PRIMS Full-text transcription (HTML)
Der Abentheurliche SIMPLICISSIMUS Teutſch /
Das iſt: Die Beſchreibung deß Lebens eines ſeltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher geſtalt Er nemlich in dieſe Welt kommen / was er darinn geſehen / gelernet / erfahren und auß - geſtanden / auch warumb er ſolche wieder freywillig quittirt. Überauß luſtig / und maͤnniglich nutzlich zu leſen.
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Monpelgart /Gedruckt beyJohann Fillion/ Jm JahrM DC LXIX.
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Jch wurde durchs Fewer wie Phoenix geborn. Jch flog durch die Lüffte! wurd doch nit verlorn, Jch wandert durchs Waſſer, Jch raißt über Landt, in ſolchem Umbſchwermen macht ich mir bekandt was mich offt betrüebet und ſelten ergetzt was war das? Jch habs in diß Buche geſetzt, damit ſich der Leſer gleich wie ich itzt thue, entferne der Thorheit und lebe in Rhue.

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Jnhalt deß Erſten Buchs.

  • Das 1. Capitel. Vermeldet Simplicii Baͤuriſch Herkommen / und gleichfoͤrmige Aufferziehung.
  • Das 2. Capitel. Beſchreibet die erſte Staffel der Hoheit / welche Simplicius geſtiegen / ſam̃t dem Lob der Hirten / und angehaͤngter trefflichen Inſtru - ction.
  • Das 3. Capitel. Meldet von dem Mitleiden einer getreuen Sackpfeiff.
  • Das 4. Capitel. Simplicii Reſidenz wird erobert / gepluͤndert und zerſtoͤrt / darinn die Krieger jaͤmmerlich hauſen.
  • Das 5. Capitel. Wie Simplicius das Reiß-auß ſpielt / und von faulen Baͤumen erſchrecket wird.
  • Das 6. Capitel. Jſt kurtz / und ſo andaͤchtig / daß dem Sim - plicio daruͤber ohnmaͤchtig wird.
  • Das 7. Capitel. Simplicius wird in einer armen Herberg freundlich tractirt.
  • Das 8. Capitel. Wie Simplicius durch hohe Reden ſeine Voꝛ - trefflichkeit zu erkennen gibt.
A ijDas4Jnhalt
  • Das 9. Capitel. Simplicius wird auß einer Beſtia zu einem Chriſtenmenſchen.
  • Das 10. Capitel. Was geſtalten er ſchreiben und leſen im wilden Wald gelernet.
  • Das 11. Capitel. Redet von Eſſenſpeiß / Haußrath und an - dern nothwendigen Sachen / die man in die - ſem zeitlichen Leben haben muß.
  • Das 12. Capitel. Vermerckt ein ſchoͤne Art ſeelig zu ſterben / und ſich mit geringem Unkoſten begraben zu laſſen.
  • Das 13. Capitel. Simplicius laͤſt ſich wie ein Rohr im Weyer umbtreiben.
  • Das 14. Capitel. Jſt ein ſeltzame Comœdia, von 5. Bauern.
  • Das 15. Capitel. Simplicius wird ſpolirt, und laͤſt ihm von de - nen Baurn wunderlich traͤumen / wie es zu Kriegszeiten hergehet.
  • Das 16. Capitel. Heutiger Soldaten Thun und Laſſen / und wie ſchwerlich ein gemeiner Kriegsmann befoͤrdert werde.
  • Das 17. Capitel. Ob ſchon im Krieg der Adel / wie billich / dem gemeinen Mann vorgezogen wird / ſo kommen doch viel außveraͤchtlichem Stand zu hohen Ehren.
Das5deß Erſten Buchs.
  • Das 18. Capitel. Simplicius thut den erſten Sprung in die Welt / mit ſchlechtem Gluͤck.
  • Das 19. Capitel. Wie Hanau von Simplicio, und Simplicius von Hanau eingenommen wird.
  • Das 20. Capitel. Was geſtalten er von der Gefaͤngnus und der Folter erꝛettet worden.
  • Das 21. Capitel. Das betrůgliche Gluͤck gibt Simplicio einen freundlichen Blick.
  • Das 22. Capitel. Wer der Einſidel geweſen / deſſen Simplicius genoſſen.
  • Das 23. Capitel. Simplicius wird ein Page / item / wie deß Ein - ſidlers Weib verloren worden.
  • Das 24. Capitel. Simplicius tadelt die Leut / und ſthet viel Ab - goͤtter in der Welt.
  • Das 25. Capitel. Dem ſeltzamen Simplicio kompt in der Welt alles ſeltzam vor / und er hingegen der Welt auch.
  • Das 26. Capitel. Ein ſonderbarer neuer Brauch / einander Glůck zu wůnſchen / und zu bewillkommen.
  • Das 27. Capitel. Dem Secretario wird ein ſtarcker Geruch in die Cantzley geraͤuchert.
A iijDas6Deß Abentheurl. Simpliciſſimi
  • Das 28. Capitel. Einer lernet den Simplicium auß Neid wahr - ſagen; ja noch wol ein andere zierliche Kunſt.
  • Das 29. Capitel. Simplicio werden zwey Augen auß einem Kalbskopff zu theil.
  • Das 30. Capitel. Wie man nach und nach einen Rauſch be - kompt / und endlich ohnvermerckt blind-voll wird.
  • Das 31. Capitel. Wie uͤbel dem Simplicio die Kunſt mißlingt / und wie man ihme den klopffenden Paſſion ſingt.
  • Das 32. Capitel. Handelt abermal von nichts anders / als der Saͤufferey / und wie man die Pfaffen da - von ſoll abſchaffen.
  • Das 33. Capitel. Wie der Herꝛ Gubernator ein abſcheulichen Fuchs geſchoſſen.
  • Das 34. Capitel. Wie Simplicius den Tantz verderbt.

Das Erſte Capitel.

ES eroͤffnet ſich zu dieſer unſerer Zeit (von welcher man glaubt / daß es die letzte ſeye) unter geringen Leuten eine Sucht / in deren die Patienten / wann ſie daran kranck ligen / und ſo viel zuſammen geraſpelt und erſchachert haben / daß ſie neben ein paar Hellern im Beutel / ein naͤrꝛiſchesKleid7Erſtes Buch. Kleid auff die neue Mode / mit tauſenderley ſeidenen Banden / antragen koͤnnen / oder ſonſt etwan durch Gluͤcksfall mannhafft und bekant worden / gleich Rittermaͤſſige Herꝛen / und Adeliche Perſonen von uhraltem Geſchlecht / ſeyn wollen; da ſich doch offt befindet / daß ihre Vor-Eltern Tagloͤhner / Karchel - zieher und Laſttraͤger: ihre Vettern Eſeltreiber: ihre Bruͤder Buͤttel und Schergen: ihre Schweſtern Hu - ren: ihre Muͤtter Kupplerin / oder gar Hexen: und in Summa / ihr gantzes Geſchlecht von allen 32. Anichen her / alſo beſudelt und befleckt geweſen / als deß Zuckerbaſtels Zunfft zu Prag immer ſeyn moͤ - gen; ja ſie / dieſe neue Nobiliſten / ſeynd offt ſelbſt ſo ſchwartz / als wann ſie in Guinea geboren und erzogen waͤren worden.

Solchen naͤrꝛiſchen Leuten nun / mag ich mich nicht gleich ſtellen / ob zwar / die Warheit zu beken - nen / nicht ohn iſt / daß ich mir offt eingebildet / ich muͤſſe ohnfehlbar auch von einem groſſen Herꝛn / oder wenigſt einem gemeinen Edelmann / meinen Ur - ſprung haben / weil ich von Natur geneigt / das Jun - ckern-Handwerck zu treiben / wann ich nur den Ver - lag und den Werckzeug darzu haͤtte; Zwar ohnge - ſchertzt / mein Herkommen und Aufferziehung laͤſt ſich noch wol mit eines Fuͤrſten vergleichen / wann man nur den groſſen Unterſcheid nicht anſehen wol - te / was? Mein Knan (dann alſo nennet man die Vaͤtter im Speſſert) hatte einen eignen Pallaſt / ſo wol als ein anderer / ja ſo artlich / dergleichen ein je - der Koͤnig mit eigenen Haͤnden zu bauen nicht ver - mag / ſondern ſolches in Ewigkeit wol unterwegen laſſen wird; er war mit Laimen gemahlet / und anA jvſtatt8Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſtatt deß unfruchtbaren Schifers / kalten Bley / und roten Kupffers / mit Stroh bedeckt / darauff das edel Getraid waͤchſt; und damit er / mein Knan / mit ſei - nem Adel und Reichthum recht prangen moͤchte / ließ er die Mauer umb ſein Schloß nicht mit Mauerſtei - nen / die man am Weg findet / oder an unfruchtbaren Orten auß der Erden graͤbt / viel weniger mit lieder - lichen gebachenen Steinen / die in geringer Zeit ver - fertigt und gebraͤndt werden koͤnnen / wie andere groſ - ſe Herꝛen zu thun pflegen / aufffuͤhren; ſondern er nam Eichenholtz darzu welcher nutzliche edle Baum / als worauff Bratwuͤrfte und fette Schuncken wach - ſen / biß zu ſeinem vollſtaͤndigen Alter uͤber 100. Jahr erfordert: Wo iſt ein Monarch / der ihm dergleichen nachthut? Seine Zimmer / Saͤaͤl und Gemaͤcher hatte er inwendig vom Rauch gantz erſchwartzen laſ - ſen / nur darumb / dieweil diß die beſtaͤndigſte Farb von der Welt iſt / und dergleichen Gemaͤhld biß zu ſeiner Perfection mehr Zeit brauchet / als ein kuͤnſtli - cher Mahler zu ſeinen trefflichſten Kunſtſtuͤcken erfor - dert; Die Tapezereyen waren das zaͤrteſte Geweb auff dem gantzen Erdboden / dann die jenige machte uns ſolche / die ſich vor Alters vermaß / mit der Mi - nerva ſelbſt umb die Wett zu ſpinnen; Seine Fenſter waren keiner anderer Urſachen halber dem Sandt Nitglaß gewidmet / als darumb / dieweil er wuſte / daß ein ſolches vom Hanff oder Flachsſamen an zu rechnen / biß es zu ſeiner vollkommenen Verfertigung gelangt / weit mehrere Zeit und Arbeit koſtet / als das beſte und durchſichtigſte Glas von Muran / dann ſein Stand macht ihm ein Belieben zu glauben / daß alles das jenige / was durch viel Muͤhe zu wegen ge -bracht9Erſtes Buch. bracht wuͤrde / auch ſchaͤtzbar / und deſto koͤſtlicher ſey / was aber koͤſtlich ſeye / das ſeye auch dem Adel am anſtaͤndigſten; An ſtatt der Pagen / Laqueyen und Stallknecht / hatte er Schaf / Boͤcke und Saͤu / jedes fein ordenlich in ſeine natuͤrliche Liberey geklei - det / welche mir auch offt auff der Waid auffgewar - tet / biß ich ſie heim getrieben; Die Ruſt - oder Har - niſch-Kammer war mit Pfluͤgen / Kaͤrſten / Aexten / Hauen / Schaufeln / Miſt - und Heugabeln genugſam verſehen / mit welchen Waffen er ſich taͤglich uͤbet; dann hacken und reuthen war ſeine diſciplina milita - ris, wie bey den alten Roͤmern zu Friedens-Zeiten / Ochſen anſpannen / war ſein Hauptmannſchafftli - ches Commando, Miſt außfuͤhren / ſein Fortifica - tion-weſen / und Ackern ſein Feldzug / Stall-außmi - ſten aber / ſein Adeliche Kurtzweil und Turnierſpiel; hiermit beſtritte er die gantze Weltkugel / ſo weit er reichen konte / und jagte ihr damit alle Ernd ein rei - che Beut ab. Dieſes alles ſetze ich hindan / und uͤber - hebe mich deſſen gantz nicht / damit niemand Urſach habe / mich mit andern meines gleichen neuen Nobi - liſten außzulachen / dann ich ſchaͤtze mich nicht beſſer / als mein Knan war / welcher dieſe ſeine Wohnung an einem ſehr luſtigen Ort / nemlich im Speſſert li - gen hatte / allwo die Woͤlff einander gute Nacht ge - ben. Daß ich aber nichts außfuͤhrliches von meines Knans Geſchlecht / Stammen und Nahmen vor diß - mal docirt / beſchibet umb geliebter Kuͤrtze willen / vornemlich / weil es ohne das allhier umb keine Ade - liche Stifftung zu thun iſt / da ich ſoll auff ſchwoͤren; genug iſts / wann man weiß / daß ich im Speſſert ge - boren bin.

A vGleich10Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Gleich wie nun aber meines Knans Haußweſen ſehr Adelich vermerckt wird / alſo kan ein jeder Ver - ſtaͤndiger auch leichtlich ſchlieſſen / daß meine Auff - erziehung derſelben gemaͤß und aͤhnlich geweſen; und wer ſolches davor haͤlt / findet ſich auch nicht betro - gen / dann in meinem zehen-jaͤhrigen Alter / hatte ich ſchon die principia in obgemeldten meines Knans Adelichen Exercitien begriffen / aber der Studien hal - ber konte ich neben dem beruͤhmten Ampliſtidi hin paſ - ſiren / von welchem Suidas meldet / daß er nicht uͤber fuͤnffe zehlen konte; dann mein Knan hatte vielleicht einen viel zu hohen Geiſt / und folgte dahero dem ge - woͤhnlichen Gebrauch jetziger Zeit / in welcher viel vornehme Leut mit ſtudiren / oder wie ſie es nennen / mit Schulpoſſen ſich nicht viel bekuͤmmern / weil ſie ihre Leut haben / der Plackſcheiſſerey abzuwarten: Sonſt war ich ein trefflicher Muſicus auff der Sack - pfeiffen / mit deren ich ſchoͤne Jalemi-Geſaͤng machen konte: Aber die Theologiam anbelangend / laß ich mich nicht bereden / daß einer meines Alters damals in der gantzen Chriſtenwelt geweſt ſeye / der mir da - rinn haͤtte gleichen moͤgen / dann ich kennete weder GOtt noch Menſchen / weder Himmel noch Hoͤll / weder Engel noch Teuffel / und wuſte weder Gutes noch Boͤſes zu unterſcheiden: Dahero ohnſchwer zu gedencken / daß ich vermittelſt ſolcher Theologiæ wie unſere erſte Eltern im Paradis gelebt / die in ihrer Unſchuld von Kranckheit / Todt und Sterben / weni - ger von der Aufferſtehung nichts gewuſt / O edels Le - ben! (du moͤgſt wol Eſelsleben ſagen) in welchem man ſich auch nichts umb die Medicin bekuͤmmert. Eben auff dieſen Schlag kan man mein Erfahrenheitin11Erſtes Buch. in dem Studio legum und allen andern Kuͤnſten und Wiſſenſchafften / ſo viel in der Welt ſeyn / auch ver - ſiehen; Ja ich war ſo perfect und vollkommen in der Unwiſſenheit / daß mir unmuͤglich war zu wiſſen / daß ich ſo gar nichts wuſte. Jch ſage noch einmal / O ed - les Leben / das ich damals fuͤhrete! Aber mein Knan wolte mich ſolche Gluͤckſeeligkeit nicht laͤnger genieſ - ſen laſſen / ſondern ſchaͤtzte billich ſeyn / daß ich mei - ner Adelichen Geburt gemaͤß / auch Adelich thun und leben ſolte / derowegen fienge er an / mich zu hoͤ - hern Dingen anzuziehen / und mir ſchwerere Lectio - nes auffzugeben.

