß auslegen laſſen; ſo muͤſſen freilich die Men - ſchen erſt blos nach der unbezweifelten Beſchrei - bung der Voͤlker, ſo wohl jetziger, als voriger Zeit, und zwar ſo weit man die Geſchichtbuͤcher blos alsnatuͤr -55natuͤrlich geſchriebene anſieht, betrachtet, und dar - nach als Gegenmuſter mit der ſtreitigen Auslegung der aͤlteſten Urkunden, verglichen werden.

§. 71.

Daher waͤre es wohl am beſten, wenn ich mei - ne Betrachtung gleich bey der jetzigen Zeit an - fienge, und von da immer weiter zuruͤck gienge. Wenn ſich nun in der natuͤrlichen Menſchenkennt - niß der bekannten vorigen Zeit, keine Abweichun - gen finden, wird man auch gegen dieſe Menſchen - kunde ſo billig ſeyn, und ihr nicht etwa aus der ſtreitigen aͤlteſten Zeit, unnatuͤrliche Wunder ent - gegen ſtellen wollen, ſondern ſie vielmehr fuͤr im - mer gleich richtig fort gelten laſſen.

§. 72.

Doch eben hier merke ich, daß diejenigen, wel - che ſo wohl von den Pflanzen, als Thieren Lehrge - baͤude aufgefuͤhret, und alles nach ihren Geſchlech - ten, Arten und Gattungen geordnet, auch ihre Merkmale deutlich unterſchieden haben, bey denD 4Menſchen56Menſchen ermuͤdet, oder auch vielleicht vorſaͤtzlich aufgehoͤret haben: folglich iſt hier kein anderer Rath, als daß ich mich bequeme ſelbſt einen klei - nen Entwurf zu machen, wie ich die Menſchen unſerer Erde, die ich Weltmenſchen oder Welt - kinder nennen will, durchgaͤngig befinde.

§. 73.

Betrachte ich nun die Menſchen erſt uͤberhaupt, ſo iſt durchaus richtig, daß ſie entweder maͤnnli - chen oder weiblichen Geſchlechts ſind, und daß ohne Erdichtungen anzunehmen, ſeit aller Men - ſchen Denken, niemahls ein wahrer Zwitter, mit doppelt wuͤrkſamen Zeugungsgliedern, noch weni - ger ein Zweimenſch, oder Platoniſche Androguͤne jemahls gelebt habe.

§. 74.

Ferner iſt auch uͤberhaupt richtig, daß die Er - zeugung eines vollſtaͤndig wahren oder bloſen Weltkindes, allezeit die Begattung eines Mannes mit einem Weibe erfordere, und kein Weib auſſerdieſer57dieſer Begattung ein wahres Menſchenkind zur Welt gebracht habe, auch bis jetzt kein natuͤrlicher Weltmenſch gefunden worden ſey, der nicht Vater und Mutter menſchlichen Geſchlechts gehabt haͤtte.

§. 75.

Daher iſt eben ſo richtig, daß keine Berechnung des Menſchengeſchlechts von hier, durch die vorige Zeit, ruͤckwaͤrts, jemahls bis auf einen einzelnen Menſchen, es ſey Mann oder Weib hinaus lauf - fen koͤnne. Denn wenn ein Menſch allezeit zwey Eltern, 4 Großeltern, 8 Voreltern, 16 Ureltern u. ſ. w. gehabt hat; wie kann man bey ſo gemeſ - ſenen Stiegen, die ins Unzaͤhliche hinaus lauffen, jemahls auf die 1 kommen.

§. 76.

Wie will man nun natuͤrlicher Weiſe jemahls einen einzelnen erſten Stammvater und Stamm - mutter, die noch dazu weder Vater noch Mutter gehabt haͤtten, aus alten Urkunden behaupten. Es iſt vielmehr hiebey ein ſicherer Argwohn, daßD 5ſolche58ſolche erſte Ausleger, entweder dieſe Urkunden an - dern alten Voͤlkern abgeborgt haben, ohne ſolche zu verſtehen, oder daß ſie durch Vernachlaͤßigung der Naturkunde, die Einſicht und Erklaͤrung ihrer eigenen alten Nachrichten verlohren, und alſo in neueren Zeiten ihre Meinungen davor unterge - ſchoben haben.

§. 77.

Dazu kommt noch, daß in Anſehung der Zeu - gung, weder der Mann noch das Weib, fuͤr ein einzelnes volles Ganzes, ſondern nur fuͤr ein hal - bes zu halten iſt. Wie kann nun unſere Rech - nungsart, und wenn es auch die Bruchrechnung waͤre, bey einer ſolchen Zeugungszahl, wie das Menſchengeſchlecht iſt, wo naͤmlich zu jeder eins, noch allezeit ein halbes fehlt, richtig ſeyn? iſt die - ſes nicht vielmehr ein gewiſſes Merkmal von der Unendlichkeit ſolcher Zahl? gilt dieſes nicht zu - gleich fuͤr einen Beweis der unendlichen Beduͤrf - niß unſeres Geſchlechts, erſtlich ſo wohl zur Fort - zeugung, als ferner zur Erziehung, und weiter fortauch59auch ſelbſt zur Sprache? wird alſo nicht dadurch jeder, der nur nachdenken kann, und zugleich die Unendlichkeit des Schoͤpfers, und die Unermeß - lichkeit der Natur mit erwaͤget, gewarnet, daß er weder den einzelnen Urſprung des Menſchen, noch den einzelnen Anfang ſeiner Sprache ſuchen ſoll.

§. 78.

Eben ſo gewiß iſt es auch, daß die Menſchen allezeit nur als Kinder aus den Muͤttern, und nie - mahls als ſchon erwachſene Perſonen, aus dem Erdboden, zur Welt gekommen ſind, daher wohl die Autochthonen und Gnegenes der Griechen, nebſt den Indigenen und Aborigenen der Roͤmer, vielmehr im Lande gebohren, zum Unterſcheide der Ankoͤmmlinge, als ſolche, die wie Pilſen aus der Erde gewachſen waͤren, heiſſen ſollen. Doch ich will den Dichtern und platoniſirenden Philoſophen bey dergleichen Ausdruck ſolchen Sinn nicht gaͤnz - lich abſprechen.

§. 79.

Nun betrachte man die Geſchicklichkeit aller kleinen Menſchenkinder zur Sprache, ſo findetman60man zwar, daß ihnen Heulen und Schreien natuͤr - lich ſey, daß aber eins von ſich ſelbſt nur ein ein - ziges wahres Wort, von der Sprache der Eltern vorgebracht habe, findet man nicht; ſondern viel - mehr, daß alle, doch eins mit mehr, oder weniger Muͤhe, als das andere, Wort vor Wort haben lernen muͤſſen, und daß ſie, wenn ſie verſaͤumet worden ſind, bey ſchon[ei]niger[Kenntuiß] der Woͤr - ter, dennoch nicht einmahl fuͤr taͤgliche Dinge will - kuͤhrliche Woͤrter zu erfinden gewagt, oder ver - mocht haben.

§. 80.

Hiezu kommt noch der merkwuͤrdige Umſtand, daß die erſte Sprache aller Kinder, eine ganz an - dere iſt, als ihrer Eltern, doch auch wieder mehr oder weniger fuͤr die Ohren anderer. Wenn man ihnen daher nach den erſten Anfaͤngen nicht weiter nach huͤlffe, ſo wuͤrde oft jedes Kind von denſelben Eltern, nach der beſondern Geſchicklichkeit ſeines Ohres und der Sprachtheile, vielmehr eine ganz andere, als der Eltern ihre, ohne alle Erfindung, mitten zwiſchen der alten Sprache fuͤhren.