Das II. Capitel.

ER begabte mich mit der herꝛlichſten Dignitaͤt / ſo ſich nicht allein bey ſeiner Hofhaltung / ſondern auch in der gantzen Welt befande / nemlich mit dem Hirten-Ampt: Er vertraut mir erſtlich ſeine Saͤu / zweytens ſeine Ziegen / und zuletzt ſeine gantze Heerd Schaf / daß ich ſelbige huͤten / waiden / und vermittelſt meiner Sackpfeiffen (welcher Klang ohne das / wie Strabo ſchreibet / die Schaf und Laͤmmer in Arabia fett macht) vor dem Wolff beſchuͤtzen ſolte; damal gleichete ich wol dem David / auſſer daß jener / an ſtatt der Sackpfeiffe / nur eine Harpffe hatte / welches kein ſchlimmer Anfang / ſondern ein gut Omen fuͤr mich war / daß ich noch mit der Zeit / wann ich anders das Gluͤck darzu haͤtte / ein Weltberuͤhmter Mann wer - den ſolte; dann von Anbegin der Welt ſeynd jeweils hohe Perſonen Hirten geweſen / wie wir dann vom Abel / Abraham / Jſaac / Jacob / ſeinen Soͤhnen / und Moyſe ſelbſt / in H. Schrifft leſen / welcher zuvor ſei - nes Schwehers Schaf huͤten muſte / ehe er Heer -A vjfuͤhrer12Deß Abentheurl. Simpliciſſimifuͤhrer und Legislator uͤber 600000. Mann in Jſrael ward. Ja / moͤchte mir jemand vorwerffen / das wa - ren heilige Gott[-]ergebene Menſchen / und keine Speſ - ferter Baurenbuben / die von GOtt nichts wuſten; Jch muß geſtehen / aber was hat meine damalige Un - ſchuld deſſen zu entgelten? bey den alten Heyden fande man ſo wol ſolche Exempla, als bey dem auß - erwehlten Volck Gottes: Unter den Roͤmern ſeynd vornehme Geſchlechter geweſen / ſo ſich ohn Zweiffel Bubulcos, Statilios, Pomponios, Vitulos, Vitellios, Annios, Capros, und dergleichen genennet / weil ſie mit dergleichen Viehe umbgangen / und ſolches auch vielleicht gehuͤtet: Zwar Romulus und Remus ſeyn ſelbſt Hirten geweſt; Spartacus, vor welchem ſich die gantze Roͤmiſche Macht ſo hoch entſetzet / war ein Hirt. Was? Hirten ſind geweſen (wie Lucianus in ſeinem Dialogo Helenæ bezeuget) Paris, Priami deß Koͤnigs Sohn / und Anchiſes, deß Trojaniſchen Fuͤrſten Æneæ Vatter: Der ſchoͤne Eudimion, umb welchen die keuſche Luna ſelbſt gebulet / war auch ein Hirt: Jtem der greuliche Polyphemus: ja die Goͤt - ter ſelbſt (wie Phornutus ſagt) haben ſich dieſer Pro - feſſion nicht geſchaͤmt / Apollo huͤtet Admeti deß Koͤ - nigs in Theſſalia Kuͤhe / Mercurius, ſein Sohn Daphnis, Pan und Protheus, waren Ertzhirten / da - hero ſeynd ſie noch bey den naͤrꝛiſchen Poëien der Hir - ten Patronen; Meſa, Koͤnig in Moab / iſt / wie man im zweyten Buch der Koͤnig lieſet / ein Hirt geweſen / Cyrus der gewaltige Koͤnig Perſarum, iſt nicht allein von Mithridate, einem Hirten / erzogen worden / ſon - dern hat auch ſelbſt gehuͤtet: Gygas war ein Hirt / und hernach durch Krafft eines Rings ein Koͤnig:Jßmael13Erſtes Buch. Jßmael Sophj ein Perſiſcher Koͤnig / hat in ſeiner Jugend ebenmaͤſſig das Viehe gehuͤtet / alſo daß Phi - lo der Jud in vita Moyſis trefflich wol von der Sach redet / wann er ſagt: Das Hirten-Ampt ſey ein Vor - bereitung und Anfang zum Regiment; dann gleich wie die Bellicoſa und Martialia Ingenia erſtlich auff der Jagd geuͤbt und angefuͤhrt werden / alſo ſoll man auch die jenige / ſo zum Regiment gezogen ſollen wer - den / erſtlich in dem lieblichen und freundlichen Hir - ten-Ampt anleiten. Welches alles mein Knan wol verſtanden haben muß / und mir noch biß auff dieſe Stund keine geringe Hoffnung zu kuͤnfftiger Herꝛ - lichkeit macht.

Aber indeſſen wieder zu meiner Heerd zu kommen / ſo wiſſet / daß ich den Wolff eben ſo wenig kennet / als meine eigene Unwiſſenheit ſelbſten; derowegen war mein Knan mit ſeiner Inſtruction deſto fleiſſiger: Er ſagte / Bub biß fleiſſig / loß di Schoff nit ze weit vunananger laffen / un ſpill wack er uff der Sackpfeif - fa / daß der Wolff nit kom / und Schada dau / dann he a ſolcher feyerboinigter Schelm und Dieb / der Menſcha und Vieha friſſt / un wan dau awer farlaͤſſj biſſt / ſo will eich dir da Buckel arauma. Jch ant - wortet mit gleicher Holdſeeligkeit: Knano / ſag mir aa / wey der Wolff ſeyhet? Eich huun noch kan Wolff geſien: Ah dau grober Eſel - kopp / replicirt er hinwieder / dau bleiweſt dein Lewelang a Narꝛ / geith meich wunner / was auß dir wera wird / bißt ſchun ſu a gruſſer Doͤlpel / un waiſt noch neit / was der Wolff fuͤr a fey erfeuſſiger Schelm . Er gab mir noch mehr Unterweiſungen / und wurde zuletzt un -willig14Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwillig / maſſen er mit einem Gebruͤmmel fort gieng / weil er ſich beduncken lieſſe / mein grober Verſtand koͤnte ſeine ſubtile Unterweiſungen nicht faſſen.

Das III. Capitel.

DA fienge ich an mit meiner Sackpfeiffen ſo gut Geſchirꝛ zu machen / daß man den Krotten im Krautgarten damit haͤtte vergeben moͤgen / alſo daß ich vor dem Wolff / welcher mir ſtetig im Sinn lag / mich ſicher genug zu ſeyn bedunckte; und weilen ich mich meiner Meuͤder eriñert (alſo heiſſen die Muͤt - ter im Speſſert und am Vogelsberg) daß ſie offt ge - ſagt / ſie beſorge / die Huͤner wuͤrden dermaleins von meinem Geſang ſterben / als beliebte mir auch zu fin - gen / damit das Remedium wider den Wolff deſto kraͤfftiger waͤre / und zwar ein ſolch Lied / das ich von meiner Meuͤder ſelbſt gelernet hatte.

DU ſehr-verachter Bauren-Stand /
Biſt doch der beſte in dem Land /
Kein Mann dich gnugſam preiſen kan /
Wann er dich nur recht ſihet an.
Wie ſtůnd es jetzund umb die Welt /
Haͤtt Adam nicht gebaut das Feld /
Mit Hacken naͤhrt ſich anfangs der /
Von dem die Fůrſten kommen her.
Es iſt faſt alles unter dir /
Ja was die Erd nur bringt herfuͤr /
Worvon ernaͤhret wird das Land /
Geht dir anfaͤnglich durch die Hand.
Der Kaͤiſer / den uns GOtt gegeben /
Uns zu beſchuͤtzen / muß doch leben
Von15Erſtes Buch.
Von deiner Hand / auch der Soldat /
Der dir doch zufuͤgt manchen Schad.
Fleiſch zu der Speiß zeugſt auff allein /
Von dir wird auch gebaut der Wein /
Dein Pflug der Erden thut ſo noth /
Daß ſie uns gibt genugſam Brot.
Die Erde waͤr gantz wild durch auß /
Wann du auff ihr nicht hielteſt Hauß /
Gantz traurig auff der Welt es ſtuͤnd /
Wenn man kein Bauersmañ mehr fuͤnd.
Drumb biſt du billich hoch zu ehrn /
Weil du uns alle thuſt ernehrn /
Die Natur liebt dich ſelber auch /
GOtt ſegnet deinen Bauren-Brauch.
Vom bitter-boͤſen Podagram
Hoͤrt man nicht / daß an Bauren kam /
Das doch den Adel bringt in Noth /
Und manchen Reichen gar in Todt.
Der Hoffart biſt du ſehr befreyt /
Abſonderlich zu dieſer Zeit /
Und daß ſie auch nicht ſey dein Herꝛ /
So gibt dir Gott deß Creutzes mehr.
Ja der Soldaten boͤſer Brauch /
Dient gleichwol dir zum beſten auch /
Daß Hochmut dich nicht nehme ein /
Sagt er: Dein Hab und Gut iſt mein.

Biß hieher / und nicht weiter / kam ich mit meinem Geſang / dann ich ward gleichſam in einem Augen -blick16Deß Abentheurl. Simpliciſſimiblick von einem Trouppen Couraſſirer ſampt meiner Heerd Schaf umbgeben / welche im groſſen Wald verirꝛet geweſen / und durch meine Muſic und Hirten - Geſchrey wieder zu recht gebracht worden waren.

Hoho / gedachte ich / diß ſeynd die rechte Kaͤutz! diß ſeynd die vierdeinigte Schelmen und Dieb / dar - von dir dein Knan ſagte / dann ich ſahe anfaͤnglich Roß und Mann (wie hiebevor die Americaner die Spaniſche Cavallerey) vor ein einzige Creatur an / und vermeynte nicht anders / als es muͤſten Woͤlffe ſeyn / wolte derowegen dieſen ſchroͤcklichen Centauris den Hundsſprung weiſen / und ſie wieder abſchaffen; Jch hatte aber zu ſolchem End meine Sackpfeiffe kaum auffgeblaſen / da erdappte mich einer auß ihnen beym Fluͤgel / und ſchlendert mich ſo ungeſtuͤmm auff ein laͤer Baurenpferd / ſo ſie neben andern mehr auch erbeutet hatten / daß ich auff der andern Seiten wie - der herab auff meine liebe Sackpfeiffe fallen muſte / welche ſo erbaͤrmlich anfieng zu ſchreyen / als wann ſie alle Welt zu Barmhertzigkeit bewegen haͤtte wol - len: aber es halff nichts / wiewol ſie den letzten Athem nicht ſparete / mein Ungefaͤll zu beklagen / ich muſte einmal wieder zu Pferd / GOtt geb was meine Sack - pfeiffe ſang oder ſagte; und was mich zum meiſten verdroß / war dieſes / daß die Reuter vorgaben / ich haͤtte der Sackpfeiff im fallen wehe gethan / darumb ſie dann ſo Ketzerlich geſchryen haͤtte; Alſo gieng mei - ne Mehr mit mir dahin / in einem ſtetigen Trab / wie das Primum mobile, biß in meines Knans Hof. Wunderſeltzame Dauben ſtiegen mir damals ins Hirn / dann ich bildete mir ein / weil ich auff einem ſolchen Thier ſaͤſſe / dergleichen ich niemals geſehenhatte17Erſtes Buch. hatte / ſo wuͤrde ich auch in einen eiſernen Kerl ver - aͤndert werden / weil aber ſolche Verwandlung nicht folgte / kamen mir andere Grillen in Kopff / ich ge - dachte / dieſe fremde Dinger waͤren nur zu dem Ende da / mir die Schafe helffen heimzutreiben / ſintemal keiner von ihnen keines hinweg fraß / ſondern alle ſo einhellig / und zwar deß geraden Wegs / meines Knans Hof zu-eyleten: Derowegen ſahe ich mich fleiſſig nach meinem Knan umb / ob er und mein Meuͤ - der uns nicht bald entgegen gehen / und uns willkom̃ ſeyn heiſſen wolten; aber vergebens / er und meine Meuͤder / ſampt unſerm Urſele / welches meines Knans einige Tochter war / hatten die Hinderthuͤr troffen / und wolten dieſer Gaͤſt nicht erwarten.

Das IV. Capitel.

WJewol ich nicht bin geſinnet geweſen / den Fried - liebenden Leſer / mit dieſen Reutern / in meines Knans Hauß und Hof zu fuͤhren / weil es ſchlim ge - nug darinn hergehen wird: So erfordert jedoch die Folge meiner Hiſtori / daß ich der lieben poſteritaͤt hinderlaſſe / was vor Grauſamkeiten in dieſem un - ſerm Teutſchen Krieg hin und wieder veruͤbet wor - den / zumalen mit meinem eigenen Exempel zu bezeu - gen / daß alle ſolche Ubel von der Guͤte deß Allerhoͤch - ſten / zu unſerm Nutz / offt notwendig haben verhaͤngt werden muſſen: Dann lieber Leſer / wer haͤtte mir geſagt / daß ein GOtt im Himmel waͤre / wann keine Krieger meines Knans Hauß zernichtet / und mich durch ſolche Fahung unter die Leut gezwungen haͤt - ten / von denen ich genugſamen Bericht empfangen? Kurtz zuvor konte ich nichts anders wiſſen noch mir einbilden / als daß mein Knan / Meuͤder / ich und dasuͤbrige18Deß Abentheurl. Simpliciſſimiuͤbrige Haußgeſind / allein auff Erden ſeye / weil mir ſonſt kein Menſch / noch einige andere menſchliche Wohnung bekant war / als die jenige / darinn ich taͤglich auß und ein gieng: Aber bald hernach erfuhr ich die Herkunfft der Menſchen in dieſe Welt / und daß ſie wieder darauß muͤſten; ich war nur mit der Geſtalt ein Menſch / und mit dem Nahmen ein Chri - ſtenkind / im uͤbrigen aber nur ein Beſtia! Aber der Allerhoͤchſte ſahe meine Unſchuld mit barmhertzigen Augen an / und wolte mich beydes zu ſeiner und mei - ner Erkantnus bringen: Und wiewol er tauſender - ley Weg hierzu hatte / wolte er ſich doch ohn zweiffel nur deß jenigen bedienen / in welchem mein Knan und Meuͤder / andern zum Exempel / wegen ihrer lieder - lichen Aufferziehung geſtrafft wuͤrden.

Das erſte / das dieſe Reuter thaͤten / war / daß ſie ihre Pferd einſtelleten / hernach hatte jeglicher ſeine ſonderbare Arbeit zu verꝛichten / deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte / dann ob zwar ẽtliche anfiengen zu metzgen / zu ſieden und zu braten / daß es ſahe / als ſolte ein luſtig Panquet gehalten werden / ſo waren hingegen andere / die durch-ſtuͤrm - ten das Hauß unden und oben / ja das heimlich Ge - mach war nicht ſicher / gleichſam ob waͤre das guͤl - den Fell von Colchis darinnen verborgen; Andere machten von Tuch / Kleidungen und allerley Hauß - rath / groſſe Paͤck zuſammen / als ob ſie irgends ein Krempelmarckt anrichten wolten / was ſie aber nicht mit zu nehmen gedachten / wurde zerſchlagen / etliche durchſtachen Heu und Stroh mit ihren Degen / als ob ſie nicht Schaf und Schwein genug zu ſtechen gehabt haͤtten / etliche ſchuͤtteten die Federn auß denBetten19Erſtes Buch. Betten / und fuͤlleten hingegen Speck / andere duͤrꝛ Fleiſch und ſonſt Geraͤth hinein / als ob alsdann beſ - ſer darauff zu ſchlaffen geweſt waͤre; Andere ſchlu - gen Ofen und Fenſter ein / gleichſam als haͤtten ſie ein ewigen Sommer zu verkuͤndigen / Kupffer und Zinnengeſchirꝛ ſchlugen ſie zuſammen / und packten die gebogene und verderbte Stuck ein / Bettladen / Tiſch / Stuͤl und Baͤnck verbrannten ſie / da doch viel Claffter duͤrꝛ Holtz im Hof lag / Haͤfen und Schuͤſ - ſeln muſte endlich alles entzwey / entweder weil ſie lieber Gebraten aſſen / oder weil ſie bedacht waren / nur ein einzige Mahlzeit allda zu halten / unſer Magd ward im Stall dermaſſen tractirt / daß ſie nicht mehr darauß gehen konte / welches zwar eine Schand iſt zu melden! den Knecht legten ſie gebunden auff die Erd / ſtecketen ihm ein Sperꝛholtz ins Maul / und ſchuͤtteten ihm einen Melckkuͤbel voll garſtig Miſtla - chen-waſſer in Leib / das nenneten ſie ein Schwedi - ſchen Trunck / wordurch ſie ihn zwungen / eine Par - they anderwerts zu fuͤhren / allda ſie Menſchen und Viehe hinweg namen / und in unſern Hof brachten / unter welchen mein Knan / mein Meuͤder / und unſer Urſele auch waren.

Da fieng man erſt an / die Stein von den Piſtolen / und hingegen an deren ſtatt der Bauren Daumen auf - zuſchrauben / und die arme Schelmen ſo zufoltern / als wann man haͤtt Hexen brennen wollen / maſſen ſie auch einen von den gefangenen Bauren bereits in Bachofen ſteckten / und mit Feuer hinder ihm her warn / ohnangeſehen er noch nichts bekennt hatte; ei - nem andern machten ſie ein Sail umb den Kopff / und raittelten es mit einem Bengel zuſammen / daß ihmdas20Deß Abentheurl. Simpliciſſimidas Blut zu Mund / Nas und Ohren herauß ſprang. Jn Summa / es hatte jeder ſein eigene invention, die Bauren zu peinigen / und alſo auch jeder Bauer ſeine ſonderbare Marter: Allein mein Knan war meinem damaligen Beduncken nach der gluͤckſeeligſte / weil er mit lachendem Mund bekennete / was andere mit Schmertzen und jaͤmmerlicher Weheklag ſagen mu - ſten / und ſolche Ehre widerfuhr ihm ohne Zweiffel darumb / weil er der Haußvatter war / dann ſie ſetzten ihn zu einem Feuer / banden ihn / daß er weder Haͤnd noch Fuͤß regen konte / und rieben ſeine Fußſolen mit angefeuchtem Saltz / welches ihm unſer alte Geiß wieder ablecken / und dardurch alſo kuͤtzeln muſte / daß er vor lachen haͤtte zerberſten moͤgen; das kam ſo art - lich / daß ich Geſellſchafft halber / oder weil ichs nicht beſſer verſtunde / von Hertzen mit lachen muſte: Jn ſolchem Gelaͤchter bekante er ſeine Schuldigkeit / und oͤffnet den verborgenen Schatz / welcher von Gold / Perlen und Cleinodien viel reicher war / als man hinder Bauren haͤtte ſuchen moͤgen. Von den gefangenen Weibern / Maͤgden und Toͤchtern / weiß ich ſonderlich nichts zu ſagen / weil mich die Krieger nicht zuſehen lieſſen / wie ſie mit ihnen umbgiengen: Das weiß ich noch wol / daß man theils hin und wi - der in den Winckeln erbaͤrmlich ſchreyen hoͤrte / ſchaͤ - tze wol / es ſey meiner Meuͤder und unſerm Urſele nit beſſer gangen / als den andern. Mitten in dieſem Elend wendet ich Braten / und halff Nachmittag die Pferd traͤncken / durch welches Mittel ich zu unſerer Magd in Stall kam / welche wunderwercklich zer - ſtrobelt außſahe / ich kennete ſie nicht / ſie aber ſprach zu mir mit kraͤncklichter Stimm: O Bub lauff weg /ſonſt21Erſtes Buch. ſonſt werden dich die Reuter mit nemmen / guck daß du davon kommſt / du ſiheſt wol / wie es ſo uͤbel: meh - rers konte ſie nicht ſagen.

Das V. Capitel.

DA machte ich gleich den Anfang / meinen un - gluͤcklichen Zuſtand / den ich vor Augen ſahe / zu betrachten / und zu gedencken / wie ich mich foͤrder - lichſt außdrehen moͤchte; wohin aber? darzu war mein Verſtand viel zu gering / einen Vorſchlag zu thun / doch hat es mir ſo weit gelungen / daß ich gegen Abend in Wald bin entſprungen. Wo nun aber weiters hinauß? ſintemahl mir die Wege und der Wald ſo wenig bekant waren / als die Straß durch das gefrorne Meer / hinder Nova Zembla, biß gen China hinein: die ſtockfinſtere Nacht bedeckte mich zwar zu meiner Verſicherung / jedoch bedauchte ſie meinen finſtern Verſtand nicht finſter genug / dahero verbarg ich mich in ein dickes Geſtraͤuch / da ich ſo wol das Geſchrey der getrillten Bauren / als das Ge - ſang der Nachtigallen hoͤren konte / welche Voͤgelein ſie die Bauren / von welchen man theils auch Voͤgel zu nennen pflegt / nicht angeſehen hatten / mit ihnen Mitleiden zu tragen / oder ihres Ungluͤcks halber das liebliche Geſang einzuſtellen / darumb legte ich mich auch ohn alle Sorge auff ein Ohr / und entſchlieff. Als aber der Morgenſtern im Oſten herfuͤr flackerte / ſahe ich meines Knans Hauß in voller Flamme ſte - hen / aber niemand der zu leſchen begehrte; ich begab mich herfuͤr / in Hoffnung / jemand von meinem Knan anzutreffen / wurde aber gleich von fuͤnff Reutern er - blickt / und angeſchryen: Junge / kom heroͤfer / oder ſchall my de Tuͤfel halen / ick ſchiedtedick /22Deß Abentheurl. Simpliciſſimidick / dat di de Dampff zum Hals utgaht; Jch hingegen blieb gantz ſtockſtill ſtehen / und hatte das Maul offen / weil ich nicht wuſte / was der Reu - ter wolte oder meynte / und in dem ich ſie ſo anſahe / wie ein Katz ein neu Scheurthor / ſie aber wegen ei - nes Moraſtes nicht zu mir kommen konten / welches ſie ohn Zweiffel rechtſchaffen vexierte / loͤſete der eine ſeinen Carbiner auff mich / von welchem urploͤtzli - chen Feuer und unverſehnlichem Klapff / den mir Echo durch vielfaͤltige Verdoppelung grauſamer machte / ich dermaſſen erſchreckt ward / weil ich der - gleichen niemals gehoͤret oder geſehen hatte / daß ich alſobald zur Erden niderfiele / ich regete vor Angſt keine Ader mehr / und wiewol die Reuter ihres Wegs fort ritten / und mich ohn Zweiffel vor todt ligen lieſ - ſen / ſo hatte ich jedoch denſelbigen gantzen Tag das Hertz nicht / mich auffzurichten; Als mich aber die Nacht wieder ergriffe / ſtunde ich auff / und wanderte ſo lang im Wald fort / biß ich von fern einen faulen Baum ſchimmern ſahe / welcher mir ein neue Forcht einjagte / kehrete derowegen Sporenſtreichs wieder umb / und gieng ſo lang / biß ich wieder einen andern dergleichen Baum erblickte / von dem ich mich gleich - falls wieder fort machte / und auff dieſe Weiſe die Nacht mit hin und wieder rennen / von einem faulen Baum zum andern / vertriebe / zuletzt kam mir der liebe Tag zu Huͤlff / welcher den Baͤumen gebotte / mich in ſeiner Gegenwart ohnbetruͤbt zu laſſen / aber hiermit war mir noch nichts geholffen / dann mein Hertz ſieckte voll Angſt und Forcht / die Schenckel voll Muͤdigkeit / der laͤere Magen voll Hunger / das Maul voll Durſt / das Hirn voll naͤrꝛiſcher Einbil -dung23Erſtes Buch. dung / und die Augen voller Schlaff: Jch gieng dan - noch fuͤrter / wuſte aber nicht wohin / je weiter ich aber gieng / je tieffer ich von den Leuten hinweg in Wald kam: Damals ſtunde ich auß / und empfande (jedoch gantz unvermerckt) die Wuͤrckung deß Un - verſtands und der Unwiſſenheit / wann ein unver - nuͤnfftig Thier an meiner Stell geweſen waͤre / ſo haͤtte es beſſer gewuſt / was es zu ſeiner Erhaltung haͤtte thun ſollen / als ich / doch war ich noch ſo witzig / als mich abermal die Nacht ereylte / daß ich in einen holen Baum kroche / mein Nachtlaͤger darinnen zu halten.

Das VI. Capitel.

KAum hatte ich mich zum Schlaff accommodiret / da hoͤrete ich folgende Stimm: O groſſe Liebe / gegen uns und anckbarn Menſchen! Ach mein eini - ger Troſt! mein Hoffnung / mein Reichthum / mein GOtt! und ſo dergleichen mehr / das ich nicht alles mercken noch verſtehen koͤnnen.

Dieſes waren wol Wort / die einen Chriſten men - ſchen / der ſich in einem ſolchen Stand / wie ich mich dazumal befunden / billich auffmuntern / troͤſten und erfreuen haͤtten ſollen: Aber / O Einfalt und Unwiſ - ſenheit! es waren mir nur Boͤhmiſche Doͤrffer / und alles ein gantz unverſtaͤndliche Sprach / auß deren ich nicht allein nichts faſſen konte / ſondern auch ein ſolche / vor deren Selzamkeit ich mich entſetzte; da ich aber hoͤrete / daß deſſen / der ſie redete / Hunger und Durſt geſtillt werden ſolte / riethe mir mein ohner -[tr]aͤglicher Hunger / mich auch zu Gaſt zu laden / de -[r]owegen faſſte ich das Hertz / wieder auß meinem holen Baum zu gehen / und mich der gehoͤrten Stim̃Bzu24Deß Abentheurl. Simpliciſſimizu naͤhern / da wurde ich eines groſſen Manns ge - wahr / in langen ſchwartzgrauen Haaren / die ihm gantz verworꝛen auff den Achſeln herumb lagen / er hatte einen wilden Bart / faſt formirt wie ein Schwei - tzer-Kaͤß / ſein Angeſicht war zwar bleich-gelb und mager / aber doch zimlich lieblich / und ſein langer Rock mit mehr als 1000. Stückern / von allerhand Tuch uͤberflickt und auffeinander geſetzt / umb Hals und Leib hatte er ein ſchwere eiſerne Ketten gewunden wie S. Wilhelmus, und ſahe ſonſt in meinen Augen ſo ſcheußlich und foͤrchterlich auß / daß ich anfienge zu zittern / wie ein naſſer Hund / was aber meine Angſt mehret / war / daß er ein Crucifix ungefaͤhr 6. Schuh lang / an ſeine Bruſt druckte / und weil ich ihn nicht kennete / konte ich nichts anders erſinnen / als dieſer alte Greiß muͤſte ohn Zweiffel der Wolff ſeyn / da - von mir mein Knan kurtz zuvor geſagt hatte: Jn ſol - cher Angſt wiſchte ich mit meiner Sackpfeiff herfuͤr / welche ich als meinen einigen Schatz noch vor den Reutern ſalvirt hatte; ich bließ zu / ſtimmte an / und lieſſe mich gewaltig hoͤren / dieſen greulichen Wolff zu vertreiben / uͤber welcher gehlingen und ohnge - woͤhnlichen Muſic, an einem ſo wilden Ort / der Ein - ſidel anfaͤnglich nicht wenig ſtutzte / ohn Zweiffel ver - meynende / es ſeye etwan ein teuffliſch Geſpenſt hin kommen / ihne / wie etwan dem groſſen Anthonio wi - derfahren / zu tribuliren / und ſeine Andacht zu zerſtoͤ - ren: So bald er ſich aber wieder erholete / ſpottet er meiner / als ſeines Verſuchers im holen Baum / wo hinein ich mich wieder retirirt hatte / ja er war ſo ge - troſt / daß er gegen mir gieng / den Feind deß menſch - lichen Geſchlechts genugſam außzuhoͤhnen; Ha /ſagte25Erſtes Buch. ſagte er / du biſt ein Geſell darzu / die Heiligen ohne goͤttliche Verhaͤngnus / ꝛc. mehrers habe ich nicht verſtanden / dann ſeine Naͤherung ein ſolch Grauſen und Schrecken in mir erꝛegte / daß ich deß Ampts meiner Sinne beraubt wurde / und dorthin in Ohn - macht nider ſanck.

Das VII. Capitel.

WAs geſtalten mir wieder zu mir ſelbſt geholffen worden / weiß ich nicht / aber dieſes wol / daß der Alte meinen Kopff in ſeinem Schos / und vornen meine Juppen geoͤffnet gehabt / als ich mich wieder erholete / da ich den Einſidler ſo nahe bey mir ſahe / fieng ich ein ſolch grauſam Geſchrey an / als ob er mir im ſelben Augenblick das Hertz auß dem Leib haͤt - te reiſſen wollen: Er aber ſagte / mein Sohn / ſchweig / ich thue dir nichts / ſey zu frieden / ꝛc. je mehr er mich aber troͤſtete / und mir liebkoſte: Je mehr ich ſchrye / O du friſſt mich! O du friſſt mich! du biſt der Wolf / und wilſt mich freſſen: Ey ja wol nein / mein Sohn / ſagte er / ſey zu frieden / ich friß dich nicht. Diß Ge - fecht waͤhrete lang / biß ich mich endlich ſo weit lieſſe weiſen / mit ihm in ſeine Huͤtten zu gehen / darin war die Armut ſelbſt Hofmeiſterin / der Hunger Koch / und der Mangel Kuͤchenmeiſter / da wurde mein Ma - gen mit einem Gemuͤß und Trunck Waſſers gelabt / und mein Gemuͤt / ſo gantz verwirꝛet war / durch deß Alten troͤſtliche Freundligkeit wieder auffgericht und zu recht gebracht: Derowegen ließ ich mich durch die Anreitzung deß ſuͤſſen Schlaffes leicht bethoͤren / der Natur ſolche Schuldigkeit abzulegen. Der Ein - ſidel merckte meine Notdurfft / darumb lieſſe er mir den Platz allein in ſeiner Huͤtten / weil nur einer darinB ijligen26Deß Abentheurl. Simpliciſſimiligen konte; ohngefaͤhr umb Mitternacht erwachte ich wieder / und hoͤrete ihn folgendes Lied ſingen / wel - ches ich hernach auch gelernet:

KOmm Troſt der Nacht / O Nachtigal /
Laß deine Stimm mit Freudenſchall /
Auffs lieblichſte erklingen: /:
Komm / komm / und lob den Schoͤpffer dein /
Weil andre Voͤglein ſchlaffen ſeyn /
Und nicht mehr moͤgen ſingen:
Laß dein / Stimmlein /
Laut erſchallen / dann vor allen
Kanſtu loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
Ob ſchon iſt hin der Sonnenſchein /
Und wir im Finſtern muͤſſen ſeyn /
So koͤnnen wir doch ſingen: /:
Von Gottes Guͤt und ſeiner Macht /
Weil uns kan hindern keine Macht /
Sein Lob zu vollenbringen.
Drumb dein / Stimmlein /
Laß erſchallen / dann vor allen
Kanſtu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.
Echo, der wilde Widerhall /
Will ſeyn bey dieſem Freudenſchall /
Und laͤſſet ſich auch hoͤren: /:
Verweiſt uns alle Muͤdigkeit /
Der wir ergeben allezeit /
Lehrt uns den Schlaff bethoͤren.
Drumb dein / Stimmlein / ꝛc.
Die27Erſtes Buch.
Die Sterne / ſo am Himmel ſtehn /
Laſſen ſich zum Lob Gottes ſehn /
Und thun ihm Ehr beweiſen: /:
Auch die Eul die nicht ſingen kan /
Zeigt doch mit ihrem heulen an /
Daß ſie Gott auch thu preiſen.
Drumb dein / Stimmlein / ꝛc.
Nur her mein liebſtes Voͤgelein /
Wir wollen nicht die faͤulſte ſeyn /
Und ſchlaffend ligen bleiben: /:
Sondern biß daß die Morgenroͤt /
Erfreuet dieſe Waͤlder oͤd /
Jm Lob Gottes vertreiben.
Laß dein / Stimmlein /
Laut erſchallen / dann vor allen
Kanſtu loben /
GOtt im Himmel hoch dort oben.