§. 81.61

§. 81.

Wenn alſo die Kinder vor ſich gar keine Spra - che bekommen, und ohne genugſamen Unterricht, entweder eine ſehr mangelhafte, oder ganz fremde fuͤhren, ſo zeigt ja dieſes deutlich, daß weder die Sprache an ſich was erbliches, noch der Eltern ihre den Kindern natuͤrlicher, oder leichter ſey, und daß alſo die Kinder nur eine Faͤhigkeit, aber kein Vermoͤgen zu ſprechen, mit auf die Welt bringen, und die Sprache nur lernen, aber nicht erfinden koͤnnen.

§. 82.

Bemerkt man aber etwa bey einem erwachſenen Menſchen, der nichts von Sprache weiß, unter den entwickelten Kraͤften der Mannbarkeit eine neue beſondere Kraft zu Erfindung der Sprache mehr, als bey einem Kinde? und worinne waͤre denn dieſe gegruͤndet, oder wodurch aͤuſſerte ſie ſich? ich weiß davon nicht die mindeſte Spuhr anzugeben: folglich hat in meinen Augen, ein groſer, doch ſprachleerer Menſch, eben nicht mehr Vermoͤgen zur Erfindung der Sprache, ja derErfah -62Erfahrung nach noch weniger, als ein Kind. Iſt alſo nicht der angebliche erſte Spracherfinder ein Wundermenſch, von deſſen Wunderkraͤften ſeine Nachkommen nicht eine einzige ererbt haben? ſo einen Menſchen kennt die ganze Naturkunde nicht, und man darf ihn alſo nicht fuͤr natuͤrlich, noch fuͤr ein Werk des Schoͤpfers, ſondern fuͤr ein Kunſt - ſtuͤck der Ausleger erkennen; deswegen koͤnnen dieſes auch die aͤlteſten Urkunden, wenn ſie natuͤr - lich erklaͤhret werden, nicht ſagen.

§. 83.

Um den Menſchen auch noch ins beſondere zu betrachten, werde ich ihn auf eben die Art, wie man andere Thiere, nach ihren Geſchlechten, Ar - ten, und Gattungen vorſtellet, auch hier auf der Erde herum, doch nur uͤberhaupt, angeben. Die allgemeine Geſtalt der Menſchen iſt bekannt; die beſondere hingegen iſt groͤßtentheils durch ihre Kleidung verſteckt; nur das Geſicht hat man bey allen bekannten Voͤlkern kennen gelernt. Hier - von will ich alſo die Unterſcheidungszeichen derArten63Arten uͤberhaupt hernehmen, und was ſich als - denn daraus erweiſen laͤßt, wird man doch wohl nicht eben darum, weil ich die Arten nicht auch namentlich hererzaͤhlet haͤtte, ſchlechterdings leug - nen wollen.

§. 84.

Das erſte Unterſcheidungszeichen ſey die Farben - haut der Menſchen, und zwar ſo, wie wir ſie nicht etwa an dem bloſſen Geſichte, ſondern wo moͤglich auch an einigen bedeckten Theilen des Leibes, und nicht allein an den haͤrteren Maͤnnern, ſondern auch an den weicheren Weibern, finden. Hier haben wir nun ſchwarze, weiſſe, rothe, gelbe, brau - ne, gruͤnliche Voͤlker, nach ſtarken, oder ſchwachen Schattirungen jeder Farbe und ihrer mehreren oder wenigeren Verſetzung; wobey wir noch das Beſondere bemerken, daß ohne Vermiſchung, und im geſunden Zuſtande keine dieſer Arten jemahls einen andern Nachkommen, mit aller Staͤrke der weiblichen Einbildungskraft zuwege gebracht; hin - gegen ſich die fremde Vermiſchung gewiß durch Spuhren verrathen hat.

§. 85.64

§. 85.

Hierauf kommt der Haarwuchs des Kopfs, von der kuͤrzeſten Wolle, bis zu dem laͤngſten Haar, und zwar nach verſchiedenen Farben, als ſchwarz, braun, braungelb, gelbroth, und weißgelb. Da nun die Maͤnner von allen Arten, von den Wei - bern, durch den Bartwuchs abweichen; ſo kann man auch den einzelnen und kurzen Stoppelbart, bis zum dichteſten und laͤngſten, der an der Kinn - lade herunter ſchweift, mit zu den beſondern Kenn - zeichen der Arten, rechnen. Hierbey findet ſich nun auch wieder die eigene Beſchaffenheit, daß keine der Arten vor ſich, oder ohne Vermiſchung und im geſunden Zuſtande, einen Nachkommen von andern Haar - und Bartwuchſe zeuget, ſondern daß dieſes nur durch die Vermiſchung mit einer andern Art bewuͤrkt wird. Selbſt unter uns ſchon laͤngſt vermiſchten Deutſchen, die Tacitus nicht mehr vor die gleichfoͤrmigen, eingebornen Weis - koͤpfe Germaniens erkennen doͤrfte, wird ſelten ein Paar, davon eins ſchwarzes Haar, das andere gel - bes hat, ohne einen Rothkopf, oder einen Zeugenvom65vom gelben und ſchwarzen Verſatze, bey ſeinen Kindern anzutreffen ſeyn.

§. 86.

Neben dieſen Hauptzeichen nehme man nach einander, die verſchiedenen Arten der Augenbrau - nen und Wimpern, die Groͤſſe und den Vortritt der Augaͤpfel, die Farben von ihren Seheſcheiben, den Aufſchluß und Bogenſchnitt der Augenlieder, mit ihren Gewinden und Winkeln, die verſchiede - nen Anhoͤhen und Geſtalten der Naſen, nach den Naſenloͤchern, und Schmiegen neben den Backen, ſamt der Furche unter der Naſe, die Spaltung des Mundes, mit der Erhebung und dem Ablauf der Lippen, nach ihren Angeln, die Groͤſſe und Span - nung der Ohren; ferner die Verhaͤltniß des Kinns, der Backen und Schlaͤfe, nebſt der Stirn, einzeln und zuſammen gegen einander. Denn vergleiche man es, nach dem, was jedes beſondere Volk, eigen hat, mit andern, ſo viel wir wiſſen, noch un - vermiſchten, oder ſchon ſehr lange vermiſchten Arten.

E§. 87.66

§. 87.

Getraut ſich nun Jemand nach dieſen Unter - ſcheidungszeichen, jetzt nur erſt ins Große genom - men, uns vollbaͤrtige Europaͤer, mit den unbaͤrti - gen Amerikanern zu vergleichen? kann man die Japaner und Chineſer hiernach mit den andern Aſiaten zuſammen fuͤr eine gemeinſchaftliche Ge - ſchlechtsfolge anſehen? Laſſen ſich die Hottentot - ten mit den Negern von Afrika, und dieſe wieder mit allen uͤbrigen Voͤlkern zu einer natuͤrlichen Verbruͤderung bringen? u. ſ. w. von mehreren.

§. 88.

Dabey wiederhole man die obige Erfahrung, daß keine weder der groſen, noch der kleinen Ar - ten, ſich mit der andern, noch auch ſelbſt mit uns ſchon lange vermiſchten Deutſchen, begatten darf, wo man nicht die Spuhren der zweierley Arten, noch bis dieſe Stunde, bemerken ſollte, und ohne hiebey jemahls eine ſolche Einfoͤrmigkeit, wie die unvermiſchten Voͤlker unter ſich bis jetzt erhalten haben, anzutreffen. Damit verbinde man die Be -merkung,67merkung, daß die Kennzeichen der Vermiſchung, wenn dieſe nicht wieder erneuert wird, ſich bey den Enkeln und Urenkeln immer mehr wieder verlieh - ren, und wieder in die großelterliche Geſtalt zu - ruͤck gehn.