Unter waͤhrendem dieſem Geſang bedunckte mich warhafftig / als wann die Nachtigal ſo wol / als die Eul und Echo, mit eingeſtimmt haͤtten / und wann ich den Morgenſtern jemals gehoͤrt / oder deſſen Melo - dey auff meiner Sackpfeiffen aufzumachen vermoͤcht / ſo waͤre ich auß der Huͤtten gewiſcht / meine Karten mit einzuwerffen / weil mich dieſe Harmonia ſo lieb - lich zu ſeyn bedunckte / aber ich entſchlieff / und er - wachte nicht wieder / biß wol in den Tag hinein / da der Einfidel vor mir ſtunde / und ſagte: Uff Kleiner / ich will dir Eſſen geben / und alsdann den Weg durch den Wald weiſen / damit du wieder zu den Leuten / und noch vor Nacht in das nachſte Dorff kommeſt; Jch fragte ihn / was ſind das fuͤr Dinger / Leuten undB iijDorff28Deß Abentheurl. SimpliciſſimiDorff? Er ſagte / biſt du dann niemalen in keinem Dorff geweſt / und weiſt auch nicht / was Leut oder Menſchen ſeynd? Nein / ſagte ich / nirgends als bier bin ich geweſt / aber ſag mir doch / was ſeynd Leut / Menſchen und Dorff? Behuͤt GOtt / antwortet der Einſidel / biſt du naͤrꝛiſch oder geſcheid? Nein / ſagte ich / meiner Meuͤder und meines Knans Bub bin ich / und nicht der naͤrꝛiſch oder der geſcheid: Der Einſi - del verwundert ſich mit Seufftzen und Becreutzi - gung / und ſagte: Wol liebes Kind / ich bin gehal - ten / dich umb GOttes willen beſſer zu unterꝛichten: Darauff fielen unſere Reden und Gegen-Reden / wie folgend Capitel außweiſet.

Das VIII. Capitel.

EJnſidel: Wie heiſſeſtu? Simpl. Jch heiſſe Bub. Einſid. Jch ſihe wol / daß du kein Maͤgdlein biſt / wie hat dir aber dein Vatter und Mutter geruffen? Simpl. Jch habe keinen Vatter oder Mutter gehabt: Einſid. Wer hat dir dann das Hemd geben? Simpl. Ey mein Meuͤder: Einſ. Wie heiſſet dich dann dein Meuͤder? Simpl. Sie hat mich Bub geheiſſen / auch Schelm / ungeſchickter Doͤlpel / und Galgenvogel: Einſ. Wer iſt dann deiner Mutter Mann geweſt? Simpl. Niemand: Einſid. Bey wem hat dann dein Meuͤder deß Nachts geſchlaffen? Simpl. bey meinem Knan: Einſid. Wie hat dich dann dein Knan ge - heiſſen? Simpl. Er hat mich auch Bub genennet: Einſid. Wie hieſſe aber dein Knan? Simpl. Er heiſt Knan: Einſid. Wie hat ihm aber dein Meuͤder ge - ruffen? Simpl. Knan / und auch Meiſter: Einſid. Hat ſie ihn niemals anders genennet? Simpl. Ja /ſie29Erſtes Buch. hat: Einſid. Wie dann? Simp Ruͤlp / grober Ben - gel / volle Sau / und noch wol anders / wann ſie ha - derte: Einſid. Du biſt wol ein unwiſſender Tropff / daß du weder deiner Eltern noch deinen eignen Nah - men nicht weiſt! Simpl. Eya / weiſt dus doch auch nicht: Einſid. Kanſtu auch beten? Simpl. Nain / unſer Ann und mein Meuͤder haben als das Bett ge - macht: Einſid. Jch frage nicht hiernach / ſondern ob du das Vatter unſer kanſt? Simpl. Ja ich: Einſ. Nun ſo ſprichs dann: Simpl. Unſer lieber Vatter / der du biſt Himel / hailiget werde nam / zrkommes d Reich / dein Will ſchee Himmel ad Erden / gib uns Schuld / als wir unſern Schuldigern geba / ſuͤhr uns nicht in kein doͤß Verſucha / ſondern erloͤß uns von dem Reich / und die Krafft / und die Herꝛlichkeit / in Ewigkeit / Ama. Einſid. Biſtu nie in die Kirchen gangen? Simp. Ja ich kan wacker ſteigen / und hab als ein gantzen Buſem voll Kirſchen gebrochen: Einſid. Jch ſage nicht von Kirſchen / ſondern von der Kirchen: Simpl. Haha / Kriechen / gelt es ſeynd ſo kleine Pflaͤumlein? gelt du? Einſid. Ach daß GOtt walte / weiſtu nichts von unſerm Herr Gott? Simpl. Ja / er iſt daheim an unſerer Stuben - thuͤr geſtanden auff dem Helgen / mein Meuͤder hat ihn von der Kuͤrbe mitgebracht / und hin gekleibt: Einſid. Ach guͤtiger GOtt / nun erkenne ich erſt / was vor eine groſſe Gnad und Wolthat es iſt / wem du deine Erkantnus mittheileſt / und wie gar nichts ein Menſch ſeye / dem du ſolche nicht gibſt: Ach HErꝛ verleyhe mir deinen heiligen Nahmen alſo zu ehren / daß ich wuͤrdig werde / umb dieſe hohe Gnad ſo eyfe - rig zu dancken / als freygebig du geweſt / mir ſolcheB jvzu30Deß Abentheurl. Simpliciſſimizu verleyhen: Hoͤre du Simpl. (dann anderſt kan ich dich nicht nennen) wann du das Vatter unſer beteſt / ſo muſtu alſo ſprechen: Vatter unſer / der du biſt im Himmel / geheiliget werde dein Nahm / zukomme uns dein Reich / dein Will geſchehe auff Erden wie im Himmel / unſer taͤglich Brod gib uns heut / und: Simpl. Gelt du / auch Kaͤß darzu? Einſid. Ach lie - bes Kind / ſchweige und lerne / ſolches iſt dir viel noͤ - tiger als Kaͤß / du biſt wol ungeſchickt / wie dein Meu - der geſagt hat / ſolchen Buben wie du biſt / ſtehet nicht an / einem alten Mann in die Red zu fallen / ſondern zu ſchweigen / zuzuhoͤꝛen und zu lernen / wuͤſte ich nur / wo deine Eltern wohneten / ſo wolte ich dich gerne wieder hin bringen / und ſie zugleich lehren / wie ſie Kinder erziehen ſolten; Simpl. Jch weiß nicht / wo ich hin ſoll / unſer Hauß iſt verbrennet / und mein Meuͤder hinweg geloffen / und wieder kommen mit dem Urſele / und mein Knan auch / und unſer Magd iſt kranck geweſt / und iſt im Stall gelegen. Einſid. Wer hat dann das Hauß verbrennt? Simpl. Ha / es ſind ſo eiſerne Maͤnner kommen / die ſeynd ſo auff Dingern geſeſſen / groß wie Ochſen / haben aber keine Hoͤrner / dieſelbe Maͤnner haben Schafe und Kuͤbe und Saͤu geſtochen / und da bin ich auch weg gelof - fen / und da iſt darnach das Hauß verbrennt geweſt: Einſid. Wo war dann dein Knan? Simpl. Ha / die eiferne Maͤnner haben ihn angebunden / da hat ihm unſer alte Gaiß die Fuͤß geleckt / da hat mein Knau lachen muͤſſen / und hat denſelben eiſernen Mannen viel Weißpfenning geben / groſſe und kleine / auch huͤbſche gelbe / und ſonſt ſchoͤne klitzerechte Dinger / und huͤbſche Schnuͤr voll weiſſe Kuͤgelein. Einſ. wañiſt31Erſtes Buch. iſt diß geſchehen? Simpl. Ey wie ich der Schaf hab huͤten ſollen / ſie haben mir auch mein Sackpfeiff wol - len nemmen: Einſid. Wann haſtu der Schaf ſol - len huͤten? Simpl. Ey hoͤrſtus nicht / da die eiſerne Maͤnner kommen ſind / und darnach hat unſer Ann geſagt / ich ſoll auch weg lauffen / ſonſt wuͤrden mich die Krieger mit nehmen / ſie hat aber die eiſerne Maͤn - ner gemeynet / und da ſein ich weg geloffen / und ſein hieher kommen: Einſid. Wo hinauß wilſt du aber jetzt? Simpl. Jch weiß weger nit / ich will bey dir hier bleiben: Einſid. Dich hier zu behalten / iſt weder mein noch dein Gelegenheit / eſſe / alsdann will ich dich wieder zu Leuten fuͤhren: Simpl. Ey ſo ſag mir dann auch / was Leut vor Dinger ſeyn? Einſid. Leut ſeynd Menſchen wie ich und du / dein Knan / dein Meuͤder und euer Ann ſeynd Menſchen / und wann deren viel beyeinander ſeynd / ſo werden ſie Leut ge - nennt: Simpl. Haha; Einſid. Nun gehe und eſſe. Diß war unſer Diſcurs, unter welchem mich der Ein - ſidel offt mit den allertieffſten Seufftzen anſchauete / nicht weiß ich / ob es darumb geſchahe / weil er ein ſo groß Mitleiden mit meiner Einfalt und Unwiſſen - heit hatte / oder auß der Urſach / die ich erſt uͤber etli - che Jahr hernach erfuhr.

Das IX. Capitel.

JCh fieng an zu eſſen / und hoͤrete auff zu papplen / welches nicht laͤnger waͤhrete / als biß ich nach Notdurfft gefuͤttert hatte / und mich der Alte fort ge - hen hieſſe: Da ſuchte ich die allerzarteſte Wort her - fuͤr / die mir mein baͤuriſche Grobheit immermehr eingeben konte / welche alle dahin giengen / den Ein -B vfidel32Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſidel zu bewegen / daß er mich bey ihm behielte: Ob es ihm nun zwar beſchwerlich gefallen / meine ver - druͤßliche Gegenwart zu gedulden / ſo hat er jedoch beſchloſſen / mich bey ihm zu leiden / mehr / daß er mich in der Chriſtlichen Religion unterꝛichtete / als ſich in ſeinem vorhandenen Alter meiner Dienſte zu bedienen / ſein groͤſte Sorg war / mein zarte Jugend doͤrffte ein ſolche harte Art zu leben / in die Laͤnge nit außharꝛen moͤgen.

Eine Zeit von ungefaͤhr drey Wochen war mein Probier-Jahr / in welcher eben S. Gertraud mit den Gaͤrtnern zu Feld lag / alſo daß ich mich auch in deren Profeſſion gebrauchen lieſſe / ich hielte mich ſo wol / daß der Einſidel ein ſonderliches Gefallen an mir hatte / nicht zwar der Arbeit halber / ſo ich zu - vor zu vollbringen gewohnet war / ſondern weil er ſahe / daß ich eben ſo begierig ſeine Unterweiſungen hoͤrete / als geſchickt die Waxwaiche / und zwar noch glatte Tafel meines Hertzens ſolche zu faſſen / ſich er - zeigte: Solcher Urſachen halber wurde er auch de - ſto eyferiger / mich in allem Guten anzufuͤhren / er machte den Anfang ſeiner Unterꝛichtungen vom Fall Lucifers / von dannen kam er in das Paradeis / und als wir mit unſern Eltern dar auß verſtoſſen wurden / paſſirte er durch das Geſetz Moſis / und lernete mich vermittelſt der zehen Gebot Gottes und ihrer Außle - gungen (von denen er ſagte / daß ſie ein wahre Richt - ſchnur ſeyen / den Willen GOttes zu erkennen / und nach denſelben ein heiliges Gott wolgefaͤlliges Leben anzuſtellen) die Tugenden von den Laſtern zu unter - ſcheiden / das gute zu thun / und das boͤſe zu laſſen: Endlich kam er auff das Evangelium / und ſagte mirvon33Erſtes Buch. von Chriſti Geburt / Leiden / Sterben und Aufferſte - hung; zuletzt beſchloſſe ers mit dem juͤngſten Tag / und ſtellet mir Himmel und Hoͤll vor Augen / und ſolches alles mit gebuͤhrenden Umbſtaͤnden / doch nit mit gar zu uͤberfluͤſſiger Weitlaͤufftigkeit / ſondern wie ihn duͤnckte / daß ichs am allerbeſten faſſen und verſtehen moͤchte / wann er mit einer materia fertig war / hub er ein andere an / und wuſte ſich bißweilen in aller Gedult nach meinen Fragen ſo artlich zu regu - liren / und mit mir zu verfahren / daß er mirs auch nicht beſſer haͤtte eingieſſen koͤnnen / ſein Leben und ſei - ne Reden waren mir eine immerwaͤhrende Predigt / welche mein Verſtand / der eben nicht ſo gar dumm und hoͤltzern war / vermittels Goͤttlicher Gnad / nicht ohne Frucht abgehen lieſſe / allermaſſen ich alles das jenige / was ein Chriſt wiſſen ſoll / nicht allein in ge - dachten dreyen Wochen gefaſt / ſondern auch ein ſol - che Lieb zu deſſen Unterꝛicht gewonnen / daß ich deß Nachts nicht darvor ſchlaffen konte.

Jch habe ſeithero der Sach vielmal nachgedacht / und befunden / daß Ariſtot. lib. 3. de Anima wol ge - ſchloſſen / als er die Seele eines Menſchen einer laͤe - ren ohnbeſchriebenen Tafel verglichen / darauff man allerhand notiren koͤnne / und daß ſolches alles da - rumb von dem hoͤchſten Schoͤpffer geſchehen ſeye / damit ſolche glatte Tafel durch fleiſſige Impreſſion und Ubung gezeichnet / und zur Vollkommenheit und perfection gebracht werde; dahero dann auch ſein Commentator Averroes lib. 2. de Amma (da der Philoſophus ſagt / der Intellectus ſey als potentia, werde aber nichts in actum gebracht / als durch die Scientiam, das iſt / es ſeye deß Menſchen VerſtandB vjaller -34Deß Abentheurl. Simpliciſſimiallerdings faͤhig / koͤnne aber nichts ohne fleiſſige Ubung hinein gebracht werden) dieſen klaren Auß - ſchlag gibt: nemlich / es ſeye dieſe Scientia oder U - bung die perfection der Seelen / welche fuͤr ſich ſelbſt uͤberall nichts an ſich habe; Solches beſtaͤtigt Cice - ro lib. 2. Tuſcul. quæſt. Welcher die Seel deß Men - ſchen ohne Lehr / Wiſſenſchafft und Ubung / einem ſolchen Feld vergleicht / das zwar von Natur frucht - bar ſeye / aber wann man es nicht baue und beſaame / gleichwol keine Frucht bringe.

Solches alles erwieſe ich mit meinem eigenen Exempel / denn daß ich alles ſo bald gefaſſt / was mir der fromme Einſidel vorgehalten / iſt daher kommen / weil er die geſchlichte Tafel meiner Seelen gantz laͤer / und ohn einige zuvor hinein gedruckte Bildnuſ - ſen gefunden / ſo etwas anders hinein zu bringen haͤtt hindern moͤgen; gleichwol aber iſt die pure Einfalt gegen andern Menſchen zu rechnen / noch immerzu bey mir verblieben / dahero der Einſidel (weil weder er noch ich meinen rechten Nahmen gewuſt) mich nur Simplicium genennet.

Mithin lernete ich auch beten / und als er meinem ſteiffen Vorſatz / bey ihm zu bleiben / ein Genuͤgen zu thun entſchloſſen / baueten wir vor mich eine Huͤtten gleich der ſeinigen / von Holtz / Reiſern und Erden / faſt formirt wie der Muſquetirer im Feld ihre Zelten / oder beſſer zu ſageu / die Bauren an theils Orten ihre Rubenloͤcher haben / zwar ſo nider / daß ich kaum auff - recht darinn ſitzen konte / mein Bett war von duͤrꝛem Laub und Gras / und eben ſo groß als die Huͤtte ſelbſt / ſo daß ich nit weiß / ob ich dergleichen Wohnung oder Hoͤlen eine bedeckte Laͤgerſtatt / oder eine Huͤtte neñen ſoll.

Das35Erſtes Buch.

Das X Capitel.

ALs ich das erſte mal den Einſidel in der Bibel le - ſen ſahe / konte ich mir nicht einbilden / mit wem er doch ein ſolch heimlich / und meinem Beduncken nach ſehr ernſtlich Geſpraͤch haben muͤſte; ich ſahe wol die Bewegung ſeiner Lippen / hingegen aber nie - mand / der mit ihm redet / und ob ich zwar nichts vom leſen und ſchreiben gewuſt / ſo merckte ich doch an ſei - nen Augen / daß ers mit etwas in ſelbigem Buch zu thun hatte: Jch gab Achtung auff das Buch / und nachdem er ſolches beygelegt / machte ich mich dar - hinder / ſchlugs auff / und bekam im erſten Griff das erſte Capitel deß Hiobs / und die davor ſtehende Fi - gur / ſo ein feiner Holtzſchnitt / und ſchoͤn illuminirt war / in die Augen; ich fragte dieſelbige Bilder ſel - zame Sachen / weil mir aber kein Antwort widerfah - ren wolte / wurde ich ungedultig / und ſagte eben / als der Einſidel hinder mich ſchlich: Jhr kleine Hudler / habt ihr dann keine Maͤuler mehr? habt ihr nicht al - lererſt mit meinem Vatter (dann alſo muſte ich den Einſidel nennen) lang genug ſchwaͤtzen koͤnnen? ich ſihe wol / daß ihr auch dem armen Knan ſeine Schaf heim treibt / und das Hauß angezuͤndet habt / halt / halt / ich will diß Feuer noch wol leſchen / damit ſtunde ich auff Waſſer zu holen / weil mich die Noth vorhanden zu ſeyn bedunckte. Wohin Simplici? ſagt der Einſidel / den ich binder mir nicht wuſte / Ey Vatter / ſagte ich / da ſind auch Krieger / die haben Schaf / und wollens weg treiben / ſie habens dem armen Mann genommen / mit dem du erſt geredet haſt / ſo brennet ſein Hauß auch ſchon liechterlohe / und wann ich nicht bald leſche / ſo wirds verbrennen;B vijmit36Deß Abentheurl. Simpliciſſimimit dieſen Worten zeigte ich ihm mit dem Finger / was ich ſahe: Bleib nur / ſagte der Einſidel / es iſt noch keine Gefahr vorhanben; Jch antwortete / meiner Hoͤfligkeit nach / biſt du dann blind / wehre du / daß ſie die Schaf nicht fort treiben / ſo will ich Waſ - ſer holen: Ey / ſagte der Einſidel / dieſe Bilder leben nicht / ſie ſeynd nur gemacht / uns vorlaͤngſt geſche - hene Dinge vor Augen zu ſtellen / ich antwortet / du haſt ja erſt mit ihnen geredt / warumb wolten ſie dann nicht leben?

Der Einſidel muſte wider ſeinen Willen und Ge - wonheit lachen / und ſagte: Liebes Kind / dieſe Bilder koͤnnen nicht reden / was aber ihr Thun und Weſen ſey / kan ich auß dieſen ſchwartzen Linien ſehen / wel - ches man leſen nennet / und wann ich dergeſtalt leſe / ſo haͤlteſt du darvor / ich rede mit den Bildern / ſo aber nichts iſt: Jch antwortet / wann ich ein Menſch bin wie du / ſo muͤſte ich auch an denen ſchwartzen Zeilen koͤnnen ſehen / was du kanſt / wie ſoll ich mich in dein Geſpraͤch richten? Lieber Vatter / berichte mich doch eygentlich / wie ich die Sach verſtehen ſolle? Darauff ſagte er / nun wolan mein Sohn / ich will dich lehren / daß du ſo wol als ich mit dieſen Bildern wirſt reden koͤnnen / allein wird es Zeit brauchen / in welcher ich Gedult / und du Fleiß anzulegen; dem - nach ſchriebe er mir ein Alphabet auff dirckene Rin - den / nach dem Druck formirt / und als ich die Buch - ſtaben kennete / lernete ich buchſtabiren / folgends leſen / und endlich beſſer ſchreiben / als es der Ein - ſidel ſelber konte / weil ich alles dem Druck nachmahlet.

Das37Erſtes Buch.

Das XI. Capitel.

ZWey Jahr ungefaͤhr / nemlich biß der Einfidel geſtorben / und etwas laͤnger als ein halbes Jahr nach deſſen Todt / bin ich in dieſem Wald verblieben / derohalben ſihet mich vor gut an / dem curioſen Leſer / der auch offt das geringſte wiſſen will / unſer Thun / Handel und Wandel / und wie wir unſer Leben durch gebracht / zu erzehlen.

Unſere Speiß war allerhand Gartengewaͤchs / Ruͤben / Kraut / Bonen / Erbſen und dergleichen / wir verſchmaͤheten auch keine Buchen / wilde Aepffel / Pirn / Kirſchen / ja die Eicheln machte uns der Hun - ger offt angenehm; das Brot / oder beſſer zu ſagen / unſere Kuchen backten wir in heiſſer Aſchen / auß zer - ſtoſſenem Welſchen Korn / im Winter fiengen wir Voͤgel mit Sprincken und Stricken / im Fruͤhling und Sommer aber beſchehrte uns GOtt Junge auß den Neſtern / wir behalffen uns offt mit Schnecken und Froͤſchen / ſo war uns auch mit Reuſſen und Ang - len das fiſchen nicht zu wider / in dem ohnweit von unſerer Wohnung ein Fiſch - und Krebsreicher Bach bin floß / welches alles unſer grob Gemuͤß hinunder convoyren muſte; wir hatten auff eine Zeit ein jun - ges wildes Schweinlein auffgefangen / welches wir in einen Pferch verſperꝛet / mit Eicheln und Buchen aufferzogen / gemaͤſtet / und endlich verzehret / weil mein Einſidel wuſte / daß ſolches keine Suͤnde ſeyn koͤnte / wann man genieſſet / was GOtt dem gantzen menſchlichen Geſchlecht zu ſolchem End erſchaffen / Saltz drauchten wir wenig / und von Gewuͤrtz gar nichts / dann wir doͤrfften den Luſt zum Trunck nicht erwecken / weil wir keinen Keller hatten / die Notdurfftan38Deß Abentheurl. Simpliciſſimian Saltz gab uns ein Pfarꝛer / der ohngefaͤhr 3. Meil Wegs von uns wohnete / von welchem ich noch viel zu ſagen habe.

Unſern Haußrath betreffend / deſſen war genug vorhanden / dann wir hatten eine Schauffel / eine Haue / eine Axt / ein Beyl / und einen eiſernen Hafen zum kochen / welches zwar nicht unſer eigen / ſondern von obgemeldtem Pfarꝛer entlehnet war / jeder hatte ein abgenuͤtztes ſtumpffes Meſſer / ſelbige waren unſer Eigenthum / und ſonſten nichts; ferner bedorfften wir auch weder Schuͤſſeln / Deller / Leffel / Gabeln / Keſſel / Pfannen / Roſt / Bratſpieß / Saltzbuͤchs noch ander Tiſch - und Kuͤchengeſchirꝛ / dann unſer Hafen war zugleich unſer Schuͤſſel / und unſere Haͤnde wa - ren auch unſere Gabeln und Leffel / wolten wir aber trincken / ſo geſchahe es durch ein Rohr auß dem Brunnen / oder wir henckten das Maul hinein / wie Gedeons Kriegs-Leute; Von allerhand Gewand / Wollen / Seiden / Baumwollen und Leinen / beydes zu Betten / Tiſchen und Tapezereyen / hatten wir nichts / als was wir auff dem Leib trugen / weil wir vor uns genug zu haben ſchaͤtzten / wann wir uns vor Regen und Froſt beſchuͤtzen koͤnten: Sonſten hiel - ten wir in unſerer Haußhaltung keine gewiſſe Regul oder Ordnung / auſſerhalb an Sonn - und Feyer - taͤgen / an welchen wir ſchon umb Mitternacht hin - zugehen anfiengen / damit wir noch fruͤhe genug / ohne maͤnniglichs Vermercken / in obgemeldten Pfarꝛherꝛns Kirche / die etwas vom Dorff abgele - gen war / kommen / und dem Gottesdienſt abwarten koͤnnen / in derſelben verfuͤgten wir uns auff die zer - brochne Orgel / an welchem Ort wir ſo wol auff denAltar39Erſtes Buch. den Altar / als zu der Cantzel ſehen konten; Als ich das erſte mal den Pfarꝛherꝛn auff dieſelbige ſteigen ſahe / fragete ich meinen Einſidel / was er doch in demſelben groſſen Zuber machen wolte? nach ver - richtetem Gottesdienſt aber / giengen wir eben ſo verſtolen wieder heim / als wir hin kommen waren / und nachdem wir mit muͤdem Leib und Fuͤſſen zu un - ſerer Wohnung kamen / aſſen wir mit guten Zaͤhnen uͤbel / alsdann brachte der Einſidel die uͤbrige Zeit zu mit beten / und mich in gottſeeligen Dingen zu un - terꝛichten.

An den Wercktaͤgen thaͤten wir / was am noͤtig - ſten zu thun war / je nachdem ſichs fuͤgte / und ſolches die Zeit deß Jahrs / und unſer Gelegenheit erforder - te / einmal arbeiteten wir im Garten / das ander mal ſuchten wir den feiſten Grund an ſchattigten Orten / und auß holen Baͤumen zuſammen / unſern Garten / an ſtatt der Tung / damit zu beſſern / bald flochten wir Koͤrbe oder Fiſch-Reuſſen / oder mach - ten Brennholtz / fiſchten / oder thaͤten ja ſo etwas wider den Muͤſſiggang. Und unter allen dieſen Ge - ſchaͤfften lieſſe der Einſidel nicht ab / mich in allem Guten getreulichſt zu unterweiſen / unterdeſſen ler - nete ich in ſolchem harten Leben Hunger / Durſt / Hitz / Kaͤlte / und groſſe Arbeit uͤberſtehen / und zu - vorderſt auch GOTT erkennen / und wie man Jhm rechtſchaffen dienen ſolte / welches das vornehmſte war. Zwar wolte mich mein getreuer Einſidel ein mehrers nicht wiſſen laſſen / dann er hielte darvor / es ſeye einem Chriſten genug / zu ſeinem Ziel und Zweck zu gelangen / wann er nur fleiſſig bete und arbeite / dahero es kommen / ob ich zwar in geiſt -lichen40Deß Abentheurl. Simpliciſſimilichen Sachen zimlich berichtet wurde / mein Chri - ſtenthum wol verſtunde / und die Teutſche Sprach ſo ſchoͤn redete / als wann ſie die Orthographia ſelbſt außſpraͤche / daß ich dannoch der einfaͤltigſte verblie - be; geſtalten ich / wie ich den Wald verlaſſen / ein ſolcher elender Tropff in die Welt war / daß man kei - nen Hund mit mir auß dem Ofen haͤtte locken koͤnnen.

Das XII. Capitel.

ZWey Jahr ungefaͤhr hatte ich zugebracht / und das harte Eremitiſch Leben kaum gewohnet / als mein beſter Freund auff Erden ſeine Haue nam / mir aber die Schauffel gab / und mich ſeiner taͤglichen Gewonheit nach / an der Hand in unſern Garten fuͤhrte / da wir unſer Gebet zu verꝛichten pflegten: Nun Simplici / liebes Kind / ſagte er / dieweil GOtt Lob die Zeit vorhanden / daß ich auß dieſer Welt ſcheiden / die Schuld der Natur bezahlen / und dich in dieſer Welt hinder mir verlaſſen ſolle / zumalen deines Lebens kuͤnfftige Begegnuſſen beylaͤuffig ſehe / und wol weiß / daß du in dieſer Einoͤde nicht lang verharꝛen wirſt / ſo hab ich dich auff dem angetrette - nen Weg der Tugend ſtaͤrcken / und dir einige Lehren zum Unterꝛicht geben wollen / vermittelſt deren du / als nach einer ohnfehlbaren Richtſchnur / zur ewigen Seeligkeit zu gelangen / dein Leben anſtellen ſolleſt / damit du mit allen heiligen Außerwehlten das Ange - ſicht GOttes in jenem Leben ewiglich anzuſchauen gewuͤrdiget werdeſt.