§. 89. Anwendung.

Kann man nun wohl bey dieſen, ſo unveraͤn - derlichen Naturgeſetzen, eine eben ſo unveraͤnder - liche eigene Beſchaffenheit jeder Art, die ſich nie - mals von ſelbſt veraͤndert, abſprechen. Die Vaͤ - ter oder die Maͤnner ſind zwar nicht derjenige Theil, welcher daruͤber einen ſo zuverlaͤßigen Aus - ſpruch, wie die Muͤtter, thun koͤnnte; daher wuͤr - de freilich eine Akademie von fruchtbaren Wei - bern der verſchiedenen Voͤlker, welchen die unbe - maͤntelte Warheit lieber, als ihr Geſchlechtsſtolz, waͤre, daruͤber den gruͤndlichſten Ausſpruch thun koͤnnen; allein wo und wenn iſt dieſe zu hoffen?

§. 90.

Hiezu giebt die Geſchichte der vorigen Zeit, ſo weit man ſie unbeſtritten gelten laͤßt, den groͤßten Bei -E 2trag,68Beitrag, wenn ſie die Unterſcheidungszeichen der aͤlteſten Voͤlker, die wir noch jetzt auf ihrem alten Wohnſitze zu finden, glauben, wie die Zeichen der je - tzigen Voͤlker, beſchreibt. Denn die alten Negern und Aethiopier, die Serer, oder Chineſer, die Brachmanen und Indier, die Araber, Scythen, Sarmaten, die Kaudemden, Trogloditen, oder Hottentotten, nebſt andern, haben deswegen ſeit mehr, als 2000 Jahren keine Veraͤnderung erlit - ten; indem die Reiſenden, ihre damaligen Kenn - zeichen, noch jetzt an ihnen finden.

§. 91.

Wenn alſo dieſe und andere unvermiſchte Ar - ten etliche 1000 Jahre unveraͤndert geblieben ſind, und umgekehrt die vermiſchten Arten eben durch die unveraͤnderlichen Kennzeichen ihrer Vermi - ſchung dieſes alles noch mehr beſtaͤrken, als ſchwaͤ - chen; wie mag man mit gutem natuͤrlichen Grun - de die Meinung hegen wollen, daß eine einzelne Haushaltung eines einzigen Stammvaters, alle dieſe an ſich unveraͤnderliche Voͤlkerarten, in kur -zer69zer Zeit aus ihrem Schoſe erzeugt habe, ohne daß ſolche vorgegebene Abartungen, nach der Zeit, nur das mindeſte von ihrer eigenen Art, vor ſich abgewichen waͤren?

§. 92.

Iſt es nicht natuͤrlicher, alle dieſe ſeit etlichen 1000 Jahren unveraͤnderte Voͤlker, ſo ferne ſie unvermiſcht von andern Arten blieben, bis ins undenkliche hinaus, eben ſowohl, ſich immer gleich zu ſchaͤtzen, und ferner, wo mehrere Arten zuſammen leben, eben aus den Unterſcheidungs - zeichen dieſer Arten auf die Beſtaͤndigkeit ihrer eigenen Art, ſelbſt noch mitten in der Vermi - ſchung zu ſchlieſſen, und fuͤr ſie, ruͤckwaͤrts be - trachtet, gleich vom Anfang einen voͤllig unter - ſchiedenen Urſprung zu folgen.

§. 93.

Es widerſpricht auch die Betrachtung anderer Thiergeſchlechter mit ihren Arten, dieſen Bemer: kungen von den Menſchenarten nicht, ſondern be -E 3ſtaͤtigen70ſtaͤtigen ſolche vielmehr. Man nehme von den Thieren ein Geſchlecht, das mehrere Arten hat, welches man wolle, und laſſe es, ſo lange, als man denken kan, in einer Gegend allein geweſen ſeyn, oder ſich auch nur eine und dieſelbe Art un - ter einander allein begatten; ſo wird man an die - ſer Art vor ſich keine Veraͤnderung bemerken, die doch vermittelſt der Begattung mit einer andern Art, von eben dem Geſchlecht, ſogleich bey der erſten Frucht hievon merklich wird. Sehr nahe und bekannte Beiſpiele hievon geben die Hunde, Pferde, Schafe u. d. gl. Von den Baſtarten ungleicher Geſchlechter rede ich hier nicht, obgleich auch dieſe Erfahrung meinen Satz beſtaͤtiget.

§. 94.

Alles dieſes ſcheinet mir deutlich zu beweiſen, daß jede Art ihre eigene Grundlage habe, die von keiner andern abſtammt, und ſich auch niemals ſelbſt verruͤckt; aber wohl durch die Einmiſchung einer andern Art verruͤckt werden, und eine ande - re Geſtalt bekommen kan.

§. 95.71

§. 95.

Eben ſo deutlich wird auch ferner, daß weder einige noch alle ſolche Arten, von einem einzigen gleichen Stammpaar, mit ſo eigener beſtaͤndiger Grundlage, jemals haben abſtammen koͤnnen; ſondern daß jede Art ſchon von Anfang dieſelbe, welche ſie noch jetzt beſtaͤndig vorſtellt, geweſen ſeyn muͤſſe, und auch kuͤnftig eben dieſelbe vor ſich allein bleiben werde; und wie jede ruͤckwaͤrts ins Unzaͤhlbare laͤuft, ſo auch jede vorwaͤrts, ins Un - denkliche hinaus reichen werde.

§. 96.

Wenn nun noch uͤber das, jede ſolcher Men - ſchenarten, auſſer den andern Unterſcheidungs - zeichen, auch ihre eigene ganz unterſchiedene Sprache fuͤhrt, ſo iſt es noch ſchwerer zu behau - pten, daß ein einziger Stammvater von allen ſo verſchiedenen Arten, zugleich Erfinder ihrer ver - ſchiedenen Sprachen geweſen ſey. Oder ſoll jede Geſchlechtsart und Sprachart zuſammen, wieder ihren eigenen Spracherfinder gehabt haben? bei -E 4des72des iſt der Natur nach unerklaͤrlich. Daher bleibt mir nichts weiter zu denken uͤbrig, als daß die Geſchlechtsarten von je her, ſowohl ihre eigene Leibesgeſtalt, als auch Sprache, und weder einen einzelnen Stammvater, noch Spracherfinder noͤ - thig gehabt haben. Denn ſo paſſet alles der ewi - ge Schoͤpfer, ſein Werk, die unendlich wuͤrkſame Natur, und mit ihr zugleich die unendlichen Ge - ſchlechter, und Arten der Geſchoͤpfe, nach ihrer eigenen Beſchaffenheit, Fortzeugungen, Beduͤrf - niſſen und Erhaltung, vollkommen einſtimmig zu - ſammen.

§. 97.