Dieſe Wort ſetzten meine Augen ins Waſſer / wie hiebevor deß Feinds Erfindung die Statt Villingen / einmal / ſie waren mir ſo unertraͤglich / daß ich ſienicht41Erſtes Buch. nicht ertragen koͤnte / doch ſagte ich: Hertzliebſter Vatter / wilſt du mich dann allein in dieſem wilden Wald verlaſſen? ſoll dann: mehrers vermochte ich nicht herauß zu bringen / dann meines Hertzens Qual ward auß uͤberfluͤſſiger Lieb / die ich zu meinem ge - treuen Vatter trug / alſo hefftig / daß ich gleichſam wie todt zu ſeinen Fuͤſſen nider ſanck; Er hingegen richtet mich wieder auff / troͤſtet mich ſo gut es Zeit und Gelegenheit zulieſſe / und verwieſe mir gleichſam fragend / meinen Fehler / Ob ich nemlich der Ord - nung deß Allerhoͤchſten widerſtreben wolte? weiſtu nicht / ſagt er weiters / daß ſolches weder Himmel noch Hoͤll zu thun vermoͤgen? nicht alſo mein Sohn! was unterſteheſt du dich / meinem ſchwachen Leib (welcher vor ſich ſelbſt der Ruhe begierig iſt) auffzu - buͤrden? vermeyneſt du mich zu noͤtigen / laͤnger in dieſem Jam̃erthal zu leben? Ach nein / mein Sohn / laſſe mich fahren / ſintemal du mich ohne das weder mit heulen noch weynen / und noch viel weniger mit meinem Willen / laͤnger in dieſem Elend zu verhar - ren / wirſt zwingen koͤnnen / in dem ich durch GOttes außtruͤcklichen Willen darauß gefordert werde; fol - ge an ſtatt deines unnuͤtzen Geſchreys meinen letzten Worten / welche ſeynd / daß du dich je laͤnger je mehr ſelbſt erkennen ſolleſt / und wann du gleich ſo alt als Mathuſalem wuͤrdeſt / ſo laß ſolche Ubung nicht auß dem Hertzen / dann daß die meiſte Menſchen verdam̃t werden / iſt die Urſach / daß ſie nicht gewuſt haben / was ſie geweſen / und was ſie werden koͤnnen / oder werden muͤſſen. Weiters riethe er mir getreulich / ich ſolte mich jederzeit vor boͤſer Geſellſchafft huͤten / dann derſelben Schaͤdlichkeit waͤre unaußſprechlich:Er42Deß Abentheurl. SimpliciſſimiEr gab mir deſſen ein Exempel / und ſagte / wann du einen Tropffen Malvaſier in ein Geſchirꝛ voll Eſſig ſchuͤtteſt / ſo wird er alſobald zu Eſſig; wirſtu aber ſo viel Eſſig in Malvaſier gieſſen / ſo wird er auch unter dem Malvaſier hingehen: Liebſter Sohn / ſagte er / vor allen Dingen bleibe ſtandhafftig / dann wer verharꝛet biß aus End / der wird ſeelig / geſchihet aber wider mein Verhoffen / daß du auß menſchlicher Schwachheit faͤllſt / ſo ſtehe durch ein rechtſchaffene Buß geſchwind wieder auff.

Dieſer ſorgfaͤltige fromme Mann hielte mir allein diß wenige vor / nicht zwar / als haͤtte er nichts meh - rers gewuſt / ſondern darumb / dieweil ich ihn erſtlich meiner Jugend wegen / nicht faͤhig genug zu ſeyn be - dunckte / ein mehrers in ſolchem Zuſtand zu faſſen / und dann weil wenig Wort beſſer / als ein langes Geplauder / im Gedaͤchtnus zu behalten ſeynd / und wann ſie anders Safft und Nachtruck haben / durch das Nachdencken groͤſſern Nutzen ſchaffen / als eine lange Sermon, die man außtruͤcklich verſtanden hat / und bald wieder zu vergeſſen pflegt.

Dieſe drey Stuͤck / ſich ſelbſt erkennen / boͤſe Ge - ſellſchafft meiden / und beſtaͤndig verbleiben / hat die - ſer fromme Mann ohne Zweiffel deßwegen vor gut und noͤtig geachtet / weil er ſolches ſelbſten practicirt / und daß es ihme darbey nicht mißlungen iſt; denn nachdem er ſich ſelbſt erkant / hat er nicht allein boͤſe Geſellſchafften / ſondern auch die gantze Welt ge - flohen / iſt auch in ſolchem Vorſatz biß an das Ende verharꝛet / an welchem ohn Zweiffel die Seeligkeit haͤngt / welcher geſtalt aber / folgt hernach.

Nachdem er mir nun obige Stuͤck vorgehalten /hat43Erſtes Buch. hat er mit ſeiner Reithaue angefangen ſein eigenes Grab zu machen / ich halff ſo gut ich konte / wie er mir befahl / und bildete mir doch das jenige nicht ein / worauff es angeſehen war / indeſſen ſagte er: Mein lieber und wahrer einiger Sohn (dann ich ha - be ſonſten keine Creatur als dich / zu Ehren unſers Schoͤpffers erzeuget) wann meine Seele an ihren Ort gangen iſt / ſo leiſte meinem Leib deine Schul - digkeit und die letzte Ehre / ſcharꝛe mich mit der je - nigen Erden wieder zu / die wir anjetzo auß dieſer Gruben gegraben haben / darauff nam er mich in ſeine Arm / und druckte mich kuͤſſend / viel haͤrter an ſeine Bruſt / als einem Mann / wie er zu ſeyn ſchiene / haͤtte muͤglich ſeyn koͤnnen: Liebes Kind / ſagte er / ich befehle dich in GOttes Schutz / und ſterbe umb ſo viel deſto froͤlicher / weil ich hoffe / er werde dich darin auffnemmen; Jch hingegen konte nichts anders / als klagen und heulen / ich haͤngete mich an ſeine Ketten / die er am Hals trug / und ver - meynte ihn damit zu halten / damit er mir nicht ent - gehen ſolte: Er aber ſagte / mein Sohn laſſe mich / daß ich ſehe / ob mir das Grab lang genug ſeye / leg - te demnach die Ketten ab / ſampt dem Ober-Rock / und begab ſich in das Grab / gleichſam wie einer / der ſich ſonſt ſchlaffen legen will / ſprechende: Ach groſſer GOtt / nun nimm wieder hin die Seele / die du mir gegeben / HERR / in deine Haͤnde befehl ich meinen Geiſt / ꝛc. Hierauff beſchloß er ſeine Lippen und Augen ſanfftiglich / ich aber ſtund da wie ein Stock - fiſch / und meynte nicht / daß ſeine liebe Seel den Leib gar verlaſſen haben ſolte / dieweil ich ihn oͤffters in dergleichen Verzuckungen geſehen hatte.

Jch44Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Jch verharꝛete / wie mein Gewonheit in derglei - chen Begebenheiten war / etlich Stund neben dem Grab im Gebet / als ſich aber mein allerliebſter Ein - ſidel nicht mehr auffrichten wolte / ſtiege ich zu ihm ins Grab hinunder / und fieng ihn an zu ſchuͤttlen / zu kuͤſſen und zu liebeln / aber da war kein Leben mehr / weil der grimmige ohnerbittliche Todt den armen Simplicium ſeiner holden Beywohnung beraubt hat - te; ich begoſſe / oder beſſer zu ſagen / ich balſamirte den entſeelten Coͤrper mit meinen Zaͤhren / und nach - dem ich lang mit jaͤmmerlichem Geſchrey hin und her geloffen / fienge ich an / ihn mit mehr Seufftzen als Schauffeln voller Grund zuzuſcharꝛen / und wann ich kaum ſein Angeſicht bedeckt hatte / ſtiege ich wieder hinunder / entbloͤſte es wieder / damit ichs noch einmal ſehen und kuͤſſen moͤchte / ſolches trieb ich den gantzen Tag / biß ich fertig worden / und auff dieſe Wets die funeralia exequias und luctus gladia - torios allein geendet / weil ohne das weder Baar / Sarch / Decken / Liechter / Todtentraͤger noch Ge - laits-Leut / und auch kein Cleriſey vorhanden geweſt / die den Todten beſungen haͤtte.

Das XIII. Capitel.

ÜBer etlich Tag nach deß Einſidels Ableiben / ver - fuͤgte ich mich zu obgemeldtem Pfarꝛern / und of - fenbarte ihm meines Herꝛn Todt / begehrte benebens Rath von ihm / wie ich mich bey ſo geſtalter Sache verhalten ſolte? Unangeſehen er mir nun ſtarck wi - derꝛathen / laͤnger im Wald zu verbleiben / ſo bin ich jedoch dapffer in meines Vorgaͤngers Fußſtapffen getretten / maſſen ich den gantzen Sommer hindurchthaͤt45Erſtes Buch. thaͤt / was ein frommer Monachus thun ſoll; Aber gleich wie die Zeit alles aͤndert / alſo ringert ſich auch nach und nach das Leyd / ſo ich umb meinen Einſidel trug / und die aͤuſſerliche ſcharffe Winterskaͤlt leſch - te die innerliche Hitz meines ſteiffen Vorſatzes zu - gleich auß / je mehr ich anfieng zu wancken / je traͤger wurde ich in meinem Gebet / weil ich an ſtatt / goͤtt - liche und himmliſche Ding zu betrachten / mich die Begierde / die Welt auch zu beſchauen / uͤberherꝛſchen lieſſe / und als ich dergeſtalt nichts nutz wuͤrde im Wald laͤnger gut zu thun / gedachte ich wieder zu gedachtem Pfarꝛer zu gehen / zu vernehmen / ob er mir noch wie zuvor auß dem Wald rathen wolte? zu ſolchem End machte ich mich ſeinem Dorff zu / und als ich hin kam / fande ichs in voller Flamm ſte - hen / dann es eben ein Partey Reuter außgepluͤndert / augezuͤndet / theils Bauren nidergemacht / viel ver - jagt / und etliche gefangen hatten / darunter auch der Pfarꝛer ſelbſt war. Ach GOtt! wie iſt das menſch - liche Leben ſo voll Muͤhe und Widerwertigkeit / kaum hat ein Ungluͤck auffgehoͤrt / ſo ſtecken wir ſchon in einem andern / mich verwundert nicht / daß der Heyd - niſche Philoſophus Timon zu Athen viel Galgen auf - richtete / daran ſich die Menſchen ſelber auffknuͤpffen / und alſo ihrem elenden Leben durch ein kurtze Grau - ſamkeit ein Ende machen ſolten; die Reuter waren eben wegfertig / und fuͤhrten den Pfarꝛer an einem Strick daher / unterſchiedliche ſchryen / ſchieſſe den Schelmen nider! andere aber wolten Gelt von ihm haben / er aber hub die Haͤnd auff / und bat umb deß Juͤngſten Gerichts willen / umb Verſchohnung und Chriſtliche Barmhertzigkeit / aber umbſonſt / danneiner46Deß Abentheurl. Simpliciſſimieiner ritte ihn uͤbern Hauffen / und verſetzte ihm zu - gleich eins an Kopff / davon er alle vier von ſich ſtreck - te / und Gott ſeine Seel befahl / den andern noch uͤb - rigen gefangenen Bauren giengs gar nicht beſſer.

Da es nun ſahe / als ob dieſe Reuter in ihrer ty - ranniſchen Grauſamkeit gantz unſinnig worden waͤ - ren / kam ein ſolcher Schwarm bewehrter Bauren auß dem Wald / als wann man in ein Weſpen-Neſt geſtochen haͤtte / die fiengen an ſo greulich zu ſchreyen / ſo grimmig darein zu ſetzen / und darauff zu ſchieſſen / daß mir alle Berg gen Haar ſtunden / weil ich noch niemals bey dergleichen Kuͤrben geweſen / dann die Speſſerter und Vogelsberger Bauren laſſen ſich fuͤrwahr ſo wenig als die Heſſen / Sauerlaͤnder und Schwartzwaͤlder / auff ihrem Miſt foppen; darvon riſſen die Reuter auß / und lieſſen nicht allein das eroberte Rindviehe zuruͤck / ſondern warffen auch Sack und Pack von ſich / ſchlugen alſo ihre gantze Beut in Wind / damit ſie nicht ſelbſt den Bauren zur Beut wuͤrden doch kamen ihnen theils in die Haͤnd.

Dieſe Kurtzweil bename mir bey nahe den Luſt / die Welt zu beſchauen / dann ich gedachte / wann es ſo darinnen hergehet / ſo iſt die Wildnus weit anmu - tiger / doch wolte ich auch hoͤren / was der Pfarꝛer darzu ſagte / derſelbe war wegen empfangener Wun - den und Stoͤß gantz matt / ſchwach und Krafftloß / doch hielte er mir vor / daß er mir weder zu helffen noch zu rathen wiſſe / weil er dermalen ſelbſt in einen ſolchen Stand gerathen worden waͤre / in welchem er beſorglich das Brot am Bettelſtab ſuchen muͤſte / und wann ich gleich noch laͤnger im Wald verblei - ben wuͤrde / ſo haͤtte ich mich ſeiner Huͤlff-leiſtungnichts47Erſtes Buch. nichts zu getroͤſten / weil / wie ich vor Augen ſehe / bey - des ſein Kirch und Pfarꝛhof im Feuer ſtunde. Hier - auf verfuͤgte ich mich gantz traurig gegen dem Wald zu meiner Wohnung / und demnach ich auff dieſer Raͤis ſehr wenig getroͤſt / hingegen aber umb viel an - daͤchtiger worden / beſchloſſe ich bey mir / die Wild - nus nimmermehr zu verlaſſen; maſſen ich ſchon nachgedachte / ob nicht muͤglich waͤre / daß ich ohne Saltz (ſo mir bißher der Pfarꝛer mitgetheilt hatte) leben / und alſo aller Menſchen entberen koͤnte?

Das XIV. Capitel.

DAmit ich aber dieſem meinem Entſchluß nach - kommen / und ein rechter Wald-Bruder ſeyn moͤchte / zoge ich meines Einſidlers hinderlaſſen haͤ - rin Hemd an / und guͤrtet ſeine Kette daruͤber; nicht zwar / als haͤtt ich ſie bedoͤrfft / mein unbaͤndig Fleiſch zu mortificiren / ſondern damit ich meinem Vorfah - ren ſo wolim Leben / als im Habit gleichen / mich auch durch ſolche Kleidung deſto beſſer vor der rau - hen Winters-Kaͤlt beſchuͤtzen moͤchte.