Zu alle dieſem nehme noch jeder Erdforſcher, aus obiger Erdgeſchichte, kuͤrzlich alles, was die Menſchen angehen und betreffen kan, als, daß die junge Erde um gar viel groͤſſer war, und die alten feſten Laͤnder, deswegen von breiterem Um - fange ſeyn konten, und folglich die Menſchen nicht eben ſo nahe, wie jetzt, an einander wohnen duͤrf - ten; daß alſo ſehr wahrſcheinlich damals jede Art von Menſchen, mehr, als jetzt, von der andernabge -73abgeſondert wohnte, und manche wohl weiter kei - ne andere Art, als ſich ſelbſt kannte; daß ferner bey dem Einſturz der erſten feſten Laͤnder, deren Beſitzer, woferne nicht etwa, aus andern jetzt nicht anzugebenden Gruͤnden, ſchon ein neues Land in der Naͤhe entſprungen war, genoͤthiget wurden, ihren Sitz in dem naͤchſten bewohnten Lande, alſo ſchon naͤher bey einer andern Art, oder gar unter ihr, bald bittweiſe, bald mit Ge - walt, zu nehmen; daß vollends beym Beſchluß der Erdverwandlung, wo die Erde ſchon an ſich viel kleiner war, und nur der alte Meergrund bewohnbare Laͤnder abgab, wohl viel Voͤlker zu - gleich auf ein neues Land zuſammen gedraͤngt wurden, wie man in Amerika noch deutlich mer - ken kan; daß hierdurch manches Volk in mehr, als eine Gegend vertheilet werden konnte, und die Geſchlechtsarten ſowohl, als die Sprachen, auf einem ſolchen neuen Lande verſchiedentlich vermengt werden mußte; daß hiebey diejeni - gen, ſo einerley Sprache fuͤhrten, und ſich unter einander verſtunden, ſich als Freunde, undE 5die74die andern als Feinde anſehen, daß die vorige Le - bensart dieſer letztern bey allzuſchneller und meiſt gaͤnzlicher Zerſtreuung, nunmehr in eine wilde verwandelt wurde, und daß endlich ſolche wilde Menſchen nach einigen Menſchenaltern, auſſer den taͤglich gebraͤuchlichen Arbeiten und Woͤr - tern, alle vorige Sitten, Kuͤnſte und Wiſſen - ſchaften, und deren Redensarten, ja ſogar die Kraͤfte darauf zu denken verlohren, und denn ſol - che verwilderte Voͤlker nicht wieder vor ſich ſelbſt zur Ordnung kommen konnten; auſſer durch frem - de Klugheit, wie der Yecka Maecko, mit ſeiner Schweſter Mama Oello, in Peru anbrachte; oder durch fremde Gewalt, wie die Spanier und andere nach ihnen daſelbſt anwendeten.

§. 98.

Wenn alſo Jemand die Zerſtreuung einiger Geſchlechts - und Spracharten, dem, was ich von den beſondern Anſitzen, der Arten behaupte, ent - gegen ſtellen wollte; ſo kann er hier den natuͤrli - chen Grund ſolcher Ausnahme einſehen und uͤbri -gens75gens mein Angeben uͤberhaupt, dadurch noch mehr beſtaͤrkt finden. Ueber das koͤnnen ja auch wohl, vor undenklicher Zeit der jungen Erde, als die ſchon bemerkten Verwandlungsanſtalten, einigen klugen Maͤnnern nun zur Warnung dienten, von dieſen verſchiedene Pflanzzuͤge, nach den geſicher - ten neuen Laͤndern gewandert oder geſchiffet ſeyn: wie der Bramah, ſo mit ſeiner Kuh zu den In - diern kam, und der Fiſchmenſch Oannes, der aus dem rothen Meere, nach Babilon zugieng, vermu - then laſſen. Die aͤlteſten Pflanzzuͤge, als der Egipter nach Kolchis; der Phoͤnizier, bis zu den Kaßiteriſchen Inſeln; der Cimmerier durch Aſien; der Griechen, Zelten oder Galater; und noch weiter der Belgen, Angeln, Normannen, Go - then, Hunnen, Tartarn, oder in neuerer Zeit der meiſten Seelaͤnder, reden jenen Zeiten, bey, und bald nach der Erdverwandlung, um ſo mehr das Wort.

§. 99.

Ob nun ein Naturforſcher, durch das, was ich bisher vorgetragen habe, die Erd - und Menſchen -kunde,76kunde, nach ſeiner eigenen, und freien Denkungs - art zu uͤberlegen, und ſeiner alten Lehre und Aus - legung, die oft ſelbſt dem Buchſtaben, oder den Woͤrtern Gewalt anthut, die natuͤrliche Warheit vorzuziehen, veranlaſſet werden koͤnne, will ich den Leſern zu beurtheilen, uͤberlaſſen.

§. 100. Die Sprachkunde an und vor ſich.

Doch iſt auch noch die Sprache ſelbſt zu be - trachten uͤbrig, und wenn man hier deutliche Spu - ren faͤnde, daß ſie ein einzelner Menſch erfunden haben muͤßte; ſo gienge dadurch der vorhergehen - den Erd - und Menſchenkunde, von dieſer Seite, wieder viel von ihrer Warſcheinlichkeit ab. Wir wollen ſie daher auch ſowohl uͤberhaupt, als auch ins beſondere, doch mehr nach der Natur, als phi - loſophiſch betrachten.

§. 101.

Wir muͤſſen aber dabey gleich voraus ſetzen, daß unſer Erfinder der Sprache, ein voͤllig ſprach -leerer77leerer Menſch, der nicht das Mindeſte von der Sprache kennt, ſeyn muͤſſe. Denn der Zuſatz zur bekannten Erfindung waͤre ſonſt was leichtes. Nachdem iſt faſt uͤber haupt feſt zu ſetzen, daß je - der Sprecher zugleich einen Anhoͤrer erfordere, und ein einzelner, der von keinem andern was wuͤßte, haͤtte gar keinen Grund zum Sprechen.

§. 102.

Es iſt auch uͤberhaupt gewiß, daß jeder Spre - cher, bey ſeiner Erlernung der Sprache, ein gut Gehoͤr gehabt haben muͤſſe. Denn taubgebohr - ne Menſchen, ſind zugleich ſtumm. Jeder Spre - cher muß auch noch wenigſtens ſein inneres Gehoͤr durch die ſo genannte euſtechiſche Roͤhre behalten, wenn ſeine Sprache deutlich bleiben ſoll. Man kann hieraus, wenn man es nicht vor uͤberfluͤßig haͤlt, den richtigen Schluß machen, daß ein Taub - gebohrner niemahls eine Sprache erfinden kann, indem er nicht einmahl die ſchon erfundene, auſſer durch die mechaniſche Sprachkunſt, lernen kann.

§. 103.78

§. 103.

Es laͤßt ſich aber die Sprache der Menſchen ganz natuͤrlich, erſt nach ihrem Laut, denn nach ihrem Sinn, und endlich beſonders, nach ihrer Geſtalt, betrachten.

§. 104.

Ihren Laut erhaͤlt ſie, durch die verſchiedene Anwendung der Sprachtheile, nach Anleitung des Gehoͤrs; den Sinn durch eine wechſelſeitige Uebereinkunft derer, die mit einander ſprechen, in Anſehung derer Dinge, die mit dem Laut verknuͤpft werden, und ihre Geſtalt bildet ſich durch die em - pfindbare Verhaͤltniß, ſo die noͤthige Abaͤnderung des Lauts zur Abaͤnderung des Sinnes fuͤr den andern, haben muß.

§. 105. Der Sprachlaut.

Wenn man nun den Laut der Sprache nach ſeinen Arten zergliedert, ſo zeigt uns unſere eigene, und die allgemeine Unwiſſenheit, wie man ſich ſo - wohl zur Ausſprache der Selbſtlauter, als Mit - lauter anzuſtellen habe, ſchon voraus; daß ſelbſtdieſe79dieſe noch einfache Ausſprache, an ſich keine innere Erfindung, ſondern mehr eine aͤuſſere, naͤmlich eine Bemerkung ſeyn koͤnne. Hier pruͤfe ſich je - der Leſer, ob er aus bloſſem Nachdenken, die Art, wie er a, e, i, o, u, ausſprechen, und hernach den, oder jenen Mitlauter damit verbinden koͤnne, ſich ſelbſt anzugeben wiſſe? Da Niemand nach dem ordentlichen Lauf der Natur, weder ſeine Sprach - theile vor ſich, noch ihre Kraͤfte und Verhaͤltniſſe gegen einander, und folglich noch weniger ihre Wirkung kennt.