Den zweyten Tag / nachdem obgemeldtes Dorff gepluͤndert und verbrennt worden / als ich eben in meiner Huͤtten ſaſſe / und zugleich neben dem Gebet gelbe Ruͤben / zu meinem Auffenthalt / im Feuer brie - te / umbringten mich bey 40. oder 50. Mußquetier; dieſe / ob ſie zwar ob meiner Perſon Seltzamkeit er - ſtauneten / ſo durchſtuͤrmten ſie doch meine Huͤtten / und ſuchten / was da nicht zu finden war / dañ nichts als Buͤcher hatte ich / die ſie mir durcheinander ge - worffen / weil ſie ihnen nichts taugten: Endlich / als ſie mich beſſer betrachteten / und an meinen FedernCſahen48Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſahen / was vor einen ſchlechten Vogel ſie gefangen haͤtten / konten ſie leicht die Rechnung machen / daß bey mir ein ſchlechte Beut zu hoffen; Demnach ver - wunderten ſie ſich uͤber mein hartes Leben / und hat - ten mit meiner zarten Jugend ein groſſes Mitleiden / ſonderlich der Officier / ſo ſie commandirte; ja er ehrte mich / und begehrte gleichſam bittend / ich wolte ihm und den ſeinigen den Weg wider auß dem Wald weiſen / in welchem ſie ſchon lang in der Jrꝛe herumb gangen waͤren; Jch widerte mich gantz nicht / ſon - dern fuͤhrte ſie den naͤchſten Weg gegen dem Dorff zu / allwo der obgemeldte Pfarꝛer ſo uͤbel tractirt worden / dieweil ich ſonſt keinen andern Weg wuſte: Ehe wir aber vor den Wald kamen / ſahen wir ohn - gefaͤhr einen Bauren oder zehen / deren ein Theil mit Feuer-rohren bewehrt / die uͤbrige aber geſchaͤfftig waren / etwas einzugraben; die Mußquetierer gien - gen auff ſie loß / und ſchryen / halt! halt! jene aber antworteten mit Rohren: Und wie ſie ſahen / daß ſie von den Soldaten uͤbermannet waren / giengen ſie ſchnell durch / alſo daß die muͤden Mußquetierer kei - nen von ihnen ereylen konten; derowegen wolten ſie wieder herauß graben / was die Bauren eingeſcharꝛt / das ſchickte ſich umb ſo viel deſto beſſer / weil ſie die Hauen und Schauffeln / ſo ſie gebraucht / ligen lieſ - ſen: Sie hatten aber wenig Streich gethan / da hoͤ - reten ſie eine Stimm von unden herauff / die ſagte: O ihr leichtfertige Schelmen! O ihr Ertz - Boͤßwichter / vermeynt ihr wol / daß der Him - mel euer un-Chriſtliche Grauſamkeit und Bubenſtuͤck ungeſtrafft hingehen laſſen wer - de? Nein / es lebt noch manch redlicher Kerl /durch49Erſtes Buch. durch welche eure Unmenſchlichkeit dermaſ - ſen vergolten werden ſoll / daß euch keiner von euren Neben-Menſchen mehr den Hin - dern lecken doͤrffe. Hieruͤber ſahen die Solda - ten einander an / weil ſie nicht wuſten / was ſie thun ſolten: Etliche vermeynten / ſie haͤtten ein Geſpenſt / ich aber gedachte / es traͤume mir; ihr Officier hieſſe dapffer zugraben: Sie kamen gleich auff ein Faß / ſchlugens auff / und fanden einen Kerl darinnen / der weder Naſen noch Ohren mehr hatte / und gleichwol noch lebte: So bald ſich derſelbe ein wenig ermun - terte / und vom Hauffen etliche kennete / erzehlet er / was maſſen die Bauren den vorigen Tag / als einige ſeines Regiments auff Fuͤtterung geweſt / ihrer ſechs gefangen bekommen / davon ſie allererſt vor einer Stund fuͤnffe / ſo hinder-einander ſtehen muͤſſen / todt geſchoſſen; und weil die Kugel ihn / weil er der ſechſte und letzte geweſt / nicht erlangt / in dem ſie ſchon zu - vor durch fuͤnff Coͤrper gedrungen / haͤtten ſie ihm Na - ſen und Ohren abgeſchnitten / zuvor aber gezwungen / daß er ihrer fuͤnffen (ſ. v. ) den Hindern lecken muͤſſen: Als er ſich nun von den Ehr - und Gotts-vergeſſenen Schelmen ſo gar geſchmaͤhet geſehen / haͤtte er ihnen / wiewol ſie ihn mit dem Leben darvon laſſen wolten / die aller-unnuͤtzſte Wort gegeben / die er erdencken moͤgen / und ſie alle bey ihrem rechten Nahmen genen - net / der Hoffnung / es wuͤrde ihm etwan einer auß Ungedult eine Kugel ſchencken / aber vergebens; ſon - dern nachdem er ſie verbittert gemacht / haͤtten ſie ihn in gegenwaͤrtig Faß geſteckt / und alſo lebendig begra - den / ſprechend: Weil er deß Todts ſo eyferig begehr / wolten ſie ihm zum Poſſen hierinn nicht willfahren.

C ijJn50Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Jn dem dieſer ſeinen uͤberſtandenen Jammer alſo klaget / kam ein andere Partey Soldaten zu Fuß uͤberzwergs den Wald herauff / die hatten obgedach - te Bauren angetroffen / fuͤnff davon gefangen bekom - men / und die uͤbrigen todt geſchoſſen; unter den Ge - fangenen waren vier / denen der uͤbel-zugerichte Reu - ter kurtz zuvor ſo ſchaͤndlich zu Willen ſeyn muͤſſen. Als nun beyde Parteyen auß dem Anſchreyen ein - ander erkenneten / einerley Volck zu ſeyn / tratten ſie zuſammen / und vernamen wiederumb vom Reuter ſelbſt / was ſich mit ihm und ſeinen Cammeraden zu - getragen; da ſolte man ſeinen blauen Wunder geſe - hen haben / wie die Bauren getrillt wurden / etliche wolten ſie gleich in der erſten Furi todt ſchieſſen / an - dere aber ſagten: Nein / man muß die leichtfertigen Voͤgel zuvor rechtſchaffen quaͤlen / und ihnen ein - traͤncken / was ſie an dieſem Reuter verdient haben / indeſſen bekamen ſie mit den Mußqueten ſo treffliche Ribbſtoͤß / daß ſie haͤtten Blut ſpeyen moͤgen; zuletzt tratte ein Soldat hervor / und ſagte: Jhr Herꝛen / dieweil es der gantzen Soldateſca ein Schand iſt / daß dieſen Schurcken (deutet damit auff den Reuter) fuͤnff Bauren ſo greulich getrillt haben / ſo iſt billich / daß wir ſolchen Schandflecken wieder außleſchen / und dieſe Schelmen den Reuter wieder hundert mal lecken laſſen: Hingegen ſagte ein anderer / dieſer Kerl iſt nicht werth / daß ihm ſolche Ehr widerfahre / dann waͤre er kein Bernheuter geweſen / ſo haͤtte er allen redlichen Soldaten zu Spott dieſe ſchandliche Arbeit nicht verꝛichtet / ſondern waͤre tauſend mal lieber geſtorben. Endlich wurde einhellig beſchloſſen / daß ein jeder von den ſauber-gemachten Bauren / ſol -ches51Erſtes Buch. ches an zehen Soldaten alſo wett machen / und zu jedem mal ſagen ſolte: Hiermit leſche ich wider auß / und wiſche ab die Schand / die ſich die Soldaten einbilden empfangen zu haben / als uns ein Bernheuter hinden leckte. Nach - gehends wolten ſie ſich erſt reſolviren / was ſie mit den Bauren weiters anfahen wolten / wenn ſie dieſe ſaubere Arbeit verꝛichtet haben wuͤrden: Hierauff ſchritten ſie zur Sach / aber die Baurn warn ſo hals - ſtarꝛig / daß ſie weder durch Verheiſſung / ſie mit dem Leben darvon zu laſſen / noch durch einigerley Mar - ter / hierzu gezwungen werden kunten. Einer fuͤhrte den fuͤnfften Bauren / der nicht geleckt war worden / etwas beyſeits / und ſagte zu ihm: Wenn du GOtt und alle ſeine Heiligen verleugnen wilt / ſo werde ich dich lauffen laſſen / wohin du begehreſt; Hierauff antwortet der Baur / Er haͤtte ſein Lebtag nichts auff die Heilige gehalten / und auch bißher noch geringe Kundſchafft mit GOtt ſelbſt gehabt / ſchwur auch darauff ſolenniter, daß er Gott nicht kenne / und kein Theil an ſeinem Reich zu haben begehre; hierauff jagte ihm der Soldat ein Kugel an die Stirn / wel - che aber ſo viel effectuirt / als wann ſie an einen ſtaͤb - lernen Berg gangen waͤre / darauff zuckte er ſeine Plauten / und ſagte: Holla / biſtu der Haar? ich hab verſprochen / dich lauffen zu laſſen / wohin du begeh - reſt / ſihe / ſo ſchicke ich dich nun ins hoͤlliſche Reich / weil du nicht in Himmel wilt / und ſpaltete ihm da - mit den Kopff biß auff die Zaͤhn voneinander / als er dorthin fiele / ſagte der Soldat: So muß man ſich raͤchen / und dieſe loſe Schelmen zeitlich und ewig ſtraffen.

C iijJn52Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Jndeſſen hatten die andern Soldaten die uͤbrigen vier Bauren / ſo geleckt waren worden / auch unter - handen / die banden ſie uͤber einen umbgefallenen Baum / mit Haͤnden und Fuͤſſen zuſammen / ſo art - lich / daß ſie (ſ. v. ) den Hindern gerad in die Hoͤhe kehrten / und nachdem ſie ihnen die Hoſen abgezogen / namen ſie etliche Klaffter Lunden / machten Knoͤpff daran / und fidelten ihnen ſo unſaͤuberlich durch ſol - chen hindurch / daß der rothe Safft hernach gienge; Alſo / ſagten ſie / muß man euch Schelmen den gerei - nigten Hindern außtroͤcknen. Die Bauren ſchryen zwar jaͤmmerlich / aber es war den Soldaten nur ein Kurtzweil / dann ſie hoͤreten nicht auff zu ſaͤgen / biß Haut und Fleiſch gantz auff das Bein hinweg war; mich aber lieſſen ſie wieder nach meiner Huͤtten ge - ben / weil die letzt-gemeldte Parthey den Weg wol wuſte / alſo kan ich nicht wiſſen / was ſie endlich mit den Bauren vollends angeſtellt haben.

Das XV. Capitel.

ALs ich wieder heim kame / befand ich / daß mein Feurzeug und gantzer Haußrath / ſampt allem Vorꝛath an meinen armſeeligen Eſſenſpeiſen / die ich den Sommer hindurch in meinem Garten erzo - gen / und auff kuͤnfftigen Winter vorm Maul erſpart hatte / miteinander fort war: Wo nun hinauß? ge - dachte ich / damals lernete mich die Noth erſt recht beten; Jch gebotte aller meiner wenigen Witz zu - ſammen / zu berathſchlagen / was mir zu thun oder zu laſſen ſeyn moͤchte? Gleich wie aber meine Er - fahrenheit ſchlecht und gering war / alſo konte ich auch nichts rechtſchaffenes ſchlieſſen / das beſte war /daß53Erſtes Buch. daß ich mich GOtt befahl / und mein Vertrauen al - lein auff ihn zu ſetzen wuſte / ſonſt haͤtte ich ohn Zweif - fel deſperiren und zu Grund gehen muͤſſen: Uber das lagen mir die Sachen / ſo ich denſelben Tag gehoͤret und geſehen / ohn Unterlaß im Sinn / ich dachte nicht ſo viel umb Eſſenſpeiß und meiner Erhaltung nach / als der jenigen Antipathia, die ſich zwiſchen Solda - ten und Bauren enthaͤlt / doch konte meine Alberkeit nichts erſinnen / als daß ich ſchloſſe / es muͤſten ohn - fehlbar zweyerley Menſchen in der Welt ſeyn / ſo nicht einerley Geſchlechts von Adam her / ſondern wilde und zabme waͤren / wie andere unvernuͤnfftige Thier / weil ſie einander ſo grauſam verfolgen.

Jn ſolchen Gedancken entſchlieff ich vor Unmuth und Kaͤlte / mit einem hungerigen Magen / da duͤnckte mich / gleich wie in einem Traum / als wenn ſich alle Baͤum / die umb meine Wohnung ſtunden / gaͤhling veraͤnderten / und ein gantz ander Anſehen gewoͤnnen / auff jedem Giffel ſaſſe ein Cavallier / und alle Aeſt wurden an ſtatt der Blaͤtter mit allerhand Kerlen ge - ziert; von ſolchen hatten etliche lange Spieß / andere Mußqueten / kurtze Gewehr / Partiſanen / Faͤhnlein / auch Trommeln und Pfeiffen Diß war luſtig anzu - ſehen / weil alles ſo ordentlich und fein grad-weis ſich außeinander theilete; die Wurtzel aber war von un - guͤltigen Leuten / als Handwerckern / Tagloͤhnern / mehrentheils Bauren und dergleichen / welche nichts deſto weniger dem Baum ſeine Krafft verliehen / und wieder von neuem mittheilten / wann er ſolche zu Zeiten verlor; ja ſie erſetzten den Mangel der ab - gefallenen Blaͤtter auß den ihrigen / zu ihrem eigenen noch groͤſſeren Verderben; benebens ſeufftzeten ſieC jvuͤber54Deß Abentheurl. Simpliciſſimiuͤber die jenige / ſo auff dem Baum ſaſſen / und zwar nicht unbillich / dann der gantze Laſt deß Baums lag auff ihnen / und druckte ſie dermaſſen / daß ihnen alles Geld auß den Beuteln / ja hinder ſieben Schloſſen herfuͤr gieng / wann es aber nicht herfuͤr wolte / ſo ſtriegelten ſie die Commiſſarios mit Beſemen / die man militariſche Execution nennete / daß ihnen die Seufftzer auß dem Hertzen / die Threnen auß den Augen / das Blut auß den Naͤgeln / und das Marck auß den Beinen herauß gienge / noch dannoch waren Leut unter ihnen / die man Fatzvoͤgel nennete; dieſe bekuͤmmerten ſich wenig / namen alles auff die leichte Achſel / und hatten in ihrem Creutz an ſtatt deß Troſts allerhand Geſpey.

Das XVI. Capitel.

ALſo muſten ſich die Wurtzeln dieſer Baͤume in lauter Muͤhſeeligkeit und lamentiren / die jenige aber auff den unterſten Aeſten in viel groͤſſerer Muͤh / Arbeit und Ungemach gedulden und durchbringen; doch waren dieſe jeweils luſtiger als jene / darneben aber auch trotzig / tyranniſch / mehrentheils gottlos / und der Wurtzel jederzeit ein ſchwerer unertraͤglicher Laſt / umb ſie ſtunde dieſer Reim:

Hunger und Durſt / auch Hitz und Kaͤlt /
Arbeit und Armuth / wie es faͤllt /
Gewaltthat / Ungerechtigkeit /
Treiben wir Landsknecht allezeit.