§. 106.

Wenn nun Niemand durch Erfindung, ſondern blos durch Bemerkung, die einfacheſten Laute, ge - ſchweige ganze Silben oder Woͤrter, ausſprechen kann; ſo muß man entweder dieſe Bemerkung an ſich ſelbſt, oder an andern machen, und von der Beobachtungskraft wenigſtens ſchon den er - ſten Grad wirklich beſitzen. Die Beobachtung ſeiner ſelbſt, bleibt auch den geuͤbteſten Geiſtern, die letzte und ſchwerſte Bemuͤhung; die Beob - achtung anderer hingegen, und die hieraus fol -gende80gende blinde Nachaͤffung, oder Nachahmung iſt und bleibt wegen der Anlage unſerer Sinnen hiezu, die erſte und leichteſte. Folglich waͤre die Erfindung der Sprache, aus Beobachtung ſeiner ſelbſt, auch noch allezeit die ſchwerſte; aus Beob - achtung anderer hingegen, die leichteſte und zwar fuͤr alle Menſchen.

§. 107.

Das giebt nun fuͤr den, der ſich fuͤr den erſten Erfinder der Sprache ausgeben will, eben keinen guͤnſtigen Anblick. Denn es beweiſet vielmehr, daß er die Sprache lernen, oder andern ablernen mußte. Wem aber ſollte er ſie abgelernet haben? Etwa den Thieren? oder den rauſchenden Quel - len und Baͤumen? ſollten dieſe ſeine Sprachmei - ſter geweſen ſeyn koͤnnen? wohl ſchwerlich? denn ſelbſt uns bleibt dieſe Nachahmung noch immer eine groſe Schwierigkeit, und iſt nicht ſo leicht, als es die Erfindung der Sprache erfordert.

§. 108.81

§. 108.

Man darf ſich nur ſelbſt pruͤfen, und nicht ver - geſſen, daß man die jetzt ſo leicht ſcheinende Sprache erſt ſelbſt mit vieler Muͤhe gelernt hat, auch wohl uͤberlegen, daß man es ſich bewußt, und noch dazu geſonnen ſeyn muß, was fuͤr einen Laut man ausſprechen wolle, ſonſt waͤre jeder un - beſonnene Mucks, Achzer und Schrey, ein er - fundener Sprachlaut, welches doch nicht iſt.

§. 109.

Dabey erwaͤge man, daß kein einziger Schrey an ſich ein Sprachlaut ſey, ſondern daß er erſt aus der Oberſtimme in die Mittelſtimme der Re - de, oder den Redeton herunter geſetzt ſeyn muͤſſe; denn aber, wenn er ſchon durch die Redeſtimme zum Sprachlaut geworden, und dafuͤr angenom - men iſt, bleibt er es ferner, es mag einer ſchreyen und ſingen, doch muß der Vorſatz mit dabey ſeyn. Ja dieſer Fall trift ſo weit zu, daß, wenn man ei - nen Sprachlaut, oder der ſchon in der Redeſtim - me giltig iſt, z. B. das Wort Kuckuck wiederFblos82blos ſchreyet, er kein Sprachlaut mehr iſt, ſon - dern wieder ein bloſes Nachgeſchrey wird, und den Werth eines Wortes gleich verliehret.

§. 110.

Wenn nun der Sprachlaut kein unbeſonnener Laut ſeyn darf, die Selbſterkenntniß aber dem ſprachleeren Menſchen, durch alles Beſinnen und Nachdenken, keinen Laut aus ſich ſelbſt erfinden laͤßt, auch kein beſonnener bloſer Schrey, ein Sprachlaut heiſſen kann, ſondern jeder Sprach - laut ein uͤberdachter im Redeton ausgeſprochener Laut ſeyn muß; wie iſt alles dieſes bey unſerer Sprache, auſſer durch Erlernung von andern Menſchen, die ſchon reden koͤnnen, fuͤr moͤglich anzuſeben. Denn in dieſem Fall iſt die Haͤlfte von beſinnen und nachahmen hinlaͤnglich, da auſ - ſer dem der hoͤchſte Grad von beyden dazu nicht hinreicht.

§. 111.

Doch will ich dieſes nicht ſo ſtrenge genommen wiſſen, als wenn bis jetzt kein einziger unuͤber -dachter83dachter Laut, zu einem uͤblichen Sprachlaut wer - den koͤnnte, das Gegentheil kommt vielmehr gar oft vor, und weil ſolches aus der Natur des Men - ſchen folgt; und alſo als ein Einfluß der Menſch - lichkeit in die Sprache gilt; ſo wollen wir dieſen Fall, den man die Mundart nennt, gegen die Er - findung ſtellen. Nun uͤberdenke man die unzaͤh - lig verſchiedene Mundarten, nur von unſerer deutſchen Sprache, nach der unterſchiedenen Schwebung, Veraͤnderung und Verbindung ih - rer Selbſt - und Mitlauter, nebſt der Verlaͤnge - rung und Verkuͤrzung der Sylben, und forſche alsdenn nach, ob die mindeſte Erfindung an alle dieſem Antheil habe? Es wird jeder deutlich ein - ſehen, daß des einen Ungeſchicklichkeit, oder Nach - laͤßigkeit, Stolz, oder auch Muthwillen in ſeiner Ausſprache allen noch jungen Leuten, die ihn oͤf - ters hoͤrten, und wohl verſtunden, ein verfuͤhren - der Anlaß, eben ſo zu reden, ohne Abſicht hier - auf, geweſen ſey. Da nun Wiſſen und Willen dieſer Nachaͤffer nicht den mindeſten Antheil dar - an hatte; ſondern blos der Einfluß des GehoͤrsF 2Mund -84in die Sprechtheile, ſo erfolgt die veraͤnderte Mundart, ohne Erfindung. Eben dadurch ge - woͤhnt ſich mancher das an, was er an andern oft verſpottet, und veraͤndert alſo ſeine Mundart wi - der Wiſſen und Willen.

§. 112.

Wenn nun ſelbſt von der Unachtſamkeit des Gehoͤrs blos durch ſeine Mit - und Einwirkung in die Sprechtheile alle Mundarten entſpringen; alle Mundarten aber zuſammen genommen eine und dieſelbe Sprache ausmachen, muß dieſe nicht alſo, doch mit noch ſchmeidigerem Gehoͤr und mehrerer Aufmerkſamkeit des Lehrlings, immer fortgepflanzt, und eigentlich niemals erfunden worden ſeyn.

§. 113.

Auf eben die Art betrachte man aller andern Voͤlker Sprachen und Mundarten, nach ihren Selbſt - und Mitlautern, von denen der erwach - ſene Deutſche, oder auch jeder Europaͤer, nachlanger85langer Zeit, viele unmoͤglich, ja manche gar nie - mals ausſprechen kann, wie einiger Amerikaner und der Hottentotten ihre. Koͤnnen wir Euro - paͤer aber dergleichen Sylben und Woͤrter nicht ausſprechen; ſo wuͤrden wir ſie auch, wenn gleich jeder einen Spracherfinder vorſtellen wollte, nie - mals erfinden koͤnnen. Ob ſie nun ſchon die Kin - der dieſer Voͤlker, weil ſie von der zarten Jugend an dazu gewoͤhnt werden, leicht ausſprechen ler - nen; ſo wuͤrden ſie doch wohl eben dieſe Kinder, wenn ſie gleich von der Kindheit an bis zur Mann - barkeit unter uns Europaͤern erzogen worden waͤ - ren, fuͤr ſich aber ſo unſprechbar, als wir fuͤr uns erklaͤren. Ich nehme aber aus, was ihnen we - gen erblicher Fehler oder Vorzuͤge der Sprach - theile bey jeder Menſchenart, die ſich ſowohl, als die eigene Beſchaffenheit der Geſichtstheile fort - pflanzen werden, in dieſem Stuͤck leichter fallen duͤrfte. Auf die Art, ſchlaͤgt dieſe Betrachtung fuͤr den einzelnen Erfinder der Sprache eben ſo ſchlecht, als die uͤbrigen aus.