Dieſe Reimen waren umb ſo viel deſto weniger erlogen / weil ſie mit ihren Wercken uͤberein ſtimm - ten / dem Freſſen und Sauffen / Hunger und Durſt leiden / huren und buben / raßlen und ſpielen / ſchlem -men55Erſtes Buch. men und demmen / morden / und wieder ermordet werden / todt ſchlagen / und wieder zu todt geſchla - gen werden / tribulirn / und wieder getrillt werden / jagen / und wieder gejaget werden / aͤngſtigen / und wieder geaͤngſtiget werden / rauben / und wieder be - raubt werden / pluͤndern / und wieder gepluͤndert wer - den / ſich foͤrchten / und wieder gefoͤrchtet werden / Jammer anſtellen / und wieder jaͤmmerlich leiden / ſchlagen / und wieder geſchlagen werden; und in Summa nur verderben und beſchaͤdigen / und hin - gegen wieder verderbt und beſchaͤdigt werden / war ihr gantzes Thun und Weſen; Woran ſie ſich we - der Winter noch Som̃er / weder Schnee noch Eiß / weder Hitz noch Kaͤlt / weder Regen noch Wind / weder Berg noch Thal / weder Felder noch Moraſt / weder Graͤben / Paͤß / Meer / Mauren / Waſſer / Feuer / noch Waͤlle / weder Vatter noch Mutter / Bruͤder und Schweſtern / weder Gefahr ihrer eige - nen Leiber / Seelen und Gewiſſen / ja weder Verluſt deß Lebens / noch deß Himmels / oder ſonſt einig an - derer Ding / wie das Nahmen haben mag / verhin - dern lieſſen: Sondern ſie weberten in ihren Wer - cken immer embſig fort / biß ſie endlich nach und nach in Schlachten / Belaͤgerungen / Stuͤrmen / Feld - Zůgen / und in den Quartieren ſelbſten / (ſo doch der Soldaten irdiſche Paradeis ſind / ſonderlich wenn ſie fette Bauren antreffen) umbkamen / ſtarben / ver - darben und crepirten; biß auff etlich wenige / die in ihrem Alter / wann ſie nicht wacker geſchunden und geſtolen hatten / die allerbeſte Bettler und Landſtuͤr - tzer abgaben: Zu naͤchſt uͤber dieſen muͤhſeeligen Leu - ten ſaſſen ſo alte Huͤnerfaͤnger / die ſich etlich JahrC vmit56Deß Abentheurl. Simpliciſſimimit hoͤchſter Gefahr auff den unterſten Aeſten beholf - fen / durch gebiſſen / und das Gluͤck gehabt hatten / dem Todt biß dahin zu entlauffen / dieſe ſahen ernſtlich und etwas reputirlicher auß / als die unterſte / weil ſie umb einen gradum hinauff geſtiegen waren; aber uͤber ihnen befanden ſich noch hoͤhere / welche auch hoͤhere Einbildungen hatten / weil ſie die unterſte zu commandiren / dieſe nennte man Wammesklopffer / weil ſie den Picquenirern mit ihren Pruͤgeln und Hellenpotzmarter den Rucken ſo wol / als den Kopff abzufegen / und den Mußquetierern Baumoͤl zu ge - ben pflegten / ihr Gewehr damit zu ſchmieren. Uber dieſen hatte deß Baumes Stamm einen Abſatz oder Unterſcheid / welches ein glattes Stuͤck war / ohne Aeſt / mit wunder barlichen Materialien und ſeltzamer Saiffen deß Mißgunſts geſchmieret / alſo daß kein Kerl / er ſey dann vom Adel / weder durch Mannheit / Geſchickligkeit noch Wiſſenſchafft hinauff ſteigen konte / Gott geb wie er auch klettern koͤnte; dann es war glaͤtter polirt / als ein marmorſteinerne Saͤul / oder ſtaͤhlerner Spiegel; uͤber demſelben Ort ſaſſen die mit den Faͤhnlein / deren waren theils jung / und theils bey zimlichen Jahren / die Junge hatten ihre Vettern hinauff gehoben / die Alte aber waren zum theil von ſich ſelbſt hinauff geſtiegen / entweder auff einer ſilbernen Laͤiter / die man Schmiralia nennet / oder ſonſt auff einem Steg / den ihnen das Gluͤck auß Mangel anderer gelegt hatte. Beſſer oben ſaſſen noch boͤhere / die auch ihre Muͤhe / Sorg und Anfechtung hatten / ſie genoſſen aber dieſen Vortheil / daß ſie ihre Beutel mit dem jenigen Speck am beſten ſpicken koͤn - nen / welchen ſie mit einem Meſſer / das ſie Contribu -tion57Erſtes Buch. tion nenneten / auß der Wurtzel ſchnitten; am thun - lichſten und geſchickteſten fiele es ihnen / wann ein Commiſſarius daher kam / und ein Wanne voll Geld uͤber den Baum abſchuͤttete / ſolchen zu erquicken / daß ſie das beſte von oben herab aufffiengen / und den un - terſten ſo viel als nichts zukommen lieſſen; dahero pflegten von den unterſten mehr Hungers zu ſterben / als ihrer vom Feind umbkamen / welcher Gefahr miteinander die hoͤchſte entuͤbriget zu ſeyn ſchienen. Dahero war ein unauffhoͤrliches gegrabel und auff - kletterns an dieſen Baum / weil jeder gerne an den obriſten gluͤckſeeligen Orten ſitzen wolte / doch wa - ren etliche faule liederliche Schlingel / die das Com - miſs brot zu freſſen nicht werth waren / welche ſich wenig umb ein Oberſtell bemuͤheten / und ein weg als den andern thun muſten / was ihr Schuldigkeit er - fordert; die unterſte / was Ehrgeitzig war / hoffeten auff der obern Fall / damit ſie an ihren Ort ſitzen moͤchten / und wann es unter zehentauſenden einem geriethe / daß er ſo weit gelangte / ſo geſchahe ſolches erſt in ihrem verdruͤßlichen Alter / da ſie beſſer hindern Ofen taugten Aepffel zu braten / als im Feld vorm Feind zu ligen / und wann ſchon einer wol ſinnde / und ſeine Sach rechtſchaffen verꝛichtete / ſo wurde er von andern geneidet / oder ſonſt durch einen ohn - verſehenlichen ungluͤcklichen Dunſt beydes der Schar - ge und deß Lebens beraubt / nirgends hielte es haͤr - ter / als an obgemeldtem glatten Ort / dann welcher einen guten Feldwaibel oder Schergianten hatte / ver - lor ihn ungern / welches aber geſchehen muſte / wenn man ein Faͤhnrich auß ihm gemacht haͤtte. Man nam dahero / an ſtatt der alten Solbaten / viel lieberC vjPlanck -58Deß Abentheurl. SimpliciſſimiPlanckſchmeiſſer / Cammerdiener / erwachſene Page / arme Edelleut / irgends Vettern und ſonſt Schma - rotzer und Hungerleider / die denen / ſo etwas meri - tirt / das Brot vorm Maul abſchnitten / und Faͤhnrich wurdeu.

Das XVII. Capitel.

DJeſes verdroß einen Feldwaibel ſo ſehr / daß er trefflich anfienge zu ſchmaͤlen / aber Adelhold ſagte: Weiſtu nicht / daß man je und allwegen die Kriegs-Aempter mit Adelichen Perſonen beſetzt hat? als welche hierzu am tauglichſten ſeyn; graue Baͤrt ſchlagen den Feind nicht / man koͤnte ſonſt ein Heerd Boͤck zu ſolchem Geſchaͤfft dingen / es heiſt:

Ein junger Stier wird vorgeſtellt
Dem Hauffen / als erfahren /
Den er auch hůbſch beyſammen haͤlt /
Trutz dem von vielen Jahren;
Der Hirt darff ihm vertrauen auch /
Ohn Anſeh’n ſeiner Jugend /
Man judicirt nach boͤſem Brauch /
Auß Alterthum die Tugend.

Sag mir / du alter Krachwadel / ob nicht Edel-ge - borne Officier von der Soldateſca beſſer reſpectiret werden / als die jenige / ſo zuvor gemeine Knecht ge - weſen? und was iſt vor Kriegs-Diſciplin zu halten / wo kein rechter Reſpect iſt? darff nicht der Feldherꝛ einem Cavallier mehr vertrauen / als einem Bauren - buden / der ſeinem Vatter vom Pflug entloffen / und ſeinen eigenen Eltern kein gut thun wollen? Ein rechtſchaffener Edelmann / ehe er ſeinem Geſchlecht durch Ureu / Feld-Flucht / oder ſonſt etwas der -gleichen59Erſtes Buch. gleichen einen Schandflecken anhenckte / ehe wuͤrde er ehrlich ſterben: Zu dem gebuͤhrt dem Adel der Voꝛ - zug in allwege / wie ſolches leg. Honor. dig. de honor. zu ſehen. Joannes de Platea will außdruͤcklich / daß man in Beſtallung der Aempter dem Adel den Vor - zug laſſen / und die Edelleut den Plebejis ſchlecht ſoll vorziehen; ja ſolches iſt in allen Rechten braͤuchlich / und wird in H. Schrifft beſtetigt / dann Beata terra, cujus Rex nobilis eſt, ſagt Syrach cap. 10. welches ein herꝛlich Zeugnus iſt deß Vorzugs / ſo dem Adel ge - buͤhrt. Und wann ſchon einer von euch ein guter Soldat iſt / der Pulver riechen / und in allen Bege - benheiten treffliche Anſchlaͤg geben kan / ſo iſt er da - rumb nicht gleich tuͤchtig / andere zu commandiren; da hingegen dieſe Tugend dem Adel angeborn / oder von Jugend auff angewehnet wird. Seneca ſagt:

Habet hoc proprium generoſus animus, quod con - citatur ad honeſta, & neminem excelſi Ingenij Virum humilia delectant, & ſordida. Welches auch Fauſtus Poëta in dieſem Dyſticho exprimirt hat: Si te ruſticitas vilem genuiſſet agreſtis, Nobilitas animi non foret iſta tui.

Uber das hat der Adel mehr Mittel / ihren Untergehoͤ - rigen mit Geld / und den ſchwachen Compagnien mit Volck zu helffen / als ein Bauer: So ſtuͤnde es auch nach dem gemeinen Spruͤchwort nicht fein / wann man den Bauren uͤber den Edelmann ſetzte; auch wuͤrden die Bauren viel zu hoffaͤrtig / wenn man ſie alſo ſtrack zu Herꝛen machte / dann man ſagt:

Es iſt kein Schwerd das ſchaͤrffer ſchiert /
Als wenn ein Baur zum Herꝛen wird.

Haͤtten die Bauren durch lang-hergebrachte loͤblicheC vijGewon -60Deß Abentheurl. SimpliciſſimiGewonheit die Kriegs - und andere Aempter in Poſ - ſeſſion, wie der Adel / ſo wuͤrden ſie gewißlich ſo bald keinen Edelmann einkom̃en laſſen; zu dem / ob man euch Soldaten von Fortun (wie ihr genennet werdet) ſchon offt gerne helffen wolte / daß ihr zu hoͤhern Eh - ren erhaben wuͤrdet / ſo ſeyt ihr aber alsdann gemei - niglich ſchon ſo abgelebt / wenn man euch probirt hat / und eines beſſern wuͤrdig ſchaͤtzet / daß man Be - denckens haben muß / euch zu befoͤrdern; dann da iſt die Hitz der Jugend verloſchen / und gedencket ihr nur ſchlechts dahin / wie ihr euren krancken Leibern / die durch viel erſtandene Widerwertigkeit außgemer - gelt / und zu Kriegs-Dienſten wenig mehr nutz ſeyn / guͤtlich thun / und wol pflegen moͤget / GOtt geb / wer fechte und Ehr einlege; hingegen aber iſt ein junger Hund zum Jagen viel freudiger / als ein alter Loͤw.

Der Feldwaibel antwortet: Welcher Narꝛ wolte dann dienen / wenn er nicht hoffen darff / durch ſein Wolverhalten befoͤrdert / und alſo umb ſeine getreue Dienſt belohnt zu werden: Der Teuffel hol ſolchen Krieg! Auff dieſe Weis gilts gleich / ob ſich einer wol haͤlt / oder nicht. Jch hab von unſerm alten Ob - riſten vielmals gehoͤrt / daß er keinen Soldaten un - ter ſein Regiment begehre / der ihm nicht veſtiglich einbilde / durch Wolverhalten ein General zu werden. So muß auch alle Welt bekennen / daß die jenige Nationen / ſo gemeinen / aber doch rechtſchaffenen Soldaten foꝛt helffen / und ihre Dapfferkeit bedencken / gemeiniglich victoriſiren / welches man an den Per - ſern und Tuͤrcken wol ſihet. Es heiſt /

Die61Erſtes Buch.
Die Lampe leucht dir fein / doch muſt du ſie
auch laben
Mit fett Oliven-Safft / die Flamm ſonſt
bald verliſcht:
Getreuer Dienſt durch Lohn gemehrt
wird / und erfriſcht;
Soldaten Dapfferkeit will Unterhaltung
haben.

Adelhold antwortet: Wenn man eines redlichen Manns rechtſchaffene Qualitaͤten ſihet / ſo wird er freylich nicht uͤberſehen / maſſen man heutiges Tags viel findet / welche vom Pflug / von der Nadel / von dem Schuſter-Laͤiſt / und vom Schaͤferſtecken zum Schwerd gegriffen / ſich wol gehalten / und durch ſolche ihre Dapfferkeit / weit uͤber den gemeinen Adel / in Grafen - und Freyherꝛen - Stand geſchwungen; Wer war der Kaͤiſerliche Johann von Werd? wer der Schwediſche Stallhans? wer der Heſſiſche Kleine Jacob und S. Andreas? Jhres gleichen ſind noch viel bekant / die ich Kuͤrtze halber nicht alle nen - nen mag. Jſt alſo gegenwaͤrtiger Zeit nichts neues / wird auch bey der Poſteritaͤt nicht abgehen / daß ge - ringe / doch redliche Leut / durch Krieg zu hohen Eh - ren gelangen / welches auch bey den Alten geſchehen: Tamerlanes iſt ein maͤchtiger Koͤnig / und ſchroͤckliche Forcht der gantzen Welt worden / der doch zuvor nur ein Saͤuhirt war; Agathocles Koͤnig in Sicilien / iſt eines Hafners Sohn geweſen; Thelephas ein Wagner / wurde Koͤnig in Lydien; deß Kaͤiſers Va - lentiniani Vatter war ein Saͤiler; Mauritius Cappa - dox, ein leib eigener Knecht / ward nach Tiberio Kaͤi - ſer; Joannes Zemiſces kam auß der Schulen zumKaͤiſer -62Deß Abentheurl. SimpliciſſimiKaͤiſerthumb. So bezeuget Flavius Vobiſcus, daß Bonoſus Imperator eines armen Schul-Meiſters Sohn geweſt ſeye; Hyperbolus, Chermidis Sohn / war erſtlich ein Laternen-macher / und nachgehends Fuͤrſt zu Athen; Juſtinus, ſo vor Juſtiniano regierte / war vor ſeinem Kaͤiſerthumb ein Saͤuhirt; Hugo Capetus eines Metzgers Sohn / hernach Koͤnig in Franckreich; Pizarrus gleichfalls ein Schweinhirt / und hernach Marggraf in den Weſt-Jndianiſchen Laͤndern / welcher das Gold mit Centern außzuwaͤ - gen hatte.

Der Feldwaibel antwort: Diß alles lautet zwar wol auff meinen Schrot / indeſſen ſehe ich aber wol / daß uns die Thuͤren / zu ein und anderer Wuͤrde zu gelangen / durch den Adel verſchloſſen gehalten wer - den. Man ſetzt den Adel / wann er nur auß der Scha - len gekrochen / gleich an ſolche Ort / da wir uns nim - mermehr keine Gedancken hin machen doͤrffen / wenn wir gleich mehr gethan haben / als mancher Nobiliſt, den man jetzt fuͤr einen Obriſten vorſtellet. Und gleich wie unter den Bauren manch edel Ingenium verdirbt / weil es auß Mangel der Mittel nicht zu den Studiis angehalten wird: Alſo veraltet mancher wackerer Soldat unter ſeiner Mußquet / der billicher ein Re - giment meritirte / und dem Feldherꝛn groſſe Dienſte zu leiſten wuͤſte.

Das XVIII. Capitel.

JCh mochte dem alten Eſel nicht mehr zuhoͤren / ſondern goͤnnete ihm / was er klagte / weil er offt die arme Soldaten pruͤgelte wie die Hund: Jch wen - det mich wieder gegen den Baͤumen / deren das gantze