F 3§. 114.86

§. 114.

Es laͤßt ſich alſo alles eigene der Sprachen, da - von jede das ihrige hat, niemals auf die Erfin - dung, ſondern nur auf eine fortgeſetzte Erlernung zuruͤck bringen. Denn wollte man die Sache durch viele Erfinder erklaͤren, daß nemlich jede Sprache anfaͤnglich ihren eigenen gehabt haͤtte; ſo ſieht man doch bey keinem einzigen Volke, daß die Kinder ein ſolches Erfindungsvermoͤgen haͤt - ten, ſondern nur hoͤchſtens mehr oder weniger Faͤhigkeit, eine Sprachart zu lernen. Wo haͤtte nun jeder Stammvater dieſes eigene Vermoͤgen, und zwar im hoͤchſten Grade her bekommen, und nur fuͤr ſich zu beleben gewußt? Es haben ja alle Sprachen ſo viel unerfindliches, das man erſt in langer Zeit und mit ſaurer Muͤhe lernet, daß man eben darum keine erfindlich noch erblich nen - nen darf; am allerwenigſten laͤßt ſich alles dieſes mit einem einzigen Erfinder zuſammen raͤumen. Denn man kann unmoͤglich alle Sprachen fuͤr bloſſe Mundarten einer einzigen erſten anſehen, wenn man auch nur den Laut betrachtet.

§. 115.87

§. 115.

Je weniger man alſo auch nur den Sprachlaut von einer urſpruͤnglichen Erfindung, ſondern viel - mehr von einer beſtaͤndigen Fortpflanzung durch Lernen, herleiten kann; je mehr Grund hat man anzunehmen, daß jede wirklich unterſchiedene Hauptſprache, mit ihren Volk, ſchon ſeit undenk - licher Zeit ſo verbunden geweſen ſey, wie man es jetzt noch findet. Nemlich die juͤngeren lernten der aͤltern ihre vorgeſprochene Laute nachſprechen, und keiner erfand ſie. Daß aber ein Nachſpre - chen verſchiedene Abweichungen, oder Mund - arten, bey zerſtreuten Haushaltungen, erfolgen mußten, iſt ſehr natuͤrlich.

§. 116. Der Sprachſinn.

Der Sprachlaut unterſcheidet ſich von jedem andern Lall und Hall der Menſchenſtimme uͤber - haupt dadurch, daß er ein eigenes Zeichen von etwas, das eben nichts mit dem Laute gemein ha - ben darf, fuͤr den Zuhoͤrer ſeyn, und dieſem alſoF 4den88den Sinn, den der Redner damit verbindet, an - geben ſoll. Die Finger - und Augenſprache kann hier zum Beyſpiel dienen, deren Bewegung nicht eher Sprache heißt, bis ſie dem andern ein Zei - chen von einer Sache, die auch nichts mit Finger und Auge gemein hat, giebt.

§. 117.

Was einen Sprachlaut uͤberhaupt bezeichnet, heißt deſſen Bedeutung, beſonders aber gegen den Zuhoͤrer genommen, der Sinn deſſelben, wo - durch eben ſolcher Laut zu einem Worte wird, und hier einzeln ſeinen Wortſinn giebt, wie alle zuſammen den hier gemeynten Sprachſinn geben.

§. 118.

So haͤtten wir alſo die Grenze zwiſchen allen ſprachleeren Klaͤngen und ſprachhaften Woͤrtern gefunden, und auch das, was ein Erfinder der Sprache, nach dem Laut und Sinn, einzeln oder zuſammen betrachtet, zu leiſten gehabt haͤtte, ge - wieſen.

§. 119.89

§. 119.

Wer vermag aber, ohne Kenntniß und geuͤbte Unterſcheidungskraft, ſolche Zeichen bey einem Dinge zu denken, ſie von dieſem, als Urdinge ab - zuſondern, mit dem meiſtens ganz abweichenden Laute zu bekleiden, und zwar ſo beſtaͤndig, daß Lautzeichen, und deſſen Urding in der Vorſtellung eins, und drey zu gleicher Zeit machen, wie doch geſchehen muß, wenn der Laut ein Zeichen, mit dem beſtimmten Sinn von etwas, oder ein rich - tiges Wort heiſſen ſoll.

§. 120.

Daher muß man erſt bemerken, wie der Menſch ſeine Kenntniß und Unterſcheidungskraft erlangt. Den erſten Grund zu unſerer Erkenntniß legen wir durch unſere Sinne, und das Vermoͤgen zu unterſcheiden kommt durch die verſchiedenen Ein - druͤcke der Empfindungen, und die daraus folgen - de verſchiedene bewußte Gegenbewegungen in uns, zur Fertigkeit; deswegen ſollten die Sinne, ſo ihre Staͤrke ſchon vor dem Gehoͤr erlangen,F 5als90als Geruch, Geſchmack und Gefuͤhl, den erſten Grund zur Sprache legen, zumahl da eben die Sprachtheile auch Werkzeuge zum Geſchmack und Geruch ſind. Aber weit gefehlt! um ſo viel weniger koͤnnen die Augen, die weder Verhaͤltniß noch Empfindung zum Laut haben, Anleitung da - zu geben, und alſo bleibt nur dem Gehoͤr, da - durch man ſich Kenntniß und Unterſcheidungs - kraft erwerben kann, vorbehalten, die Sprache zu gruͤnden. Denn ohne Gehoͤr bleibt der Menſch ſtumm. Schon dieſes allein wird bey vielen Naturforſchern hinreichen, die Sprache fuͤr keine Erfindung, ſondern als eine Sache, die erlernt werden muß, anzuſehen.

§. 121.

Ja wenn man zugleich die allgemeine Pflicht der Sinne, daß ſie zu allen Erfindungen erſt Vorrath ſamlen muͤſſen, wieder auf das Gehoͤr ſelbſt anwendet und uͤberleget, was das Gehoͤr zur Erfindung der Sprache fuͤr Vorrath haben muͤſſe, und wie, und wenn es ſolche ſamlenkoͤnne;91koͤnne; wird man noch leichter einſehen, daß die Sprache nur durch Lernen erlangt werden koͤnne. Wie und wenn kann aber ein ſprachleerer Menſch durchs Gehoͤr den Laut unterſcheiden? ſolchen als Zeichen empfinden? ſeinen Eindruck weiter in die Sprachtheile fortpflanzen? dieſe dadurch erſt zum Laut uͤberhaupt anregen? und ſie darauf zum gewiſſen Laut regieren? Denn alles dieſes muß zu Erfindung der Sprache vorraͤthig ſeyn. Wenn vermag endlich der Menſch die Laute, als eigene Zeichen, jeder Sinnlichkeit mit ihrer Bedeutung, ſie paſſen zum Laut wenig, oder gar nicht, fuͤr den andern anzuwenden? und den Laut in ein Wort mit gewiſſem Sinne zu verwandeln? in der Kind - heit gewiß nicht! und bey reifem Alter am aller - wenigſten! weil im letzten Fall das Gehoͤr zur Aufmerkſamkeit und Deutlichkeit nicht gewoͤhnt worden, und die Geſchmeidigkeit der Sprach - theile verlohren gegangen; vornemlich aber we - gen der erlangten Fertigkeit, nichts mehr als ſinn - liche Empfindungen zu denken, und daher weder Zeichen noch Sinn zu erfinden.

§. 122.92

§. 122.

Sollte aber dieſes auch noch geſchehen koͤnnen, ſo waͤre doch ſo viel ausgemacht, daß das Gehoͤr zuerſt keine andere Zeichen von den Dingen um - her faſſen, und durch die Mitwirkung des innern Gehoͤrs, welches die Sprachtheile in aͤhnliche Bewegung ſetzen, und zum gleichen Ausdruck anregen muͤßte, erwaͤhlen koͤnne, als die in das Gehoͤr fallen. Was wuͤrde nun hier mehr her - aus kommen, als daß etwa die Kuh und der Och - ſe Mu, das Schaf Maͤ, und der Rabe Krab ge - nennet wuͤrde? Wer aber auf die Kinder, wenn ſie gleich ſchon etwas reden koͤnnen, Acht giebt, wird finden, daß ſie auch nicht einmal dieſes ohne Vorſprecher, ſondern nach den Woͤrtern, oder anderer Kinder Beyſpiel verſuchen, und vor ſich allein kein ſolches Geſchrey, in die Redeſtimme herunter zu ſetzen wiſſen.

§. 123.

Wer hat uͤber dem ſolche Laute der Kinder Sprache nennen moͤgen? Das einzige WortBier93Bier eines Kindes heißt gewiß bey allen Deut - ſchen eher Sprache, als 100 ſolche Nachrufe. Denn ob ſie gleich alle ihre Bedeutung haͤtten, ſo waͤren ſie doch gar nicht zu dem Sinn, den alle wahre Woͤrter verſchaffen ſollen, weder urſpruͤng - lich gebildet, noch als wahre Woͤrter brauchbar; weil ſie allezeit mehr ein bloſes Gegengeſchrey blieben, und keinen wahren Sinn, weder von die - ſem Schrey, noch von dem, das ſo ſchrie, geben koͤnnten. Denn ſolche Schreye werden nicht blos durch die Stimme, ſondern zugleich durch ihre beſtimmende Bedeutung zu Lauten und Woͤrtern, aber eben die beſtimmenden Wendungen fehlen.

§. 124.

Wenn man nun noch dazu die Sprache im Ganzen nach der Zahl der Woͤrter, welche fuͤr Nachahmungen gehoͤrter Laute, und fuͤr Ge - ſchoͤpfe des Gehoͤrs gelten moͤchten, eintheilet und abmiſſet; ſo faͤllt die Vermuthung, daß der erſte Menſch, vermoͤge ſeines Gehoͤrs, den Sinn der Laute, oder die erſten Woͤrter erfunden habe, garweg.94weg. Denn der groͤßte und brauchbarſte Theil jeder Sprache beſteht aus Woͤrtern, die entwe - der die andern Sinne betreffen, oder uͤber die Sinnlichkeit hin, in das unbegrenzte Reich der abgeſonderten Begriffe, oder Urdinge gehoͤren.

§. 125.

Laͤßt ſich endlich jenen wenigen vom Gehoͤr nachgeahmten Lauten der Woͤrter, nichts will - kuͤhrliches, noch eigentliche Erfindung beymeſſen; ſo wird dieſen hingegen gewiß Jedermann die freye Willkuͤhr zuſprechen. Wenn alſo bey jenen der Laut voraus gienge, und der Wortſinn nach - folgte; ſo wird bey dieſen umgekehrt, der Sinn eher, als der hierzu erfundene Laut gedacht wer - den muͤſſen. Folglich muͤßte beym groͤßten Theil der Woͤrter oder Sprache, das, was der Bemer - kungsſinn der Sachen heiſſen moͤchte, vor den Lauten oder Woͤrtern ſelbſt vorausgegangen ſeyn. Ob und wie nun der ſprachleere erſte Menſch dieſe Erfindung angeſtellt haben moͤchte; muͤßte die Betrachtung der Sprache im Ganzen, mit desMenſchen95Menſchen Kraͤften verglichen, noch jetzt wohl er - rathen laſſen.

§. 126.

In dieſer Abſicht wollen wir die Sprache, ſo wie ſie iſt, und zwar nach ihrem Wortſinn, be - trachten, und deſſen Haupteigenſchaften und Haupteintheilungen vor uns nehmen. Hier zei - gen ſich auf den erſten Blick uͤberhaupt zwey Hauptgeſchlechter der Woͤrter, von denen eins die Dinge ſelbſt, das andere ihr Thun, Verhal - ten, Befinden und Leiden nennet. Alle uͤbrige Woͤrter ſind Beyſtaͤnde und Vertreter des einen, oder andern Geſchlechts, oder auch beyder Ge - ſchlechter. Daher heiſſen jene Nennwoͤrter, und dieſe will ich Sagewoͤrter nennen, weil ſie dem Weſen nach keine Zeitwoͤrter vorſtellen, ſondern nur durch ihre Abaͤnderungen, des hiermit be - zeichneten ſeine Art der Zeit angeben. Der Un - terſchied zwiſchen nennen und ſagen wird jedem, wie ich hoffe, merklich ſeyn.

§. 127.96

§. 127.

Wir wollen alſo die Woͤrter, welche durch das Gehoͤr zuerſt ihren Laut, und damit zugleich ihren Sinn erlangt haͤtten, bey Seite ſetzen, und die - jenigen nehmen, ſo durch die uͤbrigen Sinne ihren Urſprung erhalten haben muͤßten. Nun iſt zwar das Auge der maͤchtigſte Sinn; allein nach dem menſchlichen Zuſtande iſt das Gefuͤhl der erſte, und dieſem Geruch und Geſchmack die naͤchſten.

§. 128.

Man laſſe daher alle Sinnlichkeiten, welche die vier Sinne des ſprachleeren Menſchen ruͤhren koͤnnen, ihren Eindruck darauf machen; man laſ - ſe dadurch in ihm eine ihm bewußte Gegenbewe - gung, des geruͤhrten Sinnes erfolgen, und ihn alſo darauf merken. Man laſſe auch hierauf die - ſen Eindruck mit ſeinen Gegenbewegungen vom Ganzen der Sinnlichkeit, in ihr Einzelnes gehen, und folglich den Eindruck deutlich werden. Her - nach laſſe man ihn dieſen Eindruck mit ſeinen Ge - genbewegungen unterſcheiden, oder die Unter -ſcheidungs -97ſcheidungskraft wirken, ſo daß er alle dieſe Sinn - lichkeiten einzeln vollkommen kenne, und von an - dern zu unterſcheiden wiſſe, und was den Bemer - kungsſinn von einem Dinge ausmacht, voͤllig in - ne habe. Ja man laſſe ihn alle gleiche Dinge zu - ſammen, als ein einziges Urding auf einmal ſich vorſtellen, und in einem zuſammengeſetzten Be - griff fuͤr eins ſich denken, weil der Bemerkungs - ſinn von allen doch nur einer iſt. Kann nun aber alles dieſes an und vor ſich, ſo ferne der ſprach - leere Menſch blos vor ſich iſt, nur den mindeſten Antrieb in ihm erwecken, daß er dieſes durch ein Zeichen ausdruͤcken, oder nennen wollte? wozu und fuͤr wen ſollte er es ausdruͤcken, oder nennen wollen. Folglich verdient es noch immer nicht Wortſinn zu heiſen, denn nur durch ein Zeichen alles deſſen wird es dergleichen Sinn. Deswe - gen bliebe es in ihm eine bloſe deutliche Vorſtel - lung fuͤr ihn, und was iſt ihm weiter noͤthig?

§. 129.

Wollen wir nun auch ſetzen, daß dieſer ſprach - leere Menſch mit der nemlichen deutlichen Vor -Gſtellung98ſtellung der Sinnlichkeiten, zu andern Menſchen kaͤme, und ihnen ſolche angeben, oder nennen moͤchte, wuͤrde es ihm, wenn er auch gleich das Gehoͤrte mit nachgeahmten Lauten anzuzeigen ſchon gewohnt waͤre, das, was er ſaͤhe, roͤche, ſchmeckte oder fuͤhlte, durch Laute, die nicht die geringſte Verwandtſchaft und Aehnlichkeit, mit ſeinem Bemerkungsſinn der Dinge, und ihrer Kennzeichen haben, dennoch anzugeben, einfal - len? wuͤrde er nicht vielmehr alle Geberden zu Huͤlfe nehmen, um das, was er meynt, zu erklaͤ - ren, als daß er ſolches durch einen Laut anzeigen wollte? Denn, um ein Beyſpiel zu geben, wel - cher unter unſern Geigern und Blaͤſern, die doch auſſer der Sprache, vermittelſt ihrer Toͤne, an - dern ſchon viel geſagt und fuͤhlbar gemacht zu haben glauben, hat bey alle dem noch keiner den Einfall gewagt, Kaͤlte und Waͤrme; Waſſer und Feuer; ſauer und ſuͤß; oder Kaͤſe und Butter; ein jun - ges Maͤdchen und altes Weib, u. ſ. w. durch Toͤne anzugeben und zu nennen.

§. 130.99

§. 130.

Wenn nun dem ſprachleeren Menſchen nicht einmal die Nennwoͤrter, die dieſe vier Sinne er - finden muͤßten, zu erfinden moͤglich iſt, wie ſoll er die viel ſchwerern Sagewoͤrter, und noch ſchwe - reren Beyſtaͤnde oder Vortreter zu erfinden, im Stande geweſen ſeyn! und wie will man die Sprachen, deren Stammwoͤrter noch dazu mei - ſtens Sagewoͤrter ſind, fuͤr ſo erfunden angeben.

§. 131.

Betrachtet man alſo das Verhaͤltniß unſerer Sinne gegen die Natur noch einmahl und erwaͤ - get, wie ſelten das Gehoͤr, und wie ſehr oft die andern Sinne eines ſprachleeren Menſchen ange - regt, und zu Zeichen ihrer Vorſtellungen oder zum Sinn eines Worts, aufgefordert werden, ſo faͤllt das, was man von Seiten des Gehoͤrs zum Theil zugab, ohnedem wieder von ſelbſt weg.

§. 132.

Wenn alſo die ſinnlichen Vorſtellungen, nicht durch bloſſe Erfindung zum Sinne eines Worts gediehen ſeyn koͤnnen, und alſo der groͤßte TheilG 2der100der Menſchenſprache als unerfindlich anzuſehen iſt; ſo bleibt ja auch desfalls keine andere Aus - kunft uͤbrig, als daß man dem Menſchen umge - kehrt Sinnlichkeit und Laut zuſammen, und das Zeichen mit ſeiner Sache verbinden lernen muß. Denn dadurch zeigt ſich der Bemerkungsſinn des Dinges, und der Wortſinn des Lauts im Menſchen zugleich, daß alſo das Wort zum Zei - chen wird; und dieſes um ſo viel leichter, wenn er ganz jung, ſo wie die Sinne nach und nach deutlich empfinden und begreifen, zu dieſer Ver - bindung von beyden angefuͤhret wird; deſto ſchwe - rer aber, wenn die Sinne ſchon allzuſtark an eine flatterhafte Kenntniß, ohne Laute, oder Woͤrter gewohnt ſind, und die Fertigkeit ſolche Zeichen zu unterſcheiden, und anzuwenden verlohren, hin - gegen zu viel Haͤrte zur Bildung der Begriffe bekommen haben.

§. 133.

Daher lauft auch dieſe Betrachtung uͤber den Wort - oder Sprachſinn eben wieder dahinaus,daß101daß immer die aͤlteren den juͤngeren die Sprache gelernt haben muͤſſen, ohne daß man einen unter den Menſchen vor ihren urſpruͤnglichen Erfinder, bis ins Undenkliche hinaus angeben koͤnnte. Mit eben ſo viel Grund kan man auch ſowol die Men - ſchen uͤberhaupt, als auch ihre nach den Haupt - ſprachen unterſchiedene Arten, nicht anders, als von je her, wie die ganze uͤbrige Schoͤpfung des ewigen Schoͤpfers herleiten, und erklaͤren.

§. 134. Die Geſtalt der Sprache.

Endlich muͤſſen wir noch ſehen, ob die Geſtalt der Sprache dem vorigen widerſpricht. Daß die Geſtalt eines Dinges uͤberhaupt, von der Stel - lung als der Thaͤtigkeit die Theile ſeines Ganzen nach einer gewiſſen Verhaͤltniß und Ordnung, die man eben Geſtalt nennt, zu ſetzen, wie Erfolg und Wirkung unterſchieden ſey, und daß man den Grund von jeder Geſtalt, in der vorherge - gangenen Stellung ihrer Theile ſuchen, und ſie auch hier betrachten muͤſſe, wird wohl niemand leugnen.

G 3§. 135.102

§. 135.

Wendet man dieſes beſonders auf die Sprache an; ſo wird man auch nicht nur dem einzelnen Wortlaut, ſondern auch dem einzelnen Wortſinn eine gewiſſe Geſtalt zugeſtehen. Ja, wenn man weiter in die Sprachlehre hinein geht, ſo zeigt ſich, daß auch jede Redensart, und jeder Rede - ſatz, ſowohl in Anſehung des Lauts, als Sinnes, und alſo auch der Sprachſinn im Ganzen ſeine Geſtalt habe, und daß man dieſe eben ſowol nach ihrer Stellung betrachten koͤnne, wenn man gan - ze Sprachen mit einander vergleicht.

§. 136. Geſtalt des Wort - und Sprachſinnes.

Die Stellung des Wortſinnes mag alſo voraus gehen. Denn wenn die Sinnlichkeiten fuͤr alle Menſchen die erſten Dinge ſind, welche durch ih - ren Eindruck, vermittelſt derer uns bewußten Gegenbewegungen, die wieder mit jeder Sinn - lichkeit uͤberein kommen, das, was ich in der Ver - bindung mit dem Wortlaut, den Wortſinn, anſich103ſich aber den Bemerkungsſinn nenne, in uns her - vorbringen, beleben, und zur gleichartigen Ge - ſtalt bringen; ſo darf ja nicht die geringſte Ver haͤltniß der Sinnlichkeit an ſich, oder gegen an dere veraͤndert werden, daß nicht auch zugleich die Geſtalt des Bemerkungsſinnes hievon, und ſo bald wir dieſen anzeigen wollen, auch die Geſtalt des Wortſinnes abgeaͤndert werde, welches alſo die Stellung des Sinnes waͤre, der aus der Wahl der Woͤrter an ſich, und ihrer bloſſen verſchiede - nen Ordnung erfolgte.

§. 137.

Daß aber dieſe veraͤnderliche Stellung des Be - merkungs - und Wortſinnes gar nichts willkuͤhr - liches vor uns ſey